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Der Westen geht unter: Der Politologe Kishore Mahbubani im Interview.

Seite 20
22. April 2018
17. Jahrgang | Nr. 16
NZZaS.ch
Fr. 6.00 | € 6.00

Arbeitnehmer SBB warnen


vor Konkurs

PASCAL MORA
lassen sich ihrer Cargo-
Tochter
immer öfter Ohne Sanierung wird ein
Kapitaleinschuss von 100

krankschreiben Millionen Franken nötig, um


die Tochterfirma zu retten.
Jürg Meier

Anfang März haben die SBB eine


Die Krankheitsfälle bei die Belastung der Arbeitnehmer Sanierung der SBB Cargo ange-
Firmen haben in fünf Jahren und die Zahl der gratis geleisteten kündigt. Diese sei nötig, um die
Überstunden weiter zunehmen.» Güterverkehrstochter zu retten.
um 20 Prozent zugenommen. Anders sieht man das bei den In einer Präsentation, die der
Besonders stark steigen die Arbeitgebern. Die Verbreitung der «NZZ am Sonntag» vorliegt, wäh-
psychischen Leiden. psychischen Krankheiten sei len die Bundesbahnen noch deut-
Albert Steck weniger durch die Arbeit verur- lichere Worte. Die Umsetzung des
sacht, sondern ein gesellschaft- Sanierungsprogramms dulde kei-
Stress bei der Arbeit schädigt die liches Phänomen, sagt Martin nen Aufschub, heisst es. Sonst
Gesundheit. Darauf lassen neue Kaiser, Leiter Sozialpolitik beim werde ein Kapitaleinschuss von
Daten der Krankenversicherung Arbeitgeberverband: «Dahinter über 100 Millionen Franken nö-
Swica schliessen. In fünf Jahren stehen insbesondere auch private tig, um einen Konkurs zu verhin-
haben die Krankheitsfälle der Gründe wie Konflikte in der Fami- dern. Ohne Gegenmassnahmen
Arbeitnehmer um 20 Prozent zu- lie, Sucht oder der Einfluss der müsste zudem noch in diesem
genommen. Die psychischen Lei- sozialen Netzwerke.» Die Arbeit Jahr eine weitere Wertberichti-
den sind gar um 35 Prozent ge- sei im Gegenteil oft ein wichtiger gung vorgenommen werden.
stiegen. Roger Ritler, Direktions- Faktor, um die Gesundheit von «Cargo droht, in eine Abwärts-
mitglied der Swica, beobachtet gefährdeten Personen zu stärken. spirale zu kommen», lautet die
diese Entwicklung mit Besorgnis: Fachleute kritisieren, viele Schlussfolgerung im Papier. Der
«Vor allem die zunehmende Ver- Arbeitnehmer liessen sich vor- Konzern hat sogar Rückzahlun-
breitung der psychischen Leiden schnell dispensieren. «Die Ärzte gen ausgesetzt, die ihr die Güter-
erachten wir als bedenklich.» neigen dazu, die Patienten zu verkehrstochter für ein 300
Denn es sei derjenige Krankheits- rasch, zu lang und zu häufig Voll- Millionen Franken schweres
bereich, den die Firmen am bes- zeit krankzuschreiben», sagt Darlehen schuldet.
ten beeinflussen könnten. Swica Niklas Baer von der Psychiatrie

Platzda!
ist der grösste Anbieter von Kran- Baselland. Diese Entwicklung sei Seite 27
kentaggeldversicherungen mit insbesondere bei Kündigungen Kommentar Seite 15
30 000 angeschlossenen Firmen. zu beobachten, erklärt Kurt Mett-
Adrian Wüthrich, Präsident ler von der Firma SIZ Care: «Bei
des Gewerkschaftsdachverbands einem erheblichen Teil ist die
Travailsuisse, spricht von einer
«alarmierenden Entwicklung»:
Arbeitsunfähigkeit jedoch frag-
lich oder gar konstruiert.» Laut
Naher Osten
«Viele Angestellte kommen mit
dem steigenden Arbeitsdruck
Gesetz wird die Kündigungsfrist
bei Krankheit um bis zu 180 Tage
Zürich streitet darüber, wie oft der Sechseläutenplatz mit Events besetzt steuert auf
nicht mehr klar.» Die im Parla-
ment geplante Flexibilisierung
verlängert. Roger Ritler von der
Swica spricht von einem «grossen
sein darf. Wir haben uns einen Tag lang auf den Platz gesetzt, um über
den öffentlichen Raum zu reden – mit Elmar Ledergerber, Barbara Frey,
neuen Krieg zu
der Arbeitszeit müsse deshalb ge- Problem» für die Unternehmen.
stoppt werden, fordert Wüthrich:
Charles Lewinsky, Rudi Bindella und anderen. Hintergrund, Seite 18 Israel auslöschen zu wollen, ge-
«Mit dieser Liberalisierung wird Seite 25 hört seit Jahren zur Rhetorik der
Islamischen Republik Iran. Mit
dem Syrien-Konflikt erhalten die
Worte eine neue Sprengkraft. Iran

Bürokratie an Schulen droht zu überborden hat sich in diesem Krieg als mili-
tärische Macht in Syrien fest-
gesetzt. 150 000 Kämpfer sollen
unter Irans Kontrolle stehen.
Der oberste Bildungsbeamte sekretär für Bildung, Forschung siner. Konkret meint Dell’Ambro- erziehung oder die Nachhaltig- chen Ideen steht in erster Linie Mehr als 40 militärische Stütz-
Mauro Dell’Ambrogio sagt, und Innovation unter Bundesrat gio damit unter anderem Schul- keit. «So wird jeder Modebegriff der Ruf nach höheren Löhnen», punkte wurden von Iran im Bür-
Johann Schneider-Ammann, sagt verwaltungen und administra- zum Schulthema.» Was eigentlich sagt Dell’Ambrogio, der im No- gerkriegsland eingerichtet. Seit
es gebe zu viel Bürokratie und im Interview: «Jahrelang hat man tives Personal in Hochschulen. gut gemeint sei, demotiviere die vember in Pension geht. Februar ist es wiederholt zum
Vorschriften in der Bildung. versucht, Lehrer und Forscher Geschützt werden sollten die Lehrer: «Sie brauchen nicht sei- Über seine Nachfolge wird der- Schlagabtausch zwischen Israel
René Donzé von Administration zu entlasten, Lehrer seiner Meinung nach auch tenweise Vorschriften.» zeit spekuliert: Im Gespräch sind und iranischen Stellungen ge-
indem zusätzliche Verwaltungs- vor zu vielen inhaltlichen Vor- Der Staatssekretär spricht sich unter anderen Isabelle Chassot, kommen. Der Konflikt könnte
Normalerweise klagen Lehrer stellen geschaffen wurden.» Er- gaben. Es bestehe die Tendenz, zudem gegen eine Verlängerung Direktorin des Bundesamts für wegen der Jerusalem-Frage oder
und Forscher über zunehmende reicht habe man das Gegenteil. dass jedes Bundesamt seine der Lehrerausbildung aus, wie Kultur, und der Berner Erzie- der Proteste in Gaza leicht eska-
Bürokratie. Nun erhalten sie «Man kann Arbeit nicht los- speziellen Interessen in das Bil- dies seitens der Lehrer gefordert hungsdirektor Bernhard Pulver. lieren. (ami.)
Unterstützung von höchster Stel- werden, indem man Bürokraten dungswesen einbringen wolle – und an den Pädagogischen Hoch-
le. Mauro Dell’Ambrogio, Staats- anstellt», sagt der freisinnige Tes- zum Beispiel die Gesundheits- schulen geprüft wird. «Hinter sol- Seite 8 Seite 6

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Kultur
VALERIANO DI DOMENICO

EYEEM / GETTY IMAGES

Was uns Hodler


heute sagt
Die existenzielle Heimatlosigkeit, die uns
zuweilen befällt, hat Ferdinand Hodler in
Gemälden vorweggenommen. Seite 57
Sport Wissen

«Schweizer Fussball Leoparden in der


MUSÉE D’ART ET D’HISTOIRE DE GENÈVE

riecht nach Rasen» Grossstadt


16

9 771660 085003

Unsere Liga biete viel mehr Romantik als In Mumbai ziehen Leoparden durch die
die Bundesliga, findet der deutsche Strassen und jagen streunende Hunde.
Kommentator Marcel Reif. Seite 38 Die Menschen leben in Angst. Seite 49
Aktuell
NZZ am Sonntag 22. April 2018

IKRK-Mitarbeiter Indien verschärft Strafen Prominente und Politiker am Begräbnis


in Jemen getötet für Vergewaltiger einschneidend von Barbara Bush – aber nicht Trump
Bei einem Luftangriff der von Die indische Regierung reagiert Am Begräbnis der früheren First
Die meistgelesenen

EPA

REUTERS
Saudiarabien angeführten Mili- auf die Proteste wegen der Ver- Lady Barbara Bush haben gestern Artikel der Woche
tärkoalition sind am Freitag in gewaltigung und Ermordung Sonntag 1500 Gäste teilgenom-
Jemen 20 Personen getötet einer 8-Jährigen und der Schän- men, unter ihnen die First Lady Wie Damaskus im Bombenhagel
worden. Sie seien südlich von dung einer Jugendlichen. Sie hat Melania Trump sowie die früheren erzitterte nzz.as/top1
Tais unterwegs gewesen, als die am Samstag laut «The Hindu» das US-Präsidenten Barack Obama Schlaganfall: «Ob du lebst oder
Flugzeuge angegriffen hätten, Strafrecht verschärft. Vergewalti- und Bill Clinton mit ihren Ehe- nicht, ist dir irgendwie egal»
sagten Anwohner. In Tais wurde ger von Mädchen unter 12 Jahren frauen. Der aktuelle Präsident nzz.as/top2
nach einem Feuergefecht offen- können künftig zum Tod verurteilt Donald Trump nahm an der Die Trauerfamilie.
Pensionierungswelle: Bald sitzen
bar auch ein Mitarbeiter des werden und erhalten mindestens Abschiedsfeier nicht teil. Sie fand
die Angestellten am längeren
Internationalen Komitees vom 20 Jahre Haft. Für Gruppenver- in der St. Martin's Episcopal gestorben. Die Bushs waren
Hebel nzz.as/top3
Roten Kreuz getötet. Militär- gewaltigung ist die Mindeststrafe Church in Houston statt, wo das 73 Jahre verheiratet und hatten
kreise berichten, dass Unbe- lebenslänglich. Bei Opfern unter Ehepaar Bush häufig den Gottes- sechs Kinder. Ihr Sohn George Der Holocaust holt Polen doch
kannte das Fahrzeug der Hilfs- 16 Jahren und erwachsenen dienst besucht hatte. W. Bush war von 2001 bis 2009 noch ein nzz.as/top4
organisation beschossen und Frauen werden die Strafen auch Die Frau des ehemaligen Präsi- US-Präsident. Am Freitag erwie- Ignazio Cassis: «Wir singen
dabei den Libanesen getötet erhöht. Ein Urteil muss innert denten George H. W. Bush war am sen 6000 Bürger Barbara Bush nicht einfach mit im Chor der
hätten. (dpa) zweier Monate vorliegen. (vmt.) Protestmarsch in Amritsar. Dienstag im Alter von 92 Jahren die letzte Ehre. (Reuters/maz.) Empörten» nzz.as/top5

Einsatz der
Armee gegen Der nette Kim Jung Un
Proteste in
Nicaragua Nordkorea verkündet einen Verzicht auf Atom- und Raketentests
Michael Radunski, Peking und Massenvernichtungswaffen

KCNA / EPA / KEYSTONE


Die blutigen Demonstrationen führt», sagte Regierungschef
bringen Machthaber Daniel Keine Atomversuche und Rake­ Shinzo Abe.
tentests mehr, stattdessen Kon­ Genau hier liegen die Probleme
Ortega in Bedrängnis. Vor
zentration auf die wirtschaftliche von Kims Ankündigung: Zum
allem die Jugend erhebt sich. Entwicklung: Mit dieser Ankün­ einen ist sie nicht neu. Seit fünf
Sandra Weiss, Mexiko-Stadt digung hat Nordkoreas Macht­ Monaten hat Nordkorea weder
haber Kim Jong Un am Samstag Atombomben noch Raketen ge­
Nach dreitägigen Protesten mit die Weltöffentlichkeit überrascht. testet. Der letzte Raketenstart
mindestens zehn Toten hat Nica­ «Vom 21. April an wird Nordkorea fand am 29. November statt.
raguas Regierung in der Nacht zum Atomtests und den Start von bal­ Schon damals hatte Kim erklärt,
Samstag das Militär mobilisiert. listischen Interkontinentalrake­ Nordkoreas Streben nach Atom­
In Managua und Estelí, der einsti­ ten stoppen», heisst es in einer waffen sei vollendet. Zum an­
gen Hochburg der Sozialisten von Meldung der staatlichen Nach­ deren hat Kim lediglich einen
Präsident Daniel Ortega und nun richtenagentur KCNA. Zudem soll Teststopp verkündet. Von einem
Brennpunkt der Unruhen, fuhren die Atomtestanlage Punggye­ri Abbau der Atomwaffen oder gar
Panzer vor und kontrollierten Sol­ im Nordosten des Landes ge­ einem Verzicht auf das Atompro­
daten die Strassen, wie das Portal schlossen werden. gramm, wie ihn die internationa­
«El Confidencial» berichtet. Kim begründete den Schritt le Gemeinschaft fordert, war am
Entzündet hatte sich die Krise unter anderem damit, dass Nord­ Samstag nicht die Rede. Zudem
an einem Dekret Ortegas, das die korea glaubwürdig die Entwick­ bleibt offen, ob Kim vom Bau
Renten kürzte und die Sozialver­ lung von Atomwaffen abge­ weiterer Atomsprengköpfe und
sicherungsbeiträge anhob. Nötig schlossen habe. Dieser «grosse Raketen absehen wird.
wurde dies nach dem Kollaps Sieg» mache weitere Tests un­ Auch die Schliessung der Test­
des Partners Venezuela und dem nötig. Für seine Bereitschaft zur anlage Punggye­ri ist keine Über­
Ausfall der billigen Kredite und Denuklearisierung fordert der raschung. Alle sechs bisherigen
Öllieferungen. Der Unmut gegen Diktator nun Sicherheitsgaran­ Atomwaffentests seit 2006 hat
Ortegas autoritäre Regierung tien für sein Land und die An­ Nordkorea dort unternommen.
brodelt schon länger, insbeson­ erkennung Nordkoreas «auf der Die Arbeiterpartei Nordkoreas spricht sich für Wirtschaft statt Rüstung aus. (Pjongjang, 20. 4. 2018) Experten hatten zuletzt die Still­
dere in der Jugend. Die Proteste Ebene, die es verlangt» – sprich: legung der Anlage erwartet, weil
wurden von paramilitärischen die Anerkennung als Atommacht. durch die vielen Tests die Stabili­
Stosstrupps Ortegas brutal un­ Kims Entscheidung wurde Machthaber viele Atom­ und ten für Nordkorea und die ganze war erstmals eine neue Telefon­ tät der umliegenden Berge stark
terdrückt. «Nicaragua steht am während der Vollversammlung Raketentests durchführen liess, Welt – grosser Fortschritt. Freue verbindung zwischen den Staats­ erschüttert worden sei und nun
Scheideweg», schrieb der renom­ des Zentralkomitees der nord­ geriet das Land mit seinen rund mich auf unser Gipfeltreffen.» chefs beider Länder getestet Gefahr bestehe, dass radioaktive
mierte Journalist Carlos Fernan­ koreanischen Regierungspartei 25 Millionen Einwohnern nicht Südkoreas Regierung begrüsste worden, um einen direkten Aus­ Strahlung austreten könne.
do Chamorro. Ortega trat am bekanntgegeben. An dem Treffen zuletzt wegen der umfassenden den Teststopp als «bedeutsamen tausch in Krisensituationen zu Angesichts dessen scheint Kim
Samstag erstmals öffentlich auf. in Pjongjang wurde eine «neue internationalen Sanktionen wirt­ Fortschritt für die Denuklearisie­ ermöglichen. Jong Un mit seiner vermeint­
Er warf den Demonstranten vor, Ära» der Politik debattiert, in schaftlich zunehmend unter rung der koreanischen Halbinsel, Die Reaktion der japanischen lichen Friedensoffensive vor den
manipuliert zu sein und dem der man sich verstärkt auf die Druck. Die Botschaft vom Sams­ die sich die Welt wünscht». Es sei Regierung hingegen fiel skeptisch anstehenden Gipfeltreffen den
Land zu schaden. Er bekräftigte wirtschaftliche Entwicklung des tag könnte ein Hinweis darauf eine «sehr positive Grundlage» aus. Zwar sei der von Pjongjang Druck auf Südkorea und die USA
seine Gesprächsbereitschaft mit Landes konzentrieren wolle. 2013 sein, was Kim bei den anstehen­ für das anstehende koreanische verkündete Kurswechsel ein erhöhen zu wollen. Sein Kalkül
den Unternehmern über die Ren­ hatte Kim mit der «Byungjin»­ den Gipfeltreffen von Südkorea Gipfeltreffen. Ende kommender Schritt nach vorne, es müsse aber lautet: Schaut her, ich bemühe
tenreform. Diese hatten zu weite­ Doktrin angekündigt, die wirt­ und den USA fordern wird. Woche wollen sich Kim Jong Un genau beobachtet werden, ob die­ mich um Frieden und Verständi­
ren, friedlichen Protesten aufge­ schaftliche und atomare Entwick­ US-Präsident Donald Trump und Südkoreas Präsident Moon ser Schritt auch «zur verifizier­ gung. Sollten die kommenden
rufen. Derweil verweigerten erste lung des Landes gleichzeitig vor­ lobte auf Twitter Nordkoreas Ent­ Jae In im Grenzort Panmunjom zu baren und unwiderruflichen Zer­ Gespräche scheitern, könne es
Polizisten den Befehl. anzubringen. Doch während der scheidung: «Sehr gute Nachrich­ Gesprächen treffen. Am Freitag störung der Bestände von Atom­ nicht an ihm gelegen haben.

Breguet La Marine
Équation Marchante 5887

B O U T I Q U E S B R E G U E T – B A H N H O F S T R A S S E 3 1 Z Ü R I C H + 4 1 4 4 2 1 5 1 1 8 8 – B A H N H O F S T R A S S E 1 G S TA A D + 4 1 3 3 7 4 4 3 0 8 8 – 4 0 , R U E D U R H Ô N E G E N È V E + 4 1 2 2 3 1 7 4 9 2 0 – W W W. B R E G U E T. C O M
NZZ am Sonntag 22. April 2018
International Türkei 3

Erdogan hat Angst


Der türkische Staatschef will mit den vorgezogenen Neuwahlen seine Macht sichern. Nichts fürchtet der
Autokrat mehr als eine Niederlage. Sie würde böse für ihn enden. Von Markus Bernath, Athen

E
inmal im Jahr lacht auch Recep Tayyip

MASSIMO VALICCHIA / ZUMA / IMAGO


Dauerherrscher
Erdogan. Morgen Montag, am Tag des

15
Kindes in der Türkei, ist es wieder so
weit. Dann lässt Erdogan ein Kind auf
seinem Sessel im Präsidentenpalast sitzen.
Die einbestellten Journalisten müssen Fragen
stellen und so tun, als ob sie zum richtigen
Erdogan sprächen. Das ist lustig. Am 23. April Jahre, so lange
jedes Jahres vergisst Erdogan darum für kurze schon herrscht
Zeit seine Angst. Der Autokrat räumt seinen Erdogan über die
Platz und lacht wie alle anderen über die ein- Türkei – länger als
silbigen oder aber einstudierten Antworten, der Gründer der
die der kleine neue Präsident den hörigen Republik, Kemal
Journalisten gibt. Atatürk.
Nach diesem Termin aber versinkt Tayyip

51
Erdogan wieder in seiner Erdogan-Welt. Es ist
eine grimmige Welt, in der nicht gelacht, son-
dern nur gebrüllt und gekämpft wird gegen
zahllose, nie verschwindende Feinde: die kur-
dischen Terroristen, die Gülen-Terroristen,
%
die linken und die eingebildeten Terroristen. Dieser Anteil der
Dann die Europäer, die Amerikaner, die gott- Stimmberechtigten
losen arabischen Autokraten in Kairo und sprach sich 2017 für
Damaskus. Schliesslich die Armee im eigenem einen Wechsel zum
Land, der man nie trauen kann, und die Raki- Präsidialsystem aus
trinkenden Atheisten in Istanbul und Izmir, – noch mehr Macht
die sich dem Westen anbiedern und die from- für Erdogan.
men aufrechten Türken jahrzehntelang unter-

100
drückten. Bis er kam, Tayyip Erdogan.
Eine Niederlage darf es nicht geben. Die
Macht zu verlieren, ist die grösste Furcht
Erdogans. Seit Monaten schon wartet er auf
den besten Zeitpunkt für vorgezogene Parla-
ments- und Präsidentenwahlen, die ihm bei Journalisten kamen
einem Sieg noch mehr Macht sichern. Jetzt seit 2016 in Haft.
hat er die Wahlen dem Land verordnet. Am Damit ist die Türkei
24. Juni muss wieder gewonnen werden. Der das Land mit den
«Reis» oder deutsch «Führer», wie er sich von meisten inhaftier-
seinen Anhängern nennen lässt, braucht ten Presseleuten.
immer aufs Neue die Bestätigung von 51 Pro-
zent der Wähler. Denn seine Angst vor dem
Ende ist auch ihre Angst. Ein sonderbarer
Bund hält fromme Konservative und Nationa-
listen mit diesem Staatschef zusammen.

Gegen alles, was anders ist


Erdogan weiss, wie seine Wähler fühlen und
denken. Und das nutzt er aus. Die Erdogan- Recep Tayyip Erdogan verstärkt die Vorurteile seiner Wähler gegenüber Minderheiten. (Vatikanstadt, 5. Februar 2018)
Mehrheit habe eine Aversion gegen alles, was
anders ist, sagt Cengiz Aktar, ein Kolumnist
und Politikwissenschafter aus Istanbul. Nicht- daran. Vielleicht auch ist die Spannung zwi- Alleinherrscher bekam, ist nicht leicht zu ent- Die Droge Macht mag
muslime, Nichtsunniten, Nichttürken, Kur- schen Minderwertigkeitsgefühl und Selbst- scheiden. Er hat sich einen Prunkpalast in
den, Minderheiten im Allgemeinen, Homose- überschätzung, in der das ganze Land immer Ankara bauen lassen. Eine Garde in Historien-
Erdogan tatsächlich
xuelle. Eine antiwestliche Einstellung sowie- schon pendelt, auch sein Problem. Erdogan uniformen steht Spalier, wenn er es will. Ein allmählich aufgefressen
so. Erdogan befeuert diese Haltungen. Der
Sèvres-Komplex kommt dazu, die kollektive
stammt aus dem Istanbuler Arbeiter- und
Immigrantenviertel Kasimpasa und hat sich
Labor untersucht angeblich alle seine Speisen,
weil er Angst vor einem Giftanschlag hat. Die
haben, ähnlich der Figur
Furcht vor einer Verschwörung der Gross- hochgeboxt. 64 Jahre alt ist der türkische Droge Macht mag Erdogan tatsächlich allmäh- Gollum im Roman «Herr
mächte, die stets gegen die Türkei arbeiten Staatspräsident jetzt. 15 Jahre regiert er nun, lich aufgefressen haben, ähnlich der Figur Gol- der Ringe».
wie einst nach dem Ersten Weltkrieg, als im erst als Ministerpräsident, seit 2014 als Staats- lum in dem Phantasie-Roman «Herr der
Pariser Vorort Sèvres die Aufteilung des chef. Den Rekord von Kemal Atatürk, dem Ringe». Als Gollum-Abbild geisterte Erdogan in
Osmanischen Reiches beschlossen wurde. Republikgründer, hat Erdogan gerade gebro- den letzten Jahren auch in den sozialen Netz- mische Partei AKP vergrösserte sogar noch
Erdogan greift in diese Historienkiste, wann chen. Noch zwei Amtszeiten als Präsident, werken in der Türkei herum, bis seine Anwälte ihren Stimmenanteil. Erdogan wurde über-
immer es ihm passt, etwa um Reden gegen die zehn weitere Jahre, will er wenigstens an- Prozesse wegen Amtsbeleidigung führten. heblich. Doch mit dem Hochmut kam die
deutsche Kanzlerin Angela Merkel oder den fügen. Wenn nötig, auch mehr. 2011 war die Wende in Erdogans Herr- Furcht vor dem Fall und einer fürchterlichen
französischen Präsidenten Emmanuel Macron Wann Erdogan aufgehört hat zu lachen und schaft. Er gewann damals die dritten Parla- Revanche des alten Establishments der Türkei
zu führen. Vielleicht glaubt Erdogan ja selbst den maskenhaften, entrückten Blick der mentswahlen in Folge. Seine konservativ-isla- – des säkularen Bürgertums und der Armee
gegen Erdogan und seine Clique.

Die Klinge am Hals


Wahlen Die Revanche kam tatsächlich, zuerst in Ge-
stalt der Demokratie-Revolte im Gezi-Park in
Istanbul im Mai 2013, dann mit den Korrup-

Schwierige Der türkische Präsident Recep will – zu offenkundig wäre der bündnissen den Einzug des tionsermittlungen gegen die Regierung im
Tayyip Erdogan hat sich als Versuch der Wahlmanipulation. Juniorpartners ins Parlament Dezember desselben Jahres. Die Bewegung
geschickter Taktierer erwiesen. Die grösste Oppositionspartei, ermöglicht, selbst wenn dieser des Predigers Fethullah Gülen mit ihrem Netz-

Aufgabe Mit dem Vorziehen der Wahlen


um anderthalb Jahre hat er die
die Republikanische Volkspartei
(CHP), will über die Kandidaten-
an der hohen Hürde scheitert.
Davon könnten nun auch die
werk in der türkischen Polizei und Justiz
stand wohl dahinter. Erdogan spürte erstmals

für die Opposition völlig überrumpelt. frage in den kommenden Tagen HDP und Iyi Parti profitieren, die Klinge am Hals. Gülen, der politische Ver-
Die Gegner Erdogans ringen nun entscheiden. Parteichef Kemal sollte sie sich mit der CHP auf ein bündete, hatte sich gegen ihn gerichtet. Die
um eine Wahlstrategie: Gehen Kilicdaroglu hat angekündigt, derart ideologisch uneinheit- Festnahme seines jüngsten Sohns Bilal konnte

Opposition sie mit einem gemeinsamen


Kandidaten ins Rennen, bilden
dass er nicht kandidieren will.
Die prokurdische Demokratische
liches Bündnis einigen können.
Angesichts von Ausnahme-
Erdogan damals gerade noch verhindern.
Aber er kommt nicht mehr zur Ruhe.
sie Wahlbündnisse, oder kämpft Partei der Völker (HDP), deren zustand und medialer Über- Als Teile der Armee am 15. Juli 2016 put-
jeder für sich? Spitzenpersonal grossteils im Will Erdogan macht stehen Erdogans Gegner schen, offenbar erneut mit Unterstützung
Erdogan ist als gemeinsamer Gefängnis sitzt, spielt mit dem herausfordern: vor einer Herkulesaufgabe. Gülens, ist ein Spezialkommando auf den
Kandidat seiner Partei für Gedanken, ihren charismati- Meral Aksener. Trotzdem könnte es Über- Staatschef angesetzt. Erdogans Furcht vor der
Gerechtigkeit und Entwicklung schen inhaftierten Ex-Parteichef raschungen geben, wobei es gar Entmachtung war nie realer. Doch er ent-
(AKP) und ihres faktischen Koali- Selahattin Demirtas aufzustel- nicht die schlechteste Wahl sein kommt den Häschern, die ihn aus einem
tionspartners, der ultrarechten len. Demirtas hatte bei der ersten muss, wenn sich das Feld unter Luxushotel an der Mittelmeerküste holen sol-
Partei der Nationalistischen Volkswahl des Präsidenten 2014 verschiedenen Kandidaten auf- len. Er flüchtet Stunden vorher mit seiner
Bewegung (MHP), gesetzt. Meral rund 10 Prozent der Stimmen teilt. Eher als mit einem gemein- Familie. Auf den Zusammenbruch des Staats-
Aksener, die Hoffnungsträgerin geholt. Dass er diesen Erfolg aus samen Kandidaten hätte die streichs antwortet Erdogan mit einem Gegen-
rechts der Mitte, hat ebenfalls dem Gefängnis heraus wieder- Opposition dann eine Chance, putsch. Seit bald zwei Jahren regiert er mit
ihren Hut in den Ring geworfen. holen kann, ist unwahrschein- Erdogan in eine zweite Runde zu Notstandsdekreten und schüchtert die Tür-
Ob sie und ihre neugegründete lich. Selbst der Wiedereinzug der zwingen. Es ist ihre letzte ken mit Massenverhaftungen ein.
Iyi Parti (Gute Partei), die aus HDP ins Parlament ist angesichts Chance. Nach den Wahlen tritt in Fester denn je hält er nun das Land in sei-
einer Abspaltung der MHP her- der hohen Zehn-Prozent-Hürde der Türkei die Verfassungsände- ner Faust. Er ist auf dem Höhepunkt seiner
vorging, zur Wahl zugelassen gefährdet. rung in Kraft: Erdogan dürfte Macht. Und trotzdem weiss Erdogan, so sagen
werden, ist noch unklar. Äusse- Zugeschnitten auf die eigene dannzumal mit den Vollmachten viele Türken, wo er und seine Familie enden
rungen aus dem Regierungslager Allianz verabschiedeten AKP regieren, die ihm bis jetzt nur der könnten, sollte er sein Amt verlieren: im Ge-
deuten darauf hin, dass man ihr und MHP unlängst jedoch ein Ausnahmezustand beschert. fängnis. Korruptionsvorwürfe und die Rache-
keine Steine in den Weg legen Gesetz, das im Fall von Wahl- Inga Rogg, Istanbul gedanken seiner Gegner lassen ihn nicht los.
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NZZ am Sonntag 22. April 2018
International 5

Internetnutzer

FOTOS: CHRISTIAN PUTSCH


verteidigen
Chinas Lesben
und Schwule
Das beliebteste soziale die des Pew-Instituts waren 2013
Netzwerk in China wollte nur 21 Prozent der Chinesen
überzeugt, dass ihre Gesellschaft
homosexuelle Inhalte
Homosexualität wirklich akzep-
löschen. Unerwarteter tiere. Noch immer schicken viele
Protest hat die Betreiber in Familien ihre homosexuellen
die Knie gezwungen. Angehörigen in Spitäler, um sie
Michael Radunski, Peking gegen diese «Krankheit» behan-
deln zu lassen.
Diese Woche ist auf Sina Weibo, Umso wichtiger sind für Jim
dem chinesischen Pendant zu und seine Freunde soziale Netz-
Twitter, ein Proteststurm hin- werke. «Hier können wir uns tref-
weggefegt. Die Betreiber des fen, offen austauschen und sein,
sozialen Netzwerks hatten ange- wie wir sind», erzählt er. Die
kündigt, den Nutzern künftig ein beliebteste dieser Plattformen ist
«heiteres und harmonisches Um- Sina Weibo. Das Flaggschiff der
feld» zu bieten. Man werde in den privaten Technologiefirma Sina
kommenden drei Monaten sämt- hat rund 400 Millionen Nutzer. In
liche Inhalte genau auf Pornogra- einem Staat, der das Internet
fie, blutige Gewalt und Homo- streng kontrolliert, ist Weibo ein
Okelo Atto aus dem Südsudan (links) mit dem Ugander Jamal Babu auf dessen Land. (Bidi Bidi, 1. März 2018) sexualität hin überprüfen. Stolz Ort, wo man etwas offener seine
hiess es, man habe schon mehr Meinung äussern kann als sonst.

Flüchtlingsparadies
als 50 000 Inhalte gelöscht. Nicht nur Homosexuelle nutzen
Doch statt Heiterkeit und dies, oft dient Weibo auch, um
Harmonie löste Weibos Zensur Missstände im Wohnungsbau
Entrüstung aus. Innerhalb weni- anzuprangern oder auf Umwelt-

für Christen
ger Stunden solidarisierten sich probleme hinzuweisen.
Millionen chinesischer Internet- Doch nun ist Weibo selbst An-
nutzer unter dem Hashtag «Ich lass des Unmuts. «Hier wird be-
bin homosexuell, kein Perver- wusst Homosexualität mit ande-
ser». Viele bekannten sich offen ren illegalen Aktivitäten in Zu-
zu ihrer sexuellen Neigung, er- sammenhang gebracht», kritisiert

Kein anderes Land Afrikas nimmt mehr Flüchtlinge auf als Uganda. zählten Geschichten aus ihrem
Alltag oder veröffentlichten Kuss-
Xiaogang Wei. Weibo habe damit
die gesamte Lesben-und Schwu-
bilder von sich und ihren Part- lenszene ins Visier genommen,
Gerade im muslimischen Norden erfolgt die Integration erstaunlich gut nern. «Als Mitglied dieser Gruppe sagt der Gründer der Homosexu-
bin ich stolz, bin ich grossartig... ellen-Website «Queer Comrades».
ich weigere mich, diskriminiert «Wir müssen solche Unterneh-
Christian Putsch, Bidi Bidi den, deren Grösse die der meisten Committee gründeten 80 Frauen oder missverstanden zu werden», men unter Druck setzen und
ugandischen Städte übertrifft. einen Sparklub, eine Art infor- schrieb ein Nutzer etwa. ihnen zeigen, dass es nicht so ein-
Sie sprechen keine gemeinsame Davon profitieren auch die umlie- melle Bank. Hier treffen sich Ein- Die Bewegung ging aber weit fach ist, eine ganze Gesellschafts-
Sprache und teilen weder Reli- genden Dörfer. 30 Prozent der heimische und Migranten – und über Lesben und Schwule hinaus. gruppe zu diskriminieren.»
gion noch Nationalität. Aber Projekte von Hilfsorganisationen lernen voneinander. Die Süd- Viele der Beiträge kamen inner- Laut David Bandurski hat der
irgendwie ist eine Freundschaft müssen gemäss Gesetz der loka- sudanesin Jacqueline und die halb kürzester Zeit auf rund Protest zwei Seiten. «Es ist ein
entstanden. Der ugandische Bau- len Bevölkerung zugutekommen. Uganderin Bettie etwa legten ihre 300 Millionen Klicks und mehr Kampf für die Rechte der Homo-
er Jamal Babu, ein Muslim, steht Uganda rangiert auf Rang 163 des Ersparnisse zusammen und be- als hunderttausend Kommentare. sexuellen, aber auch ein Kampf,
auf dem Feld von Okelo Atto. Uno-Entwicklungsindexes, nicht kamen einen Kredit von umge- Das erstaunt, denn Homosexuelle um soziale Netzwerke ein Stück
Eigentlich ist es sein eigenes weit vor dem Südsudan (181). In rechnet 33 Franken, genug Kapi- haben es in China nicht leicht. weit offen für abweichende Mei-
Land, so gross wie zehn Fussball- dieser Gegend ist Hilfe also drin- Jacqueline Okelo (links) mit tal für einen gemeinsamen Markt- Einer, der das genau weiss, ist nungen zu halten», sagt der Co-
plätze. Aber er hat es dem Chris- gend nötig. Es gibt jetzt mehr ge- Bettie bei ihrem Marktstand. stand. Jacqueline hatte schon im Jim. Der Angestellte einer Pekin- direktor des China Media Project
ten aus dem Südsudan überlas- teerte Strassen, neue Kranken- Südsudan einen Stand, Bettie lie- ger Computerfirma, der sich wie in Hongkong. Bandurski ver-
sen, kostenlos, bis sich Atto eine häuser und Schulen. fert Ware von ihrem kleinen Feld alle jungen Chinesen mit einem mutet, dass Weibo übereifrig
kleine Pachtgebühr leisten kann. Offene Ausländerfeindlichkeit und damit in Sicherheit. Ein und von Nachbarn. «Jacqueline westlichen Namen vorstellt, ist war in seinem Vorgehen gegen
Babu sagt, der neue Nachbar gibt es selten, schliesslich waren anderes Mal waren die Ugander weiss genau, was sich verkauft», schwul und hat seit Jahren einen vermeintlich schädliche Inhalte:
sei jetzt sein Bruder. Atto hat ein- viele ältere Ugander in den turbu- wütend. Südsudanesen hatten sagt Bettie, «mein Einkommen festen Freund. Gerne würde er «Das ist keine Seltenheit in China,
mal erzählt, wie der Krieg in sein lenten siebziger und achtziger ein Schwein geschlachtet und da- hat sich verdoppelt.» das auch seinen Eltern sagen, vor allem in Zeiten wie diesen,
Dorf kam, 30 Freunde tötete. Jahren selbst Flüchtlinge – oft auf mit den muslimischen Glauben Der Frieden in Uganda ist je- doch das geht nicht. «Sie sind in da Unternehmen dem mächtigen
Aber Babu meint, man solle sich dem Boden des heutigen Süd- der Gastgeber in den umliegen- doch in Gefahr. Die Uno unter- einer anderen Zeit gross gewor- Staatschef zeigen wollen, wie
nicht zu oft mit der Vergangen- sudans. Die Behörden vermeiden den Dörfern missachtet. Auch sucht derzeit, ob die Regierung den, unsere Familie würde aus- pflichtbewusst sie sind.»
heit beschäftigen. Schweigend das Wort Flüchtlingslager, viel- diese Situation endete friedlich. bei der Zahl der Flüchtlinge über- einanderbrechen», sagt Jim. Der Druck hat gewirkt. Weibo
graben sie den kargen Boden um. mehr wird von Siedlungen ge- Verletzungen religiöser Gefühle trieben hat, um zusätzliche Hilfs- Homosexualität ist in China gab kleinlaut bekannt: «Unsere
Die Freundschaft der beiden sprochen. bleiben die Ausnahme, die Män- gelder zu bekommen. Für Uganda seit 1997 legal, und seit 2001 gilt Säuberung richtet sich nicht mehr
Männer ist eine von vielen be- Eine Oppositionspartei ver- ner berichten sogar von den ers- sind solche Vorwürfe Gift. Gegen- sie nicht mehr als psychische gegen homosexuelle Inhalte. Vie-
merkenswerten Geschichten aus suchte zwar, mit Aussagen wie ten Hochzeiten zwischen Ange- wärtig kommen neue Flüchtlinge Krankheit. Jim erzählt, dass sich len Dank für die Diskussion und
Ugandas Bidi-Bidi-Camp, dem «Diese Flüchtlingswelle ist zu hörigen beider Gemeinden. aus dem Kongo. Das Regierungs- die Situation vor allem in Peking Ihre Beiträge.» Jim ist zufrieden.
mit rund 290 000 Menschen gross, um sie zu bewältigen» oder budget für Flüchtlinge beträgt in oder anderen Grossstädten «Zumindest haben sie schnell
grössten Flüchtlingslager Afrikas. mit der Forderung eines Quoten- Keine Frauen schlagen diesem Jahr umgerechnet 455 durchaus verbessert habe. Trotz- reagiert. Doch der Vorfall zeigt,
Das Vorzeigeprojekt der Uno be- systems, das die Flüchtlinge auch Dennoch, die kulturellen Unter- Millionen Franken, überwiegend dem stehen die schätzungsweise Homosexualität bleibt ein heik-
legt, dass die meisten politischen auf andere Länder der Region schiede bleiben. «Im Südsudan getragen von Geberländern. Im 70 Millionen Homosexuellen in les Thema in China.» Immerhin
und wirtschaftlichen Flüchtlinge verteilen sollte, zu punkten. Doch darf sich die Frau nicht scheiden Februar waren davon nur gerade China noch immer grossen Vorbe- müssen sich Homosexuelle im
nicht nach Europa gehen. das misslang. Im vergangenen lassen», erzählt ihr Anführer 10 Prozent gesichert. halten gegenüber. Laut einer Stu- Internet nicht verstecken.
Jahr gab es gewaltsame Proteste Charles Okot, «in Uganda kann sie
Eigene Migrantenwachen gegen Hilfsorganisationen, die einfach weglaufen.» In seiner
Mit 1,4 Millionen Asylsuchenden nach Ansicht von Anwohnern zu neuen Heimat sei es auch illegal, ANZEIGE
hat Uganda mehr Flüchtlinge als viele Jobs an Flüchtlinge verga- seine Frau zu schlagen. Zu Hause
jedes andere Land Afrikas aufge- ben. Die Lage ist aber seit über habe er seine Frau noch «diszipli-
nommen. Die meisten stammen einem halben Jahr wieder ruhig. nieren» können. «Wenn sie die
aus dem Südsudan, der jüngsten
Nation der Welt, wo seit dem Jahr
Noch wirkt das Fundament für
ein Zusammenleben stabil, nicht
Wäsche wiederholt nicht ordent-
lich macht, bekommt sie das zu Sonnmatt
tut gut.
2013 ein brutaler Bürgerkrieg zuletzt wegen der Bemühungen spüren.» Doch er halte sich an die
herrscht. Uganda gewährt ihnen der Südsudanesen. In einem Ab- Regeln seines neuen Umfelds, be-
umfassende Rechte. So erhalten schnitt von Bidi Bidi patrouillie- teuert Okot.
Flüchtlinge ein Stück Land, auf ren acht Männer in den staubigen Die Willkommenskultur der
dem sie ein Haus bauen und Strassen. Sie haben sich – koordi- Ugander hört allerdings beim nor-
kleine Felder anlegen können. Sie niert von der ugandischen Polizei malen Arbeitsmarkt auf. Die
haben uneingeschränkte Arbeits- – zu einer Nachbarschaftswache Flüchtlinge dürfen sich zwar lan-
und Reiseerlaubnis sowie auf zusammengeschlossen. desweit bewerben. Bei der Verga-
lokaler Ebene Wahlrecht. Initiativen wie diese zählen zu be von Stellen würden die Süd-
Kurz: Uganda ist das Schre- den Gründen, warum die Krimi- sudanesen aber diskriminiert und
ckensszenario der Rechtspopulis- nalitätsrate nicht deutlich ange- kaum je berücksichtigt, sagt
ten Europas. Hinzu kommt, dass stiegen ist. Es gab nur wenige kri- Okot. Für eigene Unternehmens-
die Dörfer im Nordwesten des tische Situationen. Ein ugandi- gründungen fehle das Kapital. Gesund werden, gesund
Landes, welche die christlichen scher Motorradfahrer fuhr einen «Die Banken vergeben keine Kre- bleiben, gelassen altern.
Flüchtlinge aufnehmen, musli- Südsudanesen an. Aufgebrachte dite an uns.»
misch sind. Südsudanesen versammelten Da hilft oft nur Improvisation.
Innerhalb von zwei Jahren ist sich, die Nachbarschaftswache Mit Unterstützung der Hilfsorga- www.sonnmatt.ch
in Bidi Bidi eine Siedlung entstan- brachte den Fahrer zur Polizei nisation International Rescue
6 International Naher Osten NZZ am Sonntag 22. April 2018

Alarmstufe
Rot in Israel
Iran hat dank dem Krieg in Syrien und im Irak
seine Macht in der Region stark ausgebaut. Der
Mullah-Staat steht nun dem Erzfeind Israel
direkt gegenüber. Kommt es zum nächsten
Krieg im Nahen Osten? Von Petra Ramsauer,
Kirjat Schmona (Israel)

S
haron Engel-Adam sass vor kurzem mit Nachbarland mit. Diese Waffenhilfe übersetzt
ihrer Tochter beim Kinderarzt im sich nun in eine permanente Militärpräsenz.
Wartezimmer. Da fiel ihr Blick auf das Die Stellungen Irans und seiner Verbündeten
Diplom des arabischen Arztes: «Uni- liegen derzeit nur etwa 30 Kilometer vor den
versität Damaskus stand da. Und da fragte ich Golanhöhen in Syrien. Und die iranischen
mich: Warum leben wir in dieser winzigen Stellungen rücken immer näher an Israel. Die
Region nicht alle ganz normal zusammen?» rote Linie Israels wird täglich überschritten.
Engel-Adam ist leitende Beamtin in der Regio- Das ganze Land ist in Alarmbereitschaft:
nalverwaltung Obergaliläa ganz im Norden «Eines steht mit Sicherheit fest: Wir werden es
Israels. Von ihrem Schreibtisch aus hat sie Iran nicht erlauben, sich in Syrien festzuset-
einen weiten Blick auf die Golanhöhen: «Da zen», betonte Avigdor Lieberman, der Vertei-
hinten ist gleich Damaskus in Syrien, und digungsminister, vergangenen Dienstag bei
dort, etwas mehr als eine Fahrstunde ent- einem Besuch am Golan. In seiner Rede an-
fernt, liegt Amman in Jordanien», sagt sie und lässlich der Israel-Feiern wetterte sein Minis-
zeigt aus dem Fenster. Engel-Adam lebte fünf terkollege Naftali Bennett: «Iran ist wie ein
Jahre in Italien. In Europa prägte sie die Erfah- Oktopus, der uns würgen und unsere Moral
rung, wie sich Grenzen, die einst hart um- brechen will. Von hier aus richte ich Iran, der
kämpfte Fronten waren, auflösten. «Auf sol- Hamas und dem Hizbullah aus: Versucht es
che Perspektiven für den Nahen Osten zu hof- nicht einmal!»
fen, ist heute leider noch viel naiver denn je.» Iran ist Israels grösster Feind. Der oberste
18 000 Menschen leben hier, direkt an der Führer der Islamischen Republik, Ali Khame-
potenziellen Front des nächsten Nahostkrie- nei, lässt keine Gelegenheit aus, um Israel das
ges. Im Amtshaus der Regionalverwaltung in Existenzrecht abzusprechen. Er bezeichnet
der Stadt Kirjat Schmona weisen grüne Schil- den Staat routinemässig als «Krebsgeschwür»,
der mit weissen Zeichnungen zum nächsten das ausgemerzt werden müsse. Von einem
Luftschutzraum. «Die gibt es überall, schon «Reich der Finsternis», das Iran errichten wol-
immer», sagt Engel-Adam. Eben wurde aller- le, spricht dagegen Israels Regierungschef
dings eine Alarmprobe abgehalten, mit Sire- Benjamin Netanyahu.
nen und dem eiligen Gang in die Bunker. Noch herrscht kein Krieg zwischen den bei-
«Natürlich laufen unsere Vorbereitungen für den verfeindeten Staaten. Doch der verbale
eine Eskalation auf Hochtouren», sagt der Schlagabtausch könnte besonders in den
Bürgermeister einer der Städte in der Region. nächsten Wochen in einen offenen Konflikt
Wasser- und Lebensmittelvorräte würden an- ausarten. Potenzielle Auslöser gäbe es genug:
gelegt, sagt er. Namentlich zitiert werden will Der iranische Verbündete, die palästinensi-
er nicht. Vertreter des offiziellen Israel wollen sche Hamas-Bewegung, orchestriert im Gaza- Israel sieht sich der- Entscheidung fallen. Irans Präsident Hassan pro Tag auf Israel zu fallen. «95 Prozent der
solche Zeichen der Angst nicht zeigen. Angst streifen derzeit eine neue Protestwelle gegen zeit nicht nur von Rohani kündigte gestern Samstag an, die ira- Bevölkerung Israels lebt im möglichen Ein-
passt nicht ins Skript, das gerade jetzt eiserne die Isolation des völlig verarmten Gebietes. den Palästinensern, nische Atomenergie-Agentur werde mit «er- schlagradius», gibt Jonathan Concricus, Spre-
Stärke vorsieht. Besonders brisant wird der 15.Mai. Einen Tag sondern auch vom warteten und unerwarteten» Aktionen auf cher der israelischen Streitkräfte, zu. Zwar sei
Israel, das in diesen Tagen sein 70-jähriges nach dem 70.Jahrestag der Gründung Israels libanesischen einen Vertragsbruch der USA reagieren. der Raketenabwehrschild «Iron Dome»
Bestehen feiert, ist mit einer der grössten Be- gedenken Palästinenser der al-Nakba, der Hizbullah und von Dann würde auch Irans engster Verbünde- schrittweise deutlich verbessert worden, wie
drohungen seiner Geschichte konfrontiert: «Katastrophe», der Vertreibung und Flucht Iran bedroht. Tem- ter, die libanesische Hizbullah-Miliz, wieder auch die Schlagkraft der israelischen Armee.
einem Konflikt an drei Fronten: mit Iran und der Palästinenser nach dem Unabhängigkeits- pelberg in Jerusa- Handlungsspielraum haben. «Für uns ist der Doch angesichts der Menge an verfügbaren
mit den mit Iran verbündeten Milizen Hamas krieg von 1948. lem. (6.12.2017) Widerstand gegen Israel, der Kampf um Jeru- Raketen wäre jedes Schutzsystem überfor-
und Hizbullah. Für Spannungen sorgt auch, dass US-Präsi- salem, zentraler Teil unserer Identität», be- dert. Dabei müsse aber klar sein, betont er:
dent Donald Trump ausgerechnet am 14.Mai kräftigt Aya Sageli, Sprecherin der Gruppe: «Der Hizbullah handelt nicht auf eigene Initia-
Lauter Zündstoff die amerikanische Botschaft von Tel Aviv «Dies ist nötiger denn je.» Hassan Nasrallah, tive, sondern steht unter dem Kommando
Bereits im September hielt Israels Armee im nach Jerusalem verlegen lässt. Die Anerken- Generalsekretär des Hizbullah droht, «dass Irans.» Das derzeitige Ausmass des iranischen
Norden das grösste Manöver seit zwanzig Jah- nung Jerusalems als Hauptstadt Israels wäre Israel bei einem weiteren Konflikt auf einen Einflusses würde sich aber nicht auf die
ren ab. Geprobt wurde auch, wie man auf eine damit amtlich. Das treibt nicht nur Extremis- hundertmal stärkeren Gegner stossen wird als 50 000-Mann-Truppe in Libanon beschrän-
Bodenoffensive von Milizen unter iranischem ten auf die Barrikaden, sondern auch gemäs- beim Krieg 2006». Mit bis zu 120 000 Raketen ken, so Concricus: «Faktisch belagert Iran der-
Kommando reagieren würde. Iran mischt seit sigte Palästinenser. Zündstoff liefert zudem hat Iran seine Partnerorganisation in Libanon zeit vier arabische Hauptstädte: Sanaa in
sechs Jahren aufseiten von Syriens Macht- der mögliche Ausstieg der USA aus dem Atom- zuletzt hochgerüstet. Kommt es zu einem Jemen, Bagdad im Irak, Damaskus in Syrien
haber Bashar al-Asad kräftig im Krieg im abkommen mit Iran: Just am 12.Mai soll diese direkten Konflikt, drohen Tausende Raketen und Beirut in Libanon.»
Während der vergangenen Jahre hat Iran
eine grenzüberschreitende Armee mit hoch-
gerüsteten und kampferfahrenen schiitischen
ATEF SAFADI / EPA / KEYSTONE

Iranische Militärpräsenz in Syrien


Milizen aufgebaut: aktiv vom Irak über Syrien
Stützpunkte iranischer Milizen und ihrer Verbündeten bis hin nach Libanon, mit einheitlichen
Emblemen gelber Maschinengewehre am
Revers. Federführend bei ihrem Aufbau war
die Auslandabteilung der iranischen Revolu-
TÜRKEI tionsgarden, die sich Al-Kuds-Brigaden nen-
nen, angelehnt an den arabischen Namen
Jerusalems. Die Paramilitärs sind direkt dem
religiösen Führer Ali Khamenei unterstellt.
Aleppo

Idlib Rakka Ein Bogen von Teheran nach Beirut


Seit der Gründung der Islamischen Republik
prägen eine brachiale Kampfansage an Israel
Hama und die Ambition, eine regionale Grossmacht
Tartus SYRIEN
Tiyas IRAK zu werden, die Politik Irans. Die Syrien-Krise
Homs war die Chance, beides in die Tat umzusetzen.
Palmyra
Eine Strassenverbindung von Teheran bis ans
Mittelmeer soll die schiitische Einflusssphäre
LIBANON festigen. Dieser Korridor über den Irak und
100 km
Syrien bis nach Libanon wäre die Dividende
Kirjat Damaskus
Schmona Irans für sein Engagement aufseiten des syri-
schen Präsidenten. Dazu kommen dauerhafte
GOLAN
Dead Sea

Militärbasen vor den Toren Israels.


Der Kommandant der Al-Kuds-Brigaden,
ISRAEL Kassem Soleimani, spielt seit Jahren Krisen-
JORDANIEN feuerwehr für Bashar al-Asad. Er stellte ein
Söldnerheer aus schiitischen Irakern, Pakista-
Touristen blicken von Israel über die Golanhöhen nach Syrien. (7.4.2018) Quelle: «New York Times» nern, Afghanen und des libanesischen Hizb-
7

Zehn Antworten zum Syrien-Konflikt

ODED BALILTY / AP / KEYSTONE


Der Westen findet sich mit Asad ab
Sind die syrischen Chemie- und Iraner reagieren. Diesmal ging In Nordostsyrien müsste er sich ist kein Verlass. Der Einfluss Ame-
waffen nach den jüngsten es aus westlicher Sicht gut, weil beispielsweise mit den Amerika- rikas im Nahen Osten würde wei-
Militärschlägen zerstört? die Verbündeten die Russen im nern anlegen. ter sinken. Die Kurden wären in
Durch die Angriffe wurden das Vorfeld informiert hatten. Moskau diesem Fall schutzlos Angriffen
Chemiewaffen-Forschungs- und Teheran begnügten sich mit Gibt es überhaupt noch eine des syrischen Regimes oder der
zentrum in Barzeh in Damaskus scharfen Verurteilungen. Das ernstzunehmende Opposition Türkei ausgeliefert. Der türkische
sowie eine Kommandozentrale zeigt, auch sie wollen keine Eskala- in Syrien? Präsident Recep Tayyip Erdogan
und eine Lagerstätte westlich tion. Das könnte sich in Zukunft Viele Syrer wollen nur noch ein hat mehrfach mit dem Einmarsch
von Homs getroffen. Die Russen freilich ändern. Dass sich die Alli- Ende des Kriegs. In verschiedenen in Nordostsyrien gedroht. Dass
behaupten, die Schäden seien ierten in diesem Fall erneut auf ein Landesteilen gibt es aber weiter- es bisher bei der Drohung blieb,
gering. Satellitenbilder zeigen: gemeinsames Vorgehen einigen, hin Aktivisten, die sich für einen liegt auch daran, dass er vor einer
Zumindest die Anlage in Barzeh ist unwahrscheinlich. demokratischen Wandel einset- offenen Konfrontation mit den
wurde weitgehend zerstört. Ob zen. Das brutale Vorgehen von USA zurückschreckt.
die drei Orte aber noch genutzt Hat der Friedensprozess nun Asad und die Einmischung der
wurden, weiss niemand. Asad mehr Aussicht auf Erfolg? Regionalmächte haben dazu ge- Das Regime hat Tausende
hätte die Produktion und Lage- Der Westen fordert längst keinen führt, dass ausser in einigen Ge- Kämpfer und Hunderttausende
rung längst verlegen können. Regimewechsel mehr. Das be- bieten in Süd- und Ostsyrien unter Zivilisten nach Idlib deportiert.
Nach Erkenntnissen der Israeli tonte London am Tag der Luft- den Rebellen heute radikale Isla- Wie gross ist die Gefahr eines
verfügt das Regime nach wie vor angriffe noch einmal. Asad inter- misten den Ton angeben. Dabei Angriffs auf Idlib?
über 5 bis 10 Prozent seiner ehe- pretiert dies als Freifahrschein agieren einige inzwischen als Idlib ist eine der zwischen Russ-
maligen Chemiewaffenbestände. für seine brutale Kriegsführung. verlängerter Arm ihrer regionalen land, Iran und der Türkei verein-
Wenn Moskau und Teheran den Schutzmacht. barten Deeskalationszonen. Türki-
Wird Asad künftig auf den Machthaber fallenliessen, könnte sche Truppen überwachen den
Einsatz von Chemiewaffen sich das ändern. Doch auf sie kann US-Präsident Donald Trump hat Waffenstillstand. Zwar bombar-
verzichten? sich Asad verlassen. Daher ist er zu angekündigt, die US-Truppen dieren das syrische Regime und
Das Regime hat in dem Krieg min- keinen Kompromissen bereit. Die abzuziehen. Macht er das wahr? die Russen die Provinz regel-
destens 34 Angriffe mit chemi- Uno wird auch künftig Gespräche Wie schon sein Vorgänger Barack mässig. Im Fall einer Grossoffen-
schen und biologischen Waffen in Genf organisieren, ein Durch- Obama brachte Trump als Ersatz sive am Boden würde Asad jedoch
verübt. Seit dem US-Angriff im bruch ist jedoch nicht in Sicht. Der arabische Länder ins Spiel. Diese Gefechte mit türkischen Soldaten
April 2017 hat es aber – soweit von Moskau organisierte soge- sollten mehr Verantwortung über- riskieren. Das will Moskau derzeit
bekannt – das Nervengift Sarin nannte Astana-Prozess hat bisher nehmen. Das klingt gut, dürfte verhindern, weil es Ankara enger
nicht mehr eingesetzt. Der Vergel- ebenfalls wenig gebracht. aber wie bei Obama scheitern. an sich binden möchte. Das
tungsschlag hat also Wirkung Würden etwa saudische Truppen Regime kann derweil zusehen, wie
gezeigt. Trotzdem bezweifeln Haben die westlichen Angriffe stationiert, wäre eine gefährliche sich in Idlib der syrische Ableger
Experten, dass die jüngsten Mili- Asad gar gestärkt? Konfrontation mit Iran program- des Terrornetzwerks al-Kaida und
tärschläge eine dauerhafte Ab- Just am Tag der alliierten Angriffe miert. Das US-Militär und Frank- seine Gegner schwere Kämpfe
schreckung sind. Denn für Asad brachte das Regime Duma – den reich, das ebenfalls Truppen in liefern. Asad kann warten.
erfüllen die Chemiewaffen einen Ort des mutmasslichen Chemie- Nordostsyrien stationiert hat,
perfiden Zweck: Sie versetzen waffenangriffs – komplett unter drängen auf einen längerfristigen Können die syrischen Flücht-
die Zivilbevölkerung in Panik und seine Kontrolle. Das bestärkt viele Verbleib, um nach dem Sieg über linge zurückkehren?
brechen ihren Willen zum Wider- Syrer in der Sicht, Asad sei auf der den IS dessen Wiedererstarken Solange Asad an der Macht bleibt,
stand. Genau das hat er zuletzt Siegerstrasse und niemand werde zu verhindern. So sah es bis vor werden die meisten nicht zurück-
Anfang April in Duma erreicht. einen Finger rühren, um die Zivilis- kurzem auch Trump. Doch der ist kehren. Zudem stellt sich die
Nach dem mutmasslichen ten zu schützen. Diese Woche unberechenbar. Frage: Wohin? Ehemalige Rebel-
Chlorgasangriff kapitulierten die bombardierte das Regime Stellun- lenhochburgen wie Ost-Aleppo
Aufständischen. gen von Aufständischen in Zent- Was passiert im Fall eines sind zerstört, im Land selbst zählt
ralsyrien und startete eine Offen- US-Abzugs mit den Kurden, die die Uno 6,6 Millionen Vertriebene,
Was passiert, wenn Asad erneut sive auf ein vom Islamischen Staat an der Seite der Amerikaner den und mehr als 13 Millionen sind auf
Giftgas einsetzen sollte? (IS) kontrolliertes Gebiet südlich IS bekämpfen? Hilfe angewiesen. Für eine Rück-
Die Amerikaner, Briten und Fran- von Damaskus. Obwohl Asad Nicht nur für die Kurden, sondern kehr im grossen Stil brauchte es
zosen drohen für diesen Fall mit daran festhält, wieder über das für die gesamte Region wäre der Sicherheit und Zukunftsperspekti-
neuen Luftangriffen. Doch viel ganze Land zu herrschen, ist Abzug fatal. Damit würde Trump ven: Beides gibt es in Syrien nicht.
hängt davon ab, wie die Russen er dazu momentan zu schwach. signalisieren: Auf die Amerikaner Inga Rogg, Istanbul

ullah zusammen, das zu den Bodentruppen zählt die Luftwaffenbasis Tiyas (auch T4 ge- Iraner, unter ihnen hochrangige Offiziere wie könnte. Für Israels Streitkräfte gilt seit Tagen
REUTERS

Asads wurde. Russlands Armee verstärkte nannt), die zwischen den Städten Homs und Mehdi Dehghan Yazdeli. Er gehörte nicht zu Alarmstufe Rot. «Das ist kein Drill, das ist
allein die Luftwaffe des Asad-Regimes. Schät- Palmyra liegt. Am 9.April feuerten israelische den Al-Kuds-Brigaden, sondern war in einer Ernst», bläute Regierungschef Netanyahu
zungen von Experten variieren, da die Einhei- Kampfjets mehrere Luft-Boden-Raketen auf Einheit der Revolutionsgarden, die ein eige- zuletzt seinem Kabinett ein.
ten laufend ihr Einsatzgebiet ändern, aber dieses Basis ab. Dies wurde ein Schlüssel- nes Luftwaffenprogramm betreibt. Damit be- Die Nervosität in Israel erklärt sich auch
man geht davon aus, dass Iran in Syrien min- moment in dem Konflikt. Zwar hatte Israel seit stätigt sich die Vermutung des israelischen daraus, dass der Zeitdruck wächst. Bisher
destens 150 000 Kämpfer unter seinem Kom- 2012 Hunderte Angriffe auf syrischem Territo- Geheimdienstes, dass Iran ein hochentwickel- konnte die Luftabwehr in Syrien wenig gegen
mando hat. Ein Drittel sind Ausländer, dar- rium gegen Stellungen Irans geflogen. Meist tes Raketenabwehrsystem auf dem Stütz- die Angriffe israelischer Kampfflugzeuge auf
unter auch 2000 Mitglieder der Revolutions- galten sie Waffentransporten für den Hizbul- punkt aufbauen wollte – zusätzlich zu den iranische Ziele ausrichten. Doch nun will
garden. Die übrigen Kämpfer sind Syrer. Sie lah. Doch war Russland stets vorher infor- dort stationierten Drohnen. Russland als Reaktion auf die jüngsten Mili-
wurden nach dem Modell des libanesischen miert worden. Und immer schwieg Iran. tärschläge des Westens auf die Chemiewaffen-
Hizbullah als paramilitärische Einheit for- Am 9.April änderte sich die Situation: Russ- Irans Oberster «Das ist kein Drill» Infrastruktur des Asad-Regimes die hochent-
miert. Befehligt wird diese auch künftig von land wurde nicht vorgewarnt, und Ali Vela- Führer Ali Khamenei Erst im Februar erreichte eines dieser Flug- wickelten Raketenabwehrsysteme vom Typ
Iran und nicht vom syrischen Präsidenten. yati, ehemals Aussenminister, heute engster droht Israel mit der objekte, das von T4 gestartet war, über den S 300 liefern. Gleichzeitig droht im Süden
Mehr als vierzig militärische Stützpunkte Berater des spirituellen Führers Irans, nutzte Auslöschung. Golan israelischen Luftraum. Als Israels Syriens eine Offensive der syrischen Armee
wurden von Iran in dem Bürgerkriegsland ein- einen Besuch in Damaskus, um lauthals den Kampfjets aufstiegen, wurde eine F-16 abge- und ihrer Verbündeten gegen die dort noch
gerichtet. Auf mindestens zehn Militärbasen Angriff auf T4 zu verurteilen: «Israels Verbre- schossen. Die blitzartige Eskalation galt als aktiven Rebellengruppen. Dies könnte dazu
sind iranische Einheiten neben syrischen und chen wird nicht unbeantwortet bleiben.» Auftakt eines israelisch-iranischen Konflikts, führen, dass Iran dicht an den Golanhöhen
russischen Truppen derzeit präsent. Dazu Unter den 14 Toten des Angriffs waren sieben der nun auf einen Höhepunkt zusteuern noch mehr Pflöcke einschlägt.

Kriegsverbrechen in Syrien ANZEIGE

Die Uno bereitet Anklagen vor


IIIM – International Impartial war blockiert durch die Vetos Iran, Russland und Syrien – Büro unter der Leitung der
REUTERS

and Independent Mechanism von Russland und China im waren dagegen. Doch auf einen Französin bereits 700 000
– nennt sich das heute 15-köp- Sicherheitsrat: Das Internatio- Segen des Sicherheitsrates ist Seiten an Dokumenten gesam-
fige Team des Uno-Büros mit nale Strafgericht ICC konnte der IIIM nicht angewiesen. melt, die zu einer Reihe solider
Hauptsitz in Genf, das sich der- nicht zum Einsatz kommen. Finanziert von global weitge- Anklagen reichen sollen. An
einst als eines der wichtigsten Christian Wenaweser, Bot- streuten 39 Geberstaaten – die Beweismaterial mangelt es
Instrumente zur Findung von schafter Liechtensteins an der Schweiz unter den Top Ten – nicht: Noch nie wurde ein Kon-
Frieden und Wiederversöhnung Uno in New York, ein erfahrener und mit einem relativ beschei- flikt so oft im Fernsehen oder
in Syrien entpuppen könnte: Diplomat, fand diese Situation denen Jahresbudget von 14 Mil- auf sozialen Netzwerken
Hier entstehen Anklageschrif- inakzeptabel. Ihm kam deshalb lionen Dollar, sind die unschein- gesehen und geteilt.
ten, die vor einem international IIIM-Leiterin die Idee des IIIM. Er hat damit baren Strafverfolger in Genf Namen künftiger Angeklag-
bewilligten Tribunal für Syrien, Catherine Marchi- einen Weg erfunden, wie ein und New York nur den Grund- ter gibt der IIIM noch nicht
wann immer ein solches Uhel. strafrechtlich ordentliches Vor- sätzen universell geltenden preis, auch wenn Christian Zweisprachige Maturität
zustande kommen mag, tel quel gehen trotz einer Sicherheits- Strafrechtes verpflichtet. Wenaweser den Mechanismus
übernommen werden können. ratsblockade nicht zum Erliegen Diese Unabhängigkeit wider- bereits als «Anklagebehörde»
IB World School
Der IIIM wurde kurz vor Weih- kommen muss. spiegelt sich im ersten Bericht, für Syrien bezeichnet. Die
nachten 2016 von der Uno- In der Abstimmung im den die im vergangenen Gelegenheit, die Anklageschrif-
Generalversammlung ins Leben Dezember 2016 in der Uno- Sommer vom Uno-Generalse- ten einem zuständigen Gericht Tel +41 (0)41 639 61 00
gerufen. Die Welt stand unter Generalversammlung sprachen kretär eingesetzte IIIM-Leiterin zu präsentieren, werde www.stiftsschule-engelberg.ch
dem Eindruck der verheeren- sich 105 Mitglieder für die Catherine Marchi-Uhel diese kommen, sagte Marchi-Uhel. «Es
den Kämpfe und Giftgas- Schaffung des Mechanismus Woche in New York präsen- ist nur eine Frage der Zeit.»
angriffe um Aleppo. Die Uno aus. Nur 15 Staaten – darunter tierte. Seit Mitte 2017 hat das Roman Elsener, New York
8 Schweiz Bildung NZZ am Sonntag 22. April 2018

«Die Lehrer sind vernünftig genug»


Bildungs-Staatssekretär Mauro Dell’Ambrogio kritisiert die zunehmende Bürokratie in Lehre und Forschung.
Und er wehrt sich dagegen, dass Primarlehrer einen Masterabschluss brauchen. Interview: René Donzé
NZZ am Sonntag: Was läuft falsch im Schwei-

ANNETTE BOUTELLIER
zer Bildungswesen?
Mauro Dell’Ambrogio
Mauro Dell’Ambrogio: Die Schweiz hat ein
exzellentes Bildungssystem, um das uns das Der freisinnige Tessiner Jurist ist seit 2008
Ausland beneidet. Was mir Sorgen bereitet, Staatssekretär für Bildung und Forschung,
ist die Tendenz zu mehr Bürokratie – und zuerst im Innendepartement, dann ab
dass immer höhere Forderungen an die Aus­ 2013 unter Bundesrat Johann Schneider-
bildung von Berufsleuten gestellt werden. Ammann im neugeschaffenen Departe-
Die Grundausbildungen werden teilweise ment für Wirtschaft, Bildung und For-
unnötig verlängert und damit verteuert. schung. Zuvor war er Richter, Polizei-Kom-
mandant, Generalsekretär für Bildung und
Können Sie Beispiele nennen? Kultur. Er leitete den Aufbau der Università
Ich sehe etwa nicht ein, weshalb es für della Svizzera italiana und war Direktor der
Hebammen ein Masterstudium gibt. Oder Tessiner Fachhochschule. Vier Jahre war
weshalb Primarlehrer und Kindergarten­ er an der Spitze einer Privatklinik-Gruppe.
lehrpersonen einen Master brauchen, wie Im November geht er in Pension. (rd.)
das nun gefordert wird.

Es geht doch um eine Aufwertung dieser


Berufe. Im Vergleich zum Ausland ist die Maturaquote
Hinter solchen Ideen steht in erster Linie in der Schweiz ohnehin schon tief.
der Ruf nach höheren Löhnen. Das hat nichts Aber im Ausland gibt es auch keine
mit Bildungspolitik zu tun, sondern ist Berufsmaturität, keine Fachhochschulen
korporatives Denken, wie es sich durch die und keine höhere Berufsbildung. Insgesamt
ganze öffentliche Verwaltung zieht. Dahinter ist unsere Quote hoch genug. Bei der gymna­
steht ein Systemfehler, nämlich, dass die sialen Matura sollte diese nicht erhöht
Löhne in der Verwaltung – und dazu gehören werden. Sonst passiert dasselbe, wie in
auch die Schulen und Hochschulen – sich an anderen Ländern, wo es fast nur noch Stu­
der Dauer der Ausbildung orientieren. Wird denten gibt: Die Qualität sinkt. Wir wollen
diese verlängert, steigen die Löhne. Wenn mit fähigen Studenten arbeiten, nicht mit
Sie daran etwas ändern wollen, stossen Sie einer breiten Masse an jungen Leute, die
auf Granit. einfach einen akademischen Abschluss
wollen, um Karriere zu machen.
Haben Sie das als Staatssekretär erlebt?
Das spürte ich immer wieder. Etwa als ich Aber es ist doch paradox: Wir limitieren den
in einer Diskussion die Idee einbrachte, dass Zugang zu den Gymnasien und holen dann
man differenzierte Löhne für Gymnasial­ ausländische Studierende an die Unis und
lehrer einführen könnte, um mehr Lehr­ Fachkräfte in die Wirtschaft.
personen für naturwissenschaftliche Fächer Ein Land wie die Schweiz kann sich Autar­
zu finden. Sofort rückte die Gleichstellungs­ kie nicht leisten. Wir brauchen Spezialisten
frage in den Vordergrund, man befürchtete aus dem Ausland, wir brauchen auch Studie­
eine Bevorzugung männlicher Fachlehrer. rende aus dem Ausland. Weil das Potenzial in
der Schweiz nun einmal beschränkt ist. Es ist
Und wo orten Sie wachsende Bürokratie? nicht eine Frage der Quantität der Studieren­
Jahrelang hat man versucht, Lehrer und den, die wir ausbilden, sondern der Qualität.
Forscher von Administration zu entlasten, Das ist das Schöne an unserem dualen
indem zusätzliche Verwaltungsstellen System: Wir haben hervorragende Bildungs­
geschaffen wurden. Erreicht wurde das wege für alle Begabungen. Wir können insbe­
Gegenteil, weil diese zusätzlichen Aufwand sondere stolz sein auf unsere Berufsbildung.
verursachen. Man kann Arbeit nicht los­
werden, indem man Bürokraten anstellt. Und doch haben Sie kürzlich geschrieben, dass
diese sich nicht ins Ausland exportieren lässt.
Werden Sie konkret! «Wer in der Bildung ist Sache der Kantone und Gemein- Lehrplan preussisch genau zu nehmen. In Wieso?
Denken Sie zum Beispiel an Schulverwal­ Mathematik die den; braucht es überhaupt zentrale Steuerung? der lateinischen Schweiz ist man viel ent­ Weil die Berufsbildung nur funktioniert,
tungen oder an administratives Personal in Proportionalität Wenn es um das System als Ganzes geht, spannter gegenüber dem zentralen Lehrplan. wenn eine Gesellschaft dafür bereit ist. Ich
der Forschung. Früher konnten Professoren nicht begriffen ist eine gewisse Koordination nötig, damit es habe festgestellt, dass in vielen Ländern
ihre Kongresse noch selber organisieren. hat, darf die Matura einheitliche Bildungsgänge und Abschlüsse In der Kritik stehen immer wieder auch Gym- bereits die Mittelschicht ihre Kinder nicht in
nicht erhalten»: gibt. Sobald es aber um Inhalte geht, wird nasien und die Matura. Teilen Sie die Mei- eine Lehre schicken will. Dort ist die Lehre
Ihr Staatssekretariat ist ja auch Teil dieser Staatssekretär es gefährlich. Jedes Bundesamt will seine nung, dass sie an Wert verloren hat? etwas für Verlierer. Dies zu verändern,
Bildungsbürokratie. Also überflüssig? Dell’Ambrogio. speziellen Interessen in das Bildungswesen Das Problem ist vor allem die unterschied­ braucht Generationen. Das können wir nicht
Wir sind das kleinste Bildungsministerium einbringen. Etwa in Bezug auf Gesundheits­ liche Qualität von Kanton zu Kanton. Studien von der Schweiz aus beeinflussen.
der Welt und kosten nicht einmal fünf Pro­ erziehung, auf Nachhaltigkeit oder anderes. zeigen, dass das Niveau der Schüler dort
mille der Gelder, die wir verteilen. Ich denke, So wird jeder Modebegriff zum Schulthema. tiefer ist, wo die Maturaquote höher ist. Die Ihr Chef, Bundesrat Johann Schneider-
wir sind sehr schlank aufgestellt. Das ist zwar gut gemeint, überfordert und Quote als solche steht richtigerweise im Kon­ Ammann, wirbt aber bei jeder Gelegenheit im
demotiviert aber jene, die am Ende die text kantonaler und regionaler Gegebenhei­ Ausland für die Lehre.
Inhalte vermitteln müssen. ten. Ein echtes Problem ist eher die Kompen­ Er und auch andere Bundesräte sowie
sierbarkeit von ungenügenden Noten. verschiedenste Organisationen verweisen
Es ist doch wichtig, dass Lehrer den Kindern engagiert auf die Expertise der Schweiz in
Werte mitgeben. Inwiefern? Sachen Berufsbildung. Aber machen wir uns
Die Lehrer sind vernünftig genug, zu Es braucht gewisse Grundkompetenzen in keine Illusionen. Es gibt kein Land, das die
Der Versuchung müssen wissen, was Kinder lernen müssen. Sie brau­ Sprache und Mathematik. Schlechte Leistun­ Berufsbildung in unserem Sinne überneh­
wir widerstehen, auf alle chen nicht seitenweise Vorschriften, sondern
gute Lehrmittel.
gen in diesen Fächern dürfen nicht kompen­
siert werden mit guten Noten in anderen
men könnte, weil die Voraussetzungen dafür
fehlen. Wir können höchstens hier und dort
kurzfristigen Fächern. Wer in der Mathematik die Propor­ etwas am Bewusstsein arbeiten.
wirtschaftlichen oder Das tönt wie die Fundamentalkritik, die am tionalität nicht begriffen hat, darf die Matura
Lehrplan 21 geübt wurde. nicht erhalten. Sie muss garantieren, dass die Was muss die Schweiz tun, damit sie weiterhin
politischen Bedürfnisse Ach wissen Sie, diese Kritik ist übertrie­ Studierfähigkeit vorhanden ist. Aber da gibt Weltspitze in Sachen Bildung und Forschung
zu reagieren. ben. Die Deutschschweizer scheinen den es ja Bestrebungen, das System anzupassen. bleibt?
Unser System in seiner erwiesenen Funk­
tionalität pflegen und bewahren. Es braucht
vielleicht da und dort zwischendurch Retu­
Nachfolgeregelung schen, doch im Grossen und Ganzen geht es
darum, unser Bildungswesen zu stärken. Wir
müssen der Versuchung widerstehen, auf

Chassot,
Für die Nachfolge von Staats­ Forschung und Innovation ger FDP-Generalsekretär und alle kurzfristigen wirtschaftlichen oder poli­
KEYSTONE

sekretär Mauro Dell’Ambrogio, suchte. Die Frage ist, ob sie ihren heute Generalsekretär in Schnei­ tischen Bedürfnisse zu reagieren.
der Ende Jahr das Amt des Chef wechseln will – zumal der­Ammanns Departement. Er

Pulver
Bildungs­Staatssekretärs abgibt, Schneider­Ammann voraus­ ist Jurist, studierte internatio­ Was hat Sie am meisten geärgert in den letzten
werden derzeit verschiedene sichtlich 2019 aufhören wird. nale Beziehungen und befasste zehn Jahren als Staatssekretär?
Namen gehandelt. Möglich wäre Immer wieder fällt der Name sich beim Wirtschaftsdachver­ Dass das Gesundheitswesen indirekt alles

oder ein
ein Wechsel von Isabelle Chassot Bernhard Pulver (gp.): Der band Economiesuisse mit Bil­ Geld verbraucht, das der Bund in die Univer­
(cvp.), heute Direktorin des Berner Erziehungsdirektor tritt dungs­ und Forschungspolitik. sitäten investiert.
Bundesamtes für Kultur unter in diesem Sommer nicht mehr Auch eine Beförderung von

Liberaler?
Bundesrat Alain Berset (sp.). Die zur Wiederwahl an. Als profun­ Dell’Ambrogios Vize Josef Bitte?
ehemalige Freiburger Staatsrätin der Kenner des Bildungswesens Widmer ist denkbar. Schon abge­ Der Bund unterstützt die Universitäten
und Präsidentin der Erziehungs­ und Jurist brächte er das nötige wunken hat Bildungsforscher Isabelle Chassot, mit jährlich 600 Millionen Franken, und
direktorenkonferenz galt schon Rüstzeug mit. Gegen ihn spricht, Stefan Wolter, der von der «Aar­ Direktorin des Bun- diese bezahlen ebenso viel an ihre Universi­
vor fünf Jahren als mögliche dass der freisinnige Schneider­ auer Zeitung» ins Spiel gebracht desamts für Kultur. tätsspitäler. Das Bildungswesen wird eigent­
Wahl, als Bundesrat Johann Ammann wohl keinen Linken in wurde. Laut dem Blatt hat das lich ausgebeutet durch diese Spitäler. Ein
Schneider­Ammann eine Leite­ dieser Schlüsselposition will. Departement 48 Bewerbungen grosser Teil der steigenden Bildungsausga­
rin oder einen Leiter des neuen Politisch naheliegender wäre erhalten. Die Stelle wird auf ben ist auf die Kostenexplosion im Gesund­
Staatssekretariats für Bildung, da Stefan Brupbacher, ehemali­ Januar 2019 neu besetzt. (rd.) heitswesen zurückzuführen.
NZZ am Sonntag 22. April 2018
Schweiz 9

«BaZ»: Kaufpreis

GEORGIOS KEFALAS / KEYSTONE


liegt bei rund
60 Millionen
Die Medienhäuser Tamedia und
AZ Medien kämpften bis zum
Schluss um die «Basler Zeitung»
Ueli Kneubühler Peter Wanner, der seit 2012 mit
der Splitausgabe «bz Basel» in der
Das Gerücht machte schon eine Stadt Basel um Leser buhlt. Nach
Weile die Runde. Diese Woche verlorenem Kampf um die «BaZ»
wurden Fakten geschaffen. Chris- «halten wir trotzdem an der ‹bz
toph Blocher, der über seine Zei- Basel/Basellandschaftliche Zei-
tungshaus AG die «Basler Zei- tung› fest», erklärt Wanner. Über
tung» kontrolliert, und Tamedia- die künftige Strategie und Aus-
Präsident Pietro Supino luden zu richtung der Zeitung werde in den
einer Pressekonferenz im Hotel nächsten Wochen entschieden.
Euler in Basel. Dort verkündete Wanner hatte sich erhofft, die
Blocher, dass die «Basler Zeitung» «Basler Zeitung» mit seinen Nord-
bald zum Zürcher Medienkonzern westschweizer Blättern zusam-
gehöre. Im Gegenzug gibt menlegen zu können.
Tamedia das «Tagblatt der Stadt
Zürich», die Gratiszeitungen Begehrte Braut
«Furttaler» und «Rümlanger» so- Christoph Blocher ist zwar ge- Christoph Blocher (l.) verkauft die «Basler Zeitung» an das Medienunternehmen Tamedia von Präsident Pietro Supino. (Basel, 18. April 2018)
wie die 50-Prozent-Beteiligungen scheitert mit seinem Versuch, die
an «GHI» in Genf und Lausanne «Basler Zeitung» in eine rechts-
ab. bürgerliche Zeitung mit nationa- sen und Beteiligungen abgestos- rund 5 Millionen Franken budge- achter sagen, die beiden Interes- Zwar haben Tamedia und die
Dem Verkauf ging ein zähes ler Ausstrahlung zu verwandeln. sen, so dass am Ende nur noch tiert, bei einem Umsatz von 36,5 senten hätten sich mit Angeboten Zeitungshaus AG Stillschweigen
Ringen voraus. Grosses Interesse Was die finanziellen Belange eine «nackte ‹BaZ›» zum Verkauf Millionen Franken. überboten. Auch die AZ Medien vereinbart bezüglich des Kauf-
hatten bis zuletzt auch die AZ anbelangt, dürfte der SVP-Über- stand. Zum grossen Teil seien die Mit dem Kauf der «BaZ» woll- seien dem Vernehmen nach am preises. Mit den Verhandlungen
Medien. Sie haben im Mittelland vater allerdings kaum Blessuren Investitionen fast wieder ein- ten die beiden bietenden Verlage Ende bereit gewesen, einige ihrer involvierte Personen beziffern
eine starke Position und schlies- aus dem Abenteuer davontragen. gespielt, sagte Blocher an der einen bedeutenden Markt er- Gratisanzeiger in einen Tausch den Wert der Transaktion aber
sen sich demnächst mit den NZZ- Nach der Übernahme der defizi- Medienkonferenz. obern, den sie bisher wenig er- einzubringen. Es sollen sogar auf rund 60 Millionen Franken.
Regionalmedien in einem Joint tären und verschuldeten «BaZ» Auch der Zeitpunkt des Ver- folgreich betrieben haben. Die mehr gewesen sein, als Tamedia Neben den Gratisanzeigern
Venture zusammen. «Die ‹BaZ› warf die Zeitungshaus AG Ballast kaufs ist nachvollziehbar. Noch Braut war also begehrt. Und wenn in die Waagschale warf. Die gehörten dazu eine Barzahlung
hätte gut in unser Portfolio ge- ab. Kostenintensive Bereiche wie ist die «BaZ» profitabel. Dieses sich zwei um sie streiten, so steigt Tamedia-Titel erzielten aber die sowie Druckaufträge.
passt», bestätigt AZ-Verleger die Druckerei wurden geschlos- Jahr ist ein Betriebsgewinn von naturgemäss deren Wert. Beob- grössere Reichweite, heisst es.
Was macht Markus Somm?
Tamedia habe bereits Mitte 2016
den Druck aller Gratiszeitungen
Aufregung in der Westschweiz der Zehnder AG – Blocher über-
nahm den Verlag im letzten Jahr
– übernommen, sagt ein Tamedia-

Blochers
Noch im letzten Herbst war Anteile Tamedias übernehmen. weil man eine Gratiszeitung im ist die Romandie dran. Die Unab- Sprecher. Auch die Gratisanzei-
Christoph Blocher der Meinung, Er erhielte damit Zugriff auf zwei Gegensatz zu einer Bezahl- hängigkeit der Titel sei garan- ger, die Teil des Tausches sind,
es wäre keine gute Idee, wenn er Zeitungen, die zusammen rund zeitung nicht abbestellen könne. tiert, beteuerte Blocher diese seien bisher bei Tamedia ge-

Sprung
Anteile an Westschweizer Zei- 450 000 Leser erreichen. «Die flattert einfach ins Haus.» Woche am Radio. Und gab dann druckt worden. Durch den Ver-
tungen erwerben würde. «Es Kommt der Tauschhandel Blocher macht kein Geheim- doch den Tarif durch: Er wolle kauf änderte sich hier also nichts.
hiesse dann nur, der Blocher will zustande, würde Blocher seinen nis daraus, dass er mit dem eine wahrheitsgetreue, kritische Blocher begründete den Ent-

über die
von Zürich aus über die Roman- Fuss erstmals in die Medienland- flächendeckenden Erwerb von Berichterstattung, keinen «Main- scheid für Tamedia damit, dass
die herrschen», sagte der SVP- schaft der französischsprachigen kostenlosen Blättern ein strate- stream» und keine «Fake-News». die Medienvielfalt in der Region
Chefstratege damals am West- Schweiz setzen. Dieser angekün- gisches Ziel verfolgt. 2017 «Die heutigen Medien sind voller Nordwestschweiz damit sicher-

Saane
schweizer Radio. digte Sprung über den Rösti- erwarb er Anteile an 25 Deutsch- Fake-News», monierte er. gestellt sei. Unter dem Strich war
Heute gilt dieser Einwand graben blieb nicht ohne Reak- schweizer Gratiszeitungen, jetzt Ob Blocher tatsächlich bei das Angebot einfach attraktiver.
offensichtlich nicht mehr: Teil tion: Von einem «Tsunami «GHI» und «Lausanne Cité» ein- Ein Fragezeichen steht hinter
des am Mittwoch kommunizier- blochérien» war in der linken steigen kann, ist noch nicht ganz der Personalie Markus Somm. Der
ten Deals sind auch die zwei Wochenzeitung «Le Courrier» sicher. Erstens muss die Wettbe- Chefredaktor der «BaZ» führt die
CHRISTIAN BEUTLER / KEYSTONE

wichtigsten Westschweizer Gra- die Rede. Und die Grünen des werbskommission dem Deal Zeitung noch bis zur Übernahme.
tiszeitungen: das Genfer Blatt Kantons Waadt schrieben: «Die zustimmen, zweitens wies die Nach einem Sabbatical soll der
«GHI» und die Lausanner Presse droht zum Propaganda- «Société de Publication Nou- streitbare Journalist nur noch als
Wochenzeitung «Lausanne Cité». mittel zu werden.» Die Unabhän- velles» diese Woche darauf hin, Autor für Tamedia tätig sein. Das
Beide Titel gehörten bis anhin gigkeit eines Titels sei nicht dass sie ein Vorkaufsrecht habe. kann man sich bei Somms Ambi-
zur Hälfte Tamedia und zur mehr garantiert, wenn ein Besit- Ob sie davon Gebrauch machen tionen schwer vorstellen. Laut
Hälfte der «Société de Publica- zer politische Interessen ver- wird, ist noch offen. «Verschie- Quellen im Medienhaus Tamedia
tion Nouvelles» des Westschwei- folge, sagt die grüne Waadt- dene Optionen sind auf dem soll Somm aber tatsächlich keine
zer Unternehmers Jean-Marie länder Nationalrätin Adèle Tho- Tisch», schrieb Geschäftsführer Führungsfunktion übernehmen –
Fleury. Neu soll Blocher die rens. Besorgt ist sie vor allem, Nationalrätin Adèle Thorens. Fleury auf Anfrage. (aku.) zumindest vorerst nicht.

Augenärzte umgehen Bersets Tarif-Reform


Chirurgen und Santésuisse Hinter der Aussage steht eine Be- preise laut Curafutura zwischen 9 konforme Abrechnung im Tar- facher. Santésuisse und Chirur-
GAËTAN BALLY / KEYSTONE

haben für gewisse Eingriffe rechnung, in der Curafutura die und 27 Prozent über dem aktuel- med. Daher rechnet Santésuisse gen wollen darum diesen Weg
neuen Pauschalen mit den Tar- len Tarmed, womit für Direktor mit einem Sparpotenzial von über fortsetzen und bald weitere Pau-
Fixpreise vereinbart, die über
med-Preisen verglich, wie sie seit Zängerle klar ist: «Santésuisse 25 Millionen Franken. schalen vorlegen, zum Beispiel
den Arzttarif Tarmed Anfang 2018 gelten. Auf dieses und die Chirurgen drehen das Der Präsident des Chirurgen- für die Handchirurgie.
hinausgehen. Datum hin hatte Gesundheits- Rad wieder zurück. Sie umgehen verbandes FMCH, Josef Branden- Für Curafutura zeigt das Bei-
Daniel Friedli minister Alain Berset den Tarif mit ihren Pauschalen den Tarif- berg, räumt demgegenüber ein, spiel indes, dass sich die Akteure
nochmals gesenkt und Einspa- eingriff, den Bundesrat Berset per dass die neuen Pauschalen auch zuerst wieder auf einen Tarmed
Nicht mehr jede Leistung einzeln rungen von knapp einer halben Anfang 2018 in Kraft gesetzt hat.» dazu dienten, gewisse Kürzungen einigen müssen. «Es führt kein
verrechnen, sondern für gewisse Milliarde Franken durchgedrückt, Unrechtmässig ist dies nicht, das des letzten Tarmed-Eingriffs wie- Weg an einer gemeinsamen Tarif-
Eingriffe Fixpreise einführen. So ein Teil davon auch bei den Gesetz lässt abweichende Pau- der zu korrigieren. «Seither ist revision vorbei», sagt Pius Zän-
wollen der Krankenkassenver- Augenärzten. schalverträge explizit zu. Es kann dieser Tarif für die Augenärzte gerle. Denn wenn man auf der
band Santésuisse und die Chirur- Dementsprechend ungünstig aber schnell teuer werden, denn teilweise nicht einmal mehr kos- Basis von überhöhten Einzeltari-
gen die Arzttarife einfacher und fällt der Vergleich nun aus: Für allein in der ambulanten Augen- tendeckend; er kann daher nicht fen beginne, Pauschalen zu er-
kostengünstiger machen – und die Operation des Grauen Stars chirurgie werden jährlich 560 die richtige Vergleichsgrösse rechnen, werde das Resultat nicht
haben darum im Februar für vor- etwa können die Ärzte im Tarmed Millionen Franken umgesetzt. sein», sagt Brandenberg. Unter besser. Das Problem: Auch die
erst vier Eingriffe am Auge solche im Schnitt 1700 bis 1850 Franken Die beiden Vertragspartner dem Strich ist aber auch er über- letzten Spitzengespräche zur Tar-
Pauschaltarife vorgestellt. abrechnen, die Pauschale von reagieren unterschiedlich auf den zeugt, dass mit den Pauschalen med-Revision zwischen Santé-
Doch nun zeigen Berechnun- Santésuisse und Chirurgen liegt Vorwurf. Santésuisse zieht die die Rechnung auch für die Prä- suisse auf der einen und den Ärz-
gen, dass damit im Vergleich zum indes bei 2011 Franken und damit Berechnungen insofern in Zwei- mienzahler aufgehe. Denn bei ten, Spitälern und Curafutura auf
Tarmed viel eher Mehrkosten deutlich höher. Und bei einem fel, als der Verband selber zu Fixpreisen könnten die Ärzte der anderen Seite verliefen ergeb-
drohen. «Diese Pauschaltarife Eingriff am Glaskörper kommt anderen Resultaten kommt. Ge- nicht mehr nach eigenem Gut- nislos. Santésuisse steht immer
sind 10 bis 20 Prozent zu hoch», man im Tarmed auf einen Betrag stützt auf aktuelle Rechnungsbei- dünken Leistungen abrechnen, noch abseits, weil der Verband
sagt jedenfalls Pius Zängerle, von 330 bis 348 Franken, die Pau- spiele kontert er, die Pauschalen zudem würden für die Kranken- durch die Revision höhere Kosten
Direktor von Curafutura, dem schale dafür beträgt jedoch 389 seien «jeweils knapp 100 bis 200 Umstrittene Tarifpolitik: eine kassen die Abrechnung und die befürchtet. Ob diese gelingt, ist
anderen Krankenkassenverband. Franken. Generell liegen die Fix- Franken günstiger» als die regel- Untersuchung beim Augenarzt. Kostenkontrolle bedeutend ein- derzeit so offen wie eh und je.
10 Schweiz NZZ am Sonntag 22. April 2018

Aberwitz einer Abschiebung


Ein abgewiesener Asylsuchender will gratis in einem Pflegeheim arbeiten. Geht nicht, sagen die Behörden
Lukas Häuptli ter sein Wiedererwägungsgesuch. Asylsuchender hält sich nämlich

DANIEL AMMANN
2013 erlässt das Appenzeller immer rechtswidrig in der
Im Appenzellerland ist alles Migrationsamt eine erste Ein- Schweiz auf. Die Zahl der Ver-
schön. Die Bäume leuchten hell- grenzungsverfügung gegen ihn, zeigungen und Verurteilungen
grün, die Hügel dunkelgrün, auf 2015 eine zweite. Seither darf er gegen ihn hängt 1:1 von der Zahl
der einen Seite geht der Blick zum sich nur noch in seinem Wohnort der Polizeikontrollen ab.
stolzen Säntis, auf der anderen sowie in vier Nachbargemeinden
zum ausladenden Bodensee. Und aufhalten, nicht aber in St. Gallen «Besondere Auslagen»
über allem liegt der milchige Son- oder anderswo in der Schweiz. Die vorläufig letzte Verurteilung,
nenschein des Frühlings. diejenige der St. Galler Staats-
Almaz (Name geändert) sitzt Wo ist die Grenze? anwaltschaft, sieht eine unbe-
am Tisch im alten Haus mit sei- Almaz sitzt am Tisch im alten dingte Geldstrafe, Gebühren und
nen engen Fensterreihen, wie sie Haus. Nein, natürlich weiss er «besondere Auslagen» von total
für die Gegend typisch sind. Er er- nicht, wo die Grenze zwischen 4040 Franken vor. Selbstver-
zählt dem Journalisten seine Ge- der vierten und fünften Nachbar- ständlich kann ein abgewiesener
schichte. Im Grunde aber wartet gemeinde verläuft, wann er also Asylsuchender, der von acht
Almaz. Wartet seit acht Jahren, gegen die Eingrenzungsver- Franken Nothilfe pro Tag lebt, das
seit denen er hier ist. Und je län- fügung des Migrationsamts ver- nicht bezahlen.
ger er wartet, desto weniger weiss stösst. Woher auch? Für Aussen- Deshalb beantragt Almaz der
er, auf was eigentlich. stehende ist das Appenzellerland Staatsanwaltschaft, unentgeltlich
Der 31-Jährige ist abgewiesener eine Bilderbuch-Landschaft ohne in einem St. Galler Pflegeheim zu
Asylsuchender und einer von jede Grenze. arbeiten. Die Umwandlung einer
10 000 bis 20 000 Männern, Am liebsten erzählt der 31-Jäh- Geldstrafe in eine gemeinnützige
Frauen und Kindern, die jedes rige von damals, als sein Asyl- Arbeit sieht das Strafgesetz aus-
Jahr aus der Schweiz weggewie- gesuch noch hängig war, als er drücklich vor. Dem Antrag legt er
sen werden. In der Theorie ist Kurse besuchen und arbeiten Almaz, der abgewiesene Asylsuchende: Nothilfe von 8 Franken, Strafe von 4000 Franken. (20. April 2018) eine unterschriebene Vereinba-
alles klar und einfach: Wegwei- durfte. Vor ihm liegt der Stapel rung mit dem Heim bei, bald er-
sung, Papierbeschaffung, Rück- der Bescheinigungen: Deutsch- hielt er grünes Licht.
führung. Wer nicht kooperiert, kurs, Kochkurs, Arbeit als Velo- mat zurück, obwohl sie müssen stellationen – China, Algerien, nahmen angeordnet. Und sie um- Doch ein paar Tage später teilt
kommt in Ausschaffungshaft mechaniker, Arbeit als Garten- und grundsätzlich können. Unbe- Marokko, Eritrea und Äthiopien. gesetzt. Das Resultat sieht er- ihm die Staatsanwaltschaft mit,
oder wird, wie es im Jargon bauer. «Das Team dankt Dir viel- stritten ist aber auch: Gewisse ab- Das ostafrikanische Land habe in nüchternd aus: Der abgewiesene ihre Zustimmung sei ein Irrtum
heisst, eingegrenzt. In Wirklich- mals für Deinen Einsatz und gewiesene Asylsuchende können den letzten Jahren nie Reisedo- Asylsuchende wird wegen rechts- gewesen. Abgewiesene Asyl-
keit aber bleibt etwa ein Drittel wünscht Dir alles Gute für die Zu- nicht in ihre Heimat zurück, kumente für ausreisepflichtige widrigen Aufenthalts und Ver- suchende dürften in der Schweiz
der Weggewiesenen als Nothilfe- kunft», steht unter der Foto mit selbst wenn sie wollen. Der Äthiopier ausgestellt, sagt ein stosses gegen eine Eingrenzungs- nicht arbeiten. Selbst unentgelt-
bezüger in der Schweiz, ein Drit- Mitarbeitern einer Firma. Wenn Grund: Sie haben keine Pässe, Sprecher des Staatssekretariats verfügung verurteilt, und zwar lich nicht.
tel taucht unter, und ein Drittel er sie zeigt, leuchten Almaz’ und ihre Herkunftsländer wei- für Migration. Auch Almaz hat der Reihe nach von der Staats- Deshalb wird die unbedingte
verlässt das Land tatsächlich. Augen. Sie leuchten, als ob das gern sich, sie als Landsleute an- weder Pass und noch «Laissez- anwaltschaft Lenzburg, vom Be- Geldstrafe jetzt in eine unbe-
2010 flüchtet Almaz aus Äthio- Glück nicht fern sei. Als ob er zuerkennen und ihnen «Laissez- passer». Schlepper hätten ihm auf zirksgericht Aarau (Zweitinstanz), dingte Freiheitsstrafe umgewan-
pien in die Schweiz. Er werde immer arbeiten dürfte. Doch er, passers» auszustellen. «Laissez- dem Weg in die Schweiz alle vom Obergericht Aargau (Dritt- delt. Almaz muss vier Monate ins
politisch verfolgt, erklärte er. Be- abgewiesener Asylsuchender, passers», eine Art Ersatzpässe, Papiere abgenommen, erzählt er. instanz), von der Staatsanwalt- Gefängnis. Dort darf er arbeiten –
weisen kann das niemand, wider- darf nicht. sind Voraussetzung für eine Trotzdem haben die Behörden, schaft Appenzell und von der und erhält gar einen Lohn dafür.
legen allerdings auch niemand. Unbestritten ist: Zahlreiche ab- Rückkehr in die Heimat. die für die Wegweisungen zustän- Staatsanwaltschaft St. Gallen. Es ist die vorläufig letzte Aberwit-
Drei Jahre später wird sein Asyl- gewiesene Asylsuchende aus der Zu diesen Staaten gehören – dig sind, in seinem Fall alle mög- Die Reihe liesse sich beliebig zigkeit in der Geschichte einer
gesuch abgelehnt, fünf Jahre spä- Schweiz wollen nicht in ihre Hei- zumindest in bestimmten Kon- lichen und unmöglichen Mass- verlängern. Ein abgewiesener Abschiebung.

Classe Neue Fachstelle wegen Jihad-Rückkehrern


politique Bund und Kantone schaffen
PETER KLAUNZER / KEYSTONE

Muslimische Seelsorger
ein Expertengremium, das
den Behörden im Umgang mit
Kontroverse um Ausbildung
KEYSTONE

heimkommenden Jihadisten
beistehen soll.
Andreas Schmid
Die Zürcher Justizdirektion von schen Glaubens an. Diese dauert
93 Personen sind in den letzten Regierungsrätin Jacqueline zwei Semester. Hilfsbedürftige
Jahren aus der Schweiz ausge- Fehr hat im Februar ein Projekt hätten ein Anrecht, von qua-
Olivier Christophe reist, um sich in Syrien, Irak, zur Ausbildung muslimischer lifizierten Seelsorgern betreut
Kessler Darbellay Somalia, Afghanistan und Paki- Spital- und Notfallseelsorger zu werden, betont Noth. Sie
stan Jihadisten anzuschliessen. lanciert. Zusammen mit der verstehe nicht, warum das Zen-
Von ihnen kamen 29 in Gefechten Vereinigung der Islamischen trum in Freiburg nicht mit der
Olivier Kessler, Ja-Sager, sorgt um, 16 kehrten zurück. Trotz der Organisationen in Zürich soll ein über das nötige Fachwissen und
für Verwirrung. Dem Initianten geringen Anzahl bereiten die Angebot für die 100 000 Mus- viel Erfahrung verfügenden Uni
der «No Billag»-Initiative ist es Jihad-Rückkehrer den zuständi- lime im Kanton bereitgestellt Bern zusammenarbeite.
mit seinem Slogan gelungen, gen Behörden Kopfzerbrechen. werden. Dafür entwickelte Professor Hansjörg Schmid,
mehr Stimmen zu holen, als er Der Umgang mit ihnen stellt so- das Schweizerische Zentrum Zentrumsdirektor in Freiburg,
eigentlich bekommen sollte. wohl für die Strafverfolgungs- für Islam und Gesellschaft der sagt, der eigene neue Lehrgang
Denn laut Voto-Studie haben behörden als auch für die Stellen, Universität Freiburg eine acht- unterscheide sich von jenem
sich 6 Prozent der Befürworter die für eine Wiedereingliederung tägige Weiterbildung. in Bern. Fragen islamischer
schlicht vertan: Sie wollten der Kämpfer in die Gesellschaft Dieser Lehrgang wird aber Menschenbilder und Theologie
eigentlich Ja zur Billag-Gebühr besorgt sein müssen, ein Problem kritisiert. «Die achttägige nähmen einen wichtigen Platz
sagen und hätten demnach ein dar. Erfahrungen fehlen weitge- Schnellbleiche genügt gängigen ein. Das Programm werde eng
Nein zu «No Billag» einlegen hend; die gewaltbereiten Heim- Qualitätskriterien nicht», sagt mit den Kirchen abgestimmt.
müssen – stimmten stattdes- kehrer sind ein neues Phänomen. Isabelle Noth, Professorin für Über die Ausbildungstage
sen aber unbedacht Ja zur In den nächsten Wochen soll Seelsorge, Religionspsycholo- hinaus gebe es begleitete Prak-
Initiative und damit Nein zur der Bundesrat deshalb nun Mass- gie und Religionspädagogik an tika, betont Schmid.
Billag. Und somit teilen diese nahmen beschliessen, die natio- der Uni Bern. Noth ist auch Prä- Das Zentrum in Freiburg sei
verwirrten Stimmbürger nale und kantonale Behörden sidentin der Aus- und Weiter- auf Fragen des Islams speziali-
eigentlich nur eines mit den im Umgang mit Jihad-Reisenden bildung in Seelsorge in der siert, hält Jacqueline Fehrs
Initianten: Auch die wussten unterstützen. Die geplanten Vor- Schweiz. Sie bietet seit letztem Sprecher Benjamin Tommer
nicht so genau, was sie mit kehrungen sind Teil eines soge- Sommer eine interreligiöse Wei- fest. Er sagt zudem: «Auch in
ihrer Vorlage eigentlich wollen. nannten Impulsprogramms, das terbildung für Gefängnis- und diesem Gebiet kann Vielfalt
der Bundesrat zur Umsetzung des Asylseelsorger auch muslimi- gewiss nicht schaden.» (asc.)
Christophe Darbellay, Sport- Aktionsplans zur Bekämpfung André Duvillard will Fachwissen bündeln. (Bern, 4. Dezember 2017)
kanone, hat Konkurrenz von Radikalismus und gewalttäti-
bekommen. Der Walliser CVP- gem Extremismus vorsieht. Die-
Staatsrat beendete zwar am sen Plan hatte der Sicherheitsver- einzeln in Stückwerk selber etwas politische Fragen angehen. Der seelsorger verschiedener Religio- sität Bern zusammenzuarbeiten,
Samstag die kleine Patrouille bund Schweiz (SVS) – in diesem aufbauen müssten. «Allerdings Fokus liegt auf der inneren nen abschliesst (siehe Text oben). sagt Duvillard. Der Studiengang
des Glaciers in etwas über 9 sind Bund, Kantone und Gemein- hat jeder Kanton eine Behörde Sicherheit. Der im letzten Dezem- Ob dieses Angebot weitergeführt ermögliche es, die Seelsorger ge-
Stunden. Doch für Rang 1 in den vertreten – Ende 2017 vor- zu bestimmen, die bei ihm intern ber verabschiedete Aktionsplan wird, ist aber offen. Erst wenn zielt auszuwählen und sie profes-
der Regierung reicht dies nicht gelegt. Der SVS-Delegierte André für Jihad-Reisende zuständig ist, trägt der Einschätzung des Nach- eine Analyse zum ersten Lehr- sionell zu schulen. «Damit wird
mehr. Der neue FDP-Magistrat Duvillard bestätigt, dass ein Teil auch ausserhalb des Justizvoll- richtendienstes des Bundes Rech- gang vorliege, wolle sie mit den beträchtliche Präventionsarbeit
Frédéric Favre schaffte in des Impulsprogramms auf Jihad- zugs», hält Duvillard fest. Zudem nung, dass die jihadistisch mo- weiteren Beteiligten über eine geleistet», hält Duvillard fest. An
unter 14 Stunden die doppelt Rückkehrer ausgerichtet ist: «Vor- gelte es, in jenen Kantonen, die tivierte Radikalisierung im Zent- Fortsetzung befinden, sagt Isa- der Universität Genf ist ein Lehr-
so lange Originalstrecke. Als gesehen ist die Bildung eines Jihad-Rückkehrer zu betreuen rum der Bedrohung stehe. belle Noth, Professorin für Seel- gang zur Integration von Imamen
Olympia-Promotor kennt Dar- Expertenpools, auf den die Kan- hätten, angemessene Begleit- Der SVS befasst sich auch mit sorge, Religionspsychologie und in Planung. Weil im französischen
beIlay immerhin das tröstliche tone zugreifen können.» Mit die- modelle und qualifizierte Fach- Prävention. So steht Duvillard Religionspädagogik. Sprachraum eine solche Ausbil-
Motto für derlei Formkurven ser zentralen Stelle werde Fach- leute zur Reintegration zu finden. derzeit in Kontakt mit der Univer- Der SVS habe grosses Interesse, dung für Fachleute fehle, unter-
bestens: Dabei sein ist alles! wissen gebündelt, und alle pro- Mit dem SVS wollen Bund und sität Bern, die Ende Mai eine ein- in der Ausbildung von muslimi- stütze der SVS die Bemühungen,
fitierten, ohne dass die Kantone Kantone gemeinsam sicherheits- jährige Weiterbildung für Asyl- schen Seelsorgern mit der Univer- sagt Duvillard.
NZZ am Sonntag 22. April 2018
Schweiz 11

In Kürze

GIAN EHRENZELLER / KEYSTONE


Türkische Zeitung
bestreitet Vorwürfe
Der Inhaber der türkischen
Zeitung «Post», die ihren Sitz in
Glattbrugg hat, wehrt sich
gegen den Vorwurf der üblen
Nachrede. Er habe aus ver-
schiedenen Gründen die Ein-
stellung des entsprechenden
Strafverfahrens beantragt,
sagt sein Anwalt. Der Zeitungs-
inhaber war im letzten Januar
von der Staatsanwaltschaft
Winterthur - Unterland ange-
klagt worden, weil in der
Online-Ausgabe der «Post» ein
Artikel erschienen war, in dem
unter anderem stand, dass
mehrere türkische Vereine in
der Schweiz von der fetullahis-
tischen Terrororganisation
kontrolliert würden. Der Zei-
tungsinhaber hält fest, dass er
den Artikel nicht geschrieben
habe. Zur Frage, wer ihn publi-
ziert habe, macht er mit Ver-
Derzeit steht die SVP ein wenig verloren da. Exponenten der Volkspartei reihen sich an einer Delegiertenversammlung auf der Bühne ein. (Klosters, 24. März 2018) weis auf das Aussageverweige-
rungsrecht und den Quellen-
schutz keine Angaben. (zzs.)

Wachsende Unruhe in der SVP Beschwerde gegen


den Bundesrat
Der Aargauer Bezirksrichter
Michael Derrer hat im Zusam-
Die Zürcher Sektion sucht nach dem Wahlfiasko einen neuen Wahlkampfleiter menhang mit der Vollgeld-Ini-
tiative eine Abstimmungs-
Francesco Benini Parteimitglieder, die ob der Er- Stirnrunzeln. Nationalrat Adrian zung und beschränkte sich dabei Langhart kam vor zwei Jahren beschwerde eingereicht. Die
folgsserie der SVP bequem gewor- Amstutz, der die Wahlkampagne auf einige wenige Themen wie unter anderem auch darum ins Beschwerde richtet sich gegen
Gesucht wird eine Person, die den sind, ständig antreiben. Und 2019 auf Landesebene führen die Zuwanderung und das Ver- Amt, weil sein Mitbewerber, den Bundesrat, die National-
Energie in die Partei bringt. Die Meriten sind schwer zu erwerben, wird, sagt: «Es geht nicht um Laut- hältnis der Schweiz zur Europäi- Nationalrat Claudio Zanetti, par- bank und die kantonalen
Resultate der Gemeindewahlen weil es derzeit nicht nach einem stärke, sondern um Klarheit zu schen Union. Blocher kritisierte teiintern als Heisssporn gilt. Finanzdirektoren und wirft
waren für die SVP im Kanton Wahlerfolg aussieht. Fehlentwicklungen. Schönredner- Anfang Woche seine eigene Partei Wie unsicher die SVP derzeit diesen vor, unsachlich über die
Zürich ernüchternd – sowohl in Parteien gibt es in der Schweiz denn auch ungewohnt scharf: agiert, zeigte sich Anfang Jahr Vorlage vom kommenden
den Parlamenten als auch in Exe- Amstutz geht dazwischen mehr als genug; in diesem Chor Viele Ortssektionen seien fast auch im Stadtzürcher Wahl- 10.Juni zu informieren. (zzs.)
kutiven verlor sie viele Sitze. Der neue Wahlkampfleiter soll braucht es die SVP sicher nicht eingeschlafen – und die Zürcher kampf. Die Partei präsentierte ein
Dass die SVP im Kanton Zürich den Präsidenten der Zürcher SVP, auch noch. Ich habe darum eine Kantonalpartei gehe nicht mehr Plakat, auf dem «Saustall Stadtrat FDP-Frauen sind für
zurückfällt, nehmen die Mitglie- Konrad Langhart, unterstützen. andere Position als der Zürcher so voran, wie sie müsste. ausmisten!» zu lesen war – und
der der nationalen Parteileitung Langhart ist seit zwei Jahren Prä- Präsident. Lieber unhöflich ehr- Das ist ein Warnschuss an die zog es kurz darauf zurück, weil es
die Ehe für alle
besorgt zur Kenntnis. Im kom- sident der wichtigsten SVP-Sek- lich als höflich unehrlich.» SVP-Sektion, die Blocher während den bürgerlichen Allianzpartnern Die FDP-Frauen wollen die Ehe
menden Frühling finden in Zürich tion – aber über den Politbetrieb Der Konflikt schwelt in der SVP 26 Jahren anführte. Einige Partei- nicht gefiel. Blocher reagierte ent- auch für homosexuelle Paare
Kantonsratswahlen statt, und hinaus ist er kaum bekannt. Das seit einiger Zeit: Vielen Partei- exponenten meinen gar, Langhart geistert. Er erklärte, die Stadt- öffnen. Sie haben sich am
diese zeigen jeweils den Trend für hängt mit seiner zurückhalten- gängern ist der von Christoph solle seine Zeit als Zürcher SVP- partei hätte darlegen müssen, in- Samstag in einer Abstimmung
die nationalen Wahlen vom fol- den, konzilianten Art zusammen. Blocher vorgelebte aggressive Stil Präsident noch geniessen. Wenn wiefern der Stadtrat ein Saustall klar für einen Vorstoss ausge-
genden Herbst. Eine Partei, die im Langhart sagte am Dienstag dem im Grunde zuwider. Auf dem Blocher in dieser Art öffentlich sei. Im Übrigen sei das Plakat be- sprochen, der zurzeit im Parla-
Frühling schlecht abschneidet, «Tages-Anzeiger», es gebe in der Land, in den Gemeinderäten, rede, rolle bald ein Kopf. leidigend, und zwar für Schweine. ment behandelt wird. (dli.)
reüssiert normalerweise auch ei- Partei eine Strömung, die weniger arbeiten die bürgerlichen Par- Die Kantonalzürcher SVP hofft,
Es bleibt nicht viel Zeit
nige Monate später nicht. Provokationen und weniger teien oft reibungslos zusammen. bald einen neuen Wahlkampf- Gegen Gefahrengut
Der bisherige Wahlkampfleiter, aggressive Plakate wolle. An einer Nach Schweizer Manier sucht Es müsste also nicht nur ein ande- leiter vorstellen zu können, denn
Kantonsrat Stefan Schmid, wird Delegiertenversammlung er- man nach pragmatischen Lösun- rer Wahlkampfleiter, sondern die Kampagne für den Frühling
durch die Alpen
für die kantonalen Wahlen 2019 klärte der Parteipräsident am fol- gen. Die Angriffe auf die politi- auch ein neuer Parteipräsident des kommenden Jahres muss nun Die Alpen-Initiative fordert ein
nicht mehr zuständig sein. Ein genden Tag, wer auf Lautstärke schen Gegner fallen verhalten her. Dagegen spricht jedoch, dass geplant werden. Ein Nationalrat Verbot für Gefahrengut-Trans-
Zürcher Nationalrat wurde diese und grelle Plakate setze, nehme aus. Konfrontationen geht man die Zürcher Parlamentswahlen sagt: «Es muss jetzt etwas gesche- porte an allen Alpenübergän-
Woche angefragt, ob er das Amt die Bürger nicht ernst und werde möglichst aus dem Weg. schon in elf Monaten stattfinden. hen, wenn wir 2019 nicht in den gen. Sie hat am Samstag eine
übernehmen wolle. Er sagte ab. von ihnen nicht ernst genommen. Blocher hat die Partei aber Und gute Parteipräsidenten sind Hammer laufen wollen.» entsprechende Resolution
Wahlkampfleiter ist ein Job, der Diese Aussagen sorgen in der anders gross gemacht: Er setzte schwer zu finden; der Arbeit ist verabschiedet. (sda)
viel zu tun gibt – man muss die Leitung der nationalen Partei für auf Attacken, Polemik, Zuspit- viel, aber Lohn gibt es keinen. Kommentar Seite 15

Hochseeflotte: Grünes Die CVP-Romands mucken auf


Licht für Ermittlungen Nach dem Wahlerfolg der auch Städter anspreche. Und er mehrheitsfähig war. Doch der
ANTHONY ANEX / KEYSTONE

progressiven Genfer CVP fühlt sich seit einer Woche umso Wind hat inzwischen gedreht:
Die Bundesanwaltschaft wird desversorgung für widerrecht-
fordern Westschweizer mehr legitimiert, diese Haltung Der linke Parteiflügel spürt wie-
ermächtigt, gegen einen liche Vergaben von Bürgschaften offensiv einzubringen – unter der Aufwind. So wurde mit dem
an eine Schweizer Reederei ver- Parteiexponenten eine anderem tat er dies an der Vor- Segen von Parteipräsident Pfister
ehemaligen Chefbeamten des Kurskorrektur. Einmal mehr.
antwortlich gewesen sein. standssitzung am Freitag. Kon- Anfang Monat die christlich-
Bundes ein Strafverfahren Somit beschäftigen sich mitt- Andrea Kučera kret fordert Buchs eine klarere soziale Vereinigung gegründet,
zu führen. lerweile vier verschiedene Stellen Abgrenzung gegenüber der SVP ein Sammelbecken für die sozial-
Lukas Häuptli mit der Aufarbeitung der Affäre Acht Monate sind seit der Verab- sowie ein Einstehen für den liberalen Kräfte in der Partei.
um die Schweizer Hochseeflotte: schiedung des neuen, wertkon- Vaterschaftsurlaub, für die Lohn- Gestärkt wird der linke Flügel
In der Affäre um die Schweizer Neben der Bundesanwaltschaft servativen CVP-Leitbildes ver- gleichheit und für tiefere Kran- nicht zuletzt durch die Wahl des
Hochseeflotte darf die Bundes- führt die Berner Staatsanwalt- gangen, doch die erhoffte Trend- kenkassenprämien. Letzterem jurassischen Finanzministers
anwaltschaft gegen einen frühe- schaft Vorermittlungen gegen wende lässt weiter auf sich war- Anliegen kann Pfister problemlos Charles Juillard zum neuen Vize-
ren Kadermitarbeiter des Bundes- den Inhaber der besagten Reede- ten. Niederlage reiht sich an Nie- zustimmen, hat doch die CVP am präsidenten der CVP. Juillard
amts für wirtschaftliche Landes- rei. Diese befindet sich heute in derlage – mit Ausnahme weniger Samstag ihre Initiative für eine folgt auf den Walliser Nationalrat
versorgung ermitteln. Das Eid- Liquidation. Lichtblicke: Ausgerechnet dort, Kostenbremse im Gesundheits- Jannick Buttet, der wegen Stal-
genössische Polizei- und Justiz- Daneben haben die Geschäfts- wo der der Kurs von Parteipräsi- wesen lanciert. In den anderen king-Vorwürfen zurücktrat. Der
departement hat am 11. April prüfungskommissionen sowie – dent Gerhard Pfister am wenigs- CVP-Grossrat Bertrand Buchs. Punkten gibt es hingegen noch ei- Jurassier vertritt vor allem in Ge-
2018 die Ermächtigung für das am letzten Freitag – die Finanz- ten gut ankommt, haben die nigen Klärungsbedarf. Sukkurs sellschaftsfragen eine progressi-
entsprechende Strafverfahren er- delegation der Bundesversamm- Christlichdemokraten auf die Er- erhält Buchs unter anderem vom vere Linie als sein Walliser Vor-
teilt, wie Departements-Sprecher lung Untersuchungen zum Fall folgsspur zurückgefunden. Am der CVP zu gewinnen. «Wir sind Genfer Nationalrat Guillaume gänger. Und er will seine neue
Guido Balmer sagt. Gemäss Ge- eingeleitet. Dabei soll auch die letzten Sonntag konnte die CVP mit unserer Politik auf dem richti- Barazzone. Er gehe nicht so weit, Schlüsselposition nutzen, um die
setz ist eine Ermächtigung bei Rolle des Departements für Wirt- Genf den ersten Sitzgewinn seit gen Weg», rief er. zu sagen, die konservative Linie CVP einzumitten: Wie Buchs
Strafanzeigen gegen Bundes- schaft, Bildung und Forschung Ende der achtziger Jahre ver- Bertrand Buchs, Präsident der habe ausgedient, sagt Barazzone. strebt er weg von der wertkonser-
beamte nötig, um diese vor unbe- von Bundesrat Johann Schneider- buchen. Sie wird neu 12 Plätze im CVP Genf, sieht dies freilich «Aber ich wünschte mir, dass vativen, hin zu einer soziallibera-
gründeten Strafverfahren zu Ammann (fdp.) abgeklärt werden. 100-köpfigen Grossen Rat beset- anders: «Das Wahlresultat in Genf städtische und Umweltanliegen len Linie. Parteipräsident Pfister
schützen. Wegen des Reederei-Konkur- zen. Es ist kein gewaltiger Erfolg, zeigt, dass die konservative Linie öfters thematisiert würden.» sieht dem Powerplay der West-
Dem 71-jährigen ehemaligen ses sprach das Parlament im ver- aber einer, der der gebeutelten keinen Erfolg bringt. Es braucht Als das neue Leitbild letzten schweizer gelassen entgegen: «Es
Chefbeamten werden ungetreue gangenen Juni einen Kredit von Partei guttut. Das Ergebnis zeige, jetzt eine Kurskorrektur.» Buchs August verabschiedet wurde, ist ihre Pflicht und ihr Recht, ihre
Amtsführung und Leistungsbe- 215 Millionen Franken, um die ge- sagte Pfister am Samstag an der wünscht sich eine CVP, die statt mussten die Genfer Christlich- Meinung einzubringen», sagte er
trug vorgeworfen. Er soll im Bun- währten Bürgschaften für das Delegiertenversammlung in eines wertkonservativen einen demokraten einsehen, dass ihre am Samstag. Auf die CVP kom-
desamt für wirtschaftliche Lan- Unternehmen zu leisten. Cham, dass es möglich sei, mit sozialliberalen Kurs fährt, der Sichtweise in der Partei nicht men turbulente Zeiten zu.
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NZZ am Sonntag 22. April 2018
Der erste Kuss Rettet die Leere! Wir Verlierer

PATRICK OBERHOLZER
Ein jahrhundertaltes Eine Stadt streitet Die Dominanz des
Schauspiel 16 um einen Platz 18 Westens ist weg 20

Der Literaturnobelpreis darf nicht


abgeschafft werden

D
erzeit feiern die Oberlehrer praktisch handlungsunfähig. Es könnte also Bleibt die Kritik an der Kompetenz der
beiderlei Geschlechts wieder passieren, dass im nächsten Oktober kein Akademie. Da gilt es festzuhalten: Sie hat
einmal ihren grossen Auftritt. Literaturnobelpreis vergeben wird. Es wäre manches sehr gut, manches ordentlich und
Sie haben es, wie sie in den nicht das erste Mal seit 1901: Auch 1940 bis einiges nicht so gut gemacht. Sie hat Jahr-
Feuilletons schreiben, schon 1943 wurde er nicht verliehen. Ein einmali- hundertfiguren wie Thomas Mann, Albert
immer gewusst: Die auf ges Aussetzen wäre auch gar keine Katastro- Wir stehen Camus und Samuel Beckett ausgezeichnet.
Lebenszeit gewählten Mitglieder der Schwe- phe. Es könnte dazu dienen, die von angesichts der Grossartige Lyrikerinnen und Lyriker wie
dischen Akademie, die unter anderem den Gustav III. im Jahr 1786 gegründete Akade- Bücherflut wie Nelly Sachs, Eugenio Montale, Wisława
Literaturnobelpreis vergibt, sind fachlich mie neu aufzustellen. Der schwedische Szymborska und Joesph Brodsky, die wir
Kinder mit
Die Schwedische Akademie, die inkompetent und moralisch korrupt. Sie König Carl Gustaf hat angekündigt, die jahr-
ihrem Eimer-
sonst vielleicht gar nicht kennen würden.
pflegen ein Brauchtum, das so zeitgemäss ist hundertealten Statuten zu ändern. Ob er das Auch Yasunari Kawabata, Elias Canetti, Herta
den Literaturnobelpreis wie das Zürcher Sechseläuten, kungeln kräf- im Alleingang tun kann, ist unklar. Derlei chen am Müller und Gabriel García Márquez wird kein
vergibt, steckt in einer tiefen tig und reihen einen Fehlentscheid an den Juristenfutter wird langsam gekaut. Ozean. Doch Mensch von Geschmack und Verstand als
anderen. Deshalb sähen die Kritiker den Eine Katastrophe wäre es indes, den tradi- was hilft es, unbedeutend bezeichnen.
Krise. Es geht um Vorwürfe der Preis am liebsten abgeschafft. Peter Handke tionsreichen Preis aufgrund von Scharmüt- Natürlich gab es auch Namen, bei denen
forderte das schon 2014. zeln, wie sie in jedem Gremium von Zeit zu einfach zu das politische Engagement offenbar höher
Korruption und der sexuellen Gewiss: Die Akademie steckt in der tiefs- Zeit auftreten, ganz abzuschaffen, und zwar verzagen? gewichtet wurde als die literarische Gestal-
Belästigung. Doch die Probleme ten Krise ihrer neueren Geschichte. Den aus verschiedenen Gründen. Es handelt sich tungs- und Innovationskraft: Heinrich Böll,
Stein ins Rollen gebracht hat Sara Danius, die immerhin um den bedeutendsten Literatur- Alexander Solschenizyn, Nadine Gordimer.
sind lösbar, wenn die Akademie als «ständige Sekretärin» juristische Ermitt- preis der Welt. Er strahlt einen Glanz aus wie Und über manche Auszeichnungen mochte
neu aufgestellt wird, lungen gegen den französisch-schwedischen sonst nur die Oscars im Film. Fiebrig wird man nur den Kopf schütteln: William Gol-
Fotografen Jean-Claude Arnault in Auftrag seine Verkündigung erwartet, besonders in ding, Dario Fo, Elfriede Jelinek etwa. Im
schreibt Manfred Papst gab. Es ging um den Vorwurf der sexuellen den Hallen der Frankfurter Buchmesse. Er ist Ganzen aber hat das Gremium eine gute
Belästigung und der Korruption. Arnault ist auch ein Wirtschaftsfaktor im kriselnden Arbeit geleistet, auch wenn ihm Proust und
zwar nicht Mitglied der Akademie, wohl aber Buchgeschäft. Und dass er mit 8 Millionen Joyce entgangen sind.
seine Frau, die Lyrikerin Katerina Frosten- schwedischen Kronen (rund 923 000 Fran- Natürlich kann heute kein Einzelner mehr
son. Für die Eskapaden ihres Mannes ist sie ken) hoch dotiert ist, soll man nicht die Weltliteratur auch nur annähernd über-
nicht verantwortlich; aber sie soll einen von bemäkeln oder gar als absurd bezeichnen. blicken. Der homo universalis ist spätestens
diesem betriebenen Salon finanziell begüns- Wenn wir die Preissumme mit den Boni ver- seit Goethe eine ausgestorbene Spezies. Wir
tigt haben. Dieser Verdacht wiegt schwer. gleichen, die unsere Spitzenmanager Jahr für stehen als Leser angesichts der Bücherflut
Der Vorstoss von Sara Danius stiess bei Jahr garnieren, kommt uns die Zahl gar nicht wie Kinder mit ihrem Eimerchen am Ozean.
Mitgliedern der Akademie rund um Horace mehr so überrissen vor. Doch was hilft es, einfach zu verzagen? Es
Engdahl auf scharfe Kritik. Sie fanden, die Kultur bedeutet nicht nur Arbeit im stillen braucht gerade in dieser Situation die Bereit-
Probleme hätten nicht in der Öffentlichkeit, Kämmerlein. Sie darf und soll auch feiern. schaft und den Mut, mit den begrenzten
sondern hinter verschlossenen Türen ver- Saure Tage, frohe Feste! Im Feuerwerk und Kräften, die wir nun einmal haben, das
handelt werden müssen. Es kam zum Eklat. durchaus auch mit einem gewissen Pomp Grosse in den Blick zu nehmen.
Mehrere Mitglieder, unter ihnen Frostenson soll sie sich präsentieren dürfen, mit Frack Die Schwedische Akademie muss perso-
und Danius, erklärten ihren Rücktritt (was und Roben, Champagner und rotem Teppich. nell erneuert werden und neue Satzungen
sie de jure gar nicht könnten, aber inzwi- Es ist ein Unterschied, ob einem der schwe- erhalten. Aber in den Orkus geschickt
schen haben wir ja auch schon einen zurück- dische König vor einer feierlich bewegten werden darf sie nicht. Sie hat eine Aufgabe,
getretenen Papst). Da gegenwärtig nur noch Gesellschaft eine Medaille um den Hals legt die grösser ist als ihre Turbulenzen. Wir
11 der 18 Akademiemitglieder aktiv sind, das oder ob einen die Bank per B-Post auf die würden wegen Dopingvorfällen ja auch nicht
Quorum aber bei 12 liegt, ist das Gremium Überweisung der Preissumme hinweist. gleich die Olympischen Spiele abschaffen.

Warten ist
E
in Ausdruck zwischen Erhaben- als Architekturkenner, verkauft Produkte er an Minister und Parlamentarier geschickt
heit und Langeweile lag auf dem vom eigenen Bio-Hof, unterstützt arbeitslose hatte, um etwa zum Kampf gegen den Klima-
Gesicht des Prinzen, als er am Jugendliche. Vieles macht er gut, doch nichts wandel aufzurufen, geriet er in die Kritik.

sein Schicksal Donnerstag im vollen Ballsaal


von Buckingham Palace sass und
seiner Mutter zuhörte, die den Charles wird
mit letzter Konsequenz.
Natürlich erzielen seine Aquarelle hohe
Preise, nicht weil sie so schön, sondern weil
Eben ist wieder eine Biografie erschienen,
eine bösartige. Er schreie im Palast herum,
behandle das Personal mies. Ärgere ihn eine
Satz sprach: «Es ist mein inniger Wunsch, im November sie von Prinzenhand gemalt sind. Aber hätte Sendung, bewerfe er das Radio mit Dingen.
dass das Commonwealth entscheiden wird, 70. Er wartet er ernsthaft alle Pflichten verweigern sollen, Auch die alte Geschichte vom WC-Deckel,
Prinz Charles, Thronfolger, soll dass der Fürst von Wales eines Tages die
darauf, dass um sich bedingungslos der Malerei zu den er auf Reisen mitführe, fehlt nicht.
wichtige Arbeit fortsetzen soll, die mein widmen? Wer zum König bestimmt ist, darf Solche Anekdoten liest man gern über den
Oberhaupt des Commonwealth Vater 1949 begonnen hat.» Gattin Camilla sein Leben davor nicht wirklich etwas anderes sein. steifen Griesgram. Doch sie passen nicht
werden. Natürlich erst «zu schien sich kurz zu fragen, ob sie sich verhört endlich Wie eng die Rolle ist, zeigt sich bei politi- recht zum Eindruck, den der Prinz über all
hatte. Doch Charles neben ihr: kein Zucken. beginnt. schen Gehversuchen. Obwohl den Royals die Jahre in teilweise sehr persönlichen Auf-
gegebener Zeit»: Nach dem Tod Dabei wusste er, was in diesem Moment eigentlich keine Meinung erlaubt ist, stellte tritten hinterlassen hat. Etwa als er 1994 in
geschehen war. Die Königin hatte ihm ein Charles früh klar, er werde sich einmischen. einem Dok-Film von seiner Kindheit erzählte.
der Königin. Von Daniel Meier Amt zugehalten, und zwar eines, das nicht Doch als 2015 die Briefe publik wurden, die Mit der Mutter durfte er jeweils nur eine
vererbt wird und somit nicht automatisch an halbe Stunde am Morgen und eineinhalb am
ihn übergegangen wäre. Zuletzt war offen Nachmittag verbringen. Dass ihn der Vater,
gefordert worden, das Commonwealth solle Prinz Philip, unter dessen Härte er litt, auf ein
nicht mehr vom britischen Monarchen Internat schickte, war in Charles’ Worten «die
geführt werden, schliesslich sei die Kolonial- absolute Hölle». Als der Film entstand, waren
zeit vorbei. Dem Verbund gehören 53 Länder er und Diana getrennt, aber noch verheiratet.
an, darunter Australien, Indien und Kanada. Vor der Kamera gestand er, untreu gewesen
Das Kalkül der Königin ging auf. Die in zu sein, wobei er betonte, die Ehe sei schon
London versammelten Staatschefs folgten davor «unwiederbringlich zerstört» gewesen.
am Freitag dem royalen Wunsch. Am Abend Diana starb 1997. Charles heiratete 2005
liess Charles verlauten, er sei «tief berührt», seine Jugendfreundin Camilla.
dass er als Oberhaupt des Commonwealth Im Unterschied zur Königin stellt er sich
«zu gegebener Zeit» nachfolgen werde. bis heute häufig dem offenen Gespräch.
Zu gegebener Zeit – so lautet das Schicksal Witzig wirkt er, charmant. Als er kürzlich ein
des Prinzen. Als Elisabeth II. den Thron 1952 paar Commonwealth-Länder bereiste und
bestieg, war Charles dreijährig und trotzdem mit Ureinwohnern wieder einmal Schaber-
schon das, was er bis heute ist: Thronfolger. nack über sich ergehen liess, hielt ihm ein
Seit 66 Jahren wartet er, wobei jeder Anflug Guru ein Didgeridoo auf die Brust und blies
von Ungeduld verboten ist – das hiesse ja, hinein. Nach einer halben Minute bekundete
den Tod der Mutter herbeizusehnen. Charles: «Ich fühle mich schon besser.»
Was tut jemand, der von Kind an weiss, Selbst für einen Prinzen war diese Woche
dass es passieren kann, jederzeit oder nie? aufregend. Nun hat er also ein Amt mehr, das
Charles flüchtete sich in Betriebsamkeit. er irgendwann antreten wird. Gestern feierte
Jede Ablenkung schien ihm geeignet, die Zeit die Queen den 92. Geburtstag. Zudem wurde
des Wartens auszufüllen. Er spielt Polo, fährt bekannt, dass die Geburt des dritten Kindes
Ski in Klosters, er malt und fischt, er ging auf von William und Kate kurz bevorstehe. Und
SANDRA NIEMANN

die Fuchsjagd, als diese noch erlaubt war. Im schon im Mai heiraten Harry und Meghan.
Militär steuerte er Helikopter, er schrieb ein Charles wird im November 70. Er wartet
Kinderbuch und eins übers Gärtnern, er gilt darauf, dass sein Leben endlich beginnt.
14 Meinungen NZZ am Sonntag 22. April 2018

Jetzt kommen

ILLUSTRATION: GABI KOPP


die Kämpfe
um die richtige Showdown

Erinnerung
Claudia Mäder

F
rankreichs Uhren gehen
anders. Man weiss das schon
seit einer Weile und staunt
doch immer wieder. Dass die
SNCF ihren Fahrplan nicht
Die gesetzliche Regelung der einhält – geschenkt. Haupt-
sache, es kommt irgendwann ein Zug.

Erinnerungspolitik in Polen hat Häufig ist das nicht der Fall, aber einige
fahren noch. Ich habe jüngst einen

Vorläufer im Westen – und ist erwischt. Er brauchte zweieinhalb


Stunden für eine Strecke, die wir in
neunzig Minuten hätten zurücklegen
doch ganz anders ausgerichtet sollen, doch wer wollte sich über so
etwas beklagen? Ein bisschen Entschleu-
nigung hat schliesslich noch keinem
unter den Opfern. Die neunziger Jahre hatten dieses verständliche Anliegen weit hinaus: geschadet – wenn schon nicht mit 52 in
gezeigt, dass es für Kollektive politisch und Während diese früher Opfer vor Lügen Rente, dann wenigstens bis 42 kein
finanziell interessant sein konnte, zu ihnen schützten, nehmen sie in Polen tendenziell Kollaps, das sagte ich mir und lobte
zu gehören. Vergangenes Unrecht konnte Täter vor der Wahrheit in Schutz. Sie zielen das langsame Leben.
eingeklagt werden, weil viele Staaten die nicht auf historische Wahrheit, der sich die Dass es jenseits der Gleise ganz zum
Sünden der Vergangenheit reparieren woll- Während Geschichtswissenschaft über methodische Stillstand kam, fand ich dann aber doch
ten. Das sollte eine demokratische und die Gesetze Forschung und deren Kritik annähert, son- allerhand. Bei unseren Nachbarn streiken
Thomas Maissen rechtsstaatliche Zukunft in einer zusammen- früher Opfer dern verteidigen die kollektive «Ehre unserer nämlich nicht nur die Eisenbähnler, son-
wachsenden globalisierten Welt ermög- Vorfahren». Dazu werden polnische Indivi- dern auch die Taxifahrer. Zumindest
vor Lügen

A
lichen, in der jede Nation letztlich Minder- duen, die als Gerechte unter den Völkern sonntags. Und feiertags. Das ist ja das-
rtikel 261 bis des Schweizer Straf- heit und auf Schutz angewiesen war. Der schützten, Juden gerettet haben, als Helden für die selbe – Madame weiss das jetzt und wird
gesetzbuchs bestraft, wer «Völker- Holocaust und das daraus abgeleitete «Nie nehmen sie ganze Nation reklamiert. Über diejenigen es ihrer Lebtage nicht mehr vergessen: In
mord oder andere Verbrechen wieder» wurden zu einem Gründungs- und in Polen Polen hingegen, die sich am Holocaust betei- einem christlichen Land fahren am Oster-
gegen die Menschlichkeit leugnet, Begründungsnarrativ für supranationale tendenziell ligt haben, soll nicht oder allenfalls als Ein- montag keine Taxis. Am Ostermontag
gröblich verharmlost oder zu rechtfertigen Zusammenarbeit vor allem in der EU. Damit zelfälle geredet werden, die mit der polni- gehen die französischen Taxifahrer in die
sucht». Solche Gesetze bezwecken den wurde der Holocaust tendenziell entgerma- Täter vor der schen Nation nichts zu tun haben. Messe. Nach der Messe verspeisen sie ein
Schutz von Minderheiten gegen herabset- nisiert: Alle europäischen Völker waren als Wahrheit in Die nationalistische Umnutzung der Erin- Osterlamm. Und nach dem Lamm legen
zenden Negationismus und hate speech. Täter, Nutzniesser oder als duldende Schutz. nerungsgesetze hat Vorläufer. Ein inzwi- sie sich hin. So erklärte es mir der Mon-
Wegweisend war die französische «Loi Gays- Zuschauer daran beteiligt, mussten deshalb schen revidiertes französisches Gesetz sieur, dessen Nummer ich am Taxistand
sot» von 1990, welche die Leugnung von frühere Opfer entschädigen und verhindern, schrieb 2005 die «positive Rolle» der franzö- in mein Telefon getippt hatte. Nächsten-
Verbrechen gegen die Menschenrechte unter dass Menschenrechtsverbrechen sich wie- sischen Kolonialpolitik fest. Ein russisches liebe? Fehlanzeige. Keine zehn Pferde
Strafe stellte. Wie beim Schweizer Antirassis- derholten, etwa in Kosovo. Gesetz von 2014, das den respektlosen hätten den Christen von seinem Lamm
musgesetz schützte dies vor allem die jüdi- Aus dieser Logik sind die Polen mit ihrem Umgang mit der (militärischen) Erinnerung weggebracht, und eine einzelne Frau
schen Opfer des Holocaust, die internatio- jüngsten Gesetz ausgebrochen. Polen will bestraft, trifft konkret diejenigen, welche die stand da folglich auf völlig verlorenem
nale Gerichte bereits definiert hatten. Spä- kein Tätervolk sein, sondern tritt in Konkur- Eroberung Polens als koordinierte Aktion Posten. Einzig der Mammon vermochte
tere französische Erinnerungsgesetze aner- renz zu den jüdischen Opfern (von denen von Hitler und Stalin bezeichnen. An deren den Katholiken zuletzt an den Bahnhof zu
kannten 2001 den Genozid an den Arme- drei Millionen polnische Bürger waren). Pakt erinnert aber ein offizieller Gedenktag locken: Flugs war ein Sonn- und Feier-
niern sowie die Sklaverei als Verbrechen Polen verweigert sich der moralischen Hand- der EU für die Opfer der Totalitarismen, vom tagszuschlag ersonnen, die Messkollekte
gegen die Menschlichkeit. Das Parlament lungsanweisung à la: «Wir haben die Lektion Opferstaat Polen nicht zu reden! Viele (inter-) für die nächsten Jahrzehnte gesammelt
definierte so neue schützenswerte Opfer- des Weltkriegs gelernt und nehmen deshalb nationale Kriege der Erinnerungskulturen und der Mann so selig, dass er mir am
kategorien und geschichtliche Wahrheiten, Kriegsflüchtlinge aus Syrien auf.» Die «deut- dürften uns bevorstehen. Schluss sogar eine Visitenkarte schenkte:
es konkurrenzierte Historiker und Richter. schen Konzentrationslager in Polen» werden Le Taxi vert, 24h/24, 7j/7. – Eben: Frank-
Solche Gesetzgebungen gehorchten per Dekret gleichsam regermanisiert. Doch Thomas Maissen ist Direktor des Deutschen reichs Uhren gehen anders.
zugleich einer anderen Konkurrenz, nämlich die Erinnerungsgesetze schiessen über Historischen Instituts Paris.

Medienkritik Grenzerfahrung

Warum Artikel löschen ein Fehler ist Abschied eines Populisten


Anonyme Zitate zählt man übrigens genau Chefs zu rebellieren. Und Stauffer ging ein-
zwei. Viel häufiger hat der Autor aus Lebru- deutig einen Schritt zu weit, als er die Parole
ments Biografie zitiert. «Null Grenzgänger» lancierte. In seiner
Den grössten Fehler in dieser Causa hat Gemeinde Onex wurde er darauf als Bürger-
nicht der Autor gemacht, sondern der Prä- meister abgewählt. Das MCG wollte ihn nicht
sident. Denn die Botschaft, die das Medien- mehr als Präsidenten. Stauffer schlug belei-
haus mit der Löschung des Artikels aus- digt die Tür zu, säte Zwietracht und gründete
sendet, lautet: Ja, wir gehen in die Knie, eine rivalisierende Partei: Genève en marche.
Michael Furger wenn jemand Druck macht. Wir löschen
Yelmarc Roulet Stauffers neue Partei wurde letzten Sonntag

W
auf Befehl. Der Fall Lebrument könnte bei schon im Keim erstickt, die alte verlor die
Es habe, heisst es bei Tamedia, an journa- Tamedia zu einem Präzedenzfall werden age ich es zu sagen, dass ich ihn Hälfte ihrer Sitze. Was er einst gross gemacht
listischer Qualität gefehlt. Gemeint war ein für jeden verärgerten Porträtierten. Bitte noch vermissen werde? Mit hatte, liegt am Boden. Wegen ihm.
Porträt über den Ostschweizer Verleger entfernen, liebe Tamedia, ich bin nicht seiner grossen Klappe, seiner Aber kann einer wie er einfach verschwin-
Hanspeter Lebrument, das kürzlich im zufrieden. Das wäre noch halbwegs erträg- Vulgarität, seinen nach hinten den? Einer, der sich nicht nur unerträglich
«Tages-Anzeiger» erschien. Bald darauf lich, wenn es nicht um den grössten gekämmten Haaren, seinem Siegelring so verhielt und die Institutionen anzweifelte,
verschwand der Text aus den Archiven. Auf Die Botschaft, Medienkonzern des Landes ginge. gross wie sein Ego? Eric Stauffer hatte sich sondern manchmal auch gute Fragen über
der Website wurde er ebenso gelöscht wie die das Vielleicht stehen in diesem Artikel tat- und seinen raumgreifenden Charakter in den das Funktionieren der Republik stellte? Es ist
in der Schweizerischen Mediendatenbank. Medienhaus sächlich falsche Informationen, vielleicht letzten 15 Jahren fest in der politischen jedenfalls nicht das erste Mal, dass er seinen
Dafür gibt es erstens einen Grund, zwei- wird eine Krise herbeigeschrieben, die Landschaft installiert. Wie können wir ohne Rückzug aus der Politik verkündet. Oder
tens eine Ausrede, und es gibt drittens eine
mit der keine ist. Vielleicht erfüllt der Text den ihn, den König der Genfer Populisten, wei- nimmt er nun tatsächlich sein altes Wander-
Konsequenz. Der Grund: Lebrument ist mit Löschung des Tatbestand des unlauteren Wettbewerbs. termachen? leben wieder auf? Nachdem er mit 14 Jahren
Pietro Supino befreundet, dem Verwaltungs- Artikels Alles möglich, aber kein Grund für die Nach den Genfer Wahlen vor einer Woche, die Schule verlassen hatte, tätigte er
ratspräsidenten von Tamedia. Die «Welt- aussendet, totale Textvernichtung. Denn wenn etwas die zur Katastrophe wurden (für ihn und für Offshoregeschäfte auf Mauritius, führte
woche» schreibt, Supino habe die Löschung falsch ist, möchte man als Leser gerne die ganze Klasse der Unzufriedenen), kün- geheime Missionen für die Schweizer Armee
beschlossen. Die Ausrede ist die angeblich
lautet: Ja, wir wissen, was. Für Fehler oder ungerechtfer- digte der 53-jährige Politiker die Auflösung durch, handelte allerlei Waren, besass eine
fehlende Qualität. Der Journalist habe nicht gehen in die tigte Kritik kennen Medien von jeher seiner nigelnagelneuen Partei an und auch Bar im Genfer Rotlichtviertel und lernte auch
mit Lebrument gesprochen und anonyme Knie, wenn andere und vor allem wirkungsvollere seinen Rückzug aus der Politik. Konkurs, Schulden und Gefängnis kennen.
Quellen zitiert, heisst es. Es ist eine Ausrede, jemand Druck Instrumente: eine Gegendarstellung etwa, Vor fünf Jahren war er noch ganz oben Seit seiner Abwahl stellt Stauffer sich tot,
denn das Porträt ist kritisch, ja. Aber dass macht. ein Korrigendum oder ein Entlastungs- gewesen. Sein Mouvement Citoyens Gene- geht nicht mehr ans Telefon. Aber was wird
Porträtierte für ein Porträt zwingend persön- interview mit dem Kritisierten. vois (MCG), das er 2005 gegründet hatte, war in Zukunft sein? Der Genfer Populismus hat
lich befragt werden müssen, ist keine allge- Die Löschung indes ist eine Kapitulation. mit 20 Sitzen die zweitgrösste Partei im Kan- eine lange Geschichte, und die sozialen Pro-
meingültige Regel. Wenn das so wäre, Übrigens nicht nur des Verlags, sondern tonsrat geworden. Eingehüllt in die rot-gol- bleme, die ihn angetrieben haben, sind bei
könnte man Artikel über Konzern-CEO oder auch des Porträtierten. Denn mit einer dene Genfer Fahne und unter triumphieren- weitem nicht gelöst. Stauffer mag zwar weg
umstrittene Fussballtrainer weitgehend Löschung verstärkt sich der Verdacht, es dem Freudengeheul trugen ihn seine Leut- sein, der Slogan «Alles faul!» dürfte weiterhin
vergessen. Kommt dazu, dass ein paar Zitate gäbe an diesem Artikel gar nichts zu korri- nants zur Bekanntgabe der Wahlergebnisse. schöne Tage vor sich haben.
von Lebrument den kritischen Tenor des gieren. Man wolle einfach nur etwas Unan- Wie sich bald zeigte, waren die MCG-Ab-
Textes auch nicht geändert hätten. genehmes verschwinden lassen. geordneten aber auch stark genug geworden, Yelmarc Roulet ist Inlandchef der Zeitung
um gegen die diktatorische Führung ihres «Le Temps» in Lausanne.
NZZ am Sonntag 22. April 2018
Meinungen 15

Chappatte

Europa
Bonne Chance,
Monsieur le Président!
Der Mann hat einen Plan und die nötige Energie –aber er
kommt derzeit ziemlich schlecht an: Emmanuel
Macron. Sein Versuch, die europäische Währungsunion
zu stärken und dafür die Unterstützung von Angela
Merkel zu erhalten, ist diese Woche in Berlin einmal
mehr ins Leere gelaufen. So wie die deutsche Regierung
begegnen auch weite Teile der europäischen Medien-
öffentlichkeit dem umtriebigen französischen Präsiden-
ten: Man lässt ihn routiniert abblitzen. Selbst seine
Ambition, die verkrusteten Strukturen der Staats-
bahnen aufzubrechen und dafür einen harten Kampf
mit den Gewerkschaften auszutragen, wird mit bemer-
kenswerter Süffisanz kommentiert. Macron gehe mit
seinen Reformen zu wenig weit, heisst es etwa. Nun
kann man über seine Ideen denken, was man will. Viel-
leicht sind sie nicht ausgereift, möglicherweise führen
die Pläne für einen Euro-Finanzminister und einen
Euro-Zonen-Haushalt in die falsche Richtung. Aber im
Gegensatz zu den meisten anderen Regierungen hat er
klare Vorstellungen – auch solche, die über die engen
innenpolitischen Perspektiven hinausgehen, die überall
en vogue sind. Aus Berlin etwa kommt bis dato nichts,
was nach einer Idee für die EU aussieht; die Nordeuro-
päer sind stumm, Rom ist blockiert. So gesehen kann Der externe Standpunkt
man Macron nur eines wünschen: Bonne Chance! (lzb.)

SVP Einst hatten nur Serientäter ein Profil,


Auf drängende Fragen gibt die
Volkspartei keine Antworten heute pflegen wir alle eines
Die SVP verliert derzeit nicht nur in den Städten, son-
dern auch auf dem Land Wähleranteile. Die Themen, Unsere digitale Kultur erinnert oft an Verfahren der Kriminalistik. Der
auf die sich die Partei seit geraumer Zeit beschränkt,
sind nicht im Schwange. Die Zuwanderung in die
Grund dafür liegt aber nicht in der Technik, sondern in der Entwicklung
Schweiz ist rückläufig. Und es verbreitet sich die des Arbeitsmarkts der letzten Jahre, meint Andreas Bernard
Erkenntnis, dass das Land nur schon auf Zuwanderer

E
angewiesen bleibt, weil fortan mehr Menschen pensio-
s gehört zu den Eigenheiten der Anpreisung von Produkten orientieren. Dass schaft» jüngst von der «wettbewerblichen
niert werden, als Junge in den Arbeitsmarkt eintreten. digitalen Kultur, dass ihre Verfahren die Lehren kriminalistischer Erfassung heute Individualität» der Gegenwart gesprochen.
Zweitens kann man im Europa-Dossier nicht von einem der Selbstpräsentation und Selbst- vom Marketing aufgegriffen werden, zeigt Der Wille zum Eigenmarketing ist nicht
Souveränitätsverlust der Schweiz reden, solange nicht erkenntnis auffallend häufig auf etwa die Geschichte des Begriffs des Profils: allein eine Konsequenz neuer Medientech-
Methoden zurückgehen, die in der Krimino- Methoden zur Identifikation von Tätern, nologie. Er wird zwar von den Formaten
klar ist, was in einem Rahmenabkommen mit der EU logie und Psychiatrie seit dem Ende des vom FBI Ende der siebziger Jahre ausgearbei- dieser Technologie verstärkt, aber die Not-
steht. Blocher empört sich auf Vorrat, die Sympathisan- 19.Jahrhunderts erdacht wurden. tet, werden heute zur Identifikation von wendigkeit, das eigene Selbst fortwährend in
ten der SVP aber nicht. Sie sorgen sich vielmehr um die Das sogenannte Profil, in den sozialen Konsumenten genutzt. Charakteristisch für Evaluierungslagen zu bringen, hat im letzten
Netzwerken heute unbestritten der Ort der die digitale Kultur ist aber, dass diese Ver- Vierteljahrhundert genauso mit ökonomi-
unablässig steigenden Krankenkassenprämien und um Selbstdarstellung, entstand als «psychiatri- fahren nicht allein von Konzernen oder schen Gründen zu tun: mit massiven Umstel-
die Sicherung der Altersvorsorge. In diesen Bereichen sches Profil» von Internierten oder als Agenturen auf potenzielle Kunden angewen- lungen im Aufbau von Unternehmen und auf
hört man von der SVP eher wenig – was wohl auch damit «Täterprofil» von Verbrechern. det werden; es besteht vielmehr eine ausge- dem Arbeitsmarkt, wie sie spätestens seit
Die Selbstortung auf dem Smartphone, prägte Bereitschaft zum Eigenmarketing. den achtziger Jahren in Westeuropa und den
zu tun hat, dass unter ihren Anhängern die Skepsis
ohne die kein Pokémon-Go-Spiel und keine Die Nutzer der sozialen Netzwerke sind USA stattgefunden haben. Konstante
gegenüber Strukturreformen ähnlich verbreitet ist wie Registrierung bei Uber, Yelp oder Tinder Werber und beworbenes Produkt zugleich. Erwerbsbiografien werden durch eine brü-
im linken Lager. Wenn eine Partei keine Antworten auf möglich wäre, nutzt eine Technologie, Marketingstrategische Zugänge zum eigenen chige Kette temporärer, einsatzbezogener
die Themen findet, die den Menschen unter den Nägeln die bis vor zehn Jahren hauptsächlich im Selbst erzeugen keinen Riss mehr im zeit- Verträge verdrängt.
Zusammenhang mit der elektronischen genössischen Menschenbild. Das zeigt sich In der regelmässig wiederkehrenden
brennen, fällt sie zurück. Polemik gegen gewählte Fussfessel bekannt war. etwa daran, wie selbstverständlich heute Bewährungssituation des Projektmitarbei-
Volksvertreter, die Blocher nun als «Gaunersyndikat» Und die Bewegung, die sich «Quantified Formen der Bewertung und des Ratings in ters gehören Verfahren der Selbstdarstellung
bezeichnet, kann das Defizit nicht überdecken. (be.) Self» nennt, setzt zwecks Steigerung des Kommunikationsweisen eingebunden sind. und der Evaluierung zu den unerlässlichen
Wohlbefindens auf die permanente Vermes- Der Soziologe Oliver Nachtwey hat in seinem Massnahmen. Dass sich etwa das blühende
sung des eigenen Körpers per Smartphone. eindringlichen Buch «Die Abstiegsgesell- Genre der Bewerbungsratgeber seit den
Es zeichnet Körperströme auf, die einst die neunziger Jahren und die digitalen Business-
Bahnen Entwicklung des Lügendetektors voran-
brachten.
foren wie Xing und Linkedin auf das Profil
der Arbeitssuchenden fokussieren, muss
Andreas Bernard
Wettbewerb auf Schmalspur Woran liegt es, dass Geräte und Verfahren,
die bis vor kurzem in erster Linie Verbrecher
genau in diesem Zusammenhang verstanden
werden. Das Profil ist der unentwegt nach-
und Wahnsinnige dingfest machen sollten, zuziehende Knotenpunkt der «wettbewerb-
Man nehme eine Staats- und eine Kantonsbahn, gebe heute als Vehikel der Selbstermächtigung lichen Individualität». In dem Masse, in dem
gelten? Diese Frage stellt sich, wenn man stabile Festanstellungen abgelöst werden
der kleineren zwei Linien, die kaum rentieren, und
sich anschaut, wie sich die Leute im digitalen durch befristete, immer wieder neu zu ergat-
begrenze dafür den Gewinn der grösseren. Nur schon Raum präsentieren. Die gegenwärtigen Tech- ternde Projektlaufzeiten, in dem Masse
diese knappe Zusammenfassung zeigt: Was sich der niken der Datenerfassung waren lange Zeit erhöht sich die Notwendigkeit des sorgsam
Bund derzeit unter Wettbewerb im Fernverkehr vor- für polizeiliche oder wissenschaftliche Auto- gepflegten Profils, das bei der nächsten
ritäten reserviert. Heute braucht sie jeder Bewerbung den Ausschlag geben kann.
stellt, ist nicht ausgereift. Unter den derzeitigen Bedin- Nutzer eines Smartphones oder sozialen Die digitale Medientechnologie und die
gungen hat erstens die kleine BLS keine Chance, zum Netzwerks. Die biografischen Signalements, Entwicklung des Arbeitsmarkts gehen also
ernsthaften Herausforderer der SBB aufzusteigen. Und GPS-Sender und am Körper installierten Andreas Bernard, 48, ist Professor für seit einem Vierteljahrhundert eine Verbin-
Messgeräte werden allerdings nicht mehr als Kulturwissenschaften am Centre for Digital dung ein, die dafür sorgt, dass Formate wie
es bleibt zweitens vage, wofür die Bahnen und vorab die Erkenntnisinstrumente des Verdachts wahr- Cultures der Leuphana-Universität Lüne- das Profil – entstanden als Instrument der
SBB ihre vermeintlichen Gewinne nutzen sollen: Um die genommen, sondern spielerisch und – vor burg. Im Herbst 2017 ist sein Buch «Kom- Disziplinierung und Normierung – heute in
Tarife für die Kunden zu senken? Um die Steuerzahler allem – ökonomisch genutzt. plizen des Erkennungsdienstes: Das Selbst erster Linie als freiwillig erstellte Verfahren
Die allgemeine Bereitschaft, jederzeit in der digitalen Kultur» (Verlag S. Fischer) angesehen werden, die unsere Attraktivität
beim Finanzieren des Unterhalts zu entlasten? Um in
sichtbar und quantifizierbar zu sein, bringt erschienen. Sein Text hier beruht auf Über- und unsere soziale Eingebundenheit garan-
bessere Qualität zu investieren oder die Schuldenberge dabei Formen hervor, wie sich das Selbst legungen aus diesem Buch. tieren. Wir sind zu Komplizen des Erken-
abzubauen? Noch fehlt dazu ein konzises Konzept. (dli.) präsentiert, die sich immer wieder an der nungsdienstes geworden.
16 Meinungen NZZ am Sonntag 22. April 2018

51 Prozent Alles, was Recht ist

Der erste Kuss Die Kürze


Seit der Frühling ausgebrochen ist, Und gerade als ich mich frage, ob eine liegt Juristen
kommen sie jeden Abend. Vielleicht dürfen
sie da, wo sie zu Hause sind, nicht zusam-
men gesehen werden. Vielleicht ist er
meiner Töchter in diesem Moment auch
irgendwo die erste Liebe aufführt, ob sie
flirtet und brav wartet, bis er das Zeichen
gar nicht
Muslim und sie Christin, oder umgekehrt. zum zweiten Akt gibt, steht die junge Frau
Vielleicht wohnen sie mit vielen Geschwis- Die Requisiten im Hof entschlossen auf, hebt die Arme, um
tern und ohne Privatsphäre. Oder sie wollen und Kostüme sich die Haare zum Rossschwanz zu binden,
Nicole Althaus ganz einfach nicht, dass jemand weiss, dass haben sich in im Wissen, dass das kurze T-Shirt den Blick
sie die Rolle in einem uralten Stück einüben, auf ihre schlanke Taille freigibt. Prompt legt
all den Jahren

S
das zu dieser Jahreszeit gehört, wie die Blü- der junge Mann sein Handy beiseite, zieht sie
ie kommen aus der entgegengesetz- tenpracht an den Bäumen: «Der erste Kuss». verändert, die an den Hüften zu sich auf den Schoss und
ten Richtung, abends, wenn die letz- Jeden Abend beginnen sie von vorn, als Hauptrollen küsst sie. Hinterher kichern beide, und sie
ten Kinder zum Essen gerufen hätte es ein Gestern nicht gegeben. Sie aber sind exakt muss sofort etwas in ihr Handy tippen.
Markus Felber

E
worden sind und der Hof bis auf ein setzen sich auf die Bank, er breitbeinig, sein dieselben Es war ein kurzer Kuss nur. Aber für einen
Velo am Boden verlassen dasteht. Von Knie berührt das ihre, sie macht sich schmal, Augenblick fielen die beiden aus der Rolle,
weitem müssen sie sich sehen, der junge die Blicke ruhen auf den Smartphones, in geblieben. vergassen, dass er der Held sein musste und igentlich wäre es um ein Kind
Mann und die junge Frau, aber jeden Abend denen die ganze Welt steckt, die sie teilen. sie eine Angebetete. Sie hingen einander gegangen, das von der Schule
tun sie so, als begegneten sie sich rein zufäl- Sie scrollt, streckt ihm das Display unter die selbstvergessen an den Lippen, und es war ausgeschlossen wurde, weil
lig. Er schlendert langsam und breitbeinig Nase, er nickt. Er sagt was, sie lacht. Er sagt egal, woher sie kamen, was sie glaubten und es nicht gegen Masern
den Kiesweg entlang, scheinbar vertieft in was, sie nickt. Er sagt was, sie dreht sich eine dass die Verführerin den Macho führte. geimpft war. Doch im Urteil
das Telefongespräch mit einem Kumpel, und Haarsträhne um den Finger. Sie sagt was, er Wenn der Hof kein Hof, sondern eine Bühne des Bundesgerichts steht so
jedes Mal wenn er etwas zu laut lacht, rückt guckt auf sein Handy und tippt. gewesen wäre, hätte ich «Bravo!» gerufen gut wie nichts von Kinderkrankheit, weil
er seinen übergrossen Kapuzenpulli zurecht Die Requisiten und Kostüme haben sich in und geklatscht. Es war ein uraltes Stück das St. Galler Verwaltungsgericht gar
mit einer nachlässigen, aber effizienten all den Jahren verändert, die Hauptrollen zwar, das die beiden da unten aufführten, nicht auf die Beschwerde eingetreten war,
Bewegung, die er vor dem Spiegel eingeübt aber sind exakt dieselben geblieben, denke aber auch in der x-ten Wiederholung noch so mit der die Eltern den Schulausschluss
haben muss. ich. Zu meiner Zeit trugen die Julias ein ergreifend wie der erste Frühlingsmorgen, anfochten.
Sie wirft alle paar Schritte mit der linken Stirnband und einen Walkman, in dem die an dem sich die zarten Blüten öffnen. Diese sei weitschweifig, befanden die
Hand ihr langes Haar über die Schulter und gemeinsame Welt steckte. Der Romeo kam Als er sich in die eine Richtung aufmacht kantonalen Richter und verlangten, dass
scrollt mit der rechten über ihr Smartphone, mit dem Töffli zum Treffpunkt, und sei es und sie in die andere, wirft sie noch einmal die 57 Seiten um vier Fünftel gekürzt
damit er sehen kann, dass sie nicht nach ihm bloss für 50 Meter. Aber wie die beiden Teen- verstohlen einen Blick zurück. Dann erinnert würden. Die ohne Anwalt prozessieren-
Ausschau hält. Und wenn sie dann in der ager im Hof spielte er den Helden und sie sie sich wieder an die seit Jahrhunderten den Eltern lieferten eine verbesserte
Nähe der Bank bei der Schaukel unter den seine Angebetete. Und das so herzzerreis- festgeschriebene Rolle, geht weiter und wirft Version ab, doch die umfasste immer
Kirschbäumen aufeinandertreffen, nicken send unbeholfen, wie es nur Pubertierende sich das lange Haar über die Schulter. noch 30 Seiten. Und auch das nur, weil
sie sich verlegen zu, wissen nicht wohin mit hinbekommen. Nichts als ungelenkes gut 20 Seiten kurzerhand in den Anhang
den Augen, umarmen sich kurz, noch mit Wachstum, plumpe Klischees und über- Nicole Althaus ist Chefredaktorin Magazine verschoben worden waren.
den Smartphones in ihren Händen. dimensionierte Coolness. bei der «NZZ am Sonntag». In der Folge trat das kantonale Gericht
auf die Sache nicht ein, wurde dann aber
vom Bundesgericht mit interessanter
Begründung gerüffelt: Wie viele Seiten
Die E-Mail-Debatte für eine Beschwerde erforderlich seien,
könne man gar nicht wissen, bevor man
sich selber eingehend mit dem Dossier

«Auch im Internet braucht es Grenzen,


befasst habe. Und auch den Trick mit dem
Verschieben der Seiten in den Anhang
wurde in Lausanne abgesegnet: Die
Richter brauchten die verschobenen

wenn sie nötig sind»


Seiten ja gar nicht zu lesen, wenn sie nicht
relevant seien...
Das Bundesgericht unterstreicht, dass
die Beschwerde von Laien eingereicht
wurde, und lässt damit durchblicken,
dass patentierte Rechtsanwälte nicht mit

Was bringt das Geldspielgesetz? Sicherheit und Geld für Gemeinnützigkeit, sagt
so viel Nachsicht rechnen dürften. Tat-
sächlich haben aber auch Anwälte kaum
zu befürchten, dass ihnen eine aus-
Gerhard Pfister. Nein, Netzsperren und ein Oligopol, findet Balthasar Glättli schweifende Rechtsschrift aus Lausanne
zur Verbesserung zurückgeschickt wird.
Balthasar Glättli jährlich etwa 250 Millionen Schweizerfran- Sport haben es die Grünen ja meistens nicht Vermutlich wollen die Richter sich nicht
Geschätzter Kollege, es könnte doch noch
Debattierer ken der Gemeinnützigkeit. Nur weil man im so. Aber gegen Kulturförderung zu sein, mit den Genen anlegen, die sie selber in
spannend werden am 10.Juni. Sogar die FDP, Internet Dinge tun kann, die man bisher passt schon nicht ganz zu Ihrem Profil. sich tragen. Denn Juristen ist es generell
die das Geldspielgesetz im Parlament mit der nicht tun konnte, heisst das nicht, dass man nicht in die Wiege gelegt worden, sich
Mehrheit breit angenommen hatte, fasste diese Dinge auch tun darf oder soll. Balthasar Glättli konzis und damit gewissermassen eng-
nun die Nein-Parole. Für Sie eine Katastro- Nicht nur Kultur, auch Sport ist o.k. für mich schweifig auszudrücken. Was eigentlich
phe oder doch eher ein bewundernswerter Balthasar Glättli – wenn ich ihn nicht selbst betreiben muss! erstaunt, denn das französische Wort für
Lernprozess? Hinter diesem Verfassungsauftrag stehe ich Aber zur Sache: Kulturschaffende und Recht lautet «droit», und das steht für die
voll. Relevant ist bei einem Online-Kasino Sportfunktionäre legen sich tatsächlich kürzeste Verbindung zwischen Punkt A
Gerhard Pfister genau dies: Spielerschutz, Abgabe an die mächtig für ein Ja ins Zeug, als gäbe es sonst und Punkt B – auch gedanklich!
Geschätzter Kollege, weder noch. Ich bin AHV. Und Erfüllung der Geldwäschereinor- kein Morgen. Doch sie täuschen sich. Oder
selbst auch sehr skeptisch gewesen, ob die men. Und nicht, ob der Antrag von einem sie täuschen die Stimmberechtigten. Bei Markus Felber war NZZ-Bundesgerichts­
Einführung von Netzsperren nicht eine zu Balthasar Glättli, 46, bisherigen Schweizer Kasino gestellt wird. einem Nein bleibt ja die heutige Gesetzes- korrespondent.
grosse offene Flanke bildet, um in einem ist Nationalrat der Zudem: Mit der Netzsperre werden nicht lage. Lotterieerträge kommen dann weiter-
Referendum zu bestehen. Wir werden sehen. Grünen aus dem ausländische Anbieter technisch ausge- hin der Kultur, dem Sport und weiteren
Die CVP hat gestern Samstag ihre Parole Kanton Zürich und sperrt, sondern inländischen Spielern wird gemeinnützigen Zwecken zugute. Swisslos
gefasst. Wir haben diese Debatte vorher seit 2013 Fraktions­ technisch der Besuch ausländischer Ange- ist zudem mit Lotto und Toto schon heute
geführt, aber ich wage die Wette, dass die chef. Er führt eine bote erschwert – obwohl dies den Spielern online präsent. Ganz legal. Vielleicht nicht so Strittis Schlagzeile
CVP bei ihrer Unterstützung bleibt. Ich Einzelfirma für Kam­ weiterhin nicht verboten ist. Normalerweise attraktiv... aber das sind Hausaufgaben.
unterstütze das Gesetz ebenfalls. pagnenberatung und reguliert ein Gesetz, was man darf und was 63 Millionen Franken Mindereinnahmen
Webdesign. nicht, und nicht, was man tatsächlich tun gibt’s zudem für Bund und Kantone wegen Zum diplomatischen Streit nach dem
Balthasar Glättli können sollte. Hier aber schreibt das Gesetz der Steuerbefreiung der Lottogewinne bis zu Giftanschlag in Grossbritannien.
Ihre Wette auf die Parole der CVP-Delegier- den Internetprovidern vor, wie sie Schweizer einer Million Franken. Mehrerträge erhoffen
ten, das passt jedenfalls zum Thema! Und ich Spieler an etwas überdies Erlaubtem zu hin- können sich beim Ja eigentlich nur die
fürchte, Sie gewinnen sie. Sonst aber gewin- dern versuchen müssen. Mit einem Bild: Kasinos, die online gehen können. Doch ihre
nen bei einem Ja zum Geldspielgesetz nur Statt dass ein Verbotsschild aufgestellt wird Spielbankabgaben, die gehen in die AHV und

Spiez
wenige. Nämlich die – durchaus nicht nur an einer Strasse schreibt das Gesetz ein rosti- nicht in die Kultur. Würden Rentner für die
einheimischen – Aktionäre der Schweizer ges Nagelbrett vor, um die legale Einfahrt zu Kasinos demonstrieren, das hätte inhaltlich
Kasinos. Diese erhalten neu die Möglichkeit, erschweren. wenigstens eine Logik. Bei den Kultur-
ihre Spiele auch online anzubieten. Konkur- schaffenden dagegen fürchte ich, dass einige

entlarvt
renz aus dem Ausland wird ausgeschlossen, Gerhard Pfister von ihnen vorab den Boden für Netzsperren
mit dem problematischen Instrument der Ich stelle nicht in Abrede, dass das Problem im Urheberrechtsgesetz bereiten wollen.
Netzsperre. Bewilligungen sollen nur die Gerhard Pfister, 55, nicht ganz einfach zu lösen ist. Aber Sie Politisch clever. Aber nicht eben redlich
bereits bestehenden Kasinos erhalten. Ein ist Nationalrat der müssen doch auch zugeben, dass ohne eine gespielt.
bequemes Oligopol!

Gerhard Pfister
Wenn wir sicherstellen wollen, dass weiter-
CVP aus dem Kanton
Zug und seit 2016
Präsident der CVP
Schweiz. Er engagiert
solche Regelung der finanziellen Unterstüt-
zung für viele Kulturprojekte der Boden ent-
zogen wird. Der Status quo verbietet den
Schweizer Kasinos weiterhin, ihre Spiele
Gerhard Pfister
Bei einem Nein bleibt zwar das heutige
Gesetz, aber der Geldabfluss ins Ausland
Moskau.
hin der Verfassungsauftrag erfüllt ist, näm- sich in Führungs­ online anzubieten. Ein Nein zu diesem ohne Nutzen für Gemeinwohl, Kultur und
lich dass Erlöse aus dem Geldspiel der gremien von Gesetz verhindert, dass Schweizer Lotterie- Sport geht ungehindert weiter. Es werden
Gemeinnützigkeit zukommen, dann kommt Privatschulen. gesellschaften ein wettbewerbsfähiges Ange- dann bald mehr als 250 Millionen Franken
man nicht umhin, auszuschliessen, dass bot für Sportwetten machen dürfen. Es geht sein, die die Schweiz verliert. Das will das
Umgehungsmöglichkeiten für ausländische darum, dass die Schweizer Anbieter ihren Geldspielgesetz stoppen. Auch im Internet
Anbieter bestehen. Es ist falsch, die Schwei- Beitrag zur Kultur- und Sportförderung und braucht es Grenzen, wenn sie nötig sind.
zer Lotteriegesellschaften und Spielbanken notabene zur AHV leisten können. Wenn sie Facebook lässt grüssen. Auch dort waren
zu zwingen, strenge Auflagen zu befolgen im Netz wettbewerbsfähig werden wollen, viele erst im Nachhinein entsetzt, auch wenn
und Abgaben zu zahlen, während im Netz müssen sie ins Netz. Ein Nein heisst Kürzung sie wussten, dass die Regulierung längst Hermann Strittmatter ist Gründer und Leiter
keinerlei Regeln gelten. Man entzieht dort der Mittel für die Kulturförderung. Mit dem nötig gewesen wäre. der Werbeagentur GGK in Zürich.
NZZ am Sonntag 22. April 2018
Meinungen 17

Nachruf

Verschleppt von einem Fan Heinrich Brändli, 79

D
en «Riesenscherbenhaufen», den
die Zürcherinnen und Zürcher 1973

Choi Eun Hee, Schauspielerin aus Südkorea, die von Nordkoreas Diktator entführt angerichtet hatten, verzieh er ihnen
nie richtig. Ihr Nein zur U-Bahn
hielt Heinrich Brändli für einen grossen
und acht Jahre lang eingesperrt worden war, ist 91-jährig gestorben. Von Urs Tremp Fehler. Er hatte für das Projekt die ganze
Betriebs- und Bahntechnik geplant.

I
Geboren wurde Heinrich Brändli 1938,
hren Namen hätte man in westlichen persönlich begrüsst. Er ist der Sohn des aufgewachsen ist er in Zürich, wo seine

MAGNOLIA PICTURES
Zeitungen kaum je gelesen. In Südkorea Staatsgründers und Machthabers Kim Il Sung Eltern ein Kleidergeschäft betrieben, gleich
war die Schauspielerin Choi Eun Hee in und ein grosser Filmfan. Dass die nordkorea- unter dem roten Polybähnchen, das vom
den fünfziger und sechziger Jahren zwar nischen Agenten daran sind, auch ihren Central zur ETH hoch führt. Die zwei Dinge,
ein gefeierter Filmstar. Ausserhalb des Mann nach Nordkorea zu verschleppen, sagt sollten sein Berufsleben bestimmen: Ver-
Fernen Ostens kamen die Filme mit ihr aber er ihr nicht. Dieser hat sich nach Choi Eun kehrssysteme und die ETH. An der ETH stu-
nur ganz selten in die Kinos. Doch als 1978 Hees Verschwinden in Hongkong auf die dierte er Bauingenieur und trat 1963 bei den
Nordkoreas Geheimdienst die Schauspielerin Suche gemacht. Bei einem Spaziergang in Zürcher Verkehrsbetrieben ein, wo er das
entführen und nach Nordkorea verschleppen einem Park wird er überfallen, betäubt und Betriebsleitsystem für Trams ersann. Nach
liess, bekam Choi Eun Hee Schlagzeilen auch wie seine Frau nach Pjongjang gebracht. dem Nein zur U-Bahn wechselte er an die
in der Weltpresse. In einem Umerziehungslager studiert Choi ETH, um das Institut für Verkehrsplanung
Insgesamt acht Jahre verbringt Choi Eun Eun Hee die Bücher der «glorreichen nord- und Transporttechnik aufzubauen. Er plante
Hee in Nordkorea. Dass die kommunisti- koreanischen Revolution» und legt Prüfun- viele Verkehrssysteme mit; er fand, ein Ver-
schen Machthaber auch ihren Ehemann, gen ab. «Ich war sehr unglücklich», sagt sie kehrsingenieur müsse auch dem Lande
einen erfolgreichen Filmregisseur, haben später. «Ich dachte an Selbstmord, aber dienen. Dass die Zürcher Polybahn gerettet
kidnappen lassen, weiss sie lange nicht. Der diesen Schmerz wollte ich meiner Familie wurde, war nicht nur der Bankgesellschaft
bizarre Plan des nordkoreanischen Regimes: nicht antun.» Derweil flattiert das Regime zu verdanken, sondern auch Brändlis
Mit den beiden soll der nordkoreanische ihrem Mann. Kim Il Sung zeigt ihm seine Hartnäckigkeit. Brändli ist kurz vor seinem
Film Weltgeltung erhalten. riesige Filmsammlung. «Rambo» mit Sylves- 80. Geburtstag gestorben. (tis.)
Die Geschichte der Entführung und Gefan- ter Stallone liebt er besonders, aber auch
genschaft der südkoreanischen Schauspiele-
rin und ihres Mannes ist derart grotesk, dass
«James Bond» mag er. Besonders stolz ist er
auf ein Buch, das er angeblich selbst
Avicii, 28

D
sie mehr an ein Drehbuch gemahnt als an geschrieben hat: «Über die Filmkunst», ver-
erlebte und erlittene Wirklichkeit. Doch es öffentlicht 1973. iese Szene ist nichts für mich»,
gehörte seit Ende des Koreakriegs zur Taktik Der Regisseur aus dem Süden lebt im sagte er vor zwei Jahren dem Musik-
des nördlichen Regimes, Südkoreaner zu Norden vorerst ganz komfortabel. Er wird Magazin «Billboard». Damals war
entführen, sie umzuerziehen und für das mit westlichen Gütern versorgt, ihm steht Diktator Kim Jong Il Paar auf einer Bank in Österreich drei Millio- Tim Bergling unter seinem Künst-
Regime einzusetzen. Das hat Pjongjang auch ein Stab von 700 Mitarbeitern zur Verfügung. (Mitte) präsentiert nen Dollar deponiert – «für gute Filme». lernamen Avicii längst einer der erfolgreichs-
mit der Schauspielerin aus dem Süden vor. Doch als Shin einen Fluchtversuch unter- seine Entführungs- Tatsächlich drehte der «Orson Welles ten DJs der Welt, und mit der «Szene» meinte
Geboren wurde Choi Eun Hee 1926, und nimmt, wird auch er in ein Lager gesteckt. opfer: Choi Eun Hee Asiens» in Nordkorea mehr als ein Dutzend er seine Szene, die der elektronischen Musik.
sie gehörte seit Ende der vierziger Jahre zu Vier Jahre habe er dort verbracht, schreibt er und ihren Mann, Filme. Den grössten Erfolg in den nordkorea- Bergling wurde 1989 in Stockholm
den beliebtesten und meistbeschäftigten in seinen Memoiren. Als er entlassen worden Shin Sang Ok. nischen Kinos kann er mit «Pulgasari» feiern, geboren als Sohn der schwedischen Schau-
Schauspielerinnen Südkoreas. 1954 heiratete sei, habe Kim Jong Il um Entschuldigung einer Art «Godzilla» auf Stalinistisch: Ein spielerin Anki Lidén. Mit 20 Jahren begann
sie den Regisseur Shin Sang Ok. In vielen gebeten. Bei der Verhaftung und Gefangen- Monster kämpft für die Werktätigen. er seine Karriere, und sie nahm rasch Fahrt
seiner Filme tritt sie als Hauptdarstellerin nahme habe es sich um ein «Missverständnis Als Choi Eun Hee und Shin Sang Ok 1986 auf. Bald arbeitete er mit Robbie Williams
auf. Shin gilt als «Orson Welles Asiens», seine dummer Parteibürokraten» gehandelt. während eines Filmfestivals in Wien in und Madonna zusammen. Hit folgte auf Hit.
Filme werden mit Preisen ausgezeichnet. Als Mit einer Party, die Kim Jong Il organisiert, einem unbewachten Moment die Gelegen- «Wake Me Up» und «Hey Brother» hiessen
das Paar 1978 entführt und verschleppt soll ein Schlussstrich unter das «Missver- heit ergreifen und in die amerikanische Bot- seine grössten Erfolge. An der Hochzeit des
wurde, lebte es allerdings getrennt. ständnis» gezogen werden. Bei diesem schaft und von dort in die USA fliehen, ver- schwedischen Prinzen Carl Philipp stand er
Es ist die Frau, die als Erstes verschwindet. Anlass sieht das frühere Ehepaar sich erst- breitet Pjongjang die Nachricht, die Film- hinter dem DJ-Pult. Doch das Partyleben
In Hongkong, wo ihr angeblich ein Angebot mals wieder. Das Regime setzt die beiden schaffenden seien von den Amerikanern setzte ihm gesundheitlich zu. Er sprach dar-
für eine internationale Produktion gemacht unter Druck, sich noch einmal das Ja-Wort zu gekidnappt worden. Mehr als ein Dutzend über öffentlich, etwa über die Entzündung
werden soll, wird sie in einem Hotel betäubt, geben und dann zusammen Filme zu Jahre später kehrt das Paar nach Südkorea seiner Bauchspeicheldrüse wegen über-
auf ein Schiff und nach Nordkorea gebracht. machen. Kim Jong Il redet derart auf sie ein, zurück. Shin Sang Ok stirbt 2006. Seine Frau mässigen Alkoholkonsums. 2016 zog er sich
«Ich hatte fürchterliche Angst», erinnert sie dass sich Choi Eun Hee später an «eine ist ihm nun nach längerer Krankheit gefolgt. von Live-Auftritten zurück und machte nur
sich Jahre danach. «Ich konnte nichts essen Tirade» erinnert. Es brauche dringend eine Bis heute behauptet Pjongjang, Choi Eun Hee noch Musik im Tonstudio. Diesen Freitag
oder trinken.» In Nordkorea wird Choi Eun neue Generation an Filmemachern, habe der und Shin Sang Ok seien freiwillig nach Nord- wurde Bergling tot in einem Hotelzimmer in
Hee – so erzählt sie später – von Kim Jong Il filmverliebte Kim geklagt. Er habe für das korea gekommen. Omans Hauptstadt Maskat gefunden. (fur.)

Das historische Bild McLean, Virginia, 1978


Irgendetwas an diesem Bild sache wird zur Hauptsache:
stimmt nicht. Aber was? Und der Bauernmarkt. Das Schild
was ist das überhaupt für weist auf die USA hin, Typo-
eine Aufnahme? Eine Knobe- grafie und Design legen die
lei für Detektive? Der spekta- siebziger Jahre als Auf-
kuläre Schnappschuss eines nahmedatum nahe.
Reporters? Oder eine Kunst- Tatsächlich reiste der
performance in Orange? Die Fotograf Joel Sternfeld
leise Hinterhältigkeit des 1978 im Alter von 34 Jahren
Bildes zieht die Blicke an. mit dem VW-Bus durch die
Versuchen wir, die Foto zu USA, baute seine Grossfor-
entziffern. Die Hauptsache matkamera auf – und doku-
findet im Hintergrund statt, mentierte den Alltag. Stern-
wo ein Haus lichterloh feld gehörte zu jenen Foto-
brennt. Die Feuerwehr ist grafen, die unter dem
daran, den Brand zu löschen. Namen New Color Farbe in
Im Vordergrund dagegen die Kunstfotografie brach-
herrscht Beschaulichkeit. ten. Seine berühmteste
Ein Kunde studiert die Aus- Arbeit heisst «American
lage eines Bauernmarktes. Prospects», die Foto hier ist
Kunde? Es ist ein Feuerwehr- das Titelbild. Sternfeld
mann, der Kürbisse begut- wurde damals in McLean,
achtet, während hinten die Virginia, zufällig Zeuge einer
Flammen lodern. Offenbar Feuerwehrübung. Das
ein Fall grober Pflichtverges- erklärt auch, wieso der
senheit! Und wieso liegen Feuerwehrmann im Vorder-
vor dem Verkaufsstand zer- grund – es ist der Komman-
platze Kürbisse auf dem dant – in aller Seelenruhe
Boden herum? Die Neben- Kürbisse kaufen kann. (tis.)
JOEL STERNFELD
18 Hintergrund Schweiz NZZ am Sonntag 22. April 2018

EinPlatzspalteteineStad
Wem gehört der
Sechseläutenplatz in
Zürich? Dem
Kommerz oder dem
Volk? In der ganzen
Schweiz ist ein Kampf
um den öffentlichen
Raum im Gang. Was
soll das? Wir haben
12 Stunden lang
zugehört. Von Sacha
Batthyany, Anja
Burri (Text) und
Pascal Mora (Fotos)

Eine Bühne für das Volk: Der Zürcher Sechseläutenplatz. Ende Juni entscheiden die Zürcher, wie viele Veranstaltungen sie zulassen wollen. (20. April 2018)

D
er Sechseläutenplatz mor- lich die «Zeit». Worauf die Gegner der Initiati- niederlässt und sich in aller Seelenruhe stehen beide auf. Ledergerber fährt nach Ita-
gens um 7 Uhr 30. Noch ist er ve sagten: Habt ihr keine anderen Probleme, schminkt. «Nur wenn der Platz leer ist, wer- lien. Hug fährt zur Arbeit.
leer, alles ruhig, wie ein ita- ihr Spassbremsen? den die Menschen, die hier leben, sichtbar», Auftritt einer Frau vom Fach. Wie jeden
lienischer Strand, bevor die Etwas mehr als 12 Stunden werden wir auf sagt Hug. Doch die Stadtregierung habe ande- Morgen läuft Katrin Gügler zu Fuss über den
Horden kommen. Die Sonne dem Sechseläutenplatz verbringen. Von mor- re Vorstellungen. «Sie gehen davon aus, dass Platz in Richtung Lindenhof zu ihrem Büro,
scheint auf die Spitzen des gens bis abends, immer am selben Tisch. Wir die Menschen bespasst werden wollen.» heute in crèmefarbenem Blouson. Sie ist
Opernhauses, die Putzequi- werden tun, was man auf Plätzen tun sollte: Denen gehe es um Standortmarketing, sagt Direktorin des Amts für Städtebau und hat
pen haben die Spuren der vergangenen Nacht Menschen treffen. Diese Stadt fühlen, die Hug, und während dieses Wort noch in der grossen Einfluss darauf, wie sich Zürich ent-
eliminiert und ziehen weiter. wächst und wächst. Wir haben Menschen ein- Morgenluft hängt, kommt ein Mann mit Hut wickelt. Sie beschäftigt sich mit der Frage, wo
Über die Zukunft dieses Platzes aus grauem geladen, um mit ihnen über diesen Platz zu re- und Hund, der diesen Ausdruck geprägt hat: und wie die Stadt weiter wachsen kann – und
Quarzit, des grössten Zürichs, wird gestritten. den, und stellen es uns so vor: Es wird gestrit- Elmar Ledergerber, Sozialdemokrat wie Hug, wo Platz für den öffentlichen Raum bleiben
Es ist ein Kulturkampf im Gang, aber nicht ten und gelacht und getrunken, während sich ehemaliger Stadtpräsident und Präsident von Samuel Hug soll. Zum Thema Verdichtung sagte Gügler
entlang der üblichen Gräben, kein Links gegen der Platz zur Mittagszeit füllt, dann wieder Zürich Tourismus. Der Platz in seiner heutigen dem «Tages-Anzeiger»: «Die Stadt muss sich
Rechts, kein Stadt gegen Land. Der Kampf ver- leert, bis am Abend die Büromenschen kom- Form, das sei seine Idee gewesen, sagt er und entwickeln, sie muss wachsen, um lebendig
eint die unterschiedlichsten Menschen, die men für ein Bier, Studenten sich mit dem klingt ein wenig nach Roger Schawinski. Es ist zu bleiben.» Ihre Aufgabe sei es, dies zu er-
sich in anderen Fragen die Köpfe einschlagen. Opernpublikum vermischen und alle auf den 8 Uhr 30. Ledergerber trinkt Kaffee. möglichen. Sie setzt sich an den Tisch und er-
Persönliche Vorlieben vermischen sich hier Fliesen sitzen, die jeden Tag gereinigt werden, Eines Morgens habe er auf die mickrige zählt als Erstes über ihre Kindheit, als zwi-
mit gesellschaftspolitischen Fragen. Und es damit sie morgens wieder aussehen wie neu: Wiese geblickt, die hier noch bis vor fünf Jah- schen Opernhaus und Bellevue eine Wiese
geht auch um Ästhetik: Was stört, was stört Der Platz ist unser aller Wohnzimmer. ren stand, und dann habe er eine Vision ge- stand mit «Betreten verboten»-Schildern
nicht? Und vor allem: Was soll sich auf einem habt: ein ebener Platz, autofrei. Gross müsse drauf. «Früher wollte man solche Plätze nicht.
solchen Platz abspielen? Eine Spassbremse? er sein, gross und gewaltig. Er präsentierte Man sagte: ‹Wir sind doch nicht in Italien!›»
Natürlich geht es nur vordergründig um Der Interview-Reigen beginnt mit dem Mann, dem Stadtrat seine Idee, für die er kämpfen Die Ansprüche an den öffentlichen Raum
diesen einen Platz, es geht vielmehr um eine der die Initiative lostrat. Samuel Hug kommt musste. «Wenn du in Zürich etwas ändern hätten sich verändert. Die Gewohnheiten
Frage, die die Menschen von Basel bis Genf auf dem Velo, es ist 8 Uhr morgens. Nimmt willst, wird es immer kompliziert», sagt auch. Heute würden sich die Menschen in der
beschäftigt: Was soll mit dem öffentlichen einen Espresso, schaut um sich und sagt: «Das Ledergerber. Und dann beginnt der Streit. Esther Girsberger Sonne räkeln. Männer ziehen ihre T-Shirts
Raum geschehen? Wir alle haben unser Leben ist das wahre Paradies: ein freier Platz mitten «Ihre Initiative, Herr Hug, ist fehlgeleitet. aus, Schüler machen hier Hausaufgaben.
in den vergangenen 20 Jahren nach draussen in der Stadt.» Seine Initiative sieht vor, den Das ist doch dieser neue Rigorismus! Radikal Über Samuel Hugs Initiative sagt sie: «Ich
verlagert, treffen uns in Parks zum Lunch, fei- Platz nur noch an 65 Tagen im Jahr zu bele- und lebensfeindlich. Dazu passt, dass man ab finde es wichtig, dass wir endlich über solche
ern unsere Geburtstage am See, wollen Spass gen, nicht wie heute an 180. «Nur wenn etwas 10 Uhr abends kaum noch draussen etwas Themen sprechen. Die Forderungen sind zum
haben und bespasst werden. Aber wann kippt frei ist, kann auch etwas entstehen.» Hug ist trinken darf.» Teil auch nachvollziehbar.» Doch es sei eben
dieser Spass in Lärm? Wem gehört der öffent- kein radikaler Kapitalismusgegner, er sei auch «Wir sind nicht gegen einzelne Veranstal- alles eine Frage des Masses, sagt sie, es ist ein
liche Raum, und wer bestimmt die Regeln? keine Spassbremse, sagt er, während sich im tungen, Herr Ledergerber. Es geht um die Satz, den wir im Verlaufe des Tages sehr häu-
Im Juni wird in der Stadt Zürich darüber Hintergrund eine Frau auf einem der Stühle Menge. 65 Tage im Jahr sind genug. Alles fig hören werden. Und es ist ein typischer
abgestimmt, ob man die Anzahl Feste und andere ist Wahnsinn. Diese Eventmanie, die Schweiz-Satz, weil das «richtige Mass finden»
Events, die auf dem Sechseläutenplatz statt- haben Sie eingeführt. Es reicht!» immer im Mittelmass endet. In anderen Städ-
finden, drastisch reduzieren soll. Heute fin- «Wenn du in Zürich «Ich sage Ihnen, was Wahnsinn ist, Ihre ten, nicht nur in New York und London, auch
den an sechs Monaten im Jahr Veranstaltun-
gen statt, mal wird der Böögg verbrannt, mal
etwas ändern willst, Regulierungen, die sind des Teufels!»
Ledergerbers Hund Fuchur verzieht sich Vania Kukleta
in Bilbao, Rotterdam, feiert man ausgefallene
Architektur, man investiert in Brücken, Bi-
startet ein Marathon, mal kommt der Zirkus. wird es immer unter seinen Stuhl. bliotheken, Fussballstadien, Wolkenkratzer,
Muss dieses Halligalli sein?, fragen sich die kompliziert», sagt Elmar «Sie spüren den Zeitgeist nicht, Herr Leder- Opern. In der Schweiz aber, und besonders in
Köpfe hinter der Initiative. Ein leerer Platz sei gerber. Die Menschen sehnen sich nach un- Zürich, wird seit Jahrzehnten das richtige
das Wertvollste, was sich eine stinkreiche Ledergerber. Und dann bespielter Fläche.» Mass gesucht. Hier wird nicht gross gebaut,
Stadt wie Zürich leisten könne, befand neu- beginnt der Streit. Ledergerber schüttelt nur den Kopf. Dann sondern perfekt renoviert. Warum ist das so?
19

dt

Alt Stadtpräsident Elmar Ledergerber mit Hund Fuchur. Katrin Gügler, die Direktorin des Amts für Städtebau.

Forscherin Marta Kwiatkowski. Schriftsteller Charles Lewinsky.

Warum kein Übermut? Woher kommt diese Für ihn persönlich ist der Platz auch ein Ort lichen Ticketpreis von 50 Franken ergibt Die Stadt Zürich ist zu
Obsession, alles für alle immer perfekt ma- der Erinnerungen, an Freundschaften wie mit das einen Umsatz von 5 Millionen Franken.
chen zu wollen, damit am Ende dann doch al- der Zirkusfamilie Knie. «Die Knies kamen Die Stadt Zürich ist zu zehn Prozent am Zirkus
zehn Prozent am Circus
le die Nase rümpfen? Gründe dafür finden nach ihren Vorstellungen immer ins Mascotte. umsatzbeteiligt, sie verdient also rund eine Knie umsatzbeteiligt,
sich immer. Wie beim Sechseläutenplatz.
Aber ist er überhaupt schön, der zweit-
Auch einmal mit einem kleinen Elefanten.»
Unvergessliche Sachen seien das, sagt Burger.
halbe Million Franken am Zirkus. Jedes Jahr.
Doch zurück zum Platz. Es ist kurz vor Mit-
was bedeutet, dass sie
grösste Platz der Schweiz, 16 000 Quadrat- Der Circus Knie, auch das ist ein Satz, den wir tag. Die Imbissstände bereiten sich auf den rund eine halbe Million
meter, für den im Jahr 2013 rund 110 000 Ge- häufig hören an diesem Tag, gehöre zum täglichen Ansturm vor. Bald werden Brat- am Zirkus verdient.
steinsblöcke aus Quarzit verlegt wurden, 10 Sechseläutenplatz wie der Böögg. Für Esther würste, Hamburger und Quinoa-Salate mit
und 13 Zentimeter breit und zwischen 50 und Girsberger zum Beispiel. Der Knie erinnert sie Avocado auf den Treppen vor dem Opernhaus
130 Zentimeter lang? 17 Millionen Franken hat an ihre Kindheit. «Der Zirkuseintritt war verzehrt. Noch aber ist es erst 11 Uhr 30, Zeit, nicht weniger als die Art, wie wir leben wol-
der Platz gekostet. Ist er gelungen? immer mein Geburtstagsgeschenk.» Der Knie Niklaus Peter den Blickwinkel zu erweitern, Zeit für Marta len. Seit Jahren lasse sich ein Trend beobach-
«Also mir gefällt er», sagt Gügler. Sie mag oder das Sechseläuten: Es seien auch diese Kwiatkowski, die mit dem Zug aus Bern ange- ten, dass Städter in der Schweiz zwar gerne
die Stühle, die herumstehen, die schatten- Traditionen, die den Platz besonders attraktiv reist ist. Sie arbeitet für das Gottlieb-Duttwei- urban leben und die Infrastruktur schätzen,
spendenden Bäume, sie mag, dass die Son- machten, sagt sie, die Expertin für Kommuni- ler-Institut und hat vor wenigen Tagen eine sagt Kwiatkowski, gleichzeitig aber gebe es
nenschirme der Restaurants weiss und – nicht kation in dieser Stadt. Studie über die Zukunft des öffentlichen Rau- eine Sehnsucht nach mehr Land. «Wir schaf-
wie in den Bergen – mit Sinalco-Logo bedruckt In der Mitte des Platzes wurden, speziell für mes veröffentlicht. In Bern finde dieselbe fen in der Stadt Orte der Entschleunigung,
sind. Aber über Schönheit lässt sich streiten. den Knie, Verankerungen angebracht, der Debatte statt, der öffentliche Raum werde wollen keine Autos, wollen, dass Kinder frei
Im Verlauf des Tages werden einige sagen, der Spielort ist in Stein gemeisselt. Warum eigent- immer umkämpfter, weil die Städte wachsen herumrennen, und drosseln deshalb überall
Platz sei «überperfekt», «überästhetisiert». lich? Woher kommt die Macht? Der Zirkus be- und wir uns mehr im Aussen aufhalten wür- das Tempo.» Es sei absurd, aber in Bern, er-
legt den Platz einen Monat zur besten Zeit, im den. Der Kampf habe mehrere Konsequenzen, zählt sie, wurden 300 000 Franken ausge-
Geschichten aus dem Nachtklub Frühling, während der Weihnachtsmarkt im sagt Kwiatkowski. «Die Regeln werden zuneh- geben, um die Stadt weiter zu entschleunigen.
Es ist 11 Uhr, als Freddy Burger anruft. Er ist garstigeren Dezember stattfindet und der drit- men, so wie in den Zügen. Es wird zu mehr Man macht Bern noch langsamer?
verhindert, ein wichtiger Termin, zum Platz te grosse Event, das Filmfestival der NZZ Konflikten kommen. Und es kann passieren, Kwiatkowski lacht. «Man zelebriert mitten
hat er aber viel zu sagen. Als Teenager habe er Mediengruppe, mit eineinhalb Wochen weni- Barbara Frey dass die Segmentierung zunimmt. Auf dem in der Stadt das Ländliche.»
sich einmal die Füsse verbrannt, weil er beim ger lang dauert. Warum hat der Knie jedes einen Platz fühlen sich die Banker wohl, auf Es ist 12 Uhr. Die Sonne brennt auf den
Grillieren der Wurst nach dem Sechseläuten- Jahr ein Bleiberecht für mehrere Wochen und dem anderen die Hipster.» In Zürich ist das Platz, der sich zum ersten Mal richtig füllt. Der
umzug zu sehr in der Glut stand. Später sah er ist «unantastbar», wie alle sagen? «Niemand tatsächlich bereits so, da hat man seine Face- Schriftsteller Charles Lewinsky setzt sich an
immer wieder auf den Platz hinunter, aus der bespielt diesen Platz länger als wir», sagt book-Bubble ins Aussen verlegt: Während den Tisch und bestellt Lachs. Im Hintergrund
Wohnung seines Freundes Udo Jürgens. Auch Fredy Knie junior, 71, das nächste Jahr seien man auf dem Idaplatz ohne tätowierte Unter- plätschern die Wasserfontänen, 41 000 Liter
aus dem Nachtklub Mascotte, der ihm seit 50 es hundert Jahre. «Als der Platz neu gebaut arme verachtet wird, treffen sich rund um den am Tag, Kinder spritzen sich nass und hin-
Jahren gehört, ist der Blick auf den Platz spek- wurde, mussten wir auf der Landiwiese spie- Paradeplatz die Aktenkoffermenschen. terlassen ihre Fussspuren, die in Sekunden
takulär. Burger ist der Zürcher Tausendsassa, len. Die Leute waren unzufrieden, unsere Ein- Der Platz am Bellevue aber ist eine Aus- wieder verschwinden. Der Platz lebt.
seit den siebziger Jahren organisiert er Kon- nahmen sind gesunken.» Und er warnt: nahme, noch, da vermischt sich das Opern- «Endlich ist den Zürchern etwas Gutes ge-
zerte, Musicals, führt Restaurants, Klubs, «Wenn wir nicht mehr auf dem Sechseläuten- publikum mit den kreolischen Skatern vom lungen», sagt er und schaut hinaus auf die
Theater. «Natürlich soll man den Platz nutzen, platz spielen dürfen, dann wissen wir nicht, See, ob die beiden es wollen oder nicht. Viel- Steinfläche, wie man aufs Meer hinausschaut.
eine Stadt wie Zürich braucht ein pulsierendes ob wir noch nach Zürich kommen können.» leicht ist die Entscheidung, welcher Szene der Lewinsky hält gar nichts von den Veranstal-
Zentrum.» Ein Platz, auf dem nichts läuft, hin- Die gute Beziehung zwischen der Stadt und Rudi Bindella Sechseläutenplatz gehört, einfach noch nicht tungen und flucht voller Schalk und Schärfe.
gegen würde Touristen fernhalten und Be- dem Zirkus lässt sich am ehesten verstehen, gefallen. Der Kampf um den öffentlichen «Es gibt Weihnachtsstände schon am Bahnhof
wohner der Agglomerationen vergraulen, die wenn man eine simple Rechnung anstellt, die Raum, wie diese Abstimmung über die Nut- und in der Altstadt. Brauchen wir wirklich so
gerne ins Zentrum kämen. Der Platz, sagt Bur- Fredy Knie Junior bestätigt: Der Circus Knie zung des Sechseläutenplatzes zeigt, hat eben viele holzgeschnitzte Engel?» Doch damit sei
ger, Event-König dieser Stadt, sei zum neuen verzeichnet in Zürich pro Gastspiel rund erst begonnen und wird in 20, 30 Jahren mit
Wahrzeichen Zürichs geworden. 100 000 Zuschauer. Bei einem durchschnitt- härteren Bandagen geführt. Es geht dabei um Fortsetzung Seite 20
20 Hintergrund International NZZ am Sonntag 22. April 2018

DerFall
Ein Platz... nen, sich drehen und in Kreisen laufen, wäh-
rend ein Mann auf dem Fahrrad an ihnen vor-
beifährt. In ihrer Kindheit sei ihr das schon
Fortsetzung von Seite 19 aufgefallen, diese ungewollte Choreografie,
«als wäre alles durchdacht, dabei entsteht es
nun Schluss, sagt Lewinsky. Er hat sich dem ganz natürlich». Und dann gebe es auch Men-

des
Initiativkomitee um Samuel Hug angeschlos- schen auf diesem Platz, die einfach nichts
sen. «Wir Zürcher wollen unsere Plätze zu- täten. Oder warteten, ohne dauernd auf ihr
rück.» Es sei ein Aufstand der Citoyens. Das Handy zu achten. «Wo sieht man das sonst?»
Komitee für die Begrenzung der Platznutzung Frey mag die Leere dieses Platzes, diese sei
bestehe aus den unterschiedlichsten Men- voller Spannung. «Leere Plätze sind wie leere
schen, von SP bis SVP. «Wir sind nicht die, die Bühnen. Oder wie Generalpausen von Orches-
um den Böögg reiten. Sondern die, die die tern, wenn die Stille aufgeladen ist von den
Würste braten in der Glut danach.» Tönen davor und denen, die noch kommen.»
Vania Kukleta kann die Kritik Lewinskys Sie verstehe nicht, warum man in Zürich alles

Westens
nicht verstehen. «Wir bieten den Leuten doch füllen müsse, «diese Angst vor Leere, woher
magische Momente. Eine ältere Frau musste kommt die?» Vielleicht sei es die Angst vor
weinen, als sie bei uns einen alten Holzschlit- dem Undefinierbaren. Es gebe keine Tradition
ten sah.» Der Szenenführer RonOrp nennt in der Schweiz für die Absichtslosigkeit, wie
Kukleta «eine Grösse der Eventlandschaft». etwa in Berlin, wo die Dinge aus dem Moment
Wenn etwas läuft in Zürich, ist sie oft beteiligt: entstünden. Dann muss Barbara Frey gehen,
Designmärkte, Streetfoodfestival und das und sie verpasst den Mann, der Zürich näher
Weihnachtsdorf auf dem Sechseläutenplatz, zum Süden rückte und der protestantischen
über das Lewinsky eben noch herzog, wo es Stadt eine Prise Italianità einhauchte: Rudi
nicht nur handgeschnitzte Engel gebe, son- Bindella, Spezialist für italienische Gastrono-
dern auch japanische Keramik namens Raku mie. Er trinkt einen Chinotto, was sonst.
und Trockenfleisch vom Wild aus eigener
Jagd. Sie verdient auch an öffentlichen Bra-
Heute ist es aber auch ihm zu heiss, 27 Grad
im Schatten. Die Steinplatten wurden von der 200 Jahre haben die westlichen Länder die
chen und Plätzen: «Was ist daran schlecht?» Sonne aufgeheizt. Wäre es nach Rudi Bindella
Kukleta, Mitglied der «Allianz Sechseläuten- gegangen, lägen sie heute ohnehin nicht hier. Welt zur bisher erfolgreichsten Zivilisation
platz: Vielfalt bewahren», kann die Kritik an «Ich hätte eine riesige Wiese mit Wasserspie-
der «Eventitis» nicht nachvollziehen: «Neben
dem Bedürfnis nach Stille und Leere gibt es
len und Brunnen gebaut», sagt er. Das weiche
Grün wirke beruhigend, einladend. Und es sei
geformt. Nun geht unsere Dominanz zu Ende,
auch das Bedürfnis nach Geselligkeit!» auch im Sommer angenehm. Die Worte wir-
ken auf uns wie eine Fata Morgana, nichts
sagt der Politologe Kishore Mahbubani. Der
Hilfe vom Pfarrer
16 Uhr, mehr als die Hälfte der Zeit ist um. Die
wäre nach 10 Stunden in der Sonne angeneh-
mer als Bindellas Vision. Doch es kam anders.
Osten mit China an der Spitze übernimmt die
Hitze drückt. Der Wasserbedarf steigt und die
Lust auf Alkohol, noch aber bleiben alle Gäste
Bindella will nicht mäkeln, der Sechse-
läutenplatz bringe ein Stück italienische Kul- Macht. Wir haben seinen Aufstieg verschlafen.
bei Wasser, auch das sagt viel über diese Stadt.
In London sähen die Bestellungen anders aus.
tur nach Zürich. «Der Platz ist unkompliziert,
frei, lässt Raum für alle.» Wer will, kann schon Interview: Gordana Mijuk, London
Die Fronten sind so weit klar. Überraschend im Januar draussen einen Espresso trinken.
ist jedoch, wie emotional die Debatte geführt Etwas, das es vor dreissig Jahren noch nicht
wird. Der Kampf um das Wohnzimmer Zürichs gegeben hat in der Schweiz.
zeigt auch, in welchem Paradies wir leben.
Was würden Menschen aus Bangladesh sagen, Fast Food fressende Meute
einem Land mit der höchsten Bevölkerungs- Es ist 20 Uhr. Der Platz gleicht einem riesigen
dichte weltweit? Würden sie uns auslachen? Esstisch. Teenager, junge Eltern mit Kindern,
Said Dulamah, den wir auf dem Platz anspre- überall werden Pizzas aus Kartons geschau-
chen, kommt aus Marrakesch, einer Stadt mit felt. Die alten Damen in ihren Paillettenja-
einem der berühmtesten Plätze der Welt. Er cken, die sich vor einer Stunde den Weg frei
sagt: «Der Platz bei uns ist jeden Tag voll. Nur bahnten, um rechtzeitig in die Donizetti-Vor-
einmal nicht.» Beim Terroranschlag 2011. Da stellung zu gelangen, stehen auf dem Balkon
starben 14 Menschen. «Wenn der Platz leer ist, des Opernhauses mit einem Glas Champagner
stimmt etwas nicht.» in der Hand und schauen hinunter auf die Fast
Vielleicht braucht es neue Sichtweisen, Food fressende Meute. 12 Stunden auf dem
neue Ansätze, um dem Problem auf den grössten Platz Zürichs, im Herzen der Stadt:
Grund zu gehen. Hilfe von ganz oben. Niklaus Insgesamt wurden 17 Kaffees getrunken,
Peter ist nicht nur Pfarrer des Fraumünsters, sechs Flaschen Wasser, mehrere Colas,
er ist auch Präsident des Rotary-Clubs 1 und Schweppes und doch noch zwei Gläser Wein.
war an der Neugestaltung des Münsterhofs Das Schlusswort aber gehört denen, die den NZZ am Sonntag: Der Westen ist im Nieder- gang erklärt auch Ereignisse wie die Wahl
beteiligt. Vor wenigen Jahren war dieser mit Platz am meisten benützen. Den wahren Be- gang. Das ist die These Ihres neuen Buches. von Trump und den Brexit in Europa.
Autos zugestellt, heute plätschert ein Brun- wohnern dieses Ortes, jungen Menschen wie Wie kommen Sie darauf ?
nen vor sich hin. Peter spaziert über den Platz Bianca, Melinda und Sara, alle noch in Ausbil- Kishore Mahbubani: Der Westen hat das Und wieso hat man das nicht kommen sehen?
und sagt etwas Überraschendes: «Die Diskus- dung. Sie trinken Feldschlösschen Panaché Vertrauen in die Zukunft verloren, das Ver- Westliche Intellektuelle haben in vieler
sion um mehr Leere halte ich für betulich.» Es aus der Büchse und liegen auf dem heissen trauen, dass das Leben morgen besser wird. Hinsicht versagt. Sie haben sich nach dem Der Westen
gehe nicht um mehr oder weniger Events, Boden: Der Sechseläutenplatz, ihr Wohnzim- Nie waren Menschen in westlichen Ländern Ende des Kalten Krieges in den Essay von glaubt immer,
sondern um die Inhalte und die Art, wie der mer, war erst ihr Esstisch, nun müssen sie sich so pessimistisch. Im Rest der Welt macht Francis Fukuyama verliebt, der besagt, dass Fortschritt
Platz genutzt werde – und ob die Veranstal- hinlegen. Es war eine harte Woche. Was einen sich dagegen Optimismus breit. Hier glauben mit der westlichen liberalen Demokratie das sei nur möglich
tung eine Gemeinschaft herstelle. «Rein ver- guten Platz ausmacht? Die drei Freundinnen neuerdings Milliarden von Menschen, dass Modell für alle Ewigkeit gefunden wurde in einer
kaufsfördernde Veranstaltungen halte ich für überlegen ein wenig, bis Melinda sagt: «Wir ihr eigenes und das Leben ihrer Kinder bes- und damit das Ende der Ideologie-Ge- Demokratie.
plump.» Dem Sechseläutenplatz fehle ein können hier einfach sein, wie wir sind.» ser sein wird als das der Eltern. Da ist eine schichte erreicht ist. Fukuyamas Essay war
Konzept: Was wolle man eigentlich zeigen? Mitarbeit: René Donzé, Daniel Meier und psychologische Revolution in Gang. Eine eine Art Opiat für das westliche Denken. Der
China
17 Uhr. Die Schatten werden länger. Der Thomas Isler Umfrage von 2017 zeigt: In alten Industrie- Westen setzte sich danach in den Schlaf- widerlegt diese
Platz füllt sich wieder. Wochenendstimmung. nationen glauben nur 36 Prozent der Millen- wagen. Er merkte nicht, dass zwei Riesen These.
Eiswürfel knacken in Gläsern. Bevor sie sich nials, also der 20- bis 35-Jährigen, dass die gerade erwachten: China und Indien.
zu uns setzte, stand die Zürcher Schauspiel- Zukunft für sie besser wird. In aufstrebenden
hausdirektorin Barbara Frey minutenlang am Ländern liegt dieser Anteil bei 71 Prozent. Der Westen mag wirtschaftlich schwächeln.
Rand des Platzes, um die Menschen zu beob- Das ändert alles. Doch er dominiert weiter die Popkultur. Film-
achten. Die Gesten. Die Auftritte und Insze- stars sind weiss, und Kultprodukte werden im-
nierungen. Der Platz ist die grösste Bühne der
Stadt, Menschen treffen sich im öffentlichen
Kampf um den Platz Sie stützen Ihre Untergangs-These auf die Psy-
chologie ab?
Silicon Valley erfunden. Ändert sich das auch?
Die amerikanische Softpower ist tatsäch-
Raum, weil sie sich Zuschauer erhoffen. Wie 12 Stunden auf dem Sechseläutenplatz. Das Nicht nur. Schauen Sie folgende Statistik lich noch immer die globale Nummer 1. Auch
viel hat ein Platz mit einem Theater zu tun? Experiment in Bild und Video an. 1980 sorgten die USA noch für einen Vier- Europa wird sehr verehrt. Dennoch ist die
«Sehr viel», sagt Frey und zeigt auf eine nzz.as/sechselaeuten tel der weltweiten Wirtschaftsleistung, Chi- Zeit, in der der Westen das Monopol in die-
Gruppe von Mädchen, die zu tanzen began- nas Anteil lag bei 2,2 Prozent. 2017 hat China sem Bereich hatte, vorüber. Bollywood aus
die USA überflügelt. Amerika ist nicht in Indien ist in der ganzen Welt erfolgreich.
absoluten Zahlen geschrumpft, aber im Ver- Auch in unterschiedlichen Ländern wie Kuba
hältnis zum globalen wirtschaftlichen Out- oder Marokko. Und die koreanische Welle,
put. Der Westen hat lange Jahre die Welt ge- also die zeitgenössische südkoreanische Pop-
formt, und sie zu erfolgreichsten Zivilisation kultur, hat nicht nur ganz Asien getroffen,
gemacht. Ihm verdanken wir die Renais- sondern auch Indien, den Mittleren Osten,
sance, die Aufklärung, die wissenschaftliche Nordafrika und Südamerika. Eine kosmopo-
Methode. Aber diese Ära geht nun zu Ende. litische Welt ist eine bessere als die heutige.
Noch hat keine westliche öffentliche Persön-
lichkeit den Mut gehabt, dies auszusprechen. Wie erklären Sie sich denn den Fortschritt des
Ostens?
Wann hätten wir im Westen merken müssen, Gerade im asiatischen Raum haben un-
dass seine Dominanz zu Ende geht? merkliche Revolutionen stattgefunden, die
Die Terroranschläge in den USA von 2001 auf Erkenntnissen des Westens basieren. Für
wurde von Intellektuellen und Politikern als tausend Jahre waren die asiatischen Gesell-
wichtigstes Ereignis des Jahres behandelt. schaften tief feudalistisch geprägt. Gewalt-
Dabei übersahen die USA und Europa, dass herrscher regierten, und das Schicksal einer
das bedeutendste Ereignis in ebendiesem Person war von Geburt an bestimmt. Da gab
Jahr der Beitritt der Chinesen zur Welt- es kein Entrinnen. Der Aufstand gegen dieses
handelsorganisation war. Dieser Beitritt Denken im 20. Jahrhundert war enorm be-
führte rückblickend zu einem weit grösseren freiend. Die einstigen Despoten erkannten,
Erdbeben als die Anschläge. Er führte zur dass sie verantwortlich sind für ihr Volk.
enormen Zerstörung von Stellen im Westen
und leitete den Aufstieg des Ostens ein. Die Zum Beispiel?
alte Elite war blind dafür. Doch die einfache Der chinesische Führer Mao Zedong war
Bevölkerung spürte diese Umwälzungen am noch der traditionelle Herrscher, dessen Er-
Bianca, Melinda und Sara (von links). «Wir können hier sein, wie wir sind.» eigenen Leib, im Arbeitsmarkt. Der Nieder- lasse viel Leid in der Bevölkerung verursach-
21

die Terrorattacke von Osama bin Ladin. Doch

ILLUSTRATION: PATRICK OBERHOLZER


das war nicht die einzige Sünde. Der Westen
hat in der islamischen Welt in den letzten
zwei Jahrhunderten Ungeheuerliches ange­
richtet. Diese Historie wird auch die nächs­
ten 200 Jahre zwischen dem Islam und dem
Westen prägen. Der Nahe Osten muss sein
Schicksal aber selber in die Hand nehmen.

Die USA hielten sich in den letzten sieben Jah­


ren im Syrienkrieg ziemlich zurück. Doch da­
durch entstand ein Vakuum, das von neuen
Akteuren wie Russland, Iran und der Türkei
gefüllt wurde. Das Chaos ist riesig.
Es gibt Regionen, die muss man sich selber
überlassen. Südostasien war genau so eine
Unruheregion. Vietnam etwa oder Kambo­
dscha mit den Roten Khmer. Pol Pot tötete
mehr Menschen als das Asad­Regime in
Syrien. Damals glaubte man, die Region sei
hoffnungslos. Doch die Region fand selbst
aus dem Schlamassel, und heute ist Südost­
asien befriedet.

US-Präsident Donald Trump will sich aus aus­


ländischen Abenteuern zurückziehen. Liegt er
also richtig?
Er weiss, dass das amerikanische Volk
keine Soldaten mehr schicken will. Ich teile
Trumps America­First­Strategie. Aber der
Alleingang ist nicht die Lösung, sondern Kol­
laboration. Amerika muss auch unter Trump
ein Interesse an einer stabilen Ordnung
haben.

Der Westen wirkt in dieser neuen Weltordnung


auch ängstlich. Autoritären Staaten wie Russ­
land kann er kaum Paroli bieten. Wladimir
Putin kann schalten und walten, wie er will.
Der Westen tut wenig. Weshalb?
Der Westen macht einen fundamentalen
Fehler in seinem Verständnis von Russland:
Er schaut nur auf Russlands Verhalten, seit
Putin gewählt und an der Macht ist. Er sieht
jedoch nicht, was für Ressentiments und was
für eine Wut der Westen in der russischen
Bevölkerung verursacht hat. Putin ist so
populär, eben weil er diesem aggressiven
Westen die Stirn bietet.

Wieso ist der Westen aggressiv?


Die Erweiterung der Nato wurde vom
Westen aggressiv vorangetrieben. Das war
absolut unnötig und einer der grössten stra­
tegischen Fehler der USA und Europas. Er hat
zum Niedergang des Westens beigetragen.
Russland war in keiner Weise eine Bedro­
hung, es ging dem Westen schlicht darum,
die Russen zu erniedrigen. Dabei hatten die
wichtigsten globalen Denker, Henry Kissin­
ten. Deng Xiaoping war der erste, der reali­ Die Skepsis hat mit unterschiedlichen Werten schwächt. Aber genau das machen die Ame­ ger und Zbigniew Brzezinski, vor dem Bei­
sierte, dass er für sein Volk verantwortlich ist zu tun. Wir glauben an Demokratie, Freihei­ rikaner. tritt der Ukraine zur Nato gewarnt. Putin
und das Leben der Menschen verbessern ten, Menschenrechte. musste auf diese Erweiterung reagieren. Er
muss. Er bildete das Volk aus, öffnete den Als ich 1980 nach China reiste, hatten die Sie sprechen von der Uno? hatte keine andere Wahl.
Chinesen die Welt. Das hat die Gesellschaft Chinesen alle die gleichen Kleider an, maois­ Die Uno ist schwach. Und weshalb? Ich
komplett verändert. Auch Herrscher in tische Anzüge. Sie hatten kein Recht, anzu­ war jahrelang Uno­Botschafter für Singapur. 2100 wird Er hat einen Teil eines anderen Landes an­
Burma, Bangladesh oder Pakistan wissen ziehen, was sie wollten; sie konnten nicht Während dieser Zeit waren sich die USA und Afrika eine nektiert und Völkerrecht gebrochen. Russland
heute, dass sie eine Verantwortung tragen lernen, was sie wollten; sie konnten nicht Russland stets uneinig. Gleicher Meinung zehnmal ist nicht nur ein Unschuldslamm.
für die Bevölkerung. arbeiten, was sie wollten; sie konnten nicht waren sie aber im Wunsch, die Uno zu unter­ grössere Dass die Osteuropäer vor Russland Angst
reisen. Heute tragen die Chinesen, was sie minieren. Deshalb wählten sie immer schwa­ Bevölkerung haben, ist nachvollziehbar. Aber ein Russ­
Diese Länder sind weit weg von einer Demo­ wollen. Und 120 Millionen Chinesen reisen che Generalsekretäre aus. Die einzige Aus­ haben als land, das in der westlichen Ordnung inte­
kratie. rund um die Welt – und kehren wieder in ihre nahme war die Wahl von Antonio Guterres. griert ist, ist viel stabiler als ein ausgeschlos­
Der Westen glaubt immer, Fortschritt sei Heimat zurück. Es muss also genug Freihei­ John Bolton, der neue Nationale Sicherheits­
Europa. Wenn senes Russland. Putins strategischer Alb­
nur möglich in einer Demokratie. China wi­ ten geben in China, dass man dort glücklich berater von Donald Trump, findet, die Uno der Kontinent traum ist nicht länger Napoleons oder Hitlers
derlegt die These. Interessant ist, dass just leben kann. Sogar die Mehrheit der Gelehr­ sollte abgeschafft werden. Das Schlimme wirtschaftlich Armee. Es gibt keine Gefahr, dass deutsche
jetzt die demokratischen Prozesse die USA ten, die an Universitäten in den USA, im daran ist, dass ihm niemand widerspricht. nicht wächst, Panzer nach Russland steuern. Europas lang­
und Grossbritannien tief polarisieren und Land der Freiheit, studieren und lehren, hat das fatale fristige Herausforderung ist China. Russland
vor eine Zerreissprobe stellen. Der Westen geht zurück nach China. Wir müssen China Wenn China die USA als Supermacht ablöst, Auswirkungen. wird von sich aus näher nach Europa rücken.
sollte sich fragen, wie seine Demokratie auf respektieren, so wie es ist. geht es wohl auch um militärische Macht. Deshalb sollte der Westen ein neues Verhält­
einen falschen Pfad gelangt ist. China hat kein Interesse, die Welt zu er­ nis zu Putin finden. Er wird Kompromisse
Wie würde denn eine Weltordnung aussehen, obern. Das Land wird sich davor hüten, die machen müssen und der Westen auch. Lei­
Hängt der Niedergang des Westens zusammen in der China und Indien die Supermächte sind? globale Ordnung zu destabilisieren. Viele der ist den westlichen Politikern diese Fä­
mit der Krise der Demokratie? China und Indien wollen die gegenwärtige fürchten sich derzeit vor einem Krieg im higkeit etwas abhanden gekommen.
Es gibt aus meiner Sicht keine Krise der Ordnung nicht umstürzen. Aber wenn sie Südchinesischen Meer oder vor einem Kon­
Demokratie. Da wurden in einzelnen Län­ nicht mehr Einfluss erhalten in den Institu­ flikt zwischen China und Japan. Aber es wird Was ist die Rolle Europas in dieser neuen Welt?
dern einfach viele Fehler gemacht. Ich hoffe, tionen, werden sie wohl eigene aufbauen. keinen Krieg geben. Das wäre für die Chine­ Die Europäer müssen die Bündnisse zu
dass dort bald klügere Führungspersönlich­ Ich hoffe, der Westen wird dem Rest der Welt sen ein grosser Rückschlag. China will weiter verschiedenen Partnern stärken und sich
keiten eingesetzt werden. erlauben, die Welt mitzugestalten. Gleich­ wachsen. gegen die Amerikaner auflehnen, etwa beim
zeitig müssen die globalen multilateralen Nuklear­Deal mit Iran. Das Abkommen ist
Was wird denn jetzt passieren, wenn China die Institutionen gestärkt werden, nicht ge­ Und wieso rüstet China denn so stark auf ? nicht perfekt, aber gut. Und Iran hält sich
globale Vormachtstellung übernimmt? China hat die Militärausgaben beachtlich an die abgemachten Bedingungen. Eine Auf­
Der Westen muss als Erstes seine Macht gesteigert, so wie es sein Bruttoinlandpro­ kündigung vonseiten der USA wäre dumm.
mit dem Rest der Welt teilen. Bisher war es dukt beachtlich gesteigert hat. Die Amerika­ Wieso sollte Nordkoreas Kim Jong Un künftig
zum Beispiel Usus, dass der Chef des Inter­
Kishore Mahbubani ner werfen den Chinesen vor, sie würden die Abmachungen mit Amerika unterzeichnen,
nationalen Währungsfonds immer ein Euro­ Uno­See­Konvention im Südchinesischen wenn er weiss, dass sich das Land nach kur­
päer war und jener der Weltbank ein Ameri­ Meer brechen. Das mag zwar stimmen. Aber zer Zeit davon distanziert?
kaner. Das mag in einer Welt, als der Westen die Amerikaner haben diese Konvention ja
mehr als 50 Prozent der Wirtschaftsleistung nicht einmal ratifiziert. Man kann den Chi­ Ist die EU stark genug, um sich von der USA
erbrachte, angebracht gewesen sein. Doch nesen nicht vorschreiben, einem Richter zu zu emanzipieren?
nicht, wenn die aufstrebenden Länder unter gehorchen, den man selbst nicht anerkennt. Die EU muss endlich einsehen, dass sie
dem Strich mehr Leistung erbringen als der Die USA haben stets den politischen Allein­ andere Interessen hat als Amerika. In der
Westen. Wenn Indien bis 2020 nicht im Uno­ gang zelebriert. Dabei widerspricht das Geopolitik geht es vor allem um Geografie.
Sicherheitsrat wäre, aber dafür Frankreich ihren eigenen langfristigen Interessen. Die Die grösste Herausforderung für die USA ist
und Grossbritannien, wäre das schon absurd. Chinesen fokussieren auf die Wirtschaft. An China. Jene für Europa ist Afrika. Afrikas
ausländischen Interventionen sind sie nicht Bevölkerung war 1950 halb so gross wie jene
Europa und die USA trauen den Chinesen nicht Der 69-Jährige lehrt Politologie an der interessiert. von Europa. 2100 wird Afrika eine zehnmal
recht. Sie sind bedrohlich. National University in Singapur. Der indisch- grössere Bevölkerung haben als Europa.
In westlichen Köpfen steckt der Mythos stämmige Experte für Asien und Weltpolitik Ebendiese ausländischen Interventionen etwa Wenn dieser Kontinent wirtschaftlich nicht
der gelben Gefahr. Die Angst vor den gelben war über 30 Jahre lang Diplomat für Singa- der USA kritisieren Sie scharf. wächst, hat dies fatale Auswirkungen auf
Völkern, die den Westen überrennen, wie pur. Sein neustes Buch erschien vor zwei Ja, mit dem Einmarsch in den Irak 2003 Europa. Denken wir nur an die Flüchtlings­
einst die Mongolen. Die Angst ist Hunderte Wochen und trägt den Titel «Has the West etwa haben der Westen und insbesondere ströme. Deshalb sollte Europa in Afrika mit
Jahre alt. Der Westen sollte sich langsam Lost It? A provocation». die USA ihren Hochmut und ihre Inkompe­ jenem Land zusammenarbeiten, das dort
davon lösen. tenz gezeigt. Sie eroberten Irak als Rache für investiert. Und das ist China.
Sonderflug im Airbus A340 der Edelweiss Air nach Alaska–Japan–Fidschi–Australien–Singapur–Mauritius–Dubai

Reise in 23 Tagen um die Welt Reisedatum 05.09.–27.09.2018


Das spricht für diese Reise:
Einmal im Leben um die Welt
Gut geführt und betreut
Einzigartige Flugroute
Weltweites Panorama

Ihre persönliche Crew

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Herzlich willkommen auf unserem Weltrundflug! in Economy-Klasse 20 990
16. Tag: Singapur, fak. Abendprogramm

Zum ersten Mal in der 122-jährigen Firmengeschichte organisiert Twerenbold Reisen für Sie einen
«Singapore by night».
Geführte Stadtrundfahrt. Wir treffen auf interessante Quartiere
in Economy Max 24 890
Flug rund um die Welt, zusammen mit Edelweiss Air, einer Schwestergesellschaft von Swiss. Der wie Chinatown und Little India. Den Kontrast bilden das moder- Unsere Leistungen
gecharterte Airbus ermöglicht uns, die Welt auf unbekannten und mit regulären Flügen kaum zu ne Finanzzentrum und das Einkaufs-Eldorado, die Orchard
· Weltrundflug mit Edelweiss Air in der gebuchten Klasse
Street. Abendprogramm «Singapore by night» mit Besuch der
realisierenden Routen zu entdecken; sieben Länder und vier Kontinente in 23 Tagen! Vor Ort erwarten Aussichtsplattform des Marina Bay Sand’s Skypark. · Hochwertige Mahlzeiten und Getränke an Bord
Sie ausgewählte Erstklasshotels, viele inkludierte Mahlzeiten, ein ausgewogenes Besichtigungs- · 30 kg Freigepäck, alle Flugnebenkosten (Wert Fr. 375)
programm und ein interessantes Angebot an fakultativen Ausflügen. Während der ganzen Reise 6. Etappe: Mauritius. · Reservierter Sitzplatz auf der ganzen Reise
Der Inselstaat Mauritius liegt im Südwesten des Indischen Oze- · Flugreise in Economy-Klasse inklusive zweitem freien
werden Sie von einem sympathischen Twerenbold-Team begleitet und bestens betreut.
ans. Die wechselvolle Kolonial- und Besiedlungsgeschichte wi- Sitzplatz
derspiegelt sich in der bunten Vielfalt der Bevölkerung ebenso · Transfers und Ausflüge mit komfortablem Reisebus
wie der Architektur. Daneben zählen die Sandstrände und die · Fahrt mit Shinkansen-Hochgeschwindigkeitszug in 2. Kl.
1. Etappe: Anchorage/Alaska, USA. 9. Tag: Flug Osaka-Nadi. tropische Vegetation zu den Höhepunkten dieses Etappenziels. · 21 Übernachtungen
Der wildeste Gliedstaat der USA bezaubert jeden Besucher mit Transfer nach Osaka, weil Kyoto keinen eigenen Flughafen be-
· Mahlzeiten: 21 x Frühstück, 5 x Mittagessen,
seiner grandiosen Natur. Ob Seen, Gletscher oder die Wälder, in sitzt. Unser Flug nach Nadi dauert rund 9.5 Stunden. 17. Tag: Flug Singapur–Mauritius.
Alaskas Wildnis lässt sich weitestgehend unberührte Natur in 10. Tag: Nadi, fak. Ausflug «tropisches Fidschi». Flug nach Mauritius. Die farbenprächtige Insel im Indischen Oze- 15 x Abendessen
seiner ganzen Schönheit betrachten. Tag zu freien Verfügung oder Ausflug zum Garten des schlafen- an erreichen wir nach rund 8 Stunden Flugzeit. · Ausflüge, Eintritte, Besichtigungen gem. Programm
den Riesen mit einer beeindruckenden Orchideensammlung. 18. Tag: Mauritius. (ausg. fak. Ausflüge)
1. Tag: Flug Zürich–Anchorage. Anschliessend Besuch des Gemüse- und Früchtemarktes. Heute geniessen wir einen erholsamen Tag in unserem schönen · Deutschsprechende Lokalreiseleitung
Wir fliegen mit Edelweiss Air A340-300 nach Anchorage. Flug- 11. Tag: Nadi, Schiffsausflug Insel Tivua. Hotel. Das Freizeitangebot bietet für jeden etwas. · Informationsabend vor der Reise
dauer zirka 11 Stunden. Per Segelschiff geht es auf die magische Insel Tivua. Umrundet 19. Tag: Mauritius, fak. Ausflug Botanischer Gar- · Gepäckträgergebühren
2. Tag: Anchorage. von weissen Sandstränden und umgeben von einem Korallen- ten Pamplemousses und Port Louis. · Trinkgelder für Lokalreiseleiter und Busfahrer
Auf einer Stadtrundfahrt lernen wir die Sehenswürdigkeiten An- garten ist die Insel ein wahres Südseejuwel. Gemütlicher Tag im Hotel oder Ausflug in den Botanische Garten · Erfahrenes Twerenbold Reisebegleitungs-Team ab/bis
chorages sowie das Anchorage Museum kennen. in Pamplemousses. Er erwartet uns mit schönen Spazierwegen,
Schweiz, eigener Bordarzt
3. Tag: Anchorage, Ausflug Seward. 4. Etappe: Sydney, Australien. Palmenalleen, tropischen Zierpflanzen, Lotusteichen und duf-
Der Ausflug durch die Kenai Fjords gehört zu den schönsten Alas- Down Under ist der südlichste Punkt unserer Weltreise und bie- tenden Gewürzpflanzen. Besuch der quirligen Hauptstadt Port
Nicht inbegriffen
kas. Auf einer Schifffahrt sehen wir verschiedene Meeressäuger tet mit Sydney eine Metropole mit weltweiter Ausstrahlung. Der Louis mit ihren Märkten und schönen Kolonialhäusern.
und Seevögel aus nächster Nähe. Ebenso überwältigt uns das dritte Kontinent, den wir auf unserer Weltreise besuchen, lässt 20. Tag: Mauritius, fak. Ausflug Chamarel. · Doppelzimmer zur Alleinbenutzung 2695
eindrückliche Spektakel von kalbenden Gletschern. Gegen Abend uns die sprichwörtliche Lockerheit der Aussies ebenso erfahren Tag zum entspannen im Hotel oder Besuch der siebenfarbigen · Sitzplatzzuschläge Economy und Economy Max:
Rückfahrt mit der Alaska Railroad nach Anchorage. wie einige seiner weltbekanntesten Sehenswürdigkeiten. Erde von Chamarel, eine rot-violette Hügellandschaft, sowie ei- – vorderste Reihe Fensterseite 1000
ner Rumfabrik in Chamarel. Führung und Rumverkostung. · Fakultative Ausflüge (Vorausbuchung notwendig):
2. Etappe: Tokyo und Kyoto, Japan. 12. Tag: Flug Nadi-Sydney. – Nara inkl. Mittagessen 180
Modernität und Urbanität treffen in kaum einem zweiten Land Weiterflug nach Sydney. Unser Flug nach Sydney dauert rund 7. Etappe: Dubai, Vereinigte Arabische Emirate. – Tropisches Fidschi 55
auf so engem Raum auf Tradition und Spiritualität wie in Japan. 5 Stunden. Am Abend Hafenrundfahrt mit Abendessen an Bord. Die Stadt der Superlative stellt Dubai dar; nichts scheint im klei-
– Blue Mountains inkl. Mittagessen 170
Die Hauptstadt Tokyo ist das Zentrum und Pulsgeber des Landes, 13. Tag: Sydney. nen Emirat am Golf unmöglich zu sein. So gehören Wolkenkrat-
während Kyoto die Geschichte der Kaiserzeit verkörpert. Auf einer geführten Rundfahrt lernen wir die Höhepunkte dieser zer und selbst das höchste Gebäude der Welt, der Burj Khalifa – Singapur bei Nacht inkl. Abendessen 140
lebendigen und abwechslungsreichen Stadt kennen. Das welt- mit seinen 828 m Höhe, wie auch aufgeschüttete Inseln in Form – Port Louis inkl. Mittagessen 95
4./5. Tag: Flug Anchorage–Tokyo. berühmte Opernhaus ist sicherlich der magische Anziehungs- einer Palme oder Skipisten in riesigen Hallen zum Selbstver- – Chamarel inkl. Mittagessen 115
Beim Flug nach Tokyo überfliegen wir die Datumsgrenze. Die punkt für alle Besucher. Abends besteht die Möglichkeit zum ständnis dieses Emirats. · Annullierungskosten- & Assistance-Versicherung
Metropole Japans erreichen wir nach einem 8.5-Stunden-Flug. Besuch eines Musikanlasses im Sydney Opernhaus. (Jahresversicherung) ab 109
Auf unserer Besichtigung erhalten wir einen ersten Eindruck. 14. Tag: Sydney, fak. Ausflug Blue Mountains. 21. Tag: Flug Mauritius–Dubai. · Persönliche Auslagen
6. Tag: Tokyo, Bahnfahrt Tokyo–Kyoto. Tag zur freien Verfügung oder Ausflug in den Blue Mountains Flug mit unserem Airbus in rund 7 Stunden nach Dubai.
Zweiter Teil unserer Stadtbesichtigung. Der Hochgeschwindig- Naturpark. Diese faszinierende Landschaft mit steilen Schluch- 22. Tag: Dubai.
Ihre Hotels Nächte off.Kat.
keitszug «Shinkansen» bringt uns anschliessend in rund zwei- ten, Wasserfällen, Eukalyptus-Wäldern und der bekannten Fels- Auf einer ausgedehnten Stadtrundfahrt lernen wir die Metropole
einhalb Stunden nach Kyoto. formation «Three Sisters» ist ein herrliches Beispiel für Australi- Dubai kennen. Die Vielfalt der Stadt ist überwältigend und lockt The Lakefront, Anchorage 3 ***
7. Tag: Kyoto. ens Vielfalt. Besuch des Featherdale Wildlife Parks. ihre Besucher mit dem Zauber von Alt und Neu: von der eleganten The New Otani The Main, Tokyo 1 *****
Der heutige Tag steht ganz im Zeichen von Kyoto. Moschee bis zum architektonischen Wunderturm.Am Abend kom- Nikko Princess & Granvia, Kyoto 3 ****
8. Tag: Kyoto, fak. Ausflug Nara. 5. Etappe: Singapur. men wir in den Genuss der grössten Wasserspiele der Welt. The Westin Denarau Island , Nadi 3 *****
Tag zur freien Verfügung oder Ausflug ins nahegelegene Nara, das Der Stadtstaat auf der malaysischen Peninsula gilt auch als 23. Tag: Flug Dubai–Zürich. Amora Jamison, Sydney 3 *****
buddhistische Zentrum Japans mit vielen gut erhaltenen Tempeln. Schweiz Südostasiens. Die beeindruckende wirtschaftliche Erfolgs- Transfer zum Flughafen und rund 6.5 Stunden Rückflug nach
Shangri-La, Singapur 2 *****
geschichte dieses 729 km² kleinen Zwergstaates hat sich in einer Zürich. Individuelle Heimreise.
Trou aux Biches Beachcomber, Mauritius 4 *****
3. Etappe: Nadi, Fidschi. weltweit unverwechselbaren Stadtarchitektur niedergeschlagen.
Die Südseeinselgruppe Fidschi liegt fernab der gängigen Touris- Programmänderungen vorbehalten. The Westin Al Habtoor City, Dubai 2 *****
tenrouten inmitten des unendlich erscheinenden Südpazifiks. 15. Tag: Flug Sydney–Singapur.
Die Vulkaninseln bezaubern den Besucher mit seiner tropischen Weiterflug nach Singapur. Nach 8.5 Stunden erreichen wir den
Vegetation und seinen weissen Sandstränden. Stadtstaat Singapur, das führende Wirtschafszentrum Südostasiens. Detailprogramm unter www.twerenbold.ch Internet-Buchungscode clrund

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Von links nach rechts: Heinz Weber (Leitung), Mario Pessina, Thomas Wehrle (Bordarzt), Julia Kaufmann, Françoise Buob, Peter Spring, Lena Kroll

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NZZ am Sonntag 22. April 2018
Leserbriefe 23

«Kann man sich diese


missliche Lage vorstellen?»
«Marsch ins Nirgendwo»
Älteren, ist ausschliessliche Nutzer, neu-
deutsch «User», und keine Programmierer.
Die Branche überhäuft die Welt permanent
mit Neuerungen, denn sie geht davon aus,
«Wer sind wir denn?»
NZZ am Sonntag vom 15.April wir würden alle jubeln, wenn auf dem Bild-
Der Gazastreifen mit einer Fläche von schirm das Fenster «Neue Updates verfüg-

CHRISTIAN BEUTLER / KEYSTONE


360 km2 ist um rund 20 Prozent grösser als bar» erscheint. Wir freuen uns ebenfalls
der Kanton Schaffhausen, und darin leben nicht über heranwachsende Handy-Genera-
ungefähr zwei Millionen Menschen, aller- tionen, die sich ein Leben ohne «Online»
dings ohne über eine auch nur annähernd nicht mehr vorstellen können. Auch nicht,
vergleichbare Infrastruktur wie der Kanton wenn bei einem Autoradio 500 Möglichkei-
Schaffhausen zu verfügen. Von dieser Fläche ten verfügbar sind, jedoch nur zehn davon
sind nur rund 15 Prozent landwirtschaftlich wirklich benötigt werden. Eine solche Tech-
nutzbar. Kann man sich hier überhaupt die nologie ist definitiv nicht im Sinn einer
misslichen Lebensumstände dieser Men- Erleichterung.
schen im Gazastreifen vorstellen? Als kaum zu überbietende Unverschämt-
Es ist dann nicht verwunderlich, wenn heit haben Software-Giganten vor ein paar
zornige junge Männer auch Lebensrechte Jahren einen neuen Trick der Kunden-
einfordern, die für uns hier selbstverständ- bindung herausgefunden: Programme
lich sind. Um die Weltöffentlichkeit auf ihre können nur noch gemietet werden, sie
hoffnungslose Lage aufmerksam zu machen laufen nach bestimmten Zeiten als
setzen sie sich sogar den Schüssen der zio- unbenutzbar aus, kostenpflichtige Updates
nistischen Soldaten aus. Wenn im Artikel werden dadurch zwingend, es ist der Kon-
davon geschrieben wird, dass die «islamisti- sumterror in Reinkultur. Eine Liste solcher
sche» Hamas die von israelischen Soldaten Verirrungen würde den Platz der Leser-
erschossenen Opfer dazu missbraucht, um briefseite sprengen. Und weil wir immer
Israel schlecht zu machen, wird die histori- mehr davon abhängig sind, ist es aussichts-
sche Entwicklung ausgeblendet und wieder los, sich dagegen zu wehren. Tut man es
einmal Wirkung und Ursache verwechselt. trotzdem, wird man als hoffnungsloser Hin-
Ausgeklammert wird auch, dass die Zionis- terwäldler bezeichnet.
ten für sich ein Rückkehrrecht nach fast Rudolf Kolb, Dottikon (AG)
2000 Jahren Landesabwesenheit beanspru-
chen, aber Israel dieses Rückkehrrecht
den von ihm vertriebenen Palästinensern
verweigert.
«Mehr Dreck»
Alfred Irouschek, Binningen (BL) «Alles furchbar gemütlich hier»
NZZ am Sonntag vom 15.April Missbrauch? Viele Anzeigen sind von den Sozialämtern grosser und mittelgrosser Städte eingereicht worden.
Woher das Schlagwort «Rückkehrrecht»? Sehr treffend veranschaulicht Christine
Der arabische Angriffskrieg von 1948 gegen Steffen die furchtbar kleinkarierte Zürcher
Israel hatte unter anderem zur Folge, dass Uniformität, pardon: Urbanität. Mehr Dreck «Mehr als 200 Strafanzeigen wegen Sozial- den der Schweiz. René Donzé möge sich mal
rund 650 000 Muslime die Häuser verlies- wünscht man sich, wenn man sein Leben
So schreiben missbrauch» und «Unkorrekt politisch» die Website «kunst-und-politik» ansehen.
sen, der Grossteil aber, weil von arabischen lieber mit artgerechtem Auslauf als in einem Sie uns NZZ am Sonntag vom 15. April Auch bei den Engagements gegen No-Billag
Stellen dazu aufgefordert. Doch statt sie in Hochsicherheitslabor zubringen möchte. Ein Etwa 18 Milliarden Franken entgehen uns und für das Geldspielgesetz geht es nicht um
der riesigen arabischen Welt zu integrieren, zuverlässiges Mass für die Lebensfeindlich- Leserbriefe müssen Bürgern durch Steuerhinterziehungen. Mög- die Pfründe der Künstlerinnen und Künstler,
wurden sie von ihren Führern weiter als keit des Aussenraums ist der Versiegelungs- bis Donnerstag- liche Steuerbetrüger gehören im Verdachts- sondern um die kulturelle Vielfalt in unse-
Flüchtlinge behandelt, um so als psychologi- grad und weniger die dezenten Farben der mittag eintreffen fall überwacht und deren Staatsbürgerschaft rem Land. So fliesst ein grosser Teil der
sche Waffe gegen Israel eingesetzt zu Trogpflanzen. Diese Bepflanzung ist bisher, und mit der voll- ist infrage zu stellen. Viele Nationalräte Mittel aus den Lotteriegewinnen nicht an die
werden. Die jüngsten Proteste sind denn abgesehen von den Passanten, das einzige ständigen Post- erscheinen nicht an Sitzungen. Sie gehören Kulturschaffenden, sondern an kleine pro-
auch als mediengerecht inszenierter psycho- Lebenszeichen an dieser «Allee». Das attrak- adresse des Absen- überwacht und ihnen ist anzudrohen, den fessionelle und nicht professionelle Veran-
logischer Kampf gegen Israel zu verstehen. tiv zusammengestellte Blattgemüse ist eine ders versehen sein. Sitz zu verlieren. Spezialärzte belasten mit staltungsorte in der Landschaft. Diese müss-
Ihr Ziel geht aus den Satzungen der Hamas grössere Zierde als so mancher gutgemeinte Sie sollten sich auf hohen Tarifen unnötig unsere Kranken- ten ohne diese Mittel ihre Tore schliessen.
sowie der PLO/Fatah hervor: die Vernichtung Blumentrog und kann nebenher auch – die letzte Ausgabe kassen. Krankenkassen, die solch hohe Hans Läubli, Geschäftsleiter Suisseculture,
Israels. Wenn voreilig von «Heimat» und massvoll – degustiert werden. Der Skandal ist beziehen. Publiziert Tarife vergüten, gehören überwacht und Zürich
«nationaler Identität» die Rede ist, beachte der Trog selber, dass SBB und Stadtverwal- werden auch unter staatliche Aufsicht gestellt. Ach ja, da
man, dass rund 75 Prozent der Palästinenser tung uns Erde nur noch als Relikt im mobilen Reaktionen, die auf gibt es noch die Betrüger im Sozialwesen. Die Berichterstattung von René Donzé
von Einwanderern abstammen, die 1900 bis Containment übrig lassen. nzz.ch/nzzas , Zum Glück konnten durch Sozialdetektive zum Referendum gegen überbordende Ver-
1948 aus x Ländern eingewandert waren. Ach ja, jetzt kommt dann noch eine Reihe Facebook und 200 bis 300 Personen angezeigt werden. sichertenbespitzelung irritiert gleich zwei-
Ihre Heimaterde liegt in Syrien, Ägypten eingepferchter Ginkgobäumchen in die Twitter erschie- Diese «Fangquote» muss durch zusätzliche fach. Er behauptet, Kulturschaffende enga-
und so weiter. Allee, für die kein europäisches Gewächs nen sind. Bearbei- Massnahmen erhöht, der Missbrauch auf gierten sich in der Schweiz «politisch nur,
Es gibt kein Rückkehrrecht, jene UNGA- urban genug war. An der Lagerstrasse wurde tungen sind vorbe- null gesenkt werden. Wer sind wir denn? wenn es um ihre Pfründe geht». Da fragt man
Resolution 194 war rechtlich unverbindlich. uns eine Lindenallee versprochen, aber die halten. – wir lassen uns doch nicht auf der Nase sich, wo der Journalist in den letzten Jahren
Die Unlösbarkeit der Situation ergibt sich Stadt schafft es nicht, die Bäume mit einer herumtanzen! gelebt hat. Als kulturell interessierter
durch den nur für Palästinenser geltenden durchgehenden Rabatte zu verbinden und Jürg Dennler, Walchwil (ZG) Mensch habe ich das öffentliche und gehalt-
vererblichen Flüchtlingsstatus, wodurch aus ihnen damit eine Überlebenschance zu volle Engagement von Schweizer Kunst-
den 650 000 inzwischen Millionen wurden. geben. Und wenn sie dann eingehen, war es Mit einem sehr grossen Annäherungswert schaffenden zu Durchsetzungsinitiative,
Man stelle sich vor, die Millionen Flüchtlinge der globale Klimawandel, dabei brauchte es (1/3) wird von «zwischen 200 und 300» Unternehmenssteuerreform, Ausschaffungs-
des Zweiten Weltkriegs in Europa würden nur einen Klimawandel bei der Aussen- Anzeigen geschrieben. Das macht sofort initiative, Atomausstieg, Asylgesetzrevisio-
Gleiches fordern. Kein Thema ist leider die raumplanung. Stimmung. Differenzierungen und Relativie- nen, Ecopop, Blochers Medienübernahmen
damalige Flucht von rund 830 000 Juden Andreas Diethelm, Umweltberater, Zürich rungen folgen erst später, tiefe innerkanto- oder auch zur Diskriminierung von Sans-
aus arabischen Ländern. Sie wurden gröss- nale, städtische Zahlen, und erst ganz am Papiers wahrgenommen. Alles Themen, bei
tenteils in Israel integriert. Das eigentliche Problem ist nicht die Schluss dann die wesentliche Aussage, wie denen es nicht um «Künstler-Pfründe» ging.
Hanspeter Büchi, Stäfa (ZH) «Müslikultur», sondern ganz allgemein tief der prozentuale Anteil dieser Anzeigen Man staunt, wie faktenfrei ein Journalist in
unsere biedere Gesellschaft, die inzwischen an der gesamthaften Soziahilfebezugsquote einer angesehenen Zeitung solche Behaup-
glauben gemacht wurde, dass man Freiheit ist. Dieser Beitrag kommt also ohne jeden tungen aufstellen kann. Schon weniger
«Die Welt wird von IT- und Glück durch Konsumprodukte erwerben triftigen Anlass so reisserisch daher, das erstaunt ist man dann, dass er in seinem
Neuerungen überhäuft» könne. Gibt es etwas Traurigeres, als in steri-
len Shopping-Malls herumzustreifen und
bleibt in den Köpfen hängen, und leistet
somit leider Schützenhilfe zum aktuellen
Kommentar auch den Sinn des Referendums
völlig überzeichnet. Das Referendum richtet
«Die dunklen Seiten des digitalen Alltags» sich Dinge anzusehen, die man sich nicht Abbau der Sozialhilfe beziehungsweise sich nicht gegen den Grundsatz der Über-
NZZ am Sonntag vom 15.April leisten kann, und sich dabei die immer gleich kommt als deren Legitimierung daher. War wachung in begründeten Fällen, sondern
Der Artikel von Katja Rost über die digitale schmeckenden Food-Massenprodukte rein- Schreiben Sie an: das die Absicht? gegen die masslosen Mittel in der Hand von
Sintflut geht weit über das Amusement zuziehen, welche die immergleichen Gross- NZZ am Sonntag, Sandro Fischli, Sozialarbeiter, Bern Privatdetektiven, die sogar jene der Polizei
hinaus, denn wir alle werden zunehmend firmen anbieten? Da bietet die Müslikultur Leserbriefe, im Kampf gegen den Terrorismus überstei-
von Digital-Freaks beherrscht. IT-Geräte wenigstens mal eine Abwechslung, bis man Postfach, Mit der Aussage «Hierzulande engagieren gen. Dabei wird ein wichtiger Grundsatz des
haben uns zwar viel erleichtert und viele herausfindet dass dies auf die Länge auch CH-8021 Zürich. sich Musiker und Literaten in der Regel poli- Rechtsstaates, die Verhältnismässigkeit,
Möglichkeiten eröffnet, aber der überwie- nicht befriedigt. leserbrief.sonntag tisch nur, wenn es um ihre Pfründe geht», nicht gewahrt. Und das ist hoch bedenklich.
gende Teil der Gesellschaft, nicht nur die Martin Hachler @nzz.ch diffamiert René Donzé die Kulturschaffen- Daniela Giuliani, Basel

Impressum Herausgeberin: Neue Zürcher Zeitung AG Kultur: Christian Jungen (cj.) (Ressortleiter), Christian
Berzins (bez.), Denise Bucher (dbc.), Gerhard Mack (gm.).
hagen: Niels Anner (nan.), Mailand: Patricia Arnold (arn.),
Mexiko-Stadt: Sandra Weiss (saw.), Moskau: Klaus-Helge
Inserate: NZZ Media Solutions AG, Falkenstrasse 11,
8021 Zürich, Tel. 044 258 16 98,
REDAKTION «Bücher am Sonntag»: Martina Läubli (läu.) (Leitung), Kathrin Donath (khd.), New York: Roman Elsener (rte.), Jens Korte E-Mail: inserate@nzz.ch – www.nzzmediasolutions.ch
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(kap.), Ueli Kneubühler (knu.), Jürg Meier (mju.), Franziska Belgrad: Andreas Ernst (ahn.), Berlin: Silke Mertins (sme.), Tel. 044 258 11 11, E-Mail: verlag@nzz.ch, www.nzz.ch/verlag Verbreitete Auflage: 117 947 Ex. (Wemf 2017).
Pfister (frp.), Markus Städeli (stä.), Albert Steck (sal.), David Susanne Ziegert (suz.), Dublin: Martin Alioth (ali.), Istanbul: Leserservice: Postfach, 8021 Zürich. Tel. 044 258 10 00,
Strohm (dst.) (Leitung Beilagen), Birgit Voigt (vob.). Inga Rogg (iro.), Kapstadt: Christian Putsch (cpk.), Kopen- E-Mail: nzzamsonntag@nzz.ch – www.nzz.ch/Sonntag © Neue Zürcher Zeitung AG, alle Rechte vorbehalten.
Wochenrückblick
NZZ am Sonntag 22. April 2018

International Schweiz
Recep Tayyip Erdogan ruft in Das Bundesamt für Verkehr schränken, die von der Schweiz und weitere Lokalblätter an den

ALEXANDRE MENEGHINI / AP / KEYSTONE


der Türkei überraschend vorge- (BAV) will der BLS ab 2020 die ratifiziert wurden. Politiker ab.
zogene Neuwahlen für den Juni Linien Bern–Biel sowie Bern–
aus. Der Präsident nutzt damit Burgdorf–Olten zusprechen. Der Zürcher Medienkonzern Der Bundesrat beschliesst eine
seine Popularität nach dem Mili- Zudem müssen die SBB einen Tamedia und der SVP-Politiker Verlängerung der Ventilklausel
täreinsatz im syrischen Afrin. grösseren Anteil ihres Gewinns Christoph Blocher gehen ein für Bulgarien und Rumänien.
Regulär wäre erst im November abgeben. Die Eckwerte sollen ab Tauschgeschäft ein: Blocher Damit bleibt die Zuwanderung
2019 gewählt worden. Bis dahin Ende 2019 für die Fernverkehrs- übergibt die «Basler Zeitung» an aus diesen Ländern beschränkt.
dürfte sich die wirtschaftliche konzession gelten. Definitiv will Tamedia; diese tritt im Gegenzug Der Bundesrat kann diese bei
Lage der Türkei allerdings klar das BAV im Juni entscheiden. das «Tagblatt der Stadt Zürich» einem Anstieg reduzieren.
verschlechtern.
Die Rechtskommission des Die Zürcher Parkhausmörderin

KEYSTONE
Nordkorea will seine Raketen- Nationalrats spricht sich für bleibt verwahrt. Das Bundes-
und Atomtests ab sofort einstel- einen Gegenvorschlag zur Kon- gericht stützt einen Entscheid
len. Die Ankündigung von zernverantwortungsinitiative des Zürcher Obergerichts,
Machthaber Kim Jong Un erfolgt aus. Firmen sollen auch im wonach die Bedingungen für
kurz vor wichtigen Gipfeltermi- Ausland Umweltbestimmungen eine stationäre Massnahme nicht
nen: In einer Woche will er sich Miguel Díaz-Canel (links) und Raúl Castro. (Havanna, 19. 4. 2018) und Menschenrechtsstandards erfüllt sind. Die Täterin hat 1991
mit Südkoreas Präsident Moon einhalten. Die Kommission will in einem Parkhaus eine Frau
Jae In treffen, später mit US-Prä- die Vorgaben allerdings auf erstochen. 1997 beging sie einen
sident Donald Trump. Von seine Grenzen schützen. Er for- Die Terrororganisation Eta im internationale Verträge ein- Getauscht: Die «Basler Zeitung». weiteren Mord. (asc.)
einem definitiven Atomausstieg dert mehr Integration bei der Baskenland bittet erstmals in
spricht Kim nicht. Verteidigung, der Asylpolitik ihrer Geschichte ihre Opfer aus-
und den Finanzen. Macrons drücklich um Entschuldigung.
In Kuba kommt es zum histori- Visionen stossen in Deutschland Man habe während des vergan- Wirtschaft
schen Machtwechsel: Der auf grosse Skepsis, wie sich bei genen bewaffneten Kampfes
58-jährige Miguel Díaz-Canel seinem folgenden Besuch in Fehler gemacht und bereue dies
löst den 86-jährigen Raúl Castro Berlin zeigt. zutiefst, heisst es in einer Erklä- Der Kurs des Euro gegenüber herstellers Porsche und bei der André Rihs, langjähriger Leiter
als Präsident ab. Damit regiert in rung. Der vor mehr als sechzig dem Franken springt erstmals ebenfalls zu VW gehörenden und Mehrheitsaktionär des Hör-
Kuba erstmals ein Politiker, der Ein Youtube-Video offenbart den Jahren gegründeten Terrororga- seit dem Januar 2015 wieder Konzernschwester Audi Razzien geräte-Herstellers Phonak, stirbt
nicht an der Revolution von 1959 Antisemitismus in Deutschland: nisation werden mehr als 800 über Fr. 1.20 Diese Marke bildete statt. Einer der beschuldigten im Alter von 75 Jahren. Der Self-
beteiligt war. Die alte Garde Ein 21-jähriger Mann wird in Morde zugeschrieben. Sie will bis dahin eine Untergrenze. Sie Mitarbeiter von Porsche bleibt in made-Millionär hinterlässt auch
REUTERS

behält nach wie vor viele hohe Berlin von einer Gruppe arabisch demnächst in Frankreich ihre ist von der Nationalbank (SNB) Untersuchungshaft. An der als Mäzen eine Lücke. Rihs
Posten. Auch bleibt die Führung sprechender Männer geschlagen, endgültige Auflösung bekannt- mit Euro-Käufen im grossen Stil Aktion beteiligen sich fast 200 unterstützte die Berner Young
der Kommunistischen Partei nur weil er eine Kippa geben. (maz.) verteidigt worden. Auch gegen- Staatsanwälte und Polizisten. Boys und die BMC-Radsportler.
bei Raúl Castro. trägt. Wie sich später über dem Dollar schwächt sich
herausstellt, ist das der Franken ab; der Wechselkurs Der Pharma- und Spezialchemie- Der US-Internetkonzern Amazon
Der französische Präsi- Opfer selbst ein Araber nähert sich langsam der Parität konzern Merck verkauft sein zählt mehr als 100 Millionen
dent Emmanuel Macron israelischer Nationali- an. Experten sehen den Verlust Geschäft mit rezeptfreien Medi- zahlende Kunden für seinen
(Bild rechts) spricht sich tät, der mit der tradi- der Funktion als «sicherer kamenten an den Konsumgüter- Abo-Service Prime. Der 2005
vor dem Europaparla- tionellen Kopf- Hafen» und die restriktive Geld- konzern Procter & Gamble. Der gestartete Service bietet unter
ment in Strassburg für
mehr europäische Souve-
bedeckung die Juden-
feindlichkeit im Land
Unser Newsletter politik der SNB als Gründe. Verkaufspreis liegt mit 3,4 Mil-
liarden Euro in bar unter den
anderem eine schnellere Waren-
lieferung. In der Schweiz über-
ränität aus. Nur ein testen wollte. Einer der Stimmt Sie schon am Freitag aufs Im Zusammenhang mit der Erwartungen der Investoren. Mit nimmt Coop den Online-Händler
starkes Europa Täter, ein 19-jähri- Wochenende ein. Jetzt anmelden! Affäre um manipulierte Diesel- dem Erlös will das Unternehmen Siroop, der zuvor gemeinsam
könne seine ger Syrer, stellt nzz.as/newsletter motoren finden an mehreren aus Darmstadt in erster Linie mit Swisscom betrieben worden
Bürger und sich der Polizei. Standorten des Sportwagen- Schulden abbauen. ist, vollständig. (dst.)

Die politischen Bemühungen gehen heute in die Richtung, den ganzen Energiesektor zu elektrifizieren, da
die Reduktion der CO2-Emissionen im Vordergrund steht. Dabei geht vergessen, dass durch den Wechsel des
Energieträgers der Energieverbrauch gleichbleibt. Erst durch zusätzliche Überlegungen und Massnahmen
kann der Energieverbrauch reduziert werden.

Entscheidend ist der sparsame Umgang


Ausgewiesene CO2-Einsparungen eingesetzt. So betrachtet ist der Energie- Wärmepumpe in älterem
hinterfragen einsatz für eine Wärmepumpe ähnlich Gebäude
Solange der Energieverbrauch nicht sinkt, wie bei einer Ölheizung. Nur entsteht der Wird eine Wärmepumpe in einem älte-
sind die CO2-Einsparungen global be- Eindruck, dass sie sparsamer sei, weil mit ren, wenig isolierten Gebäude verbaut, so
trachtet fraglich. Z.B. wird die Wärme- 1/3 Stromeinsatz 2/3 Umgebungswärme ist der Aufwand für die Bereitstellung der
pum-pe im Winter mit Strom betrieben. gewonnen werden kann. Wärme höher als bei einer Ölheizung. Es
Im Winter stehen Photovoltaik- oder Was- Wird eine Wärmepumpe alleine mit braucht mehr Kreisläufe bei der Wärme-
ser-Strom weniger zur Verfügung. So lau- Kohlestrom betrieben, so sind die CO2- pumpe, bis die Wärme bereitgestellt ist,
fen Wärmepumpen oft mit Atom- Gas- Emissionen höher als bei der Ölheizung. <wm>10CAsNsjY0MDQx0TUxMjE0NAEAnfX8SQ8AAAA=</wm>
womit der Stromverbrauch höher ausfällt.
oder Kohlestrom. Betrachten wir den En- <wm>10CFWKKxKAMAwFT9TOe0kaWiIZHINg8DUMmvsrPg6xZneXJUrGxzSv-7wFQbNkYqRF1ZZRSrhodpGAigtYRxqr0Jv9_gQ2V6C_T4Im8f5YDk_v2kq-jvMG9JDM53IAAAA=</wm>

Rufen wir uns die oben erwähnten Zu-


ergiebedarf einer Wärmepumpe gesamt- Heizungsersatz oft effektivste sammenhänge der Stromproduktion in
haft: in einem Kraftwerk wird aus einem Massnahme Erinnerung, so wird bald klar, dass die
Primärenergieträger Strom hergestellt. Aus den obigen Ausführungen geht her- CO2-Emissionen in solchen Fällen durch-
Dabei gehen rund 2/3 der eingesetzten vor, dass das Einsparen von Energie tat- aus höher liegen können, als wenn ein
Ressourcen in Form von Produktionsver- sächlichen Umweltschutz darstellt. Redu- solches Haus mit einer Ölheizung beheizt
lusten verloren. Das verbleibende Drittel zierter Energieverbrauch bedeutet eine re- wird.
wird für den Betrieb der Wärmepumpe elle Reduktion von CO2-Emissionen. Der Im Endeffekt ist also jedes Objekt mit
Entscheidend ist der sparsame Umgang mit Energie, nicht der Energieträger. seinen Eigenheiten zu betrachten und
aufgrund der Gegebenheiten, das richtige
Ersatz eines Energieträgers durch einen sparung erreicht werden. Beim hydrau- System einzusetzen, um die optimale Lö-
anderen führt dagegen eher zu fragwür- lischen Abgleich geht es um die richti- sung für den Geldbeutel und das Klima
digen Resultaten. Eine der effektivsten ge Verteilung des Heizungswassers im zu erzielen.
Massnahmen ist hingegen der Heizungs- ganzen Gebäude. Wenn in einem Heiz-
ersatz. Im Falle einer Ölheizung kostet körper zu viel und im anderen zu wenig
der Ersatz etwa Fr. 20’000.– und die En- Heizungswasser zirkuliert, dann entste- KOSTENLOSE ENERGIEBERATUNG
ergieeinsparung beträgt bis zu 30 %. So hen Stellen in denen es zu kühl ist. Um
sind es 1,5 % pro Fr. 1’000.– Investition. Bei Abhilfe zu schaffen, wird notgedrungen 0800 84 80 84
der Fassadenisolation können zwar auch die Heizungstemperatur höher einge-
bis zu 30 % Energieeinsparung erreicht stellt. Dadurch wird unnötig Energie beratung@heizoel.ch
werden, aber der Mitteleinsatz ist oft dop- verbraucht. Korrigieren wir diese Schie- www.heizoel.ch
pelt so hoch. flage, so kann die Temperatur gesenkt
Wird der Heizungsersatz mit Be- und Energie gespart werden. Mit we-
triebsoptimierungen wie dem hydrauli- nig Geld kann also schon viel Energie
schen Abgleich kombiniert, so können gespart und der CO2-Ausstoss effektiv
Reduzierter Energieverbrauch bedeutet eine reelle Reduktion von CO2-Emissionen. oft sogar bis zu 40 % oder sogar 50 % Ein- gemindert werden.
NZZ am Sonntag 22. April 2018
Abstellgleis Bio-Pionier Verwaltungsrat

PASCAL MORA
Wieso Güterverkehr So tickt Alnatura- Jürg Witmer: «China
nicht rentiert 27 Gründer Rehn 29 braucht Syngenta» 30

HELEN KING / GETTY IMAGES


Ausfälle bei der Arbeit nehmen stark zu
Entwicklung ausgewählter Krankheiten,
Anzahl Fälle (indexiert: 2012 = 100)

Psychische Erkrankungen
135
Erkrankungen am
130 Bewegungsapparat
Erkrankungen total
125

120

115

110

105

100
2012 2013 2014 2015 2016 2017

Quelle: Swica

diese Entwicklung und spricht von einem


«grossen Problem» für die Firmen. Auch bei
Konflikten am Arbeitsplatz reagierten die Be­
troffenen oftmals mit dem Gang zum Arzt.
Für Hausärzte und Psychiater sei ein objek­
tives Urteil in solch aufgeheizten Situationen
sehr anspruchsvoll, sagt Niklas Baer von
der Psychiatrie Baselland. Zwar bringe eine
Krankschreibung zunächst eine Entlastung,
doch könne sie die Probleme im weiteren Ver­
lauf noch verstärken. In mehreren Studien,
unter anderem für den Bund, hat Baer die
Rehabilitation von psychisch Kranken analy­
siert. Sein Fazit: «Die Ärzte neigen dazu, die
Patienten zu rasch, zu lange und zu häufig
Vollzeit krankzuschreiben. Im Schnitt dauert
eine Absenz sechs Monate.»
Dies sei zwar der Weg des geringsten Wider­
standes. Doch würden die Gefahren eine sol­
chen Entscheids zu wenig beachtet – beson­
ders für die Patienten selber, meint Baer. «Je
länger eine Person am Arbeitsplatz fehlt,
desto unwahrscheinlicher wird eine Rück­
kehr. Die Unmut von Kollegen und Vorgesetz­
ten nimmt zu, ebenso die Angst des Mitarbei­
ters vor einem solchen Schritt.»
Zwei Drittel der psychischen Erkrankungen
enden laut Baer mit einer Kündigung. Im
Schnitt dauert es 22 Monate, bis es zur Tren­
Psychische Krankheiten führen vielfach zu einem Zerwürfnis am Arbeitsplatz: Zwei Drittel der Fälle enden mit einer Kündigung. nung kommt – mit enormen Folgekosten. Der
volkswirtschaftliche Schaden aller psychi­

Stress bei der Arbeit: Ein Drittel


schen Erkrankungen belaufe sich auf mehr als
20 Mrd. Fr. im Jahr. Ein grosser Teil dieser Fäl­
le liesse sich jedoch verhindern, ist der Psy­
chologe überzeugt: «Nötig ist zuallererst ein

mehr psychische Erkrankungen


enger Dialog zwischen dem Arzt und dem
Unternehmen. Allerdings nimmt nur jeder
fünfte Arbeitgeber den Kontakt zum behan­
delnden Arzt auf – das ist viel zu wenig.»

Profis statt Barfuss-Psychologen

Erstmals zeigen Zahlen eine dramatische Zunahme der Krankheitsfälle. Schuld ist Wie es funktionieren kann, zeigt das Beispiel
der SBB. Den Bundesbahnen gelingt es, rund
70% der Langzeitausfälle wegen psychischer
der Arbeitsdruck. Viele lassen sich auch voreilig krankschreiben. Von Albert Steck Krankheit wieder in den Beruf zu reintegrie­
ren. Ein Team von 20 Personen ist mit dieser

M
Aufgabe betreut. «Wir setzen den Hebel zu­

180
acht Stress krank? Das wird zwar Anteil von 30% – mit steigender Tendenz», Schmerzen, welche oft ebenfalls psychische dem schon viel früher an, bevor die Krankheit
viel diskutiert. Handfeste Belege sagt Jordi. «Einen Grund dafür sehen wir im Ursachen haben. Stabil sind die Fallzahlen da­ eskaliert», erklärt SBB-Personalchef Jordi,
für diese verbreitete Ansicht gibt starken Umbruch in der Arbeitswelt.» gegen bei den inneren Leiden, worunter Herz­ «wenn ein Vorgesetzter erste Indizien fest­
es bis heute aber kaum. Zu den Die konkreten Folgen dieses Wandels auf oder Virenkrankheiten sowie Krebs fallen. stellt, sollte er sich nicht als Barfuss­Psycho­
spärlichen Fakten gehören lediglich Umfragen die Gesundheit der Arbeitnehmer dokumen­ Swica ist der grösste Anbieter von Kranken­ Um so viele Tage loge versuchen. Stattdessen kann er sich an
über das subjektive Empfinden der Arbeitneh­ tiert nun erstmals eine noch unveröffentlichte taggeldversicherungen in der Schweiz. Auf­ wird die Kündi- eine interne Anlaufstelle richten. Diese wird
mer. Doch lassen diese meist einen grossen Analyse der Krankenversicherung Swica. grund der rund 30 000 angeschlossenen Fir­ gungsfrist maximal auch stark genutzt.»
Interpretationsspielraum offen. Demnach erhöhten sich die Krankheitsfälle men mit 600 000 Mitarbeitern kann sie auf verlängert, wenn Das Gesetz verpflichte die Firmen, für das
Eine der wenigen Studien hat das Staats­ innerhalb von nur fünf Jahren um ganze 20%. einen grossen Datenpool zurückgreifen: Fehlt jemand krank wird. Wohl ihrer Angestellten zu sorgen, betont
sekretariat für Wirtschaft 2015 publiziert. «Wir beobachten diese Entwicklung mit Be­ ein Angestellter wegen Krankheit, wird dies Immer mehr Betrof- Samuel Maurer, ETH-Dozent und Geschäfts­
Demnach klagt jeder vierte Arbeitnehmer sorgnis», erklärt Roger Ritler, Direktionsmit­ unmittelbar im System erfasst. fene beschaffen führer der Firma Lifetime Health, welche seit
über häufigen oder gar dauernden Stress. glied der Swica. «Vor allem die zunehmende Wie lässt sich diese starke Zunahme an Ab­ sich deshalb ein 20 Jahren im Gesundheitsmanagement tätig
35% fühlen sich meistens oder immer er­ Verbreitung der psychischen Leiden erachten senzen stoppen? Die Unternehmen müssten Arztzeugnis, wenn ist: «Die vom Parlament geplante Flexibilisie­
schöpft. Ob diese Symptome aber zugenom­ wir als bedenklich. Denn es ist derjenige ihren Umgang mit psychisch auffälligen Mit­ sie den blauen Brief rung der Arbeitszeiten ist zwar sinnvoll, sie
men haben, kann die Umfrage nicht beant­ Krankheitsbereich, auf den die Firmen den arbeitern verbessern, kritisiert Kurt Mettler, erhalten. darf allerdings nicht auf Kosten der Arbeit­
worten. Unklar bleibt ebenso, ob und wie grössten Einfluss nehmen können.» Gründer von SIZ Care, welche für mehr als 100 nehmer gehen.» Zur Diskussion steht eine
stark die Arbeitsleistung darunter leidet. Tatsächlich haben die psychischen Erkran­ Firmen das Gesundheitsmanagement durch­ Ausweitung des zulässigen Arbeitszeitrah­
kungen am stärksten zugenommen, nämlich führt. «Heute werden diese Fälle allzu oft an mens von bisher 14 auf 17 Stunden pro Tag.
Fehlzeiten kosten viel Geld um 35% (vgl. Grafik). Einen überproportio­ die Taggeldversicherung abgeschoben.» Aber Zudem soll im Home­Office auch die Arbeit
Ein detailliertes Wissen über das Wohlerge­ nalen Anstieg von 30% verzeichnen zudem auch bei den Arbeitnehmern braucht es laut am Sonntag erlaubt sein. Andere Vorstösse
hen der Mitarbeiter hätten die Unternehmen Krankheiten am Bewegungsapparat. Darunter Mettler ein Umdenken. Er beobachte eine zu­ gehen weniger weit, doch der Trend ist klar:
– doch geben diese ihre Informationen in der fallen unter anderem Rheuma und chronische nehmende Tendenz, sich bei Problemen vor­ Die Anforderung an die Flexibilität der Mit­
Regel nicht preis. Eine Ausnahme bildet die schnell krankschreiben zu lassen: «Gerade bei arbeiter wird weiter steigen.
SBB. Nach Auskunft von Personalchef Markus einer Kündigung beschaffen sich immer mehr «Die Arbeit kann zwar belasten», urteilt der
Jordi verzeichnet der Konzern pro Jahr rund «Je länger eine Person Betroffene ein Arztzeugnis, um nicht länger Psychologe Niklas Baer, «in vielen Fällen ist
1600 Langzeitausfälle mit einer Absenz von
über drei Monaten. Davon entfallen vier Fünf­
am Arbeitsplatz fehlt, arbeiten zu müssen.»
Bei einem erheblichen Teil sei die Arbeits­
der Beruf aber auch die beste Therapie.» Gera­
de für psychisch angeschlagene Personen sei
tel auf Krankheiten, der Rest sind Unfälle im desto fragwürdiger wird unfähigkeit jedoch fraglich oder gar konstru­ eine sinnvolle Tätigkeit, ein strukturierter
Betrieb und in der Freizeit. Diese Ausfalltage eine Rückkehr. Der iert, sagt Mettler. Denn laut Gesetz wird die Tagesablauf und ein gutes Netz an Kollegen
verursachen Kosten von gegen 160 Mio. Fr. Kündigungsfrist bei Krankheit um bis zu 180 enorm wertvoll. Umso mehr sollten alle Be­
«Eine Zunahme stellen wir bei den psychi­ Unmut von Kollegen und Tage verlängert – bei unveränderter Lohn­ teiligten dafür sorgen, dass diese Menschen
schen Erkrankungen fest. Sie erreichen einen Vorgesetzten nimmt zu.» zahlung. Roger Ritler von der Swica bestätigt nicht aus dem Arbeitsleben gedrängt werden.
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NZZ am Sonntag 22. April 2018
Wirtschaft SBB 27

Im Güterverkehr droht der Ruin


Die SBB warnen vor dem Konkurs ihrer Cargotochter – ein externer Partner sei zwingend. Von Jürg Meier

A
nfang März haben die SBB eine er-
GAËTAN BALLY / KEYSTONE

neute Sanierung ihrer Güterver-


kehrstochter SBB Cargo angekün-
digt. Diese sei nötig, um eine Über-
schuldung oder gar einen Konkurs zu verhin-
dern. In einer Präsentation der SBB, die der
«NZZ am Sonntag» vorliegt, wählt das Bahn-
unternehmen nun noch deutlichere Worte.
Die Umsetzung des Sanierungs- und Weiter-
entwicklungsprogramms für die SBB Cargo
dulde keinen Aufschub, heisst es.
Ohne Gegenmassnahmen würde sich das
Ergebnis noch weiter verschlechtern. Um
einen Konkurs zu verhindern, wäre laut dem
Papier ein Kapitaleinschuss von über 100 Mio.
Fr. nötig. Im vergangenen Jahr betrug der Ver-
lust bereits 37 Mio. Fr. Im März kündigte Car-
go zudem einen Abschreiber von 189 Mio. Fr.
an. Ohne Sanierung würde noch in diesem
Jahr eine erneute Wertberichtigung nötig.
«Cargo droht, in eine Abwärtsspirale zu kom-
men», lautet die Schlussfolgerung. SBB-Spre-
cher Christian Ginsig bestätigt die Dringlich-
keit des Vorhabens: «Ein Verschieben der
Sanierung wäre verantwortungslos.»

SBB-Argumente «nicht stichhaltig»


Das Papier ist auch eine Antwort auf eine
Motion von SP-Nationalrat Philipp Hadorn.
Der von 90 Nationalräten unterschriebene
Vorstoss fordert eine «Denkpause» beim Um-
bau von SBB Cargo. Hadorn ist zugleich Zen-
tralsekretär der Gewerkschaft des Verkehrs-
personals SEV. Er hält die finanzielle Argu-
mentation, mit der die SBB ihre Eile begrün-
den, nicht für stichhaltig. «Das Ganze ist ein
Nullsummenspiel. Die angedachte Sanierung
kostet hohe Millionenbeträge. Wird sie nicht
angegangen, kann SBB Cargo dieses Geld ein-
sparen», sagt Hadorn. Er weist darauf hin, Ein Güterzug unter- plumpen Abbaus verfallen». Er will darum, verkehr. Bei diesem verschieben zum Beispiel Die Logistikkunden
dass SBB Cargo erst kürzlich ein neues Bestell- wegs zwischen dass Dritte mit Erfahrungen in Logistik und Migros, Coop oder die Post enorme Material-
system eingeführt habe und dass Gesetzes- Basel und Zürich. Netzwerkgeschäften in den Verwaltungsrat mengen zwischen den Wirtschaftszentren.
verschicken immer
grundlagen zugunsten des Unternehmens an- (13. Juni 2017) von SBB Cargo berufen werden. mehr kleine Sendungen
Ein logistisches Puzzlespiel
gepasst wurden. «Wir müssen zuerst abwar-
ten, was das bringt.»
Beim Güterverkehr gilt: Die Bahn lohnt sich
dann, wenn schwere Fracht über weite Distan- Anders sieht es im sogenannten Einzel-
und verlangen immer
Die SBB dürften das anders sehen. Sie zen unterwegs ist und Bähnler möglichst sel- Wagenladungsverkehr aus. Dieser ist eine Art mehr Flexibilität von
haben inzwischen gar Amortisationszahlun- ten etwas mit ihr zu tun haben. Das ist insbe- logistisches Puzzlespiel. Waren verschiedens- den Güterbahnen.
gen ausgesetzt, die SBB Cargo dem Konzern sondere beim internationalen Güterverkehr ter und teilweise abgelegener Kunden werden
auf ein Darlehen von 300 Mio. Fr. leisten durch die Alpen der Fall, aber auch bei Zügen in Bahnwagen verladen und zu Zügen zusam-
müsste, wie dem Geschäftsbericht zu entneh- mit Wagen voller Kies oder Öl. Potenzial hat mengestellt. Für die Auslieferung wird das die Grundversorgung des Landes unter ande-
men ist. Laut den SBB sprechen nicht nur auch der sogenannte Systemwagenladungs- Ganze wieder auseinandergebeinelt. Der Um- rem mit Schweizer Mehl sicherstellt», sagt
finanzielle Schwierigkeiten für ein rasches satz in diesem Geschäftsfeld fiel 2017 um Reiss. Er ist zuversichtlich, «dass wir Lösun-
Handeln. Ab Mitte Jahr wollen die SBB Min- 14,5%. Laut Kunden ist dies eine Folge davon, gen finden und keine Standorte schliessen
derheitspartner für ihr Cargo-Geschäft Fast immer rot dass die SBB ihr Anbot immer stärker ausdün- müssen». Sollten aber Eisenbahnverbindun-
suchen. Ohne eine konsequente Umsetzung nen würden. Die SBB widersprechen. Die gen entfallen, «müssten wir kurz- und mittel-
der Sanierung sei es aber nicht möglich, Gewinne und Verluste der SBB Cargo Kunden würden immer kleinere Sendungen fristig auf Lastwagen setzen».
Partner zu finden, «die Risiken mittragen», so sowie Menge der transportierten Güter verschicken und mehr Flexibilität fordern, Auch die Partnersuche wird hart. Für die
das Papier. Tonnen- sagt SBB-Sprecher Ginsig. Migros ist eine Beteiligung an SBB Cargo «kein
Gewerkschafter Hadorn sieht das umge- Gewinn/Verlust kilometer (Mrd.) Die verschiedenen Geschäftsfelder lassen Thema», wie Sprecher Luzi Weber sagt. Die
kehrt: «Mit der jetzigen Reorganisation ge- 20 Mio. Fr. 17 sich nicht immer sauber trennen. Das er- Post äussert sich nicht zu diesem Thema. Sie
fährden die SBB die Suche nach Partnern.» Es 0 16 schwert die Sanierung. Post, Migros und Coop weist aber darauf hin, dass sich die Transport-
habe schon zuvor mehrfach Umbauten ge- –20 15 sind von den Umbauplänen nicht oder kaum bedürfnisse in eine Richtung entwickeln, die
geben, immer mehr Bedienpunkte seien ge- –40 14 betroffen, wie sie sagen. Anders sieht es bei den Stärken der Bahn zuwiderläuft. Und sie
strichen worden. An Bedienpunkten haben –60 13 einem anderen Grosskunden aus, der Agrar- geht davon aus, dass der Verdrängungsdruck
die Güterkunden Anschluss ans Gleisnetz. Die –80 12 genossenschaft Fenaco. «Wir müssen für auf der Schiene aufgrund des Ausbaus des
SBB wollen jetzt die Hälfte der 344 Stationen –100 11 einen namhaften Teil unseres Transportvolu- Personenverkehrs «noch zunehmen wird», so
überprüfen. «Wenn man jetzt noch weiter ab- –120 10 mens neue Lösungen finden», sagt Hansjörg Sprecherin Jacqueline Bühlmann. Die Post
baut, dann funktioniert das System nicht –140 9 Reiss, Leiter Getreide, Ölsaaten und Futter- prüfe darum das unterirdische Logistiksystem
mehr», warnt Hadorn. –160 8 mittel. Die Fenaco ist unter anderem Getreide- Cargo sous terrain und verfolge die Entwick-
Frank Furrer, Generalsekretär der Dach- –180 7 vermarkterin. Dort hat sie ihre Transport- lung bei der Elektrifizierung von Lastwagen.
organisation der Güterbahnkunden, befürch- 2002 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 infrastruktur fast gänzlich auf die Bahn ausge- Philipp Hadorn sagt, längerfristig brauche
tet, dass «die bisherigen Verantwortlichen in richtet. «Es geht bei den Gesprächen mit SBB es wohl zusätzliche Subventionen, um das
alte, bis jetzt nicht erfolgreiche Muster des Quelle: SBB-Geschäftsberichte/NZZaS Cargo um eine zentrale Infrastruktur, welche Güterverkehrssystem zu bewahren.

Öffentlicher Verkehr

Druck
Die Gewerkschaften sehen die lukrative Geschäftsfelder haben, den Gewinn nicht über diese im Billettverkauf. Mit Lezzgo,
ENNIO LEANZA / KEYSTONE

Entwicklung mit Sorge, aber die damit sie in innovative Projekte Marke steigen zu lassen, weil sie Fairtiq und neu Abilio bieten drei
Richtung der Politik ist klar: Sie investieren können und über- das Geld ja ohnehin nicht behal- Apps die Möglichkeit, automati-

auf die
will den Wettbewerb im öffent- lebensfähig bleiben. ten dürfen. sche Tickets zu lösen. Vor der
lichen Verkehr fördern, um ihn In diesem Zusammenhang ist Weiterer Druck entsteht mit Fahrt checkt man ein, danach
effizienter und kundenorientier- wohl der am Donnerstag gefällte der Einführung von Fernbussen. wieder aus. Mit diesen neuen
ter zu machen. Eine treibende Entscheid über die Vergabe von Ab dem 10.Juni will Eurobus mit Funktionen bedrängen sie die

SBB
Kraft dahinter ist das Bundesamt Fernverkehrskonzessionen zu vier Linien an den Start gehen. höchst erfolgreiche SBB-App.
für Verkehr, das in der letzten sehen. Die SBB-Konkurrentin Sie hat dazu die Konkurrentin Der Bund ist zudem daran, bis
Zeit gleich mehrere Initiativen BLS erhält zwar zwei Linien. Das Domo übernommen, die diese Ende Jahr auch Dritte zum Ver-

steigt
gestartet hat, um den Konkur- ist aber deutlich weniger als von Konzessionen vom Bund erhal- trieb von Billetten zuzulassen.
renzkampf zu verstärken. Damit ihr beantragt. Trotzdem ist ten hat. Weitere Linien etwa vom Theoretisch könnten dann auch
steigt der Druck auf die Ver- zumindest ein Zeichen für mehr Mittelland in die Tourismusorte Google oder die Migros in dieses
kehrsunternehmen und insbe- Wettbewerb gesetzt, denn der sollen dazukommen. Die SBB Geschäft einsteigen. Mehr Wett-
sondere auf die SBB, die den Fernverkehr liegt nun nicht und andere ÖV-Anbieter sehen bewerb erwägt der Bundesrat
grössten Teil des Schienenver- mehr allein in SBB-Hand. die neue Konkurrenz mit Skep- auch im internationalen Bahn-
kehrs abwickeln. Ein grösserer Einschnitt ist sis: Sie ist in ihren Augen sinn- verkehr. Im Rahmen des Land-
Der Bund versucht offenbar, dagegen die Vorgabe, dass die voll, wenn sie Lücken deckt, verkehrabkommens mit der EU
eine Balance zu finden. Die Kon- SBB ihre Gewinne im Fernver- etwa frühmorgendliche Verbin- könnte es möglich werden, dass
kurrenten der SBB dürfen nicht kehr ab einer gewissen Höhe dungen zu den Flughäfen. Und die SBB Verbindungen bis in
so mächtig werden, dass sie abgeben müssen. Offen ist, was gefährlich, wenn sie bestehende Ausland anbieten. Umgekehrt
diese in finanzielle Schwierigkei- das aus wettbewerblicher Sicht Angebote konkurrenziert. würden ausländische Bahnen
ten bringen. Andererseits bringen wird, denn die SBB Der Bund drängt auch seit Andreas Meyer, Chef der SBB AG. aber auch Züge in die Schweiz
müssen sie auch genügend haben damit auch einen Anreiz, Jahren auf stärkere Konkurrenz (13. Februar 2017) führen dürfen. (mju.)
28 Wirtschaft NZZ am Sonntag 22. April 2018

Afrikas Widerstand gegen alte Kleider


Ostafrika zählt zu den wichtigsten Absatzmärkten für gebrauchte Textilien. Politiker fordern Importverbote
Christian Putsch, Kampala tion. Wenn diese Konkurrenz anda»-Kampagne voran. Noch in angesiedelt. «Es gibt insgesamt

FOTOS: CHRISTIAN PUTSCH


wegfalle, könnten Zehntausende den 1970er Jahren war die Textil- einen neuen Drive, das Thema
Es regnet in Strömen auf dem neue Jobs entstehen, versprach industrie einer der wichtigsten voranzutreiben», sagt Thomas
Saint-Balikuddembe-Markt von ein Minister. Beschäftigungsbranchen der Ahlmann, Sprecher des Dachver-
Kampala, einem der grössten «Alles Propaganda», sagt Ny- EAC-Region, eine halbe Million bands Fair-Wertung, in der 130
Märkte Ostafrikas. Händler Haru- ombi. «Da wollen sich ein paar Menschen fand hier Arbeit. deutsche gemeinnützige Organi-
na Nyombi zerrt eilig Hunderte Herren eine goldene Nase verdie- Dann kamen die Konkurrenten sationen für die Altkleidersamm-
Jeans und T-Shirts in seine Beton- nen.» Der Händler hält zwei Jeans aus Asien und vor allem Altklei- lung organisiert sind. «Ein Verbot
wabe, schliesslich hält die Plas- in die Höhe. Die neue aus China deranbieter, die Ostafrika zu würde in erster Linie Anbietern
tikplane vor dem Stand das Was- bietet er für 50 000 Schilling an, einem der wichtigsten Absatz- asiatischer Neuware nutzen»,
ser nur mühsam fern. Es ist Sams- umgerechnet 11 €. Die gebrauchte märkte entwickelten. Nur die sagt Ahlmann.
tagnachmittag, normalerweise aus England hat an den Fuss- wenigsten lokalen Firmen hielten Er glaubt nicht, dass lokale An-
eine Stosszeit mit Dutzenden enden ein paar Fransen, sie kostet dem Preisdruck stand. Heute ver- bieter mithalten könnten: «Es ist
Kunden. Doch nun, wo das Wet- auch fast 7 € mehr. Trotzdem ver- dienen in der Region nur noch lobenswert, die Wertschöpfungs-
ter das Geschäft bremst, bleibt kauft er zu 80% Gebrauchtware 20 000 Menschen mit der Klei- kette verlängern zu wollen. Aber
Zeit zum Lästern. wie diese. Der Baumwollanteil ist derherstellung ihren Lebens- in Tansania fehlt es doch offenbar
Nyombi, 25 Jahre alt, glaubt, höher, sie hält länger. «Die Politi- unterhalt. schon am Kapital, die am Boden
dass er gerade Zeuge einer gewal- ker hängen mit im Geschäft mit Haruna Nyombi, Boutique-Besitzer in Uganda. (Kampala, 3.3.2018) Versuche zur Wiederbelebung liegende Baumwollindustrie wie-
tigen Verschwörung wird. Die den Chinesen», sagt Nyombi, «sie der Branche hat es in Ostafrika derzubeleben. Wie kann man an
ugandische Regierung strebt ein wollen deren Konkurrenz raus- immer wieder gegeben. So ernst den Aufbau von riesigen Firmen
Importverbot für seine Ware an. drängen.» Uganda, Tansania, Ruanda und sagte Ruandas Präsident Paul und geschlossen wie zuletzt tra- denken, bevor man das in den
Gebrauchte Kleidung, importiert Das Thema bewegt die Ostafri- Burundi, bis zum Jahr 2019 das Kagame. «Aber wir müssen ten die Länder aber wohl noch nie Griff bekommen hat?»
aus Industrienationen wie kanische Gemeinschaft (EAC) seit Geschäft mit alten Klamotten zu unsere Industrien entwickeln.» auf. Uganda hat den Importzoll Fair-Wertung hatte lange eine
Deutschland, erdrücke die lokale dem Jahr 2015. Da beschlossen unterbinden. «Wir werden unter Kagame treibt seit dem Jahr 2014 im vergangenen Jahr von 15% auf eher kritische Haltung gegenüber
Textilbranche, so die Argumenta- die Mitgliedsstaaten Kenya, Konsequenzen zu leiden haben», eine grossangelegte «Made in Ru- 20% erhöht. In Ruanda wurden Afrika-Exporten – bis der Verband
die Gebühren innerhalb von zwei im Jahr 2003 mit finanzieller
Jahren sogar von 0,2 € auf 4 € pro Unterstützung des Evangelischen
ANZEIGE importiertes Kilogramm ver- Entwicklungsdienstes eine auf-
zwanzigfacht. wendige Marktuntersuchung in
Tansania, Kamerun und Mali an-
Druck aus den USA ging. Seitdem ist man der An-
Der internationale Gegenwind ist sicht, dass ein Importverbot zu
erheblich. Besonders die USA, wo früh käme. «Für viele Menschen
mit dem Export von Gebraucht- dort ist Gebrauchtkleidung ange-
kleidung umgerechnet jährlich sichts mangelnder Kaufkraft die
rund eine halbe Mrd. € verdient einzige Möglichkeit, Kleidung
wird, fuhren schweres Geschütz akzeptabler Qualität zu erwer-
auf. Das angestrebte Verbot ver- ben», so Ahlmann.
letze das Agoa-Handelsabkom- Der Verband befürwortet den
men, das den EAC-Ländern weit- Export, die Mitgliedsorganisatio-
gehend zollfreien Import in die nen müssen sich dabei allerdings
USA ermöglicht, aber im Gegen- zu einem Verhaltenskodex ver-

Das neue Samsung Galaxy S9+


zug Importerleichterungen für pflichten, der eine ethisch legi-
viele amerikanische Produkte time Verwertung garantiert. Alt-
vorsieht. Dazu zählt auch weg- kleider seien nicht unbedingt ein

sieht, was das Auge nicht sieht.


geworfene Kleidung, und nie- Segen, aber auch nicht der Fluch,
mand wirft mehr weg als die zu dem sie gerne gemacht wür-
Amerikaner: 35 kg im Jahr. den. An ihnen hänge auch eine
Im Juni 2017 beugte sich be- lange Wertschöpfungskette mit
reits Kenya, der grösste Agoa-Pro- Tausenden informellen Händlern
fiteur der Gruppe, und zog seine in Afrika.
Mit der Superzeitlupen-Kamera, auch bei schlechtem Licht. Pläne zurück. Auch die eigene Be-
völkerung hatte die selbst- Entstehen wirklich Jobs?
bewussten Pläne mit wenig Be- Eine Durchtrennung dieser Ver-
* Monatsrate für das Gerät bei Abschluss eines inOne mobile M-Abos (CHF 100.–/Mt., 24 Monate Mindestvertragsdauer, zzgl. Aufschaltung CHF 40.–). Der Gerätepreis wird in 24 monatlichen

geisterung aufgenommen, wertungskette bedeutet nicht


schliesslich gibt es nicht genug automatisch die Schaffung neuer
konkurrenzfähige Textilunter- Jobs. Die Strompreise in Ostafrika
nehmen im Land, die in abseh- sind deutlich höher als in asiati-
Raten bezahlt, ohne Zinszuschlag/Gebühren. Mindestalter 18 Jahre. Preis des Gerätes ohne Abo: CHF 999.–. Weitere Geräteinformationen unter: www.swisscom.ch/s9plus

barer Zeit die entstehende Lücke schen Billiglohnländern, die


hätten schliessen können. Als die Infrastruktur meist allgemein
Opposition ankündigte, im Fall schlechter. Die heimische Indus-
eines Wahlsiegs das Verbot wie- trie würde, konsequent gedacht,
der vorantreiben zu wollen, ohnehin erst dann wirklich ge-
führte das in Nairobi zu wüten- schützt, wenn auch der Import
den Protesten Tausender infor- von Neuware verboten würde.
meller Händler. Auf dem Markt in Kampala
Die anderen Länder blieben packt Händler Nyombi ein etwas
lange standhaft, erst vor wenigen ausgewaschenes Hemd in eine
Wochen nahm man ein wenig das Plastictüte. Umgerechnet 6 € hat
Tempo heraus. Ein Verbot werde es gekostet. Der Kunde arbeitet
es vorerst doch nicht geben, die für eine Versicherung, sein Gehalt
mit inOne Angelegenheit solle nun über würde den Kauf von Neuware
Steuern und Subventionen für die durchaus möglich machen. Aber
mobile M
heimische Textilwirtschaft ge- locker sitzt das Geld deshalb kei-

20.75 regelt werden. Die Mitglieds- neswegs. «Die Miete, das Schul-
CHF

länder würden «ihre Textilwirt- geld für die Kinder – das ist mir
schaft durch Massnahmen för- wichtiger», sagt er.
pro Monat* dern, die nicht die Vorteile einer Der Mann glaubt nicht, dass es
Agoa-Mitgliedschaft gefährden», in Uganda jemals zu einem Verbot
heisst es in einer gemeinsamen kommen wird. «Die Leute lassen
Stellungnahme. sich nicht von der Regierung vor-
Doch die Debatte bleibt auf der schreiben, was sie zu kaufen
afrikanischen Agenda weit oben haben.»

swisscom.ch/s9plus

Sekalega Daglus, Kleiderverkäufer. (Kampala, 3.3.2018)


NZZ am Sonntag 22. April 2018
Wirtschaft 29

Ein Chef will die

GIORGIA MÜLLER
Welt retten
Götz Rehn sagt, seiner Bio-Kette Alnatura gehe es
darum, den Sinn und nicht den Gewinn zu maximieren.
Seine Mission: Die Gesellschaft transformieren

Ueli Kneubühler ends ruinieren, dann müssen wir ben. «Die Kunden sollten aus Ein-
uns zügiger bewegen. Das gilt sicht Bio kaufen wollen, die Bau-
Dieser Mann ist anders. Anders auch für unsere Ernährung», sagt ern Bio anbauen, die Hersteller
als viele Konzernchefs. Götz Rehn. Bisweilen kommt der heh- Bio produzieren wollen», meint
Rehn ist Gründer der deutschen ren Idee aber die betriebswirt- der Arztsohn überzeugt. In der
Biokette Alnatura. 68 Jahre alt, schaftliche Realität in die Quere. Schweiz stellen elf Mittelständler
baumlang, kantiges Gesicht, zu- Es gebe leider nicht so viele pas- rund 30 Produkte für Alnatura
vorkommend. Seine Art ist erfri- sende Ladenflächen in entspre- her. Noch liegt der Bio-Anteil bei
schend. Rehn führt seine Firma chenden Lagen zu einem entspre- den verkauften Lebensmitteln in
ungewohnt, nach anthroposophi- chenden Preis, so Rehn. Die Ziele der Schweiz bei erstaunlich tiefen
schen Grundsätzen. Die Wirt- wurden revidiert. Man rechne in 9%, in Deutschland bei rund 6%.
schaft soll dem Menschen die- den nächsten Jahren mit rund 20 Viel zu wenig, findet Rehn. «Wir
nen, nicht umgekehrt. Standorten, sagt ein Migros- benötigen mindestens 50%, um
Bei Alnatura gehe es um Sinn- Zürich-Sprecher. unseren Nachkommen keine zer-
statt Gewinnmaximierung, sagt Rehn erzählt gerne und viel, störte Erde zu hinterlassen.»
er im Gespräch. Die Bilanz nennt doch bei den Schweizer Umsatz-
er Wertbildungsrechnung, sein zahlen wird er kleinlaut. Die Umzug ins Ruhrgebiet
Unternehmen eine Arbeits- Migros hat im vergangenen Jahr Er sei ein schlechter Schüler ge-
gemeinschaft. Er will mehr Bio schweizweit für 889 Mio. Fr. Bio- wesen, sagte er einmal in einem
verkaufen, ja, aber nicht um des Lebensmittel verkauft – Alnatura Interview. Deshalb sei er auf die
Umsatzes willen. Ab nächster eingerechnet. Experten schätzen Waldorfschule gekommen. Lieber
Woche kommt er seinem Ziel, den Alnatura-Anteil auf etwa 120 habe er Forellen gefangen und
mehr Bio, wieder ein Schrittchen bis 140 Mio. Fr. Die Bio-Kette Hütten gebaut. Als er 12 Jahre alt
näher. Im Zürcher Glattzentrum selbst hat im letzten Geschäfts- war, zog seine Familie aus der
eröffnet Alnatura am Donnerstag jahr Waren für total 770 Mio. € heilen Welt des süddeutschen
ihre zehnte Schweizer Filiale. verkauft. Freiburg ins Ruhrgebiet. Ge-
Die beliebtesten Alnatura-Pro- schlossene Stahlwerke und Ze-
Gebremstes Wachstum dukte in der Schweiz, Coco Drink chen, die Luft kohlrabenschwarz.
Vor rund fünf Jahren startete der Natur, Mandeldrink oder Mais- Das habe ihn geprägt. Mit 21 Jah-
erste Alnatura-Bio-Supermarkt in Waffeln, wird es bald in weiteren ren habe er deshalb entschieden,
der Schweiz, in Zürich Höngg – in Shops geben. Im September etwas Sinnvolles zu machen,
Kooperation mit der Migros. Jörg kommt am Hauptbahnhof Zürich etwas in der Wirtschaft, das die
Blunschi, Chef der Genossen- ein Standort dazu, 2019 folgt je Erde nicht zerstören und den
schaft Migros Zürich, hat die Bio- einer in Winterthur und am Menschen Beachtung schenken Wirtschaft soll dem Menschen dienen: Alnatura-Chef Götz Rehn führt anders. (Zürich, 29.März 2018)
kette in die Schweiz geholt. An- Kreuzplatz in Zürich, wie die sollte. Er studierte Volkswirt-
fangs belächelt, stehen die Alna- Migros bestätigt. schaft und dissertierte mit einer
tura-Produkte mittlerweile nicht Rehn ist ein Mann mit einer Arbeit über «Modelle der Organi- des Produkts steht im Mittel- laut eigenen Angaben nur maxi- nachhaltig sei, vom Lager bis zum
nur in den eigenen Shops, son- Mission. Nichts Geringeres als die sationsentwicklung», in der er punkt. In der Schweiz bläst seiner mal 30 Zusatzstoffe ein, beim EU- Bürogebäude. Er greift sich einen
dern schweizweit in den Regalen Transformation der Gesellschaft Psychologie, Betriebswirtschafts- Initiative bisweilen aber eine stei- Label wären 53 zugelassen. Öffent- Stift und skizziert am Flipchart,
der Migros. Die jährlichen Wachs- hat er sich auf die Fahne geschrie- lehre und Anthroposophie ver- fe Brise ins Gesicht. Auf den Alna- lich testiert wurde diese Zahl je- was er damit meint. Die Bio-Kette
tumsraten liegen im tiefen zwei- mengt. Sein Rüstzeug holt er sich tura-Produkten prangt das EU- doch nicht. Rehn könnte den Kriti- baut derzeit Europas grösstes
stelligen Prozentbereich, das ist danach ausgerechnet beim Bio-Label, dessen Richtlinien kern den Wind aus den Segeln Bürogebäude aus Lehm, der zu
viel im Detailhandel. Der Marsch-
plan sah ein noch forscheres
«Wollen wir diesen Lebensmittelgiganten Nestlé, be-
vor er 1984 Alnatura gründete.
bloss die Mindestanforderungen
für Bio-Produkte erfüllen, im
nehmen und ein eigenes Label
lancieren. Es sei nicht sinnvoll,
grossen Teilen aus der Baugrube
von Stuttgart 21 stammt. Auf Kli-
Tempo vor. 30 bis 35 Shops hät- Planeten nicht Für Rehn ist Alnatura mehr als Gegensatz zu den Knospe-Vor- entgegnet er, «wenn wir für jedes matisierung und Heizung am
ten bereits bis 2017 in der Schweiz ruinieren, dann ein Produkt. Getreu dem Unter- schriften von Bio Suisse. Kritiker der 15 Länder, in denen die Alnatu- neuen Hauptsitz verzichtet Alna-
stehen sollen. Doch der Plan zur nehmensmotto «sinnvoll für warfen der Migros in der Vergan- ra-Produkte erhältlich sind, ein tura. Mutter Erde regelt das Büro-
Rettung der Welt stockt. «Wollen müssen wir uns Mensch und Erde» soll alles nach- genheit Verwässerung bei Bio vor. eigenes Label drucken». Wichtiger klima. Das Projekt steht für Rehn,
wir diesen Planeten nicht voll- zügiger bewegen.» haltig sein, die Fertigung anstelle Rehn widerspricht. Alnatura setzt für ihn ist, dass Alnatura 100% es ist nachhaltig von A bis Z.

Schweizer Gold-Banker wird der Prozess gemacht


In den USA hat die ben und abzukassieren. Das dezenten grauen Anzug und mit Kronzeuge diese Woche war
SPENCER PLATT / GETTY IMAGES

Verhandlung gegen einen Dodd-Frank-Gesetz von 2010, lila Krawatte, wirkte ruhig, wäh- Kar-Hoe «Mike» Chan, der be-
das den US-Finanzsektor nach rend sein Anwalt Marc Mukasey, hauptet, F. habe ihn als Neuling
früheren UBS-Goldhändler
der Krise wieder strikter regulie- der Sohn von George W.Bushs bei der Bank in das Spoofing ein-
«alter Schule» begonnen. Er ren sollte, verbietet Spoofing in einstigem Generalstaatsanwalt, gewiesen. «So etwas ist ein gefun-
soll superschnelle Computer den Terminmärkten. Seither hat den Geschworenen versicherte, F. denes Fressen für Ankläger, denn
in die Falle gelockt haben. die US-Justiz Verstösse aggressiv sei nicht der typische Wall-Street- es zeigt nicht nur einen Einzel-
Lindsey Rae Gjording verfolgt. «Spoofing lässt sich Ge- Abzocker, sondern ein Händler täter, sondern ein System», sagt
schworenen einfacher erklären «alter Schule», der weiter manuell Verstein. Chan kooperiert mit
Der Schweizer Goldhändler A. F. als andere Finanzmarktmanipu- seine Ordern gesetzt habe, als die dem FBI und dem US-Justiz-
wird beschuldigt, den Termin- lationen», sagt Craig Pirrong, meisten Händler längst mit Algo- ministerium.
markt manipuliert zu haben – in- Finanzprofessor an der Univer- rithmen den Markt durchgekämmt Computerhändler würden
dem er Computer reinlegte. Ihm sity of Houston. Zudem würden hätten. F. begann seine Karriere gerne Marktteilnehmer wie F. be-
drohen bis zu 25 Jahre Haft. Sein angeklagte Wall-Street-Händler 1982 in Zürich, später arbeitete er schuldigen, wenn ihre Strategien
Anwalt beschreibt ihn als einen wenig Sympathien wecken. F. ist auch in Stamford, nicht weit von nicht aufgehen, sagt Jeffrey
der letzten Veteranen, die sich der zweite Fall, bei dem es zum dem Gerichtssaal, wo nun über Christian, Edelmetallspezialist
gegen die Herrschaft der Maschi- Prozess gekommen ist. In einem sein Schicksal entschieden wird. der Investmentberatung CPM
nen behaupteten. ersten Verfahren ging es um einen Die Staatsanwälte analysierten Group, der selbst lange Händler
Im September vergangenen Hochgeschwindigkeitshändler, 500 000 seiner Aufträge zwi- war. «Aber sie machen sich anfäl-
Jahres besuchte der 54-Jährige der ein Spoofing-Programm ent- schen 2008 und 2013 und fanden lig, weil sie alle dieselben Pro-
seine Freundin, eine Zahnärztin wickelt hatte und der zu drei Jah- 1050 «verdächtige» Transaktio- gramme benutzen.»
in New Jersey. Dort wurde er von ren Haft verurteilt wurde. nen darunter. Hier hat der Händler gewirkt: UBS-Sitz in Stamford, Connecticut. Marktexperte Pirrong fürchtet,
FBI-Agenten verhaftet. Nach Hin- Im Januar bestrafte die US-Ter- Normalerweise sind es die dass eine Verurteilung ein fal-
terlegung von 4 Mio. $ Kaution minmarktaufsicht CFTC drei Ban- schnellen Computer, die mensch- sches Signal senden könnte. Je
folgten Monate unter Hausarrest. ken: die Deutsche Bank zahlte 30 liche Händler ausbooten. F. da- genug, um auf die kurzfristigen schein hat. Denn das Streichen höher die Liquidität, also das Vor-
Diese Woche hat sein Prozess Mio. $, die britische HSBC 1,6 Mio gegen soll die Maschinen über- Lockvogel-Ordern reagieren zu von Ordern ist Routine an den handensein von Kauf- und Ver-
vor einem US-Bundesgericht in und die UBS 15 Mio. $. Die Schwei- vorteilt haben. Die Opfer von können. «Wenn die Aufsicht Terminmärkten – und legal. Über kaufsgeboten, desto günstiger die
Connecticut begonnen. Der Vor- zer Grossbank brachte das Fehl- Spoofern sind Hochgeschwindig- einen Spoofer aus dem Verkehr 99% der Ordern wird wieder Preise. Wenn Händler strafrecht-
wurf lautet auf Spoofing. Dabei verhalten selbst zur Anzeige. Zum keitshändler, jene Firmen, die mit zieht, mag das im Sinne des Ge- storniert. Händler ziehen nicht liche Folgen fürchteten, könnten
geben Händler Handelsordern Verfahren von F. wollte sich eine der Hilfe von massiven Compu- setzes sein. Aber gleichzeitig hilft selten Hunderte Aufträge wieder sie zurückhaltender bei ihren Or-
ein, die sie aber nie erfüllen wol- UBS-Sprecherin auf Anfrage der terkapazitäten und cleveren For- es den grossen High-Frequency- zurück. Sie reagieren auf neue dern werden. Aus informierten
len. Diese Spoofing-Ordern wir- «NZZ am Sonntag» nicht äussern. meln in der Lage sind, in Bruch- Firmen», sagt Andrew Verstein, Informationen oder sichern sich Kreisen verlautete, die Ankläger
ken wie Lockvögel, auf die andere Er arbeite seit spätestens 2013 teilen von Sekunden Preisvorteile auf Finanzmarktmanipulation gegen überraschende Markt- rechneten bereits am Mittwoch
Marktteilnehmer reinfallen. Da- nicht mehr bei der Bank. für sich zu kassieren. spezialisierter Jurist an der Wake bewegungen ab. Um ihre Vorwür- mit einem Urteil gegen F. Dieser
mit gelingt es dem Manipulator, Beim Prozessauftakt in Con- Bei Spoofing gereicht die Ge- Forest University. fe zu untermauern, setzen die An- schreibt auf seiner Linkedin-
den Marktpreis etwa von Gold- necticut sass die UBS-Vertreterin schwindigkeit jedoch zum Nach- Um F. zu verurteilen, müssen kläger deshalb auf Zeugen, die Seite, er sei «begierig, in seinen
Terminkontrakten in eine von auf derselben Bank wie das Team teil der Computerhändler. Denn die Ankläger Vorsatz beweisen. F.s unlautere Absichten belegen Job zurückzukehren».
ihm gewünschte Richtung zu trei- der Staatsanwaltschaft. F., im nur ihre Algorithmen sind schnell Das ist schwieriger, als es den An- sollen. Übersetzung: hbu.
30 Wirtschaft NZZ am Sonntag 22. April 2018

«Ich bin noch nie von Chinesen


betrogen worden»
Syngenta-Verwaltungsrat Jürg Witmer sagt, die neue Eigentümerin Chem China habe den Basler
Agrochemiekonzern stärker gemacht – trotz vielen Abgängen. Interview: Franziska Pfister, Markus Städeli
NZZ am Sonntag: Herr Witmer, Sie sind prak-
PASCAL MORA

tisch der letzte Schweizer an der Spitze Syn-


gentas. Da ist nicht mehr viel übrig von dem
nach dem Verkauf abgegebenen Versprechen
«Syngenta bleibt Syngenta».
Jürg Witmer: Das stimmt nicht. Die neuen
Eigentümer haben Syngenta stärker
gemacht. Chem China orientiert sich lang­
fristig, wir müssen uns nicht für jeden
Quartalsabschluss rechtfertigen. Der neue
Chef Erik Fyrwald hat die Firma transfor­
miert und die Pharmawurzeln abgestreift.
Das war nötig, wir hatten zu hohe Kosten in
Basel. Übrigens haben wir Fyrwald nicht auf
Druck aus China verpflichtet.

Die Mitarbeitenden haben aber offenbar


Zweifel. Am Hauptsitz in Basel häufen sich
Kündigungen.
Veränderungen machen immer Angst, das
hat nichts mit den Chinesen zu tun! Ich
arbeite seit 33 Jahren mit Chinesen zusam­
men und bin noch nie betrogen worden. Sie
sind geschäftstüchtig, denken strategisch
und bauen auf gegenseitiges Vertrauen. Wer
das gibt, bekommt das auch zurück, nur
missbrauchen darf man dies nicht.

Dann sieht man bald viele Chinesen auf dem


Syngenta-Areal?
Ich hoffe, dass Chem China Basel noch
stärker als Standort nutzen wird. Unsere
chinesischen Partner treten mit Bescheiden­
heit auf, begegnen uns mit viel Respekt,
hören auf Ratschläge und wollen von uns
lernen. Sie schätzen das schweizerische
Umfeld. Chem China braucht uns, um ein
globales Unternehmen zu führen.

Läge es da nicht nahe, Teile der Forschung aus Jürg Witmer, langjähriger Vizepräsident von Syngenta, leitet seit dem Verkauf an Chem China die Gruppe unabhängiger Verwaltungsräte. (Zürich, 19.April 2018)
Stein oder der Produktion aus Monthey nach
China zu verschieben?
Nein. Glauben Sie, ein derart komplexes In Zahlen Schauen Sie, das ist eine ganz andere Aber hierzu sind in den USA noch Klagen von
Unternehmen lasse sich einfach nach Peking Mentalität. Die Chinesen denken in anderen Cargill und Louis Dreyfus hängig.

2900
verlegen? Das geht doch gar nicht. Syngenta Dimensionen, sie sind stets auf der Suche Ja, aber die Streitfälle mit den Rohstoff­
auszubluten, ist nicht im Interesse von Chem nach Zukäufen. Wenn es drauf ankommt, händlern sind unproblematischer, denn auf
China, sie haben 43 Mrd. $ dafür bezahlt. sind sie auch in der Lage, diese zu finanzie­ der Gegenseite sitzen Grossfirmen. Wir
Nein, die Chinesen brauchen uns genauso ren. Dafür können sie allerdings auch nicht werden eine Lösung finden mit ihnen. Ein Glauben Sie, ein
wie wir sie. Stein gehört in der Agrar­ Personen beschäf­ einfach zum Staat rennen und ein paar Prozess mit Tausenden Farmern vor einer derart komplexes
forschung zur Weltspitze, und Monthey
bleibt unser grösstes Werk.
tigt Syngenta in der
Schweiz. Davon
Milliarden einfordern. US-Jury wäre viel schwieriger geworden. Unternehmen liesse sich
arbeiten 1400 am Die Emission gelang erst im zweiten Anlauf, In der Agrochemie sind die politischen Risiken einfach nach Peking
Denken Sie, dass Syngenta in 20 Jahren Sitz in Basel, 300 im und Syngenta hat lediglich etwa halb so viel eh schon höher als in anderen Branchen. verlegen? Das geht doch
Forschungszentrum
grösser und wichtiger geworden sein wird
dank Chem China? Stein und 900 im
Geld aufgenommen wie im Herbst 2017
geplant. Woran liegt das?
Braucht Syngenta fortan für jeden grösseren
Schritt das Okay aus Peking?
gar nicht.
Natürlich. Durch sie erhalten wir privi­ Werk Monthey. Wäre es mehr gewesen, hätten wir eine Das glaube ich nicht. Wir können selbst­
legierten Zugang zum zweitgrössten Agrar­ Jeder zehnte Mit­ Rückstufung auf Ramschstatus riskiert. bewusst auftreten, unsere chinesischen Die Bodenbelastung ist dramatisch, weil
markt der Welt, das allein ist Gold wert. Wir arbeiter weltweit Im Herbst hatte der ungelöste Rechtsfall Partner sind so abhängig von uns wie wir von die Bauern möglichst viel aus dem Acker
behalten unsere Standards bei und wollen steht in der Schweiz um US-Gentechmais die Investoren zudem ihnen. Ausserdem haben wir mächtige herausholen wollen. Syngenta kann bei der
nach aussen transparent bleiben. Chem auf der Lohnliste. abgeschreckt und Peking bewogen, die Konkurrenten wie Bayer/Monsanto oder Sanierung der Böden mit dem richtigen Saat­
China hat angekündigt, eine Minderheits­ finanziellen Garantien zu relativieren. Dow Dupont, die uns herausfordern. Wir gut und weniger und effizienterer Chemie
beteiligung in drei bis fünf Jahren wieder an China hat sich distanziert, um keine Anreize führen die Firma nach den gleichen Grund­ mithelfen. Auch beim Klimaschutz leisten

900 Mio. Fr.


die Börse bringen zu wollen. Diese Zeit für weitere US-Sammelklagen zu schaffen. sätzen wie früher, kein Entscheid wird ohne wir einen Beitrag. China hat sich in 40 Jahren
wollen wir nutzen, um mit der Firma unter Dieses Signal wurde falsch verstanden. Diskussion im Verwaltungsrat gefällt. von einem Land mit Hungersnot in eine der
Ausschluss von Finanzhaien in eine neue modernsten Ökonomien entwickelt, das ist
Dimension vorzustossen. Hat das Unter­ Syngenta hat im Streitfall mit US-Farmern Chinesen essen heute schon die Hälfte allen vielleicht die grössere Leistung als die
nehmen über die 1,5 Mrd. $ bezahlt. Eine enorme Summe. Schweinefleischs weltweit. Ernährungssicher- industrielle Revolution in Europa. Aber die
Ihr Vorgänger Michel Demaré warf zwei letzten zehn Jahre Ja, aber es hätte leicht erheblich mehr heit war auch der Grund für den Kauf von rasante Entwicklung hat auch gewaltige
Tage vor Weihnachten den Bettel hin. Warum in der Schweiz sein können. Dass das Management den Syngenta durch China. Drohen Sie nicht zwi- Umweltprobleme geschaffen.
hat er sich entgegen anderslautenden Beteue- investiert. Gut ein Schaden so weit begrenzen konnte, hat mich schen die Fronten zu geraten im Handelskrieg
rungen so abrupt aus dem Verwaltungsrat Zehntel der überrascht. Ohne Einigung wäre die zwischen China und den USA? US-Farmer müssen riesige Unkräuter mit
verabschiedet? gesamten Kosten Refinanzierung schwierig gewesen. Ich US-Bauern sind wichtige Produzenten von Äxten beseitigen, weil Pflanzenschutzmittel
Es hat ihn keiner rausgeworfen, und da fällt hier an. verstehe Peking, schliesslich hatte der Fall Soja. Exportieren sie wegen chinesischer nicht mehr wirken. Wie will Ihre Branche
gab es auch keinen Druck aus China. Michel nichts mit Chem China zu tun. Es ging um Strafzöllen weniger, wird dies durch Mehr­ Resistenzen beikommen?
Demaré hat seine Rolle als Leiter der unab­ den Vorwurf, Syngenta habe vor dem lieferungen aus Lateinamerika kompensiert. Die Problematik ist die gleiche wie bei den
hängigen Verwaltungsräte anders aufgefasst Verkauf nach China eine Maissorte in Umlauf Wir haben auch eine starke Stellung in Antibiotika. Pflanzenschutz ist die Medizin
als Chem China und fühlte sich unwohl. gebracht, bevor China den Import erlaubt Brasilien und Argentinien. der Pflanzen. Nötig sind neue Aktivsubstan­
Auch in der Kommunikation klappte es nicht hatte. zen und Formulierungen.
immer, darum hat er sich für den Rücktritt Gentechnisch veränderte Lebensmittel sind in
entschieden. China verboten. Bleibt das so? Die industrielle Landwirtschaft steht in der
Jürg Witmer Das muss Peking entscheiden. Für Kritik, Deutschland debattiert über das
Syngenta hat diese Woche 4,75 Mrd. $ am Syngenta spielt das grundsätzlich keine Insektensterben, und in der Schweiz wurde die
Kapitalmarkt aufgenommen und kommt mit Der Doyen der Basler Chemie war jahrelang Rolle, wir fertigen konventionelles wie auch Trinkwasserinitiative eingereicht, die den
diesen Schulden nach Private-Equity-Manier Verwaltungsratspräsident von Clariant und gentechnisch verändertes Saatgut. Einsatz von Pestiziden und Antibiotika verbie-
selbst für den Verkauf an Chem China auf. Givaudan sowie Vizepräsident Syngentas. ten will. Wie geht Syngenta mit diesen
Wusste der Verwaltungsrat das, als er den Alle drei Ämter hat er abgegeben und leitet Früher waren Riesenfarmen in Nord- und Problemen um?
Verkaufsvertrag unterschrieben hat? heute die Gruppe unabhängiger Syngenta- Lateinamerika die Hauptkunden. In China Ich verstehe das. Unsere Branche verkauft
Dass Chem China sich verschuldet mit Verwaltungsräte. Seine Karriere begann der betreiben vor allem Kleinbauern Ackerbau. sich schlecht, wir haben ein falsches Image:
dem Kauf und sich refinanzieren muss, war promovierte Jurist beim Pharmakonzern Wie schwenkt Syngenta um? Grossbetriebe, Chemie, Gentech – alles
uns klar. Und dass sie Syngenta als Vehikel Roche, der ihn Mitte der 1980er Jahre erst- Kleinbauern sichern Chinas Ernährung. ungute Etiketten. Aber um die Menschheit
benutzen, ist sinnvoll. Wir haben ja eine mals nach Peking schickte – zu einer Zeit, als Chem China möchte, dass wir für sie die auch in 20 Jahren zu ernähren, braucht es
starke Bilanz. Unsere wichtigste Bedingung bloss zwei Hotels Ausländer aufnahmen und richtige Produkte zur Verfügung stellen. modernen Pflanzenschutz und modernes
war allerdings, dass Syngenta ein Invest­ Velos das Strassenbild dominierten. Der Darum haben wir Teams gebildet, die Saatgut. Ebenso um den Einfluss der
mentgrad­Rating behält, die Anleihen also 69-Jährige vermittelte Syngenta den Kon- daran arbeiten und neue Geschäftsmodelle Landwirtschaft auf das Klima zu reduzieren.
pensionskassenfähig bleiben. takt zu Chem China, dessen Chairman Ren entwickeln. Ich bin ein Bauernsohn und kaufe mein
Jianxin er seit langem kennt. Der Solothurner Gemüse auch am liebsten auf dem Markt.
Macht Ihnen Chem Chinas immense Verschul- wohnt in einem Vorort von Basel. (frp.) Ein Viertel der Äcker in China gilt als vergiftet. Doch damit befinde ich mich in einer
dung keine Sorgen? Wie ist das lösbar? Luxussituation.
NZZ am Sonntag 22. April 2018
Wirtschaft 31

Mein Standpunkt Beat Kappeler


Personenund
Die öffentliche Hand sollte alle Rolltreppen Unternehmen
stilllegen. Gelegenheit schafft Konsum Archer-Daniels-Midland. Zwei US-Fracht-

F
schiffe des Getreidehändlers mit Hirse
haben auf offener See abgedreht. Die
ünf Rappen Sackgebühr, und Schlagrahm in Spraydosen ist blanker schrieben. Die Kosten werden so internali- Ladungen waren für China bestimmt,
schon verlangen die Konsumen- Unsinn. Das bisschen Schaum wird in Metall siert, und zwar als Summe, die mit mehr als wurden aber offenbar umgeleitet, nach-
ten 85% weniger Plasticsäcke. abgefüllt, welches aus Minen gegraben, dann nur fünf Rappen beeindruckt. Dann muss die dem das Land Strafzölle von 179% auf
Kann man die Umwelt also mit in Hochöfen und auf Walzstrassen traktiert neue Energiepolitik auch nicht in jedes US-Importe angekündigt hatte. Laut
fünf Rappen retten? Was die wird, das transportiert und schliesslich auch Detail der Anlagen und der Technikwahl Daten von Bloomberg hatten die Schiffe
beiden Grossverteiler in der wieder entsorgt werden muss. Ein Seifenstift Beim Benzin- dreinreden. Eine «end-of-pipe»-Sanktion Mitte März einen Hafen in Texas verlas-
Schweiz praktizierten, das versucht das für die Rasur und sogar das bisschen Strom zoll herrscht wären höhere Krankenkassenprämien für sen. Eine Firmensprecherin wollte keinen
reiche Berkeley in den USA bei den Süss- fürs Rahmschlagen tragen ökologisch nicht eine groteske sorglose, gesunde Dicke oder für Raucher. Kommentar abgeben, zeigte sich aber
getränken. Zwölf Cents auf jeder Dose, und auf. Kommt die Gesellschaft via Politik zum Wichtiger aber: Die öffentliche Hand soll über die Strafzölle enttäuscht. (frp.)
schon sank die Nachfrage um 10%. Schluss, dass diese unvertretbaren Dosen
kollektive ihre Heuchelei abstellen. Strassen, Park-
Doch so einfach geht es nicht bei allem. verschwinden sollen, dann hat die Steuerung Heuchelei, plätze sind aufzuheben statt immer weiter Deutsche Bank. Hauptaktionär HNA
Ausserdem spielen bei den erwähnten Mini- bei den Herstellern einzufahren. Denn im denn der auszubauen, und anstatt dass sie überall den Group hat die Beteiligung am Bankhaus
Gebühren andere Regungen mit als das Unterschied zum Benzin oder Tabak gibt es grösste Teil der Privaten auch noch vorgeschrieben werden. auf 7,9% von 8,8% reduziert. Der chinesi-
Portemonnaie der Konsumenten. Man bei Getränken, Dosen, Schaum entspre- 4,5 Milliarden Gelegenheit schafft Konsum. Diese wich- sche Mischkonzern habe Derivate auslau-
geniert sich vor allen Wartenden an der chende Alternativen. tigste Umweltregel wird völlig verkannt. Die fen lassen, meldet Bloomberg am Sams-
Kasse, wenn man fünf Rappen hervorkratzen Um beim Konsumenten einen ähnlichen Franken öffentliche Hand soll auch alle Rolltreppen tag. Im Februar hatte HNA noch beteuert,
muss. Ebenso erröten die Reichen, die Schö- Kostenblock, etwa beim Tabak und beim Erträge stilllegen, welche epidemieartig die Städte eine weitere Reduktion sei nicht geplant.
nen und die Studenten in Berkeley, wenn sie Benzin, als Abschreckung einzuführen, finanziert und Bauten überzogen haben. Jede Roll- Die Finanzlage des Unternehmens ist aber
als Kaloriensäufer dastehen. müsste man die jährliche Belastung auf ein immer neue treppe verbraucht so viel Strom wie vier offenbar desaströs, laut Bloomberg ver-
Denn sonst verhindern selbst enorme Mal erheben. Nur wer anfangs Jahr die wohl Haushalte. Und überall daneben stehen obli- passte HNA angeblich Rückzahlungsfris-
Zuschläge den verpönten Verbrauch nicht 2500 Fr. als Abo ausgibt, bekommt dann
Strassen. gate Aufzüge für wirklich Gehbehinderte. ten bei Banken. (frp.)
– bei Zigaretten oder Benzin verdoppelt die Zigaretten und Benzin zum Normalpreis. Die öffentliche Hand übersät das Land mit
Strafsteuer den Endpreis. Dennoch wird Aber dies nur als Illustration, denn in der viel zu dicht folgenden Strassenlampen. Mattel. Ein mexikanisches Gericht hat
geraucht und gefahren wie noch nie. Beim Praxis würden dann viele, wenn sie schon so Nicht nur schafft dies die Nächte ab, sondern der Familie der mexikanischen Malerin
Benzinzoll herrscht ausserdem eine groteske viel bezahlten, enthemmt verbrauchen. Aus- reizt zu schnellerem Fahren. Der von Planern Frida Kahlo im Streit mit Mattel recht
kollektive Heuchelei, denn der grösste Teil serdem bekäme man sehr süffige Kriminal- in Ämtern veranlasste sogenannte Komfort gegeben und den Verkauf einer Frida-
der 4,5 Mrd. Fr. Erträge finanziert immer geschichten an mafiösen Umgehungen, wie kann ohne Lenkung und Steuern abgestellt Kahlo-Puppe verbo-
neue Strassen. zur Zeit von Chicagos Prohibition. Regeln werden und spart dann noch Steuern. ten. Kahlos Gross-

ROGER VIOLLET / KEYSTONE


Es gibt aber Techniken der Verbrauchs- schaffen Korruption, nicht umgekehrt. Daneben haben die Aufklärung über die nichte Mara de Anda
steuerung, die besser wirken. Grossbritan- Der Blick bei Lenkungssteuern soll sich Umweltfolgen des Verbrauchs und die Romeo hatte argu-
nien verhängte ebenfalls eine Steuer auf also auf fühlbare Kostenblöcke richten, die Medien eine wichtige Rolle zu spielen. Nicht mentiert, der Pup-
Süssgetränken, erhebt sie jedoch bei den auf einmal auftreten und welche an Schalt- alles hängt an Steuern und Gesetzen. West- penhersteller habe
Fabriken. Damit kann man sie rationeller stellen, etwa bei Herstellern oder Importeu- und Mitteleuropa sind Feedback-Gesell- die Bildrechte der
eintreiben, vor allem aber sind Firmen sensi- ren anfallen. Bei den Endverbrauchern kann schaften. Die Menschen handeln auch aus verstorbenen Künst-
bler auf einen sichtbaren, summierten Kos- dies aber auch als Kostenblock simuliert Einsicht ins Ganze. Wer noch etwas Scham lerin gestohlen. Die
tenblock. Die Hersteller, ausser Coke, haben werden. Die individuelle Heizkostenabrech- dazu braucht, der rechne bei seinem Griff Angehörigen wollen
alle den Zuckergehalt sofort reduziert. nung wirkt auf diese Weise, und desgleichen nach einer Dose oder zur Autotür oder zum auch in den USA
Bei Dosen empfiehlt sich die gleiche, kon- wird auch die individuelle Warmwasser- Flugticket mit drei Milliarden reicher wer- klagen. (Reuters)
zentrierte Steuerung. Rasierschaum oder abrechnung in grösseren Gebäuden vorge- denden Asiaten, wenn sie Gleiches täten.

160 Millionen für


unsere Kunden –
dank Genossenschaft.

Unsere Kunden dürfen sich wieder


über eine Erfolgsbeteiligung freuen.
mobiliar.ch/erfolg
Invest
NZZ am Sonntag 22. April 2018

UPI / IMAGO
Jetzt ist die Zeit
gekommen, das Licht
im Schrank anzuzünden
und zu schauen, welche
Monster sich dort
verstecken.

Noch nie in der Nachkriegszeit waren die


Unsicherheiten grösser als heute. Es wäre
etwas vereinfachend, all dies auf die Geld-
politik zurückzuführen. Doch die Geldpolitik
war ein wichtiger Faktor für viele Probleme,
die wir heute haben. Die wichtigste Erkennt-
nis ist die, dass wir die Normalisierung sorg-
sam angehen müssen.

Was raten Sie den Anlegern?


Mein Basisszenario ist, dass 2018 ein gutes
Jahr für Aktien wird, allerdings begleitet von
starken Kursschwankungen. Die Zunahme
der Unternehmensgewinne wird dieses Jahr
die Aktienmärkte noch unterstützen, aber
nächstes Jahr werden die Märkte zuneh-
mend verletzlich, auch weil sich die Kon-
junkturentwicklung abflacht. Wir kommen
dem Zenit nahe. Der Aktienmarkt könnte das
antizipieren und schon Anfang 2019 mit
grösseren Abgaben reagieren.

Zeigt die sehr flache Zinskurve – also der tiefe


Renditeunterschied zwischen kurz- und lang-
laufenden Anleihen – an, dass der Zyklus bald
Die Investoren hängen an seinen Lippen: Jerome Powell, Präsident der US-Notenbank Fed, während einer Pressekonferenz. (Washington, 21. März 2018) zu Ende geht?
Die Zinskurve hat in der Vergangenheit oft
zuverlässig Rezessionen angezeigt. Wir

«Die Finanzmärkte werden behalten sie deshalb im Auge. Doch die Aus-
sagekraft der Zinskurve halte ich derzeit für
gering. Es gibt sehr viele Kräfte, die auf das

zunehmend verletzlich»
lange Ende der Zinsen einwirken. Das macht
die weitere Entwicklung sehr unberechen-
bar. Früher war es so, dass die Rendite der
10-jährigen Staatsanleihen dem Wirtschafts-
wachstum plus Inflation entsprach. Diese

Anlageexpertin Kristina Hooper befürchtet höhere Kursschwankungen. Viele Faustregel gilt nun aber nicht mehr.

Sollten die Investoren Risiken zurückfahren?


Investoren seien nicht auf sie vorbereitet. Interview: Markus Städeli Die höheren Kursschwankungen werden
viele Anleger überraschen. Sie sind diese
schlicht nicht mehr gewohnt, weil das
NZZ am Sonntag: Wie rasch erhöht die US- Gibt es Anzeichen, dass Powell das vorhat? werden wie damals beim Quantitative Umfeld während vieler Jahre so rosig gewe-
Notenbank Fed die Zinsen? Im Januar wurden Fed-Dokumente aus Easing.
Kristina Hooper sen ist. Die Einsicht, dass man global diversi-
Kristina Hooper: Die Fed-Mitglieder sind dem Jahr 2012 veröffentlicht. Sie zeigen, fizieren muss und auch alternative Anlagen
momentan besorgt wegen des zunehmenden dass Powell sich damals kritisch zum Quanti- Was meinen Sie damit? besitzen sollte, ist wohl bei vielen vergessen
Protektionismus. Doch es ist gut möglich, tative Easing geäussert hatte. Er machte sich Damals kam es zu einer Inflation bei gegangen. Diversifikation ist das Schlüssel-
dass sich diese Ängste wieder legen. Dann Sorgen über die massive Bilanzausweitung. risikobehafteten Vermögenswerten, einer thema im Jahr 2018. Anleger müssen auch
würde das Fed seinen Fokus wieder primär Das war ein erster Hinweis, dass Powell Posi- stärkeren Korrelation zwischen Assetklassen kritischer werden. Jetzt ist die Zeit gekom-
auf die wirtschaftliche Entwicklung in den tionen haben könnte, die sich von jenen und einer sehr tiefen Volatilität. Mit der men, das Licht im Schrank anzuzünden und
USA legen und könnte die Zinsen dieses Jahr seiner Vorgängerin Janet Yellen unterschei- Bilanzschrumpfung werden insbesondere zu schauen, welche Monster sich dort
insgesamt viermal anheben und nicht nur den. Zuvor dachten viele, die beiden seien die Kursausschläge zunehmen. verstecken.
dreimal, wie die meisten denken. eine Art ideologische Zwillinge.
Ist es nicht höchste Zeit, die Notenbank-Bilan- Sie ist globale Reichen Staatsanleihen und Cash, um das
Würde das die Investoren auf dem falschen Eine Schrumpfung der Bilanz wirkt straffend zen zu schrumpfen? Chefstrategin bei Portfolio zu diversifizieren?
Fuss erwischen? auf die Geldpolitik. Wieso wäre sie gravieren- Absolut. Zumal der monetäre Stimulus Invesco, einem Es ist sinnvoll, auch in alternative Anlagen
Ja, das könnte die Märkte überraschen der als eine Zinserhöhung? viel stärker auf die Preise von Vermögens- US-Asset-Manager, zu investieren, in marktneutrale Aktien- und
und eine Korrektur auslösen. Viel gravieren- Seien wir ehrlich: Wir befinden uns in werten gewirkt hat als auf die reale Wirt- der mehr als Anleihe-Strategien oder globale Makrofonds.
der wäre allerdings, wenn sich Fed-Präsident einer experimentellen Phase der Geldpolitik. schaft. Dadurch sind die Reichen reicher 900 Mrd. $ Vermö- Viele alternative Anlagen sind in den letzten
Jerome Powell dafür entscheiden sollte, die Was genau passieren wird, weiss niemand. geworden, die Bedürftigen besitzen noch gen verwaltet. Jahren unter Druck gekommen, weil sie rela-
Bilanzschrumpfung zu beschleunigen. Der- Ziemlich sicher wirkt sich die Bilanznormali- weniger als zuvor, und die Mittelklasse steht tiv tiefe Erträge abgeworfen haben und sich
zeit erwarten alle, das Fed werde die Ver- sierung aber viel stärker auf die Vermögens- unter Druck. Die Folgen kennen wir: Die US- angesichts der boomenden Aktienmärkte
mögenswerte in seiner Bilanz nur sehr lang- preise aus als Zinserhöhungen. Ich glaube, Präsidentschaftswahlen, der Brexit, eine viel kaum jemand für unkorrelierte Erträge inter-
sam abbauen. dass wir die umgekehrten Effekte haben verwundbarere EU, eine geschwächte Nato. essiert hat. Das wird sich wieder ändern.

Die beste Woche hatte...


Der Franken fällt dank Emmanuel Macron
ausarten. Und in Syrien braucht es nur einen aus, als hätten die Investoren klare Präferen- Ulrich Spiesshofer, ABB
Funken, um einen bewaffneten Konflikt zen, welchen sicheren Hafen sie bei welcher
zwischen Israel und Iran zu provozieren. Ist Krise ansteuerten.
das der geeignete Moment für Investoren, Gold glänzt in Armageddon-Momenten, wird. Grossinvestoren hatten
BLOOMBERG

den Hafen Schweizer Franken zu verlassen? wie wir sie in den Jahren 2008 und 2009 diese Forderung wegen der
Eher nicht. Doch wenn wir ehrlich sind, erlebten. In Zeiten geopolitischer Unsicher- schleppenden Aktienkursent-
wissen wir herzlich wenig über die Preis- heiten suchen Anleger eher Zuflucht in US- wicklung vor kurzem erneut
bildung bei Devisen. Es gibt zwar einen Staatsanleihen oder im Yen. Der Franken ins Spiel gebracht. Der ganze
Finanzmarkt, dessen Akteuren eine grosse schliesslich scheint der naheliegende Sicher- Verwaltungsrat – auch der Ver-
kollektive Weisheit zugeschrieben wird: den heitsanker zu sein, wenn in der Euro-Zone treter des kritischen Gross-
Geldspiegel Bondmarkt. Die Kurse von Devisen hingegen etwas schiefläuft. Seit wann schwächelt der investors Cevian – stehe hinter

Markus Städeli schwanken ziemlich zufällig, vielleicht je


nach Testosteronlevel der Händler. Und die
Franken? Seit Emmanuel Macron bei den
französischen Wahlen seine rechtspopulisti- Am Donnerstag schaffte die
dieser Entscheidung, sagte
Spiesshofer.
sogenannten Devisenexperten sind vor sche Konkurrentin ausgestochen hat. Frank- ABB endlich wieder eine posi- Weil die Wirtschaft in den

D
allem gut darin, rückwirkend plausible reich ist nach Deutschland das wichtigste tive Überraschung. Der Indus- USA und in Europa besser läuft,
iese Woche hat der Franken kurz Erklärungen für das Unerklärliche zu finden. Mitglied der Euro-Zone. Macron macht alles, trieriese präsentierte Zahlen ist ABB für das restliche Jahr
die Schwelle von 1.20 zum Euro Auch wir wollen uns in der Folge darin um das verkrustete Land wieder auf Kurs zu für das erste Quartal, die insge- etwas positiver gestimmt. Der
berührt. Endlich! Allerdings scheint üben, eine solche Theorie zu entwerfen. «Der bringen. Er weicht bis jetzt keinen Zenti- samt über den Erwartungen Staub der kleinen ABB-Aktien-
der Zeitpunkt für diese Abschwä- Schweizer Franken ist immer noch ein siche- meter zurück, wenn es Widerstand gegen des Marktes lagen. Der Kurs rally hatte sich allerdings noch
chung gänzlich unpassend: Ein an Twitter- rer Hafen», sagte Nationalbank-Präsident seine Reformpläne gibt. Macron gilt auch als stieg steil an, die Aktie schloss nicht gelegt, da wurden bereits
durchfall erkrankter Präsident der USA stiftet Thomas Jordan diese Woche «Bloomberg treibende Kraft für eine Neuordnung der die Börsenwoche mit einem skeptische Stimmen laut. Die
Unruhe, indem er per Kurznachrichtendienst TV». Das stimmt, aber nicht in jeder Situa- Euro-Zone – gegen die sich Deutschland Zuwachs von über 7 Prozent ab. US-Bank Morgan Stanley etwa
seinen Ärger über den Ölpreis kundtut. Oder tion, würden wir einwerfen. Das Gleiche gilt sträubt. Gelingt diese nicht, könnte uns Ita- ABB-Chef Spiesshofer nutzte will noch nicht an eine Trend-
China und Russland Wechselkurs-Manipula- übrigens für das Gold. Obwohl als sicherer lien bei der nächsten Rezession um die den Rückenwind. Er stellte wende glauben. Dafür habe
tionen auf Kosten Amerikas vorwirft. Jeder- Hafen schlechthin bekannt, stehen die Inves- Ohren fliegen. Deshalb ist Macron der beste erneut klar, dass die Strom- sich der Auftragseingang zu
zeit könnte der Handelskonflikt zwischen toren derzeit auch nicht gerade Schlange, Garant für einen moderat bewerteten Fran- netzsparte nicht abgespaltet wenig gut entwickelt. (mju.)
den USA und China in einen Handelskrieg Gold-ETF zu kaufen. Es sieht also ganz so ken – jetzt und in Zukunft. Vive Jupiter!
33

Unternehmen der Woche Fünf Fragen


an Jeremy Gleeson
Aktionäre opponieren erneut gegen die
Cheflöhne von Georg Fischer
Seit 2007 arbeitet
Gleeson als Spezia-
list für den Tech-
nologiesektor und
Portfoliomanager

D
bei Axa Invest-
er Autozulieferer kam diese Woche International zeigt. Das knappe Resultat ist ment Managers.

GEORG FISCHER
ins Schleudern. Obwohl das umso erstaunlicher, als der Vergütungs-
Geschäft stark wächst und das bericht im Vorjahr gar durchgefallen war. Sehen Sie nach dem Facebook-Skandal die
Management viel Wert geschaffen Damals hatten 55% dagegen votiert. Gefahr, dass Regulatoren stärken in den
hat, nahmen die Aktionäre Anstoss an den Schon vergangenes Jahr hatte nicht die Technologie-Sektor eingreifen?

1
Salären der Geschäftsleitung. Nur 59% der Höhe der Saläre, sondern hatten die Boni in Facebook ist immer noch ein recht jun-
Eigentümer votierten an der Generalver- der Kritik gestanden. Das Unternehmen ges Unternehmen. Es war sich offenbar
sammlung von Georg Fischer konsultativ hatte daraufhin angekündigt, über die nicht bewusst, wie wichtig es bei der
für den Vergütungsbericht – es ist mit das Bücher gehen zu wollen. So wurde der Anteil Meinungsbildung schon geworden ist.
schwächste Ergebnis der diesjährigen GV- der kurzfristigen Lohnbestandteile des Facebook muss seine Nutzer besser schüt-
Saison, nach immerhin 56 Versammlungen, Managements auf maximal vier Fünftel des zen und hat diesbezüglich bereits Ände-
wie eine Analyse der Beratungsfirma HCM Grundsalärs begrenzt. Firmenchef Yves Serra rungen eingeführt. Regulierung sehe ich
erhielt jedoch erneut mehr Lohn in bar als in nicht als Risiko für das Geschäftsmodell.
Aktien. Das überzeugte den Stimmrechts- Die 2,1 Milliarden Menschen, die Kunden
Georg Fischer überflügeln den Markt berater ISS nicht. Die Amerikaner empfahlen von Facebook sind, wollen weiterhin mit-
erneut, gegen den Vergütungsbericht zu einander verbunden bleiben.
Aktienkurs von Georg Fischer über das stimmen, wie aus dem Umfeld des Unter-
letzte Jahr im Vergleich zum SPI nehmens verlautet. Sind US-Internetaktien zu hoch bewertet?

2
Georg Fischer habe im Vorfeld der GV Yves Serra, CEO Lohnsystem, und das hatten sie auch im Anders als die Firmen zu Zeiten der
150 Indexpunkte (21. 4. 2017 = 100) Gespräche mit Stimmrechtsberatern geführt Georg Fischer, Gene- Vorjahr getan. Insofern scheint naheliegend, Internetblase sind die Internet-Gigan-
140 Georg und gewisse Forderungen von ihnen erfüllt, ralversammlung dass ISS gewichtige ausländische Eigentü- ten von heute hoch profitabel. Google
Fischer
sagt Sprecher Beat Römer. So seien unter 2018. mer mobilisieren konnte, ein «Nein» einzu- erwirtschaftet 30 Milliarden Dollar Ge-
130
anderem leistungsabhängige Aktienbezüge legen. Georg Fischer gehört zum Kreis der winn, Facebook 20 Milliarden, Amazon 5
120 als langfristiger Anreiz eingeführt worden. mittelgrossen Schweizer Unternehmen ohne Milliarden. Die Bewertungen, die vor eini-
SPI Nun werde man erneut auf die Berater Ankeraktionär. An der diesjährigen GV gen Jahren noch hoch aussahen, sind tat-
110
zugehen. Immerhin habe dieses Jahr die waren 76% der Stimmen vertreten, grösste sächlich gesunken, weil die Gewinne ge-
100 Mehrheit der Aktionäre dem Vergütungs- Aktionäre sind die Fondsgesellschaft Black- stiegen sind. Ich denke, dass viele Anleger
A M J J A S O N D J F M A
bericht zugestimmt, das sei das Wichtigste. rock mit mehr als 5%, die norwegische heute die Dynamik solcher Wachstumsge-
2017 2018
Anders als ISS billigten die Schweizer Zentralbank und JP Morgan Chase mit je 3% schichten verstehen.
Quelle: Swissquote Stimmrechtsberater Ethos und Z-Rating das bis 5%. (frp.)
Welche Anlagethemen im Technologie-
bereich sind besonders interessant?

3
Die Millenials, also die junge Genera-
Wall Street tion, welche mit dem Internet aufge-
wachsen ist, bekommt jetzt langsam
echte Kaufkraft. Für diese jungen Leute ist

Zu viel des Guten


Online-Shopping selbstverständlich, wir
rechnen mit einer weiteren Zunahme die-
ses Kanals. Deswegen sehen wir auch
grosse Chancen im Zahlungsverkehr, denn
jeder Online-Kauf ist zwangsläufig mit
oben. «No good and will not be accepted.» der der Datenskandal rund um Cambridge einer Online-Zahlung verbunden.
Was konkret die US-Regierung unternehmen Analytica bereits Spuren hinterlässt. Qual-
will, erschloss sich den Händlern an der Wall comm ist beim Handelsstreit zwischen China Welche Sektoren profitieren sonst noch
Street nicht. Nachdem der Ölpreis am Freitag und den USA zwischen die Fronten geraten. von diesem Trend?

4
kurzfristig gefallen war, drehte er im Tages- Amazon gab im Vorfeld erstmals Einblick in Die Reiseindustrie wird ebenfalls
verlauf wieder ins Plus und notiert etwa auf Für die USA das Prime-Geschäft. Über 100 Mio. Premium- stark wachsen, angetrieben auch
dem höchsten Niveau seit rund drei Jahren. wurde die kunden konnte man bisher gewinnen. durch die wachsende Mittelklasse in
Jens Korte, New York Ein zu hoher Ölpreis passt offenbar nicht ins Ölproduktion Daneben werden auch Boeing, Coca-Cola, China. Online-Buchungsplattformen sind
Konzept der US-Regierung. Teurere Rohstoffe Pepsi, Ford, GM, Caterpillar, US Steel und gut positioniert, um von dieser Zunahme
wieder profita-

V
könnten für Inflationsdruck sorgen, was wie- Starbucks die Quartalszahlen präsentieren. zu profitieren. Sie ermöglichen es Kunden,
or zwei Jahren drohte zahlreichen derum die Notenbank zu stärkeren Zinserhö- bel. Das Land Apple ist am 1.Mai an der Reihe. In den ver- sehr einfach Preise zu vergleichen.
US-Energieunternehmen die Pleite. hungen drängen könnte. Die Rendite der schwingt sich gangenen Tagen kamen Spekulationen auf,
Der Ölpreis sackte auf rund 30 $ pro zehnjährigen Anleihen zog in Richtung der zum grössten dass die Nachfrage nach dem iPhone X enttäu- Wie schätzen Sie die Chancen der chinesi-
Barrel ab. Für Fracking-Firmen markanten 3%-Marke. Die Kurse an der Börse Ölförderer der schen könnte. Die Aktie verlor am Freitag über schen Internet-Firmen ein?

5
lohnten sich die Öl- und Gasbohrungen nicht drehten ins Minus. Auf Wochensicht blieb ein 4% an Wert und hat sämtliche Kursgewinne Diese Firmen sind insofern geschützt,
mehr. Dann stabilisierten sich die Preise. Die leichtes Plus für die Wall Street. Welt auf. des bisherigen Jahresverlaufs abgegeben. In als das Land den Markteintritt der
Opec-Staaten und Russland verständigten Ende kommender Woche werden die Öl- der vergangenen Woche gab es bei den Quar- US-Konkurrenz verunmöglicht. Wir
sich darauf, die Produktion zu drosseln und multis Chevron und Exxon Mobil die Ge- talszahlen Licht und Schatten. Der Tabakkon- wissen noch nicht, ob diese Unternehmen
damit die Preise anzukurbeln. Hinzu kam ein schäftszahlen für das letzte Quartal veröffent- zern Philip Morris enttäuschte mit den Volu- erfolgreich ins Ausland expandieren kön-
globaler Wirtschaftsaufschwung. Für die USA lichen. Die Berichtssaison steuert nun auf den men. Die Aktie brach mit rund 15% so stark ein nen. Allerdings kann man argumentieren,
wurde die Produktion wieder profitabel, und Höhepunkt zu. Investoren warten vor allem wie seit zehn Jahren nicht mehr. Der Konsum- dass ihr Heimmarkt schon gross genug ist.
das Land schwingt sich zum grössten Ölförde- auf die Zahlen der grossen Tech-Unternehmen. güterkonzern Procter & Gamble leidet unter Doch die Auswahl an Tech-Firmen ausser-
rer der Welt auf. Vor diesem Hintergrund kam Alphabet, die Muttergesellschaft von Google, Preisdruck etwa bei der Rasiersparte. Big Blue halb der USA ist beschränkt und diese
der Kommentar von Donald Trump am Frei- Facebook, Twitter, Microsoft, Intel, Qual- IBM konnte mit den Margen nicht überzeu- notieren darum oft zu Prämien.
tag überraschend. Der-US Präsident twitterte, comm und Amazon sind im Wochenverlauf an gen. Dafür zogen die Aktien von Netflix und Interview: Eugen Stamm
die Opec treibe die Preise künstlich nach der Reihe. Bei Facebook wird sich zeigen, ob Alcoa nach einem guten Quartal deutlich an.

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34 NZZ am Sonntag 22. April 2018

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oder Börsenschlusskurs (Werte vom Freitag, 20.04.2018, Abweichungen siehe Besonderheiten), Performance 2018 in %, Jahreshöchstwert und Datum

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de Genève
Tel. 058 211 21 11
bcge.ch/funds
BLACKROCK ASSET MANAGEMENT SCHWEIZ AG CARMIGNAC SUISSE SA FRANKFURTER BANKGESELLSCHAFT (SCHWEIZ) AG FRANKLIN TEMPLETON SWITZERLAND LTD
Tel. +41 800 08 80 20 Tel. 041 560 66 00, www.carmignac.ch Tel. 044 265 44 44 Tel +41 44 217 81 81
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Aktienfonds BGF FixedIncGlbOpps A2 USD USD 3/1 el 14.03 0.2 14.20 29.01. Carmignac Sécurité A EUR Acc EUR 1/1 e 1767.28 0.9 1767.63 18.04. FBG Global Bal. Strategy EUR 1/1 e 48.91 -1.5 50.49 24.01. Franklin GCC Bond A (acc) USD 1/1 f 12.69 -1.0 12.89 01.02.
Synchrony All Caps CH A CHF 1/1 e 186.74 -2.9 197.44 09.01. Aktienfonds Obligationenfonds FBG Global Managed CHF 1/1 e 75.68 -0.8 77.54 09.01. Templeton Global Bond A (Acc) USD 1/1 f 29.72 1.5 29.90 05.04.
Synchrony Emerging Equity A USD 4/3 f 118.49 -0.6 128.88 26.01. BGF Asian Dragon A USD USD 2/1 el 46.59 1.7 50.23 26.01. Carmignac Unconstr.Glbl Bd A EUR AccEUR 1/1 e 1419.59 1.3 1429.54 07.02. FBG Global Return Strategy 1 EUR 1/1 e 44.95 -1.6 45.99 09.01. Templeton Global TR A (Acc) USD 1/1 f 30.82 1.7 30.99 05.04.
Synchrony Europe Equity A EUR 4/3 f 176.75 -0.3 183.71 23.01. BGF Asian Grwth Lead Fd A2 USD 1/1 e 21.39 1.3 22.91 26.01. Aktienfonds Templeton Global TR A CHF-H1 CHF 1/1 f 14.44 0.8 14.58 19.01.
Synchrony High Div. Swiss Stocks A CHF 1/1 e 103.62 -1.0 107.01 09.01. BGF China A2 USD USD 1/1 e 21.22 2.7 23.78 26.01. Carmignac Comm. A EUR Acc EUR 1/1 e 315.30 2.2 326.65 12.01. Aktienfonds
Synchrony Small & Mid Caps CH A CHF 1/1 e 223.85 -1.1 237.33 19.01. BGF Glbl MA Income Fd A2 USD 1/1 e 13.19 -0.8 13.52 24.01. Carmignac Emerg.Disc. A EUR Acc EUR 1/1 e 1479.28 -3.5 1596.15 26.01. Franklin India A (Acc) USD 1/1 f 39.75 -6.0 43.94 23.01.
Synchrony Swiss Equity CHF 4/3 e 150.18 -4.6 161.69 09.01. BSF EM Eq Strat A2 USD 1/1 e 179.69 9.7 185.27 25.01. Carmignac Emergents A EUR Acc EUR 1/1 e 875.24 -7.9 981.74 09.01. Franklin Technology A (acc) USD 1/1 f 19.06 11.1 19.67 12.03.
Synchrony US Equity A USD 4/3 e 200.05 0.6 213.78 26.01. BSF EM Flexi Dynamic A2 USD 1/1 e 118.91 -0.5 121.62 01.02. Carmignac Euro-Entrepr A EUR Acc EUR 1/1 e 358.92 -3.8 388.57 23.01. Templeton Asian Smaller Co A (acc) USD 1/1 f 51.71 3.1 52.98 26.01.
Immobilienfonds BSF Glbl Event Dr A2 USD 1/1 a 108.27 0.3 109.64 28.02. Carmignac Grande Eur. A EUR Acc EUR 1/1 e 200.20 1.0 205.57 23.01. Templeton EM Smaller Co A (acc) USD 1/1 e 13.02 1.6 13.49 26.01.
Synchrony Swiss Real Est FoF A CHF 1/1 a 111.93 -0.7 113.12 04.01. BSF MMAS A2 USD 1/1 e 102.78 0.3 103.71 02.02. Carmignac Invest. A EUR Acc EUR 1/1 e 1245.83 3.3 1279.71 26.01. Templeton Euroland A (acc) EUR 1/1 f 24.29 1.1 25.24 23.01.
BSF Style Adv A2 USD 1/1 e 110.41 0.8 112.04 16.04. Strategiefonds Andere Fonds
Strategiefonds Carmignac Emerg.Pat. A EUR Acc EUR 1/1 e 117.29 -2.6 123.94 26.01. Franklin Global Convert Sec A (Acc) USD 1/1 f 14.26 7.5 14.29 14.03.
BGF GlobAll A USD USD 2/1 e 57.32 0.3 59.60 24.01. Carmignac Euro-Patr. A EUR Acc EUR 1/1 e 361.06 1.0 372.12 07.03. Franklin K2 Alternative Strat A (acc) USD 1/1 f 11.23 0.7 11.37 26.01.
Carmignac Patrimoine A CHF Acc Hdg CHF 1/1 e 113.19 0.1 117.04 26.01.
Carmignac Patrimoine A EUR Acc EUR 1/1 e 651.12 0.2 672.65 26.01.

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Weitere Fonds unter: investment@lbswiss.ch www.europe.pimco-funds.com PvB Pernet von Ballmoos AG RESPONSABILITY INVESTMENTS AG
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JPM EM Corp Bond A acc USD USD 2/2 e 152.13 -1.1 155.02 12.01. Swiss Opportunity Fund - P CHF 1/1 e 256.77 -0.2 268.64 23.01. Capital Securities Fd Inst acc CHF 2/2 e 15.24 -1.2 15.71 26.01. PvB Swiss Equity Futures Fund A CHF 1/1 b 107.86 -9.7 118.16 31.01. rA Fair Agriculture B1 CHF 2/2 b 95.67 -1.8 97.52 28.02.
JPM Flexible Credit Fd A Acc USD USD 4/4 e 15.46 -0.3 15.60 29.01. Diversified Income Inst Hdg CHF 1/1 e 13.18 -1.8 13.43 16.01. PvB Swiss Equity Futures Fund I CHF 1/1 b 112.46 -9.5 122.99 31.01. rA Fair Agriculture B2 EUR 2/2 b 98.14 -1.7 99.95 28.02.
JPM Income Opp A(Perf)acc CHF (h) CHF 3/1 e 98.04 -0.2 98.52 29.01. Emerging Local Bond Inst Unhdg CHF 1/1 e 9.96 4.5 9.96 19.04. Immobilienfonds rA Micro and SME FF B USD 4/1 b 155.54 0.6 155.54 29.03.
Aktienfonds Euro Bond Inst Hdg CHF 1/1 e 33.78 0.3 33.93 04.04. Synchrony Swiss Real Est FoF A CHF 1/1 a 111.93 -0.7 113.12 04.01. rA Micro and SME FF H CHF CHF 4/1 b 123.75 -0.2 124.09 31.01.
JPM Asia Growth A acc-USD USD 2/2 el 32.27 1.2 34.48 26.01. Global Bond Inst Hdg CHF 1/1 e 32.51 -0.9 32.81 08.01. Synchrony Swiss Real Est FoF I CHF 1/1 a 101.85 0.4 101.85 19.04. rA Micro and SME FF H EUR EUR 4/1 b 138.73 -0.1 139.00 31.01.
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JPM Euroland Dyn A(Perf)acc EUR EUR 4/4 e 243.96 -0.0 259.79 22.01. Global Inv Grade Credit Inst Hdg CHF 1/1 e 16.69 -1.9 17.02 08.01. PvB Andante - Emg Mkts K (CHF) CHF 2/1 bf 12490.90 2.0 12757.40 31.01.
JPM Europe Dynamic A acc-EUR EUR 2/2 el 23.60 -1.6 25.13 29.01. Income Fund Inst (Hdg) acc CHF 2/1 e 11.20 -1.4 11.38 08.01. PvB Andante - Emg Mkts K (USD) USD 2/1 bf 16024.80 2.0 16330.95 31.01.
JPM Europe Eq A acc-EUR EUR 2/2 el 18.46 -1.1 19.41 24.01. Total Return Bd Inst Hdg CHF 1/1 e 10.95 -2.7 11.24 03.01. PvB Andante - Global K (CHF) CHF 2/1 bf 10987.05 0.9 11146.75 31.01.
JPM Europe Eq Plus A(Perf)acc EUR EUR 2/2 el 17.07 -0.4 17.77 19.01. Aktienfonds PvB Andante - Global K (USD) USD 2/1 bf 13759.50 1.0 13928.65 31.01.
JPM Europe Tec A acc-EUR EUR 2/2 el 41.44 1.0 44.00 22.01. MLP & Energy Infrastructure Inst acc USD 2/1 e 7.79 -2.4 8.75 23.01. Andere Fonds
Strategiefonds PIMCO RAE Fdtl PLUS EM Inst acc USD 4/4 e 14.49 3.6 15.62 26.01. PvB Asset-Backed Securities Fund A USD 2/3 b 3682.08 0.7 3694.25 31.01.
JPM Global Income A div CHF (h) CHF 3/1 el 118.30 -1.9 122.23 24.01. PIMCO RAE Fdtl PLUS Gbl Dev Inst accUSD 4/4 e 15.63 1.8 16.49 26.01. PvB Asset-Backed Securities Fund I CHF 2/3 b 1647.12 -0.1 1659.79 31.01.
JPM Global Macro Op A Acc CHF CHF 4/4 el 119.83 2.9 123.46 19.01. PIMCO RAE Fdtl PLUS US Inst acc USD 4/4 e 16.91 0.4 18.08 26.01. PvB Asset-Backed Securities Fund I USD 2/3 b 1673.72 1.0 1676.45 31.01.
Strategiefonds PvB Asset-Backed Securities Fund S USD 2/3 b 258.21 0.7 259.06 31.01.
Global Multi-Asset Inst acc USD 1/1 e 17.15 0.5 17.84 26.01.

Erklärung Indizes
Konditionen bei der Ausgabe und Rücknahme von Anteilen:
Die erste Ziffer verweist auf die Konditionen bei der Ausgabe von Anteilen:
1. keine Ausgabekommission und/oder Gebühren zugunsten des Fonds (Ausgabe erfolgt zum Inventarwert)
2. Ausgabekommission zugunsten der Fondsleitung und/oder des Vertriebsträgers
SCHRODER INVESTMENT MANAGEMENT
(kann bei gleichem Fonds je nach Vertriebskanal unterschiedlich sein)
(SWITZERLAND) AG, LUX-SICAV 3. Transaktionsgebühr zugunsten des Fonds (Beitrag zur Deckung der Spesen bei der Anlage neu zufliessender Mittel)
www.schroders.ch, Tel. 0800 8 4444 8 WYDLER ASSET MANAGEMENT AG 4. Kombination von 2) und 3)
contact@schroders.ch www.wydlerinvest.ch 5. Besondere Bedingungen bei der Ausgabe von Anteilen
Die zweite, kursiv gedruckte Ziffer verweist auf die Konditionen bei der Rücknahme von Anteilen:
Obligationenfonds Obligationenfonds 1. keine Rücknahmekommission und/oder Gebühren zugunsten des Fonds (Rücknahme erfolgt zum Inventarwert)
Em Mkts Dbt Ab Return A Acc USD 2/2 e 28.92 2.5 29.32 25.01. Wydler Global Bond Fund CHF 1/1 e 126.96 -0.0 129.25 23.01. ANLAGEFONDS – 2. Rücknahmekommission zugunsten der Fondsleitung und/oder des Vertriebsträgers
(kann bei gleichem Fonds je nach Vertriebskanal unterschiedlich sein)
EURO Corporate Bond A Acc EUR 2/2 e 22.31 -0.4 22.49 23.01. Aktienfonds
3. Transaktionsgebühr zugunsten des Fonds (Beitrag zur Deckung der Spesen beim Verkauf von Anlagen)
Gl Cred.Dur.Hgd A Acc EUR 2/2 e 112.76 -0.6 114.47 05.02. Wydler Global Equity Fund CHF 3/3 a 240.05 3.4 246.69 23.01. TRANSPARENTE UND 4. Kombination von 2) und 3)
Global Corporate Bond A Acc USD 2/2 e 11.06 -1.6 11.25 08.01. 5. Besondere Bedingungen bei der Rücknahme von Anteilen
Strategic Bond A Acc USD 2/2 e 148.36 2.4 149.09 06.03. BEWÄHRTE FINANZ-
Besonderheiten:
Aktienfonds a) wöchentliche Bewertung
Emerging Markets A Acc USD 2/2 e 16.98 1.8 18.23 29.01.
PRODUKTE. MEHR UNTER: b) monatliche Bewertung
c) quartalsweise Bewertung
European Large Cap A Acc 260.78 -0.1 275.31 23.01.
European Value A Acc
EUR 2/2 e

EUR 2/2 e 67.21 0.8 70.21 24.01.


WWW.SWISSFUNDDATA.CH d) keine regelmässige Ausgabe und Rücknahme von Anteilen
e) Vortagespreis
Gl Climate Change Eq A Acc USD 2/2 e 15.21 2.2 15.80 25.01. f) frühere Bewertung
Global Energy A Acc USD 2/2 e 17.75 8.2 17.94 25.01. g) Ausgabe von Anteilen vorübergehend eingestellt
h) Ausg. und Rückn. von Anteilen vorübergehend eingestellt
Global Equity A Acc USD 2/2 e 26.04 2.6 27.37 29.01.
i) Preisindikation
Middle East A Acc USD 1/1 e 12.88 7.0 12.90 25.01. l) in Liquidation
Swiss Equity Opp. A Acc CHF 2/2 e 195.52 -3.4 208.67 24.01. x) nach Ertrags- und/oder Kursgewinnausschüttung
Swiss S&M Cap Equity A Acc CHF 2/2 e 47.73 -0.3 50.41 24.01. Wertangaben ohne Gewähr
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InvestImmobilien 35

MARKUS WIDMER / KEYSTONE


Finanzierung

Den Spielraum nutzen


Oft verunmöglichen die regulatorischen
Tragbarkeitsrichtlinien die Finanzierung
eines Eigenheims, obschon ein solches aus
Kostensicht günstiger wäre. Viele versuch-
ten deshalb, den bestehenden Spielraum
besser auszuschöpfen, etwa indem sie
einen Kreditanbieter wählen, der Ausnah-
men der Tragbarkeitsregel zulässt oder
einen tieferen kalkulatorischen Zinssatz
berechnet. Kreditnehmer können ihre Posi-
tion zudem mittels solidarischer Haftung
oder Bürgschaften verbessern und bessere
Konditionen erwirken. Neue Vermittler auf
dem Kreditmarkt vermitteln risikofreudige
private Investoren, zumeist teurere Zweit-
ranghypotheken. Fredy Gilgen

lastung von bloss 1326 Franken, also 30%


weniger im Vergleich zur 4½-Zimmer-Miet-
wohnung», rechnet der CS-Experte vor.
Ein kleiner Trost für die verhinderten
Eigenheimbesitzer und die übrigen Mieter.
Die Kluft zwischen Mieten und Eigenheim-
preisen wird laufend kleiner. Laut Marktbeob-
achtern werden sich Kosten für Eigentums-
wohnungen und Einfamilienhäuser einerseits
und Mietwohnungen andererseits in den
nächsten Jahren noch stärker annähern.

Der Kaufrausch geht zu Ende


So rechnet UBS-Experte Saputelli im lau-
fenden Jahr mit stagnierenden Preisen für
Eigentumswohnungen. Die Preisdynamik in
diesem Segment habe sich in den letzten Jah-
ren zunehmend abgeschwächt. Noch stärker

Noch fahren Eigenheimbesitzer besser als Mieter. Sobald die Zinsen höher steigen, werden aber die Marktmieten unter Druck
kommen, wo die UBS bis 2020 mit Abschlä-
gen von rund 10% rechnet. «Wer allerdings
wird Mieten aber wieder günstiger als Kaufen. die Mietwohnung nicht wechselt, wird von
der Korrektur auf dem Mietwohnungsmarkt
kaum profitieren können», ergänzt Saputelli.
Fredy Gilgen heisst Tragbarkeit. Und zwar nicht die effek- die Bankenaufsicht Finma und Nationalbank Mietwohnungen Der Immobiliendienstleister Wüest Partner
tive, sondern die kalkulatorische Tragbarkeit. ganz sicher sein wollen, dass ein unvermittel- werden tendenziell beurteilt die Lage ähnlich. Die Analysten er-
Eine Wohnung zu kaufen, ist immer noch Massgebend für die Finanzierung ist die Was- ter Zinsanstieg bei den Schuldnern nicht mas- günstiger, sagen warten stagnierende Preise bei den Eigen-
deutlich günstiger, als dasselbe Objekt zu mie- wäre-Welt. Was wäre, wenn die Zinsen unver- sive Zahlungsprobleme zur Folge hätte. Und Experten: Neubau tumswohnungen und einen weiteren Preis-
ten. Noch. Ein Klick auf den Mieten/Kaufen- mutet deutlich steigen würden? Ein Szenario, mit einer Kettenreaktion die Stabilität des im Glattpark von auftrieb bei den Einfamilienhäusern. Bei den
Rechner einer Bank zeigt es. Eine gehobene dass nun weniger entfernt scheint, als auch ganzen Finanzsystems gefährden könnte. Opfikon. (1. 4. 2017) Mieten zeige der Preistrend dagegen abwärts.
4-Zimmerwohnung kostet zur Miete monat- schon, wie die Zinsentwicklung der letzten Wer sich das oben erwähnte Eigenheim für Die Prognosen der Zürcher Kantonalbank ZKB
lich 2500 Fr., bei einem Kauf für 1 Mio. Fr. Wochen zeigt. 1 Mio. Fr. leisten will, wird nur dann eine Kre- zeigen sowohl bei den Mieten wie bei den
wären es nur 2047 Fr. pro Monat, Zins-, Unter- Statt realer Hypothekarsätze werden in den ditgeberin finden, wenn er ein Jahreseinkom- Eigenheimpreisen leicht abwärts.
halts- und Nebenkosten sowie Amortisatio- Tragbarkeitsberechnungen der Geldinstitute men von 175 000 Fr. oder mehr vorweisen
nen schon einberechnet. Selbst bei einem um ein Mehrfaches höhere kalkulatorische kann, um die sogenannte Drittels-Regel beim Anspruch an Lage und Zustand sinkt
Preis von 1,2 Mio. Fr. wären die Käufer noch Sätze von in der Regel 4,5% bis 5% eingesetzt. Verhältnis Wohnkosten/Einkommen einzu- «Die Eigenheimpreise werden im laufenden
besser dran. Dies weil sowohl Banken wie vor allem auch halten. Denn auf Basis eines kalkulatorischen Jahr weiter steigen», widerspricht Fredy
«Die monatlichen Nutzungskosten eines Zinssatzes von 5% Prozent, Unterhalts- und Hasenmaile, Immobilienexperte der Credit
Kaufobjekts liegen nach unseren Beobachtun- Nebenkosten von 1% und den Amortisationen Suisse: «Dies in der Grössenordnung von 2%
gen effektiv rund 15% unter denen einer ent- Preisschere geht auf steigt die Belastung bei einer Hypothek von bis 2,5%.» Grund sei die geringe Bautätigkeit
sprechenden Mietwohnung», sagt UBS-Immo- 800 000 Fr. auf jährlich 55 000 bis 60 000 Fr. im Segment des Wohneigentums. Die Miet-
bilienexperte Claudio Saputelli. Kalkulatori- Angebots- und Transaktionsindizes Bei einem Kaufpreis von 800 000 Fr. wäre kosten dagegen würden tendenziell weiter
sche Tragbarkeit als Pferdefuss. Die Zürcher demnach noch ein Bruttoeinkommen von sinken. Ähnlich die Aussagen von Raiffeisen-
Kantonalbank hat gleich für alle Gemeinden 130 Indexpunkte (1. Q. 2008 = 100) über 140 000 Fr. erforderlich. Ökonom Martin Neff und Donato Scognami-
in ihrem Rayon einen Vergleich «Kaufen oder Doch zurück zur aktuellen Rechnung, die glio, Chef der Beratungsfirma Iazi: «Unsere
Mieten» zusammengestellt. 125 Eigentumswohnungen die potenziellen Käufer anstellen: «Der Vorteil Beobachtungen zeigen leicht steigende Eigen-
(Transaktionen)
Einfamilienhäuser des Kaufs dürfte gegenwärtig noch deutlicher heimpreise und sinkende Mieten.»
Tragbarkeit als Pferdefuss 120
(Transaktionen) sein, als man meint», sagt Fredy Hasenmaile, Einfach darauf zu warten, dass sich die
Zwar sind die Abweichungen nicht überall Mietwohnungen Leiter Immobilien-Research bei der Credit Preiskluft zwischen Mieten und Kaufen weiter
115 (Angebot)
gleich. Doch auch im Kanton Zürich gilt: Wo Suisse. «Eine auf den Immobilienportalen schliesst, ist allerdings für die Wenigsten
immer man dort nach einer Wohnung sucht, 110 ausgeschriebene 4½-Zimmer-Wohnung kos- ratsam. Sind die Eigenheimpreise zu hoch, so
die Mieter machen stets Zweite. Wer kann, der tet im Median brutto 1900 Fr. pro Monat. Der gibt es für potenzielle Käufer in der Regel zwei
105
kauft. Mit der Betonung auf kann. Denn auch Medianpreis der Eigentumswohnung liegt da- Alternativen: Sie ziehen in Gebiete mit er-
wenn in diesen Kalkulationen tagesaktuelle 100 gegen bei 780 000 Fr. Mit einer 80%-Beleh- schwinglicheren Preisen, oder sie vermindern
Marktpreise und Zinsen verwendet werden, 2008 09 10 11 12 13 14 15 16 17 nung, einer 5-jährigen Fixhypothek zu 1,3% den Flächenanspruch. Dies ist in denn bereits
die Rechnung für den Kaufinteressenten geht sowie Neben- und Unterhaltskosten von 1% geschehen. Seit 2008 gehen die Flächen von
bei weitem nicht immer auf. Der Pferdefuss Quelle: Wüest Partner des Kaufpreises resultiert eine monatliche Be- Eigentumswohnungen erkennbar zurück.

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NZZ am Sonntag 22. April 2018

Jetzt redet Reif Rassismus im Radsport


Der deutsche Experte über Wieso schaffen es Freizeit-
sport
den Schweizer Fussball: Afrikaner nicht an die Das Beste für
«Hier riecht es nach Rasen» Spitze? Ihr Velo
38 42 47
DAVIDE AGOSTA / TI-PRESS / KEYSTONE

Der HC Lugano gewinnt im Play-off-Final 4:0 gegen die ZSC Lions und verkürzt damit in der Serie auf 2:3.

Luganokommt
näher
Seite 44
38 Sport Fussball NZZ am Sonntag 22. April 2018

«Organisiertdochbesser
eineSegelregatta»
NZZ am Sonntag: Herr Reif, wir ahnen alle
Marcel Reif besuchte schon lange, wer Schweizer Meister wird. Ist
Super League YB wird sicher nicht achtmal nacheinan-
der Meister.
das gut?
als Kommentator Marcel Reif: Das ist vor allem belebend, Der Stand nach der 31. Runde Es könnte ein duales System mit YB und Basel
weil es endlich einmal jemand anderes ist. geben.
jahrelang alle grossen Dass der Abstand zwischen YB und Basel
aber so gross ist, hat man nicht erwartet.
1. Young Boys 30 69 Das könnte so sein. Allerdings: Wenn ich
in St. Gallen oder in Luzern bin, merke ich,
Stadien Europas. Niemand hätte 2017 auf YB gesetzt.
2.
3.
Basel
St.Gallen
30
31
58
45
dass auch dort Fussball implantiert ist. Und
Geld gibt’s überall, die Schweiz ist kein über-
Jetzt verfolgt er für Normalerweise ist Basel Meister. Es ist wie
in anderen Ligen: Es gibt einen, der fast alles
4.
5.
Luzern
Zürich
30
30
43
40
mässig armes Land. Aber wenn du es nicht
hinbekommst...

Teleclub den richtig macht. Und der macht aus Erfolg


mehr Erfolg. Das ist das Geheimnis.
6. Thun 31 36
Wieso bekommt man es nicht hin?

Schweizer Fussball
7. Grasshoppers 31 35 Warum? Als ich in die Schweiz kam, habe
Ist alles so einfach? 8. Lugano 31 35 ich viel gelesen und gehört von Vorständen,
Es muss ja nicht alles stimmen, was ich Investoren, Funktionären, die sich in Grup-
näher. Für ihn ist die im Leben gelernt habe, aber eine Weisheit ist
9. Sitten
10. Lausanne
30
30
31
31
pierungen gegenseitig bekämpfen.
die: Ohne solides Umfeld kannst du nicht
hiesige Liga eine für erfolgreich Profifussball spielen. Wenn du
dich wie GC fast nur mit dir selber beschäfti-
Das Problem ist auch strukturell. Irgendwo
muss ja das Geld herkommen.
Romantiker. Und der gen willst – o.k. Aber so hast du im Profifuss-
ball nichts verloren. Basel und YB, die zwei Bedauern Sie diese Entwicklung?
Geld braucht es immer. Geld allein reicht
jedoch nicht, du musst Strukturen schaffen.
Fussballplatz Zürich sind vorne. Und jeder Dritte ist herzlich
eingeladen mitzumachen, St. Gallen, auch
Ich bin jetzt 68 Jahre alt, ein Romantiker,
und kämpfe wie ein Löwe, um mir meine
Wenn jemand Geld gibt und du spielst um
den siebenten Platz, dann verbrennt er es,
desaströs. Interview: Luzern. Die Thuner nicht. Sie spielen ihre
eigene Meisterschaft. Wenn sie nicht abstei-
Romantik zu erhalten. Aber ich bin nicht
doof. Wenn wir uns jetzt einigen, keine Geld-
das ist Mittelmass, das ist langweilig. Irgend-
wann musst du es sportlich schaffen, damit

Peter B. Birrer und gen, sind sie Schweizer Meister. geber mehr, kein Kapitalismus mehr, kein
Fussballer verdient das Zehnfache von
du dich selber tragen kannst. Basel war und
ist doch nicht gottgegeben.

Andreas Babst
Die Schweiz hat es gut. Sie erhält zwar dem- Ärzten − wenn wir das alles abschaffen, bin
nächst einen angekündigten Meister, aber der ich sofort bei Ihnen. Können wir das alles Auch der Berner Titel wäre teuer erkauft.
ist immerhin eine Überraschung. abschaffen? Nein. Also akzeptieren wir es. Aber das Stadion ist voll, sie haben jetzt
Das ist wunderbar und macht uns allen die Chance, Champions League zu spielen.
Spass. In Basel jubeln sie vielleicht nicht Wie bewahren Sie sich die Romantik? Das ist der Moment, das ist die Kreuzung,
ganz so laut wie wir. Indem ich mich mehr mit der Schweizer wenn du jetzt richtig abbiegst...
Liga beschäftige. In der Bundesliga denkst
Wenn man nach Deutschland blickt... du bei jedem Spiel, es sei WM-Final. 50 Nochmals: Wieso erlebt man in der Schweiz
...nach England, nach Frankreich... Reporter, zig Kameras, aber da spielt doch nicht eine einzige Saison, in der es nicht gleich
nur Freiburg gegen Dortmund. In der in mehreren Klubs kracht?
...dort weiss man überall schon seit Monaten, Schweiz ist alles normaler. Es muss nicht Das ist mir ein Rätsel. So viele Trainer,
wer Meister wird. sein wie im Letzigrund. Aber im Schweizer wie hier geflogen sind, das ist Wahnsinn. Der
Wir wissen das schon vor Saisonbeginn. Fussball riecht es nach Rasen. FC Sion ist das beste Beispiel. Christian Con-
stantin macht das ja mit Herz. Aber mir wäre
Ist Fussball vorhersehbar geworden? Ausser es liegt Kunstrasen. es lieber, er würde es mit Verstand machen.
Wenn es nur um die Meisterschaft in den Der riecht anders, dafür spielt YB darauf
Top-Ligen geht, dann: Ja. Ach, dummes richtig gut. Den grossen Fussball blende ich Oder mit Herz und Verstand.
Zeugs, in den kleineren Ligen ist das ebenso. aber nicht aus, Neymar, die unzähligen Mil- Das würde dramatisch helfen. Warum
lionen, die für ihn bezahlt wurden. Plus, und bringt man es nicht hin? Ich weiss es nicht.
Ist das ein Problem? jetzt kommt wieder die Romantik: Neymar Das ist anderswo ja auch so, siehe Hambur-
Man sagte mir früher: Fussball ist schön, ist ein Super-Kicker. ger SV. Irgendwann kam das Geld, die Cham-
weil man nicht weiss, wer gewinnt. Wenn die pions League. Die einen profitierten, die
einzige interessante Frage die nach dem Also lieber Thun gegen YB als Real gegen PSG. Schere ging auf. Dann haben die einen Fehler
Meister ist, geht es im Moment in die falsche Nein, jedes für sich. Aber in Thun hole ich gemacht – und die anderen nicht. Und wenn
Richtung. Zumal die Situation nicht mehr mir die Grassroots, ich schnuppere, die Leute du heute nicht oben bist, ist die Chance
umkehrbar ist. grüssen, sagen mir: «Schön, dass Sie da klein, dass du es noch schaffst.
sind», man schaut, freut sich. Dann mache
Der Fussball braucht Wettbewerb. ich eine Foto von der Stockhorn-Arena mit Auch in der Schweiz?
Ja, daraus ziehen wir Spannung. Ich habe den Bergen, schicke sie meinen Freunden Luzern und St. Gallen sind doch nicht
lange genug kommentiert und oft genug und schreibe: «Schaut, hier arbeite ich.» Da dort, wo sie hingehören. Ob sie Basel und YB
gesagt: Das Spiel ist nicht gut, aber span- flippen die aus. Es hat etwas Romantisches. dauerhaft kratzen können, weiss ich nicht.
nend. Wenn es aber nicht gut ist und dazu Niemand muss sich dafür schämen. Bayern Und da ist die Situation, wie sie in Zürich ist:
nicht spannend, wenn die Kundschaft das gegen Real, da spielen zwei Weltauswahlen, Du hast kein Stadion und wenig Publikum,
Interesse verliert, wird es problematisch. mehr Fussball gibt es nicht. Und auch das ist aber du hast zwei Klubs, die alles probieren.
Romantik. Wenigstens der FCZ. GC ist ein einziges
Ganz oben sind die Top-Klubs, und weiter Elend. Das ist zum Fremdschämen.
unten die anderen. Ist das nicht alles voller Widersprüche?
Angefangen hat das mit der Champions Nein. Ich kann doch nicht zu Luzern gegen Die Grasshoppers haben teilweise defizitäre
League. Die ist Fluch und Segen. Ein Segen Thun gehen und fragen: Wieso spielen die Heimspiele.
für die, die dort mittun und das Geld erhal- nicht wie Real gegen PSG? Die Frage ist sinn- Man macht im Letzigrund eine Sendung,
ten. Die Basler sind ein schönes Beispiel. Die los, und ich mache mir das Hiesige kaputt. und ich frage: «Fällt eigentlich jemandem
haben sich damit eine Basis gelegt. Wenn ich Champions League im Stadion auf, dass hier weniger Leute sind als an
verfolge, denke ich: Spielt’s auf jetzt, ich will meiner Gartenparty? Findet ihr das normal?»
Müssen die Young Boys früher oder später sehen, wie toll ihr seid. Ich kann mit diesem
in die Champions League, um Basel dauerhaft Widerspruch leben. Befremdet Sie die Situation in Zürich?
zu fordern? Das ist skandalös. Jetzt wird das Stadion
Ja. Wer da mitmacht, hat 15, 20 Millionen. Bleibt die Schweizer Liga so belebt wie jetzt? gebaut, dachte man, alles klar, aber: Oh nein,
Damit stellst du sicher, dass du nächstes Jahr Moment, ich höre eines Morgens im Radio,
wieder Champions League hast. dass auf dem Gelände des geplanten Sta-
dions irgendetwas mit den Wohnungen ist.
Fussball ist gnadenloser Kapitalismus – und Da denke ich: Was ist denn da los? Es steht
gleichzeitig Subventionswirtschaft. nicht in der Bibel, dass in Zürich Profifussball
Klar. Was wollen Sie jetzt von mir? Dass sein muss. Aber dann hört doch einfach auf
ich zu weinen oder zu moralisieren beginne? damit.
Das ist freie Marktwirtschaft. Für mich ist Man macht im Letzigrund
allerdings ebenso ein Kriterium einer freien
Gesellschaft, dass jeder auch die Chance hat
eine Sendung, und ich Hat die Schweiz viele Orte für Profifussball?
Schweizer Profifussball. Man muss nicht
zu scheitern – GC nutzt sie gerade, das musst frage: «Fällt eigentlich morgen Real Madrid schlagen. Wieso soll in
du ihnen auch gönnen. Profifussball ist jemandem auf, dass hier St. Gallen kein Profifussball sein? Im Wallis?
kapitalistisch, das sagt schon der Name. In Genf? In Zürich? Wieso soll in einer Stadt
Amateurfussball, da ist alles wunderbar, weniger Leute sind als an mit zwei Fussballvereinen, einer ist ja, wie
kein Katar, nix. meiner Gartenparty?» heisst das...
39

VALERIANO DI DOMENICO
...Rekordmeister.
Marcel Reif Rekordmeister, das hab ich schon ver-
drängt, wenn ich das höre, wird mir schlecht.
Während Jahren Das Wort Rekordmeister ist eine einzige
war Reif eine Refe- Hypothek und müsste bei GC unter Strafe
renz unter den verboten sein.
Fussballkommen-
tatoren. Er arbei- Schon wieder GC! Der Klub beschäftigt Sie.
tete für das ZDF, Als ich 1997 hierherzog, ging ich gerne zu
für RTL und bis den GC-Spielen. Ich habe nur ein Schweizer
2016 für Sky. Seit Leibchen, jenes von den GC-Senioren, weil
1997 wohnt Reif ich dort einmal mitgespielt habe
in der Schweiz. Er
pendelt zwischen Welches ist eigentlich Ihr Höhepunkt der
Rüschlikon am Zü- Super-League-Saison?
richsee und Mün- Kürzlich YB gegen Basel, das 2:2. Dass
chen, wo seine Schweizer Klubs so spielen, hätte ich nicht
heutige Ehefrau gedacht. Ihr macht euch ja immer klein. Ich
Marion Kiechle als liebe die Schweizer Mischung aus Minder-
bayrische Staats- wertigkeitskomplex und Grössenwahn. YB
ministerin für gegen Basel zeigt doch: Es geht mit jungen
Wissenschaft zu Spielern, ohne Neymar, ohne Ronaldo
Hause ist. Der
68-Jährige arbei- Und das Ärgernis?
tet als Fussball- Mehrfach Abende im Letzigrund, die Tem-
experte bei Tele- peratur unter null. Eigentlich waren’s leichte
club. In der nächs- Plusgrade. Aber gefühlt minus 25 Grad, weil
ten Saison wird einen auch die Atmosphäre fröstelte.
er dazu zehn von
ihm ausgewählte Steigt GC ab?
Spiele der Cham- Der FC Sion hat begriffen, dass er etwas
pions League live tun muss. Das Stadion in Lausanne ist eine
kommentieren. Frechheit, jetzt will dort immerhin ein Geld-
«Ich gehe in die geber etwas machen. Aber irgendwann will
Champions ich etwas sehen. In Lugano herrschen keine
League zurück Bedingungen für Profifussball. Du bringst die
und hoffe, dass ich Leute nicht in eine Kampfbahn, die sich seit
selber merke, der WM 1954 nicht verändert hat.
wann ich damit
aufhören muss. Das Zuschauerpotenzial in der Schweiz ist
Oder dass man es limitiert.
mir früh genug Natürlich. Mehr als 15 000 kommen nicht.
mitteilt», sagt Reif. Aber wenn nur 2500 zugegen sind, lassen
wir das besser sein. Wie hier in Zürich. So
weiterwursteln mit dem Schwachsinn, das
ist keine Lösung.

Genügsam sein, wenig Begeisterungsfähigkeit


– typisch Schweiz?
Ach hören Sie auf! Jetzt soll der Deutsche
wieder mal die Keule rausholen. Ich weiss
nicht. Dazu kenne ich die Zustände in ver-
gleichbaren Ländern nicht. Aber es ist hier
zuweilen so kleingeistig. Nirgends steht
geschrieben, dass in Zürich Profifussball sein
muss. Organisiert doch auf dem schönen See
besser eine Segelregatta.

Nach Ihrem Abschied von Sky Deutschland


sagten Sie 2016 in anderem Zusammenhang,
dass der Fussball laut geworden sei.
Alles, was wir vorhin gesagt haben, die
Kommerzialisierung, alles verliert das Mass.
Und gleichzeitig sage ich mir, ich bin 68, ich
bin nicht derjenige, der das Mass setzt. Also
frage ich meine Söhne.

Und die möchten lauten Fussball.


Nein, auch nicht. Es kommt Nachdenk-
lichkeit auf. Es wird sich etwas verändern.
Aber darüber können wir mal ein Buch
schreiben. Auch die Ultras, die Fans merken,
dass sich dramatisch etwas verändert. Diese
Kultur, dass Fussball das ganze Leben ist, die
Familie, der Religionsersatz. Wir alle haben
den Fussball ja auch aufgepumpt mit solchen
Pseudowerten. Das kann er gar nicht leisten,
das ist Unsinn. Heute merken die, die das so
überhöhten, dass sie eigentlich eine ausster-
bende Spezies werden. In den Stadien sitzt
immer mehr das Eventpublikum.

«Was wollen Sie Bedauern Sie das?


jetzt von mir? Dass Da sind wir wieder am Anfang: Ich weiss
ich zu weinen oder es nicht. Irgendwann ist es sinnlos, sich dar-
zu moralisieren be- über zu unterhalten, weil man sich aus dem
ginne?»: Marcel Reif System herausnehmen müsste. Aber ich
am Schiffsteg in arbeite für einen Pay-TV-Sender, wir bieten
Rüschlikon. ein Produkt an und müssen es refinanzieren.
(19. 4. 2018) Ich bin Teil des Systems.
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ECHTEN -

Eine Kampagne des Verbands Schweizer Markt- und Sozialforschung


NZZ am Sonntag 22. April 2018
Sport 41

Auferstanden
Das grosse Neuenburg Xamax kehrt zurück in die oberste Liga des Schweizer Fussballs. Der Verein ist nicht
mehr wiederzuerkennen. Von Samuel Tanner

D
as Gestade von Neuenburg
ERIC LAFARGUE

sei eine lachende Land-


schaft, schrieb der Schweizer
Historiker Fritz René Alle-
mann, «wie von einem sou-
veränen Künstler aus Wein-
bergen, Feldern und Parks
verführerisch komponiert». An diesem Frei-
tagabend im April verschwindet die Sonne aus
dem Bild, aber unten am See leuchtet weiter-
hin die Maladière, das Stadion von Xamax. Die
Mannschaft der Stadt gewinnt gegen Vaduz,
es ist nur ein weiterer Sieg in der zweitklassi-
gen Challenge League, aber einer auf dem Weg
nach oben. Auf den Tribünen applaudieren
dreitausend Leute.
Einer von ihnen ist Christian Binggeli, 65,
der über sich sagt, er habe in den vergangenen
fünfzig Jahren kein Heimspiel von Xamax ver-
passt. In der alten Maladière stand er als Fan
hinter seinem Verein, in der neuen Maladière
sitzt er nun als Präsident in der Mitte der
Haupttribüne. Auf dem alten Rasen spielten
noch Real Madrid oder Celtic Glasgow. Im
jetzigen Matchprogramm wird daran erinnert:
«Il était une fois un match». Es war einmal.
Heute liegt hier Kunstrasen. Der Verein hat
einen weiten Weg hinter sich. Das alte Xamax
ist untergegangen, ein neues steigt nun in die
oberste Liga des Schweizer Fussballs auf. Die
Maladière steht wie ein Symbol für den Klub
und seine Entwicklung: Der Name ist geblie-
ben, sonst nicht viel.

Das alte Xamax


Gilbert, das ist der Name der grossen Vergan-
genheit. Gilbert Facchinetti, 82, präsidierte
den Klub von 1979 bis 2005. Er hatte eigent-
lich Metzger gelernt, später übernahm er aber
von seiner Familie ein Baugeschäft und
Neuenburg Xamax. Er sagte einmal: «Ich bin
nicht der type bureau, ich bin der type terrain.
Wenn ich sitzenbleibe, schlaf ich gleich ein.
Alles geht, solange ich in Bewegung bin.» Vor
jedem Spiel begrüsste er die Spieler in seiner Eine Parade auf dem Weg nach oben: Torhüter Laurent Walthert bildet den Rückhalt des neuen Xamax. (Neuenburg, 19. Februar 2018)
Villa zum Mittagessen und zur Pflege: Sauna
und Massage. Facchinetti war Monsieur
Xamax, ein Patriarch. «Ich habe fünfzehn Namen nach. Zudem hiess es, die Mannschaft misch wurde er nicht. In dem autobiografi- Binggeli ist ein einheimischer Unterneh-
KEYSTONE

Jahre für ihn gearbeitet, aber nie mit einem spiele einen besonders ästhetischen Fussball. schen Text «Vallon de l’Ermitage» schrieb er: mer. Sein Name ist deutschschweizerisch, sei-
Vertrag», sagt Gilbert Gress, «das erklärt doch Das fügte sich perfekt in die Vorstellung von «Neuchâtel ist eine Stadt der Mauern. Nicht ne Sprache welsch, seine Mentalität muss
alles!» Gress war lange Jahre der Trainer der diesem Ort. In Neuenburg lebte noch immer umsonst zählen zu ihren heimlichen Herr- man nach den Gesetzen der Schweizer Menta-
Equipe, der zweite grosse Gilbert im Verein. In die Aristokratie, im Klima einer ziemlich un- schern auch zwei Bauunternehmer.» litätsgeschichte für eine deutschschweizeri-
den achtziger Jahren gewann seine Mann- schweizerischen Weltläufigkeit. Als sich Gilbert Facchinetti im Jahr 2005 als sche halten. Nach den Gründen für den Erfolg
schaft die Europacup-Heimspiele gegen Real Die beste Aussicht auf die Maladière hatte Präsident von Xamax zurückzog, wurde von Xamax gefragt, sagt er: «Arbeit, Beschei-
Madrid, den Hamburger SV und auch gegen damals der Schriftsteller Friedrich Dürren- Sylvio Bernasconi sein Nachfolger, neben denheit, Demut.» Binggeli hat seine Familie
Bayern München. matt. Er sass in seinem Haus weit über der Facchinetti ein anderer mächtiger Bauunter- und seine Freunde in den Verein geholt. Gre-
Die Bilder von damals leuchten noch Stadt und schaute die Spiele durch sein Fern- nehmer in der Region. Alles schien seinen gory, sein Sohn, ist Vizepräsident und an den
immer. Das alte Brillengestell von Gilbert rohr. Dürrenmatt war Mitglied im Gönnerver- logischen Fortgang zu finden. Heimspielen der euphorischste Stadionspea-
Gress, die wehenden Haare von Heinz Her- ein club de 2000 und der berühmteste Anhän- Der Präsident des ker, den man sich in einer zweiten Liga vor-
mann, der lachende Schnauz von Uli Stielike. ger des Vereins. Er wohnte lange hier, hei- Xamax Vainach grossen Aufstiegs stellen kann.
Es müssen magische Nächte gewesen sein. Im Mai 2011 kaufte aber der tschetschenische von Xamax: Mit jedem Jahr fasste die Stadt neues Ver-
«Wir spielten schon damals den football mo- Geschäftsmann Bulat Tschagajew den Klub. Christian Binggeli, trauen in den Verein, mit jedem Jahr näherte
derne», sagt Gilbert Gress, «intelligenten Fuss- Präsident Binggeli sagt: Mit ihm kam zuerst das Chaos, dann das Ende. 65. sich das neue Xamax dem alten an. Der grosse
ball: Der Torwart war mein erster Stürmer, der
Mittelstürmer mein erster Verteidiger.» In den
«Tschagajew hat in Als seine Spieler einmal in der Pause zurück-
lagen, sagte er ihnen, er werde sie alle töten.
Name zog weiterhin gute Spieler an und sogar
ein paar Sponsoren. Binggeli sagt, er habe den
Jahren 1987 und 1988 gewann Xamax mit die- wenigen Monaten alles Trainer und Spieler kamen und gingen. Tscha- Verein zurückgeben wollen an die Region und
ser Taktik die Schweizer Meisterschaft. zerstört. Wir wollen gajew sagte: «Es gibt keinen Grund, Angst vor seine Einwohner. «Dem Kanton geht es nicht
Auf dieser Zeit gründet der Ruf des Vereins, mir zu haben.» Er kündigte an, Meister zu nur gut. Aber Xamax kann den Leuten ein
gerade auch in der Deutschschweiz: Xamax nicht mehr über ihn werden und den Klub in Xamax Vainach um- Lächeln geben oder einen glücklichen Sonn-
hatte immer etwas Verwegenes, schon dem sprechen.» zubenennen. Vainach ist eine historische Be- tag.» Michel Decastel, seit drei Jahren Trainer
zeichnung für die kaukasischen Bergvölker. der ersten Mannschaft, kommt aus Neuen-
Nach acht Monaten ging der Verein in Konkurs burg, er spielte schon als Junior für Xamax.
– und er selber in Untersuchungshaft. Es war Der Assistenztrainer Stéphane Henchoz be-
KURT SCHORRER / FOTO-NET

nicht klar, ob es eine Zukunft geben würde. gann seine Aktivkarriere ebenfalls im Verein.
Als der Fall von Bulat Tschagajew im Au- Es sind Figuren, die das neue Xamax mit sei-
gust 2016 vor Gericht verhandelt wurde, rech- ner Geschichte verbinden.
nete niemand damit, dass der Angeklagte er- Gilbert Facchinetti ist seit einigen Jahren
scheinen würde. Aber dann wurde er in einer schwer krank, er lebt zurückgezogen. Im Sta-
schwarzen Limousine vorgefahren, kippte aus dion erinnert ein Plakat der Firma Facchinetti
der Beifahrertür und wuchtete seinen dicken an ihn – un engagement durable, steht darauf.
Bauch auf eine Kamera zu. Auf die Frage, wie «Ich bewunderte ihn und sein Xamax immer
es ihm gehe, sagte er: «Super, very super.» Das sehr», sagt Christian Binggeli, «aber in den
Gespenst war noch einmal zurückgekehrt. letzten Jahren haben wir den Verein ohne ihn
In der Maladière wurde längst an seiner wieder aufgebaut.» Verträge sind jetzt fünf-
Vertreibung gearbeitet. unddreissig Seiten lang.
Der Präsident sitzt nach dem Spiel oben auf
Das neue Xamax der Tribüne und erzählt davon, dass sich der
Im Frühling des Jahres 2012 hatten Christian Verein schon seit Monaten auf die Super
Binggeli und Neuenburg nochmals von vorne League vorbereite. Am Montag im Spiel gegen
angefangen mit Xamax, in der 2. Liga inter- das zweitplacierte Servette kann Xamax die
regional, gegen Vereine aus Therwil oder letzten mathematischen Zweifel am Aufstieg
Courtételle. Binggeli hatte geweint am Tag des beseitigen. Man werde in der obersten Liga
Konkurses, jetzt wollte er eine neue Ära be- das kleinste Budget von allen haben, aber das
gründen. Er sagt: «Ich habe alles in meinem grösste Herz, sagt Christian Binggeli. «Wir
Leben nach diesem Verein ausgerichtet, die werden neue Spieler holen, professionelle
Ferien, die Freunde. Tschagajew hat in weni- Strukturen schaffen. Aber wir vergessen nie:
gen Monaten alles zerstört. Wir wollen nicht Gebe nur aus, was du im Portemonnaie hast.»
mehr über ihn sprechen. Es erinnert nichts Früher war Verwegenheit im Fussballklub
Gilbert, der Name der Vergangenheit: Trainer Gress (l.), Präsident Facchinetti. (12. Juni 1988) mehr an ihn.» Xamax, heute ist Ordnung.
42 Sport NZZ am Sonntag 22. April 2018

«Dubistein
Niemand»
Afrikaner wären im Radsport so prädestiniert für Ausnahmeleistungen wie im Langstreckenlauf.
Dass sie es bis jetzt nicht an die Spitze schafften, liegt an der restriktiven Visavergabe in Europa, der
Ignoranz von Talentscouts – aber auch am rauen Tonfall im Rennzirkus. Von Sebastian Bräuer

S
chlimm war es immer, aber am eine elitäre Burschenschaft. Der Profi-Rad-
schlimmsten war es in den Ab- sport ist ein verschworener Zirkel. Und nicht
fahrten. Je schneller das Feld nur Grmay empfiehlt, allfällige fremdenfeind-
unterwegs war, desto grösser liche Sprüche nicht öffentlich zu kontern. Be-
wurde bei Tsgabu Grmay die vor der Pressesprecher des einzigen afrikani-
Angst vor Fehlern. Wenn er zu schen World-Tour-Teams Dimension Data
früh bremste, schrien ihn andere Interviews organisiert, äussert er per E-Mail
Fahrer an. Grmay findet, dass er daran selbst eine Vorbedingung: «Keiner unserer Fahrer
schuld gewesen sei. «Ich war einfach zu lang- wird sich über Rassismus äussern.» Natürlich
sam», sagt er. existiere Rassismus immer noch, aber damit
Wenn der 26-jährige Radfahrer aus Äthio- umzugehen, solle den zuständigen Behörden
pien von seinen ersten Profirennen erzählt, überlassen werden.
wird schnell klar, warum andere Fahrer aus
Afrika in Europa scheitern. Er ist der einzige Eine Domäne der Europäer
Äthiopier in einem World-Tour-Team, und er Zu den grossen Hoffnungsträgern von Dimen- Den Respekt vom
ist bis heute der einzige Fahrer seines Landes, sion Data gehört der Südafrikaner Ryan Gib- Feld muss man sich
der je die Tour de France bestritten hat. bons, 23-jährig, unerschrocken, aufgeweckt. erarbeiten: Groene-
Der Weg zum wichtigsten Radrennen der Letztes Jahr sprintete er am Giro d’Italia ein- wegen, Grmay,
Welt fällt niemandem leicht. Grmay litt an- mal auf Rang 5, zweimal auf Rang 6 und zwei- Greipel und Boasson
fangs schwer am schlechten Wetter, aber auch mal auf Rang 7. «Es ist ein harter Kampf auf Hagen an der Tour
Europäer haben wenig Lust auf 180 Kilometer den letzten Kilometern, physisch und verbal», de France 2017.
lange Trainingsfahrten bei drei Grad und Nie- erzählt Gibbons. «Die besten 10 Sprinter hal-
selregen. Für ihn waren die grossen Teilneh- ten fest zusammen. Erst wenn du einmal in
merfelder ein Schock, aber auch europäische den Top 5 warst, fangen sie an, mit dir zu re-
Talente erleben beim Wechsel von den Junio- den. Aber du bist dann immer noch ein Nie-
ren zu den Profis herbe Überraschungen. mand.» Auf die Frage, was nötig sei, um wirk-
Zusätzlich zu diesen Problemen stiess lich respektiert zu werden, antwortet Gib-
Grmay im Peloton manchmal auf eine grund- bons: «Es braucht einen Etappensieg. Aber um
sätzliche Ablehnung. Wobei er betont, dass er selbst», sagt Grmay. «Wenn ihr euch auf Nega- Afrikanische Teams duellieren sich jedes überhaupt um den Sieg mitzufahren, brauchst
nicht einfach platten Rassismus erlebte. Es ist tives fokussiert, hilft euch das nicht weiter.» Jahr eine Woche lang auf hohem Niveau: du den Respekt. Es ist eine Crux.»
jedoch so, dass die Fahrer aus den grossen Sein Stolz als Äthiopier habe ihm geholfen. die Tour of Rwanda. Das Ganze hat übrigens sehr wenig mit der
Teams und aus den grossen Radnationen in Immerhin sei das Land nie kolonialisiert wor- Hautfarbe zu tun – Gibbons ist weiss.
der Endphase wichtiger Rennen gerne unter den. Er lasse sich nicht einschüchtern, im Wegen einer Kombination aus aufopfe-
sich sind. Ein Unbekannter, der vorne mit- Gegenteil: «Mittlerweile schreie ich manch- rungsvollem Training, diszipliniertem
mischt, wenn es auf den Endspurt zugeht, mal selbst, wenn jemand zu früh bremst.» Lebensstil, günstigen genetischen Vorausset-
muss sich einiges anhören. Wer mit afrikanischen Radfahrern über zungen und Wohnorten über 2000 Metern
Grmay setzte sich durch. Heute hat einen ihren Sport spricht, bekommt den Eindruck, dominieren Afrikaner seit Jahren den Langstre-
Tipp für junge Fahrer: Es helfe nichts, verbale dass echte Wertschätzung im Peloton etwa so ckenlauf. Die bis heute schnellsten 58 Mara-
Übergriffe zu thematisieren. «Schaut auf euch schwer zu verdienen ist wie die Aufnahme in thonläufer der Geschichte kommen allesamt

Rassismus

UCI zieht Es geschah in der dritten Etappe seine Landsleute. Es habe


REUTERS

GETTY IMAGES

der letztjährigen Tour de Probleme mit Franzosen,


Romandie: Der Italiener Gianni Australiern und Amerikanern

Verfahren Moscon beleidigte den dunkel-


häutigen Franzosen Kevin Reza
gegeben, sagte Quintana. «Sie
wollten uns nicht an der Spitze

gegen
und wurde daraufhin von des Feldes, sie haben uns aus-
seinem Team Sky für sechs gebremst, angeschrien, schlecht
Wochen suspendiert. Als er ins behandelt.»

Moscon in Peloton zurückkehrte, sagte der


Italiener, er habe ein reines
Bei der Österreich-Rundfahrt
2015 wurde Natnael Berhane aus

die Länge Gewissen. Er habe niemanden


getötet. Mittlerweile ist Moscon
noch stärker als letztes Jahr, er
Eritrea als «fucking nigger»
beschimpft. Er und seine Team-
kollegen beklagten sich ausser-
soll im Juli Chris Froome, seinem Beschimpft: Kevin Reza. Ausgebremst: Nairo Quintana. Belästigt: Natnael Berhane. dem, sie seien mehrfach mit
Captain, bei der Tour de France Affenlauten belästigt worden.
auf dem Weg zum fünften Sieg Reza fährt mittlerweile nicht
helfen. Anzeige und beschwerte sich köpfe gibt, die rassistische Belei- fahren noch dauert, ist offen. mehr für Reichenbachs Team
Moscon sieht sich jedoch mit beim Radsport-Weltverband UCI. digungen aussprechen», schrieb Präzedenzfälle gibt es kaum. FDJ. Er wechselte zum Saison-
weiteren Vorwürfen konfron- Reichenbach vermutet, dass Reichenbach seinerzeit auf Twit- Auch im Umgang mit Rassismus- beginn zur deutlich kleineren
tiert. Der Walliser Profi Sébastien sich Moscon mit dem Rempler ter. «Ihr seid eine Schande für Vorwürfen hat die UCI wenig Mannschaft Vital Concept
Reichenbach beschuldigte den an ihm rächen wollte, denn er unseren Sport.» Erfahrung, obwohl es schon häu- Cycling Club. Die Äusserungen
Italiener im vergangenen Okto- hatte den Italiener bei der Tour Anfang April, mehr als ein figer Anlass gegeben hätte, Miss- von Moscon will er nicht kom-
ber, ihn in einem Eintagesrennen de Romandie heftig kritisiert – halbes Jahr nach Reichenbachs stände zu untersuchen. mentieren. Er antwortet auf eine
in einer Abfahrt absichtlich zu wegen der Beleidigungen gegen Anzeige, verhandelte eine Kom- Nachdem der Kolumbianer entsprechende Anfrage kurz
Fall gebracht zu haben. Der Reza, der in dieser Zeit ein Team- mission des Radsport-Weltver- Nairo Quintana 2010 die Tour de angebunden: «Ich habe dazu
Schweizer brach sich bei dem kollege von Reichenbach war. bandes UCI in Aigle den Fall l’Avenir gewonnen hatte, nichts mehr zu sagen oder zu
Sturz den Arm und musste die «Ich bin schockiert, dass es im Moscon. Zu einem Entscheid beschwerte er sich über abfällige wiederholen.»
Saison beenden. Er erstattete Profifeld immer noch Dumm- kam es nicht. Wie lange das Ver- Bemerkungen gegen ihn und Sebastian Bräuer
43

2300 Metern Höhe und trainieren wie die Ver-

PANORAMIC INTERNATIONAL / IMAGO


Ungleichgewicht
rückten.» Viele von ihnen könnten den Sprung

58
in ein grosses Profiteam schaffen, ist Heynde-
rickx überzeugt.
Und wenn der Äthiopier Grmay berichtet,
wie er den Zugang zum Radsport fand, hört
sich das so alltäglich an, als stamme die Ge-
Die 58 schnellsten schichte von einem Schweizer oder einem
Marathonläufer Spanier. Grmay fuhr als Kind in seiner Heimat-
kommen allesamt stadt Mek’ele mit dem Rad in die Schule. Sein
aus Kenya, Äthio- Vater besass ein Rennvelo, sein grosser Bruder
pien und Marokko. gewann sogar einige lokale Rennen. Während
Erst auf Platz 59 der der Tour de France 2007 sass die Familie ge-
ewigen Bestenliste meinsam vor dem Fernseher. Grmay war da-
folgt ein Amerika- mals 15 und wurde Fan von Alberto Contador.
ner, auf Platz 68 der Die Frage sollte weniger sein, warum es
erste Europäer. Grmay neun Jahre später selbst zur Tour de
France schaffte, sondern eher, warum sein

45
Aufstieg als exotische Ausnahme eingeordnet
wird. Es müsste ja keine sein.

Chris Froomes Zimmerkollege


Jay Thomson hat eine klare Meinung, woran
In der jetzigen UCI- es liegt. Der Südafrikaner ist mit dem gleich-
Weltrangliste be- altrigen Chris Froome befreundet. Thomson
legt der Südafrika- und Froome teilten sich einst bei Nachwuchs-
ner Daryl Impey als rennen in Südafrika das Doppelzimmer, und
bester Radprofi noch 2009 schien es, als könnten ihre Karrie-
seines Kontinents ren ähnlich erfolgreich verlaufen: Bei den
Rang 45. Unter den Zeitfahr-Weltmeisterschaften in Mendrisio
ersten 600 der trennten sie im Ziel nur 54 Sekunden.
Weltrangliste befin- Aber Froome, der einst Kenyaner war,
den sich sechs nahm die Staatsbürgerschaft seiner britischen
Radfahrer aus Süd- Vorfahren an und entwickelte sich im erst-
afrika, vier aus klassigen Fördersystem Grossbritanniens und
Eritrea, zwei aus beim hochdotierten Team Sky zum vierfachen
Rwanda und einer Tour-de-France-Sieger. Thomson dagegen
aus Äthiopien. schlug sich seit 2009 in verschiedenen Teams
durch und startete bald in Malaysia, bald in
China und bald in Burkina Faso. Heute fährt er
wie Landsmann Gibbons für Dimension Data.
Das grösste Problem von Afrikas Radprofis,
meint der 32-Jährige, sei die restriktive Visa-
Vergabe in Europa. «Jeder von uns hat schon
einmal ein Rennen verpasst, weil er seine Auf-
enthaltserlaubnis zu spät bekam», sagt Thom-
son. Am schwierigsten sei es für Eritreer.
Der Unterschied ist augenfällig: Ein Mara-
thonläufer konzentriert sich auf wenige Ren-
nen im Jahr, entsprechend sorgfältig kann er
seine Reisen planen. Ein Radprofi dagegen ist
von Februar bis November permanent unter-
wegs. Wer in jedem europäischen Land ein
anderes Visum benötigt, erlebt logistische
aus Kenya, Äthiopien und Marokko. Theore- sen wären, hätten jedoch nie seinen Kriterien spräch, er habe Diabetes, fürchte sich vor Albträume. Thomson sagt, Dimension-Data-
tisch könnten Afrikaner auch dem Radsport entsprochen. «Anfangs dachte ich, dass ich Malaria und verspüre am Ende der Saison Fahrer müssten häufig für einen Tag vom der-
zu einem Quantensprung verhelfen, vor allem einmal den ersten schwarzen Fahrer einstel- generell keine Lust mehr, zu reisen. zeitigen Teamhotel zu ihrem europäischen
in den Bergen wären sie prädestiniert für Aus- len möchte», sagt Lefevere. «Das wäre gute Er wünsche sich, dass Afrikaner den Rad- Wohnsitz reisen, um dort Papiere einzurei-
nahmeleistungen. Doch Tour de France, Giro Publicity gewesen.» sport zunehmend als Möglichkeit entdeckten, chen. Das gehe ins Geld. «Wahrscheinlich ent-
d’Italia und Frühjahrs-Classiques sind bis Es stellt sich durchaus die Frage, wie inten- der Armut zu entfliehen, sagt Lefevere. «In sprechen die Visagebühren und Kurztrips
heute fast ausschliesslich eine Domäne der siv der Belgier nach afrikanischen Talenten Belgien fahren die Kinder mit dem Rad zur dem gesamten Reisebudget anderer Teams.»
Europäer, abgesehen von einigen Amerika- gesucht hat. Sie wären naheliegenderweise Schule, in Afrika rennen sie», sagt er. Wer ein Natürlich sind die meisten Mannschaften
nern, Kanadiern und Kolumbianern. zunächst in ihrer Heimat zu finden. Zum Bei- Fahrrad besitze, müsse dieses häufig mit sei- nicht bereit, einen derartigen Aufwand zu be-
Das Wissen über Taktik und Fahrtechnik spiel bei der Tour of Rwanda, wo sich afrikani- nen Geschwistern teilen. treiben. Sie stellen im Zweifel lieber ein euro-
muss jahrelang reifen. Talente müssten daher sche Teams jedes Jahr im November eine Diese Darstellung ist manchenorts sicher päisches Talent ein als eines aus Eritrea. Die
früh von grossen Teams gefördert werden. Woche lang auf hohem Niveau duellieren. zutreffend, und doch transportiert Lefevere drei World-Tour-Profis aus dem ostafrikani-
Warum das nur in Einzelfällen geschieht, Zweimal luden die Veranstalter der Tour of mit seiner Verallgemeinerung vor allem ein schen Land fahren allesamt für Dimension
sollte kaum jemand besser wissen als Patrick Rwanda Lefevere als Gast ein. Zweimal sagte Klischee: dasjenige des armen Afrikaners, der Data. Thomson sagt: «Der Radsport-Weltver-
Lefevere. Der Chef der belgischen Mannschaft er ab. Zur Begründung sagt der Belgier im Ge- andere Sorgen hat als Fahrradfahren. band könnte sich für Visa-Erleichterungen
Quick-Step gilt als bester Talent-Scout des Dabei ist das Velo nicht nur in Rwanda zu- einsetzen, zum Beispiel bei der Europäischen
Radsports. Er schafft es Jahr für Jahr, seine nehmend eines der wichtigsten Fortbewe- Union, aber man lässt uns im Stich.»
Equipe so zusammenzustellen, dass er die «Die besten 10 Sprinter gungsmittel. In Südafrika sind Hobbyrennen Gibbons kam bei der Classique Paris–Rou-
Frühjahrs-Classiques dominiert. 23-mal hat halten fest zusammen. Massenevents. Und in Eritrea erlebt der Spit- baix am 8. April ausserhalb des Zeitlimits ins
einer seiner Fahrer die Flandernrundfahrt zensport derzeit einen Boom. Vor zwei Jahren Ziel. Direkt im Anschluss flog er in die Nacht
oder Paris–Roubaix gewonnen, das ist Rekord. Erst wenn du einmal war Jean-Pierre Heynderickx, sportlicher Lei- hinein nach Italien, weil er am 9. April vormit-
Einen dunkelhäutigen Fahrer hat Lefevere in den Top 5 warst, ter beim Team Dimension Data, bei den dorti- tags persönlich bei den Behörden vorsprechen
zeitlebens nie engagiert. «Für mich geht es
nicht um Nationalitäten», beteuert der 63-Jäh-
fangen sie an, mit dir gen Landesmeisterschaften. «Es gibt in Eritrea
einen Talent-Pool wie in Belgien», sagt der
musste. Solche Trips sind alles andere als leis-
tungsfördernd. Doch für afrikanische Radpro-
rige im Gespräch. Fahrer, die verfügbar gewe- zu reden.» 52-Jährige. «Die Jungs leben in Asmara in fis gehören sie zum Alltag.

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44 Sport NZZ am Sonntag 22. April 2018

Gelbe Karte Aufgefallen Zahl Unglückskind

31
Fans von Dortmund schreiben Mike Tyson, Tierfreund Fan der Woche
gestern vor dem Spiel gegen Mit Menschen war der frühere Das Kind ist ein grosser Fan der
Leverkusen: «Niemand verkör- Boxer Mike Tyson nie besonders Tottenham Hotspurs, gestern
pert Borussia Dortmund so freundlich: Er schlug sie k.o. durfte es im Stadion sein, als
wenig wie ihr!» Am Ende hiess oder biss ihnen in die Ohren – seine Mannschaft im FA-Cup
es 4:0. Für Dortmund. zumindest im Ring. Ein kom- gegen Manchester United
plett anderes Verhältnis scheint spielte. Das Kind wollte dem
er zu Tieren zu haben. Im «Blick» Anlass angemessen angemalt
sagt er: «Ich züchte Tauben, seit So oft traf Mohamed Salah diese sein. Es stellte sich vor den Spie-
ich 9 Jahre alt bin, mein Leben Saison für Liverpool. Damit ega- gel und malte die Initialen des
lang schon. Die Vögel geben mir lisiert er den englischen Rekord Vereins auf die Backe: THFC. Vor
viel.» Vielleicht sieht er sich als von Suarez (2014), Ronaldo dem Spiegel hatte es noch so
Artverwandten. (sta.) (2008) und Shearer (1996). stimmig ausgesehen! (sta.)

Tennis Fed Cup Eishockey Play-off

Zürcher Meisterexpress gestoppt


Rumänien 2
Schweiz 0

Die Schweizerinnen stehen im


Fed Cup gegen Rumänien eine
Niederlage vor dem Abstieg aus
4 Lugano
MICHELE LOCATELLI / FRESHFOCUS

der Weltgruppe I. Die Sorgen von 1. Hofmann. 43. Hofmann. 44. Furrer.
Captain Heinz Günthardt wurden 58. Fazzini.

am ersten Tag des Abstiegs-


kampfs nicht kleiner. Nachdem
Viktorija Golubic gegen die Welt-
ranglisten-Erste Simona Halep
0 ZSC Lions

mit einem Satzgewinn, aber nicht Mit den öffentlichen Verkehrs-


mit dem ersten Punkt belohnt mitteln hatten sich die ZSC Lions
wurde, ging das Experiment mit am Samstag nach Lugano aufge-
der von einer Match-Pause zu- macht; die überzähligen Kräfte
rückgekehrten Timea Bacsinszky um den Ex-Captain Mathias Seger
schief. Bacsinszky baute beim gingen die letzten Meter bis zum
4:6, 1:6 gegen Irina-Camelia Begu Stadion kurz vor 19.45 Uhr gar zu
stark ab und wartet 2018 weiter Fuss. Doch aus dem wegen Stau-
auf den ersten Sieg. gefahr genutzten Intercity wurde
Wollen die Schweizerinnen kein Meisterexpress – im Gegen-
den Abstieg verhindern, müssen teil, der Trainer Hans Kossmann
sie ein mittelgrosses Wunder be- ist gut beraten, auf die Euphorie-
werkstelligen, indem sie am bremse zu treten.
Sonntag die beiden Einzel sowie Denn der ZSC steht in der Best-
das abschliessende Doppel ge- of-7-Serie wieder unter Zug-
winnen. Wer sich an Halep versu- zwang: Mit 4:0 gewann Lugano
chen wird, ist noch nicht ent- den fünften Vergleich. Es war ein
schieden. Ein zweiter Einsatz von Erfolg, der in seiner Deutlichkeit
Bacsinszky am Sonntag sei offen, erstaunte, weil niemand gewusst
sagte Günthardt. Abhängig dürfte hatte, wie Lugano die Niederlage
ein solcher von der körperlichen vom Mittwoch, dieses demorali-
Verfassung am Match-Tag sein. sierende 2:3 in der Verlängerung
Im ersten Spiel nach der ein- nach 2:0-Führung, würde weg-
monatigen Pause wegen der Pro- stecken können. Ein finsterer Abend für den Zürcher Goalie Flüeler: Luca Fazzini von Lugano trifft zum 4:0.
bleme im rechten Handgelenk Doch das Team von Coach Greg
sah es mit zunehmender Spiel- Ireland bewies nicht zum ersten
dauer so aus, als könne Bacsin- Mal in dieser Saison Moral. chen für Lugano stellte Grégory cher erhöht nun den Druck auf glückhafte Fügung, eine Laune
szky die Vorhand nicht ganz Lugano brillierte mit einem ent-
Play-off-Final Hofmann, der sich in der Form den ZSC. In drei Partien in der des Schicksals. An einer Rückkehr
durchziehen. Die benötigten drei schlossenen Auftritt, lag schon seines Lebens befindet. Im Trutzburg Resega ist den Lions in die Resega zu einer allfälligen
Siege scheinen durch die Umstän- nach 27 Sekunden in Führung Serie Runde 16. Play-off-Spiel gelangen dem ein einziger Treffer gelungen, Belle am Freitag kann im Zürcher
de noch utopischer. Ohne die ver- und blickte nie mehr zurück. Viel- 1 2 3 4 5 6 7 Flügelstürmer mit dem gefürch- zweimal feierte der exzellent auf- Team jedenfalls niemand ein In-
letzte Belinda Bencic und die aus- leicht konnte Lugano Kraft dar- Lugano (4) 2 0 4 3 2 4 - - teten Handgelenkschuss die Tore spielende Lugano-Goalie Elvis teresse haben. Am kommenden
ZSC Lions (7) 3 1 5 0 3 0 - -
setzende Stefanie Vögele sind die aus schöpfen, eine Schmach wie 12 und 13, niemand hat im Play- Merzlikins einen Shutout. Mittwoch im Hallenstadion bietet
bisher für das Doppel gemeldeten 2016 verhindern zu wollen, als off zuverlässiger getroffen als der Dass Mike Künzles Zufallstref- sich den Zürchern die Chance,
Patty Schnyder und Jil Teich- sich der SC Bern in der Resega Romand. fer am 12. April genügt hatte, um den zweiten von drei Matchpucks
mann die Ersatz-Optionen für nach dem fünften Spiel hatte zum Der Sieg gegen erstaunlich einen Sieg aus dem Tessin zu ent- zu verwandeln.
Bacsinszky. (sda) Meister krönen lassen. Die Wei- mutlose und müde wirkende Zür- führen, ist nicht mehr als eine Nicola Berger, Lugano

Eishockey Liga-Qualifikation

Kloten gewinnt abermals in der Verlängerung


4 Kloten Boltshauser sein Team im Spiel. spielen mussten, um den lauern- hatten sie kaum. Dass der Aus-
PETRA OROZ / KEYSTONE

6. Santala. 9. Kellenberger. Bis in der 68. Minute das 20-jäh- den Rapperswilern keine Luft zu gleich dann doch noch fiel, war
60. Hollenstein. 68. Bader. rige Eigengewächs Thierry Bader lassen. nicht mehr zu erwarten gewesen.
aus spitzem Winkel zum Sieg und Doch im zweiten Abschnitt Vor der Saison hatten die

3 Rapperswil
24. Maier. 28. Ness. 30. Mosimann.
seinen Klub zur 3:2-Führung in
der Serie schoss. Er ist einer jener
Spieler, die eine Zukunft in Klo-
vergassen die Klotener all jene
Tugenden, die sie stark gemacht
hatten. Nun waren sie zu passiv,
Klotener gewusst, dass es eine
schwierige Saison werden würde.
Allerdings ortete man die Schwie-
Es war die pure Verzweiflung. Die ten haben und Teil des personel- zögerten und fällten in der eige- rigkeiten eher im wirtschaft-
letzte Minute der regulären Spiel- len Neuaufbaus sein sollen, falls nen Zone falsche Entscheidun- lichen Bereich, da die Mannschaft
zeit war bereits angebrochen, und der Ligaerhalt geschafft wird. gen. Die Physiognomie des Spiels im Vergleich zum Vorjahr wegen
Kloten lag mit einem Tor im Noch vor einer Woche schien änderte sich komplett, und die der wegfallenden Lohnkürzung
Rückstand – bis der Puck in Zeit- die Sache klar. Nach dem zweiten Lakers konnten wieder schalten wieder teurer wurde. Natürlich
lupe doch noch die Torlinie über- Sieg der Lakers in der Ligaqualifi- und walten wie in den ersten wird der Präsident Lehmann auch
querte. Der Rapperswiler Ness kation gegen Kloten schien alles beiden Begegnungen. Maier be- heuer ein Defizit im Bereich von
hatte den Abschluss von Denis für die St. Galler zu sprechen: endete die über 138 Minuten zwei Millionen auszugleichen
Hollenstein mit dem Fuss ins deren Auftritte und vor allem jene dauernde torlose Phase seines haben, doch diese Sorgen wurden
eigene Tor abgelenkt. Es war der Zürcher, die trotz dem noch Teams. In den folgenden gut in den letzten Monaten über-
der frenetisch bejubelte 3:3-Aus- immer prominent besetzten Ka- sechs Minuten kehrten die Gäste lagert vom sportlichen Existenz-
gleich, dank dem sich das Heim- der inferior schienen. Nach dem Ausgleich in extremis: Kloten feiert das 3:3 durch Hollenstein. den Match mit weiteren Toren kampf.
team in die Verlängerung rettete. dritten Duell, das Kloten erst in durch Ness und Mosimann. Ein Plan B ist in der Schublade,
Auf den Sitzen hielt es in der der 102. Minute hatte entschei- Eigentlich wäre noch mehr darüber sprechen will in Kloten
Overtime im erstmals seit dem Fi- den können, kippte der Trend, Minuten und Toren von Santala als genug Zeit gewesen für die derzeit verständlicherweise nie-
nal 2014 ausverkauften Schluef- und der Oberklassige war nach und Kellenberger lag es verdient
Qualifikation Zürcher, wieder ins Spiel zu fin- mand. Noch hält man das Schick-
weg niemanden mehr. Zu gross dem Ausgleich in der Serie am in Führung; die 17:6 Torschüsse den. Doch hatte das berühmte sal ja in den eigenen Händen. Am
war die Nervosität der Anwesen- Donnerstag klar am Drücker. gaben die Stärkeverhältnisse kor- Serie Runde Momentum wieder die Seite Montag bietet sich den Zürchern
den, die gar nicht mehr mit Klat- Tatsächlich machte das Heim- rekt wieder. Allerdings war eben- 1 2 3 4 5 6 7 gewechselt? Jedenfalls waren die die erste Gelegenheit, mit einem
schen aufhören wollten. Zuerst team gestern zunächst dort wei- so ersichtlich, dass sich die Klote- Kloten 3 1 0 3 4 4 - - Zürcher wieder gefordert, doch Sieg in Rapperswil-Jona den Liga-
Rapperswil 2 4 4 2 0 3 - -
hatte Hollenstein den Siegtreffer ter, wo es am Donnerstag auf- ner kein Nachlassen leisten konn- irgendwie lief der Puck nicht erhalt zu schaffen.
auf dem Stock, dann hielt Keeper gehört hatte. Nach knapp neun ten und weiterhin konsequent mehr für sie, und klare Chancen Yves Tardent, Kloten
NZZ am Sonntag 22. April 2018
Sport 45

Gewinner Zitiert Aufgetaucht


AP Rafael Nadal, Noch-Nummer-1
Heute Sonntagnachmittag
(14.30 Uhr) kann Roger Federer
«Ich bete, Pokal der Europa League
Tatort Leon, im mexika-
nischen Bundesstaat
schaft mit. Beamte
hätten den Pokal aber
kurze Zeit später
am Liveticker mitverfolgen, ob
er wieder die Nummer 1 der
Tennis-Weltrangliste wird –
dass GC nicht Guanajuato. Hier wurde
auf einer Werbetournee
der Pokal der Europa
sicherstellen können.
Und so kann die Uefa
ihn nach dem Final am
oder ob dies sein ewiger Wider-
sacher Rafael Nadal bleibt. Im
Final von Monte Carlo spielt
absteigt.» League gestohlen. Nach
einem Sponsorenevent
sollen ihn Unbekannte
16. Mai doch noch ver-
geben – an Spieler von