Sie sind auf Seite 1von 320

Metzler Lexikon

antiker Architektur
Sachen und Begriffe

Von Christoph Höcker

Mit 230 Abbildungen

Sonderausgabe

Verlag J. B. Metzler
Stuttgart û Weimar
Inhalt

Vorwort V
Artikelverzeichnis VII
Artikel A-Z 1
Auswahlbibliographie 295
Bildquellenverzeichnis 300

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek


Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-476-02294-3
ISBN 978-3-476-05232-2 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-476-05232-2

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne
Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für
Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung
und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

© 2004/2008 Springer-Verlag GmbH Deutschland


Ursprünglich erschienen bei J. B. Metzler’sche Verlagsbuchhandlung
und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH in Stuttgart 2008
www.metzlerverlag.de
info@metzlerverlag.de
V

Vorwort

Dieses Lexikon hat die Architektur der klassischen schungskontroversen aufmerksam, indem auf diver-
Antike zum Gegenstand: die Bauten der Griechen, gierende Positionen und Kontroversen konkret hin-
Etrusker und Rçmer, innerhalb eines Zeitrahmens gewiesen wird – nicht ohne allerdings dabei Position
von etwa 900 v. Chr. bis ca. 500 n. Chr. Ein solcher zu beziehen, wenn im Einzelfall bestimmte, aber
Ausschnitt folgt konventionellem Fachverstndnis, nicht durchgehend geteilte Meinungen gute Argu-
das hier in erster Linie der Pragmatik geschuldet ist mente auf ihrer Seite haben.
und die antiken Hochkulturen des Vorderen Ori- Letztlich ebenso Resultat eines Forschungs-
ents, gyptens, Kretas und des griechisch-myke- berichtes ist die Angabe von weiterfhrender Lite-
nischen Festlandes selbst ebenso ausschließt wie ratur am Ende der Lemmata: wenige, aktuelle Titel
die frhchristlich-byzantinische und frhislamische als Ausgangs- bzw. Knotenpunkte zur Vertiefung
Architektur in der unmittelbaren Nachfolge dieser des Gegenstandes immer dort, wo in der Sache
klassischen Antike. breiter Konsens herrscht und ein homogener For-
Gleichwohl bleibt gerade in der Architektur die schungsstand vorliegt, eine mçglicherweise in ihrer
Abhngigkeit der klassischen Antike von dem sie Vielfalt und Kleinteiligkeit verwirrende Anzahl von
umgebenden Kulturengeflecht ein Faktum, das hier Literaturnennungen hingegen dort, wo Dissens
keineswegs ignoriert oder gar in Abrede gestellt oder Forschungsdefizite vorherrschen. Hier ist
werden soll. Insofern finden sich die Bezge, die – dann nach Mçglichkeit jede wesentliche Ansicht
sei es in funktionaler, formaler oder sozialer Hin- oder jeder wichtige Aspekt zum Thema zumindest
sicht – auf diese ›ußeren‹ Kulturen verweisen, vor mit einem aktuellen Literaturhinweis vertreten. Aus
allem in den ausfhrlicheren Lemmata notwendi- Grnden der Allgemeinverstndlichkeit ist in den
gerweise und eingehender thematisiert. Dieses Le- Literaturangaben auf fachbliche Abkrzungen
xikon bietet somit nicht ausschließlich eine unber- weitestgehend verzichtet worden (Ausnahme:
schaubare, heterogene und amorphe Anhufung DNP = Der Neue Pauly – Enzyklopdie der Antike,
von positivistisch gefaßtem Wissen, sondern will Band 1 –16, 1996–2003; DAI = Deutsches Archo-
auch ein Konzept der Vernetzung einzelner Infor- logisches Institut), so daß die angefhrte Literatur
mationspartikel mit den dahinterliegenden Kontex- auch dem Nicht-Fachmann ohne weitere zeitauf-
ten vermitteln. wendige Aufschlsselungen zugnglich ist.
Angesprochen ist von diesem Lexikon nicht in Am Ende des Lexikons findet sich eine nach den
erster Linie der fachlich versierte Spezialist, fr Kernthemenbereichen gegliederte Auswahlbiblio-
den hier wenig Neues geboten wird. Adressaten graphie.
sind vielmehr Studierende und Lehrende der Alter- Die Lemmasetzung folgt im Grundsatz dem be-
tumswissenschaften, Kunst- oder Baugeschichte, die reits beim Neuen Pauly bewhrten Konzept: Eine
mit der Architektur der Klassischen Antike nicht grçßere Zahl umfangreicher Kern-Artikel stellt
intensiv und detailliert vertraut sind. Sie finden ne- Kontexte einzelner Sachthemen und Bezge unter-
ben den einzelnen Artikeln und den vielen erlu- einander her und verweist dabei auf zahlreiche wei-
ternden, hier durchweg als Lesehilfen gedachten terfhrende, krzere Sachartikel; Querverweise und
Abbildungen einen aktuellen berblick ber den wçrterbuchartige Kurzartikel mit entsprechenden
Sachstand zu den einzelnen angesprochenen The- Rckverweisen runden das Lemmaspektrum ab.
men und Stichwortkomplexen. Die Texte zu den Eingeschlossen sind Sachen, Begriffe und Namen
Lemmata verstehen sich dabei grundstzlich als For- (von prominenten Architekten); ganz vereinzelt
schungsbericht, verzichten in diesem Sinne auf auch architektonische Opera Nobilia. Die Nomen-
Mutmaßungen, resmieren ausschließlich publi- klatur ist an der Moderne, also der aktuellen deut-
zierte Forschung und machen zugleich auf For- schen Sprache orientiert, und nicht im Sinne einer
Vorwort VI

berkommenen Vorstellung vom Reallexikon an Architektur von Hans Koepf und Gnther Binding
der antiken griechischen bzw. lateinischen Termi- (letzte Auflage von 1999) keinesfalls ersetzen kann
nologie. So finden sich etwa Lemmata wie »Holz, und will. Um Redundanzen zu vermeiden, wurde
Holzbauweise« oder »Zement, Zementbauweise«, in den Fllen, wo ein Lemma lediglich kurz erlu-
nicht jedoch antike quivalente wie »materiatio« tert und dann auf einen umfassenderen Artikel ver-
oder »opus caementicium«. Verweislemmata erleich- wiesen wird, auf Literaturangaben verzichtet; sie
tern in Zweifelsfllen das Auffinden von Inhalten. finden sich im Rahmen des bergeordneten Lem-
Ein solches Verfahren erscheint angesichts des rapi- mas, auf das an zentraler Stelle verwiesen ist, ange-
den Schwindens altsprachlicher Kenntnisse ohne fhrt.
wirkliche Alternative.
Dabei sind jedoch die Widrigkeiten der Fachno- Mering b. Augsburg/Zrich, Sommer 2004
menklatur grundstzlich zu bercksichtigen (und Christoph Hçcker
damit ein umfassendes, jedoch bislang im Rahmen
lexikalischer Darstellungen wenig beachtetes Pro-
blem): Zahlreiche antik-bauhistorische oder bau-
technische Begrifflichkeiten klingen zwar authen-
tisch antik, sind jedoch tatschlich latinisierte Gr-
zismen, die oft genug erstmalig und nicht selten
ausschließlich im Werk des rçmischen Architekten
und Architekturtheoretikers Vitruv (und dort be-
sonders bei dessen Ausfhrungen ber die Baukunst
der Griechen) begegnen – die zugleich jedoch heute
umfassend im Sprachgebrauch des Archologen ver-
ankert sind. So ist z. B. »Dipteros« als Bezeichnung
fr eine besondere griechische Tempelform mit
umlaufend doppelter Ringhalle in antik-grie-
chischen Quellen nicht gelufig, jedoch bei Vitruv
und in seiner Nachfolge in der gesamten modernen
Architekturterminologie ein standing term. In solchen
Fllen wird auf die un- oder teilauthentische Her-
kunft des Begriffes aufmerksam gemacht, ebenso in
denjenigen Fllen, wo antike (authentische) Termi-
nologie sogar in Widerspruch zum modernen
Sprachgebrauch gert (vgl. z. B. »Epistylion«). Dem
interessierten Leser sei diesbezglich ein Blick in das
bis heute unersetzliche Bchlein von Friedrich
Ebert (Fachausdrcke des griechischen Bauhandwerks I:
Der Tempel, Wrzburg 1910) empfohlen, das wei-
terhin die Grundlage fr die Benennung von Bau-
teilen und Bauformen in der antik-griechischen Ar-
chitektur bildet (ein geplanter zweiter Teil ist nie
erschienen).
Schließlich finden sich, hauptschlich aus pragma-
tischen Grnden, hier eine grçßere Anzahl von
Kurzartikeln mit wçrterbuch-hnlichem Charakter
versammelt, wobei dieses Lexikon verschiedene
existierende Werke wie etwa das Bildwçrterbuch der
VII

Artikelverzeichnis

Abakus Aufschnrung
Abaton Ausschreibung
Abwasserkanal fi Kanalisation Aule
Achsweite
Adyton Bder
Aedes Balbis
dikula Bankettbau, Banketthaus
olisches Kapitell fi Sule, Sulenordnungen Baptisterium
olisch-sizilisches Dach fi berdachung Basilika
Agora Basis, Sulenbasis fi Sule, Sulenordnungen
Aithusa Basis Villae fi Substruktionen
Akropolis Bathykles
Akroter Baubeschluß fi Syngraphai
Ala(e) Baudekor fi Bauornamentik
Altar Bauentwurf fi Bauwesen
Amphiprostylos Baugerst fi Holz, Holzbau
Amphitheater Bauinschriften
Analemma Baukommission fi Bauwesen
Anathem Baukopie
Anathyrose Baumaß
Andron Baumaterial fi Bautechnik und Baumaterial
Ante Baunaht
Antefix Bauornamentik
Anthemios aus Tralleis Bauplanung fi Bauwesen
Anulus, Anuli Bauplastik
Apodyterion Baurecht
Apollodoros aus Damaskos Bautechnik und Baumaterial
Apsidenhaus fi Apsis Bauunterhaltung fi Bauwesen, Abschnitt B
Apsis Bauwesen
Aqudukt Bauzeichnung
Archaismus Befestigungsbauten fi Militrarchitektur
Araeostylos Belagerungsbauten fi Militrarchitektur
Architekt Bema fi Rednerbhne
Architektur Bibliotheksgebude
Architekturkopie fi Baukopie Binder
Architekturtheorie Blattkelchkapitell
Architrav Blattkranzkapitell
Arcus fi Fornix Blei fi Bautechnik und Baumaterial, Abschnitt B 1
Arena fi Amphitheater, Circus Blendbogen fi Gewçlbe- und Bogenbau
Arkosolgrab Bogenkonstruktion fi Gewçlbe- und Bogenbau
Arkade Bogenmonument fi Triumph- und Ehrenbogen
Arsenal Bohrer fi Bautechnik und Baumaterial
Aschenaltar fi Altar Bosse
Asphalt Bouleuterion fi Versammlungsbauten
Astragal Bronze fi Bautechnik und Baumaterial,
Atrium Abschnitt B 1
Attische Basis fi Sule, Sulenordnungen Brcke, Brckenbau fi Straßen- und Brckenbau,
Aufriß Abschnitt D
Artikelverzeichnis VIII

Bupalos Diateichisma
Brunnen, Brunnenhaus Diazoma
Byzes Dipteros
Domne
Caldarium Domus
Canabae Domus Augustana
Canalis Domus Aurea fi Domus Transitoria
Canopus Domus Flavia
Capitolium fi Kapitol Domus Tiberiana
Carceres Domus Transitoria
Cardo Dorische Bauordnung fi Sule, Sulenordnungen
Castrum Dorischer Eckkonflikt
Cauliculi Dbel fi Bautechnik
Cavea Dromos
Cavetto, Cavetto-Kapitell
Celer Echinus
Cella Eckkonflikt fi Dorischer Eckkonflikt
Cenaculum Ehrenbogen fi Triumph- und Ehrenbogen
Cetius Faventinus Ehrensule fi Grabbauten; fi Sulenmonument
Chalcidicum Eierstab
Chalkothek Ekklesiasterion
Cheirokrates fi Deinokrates Embater
Chersiphron aus Knossos Emboloi
Choregische Denkmler Emplekton fi Mauerwerk
Ciborium Enneastylos
Circus Entasis
Cloaca Maxima Entlastungsbogen fi Gewçlbe- und Bogenbau;
Cocceius fi Bautechnik
Coemeterium Entwsserung fi Kanalisation
Columbarium Epikranon
Columna Caelata fi Bauplastik; fi Sule, Epinaos
Sulenordnungen Epistyl(ion)
Columna Rostrata fi Sulenmonumente Eschara
Comitium fi Versammlungsbauten Esonarthex
Compitum Estrich fi Pavimentum
Compluvium Eupalinos aus Megara
Cossutius Euripus
Crusta(e) Eustylos
Crypta, Cryptoporticus fi Kryptoportikus Euthynterie
Cubiculum Exedra
Culina fi Kche; fi Haus Exonarthex
Curia
Fachwerk
Dach, Dachkonstruktion fi berdachung Facettierung
Dachterrakotten Falsches Gewçlbe
Daktylos Farbe, Farbigkeit fi Polychromie
Daphnis Fassade
Decumanus Faszie, Faszien
Deinokrates Fauces
Dentil fi Zahnschnitt Favis(s)a
Diaeta Felskammergrab fi Grabbauten
Diastylos Fenster
IX Artikelverzeichnis

Figuralkapitell Herdhaus, Herdraumhaus fi Haus II, fi Megaron


Firstkalypter fi Kalypter; fi berdachung Hermogenes
Flaschenzug Heroon
Flechtband, Flechtbandmuster Hestiatorion fi Bankettbau, Banketthaus
Forma Urbis Romae Hexastyl(os)
Formziegel Hippodamisches System
Fornix Hippodamos aus Milet
Fortifikation fi Militrarchitektur Hippodrom
Forum Hofhaus fi Haus
Forum Romanum Holz, Holzbauweise
Friedhçfe fi Nekropolen Horologion
Fries Horreum, Horrea fi Speicher- und Lagerbauten
Frigidarium Hypthral
Frontinus Hypocaustum fi Heizung, Heizungsanlagen
Fugenkonkordanz Hypogum
Fundament Hyposkenion
Fuß, Fußmaß Hypostyl
Fußboden fi Pavimentum Hypotrachelion
Hysplex fi Balbis
Gaden
Gartenanlagen Iktinos
Geblk Infrastruktur fi Architektur C 2; fi Hafenanlagen;
Gefngnis, Gefngnisbauten fi Kanal, fi Kanalisation; fi Militrarchitektur;
Geison fi Stdtebau; fi Straßen- und Brckenbau;
Gelegenheitsbauten fi Temporre Bauten fi Tunnel, Tunnelbau; fi Wasserversorgung
Gesprengter Giebel Inklination
Gewçlbe- und Bogenbau Inkrustation
Giebel Insula
Glas fi Fenster Interkolumnium
Grabbauten Ionische Bauordnung fi Sule, Sulenordnungen
Grabhgel fi Grabbauten Ionisches Kapitell fi Kapitell
Gramme Ionische Sulenbasis fi Sule, Sulenordnungen
Granit Impluvium
Greek Revival Isodomes Mauerwerk fi Mauerwerk
Grundriß Isidoros
Gußzement fi Zement, Zementbauweise
Gutta Joch
Gymnasion Juppitergigantensulen fi Sulenmonumente
Gyneikonitis
Kmpfer
Hafenanlagen Kallikrates
Hagia Sophia Kalk
Halbsule Kalypter
Halle, Hallenbau fi Stoa Kammergrab fi Grabbauten
Haus Kanal, Kanalbau
Hausgrab fi Grabbauten Kanalisation
Hausmodell Kannelur
Hausurne Kantenschutz
Hebebosse fi Bosse Kapitell
Hebegerte fi Bautechnik; fi Flaschenzug Kapitol
Heizung, Heizungsanlagen Karyatide(n)
Hekatompedos Kassetten(decke) fi Lacunar; fi berdachung
Artikelverzeichnis X

Katagogeion fi Versammlungsbauten Macellum


Katakomben Maenium
Keilstein(bogen) fi Gewçlbe- und Bogenbau Magula fi Tell
Kenotaph(ion) Mandrokles
Kerameikos Mansio
Klammer fi Bautechnik Marktanlagen fi Forum; fi Macellum; fi Portikus
Klassizismus Marmor
Kçnnensbewußtsein Materiatio fi Holz, Holzbauweise
Koilon Mauerwerk
Kolonnade Mausoleum fi Maussolleion
Koloßeum Maussolleion
Kolumbarium fi Columbarium Megaron
Kompositkapitell Meilenstein
Konche Metagenes
Konsole Metope
Korinthische Bauordnung fi Sule, Miliarium fi Meilenstein
Sulenordnung Militrarchitektur
Korinthisches Kapitell fi Kapitell; fi Sule, Minoische Sule fi Kretische Sule
Sulenordnung Mithrum
Koroibos Mnesikles
Kraggewçlbe fi Falsches Gewçlbe Modell
Kragstein fi Konsole Modul, Modulus fi Baumaß; fi Embater
Krepis Mçrtel fi Kalk; fi Zementbauweise
Kretische Sule Monolith
Kreuzgratgewçlbe fi Gewçlbe- und Bogenbau Monopteros
Kreuzverbund fi Mauerwerk Murus Gallicus
Kryptoportikus Musterstck fi Modell
Kche Mutulus
Kuppel, Kuppelbau
Kuppelgrab fi Grabbauten Naiskos
Kurvatur Naos
Kymation Narthex
Natatio
Laconicum Navalia
Lacunar Nekropole
Lngenmaße (im Bauwesen) Nymphum
Lufer
Lagerfuge Obergaden fi Gaden
Laibung Octastyl(os)
Lakonischer Dachziegel fi berdachung Odeion
Lararium Oecus
Later fi Ziegel, Ziegelbauweise Offener Dachstuhl
Latrinen Oikos
Lehrgerst Opaion
Leitermauerwerk Opisthodom
Leonidas Oppidum
Lesche Optical Refinements
Leuchtturm Optische Korrekturen fi Optical Refinements
Libon Opus Caementicium fi Zement, Zementbauweise
Limitatio(n) Orchestra
Lnette Ornament fi Bauornamentik
Luftziegel Orthostat(en)
XI Artikelverzeichnis

Ovalhaus fi Apsis; fi Haus Pseudoisodomes Mauerwerk fi Mauerwerk


Ovolo, Ovolus fi Eierstab; fi Kymation Pseudoperipteros
Pteron
Paionios Puteal
Palstra Pyknostylos
Palast Pyramidengrab
Pantheon Pytheos
Paradeisos
Paraskenion Quadrifrons
Parkanlagen fi Garten, Gartenanlagen Quadriporticus
Parthenon
Pastas Rathaus fi Versammlungsbauten
Pavimentum Randschlag
Pendentif Rednerbhne
Peripteros Refinements fi Optical Refinements
Peristasis Regula
Peristyl(ion) Rhoikos
Pfeife Ringhalle fi Peristasis
Pfeiler, Pfeilermonument Risalit
Pfeilergrab fi Grabbauten Ritzlinie(n) fi Aufschnrung
Pfette Rostra fi Rednerbhne
Pharos fi Leuchtturm Rotunde
Philon Rundtempel fi Tempel; fi Tholos
Piedestal
Pilaster Sule, Sulenordnungen
Pinakothek Sulenhalle fi Basilika; fi Portikus; fi Stoa
Piscina Sulenmonumente
Podium fi Substruktion Satteldach fi berdachung
Podium-Tempel Satyros
Poliorketik Scaenae frons fi Skene
Polychromie Scala fi Treppe, Treppenanlagen
Polygonalmauerwerk fi Mauerwerk Scamilli impares
Pomerium Schatzhaus
Pons fi Straßen- und Brckenbau Scheibenakroter fi Akroter
Pous fi Fuß, Fußmaß; vgl. auch fi Baumaß, Scherwand
fi Lngenmaße Schiffshuser fi Navalia
Poros Schirmkuppel fi Kuppel, Kuppelbau
Porta Schola fi Vereinsbauten
Portikus Schrggeison
Portus fi Hafenanlagen Schutzbosse fi Bosse
Postament fi Piedestal Septizodium
Praefurnium Sekos
Praetorium Siegesmonumente
Principia Sima
Proportion Skene
Propylen Skeuothek
Propylon fi Torbauten Sockel fi Piedestal
Prostylos Sofakapitell
Proteichisma Sostratos
Prothyron Speicher- und Lagerbauten
Prytaneion Spina
Pseudodipteros Spira
Artikelverzeichnis XII

Spolien Treppe, Treppenanlagen


Springbrunnen fi Nymphum Triclinium
Stadion Triglyphe
Stadtmauer fi Militrarchitektur Triglyhen-Metopen-Konflikt fi Dorischer
Stadtplanung fi Stdtebau Eckkonflikt
Stadttor fi Torbauten; fi Militrarchitektur Triumph- und Ehrenbogen
Stdtebau Trochilos
Starttor fi Balbis Tr
Steinbruch Tugurium
Steinmetzzeichen Tumulus fi Grabbau
Stemmloch Tuff
Stereobat Tunnel, Tunnelbau
Stoa Turm
Straßen- und Brckenbau Tuskanische Bauordnung fi Sule, Sulenordnungen
Stuck Tympanon
Sttzfigur fi Karyatide
Sturz berdachung
Stylobat Ustrinum
Substruktion(en)
Syngraphai Vela, Velum fi Amphitheater; fi Theater;
Synhedrion fi Theater fi Zelt, Zeltbau
Syrischer Giebel Vereinsbauten
Systylos Versammlungsbauten
Versatzbosse fi Bosse
Taberna Versatzmarken
Tabernakel Vertrge, Baukontrakte fi Bauwesen
Tablinum Vestibulum, Vestibl
Tnie Viadukt fi Straßen- und Brckenbau;
Tector fi Wasserversorgung
Tegula fi Ziegel, Ziegelbauweise Vicus
Telesterion Via
Tell Villa
Temenos Vitruv
Tempel Volute
Tempelgrab fi Grabbauten
Templum Wandverkleidung fi Inkrustation
Temporre Bauten Wasserleitungen fi Wasserversorgung; fi Tunnel,
Tepidarium Tunnelbau; fi Kanal, Kanalbau
Tetrastylos Wasserspiele fi Nymphum
Thalamos Wasserversorgung
Theater Weltwunder
Theodoros Werftanlagen
Theodotos Werkzeug fi Bautechnik
Thermen Werkzoll
Thesauros fi Schatzhaus
Tholos Xystos
Toichobat
Toiletten fi Latrine Zahnschnitt
Tonnengewçlbe fi Gewçlbe- und Bogenbau Zement, Zementbauweise
Torbau(ten) Zentralbau
Toreutik Ziegel, Ziegelbauweise
Torus Zisterne
1 dikula
˙

Abakus Von lat. abax, ›Tischplatte‹; im antiken Su-


˙
lenbau die meist quadratische, auf dem Ñ Echinus
lagernde Deckplatte des Ñ Kapitells (Ñ Sule, Sulen-
ordnungen), auf der das Geblk unmittelbar auf-
liegt. Der A. der dorischen Sule ist meist ungeglie-
dert, der der ionischen oder korinthischen Sule
hingegen durch Hohlkehle und Leiste profiliert
sowie bisweilen durch Ñ Bauornamentik verziert.
Beim korinthischen A. und dem des Kompositkapi-
tells ist die Platte konkav geschwungen und nicht begegnet berwiegend an Bauten des 6. Jh. v. Chr.
selten mit einer Blume oder Rosette in der Mitte (selten an jngeren Bauten), meist im griech. Wes-
versehen. ten (Sizilien, Unteritalien). Seine Genese und Ver-
Lit.: H. R. Immerwahr, Aegina, Aphaiatempel: An Archaic breitung ist eng mit den praktischen Erfordernissen
Abacus from the Sanctuary of Aphaia, in: Archolog. An- der jeweiligen Bauten im Betrieb des Heiligtums
zeiger 1986, 195 – 204. verbunden.
Lit.: L. Bruit, P. Schmitt Pantel, Die Religion der Griechen,
Abaton Griech.; bedeutungsgleich mit Ñ Adyton. 1994, 59 – 60; 126. – M. B. Hollinshead, Adyton, Opist-
˙ hodomos, and the Inner Room of the Greek Temple, in:
Hesperia 68, 1999, 189 –218.
Abwasserkanal Ñ Kanalisation

Achsweite Moderne Bezeichnung fr die Distanz Aedes Lat. Bezeichnung fr den rçm. Ñ Tempel.
˙
zwischen den Mittelpunkten der beiden Ecksulen
eines griech. Sulenbaus, besonders eines Tempels; dikula Im rçm. Kulturraum bezeichnet . einen
˙
ein in der horizontalen Projektion (Ñ Grundriß) zu- sakralen Schrein, entweder im Sinne des Ñ Larari-
sammen mit den Dimensionen des Ñ Stylobats und ums, oder in sepulkralem Kontext (Ñ Grabbauten),
der Ñ Cella wichtiges Planungs- bzw. Entwurfsmaß. der Bilder oder die Urnen von Verstorbenen ent-
Vgl. auch Ñ Bauwesen; Ñ Joch; Ñ Proportion. hielt. . heißt auch ein sulengerahmter Baukçrper
Lit.: Ch. Hçcker, Planung und Konzeption der klassischen zur Aufnahme von Statuen oder Gemlden, dann
Ringhallentempel von Agrigent, 1993, 129 – 132 (m. wei- entweder als Einzelbauwerk auf meist mannshohem
terer Lit.). – D. Mertens, Der Tempel von Segesta und die
dorische Tempelbaukunst des griech. Westens in klassi-
scher Zeit, 1984, 249 s.v. Achse, Achs-Rechteck.

Adyton Von griech. ›das Unbetretbare‹, in der antik-


˙
griech. Architektur-Nomenklatur kein gngiger,
erst in nachantiken Zeiten geprgter Begriff, der
den nach außen gnzlich abgeschlossenen Rck-
raum der langrechteckigen, dreirumigen Ñ Cella Adyton im archaisch-westgriech. Tempelbau: Syrakus,
des griech. Ñ Tempels bezeichnet. Das A. steht im Apollontempel, um 570/60 v. Chr. (oben); Selinunt, Tempel
Tempelgrundriß an Stelle des Ñ Opisthodoms und C, um 550/40 v. Chr. (rekonstruierte Grundrisse).
olisches Kapitell 2

Podium stehend oder als Nische in einen Fassaden- fahren, aber auch Wettkmpfe und bisweilen auch
verbund integriert. Rck- und Seitenwnde sind gemeinsame religiçse Zeremonien stattfanden
geschlossen, das flach geneigte Dach ist meist mit (Chortnze, frheste Theaterspiele). Eine Markt-
einem ornamentierten Giebel versehen. Vergleich- funktion der A. ist hingegen erst seit dem 6. Jh.
bar ist im griech. Kulturraum der Ñ Naiskos. v. Chr. belegt, war also kein primrer Faktor bei
Lit.: H. v. Hesberg, Elemente frhkaiserzeitlicher Aedicu- der Anlage von A. in frhgriech. Stdten.
la-Architektur, in: Jahreshefte des sterr. Archolog. Insti-
tuts 53, 1981/82, 43, 86. – P. Noelke, Ara et Aedicula, in: B. Agorai griechischer Stdte
Bonner Jahrbcher des Rheinischen Landesmuseums 190,
1990, 79 –124. Die frhgriech. A. war zunchst von sehr einfacher,
naturnaher und wenig architektonisch gegliederter
Gestalt; sie bestand aus kaum mehr als einem gro-
olisches Kapitell Ñ Sule, Sulenordnungen ßen Platz aus gestampfter Erde mit steinernen Sit-
zen fr die Wrdentrger und einer kreisrunden,
olisch-sizilisches Dach Ñ berdachung mit einfach gestalteten Stufen fr Zuschauer umge-
benen Ñ Orchestra fr kultische Tnze, Volks- und
Agora Gerichtsversammlungen. Erst im 6. Jh. v. Chr. er-
˙
A. Allgemeines folgte bei solchen ›gewachsenen‹ A. griechisch-mut-
Im topographischen Sinne bezeichnet A. (abgeleitet terlndischer Stdte eine architektonische und ent-
von griech. ageı´ro, ›versammeln‹) den als Bezirk ab- sprechend nun auch zunehmende reprsentative
gegrenzten Versammlungsplatz der griech. Polis Ausgestaltung mit Amts- und Verwaltungsgebu-
(Analogie in der rçm. Antike ist das Ñ Forum). Die den (Ñ Versammlungsbauten), Altren, Infrastruk-
A. bildete den politischen, verwaltungsmßigen, ge- tur-Einrichtungen (z. B. Ñ Brunnenhuser), Kult-
sellschaftlichen und çkonomischen Mittelpunkt der und auch Sportbauten sowie rahmenden Sulenhal-
Stadt und entsprach mit ihrer Abgrenzung gegen- len (Ñ Stoa); einzelne Baufunktionen standen dabei
ber dem Siedlungsland (durch Grenzsteine, Um- in Abhngigkeit von Bedeutung, Art und Zustndig-
mauerung u. a. m.) dem ebenfalls markant aus dem keiten der jeweiligen stdtischen Institutionen (die
Wohn- und Wirtschaftsgebiet ausgegrenzten Hei- seit dem 6. Jh. v. Chr. vergleichsweise gut bekannte
ligtum. Die Geschichte der A. ist, wie auch die Baugeschichte der Athener Agora mit ihrem sehr
Geschichte der hier tagenden Versammlung der differenzierten Funktions- und daraus abgeleitetem
freien, mnnlichen Brger, auf das engste verknpft Architekturspektrum kann dabei nicht in allen Fa-
mit der Entstehung der griech. Polis; nach Herodot cetten auf andere Stdte bertragen werden).
(1, 153) war fr den Perserkçnig Kyros das Vor- Den ›gewachsenen‹ A. alter Griechenstdte ge-
handensein einer A. das entscheidende Merkmal genber standen A.-Anlagen im Rahmen von Stadt-
einer selbstndigen griech. Stadt, und schon bei Ho- neubauten, zunchst im Kontext der griech. Kolo-
mer wurde das Fehlen einer A. als Indiz fr recht- nisation (Kleinasien, Schwarzmeerkste, Nordafri-
oder gesetzlose Zustnde aufgefaßt. ka, Sditalien und Sizilien). Bereits in frhen Kolo-
Die griech. Polis bildete sich im 8. Jh. v. Chr. als nien ist die Bedeutung der A. durch eine gezielt in
Zusammenschluß verschiedener kleiner dçrflicher das Straßenraster eingefluchtete Platzanlage in der
Einheiten heraus (synoikisms, ›Zusammensiedlung‹). Stadtmitte (z. B. Megara Hyblaea, 7. Jh. v. Chr.) be-
Dieser Vorgang machte eine gemeinsame Infra- legt; der zunchst eher unscheinbare bauliche Zu-
struktur der dçrflichen Siedlungen notwendig; im stand erfhrt im 6. und 5. Jh. v. Chr. durch architek-
Zuge dieses Prozesses entstanden neben gemeinsam tonische Ausschmckung mit Amtslokalen, ver-
genutzten Ñ Nekropolen und Heiligtmern an gn- schiedenen den Platz rahmenden Sulenhallen und
stig gelegenen Orten (z. B. an Wegkreuzungen) und Markt- sowie Kulteinrichtungen eine erhebliche
auf ungenutztem, meist wirtschaftlich wenig attrak- stdtebauliche Aufwertung.
tivem Land (Feuchtgebiet etc.) Versammlungsplt- In der Staatstheorie des Ñ Hippodamos von Milet
ze, an denen Brgerversammlungen, Gerichtsver- mit ihren den Ñ Stdtebau nunmehr prgenden
3 Agora
˙
Grundkonzepten spielt die Trennung der stdti-
schen Funktionsbereiche in Wohn-, Kult-, Verwal-
tungs- und Wirtschaftsbereiche eine wesentliche
Rolle; in diesem Zusammenhang gewinnt auch die
von Platon und Aristoteles geforderte Trennung
einer ›politischen‹ A. im Stadtzentrum und einer
çkonomischen ›Markt-A.‹ am Stadtrand immer str-
ker an Bedeutung (Doppel-A. u. a. in Milet, Kama-
rina, Morgantina). Die A. erscheint im Stdtebau des
4. und 3. Jh. v. Chr. als zunehmend bautypologisch
und funktional normiertes Plan-Gebilde mit Amts-
sitzen, Stoai und angrenzendem Stadtheiligtum, das
– in der Stadtmitte gelegen – eine Art Scharnier-
Funktion zwischen den einzelnen stdtischen Be-
reichen eingenommen hat (wie z. B. in Priene); die
enge Verbindung, die seit der Sptklassik bisweilen
die Theaterbauten der Stadt mit der A. aufwiesen
(z. B. in Mantineia, Sikyon, Assos, Akari, Kassope
u. a. m.), ist ein spter Reflex der ursprnglich engen

Zwei griechische Agorai: die archaische Agora von Megara


Hyblaea (Sizilien, 7./6. Jh. v. Chr., links) und die stdtebau-
lich geplante Agora von Priene (4./3. Jh. v. Chr., oben).

Zusammengehçrigkeit von A. und Theater (Platz


und Orchestra). Bemerkenswert ist die bisweilen
enorm prestigetrchtige und kostenintensive stdte-
bauliche Ausgestaltung der A. im spten 4. und 3. Jh.
v. Chr., wo der bauliche Prunk an den çffentlichen
Gebuden (Priene, Milet u. a. m.) in erstaunlichem
Widerspruch zur schwindenden stdtischen Selbst-
bestimmung und zur zunehmenden Irrelevanz der
stdtischen Gremien und mter gert: Die A. als
zentraler Teil der autonomen griech. Polis wird
sptestens mit dem Entstehen der hellenistischen
Monarchien eigentlich zu einem politischen Ana-
chronismus, bleibt aber bis in rçm. Zeit hinein ein
erstrangiger Bereich zur Demonstration urbanen
Wohlstands und lokaler Tradition.
Lit.: J. M. Camp, The Athenian Agora, 1986. – F. Felten,
Heiligtmer oder Mrkte? in: Antike Kunst 26, 1983,
84 – 105. – U. Kenzler, Studien zur Entwicklung und Struk-
tur der griech. Agora, 1999. – W. Koenigs, Planung und
Ausbau der Agora von Priene, in: Mitteilungen des DAI,
Abt. Istanbul 43, 1993, 381 –397. – F. Kolb, Agora und
Theater, 1981. – ders., s.v. Agora, in: DNP 1, 1996,
Aithusa 4
˙
267 – 273. – F. Lang, Archaische Siedlungen in Griechen-
land: Struktur und Entwicklung, 1996. – W. A. MacDo-
nald, The Political Meeting Places of the Greeks, 1943. – R.
Martin, Recherches sur l’Agora grecque, 1952. – D. Mer-
tens, Metapont, in: Archolog. Anzeiger 1985, 645 –671.

Aithusa Griech. ›Galerie, Sulenhalle‹, im homeri-


˙
schen Epos die Bezeichnung fr die Eingangshalle
des Ñ Hauses, die mit Sulen versehen und mit dem
Hof-Tor verbunden war. Der davor gelegene Be-
reich heißt prthyron. Eingangshallen dieser Art fin-
den sich bereits an den Palsten des 2. Jt. v. Chr. und
in der frhgriech. Hausarchitektur des 10. und 9. Jh.
v. Chr.; sie werden dann gngiges Element am Scheiben-Akroter vom Heratempel in Olympia
griech. Ñ Tempel. (Rekonstruktion).
Lit.: H. Drerup, Archaeologia Homerica II O (Baukunst),
1969, 80 – 84. – K. Fagerstrçm, Greek Iron Age Architectu- Akroter Griech. ›hervor- oder aufragender Teil‹,
re, 1988, 99 – 107. – H. Lorimer, Homer and the Monu- ˙
plastische Figuren oder Ornamentaufstze, die den
ments, 1950, 415 – 422.
Dachfirst (Mittel-A.) oder die Seiten der Giebel
(Seiten-A.) reprsentativer çffentlicher Gebude
Akropolis Von griech. kros, ›hoch‹, und plis, ›Stadt‹; zierten. A. kçnnen aus Ton, Stein (Poros, Marmor),
˙
hochgelegener Teil einer griech. Siedlung, der in seltener Metall (z. B. dekoratives Gert wie die Drei-
Griechenland und Kleinasien meistens, in den fße an den Choregen-Monumenten Athens) be-
westgriech. Koloniestdten hingegen eher selten stehen. Im 7./6. Jh. v. Chr. dominierten zunchst
mit eigenen Mauern umgeben war. In der Entwick- ornamentierte, runde Scheiben-A. (z. B. Olympia,
lungsgeschichte der griech. Polis ist die A. zunchst Heraion), spter dann plastisch ausgearbeitete Pflan-
oft Siedlungsplatz oder Flucht-Burg, zudem nicht zenkombinationen (Voluten, Palmetten) oder sta-
selten auch Herrschersitz (Athen) und steht damit tuarische Figuren und Figurengruppen (Gorgo, Ni-
in direkter Tradition mykenischer Burganlagen ke, Sphinx u. a. mythische Gestalten). Etruskische
(Mykene, Tiryns); sie wird dann im Zuge der Aus- Tempel waren bisweilen berreich mit bemalten
dehnung der Siedlungen im 8./7. Jh. v. Chr. in das statuarischen A. aus Terrakotta geschmckt (Veji,
Stadtgebiet einbezogen und neben der Ñ Agora zu Cerveteri, Satricum u. a.).
einem zweiten Zentrum. Damit einher geht in der Lit.: P. Danner, Griech. Akrotere der archaischen und
Regel ein markanter Funktionswandel; die meisten klassischen Zeit, 1989. – ders., Westgriech. Akrotere, 1997.
A. treten nun als Heiligtum und dementsprechend – A. Delivorias, Attische Giebelskulpturen und Akrotere
des 5. Jh. v. Chr., 1974. – M. Y. Goldberg, Types and Dis-
als Standort reprsentativer Monumentalarchitek- tibution of Archaic Greek Acroteria, 1982. – M. Sprenger,
tur in Erscheinung, sind damit zugleich aus dem Die Etrusker, 21990, Nr. 116 ff. (Veji), Nr. 126 ff. (Cerve-
stdtischen Siedlungsland ausgegrenzt und bleiben teri), Nr. 132 ff. (Satricum).
fortan unbewohnt. Als Terminus technicus versteht
die moderne Forschung unter A. allgemein jedwe- Ala(e) Teil des rçm. Atriumhauses (Ñ Atrium;
˙
des hochgelegene, burghnliche Stadtareal, auch Ñ Haus): zwei einander gegenberliegende, auf gan-
außerhalb des griech. Kulturkreises (z. B. in Etru- zer Breite und Hçhe offene Rume, die die Quer-
rien). achse vor dem Ñ Tablinum, dem Hauptraum des
Lit.: W. Hoepfner, E.-L. Schwandner, Haus und Stadt im Hauses bildeten. A. sind im rçm. Hausbau weit
klassischen Griechenland, 21994, 351 s.v. Akropolis. – verbreitet; geeignete Entwurfsproportionen nennt
Ñ Stdtebau. Vitruv (6, 3, 4). A. waren funktional nicht speziell
konnotiert; sie konnten als Eßraum, Garderobe oder
5 Altar

notwendigerweise ein Bauwerk, sondern kann als


ein sehr verschieden gestaltetes Requisit im Rah-
men von Kultarchitektur in Erscheinung treten; im
Kontext dieses Lexikons wird jedoch ausschließlich
auf die architektonischen Erscheinungsformen des
A. bezug genommen.
Ein A. kann einer oder mehreren Gottheiten ge-
weiht sein, er setzt nicht ein Heiligtum voraus, son-
dern kann auch an Grbern oder çffentlichen Bau-
ten, Pltzen oder Wegkreuzungen (z. B. der Zwçlf-
gçtter-A. auf der Athener Agora) errichtet werden.
Zahlreiche grçßere A.-Anlagen von der Archaik bis
in rçm. Zeit hinein sind ber ihre Kultfunktionen
hinaus als reich mit Skulptur oder Architekturfassa-
den verzierte Reprsentationsbauten konzipiert, die
einerseits den Darstellungsbedrfnissen der Auf-
traggeber (Priesterschaften, Herrscher, stdtische
Gremien) entsprachen, andererseits Ausdruck der
Aufwertung und Umgewichtung von Kulten im
Rahmen des Gesamtgefges eines lokalen Gçtter-
kosmos sein konnten; der eigentliche A. ist in solche
Anlagen als tisch- oder bankfçrmiges Element inte-
griert (wie z. B. bei der Ara Pacis in Rom; vgl. Abb.).
Der bergang vom Prunk-A. zu profanen oder
0 0,5 1,0 1,5
sepulkralen, in ihrer Form aber von A.-Anlagen
abgeleiteten Reprsentationsbauten ist fließend (so
Firstakroter des Athena-Tempels von Kea
(Rekonstruktion; Befestigungstechnik).

Kammer fr reprsentativen Hausrat dienen, meist


aber als Verwahrort der Ahnenbilder des Haus-
herrn.
Lit.: E. M. Evens, The Atrium Complex in the Houses of
Pompeii, 1980.

Altar
A. Allgemeines
Der A. in der griech.-rçm. Antike (griech. eschra,
boms; lat. ara) ist funktional und nicht als ein formal
typisierter Gegenstand definiert. Ein A. kann ephe-
mere natrliche oder knstlich geschaffene Erhç-
hung, Herdstelle oder Bauwerk fr Brand-, Trank-
oder sonstige Opfer sein; er markiert das Zentrum
einer Opferhandlung und ist damit wichtigster Be-
zugspunkt religiçser Handlungen in der antiken
Kultpraxis. Es gibt Heiligtmer ohne Ñ Tempel, je- Aschealtar des Zeus in Olympia, Rekonstruktion
doch niemals ohne A. Ein A. ist nicht immer und des Zustandes im 5. Jh. v. Chr.
Altar 6

Monumentaler Prunkaltar
fr Artemis in Magnesia
am Mander, Grundriß;
hellenistisch.

das nach 31 v. Chr. entstandene Ñ Siegesmonument Architektonisierung. Fr das 7. Jh. v. Chr. sind neben
bei Nikopolis oder das Parthermonument von naturhaften Anlagen erste aufwendigere A.-Bauten
Ephesos; vgl. auch diverse Ñ Grabbauten und Ñ He- belegt (Sparta, Samos); im 6. Jh. v. Chr. beginnt dann
roa). Monumentale A.-Anlagen kommen vereinzelt die Reihe der monumentalen Hof- und Treppen-A.
auch als Weihgeschenke (Ñ Anathem) vor, z. B. der mit umwandeter, erhçhter Plattform und Opferplatz
von der Stadt Chios gestiftete A. vor dem delphi- darauf (u. a. Kap Monodendri, Samos, Kyrene), ein
schen Apollontempel, der demzufolge kein genui- architektonisches Grundkonzept, das bis zu den spt-
ner Kultbau war. klassisch-hellenistischen, reich verzierten Prunk-A.
(Kos, Priene, Ephesos, Magnesia [Abb.], Pergamon
B. Formen – griechische Antike
Im mykenischen Griechenland scheinen Herd- und
einfacherer Brand-A. bekannt gewesen zu sein; ob
sich der sptere griech. Brand-A. aber hieraus herlei-
tet oder Resultat der Einwanderungen des spten 2.
Jt. v. Chr. ist, wird kontrovers diskutiert. Als Auslage-
rung der zentralen Herdstelle aus dem geometri-
schen Ñ Megaron ins Freie erklrt sich vermutlich
der Asche-A., der ab dem 8. Jh. v. Chr. im gesamten
griech. Kulturraum nachweisbar wird; der Grund fr
diese Auslagerung liegt wohl in der Erweiterung des
am Opfer teilhabenden Personenkreises im Zuge der
griech. Stadtentwicklung (Ñ Stdtebau). In diesem
Zusammenhang scheinen innerhalb der griech. Kul-
tur erste funktional und topographisch aus dem pro-
fanen Siedlungsleben ausgegrenzte Heiligtmer ent-
standen zu sein. Solche Asche-A. wuchsen mit der
Zeit zu stattlicher Grçße an (z. B. in Olympia, s. Ara Pacis Augustae in Rom, Grundriß mit
Abb.); zugleich bezeugen ihre Fundamentierungen Namenbeischriften der Protagonisten der ußeren Repr-
und Einfassungen durch Mauern eine beginnende sentationsreliefs; geweiht 30.1.9 v. Chr.
7 Amphiprostylos
˙
u. a. m.) im Kern unverndert bleibt, jedoch Unter-
schiede im Architekturdekor aufweisen kann (›Tri-
glyphen‹-A.; ›Sulen‹-A.). Die Anlagen mit quadrati-
schem bis rechteckigem Grundriß kçnnen von be-
achtlicher Grçße sein (z. B. der A. des Hieron in
Syrakus, 3. Jh. v. Chr., mit 20,85 x 195 m) und waren
oft als Schlachtplatz eingerichtet (mit Ringen zum
Festzurren der Tiere und Blutrinnen). Einzelne, als
Herdhuser konzipierte Tempel erhielten eine ar-
chitektonisch ausformulierte A.-Anlage im Innern
des Bauwerks (z. B. in Didyma, Delphi, Kalapodi
oder Selinunt).

C. Formen – etruskische und rçmische Antike


Etruskische A. treten zuerst im sepulkralen Bereich
auf; die Grabbauten seit dem 7. Jh. v. Chr. sind als
begehbare Opfersttten konzipiert. Neben der Ne-
kropole (u. a. Vignanello) werden auch Wohnsied-
lungen (z. B. Marzabotto) und dann, in griech. Ma-
nier, auch Heiligtmer (Pieve Socana) zu Stand-
orten fr A.-Bauten. Der A. kann vereinzelt, aber
auch in Kombination mit einem Tempel auftreten,
er ist grundstzlich nach Osten hin orientiert. In
Rom finden sich schon frh große A.-Anlagen,
0 3M
z. B. die Ara Maxima Herculis im Forum Boarium
und die Ara Saturni (6./5. Jh. v. Chr.). Mit der Ara
Athen, Ilissos-Tempel, 5. Jh. v. Chr.
Pacis Augustae wurde ein neuer, auf Reprsentation
fokussierter A.-Typ mit reich dekorierter Umfas-
sungsmauer geprgt, der sowohl in Rom (Ara Pie- Amphiprostylos Moderner, aus dem Griech. herge-
˙
tatis) als auch im gesamten Reich (Lyon, Milet) leiteter Kunstbegriff, der einen kleinformatigen
nachwirkte und in erster Linie dem Herrscherkult Grundrißtypus des griech. Ñ Tempels bezeichnet:
diente (Abb.). Vor rçm. Tempeln standen hufig ein Antentempel (Ñ Ante) ohne seitliche Ringhalle,
tischfçrmige Brand-A. von allerdings bescheidenen der sowohl vor dem Pronaos (Ñ Cella) als auch an
Dimensionen; die Masse der rçm. Altre ist ins- seiner Rckseite je eine gerade Anzahl von Sulen
gesamt unarchitektonisch und kleinformatig. aufweist, deren Reihe die gesamte Breite des Bau-
In der frhchristlichen Architektur ist der A. werks einnimmt (vgl. Vitruv 3, 2, 4). Der A. ist im
durchgehend ein tischfçrmiges Requisit innerhalb Vergleich zum Ñ Prostylos, bei dem die Sulenstel-
der Kirche, abgeleitet von der mensa, dem Tisch der lung nur die Eingangs- und nicht zugleich auch die
Eucharistiefeier; dieser christliche A. hat keinerlei Rckseite ziert, die seltenere Form. Prominente
typologische oder inhaltliche Verbindungen zum Beispiele sind der Nike-Tempel auf der Athener
A. der heidnischen Antike. Akropolis, der sog. Athener-Tempel (Apollon-
Lit.: A. H. Borbein, Die Ara Pacis Augustae, in: Jahrbuch Tempel III) auf Delos und der Athenatempel auf
des DAI 90, 1975, 242– 251. – W. Herrmann, Rçm. Gçt- der Akropolis von Lindos.
teraltre, 1961. – W. Hoepfner, Zu den großen Altaren von
Magnesia und Pergamon, in: Archolog. Anzeiger 1989, Lit.: H. Knell, Grundzge der griech. Architektur, 1980,
601 – 634. – H. Lauter, Architektur des Hellenismus, 1986. 131 – 134. – H. Svenson, Studien zum hexastylen Prostylos
– A. Linfert, Prunk-Altare, in: Vestigia 47, 1994, 131 –146. archaischer und klassischer Zeit, 2001.
– C. G. Yavis, Greek Altars, 1949.
Amphitheater 8
˙

Athen, Akropolis, Athena--


Nike-Tempel, 5. Jh. v. Chr.

0 1 2 3 4 5M

1 0 5 10 15 M

1 0 10 20 30 40 50 F

Delos, Apollontempel der Athener, 5. Jh. v. Chr.

Amphitheater nus spectacula sowohl die im A. dargebotenen Ver-


˙
A. Allgemeines anstaltungen (Tierhetzen und Gladiatorenkmpfe,
Der Begriff A. ist von griech. amphithatron, ›Doppel- lat. venationes, munera) als auch die dafr verwendete
theater‹; Theater mit zwei Hlften entlehnt; er be- Architektur. Das Spiele- und Gladiatorenwesen ent-
zeichnet einen speziellen Typus des Ñ Theaters in stammte ursprnglich wohl dem etruskischen Be-
der rçm. Architektur, der in der griech. Antike un- stattungsritus, findet sich in der rçm. Republik aber
bekannt war. Der Begriff findet sich erst in Quellen schnell in den çffentlich-stdtischen Bereich trans-
ab augusteischer Zeit; zuvor umfaßt der lat. Termi- poniert und wird zu einem wichtigen, fr die (meist
9 Amphitheater
˙

Carcer Curia
Basilica
Scalae Hostilia
Porcia
Gemoniae

Basilica
opimia Curia
Cornelia
Aedes

m
Comitium

etu
Concordiae Senaculum

gil
Ar
Rostra
Ara Saturni Mundus Basilica Aemilia

Ta
be
na
en
ov
ae
Aedes Saturni
Via
sac
s
ariu

ra
Jug

Tab
ena
ev
us

ete
Vic

res

Basilica Sempronia
cus

Regia
tus

Aedes
us

Castorum
Vic

0 10 50 m

Iacus Juturnae
Atrium Vestae
Rom, Forum Romanum, das temporr errichtete, hçlzerne Amphitheater republikanischer Zeit
(Rekonstruktion gemß der gesicherten Einlassungen fr die Vertikal-Pfosten).

privaten) Veranstalter zudem auch prestigetrchti- Cavea, in der die unteren, der Arena nchstgelege-
gen Luxus im urbanen Leben. Ort der Spiele war nen Sitzreihen der Oberschicht vorbehalten waren
zunchst berwiegend das Ñ Forum. Die frhen A. und ber Korridore an den kurzen Achsen erschlos-
sind durchweg Ñ temporre Bauten aus Holz in z. T. sen wurden, whrend die oberen Sitzreihen ber ein
beachtlicher Grçße, die hier errichtet wurden (ar- kleinrumiges System von Treppen und Gngen
chologisch nachgewiesen u. a. auf dem Forum Ro- von der Außenseite her betretbar waren.
manum in Rom, vgl. Abb.); nach Vitruv (5, 1, 1) ist
dieser ursprngliche Standort auch der Grund fr B. Typen
die Langgestrecktheit des spteren steinernen A., das Zwei konstruktiv verschiedene Grundtypen des A.
typenhaft in der Regel aus einem elliptischen Bau- lassen sich scheiden: zum einen das massive A., das
kçrper bestand (Ausnahme: das langrechteckige in das Erdreich oder in Felsen eingebettet wurde
Oval des A. von Caesarea/Cherchel), der von jedem und dessen tragende Konstruktion mithin (in der
Sitz aus einen ungehinderten Blick auf die Spielfl- Art des griech. Ñ Theaters) vom Gelnde bedingt
che bot. Das A. bestand aus einer Arena, meist mit war (besonders hufig bei frhen italischen Bauten
Bhnentechnik im Untergeschoß (zugnglich ber anzutreffen, z. B. in Pompeji, Sutri, Alba Fucens),
Gnge an den Langseiten) und einer mehrstçckigen zum anderen eine freistehende Konstruktion aus
Amphitheater 10
˙
Mauerwerk in der Art des rçm. Theaters; verschie- phitheatrum Flavium; erbaut unter den Kaisern Vespa-
dentlich existieren Mischtypen. Ca. 200 A. sind in sian und Titus, eingeweiht 80 n. Chr.). Zuvor deck-
mehr oder minder eindrucksvollen Resten erhalten, ten mehrere temporre hçlzerne A., eines u. a. auf
ganz berwiegend in Italien und den Nordwestpro- dem Forum Romanum und ein legendrer Prunk-
vinzen; am besten erhalten sind die A. von Verona, bau des Kaisers Nero (Tacitus, Annalen 13, 31), den
Pula, Pozzuoli, Capua, Arles und Nı̂mes. Die Bauten hauptstdtischen Bedarf. Die Grçßen der A. vari-
entstammen mehrheitlich dem 1. und 2. Jh. n. Chr., ieren; im Durchschnitt betrug die Arena-Flche
Exemplare des 3. Jh. n. Chr. sind bereits selten (El 2000 m2, die Cavea bot zwischen 15.000 und
Djem). In den çstlichen Teilen des Imperium Ro- 50.000 (Rom, Kolosseum) Personen Platz.
manum sind eigens erbaute A. selten (Pergamon;
Scythopolis); bisweilen sind Theater zu A. umge- C. Ausstattung
baut worden (z. B. das Theater von Dodona durch Bemerkenswert ist die durchgngig ausgeklgelte
die Umwandlung der Orchestra in eine Ring-Are- Ausstattung von A., sowohl in bhnentechnischer
na; vergleichbar auch das umgebaute Theater von Hinsicht, als auch bezglich des Komforts fr das
Korinth). Als A. genutzt wurde auch ein architekto- Publikum. Sonnensegel (vela), die mittels aufwendi-
nischer Zwittertypus mit einfacher Theater-Cavea ger Holzkonstruktionen am oberen Cavea-Ring na-
und elliptischer Arena (z. B. in Paris nachgewiesen). hezu den gesamten Zuschauerraum beschatten
Die frhesten steinernen A. finden sich in Kam- konnten, waren zusammen mit weiteren Bequem-
panien (A. von Pompeji, erbaut um 70 v. Chr.); sie lichkeiten fr die Versorgung eines Publikums, das
treten sofort als ›perfekter‹ Bautypus, also ohne eine nicht selten ganze Tage hier zubrachte, die Regel.
typologische oder technische ›Entwicklung‹ in Er- Ein bisweilen labyrinthartiges Gewirr von Gngen
scheinung, was den Schluß nahelegt, daß hier ledig- und Kammern unter der Arena (gut erhalten in
lich ein an sich bereits voll entwickelter Holzbau- Pozzuoli, Capua und Rom) bot Raum fr die Bh-
typus in den dauerhaften Steinbau transponiert wor- nentechnik, die Vorbereitungen der Gladiatoren,
den ist. In Rom findet sich ein erstes steinernes A. Tierkfige, Lager u. a. m. Ein durchdachtes System
auf dem Marsfeld vergleichsweise spt (errichtet von Aufzgen und Hub-Vorrichtungen machte es
29 v. Chr. unter Statilius Taurus, zerstçrt im Stadt- zumindest beim Kolosseum mçglich, schlagartig
brand von 64 n. Chr.), ein dauerhafter monumen- ganze Herden wilder Tiere in die Arena zu entlas-
taler Bau dann erst in Gestalt des Kolosseums (Am- sen und komplette Bhnenbilder in Sekunden-

Rom, Flavisches Amphitheater (Kolosseum), Grundriß und Querschnitt.


11 Anathyrose
˙
schnelle zu wechseln; aus zahlreich erhaltenen Ein- Anathem Griech. anthema, ›das Aufgestellte‹; Be-
˙
lassungen hat sich dieses Lift-System jngst weit- zeichnung fr jede Art und Form des Weih-
gehend rekonstruieren lassen. Verschiedentlich geschenks im Sinne eines in ein Heiligtum gestifte-
konnten in A. auch Naumachien (Seeschlachten) ten Votivs. Das A. geht aus juristischer Sicht mit dem
gezeigt werden, was eine spezielle Vorrichtung fr Akt der Weihung in den Besitz der Gçtter bzw. der
das Fluten der Arena (und einen baulichen Verzicht Priesterschaft des Heiligtums ber. Stifter von A.
auf Substruktionen) notwendig machte. kçnnen Privatpersonen, Personengruppen oder
Sicherheitsaspekte waren beim rçm. A. von Be- Stadtstaaten, bisweilen sogar ganze Staatenbnde
ginn an bedeutsam, Ausschreitungen whrend der sein; das Weihen eines A. kann persçnliche Motive
Spiele waren hufig und konnten zu grçßeren in- (Dankesgaben, Bittstellungen), aber auch staatspoli-
neren Unruhen fhren (vgl. z. B. die brgerkriegs- tische Signifikanz haben (Sieges- und Beute-A.). Die
hnlichen Szenen im Anschluß an die Spiele in Formen des A. waren vielfltig und reichten von
Pompeji im Jahr 59 n. Chr.; vgl. Tacitus, Annalen kleinformatigen Stein-, Ton- oder Bronzefiguren
XIV, 17). Wohl um das Spielewesen eben deshalb unterschiedlichster Motivik, diverser Gertschaften
als eine temporre Erscheinung gelten zu lassen, ist ber Tafelbilder, grçßerformatige Rundplastik bis
besonders in der Hauptstadt Rom lange auf steiner- hin zu geweihten Architekturen. Vgl. zu architekto-
ne, fest gebaute A., wie auch auf Theater verzichtet nischen A. hier Ñ Dipteros; Ñ Pfeilermonumente;
worden. Nahezu alle spteren steinernen A. befol- Ñ Schatzhaus; Ñ Sulenmonumente.
gen Sicherheits- und Erschließungsaspekte, die auch Lit.: G. Bartolonie (Hrsg.), Anathema. Regime delle offerte
heute noch im Stadionbau gngig sind. A. liegen in e vita dei santuari nel Mediterraneo antico. Kongreß Rom
der Regel am Stadtrand, weitab des Zentrums (z. B. 1989, 1991. – F. Eckstein, Anathemata, 1969. – W. Gauer,
Weihgeschenke aus den Perserkriegen, 1968.
Pompeji). Die Cavea ist, z. B. beim Kolosseum, in
viele kleine, voneinander baulich strikt getrennte
Einheiten untergliedert, die jeweils durch separate Anathyrose Antiker Terminus aus der Ñ Bautech-
˙
Treppenzugnge und Tunnelgewçlbe von außen nik, inschriftlich mehrfach nachgewiesen. Im griech.
betretbar und im Fall von Ausschreitungen gezielt Quaderbau bezeichnet A. das teilweise Abarbeiten
und schnell rumbar waren, ohne daß einzelne Stç- bzw. Aufrauhen der Kontaktflchen zwischen zwei
rungen sich gleich ber grçßere Teile der Cavea Quadern oder Sulentrommeln (meist durch mate-
ausweiten konnten. rialwegnehmende Pickung oder grobe Ausmeiße-
Lit.: H.-J. Beste, Neue Forschungsergebnisse zu einem Auf-
zugsystem im Untergeschoß des Kolosseums, in: Mitteilun-
gen des DAI, Abt. Rom 106, 1999, 249– 276. – J. Golvin,
L’amphith tre romaine, 1988. – R. Graefe, Vela Erunt. Die
Zeltdcher der rçm. Theater und hnlicher Anlagen, 1979.
– P. Gros, L’architecture romaine I, 22002, 317 –345. – M.
Hlsemann, Theater, Kult und brgerlicher Widerstand im
antiken Rom, 1987. – A. W. Jones, Designing Amphithea-
tres, in: Mitteilungen des DAI, Abt. Rom 100, 1993,
391 –442. – R. Lanciani, The Colosseum, 1990. – F.-J. Ver-
spohl, Stadionbauten von der Antike bis zur Gegenwart,
1976. – K. Welch, The Roman Arena in Late-Republican
Italy, in: Journal of Roman Archaeology 7, 1994, 59– 80.

Analemma Moderner, aus dem Griech. hergeleiteter


˙
Begriff fr seitliche und frontale Sttzmauern, wel-
che die Aufschttungen und Erweiterungen einfaß-
ten, die bei der Anlage eines griech. Theaterbaus bei
Ermangelung eines Hanges mit gleichmßigem Ge-
flle konstruktiv notwendig wurden. Vgl. Ñ Theater. Anathyrose: Anschlußflchen zweier Sulentrommeln.
Andron 12
˙
lung). Durch diese von außen unsichtbare Minimie- 0 10 50 FUSS ZU 29,7 cm
JABAS
rung der Kontaktflchen zweier Bauglieder konnte 0 10 20 m
deren Paßgenauigkeit erhçht und das Tempo des
Versatzes gesteigert werden; die Fugen bildeten,
von außen gesehen, dann ein Netz haarfeiner Lini- A1
en. Nachteil der A. ist ein erhçhter Druck auf die
reduzierten krafttragenden Flchen, was beim Ver- OIKOS

satz leicht zu Beschdigungen der Bauglieder fh- HALLE VR


ren konnte und dann aufwendige Flickungen zur
Folge hatte. HOF

Lit.: W. Mller-Wiener, Griech. Bauwesen in der Antike,


1988, 75 –79; 90– 93. A2

A
Andron Von griech. anr, ›Mann‹; Teil des griech. OIKOS
˙
Ñ Hauses; diente in reicher ausgestatteten Privatbau- HALLE VR
ten (dort seit dem 7. Jh. v. Chr. belegt) als Emp-
fangs-, Speise- und Reprsentationsraum. Grçße HOF
und Ausstattung, auch eine sich steigernde Mehr-
zahl von A. waren in Sptklassik und Hellenismus
gngige Mittel zur Dokumentation des sozialen Sta-
tus des Hausherrn (Huser mit mehreren A. z. B. in
Olynth; ganze Serien von A. in hellenistischen Ñ Pa- Wohnhuser des 4. Jh. v. Chr. aus Olynth
lsten, z. B. Vergina). A. stellten so einen çffentlich- (idealisierter Grundriß); A = Andron, VR = Vorraum.
offiziellen Bereich innerhalb der Privathuser dar,
Lit.: Ch. Bçrker, Festbankett und griech. Architektur,
der, nahe dem Eingang bzw. dem Hof gelegen,
1983. – W. Hoepfner, E.-L. Schwandner, Haus und Stadt
zusammen mit einem Vorraum eine eigenstndige im klassischen Griechenland, 21994, 327 f. – I. Nielsen,
Baueinheit bildete. A. waren gegenber den Wohn- Hellenistic Palaces, 1994, 116– 120; 187– 189.
trakten der Frau (Ñ Gynaikonitis) abgeschottet. Eine
markante Verwendung finden A. jenseits der Privat- Ante Lat. ›vorstehend‹; zungenfçrmige Stirnseite ei-
˙
architektur im Ñ Banketthaus, wie es sich in zahlrei- ner Wand; in der antiken Baukunst weit verbreitet
chen Heiligtmern seit klassischer Zeit erhalten hat. (Altre, Tempel, Hausarchitektur etc.). Die A. ist im
Steinbau durch Profilierung von der Wandflche
abgesetzt, erhebt sich meist ber einem A.-Fuß (A.-
NR NR Basis) und wird durch ein spezielles A.-Kapitell
A (Ñ Kapitell) bekrçnt. Von sptklassischer Zeit an
wird die A. bisweilen von der Wand durch mono-
OIKOS
VR lithische Ausfhrung getrennt und so berdeutlich
als Schmuckglied betont (z. B. Tegea, Athenatem-
20,31 m

ZIST.
pel). Zum Antentempel (Tempel ohne umlaufende
HOF Ringhalle mit A. an den Fronten, die oft zwei da-
zwischenstehende Sulen rahmen) Ñ Tempel.
Lit.: A. D. Brockmann, Die griech. Ante, 1968. – K. Herr-
L V mann, Zu den Anten-Kapitellen des Zeustempels, in: 10.
Bericht ber die Ausgrabungen in Olympia, 1981, 32 –317.
11,87 m – H. Riemann, Studien zum griech. Anten-Tempel, in:
Bonner Jahrbcher des Rheinischen Landesmuseums
Wohnhaus des 5. Jh. v. Chr. aus Pirus 161, 1961, 183– 200.
(idealisierter Grundriß)
13 Apollodoros aus Damaskos
˙

Rekonstruktion eines Andron mit Klinen, 5. Jh. v. Chr. (Athen, Agora, Sd-Stoa I).

Antefix Lat.; oft mit Palmetten oder Lçwenkçpfen Apodyterion Griech.; An- und Auskleideraum im
˙ ˙
dekorierter Stirnziegel als unterer Abschluß einer antiken Bad; Beginn der Raumfolge in Ñ Bdern
Ñ berdachung. und Ñ Thermen, auch in der Ñ Palstra im Ñ Gymna-
sium vorhanden.
Anthemios aus Tralleis Mathematiker und Archi-
˙ ˙
tekt aus einer im 6. Jh. n. Chr. prominenten klein- Apollodoros aus Damaskos Einer der berhmtesten
˙
asiatischen Familie, Zeitgenosse des Kaisers Justinian. Ingenieure und Militrarchitekten der rçm. Kaiser-
Zusammen mit Ñ Isidoros der Architekt der zeit; die genauen Lebensdaten sind unbekannt. Pro-
532 n. Chr. ber den Brandruinen einer Basilika be- minenz erlangte A. vornehmlich in der Regent-
gonnenen Ñ Hagia Sophia; noch vor Vollendung der schaft des Kaisers Trajan (reg. 98–117 n. Chr.),
Kirche im Jahr 537 gestorben (wohl im Jahr 534). dem er sowohl in den Dakerkriegen als auch spter
Das mathematisch ausgeklgelte Entwurfskonzept in Rom zu Diensten war. A. war, dem Berufsbild des
dieses grçßten Ñ Kuppelbaus der Antike geht wesent- rçm. Ñ Architekten entsprechend, in erster Linie
lich auf A. zurck, der schon zu Lebzeiten als Ma- Militrtechniker; eine ihm zugewiesene Schrift
thematiker berregionalen Ruhm besaß. ber Belagerungstechniken (Poliorketika) ist mçgli-
Lit.: G. L. Huxley, Anthemius of Tralles, 1959. Ñ Hagia cherweise in indirekten Auszgen erhalten geblie-
Sophia. ben. Wichtige Architekturleistungen entstanden in
den Dakerfeldzgen Trajans, darunter vor allem die
Anulus, Anuli (pl.) Lat. fr ›Ring(e)‹; scharf unter- von Prokop eingehend beschriebene, gleicherma-
˙ ˙
schnittene Zier-Ringe, meist vier, seltener drei, mit ßen stabile wie leistungsfhige Donaubrcke bei
berfallendem Profil; Ornamentband am Hals des Dobretae (heute: Turnu Severin, Rumnien), die
dorischen Ñ Kapitells unterhalb des Ñ Echinus. Vgl. sich auf den Reliefs der Trajanssule in Rom als
Ñ Sule, Sulenordnung. wesentliche Leistung im Rahmen der Feldzge ab-
Apollodoros aus Damaskos 14
˙
gebildet findet und die sich absichtsvoll in die Nach- der Anlage notwendige Ingenieurskompetenz wird
folge bedeutender Vorbilder wie der Brckenschl- in der Sockelinschrift des als Ñ Grabbau fr den
ge der persischen Großkçnige Dareios und Xerxes Kaiser konzipierten Ñ Sulenmonuments explizit
ber den Hellespont sowie von Csars Rheinbrcke thematisiert, indem die Hçhe der Sule die einstige
stellt; sie war fr die Logistik der Feldzge von Gelndehçhe zu markieren vorgibt, die zur Planie-
zentraler Bedeutung. rung des Terrains abgetragen worden sein soll. Wei-
Berhmt geworden ist A. jenseits seiner militri- tere von der antiken Literatur (vor allem von Cas-
schen Aktivitten vor allem als Architekt des Tra- sius Dio 69, 4) dem A. zugeschriebene Bauten in
jansforums in Rom (erbaut zwischen 107 und Rom sind nicht lokalisiert, haben jedoch verschie-
112 n. Chr., Abb.). Im Grundriß einem Militrlager dentlich (fruchtlose) Forschungsdispute begrndet.
(Ñ Castrum) hnelnd, fanden sich im Trajansforum Lit.: R. Blatter, Apollodoros, in: Antike Welt 9, 1978, 59 f.
an zahlreichen Details der Architekturkonzeption, – B. Fehr, Das Militr als Leitbild, in: Hephaistos 7/8,
wie auch der Ausstattung der Bauwerke, Anklnge 1985/86, 39 –60. – W. D. Heilmeyer, Apollodorus von
Damaskus, in: Jahrbuch des DAI 90, 1975, 316– 347.
an das Militr als dem wichtigsten gesellschaftlichen
Leitbild der trajanischen Epoche. Die zur Errichtung
15 Apsis
˙

Apsishaus
(›Haarnadelhaus‹)
aus Antissa,
geometrisch Werkstatt des Phidias
(rekonstruierter in Olympia (Umbau in
Grundriß). frhchristliche Kirche).

Apsidenhaus Ñ Apsis Wirkung in Innenrumen hin konzipiert, kann je-


doch in allen Bauzusammenhngen der spteren
Apsis Griech. Begriff fr ein halbkreisfçrmiges, z. T. rçm. Kaiserzeit auch zu einer nach außen hin sicht-
˙
auch polygonales, im Gegensatz zur Ñ Exedra ge- baren, fassadengestaltenden Komponente werden.
decktes Architekturelement, meist als Raum- Als Chorabschluß im Kirchenbau bleibt die A. ein
abschluß oder Raumteil verwandt. In der gisch- markantes Element auch der frhchristlich-nachan-
frhgriech. Hausarchitektur (Ñ Haus) verbreitet; tiken Baugeschichte; als regelrechtes Leitmotiv fin-
Huser mit langgestrecktem Grundriß, der am rck- det sich die sekundr angebaute A. bei antiken Ge-
wrtigen Ende mit einer A. abgeschlossen wird, buden, die in christliche Kirchen umgewandelt
finden sich schon in den unteren Schichten Trojas wurden (z. B. die Phidiaswerkstatt in Olympia [Abb.],
(Phase Ia), in der gesamten gischen Bronzezeit Concordiatempel in Akragas, Theseion und Ñ Par-
und auch in der geometrischen Architektur Grie- thenon in Athen). Die A. wird zum Bezugspunkt
chenlands (u. a. Antissa, Lefkandi, Lerna, Mykene, des ganzen Gebudes, dessen hierarchische Struktur
Zagroa/Andros) sowie als Kernelemente des frhen hier – als dem Ort der Priesterbnke und des Bi-
Tempelbaus (u. a. Perachora, Thermos A, Ñ Tem- schofsstuhls – ebenso kulminiert wie der Ablauf des
pel). In der kanonisierten griech. Baukunst begegnet Zeremoniells. Das Christusbild in der Halbkuppel
die A., im Gegensatz zur Exedra (z. B. Ñ Palast von der A. ist in Kirchen mit basilikalem Grundriß der
Pella, Prytaneion von Pleuron) nur sehr vereinzelt Hçhepunkt der Bildfolge. Im Inneren immer halb-
(z. B. beim Ñ Heroon von Kalydon). rund, manchmal mit Nischen (z. B. Sohag, ›Weißes‹
In der rçm. Architektur ist demgegenber die A. Kloster), tritt die A. ußerlich als Baukçrper entwe-
ein prgendes Element, das an verschiedenen Bau- der gar nicht in Erscheinung (durch vollstndige Ein-
typen zahlreich begegnet und dort oft zur Unter- ftterung), oder wird von einer polygonal gebroche-
sttzung und Strukturierung zeremonieller Hand- nen Umrißlinie gebildet. Daneben existiert auch die
lungen (Ñ Baptisterium; Ñ Basilika; Ñ Palast; Ñ Tem- ußerlich halbrunde A., oft mit massiven Vertikal-
pel; Ñ Villa), aber auch zu profanen (Ñ Thermen) streben (z. B. an den Basiliken von Nikopolis).
oder sepulkralen Zwecken (Ñ Grabbauten) dienen Lit.: Frhgriech. Architektur: H. Drerup, Griech. Architektur
konnte. Die entweder flach oder mit einem Spitz- zur Zeit Homers, in: Archolog. Anzeiger 1964, 180 –219.
dach ber einer Halbkuppel gedeckte A. ist auf die – ders., Archaeologia Homerica Bd. O (Baukunst), 1969,
Aqudukt 16
˙
25 – 31. – S. Sinos, Die vorklassischen Hausformen in der Tempel). Zu einem generellen Anachronismus wird
gis, 1971. – Hellenistische Architektur: E. Dyggve, Das He- seit dem frhen 3. Jh. v. Chr. die Verwendung der
roon von Kalydon, 1934, 50 – 56. – H. Lauter, Die Archi-
tektur des Hellenismus, 1986, 238 – 242. – Rçm. und frh-
dorischen Bauordnung, die fast immer absichtsvolle
christliche Architektur: F. Rakob, Ambivalente Apsis, in: Mit- Bezge zum altehrwrdigen Griechenland zeigt und
teilungen des DAI, Abt. Rom 4, 1987, 1– 28. – A. M. damit summarisch retrospektive Zge annimmt, wo-
Schneider, s.v. Apsis, in: Realenzyklopdie fr Antike und bei hier jedoch zwischen A. und Klassizismus im
Christentum 1, 1950, 571 ff.
Einzelfall geschieden werden muß.
Lit.: H. Knell, Die Anfnge des Archaismus in der griech.
Aqudukt Lat. ›Wasserfhrer‹, der brckenfçrmige Architektur, 1993.
˙
Teil einer antiken Wasserleitung, Ñ Wasserversor-
gung. Araeostylos Einer der fnf von Vitruv (3, 3) defi-
nierten Typen des antiken Ñ Tempels; gegenber
Archaismus Definition und Anwendung des von der dem Ñ diastylen, Ñ eustylen, Ñ pyknostylen und Ñ sys-
modernen Forschung kreierten Begriffs (abgeleitet tylen Grundriß ist der A. durch weite Sulenabstn-
von griech. archios, ›althergebracht‹) auf Architektur de von ca. 3,5 unteren Sulendurchmessern gekenn-
und Kunst sind umstritten; analog dem Ñ Klassizis- zeichnet.
mus liegt A. vor, wenn an Bauten und Bildern ab
frhklassischer Zeit (also ab ca. 480 v. Chr.) absichts- Architekt
voll Merkmale der Archaik bernommen werden. A. Etymologie, Begrifflichkeit, Abgrenzung
Im Bereich der antiken Architektur sind hier vor Der erst fr das 5. Jh. v. Chr. bezeugte Begriff A. leitet
allem bauliche Details wie Sulenbasen, Kapitelle sich vom griech. architkton her (Herodot 3.60; 4.87);
oder Ornamente von Belang, wo mittels bewußt dieser Terminus wiederum ist abgeleitet von tkton
verwendeter Anachronismen der Eindruck von Al- (›Zimmermann‹), tektosýne (›Zimmermannshand-
tertmlichkeit erzeugt werden sollte, z. B. am Nike- werk‹), was zeigt, daß der A. frharchaischer Zeit
Tempel und am Erechtheion auf der Athener Akro- zunchst und berwiegend mit Holz und erst spter
polis. Archaisierende Baudesigns finden in der Regel auch mit Stein als Baumaterial konfrontiert war.
ihre Erklrung in spezifischen Rckverweisen auf Diesem griech. Wortfeld ist das lat. arc(h)itectus ent-
tradierte Vorbilder, so z. B. die archaistische Grund- lehnt. Die Benennung ›A.‹ verweist auf die mit dem
konzeption des im spten 5. Jh. v. Chr. erbauten Bauen verbundenen banausisch-handwerklichen
Apollontempels von Bassae, der in seiner Ausformu- Ttigkeiten: nicht im heutigen Sinne eine visionre
lierung den Apollontempel von Delphi aus der Mitte Profession, sondern die Summe verschiedener tchnai
des 6. Jh. v. Chr. zitiert, ohne ihn indessen zu kopie- (d. h. handwerklicher Fhigkeiten, vgl. Ñ Kçnnens-
ren (Ñ Baukopie). Verschiedentlich ist A. mit dem bewußtsein), deren Bndelung auf eine Person
Bestreben zu erklren, ein in einer Natur- oder wohl im Kontext der Organisation erster großer
Brandkatastrophe zerstçrten, berregional bedeu- Bauprojekte der griech. Brgergemeinschaften steht.
tenden bzw. berhmten Bau mçglichst formgleich Das Ttigkeitsbild wie auch die soziale und çko-
zu reproduzieren; Beispiele sind der 373 v. Chr. nomische Stellung des A. wandelt sich von frh-
durch ein Erdbeben zerstçrte Apollontempel von archaischer bis sptrçm. Zeit erheblich, jedoch sind
Delphi (der in den Formen des mittleren 6. Jh. Details dieses Wandels wegen der sehr fragmentari-
v. Chr. wiedererbaut wurde) oder der 356 v. Chr. schen Quellenlage oft nur zu vermuten. Zu Aspek-
durch Brand vernichtete Artemis-Tempel von Ephe- ten der Logistik und Organisation des Bauens und zu
sos (wo der in seinen Details durchaus moderne sozialgeschichtlichen Fragen Ñ Bauwesen; zu Mate-
Neubau das archaische Grundkonzept wiederholte). rial und Technik Ñ Bautechnik, Ñ Holz, Holzbau.
Neubauten von archaischen Tempeln im spten 5.
und 4. Jh. v. Chr., wo der Neubau A. ohne signifi- B. Griechische Antike
kante Rckverweise auf das ltere, zu ersetzende Das Ttigkeitsspektrum und die Verantwortlichkei-
Bauwerk zeigt, bleiben selten (Tegea, Athena-Alea- ten des griech. A. im Bauwesen variieren und sind
17 Architekt

determiniert durch das jeweilige Verhltnis zum sen. Kleinere Bauaufgaben, etwa Wohnhuser,
Auftraggeber, das zudem die soziale Stellung des scheinen nicht einzeln fr sich, sondern nur im
A. innerhalb einzelner Gesellschaftsformationen be- Zusammenhang mit bergreifender Stadtplanung
stimmte. Aus der griech. Antike sind gut 100 A. (Ñ Hippodamos von Milet; Ñ Stdtebau) Bettigungs-
namentlich berliefert, bei keinem lßt sich aber feld eines A. gewesen zu sein.
Lebenslauf oder Œuvre insgesamt rekonstruieren. In sptklassisch-hellenisischer Zeit entwickelt sich
Schon in archaischer Zeit konnten A. vereinzelt der A. zusehends zum Spezialisten mit bisweilen
Prominenz und damit Prestige ber den bloßen, auch theoretischem Anspruch (Ñ Hermogenes; Ñ Py-
aus antik-griech. Sicht ›minderen‹ Handwerkersta- theos; Ñ Satyros), der hufig an Kçnigshçfen (z. B.
tus hinaus erlangen, sei es durch vielbewunderte Ñ Deinokrates am Hof Alexanders d. Gr.), bei den
Ttigkeit an einem Tyrannenhof (Ñ Theodoros Priesterschaften grçßerer Heiligtmer (z. B. Didy-
und Ñ Rhoikos unter Polykrates von Samos, beide ma) oder den Polisgremien dauerhaft beschftigt
berhmt auch fr ihre Fertigkeiten in anderen tch- war. Begehrten Hof-A. wurden bisweilen exzeptio-
nai wie Bildhauerei, Toreutik (metallverarbeitende nelle Zugestndnisse gemacht; so wurde z. B. Ñ So-
Kunst) oder Glyptik (Steinschneidekunst); vgl. He- stratos gestattet, den Pharos von Alexandria nach
rodot 3, 60) oder durch erste schriftliche Abhand- Vollendung mittels einer Inschrift, die ihn nahezu
lungen (Ñ Chersiphron und Ñ Metagenes aus Ephe- in den Rang des Bauherren erhob, dem eigentlichen
sos; vgl. Ñ Architekturtheorie). Ein einmaliges Zeug- Auftraggeber und Finanzier Ptolemaios II. zu wei-
nis von Handwerkerbewußtsein in archaischer Zeit hen (Strabon 17, 1, 791).
ist die ›Signatur‹ des Apollontempels von Syrakus Der A. bençtigte universelle Beurteilungskom-
durch Kleomenes und Epikles (Ñ Bauinschriften); petenz handwerklicher Fhigkeiten und Kenntnisse,
daß auch sonst mehrere A. gemeinsam an einem was ihn ber die auf einzelne technai spezialisierten
Bauwerk arbeiteten, ist verschiedentlich bezeugt, Handwerker und Knstler hinaushob: neben Stein
wobei aber in keinem Fall Klarheit ber die Arbeits- und Holz waren Ton, Stuck, Wachs, Glas und ver-
teilung oder hierarchische Fragen besteht. schiedene Metalle die Werkstoffe, Toreutik, Glyp-
Auch in klassischer Zeit sind zumindest die A. tik, Wachsformerei, Bildhauerei und Malerei, aber
çffentlicher Bauten keine autonomen Gestalter, auch Maschinenbau, Mechanik und Poliorketik (Be-
sondern eng eingebunden in das Institutionengef- lagerungstechnik) sowie schließlich Schiffbau die zu
ge einer Polis; oft scheint der A. ein technisch be- beherrschenden Techniken. Zudem bençtigte der A.
gabter ›Autodidakt‹ und nicht notwendigerweise ein fr seine Ttigkeit Geometrie, Mathematik und Zei-
im Bauwesen Erwerbsttiger gewesen zu sein. Der chenkunst ebenso wie Organisationsgeschick und
A. tritt hier als Individuum kaum in Erscheinung Kalkulationsvermçgen und berdies schriftliche
und wenn, dann lassen sich selbst prominent gewor- Darstellungsfhigkeit; schließlich war er in seiner
dene Namen nur mit einem einzigen Bauwerk kon- Stellung zwischen Auftraggebern, Behçrden und
kret verbinden (Ñ Libon; Ñ Kallikrates; Ñ Iktinos; Unternehmern auch auf Eloquenz und persçnliche
Ñ Mnesikles). Im klassischen Athen waren die A. Verlßlichkeit angewiesen (Konventionalstrafen fr
çffentlicher Bauten jenseits ihrer bauwerksbezoge- Sumnisse und Fehler, wie bei kontraktnehmenden
nen Ttigkeit Mittler zwischen dem lokalen Bau- Handwerkern blich, sind fr den A. jedoch nicht
handwerk und den Polisgremien, der Volksver- bezeugt). Gegenstand seiner Ttigkeit war somit ne-
sammlung verantwortlich und zugleich abhngig ben der Erstellung des Baudesigns vor allem dessen
von den durch die Baukommissionen und andere logistische Umsetzung, mithin die Planung und Or-
Exekutiv- und Kontrollgremien abgesteckten finan- ganisation des Bauvorgangs. Seit dem 4. Jh. v. Chr.,
ziellen Spielrumen. A. wurden projektbezogen be- besonders im Kontext zeitlich unberschaubar ge-
schftigt und erhielten mit einer Drachme pro Tag wordener Großprojekte (z. B. das hellenistische Di-
prinzipiell das gleiche Honorar wie die im Tagelohn dymeion) nehmen Verwaltungsaufgaben berhand.
beschftigten Handwerker, wurden jedoch mit Jah- Mit den handwerklich-praktischen Aufgaben wird
resgehltern entlohnt, die die Feiertage einschlos- hier oft ein ›Unterarchitekt‹ (hyparchitkton) betraut.
Architektur 18

C. Rçmische Antike dauros, 1969. – J. J. Coulton, Greek Architects at Work,


Das an den modernen Ingenieur erinnernde Berufs- 1977. – M. Donderer, Die Architekten der spten rçm.
Republik und der Kaiserzeit, 1996. – H. Eiteljorg, The
bild des A., wie es Ñ Vitruv (1, 1– 18) beschreibt, Greek Architect of the 4th Century B. C., 1973. – P. Gros,
scheint sich erst seit spthellenistischer Zeit heraus- Statut social et r
le culturel des architects, in: Architecture
kristallisiert zu haben, war in der rçm. Kaiserzeit et socit, Kongreß Rom 1980, 1983, 425 – 452. – W. H.
dann aber die Regel. Auch wenn in den letzten Gross, Zur Stellung des Architekten in klassischer Zeit, in:
S. Oppermann (Hrsg.), Hellas ewig unsre Liebe, Fs. W.
Jahren immer mehr inschriftlich erhaltene Namen
Zschietzschmann, 1975, 33 – 50. – N. Himmelmann, Zur
rçm. A. publik geworden sind, so bleibt doch auch Entlohnung knstlerischer Ttigkeit in klassischen Bau-
die rçm. Architektur hinsichtlich der A. weitest- inschriften, in: Jahrbuch des DAI 94, 1979, 127 –142. –
gehend anonym; der A. tritt in Ñ Bauinschriften Ch. Hçcker, Planung und Konzeption der klassischen
klar hinter den Aufraggeber eines Bauwerkes zu- Ringhallentempel von Agrigent, 1993, 153– 166. – H. Lau-
ter, Zur gesellschaftlichen Stellung des bildenden Knstlers
rck. Der rçm. A. ist nicht nur vielseitiger Hand- in der griech. Klassik, 1974. – ders., Architektur des Helle-
werker, sondern zunehmend auch Techniker. Das nismus, 1986, 27– 32. – W. Mller, Architekten in der
Ttigkeitsspektrum wird um Aspekte des Ñ Bau- Welt der Antike, 1989. – W. Mller-Wiener, Griech.
rechts, vor allem aber um neue Fertigkeiten infolge Bauwesen in der Antike, 1988, 18 – 22. – R. H. Randall,
The Erechtheum Workmen, in: American Journal of Ar-
der technischen Innovationen im rçm. Bauwesen
chaeology 57, 1953, 199 –210. – H. Svenson-Evers, Die
(Zementbau und die daraus erwachsende Notwen- griech. Architekten archaischer und klassischer Zeit, 1996.
digkeit hochqualifizierter Zimmermannsttigkeit; – J. M. C. Toynbee, Some Notes on Artists in the Roman
Ñ Bautechnik; Ñ Holz, Holzbau) und infolge der Ent- World, 1951, 9 – 15. – B. Wesenberg, Kunst und Lohn am
wicklung neuer Bauaufgaben (z. B. Wasser-, Stra- Erechtheion, in: Archolog. Anzeiger 1985, 55 – 65. – A.
Wittenburg, Griech. Baukommissionen des 5. und 4. Jh.
ßen- und Brckenbau, Militrarchitektur) erweitert. v. Chr., 1978.
Besondere technische Herausforderungen erwuch-
sen vor allem aus der die gesamte rçm. Kultur
durchdringenden Idee der berwindung oder Um- Architektur
formung von Natur durch Architektur bzw. Kultur,
z. B. der Bau der Domus Aurea durch die A. Severus A. Abgrenzung und Begriffsdefinition
und Celer (Tacitus, Annalen 15, 42) oder die Anlage A. bezeichnet in der klassischen Archologie eine
des Trajansforums in Rom durch Ñ Apollodoros von Monumentgattung, deren zusammenfassende Dar-
Damaskus. stellung oft technische, konstruktive, planerische
Der rçm. A. konnte in hoher gesellschaftlicher und materielle Aspekte mit einschließt. Diese ber-
Position und in persçnlicher Bindung zum Kaiser sicht beschrnkt sich demgegenber auf Bauensem-
oder hçheren Beamten stehen und unmittelbar am bles, Gebude und A.-Teile in ihren funktionalen,
Hofe, im Heer oder als stdtischer A. beschftigt sein. formal-strukturellen und ideologischen Kontexten
Hatte es der griech. A. im Bauprozeß mit einer ver- im engeren Sinne. Der moderne Begriff A. ist dem
gleichsweise kleinen Zahl hochqualifizierter Unter- lat. architectura entlehnt; dieser bezeichnet die Bau-
nehmer-Handwerker zu tun, dirigierte der rçm. A. kunst theoretisch-wissenschaftlicher Ausprgung
bei Großbauten ein Heer ungelernter Hilfskrfte (im Gegensatz zum praktischen Bauhandwerk, der
(was nicht mindere organisatorische Fhigkeiten ver- fabrica). Das sich hier manifestierende Verstndnis
langte); von dieser rçmisch-kaiserzeitlichen Baurea- von A. als Sammelbegriff fr Bauten jedweder Er-
litt ist etwa das Bild geprgt, das Plutarch (Perikles scheinungsform in allen Materialien sowie fr Bau-
12–13) von der perikleischen Akropolisbebauung stile, aber auch fr Bausthetik, begegnet explizit
des 5. Jh. v. Chr. zeichnet. Daß der Beruf des A. in zuerst bei Ñ Vitruv (also in rçm. Zeit); es ist den
der rçm. Kaiserzeit prestigetrchtig sein konnte, be- Begriffskategorien des archaischen und klassischen
legen verschiedene Versuche rçm. Kaiser, selbst als Griechenland zunchst ebenso fremd wie der erst
A. zu dilettieren (z. B. Hadrian: Cassius Dio 69, 4). seit dem Hellenismus mit der A. verbundene Kunst-
Lit.: J. A. Bundgaard, Mnesikles. A Greek Architect at charakter; bis dahin galt A. ausschließlich als Hand-
Work, 1957. – A. Burford, The Temple Builders of Epi- werk.
19 Architektur

B. Rahmenbedingungen und Kontextfelder gefhrt und insgesamt die A.-Forschung der letzten
B.1. Forschungs- und Betrachtungsgeschichte: Die Auf- Jahre geprgt.
arbeitung der Forschungsgeschichte zur antiken A. B.2. Architektur als Reprsentationsmedium und Bedeu-
ist ein Desiderat. Die wissenschaftliche Auseinan- tungstrger: A. ist jenseits des Form- bzw. Kunst-
dersetzung mit der griech. A. beginnt mit der Wie- aspekts oft auf ihren baulichen Zweck im engeren
derentdeckung Griechenlands im 18. Jahrhundert. Sinne hin reduziert und betrachtet worden; die Er-
Die hellenistisch-rçm. Auffassung von A. als sthe- kenntnis, daß – als Teil ihrer Funktionalitt – A.
tischen Kriterien und Grundbedingungen folgender auch in der Antike dauerhafter und optisch heraus-
Baukunst ist lange Zeit vorherrschend; eine Sicht- ragender Bedeutungstrger war, dabei zu den zen-
weise, die bereits, bezugnehmend auf die rçm. A., in tralen Reprsentationsmedien zhlte und gerade
der Renaissance aktualisiert und im Europa des 18. hier ein weites Forschungsfeld vorliegt, hat sich in
und 19. Jh. als fast selbstverstndlich angesehen wur- den Altertumswissenschaften heute durchgesetzt.
de (Ñ Klassizismus). In besonderem Maße wurde Reprsentation konnte auf verschiedenste Weisen
dabei die Sakral-A., allem voran der Sulenbau, als artikuliert werden. Bauten kçnnen, wie z. B. der
Kunstgegenstand aufgefaßt; Profan-A. und vor al- Parthenon auf der Athener Akropolis oder auch
lem A. aus weniger dauerhaften, deshalb als minder- der rçm. Triumphbogen, als Trger von plastischem
wertig angesehenen Materialien (Holz, Lehmziegel, Schmuck fungieren, der durch subtile Bildinszenie-
Bruchstein) blieb weitgehend unbeachtet. Der s- rung bisweilen regelrecht programmatische Zge
thetisierung der in Formen und Elementen varia- aufweist. Ornamentaler Dekor und prunkvolle In-
tionsarmen und wenig wandlungsfhigen griech. A. nen- und Außenausstattung privater wie çffent-
wurde eine rçm. A. gegenbergestellt, die als Ver- licher Bauten mit Farbe, Metallapplikationen und
kçrperung souverner Technikbeherrschung und Glasflußeinlagen, mit Mosaik, Malerei, Holzschnit-
fortschrittlicher Dynamik galt. Hinzu trat eine zerei, Textilkunst, Stuck und kostbarem Interieur
durch solche Leitaspekte geformte Beschrnkung konnten den Wohlstand des Bautrgers (Brger-
des Blicks auf geographische und historische Aus- gemeinschaft, Priesterschaft, Kçnig, Kaiser, Magis-
schnitte der Antike (Griechenland, Kleinasien, Ita- trat oder vermçgende Privatperson) bezeugen
lien; Archaik, Klassik, spte rçm. Republik und Kai- (Ñ Bauornamentik; Ñ Polychromie), bisweilen aber
serzeit bis Hadrian). Auch wenn die um 1870 ent- auch als Prunksucht empfunden werden; auch die
standene archologische Bauforschung aufgrund der Zurschaustellung von Kriegsbeute in sekundr-spo-
Herkunft der Protagonisten aus den Ingenieurswis- lienhafter Anbringung (Ñ Spolien) an einer A. war
senschaften zu einer Erweiterung des Blickwinkels ein reprsentativer Akt. Zeichenhaft kann die Pla-
und zu einer Ent-Emotionalisierung von A. gefhrt zierung von A. im jeweiligen baulichen Umfeld
hat, so bleibt doch die Auffassung von A. als Eigen- sein: Lage und Ausrichtung sind dann Produkt einer
gesetzlichkeiten unterworfene Kunstgattung bis bestrkenden oder ablehnenden Bezugnahme auf
heute lebendig. Seit den 1960er Jahren hat sich im Vorhandenes. Baustile, archaistische Rckgriffe auf
Gefolge anderer Wissenschaften (Kunstgeschichte, Baukonzepte oder die reflektierte Verwendung von
Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Semiotik und Bauordnungen, Baumaterial oder gezielte Adaptio-
Kommunikationswissenschaft) eine alternative Be- nen von Bauformen aus anderen Kulturkreisen
trachtungsweise etabliert, die A. als wesentlich von konnten ebenso Absichten und Bedeutungen visua-
sozialen, çkonomischen und politischen Faktoren lisieren wie die Herstellung von ›Refinements‹ (z. B.
und weniger von einem ›Kunstwollen‹ geprgt an- Ñ Kurvatur, Ñ Inklination oder Ñ Entasis) als çffent-
sieht; A. wird hier als bewußt intendierte und rezi- lich vielbeachtete Demonstration technischer Fer-
pierte, aber auch als unbewußt wirksame Manifes- tigkeiten durch absichtsvolle Erschwerung einer
tation von inner- wie zwischengesellschaftliche Si- Bauaufgabe. Schließlich auch das Verhltnis zwi-
tuationen, Spannungen und Vernderungsprozes- schen A. und Natur: Schon in der griech. A. zeigen
sen verstanden. Die Ausformulierung dieser Sicht sich im 5. Jh. v. Chr. Tendenzen, natrliche Gege-
hat zu zahlreichen neuen Fragen und Erkenntnissen benheiten umzuformen bzw. zu ignorieren (Terras-
Architektur 20

sierungen, Planierungen und Anschttungen, z. B. etruskischen Elementen und Adaptionen aus der
an der Sd-Seite der Athener Akropolis; seit dem griech. A. zusammengesetzt ist und die fr nahezu
spten 4. Jh. v. Chr. gegen den Gelndeverlauf ge- jeden Funktionsbereich einen eigenen Bautyp aus-
baute Stadtmauern und ganze Stadtanlagen, z. B. prgt (wenige Ausnahmen, z. B. die nicht typisierten
Priene). In der rçm. A. ist Naturberwindung und Ñ Bibliotheksgebude). Die rçm. A. besteht bis in
-beherrschung Ideologem und Leitmotiv des Bau- sptrepublikanische Zeit hinein berwiegend aus
ens schlechthin, wie u. a. der Bau von Substruktio- gemçrtelten Ziegeln oder Tuffquadern und ist, ge-
nen, Aqudukten und Kanalisationen im Straßen- messen an der gleichzeitigen griech. A., unprtenti-
und Villenbau zeigt. Ein Paradigma fr das enge çs; verbindende Gemeinsamkeit der großen çffent-
Nebeneinander von funktionalen und semiotischen lichen Marmor- und Travertin-A. seit ca. 80 v. Chr.
Aspekten bis hin zum Symbol bildet das A.-Motiv ist die Betonung der Fassade (vorgeblendete Kom-
der Stadtmauer: als ein grundstzlich in hohem binationen von Pfeiler oder Sule mit Giebel oder
Maße zweckgebundenes Bauwerk kann sie in ln- Bogen; Konsolengeblke als horizontales Glie-
geren Friedenszeiten zum funktionsuntauglichen derungselement), oft als mehrgeschossige Prunkfas-
Zeichen administrativer Autonomie werden (z. B. sade mit Statuenschmuck z. B. fr Bhnengebude,
im nach 31 v. Chr. in sicherer Lage inmitten des Nymphen u. a. m. oder als bereinanderstockung
rçm. Reiches neugegrndeten Nikopolis) und dar- verschiedener Bauordnungen. Das im Vergleich zur
ber hinaus seit dem Hellenismus in Gestalt der griech. A. reichhaltige Formenspektrum ist dabei
Mauerkrone bei Stadttychen und verwandten Per- wesentlich von Neuerungen in der Bautechnik ge-
sonifikationen zur Chiffre stdtischer Unabhngig- prgt (Gewçlbe- und Bogenbau, Kuppelbau, Guß-
keit. zement, Ziegel). Sowohl in der griech. als auch in
B.3. Form und Struktur: Griech. und rçm. A. ist der rçm. A. ist die Struktur einzelner A.-Typen nach
typisiert und jeweils die Summe einer berschauba- deren Ausbildung in gewissen, meist technisch-
ren Zahl von Einzelelementen. Im Gegensatz zur funktional oder reprsentativ motivierten Grenzen
bautechnisch und formal vielfltigen, aber oft variabel. sthetische Kategorien haben zwar seit
schlecht berlieferten Alltags-A. besteht die çffent- dem spten 4. Jh. v. Chr. die antike A. zunehmend
liche A. Griechenlands, die im frhen 7. Jh. als mo- mitgeprgt, auf Strukturvernderungen einzelner
numentalisierte, zunchst hçlzerne, spter aus- Bautypen aber nur geringen Einfluß gehabt.
schließlich steinerne Sakral-A. in Erscheinung tritt,
lange Zeit aus nur wenigen Grundmustern, die in C. Einzelne Funktionsbereiche
verschiedener Form den eckigen oder runden Qua- C.1. Wohn- und Grabarchitektur: Wohn-A. in jedwe-
derbau mit dem Sulen- und Geblkmotiv kom- der Ausprgung ist seit der Seßhaftwerdung Haupt-
binieren und oft durch eine Diskrepanz von unge- gegenstand des Bauens; in besonderem Maße arti-
staltetem Innenraum bei zugleich zeichenhaft struk- kulieren sich hier Primrbedrfnisse, im Spannungs-
turierter Außenfassade geprgt sind. Vorherrschend feld von Privatheit und ffentlichkeit aber auch
sind Hallen- und Peristylbauten in verschiedensten Wnsche nach Reprsentation. Jngere Ausgrabun-
Funktionszusammenhngen sowie ungedeckte An- gen und die verbesserte Mçglichkeit, aus der Ana-
lagen (Theater). Erst die durch knstlerische Aus- lyse von Wohn-A. Rckschlsse auf soziale und
gestaltung der Profan-A., durch Experimentierfreu- wirtschaftliche Verhltnisse zu ziehen, haben die
digkeit und die bernahme von Bauformen aus lange vernachlssigte Forschung stark belebt. Die
anderen Kulturkreisen charakterisierte hellenisti- Gestaltung von Wohn-A. ist abhngig von Umwelt-
sche A. erweitert ab 300 v. Chr. Typenvorrat, faktoren (Klima, Baustoffe), vor allem aber von den
Grund- und Aufrißkonzepte (Ñ Risalit- und Ge- jeweiligen çkonomischen und sozialen Mçglichkei-
schoßbauten); im Kontext vernderter Nutzung ten zur Umsetzung von Lebensbedrfnissen. Weit-
entsteht ein auch auf den Innenraum hingerichtetes gehend von ihrer praktischen Nutzung geprgt war
A.-Verstndnis. Fast durchweg typisiert ist die rçm. dabei die lndliche A. (Gehçfte und Farmen, z. T.
A., deren Formenspektrum aus traditionell italisch- mit Verteidigungsanlagen). Eine Erfindung der rçm.
21 Architektur

Oberschicht, die auf Elemente des hellenistischen der Bau einer Kanalisation oder die Einrichtung
Palastes zurckgreift, ist die luxuriçse Villa in natur- einer Ent- oder Bewsserung fr die Landwirtschaft,
beherrschender Lage als Reprsentationsbau außer- ferner Hafenanlagen, Werften und der Straßen- und
halb urbaner Zentren; sie ist z. T. mit knstlich Brckenbau Maßnahmen, die nur in gemeinschaft-
gestalteter Natur ausgestattet (Teiche, Grotten und licher Anstrengung zu bewltigen waren und von
Hçhlen) und erreicht in ihrer Grundflche mitunter ihren Protagonisten (Brgergemeinschaften, Tyran-
fast stdtische Dimensionen. Die Villa wird, beson- nen, Kçnigen, Kaisern) immer als çffentlichkeits-
ders in der Sptantike (4. –6. Jh. n. Chr.) zum Flucht- wirksame Prestigetaten gefeiert wurden, und die in
punkt einer vom stdtischen Leben abgekehrten der rçm. A. auch zur Arbeitsbeschaffung dienten.
Welt. Das ebenfalls von seinem çkonomischen Die oft besonders aufwendige Bauweise, z. B. von
Umfeld nicht abtrennbare griech. Haus tritt im 9. Jh. Brunnenhusern, unterstreicht ihre Bedeutung als
v. Chr. als flache Lehmziegel- oder Flechtwerk-A. çffentlicher Bau. Die meist zweigeschossige Stoa
ber Bruchsteinsockel mit lang-ovalem oder recht- und die mehrschiffige Basilika waren parzellierte
eckigem Grundriß in Erscheinung; von Einzelfor- Hallenbauten fr Handel und Dienstleistungen,
men wie dem (fr die griech. Wohn- und Sakral-A. aber auch fr Jurisdiktion und andere çffentliche
dann allerdings konstitutiven) Megaron (zentraler Inszenierungen; wie Arsenale, Lager- und Speicher-
Herdraum) abgesehen, scheint keine Tradition in bauten waren sie in der Regel Stiftungen von Herr-
die minoisch-mykenische Zeit zurckzuweisen. schern oder begterten Privatleuten. Die vielflti-
Verdichtung der Bebauung fhrt in den griech. gen Zweckbauten der Gewerbebetriebe (Erzauf-
Stadtstaaten zu aneinandergesetzten zweistçckigen bereitung, Ziegelei, Tçpferei, Lebensmittel- und
Hausformen mit Trennung von Frauentrakt und Rohstoffhandel, Gastgewerbe u. a. m.) befanden
Mnnern vorbehaltenem Wirtschafts- und Repr- sich meist in selbstgenutztem oder verpachtetem
sentationsbereich; das großflchige Peristylhaus Privatbesitz; die schlechte berlieferungslage hat
(z. B. in Pella, Delos, Olynth) begegnet in gesteiger- bislang nur in Ausnahmefllen fundierte Forschung
ter Dimension schließlich als hellenistischer Palast. (u. a. Pompeji, Ostia) ermçglicht.
In rçm. Landstdten ist die meist aus mehreren C.3. Sakralarchitektur: Die Entstehung der Sakral-A.
Siedlungseinheiten bestehende insula in zur Straße als erste und lange Zeit dominante gemeinschaftli-
orientierte Wirtschafts- und nach innen gekehrte che Bauaufgabe der griech. Antike hngt vermutlich
Wohnbereiche unterteilt (Pompeji); in rçm. Groß- zusammen mit der whrend der Ausbildung der
stdten machte die bervçlkerung die bis zu sie- Polis (8./7. Jh. v. Chr.) erfolgten Erweiterung der
bengeschossigen Mietshuser zu Spekulationsobjek- an Ritus und Opfer teilnehmenden Personengrup-
ten und sozialen Brennpunkten. In ihrer architekto- pen und der dadurch begrndeten Verlagerung des
nischen Ausformung sind die Grabbauten in Etru- Herds als Opfer- und Gemeinschaftsplatz aus dem
rien, Griechenland und Kleinasien oft ein Spiegel huslichen Ñ Megaron ins Freie. ber die Herlei-
der Wohn-A.; etruskische und makedonische Kam- tung, aber auch die Funktion der mit Ringhalle
mer- und kleinasiatische Felsgrber kçnnen Auf- umgebenen Tempel, die zunchst in Holz-, ab
schlsse ber Interieur, Raumverteilungen und Fas- dem 7. Jh. dann umgesetzt in Steinbauweise in ver-
sadengestaltung der zeitgençssischen Wohn-A. ge- schiedenen, zunehmend differenzierten Bauord-
ben. nungen in Erscheinung treten und – neben kleine-
C.2. Wirtschafts- und Infrastrukturbauten: Bauten fr ren, nur mit Sulenfront versehenen Antentempeln
Gewerbe, Handel, Produktion, aber auch zur Er- – als gemeinsame Weihung der Brgergemein-
schließung und Nutzbarmachung natrlicher Res- schaft zum optischen Mittelpunkt von Heiligt-
sourcen bilden ein A.-Spektrum, das in seiner for- mern und Stdten wurden, herrscht in der archo-
malen Gestaltung nur scheinbar ausschließlich logischen Forschung weiterhin Dissens. Ebenfalls
zweckgebunden ist. Tatschlich waren die Errich- mit sakraler Aura behaftet sein konnten Propylon-
tung einer çffentlichen Wasserversorgung mit Tun- bauten, prunkvolle Zugnge zu einem Heiligtum,
neln, berlandleitungen, Brunnen und Zisternen, wo das Tempelmotiv der Sulenfront mit Giebel
Architektur 22

aufgegriffen ist. Die z. T. unkanonische Form von tungsbauten als symbolische Proklamationen stdti-
Sakral-A. (z. B. Erechtheion auf der Akropolis von scher Autonomie gehuft und in gesteigerter Mo-
Athen oder verschiedene architektonisch ausgestal- numentalitt in Erscheinung (Kassope, Olynth,
tete Grotten und Hçhlen) wird von Kultgegeben- Priene) – ein beredter Anachronismus. Die Verwal-
heiten bestimmt, denen die Architektur zu folgen tungs- und Versammlungs-A. der rçm. Republik
hatte. Die Ausweitung von Kulthandlungen ber bestand im wesentlichen aus Comitium und Curia,
die mythische Gçtter- und Heroenwelt hinaus auf beides Kernbestandteile des Forums (Marktplatzes)
lebende Personen und heroisierte Tote (Herrscher- der italischen Stdte. In Rom war die Versamm-
kult; Heroenkult) findet in neuen Formen helle- lungs-A. der republikanischen ra (400 – 30 v. Chr.)
nistischer und rçm. Sakral-A. eine Entsprechung auf dem Forum Romanum temporrer Art und ist
(Naiskoi und Schreine, Kenotaph/Leergrab, He- durch sptere berbauung aus dem Stadtbild getilgt
roon, Basilika mit Apsis im rçm. Kaiserkult). Der worden. Lediglich die stadtrçm. Curia als Sitz des
Podium-Tempel mit breiter, auf einen Platz aus- Senats sowie die Ñ Rednerbhne blieben in der Kai-
gerichteter Freitreppe vor der Front und oft drei- serzeit als Reminiszenz an die Republik von Bedeu-
rumiger Cella als Zentrum jeder rçm. Siedlung tung.
entstammt der tuskanisch-etruskischen Tradition C.5. Militrarchitektur: Es erstaunt kaum, daß gera-
und wird spter im Dekor oft mit hellenistisch- de antike Militr-A. von hohem semiotischen Ge-
griech. Formen und Bauordnungen versehen. In halt sein kann. Sie bildet neben der Wohn-A. den
der Kirchen-A. nachkonstantinischer Zeit werden wichtigsten Bereich des zweckgebundenen Bauens,
verschiedene Typen des rçm. Profanbaus (Basilika, indem sie Haus, Siedlung oder ganze Kulturen vor
Baptisterium) zu Hallenbauten verschmolzen; ab Feindseligkeiten schtzt; zugleich ist Militr-A. wie
dem 5. Jh. entstehen zunehmend auch Zentralbau- z. B. der sorgfltig orthogonal oder polygonal gefg-
ten mit Vierung und Kuppel. Bisweilen bilden sich te, stabile Bauverbund der Stadtmauer seit myke-
fast stdtische Strukturen aus als Folge der Anhu- nischer Zeit das weithin sichtbare Symbol fr die
fung vieler, ineinander verschachtelter Kirchenbau- Autonomie der Polis und kann besonderen
ten (Nea Anchialos, Amphipolis, Philippi). Schmuckcharakter aufweisen (Spitzeisendekor; po-
C.4. Verwaltungs- und Versammlungsbauten: Neben lygonale Spiegelsteine; Polsterquader; vgl. Ñ Milit-
Sakral- und Infrastrukturbauten entsteht in Grie- rarchitektur). Unter Bedrohung hastig aufgetrmte,
chenland erst zu Ende des 6. Jh. weitere çffentliche aber auch kalkuliert gebaute Befestigungsanlagen,
A.; sie steht in unmittelbarem Zusammenhang mit Abriegelungen von ganzen Landstrichen (z. B. die
dem politischen Umbruch von der Oligarchie zur ganz Attika durchquerende Dema-Mauer oder der
Demokratie (Kleisthenes). Neue Entscheidungsgre- rçm. Limes) sind in ihrer Abfolge von vorspringen-
mien und die Ausdifferenzierung der Verwaltung den Trmen und dahinter zurckgezogenen Mau-
machten A. notwendig, die einerseits fr Versamm- erstrecken, in Bauweise und Verlauf immer Defen-
lungen zweckmßig war, andererseits das neue sivreaktionen auf Fortschritte der Poliorketik (Bela-
Selbstverstndnis der demokratischen Polis visuali- gerungstechnik) des mçglichen Gegners; die im Zu-
sieren konnte; solche Gebude entstanden meist auf sammenhang der kriegerischen Offensive
der Ñ Agora (Marktplatz). Bouleuterion und Pryta- entstandene A. (Belagerungsrampen etc.) ist selten
neion waren die Ñ Versammlungsbauten dieser Gre- erhalten (Azaila, Paphos), war aber immer eine
mien; die Volksversammlung tagte zunchst oft im wichtige Aufgabe fr den Architekten. Fr die An-
Theater oder in theaterhnlichen Cavea-Anlagen lage von rçm. Koloniestdten konstitutiv war das als
(Pnyx in Athen). Im Metroon wurden Maße und Metapher von Ordnung und Zivilisation in barbari-
Gewichte verwahrt, und auch fr die Mnzprgung scher Diaspora empfundene rçm. Kastell mit der
entstanden Bauten. In dem Maße, in dem solche A. Principia (Militrverwaltung) als Zentrum und
im Kontext der Auf- und Ablçsung der Demokratie zwei sich dort kreuzenden, rechtwinkligen Straßen-
an der Schwelle zum monarchisch geprgten Helle- achsen; als Konzept fand diese Raumordnung auch
nismus politisch entbehrlich wurde, traten Verwal- bei Kasernenbauten, z. B. fr die Prtorianergarde in
23 Architektur

Rom, Anwendung und diente als Muster der rçm. sierten sie den Publikumsverkehr ber zahlreiche
Stadtanlage (colonia) in erobertem Gebiet. Magazine separate Ein- und Ausgnge. Freizeitcharakter hatte
und Arsenale waren Zweckbauten, stellten in ihrer besonders auch das Sanitrwesen; Bder und Ther-
Funktionsgebundenheit zugleich aber auch beson- men, aber auch Latrinen waren, jenseits des Privat-
ders technische Herausforderungen an den Archi- hauses, çffentliche Bereiche fr Zeitvertreib und
tekten (Arsenal des Philon im Pirus). deshalb in den ersten nachchristlichen Jahrhunder-
C.6. Sport-, Freizeit- und Festarchitektur: A. fr Le- ten bevorzugte Bauaufgabe und Medium der Selbst-
benskontexte jenseits von Wohn- und Wehr-, darstellung von Kaisern und Statthaltern.
Kult-, Verwaltungs- und Wirtschaftsaspekten ist ge- C.7. Weih- und Ehrenarchitektur: Von großer Viel-
nerell ein gesellschaftlicher Luxus; der gerade in fltigkeit sind diejenigen A., die weniger Bauten im
diesem Bereich hufig unterstellte Unterschied zwi- Sinne von ummauertem und berdachtem Raum,
schen einer tiefgrndigen griech. ›Gesittung‹ und als vielmehr weitestgehend auf ihr ußeres redu-
einer oberflchlich-dekadenten rçm. Kultur ist zierte Denkmler sind; in besonderem Maße lag
eine Verklrung durch Romantik und Humanis- ihre Funktion in der Reprsentation. Die Schatzhu-
mus, hat aber bis heute das Image beider Kulturen ser in den griech. Heiligtmern des 6. und 5. Jh.
beeinflußt. v. Chr. waren Weihgeschenke (Ñ Anatheme) der
Das ›agonale Prinzip‹ durchdrang alle çffentlichen Poleis in der Form des kleinen Antentempels; sie
und privaten Lebensbereiche der griech. Kultur seit dienten der Verwahrung anderer Weihungen, hat-
frharchaischer Zeit, hat jedoch erst ab dem 4. Jh. ten als Bauten darber hinaus selbst Anathemcha-
v. Chr. bedeutendere architektonische Spuren hin- rakter. Die verschiedenen kleinasiatischen Mauso-
terlassen: Stadion, Palstra, Xystos und Gymnasium leen und Heroa des 4. und 3. Jh. waren zwar Grab-
sind von ihren Funktionen geformte Bauten, die bauten, bei denen aber der sepulkrale Zweck oft der
zugleich Sttten der Muße und des Wettbewerbs den Herrscher rhmenden Prachtentfaltung unter-
waren; das Theater und das gedeckte Odeion dien- geordnet war (Maussolleion von Halikarnassos). Eh-
ten als Bauformen vor ihrer Nutzung als agonale renbauten der athenischen Demokratie waren die
Unterhaltungs-A. zunchst politischen Bedrfnissen Choregen-Denkmler im Sden und Osten der
(als Versammlungsbauten). Besondere A. erforder- Akropolis, whrend die hellenistischen Pfeilermo-
ten die großen Festzge, z. B. das Pompeion im numente monarchische Reprsentationsansprche
Kerameikos von Athen, wo sich der Panathenen- in den berregionalen Heiligtmern formulierten.
zug organisierte, aber auch die in verschiedenen Denkmler mit A.-Charakter waren die zahlreichen
Heiligtmern vorhandenen Ñ Banketthuser sind temporren, spter auch dauerhaft erbauten Tropaia
ebenso der Fest-A. zugehçrig wie temporre Zel- als Siegesmale. Die bekannteste Ehren-A. der rçm.
tanlagen mit z. T. erheblichem Ausstattungsluxus Kaiserzeit ist der Triumph- bzw. Ehrenbogen, oft
(z. B. das Festzelt des Ptolemaios II., beschrieben eine Stiftung des Senats oder stdtischer Magistrate
bei Athenaios 5, 196 ff.). an den Kaiser fr erbrachte Wohltaten. Die rçm.
In rçm. Villen und Palsten begegnen mehrfach Grabbauten schließlich sumten die Ausfallstraßen;
Grotten und Hçhlen, die als Fest-A. reich mit Dekor sie waren insgesamt als extrovertierte Bauensembles
ausgestaltet sind (Sperlonga). In der rçm. Kaiserzeit ein Abbild der sozialen und wirtschaftlichen Ver-
bekommen ›Brot und Spiele‹ oft den Charakter hltnisse der Stadt.
eines politischen Programms; entsprechend varian-
tenreich, aber auch fr die Aufrechterhaltung der D. Architekturkonglomerate
çffentlichen Ordnung funktional sind Lage und Art Von besonderer Bedeutung fr das Verstndnis an-
der dafr gebauten A.; Ñ Amphitheater, Ñ Circus und tiker A. ist das Zusammenwirken verschiedener A.-
Hippodrom (Ñ Stadion) waren als Orte mçglicher Formen und A.-Funktionen in grçßeren baulichen
Ausschreitungen lange Zeit nur in Gestalt temporr Kontexten und die historische Wandlung solcher
genutzter Holz-A. prsent und meist am Stadtrand Konglomerate; erst hier zeigt sich der Grad an Re-
plaziert (Ñ Temporre Bauten); als Stein-A. kanali- flexion im Umgang mit einem genuin limitierten
Architekturkopie 24

Formen- und Teilespektrum ebenso wie das jewei- geplanten Stadt als dem Ideal funktionaler Ordnung
lige Verhltnis zu A.-Formen anderer Kulturkreise, Ausdruck finden (5. Jh. v. Chr.) und wie sie in rçm.
aber auch zu Traditionen der eigenen A. Drei Zeit durch die Einbindung von gerasterter Stadt-A.
Aspekte haben hier in jngerer Zeit die Forschung in ein das ganze Reich berziehendes System der
bestimmt. Von Interesse war zunchst die Kom- Flurverteilung (centuriatio; limitatio) zu einer umfas-
bination von Einzelelementen und Einzelfunktio- senden Manifestation des Herrschafts- und Verwal-
nen zu einem neuen Ganzen als kreativer, schçpfe- tungsverstndnisses erweitert werden.
rischer Akt: Heiligtmer werden z. B. durch den Lit.: Ñ Auswahlbibliograpie.
Bau von Banketthusern und Hallen um wichtige
Nutzaspekte erweitert; Neuanlagen wie die von Architekturkopie Ñ Baukopie
Lindos und Kos kombinieren Hallen- und Tem-
pel-A. auf verschiedenen planierten Niveaus, die Architekturtheorie Moderner Begriff ohne antikes
mit reprsentativen Freitreppen untereinander ver- Pendant, ber den zudem bis heute in der Archi-
knpft sind und so die Aufnahme orientalischer tekturforschung kein Konsens erzielt wurde. Im
Baumotive (Persepolis) in die griech. A. bezeugen. weitesten Sinne wird unter A. jedwede ußerung
Die hellenistische Stadtanlage von Pergamon von Architekten ber eigene oder fremde Bauwer-
(4./3. Jh. v. Chr.) verbindet verschiedene altertmli- ke gefaßt; in einem – vernnftigerweise – engeren
che Baumuster und -stile als Reminiszenz an ihr Sinne die Summe dessen, was bewußt als A., also als
klassisches Vorbild Athen, und im rçmisch-sptanti- Reflexion ber Architektur, schriftlich niedergelegt
ken Palast- und Villenbau entstehen bisweilen gi- worden ist. Kristallisationspunkt einer antiken A.
gantische Neukombinationen von Wohn-, Sport-, sind die unter dem rçm. Kaiser Augustus verfaßten
Unterhaltungs-, Ehren- und Militr-A. (Maxentius- 10 Bcher ber Architektur des Ñ Vitruv, die in der
Villa an der Via Appia; Galerius-Palast in Thessalo- Renaissance zur Grundlage neuzeitlicher A. gewor-
niki). den sind (vgl. die Traktate des 15. und 16. Jh. von
Ein zweiter Schwerpunkt der Forschung betrifft Alberti, Serlio, Vignola, Palladio u. a. m.), in der An-
Vernderungsprozesse von gewachsenen Platzanla- tike hingegen wohl weitgehend wirkungslos blie-
gen: Entstehung und Wandel der Agorai von Ko- ben.
rinth und Athen oder des Forum Romanum sind Vorlufer einer antiken A. sind verschiedene, teils
Dokumente von Geschichte, deren genaue Beob- indirekt fragmentarisch (ber Vitruv oder andere
achtung Rckschlsse ber Wertungen, Relativie- antike Autoren), teils nur dem Titel nach berlie-
rungen und auch Tilgungen von historischen Pha- ferte Architektenschriften; inwieweit sie dazu ge-
sen zulßt; besonders unter solch komparativem, dient haben, theoretische Grundlagen der Architek-
Synchronie und Diachronie verbindenden Blick- tur zu verbreiten, oder lediglich Summierungen von
winkel kann A. im konkreten Einzelfall als eine Plandaten waren (deren Explizierung fr jeden Bau-
unmittelbar mit der politischen, wirtschaftlichen prozeß unumgnglich war), bleibt vielfach unklar.
und sozialen Geschichte verbundene Artikulation Anzufhren wren zunchst prominente Architek-
begriffen werden. ten der griech. Archaik wie Ñ Theodoros von Samos
Ein drittes Hauptaugenmerk der Forschung be- oder Ñ Chersiphron und Ñ Metagenes als Erbauer des
trifft planerisch-konzeptionelle Gesamtentwrfe lteren Artemistempels von Ephesos, wobei ins-
von A.-Komplexen, z. B. das Ineinandergreifen von besondere letztere auch durch Neuerungen in tech-
Wohn-, Wirtschafts- und Verwaltungsbereichen in nischen Bereichen des Bauprozesses bekannt ge-
neukonzipierten Stdten (Priene, Milet, Olynth, worden sind und deshalb zu vermuten ist, daß ihre
Kassope) und der jeweilige Verbund der Funktio- (nicht erhaltenen) Schriften zu grçßeren Teilen die-
nen innerhalb der Bereiche im Detail. Gegenstand se Aspekte zum Gegenstand hatten. Die klare Ent-
der berlegungen sind hier bereits stdtebauliche wicklung im griech. Tempelbau von tastenden An-
Aspekte, wie sie etwa in der seit Hippodamos le- fngen hin zu hochorganisierten, vollkommen kom-
bendigen staatstheoretischen Vorstellung von der mensurablen und stringent durchkomponierten
25 Arsenal
˙
Baukonzepten (vgl. etwa den Apollontempel von turtheorie, 2002, 82 – 127. – J. Onians, Art and Thought in
Syrakus mit dem unter Ñ Libon entstandenen Zeus- the Hellenistic Age, 1979, 79– 81. – ders., Bearers of Mea-
ning. The Classical Orders in Antiquity, Middle Ages, and
tempel von Olympia) lßt eine intensive theoreti- the Renaissance, 1988, 33 –51. – J. Rykwert, The Dancing
sche Durchdringung dieser Bauaufgabe vermuten, Column. On Order in Architecture, 1996.
wobei allerdings fr einen schriftlichen Diskurs hie-
rber alle Anzeichen fehlen. Eine erste auf Archi-
tektur fokussierte Theoriebildung ist mit Ñ Hippo- Architrav Der unmittelbar auf den Kapitellen auf-
˙
damos von Milet verbunden, dessen stdtebauliche liegende Querbalken im antiken Sulenbau. Moder-
Konzeption (Ñ Stdtebau) allerdings eher der anti- ner Begriff; in der antiken Architekturterminologie
ken Staats- und weniger der Architekturtheorie zu- Ñ Epistylion genannt.
zuordnen ist.
Vitruvs Grundlagen bzw. Grundgedanken einer Arcus Ñ Fornix
A. sind zum einen symmetria (im Sinne einer Maß-
Harmonie), zum anderen der bis heute relevante Arena Ñ Amphitheater, Circus
programmatische Dreiklang von firmitas, utilitas
und venustas (Statik, Funktionalitt, optische Schçn- Arkosolgrab Grab in einer berwçlbten Wand-
˙
heit). Die Idee einer symmetria, also von idealen nische (von lat. arcus, ›Bogen‹), einer der drei Begrb-
Maßverhltnissen und einem schlssigen Ausgleich nistypen innerhalb antiker Ñ Katakomben.
von Teilen und Gliedern gegenber dem Ganzen,
entspricht dabei der skizzierten Entwicklung im Arkade Franzçsisch; von zwei Pfeilern oder Sulen
griech. Tempelbau im 6. und 5. Jh. v. Chr. und getragener Bogen, in der rçm. Architektur meist
wird im 4. Jh. v. Chr. von Architekten wie Ñ Pytheos fortlaufend und mehrgeschossig an Bauten (z. B.
und Ñ Hermogenes offenbar erstmalig theoretisch Amphitheater; Aqudukte) oder als Rahmung in-
unterfttert und propagiert – heute verschollene nerçrtlicher Prachtstraßen bzw. Platzanlagen (Fo-
Schriften, auf die Vitruv selbst z. T. sehr ausfhrlich rum) verwendet.
und zitierend zurckgegriffen hat. Besonders die
Hermogenes zugeschriebenen Architekturideale Arsenal Arabisch-italienischer Begriff; ursprnglich
˙
scheinen die Baugeschichte des Hellenismus ge- ›Haus des Handwerks‹, spter Zeughaus, Waffen-
prgt zu haben. Weitere, hnliche und ebenfalls lager. Als A. werden in der antiken Baugeschichte
verschollene Schriften hellenistischer Zeit stammten alle diejenigen Bauten aus dem Bereich der Militr-
von Silenios (ber die dorische Ordnung), Arkesios architektur bezeichnet, die zur Unterbringung von
(ber die korinthische Ordnung) und Philon (ber Waffen, Kriegsgerten, Vorrten oder Schiffen mit-
Proportionen im Tempelbau). Das Werk Vitruvs samt ihrer kriegstechnischen Ausrstung und Take-
blieb ohne großen Widerhall in der spteren anti- lage dienten (griech. ›Skeuothek‹). Meist waren dies
ken Architektur, wurde jedoch mit der Wieder-Ent- langrechteckige, wenig aufwendig erstellte Nutz-
deckung in der frhen Neuzeit zu einem in seiner bauten, verschiedentlich auch mehrschiffig, gele-
Bedeutung kaum zu berschtzenden Katalysator gentlich mit Obergeschossen (philonische Skeu-
bei der Adaption antiker Baugedanken in eine zeit- othek im Pirus bei Athen, 4. Jh. v. Chr.). Gut erhal-
gençssische Architektur. tene A. befanden sich u. a. in Athen, Milet und Per-
gamon. Sie bestanden in ihrem Aufbau meist aus
Lit.: G. Germann, Einfhrung in die Geschichte der Ar-
chitekturtheorie, 1980. – W. Hoepfner, Bauten und Be- Holz, eher selten aus Stein und waren in der Regel
deutung des Hermogenes, in: H. Hoepfner (Hrsg.), Her- gut gesichert. A. gehçrten in der griech. Antike zum
mogenes und die hochhellenistische Architektur, 1990, Kern der çffentlichen Bauaufgaben einer jeden Polis
1 –34. – A. Horn-Oncken, ber das Schickliche. Studien und galten, hnlich der Ringmauer, als Beweis fr
zur Geschichte der Architekturtheorie, 1985. – H. Knell,
Vitruvs Architekturtheorie. Versuch einer Interpretation,
die Wehrhaftigkeit einer Stadt, waren demgegen-
2
1991. – W. H. Kruft, Geschichte der Architekturtheorie, ber in der rçm. Kaiserzeit – von den weiterhin
4
1995, 20 – 43. – F. Neumeyer, Quellentexte zur Architek- intakten Kriegshfen bei Ravenna, Brindisi und Mi-
Aschenaltar 26

senum abgesehen – auf die grenznahen Militrsta-


tionen beschrnkt. Vgl. Ñ Militrarchitektur.
Lit.: A. Linfert u. a., Die Skeuothek des Philon im Pirus,
1981. – W. Mller-Wiener, Griech. Bauwesen in der An-
tike, 1988, 172/3.

Aschenaltar Ñ Altar

Asphalt Pech (pı´ssa) und Asphalt (sfaltos) waren


˙
schon in der griech. Antike bekannte und verschie-
dentlich verwendete Baumaterialien, die laut Hero-
dot aus dem Orient bernommen worden waren Rçmisches Atrium-Haus (idealisierter Grundriß).
und zum Abdichten von Holzkonstruktionen ge-
nutzt wurden; eine Unterscheidung zwischen bei-
den Stoffen gab es nicht. Inschriften lassen auf die Dachkonstruktion (dem compluvium): beim a. tusca-
Verwendung dieser Materialien auch im Steinbau num freischwebend konstruiert, beim a. tetrastylon und
schließen. Den nach Plinius (Naturgeschichte 36, beim a. corinthium von vier bzw. noch mehr Sulen
166) aus Holz gewonnenen Teer verwendete man getragen. Als A. wird ferner der von Sulenhallen
zur Isolierung bzw. Abdichtung von Dchern, zum umgebene, meist annhernd quadratische Hof frh-
Schutz von zu weichem Stein und im Schiffbau. christlicher und romanischer Kirchen bezeichnet.
Lit.: F. G. Maier, Griech. Mauerbauinschriften I, 1959, Dieses A. war Unterstand und Emfangsraum fr
100 – 102. die Glubigen, z. T. auch Begrbnisplatz, oft mit flie-
ßendem Wasser ausgestaltet.
Astragal Von griech. astrgalos, ›knçcherner Wrfel‹, Lit.: M. Cristofani (Hrsg.), La grande Roma dei Tarquini,
˙ Ausst.-Kat. Rom 1990, 97 –99. – J. A. Dickmann, Domus
Ñ Bauornament; ein Reliefband aus abwechselnd
zwei vertikal gestellten Scheiben und einer horizon- Frequentata. Anspruchsvolles Wohnen im pompejanischen
Stadthaus, 1999, 37 –39; 49 –126; 301 – 312. – E. M. Evans,
tal gelagerten, gelngten Halbkugel (auch Perlstab The Atrium Complex in the Houses of Pompeji, 1980. – R.
genannt); z. B. oft als unterer Randabschluß des Fçrtsch, Archologischer Kommentar zu den Villenbriefen
Ñ Eierstabs verwendet. des jngeren Plinius, 1993, 30 – 41.

Atrium Zentraler, langrechteckiger, im Anschluß an Attische Basis Ñ Sule, Sulenordnungen


˙
den Eingangskorridor gelegener, meist unberdach-
ter Raum im altitalischen und rçm. Ñ Haus, gerahmt Aufriß Im Gegensatz zum Ñ Grundriß die vertikale
von den Ñ cubicula (Schlafrumen), den Ñ alae (trlose Projektion eines Gebudes bzw. seiner Teile; ein
Seitenflgel) und dem gegenber dem Zugang gele- wichtiger Planungsparameter im antiken Ñ Bauwe-
genen Ñ tablinum. Das Konzept des A. ist aus etruski- sen. Vgl. auch Ñ Bauzeichnung.
schen Kammergrbern (Cerveteri, Perugia, Tarqui-
nia) bekannt; frheste Ausformungen in der Sied- Aufschnrung Riß-, Ritz- oder Rçtellinien (Ñ Bau-
lungsarchitektur finden sich im etruskischen Marza- technik; Ñ Bauwesen), durch die der Bauplan einer
botto und bei einigen Husern am Palatin in Rom Architektur sukzessive im Maßstab 1:1 auf das ent-
(6./5. Jh. v. Chr.) und bezeugen die italische Traditi- stehende Gebude bertragen wurde; im Quader-
on. Im zentralen impluvium, das mit der Ñ Zisterne des bau bildete so jede Lage die Dokumentationsflche
Hauses in Verbindung stand, wurde Regenwasser fr die darauf aufbauende nchste Lage. A. sind fr
gesammelt. Vitruv (6, 3, 1 ff.) unterscheidet fnf Rckschlsse auf antike Bauplanung und Baupraxis
Typen: das a. testudinatum und das a. displuviatum mit von besonderer Bedeutung; sie sind schon in der
regenabweisender Bedachung (davon letzteres mit mesopotamischen und gyptischen Architektur be-
Lichtçffnung), die brigen mit trichterfçrmiger zeugt. In der griech.-rçm. Architektur machte das
27 Aule
˙
Prinzip der A. eine maßstbliche Ñ Bauzeichnung on in den Reihen der Kontraktnehmer die Baukos-
lange Zeit entbehrlich. Geritzte A. sind verwitte- ten kalkulierbar gering halten.
rungsanfllig; A. als Rçtelzeichnung sind noch Lit.: W. Mller-Wiener, Griech. Bauwesen in der Antike,
flchtiger. Gut erhaltene bzw. dokumentierte A. 1988, 32 –34. – vgl. Ñ Bauwesen.
finden sich u. a. an den Propylen der Athener Akro-
polis, der großen Tholos in Delphi und dem jnge- Aule (griech.; lat. aula) Im homerischen Epos der
˙
ren Apollontempel von Didyma. umbaute, lichte Hofraum eines Ñ Hauses. Im spten
Lit.: L. Haselberger, Aspekte der Bauzeichnung von Didy- 8. Jh. v. Chr. wird die A. zum Kernbestandteil des
ma, in: Revue Archologique 1991, 99 –113. – J. P. Heisel, griech. Hofhauses, um den sich die mehrrumige,
Antike Bauzeichnungen, 1993, 154 – 182. – A. Petronotis, teils zweigeschossige Hausanlage und die Wirt-
Bauritzlinien und andere Aufschnrungen am Unterbau
griech. Bauwerke, 1968. – ders., Zum Problem der Bau- schaftstrakte herumgruppieren. Die Entstehung
zeichnung bei den Griechen, 1972. des um die A. gegliederten griech. Hofhauses bildet
einen markanten Entwicklungspunkt antiker Haus-
Ausschreibung Der Vorgang der A. eines grçßeren architektur; es verdrngt die bis dahin blichen For-
çffentlichen Bauprojekts seitens des Bautrgers (Be- men des Ein- bzw. Zweiraumhauses (Ñ Megaron;
hçrde eines Stadtstaats, Priesterschaft eines Heilig- Oval- und Apsidenhuser, vgl. Ñ Apsis). Die A. war
tums) war in der griech. Antike seit dem spten 6. Jh. entweder gepflastert oder bestand aus gestampftem
v. Chr. gngige Praxis (frhestes bekanntes Beispiel: Naturpaviment. Die den Hof umgebenden Raum-
der alkmaionidische Apollontempel von Delphi), kombinationen werden im Laufe des 5. Jh. v. Chr.
deren praktische und juristische Details durch zahl- zunehmend vereinheitlicht und in grçßere stdte-
reiche Ñ Bauinschriften bekannt sind und ausgespro- bauliche Zusammenhnge (Ñ Insula; Ñ Stdtebau) in-
chen modern anmuten. Grundlage der A. war das tegriert. Die Hçfe kçnnen an einer oder zwei Seiten
auf der Basis des Baubeschlusses (Ñ Syngraphai) sei- Sulenstellungen aufweisen; die A. wird auf diese
tens des Ñ Architekten erstellte Rahmenkonzept; Weise zur Keimzelle des Peristylhauses, das seit
Gegenstand waren einzelne Gewerke und Arbeits- dem spten 4. Jh. v. Chr. den luxuriçsen Hausbau
abschnitte, in die der beabsichtigte Bauvorgang zu bis hin zum Ñ Palast dominiert. In hellenistischen
diesem Zweck untergliedert worden war. Die in Verwaltungsinschriften wird mit A. hufig ein lnd-
ihrem Umfang hçchst verschiedenen Kontrakte be- licher Gutsbetrieb insgesamt beschrieben; in der
inhalteten eine genaue Beschreibung des Bauloses, rçm. Kaiserzeit bezeichnet der hiervon abgeleitete
fixierten Mengen und Preise, formulierten die Be- Begriff aula einen reprsentativen Raum fr zere-
dingungen fr eine Kontraktbernahme (Benen- monielle Akte (aula regia bzw. Palastaula, Ñ Basilika;
nung von Brgen etc.) sowie ggf. besondere Ver- Ñ Palast).
gnstigungen. Die A. schuf verwaltungsmßige
Lit.: W. Hoepfner, E.-L. Schwandner, Haus und Stadt im
Transparenz im Bauvorgang, erlaubte eine gezielte klassischen Griechenland, 21994, Index s.v. Hof. – M. Ki-
Arbeitsorganisation auf der Baustelle und konnte derlen, Megale Oikia, 1995, 14 –19. – H. Lauter, Die Ar-
wegen der damit verbundenen Konkurrenzsituati- chitektur des Hellenismus, 1986, 223 –227.
Bder 28

Bder Griech. balaneı´on bzw. lutrn; lat. lavatrina, bal- 10–22 Stck wie z. B. in Gortys, Gela oder Megara
neum, balnea. Hier sind Bder in privaten Gebuden Hyblaea). Z. T. befanden sich innerhalb eines Bau-
bzw. kleine çffentliche Badeeinrichtungen behan- komplexes zwei solcher Rume (so daß Mnner und
delt; zu den großen çffentlichen B. Ñ Thermen. Frauen die B. in getrennten Trakten gleichzeitig
Rumlich separierte private B. mit einer Wanne nutzen konnten und nicht, wie ansonsten blich,
(meist fr Sitzbder) oder einem eingelassenen Be- zeitlich versetzt). Geheizt wurde entweder das Was-
cken finden sich schon in der minoisch-mykenischen ser fr jeweils eine Wanne, oder – seltener – der
Palastarchitektur und sind auch fr die geometrisch- ganze Bau (vgl. Ñ Heizung).
archaische Zeit bezeugt (waren hier als Luxus jedoch In der frhen und mittleren rçm. Republik finden
eher selten); B. sind im klassischen und sptklassi- sich in den Husern berwiegend sehr einfache B.,
schen Hausbau dann hufiger zu finden (u. a. ver- ohne fest eingebaute Wannen; seit dem 3. Jh. v. Chr.
breitet in Olynth). ffentliche B. entstanden im 5. Jh. wird fr çffentliche B. das griech. Bauprinzip ber-
v. Chr.; sie wurden allerdings erst im spten 4. Jh. nommen und architektonisch sowie technisch ver-
v. Chr. in den griech. Stdte zu gngigen Einrichtun- feinert (berwçlbte Rume mit massiven, wr-
gen und folgten dabei hinsichtlich Grundriß, Grçße mespeichernden Wnden; funktional durchorgani-
und Ausstattung keinem typisierten Schema. Gelu- sierte Grundrisse). Einzelne Wannen werden zu-
fig war ein Rechteckraum (Olympia) oder ein Rund- nehmend durch große Gemeinschaftsbecken
raum mit radial angeordneten Sitzwannen (meist ersetzt, was durch die Entwicklung der Hypokau-

1
N

0 5m

0 5m Gortys, Badeanlage, um 300 v. Chr. (Grundriß).


1. Vorhalle
N

2. Aufenthaltsraum
Olympia, Badeanlage, Bauzustand um 350 v. Chr. 3. Rundbau mit Sitzwannen
(Rekonstruktion). 4. Schwitzbad
29 Bankettbau, Banketthaus

FRÜ
HHE
LLEN
IST. N

SI
DIPY 5
LON
O
HOR
W O
0
S 0
V 36

HOF VI
VII

UMBAU
SSE

IV 10m
STRA
RING

III

18
0
ER
MAU

II
CHE

0
32
ONIS
KON

I
TEMISTOKL. MAUERREST

R
ES TO ERIDANOS
HEILIG

Athen, Kerameikos. Das Pompeion mit Bankettrumen, hellenistischer Bauzustand (Grundriß).

stenheizung begnstigt wurde; das Prinzip der in hinaus konnte B. auch die Abwurfmarke beim Dis-
den spteren Thermen monumental angelegten kus- oder Speerwurf bezeichnen.
Raumfolge von Umkleiderumen sowie gestuften Lit.: P. Roos, Wiederverwendete Startblçcke vom Stadion
Heiß-, Lau- und Kaltwasserrumen nimmt hier sei- in Ephesos, in: Jahreshefte des sterr. Archolog. Instituts
nen Anfang (vgl. zur Raumfolge auch Vitruv 5, 10). 52, 1978/80, 109– 113. – P. Valavanis, Hysplex. The Star-
ting Mechanism in Ancient Stadia, 1999. – W. Zschietz-
ffentliche Bder dieser kleineren Bauart waren in schmann, Wettkampf- und bungssttten in Griechenland
der Regel architektonisch unselbstndige Teile grç- I. Das Stadion, 1960, 35 – 39.
ßerer Sport- bzw. Freizeitbauten wie etwa Ñ Gym-
nasien oder Ñ Palstren und fanden sich berdies Bankettbau, Banketthaus Mit dem Begriff B. wird
auch in den großen, entsprechend frequentierten in der modernen archologischen Forschung ein
Heiligtmern (z. B. Olympia). meist freistehendes Gebude in griech. Heiligt-
Lit.: J. DeLaine, Roman Baths and Bathing, in: Journal of mern bzw. auf der Ñ Agora bezeichnet (griech. hes-
Roman Archaeology 6, 1993, 348– 358. – I. Nielsen, Ther- tiatrion, von hestı´a, ›Herd‹), das aufgrund seiner dem
mae et Balnea, 21993. – F. Yegl, Baths and Bathing in
Ñ Andron hnlichen Binnenstruktur mit Stellpltzen
Classical Antiquity, 1992.
fr Klinen offensichtlich gemeinsamen Mahlzeiten
und damit gesellschaftlich oder rituell bedeutsamen
Balbis (griech.; lat. hysplex) Start- und Zieleinrich- Zusammenknften gedient hat. Solche Ñ Versamm-
˙
tung des griech. Ñ Stadion. Die B. war eine mit Rillen lungsbauten finden sich in vielen Heiligtmern, je-
versehene, im Boden eingelassene Steinschwelle, in doch in durchaus unterschiedlicher Form und Grç-
der die hçlzernen Starttore verankert waren; die ße: als einrumige, aber auch mehrrumige Anlagen
Rillen dienten als Widerlager fr die Fße beim (Troizen), als hallenfçrmige Gebude (hier meist
Start. Zahlreiche Exemplare sind erhalten, u. a. in dem Bautypus der Ñ Stoa zugehçrig) bis hin zu Mo-
Olympia, Delphi, Nemea und Ephesos. Darber numentalarchitekturen (›Leonidaion‹ in Olympia),
Bankettbau, Banketthaus 30

19? 20 21 22 23 26a? 27 28 29 30 35 36 37 38 38 43 44 45 46
a 47
34 ?
18 26 42
24 31 39
III 25 IV 33 V 41 V 48
17 24 32 40
a?
49
16

50
15 II VII
9 8 IB 5 4 IA 1 56
? 51
14
13 12 11 10 7 6 3 2 55 54 53 52

100 0 5 10M

Banketthaus aus Troizen (Grundriß).

bisweilen auch als nicht-freistehende Annexe ande- Frsten ein wichtiges Ritual war (Ñ Altar; Ñ Mega-
re Bauten (›Pinakothek‹ in den Ñ Propylen der ron; Ñ Tempel), was als Motiv auch bei frhhelle-
Athener Akropolis). Auch auf den Agorai griech. nistischen, besonders makedonischen Ñ Palastanla-
Stdte fanden sich vielfach bauliche Vorrichtungen gen aufscheint.
fr die Wrdentrger zum Einnehmen gemein-
Lit.: Ch. Bçrker, Festbankett und griech. Architektur, 1983.
samer Mahlzeiten. In den B. reflektieren sich Funk- – P. Hellstrçm, The Andrones at Labraynda. Dining Halls
tionsweisen der frhgriech. Gesellschaft, in denen for Protohellenistic Kings, in: W. Hoepfner (Hrsg.), Basileia.
die gemeinsame Mahlzeit am Herd des Kçnigs oder Die Palste der hellenistischen Kçnige, 1996, 164 –170.

Athen, Akropolis-Propylen.
Die Nordost-Halle als
Bankettraum (hypothetische
Rekonstruktion).
31 Basilika
˙

Pompeji, Forumsbasilika,
um 120 v. Chr. (rekonstruierter
0 10 m
Querschnitt).

Baptisterium Von griech. baptı´zo, ›eintauchen‹, je- (Halle) zu ergnzen ist. Die B. bildet als Hallenbau
˙
doch nur in der latinisierten Form gelufig. Als B. das rçm. Gegenstck zur griech. Ñ Stoa. Im Sinne
wird vom jngeren Plinius (Briefe 5, 6, 25; 2, 17, 11) dieser ›kçniglichen Halle‹ beinhaltet der Begriff B.
innerhalb seiner Villa bei Laurentinum ein Becken einen Rckbezug zur griech. Architektur, und zwar
fr Kaltwasser genannt und damit das B. als Teil der zum çffentlichen Amtssitz des Herrschers bzw. des
Ñ Bder bezeichnet, was allerdings eine terminolo- hçchsten Staatsbeamten (vgl. auf der Agora von
gische Ausnahme bleibt (blich war der Begriff Athen die sto basileffls). Die B. gilt jedoch hinsichtlich
piscina). In christlichen Quellen wird unter B. seit der Bauform und auch bezglich der funktionalen
dem spten 3. Jh. n. Chr. das Taufbecken wie auch Vielfalt ihrer Nutzung als ein rçm. Bautyp, der in
der Raum verstanden, in dem das Taufbecken stand. eklektischer Weise auch hellenistische und gyp-
Das B. ist Teil der Kirchenarchitektur und findet tische Vorbilder (Thronsle) mit integriert. Um-
sich bereits vereinzelt bei frhen Hauskirchen (Du- fangreichste Schriftquelle zur B. ist Ñ Vitruv (5, 1,
ra Europos), meist in Gestalt eines langrechteckigen 4 ff.), der nicht nur Grund- und Aufrißproportionen
Raumes mit eingelassenem Becken. Der im 4. Jh. mitteilt, sondern auch die Funktionen als Markt-
n. Chr. rapide zunehmende bertritt zum Christen- und Gerichtshalle, Bank, Bçrse, Thronsaal und Tri-
tum machte große, reprsentative Bauformen not- bunal-Heiligtum beschreibt; inwieweit Vitruvs An-
wendig; meist in der Umgebung von Bischofskir-
chen entstanden B. in Gestalt freistehender, runder
oder oktogonaler Ñ Zentralbauten mit baldachin-
berdachtem Becken und Taufstein.
Lit.: F. W. Deichmann, s.v. Baptisterium, in: Reallexikon
fr Antike und Christentum 1, 1950, 1157 –1167 (mit Bau-
katalog). – S. Ristow, Frhchristliche Baptisterien, 1998.

Basilika Begriff und Ursprung der B. sind vieldis- 0 10 m N


˙
kutiert; in B. steckt das griech. Adjektiv basilik (kç-
niglich), was vermutlich um das Substantiv sto Pompeji, Forumsbasilika, um 120 v. Chr. (Grundriß).
Basilika 32
˙

N
Classe bei Ravenna,
Kirchenbasilika S. Apollinare,
0 20 m 1. Hlfte 6. Jh. n. Chr.
(Grundriß).

gaben der damaligen Norm entsprechen, ist ange- zugnglich. Im Innern ist die B. mehrschiffig (drei,
sichts der von ihm geplanten und erbauten, in ihrem seltener auch fnf Schiffe); die Schiffe sind durch
Erscheinungsbild hçchst atypischen B. von Fanum Sulenstellungen getrennt, die bisweilen auch an
unsicher. den Schmalseiten umlaufen (B. von Pompeji) und
Die B. ist durch einen langrechteckigen, gegen- dann ein Peristyl bilden. Das Mittelschiff ist dabei als
ber der griech. Stoa aber deutlich gedrungeneren zweistçckige Konstruktion ber die Seitenschiffe
Grundriß gekennzeichnet und war durchweg ein hinausgehoben und lßt ber den Obergaden Licht
geschlossenes, meist von Arkaden gesumtes Ge- in den Bau. Ein Tribunal (oft gegenber dem
bude, in der Regel am Ñ Forum gelegen und wahl- Haupteingang) betont die Achse des Baus; die
weise entweder ber die Quer- oder die Langseite Schmalseiten werden nicht selten durch eine Ñ Apsis

Classe bei Ravenna,


Kirchenbasilika S. Apollinare
0 10 m
(Aufriß).
33 Basilika
˙
gesamten Imperium Romanum Verbreitung und
bildet einen wichtigen Schwerpunkt innerstdti-
scher çffentlicher Architektur.
Im Rahmen der hochherrschaftlichen Villen- und
Palastarchitektur der Sptantike(Ñ Palast; Ñ Villa)
wird die B. als Bautyp oft im Sinne der aula regia
(Ñ Aule) integriert; sie findet hier zurck zu ihrer
ursprnglichen Bestimmung als Thron-, Residenz-
und Empfangssaal und wird wichtiger Teil im pri-
vaten wie kaiserlich-hçfischen Aufwartungszere-
moniell.
Neben dem Ñ Zentralbau wird ab dem 4. Jh.
n. Chr. die B. zum wichtigsten Typus frhchristli-
cher Kirchenbauten, der in der Regel zunchst ber
Mrtyrergrbern in den Nekropolen außerhalb der
Stadtgrenzen (u. a. Rom, Ravenna), spter dann auch
innerorts (z. B. Nikopolis, Philippi) entsteht. Die
Grnde fr diese ›Umwidmung‹ des Bautypus wer-
den in erster Linie in dessen funktionaler Eignung
Leptis Magna, Forumsbasilika (rekonstruierte Innen- zu suchen sein: gengend Raum fr eine große
ansicht).
Personengruppe, die ideale Mçglichkeit fr eine
Hierarchisierung des Zeremoniells, die mçgliche
abgeschlossen (z. B. Leptis Magna, Forumsbasilika). rumliche Trennung in teilnehmende Gemeinde
Die frhesten B. entstanden im 2. Jh. v. Chr. am (im Haupthaus) und agierende Wrdentrger (in
Forum Romanum in Rom (B. Porcia, 184 v. Chr., der Apsis bzw. dem Chor) sowie die Trennung
und B. Opimia, 121 v. Chr.); die Lage am Forum der Mnner von den Frauen (im Obergeschoß).
ermçglichte eine Funktion als Platzbegrenzung, Die christliche B. tritt, anders als die rçm. Fo-
aber auch, etwa durch zum Forum hin offene Ko- rums-B., als abgeschlossener, klappsymmetrisch
lonnaden, als ein mit dem Platz unmittelbar ver- konzipierter Bau mit meist drei Schiffen in Erschei-
schmolzenes Bauwerk. Als unverzichtbares Archi- nung; dem Eingang waren blicherweise eine kleine
tekturrequisit im Rahmen eines rçm. Stadtkonzep- Halle (Narthex) und ein Peristylhof (Ñ Atrium) vor-
tes findet die B. whrend des 1. und 2. Jh. n. Chr. im gelagert.

Leptis Magna, Forumsbasilika,


um 210 n. Chr. (Grundriß: N

Basilika und Forum). 0 50 m


Basis, Sulenbasis 34

Lit.: H. Brandenburg, Roms frhchristliche Basilken des selten und wenn, dann auf dezidierte Weihungen
4. Jh. n. Chr., 1979. – G. Fuchs, Die Funktion der frhen (z. B. Athener-Schatzhaus in Delphi) bezogen (die
rçm. Markt-Basilika, in: Bonner Jahrbcher des Rhei-
inschriftliche Architekten-Signatur am Apollontem-
nischen Landesmuseums 161, 1961, 39– 46. – P. Gros,
L’architecture romaine I, 22002, 235 – 260. – E. Langlotz, pel von Syrakus aus der 1. Hlfte des 6. Jh. v. Chr. ist
Der architekturgeschichtliche Ursprung der frhchristli- eine singulre Erscheinung). Bisweilen sind aller-
chen Basilika, 1972. – I. Nielsen, s.v. Basilica, in: DNP 2, dings herausragende griech. Bauten in spteren Zei-
1997, 474 – 481. – A. Nnnerich-Asmus, Basilica und Por- ten sekundr als reprsentative, personenbezogene
ticus, 1994. – K. Ohr, Die Basilica in Pompeji, 1991.
Inschriftentrger verwendet worden (z. B. die Ale-
xander- und die Nero-Inschriften am Ñ Parthenon).
Basis, Sulenbasis Ñ Sule, Sulenordnungen Mit zu den B. sind zahlreiche Flle zu zhlen, wo
Bauten mit offiziellen Dokumenten ›beschrieben‹
Basis Villae Ñ Substruktionen worden sind, z. B. die Proxenie-Dekrete an der del-
phischen Polygonalmauer ebenso wie auch die Tri-
Bathykles Berhmter Architekt und Bildhauer aus butbefreiung Prienes gegenber Alexander,
Magnesia am Mander, der im (spten?) 6. Jh. v. Chr. 285 v. Chr. in eine Ante des Athenatempels einge-
wirkte und den von Pausanias 3, 18, 6 ff. ausfhrlich meißelt. Verschiedentlich dienten Bauten in diesem
beschriebenen ›Thron‹ des Apollon im Heiligtum Sinne sogar vorrangig als Inschriftentrger (z. B.
von Amyklai bei Sparta geschaffen hat: eine ins- Exedren des Augustus-Forums in Rom als Anbrin-
gesamt umfangreiche Anlage, die neben verschiede- gungsort der offiziellen rçm. Staatsgenealogie; Mo-
ner Frei- und Reliefplastik auch rahmende Archi- numentum Ancyranum mit dem Tatenbericht des
tektur enthalten hat. Augustus). Detaillierte Rckschlsse ber Finanzie-
Lit.: H. Svenson-Evers, Die griechischen Architekten ar- rung, Verwaltung und Bauorganisation finden sich
chaischer und klassischer Zeit, 1996, 441 – 460. verschiedentlich in griech. B., so in den Inschriften-
komplexen von der Athener Akropolis (5. Jh.
Baubeschluß Ñ Syngraphai v. Chr.), denen des 4. Jh. v. Chr. aus dem Pirus,
Eleusis, Epidauros und Delos sowie in den helle-
Baudekor Ñ Bauornamentik nistisch-rçm. Urkunden der Bauhtte des Apollon-
tempels von Didyma.
Bauentwurf Ñ Bauwesen Lit.: A. Burford, The Greek Temple Builders at Epidauros,
1969. – dies., The Purpose of Inscribed Building Accounts,
Baugerst Ñ Holz, Holzbau in: Acta 5th Epigraph. Congress 1971, 71 –77. – P. H. Davis,
The Delian Building Contracts, in: Bulletin de correspon-
dence hellnique 61, 1937, 112 – 137. – N. Himmelmann,
Bauinschriften Als B. werden in der modernen For- Zur Entlohnung knstlerischer Ttigkeit in klassischen
schung Inschriften in, an oder unmittelbar neben Bauinschriften, in: Jahrbuch des DAI 94, 1979, 127 – 142.
antiken Bauten bezeichnet und darber hinaus – F. G. Maier, Griech. Mauerbauinschriften, 2 Bde.,
1959/61. – S. D. Martin, Building Contracts in Classical
auch solche verstanden, die – rumlich von einem
Roman Law, 1981. – E. Meyer, Einfhrung in die lat.
Bauwerk u. U. getrennt – unmittelbar mit der Pla- Epigraphik3, 1991, 59– 61. – A. Rehm, Didyma 2: Die
nung, Finanzierung oder Logistik der Errichtung Inschriften, 1958, Nr. 20 –44. – R. L. Scranton, Greek Ar-
eines Bauwerkes zu tun haben. Sie benennen ent- chitectural Inscriptions as Documents, in: Harvard Library
weder Stifter, Bauanlaß oder Auftraggeber eines Bulletin 14, 1960, 159 –168.

Bauwerks bzw. einer Baurenovierung oder aber


machen verschiedene Verwaltungsvorgnge im Baukommission Ñ Bauwesen
Ñ Bauwesen fr den Zeitgenossen nachvollziehbar.
Erstere Form der B. ist im rçm. Reprsentationsbau Baukopie Im Gegensatz zu den verschiedenen Me-
die Regel, z. B. in Gestalt monumentaler Attika- dien der Bildenden Kunst (Malerei, Mosaik und vor
oder Architravinschriften an Ehrenbçgen oder allem Plastik) ist das minutiçse, form-identische und
Tempeln, in der griech. Architektur hingegen eher vollstndige Kopieren eines Vorbilds in gleichem
35 Baumaß

oder gewandeltem Maßstab im Bereich der antiken von Eleusis als verkleinerte Nachbildung der Ñ Pro-
Architektur ausgesprochen selten. Am prominen- pylen des Ñ Mnesikles von der Akropolis von
testen sind einige literarisch berlieferte Flle, da- Athen), z. T. im zeitgençssisch-rçm. Baubestand
runter besonders das dem Theater von Mytilene (Trajansbogen von Benevent als Adaption des Ti-
nachgebaute Pompeius-Theater in Rom und der tusbogens aus Rom, vgl. Ñ Triumph und Ehrenbç-
in Rom kopierte Aphroditetempel von Eryx auf gen; das ›Hadrianstor‹ aus Athen als verschiedent-
Sizilien. Daneben gibt es Beispiele aus der griech. lich, u. a. in Eleusis kopiertes Vorbild). Daneben
Antike, z. B. die vergrçßerte Kopie des Asklepios- finden sich Teilkopien in grçßerem Umfang, z. B.
Tempels von Epidauros in Kos und das Heraion von die umfangreichen Rckgriffe auf die klassischen
Argos, verkleinert im Asklepieion von Messene Athener Akropolisbauten in Rom (Augustusforum),
wiederholt. In keinem dieser Flle sind allerdings Tivoli und in Athen (Monopteros vor dem Ñ Par-
Vorbild und Kopie gleichermaßen hinreichend gut thenon). Einen Sonderfall stellt die Ñ Villa des Ha-
erhalten, um nhere Rckschlsse ber den Grad drian in Tivoli dar, in der – eher im Sinne einer
der Genauigkeit und damit ber die Intentionen Imitation als einer Kopie – vorbildhafte Bauensem-
solcher B. zu ziehen. Nicht als B. zu verstehen bles aus dem gesamten rçm. Reich (besonders auch
sind im Sinne eines Ñ Archaismus erfolgte, minutiçse Griechenland und gypten) zu einer beinahe post-
Nachbauten prominenter Vorgngerbauten nach modern anmutenden Architektur-Kollage zusam-
deren Zerstçrung unter Beibehaltung charakteristi- mengefgt wurden.
scher Formdetails, ein Sachverhalt, der eher als Tra- Lit.: F. Felten, Antike Architekturkopien, in: Komos, Fs.
ditionspflege zu verstehen ist. Th. Lorenz, 1997, 61 –69. – D. Giraud, The Greater Pro-
Hufig hingegen sind konzeptionelle Adaptionen, pylaia at Eleusis, a Copy of Mnesikles’ Propylaia, in: S.
Walker (Hrsg.), The Greek Renaissance in the Roman
Teilkopien oder Zitate im weitesten Sinne bezeugt. Empire, Kongreß London (1986), 1989, 69 – 75. – H. v.
Bereits in der griech. Klassik sind vereinzelt Bau- Hesberg, Architekturkopien. Eine Form von Rechtfer-
konzepte von Tempeln mehrfach verwendet wor- tigung der Luxuria Privata, in: Bathron, Fs. H. Drerup,
den, ohne daß es dabei aber zu formidentischen 1988, 185 –193. – W. L. MacDonald, J. A. Pinto, Hadrian’s
Villa and its Legacy, 1995. – L. Schneider, Ch. Hçcker, Die
Kopien kam; bekannte Beispiele sind aus Athen
Akropolis von Athen, 2001.
der Hephaistos-Tempel auf der Agora und, davon
abgeleitet, der benachbarte Arestempel, ferner der
Athena-Nike-Tempel auf der Akropolis-Bastion, Baumaß Basiseinheit der antiken Bauplanung, vgl.
der im sog. Ilissos-Tempel (fr Artemis Agrotera?) Ñ Bauwesen. Als B. wird in der modernen archolo-
einen weniger bekannten Vorlufer aufweist, gischen Bauforschung dasjenige Lngenmaß be-
schließlich am Apollontempel von Bassae, der den zeichnet, welches das Gefge der Dimensionen
Apollontempel von Delpi verschiedentlich imitiert. und Distanzen eines Bauwerks vollstndig, wider-
Exakte B. finden sich darber hinaus verschiedent- spruchsfrei und zugleich mçglichst einfach aufschei-
lich bei einzelnen Gliedern bedeutender Bauten, nen lßt. Die diversen inschriftlichen und literari-
z. B. die seit dem 3. Jh. v. Chr. hufig nachgemachten schen Nachrichten aus der griech. und rçm. Antike
Kapitelle des Erechtheions. Die hellenistische Re- belegen, daß es ein solches B. im Entwurfs- und
prsentationsarchitektur verwendet insbesondere Bauprozeß gab und dabei berwiegend der Fuß
die dorische Bauordnung absichtsvoll retrospektiv als Maßeinheit Verwendung fand (wobei allerdings
und in diesem rezipierenden Sinne kopierend, wo- zu konstatieren ist, daß mindestens im antiken Grie-
bei hier aber eher allgemein auf das ›altehrwrdige‹ chenland eine grçßere Anzahl von Fußmaßen und,
Griechenland vorbildhaft Bezug genommen wird dementsprechend, von Maßsystemen insgesamt in
(z. B. in Pergamon, Athena-Tempel und Athena- Gebrauch war). Neben dem Fuß hat es, wie bei
Terrasse). Vitruv vielfach dargestellt, Module bzw. Ñ Embatere,
B. in engerem Sinne finden sich insgesamt am mithin relative Maßeinheiten ohne notwendig sinn-
hufigsten in der rçm. Antike, z. T. in Gestalt retro- vollen Bezug zu einem externen Maßsystem gege-
spektiver Adaptionen (Propylen des Heiligtums ben (vgl. auch Ñ Proportion) – ein Verfahren, das
Baumaterial 36

dann zu einem allein fr ein Bauwerk zutreffenden (Kapitelle, Geblk, Dachzone), wobei ein enger Zu-
Maßsystem fhrte (z. B. das Planungsmodul des Par- sammenhang zwischen B. und tektonischer Funk-
thenon in Athen mit einer Lnge von 7/8 attischen tion des Ornamenttrgers besteht. In der dorischen
Fuß). Das ›Herauslesen‹ eines antiken Maßsystems Bauordnung bleibt die Verwendung von B. ver-
vermittels einer modernen Bau-Vermessung ist von gleichsweise gering und berwiegend auf abstrakt-
vielfachen technischen und methodischen Kompli- geometrische Reihungen (Mander etc.) beschrnkt
kationen begleitet und hat in den vergangenen De- (Ausnahme: archaische Bauten besonders in West-
kaden zu erheblich kontroverser Befassung mit dem griechenland mit z. T. erheblichem Ausmaß an B.);
Thema in der Bauforschung Anlaß gegeben. Vgl. B. wird hier meist in gemalter Form aufgetragen. In
Ñ Lngenmaße. der ionischen Architektur tritt B. hingegen von
Lit.: Ch. Hçcker, Planung und Konzeption der klassischen Beginn an auch plastisch prgend in Erscheinung
Ringhallentempel von Agrigent, 1993, 36– 49. – D. Mer- (pflanzliche Ornamentfriese, Ñ Kymatien, Ñ Zahn-
tens, Entgegnungen zu den Entwurfshypothesen von J. de schnitt, Ñ Eierstab) und findet sich in der korinthi-
Waele, in: Archolog. Anzeiger 1981, 426 –430. – W.
Mller-Wiener, Griech. Bauwesen in der Antike, 1988, schen Ordnung ab dem 4. Jh. v. Chr. noch
31 f. – J. de Waele, The Propylaia of the Akropolis in gesteigert; beide Bauordnungen sind insgesamt ve-
Athens. The Project of Mnesikles, 1990. – B. Wesenberg, getabil-ornamental motiviert. Im 5. Jh. findet sich,
Die Metrologie der griech. Architektur. Probleme inter- insbesondere an Bauten Athens, der ionische Orna-
disziplinrer Forschung, in: D. Ahrens u. a. (Hrsg.), Ordo et
mentkanon hufig auf dorische Bauten bertragen.
Mensura 3, III, 195, 199 –222.
Insgesamt ist die Verwendung von B. im griech.
Tempelbau des 6. Jh. v. Chr. geprgt von der Auf-
Baumaterial Ñ Bautechnik und Baumaterial fassung, einzelne Bauteile als durchaus eigenstndi-
ge Weihungen zu verstehen, die in einem baulichen
Baunaht Markante, durch konstruktives Nach- Gesamtverbund im Heiligtum prsentiert wurden
einander im Bauprozeß bedingte Trenn-Naht (Fu- (vgl. Ñ Tempel); dieser Umstand erklrt die z. T. sehr
ge) zwischen zwei Bauabschnitten oder Bauteilen; verschieden ausdifferenzierte Verwendung von B.
meist ein Indiz fr zwei verschiedene Bauphasen bei gleichartigen Bauteilen, z. B. bei Sulenbasen
innerhalb eines Gebudes oder eine sptere Bau- oder Kapitellen. In diesem Kontext sind auch die
Restaurierung. frhen Ñ Sulenmonumente zu verstehen. Erst im
5. Jh. v. Chr. tritt eine Normierung im Sinne einer
Bauornamentik Neben der Ñ Bauplastik ist B. die Kanonisierung der Formen innerhalb der Ordnun-
zweite zentrale Kategorie fr die Dekoration von gen und der Anbringungsorte am Bauwerk ein.
Architektur; unter B. faßt man im Sinne des Orna- Auffllig bleibt eine Trennung zwischen der eher
ments (von lat. ornamentum, ›Zierde‹, ›Schmuck‹) tra- sprçden mutterlndischen B. und der zu allen Zei-
ditionell nicht-figrliche Verzierungen, wobei je- ten çstlich-orientalisch beeinflußten Ornamentik
doch diese Trennung unscharf sein kann (z. B. die der ionisch-kleinasiatischen Sphre.
ornamentale Reihung abstrahierter figrlicher Mo- In sptklassisch-hellenistischer Zeit erfolgt eine
tive im skythisch-thrakischen ›Tierstil‹ u. a. m.). Im deutliche Erweiterung der Ornamentmotive, z. B.
Gegensatz zur Bauplastik ist B. nicht auf plastische durch Integration figrlich-abstrakter Reihungen
Ausformung beschrnkt, sondern kann auch in an- (z. B. Bukranien- oder Girlanden-Friese u. a. m.),
deren Medien, z. B. in gemalter Form oder Toreutik was den kulturellen Verschmelzungs- und Integra-
in Erscheinung treten. tionsprozessen der nach Osten und Sden hin ori-
In der griech. Architektur ist B. zunchst weitest- entierten hellenistischen Monarchien mit den Re-
gehend auf die Sakralarchitektur beschrnkt, wobei gionen der ehemaligen orientalischen und gyp-
landschaftlich deutliche Unterschiede in Art und tischen Hochkulturen entspricht. Solche Akkultura-
Umfang der Ornamentverwendung zu konstatieren tions- und Assimilationsvorgnge lassen sich im
sind. Allgemein verbreitet ist die Anbringung von Bereich der B. besonders anschaulich verfolgen. Al-
Ornamentbndern an hçher gelegenen Bauteilen legorische und symbolische Aufladung von B. wird
37 Bauplastik

nun zur Regel; auch die Anbringungsorte von B. pflanzliche Themen zum Gegenstand hat (nicht
finden an den Architekturen kaum noch regelhafte aber Ornament, Farbe oder Malerei; vgl. dazu
Beschrnkung. Ñ Bauornamentik; Ñ Polychromie); eingeschlossen
War die B. bis in spthellenistische Zeiten immer wird in die B. konventionellerweise neben steiner-
noch gebunden an statisch-konstruktive Bereiche ner Skulptur auch die Verkleidung von Architekt-
der Bauwerke, so fhrten die Neuerungen der urteilen durch dekorierte Terrakottaplatten, die
rçm. Ñ Bautechnik (Ziegelbau, Zementbau) zu einer streng genommen nicht unter Plastik zu subsumie-
vollstndigen Trennung zwischen statischem Kern ren wren. Trger von B. sind in der Regel statisch
und seiner dekorativen Verkleidung (vgl. Ñ Inkru- unbelastete Teile eines Bauwerks. Umfangreiche
station). Entsprechend wandelt sich das Verstndnis Verwendung von B. kann programmatische Aus-
von B., die zunehmend als eine willkrlich erschei- sagen beinhalten; die Wahl szenischer Darstellun-
nende Anhufung dekorativer Elemente in Erschei- gen in der B. korreliert dabei meist mit dem Bau-
nung tritt und als ein Aspekt von berbordender werk, kommentiert, ergnzt oder erlutert es (vgl.
luxuria bisweilen auch heftig kritisiert wird, der vom z. B. den Ñ Parthenon auf der Athener Akropolis).
eigentlichen Bauwerk ablenkt (vgl. Vitruv 7, 5). Eine B. entsteht in Griechenland zeitgleich mit der
Trennung der ppig dekorierten staatlichen oder Monumentalarchitektur im 7. Jh. v. Chr. (Ñ Tem-
sakralen Reprsentationsarchitektur von einer pro- pel); vereinzelte Vorlufer wie die Reliefs am Lç-
grammatisch schlichten, undekorierten Nutzarchi- wentor in Mykene oder die B. der ddalischen Bau-
tektur wird die Regel. Besonders innerhalb der Sa- ten Kretas (Dreros, Prinias) blieben ohne Nachhall.
kralarchitektur entstehen neben geballten ber- Im Holzbau wird, besonders im Dachbereich, um-
einanderschichtungen pflanzlicher Ornamentbn- fangreicher Schmuck aus Terrakotta appliziert (Ñ A-
der und deren z. T. sehr inhomogenen krotere, Antefixe, Wasserspeier, Ñ Metopen; beson-
Kombination mit dem Kanon der griechisch-ioni- ders umfangreich findet sich Firstschmuck in Etru-
schen B. (besonders opulent unter den Flaviern am rien). Entsprechender Dekor in Hochrelief und
Ende des 1. Jh. n. Chr.) großformatige Ornament- Freiplastik begegnet schon an den frhen Steinbau-
gebilde mit durchdachter allegorischer Ausprgung ten des spten 7. Jh. v. Chr., wobei die Giebelreliefs
(z. B. die Rankenfriese an der Ara Pacis Augustae). (Kerkyra) als flchenmßig grçßter Bereich bald
Lit.: S. Altekamp, Zur griech. Architekturornamentik im 6. dominant in Erscheinung treten. Nach der Mitte
und 5. Jh. v. Chr., 1991. – H. Drerup, Zum Ausstattungs- des 6. Jh. v. Chr. wird das bis dahin ausschließlich
luxus in der rçm. Architektur, 21987. – H. v. Hesberg, mit Flach- oder Hochreliefs versehene Giebelfeld
Bauornament als kulturelle Leitform, in: W. Trillmich
(Hrgs.), Stadtbild und Ideologie, Kongreß Madrid 1987 (tympann) zunehmen hufig mit freiplastischen Fi-
(1990), 341 – 364. – ders., Ornamentum: Zur Verußerli- guren, Gruppen und ganzen Szenarien besetzt (Del-
chung architektonischer Schmuckformen in der Antike, in: phi; Siphnierschatzhaus; Athen, peisistratidischer
E. G. Schmidt (Hrsg.), Griechenland und Rom. Verglei- Tempel; gina, Aphaiatempel), ein im 5. Jh. v. Chr.
chende Unters. zu Entwicklungstendenzen und -hçhe-
im Mutterland dann beinahe regelhaftes Vorkom-
punkten der antiken Geschichte, Kunst und Literatur,
1996, 273 – 281. – T. Mattern, Gesims und Ornament, men von B. mit erheblichem semiotisch-kommuni-
1991. – P. Meyer, Zur Formenlehre und Syntax des griech. kativen Impetus.
Ornaments, 1945. – W. Mller-Wiener, Griech. Bauwesen Im Bereich der ionischen Architektur kommt
in der Antike, 1988, 112 –137. – A. v. Normann, Architek- Giebeldekor hingegen kaum vor; hier dominiert
turtoreutik in der Antike, 1996. – F. Rumscheid, Unters.
zur kleinasiatischen Bauornamentik des Hellenismus, Wandschmuck, fr szenische Darstellungen dient
1994. ein zunchst kurzer, bald auch gnzlich umlaufen-
der Ñ Fries aus Terrakotta oder, spter, auch aus
Bauplanung Ñ Bauwesen steinernem Relief (in die mutterlndisch-griech. Ar-
chitektur im 5. und 4. Jh. v. Chr. umfassend ber-
Bauplastik Unter B. wird in der klassischen Archo- nommen und z. T. nach innen [Bassae, Apollontem-
logie jedweder Baudekor verstanden, der in Rund- pel] oder an die ußeren Cellamauern [Athen, Par-
oder Reliefplastik ausgefhrt ist und figrliche oder thenon] versetzt). Eine ionische Besonderheit der B.
Baurecht 38

sind die columnae caelatae, eine reliefierte Zone am Griech. tektonische Friese archaischer und klassischer Zeit,
unteren oder oberen Ende der Sulenschfte (z. B. 1984. – M. Y. Goldberg, Types and Distribution of Archaic
Greek Acroteria, 1982. – H. Knell, Mythos und Polis, 1990.
am Artemision von Ephesos). – E. V. Mercklin, Antike Figuralkapitelle, 1962. – N. A.
Weitere Elemente der griech. B. sind das Figural- Winter, Greek Architectural Terracottas, 1993.
kapitell mit seiner vollplastischen Ausformung
(Ñ Kapitell) sowie die verschiedenen, z. T. tektonisch
in das Bauwerk eingebundenen Sttzfiguren (Ka- Baurecht Rechtsnormen und Bauvorschriften hat es
ryatiden als ›Sulenersatz‹, z. B. an den kykladischen in der griech. Antike in nicht ganz geringer Zahl
Schatzhusern des 6. Jh. v. Chr. in Delphi; Atlanten gegeben, jedoch sind deren Details nur fragmenta-
als Trgerfiguren, z. B. am ›Olympieion‹ von Akra- risch berliefert. Zentraler Gegenstand von Rege-
gas). lungen waren die Nutzung des Staatslandes (ins-
Rçm. Sakralarchitektur ist weit weniger intensiv besondere fr privatwirtschaftlich orientierte Bau-
mit konventioneller B. dekoriert, dabei aber keines- Aktivitten) sowie die Prinzipien von Landvertei-
wegs schmucklos (jedoch berwiegend mit ver- lung und Landnutzung im Rahmen stdtischer
schiedenem metallenem, appliziertem Zierrat, di- Neugrndungen (Kolonien) bzw. Stadterweiterun-
versen Ñ Polychromien und Ñ Inkrustationen ver- gen. Allgemein war es verboten, in çffentliche Be-
sehen). Giebel, Geblke und Metopen sind ber- reiche (Straßen, Stadtmauern, Pltze u. a. m.) hinein-
wiegend nicht figrlich, sondern mit Emblemen zubauen oder sonstwie çffentlichen Grund privat in
oder Kultgegenstnden verziert. Besonderheiten Beschlag zu nehmen; daß dies ein hufig vorkom-
sind die ußeren, oft auch inneren Wandreliefs di- mendes Problem in den griech. Poleis des 6. –4. Jh.
verser großer Ñ Altaranlagen, z. B. der Ara Pacis Au- v. Chr. gewesen sein muß, bezeugt der Umstand,
gustae, die jedoch, wie der Dekor diverser Ñ Sieges- daß Staatsbeamte (in Athen die astynmoi) eigens fr
monumente und Ñ Grabbauten, bild-thematisch diesen Bereich als Kontrolleure abgestellt wurden,
meist an einen aktuellen Anlaß gebunden und ent- die weitgehende Befugnisse (bis hin zur Dekretie-
sprechend vielseitig sind. Besonders eng ist diese rung von Enteignungen) besaßen. In Olynth gab es
Verbindung bei diversen Ñ Sulenmonumenten der neben Bestimmungen ber die Bauweise von Pri-
Kaiserzeit. Bei çffentlich-reprsentativer Profanar- vathusern innerhalb der Ñ Insulae offenbar auch
chitektur der Kaiserzeit dominieren mythische Vorschriften ber den Ort der Ansiedelung von
oder historische Friese, mit oft komplexen Vermen- Lden und Geschften (nur an einzelnen Haupt-
gungen der Realittsebenen und -bezge im Bild straßen); das Ausmaß der çffentlichen Kontrolle
(Rom, Augustusforum). Einzelne Bautypen, wie ber den Baubereich zeigen dort die Kataster mit
z. B. der Ñ Triumph- und Ehrenbogen, werden ab ihrer Erfassung von Besitz- und Mietverhltnissen
dem spten 1. Jh. n. Chr. weitgehend zu Trgern sowie den aktuellen Grundschulden.
von B. reduziert, wobei ausgeklgelte ikonographi- In Rom hat die Regelung von Nachbarschafts-
sche ›Programme‹ die Regel werden (Benevent, streitigkeiten eine bis auf das Zwçlftafelgesetz zu-
Trajansbogen; Rom, Septimius-Severus-Bogen). rckreichende Tradition (dort Tafel 7); es regelt
Eine Spezialitt rçm. B. ist die dekorativ wie auch Mindestabstnde zwischen Gebuden (2,5 Fuß =
bildinhaltlich motivierte Verwendung von Ñ Spo- ca. 75 cm) ebenso wie es im Konfliktfall Klagen
lien, sei es als Wiederverwendungen originaler auf Grenz- bzw. Flurbereinigungen vor einer ber-
griech. B. (Rom, Apollon Sosianus-Tempel), sei es geordneten Instanz ermçglicht. Die Verrecht-
als Neumontage rçmerzeitlicher Erzeugnisse (Rom, lichung des Lebens in der rçm. Antike erfaßt auch
Konstantinsbogen). den Baubereich und fhrt hier zu Regularien, die bis
heute aktuell sind, etwa die Prinzipien der Grund-
Lit.: B. Ashmole, Architect and Sculptor in Classical Gree- dienstbarkeiten und Wegerechte; Gebudehçhen
ce, 1972. – N. Bookidis, A Study of the Use and Geogra-
phical Distribution of Architectural Sculpture in the Ar-
und eine Gleichberechtigung der Eigentmer
chaic Period, 1979. – A. Delivorias, Attische Giebel-Skulp- beim Lichteinfall in Gebude (Verbauungsverbote)
turen und Akrotere des 5. Jh. v. Chr., 1974. – F. Felten, waren in diesem Rahmen geregelt. In der Kaiserzeit
39 Bautechnik und Baumaterial

gab es fr Großstdte wie Rom verschiedene bau- und der hochspezialisierten Handwerker-Unter-
polizeiliche Vorschriften, die insbesondere durch nehmer (Ñ Bauwesen) ebensowenig verstndlich
Feuersbrnste und Hauseinstrze motiviert waren; wie die rçm. Ñ Zementbauweise, deren revolution-
die Maximalhçhe von Husern war z. B. auf 70 Fuß re Effektivitt sich erst aus der Beschftigung eines
(ca. 21 m) festgelegt. Gegenstand von gesetzlichen ganzen Heeres von ungelernten Hilfskrften unter
oder verordnungsmßigen Beschrnkungen waren der Leitung von Ingenieuren und Spezialisten fr
auch der Abbruch von Wohnhusern und die den Ñ Holzbau (Ñ Architekt) erklrt. Zu weiteren,
Grundstcksspekulation. Enteignungen waren im- hier nicht eingehender thematisierten Aspekten
mer mçglich, wenn private Bauten oder privater der antiken B. vgl. Ñ Gewçlbe- und Bogenbau;
Grundbesitz einem staatlich-stdtischen oder sakra- Ñ Grabbau; Ñ Hafenanlagen; Ñ Kuppel, Kuppelbau;
len Bauvorhaben im Wege stand; enteignete Per- Ñ Mauerwerk; Ñ Steinbruch; Ñ berdachung.
sonen wurden in der Regel aber adquat entsch-
digt. B. Griechenland
Zu Regularien der Unterhaltung çffentlicher und 1. Material
privater Bauten Ñ Bauwesen. Wichtigste Baumaterialien waren Stein und Ñ Holz,
Lit.: W. Hoepfner, E.-L. Schwandner, Haus und Stadt im daneben luftgetrocknete oder gebrannte Ñ Ziegel
klassischen Griechenland, 21994, 352 s.v. Bauvorschriften. aus Lehm oder Ton, Terrakotta, verschiedene Me-
– A. Kolb, Die kaiserliche Bauverwaltung in der Stadt Rom, talle sowie Ñ Stuck, Mçrtel und andere Bindemittel.
1993. – S. D. Martin, The Roman Jurists and the Organi-
sation of Private Building, 1989. – J. M. Rainer, Bau- und Die griech. Architektur bestand nur in ihren repr-
nachbarrechtliche Bestimmungen im klassischen rçm. sentativen und fortifikatorischen Formen (Ñ Militr-
Recht, 1987. bauten) aus monumentalen Quaderbauten, ins-
gesamt mehrheitlich aus einer meist schlecht erhal-
Bautechnik und Baumaterial tenen Kombination von Holz-, Lehm- und Bruch-
A. Definition steinbauweise. Bevorzugter Stein war Ñ Poros, ein
Material und Konstruktionstechnik der griech. und regional unterschiedlich hart anstehender Kalkstein,
rçm. Architektur sind seit dem 19. Jh. bevorzugter sowie Ñ Marmor; hrtere Steinsorten wie Granite
Gegenstand der neuentstandenen archologischen oder Basalte wurden meist nur als Bruch fr Fun-
Bauforschung gewesen; das Erkenntnisinteresse damente und Verfllungen verwendet, bisweilen
galt, anders als in der Kunstarchologie dieser Zeit, aber auch in konstruktivem Verbund, z. B. bei der
besonders auch dem antiken Rom und war dabei dekorativ motivierten Verwendung verschiedenfar-
lange verknpft mit den modernen technischen biger Steinsorten (z. B. am Erechtheion und dem
Ambitionen der Architektur des 19. und frhen ›Eumenes-Pfeiler‹ in Athen, vgl. Ñ Polychromie).
20. Jh. Als Quellen fr berlegungen zur B. dienten Die Erschließung von Steinbrchen wurde um
neben den zahlreichen Spuren antiker Arbeitspro- 600 v. Chr. notwendig, als neue, reprsentative For-
zesse an Bauwerken, Baustellen oder Steinbrchen men çffentlichen Bauens (Ñ Tempel) entstanden, fr
vor allem die bisweilen detaillierte literarische und die grçßere Blçcke in einer Anzahl bençtigt wur-
inschriftliche berlieferung sowie vereinzelt Funde den, wie sie sich nicht mehr aus Lese- oder Feld-
von Werkzeugen und bildlichen Darstellungen an- steinen decken ließ; besonders Marmorvorkommen
tiker Bauprozesse (vgl. z. B. das Relief vom Haterier- gehçrten seit dem 6. Jh. v. Chr. zu den begehrten
Grab in Rom). Bis heute berwiegt die Forschung Bodenschtzen der griech. Welt. Holz war nicht nur
zu praktisch-technischen Gesichtspunkten; zu kon- fr Pfostenwnde mit Flechtwerk oder Lehm- bzw.
statieren ist darber hinaus jedoch, daß Entwicklun- Bruchsteinbauweise sowie im frhen Holztempel-
gen und Vernderungen der antiken B. eng ver- bau, sondern auch zu allen Zeiten fortgeschrittener
flochten waren mit sozialen und wirtschaftlichen Steinbauweise immer unverzichtbares Baumaterial
Gegebenheiten der antiken Gesellschaften. Die fr Dach- und Tragekonstruktionen, Brcken, Zwi-
griech. Quaderarchitektur etwa ist ohne Kenntnis schendecken, Sttzen, fr Fachwerke und alle Be-
der sozialen und politischen Rolle ihrer Bautrger reiche des Innenausbaus. Daneben war Holz im
Bautechnik und Baumaterial 40

Griechische Quaderbautechnik:
Versatz und Verklammerung.

oder als Rohstoff fr Architekturteile (Simen, Roh-


Griechische Quaderbautechnik: re, Ñ Ziegel). Luftgetrocknete Lehmziegel wurden
Bruch und Transport von Baumaterial. trotz geringer Haltbarkeit aus Kostengrnden um-
fassend, bis ins 4. Jh. v. Chr. hinein sogar fr Stadt-
Bauprozeß allgegenwrtig fr Gerste und Krne, mauern, verwandt. Gebrannte Mauer-Ziegel begeg-
Verdbelungen, diverse Transportvorrichtungen nen in Griechenland ab ca. 400 v. Chr., gehuft aber
und andere Werkzeuge. Verwendet wurden ber- erst im Hellenismus. Gebrannte Formstcke fr
wiegend heimische Nadelhçlzer (Fichte, Kiefer, Zy- Tonrohre, Ñ Akrotere, Metopenplatten, vor allem
presse), ferner Eiche oder Pappel; der große Bedarf aber Dachziegel, Simen, Wasserspeier und Firstele-
auch fr andere Zwecke (Schiffbau) machte Holz zu mente sind seit ca. 700 v. Chr. in der griech. Bau-
einem erstrangigen und auch militrstrategisch be- kunst gelufig (Ñ Bauplastik). Außer fr die Herstel-
deutsamen Handels- und Importgut (vgl. z. B. die lung von Werkzeugen sind an Metallen in der
extreme Abhngigkeit Athens von Holzimporten griech. B. meist Eisen, Bronze und Blei verwendet
aus der Schwarzmeerregion im 5. Jh. v. Chr.). worden. Aus Bronze, ab dem 6. Jh. v. Chr. auch aus
Schon in der frhgriech. Architektur finden sich Eisen, bestanden Ngel, Beschlge und Verdbelun-
Lehm und Ton als Mçrtel, Fll- und Dichtmasse gen, Haken und Armierungen (z. B. Architrave der
41 Bautechnik und Baumaterial

Propylen der Athener Akropolis), vor allem aber bile, reißfeste Seile zum Fixieren der Ñ Kurvatur,
die Klammern, durch die die einzelnen Quader aber auch fr Transport und Versatz der Bauglieder.
miteinander verbunden wurden; sie wurden nach Der Materialtransport vom Steinbruch zur Baustelle
ihrer Einlassung in den Stein mit Blei vergossen. konnte schon bei kleinen Bauten ein erheblicher
Edelmetalle und Glasfluß wurden bisweilen als Kostenfaktor sein (Epidauros, Asklepiostempel)
prunkvoller Dekor verwandt (Kapitelle der Nord- und geriet bisweilen zur Geste herrscherlicher
halle des Erechtheions auf der Athener Akropolis; Großzgigkeit (Transport ganzer Gebude als Bau-
Ñ Polychromie). Als Bindemittel war Lehm gelufig, satz an ihren spteren Standort, z. B. die Eumenes-
auch als Verputz (z. T. vermischt mit Hcksel); Stoa in Athen). Der Landtransport großer und
Kalk- oder Gipsmçrtel als Binder entstand im Helle- schwerer Bauteile geschah mittels Wagen, auf Roll-
nismus, wasserdichter Putzmçrtel schon im 6. Jh. hçlzern oder durch spezielle, rollbare Holzverklei-
v. Chr. (Korinth, Asklepieion), der fr Unterwasser- dungen bzw. Walzenkonstruktionen, wie sie etwa
bauten (Ñ Hafenanlagen) und zum Abdichten von Ñ Chersiphron fr die bis zu 70 t schweren Bauteile
Ñ Zisternen diente. Stuckierter Innendekor bestand des archaischen Artemision von Ephesos konstruiert
meist aus leichtem Gipsmçrtel; der feine Marmor- hat. Als Zugtiere dienten meist Ochsen. ber grç-
stuck, mit dem Porosbauten durch eine ca. 5 mm ßere Entfernungen war der Schiffstransport blich,
starke Schicht berzogen wurden, war eine Mi- setzte aber steinbruch- und baustellennahe Hfen
schung aus Kalk, Sand und Marmormehl. mit geeigneten Ver- und Entladegerten voraus.
Der fortgeschrittene griech. Quaderbau im 5. Jh.
2. Werkzeuge und Transport v. Chr. konstruierte die zunehmend grçßeren Bau-
Stein wurde mit Hmmern, Schlegeln, Keilen, Mei- ten aus einer zunehmend grçßeren Menge immer
ßeln und Bohrern fr verschiedene Feinheitsgrade kleinerer Bauteile, was in eben diesem Sinne als eine
bearbeitet, frisch gebrochene Blçcke wurden mit gezielt eingeplante Verringerung der Transportpro-
Sgen zerteilt. Runde Bauglieder (Basen, Trommeln bleme zu verstehen ist.
und Kapitelle der Ñ Sule) wurden auf großen Dreh-
scheiben gedrechselt bzw. profiliert. Zum Bauhand- 3. Konstruktion
werkszeug gehçrten Stahlnadeln und Zirkel fr Ris- Fr Fundamente wurde anstehender Fels bevor-
se (Ñ Aufschnrung), Winkeleisen, Lote, Raspeln zugt; die Gestalt knstlicher Fundamentkonstruk-
sowie Schablonen als Vorlagen fr Profile und Farbe tionen ist ansonsten abhngig von Baugrçße und
fr Markierungen. Gerste, Krne und Flaschenz- Gelnde. Wohnhuser waren oft nur mit einer ein-
ge bildeten z. T. komplizierte mechanische Kons- fachen Bruchsteinpackung fundamentiert. Massive
truktionen. Von erheblicher Bedeutung waren sta- Fundamentierung ist selten und auf sehr schlechten

Griechische Quader-
bautechnik: verschiedene
Klammerformen,
6. – 2. Jh. v. Chr.
Bautechnik und Baumaterial 42

Beim Quader- und Sulenbau wurden die im


Steinbruch vordimensionierten Blçcke auf der Bau-
stelle weiter ins Maß gebracht und hinsichtlich ihrer
Positionierung gekennzeichnet (vgl. Abb. Ñ Bauwe-
sen), beim Versatz zum Schutz vor Beschdigungen
aber in Ñ Bosse belassen. Einzelne Hebebossen,
Stemmlçcher, Aussparungen fr Greifzangen oder
einen ›Wolf‹ ermçglichten den Versatz mit Krnen
und Hebeln. Sulen und Architrave waren nur im
6. Jh. v. Chr. monolithisch; die Verwendung von
Sulentrommeln und Architraven aus zwei oder
drei parallelen Steinen (Ñ Epistylion) bedeutete
eine erhebliche Vereinfachung von Transport und
Versatz. Die Kontaktflchen von Sulentrommeln
oder Quadern wurden zur Erhçhung der Paßgenau-
Griechische Bautechnik: verschiedene Hebeverfahren.
igkeit durch Ñ Anathyrose minimiert, die Bauglieder
mit Klammern arretiert bzw. Sulentrommeln mit
Baugrund beschrnkt (Delphi, Tholos in der Mar- Dbeln gesichert. Brche und Absplitterungen wa-
maria); blich waren Rost-, Streifen- oder Punkt- ren besonders am sprçden Marmor hufig und wur-
fundamentierungen, seltener Pfahlgrndungen zur den durch Flickungen repariert. Erst nach Ende des
Stabilisierung besonders belasteter Gelndepartien. Versatzes wurden Bossen, Kantenschutz und Saum-
Fundamente beinhalten des çfteren Material von schlag abgearbeitet, blieben bisweilen aber auch, als
Vorgngerbauten und bestanden aus geschichtetem sthetisch motivierte ›Unfertigkeit‹, erhalten. Ab-
Bruchstein, in klassischer Zeit auch aus sauber ge- schließend wurden die Sulen nach der Vorgabe
fugten Quaderlagen, oft mit Steinschnitt. Erst die auf der untersten, manchmal auch der obersten
leicht ber das Bodenniveau aufragende Ñ Euthyn- Sulentrommel mit einer Ñ Kannelur, Porosbauten
terie war nivelliert und mit Klammern fixiert; auf mit Stuck und in allen Fllen die Kapitell- und
ihr erhob sich die gestufte Ñ Krepis mit dem Ñ Stylo- Geblkzone mit Malerarbeiten versehen (Ñ Poly-
bat als der Standflche von Sulen und Mauern. Die chromie). Zahlreiche Ñ ›Optical Refinements‹ wie
Konstruktion aufgehenden Ñ Mauerwerks war ab- die Ñ Kurvatur des Stylobats (die bisweilen das ge-
hngig vom Material; hçlzerne Sulen, Flechtwerk- samte Gebude bis in die Dachzone durchzog, wie
oder Lehmziegelwnde standen zum Schutz vor z. B. am Ñ Parthenon), die Ñ Inklination und die Ñ En-
Staunsse auf niedrigen Basen oder Sockeln. Im tasis der Sulen bildeten eine erhebliche Erschwe-
Steinbau wurden die Blçcke zunchst nur ungefhr rung der Bauaufgabe und erforderten ußerste tech-
paßgenau geschichtet und mit Bruchstein verfugt nische Przision.
(mykenisches Zyklopenmauerwerk), spter exakt
gefugt, entweder in isodomer (d. h. Schichtung aus C. Rom
gleichhohen Lagen), pseudo-isodomer (d. h. Schich- In der rçm. Antike blieben wesentliche Prinzipien
tung aus unterschiedlich hohen Lagen) oder poly- der griech. B. wie die Holz-Lehm-Bruchsteintechnik
gonaler Form, wobei besonders bei Stadtmauern fr anspruchslose Zweckarchitekturen (z. B. Wirt-
sptklassischer und hellenistischer Zeit Oberfl- schafts- oder Militrbauten) und die ber Etrurien
chenstruktur und Fugenverlauf regelrecht knstleri- vermittelte Quadertechnik in Gebrauch; der fr ita-
schen Charakter annehmen konnten. Steinmauern lische Quaderbauten oft verwendete weiche, leicht
konnten massiv oder zweischalig sein; zweischalige zu bearbeitende und zu versetzende, berall anste-
Mauern wurden mit Schotter verfllt und zur Sta- hende Tuff erforderte dabei in erhçhtem Maße eine
bilisierung des Verbunds regelmßig mit quer Behandlung der porçsen Oberflche, machte jedoch
durchgehenden Steinlagen gesichert. zugleich viele der in der griech. B. durch die Sprçd-
43 Bautechnik und Baumaterial

heit des Steins motivierte Schutzvorkehrungen fr


den Versatz berflssig. Konsistenz und Frbung des
Tuffs ermçglichen hufig eine Zuordnung zu be-
stimmten Brchen und damit eine zeitliche Eingren-
zung des Baues oder der Bauphase, da einzelne Br-
che oft nur wenige Jahrzehnte benutzt wurden.
Eine Besonderheit rçm. B. ist die hufige optische
Heraushebung technisch-konstruktiver Baupartien,
z. B. der Fundamente oder Substruktionen, als ein
Ergebnis rçm. Vorstellungen von der berwindung
der Natur durch Kultur (Ñ Architektur). Darber
hinaus kam es in der rçm. B. seit dem 2. Jh. v. Chr.
zu Neuerungen, in denen der besonders enge Zu-
sammenhang zwischen technischer Innovation,
dem Entstehen neuer Bautypen und –formen, den
politisch-ideologischen Rahmenbedingungen sowie
den sozialen und logistischen Organisationsformen
des Ñ Bauwesens evident wird. Das Aufkommen der
Ñ Zementbauweise mit ihrer mittels Holzverscha-
lung fast universellen Formbarkeit und der nahezu
unbegrenzten Haltbarkeit und Belastbarkeit bot ei-
nen billigen, nach Belieben verfgbaren und schnell
herzustellenden Baustoff, dessen Verarbeitung
berdies nur wenige hochspezialisierte Fachleute
fr Planung, Baustellenlogistik und den Bau der
Holzverschalungen bençtigte, darber hinaus ledig-
lich eine große Zahl angelernter Hilfskrfte. hn-
liche Vorteile (Formbarkeit der Architektur, Halt-
barkeit, billige und schnelle Herstellung und Ver-
arbeitung durch große Trupps angelernter Krfte)
bot die ebenfalls im 2. Jh. v. Chr. stark zunehmende
Verwendung gebrannter Ziegel, wo Zement-Mçrtel
als dauerhafter Binder fungierte. Vor allem der
Gußzement ermçglichte neue Bauformen und da-
mit neue Bautypen; Ñ Gewçlbe- und Bogenbau so-
wie der Guß von Ñ Kuppeln finden sich hufig als
neue Formen der Ñ berdachung. Voraussetzung
waren hier spezielle, durch Beimischung von Bims-
stein oder Lavabrçsel gewichtsreduzierte Zement-
mischungen und kunstvolle Holzverschalungen als
Gußformen. Hochhaushnliche Geschoßbauten
entstanden bis an die Grenze des ohne Metallskelett
statisch Mçglichen (in Rom bis zu 7 Stockwerken,
Ñ Haus); Brcken (Ñ Straßen- und Brckenbau) und
Aqudukte im Rahmen der Ñ Wasserversorgung mit
Rçmische Bautechnik: Erstellung und Verblendung z. T. erheblichen Spannweiten fhrten auf hohen
eines Zementkerns. Pfeilern ber Tler und Flsse.
Bautechnik und Baumaterial 44

Antike Bauwerkzeuge:
verschiedene Hmmer,
Meißel, Pick- und Ritzgerte
(Rekonstruktionen).

Von Beginn an wurde der schmucklose Guß- truktiven Bauzusammenhngen (Porphyr, Granite,
zement mit einer dekorativen Verkleidung aus Zie- Basalte auch fr Sulen, Geblke und Quader) fhr-
geln oder Tuffsteinen (Ñ Mauerwerk) verblendet. te. Besonderer Wert wurde auf die Farbigkeit des
Die verschiedenen Verkleidungsformen gelten trotz Materials (Ñ Polychromie) gelegt. hnlich aufwen-
ungelçster Probleme weiterhin als eine Mçglich- dig wurden auch die Fußbçden von Bauten gestaltet
keit, Bauten bzw. einzene Bau- oder Restaurie- (Ñ Pavimentum); verschiedene Ziegeltechniken,
rungsphasen zeitlich einzugrenzen. Seit der spten kostbare Plattenbelge und Mosaike sind in çffent-
Republik wurden auch Ziegelbauten als zuneh- lichen Bauten der rçm. Kaiserzeit die Regel.
mend schmucklos empfunden und mit vorgeblen- Lit.: J. P. Adam, La construction romaine, 1984. – R. Gi-
deten Platten aus Travertin, Marmor der anderen nouv s, R. Martin, Dictionnaire mthodique de l’archi-
Hartsteinsorten verkleidet (Ñ Inkrustation). In der tecture grecque et romaine, Bd. 1 – 3, 1985– 1998. – M.-Ch.
Kaiserzeit entstand aus reprsentativen Bedrfnis- Hellmann, L’architecture grecque I: Les principes de la
construction, 2001. – A. Hoffmann u. a. (Hrsg.), Bautechnik
sen heraus ein regelrechter Materialluxus, der zur der Antike, 1990. – T. E. Kalpaxis, Hemiteles. Akzidentelle
Verwendung immer aufwendigerer Bauverkleidun- Unfertigkeit und ›Bossen-Stil‹ in der griech. Baukunst,
gen und immer edlerer Steinsorten auch in kons- 1986. – R. Martin, Manuel d’architecture grecque 1. Mat-
45 Bauwesen

riaux et techniques, 1965. – W. Mller-Wiener, Griech. parate und widerspruchsvolle Forschungslage ge-
Bauwesen in der Antike, 1988, 40 – 111. – A. Orlandos, Les kennzeichnet; zu sozialen Aspekten des B. vgl.
matriaux de construction et la technique architecturale des
anciens Grecs 1– 2, 1966/68. – F. Rakob, Hellenismus in
auch Ñ Architekt.
Mittelitalien: Bautechnik und Bautypen, in: P. Zanker
(Hrsg.), Hellenismus in Mittelitalien, Kongreß Gçttingen B. Rahmenbedingungen
1974 (1976), 366 – 386. – ders., Opus Caementicium und Die lebenspraktischen Aspekte des Bauwesens, das
die Folgen, in: Mitteilungen des DAI, Abt. Rom 90, 1983,
Ñ Baurecht sowie Probleme von Reparatur und In-
359 – 372.
standhaltung existierender Gebude waren in griech.
und rçm. Zeit grundverschieden und insgesamt ab-
Bauunterhaltung Ñ Bauwesen, Abschnitt B hngig vom jeweiligen politischen, çkonomischen
und sozialen Umfeld. Im privaten griech. B. scheint
Bauwesen es kaum Reglementierungen gegeben zu haben;
A. Definition, Abgrenzung, Forschungs- Konflikte um zu weit berstehende Balkone etc.
situation wurden fallweise gelçst und waren offenbar selten
Der soziale, organisatorische, finanzielle und juristi- (vgl. Aristoteles, Oeconomica 2, 2, 4). Inwieweit im
sche Hintergrund antiker Ñ Architektur ist in den Rahmen von Stadtneugrndungen (z. B. bei der An-
letzten Jahrzehnten zum bevorzugten Gegenstand lage von Kolonien) Einfluß auf die Gestaltung von
einer gesellschafts- und wirtschaftsgeschichtlich ori- Husern (die sich auf grundstzlich immer gleich
entierten Archologie geworden; die auf Erfassung großen Flchen im Rahmen eines Straßenrasters er-
und monographische Beschreibung einzelner Bau- hoben, vgl. Ñ Insula; Ñ Stdtebau) genommen worden
werke sowie im weiteren Sinne auf die Ñ Bautechnik ist, wird kontrovers diskutiert. Die Instandhaltung
ausgerichtete archologische Bauforschung hat diese privater Bauten oblag grundstzlich dem Besitzer.
Umfeld-Aspekte hingegen nur am Rande (und ffentliche Bauten der griech. Polis wurden von
wenn, dann berwiegend aus technisch-form- dem Gremium der astynmoi, einer Behçrde mit
geschichtlicher Perspektive, z. B. hinsichtlich der meist jhrlich wechselnden Mitgliedern, bisweilen
Maßanalysen oder einer mçglichen Form- und Ent- unter Hinzuziehung eines Architekten verwaltet
wurfstradierung durch Bauhtten etc.) thematisiert. und ggf. auf Kosten der Polis repariert. Fr den
Im Zentrum stand dabei, korrespondierend mit dem Unterhalt von Ñ Zisternen ist mehrfach die Gesamt-
dominanten Interesse am griech. Tempelbau, ber- verantwortlichkeit und damit ein Instandhaltungs-
wiegend das griech. B. archaischer und klassischer zwang der Brgergemeinschaft (offenbar durch an-
Zeit, das sich indessen aus einer Synopse nicht zeit- teilige Umlagen) belegt. In Heiligtmern war das
gençssischer literarischer Quellen, zeitnherer In- Gremium der naopoı´oi fr Erhalt und Pflege der
schriften (meist aus dem 4. Jh. v. Chr.) sowie aus Architekturen verantwortlich. Mittel fr den Unter-
authentischen Werkspuren an den Bauten nur teil- halt waren bei den im Hellenismus stark zunehmen-
weise erschließt; zahlreiche Details werden weiter- den Baustiftungen meist Bestandteil der Stiftungs-
hin kontrovers diskutiert. Das rçm. B. war dem- summe, so daß den auf diese Weise geehrten Stdten
gegenber als Forschungsthema weniger prsent: oder Heiligtmern zumindest zunchst keine wei-
zum einen, weil viele Details von Ñ Vitruv als hin- teren Unterhaltungskosten entstanden.
reichend ausfhrlich geschildert gelten, zum ande- In Rom unterstand das çffentliche B. einem der
ren, weil weitere literarische Nachrichten eine enge Censoren, der fr die Instandhaltung (besonders der
Verzahnung der Bauorganisation, -gesetzgebung Mauern, der Wasser- und Abwasserleitungen und
und -finanzierung mit dem Verwaltungszentralis- der Straßen) einen Etat verwaltete, dessen Verwen-
mus des Kaiserhofes nahelegen, so daß viele der dung zu Beginn eines jeden Amtsjahres fest-
seit etwa 1970 in der Forschung diskutierte Pro- geschrieben wurde; in anderen Stdten im Imperi-
blemstellungen fr die rçm. Architektur als gegen- um Romanum fiel diese Aufgabe den Duumviri
standslos erschienen. Die hier unter B. gefaßten bzw. anderen Magistraten zu. Die Tendenz zur
Phnomene sind derzeit insgesamt durch eine dis- Verrechtlichung der rçm. Gesellschaft zeigt sich
Bauwesen 46

auch im B. Verschiedene Gesetze regelten mindes- inschriften, die sich zu den wichtigsten primren
tens fr die Stadt Rom die erlaubte Bauhçhe, die Zeugnissen bauhistorischer Vorgnge entwickeln.
Mindestbreite von Straßen und die Mindestabstn- ber Organisation und sozialen Status griech.
de zwischen Gebuden; Verstçße gegen diese Nor- Bauhandwerker im 6. und 5. Jh. v. Chr. herrscht
men waren indessen hufig, dabei letztlich aber nur Unklarheit; erste Inschriften des spten 5. und fr-
selten Gegenstand von Prozessen. Ebenfalls gesetz- hen 4. Jh. v. Chr. geben detaillierte Aufschlsse, die
lich geregelt waren Enteignungen und Entschdi- aber kaum vorbehaltlos auf frhere Zeiten rck-
gungen von Grundbesitz im Vorfeld çffentlicher bertragen werden kçnnen. Die Abrechnungs-
Baumaßnahmen, nicht hingegen die besonders im inschriften des Erechtheions auf der Athener Akro-
1. und 2. Jh. n. Chr. z. T. hemmungslose Spekulation polis (z. B. IG I3 474) lassen ein kleingewerblich
mit Wohnraum, besonders in den Zentren von organisiertes B. aufscheinen; die dort verzeichneten
Großstdten. Griech. und rçm. B. ist zu allen Zeiten 107 Handwerker waren, von 9 Hilfskrften abge-
von religiçsen, z. T. aberglubischen Handlungen sehen, spezialisierte Facharbeiter (Steinmetze, Zim-
begleitet gewesen; Ausgrabungen haben hufig Res- merleute, Bildhauer) und setzt sich aus Brgern,
te von Bauopfern, z. T. den heutigen Grundsteinle- Metçken (freie Einwohner ohne Brgerrechte)
gungen hnlich, zutage gebracht. Auch sind vielfach und in Firmendiensten ttigen Sklaven zusammen;
aufwendige Zeremonien fr den Akt der Einwei- sie galten als ›Techniten‹ (Ñ Kçnnensbewußtsein)
hung çffentlicher Neubauten berliefert. und waren in der sozialen Ordnung durchweg der
banausia, dem aus Sicht der Aristokratie minderen
C. Bautrger und Handwerker Stand handwerklich Ttiger zugehçrig. Zumindest
Die verschiedenen Bautrger und die Bauhandwer- in Athen waren sie sich jedoch seit dem frhen 5. Jh
ker sind die im antiken B. hauptschlich agierenden v. Chr. ihrer ideologie- und staatstragenden Rolle
Personengruppen; die Interaktion dieser Gruppen innerhalb der Demokratie bewußt. Ihre Beschfti-
wird jedoch bereits frh von koordinierenden Gre- gung erfolgte im Tagelohn und wurde gegen Ende
mien (Baubehçrden und Baukommissionen; s. hier des 5. Jh. v. Chr. in Athen durchweg mit einer
Teil E) oder Einzelpersonen (Ñ Architekt) beeinflußt. Drachme pro Tag vergtet, was einem durch-
Als Bautrger treten im griech. B. zuerst die Stadt- schnittlichen Verdienst entsprach. Erst im spten
staaten in Erscheinung, durch deren Konstituierung 5. Jh. v. Chr. sind pauschalierte Kontrakte im Sinne
im 8./7. Jh. die frhesten Großbauten mit komple- heutiger Werkvertrge bezeugt, zunchst in gerin-
xerer Bauorganisation motiviert waren (erste Tem- gem Umfang (z. B. am Erechtheion fr das Kanne-
pel aus Stein ab dem spten 7. Jh. v. Chr.). Wichtige lieren einer Sule), um 380/70 v. Chr. am Askle-
Bautrger waren daneben die Priesterschaften der pios-Tempel von Epidauros (IG IV2 1, 102) dann
Heiligtmer mit ihren z. T. betrchtlichen finanziel- aber schon in einem so erheblichen Ausmaß, daß
len Mitteln (jedoch beschrnkt auf Bauaufgaben in- grçßere Baubetriebe, Betriebskooperationen und
nerhalb des jeweiligen Heiligtums) sowie die Tyran- ein ausdifferenziertes Subunternehmertum voraus-
nen des 7. und 6. Jh. v. Chr. (deren Maßnahmen zusetzen sind. Die Kontrakte bezogen sich auf gan-
hufig Infrastrukturbauten betrafen). Die Errichtung ze Bauabschnitte und umfaßten alle damit verbun-
çffentlicher Architektur vollzog sich im griech. B. denen Ttigkeiten von der Materialbeschaffung bis
immer unter Aufsicht staatlicher Institutionen; Pri- hin zur letzten Feinarbeit. Kontraktnehmer erhiel-
vatpersonen waren als Bauherren und damit Auf- ten vom Bautrger z. T. erhebliche Vorschsse, hat-
traggeber fr Bauhandwerker zwar prsent, spielten ten deshalb Brgen zu stellen und bei Sumigkeit
jedoch als Trger grçßerer Reprsentationsarchitek- mit manchmal drastischen Konventionalstrafen zu
turen erst ab dem spten 4. Jh. v. Chr. eine grçßere rechnen; bei Bauprojekten des 4. Jh. v. Chr. bildeten
Rolle. In den hellenistischen Monarchien werden avisierte Einnahmen aus solchen Strafgeldern sogar
Stiftungen von Kçnigen und der vermçgenden No- einen Teil der Gesamtkalkulation. Langfristig ange-
bilitt zu einem wesentlichen Faktor und damit auch legte Großprojekte sptklassisch-hellenistischer Zeit
die vielfach erhaltenen, die Stifter rhmenden Ñ Bau- wie z. B. der Tempelbau von Didyma wurden von
47 Bauwesen

einer festinstallierten Bauhtte betrieben, die aus eines großen Puzzles zusammengesetzt wurde, was
Mitteln des Heiligtums finanziert wurde; hier ent- dem geehrten Athen zwar eine schçnes Baudenk-
wickelte sich im Gegensatz zum B. des 6. und 5. Jh. mal, jedoch minimale çkonomische Effekte ein-
v. Chr. ein bisweilen hoher Spezialisierungsgrad, brachte).
z. B. eine Unterscheidung von leukourgoı´ (Steinmetze
fr Feinarbeiten) und latmoi (Steinmetze fr Her- D. Planung und Entwurf
stellung und Versatz von Quadern). Die große Mo- Konzipierende Vorberlegungen und die Schritte
bilitt einzelner griech. Bauhandwerker ist seit etwa zur Umsetzung einer Bauidee in einen realisierbaren
450 v. Chr. mehrfach bezeugt. In welchem Ausmaß Bauprozeß waren immer geprgt von den Intentio-
hier jedoch bereits mit einer dem spten 4. Jh. nen der Bautrger und erst in Abhngigkeit hiervon
v. Chr. vergleichbaren Professionalisierung zu rech- Produkt eines Architekten. Das Festhalten an forma-
nen ist und in welchem Grçßenverhltnis Wander- len oder technischen Traditionen wie auch Versuche
handwerker zu einem lokal seßhaften Handwerk- zur Innovation waren Leitentscheidungen, die nicht
erstamm standen, wird weiterhin diskutiert. dem Architekten oblagen; im Prozedere çffent-
Im rçm. B. begegnen seit der frhen Republik lichen Bauens im klassischen Athen konnten die
neben den Feldherren und den Censoren in Rom, zahlreichen beteiligten Gremien und Beschlußorga-
den kommunalen Behçrden und den Verwaltungen ne bis in die Details der Planung eingreifen. Die
der Heiligtmer in den zugewonnenen Territorien intensive Forschungsdebatte der letzten Jahrzehnte
besonders auch vermçgende Privatpersonen als Tr- um Planung und Entwurf hat diese Aspekte biswei-
ger großer çffentlicher Bauten. Zahlreiche stadtrçm. len vernachlssigt; sie konzentrierte sich auf die Pla-
Basiliken, Portiken, Fernstraßen und Aqudukte sind nungsprobleme des griech. Tempelbaus archaischer
mit dem Namen ihres Stifters untrennbar verbun- und klassischer Zeit, die in ihrer Gesamtheit auch
den, wobei jedoch hufig eine Vermischung privater weiterhin kontrovers diskutiert werden. Vor allem
Sponsorenttigkeit mit politischen Ambitionen und die Rckbertragung moderner Meßwerte eines
Staatsmtern zu konstatieren ist. Diese Verschmel- Bauwerks in ein antikes Zahlengefge weist bislang
zung privater und çffentlicher Interessen kulminier- ungelçste methodische Komplikationen auf. Sicher
te in der Bauttigkeit des rçm. Kaiserhauses. Auf ist, daß in der Antike als rechnerische Bezugsgrçße
komplexe Weise verzahnen sich im rçm. B. Motive ein Grundmaß Verwendung fand, das zur Darstel-
der Bautrger mit technischer Innovation (Ñ Zement- lung einzelner Maße gebrochen oder vervielfacht
bauweise und Ñ Ziegelbauweise; vgl. auch Ñ Bautech- wurde; inwieweit hier neben den verschiedenen in
nik) und sozialen Erfordernissen: Anders als im der griech. Welt gebruchlichen Fußmaßen auch
griech. B. mit seiner hochspezialisierten Handwerk- Module im Sinne Vitruvs (3, 1, 1 ff.) anzunehmen
erschaft erforderte das rçm. B., abgesehen von weni- sind, wird ebenso debattiert wie die Art der mçgli-
gen Holzbau- und Ingenieursspezialisten (Ñ Archi- chen Brechungen und der Charakter griech. Ln-
tekt; Ñ Holz, Holzbau), ein großes Heer un- oder genmaße insgesamt. Gegen die Auffassung vom Ent-
angelernter Hilfskrfte. Das rçm. B. war durch diese wurf als einem ›mathematischen Kunstwerk‹ des
gegenber dem griech. B. grundverschiedene Struk- Architekten hat z.Z. diejenige Ansicht die besseren
tur auch als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme immer Argumente, nach der ein in Maß und Zahl gekleide-
ein sozialpolitischer Faktor mit bisweilen populisti- ter Entwurf relativ einfacher Natur und eng mit der
schem Impetus. Die Konzeption einer Baustiftung Proportionierung (Ñ Proportion) des Bauwerks ver-
etwa zielte selten allein auf die Architektur mit ihren knpft war (und berdies nicht nur der Formung des
Nutzfunktionen ab, sondern schloß auch çkonomi- Bauwerks, sondern auch und in besonderem Aus-
sche Effekte ihrer Errichtung ein (man vergleiche maß der Planbarkeit der Baulogistik diente). Bre-
demgegenber eine griechisch-hellenistische Bau- chungen des Grundmaßes ber 1 4 hinaus scheinen
stiftung wie die Eumenes-Stoa in Athen, die – am als Ausnahme auf bauliche Details beschrnkt gewe-
Stifter-Ort Pergamon nahezu gnzlich vorgefertigt – sen zu sein (vgl. z. B. die Bauurkunden aus Eleusis:
in Teilen verschifft und am Bauort lediglich im Stile IG II2 1666, 1670, 1671, 1675, 1680; Ausnahme:
Bauwesen 48

Planung ein trial-and-error-Verfahren gelufig war,


zeigt die geringe Antizipation statischer Probleme.
Ein Scheitern des Projektes konnte bisweilen trotz
hochstehender technischer Improvisationskunst
(z. B. metall-armierte Architrave, Ñ Bautechnik) nicht
vermieden werden (z. B. der wegen unberbrck-
barer Spannweiten im 6. Jh. v. Chr. unvollendet ge-
bliebene Tempel G in Selinunt und der Kuppelein-
sturz des ersten justinianischen Neubaus der Ñ Hagia
Sophia in Konstantinopel).

E. Bauorganisation und Bauprozeß


Quellen zu organisatorischen Details des Bauvor-
gangs, zu baubegleitenden bzw. einem Neubau vo-
rangehenden Entscheidungsfindungen sowie zu
Details von Verwaltung und Abrechnung çffent-
licher Baumaßnahmen sind fr das klassisch-griech.
B. weitgehend auf Athen bezogen (Parthenon-, Pro-
pylen- und Erechtheion-Urkunden IG I3 436–451;
462 –466; 474 –476), daneben aus dem 4. Jh. v. Chr.
die ›Verdingungsordnung‹ IG V 2, 6A aus Tegea
und die Baudekrete aus Delos (IG XI 2, 135 – 289).
hnliche Verhltnisse sind jedoch auch fr andere
griech. Stadtstaaten vorauszusetzen. Es zeigt sich ein
erhebliches Ausmaß an Regelungs- und Kontroll-
mechanismen. Beschlußorgan fr ein grçßeres çf-
fentliches Bauwerk war in Athen die Volksver-
sammlung (IG I2 24); jedes Mitglied konnte hier
Versatzmarken und Steinmetzzeichen am Unterbau des
hellenistischen ionischen Tempels auf der Theaterterrasse als Antragsteller auftreten. Beschlossen wurden Art
von Pergamon (Rekonstruktionszeichnung). und Ort des Baues sowie der Finanzrahmen; die
weitere Realisierung wurde einer projektbezogenen
1678). Ebenfalls umstritten ist die Frage, in welchem Kommission bertragen, die jhrlich neu besetzt
Umfang Ñ Modelle und Ñ Bauzeichnungen im Ent- wurde (abgesehen vom Kommissionsleiter, dem epi-
wurfsvorgang verwandt wurden. Ein griech. Bauent- sttos, und dessen Sekretr, die in Einzelfllen meh-
wurf ließ sich problemlos in Wort und Zahl doku- rere Jahre oder sogar fr die Gesamtdauer des Bau-
mentieren (z. B. IG II2 1668); vom im Bauwerk projektes im Amt bleiben konnten). Der Ñ Architekt
selbst verborgenen, konstruktiv notwendigen Riß wurde von der Volksversammlung gewhlt oder bei
(Ñ Aufschnrung) abgesehen, begegnen separate nachrangigen Projekten auch unmittelbar von der
Werkzeichnungen erst ab dem Frhhellenismus Baukommission herangezogen. Die Kommission
(makedonisches Kammergrab von Angista, Apollon- entwarf Bauanweisungen und Kostenplne, die in
tempel von Didyma; spter am Pantheon in Rom). der Regel der boul (der in Athen als Ausschuß der
Architektenskizzen und Modelle als erste, grobe Vi- Volksversammlung agierende Rat) zur Genehmi-
sualisierung sind wohl schon fr das 6. und 5. Jh. gung vorgelegt werden mußten und dann zur
v. Chr. vorauszusetzen, nicht aber festdefinierte Grundlage der çffentlichen Ñ Ausschreibung der
Maßstblichkeit. Im rçm. B. sind detaillierte Zeich- Kontrakte wurden. Erhebliche Abweichungen
nungen hingegen blich (Vitruv 1, 2, 2). Daß bis in vom Ursprungskonzept erforderten einen neuen
die Sptanike im antiken B. in vielen Punkten der Entscheidungsgang. Die Rechenschaftspflicht der
49 Bauwesen

Kommission gegenber dem Rat bzw. der Volks- hergestellt wurden. Als Arbeitsform scheint die T-
versammlung, aber auch ihre jhrliche Neubeset- tigkeit in kleinen Trupps von drei bis sieben Mann
zung machten przise Abrechnungen ebenso not- blich gewesen zu sein, wie sie fr die Kannelierung
wendig wie eine dauerhaft wirksame berwachung der Erechtheionsulen bezeugt ist (IG I3 474). Ins-
der Verwendung des Baumaterials und eine Kon- gesamt herrschte im griech. B. des 6. – 4. Jh. v. Chr.
trolle des termingerechten Fortgangs der Arbeiten. ein hohes Maß an Allroundfhigkeiten, wie dies
Als Mittler zwischen der Baukommission als dem zahlreiche Kontrakte zeigen, in denen ganze Bau-
›Exekutiv-Organ‹ des Bauherren und der Hand- abschnitte, deren Realisierung unterschiedlichste
werkerschaft fungierte der Architekt. Dieses Pro- Fertigkeiten und Qualifikationen erforderte, an ein
zedere blieb in seiner Grundstruktur auch im Helle- und denselben Kontraktnehmer vergeben wurden.
nismus erhalten, wobei sich jedoch die politischen Im rçm. B. nahm die Arbeitsteilung beim Baupro-
Vernderungen – monarchische Stifter an Stelle au- zeß bisweilen nahezu industrielle Formen an; eine
tonomer Brgerschaften als Aufraggeber – in un- Vielzahl von eher gering-spezialisierten Arbeitern
mittelbaren Einwirkungsmçglichkeiten des Bauher- war mit Materialherstellung und –verarbeitung be-
ren und in einem Verzicht auf einzelne, durch die faßt, was zu bisweilen spektakulren Geschwindig-
demokratische Praxis des 5. Jh. v. Chr. motivierte keiten bei der Errichtung von Großbauten fhrte
Verfahrensschritte manifestierten. (z. B. bei den z. T. in nur wenigen Monaten erbauten
Die Organisation des rçm. B. kombinierte griech. Palsten sptantiker Kaiser).
Strukturen zunchst mit den Zustndigkeiten repu- Lit.: Architecture et socit de l’archaisme la fin de la
blikanischer mter. Wie fr Instandhaltungen, so rpublique romaine, Kongreß Rom 1980, 1983. – Baupla-
waren auch fr die Abwicklung von Neubauten in nung und Bautheorie der Antike, Kongreß Berlin 1983,
1984. – A. Burford, The Greek Temple Builders at Epi-
Rom die Censoren zustndig. Spter wurde der
dauros, 1969. – dies., The Purpose of Inscribed Building
Kaiser als Bauherr durch eine Vielzahl von curatores Accounts, in: Acta 5th Epigraph. Congress 1971, 71 –77. –
vor Ort vertreten. Censoren, stdtische Magistrate P. H. Davis, The Delian Building Contracts, in: Bulletin de
oder kaiserliche Beamte sorgten fr eine detaillierte correspondence hellnique 61, 1937, 112 –137. – L. Hasel-
çffentliche Ausschreibung und Vergabe der Kon- berger, Aspekte der Bauzeichnungen von Didyma, in: Re-
vue Archologique 1991, 99 – 113. – J. P. Heisel, Antike
trakte an selbstndige Unternehmer, die ihrerseits Bauzeichnungen, 1993. – H. v. Hesberg, Bemerkungen zu
Brgen oder eine Kaution stellten und fr Termine Architekturepigrammen des 3. Jh. v. Chr., in: Jahrbuch des
und Kostenkalkulation garantieren mußten. Schrift- DAI 96, 1981, 55– 119. – ders., Formen privater Reprsen-
liche Vertrge und Weitergabe von Teilkontrakten tation in der Baukunst des 2. und 1. Jh. v. Chr., 1994. – N.
Himmelmann, Phidias und die Parthenonskulpturen, in:
an Subunternehmer waren die Regel. Ebenso ber-
Fs. J. Straub, 39. Beiheft der Bonner Jahrbcher, 1977,
wachten die Censoren bzw. Beamten die Bauaus- 67 – 90. – ders., Zur Entlohnung knstlerischer Ttigkeit
fhrung und fhrten die Endabnahme mitsamt der in klassischen Bauinschriften, in: Jahrbuch des DAI 94,
Schlußrechnung durch. 1979, 127 – 142. – Ch. Hçcker, Planung und Konzeption
Art, Aufwand und Ablauf des Bauprozesses wa- der klassischen Ringhallentempel von Agrigent, 1993,
153 – 166. – W. Koenigs, Maße und Proportionen in der
ren abhngig von Grçße und zeitlicher Dauer des griech. Baukunst, in: Polyklet. Ausst.-Kat. Frankfurt/M.
Bauprojekts. Der griech. Quaderbau erforderte 1990, 121 –134. – F. G. Maier, Griech. Mauerbauinschrif-
hochspezialisierte Handwerker und war meist von ten, 2 Bde., 1959/61. – S. D. Martin, Building Contracts in
mehrjhriger Dauer; bereits im Ñ Steinbruch wurde Classical Roman Law, 1981. – D. Mertens, Zum klassischen
Tempelentwurf, in: Bauplanung und Bautheorie der Anti-
das Baumaterial gemß dem Bauplan in vermaßter
ke (s. o.), 137– 145. – E. Meyer, Einfhrung in die lat.
Form vorgefertigt, bei der Weiterverarbeitung auf Epigraphik3, 1991, 59– 61. – W. Mller-Wiener, Griech.
der Baustelle dann hufig mit Steinmetzmarkierun- Bauwesen in der Antike, 1988, 18 – 25. – H. A. Randell,
gen versehen (zur Organisation des Versatzes, aber The Erechtheum Workmen, in: American Journal of Ar-
auch zum Zweck der Abrechnung; vgl. Abb.). Fr chaeolgy 57, 1953, 199 –210. – A. Rehm, Didyma 2: Die
Inschriften, 1958, Nr. 20 – 44. – H. Schaaf, Unters. zu Ge-
schwierig darstellbare Bauglieder (Triglyphen, Ka- budestiftungen hellenistischer Zeit, 1922. – R. L. Scranton,
pitelle, Simen-Profile) wurden Modelle im Maßstab Greek Architectural Inscriptions as Documents, in: Har-
1:1 hergestellt, die dann gemß dem Muster in Serie vard Library Bulletin 14, 1960, 159 –168. – R. S. Stanier,
Bauzeichnung 50

The Costs of the Parthenon, in: Journal of Hellenic Studies Bauzeichnung Anders als im Vorderen Orient und
73, 1953, 68 –76. – R. Taylor, Roman Builders. A study in gypten war in der griech. Baupraxis die zeichneri-
Architectural Process, 2003. – J. de Waele, The Propylaia of
the Acropolis in Athens, 1990. – B. Wesenberg, Kunst und
sche Darstellung eines Bauwerks oder seiner Details
Lohn am Erechtheion, in: Archolog. Anzeiger 1985, in definierter Maßstblichkeit jedenfalls in archai-
55 – 65. – M. Wilson Jones, Principles of Roman Archi- scher und klassischer Zeit entweder unbekannt oder
tecture, 2000. – A. Wittenburg, Die griech. Baukommis- ungebruchlich; mit der Ñ Aufschnrung eines Bau-
sionen des 5. und 4. Jh. v. Chr., 1978. – ders., Texte und
werks existiert indessen eine zeichnerische ber-
Bemerkungen zum Werkvertrag bei den Griechen, in:
Historica 2, Studien zur Alten Geschichte (Fs. S. Lauffer), tragung von Planungsdaten auf den jeweiligen Un-
1986, 1077 –1088. Zu weiterer Literatur Ñ Architekt. tergrund einer neuen Bauschicht im Maßstab 1:1.
Daneben wird es wohl auch verkleinerte Skizzen
des Bauganzen sowie wesentlicher Details gegeben
haben, obwohl solche – vermutlich wegen der Ver-
gnglichkeit der Beschreibstoffe – nicht erhalten
und literarisch auch nicht explizit nachgewiesen
sind. Wie verschiedene griech. Ñ Bauinschriften zei-
gen, war es durchaus mçglich, den Plan einer Ar-
chitektur vollstndig in Worte zu kleiden. Verklei-
nernde Rißzeichnungen finden sich als Hilfsmittel
fr den Bauprozeß erst seit dem 4. Jh. v. Chr. doku-
mentiert, meist als Ritzungen in Wnden des be-
troffenen Bauwerks, wo sie spter durch Glttung
derselben in der Regel wieder getilgt wurden (was
0 5 10 20 cm
das geringe Ausmaß der Erhaltung erklren kann).
Priene, Athenatempel, 4. Jh. v. Chr.; Giebelaufriß Zuvçrderst zu nennen sind zwei kleinmaßstbliche
(Originalgrçße ca. 50 x 40 cm). Risse vom Athenatempel in Priene (4. Jh. v. Chr.;

0 10 20 30 40 50 cm

Rçmischer Grabstein mit Grundrissen verschiedener Grabanlagen, 1. Jh. n. Chr. (Originalgrçße ca. 55 x 80 cm).
51 Bibliotheksgebude

i ses. Models and Plans of Architecture in Classical Antiquity,


f
h d 65 in: Journal of Roman Archaeology 10, 1997, 77– 94. – J. P.
Heisel, Antike Bauzeichnungen, 1993, 154 –218. – H. v.
Hesberg, Rçm. Grundrissplne auf Marmor, in: Baupla-
nung und Bautheorie der Antike, Kongreß Berlin 1983,
1984, 120 –133. – R. Taylor, Roman Builders. A Study in
Architectural Process, 2003, 27 – 36.
e g

Befestigungsbauten Ñ Militrarchitektur

Belagerungsbauten Ñ Militrarchitektur

Bema Ñ Rednerbhne
˙
d 01
h c
Bibliotheksgebude Verwahrorte oder Gebude
b
fr Bchersammlungen entziehen sich in der griech.
a wie auch der rçm. Antike jedweder bautypologi-
e schen Betrachtung. B. sind keine ›normierten‹ Ar-
f 0 10 20 60 cm chitekturen, sondern kçnnen zum einen (ganz ber-
wiegend) als unselbstndige Gebudetrakte oder
Didyma, hellenistischer Apollontempel, 3. Jh. v. Chr., Rume im Rahmen grçßerer baulicher Einheiten
Sulenaufriß (Originalgrçße ca. 130 x 160 cm). in Erscheinung treten, zum anderen (selten und
spt) auch als eigenstndige Gebude, dies allerdings
Abb.: Giebelskizze) sowie die Ritzzeichnungen am in sehr verschiedenen Formen und architekto-
hellenistischen Apollontempel von Didyma, u. a. nischen Kontexten.
eine Geblkskizze mit Details der Traufkante und Bchersammlungen sind in der griech. Antike seit
der Aufriß einer Sule (Abb.). dem 6. Jh. v. Chr. bekannt; sie entstanden meist an
In der rçm. Architektur finden sich neben analo- den Tyrannenhçfen, bildeten eine Art nobilitieren-
gen Detail- und Konstruktionszeichnungen (Giebel des Attribut und waren nicht-çffentliche Privatein-
des Pantheon in Rom; ferner diverse Risse von richtungen, die einem Fachpublikum allerdings of-
Kapitellvoluten) zunehmend auch Grundriß-Dar- fenstanden (u. a. hierdurch begrndete sich das
stellungen: diese allerdings meist außerhalb des ei- Image der ›Weltoffenheit‹ zahlreicher griech. Ty-
gentlichen Bauzusammenhanges (z. B. das Grabre- rannen, die Bildenden Knstlern und Literaten ein
lief mit drei Grundrissen von Grab- und Hausanla- gnstiges Umfeld schufen). Eigens erbaute Rum-
gen; Perugia, Archologisches Museum [Abb.]), ins- lichkeiten mit speziellen Vorkehrungen fr die Ein-
gesamt am eindrucksvollsten in der Ñ Forma Urbis lagerung der Schriftrollen (Schrnke in Wand-
Romae, einem maßstblich recht genauen Marmor- nischen, z. T. in Rumen mit erheblicher lichter
plan der Stadt Rom aus der Zeit um 200 n. Chr. Hçhe, dort bereinandergestaffelt und ber Leitern
Solche Stadtplne bzw. Detailauszge aus ihnen oder Emporen zugnglich) und Vorrichtungen fr
dienten indessen nicht der Baupraxis, sondern eher ein grçßeres Publikum (Ñ Exedren und Leserume)
der Klrung, Festschreibung und Dokumentation finden sich erst im Hellenismus bei den nun schon
rechtlicher Verhltnisse. Fr den rçm. Bauprozeß beraus umfangreichen Bibliotheken der Kçnigs-
ist allerdings die regelmßige Verwendung von B. hçfe: etwa im palast-internen Athena-Heiligtum
insgesamt durch die schriftliche berlieferung (Vi- von Pergamon, in der vom rçm. Feldherren Aemi-
truv u. a.) nachgewiesen. lius Paullus 168 v. Chr. ausgeraubten Basileia (Ñ Pa-
Lit.: L. Haselberger, Antike Planzeichnungen am Apollon-
last) von Pella oder in dem legendren, in einer
tempel von Didyma, in: Frhe Stadtkulturen, Kongreß Brandkatastrophe zugrunde gegangenen Bau neben
Heidelberg 1997, 160 – 173. – ders., Architectural Likenes- dem Museion von Alexandria.
Bibliotheksgebude 52

3 3 3 1

Pergamon, Palast-Bibliothek
im Athena-Heiligtum
(Grundriß), 2. Jh. v. Chr.
1 Bibliothekssaal mit
Bcherschrnken
2 Bankettsaal
0 20 m
3 Nebenrume (Magazine?)

Im antiken Rom befanden sich Bchersammlun- petenz zu pflegen. Die großen hellenistischen Biblio-
gen bis in die 2. Hlfte des 1. Jh. v. Chr. hinein aus- theken blieben allerdings auch aus rçm. Sicht die
schließlich in Privatbesitz, meist im Rahmen einer konkurrenzlosen Bildungszentren. Eine erste çffent-
Ñ Villa oder eines reich ausgestatteten Brgerhauses, liche Bibliothek entstand 39 v. Chr. in Rom, eben-
wo die Rollen in einem eigens dafr eingerichteten falls als Annexbau (des Atrium Libertatis, wohl unter
Raum magaziniert waren (z. B. in der ›Villa dei Pa- Einbeziehung der von Aemilius Paullus aus Pella
pyri‹ bei Herculaneum); solche Bibliotheken waren geraubten Bestnde). Das Prinzip des Annexbaus
fr begterte Rçmer ein erstrangiges Mittel, ihr fr eine Bibliothek in einem andersartigen architek-
Image von Bildungsbeflissenheit und Kulturkom- tonischen Rahmen blieb auch in der spteren Kaiser-
zeit in Gebrauch (z. B. die çffentliche Bibliothek in
den Caracallathermen, vgl. Ñ Thermen).
Daneben entstanden, vornehmlich im 2. Jh.
n. Chr., nun auch freistehende Bibliotheksgebude:
meist mit einer mehrgeschossigen Prunkfassade und
einem breit-rechteckigen Grundriß. Berhmte Bei-
spiele sind die beiden das Ñ Sulenmonument flan-
kierenden B. auf dem Trajansforum in Rom, die
Celsus-Bibiothek in Ephesos (zugleich der Ñ Grab-
bau des Stifters), das B. im ›Quellbezirk‹ von Nı̂mes,
jenes im Asklepieion von Pergamon und die hadria-
nische Bibliothek in Athen. Auch wenn es in der
rçm. Architektur bis in die Sptantike keinen mar-
kanten ›Bautypus Bibliothek‹ gab, so bildete sich
doch seit dem Hellenismus ein funktional begrn-
detes Gebudeinterieur heraus, das in den letzt-
genannten Beispielen des 2. Jh. n. Chr. normativ
0 5m
wiederbegegnet und in nachantiken Bibliotheks-
Ephesos, Celsus-Bibliothek, Schnitt durch den Bau bauten (besonders der Renaissance und des Barock)
und die Grabkammer im Souterrain, 2. Jh. n. Chr. nachgewirkt hat.
53 Brunnen, Brunnenhaus

Lit.: C. E. Boyd, Public Libraries and Literature in Ancient Bosse Roh behauene, unfertige Außenflche eines
Rome, 1915. – Ch. Callmer, Antike Biblioheken, in: Opus- steinernen Werkstckes bzw. Bauteils; als moder-
cula Atheniensia 3, 1944, 145 –193. – P. Gros, L’architectu-
ner Begriff (franzçsisch) sowohl im Bereich der
re romaine I, 22002, 362 – 375 (m. weiterer Lit.). – W.
Hoepfner (Hrsg.), Antike Bibliotheken, 2002. – L. L. John- Plastik als auch in der Architektur gelufig. Die
son, The Hellenistic and Roman Library, 1991. – I. Nielsen, endgltige Gestaltung der Oberflchen erfolgte im
K. Vçssing, s.v. Bibliothek, in: DNP 2, 1997, 634 – 647. – antiken Bauwesen als letzter Arbeitsschritt; bis da-
V. M. Strocka, Rçm. Bibliotheken, in: Gymnasium 88, hin bildete die B. einen Schutz vor Beschdigung
1981, 298 –329.
(Ñ Bautechnik m. Abb.). Das Stehenlassen der B. an
Bauten kann Indiz fr technische Unfertigkeit sein,
Binder Moderner Begriff aus der Ñ Bautechnik; im bisweilen wurde ein ›Bossen-Stil‹ in der Baukunst
zweischaligen Ñ Mauerwerk (Emplekton) ein quer auch als eigenes sthetisches Element begriffen und
eingestellter, die Schalen verbindender und stabili- absichtsvoll erzeugt. Ein funktionaler Sonderfall
sierender Stein, im Gegensatz zum lngs verlegten sind die Hebe- oder Versatz-B., um die die Seile
Lufer. Verschiedentlich auch im Sinne von ›Binde- zum Verlegen der Bauglieder gefhrt wurden (vgl.
mittel‹ (Mçrtel) verwendet. Abb. 4 Ñ Bautechnik).
Lit.: T. E. Kalpaxis, Hemiteles. Akzidentelle Unfertigkeit
Blattkelchkapitell Vegetabile Form des Ñ Kapitells, und ›Bossen-Stil‹ in der griech. Baukunst, 1986. – H. Lauter,
bei dem der Ñ Echinus aus einem Blattkelch besteht; Knstliche Unfertigkeit, in: Jahrbuch des DAI 98, 1983,
287 – 310.
vermutlich der gyptischen Architektur entlehnt. B.
gibt es seit dem Hellenismus (Pergamon, Demeter-
heiligtum, 3. Jh. v. Chr.); sie wurden in der klassizis- Bouleuterion Ñ Versammlungsbauten
˙
tischen Architektur des 19. Jh. (besonders in den
USA) beliebt. Bronze Ñ Bautechnik und Baumaterial, Abschnitt
Lit.: Ch. Bçrker, Blattkelchkapitelle, 1965. – B. Wesen- B1
berg, Kapitelle und Basen, 1971, 78 f.
Brcke, Brckenbau Ñ Straßen- und Brckenbau,
Blattkranzkapitell Moderne Bezeichnung fr ein Abschnitt D
auffllig ornamentiertes dorisches Ñ Kapitell (vgl.
Ñ Bauornamentik) des 6. Jh. v. Chr., wo ein kleiner, Bupalos Architekt und Bildhauer aus Chios, gemß
plastisch ausgeformter, einfacher oder doppelter einer Angabe bei Plinius um 540 v. Chr. ttig. Nach
Blattkranz zwischen Ñ Anuli und Ñ Echinus den Su- Pausanias (4, 30, 6) ein bedeutender und noch zu
lenschaft vom Kapitell optisch trennt (archaische Pausanias’ Zeit prominenter Architekt, dem indes-
Kapitelle aus Paestum). sen kein konkretes Bauwerk zugewiesen werden
Lit.: D. Mertens, Der alte Athenatempel in Paestum und kann.
die archaische Baukunst in Unteritalien, 1993, 104 ff.; Lit.: H. Svenson-Evers, Die griech. Architekten archaischer
190 s.v. Kapitell: Blattkranz. – B. Wesenberg, Kapitelle und klassischer Zeit, 1996, 108– 111.
und Basen, 1971, 79 – 86.

Brunnen, Brunnenhaus Neben der Sammlung und


Blei Ñ Bautechnik und Baumaterial, Abschnitt B 1 Speicherung von Regenwasser in einer Ñ Zisterne
und der Herleitung von Fluß- oder Quellwasser
Blendbogen Ñ Gewçlbe- und Bogenbau mittels Wasserleitungen bildet das Graben eines
Grundwasser-B. die dritte Mçglichkeit der Ñ Was-
Bogenkonstruktion Ñ Gewçlbe- und Bogenbau serversorgung in der Antike. Unter einem Brunnen
versteht man im allgemeinen ein Bauwerk zur Er-
Bogenmonument Ñ Triumph- und Ehrenbogen schließung einer Grundwasserquelle, daneben aber
auch die architektonische Einschließung einer ober-
Bohrer Ñ Bautechnik und Baumaterial irdischen Quelle (und schließlich, als Lauf-Brunnen,
Brunnen, Brunnenhaus 54

das Mndungsstck einer Wasserleitung; hierzu


Ñ Nymphum; Ñ Wasserversorgung). Als Brunnen-
haus (griech. krne) wird ein meist reprsentativer
Schutzbau bezeichnet, der den Brunnen oder die
Quellfassung berdacht, ber Vorrichtungen zum
Wasserschçpfen verfgt und das Wasser somit einer
grçßeren Personengruppe zugnglich macht. Ein
Brunnenhaus in diesem Sinne kann auch zur Was-
serentnahme aus einer Zisterne oder aus einem
mittels Fernleitung gespeisten Speicher dienen, setzt
also nicht notwendig einen Brunnen voraus.

N
Das Erbauen von Grundwasserbrunnen mittels 0 3m

Ausschachtung ist eine bereits im 2. Jt. v. Chr. im


griech. Raum sicher beherrschte Technik; die
Schchte hatten eckigen oder runden Querschnitt
und waren mittels Aufmauerung, z. T. auch mit
Holzplanken stabilisiert; die Wartung erfolgte mit-
tels Abstieg ber Steiglçcher in der Schachtwand.
Seit dem 4. Jh. v. Chr. setzt sich ein Konstruktions-
prinzip aus gebrannten Tonringen (Durchmesser
70 –100 cm) durch, die von innen untergraben Aulis, Stufenbrunnen (Grundriß und Schnitt).
und auf diese Weise abgesenkt wurden und den
Schacht sicherten (Wartung ber Abseilung). Ver- wichtige Objekte der technischen Infrastruktur in
siegte Brunnen dienten in Siedlungen regelmßig den rapide grçßer werdenden Stdten, bevorzugter
zur Entsorgung von Abfall (bzw. in Heiligtmern Gegenstand çffentlicher Reprsentation (besonders
als Verbringungsort aussortierter Weihegaben); sie unter den Tyrannen, die sich mit der Stiftung von
sind fr Archologen von hohem Aussagewert ber Brunnenbauten als legitime Protagonisten des Vol-
chronologische Fragen, aber auch soziale und le- kes inszenieren und gleichzeitig den çffentlichen
benspraktische Umstnde. Wohlstand augenfllig demonstrieren konnten);
Brunnenhuser waren zunchst einfach gestaltete zahlreiche Brunnenhuser des 6. und frhen 5. Jh.
Zweckbauten, ab dem spten 7. Jh. v. Chr. dann, als v. Chr. bedienten sich der hier noch weitgehend dem

0 3m
Ialysos, Brunnenhaus
(Schnitt und Rekonstruktion),
Grundriß.
N
55 Brunnen, Brunnenhaus

Tenos, Brunnenhaus (schematische Rekonstruktion).

sakralen Bereich vorbehaltenen Sulen- und Qua- Waschen in Brunnennhe stand ausdrcklich unter
derarchitektur. Verschiedene Versuche der moder- harter Strafe. Neben zahlreichen Resten erhaltener
nen Forschung, Typologien der Brunnenhuser zu antiker Brunnenhuser (u. a. in Athen, Korinth, Me-
entwickeln, haben angesichts der meist durch die gara, Perachora, Ialysos, Tenos, Epidauros) ist das
Verhltnisse des Standorts vorgegebenen, entspre- gesellige Treiben am Brunnenhaus (einer der weni-
chend vielfltigen Formen nicht berzeugt. Allen gen Orte, an dem Frauen in der ffentlichkeit agie-
Brunnenhusern gemeinsam ist die Schutzfunktion ren konnten) ein hufiges Motiv in der griech. Re-
fr den Wasserspeicher (durch z. T. weit berkra- liefkunst und Vasenmalerei gewesen, wo zahlreiche
gende Dachkonstruktionen und hermetisch abge- architektonische Details abgebildet sind.
schlossene Ummauerung) und das Zugnglichma- Zu rçm. Laufbrunnen Ñ Wasserversorgung; zu
chen des Wassers fr eine grçßere Personengruppe Zier- und Springbrunnen Ñ Nymphum.
mittels Schçpfvorrichtungen; der Speicher selbst
war, wie etwa in Megara oder Tenos, zustzlich zur 0 10 m

berdachung noch mit einem Plattensystem auf


›Hypokausten‹ abgedeckt (nicht nur um mçgliche
Verschmutzungen zu verhindern, sondern auch,
um fr eine mçglichst gleichbleibende Temperatur
des Wassers zu sorgen).
Eine Vielzahl von Gesetzen regelte den Umgang
mit Brunnen; die solonischen Gesetze in Athen
etwa gaben vor, daß alle Einwohner im Umkreis
von ca. 720 m um einen Brunnen herum diesen
nutzen durften, entfernter lebende Personen hin-
gegen einen eigenen Brunnen ausschachten muß-
N

ten. Streng geachtet wurde auf die Hygiene; das


mutwillige Verschmutzen von Brunnen sowie das Megara, Brunnenhaus (Grundriß).
Byzes 56

Lit.: F. Glaser, Antike Brunnenbauten (KPHNAI) in Grie- Dachziegel aus Marmor gefertigt haben soll, wie sie
chenland, 1983. – T. Hodge, Roman Aquaeducts and Wa- u. a. am Zeustempel von Olympia (5. Jh. v. Chr.)
ter Supply, 1992. – W. Letzner, Rçm. Brunnen und Nym-
Verwendung gefunden hatten (Ñ berdachung).
phen, 1990. – R. Tçlle-Kastenbein, Antike Wasserkultur,
1990. Eine Aufschrift auf einem Marmordachziegel von
der Athener Akropolis (CY = BY im naxischen
Alphabet) wurde mehrfach als Hinweis auf B. ge-
Byzes Architekt und Bildhauer aus Naxos, um deutet.
600 v. Chr. ttig. Pausanias (5, 10, 3) schloß aus Lit.: H. Svenson-Evers, Die griech. Architekten archaischer
einem ihm gelufigen Epigramm, daß B. als erster und klassischer Zeit, 1996, 374.
57 Castrum
˙

Caldarium Raum mit hoher Luft- und Wassertem- toranlage, die den Beginn der Rennbahn bildet (im
˙
peratur im Durchgangszyklus einer rçm. Ñ Ther- Gegensatz zu carcer, Ñ ›Gefngnis‹ immer im Plural).
menanlage. Lit.: H. J. Humphrey, Roman Circuses, 1986, 132– 174.

Canabae Plural von lat. canaba (›Schuppen‹, ›Bude‹); Cardo Antik-rçm. Terminus technicus der Land-
˙ ˙
eine zunchst provisorische Ansiedelung von Hnd- vermessung; in der rechtwinkligen antiken limitatio
lern und Dienstleistern im Umkreis eines rçm. Mi- ist der C. als waagerechte Linie definiert (als x-Achse
litrlagers (Ñ Castrum; Ñ Militrarchitektur); bei zeit- eines Koordinatensystems gegenber dem Ñ Decu-
lich lngerem Verbleib des Militrs bildeten die C. manus als der y-Achse). Im rçm. Ñ Stdtebau ist, im
zusammen mit dem entsprechend dauerhaft aus- Anschluß an diese gromatische Struktur und ent-
gebauten Lager die Keimzelle einer stdtischen sprechend der davon hergeleiteten Bauweise des
Siedlung (Ñ Stdtebau; Ñ Vicus). Ñ Castrum, der C. die als Hauptstraße mit eine Brei-
Lit.: H. v. Petrikovits, Die Canabae Legionis, in: 150 Jahre te meist von 20 Fuß (ca. 6 m) ausgebaute Nord-Sd-
DAI, Kongreß Berlin 1979 (1981), 163– 175. Achse der Stadt.
Lit.: O. Behrends, L. Capogrossi Colognesi (Hrsg.), Die
Canalis Lat. ›Rçhre‹; bei Vitruv (4, 5, 5 u. ç.), jedoch rçm. Feldmeßkunst, 1992. – Th. Lorenz, Rçm. Stdte,
˙ 1987, 20 f., 43 f. – Ch. Schubert, Land und Raum in der
nicht im antik-griech. Vokabular vorkommender
rçm. Republik. Die Kunst des Teilens, 1996.
Terminus technicus, der die profilierte Spirallinie
des Ñ Echinus am ionischen Ñ Kapitell beschreibt
(die in drei bis max. dreieinhalb Windungen bis in Castrum Lat. fr ›geschlossener‹ bzw. ›gesicherter
˙
die Volutenmitte verluft). Raum‹. Im rçm. Sprachgebrauch das Militrlager
Lit.: W. Mller-Wiener, Griech. Bauwesen in der Antike, (Ñ Militrarchitektur), fast immer im Plural castra
1988, 124 –136. verwendet. Hiervon abgeleitet fungiert C. verschie-
dentlich auch als erster Name von in antik-rçm. Zeit
Canopus Latinisiert von griech. knopos; knstlich gegrndeten Ortschaften (z. B. C. Ulcisia nahe
˙
angelegter Ñ Kanal in verschiedenen reich ausgestat- Aquincum), was auf den siedlungsgrndenden
teten Grten rçm. Ñ Villen; eine Miniaturisierung Aspekt rçm. C. verweist (Ñ Stdtebau).
des z. T. knstlich kanalisierten westlichen Armes Das C. als ein geordnetes Nachtlager entstand im
im Nildelta, der die Metropole Alexandria mit dem Rahmen der zunehmend ausgreifenden rçm. Mili-
luxuriçsen, gleichnamigen Vorort Kanopos ver- traktionen des 4./3. Jh. v. Chr., vermutlich in den
band. Der bekannteste C. war derjenige der Hadri- Kriegen gegen Pyrrhos oder Philipp V. von Make-
ansvilla bei Tivoli. donien; es war von seiner Grundidee her ein Ñ tem-
Lit.: A. Bernand, Le delta gyptien d’apr s les textes grecs I, porrer Bau, der oft nur fr eine bernachtung
1970, 153 – 327. – W. MacDonald, J. A. Pinto, Hadrian’s diente und entsprechend ephemer angelegt war.
Villa and its Legacy, 1995, 108 – 113. Polybios (6, 26 ff.) beschreibt ein frhrçm. C. als
ein Gebilde auf quadratischem bzw. nahezu quadra-
Capitolium Ñ Kapitol tischem Grundriß, der von einem rechtwinkligen
˙
Wegenetz mit zwei sich in der Mitte kreuzenden
Carceres Lat. ›Umfriedung‹, ›Umzunung‹; die an Hauptachsen durchzogen und ber vier Tore an
˙
der offenen Seite des rçm. Ñ Circus gelegene Start- den Enden dieser Hauptstraßen zugnglich war –
Castrum 58
˙

Irreguläre Hilfstruppen

Praetorium
Extraordinarii Forum Quaestorium Extraordinarii
Tribuni
Intervallum

Principia

Intervallum
Via Quintana

H P T E E T P H
Verbündete Legion Legion Verbündete Marschlager rçmischer
Legionen im 2. Jh. v. Chr., Re-
konstruktion nach Polybios.

umlaufend geschtzt von einer Erdaufschttung (ag- fortablen Quartiere der Offiziere; einfachere Rnge
ger), einer darauf erbauten Palisade (vallum) und bewohnten großrumige Sammelunterknfte.
einem davor gezogenen Graben (fossa). Die Innen- Ein Lager fr eine Legion (ca. 5000 Soldaten), das
flche war mit Zelten ausgefllt; im Zentrum, nahe auf eine gewisse Dauer angelegt wurde, bençtigte
dem Ort, wo sich die beiden Hauptstraßen des ein erhebliches Maß an Infrastruktur; entsprechen-
Lagers (Ñ Cardo und Ñ Decumanus) kreuzten, stand de Bauten fr Lazarette, Latrinen, Werksttten, B-
die Unterkunft der Generalitt (praetorium), flankiert der und Lagerzwecke wurden ebenso zum regel-
von der des Qustors (quaestorium) und dem Appell- mßigen Bestandteil grçßerer C. wie eine im Um-
bzw. Versammlungsplatz (forum). feld des Lagers entstehende Hndlersiedlung (Ñ Ca-
Dieses Baumuster konnte, etwa im Fall von Win- nabae), die – gemeinsam mit dem C. – oft zum
terlagern, auch dauerhafter angelegt werden und Nukleus einer Stadt wurde, wobei die Struktur des
wandelte sich im 1. Jh. v. Chr. insofern, als sich nun C. hufig direkt als stdtebauliches Konzept ber-
ein rechteckiger Grundriß (meist 1:1,5) herausbilde- nommen wurde (Ñ Stdtebau).
te, dessen Ecken abgerundet waren; als Legionslager Mit dem Stillstand der rçm. Eroberungen im fr-
wurde eine Grçße von etwas ber 20 ha zur Norm. hen 2. Jh. n. Chr., der anschließenden Beschrnkung
Dauerhafter, nicht mehr selten auch aus Stein erbaut, auf Grenzsicherung und vor allem im Kontext der
wird der zentrale Teil des Lagers nun als Ñ principia ußeren Bedrohungen im 3. und frhen 4. Jh.
bezeichnet und umfaßt neben der Kommandantur n. Chr. ndert sich mit der Militrstruktur (›Bewe-
und dem Versammlungsplatz auch die Gebude fr gungsheer‹) auch die Gestalt der C., wo nun Anla-
die Feldzeichen und das Waffenlager. Um die prin- gen fr wesentlich kleinere Truppenteile bis zu
cipia herum lagen die haushnlichen, z. T. recht kom- einer Untergrenze von 100 Mann dominieren, die
59 Castrum
˙

Vetera. Doppellegionslager der 5. und 15. Legion (54 – 68 n. Chr.); Grundriß.


1 Kohortenunterknfte der 5. Legion Legion
2 Kohortenunterknfte der 15. Legion 5a Amts- und Wohngebude (praetorium) des
3 Unterknfte (tabernae) der Legionsreiter Legionskommandeurs der 5. Legion
Wohngebude der Stabsoffiziere: 5b Amts- und Wohngebude (praetorium) des
4a Lagerkommandant und senatorischer Legionskommandeurs der 15. Legion
Tribun der 5. Legion 6 Praetoriumsinnenhçfe
4b Lagerkommandant und senatorischer 7 Lagerforum (principia)
Tribun der 15. Legion 8 Aufenthaltsraum (schola) der 1. Kohorte
4c ritterlicher Tribun der 5. Legion der 15. Legion
4d ritterlicher Tribun der 15. Legion 9 Wirtschaftsgebude
10 Lazarett (valetudinarium) der 5. Legion
11 Verwaltungsgebude der Lagerkommandanten
12 Latrine
Cauliculi 60
˙
z. T. wesentlich weniger regelmßig, dabei aber sammlungsbauten gelufig. In grçßeren Anlagen
gleichbleibend zweckmßig angelegt waren. Die durch Umgnge in radiale Abschnitte (prima, media
Verkleinerung der Besatzung hatte vor allem eine und summa C.) unterteilt, die verschiedenen Per-
Beschrnkung auf oft nur noch einen, dabei ent- sonengruppen zugewiesen waren. Die griech. Be-
sprechend gut gesicherten Zugang zur Folge. zeichnung fr C. lautet koı´lon.
Lit.: Y. leBohec, The Imperial Roman Army, 1994. – Lit.: W. A. McDonald, The Political Meeting Places of the
A. Johnson, Rçm. Kastelle, 1987. – J. Lander, Roman Stone Greeks, 1943. – W. Wurster, Die Architektur des griech.
Fortifications, 1984. – H. v. Petrikovits, Die Innenbauten Theaters, in: Antike Welt 24, 1993, 20 – 42.
rçm. Legionslager whrend der Principatszeit, 1975.

Cavetto, Cavetto-Kapitell Von italienisch cavo,


Cauliculi Lat. pl. von ›Stengel‹, ›Sproß‹, die vegetabi- ›hohl‹, ›ausgehçhlt‹; gekehltes Profil an archaischen
˙
len Schfte, aus denen die Spiralvoluten des korin- dorischen Ñ Kapitellen bzw. ein dem spteren Sofa-
thischen Kapitells ›herauswachsen‹; Ñ Kapitell; Ñ Su- kapitell hnliches archaisches Antenkapitell (Ñ An-
le, Sulenordnungen. te), wohl punisch-gyptischer Herkunft.

Cavea Lat. ›Hçhlung‹; in der Architektur der terras- Celer Gngiger rçm. Spitzname bzw. Cognomen
˙ ˙
senfçrmig aufsteigende, meist gerundete, seltener (vgl. Plutarch, Coriolanus 11, 4); u. a. Name eines
rechteckige Sitzraum im Ñ Amphitheater, Ñ Odeion Architekten des rçm. Kaisers Nero, der nach Tacitus
und Ñ Theater, auch als çffentlicher Versammlungs- (Annalen 15, 42) zusammen mit Severus die domus
platz (z. B. Athen, Pnyx) und als Element von Ñ Ver- aurea, den Stadtpalast Neros in Rom erbaute.

Porta Decumana
Graben

Intervallum

4 4
7
Retentura
Via Decumana

4 4

5 5

Via Quintana
Via Sagularis

Via Sagularis

2 3 3

Porta Porta
Principalis Principalis
Dextra Via Principalis Sinistra

Die wichtigsten Bauwerke


Via Praetoria

5 5
eines Auxiliarkastells:
1 Stabsgebude (Principia)
4 4 2 Haus des Kommandeurs
Praetentura
(Praetorium)
3 Getreidespeicher (Horrea)
4 4 4 Mannschaftsbaracken
(Centuria mit je
10 Contubernia)
6
5 Speicher oder Stlle
6 Toiletten
Porta Praetoria 7 fen an der Wehrmauer
61 Cella
˙

Selinunt, Tempel C,
um 530/20 v. Chr.

Cella Lat. fr ›Kammer‹, ›Raum‹, ›Zelle‹; von Vitruv dabei oft durch eine mittlere Sulenstellung in zwei
˙
(4, 1 u. ç.) geprgter Terminus technicus fr das von Schiffe geteilt (Samos, Eretria, Isthmia, Argos, Ther-
Mauern umschlossene Gehuse im antiken Ñ Tem- mos). Im frhen 6. Jh. v. Chr. bildet sich die drei-
pel (griech. seks). Die typologische Herleitung der rumige C. mit der kanonischen Raumfolge Ñ Pro-
griech. Tempel-C. aus der frhgriech. Hausarchi- naos (Vorraum), Hauptraum und Rckraum aus;
tektur (Ñ Haus) wird im Zusammenhang mit der letzterer entweder als Ñ Opisthodom vom Haupt-
Entstehung der Tempelringhalle (Ñ Peristasis) wei- raum abgetrennt und nur von der Rckseite des
terhin diskutiert. Die C. diente im monumentalen Tempels her begehbar (frh: Olympia, Heratem-
Steinbau seit dem 7. Jh. v. Chr. zur Verwahrung des pel; Kerkyra, Artemistempel) oder als ausschließ-
Kult- oder Gçtterbildes sowie des Tempel- oder lich vom Hauptraum her betretbares Ñ Adyton. Da-
Staatsschatzes (Ñ Tempel); rituelle Handlungen fan- neben finden sich zweirumige Sonderformen (im
den hier nur in seltenen Ausnahmefllen statt (Ñ Al- 6. Jh. v. Chr. z. B. in Samos oder Metapont; hnlich
tar). Die in der C. verwahrten reprsentativen Gçt- im 4. Jh. v. Chr. dann bei einigen ›Kurztempeln‹,
terbilder aus wertvollen Materialien (z. B. der Zeus z. B. in Epidauros), vereinzelt vierrumige (Korinth,
von Olympia und die Athena Parthenos, beides Selinunt) und selten auch vielrumige Strukturen
Gold-Elfenbein-Bilder aus der Werkstatt des Phidi- (Athen, sog. Alter Athenatempel). Die kanonische
as) waren oft keine Kultbilder, da im Kult ohne Tempel-C. ist seit dem spten 6. Jh. v. Chr. oft
Funktion; sie waren als Schaustcke fr Besucher durch zweigeschossige Sulenstellungen in drei
zugnglich und z. T. sogar von einer Empore aus zu Schiffe unterteilt (z. B. gina, Aphaiatempel) und
bewundern (Parthenon), was sie von den funktional zunehmend regelmßig in den Sulenkranz der
definierten ›reinen‹ Kultbildern unterschied. Ringhalle eingefluchtet. In seltenen, meist durch
Die C. des frhgriech. Tempels war langge- Kulttradition oder -funktion motivierten Fllen
streckt und zunchst einrumig (z. T. mit Vorhalle), blieb der seks unberdacht (Didyma, Apollontem-

Himera, Tempel,
um 480/70 v. Chr.
Cenaculum 62
˙

Selinunt, Tempel A,
um 460 v. Chr.

pel; Akragas, Olympieion; Selinunt, Tempel G). Templa, 1976, 101 – 151. – ders., L’architecture romaine I,
2
berwiegend einrumig war die C. bei kleinen An- 2002, 122 – 206. – G. Gruben, Die Anfnge des Monu-
mentalbaus auf Naxos, in: Diskussionen zur Archologi-
tentempeln und Ñ Schatzhusern, sowohl in griech.
schen Bauforschung 5, 1991, 63 – 71. – Th. Kalpaxis, Frh-
als auch in rçm. Zeit. Von wenigen Ausnahmen archaische Baukunst, 1976, 17 – 81. – A. Mallwitz, Cella
abgesehen (z. B. Athen, Ñ Parthenon; Delos, ›Athe- und Adyton des Apollontempels von Bassae, in: Mitteilun-
ner‹-Tempel) war die C. fensterlos und in jedem Fall gen des DAI, Abt. Athen 77, 1962, 140 – 177. – W. Martini,
mittels einer massiven Tr verschließbar. Vom Herdhaus zum Peripteros, in: Jahrbuch des DAI 101,
1986, 23 –36. – D. Metzler, ›Abstandsbetonung‹. Zur Ent-
Die Gestalt der C. des rçm. Podium-Tempels ist wicklung des Innenraums griech. Tempel, in: Hephaistos
abhngig von der Dedikation; die am etruskischen 13, 1995, 58 – 72.
Tempel orientierte C. der Kapitolstempel waren
meist von querrechteckiger oder nahezu quadrati- Cenaculum Von lat. ceno, ›speisen‹; ursprnglich das
˙
scher Grundflche, die in drei gleich tiefe, jedoch Speisezimmer im Obergeschoß des rçm. Ñ Hauses;
verschieden breite Rume fr die kapitolinische bisweilen auch die Bezeichnung fr das gesamte
Trias unterteilt waren: zwei schmalere Rume an Obergeschoß eines Hauses (z. B. Varro, de lingua
den Seiten fr Juno und Minerva, ein breiterer latina 5, 162; Festus 54, 6). Die mit C. bezeichneten
Raum in der Mitte fr Juppiter. In allen anderen Rume dienten oft zur Unterbringung von Sklaven
Fllen war die C. eher langrechteckig und, je nach oder Gsten minderen Ranges. Sie konnten Mietsa-
Kult, entweder ein- oder zweirumig, mit oder che sein; C. wurde in diesem Kontext zum Syno-
ohne Vorraum. nym der rmlichen Wohnung.
Lit.: B. Fehr, The Greek Temple in the Early Archaic Lit.: Ñ Haus.
Period, in: Hephaistos 14, 1996, 165 – 191. – P. Gros, Aurea

0 10 30 m
5

Grundrisse rçmischer Tempel


63 Circus
˙
Cetius Faventinus Architekt und Fachschriftsteller, figes Ehrenamt, das vom zustndigen Archonten fr
ein ber nachantike Vitruv-Handschriften bekann- jeweils ein Jahr einem wohlhabenden Brger auf-
ter Vitruv-Epigone, der, vermutlich im 3. Jh. n. Chr., erlegt wurde; dieser hatte in ›seinem‹ Amtsjahr fr
ein liber artis architectonicae verfaßt hat (eine vulgari- die Ausrichtung der Theaterspiele Sorge zu tragen.
sierende Bearbeitung des Vitruv-Textes ber den Als Lohn fr diese unfreiwillige, nicht selten sehr
Hausbau); findet sich bei Palladius und Isodor von kostspielige Sponsorenttigkeit wurde dem Cho-
Sevilla zitiert. und ist damit einer der wenigen anti- regen der Siegespreis der Theaterwettspiele, ein
ken Rezipienten des Ñ Vitruv. Dreifuß, zuerkannt sowie das Recht, fr diesen
Lit.: H. Plommer, Vitruvius and Later Roman Building Dreifuß am Ost- oder Sdhang der Akropolis ein
Manuals, 1973, 39 – 85. Denkmal zusammen mit einer Inschrift ber seine
Choregenttigkeit zu errichten – eine im Rahmen
Chalcidicum Nach Vitruv (5, 1, 4) die Vorhalle an der athenischen Demokratie des 5. und 4. Jh. v. Chr.
˙
den Schmalseiten der rçm. Ñ Basilika. hçchst auffllige und ungewçhnliche Ehrung, die
dazu fhrte, daß das Amt der Choregie gerne von
Chalkothek Von griech. chlkeos, ›eisern‹, ›erzen‹; all- jngeren Aristokraten bernommen wurde, die ih-
˙
gemeine Bezeichnung fr ein Bauwerk (meist in ren Namen fr eine politische Karriere bekannt
einem Heiligtum), in dem diverses Metallgert ver- machen wollten (so begann z. B. Perikles mit einer
wahrt wurde; am bekanntesten war die Ch. auf der Choregie im Jahr 472 v. Chr. seine Politikerlauf-
Akropolis von Athen. bahn). Das bekannteste Denkmal ist das des Cho-
Lit.: L. Schneider, Ch. Hçcker, Die Akropolis von Athen, regen Lysikrates aus dem Jahr 335/34 v. Chr. im
2
2001, 189. Osten der Athener Akropolis.
Lit.: W. Erhard, Der Fries des Lysikratesmonuments, in:
Cheirokrates Ñ Deinokrates Antike Plastik 22, 1993, 7 – 67 (m. weiterer Lit.). – A. W.
Pickard-Cambridge, The Dramatic Festivals of Athens3,
1988.
Chersiphron aus Knossos Zusammen mit seinem
Sohn Ñ Metagenes bei Strabon (14, 640), Vitruv (3,
2, 7) und Plinius (Naturgeschichte 7, 125 und 36, Ciborium Lat. ›Fruchtgehuse‹, ein steinerner, auf
˙
95) als Architekt des archaischen Ñ Dipteros von Sulen ruhender berbau in Form eines Baldachins
Ephesos (um 550 v. Chr.) genannt; beide verfaßten auf rundem, quadratischem oder polygonalem
eine Vitruv offenbar bekannte Schrift ber diesen Grundriß. Im frhchristlichen Kirchenbau markiert
Tempel (Vitruv 7, 1, 12), die zu den frhesten Zeug- das oft mit Vorhngen zwischen den Sulen ver-
nissen der antiken Ñ Architekturtheorie zu zhlen sehene C. Thron, Altar oder Heiligengrab innerhalb
ist. Ch. galt wegen seiner Entwicklung einer Wal- der Kirche und tradiert sich als ein architektonisches
zenkonstruktion fr den Transport großer und Interieur bis in den Kirchenbau des Barock.
schwerer Bauglieder vom Ñ Steinbruch zur Baustelle Lit.: H. Cppers, Vorformen des Ciborium, in: Bonner
auch als ein Pionier der antiken Ingenieurs- und Jahrbcher des Rheinischen Landesmuseums 163, 1963,
21 – 75. – M. T. Smith, The Ciborium in Christian Archi-
Ñ Bautechnik.
tecture in Rome 300– 600 A. D., 1981.
Lit.: W. Schaber, Die archaischen Tempel der Artemis von
Ephesos, 1982. – H. Svenson-Evers, Die griech. Architek-
ten archaischer und klassischer Zeit, 1996, 67– 100. – B. Circus Grçßter Typus der rçm. Freizeitarchitektur;
Wesenberg, Zu den Schriften der griech. Architekten, in: ˙
Diskussionen zur archologischen Bauforschung 4, 1983, eine langgestreckte Bahn (ca. 450 x 80 m) fr Wa-
39 – 48. genrennen (mit Zweispnnern, bigae, oder Vierspn-
nern, quadrigae), die an den Langseiten und der ge-
Choregische Denkmler Eine ausnahmslos in Athen rundeten Querseite mit Zuschauertribnen (Ñ Ca-
anzutreffende Gattung architektonischer Ehren- vea) gesumt war, nicht jedoch auf der rechtwinklig
denkmler, meist aus dem spten 4. Jh. v. Chr. Die oder in flachem Bogen zur Lngsachse geschnitte-
Choregie war in Athen ein seit ca. 500 v. Chr. gelu- nen zweiten Querseite mit den Starttoren (Ñ Carce-
Circus 64
˙
res). Die Rennbahn war in ihrer Lngsachse durch
einen Entwsserungskanal (euripus) oder eine hohe
Barriere (spina) in zwei gegenlufige Fahrbahnen
unterteilt; als Wendemarken dienten je drei Kegel
auf einem Podest, auf der spina standen weitere
Denkmler (Obelisken), kleine Heiligtmer und –
als wichtiges Requisit fr Wagenrennen – der Run-
denzhler. Pltze fr die Honoratioren fanden sich
als Logen oberhalb der Carceres; die Kampfrichter
saßen auf gesonderten Pltzen im Bereich der Ziel-
linie, aber auch an den ›kritischen‹ Punkten der
Rennbahn (z. B. den Wendemarken). Dieser kano-
nische rçm. C. als monumentales, dauerhaftes Bau-
werk findet sich erstmals um 100 n. Chr. realisiert
(trajanischer Neubau des Circus Maximus in Rom);
ltere Anlagen verwendeten vielfach Erdwlle und
waren insgesamt in geringerem Maße architektoni-
siert.
Der rçm. C. hat zwei Vorlufer: das griech. Ñ Hip-
podrom und die etruskischen Rennbahnen. In der
griech. Architektur bezeichnet Hippodrom (von
hippos, ›Pferd‹, und dromos, ›Bahn‹, ›Gang‹) die Bahn
fr Pferderennen, die seit dem frhen 7. Jh. v. Chr.
als Einrichtung in griech. Heiligtmern und Stadt-
staaten blich wurde und etwas spter dann auch fr
Wagenrennen genutzt wurde (erste Wagenrennen
um 680 v. Chr. in Olympia nachgewiesen). Das
Hippodrom war in archaischer Zeit erstrangiger
Ort aristokratischer Reprsentation, wo Reichtum
und Weltlufigkeit durch den Besitz und routinier-
ten Gebrauch edler Rennpferde weithin sichtbar
vor Publikum demonstriert werden konnte. Die
U-fçrmigen Anlagen waren von Wllen fr Zu-
schauer umgeben und mit einer Start- und Zielvor-
richtung sowie einer Wendemarke ausgestattet. Die
z. T. erheblichen Dimensionen (bis zu 800 m Ln-
ge) machten eine Einrichtung außerhalb der Heilig-
tmer oder Stdte zur Regel. Ebenso durch die
gewaltigen Dimensionen bedingt war – im Gegen-
satz etwa zum Ñ Stadion – der dauerhafte Verzicht
auf eine baulich-architektonische Gestaltung. Die
griech. Hippodrome blieben allesamt ephemere Er-
darchitekturen und fielen entsprechend nachanti-
ken Zerstçrungen, Umbauten oder Gelndeplanie-
0 20 40 60 80 100 m
rungen zum Opfer, weswegen heute nur wenige
Circus von Leptis Magna (Befunde und rekonstruierter Hippodrome archologisch genauer bekannt sind.
Grundriß). Ebenfalls weitgehend unbekannt sind die etruski-
65 Circus
˙
schen Rennbahnen, die im Bereich der Nekropolen
angesiedelt und wichtiger Bestandteil des etruski-
schen Brauches von Agonen bei den Totenfeiern
waren; verschiedene Bilddokumente (z. B. die Ma-
lereien in der ›Tomba delle Bighe‹ in Tarquinia)
zeigen, daß die Rennbahnen offenbar von temporr
erbauten hçlzernen Gersten und Tribnen fr Zu-
schauer gesumt waren (Ñ Temporre Bauten).
Fr den rçm. Circus wird der Circus Maximus in
Rom am Fuße des Palatin prgend; hier war seit
dem 5. Jh. v. Chr. (Trockenlegung der Senke zwi-
schen Palatin und Aventin durch den Kçnig Tarqui-
nius Priscus) der Ort der großen Spiele (ludi), zu-
nchst in engem Kontext mit verschiedenen Gçtter-
festen und mit zahlreichen, nicht nur wettkampf-
orientierten rituellen Inszenierungen versehen.
Hieraus leitet sich auch die durch Jahrhunderte ge-
wachsene, in Teilen immer wieder ergnzte und
vernderte Bauform des C. her, denn nicht allein
Pferde- und Wagenrennen fanden hier statt, son-
dern der Bau war zuvçrderst idealer Ort fr die
Vorfhrung großer, aufwendiger Festzge, die bei
einem Durchzug durch den C. von einer maximalen
Anzahl von Betrachtern im Detail bewundert wer-
den konnten (z. B. die den Wettkmfen immer vo-
rangehende pompa circensis, spter auch verschiedene
Triumphzge). Der Circus Maximus ist seit dem
4. Jh. v. Chr. praktisch in jeder Generation ausgebaut
bzw. renoviert und erweitert worden; ein erster
vollstndiger Steinbau erfolgte unter Trajan (Ge-
samtmaße ca. 620 x 140 m), blieb bis ins 4. Jh.
n. Chr. in Nutzung und bot 150.000 bis 200.000
Zuschauern Platz.
C.-Bauten außerhalb Roms sind nicht allzu hu-
fig; sie folgen meist typologisch dem trajanischen
Bau des Circus Maximus und sind architektonische
Requisiten sehr wohlhabender Provinzstdte wie
z. B. Leptis Magna, Merida oder Tarragona (sowohl
der Bau als auch der Betrieb eines C. war außer-
ordentlich kostspielig). Im Osten des Imperium Ro-
manum findet sich ein verkrzter und verbreiterter
Typus relativ hufig, der auch fr Gladiatorenspiele
genutzt werden konnte (Caesarea, Antiochia, Gera-
sa, Tyros u. a. m.).
Im baulichen Repertoire der rçm. otium-Villa
(Ñ Villa) ist das Hippodrom bzw. der C. ein Standard-
element und hlt von hier aus Einzug in die kaiser- Circus von Merida (Grundrißrekonstruktion)
Cloaca Maxima 66
˙ ˙
liche Ñ Palastarchitektur (u. a. Rom, Palatin; Thessa- Columbarium Ursprnglich lat. ›Taubenschlag‹,
˙
loniki) bzw. die sptantiken Palastvillen (z. B. die des ›Taubenhaus‹, spter auch ›Totenkammer‹; ein-
Maxentius an der Via Appia); der C. diente hier oder mehrrumiger Ñ Grabbau mit Bestattungen in
weniger Rennveranstaltungen als vielmehr aristo- Wandnischen und Fußboden. Dem Ñ Coemeterium
kratisch-herrscherlicher Reprsentation. vergleichbar, aber im Gegensatz dazu nicht christ-
Lit.: A. Cameron, Circus Fractiones. Blues and Greens at lich konnotiert.
Rome and Byzantium, 1976. – J. Ebert, Neues zum Hip- Lit.: H. v. Hesberg, M. Pfanner, Ein augusteisches Colum-
podrom und den hippischen Konkurrenzen in Olympia, in: barium im Park der Villa Borghese, in: Jahrbuch des DAI
Nikephoros 2, 1989, 89– 107. – R. Fçrtsch, Archologi- 103, 1988, 465– 487.
scher Kommentar zu den Villenbriefen des jngeren Pli-
nius, 1993, 78– 80. – P. Gros, L’architecture romaine I,
2
2002, 346 – 361. – J. H. Humphrey, Roman Circuses, Columna Caelata Ñ Bauplastik; Ñ Sule, Sulenord-
1986. – I. Nielsen, A. Hçnle, DNP 2, 1997, 1210 –1220 s.v. ˙ ˙
nungen
Circus. – K. W. Weeber, Panem et Circenses, 1994.

Columna Rostrata Ñ Sulenmonumente


˙ ˙
Cloaca Maxima Lat. ›große Abwasserleitung‹; die
˙ ˙
schon in antiken Quellen als Wunderwerk rçm. Comitium Ñ Versammlungsbauten
˙
Zivilisation gepriesene, in den Tiber mndende gro-
ße Abwasserleitung in Rom, vgl. u. a. Strabon (5, 8), Compitum In der rçm. Antike ein Knotenpunkt von
˙
Plinius (Naturgeschichte 36, 24) und Livius drei oder mehr Wegen; synonym ist der dort erbaute
(1.38.6 u. ç.); bereits im 5. Jh. v. Chr. in der mythi- Larenschrein mit einer eigenen Kultnische fr jeden
schen Kçnigszeit angelegt (Tarquinius Priscus?) und der Anlieger. Das C. war ein wichtiger Faktor im
zunchst primr als Entwsserung der tiefgelegenen Kontext des Ñ Stdtebaus, der Landverteilung und
Stadtteile (besonders des Forum Romanums) kon- der Wegeplanung in der Gebietsexpansion whrend
zipiert, spter dann baulich erweitert und um die der frhen und mittleren rçm. Republik.
Funktionen der innerstdtischen Ñ Kanalisation er- Lit.: U. W. Scholz, s.v. Compitalia, in: DNP 3, 1997,
gnzt, vgl. auch Ñ Latrine. 110 – 112.
Lit.: H. Bauer, s.v. Cloaca Maxima, in: E. M. Steinby
(Hrsg.), Lexikon Topographicum Urbis Romae 1, 1993, Compluvium Nach Varro (de lingua latina 5, 161)
288 – 290. ˙
und Vitruv (6, 3, 1 f.) die bliche Ausbildung der
Dachçffnung an allen Typen des Ñ Atriums am rçm.
Cocceius Durch eine Inschrift namentlich bekann- Ñ Haus. Die trichterartig nach innen geneigten
ter rçm. Architekt und Ingenieur (CIL X 1614), der Dachflchen des C. leiteten das Regenwasser in
fr M. Valerius Agrippa im 1. Jh. v. Chr. zwei Ñ Tun- das Ñ Impluvium, ein (meist mit der Ñ Zisterne ver-
nelbauten am Golf von Neapel errichtete (den Stra- bundenes) Becken im Zentrum des Atriums. Beim
ßentunnel zwischen dem Avernersee und Cumae lteren displuvium sind die Dachflchen nach außen
sowie den zwischen Puteoli und Neapel). geneigt.
Lit.: Ñ Tunnel, Tunnelbau. Lit.: E. M. Evens, The Atrium Complex in the Houses of
Pompeii, 1980. – R. Fçrtsch, Archologischer Kommentar
Coemeterium Lat. ›Ruhesttte‹, ein einzeln stehen- zu den Villenbriefen des jngeren Plinius, 1993, 30 f.
˙
der, mehrrumiger frhchristlicher Ñ Grabbau mit
Begrbnisnischen in den Wnden und Grablegun- Cossutius Rçm. Gentilname verschiedener Knst-
gen im Fußboden, in der Nachantike z. T. als Syno- ler und Architekten seit dem 2. Jh. v. Chr.; am be-
nym fr ›Friedhof‹ verwendet (vgl. z. B. engl. ceme- kanntesten ist der bei Vitruv (7 praef. 15 ff.) erwhn-
tery); s. auch Ñ Katakomben. te Architekt geworden, der vermutlich unter Antio-
Lit.: H. Brandenburg, Coemeterium. Der Wandel des Be-
chos IV. (reg. 176/75–164 v. Chr.) in Athen den
stattungswesens als Zeichen des Kulturumbruchs der Spt- Bau des Olympieions fortgefhrt hat. Den ur-
antike, in: Laverna 5, 1994, 206 – 233. sprnglich unter Peisistratos im 6. Jh. v. Chr. als do-
67 Curia
˙
rischen Ñ Dipteros begonnenen Zeustempel formte Crypta, Cryptoporticus Ñ Kryptoportikus
˙ ˙
C. nach langjhriger Bauunterbrechung zu einem
korinthischen Bauwerk um, das jedoch ebenfalls Cubiculum Nebenraum des Ñ Atrium im rçm.
˙
unfertig blieb und erst unter Kaiser Hadrian im 2. Jh. Ñ Haus. Als kleiner und verschließbarer Raum oft
n. Chr. vollendet wurde. als Schlafgemach genutzt.
Lit.: R. Tçlle-Kastenbein, Das Olympieion in Athen, 1994, Lit.: J. A. Dickmann, Domus Frequentata. Anspruchsvolles
17 – 74; 142 –152. Wohnen im pompejanischen Stadthaus, 1999, 219 –228. –
E. M. Evens, The Atrium Complex in the Houses of Pom-
peii, 1980. *
Crusta(e) Lat. ›Schale‹; antiker Terminus aus der
˙
Ñ Bautechnik, der die Schal- bzw. Verblendmauern
von Gußzementkonstruktionen (Ñ Zement, Ze- Culina Ñ Kche; Ñ Haus
˙
mentbauweise) bezeichnet (vgl. Vitruv 2, 8, 7 u. ç.),
ferner allgemein architektonisch gebraucht fr jed- Curia Abgeschlossenes, typologisch nicht gebunde-
˙
wede Verkleidung von Decken und Wnden mit nes Gebude oder Gebudetrakt, in dem der rçm.
Ñ Stuck, Marmor, Travertin oder Mosaik (vgl. Ñ In- Senat tagte, s. dazu Ñ Versammlungsbauten.
krustation). Lit.: J. Ch. Balty, Curia Ordinis, 1991. – W. Eder, DNP
Lit.: H.-O. Lamprecht, Opus Caementitium – Bautechnik 12/2, 2002, 936 s.v. Curia (Nachtrag). – D. Gneisz, Das
der Rçmer, 41993, 38 – 44. antike Rathaus, 1990.
Dach, Dachkonstruktion 68

Dach, Dachkonstruktion Ñ berdachung Anschluß an diese gromatische Struktur und ent-


sprechend der davon hergeleiteten Bauweise des
Dachterrakotten Aus gebranntem Ton hergestellte Ñ Castrum, der D. die als Hauptstraße mit eine Brei-
Verkleidungen oder Schmuckplatten fr ein hçlzer- te meist von 40 Fuß (ca. 12 m) ausgebaute Ost-
nes, z. T. auch steinernes Geblk eines reprsentati- West-Achse der Stadt (also mit doppelter Breite
ven Bauwerks; meist reich mit Figurenszenen oder gegenber dem Cardo).
Ornamenten bemalt. Vor allem im 6. Jh. v. Chr. ein Lit.: O. Behrends, L. Capogrossi Colognesi (Hrsg.), Die
gngiges Verfahren zur Ausschmckung von griech. rçm. Feldmeßkunst, 1992. – Th. Lorenz, Rçm. Stdte,
Architektur, auch in Etrurien blich. S. Ñ Bauplastik. 1987, 20 f., 43 f. – Ch. Schubert, Land und Raum in der
rçm. Republik. Die Kunst des Teilens, 1996.

Daktylos Griech.; lat. Entsprechung: dı´gitus, ›Finger‹,


˙
›Fingerbreite‹; antikes Ñ Lngenmaß, im griech. Bau- Deinokrates Architekt und Stadtplaner frhhelle-
wesen die kleinste Brechung des Fußes (1 Ñ Fuß = 4 nistischer Zeit, Zeitgenosse Alexanders d. Gr. und
Palaı́stai/Handbreiten = 16 Dktyloi). Das reale durch Vitruv (2 praef. 4, vgl. auch Plinius, Natur-
Maß schwankt, je nach Lnge des Fußes, zwischen geschichte 5, 62, 7 und 125) mit diesem u. a. durch
1,84 und 2,21 cm. Stadtplanungsaufgaben fr Alexandria und weitere
Lit.: O. A.W. Dilke, Digit Measures on a Slab in the British Ingenieursaktivitten im Alexanderheer in Verbin-
Museum, in: The Antiquaries Journal 68, 1988, 290 – 294. – dung stehend (z. T. auch als Cheirokrates benannt,
F. Hultsch, Griech. und rçm. Metrologie, 21882, 28 f., 74 f. vgl. Strabon 14, 1, 23). Einer in der Antike weit
verbreiteten Legende nach hat D. dem Alexander
Daphnis Architekt aus Milet, genannt bei Vitruv vorgeschlagen, den Berg Athos in eine berdimen-
(7 praef. 16) zusammen mit Ñ Paionios aus Ephesos sionale Herakles-Statue mit Alexanderportrt um-
als Erbauer eines milesischen Apollontempels, wohl zugestalten, die eine ›echte‹ kleine Stadt in Hnden
des Ñ Dipteros im bei Milet gelegenen Heiligtum von hlt – eine der blichen berhçhungen Alexanders
Didyma. Da Paionios laut Vitruv zuvor am sptklas- im spten 4. Jh. v. Chr., die die Erinnerung an D.
sischen Neubau des Artemis-Tempels von Ephesos jedoch auch in rçm. Zeit wachhielt; das Motiv ist als
beteiligt war, wird der ansonsten unbekannte D. Architekturphantasie in Renaissance und Barock
wohl mit dem um 300 v. Chr. begonnenen Neubau verschiedentlich wieder aktualisiert worden, u. a.
des Didymeion zu verbinden sein, und nicht mit von J. B. Fischer von Erlach.
dessen archaischem Vorgngerbau. berlegungen Lit.: H. Meyer, Der Berg Athos als Alexander. Zu den
zur konkreten Ttigkeit des D. sowie zur Arbeits- realen Grundlagen der Vision des Deinokrates, in: Rivista
teilung zwischen D. und Paionios bleiben spekulativ. di Archeologia 10, 1986, 22 – 30. – W. Mller, Architekten
in der Welt der Antike, 1989, 153 f. – H. Svenson-Evers,
Lit.: H. Svenson-Evers, Die griech. Architekten archaischer Die griech. Architekten archaischer und klassischer Zeit,
und klassischer Zeit, 1996, 74; 100. 1994, 103 –107 s.v. Cheirokrates.

Decumanus Antik-rçm. Terminus technicus der Dentil Ñ Zahnschnitt


˙ ˙
Landvermessung; in der rechtwinkligen antiken li-
mitatio ist der D. als senkrechte Linie definiert (als Diaeta Markanter, in seiner Funktionalitt hin-
˙
y-Achse eines Koordinatensystems gegenber dem gegen nicht nher przisierter Raum innerhalb einer
Ñ Cardo als der x-Achse). Im rçm. Ñ Stdtebau ist, im rçm. Ñ Villa. D. finden sich in den Villenbriefen des
69 Dipteros
˙
jngeren Plinius zahlreich beschrieben; hufig han-
delt es sich dabei um Ruherume, die auch in grç-
ßerer Anzahl in einem Villenkomplex vorhanden
sein konnten.
Lit.: R. Fçrtsch, Archologischer Kommentar zu den Vil-
lenbriefen des jngeren Plinius, 1993, 48– 53.

Diastylos Antiker Ñ Tempel mit einer Sulenstel-


˙
lung, bei dem das Ñ Interkolumnium drei untere
Sulendurchmesser breit ist; eine der bei Ñ Vitruv
(3, 3) beschriebenen fnf ›Arten der Tempel‹ (vgl.
Ñ Araeostylos; Ñ Eustylos; Ñ Pyknostylos; Ñ Systylos).

Diateichisma Griech. fr ›durchlaufende Mauer‹;


˙
spezielles Element einer antiken Stadtmauer (Ñ Mi-
litrarchitektur), das immer dann Verwendung fand,
wenn in militrisch angespannter Situation eine
Verteidigungsmauer mit hoher Wirksamkeit erbaut
werden mußte: Das D. ist ein durch das ummauerte
Stadtgebiet quer hindurch verlaufender Mauerzug
(mit lediglich einem, gut sicherbaren Durchlaß), der
das Stadtgebiet in zwei meist annhernd gleich gro-
ße Teile zerschnitt und der es im Notfall als ›zweite
Mauer‹ ermçglichte, eine Hlfte des Stadtgebietes
preiszugeben (z. B. Stratos).
Lit.: J.-P. Adam, L’architecture militaire grecque, 1982. –
A. W. Lawrence, Greek Aims in Fortification, 1979. – F. E.
Winter, Greek Fortifications, 1971. Vgl. Ñ Militrarchitek-
tur.

Diazoma Nach Ñ Vitruv (5, 7, 7) ein horizontaler


˙
Umgang, der die Ñ Cavea antiker Theateranlagen
in die verschiedenen Rnge untergliedert, vgl. Dipteros: Ephesos, jngeres Artemision, 4. Jh. v. Chr.
(schematisierter Grundriß).
Ñ Theater.

Dipteros Von griech. dı´-pteros, ›zweiflgelig‹, ›mit destens 92 Sulen, ein analog disponierter Peripteros
˙
doppeltem ptern (Umgang) versehen‹; bei Vitruv demgegenber lediglich 48) entstand in der Mitte
(3, 1, 10; 3, 2, 1; 3, 2, 7; 3, 3, 8 und 7 praef. 15) des 6. Jh. v. Chr. im ionischen Kleinasien im Zuge
berlieferter, ansonsten in der antik-griech. Archi- einer regelrechten Maßstabsexplosion der bis dahin
tekturterminologie nicht bezeugter Terminus tech- vergleichsweise kleinformatigen Sakralarchitektur
nicus fr einen griech. Ñ Tempel mit mindestens ionischer Ordnung (vgl. Ñ Sule, Sulenordnungen).
acht Frontsulen, dessen Ñ Cella allseitig von zwei, Der D. bildet innerhalb der griech. Tempelarchitek-
an den Schmalseiten u. U. auch von drei Sulenrei- tur ein selten realisiertes Baukonzept. Neben den
hen umgeben ist. Das im Vergleich zum Ñ Peripteros archaischen D. aus Samos (Ñ Rhoikos) und Ephesos
mit seinem einfachen Sulenkranz beraus aufwen- (Ñ Chersiphron, Ñ Metagenes, Ñ Weltwunder) und
dige, arbeits-, material- und transportintensive Bau- Didyma bei Milet (Ñ Daphnis) ist ein dipteraler
konzept (ein D. von 8 x 17 Sulen erforderte min- Grundriß allein fr das in dorischer Ordnung kon-
Domne 70

zipiert gewesene, ber Jahrhunderte unfertig liegen- mate sprengenden Form, und dies vor dem Hinter-
gebliebene peisistratidische Olympieion in Athen grund der in jenen Jahren neu zu formulierenden
gesichert (unter Ñ Cossutius in einer zweiten Bau- ionisch-griech. Selbstidentitt in der Kontaktzone
phase bezglich der Bauordnung dann verndert zwischen griech. Sphre und achmenidisch-orien-
und erst im 2. Jh. n. Chr. vollendet). Ob der wohl talischer Hochkultur, in der aristokratisch-oli-
hypthrale dorische Tempel G in Selinunt als D. zu garchische Gruppenideale und autokratische Kom-
rekonstruieren ist, ist unsicher; einen weiteren do- ponenten miteinander in Einklang zu bringen wa-
rischen D. erwhnt Vitruv (den nicht erhaltenen, ren; zu diesen Aspekten vgl. ausfhrlicher Ñ Tempel.
mçglicherweise legendren Quirinus-Tempel in Lit.: A. Bammer, U. Muss, Das Artemision von Ephesos,
Rom, Vitruv 3, 2, 7). Ein als Ñ Pseudodipteros ange- 1996, 45 – 79. – B. Fehr, Zur Geschichte des Apollonhei-
legtes Baukonzept verkçrpert neben dem Artemis- ligtums von Didyma, in: Marburger Winckelmann-Pro-
gramm 1971/72, 14 – 59. – Ch. Hçcker, Sekos, Dipteros,
Tempel von Magnesia am Mander der hellenisti- Hypaethros – berlegungen zur Monumentalisierung der
sche Ringhallentempel von Baalbek. Die mehrfach archaischen Sakralarchitektur Ioniens, in: R. Rolle (Hrsg.),
vertretene Annahme, zum Rahmenkonzept des D. Archologische Studien in Kontaktzonen der antiken Welt.
gehçre, wie fr den Apollontempel von Didyma Verçffentl. der J. Jungius-Gesellschaft 87, 1998 (Wid-
mungsband fr H. G. Niemeyer), 147 –163. – W. Mller-
nachgewiesen, ein hypthraler Ñ Sekos (Ñ berda-
Wiener, Griech. Bauwesen in der Antike, 1988, 142 –145.
chung) mit einer quasi von der Ringhalle unabhn- – O. Reuther, Der Heratempel von Samos, 1957. – H. v.
gigen Kultanlage darin, bleibt problematisch; so- Steuben, Seleukidische Kolossaltempel, in: Antike Welt
wohl der Rhoikos-Tempel auf Samos als auch der 1981, 3.12. – R. Tçlle-Kastenbein, Zur Genesis und Ent-
archaische Artemistempel von Ephesos (vgl. Strabon wicklung des Dipteros, in: Jahrbuch des DAI 109, 1994,
41 – 76. – dies., Das Olympieion von Athen, 1994. – W.
14, 22) scheinen berdachte Bauten gewesen zu Voigtlnder, Der jngste Apollontempel von Didyma, 14.
sein. Beiden Bauten sind zudem, anders als in Di- Beih. Mitteilungen des DAI, Abt. Istanbul, 1975.
dyma, großen, mit erheblicher Tradition verbunde-
nen vorgelagerte Altaranlagen (Ñ Altar) zugehçrig. Domne Nachantike Bezeichnung (von lat. res do-
Auffllig ist die variantenreiche Ornamentik der minica und altfranz. domenie, gewandelt zu domaine)
archaischen ionischen Riesentempel. Neben dem fr einen lehensrechtlichen Grundbesitz eines Ade-
blichen Dekor der ionischen Ordnung in der Ge- ligen, wobei der Grundbesitz insgesamt, aber auch
blkzone finden sich anathemhaft gestaltete, relief- ein einzelnes Landgut gemeint sein kann. Rechts-
geschmckte Sulenbasen und –hlse (columnae cae- begriff im Zusammenhang rçmisch-kaiserlicher
latae, Ñ Sule), ein Skulpturenfries und Ñ Marmor als Lndereien; im modernen archologischen Sprach-
Baumaterial in Ephesos sowie absichtsvoll unter- gebrauch bezeichnet D. darber hinaus eine spt-
schiedlich profilierte Sulenbasen (Samos, D. des antike Ñ Villa in ihrer Gesamtheit (Bau und Lnde-
Polykrates; die verschiedenartigen Profile des Basen reien).
wurden mittels einer großen Drehbank erzeugt, vgl. Lit.: L. Schneider, Die Domne als Weltbild, 1983.
Ñ Bautechnik). Diese aufwendig erzeugte ›Indivi-
dualitt‹ einzelner Sulen sowie erhaltene bzw. lite- Domus Lat. ›Stadthaus‹ (Ñ Haus), innerhalb der rçm.
˙
rarisch berlieferte Weih-Inschriften, welche Stif- Aristokratie das Gegenstck zum Gutsbetrieb auf
tungen einzelner Sulen bezeugen und damit auch dem Land (Ñ Villa); ein reprsentativ gehaltener
funktional ihren Anathemcharakter (z. B. die Kroi- Bau mit teilweise çffentlichem Charakter (z. B. das
sos-Inschriften an Sulen des D. in Ephesos, vgl. Ñ Atrium als Ort fr den Empfang der clientes des
Herodot 1, 92), legen die Vermutung nahe, daß Hausherren). Als D. werden im kaiserzeitlichen
die archaischen ionischen D. Bauten waren, die Rom auch die stdtischen Residenzen der Kaiser
einzelne Weihungen in die berregional bedeuten- bezeichnet (vgl. Ñ Palast).
den Heiligtmer Ioniens in zielgerichteter Weise zu
Lit.: J. A. Dickmann, Domus Frequentata. Anspruchsvolles
einem bergeordneten Ganzen, zu einem regel- Wohnen im pompejanischen Stadthaus, 1999, 15– 22. – B.
rechten ›Sulenwald‹ zusammenfgten: ein nivellie- Linke, DNP 3, 1997, 762 f. s.v. Domus (juristische und
rendes Moment innerhalb einer alle bekannten For- religiçse Aspekte).
71 Dorischer Eckkonflikt

Domus Augustana Eine sich im Osten an die Ñ Do- stand nach 80 n. Chr. eine neue Palastanlage in Rom,
˙ ˙
mus Flavia auf dem Palatin in Rom anschließende die sich wieder auf den Palatin beschrnkte.
Erweiterung des Flavier-Palastes. Lit.: M. Bergmann, Der Koloß Neros, die Domus Aurea
und der Mentalittswandel im Rom der frhen Kaiserzeit,
Domus Aurea Ñ Domus Transitoria Trierer Winckelmann-Programm 13, 1993. – A. Cassatella
˙ ˙ u. a., in: M. Steinby (Hrsg.), Lexicon Topographicum Urbis
Romae 3, 1995, 49 –64, s.v. Domus Aurea. – L. F. Hall, The
Domus Flavia Unter dem rçm. Kaiser Domitian in Domus Aurea and the Roman Architectural Revolution,
˙ ˙
den Jahren nach 80 n. Chr. entstandener, durch ei- 2003. – M. de Vos, in: M. Steinby (Hrsg.), Lexicon Topo-
nen Brand notwendig gewordener Ñ Palast-Neubau graphicum Urbis Romae 3, 1995, 199 –202 s.v. Domus
Transitoria.
auf dem Palatin in Rom; Ñ Domus Transitoria.

Domus Tiberiana Der Palast des Tiberius auf dem Dorische Bauordnung Ñ Sule, Sulenordnungen
˙ ˙
Palatin in Rom, der sich nçrdlich der beiden
Wohnhuser seiner Eltern (Haus der Livia und Dorischer Eckkonflikt Moderner Terminus techni-
Haus des Augustus) als ein um 20 n. Chr. errichteter cus fr das Problem, im griech. Steinbau dorischer
Neubau erhob. War bis in die Regentschaftszeit des Ordnung (Ñ Sule, Sulenordnungen) eine gleich-
Augustus der Palatin ein nobles stadtrçm. Wohn- mßige, um die Ecke biegende Abfolge von Ñ Trigly-
quartier (und das Haus des Augustus darin keines- phen und Ñ Metopen im Ñ Fries ber einer Sulen-
wegs grçßen- und ausstattungsmßig exponiert), stellung zu bewirken. In der kanonischen dorischen
wandelte sich mit dem Bau der D. T. der Palatin Baustruktur lagert jede zweite Triglyphe mittig ber
zum exklusiven kaiserlichen Palastareal in Rom; einer Sule. Dies wird in dem Moment an den Ecken
vgl. Ñ Palast. unrealisierbar, wo die Tiefe des Architravs (Ñ Episty-
lion) die Breite einer Triglyphe bersteigt, da dann
Domus Transitoria Umfangreicher Gebudekom- entweder der Architrav nicht mehr zentriert auf dem
˙ ˙
plex in Rom, funktional der Palastanlage auf dem Ñ Abakus des Eckkapitells aufliegt oder aber die Mitte
Palatin zugehçrig, in der Frhphase der Regent- der Ecktriglyphe aus der Sulenachse nach außen
schaft Neros (um 60 n. Chr.) in der Senke zwischen rckt; ein Problem, das in der dem Steinbau zeitlich
Palatin und Esquilin entstanden (im Zuge eines Zu- vorausgehenden Holzbauweise, die die dorische
sammenschlusses der seit Augustus zur Residenz Ordnung formal konstituiert hat (vgl. Vitruv 4, 2, 4;
ausgewachsenen Palatin-Bebauung mit den Horti 5, 1, 11 u. ç.), wegen ihrer grçßeren statischen Flexi-
Maecenati). Die D. T. ging im Stadtbrand von bilitt nicht notwendigerweise auftritt.
64 n. Chr. unter; Nachfolgebau war die unmittelbar Der D. E. war in der Antike ein bekanntes und
nach 64 begonnene Domus Aurea (›Goldenes Haus‹), diskutiertes Architekturproblem, wie die bei Vitruv
mit dem Nero mitten in die einwohnermßig be- (4, 3) geschilderte Kritik an der dorischen Bauord-
reits hochverdichtete Stadt Rom einen umfangrei-
chen, ußerst luxuriçs ausgestatteten, mit großen
Lndereien umgebenen Residenz-Neubau hinein-
setzte (und damit erstmals das Konzept einer inner-
stdtischen Ñ Villa ausformulierte). Nach dem Tod
Neros wurde das von ihm aus çffentlicher Sicht
illegitim beanspruchte Areal der Domus Aurea in
einer Kette von demonstrativen Gesten seitens der
flavischen Kaiser an das Volk zurckgegeben: Wei-
te Teile der Bebauung wurden abgebrochen, die
Grten geçffnet, Titus-Thermen und Kolosseum
entstanden hier, die Kunstsammlung Neros wurde
çffentlich ausgestellt, und mit der Domus Flavia ent- Dorischer Eckkonflikt (schematische Darstellung).
Dorischer Eckkonflikt 72

nung und vor allem die ebendort berlieferte Anek- den sich an einigen westgriech. Tempeln mit ihren
dote bezeugt, derzufolge der Architekt Ñ Hermoge- ausgeklgelten ›doppelten‹ Eckkontraktionen (Agri-
nes aufgrund des D. E. einen dorisch konzipierten gent, sog. Concordiatempel; Segesta, großer Tem-
Tempel in einen Bau ionischer Ordnung umge- pel) und am Ñ Parthenon auf der Athener Akropolis
arbeitet haben soll (die eine vergleichbare Kompli- mit seiner das notwendige Maß sogar bersteigen-
kation lediglich in der Volutenform des Eckkapitells den einfachen Eckkontraktion. Die bei Vitruv (4, 3,
aufweist); wohl eine Legende, die zwar zeitlich mit 2) als ›Ausweg‹ empfohlene Rest- oder Eckmetope
dem weitgehenden Verzicht auf die dorische Bau- ist erst im Zuge der Vitruv-Rezeption der Renais-
ordnung in der antiken Architektur um 300 v. Chr. sance und im darauf basierenden Palladianismus
zusammenfllt, dies indessen aber kaum allein be- zum architektonischen Topos geworden, war in
grndet haben wird. der Antike hingegen unbekannt (zur hieraus resul-
Die Behandlung des D. E. ist ein Kernpunkt in tierenden Frage nach Baukenntissen und der Fach-
der theoretisch-planerischen Auseinandersetzung kompetenz dieses augusteischen Schriftsteller-Ar-
antiker Architekten mit der dorischen Bauordnung, chitekten Ñ Vitruv).
die von ersten, tastenden Versuchen zu einer immer Gegen Ende des 19. Jh. hat der Archologe und
weiter voranschreitenden Systematisierung der Bauforscher R. Koldewey eine Methode zur exak-
Struktur mit einer vollstndigen Kommensurabilitt ten Berechnung der ›idealen‹ Eckkontraktion etab-
aller Bauglieder und Distanzen fhrte (z. B. im liert, nach der der fr einen ungestçrten Ablauf im
Zeustempel von Olympia des Ñ Libon; vgl. Ñ Propor- Fries notwendige Betrag fr die Jochkontraktion der
tion). Dabei wurde der D. E. in hocharchaischen Hlfte der Differenz zwischen Triglyphenbreite
Bauten zunchst ignoriert, was zu einer optisch und Architravstrke entspricht: (a-t):2, vgl. Abb.
deutlich erfahrbaren Stçrung des Friesablaufes Ob dieses Berechnungsverfahren in der Antike be-
durch Verbreiterung der Eckmetopen fhrte (z. B. kannt war, ist ungewiß; es findet sich praktisch kein
Korinth, Apollontempel). Als ›Lçsung‹ des D. wurde antikes Bauwerk, in dem sich der auf diese Weise
neben einer Kompensation des ›berschusses‹ im ermittelbare ›berschuß‹ hinreichend przise wie-
Fries (durch die im Vergleich zur alleinigen Ver- derfindet. Es bleibt deshalb unklar, ob der D. E. in
breiterung der Eckmetopen optisch weniger signifi- der Antike Gegenstand theoretisch-planerischer Be-
kante Verbreiterung mehrerer Metopen, bisweilen rechnungen war (und wenn ja, auf welchen Parame-
auch der Triglyphen) im spten 6. Jh. v. Chr. vor tern eine solche Berechnung fußte), oder ob hier ein
allem die Verengung (Kontraktion) des Eckjoches eher berschlgig kalkulierendes, praktisches Ver-
und damit ein Eingriff in die Maßstruktur der Ring- fahren zur Anwendung kam; zu damit verbundenen
halle entwickelt (frheste Belege: gina, Aphaia- modernen Verstndnisproblemen der antiken Bau-
Tempel; Delphi, Athena Pronaia-Tempel). Neben planung Ñ Bauwesen.
der den ›berschuß‹ vollkommen kompensieren- Lit.: H. Bsing, Eckkontraktion und Ensembleplanung, in:
den krftigen Eckkontraktion (z. B. Olympia, Zeus- Marburger Winckelmann-Programm 1987, 14– 46. – J. J.
Tempel; Athen, sog. Theseion) fhrten vor allem Coulton, The Treatment of Re-Entrant Angels, in: Annual
of the British School at Athens 1966, 132 – 148. – Ch.
die vielfltigen Kombinationsmçglichkeiten von Hçcker, Planung und Konzeption der klassischen Ringhal-
Jochkontraktion und Manipulation der Friesele- lentempel von Agrigent, 1993, 132 – 141 (m. weiterer Lit.).
mente zu einem großen Gestaltungsspektrum, das – H. Knell, Die Hermogenes-Anekdote und das Ende des
einerseits den D. E. als optisches Problem in die dorischen Ringhallentempels, in: H. Knell, B. Wesenberg
(Hrsg.), Vitruv-Kolloquium Darmstadt 1982 (1984),
Nhe der Nicht-Wahrnehmbarkeit fhrte, anderer-
41 – 64. – ders., Vitruvs Architekturtheorie, 1985, 84 –95.
seits in solch aufwendigem Umgang mit der – tat- – D. Mertens, Der Tempel von Segesta, 1984, 153 – 156. –
schlich ja nicht lçs-, sondern nur kaschierbaren – W. Mller-Wiener, Griech. Bauwesen in der Antike, 1988,
mathematischen Aporie zum Ausweis technologi- 116 f. – B. Wesenberg, Vitruvs griech. Tempel, in: H. Knell,
scher Kompetenz der Erbauer avancierte (Ñ Kçn- B. Wesenberg (Hrsg.), Vitruv-Kolloquium Darmstadt
1982 (1984), 65 – 96.
nensbewußtsein; Ñ Optical Refinements). Baukon-
zepte mit derartigem Demonstrationscharakter fin-
73 Dromos
˙
Dbel Ñ Bautechnik sichtlich zeremoniell begrndetes Element, das auch
in anderen antiken Kulturen wiederbegegnet (vgl.
Dromos Griech. ›Lauf‹, ›Rennen‹ bzw. Lauf- oder Ñ Tumulus). In Athen hieß derjenige gepflasterte,
˙
Rennbahn; im archologischen Sprachgebrauch be- schnurgerade Straßenabschnitt zwischen Akademie,
zeichnet D. neben der erwhnten Wettkampfanlage Dipylon und Agora D., der whrend der panatheni-
(im baulichen Kontext des Ñ Gymnasiums) vor allem schen Festspiele als Laufbahn diente.
einen offenen oder berdachten schmalen Gang, der Lit.: Ph. Bruneau, Le Dromos et le Temple C du Serapeion
auf einen Raum hinfhrt, ein besonders im Bereich C de Dlos, in: Bulletin Correspondence Hellnique 104,
frher griech. Ñ Grabbauten unverzichtbares, offen- 1980, 161 –188.
Echinus 74
˙

Echinus Von griech. echı´nos, ›Igel‹, ›Seeigel‹; nach Vi- antike Grundlage – das oft mit einem Ñ Eierstab ver-
˙
truv 4, 3, 4 (dort in latinisierter Wortform verwen- zierte Lagerkissen zwischen Voluten und Kannelur-
det) das polsterfçrmige Lagerstck des dorischen ansatz. Die Bezeichnung E. findet sich in griech.
bzw. tuskanischen Ñ Kapitells, das zwischen dem Bauinschriften ebensowenig wie berhaupt eine
quadratischen Ñ Abakus als dessen oberem Abschluß konsistente Terminologie fr die Einzelteile des Ka-
und dem in den Schaft der Ñ Sule bergehenden, pitells; offensichtlich diente hier der Begriff epı´kranon
zuerst mit dekorativen Ornamentbndern, spter nebst seinen lokalen Varianten (fr das Kapitell ins-
mit drei oder vier Ringen (Ñ Anuli) vom E. abge- gesamt) als Sammelbegriff aller Komponenten dieses
setzten Ñ Hypotrachelion lagert; diese drei Elemente Werkstckes. Daß die Bezeichnung E. auf die hn-
des Kapitells bestanden meist aus einem Werkstck. lichkeit des Baugliedes mit dem Seeigel zurck geht,
Als E. des ionischen Kapitells bezeichnet man – ohne ist etymologische Spekulation.

Echinusformen 1 Korfu, Artemistempel (um 580 v. Chr.) 4 Athen, Parthenon (447 – 438 v. Chr.)
dorischer Kapitelle: 2 Assos, Athenatempel (6. Jh. v. Chr.) 5 Priene, Agora, Sdhalle (hellenistisch)
3 Olympia, Zeustempel (um 470/60 v. Chr.) 6 Cori, Herculestempel (rçmisch)
75 Enneastylos
˙
Wie die Ñ Entasis, so hat auch der E. eine wesent- im 5. Jh. v. Chr. aber bereits als Schmuckelement
liche Funktion bei der Visualisierung von Last- und auch an dorischen Bauten (Ñ Parthenon in Athen)
Spannungsverhltnissen im griech. Sulenbau, was und wird dann zu einem gngigen Ornament auch
gerade im 6. Jh. v. Chr. bisweilen berdeutlich der korinthischen Bauordnung.
durch weit ausladende, flachgequetschte Form- Lit.: W. Kirchhoff, Die Entwicklung des ionischen Volu-
gebungen des E. betont wird. Darber hinaus bildet tenkapitells im 6. und 5. Jh. v. Chr. und seine Entstehung,
die kontinuierliche Vernderung der E.-Profile ber 1988, 158 – 161. – W. Mller-Wiener, Griech. Bauwesen
in der Antike, 1988, 120 f.
klassisch-ausgewogene Rundformen hin zu der steil
ansteigenden Trichterform hellenistischer Bauten
und zu der knopfartig reduzierten Masse bei rçm. E. Ekklesiasterion Von griech. ekklesı´a, ›Volksver-
˙
(vgl. Abb.) eine wichtige formgeschichtliche Datie- sammlung‹; der Ort bzw. der bauliche Rahmen in
rungshilfe antiker Architektur. der griech. Polis fr das Zusammentreten der Volks-
Lit.: K. Herrmann, Zum Dekor dorischer Kapitelle, in: versammlung; Ñ Theater, Ñ Versammlungsbauten.
Architectura 13, 1983, 1– 12. – D. Mertens, Der Tempel
von Segesta und die dorische Tempelbaukunst des griech. Embater Bei Vitruv (4, 3, 3) erwhnter griech. Fach-
Westens in klassischer Zeit, 1984, 134 –138 m. Beilage 31 f. ˙
– ders., Der alte Heratempel in Paestum und die archaische begriff fr ein Ñ Baumaß, identisch mit dem lat. mo-
Baukunst in Unteritalien, 1993, 18 –27; 105– 111. – W. dulus: eine relativ zu Dimensionen und Distanzen
Mller-Wiener, Griech. Bauwesen in der Antike, 1988, eines Bauwerks stehende, von der konventionellen
114 f., 126. – B. Wesenberg, Kapitelle und Basen, 32, Bei- Metrologie (Ñ Fuß, Fußmaß) unabhngige Grçße,
heft Bonner Jahrbcher, 1971, 57 – 59.
die geeignet ist, das Gefge von Maßen und Ñ Pro-
portionen in mçglichst großer Einfachheit auszudr-
Eckkonflikt Ñ Dorischer Eckkonflikt cken; bei Vitruv das halbe Maß des unteren Sulen-
durchmessers (»…mit diesem festgesetzten Grundmaß
Ehrenbogen Ñ Triumph- und Ehrenbogen wird durch Berechnung die Gliederung des gesamten Bau-
werkes vorgenommen. Die Dicke der Sulen wird 2 Grund-
Ehrensule Ñ Grabbauten; Ñ Sulenmonument maße sein, die Sulenhçhe einschließlich Kapitell 14…«,
Vitruv 4, 3, 3 f.). Ein komplettes Baukonzept ließ sich
Eierstab Markantes Ñ Bauornament, im Dekorati- auf diese Weise auf einen einfachen Nenner bringen.
onskanon der ionischen Architektur beheimatet ber die planerische Relevanz solcher E. im antiken
(und berdies ab dem 5. Jh. v. Chr. zunehmend Bauprozeß herrscht Einmtigkeit, die praktische Di-
auch in anderen Bereichen wie Vasenmalerei, To- mension dieses Prinzips wird kontrovers diskutiert.
reutik, Malerei oder Mosaikkunst als gngiger De- Lit.: G. German, Einfhrung in die Geschichte der Archi-
kor anzutreffen), in der modernen archologischen tekturtheorie, 1980, 20. – Ch. Hçcker, Planung und Kon-
Fachterminologie auch ›ionisches Ñ Kymation‹ ge- zeption der klassischen Ringhallentempel von Agrigent,
1993, 36 –49; 119 – 127 (m. weiterer Lit.).
nannt: eine Profilleiste gewçlbten Querschnitts, des-
sen reliefiertes oder gemaltes Ornament aus einem
Wechsel von ovalen Blttern und lanzettenfçrmi- Emboloi Von griech. mbolos (›Keil‹), ›Schiffsschna-
˙
gen Zwickelspitzen besteht und das am unteren bel‹; grzisiertes Synonym von lat. rostra (Ñ Redner-
Rand oft von einem mit dem Rhythmus des E. bhne). Im griech. Epos bedeutet E. auch Sulen-
korrespondierenden Perlstab (Ñ Astragal) abge- geblk bzw. einen an ein Gebude angebauten Su-
schlossen wird. Der E. ziert neben dem Ñ Epistyl lengang.
bzw. dem Ñ Fries vor allem den Ñ Echinus des ioni-
schen Volutenkapitells, spter auch Trgewnde Emplekton Ñ Mauerwerk
˙
und andere optisch hervorgehobene Bauteile; seine
Formentwicklung bildet eine wichtige Datierungs- Enneastylos Griech. Ñ Tempel mit neunsuliger
˙
hilfe fr antike Architektur. Der E. bleibt zunchst Front, ein in der Antike sehr rares Baukonzept (vgl.
auf die ionische Bauordnung beschrnkt, findet sich die sog. ›Basilika‹ von Paestum, um 560 v. Chr.)
Entasis 76
˙
Entasis Von Ñ Vitruv (3, 3, 13) berlieferter, in an-
˙
tiken Bauinschriften hingegen nicht bezeugter Be-
griff fr die konvexe Schwellung der antiken Ñ Sule,
die (entsprechend etwa auch dem Ñ Echinus des
dorischen Kapitells) die Anspannung dieses Bauglie-
des durch die Last des Geblkes ausdrcken sollte.
Zusammen mit der Ñ Inklination und der Ñ Kurvatur
bildet die E. das wichtigste Elemenet der Ñ Optical
Refinements im griech. Sulenbau. Die E. findet sich
in extremer Ausfhrung in der archaischen Bau-
kunst Westgriechenlands (z. B. Paestum, sog. Basili-
ka), wird im spten 6., dem 5. und 4. Jh. v. Chr. dann
zu einer bisweilen kaum mehr mit bloßem Auge
erkennbar gebogenen Konturlinie reduziert und im
Hellenismus zugunsten sich gleichmßig verjn-
gender Schfte zunehmend selten. Die E. war Ge-
genstand von Planung, wie die erhaltenen Sulen-
risse am Apollontempel von Didyma zeigen (Ñ Bau-
wesen); sie wurde vermutlich im Zusammenhang
mit der Ñ Kannelur der Sule als ein relativ spter
Arbeitsgang im Werkprozeß realisiert.
Die E. wird in der Renaissance im Zuge der
Entasis, schematische Darstellung:
Vitruv-Rezeption wiederentdeckt (z. B. bei Leon 1 Paestum, alter Heratempel (6. Jh. v. Chr.)
Battista Alberti, de re aedeficatoria VI, 13 und An- 2 Athen, Parthenon (447 – 438 v. Chr.)
drea Palladio, i quattro libri dell’architettura I, 13). 3 Kontur einer Renaissance-Sule
Der seit dem 16. Jh. gngige Sulenumriß, der im
Bereich der Basis den vom Kapitellansatz bis zur
Mitte hin anschwellenden Schaft in einer regressi- rckte oberste Quaderlage eines Geblkes mit den
ven Kurve wieder reduziert, ist eine Renaissance- Widerlagern fr den hçlzernen Dachstuhl; vgl.
Konstruktion und an Denkmlern der Antike unbe- Ñ berdachung.
kannt; hier markiert immer der untere Sulen-
durchmesser das Maximum der E. Epinaos Seltener, in einigen Bauinschriften vor-
˙
Lit.: D. Mertens, Zur Entstehung der Entasis griech. Su- kommender griech. Terminus technicus fr den
len, in: Bathron, Fs. H. Drerup, 1988, 307 –318. – W. nur von außen zugnglichen Rckraum der Ñ Cella
Mller-Wiener, Griech. Bauwesen in der Antike, 1988, des Tempels; Ñ Opisthodom.
91; 114. – B. Wesenberg, Die Theorie der Entasis, in:
Archolog. Anzeiger 1999, 481– 492.
Epistyl(ion) Griech. ›das auf den Sulen Lagernde‹;
˙
in griech. Ñ Bauinschriften und bei Ñ Vitruv (4, 3,
Entlastungsbogen Ñ Gewçlbe- und Bogenbau; 4 u. ç.) vielfach berlieferter antiker Terminus tech-
Ñ Bautechnik nicus: der unmittelbar auf den Sulen ruhende, un-
tere Teil des Peristasengeblks im antiken Sulen-
Entwsserung Ñ Kanalisation bau aller Bauordnungen. In der modernen archo-
logischen Fachterminologie wird das E. hufig als
Epikranon Griech. Terminus technicus fr Ñ Kapi- ›Architrav‹ bezeichnet, wobei dann das Geblk des
˙
tell; unter dem hiervon abgeleiteten Begriff epikra- Sulenbaus in seiner Gesamtheit, also Architrav,
nı´tis wird der dekorierte obere Abschluß einer Mau- Ñ Fries und Ñ Geison zusammen, hier – in streng
er verstanden, bisweilen auch die nach innen ge- genommen irriger Weise – E. genannt wird.
77 Epistyl(ion)
˙
vgl. Abb. 2) wirksame, z. T. schon frh entwickelte
Problemlçsungen waren.
Das dorische E. wird nach oben hin mit einer
rechtwinklig vorspringenden Leiste (tainı´a) abge-
schlossen, mit der, korrespondierend mit dem Ñ Mu-
tulus im Ñ Geison und den Ñ Triglyphen im Ñ Fries,
Ñ Regulae mit einer Reihe von Ñ Guttae verbunden
sind; ein Dekorationselement, das als technischer
Anachronismus eine Reminiszenz an den Holzbau
darstellt, der die dorische Ordnung insgesamt for-
mal geprgt hat. Die tainı´a einiger archaischer Bau-
ten Westgriechenlands war darber hinaus mit ver-
schiedenen Profilierungen reich verziert; Relief-
schmuck auf dem E., wie beim Athena-Tempel
von Assos, blieb ebenso die Ausnahme wie die spt-
archaische dorisch-ionische Mischform am Deme-
ter-Tempel von Sangri/Naxos. Die zunchst domi-
nante Hçhe des dorischen E. vermindert sich im
Verhltnis zum darauf aufsetzenden Fries vom 6.
zum spten 4. Jh. v. Chr. deutlich (Ñ Proportionen),
der Tendenz zu leichterer Gestaltung folgend.

Epistylion: Schnitte und Aufbau


1 Paestum, alter Heratempel
(6. Jh. v. Chr., monolithisches Epistyl).

Die Umsetzung des zunchst hçlzernen E. in


Stein war ein kritisches Moment des griech. Stein-
baus; das E. ist das am strksten belastete Bauglied
im Sulenbau. Die zu berbrckenden Spannweiten
zwischen zwei Sulen erforderten wegen der not-
wendigen Bruchfestigkeit Bauglieder von erhebli-
chem Gewicht und stellten eine technische Heraus-
forderung fr Transport, Versatz und Statik dar, die
bisweilen ungelçst blieb und zur Aufgabe eines
Bauprojektes fhren konnte (Selinunt, Tempel G),
obwohl eingearbeitete Metallarmierungen (Pro-
pylen der Athener Akropolis), Gewichtsreduzie-
rungen durch Auskehlung und Holzaufbauten (Sy-
rakus, Apollontempel) sowie der Parallelversatz
zweier oder dreier verklammerter, an den Ecken
auf Gehrung gearbeiteter schmaler Hochkantblçcke 2 Athen, Parthenon
(bilithes, trilithes, d. h. zwei- bzw. dreisteiniges E.; (447 – 438 v. Chr., Epistyl aus drei Steinlagen).
Eschara 78
˙
Die Frhform des ionischen E. ist weitgehend Athen, in: Mitteilungen des DAI, Abt. Athen 104, 1989,
unbekannt; Fragmente vom archaischen Apollon- 92 – 96. – G. Gruben, Griech. Un-Ordnungen, in: Diskus-
sionen zur Archologischen Bauforschung 6, 1996, 70 –74.
tempel von Didyma (Ñ Dipteros) zeigen z. T. die – D. Mertens, Der alte Heratempel in Paestum und die
spter bliche Profilierung mit drei waagerechten archaische Baukunst in Unteritalien, 1993, 28 f., 129 –140.
Ñ Faszien und einem krftigen Kymation (Ñ Eierstab) – W. Mller-Wiener, Griech. Bauwesen in der Antike,
als oberem Abschluß, z. T. aber auch figrlichen 1988, 215 s.v. Architrav. – T. G. Schattner, Architrav und
Fries des archaischen Apollontempels von Didyma, in:
Reliefschmuck. Die kanonische ionische Bauord-
Jahrbuch des DAI 111, 1996, 1– 23. – L. Schneider, Ch.
nung kennt das Außen-E. mit drei sowie das Innen-E. Hçcker, Die Akropolis von Athen, 22001, 189 f., 195 f. – W.
mit zwei Faszien; in Kleinasien nimmt die Hçhe der v. Sydow, Die hellenistischen Geblke in Sizilien, in: Mit-
Faszien nach oben hin in der Regel zu, whrend bei teilungen des DAI, Abt. Rom 91, 1984, 239 – 458.
attisch-ionischen Bauten des 5. und 4. Jh. v. Chr. Fas-
zien mit gleicher Hçhe gngig waren. Eschara Griech. ›Herd‹, ›Feuerstelle‹, im antiken
˙
Das ionische E. hlt in die korinthische wie auch Sprachgebrauch entweder der Ñ Altar in einem Hei-
in die ionisch-korinthische Kompositordnung Ein- ligtum oder der Herd bzw. Herdraum des Ñ Hauses;
zug und wird in der hellenistisch-rçm. Architektur vgl. Ñ Megaron.
zunehmend auch mit der dorischen Ordnung ver-
knpft (Milet, Magazinbau; Hausperistyle von De- Esonarthex Bei frhchristlichen Kirchenbauten mit
˙
los und Pompeji). Ab sptklassischer Zeit diente das doppeltem Ñ Narthex die innere der beiden Vorhal-
E. zunehmend oft als Trger von reliefiertem oder len, im Gegensatz zum ußeren Exonarthex.
appliziertem Dekor (Schilde, Krnze, Girlanden), in
hellenistisch-rçm. Zeit besonders auch als Trger Estrich Ñ Pavimentum
von reprsentativen Ñ Bauinschriften.
Lit.: O. Bingçl, berlegungen zum ionischen Geblk, in: Eupalinos aus Megara Sohn des Naustrophos, ver-
Mitteilungen des DAI, Abt. Istanbul 40, 1990, 101 – 108. – antwortete als Ñ Architekt und Ingenieur, vermut-
H. R. Goette, Ein dorischer Architrav im Kerameikos von lich unter dem Tyrannen Polykrates, im 6. Jh.
v. Chr. den Bau einer Anlage zur Ñ Wasserversor-
gung fr die Stadt Samos, die im Kern aus einem gut
1 km langen Ñ Tunnel bestand und von Herodot (3,
60) als eine der großen griech. Ingenieursleistungen
geschildert ist; weitere Aktivitten des E. sind nicht
bezeugt. Die 1853 wiederentdeckte Anlage besteht
aus vier miteinander verbundenen Baukomplexen:
einer hoch im Berg gelegenen Quellfassung
(Ñ Brunnen, Brunnenhaus) mit großem, abgedeck-
tem Wasserreservoir und Setzbecken, einem eben-
falls abgedeckten, ca. 840 m langen, dem natrlichen
Geflle folgenden Leitungskanal, dem 1036 langen,
durchschnittlich 1.80 m hohen und ebenso breiten
Tunnel durch den Kastro-Berg mit dem darin ver-
laufenden, separat eingearbeiteten Kanal (mit knst-
lichem Geflle von durchschnittlich 0,36 %) und der
ca. 620 m langen, gnzlich unterirdisch verlegten
›Stadtleitung‹, die das Wasser zu einer unterhalb
des Theaters gelegenen Ñ Zisterne fhrte.
Besonders der von beiden Seiten zugleich in
3 Priene, Athenatempel leichtem Zickzack vorangetriebene Tunnel mit sei-
(4. Jh. v. Chr., Ansicht einer Epistyl-Langseite). nen zahlreichen erhaltenen Meßmarkierungen hat
79 Euthynterie
˙
zu berlegungen ber antike Nivellier- und Meß- ßende Klarheit besteht. Sicher ist lediglich, daß E.
verfahren Anlaß gegeben, ohne daß aber ber die fr die Vermaßung des Tunnels keines der von der
technische Realisierung dieses Bauwerks abschlie- metrologischen Forschung berwiegend prokla-
mierten Fußmaße verwendet hat (Ñ Baumaß; Ñ Bau-
N wesen). Der Tunnel ist wohl mittels Oberflchen-
Quelle stichen erbaut; in horizontaler wie in vertikaler
Achse kam es im Bereich des Zusammenschlusses
der beiden Stollen zu deutlichen Abweichungen
von der ›Ideallinie‹. Die Datierung des Baues der
Wasserleitung in die Jahre zwischen 550 und
Leitungsgraben 530 v. Chr. sttzt sich auf Keramikfragmente, die
sich vor den Stolleneingngen fanden und die offen-
bar den Abfall einer um 530 v. Chr. erfolgten ersten
50 Reinigung des Tunnels bildeten, darunter Fragmen-
50 te einer Kleinmeisterschale von 540/30 v. Chr.
Mundloch
Anschlußtunnel in Lit.: K. Greve, Licht am Ende des Tunnels. Planung und
Nord
Quanatbauweise Trassierung im antiken Tunnelbau, 1998, 58 – 69. – H.
Kienast, Der Tunnel des Eupalinos auf Samos, in: Archi-
100
tectura 7, 1977, 97 – 116. – ders., Die Wasserleitung des
Eupalinos auf Samos, 1995. – H. Svenson-Evers, Die griech.
Architekten archaischer und klassischer Zeit, 1996, 50 –58.

Euripus Von griech. efflripos, ›Meerenge‹ (insbeson-


˙
150
Haupttunnel dere diejenige zwischen Chalkis auf Eubça und dem
bçotischen Festland); als latinisierter Begriff be-
zeichnet E. in der antiken Architektur ein langes,
schmales Wasserbecken innerhalb der Ñ Gartenanla-
ge einer Ñ Villa (auch Ñ Canopos) bzw. den Draina-
gekanal im Bereich der Spina eines rçm. Ñ Circus.
Treffpunkt Stadtmauer Lit.: H. Mielsch, Die Rçm. Villa, 21997, 104 – 106. Zu
150
weiterer Literatur Ñ Circus.
20
0

100 Eustylos Griech. ›Schçn-Suler‹; antiker Ñ Tempel


˙
mit einer vermeintlich ideal proportionierten Su-
lenstellung, bei dem das mittlere Ñ Interkolumnium
(oder das Ñ Joch?) mit drei unteren Sulendurch-
50
messer um 1 4 weiter ist als die seitlichen Joche;
eine der bei Ñ Vitruv (3, 3) beschriebenen fnf ›Ar-
ten der Tempel‹ (vgl. Ñ Araeostylos; Ñ Diastylos;
Mundloch Ñ Pyknostylos; Ñ Systylos).
Süd
Anschlußtunnel in Euthynterie Griech.-poetisch ›Steuerlager‹; in anti-
Quanatbauweise ˙
ken Quellen sehr seltener, aber authentischer archi-
0 250 m
tektonischer Terminus technicus (vgl. die Ñ Syngra-
phe des Philon-Arsenals im Pirus, IG II2 1668, Z.
Wasserleitung des Eupalinos auf Samos, topographischer
Verlauf der Leitung und des Tunnels von der Quellfassung 15 –18): E. bezeichnet hier die das Fundament ab-
bis zum sdlichen Mundloch mit der daran anschließenden schließende, nivellierte Standflche der aufgehen-
›Stadtleitung‹. den Wand des Bauwerks; auf dieser E. erhoben
Exedra 80
˙

Tenos, Brunnenexedra, hellenistisch (Aufsicht).

sich die Ñ Orthostaten. Der Begriff E. wird in der in griech. Heiligtmern (Delos) bezeichnen. In der
modernen archologischen Terminologie blicher- rçm. Architektur war die E. entweder herausragend
weise allgemeiner verwendet und meint die oberste gelegener Versammlungsort (z. B. in Rom im Pom-
und somit erste ausnivellierte, leicht ber das Bo- peius-Theater; dort tagte bisweilen der rçm. Senat
denniveau herausragende Fundamentschicht beim und dort wurde 44 v. Chr. Csar ermordet) oder Auf-
griech. Sulenbau, auf der sich die Ñ Krepis erhebt. stellungs- bzw. Verwahrort offzieller Staatsdenkm-
Lit.: W. Dçrpfeld, Die Skeuothek des Philon, in: Mittei- ler (E. des Augustusforums in Rom), verschiedentlich
lungen des DAI, Abt. Athen 8, 1883, 151. – A. Linfert u. a., auch ein Annexbau von Ñ Thermen, Ñ Portiken und
Die Skeuothek des Philon im Pirus, 1981, 18 f. – W. privaten Ñ Villen sowie – als Ñ Schola in Form eines
Mller-Wiener, Griech. Bauwesen in der Antike, 1988,
78 f., 87, 135 f. Einzelmonuments – schließlich auch ein Ñ Grabbau.
In der frhchristlichen Sakralarchitektur bildet die
E. einen in das Kirchengebude integrierten, voll-
Exedra Latinisierter griech. Begriff, ›Sitz im Freien‹; kommen offenen Raum und wird spter mit dem
˙
seit dem 2. Jh. v. Chr. Bestandteil des rçm. Sprach- Chor in der Ñ Apsis gleichgesetzt; hiervon leitet sich
gebrauchs. Unter E. wird ein offener (ungedeckter) die weit verbreitete, aber irrige moderne Vorstellung
Raum mit rechteckigem oder halbkreisfçrmigem von einer ausschließlich halbrunden Form der E. her.
Grundriß verstanden, dessen Eingang meist sulen- Lit.: I. Avotis, On the Dating of the Exedra of Herodes
geschmckt war; der Raum wurde im Innern von Atticus at Olympia, in: Phoenix 29, 1975, 244–249. –
einer umlaufenden Sitzbank umzogen, was die E. F. W. Deichmann, Reallexikon fr Antike und Christentum
6, 1969, 1165–1174 s.v. Exedra. – J. Delorme, Gymnasion,
grundstzlich den Ñ Versammlungsbauten zugehçrig 1960, 325–329. – I. Nielsen, Thermae et Balnea, 21993, 165.
macht. Die E. findet sich in zahlreichen antiken Bau- – A. Schmidt-Colinet, Exedra duplex. berlegungen zum
kontexten, in der griech. Architektur berwiegend als Augustusforum, in: Hefte des Archologischen Seminars der
Annexbau des Ñ Gymnasiums und war dort bevor- Universitt Bern 14, 1991, 43–60. – S. Settis, Esedra e ninfeo
nella terminologia del mondo romano, in: Aufstieg und
zugter Ort fr Mßiggang, aber auch fr Unterricht
Niedergang der rçm. Welt I 4, 1973, 661–745. – B. Thamm,
und Vortrge; als solcher auch beschrieben bei Vitruv Auditorium und Palatium, 1963, 147–188. – S. Freifrau von
(5, 11, 2). Sie konnte jedoch auch einen reprsentati- Thngen, Die freistehende griech. Exedra, 1994.
ven, statuarisch oder mit anderem Dekor reich aus-
gestatteten Ruheplatz im Zusammenhang çffent- Exonarthex Bei frhchristlichen Kirchenbauten mit
˙
licher Nutzbauten (Tenos, Brunnenhaus; Solunt, doppeltem Ñ Narthex die ußere der beiden Vor-
Stoa; vgl. Abb.) oder ein entsprechendes Monument hallen, im Gegensatz zum inneren Esonarthex.
81 Falsches Gewçlbe

Fachwerk Die in der Antike in allen Kulturen gn- diejenigen in Herculaneum, wo wegen der feuchten
gigen F. in Ñ Holzbauweise entsprechen im Grund- Hitze des pyroklastischen Stroms Holzteile relativ
aufbau (Holzraster mit Ausfllung unterschiedlich- gut erhalten geblieben sind.
ster Materialien von Lehm-Stroh-Mischungen bis Lit.: W. Mller-Wiener, Griech. Bauwesen in der Antike,
hin zu gebrannten Ñ Ziegeln) moderner Ausfh- 1988, 64 –66.
rung, von der jedoch wegen der Vergnglichkeit
Facettierung Seltene, im 3. und 2. Jh. v. Chr. vor-
der Materialien im allgemeinen wenig erhalten ist.
kommende Substitution der Ñ Kannelur an dori-
Vereinzelt finden sich aber Reflexe bzw. Trans-
schen Sulen, wo der Sulenschaft (meist im unteren
ponierungen in Steinbauweise, etwa in der puni-
Drittel, seltener in ganzer Hçhe) nicht durch Aus-
schen Architektur und an lykischen Hausgrbern
kehlung kanneliert, sondern in Form von aneinan-
(Xanthos; vgl. Ñ Grabbauten), die Holz-F. imitieren.
derstoßenden Abflachungen gestaltet wird.
Auch bei weitestgehend durchgngiger Steinbau-
Lit.: W. Martini, Das Gymnasium von Samos, 1984, 75–77.
weise ist F., etwa im Bereich privater Ñ Huser, fr
die Obergeschosse bis in rçm. Zeit hinein blich, Falsches Gewçlbe Moderner Terminus technicus
vgl. z. B. die Huser in den Vesuvstdten, vor allem fr ein Gewçlbe bzw. eine Ñ Kuppel mit unechter

a) Trapezstirn b) Schulterbogenstirn c) Dreieckstirn

d) Halbkreisbogenstirn e) Segmentbogenstirn f) Spitzbogenstirn


Falsches Gewçlbe: Klassifikation von Kragkonstrukionen am Beispiel von Kragstein-Toren; nach A. Rathke.
Farbe, Farbigkeit 82

Athen, Erechtheion, um 420/10 v. Chr.

Rundung; in der Regel wurde die Kragstein-Tech- strukturellen Kern als plastisches Objekt mit rund-
nik verwendet, bei der jede nchsthçhere Steinlage um gleichwertiger ußerer Optik (und dabei zu-
leicht vorspringt (und dabei vom Mauerverbund gleich mit funktional eingeschrnkt nutzbarem In-
stabil gehalten wird), so daß am oberen Ende dieses nenraum). Ein genereller Wandel der Architektur-
Gewçlbes ein nur noch geringer Rest-Raum ver- auffassung setzte im Frhhellenismus ein: ausdiffe-
bleibt, der mit einer Steinplatte gnzlich berdeckt renzierte Innenraumkonzepte, Kombinationen
werden kann. Das F. war in der Architektur der verschiedener Bau- bzw. Funktionstypen zu um-
klassischen Antike von mykenischer Zeit bis in das fangreicheren architektonischen Arrangements so-
4. Jh. v. Chr. hinein weit verbreitet; erst im 4. Jh. wie das Entstehen von Mehrstçckigkeit fhrten im
v. Chr. finden sich Beispiele des echten Keilstein- ußeren Erscheinungsbild von Bauten seit der 2.
Gewçlbes. Vgl. Ñ Gewçlbe- und Bogenbau. Hlfte des 4. Jh. v. Chr. zur Ausbildung von grçßer-
Lit.: A. Rathke, Griech. Kragsteintore. Konstruktion, Ty- formatigen Wandflchen und deren architekto-
pologie und Verbreitung vom 6.-2. Jh. v. Chr., 2001. nischer und dekorativer Strukturierung. Die Gestal-
tung der F. an Bauwerken nimmt in diesem Kontext
Farbe, Farbigkeit Ñ Polychromie an Bedeutung zu. Hierzu zhlten neben der Ein-
fgung von Ñ Fenstern, Nischen und Bçgen in die
Fassade Bis in das 4. Jh. v. Chr. hinein ist die antike Wand vor allem Scher- und Blend-Wnde, ferner
Monumentalarchitektur weitgehend monolithisch- Wandverblendungen mit Halbsulen bzw. Pilastern
skulptural angelegt; insbesondere der griech. Sulen- nebst entsprechenden Konsolen und Ornamentbn-
bau in Gestalt des Ñ Tempels verstand sich in seinem dern fr die horizontale Gliederung, aber auch sta-
83 Fassade

0 1 2 3 M.

Tyndaris, Skene des Theaters, hellenistisch.

tuarischer Schmuck (figrliche Reliefs, Karyatiden); pliziert gerahmter Durchfensterung erstmalig in der
eine wegweisende Rolle spielte hierbei das im spten antiken Baugeschichte zu einer ausdifferenzierten
5. Jh. v. Chr. auf der Athener Akropolis errichtete Fassadenarchitektur gefhrt hat. Das tektonische Ge-
Erechtheion (Abb.), wo das Zusammenspiel von ver- fge des Sulenbaus wird aufgelçst; es wird zuneh-
schachteltem Grundriß, Mehrstçckigkeit und kom- mend die Wand als statischer Kern des Bauwerkes in

Milet, Prunk-Nymphum, 2. Jh. n. Chr.


Faszie, Faszien 84
˙ ˙
den Vordergrund gestellt und das Sulenmotiv dabei zur Ermçglichung einer Aussicht auf die Umgebung
als in technischem Sinne anachronistisches Orna- werden seit dem mittleren 2. Jt. v. Chr. in den Ar-
ment gefaßt, wie dies vor allem Schaufassaden im chitekturen der Mittelmeerlnder allmhlich blich
Bereich des Ñ Theaterbaus (z. B. die Skene des Thea- und ersetzen die bis dahin gelufigen Licht- oder
ters von Tyndaris, Abb.) vor Augen fhren. Abzugsçffnungen im oberen Wandbereich im Wet-
Die rçm. Antike bernimmt diese seit etwa terschatten des Dachberstands. F. finden sich am
330 v. Chr. gngige Architekturkonzeption unmit- minoischen Ñ Palast und Brgerhaus ebenso wie am
telbar und in grçßtem Umfang; das Prinzip der frhen italisch-etruskischen und geometrisch-griech.
Schau- bzw. Prunkfassade hlt insgesamt Eingang Ñ Haus; inwieweit jedoch die etruskische Grabarchi-
in das Typenspektrum großer çffentlicher Architek- tektur, die zahlreich erhaltenen tçnernen Hausmo-
tur, wobei vereinzelt der vielstçckigen F. berragen- delle des 8. und 7. Jh. v. Chr. und die im Hinblick auf
de optische Bedeutung zukommt, z. B. beim Ñ Bi- F. meist wenig aussagekrftigen Ton-Urnen in
bliotheksgebude des Celsus in Ephesos, bei ver- Hausform die in ihrem Aufbau selten erhalten ge-
schiedenen Prunk-Nymphen (Ñ Brunnen; Ñ Septi- bliebene reale Profanarchitektur der Frhzeit spie-
zodium), den Bhnengebuden der Ñ Theater und geln, ist im Detail ebenso umstritten wie der Grad
den drei- bis vierstçckigen Außenseiten der Ñ Am- der Exaktheit spterer Wiedergaben in den verschie-
phitheater und verwandter Bauten. densten Bildmedien (u. a. Malerei, Mosaik, Relief).
Lit.: A. Andreaou, Griech. Wanddekorationen, 1989. – P.
Gros, L’architecture romaine I, 22002, 26– 120. – R. Gn-
ther, Wand, Fenster und Licht in der sptantik-frhchrist-
lichen Architektur, 1965. – F. Heber, V. M. Strocka, Die
Bibliothek des Celsus. Eine Prachtfassade in Ephesos, in:
Antike Welt 6, Nr. 4, 1975, 3 –14. – G. Hornbostel-Htt-
ner, Studien zur rçm. Nischenarchitektur, 1979. – H. Lau-
ter, Die Architektur des Hellenismus, 1986, 32 –47;
168 – 175; 245 – 248; 253 – 256. – W. Mller-Wiener,
Griech. Bauwesen in der Antike, 1988, 216 s.v. Fassade.

Faszie, Faszien Von lat. ›Binde‹, ›Band‹; horizon-


˙ ˙
taler, leicht vorspringender Streifen auf dem ioni-
schen bzw. korinthischen Architrav; meist in zwei-
oder dreifach gestaffelter Form (deshalb blicher-
weise im Plural gebraucht), vgl. Ñ Epistylion.

Fauces Von lat. ›Schlund‹, Bezeichnung fr den


˙
schmalen Gang, der im rçm. Ñ Haus vom straßen-
seitigen Eingang in das Ñ Atrium fhrt, meist ge-
sumt von zwei nach innen nicht zugnglichen,
zur Straße hin orientierten Ladenrumen.

Favis(s)a Lat. ›Kammer‹, ›Stollen‹; seltene Bezeich-


˙
nung fr einen Kellerraum im Podium des rçm.
Ñ Tempels, der als Magazin oder Archiv diente.

Felskammergrab Ñ Grabbauten

Fenster F. als Mittel zur Beleuchtung eines umbau- Hausmodell aus Samos; Vathy, Archologisches Museum,
ten Innenraums oder als eine bauliche Maßnahme 6. Jh. v. Chr., Umzeichnung.
85 Fenster

Athen, Erechtheion,
421 – 409/06 v. Chr.,
Fenster an der Ostseite.

Die griech. Profanarchitektur geometrischer, ar- durch großmaschige Gitter aus Holz oder Metall,
chaischer und klassischer Zeit ist nur selten so gut mçglicherweise auch mittels Steinplatten verschlos-
erhalten geblieben, daß sich die Position des F. sen, diejenigen der profanen Hausarchitektur zu-
durch eine Aussparung in der aufgehenden Wand dem berwiegend mit hçlzernen Lden.
im archologischen Befund sicher belegen lßt; die Die F. sptklassisch-hellenistischer Peristylhuser
vermutlich hçlzerne Konstruktion der F.-Rahmen weisen in der Regel zum Hof, nur selten zur Straße
und -Flgel bleibt weitestgehend unbekannt. Ver- und damit in den çffentlichen Raum; sie sind dann
schiedene Bauinschriften des 5. und 4. Jh. v. Chr. uneinsehbar hoch in der Wand angebracht. Mit der
bezeichnen das F. mit dem von der Tr abgeleiteten Ausprgung einer mehrstçckigen Wandarchitektur
Terminus thyrı´s, thyrı´des. Die ›Pinakothek‹ der athe- und den damit einhergehenden neuartigen Struktu-
nischen Ñ Propylen war durch zwei von dorischen rierungsmustern einer Ñ Fassade im frhen Helle-
Pilastern gerahmte, langrechteckige F. illuminiert; nismus kommt dem F. eine neue, wand- und fassa-
die z. T. bis zum Dachansatz erhaltenen Quader- dengliedernde Funktion zu, die in der rçm. Repr-
steinhuser von Ammotopos/Orraon (Epirus) zei- sentationsarchitektur ihre nahtlose Fortsetzung fin-
gen kleine F.-ffnungen mit massivem steinernem det und das F. hier zu einem der Nische
Sturz und Laibung in z. T. erheblicher Hçhe der grundstzlich gleichrangigen architektonischen Ge-
Wand. Griech. Ñ Tempel sind demgegenber nur staltungselement macht (z. B. an der Porta Nigra in
selten durch F. beleuchtet gewesen; bekannte Aus- Trier).
nahmen sind auf der Athener Akropolis das Erecht- F. in etruskischen und rçm. Hausern sind bei Ver-
heion mit seinen großflchigen F.-ffnungen an der bund-Bebauung innerhalb einer Ñ Insula in der Regel
Westseite und den zwei kleinen, einst wohl mit nach innen, etwa auf den Garten oder das Peristyl hin
Steinplatten verschlossenen F. an der Ostwand, viel- orientiert; die sich zur Straße çffnenden F. sind dem-
leicht der Ñ Parthenon (F. in der Ostwand der Cel- gegenber klein und vergleichsweise hoch in der
la?) sowie auf Delos der Tempel der Athener. Alle Mauer gelegen. In der rçm. Ñ Villa, die seit dem
diese F.-ffnungen waren, analog der Ñ Tr, wohl spten 2. Jh. v. Chr. zunehmend bewußt in die Land-
Fenster 86

schaft plaziert wird und Landschaftspanoramen nicht


nur passivisch in Anspruch nimmt, sondern Aus-
sichtsprospekte bewußt und bis in architektonische
Details hinein formt, kommt dem F. eine wichtige
Rolle als Steuerungsinstrument einer konstruierten
Aussicht oder als Rahmung von Naturerscheinungen
wie Sonnenauf- oder Untergang zu (vgl. z. B. die
Villenbriefe des jngeren Plinius oder Cicero, ad
Atticum 2, 3, 2); in hnlichem Sinne sind die zahlrei-
chen Schein-F. in der rçmisch-kampanischen Wand-
malerei des 2. und 3. Stils zu verstehen, die illusio-
nistische Garten- oder Landschaftsbilder rahmen.
Die Durchfensterung großer Baukçrper wird mit
der Entstehung mehrstçckiger Mietshuser in den
stdtischen Ballungsrumen des rçm. Reiches im
1. Jh. n. Chr. zu einer gngigen Form (Ostia; Rom,
Via Biberatica); die Entwicklung von Glas als Ver-
schlußmaterial und die Kombination dieses Werk-
stoffes mit Bleirahmen und -fassungen fhrt zu ei- Verona, sdwestliches Haupttor (sog. Porta dei Borsari)
ner wachsenden Monumentalisierung des Fenster- mit Durchfensterung, Mitte 1. Jh. n. Chr.
baus und spter zu gnzlich durch große Rund-
bogen-F. geprgten Wandsystemen, z. B. bei den Lit.: D. Baatz, Fensterglastypen, Glasfenster und Architek-
stadtrçm. Ñ Thermenbauten des Caracalla und Dio- tur, in: Diskussionen zur archologischen Bauforschung 5,
1991, 4– 13. – B. Fehr, Plattform und Blickbasis, in: Mar-
kletian, sptantiken Basiliken (Trier, Palast-Aula), burger Winkelmannprogramm 1969, 31– 65. – R. Fçrtsch,
Mausoleen (Thessaloniki, Galerius-Rotunde; Rom, Archologischer Kommentar zu den Villenbriefen des jn-
S. Costanza) und frhchristlichen Kirchenbauten. geren Plinius, 1993. – J. W. Graham, Windows, Recesses,

Delos, Apollontempel der


Athener (um 420 v. Chr.),
Ostfront mit Fenster-
durchlssen in der Cella.
87 Flaschenzug

and the Piano Nobile in the Minoan Palaces, in: American schon Aristoteles in seiner Schrift Mechanika, z. B.
Journal of Archaeology 64, 1960, 329 –333. – R. Gnther, 852 a; 853a-b), wobei jedoch unklar bleibt, inwie-
Wand, Fenster und Licht in der sptantik-frhchristlichen
Architektur, 1965. – W. Herbig, Das Fenster in der Archi-
weit hier bereits das Prinzip des F. mit seiner Mehr-
tektur des Altertums, 1929. – W. Hoepfner, E.-L. Schwand-
ner, Haus und Stadt im klassischen Griechenland, 21993. –
M. Korres, Der Pronaos und die Fenster des Parthenon, in:
E. Berger (Hrsg.), Parthenon-Kongreß Basel 1982 (1984)
47 – 54. – H. Lauter, Die Architektur des Hellenismus,
1986. – Ch. Lçhr, Griech. Huser nach 348 v. Chr.: Hof,
Fenster, Tren, in: W.-D. Heilmeyer, W. Hoepfner
(Hrsg.), Licht und Architektur, 1990, 10 –19. – D. Mertens,
Der Tempel von Segesta und die dorische Tempelbau-
kunst des griech. Westens in klassischer Zeit, 1984. – W.
Mller-Wiener, Griech. Bauwesen in der Antike, 1988. –
F. Prayon, Frhetruskische Grab- und Hausarchitektur,
1975. – Th. Schattner, Griech. Hausmodelle, 15. Beih.
Mitteilungen des DAI, Abt. Athen, 1990. – K. Schneider,
Villa und Natur. Eine Studie zur rçm. Oberschichtkultur
im letzten vor- und ersten nachchristlichen Jh., 1995,
48 – 52. – Ch. Skrabei, Fenster in griech. Tempeln, in:
W.-D. Heilmeyer, W. Hoepfner (Hrsg.), Licht und Archi-
tektur, 1990, 35– 42. – D. Sperl, Glas und Licht in Archi-
tektur und Kunst, in: W.-D. Heilmeyer, W. Hoepfner
(Hrsg.), Licht und Architektur, 1990, 61– 71. – J. B. Ward-
Perkins, Roman Imperial Architecture, 1970, 415 – 466.

Figuralkapitell Figrlich-plastisch ausgeformtes


Ñ Kapitell der ionischen, korinthischen bzw. ionisch-
korinthischen Kompositordnung; der figrliche De-
kor kann in Kombination mit den blichen vegeta-
bilen Elementen (etwa des korinthischen Kapitells)
stehen, aber auch insgesamt den Ñ Echinus, biswei-
len sogar auch den Ñ Abakus des Kapitells berzie-
hen.
Lit.: E. V. Mercklin, Antike Figuralkapitelle, 1962.

Firstkalypter Ñ Kalypter; Ñ berdachung

Flaschenzug Mit Entstehung erster monumentaler


steinerner Bauwerke (Ñ Tempel) am Ende des 7. Jh.
v. Chr. werden in der klassischen Antike zur Bewl-
tigung dieser Bauaufgabe erstmals Kran-Konstruk-
tionen notwendig, um die betrchtlichen Lasten
(Poros: ca. 2,25 t/m2; Marmor: ca. 2,75t/m3) an
ihren Bestimmungsort zu heben (Ñ Bautechnik).
Die Erstellung solcher technischer Vorrichtungen
fr den Versatz der bis zu 40 t schweren Bauglieder
gehçrte zum unmittelbaren Arbeitsgebiet des Ñ Ar-
chitekten. Grundlegend fr alle solche Konstruktio- Rçmischer Kran; Umzeichnung eines Reliefs vom
nen war das Prinzip der Umlenk-Rolle (vgl. dazu Hateriergrab in Rom, um 120 n. Chr.
Flechtband, Flechtbandmuster 88

zunchst ein in der griech. Vasenmalerei, seit dem


6. Jh. v. Chr. auch im architektonischen Bereich ge-
lufiges Ornament (Ñ Bauornamentik).

Forma Urbis Romae Moderne Bezeichnung fr ei-


˙ ˙ ˙
nen ca. 240 m2 großen in Marmor geritzten, nicht
durchgehend maßstblichen Grundriß-Plan der
Stadt Rom; im ersten Jahrzehnt des 3. Jh. n. Chr.
unter dem Kaiser Septimius Severus am Vespasians-
forum (Templum Pacis) in Rom angebracht. Zahl-
reiche Fragmente sind erhalten und geben wertvolle
Aufschsse ber den baulichen Zustand der Stadt in
den Jahren nach 200 n. Chr. insgesamt sowie ber
Grundrisse nicht mehr erhaltener Bauten.
Lit.: R. Lanciani, Forma Urbis Romae, 1988. – E. Rod-
riguez-Almeida, Forma Urbis Marmorea, 1981.

Formziegel Tçnerne oder hçlzerne Formen fr die


Produktion von Ñ Ziegeln; die F. werden mit Ton
Flechtband, verschiedene Ausformungen. ausgestrichen, der so erzeugte Ziegel wird dann
entweder luftgetrocknet oder im Ofen gebrannt.
Sowohl in der griech. wie auch in der rçm. Antike
zahl von kombinierten Rollen Verwendung fand; war der F. ein gngiges Mittel zur schnellen Her-
ebenso unklar bleibt die Herstellung der verwende- stellung von Baumaterial; in der griech. Antike be-
ten Seile. Bei Heron (mechanika 2, 23; 3, 2 – 5) findet gegnet aber trotz F. ein großes Maß an formatmßi-
sich das Prinzip des F. offenbar erstmals exakt be- ger und gestalterischer Variation bei Ziegeln fr ein
schrieben. Die in der rçm. Baupraxis verwendeten einzelnes Bauwerk.
Krne sind bei Ñ Vitruv ausfhrlich geschildert (vgl.
auch die Abbildung auf dem Grab der Haterier):
Zwei schrg aufgestellte, an der Spitze miteinander
verbundene, schrg nach vorn gewinkelte massive
Stmme werden durch zahlreiche Halteseile nach
hinten fixiert; das Tragseil wird in der Regel ber
drei (trı´pastos), bisweilen fnf (pentspastos) Rollen
gelenkt, von denen die oberen an einem an der
Spitze des Krans befestigten Kloben fixiert waren,
die unteren an einem Kloben an der Greifzange.
Lit.: J. P. Adam, La construction romaine, 1984, 44– 53. –
J. J. Colton, Lifting in Early Greek Architecture, in: Journal
of Hellenic Studies 94, 1974, 1 –19. – J. G. Landles, Die
Technik in der antiken Welt, 1989, 101– 117. – H. Schnei-
der, DNP 5, 1998, 216 – 217 s.v. Hebegerte.

Flechtband, Flechtbandmuster Ein endloses Muster


aus wellenfçrmig verflochtenen Streifen, entweder
knotenartig ineinandergreifend oder in Form mit- Forma Urbis Romae, maßstbliche Rekonstruktion
einander verbundener kreisrunder Kompartimente; der originalen Anbringung im Templum Pacis.
89 Forum
˙
Lit.: W. Mller-Wiener, Griech. Bauwesen in der Antike, bei allen neuangelegten stdtischen Siedlungen im
1988, 48 –52. rçm. Imperium seit sptrepublikan. Zeit die Regel
(Ñ Stdtebau) und von der Lage sowie der baulichen
Fornix Lat. ›Bogen‹ in allgemeinstem Sinn; als anti- und funktionalen Entwicklung des Ñ Forum Ro-
˙
ker Terminus technicus der Architektur bezeichnet manum an der Kreuzung von Via sacra und Vicus
F. den Bogen eines Gewçlbes bzw. das Gewçlbe Tuscus in Rom, dem ltesten F. berhaupt, abge-
selbst sowie den gemauerten Bogen einer Brcke leitet. In ›gewachsenen‹ Stdten im griech. Kultur-
oder eines Aqudukts; ferner berwçlbte Lcken raum wurden neuerbaute Fora nicht notwendiger-
im Mauerwerk fr Tren und Ñ Fenster; vgl. Ñ Ge- weise in der Stadtmitte, sondern in gnstiger Lage
wçlbe- und Bogenbau. Gemeint sein kann ferner an Hauptstraßen, nahe dem Hauptstadttor oder dem
ein Kellergewçlbe oder Kellergeschoß; Schmutz Hafen erbaut (z. B. Side, Gerasa, Palmyra); neuer-
und vermeintliche Lasterhaftigkeit der Kellerhçh- baute F. in alten griech. Stdten beschrnkten sich
len begrnden vermutlich die seit dem 1. Jh. n. Chr. funktional meist auf den çkonomischen Bereich,
gngige neue Bedeutung des Begriffs F. als ›Bordell‹ whrend die Administration auf der alten Agora
(z. B. Horaz, epist. 1, 14, 21 u. ç.) bzw. als Begriff fr verblieb (z. B. Athen); bisweilen wurde die alte Ago-
jede Art der Befleckung. Vermutlich wegen dieses ra auch zum F. umgestaltet (Korinth). Grçßere Std-
ins Negative gehenden Bedeutungswandels sind te hatten seit ca. 100 v. Chr. meist mehrere Fora,
Straßen und Ehrenbçgen in Rom umbenannt wor- was in der Regel mit einer funktionalen Spezialisie-
den; der Ñ Triumph- und Ehrenbogen heißt seit dem rung und folglich mit einer rumlichen Trennung
1. Jh. n. Chr. durchgngig arcus. Einige alte Bçgen in von merkantilen, administrativen und religiçsen Be-
Rom behalten aber die Bezeichnung F.: der Calpur- reichen einhergehen und sogar zu Verengung auf
nianus Fornix als oberer Abschluß der auf das Kapitol einzelne Handelsaktivitten fhren konnte (z. B.
fhrenden großen Ñ Treppenanlage; der (ebenfalls beim F. Boarium, F. Suarium und F. (H)Olitorium
in Rom) die Via sacra zwischen Regia und dem in Rom); eine Sonderform des auf merkantile Zwe-
Haus der Vestalinnen berspannende Fabianus For- cke reduzierten F. ist ferner das Ñ Macellum.
nix, 121 v. Chr. von Q. Fabius Maximus zur Erinne- Die den in der Regel langrechteckigen Platz des
rung an seinen Sieg ber die Allobroger erbaut, F. rahmenden Bauten und Baugruppen waren
sowie der Fornix Augusti, der Fornix Scipionis und durch umlaufende, berdachte Sulengnge ver-
die drei Fornices Stertinii. bunden und zugleich funktional klar voneinander
Lit.: L. Richardson Jr., A New Topographical Dictionary of geschieden; die peristylartige Umbauung konnte,
Ancient Rome, 1992, 153 f. entsprechend dem Vorbild der griech. Ñ Stoa, in
Geschftsrume und Lden parzelliert sein (z. B.
Fortifikation Ñ Militrarchitektur Augusta Raurica). Neben dem Juppiter- oder Kapi-
tolstempel sowie weiteren Kultsttten und Altren
Forum finden sich am F. die Ñ Basilika, verschiedene Ñ Ver-
˙
A. Definition, Begriffsabgrenzung und Funktion sammlungsbauten fr Magistrate und die Amts-
der Fora gebude der Verwaltung (Curia, Comitium, Bauten
F. bedeutet lat. ›Markt‹, ›Marktplatz‹; darber hinaus fr die decuriones, duumviri und aediles), des çfteren
bezeichnet F. in seltenen Fllen den Vorhof eines auch das Archiv, Eichamt und die Ñ Rednerbhne,
Grabes (im Sinne des griech. Ñ Dromos, z. B. Cicero, ferner Ñ Horrea, Ñ Latrinen sowie bisweilen auch
de legibus 2, 61) oder ein Teil der Weinkelter Ñ Vereinslokale und Zunftgebude (Bau der Euma-
(Varro, rust. 1, 54; Colum. 11, 2, 71). chia, Pompeji). Außer fr Handel und Gewerbe,
Als merkantiler und administrativer Mittelpunkt Verwaltung und Kultausbung war das F. auch das
der rçm. Ñ Stadt entsprach das als großer Freiplatz Zentrum der Rechtsprechung und Ort fr Rechts-
mit rahmender Bebauung gestaltete F. grundstzlich geschfte aller Art. Fr die rçm. Republik bis zum
der Ñ Agora griech. Stdte; die Lage am Schnittpunkt Entstehen erster steinerner Theaterbauten ist
von Ñ Decumanus und Ñ Cardo in der Stadtmitte ist schließlich auch die Veranstaltung von munera (Tier-
Forum 90
˙
Aemilia; Basilica Fulvia; Basilica Iulia); Wohlstand
und handwerkliche Fhigkeiten des Gemeinwesens
ließen sich durch prachtvolle Tempel und Altre,
Amts- und Verwaltungsgebude, aber auch tech-
nische Monumente wie Sonnenuhren (Pompeji)
oder Ñ Brunnen hier am wirkungsvollsten demons-
trieren, aber auch durch einen prunkvollen Ausbau
der den Platz sumenden Portiken in kostbaren
Materialien, wie es seit dem spten 1. Jh. v. Chr. in
vielen rçm. Stdten die Regel war und wodurch die
bis dahin oft heterogene Randbauung des F. in einen
verbindenden Rahmen eingefgt wurde. Darber
hinaus war das F. der bevorzugte Ort fr die Auf-
stellung von Ehrenstatuen und Ehrenbçgen sowie
von Ehreninschriften; das F. war somit vielerorts
auch eine Art steinerne Manifestation der Lokal-
geschichte. Sollten Weihungen und Stiftungen des
Kaiserhauses oder anderer berregionaler Wrden-
trger eine Stadt, herausragende Vertreter ihrer Ver-
waltung oder die Gesamtheit der Brger ehren, so
war ebenfalls hufig das F. der dafr vorgesehene
und ideal geeignete Ort.

B. Das rçmische Forum bei Vitruv


In zwei ausfhrlichen Passagen beschreibt Ñ Vitruv
in seinem Werk Lage und baulich-strukturelle Ge-
stalt des rçm. F. (1, 7 und 5, 1 –2). Fr Hafenstdte
empfiehlt er eine Lage des F. nahe beim Hafen, fr
im Binnenland gelegene Stdte mçglichst die Stadt-
mitte am Schnittpunkt der Hauptstraßen. Der F.-
Platz und seine bauliche Umrahmung wird, in be-
hetzen, Gladiatorenspiele) auf dem F. hufig be- tontem Gegensatz zur griech. Agora, von Vitruv
zeugt, wofr Ñ temporre Bauten aus Holz errichtet besonders von seiner traditionellen Funktion als
wurden (Ñ Amphitheater, Ñ Theater). Vorbild dieser Schauplatz der Gladiatorenspiele verstanden; die
Zusammenballung von Bauten und Funktionen war den Platz einfassenden Sulenhallen sollen deshalb,
das Ñ Forum Romanum mit Staatsherd (Vestatem- zur Aufnahme des Publikums und zur Gewhr ei-
pel), Regia, Comitium, Curia, Rostra, tabernae, Basi- ner guten Sicht, mit weiten Interkolumnien und gut
liken, Ñ Triumph- und Ehrenbçgen und umfangrei- zugnglichen Balkonen in den oberen Stockwerken
chen, demontierbaren Tribnenvorrichtungen fr ausgestattet sein.
munera. Die Grçße des F. soll mit der Einwohnerzahl der
Das F. als auch von auswrtigen Besuchern viel- Stadt korrelieren, um rumliche Enge, aber auch
frequentiertes Zentrum der Stadt war der wichtigste den Eindruck der Verçdung eines zu großen Platzes
Ort fr Reprsentation. Vermçgende Privatleute zu vermeiden; als Flche empfiehlt Vitruv, wieder-
setzten sich hier mit Stiftungen in Szene, wie etwa um im Gegensatz zur seiner Meinung nach regel-
die Entstehungsgeschichte der stadtrçm. Basiliken haft quadratischen griech. Agora, ein Rechteck mit
am Forum Romanum zeigt, die ber Generationen einer Proportion von 3:2. Unmittelbar an das F.
die Namen ihrer Bauherren verewigten (Basilica angrenzen soll die Basilika. Sie soll an der wrmsten
91 Forum
˙
Stelle plaziert sein; ihr gegenber soll der Juppiter- Hufig findet sich in der Entwicklung frher ita-
Tempel erbaut werden. Ebenfalls unmittelbar mit lischer Fora ein sukzessives Zusammenwachsen
dem F. sollen Schatzhaus (aerarium), Ñ Gefngnis (car- des Kapitolsareals mit dem Markt- und Versamm-
cer) und Rathaus (curia) verbunden sein, die in Grçße lungsareal (Minturnae, Ostia, Terracina). Diese Ent-
und Proportion dem F. angemessen zu sein haben. wicklung ging offenbar einher mit einer Politisie-
In die das F. rahmenden Sulenhallen und die Basi-
lika sollen Separierungen fr Geschfte, Geldwechs-
ler und weitere Marktfunktionen eingebaut wer-
den. Sulenhallen und Basilika sollen zweistçckig
sein, wobei das Obergeschoß gegenber dem Erd-
geschoß um 1/4 niedriger zu planen sei; Vitruvs
komplizierte Anweisung fr die Aufrißgestaltung
der Curia sorgt im Ergebnis fr eine optische He-
raushebung dieses Bauwerks im Rahmen der F.-Be-
bauung.

C. Typologie
Betrachtet man die in den Stdten des Imperium
Romanum zahlreich erhaltenen Fora, dann wird
schnell deutlich, daß Vitruvs Darstellung insgesamt
keine Allgemeingltigkeit besitzt. In den gewachse-
nen Stdten Italiens findet sich das F. oft in die nicht
oder nur zu Teilen durch ein orthogonales Straßen-
raster strukturierte Altstadt integriert, was zu ge-
lngten oder verwinkelten Platzanlagen mit kom-
plizierter Topographie fhren konnte (z. B. das Ñ Fo-
rum Romanum in Rom). In Pompeji wird eine fast
wie 1:4 proportionierte, langrechteckige Platzanlage
an den Schmalseiten von Tempel und Amtslokalen
begrenzt; an den Langseiten wird der Platz in eher
unregelmßiger Anordnung von Basilika, Horrea,
weiteren Kommunalbauten, Tempeln und Heilig-
tmern sowie Zunftbauten umstanden. Die offen-
bar komplette Neubebauung eines zuvor planierten
Stadtareals findet sich in der griech. Stadt Poseido-
nia, nachdem sie 273 v. Chr. zur rçm. Kolonie Pa-
estum wurde. Bei gnzlich neugeplanten Siedlun-
gen in Italien ist ein F. ›aus einem Guß‹, wie Vitruv
es beschreibt, zunchst selten; in der Grndungs-
phase der frhesten rçm. Kolonien fehlt es biswei-
len sogar ganz. Im 273 v. Chr. angelegten Cosa wa-
ren Kapitol und Forum von Beginn an rumlich
getrennt; das F. entwickelt sich hier ber mehr als
100 Jahren von einer unscheinbaren, nicht zentral
gelegenen Freiflche hin zu einem umbauten Be- Gallo-rçmisches Forum mit Tempel und quergelegter
zirk mit Architekturen fr Verwaltung, Kult (Con- Basilika an den Schmalseiten, Lugdunum Convenarum/
cordia-Tempel) sowie fr Handel und Gewerbe. Saint-Bertrand-de-Comminges (1. – 2. Jh. v. Chr.).
Forum 92
˙
rung der Brgerschaften im Zuge des von den derformen (ovales F. in Gerasa, Apsiden-F. in Thug-
Plebejern erzwungenen Abbaus aristokratischer Pri- ga) entziehen sich dieser typologischen Zuordnung.
vilegien, den sich im Kontext der Bundesgenossen-
kriege verndernden Beziehungen der rçmisch-lati- D. Kaiserfora
nischen Stdte zu Rom und der insgesamt zuneh- Einen auf die Stadt Rom (und in der Sptantike dann
menden kommunalen Autonomie der Siedlungen auf Konstantinopel) beschrnkten Sonderfall des Fo-
im 2. Jh. v. Chr. Bei spten ital. Stdtegrndungen rums reprsentieren die im Nordwesten an das Fo-
aus dem spten 2. und 1. Jh. v. Chr. findet sich fast rum Romanum angrenzenden Kaiserfora (F. Iulium,
durchgehend ein F., das religiçse, merkantile und F. Augusti, F. Transitorium/Nervae, F. Traiani). Bei
administrative Funktionen in zentraler Lage zu ei- ihnen handelt es sich um großflchige Reprsentati-
ner Einheit verschmilzt, wenn auch mit erheblicher onsanlagen, die unter Federfhrung der ihren Na-
Variation in der baulichen Struktur (Verona, Turin, men tragenden Regenten entstanden und jeweils auf
Aosta). einem politisch-ideologisch kohrenten Konzept
Die Fora der im Kontext der Expansion des Im- herrscherlicher Selbstdarstellung fußten. Nicht nur
perium Romanum neuangelegten Stdte außerhalb die baulichen Anlagen selbst, auch die Umstnde
Italiens sind demgegenber durchweg geplante und ihrer Errichtung mehrten den Ruhm ihrer Stifter:
meist in einem Zug erbaute, spter aber vielfach Fr die Gelndeplanierung des Trajansforums mußte
vernderte und deshalb im archologischen Befund ein ganzer Berg abgetragen werden (dessen einstige
durchaus nicht immer eindeutige Komplexe. Die Hçhe durch die Trajanssule markiert war, Ñ Apol-
Anlage der Stdte folgte hier oft nach dem Muster lodoros); in allen Fllen war es mit erheblichen Kos-
des Militrlagers (Ñ castra; Ñ Stdtebau), wobei das F. ten verbunden, das bençtigte Gelnde zu beschaffen
in der Mitte der Siedlung an der Kreuzung der und die von dieser Requirierung Betroffenen fr alle
beiden Hauptstraßen nicht nur formal, sondern Welt sichtbar großzgig zu entschdigen.
auch funktional der principia entsprach. Hier finden Wie sehr sich diese Anlagen als ›private Stiftun-
sich drei Grundtypen des rçm. F. variiert, die in ihrer gen‹ von einem traditionell çffentlich besetzen std-
reinen Form ebenfalls dem vitruvianischen F. wi- tischen Raum wie dem benachbarten Forum Ro-
dersprechen. Das Peristyl-F. ist ein ringsum von Hal- manum absetzen sollten, verdeutlichen die wieder-
len gesumter Platz entweder mit (Kyrene) oder holten Betonungen des Csar wie des Augustus,
ohne (Ephesos, Athen, Milet, St. Albans) Tempel ›ihre‹ Fora mit eigenen, privaten Mitteln auf zuvor
im Zentrum; bisweilen beschrnken sich die Hallen eigens angekauftem Gelnde errichtet zu haben
dabei nur auf drei Seiten und lassen eine Schmalseite (Csar: Cicero, ad Atticum 4, 16, 8; Augustus: Res
offen (Aosta, Arles). Das Tempel-F. schließt eine an gestae divi Augusti 21). Entsprechend dieser ver-
drei Seiten hallengesumte Platzanlage durch einen nderten Ausgangslage sind Bauformen und Funk-
oder mehrere Tempel an der vierten, offenen tionen der Kaiserfora von denen der blichen std-
Schmalseite (Luni, Zadar, Vienne, Nı̂mes, Sbeitla, tischen Platzanlagen erheblich unterschieden. Die in
Ampurias, Tarragona). Das Basilika-F. verriegelt die dicht bebautes Areal eingefgten Komplexe sind
vierte, offene Schmalseite nicht durch einen Tem- durch hohe Mauern hermetisch nach außen abge-
pel, sondern durch die quergelagerte Basilika (Alise- schottet und insgesamt nach innen, auf sich selbst
Sainte-Reine, Martigny); bisweilen liegt die Basilika orientiert. Sie waren fr Marktbetrieb und Durch-
an der Lngsseite (Dukla). Im vitruvianischen Sinne gangsverkehr geschlossen. Ihre Funktionen be-
kombiniert mit einander gegenberliegendem schrnkten sich auf den Justizbetrieb, auf wichtige
Tempel und Basilika als den Abschlssen der Staatsakte sowie auf den musisch-literarischen Be-
Schmalseiten finden sich die beiden letztgenannten reich (Ñ Bibliotheksgebude, Unterrichtswesen).
Typen vor allem im gallisch-hispanischen Nordwes- Zudem waren die Kaiserfora in ihren reprsentati-
ten (Paris, Augst, Saint-Bertrard-de-Comminges, ven Ausstattungen mit Inschriften, Bildwerken, an-
Lyon, Belo, Conimbriga), bisweilen auch in Nord- geschlossenen Bildergalerien, den Sammlungen von
afrika (Leptis Magna, severisches F.). Seltene Son- Bchern, Kultgerten, Gemmen und dergleichen
93 Forum
˙

mehr nicht nur eine Frhform des Kunstmuseums, sem Sinne war das Trajansforum ein komplexes
sondern zugleich eine Manifestation des Herr- Bau- und Bildensemble, das mittels gruppenspezi-
schaftsverstndnisses des jeweiligen Bauherren. In fisch verschiedener ›Lesarten‹ und Aussage-Ebenen
diesem Sinne beinhaltete etwa das Augustusforum die gesellschaftliche Leitbildfunktion des Militrs im
eine hochkomplexe, die verschiedenen Bildmedien trajanischen Staatsverstndnis propagierte und der
und Architekturteile bergreifende Inszenierung stadtrçm. Bevçlkerung vermitteln wollte.
rçm. Geschichte und verband die mythische Frh- In seiner reprsentativ-ideologischen Ausrichtung
zeit nahtlos und fr jeden Betrachter unbezweifel- auf die Person bzw. Politik des Bauherren ist das
bar mit der realen Herrschaft des Augustus; in die- Kaiserforum als eine rçm. Neuerfindung zu verste-
Forum Romanum 94
˙ ˙
hen, wobei als ein Vorlufer dieser Bauidee die mit ter, Platzanlagen nordafrikanischer Stdte, 2001. – H. Knell,
einer großen Portikus versehen Theateranlage des Vitruvs Architekturtheorie, 1985, 115– 128. – V. Kockel,
Ostia im 2. Jh. n. Chr. Beobachtungen zum Wandel eines
Pompeius gelten kann (errichtet 61– 55 v. Chr.) – Stadtbildes, in: H. J. Schalles, H. v. Hesberg, P. Zanker
die wiederum mçglicherweise zur Initialzndung (Hrsg.), Die rçm. Stadt im 2. Jh. n. Chr. Der Funktions-
fr Csars Forum wurde und sich vielleicht aus wandel des çffentlichen Raumes, Kongreß Xanten 1990,
hellenistischen Tempelpltzen wie dem Zeusheilig- 1992, 99 – 117. – H. Kyrieleis, Bemerkungen zur Vor-
geschichte der Kaiserfora, in: P. Zanker (Hrsg.), Hellenis-
tum in Priene ableiten lßt. Die drei frhesten An-
mus in Mittelitalien, Kongreß Gçttingen 1974, 1976,
lagen des Csar, Augustus und Nerva greifen in 431 – 438. – Th. Lorenz, Rçm. Stdte, 1987. – Los foros
ihrer baulichen Struktur auf den Typ des Tempel-F. romanos de las provincias occidentales, Kongreß Valencia
(s. o. Abschnitt C) zurck. Das Trajansforum hin- 1986, 1987. – R. Martin, Agora et Forum, in: Mlanges de
gegen kombiniert militrische Bauformen und die l’cole franÅaise de Rome 84, 1972, 903 – 933. – W. L.
MacDonald, The Architecture of the Roman Empire II,
Strukturen çffentlicher Platzanlagen zu einer gnz- 1986, 51 –66. – C. Morselli, Enciclopedia dell’arte antica
lich neuartigen Gesamtheit, die zudem durch die classica e orientale, Suppl. II, 1994, 689– 693, s.v. Foro (m.
angegliederten Mercati Traiani eine populre, volks- Bibliographie). – E. Ruoff-Vnnen, Studies on the Italian
nahe Infrastrukturmaßnahme mit in das Konzept Fora, Historia Einzelschriften 32, 1978. – J. Russel, The
Origin and Development of Republican Forums, in: Phoe-
des Kaiserforums einbezog und auf diese Weise
nix 22, 1968, 304 – 336. – H. J. Schalles, Forum und zen-
ein wirksames Gegengewicht zur introvertierten, traler Tempel, in: H. J. Schalles, H. v. Hesberg, P. Zanker
zeremoniellen Exklusivitt dieser Anlagen schuf. (Hrsg.), Die rçm. Stadt im 2. Jh. n. Chr. Der Funktions-
Lit.: J. C. Anderson, The Historical Topography of the wandel des çffentlichen Raumes, Kongreß Xanten 1990,
Imperial Fora, 1984. – I. M. Barton, Capitoline Temples 1992, 183– 221. – M. Todd, Forum and Capitolium in the
in Italy and the Provinces, in: Aufstieg und Niedergang der Early Empire, in: F. Grew, E. Hobley (Hrsg.), Roman
Rçmischen Welt II 12.1, 1982, 259 – 333. – J. Bergemann, Urban Topography in Britain and the Western Empire,
Die rçm. Kolonie von Butrint und die Romanisierung Kongreß London 1985, 56 –66. – P. Zanker, Forum Au-
Griechenlands, 1998, 74 –88. – F. E. Brown, Cosa. The gustum, 1986. – P. Zanker, Das Trajansforum als Monu-
Making of a Roman Town, 1980, 31 –46. – F. Coarelli, Il ment imperialer Selbstdarstellung, in: Archolog. Anzeiger
Foro Romano I/II, 1983/1985. – J. J. Dobbins, Problems of 1970, 499 –544. – P. Zucker, Town and Square, 1959.
Chronology, Decoration, and Urban Design in the Forum
at Pompeji, in: American Journal of Archaeology 98, 1994,
629 – 694. – H. Drerup, Zur Plangestaltung rçm. Fora, in: P.
Forum Romanum
˙ ˙
Zanker (Hrsg.), Hellenismus in Mittelitalien, Kongreß Gçt- A. Allgemeines
tingen 1974, 1976, 398 –412. – J. Eingartner, Fora, Capito- Das F. R., Mittelpunkt der Stadt Rom und nach rçm.
lia und Heiligtmer im westlichen Nordafrika, in: H. J. Auffassung sogar der ›Nabel der Welt‹, ist am Schnitt-
Schalles, H. v. Hesberg, P. Zanker (Hrsg.), Die rçm. Stadt
punkt von Vicus Tuscus und Via sacra in einem Tal
im 2. Jh. n. Chr. Der Funktionswandel des çffentlichen
Raumes, Kongreß Xanten 1990, 1992, 213 – 242. – B. Fehr, gelegen und als das lteste Ñ Forum berhaupt fr
Das Militr als Leitbild: Politische Funktion und gruppen- Jahrhunderte synonym mit diesem Begriff; die Be-
spezifische Wahrnehmung des Trajansforums und der zeichnung forum Romanum findet sich erstmalig bei
Trajanssule, in: Hephaistos 7/8, 1985/86, 39 – 60. – F. Vergil (Aen. 8, 361) und hat, wie auch die alternati-
Felten, Heiligtmer oder Mrkte?, in: Antike Kunst 26,
1983, 84 – 105. – A. Frazer, The Imperial Fora. Their
ven Bezeichnungen forum magnum (u. a. Cass. Dio 43,
Dimensional Links, in: Eius virtutis studiosi. Classical and 22, 2) oder forum vetus (u.a Cicero, ad Atticum 4, 16,
Postclassical Studies in memory of F. E. Brown, 1993, 14), niemals vollstndig Eingang in den offiziellen
410 – 419. – J. Ganzert, V. Kockel, Augustusforum und Sprachgebrauch der Antike gefunden. Bis zum 7. Jh.
Mars-Ultor-Tempel, in: Kaiser Augustus und die verlorene
v. Chr. als Begrbnisplatz genutzt, wurde der Ort um
Republik, Auss.-Kat. Berlin 1988, 149 –199. – J. Griffith
Pedley, Paestum, 1990, 114– 123. – P. Gros, P. Var ne, Le 600 v. Chr. zum gemeinsamen çffentlichen Areal der
forum et la basilique de Glanum. Probl mes de chronologie sich zu einem grçßeren Verbund formierenden Sied-
et de restitution, in: Gallia 42, 1984, 21– 52. – P. Gros, Les lungskerne auf den umliegenden Hgeln; das F. R. ist
tapes de l’amnagement monumental du forum. Obser- damit, hnlich der Ñ Agora Athens, Produkt eines
vations comparatives, Italie, Gaul Narbonnaise, Tarraconai-
se, in: La citt nell’Italia Settentrionale in et romana, Kon-
Synoikismos im Zuge der Ausbildung einer Polis.
greß Triest 1987, 1990, 29– 68. – M. Hlsemann, Theater, Die ber mehr als zwçlf Jahrhunderte gewachse-
Kult und brgerlicher Widerstand, 1987. – C. Kleinwch- ne Platzanlage mit gleichermaßen religiçsen, çko-
95 Forum Romanum
˙ ˙
nomischen und politisch-gesellschaftlichen Funk- worden; dabei kristallisierten sich im Laufe der
tionen ist bezglich ihrer Frhgeschichte bereits in Zeit zwei funktional getrennte Platzteile heraus:
der Antike mythisiert und dabei topographisch in der Bereich des comitiums als das politisch-adminis-
z. T. willkrlichen Setzungen verunklart worden, trative Zentrum und das eigentliche Forum mit
z. B. durch die Markierungen des Grabes des Ro- Basiliken und Tempeln fr çkonomische und reli-
mulus als lapis niger (›schwarzer Stein‹) im Pflaster giçse Aktivitten.
des Platzes oder die Konstruktion des lacus Curtius Das comitium, der alte Versammlungsplatz des
und, zu Beginn des 4. Jh. n. Chr., des umbilicus Urbis rçm. Volkes (Ñ Versammlungsbauten), war ur-
als Visualisierungen mythischer Orte. Das F. R. fgt sprnglich ein templum, eine von Auguren geweihte
sich als eine dingliche Variante ein in die komplexe und eingerichtete Freiflche von kreisrunder Form;
literarische Umformulierung, Verflschung und sie war gesumt vom Lapis Niger (dem auf das 6. Jh.
Harmonisierung von rçm. Mythologie und Anna- v. Chr. zurckgehenden unterirdischen, im Pflaster
listik in der mittel- und sptrepublikanischen Zeit markierten Heroon des mythischen Stadtgrnders
(und wird auf diese Weise zugleich zum monumen- Romulus), dem senaculum (Versammlungsplatz der
talen Zeugen einer kollektiven Formung von Ver- Senatoren als Abgesandte der einzelnen Stmme),
gangenheit). Wegen des erheblichen Zuwachses des der columna Maenia (Ñ Sulenmonumente) als Ort
Bodenniveaus, wegen der sich deswegen z. T. kaum juristischer Proklamationen und dem carcer (als Ort
unterscheidbar berlagernden Phasen der mannig- des Strafvollzugs; vgl. Ñ Gefngnis); unmittelbar mit
faltigen baulichen Vernderungen und Umgestal- dem Platz des comitium verbunden war im Sden die
tungen sowie den deshalb meist unklaren und da- Ñ Rednerbhne (rostra) und im Norden die curia
rber hinaus berwiegend unzureichend publizier- (Ñ Versammlungsbauten) als Tagungsort des Senats.
ten Befunden der Ausgrabungen (großflchige Frei- Die verschiedenen Bestandteile bildeten ein funk-
legungen seit der Mitte des 19. Jh.) sind viele tionales Ganzes, das bis in das 1. Jh. v. Chr. Spiegel-
topographische Aspekte weiterhin ungeklrt; auch bild der rçm. Verfassung und ihrer Elemente
jngere Ausgrabungen haben hier insgesamt wenig (Volksversammlung, Vertreterversammlung nach
Klarheit bringen kçnnen. Die aktuellen, modernen Stammesgliederung, Versammlung der Beamten)
Gesamtdarstellungen des Ortes von Coarelli, Am- war und damit zugleich der politische und juristi-
merman und Purcell zeigen exemplarisch den Dis- sche Mittelpunkt des Gemeinwesens.
sens in der modernen archologischen Forschung, Um den Forumsplatz herum gruppierten sich die
so daß eine historisch-chronologische Darstellung ltesten Tempel der rçm. Republik: der Saturntem-
des F. R. heute nur in Grundzgen konsensfhig pel (lt. Annalistik 498 v. Chr. eingeweiht) als Hort
scheint. des Staatsschatzes, der Dioskurentempel nahe dem
Heiligtum und der Quelle der Iuturna, der nach den
B. Das republikanische Forum Romanum Stndekmpfen 366 v. Chr. programmatisch der con-
Als Zentrum nicht nur der Stadt Rom, sondern des cordia (›Eintracht‹) geweihte Tempel und, etwas ab-
gesamten Imperium Romanum war das F. R. bereits seits, der Vestatempel mit dem Heiligen Feuer, dem
im spten 4. Jh. v. Chr. von einer beginnenden Haus der Vestalinnen und der Regia, dem Amts-
Wandlung vom Ort einer kommunalen Verwal- gebude des pontifex maximus daneben; die durch
tung und Regierung hin zum Mittelpunkt von Re- zahlreiche sptere Bauphasen berlieferten Tempel
ligion, Staat, Politik und Verfassung eines Großrei- werden hinsichtlich ihrer tatschlichen Entste-
ches gekennzeichnet; die vielfçrmigen und tiefgrei- hungsgeschichte weiterhin diskutiert. Der Platz
fenden inneren Konflikte dieses dynamischen Pro- selbst war von tabernae, ephemeren Holzbauten fr
zesses haben sich in der Topographie des Platzes in Handel und Gewerbe, sowie von zahlreichen Eh-
mehr oder minder gut nachvollziehbarer Weise renstatuen bestanden (die, etwa 158 v. Chr., von den
materialisiert. Die unregelmßige Platzanlage des Censoren wegen Platzmangels sogar zu Teilen ab-
F. R. ist bis in das 2. Jh. v. Chr. hinein sukzessive gerumt wurden, Plinius, Naturgeschichte 34, 30).
und ohne Gesamtplanung mit Bauten versehen Gerahmt und ausgerichtet wurde der Platz im 2. Jh.
Forum Romanum 96
˙ ˙
v. Chr. durch die Basilica Aemilia, die Basilica Porcia C. Das kaiserzeitliche Forum Romanum
und die Basilica Sempronia; der Forumsplatz selbst Einschneidende Umgestaltungen erfuhr das F. R. ab
diente darber hinaus auch als Ort fr munera und der 2. Hlfte des 1. Jh. v. Chr., die den bis dahin
Theaterauffhrungen, die hier in temporr errich- lebendigen Charakter des Platzes wandelten zu einer
teten Holzbauten stattfanden (von denen zahlreiche ihrer republikanisch-politischen Bedeutung beraub-
Pfostenlçcher als Erdverfrbungen archologisch ten Bhne staatlich-monarchischer Reprsentation.
dokumentiert werden konnten; vgl. auch Livius Die steinernen Ñ Theater des Marcellus und Pom-
23, 30, 15; Plutarch, C. Gracchus 33; Ñ Forum). peius schufen dauerhaften Raum fr Auffhrungen

Rom, Forum Romanum, Zustand 42 v. Chr., mit dem durch das Forum Iulium berbauten Areal des Comitiums (nach Zanker).
97 Fries

und Spiele; Caesars Forum Iulium tilgte durch ber- Tiberius zwischen Rostra und Basilica Iulia, den
bauung das Areal des Comitiums und wurde damit Tempeln u. a. fr Vespasian und Titus, dem monu-
zur architektonischen Manifestation seiner politi- mentalen Reiterstandbild Domitians (equus Domitia-
schen Usurpation der Republik. Die neue Curia Iulia ni), den prunkvollen Ehrenbçgen fr die Kaiser
wurde ein Annex seines Forums (so wie in seinen Titus und Septimius Severus, dem tetrarchischen
Augen der Senat zum Annex seiner Herrschaft ge- Fnfsulendenkmal, der Basilica Constantiniana
worden war); die neue Rostra war eine ihrer ur- (Maxentius-Basilika), dem Reiterstandbild Konstan-
sprnglichen Funktion kontroverser Debatte be- tins d. Gr. und der Phokassule den jeweiligen epo-
raubte Schaubhne an der Stirnseite des neugestal- chalen Kulminationspunkt. Erste christliche Kir-
teten Platzes des F. R., das an seiner Sdseite nun von chenbauten entstanden im 6. Jh. n. Chr. (S. Maria
der (ebenfalls mit dem Namen Caesar verbundenen) Antiqua; SS. Cosma e Damiano, ca. 526 – 530).
Basilica Iulia am Ort der abgerissenen Basilica Sem- Lit.: A. J. Ammerman, On the origins of the Forum Ro-
pronia begrenzt wurde. Als çstlicher Abschluß des manum, in: American Journal of Archaeology 94, 1990,
Platzes entstand unter Augustus der 42 v. Chr. von 627 – 645. – ders., The Comitium in Rome from the Be-
ginning, in: American Journal of Archaeology 100, 1996,
den Triumvirn gemeinsam gelobte Tempel des divus 121 – 136. – ders., in: L. Richardson Jr., A New Topogra-
Iulius, der zugleich mit einem Altar im Podium und phical Dictionary of Ancient Rome, 1992, 170 –174. – F. A.
einer zweiten Rostra (mit den Schiffsschnbeln der Bauer, Stadt, Platz und Denkmal in der Sptantike, 1996,
Schlacht von Actium) versehen war; der Charakter 7 –142. – F. Coarelli, Il Foro Romano 1. Periodo arcaico,
1983. – ders., Il Foro Romano 2. Periodo repubblicano e
eines dynastischen Monuments der gens Iulia wurde
augusteo, 1985. – C. F. Giuliani, P. Verduchi, Foro Roma-
noch verstrkt durch den Ehrenbogen fr Augustus, no. L’area centrale, 1980. – C. F. Giuliani, P. Verduchi,
der sdlich dieses die Regia und den Vestatempel L’area centrale del Foro Romano, 1987. – M. Hoff, Rom.
nun vom F. R. gnzlich abriegelnden Baukonglome- Vom Forum Romanum zum Campo Vaccino. Studien zur
rats die Via sacra berspannte. Darstellung des Forum Romanum im 16. und 17. Jh., 1987.
– M. Hlsemann, Theater, Kult und brgerlicher Wider-
In der Regentschaft des Augustus und seiner stand im antiken Rom. Die Entstehung der architekto-
Nachfolger wurde das F. R. vollstndig zum Repr- nischen Struktur des rçm. Theaters im Rahmen der gesell-
sentationsplatz umgestaltet und nach und nach mit schaftlichen Auseinandersetzung zur Zeit der Republik,
Denkmlern der verschiedensten Art zugebaut: Der 1987. – J. Isager, Forum Romanum og Palatin, 1977. –
R. T. Ridley, The monuments of the Roman Forum. The
eintorige Ehrenbogen im Sden des Divus-Iulius-
struggle for identity, in: Xenia 17, 1989. – G. Tagliamonte,
Tempels wurde anlßlich der Rckgewinnung der N. Purcell, C. F. Giuliani, P. Verduchi, in: M. Steinby
gegen die Parther verlorenen Feldzeichen durch (Hrsg.), Lexicon Topographicum Urbis Romae 2, 1995,
einen dreitorigen Bau ersetzt (nach 19 v. Chr.; dieser 313 – 345 (Lit.). – P. Zanker, Forum Romanum, 1972.
Bogen trug Inschriften mit den fasti consulares und
fasti triumphales, den Verzeichnissen aller bisherigen Friedhçfe Ñ Nekropolen
Konsuln und Triumphzge) und wurde wohl
3 v. Chr. an der Nordseite des Tempels durch einen Fries Von franzçsisch frise; moderner, seit dem
den neuen Abzweig der Via sacra berspannenden 17. Jh. gelufiger Terminus technicus in Kunst-
Bogen fr die erkorenen Thronprtendenten Gaius und Baugeschichte, der als architektonischer Begriff
und Lucius ergnzt. Der 10 v. Chr. aufwendig mit den auf dem Architrav (Ñ Epistylion) lagernden Teil
Marmor gepflasterte Platz wurde durch die exklu- des steinernen Geblkes im griech. Sulenbau be-
siven Renovierungen der Rahmenbebauung erst- zeichnet. Der F. dorischer Bauten besteht aus einer
malig mit dem milliarium aureum, einem goldenen alternierenden Abfolge von Ñ Metope und Ñ Trigly-
Meilenstein mit Entfernungsangaben zu den wich- phe (in griech. Bauinschriften insgesamt trı´glyphos
tigsten Orten Italiens, zur Bhne symbolisch-alle- genannt), der F. ionischer Bauten, der, anders als
gorischer Herrschaftshandlungen. Diese Tendenz bei der dorischen Ordnung, auch fehlen kann, aus
zur Inszenierung kaiserlicher Allgewalt am ein- einer glatten, oft mit einem Reliefband dekorierten
stigen Mittelpunkt der rçm. Republik fand mit Quaderlage (nach Vitruv 3, 5, 10 zphorus, in atti-
dem mitten in den Platz gebauten Ehrenbogen fr schen und delischen Bauinschriften zon, zdion).
Frigidarium 98
˙
tt der Wasserleitungen und die Problematik der
illegalen Wasserentnahme) finden sich hier dar-
gestellt. Daneben verfaßte F. Bcher ber die Feld-
meßkunst (De agri mensura; nur fragmentarisch ber
Zitate bei Agennius Urbicus bekannt) und, in der
Hauptsache, ber verschiedene Aspekte seine Ttig-
keit im trajanischen Heer (Strategmata, ein Buch
ber die im frhen 2. Jh. n. Chr. bekannten Kriegs-
listen), die ihn zu hçchstem Ansehen verhalfen.
Mçgliche Blickwinkel fr eine Betrachtung des Cella- Lit.: K. Sallmann, DNP 4, 1998, 677 f. s.v. Frontinus, S.
Frieses am Parthenon auf der Athener Akropolis. Iulius (m. Textausgaben und weiterer Sekundrlit.).

In der archologisch-kunsthistorischen Fachter- Fugenkonkordanz Moderner Begriff, der die im


minologie wird darber hinaus unter F. ein mit neuzeitlichen Ziegelmauerwerk bliche regelmßi-
Malerei oder Relief ornamental oder figrlich de- ge Anordnung der vertikalen Stoßfugen in jeder
korierter, meist waagerechter Streifen zur Abgren- zweiten Mauerlage ber der jeweils halben Stein-
zung oder Teilung von Flchen oder Baugliedern lnge bezeichnet. Im antiken Sulenbau erfolgt seit
verstanden, der in den verschiedensten architekto- etwa 500 v. Chr. nach der F. der Versatz der Quader
nischen Kontexten, in der Plastik (Sarkophag, To- in der aufgehenden Mauer (z. B. der Ñ Cella des
reutik) sowie in zweidimensionalen Bildmedien Ñ Tempels), in Einzelfllen sogar hinunter bis in
(Malerei, Mosaik, Vasenmalerei) Verwendung fand; die unterste Lage des Ñ Fundamentes (z. B. Agrigent,
der reliefierte F. in der Ñ Bauplastik ist nicht auf den Concordiatempel: F. des Fundaments mit der sich
Ort des architektonischen Frieses im Geblk be- darauf erhebenden Ñ Krepis).
schrnkt, sondern kann u. a. den Architrav (Assos, Lit.: Ch. Hçcker, Planung und Konzeption der klassischen
Athenatempel), die Cella (außen: Ñ Parthenon; Ringhallentempel von Agrigent, 1993, 79– 81. – D. Mer-
innen: Bassai, Apollontempel), Substruktionen tens, Der Tempel von Segesta und die dorische Tempel-
baukunst des griech. Westens in klassischer Zeit, 1984,
(Ñ Maussoleion) sowie ganze Wandbereiche (Per- 251 s.v. Fugenkonkordanz.
gamonaltar) bedecken.
Lit.: F. Felten, Griech. tektonische Friese archaischer und
klassischer Zeit, 1984. – W. Mller-Wiener, Griech. Bau- Fundament Der unterhalb des Erdniveaus gelegene
wesen der Antike, 1988, 216 s.v. F. – B. Wesenberg, Vitruvs Unterbau eines Bauwerks; bei Vitruv (3, 4, 1) Ñ Ste-
Vorstellung von der Entstehung des dorischen Triglyphen-
frieses, in: Fs. F. Hiller, 1986, 143 – 157. – N. Weickenmei- reobat genannt (womit dort jedoch offensichtlich
er, Theoriebildung zur Genese des Triglyphon, 1985. allein das berwiegend massive Podium eines rçm.
Ñ Tempels gemeint ist), in antik-griech. Bauinschrif-
Frigidarium Raum mit dem Kaltwasserbad in anti- ten meist als stob bzw. strmata bezeichnet.
˙
ken Ñ Bdern und Ñ Thermen. F. sind in jedem Steinbau eine statisch-technische
Notwendigkeit, begegnen jedoch bereits bei leich-
Frontinus Sextus Iulius F., hochrangiger stadtrçm. ten Holz- und Flechtwerkbauten, wo Stein-F. die
Beamter unter den Kaisern Domitian, Nerva und Basis des Aufbaus bilden, hier jedoch als Trger
Trajan; fr die antike Architektur von großer Be- deutlich ber das Erdniveau hinausragen und die
deutung wegen seiner nahezu vollstndig erhalte- Wandkonstruktion vor Staunsse (und weniger
nen Schrift de aquis urbis Romae, einer Unterwei- vor Senkungen) schtzen sollten. Im Steinbau ist
sungsschrift ber die stadtrçm. Wasserleitungen die Sicherung gegen Bauwerksabsenkungen durch
und die Ñ Wasserversorgung zur Zeit Nervas; zahl- F. primres Anliegen; die technische Konstruktion
reiche Details ber antike Wasserbautechnik und der F. ist von den Gegebenheiten des Baugrundes
ber die damit verbundenen Verwaltungs- und unmittelbar abhngig. In der Regel finden sich Strei-
Kontrollmaßnahmen (z. B. hinsichtlich der Kapazi- fen- bzw. Punkt-F., wo nur die statisch belasteten
99 Fundament

Verschiedene Fundament-
konstruktionen griechischer
2,78 3,73 ~1,9 ~1,4 3,346 Bauten des 6. – 4. Jh. v. Chr.

Partien fundamentiert sind (bisweilen in unter- den; hier wird der Bau in einer ausgehobenen Bet-
schiedlicher Massivitt, wie z. B. beim Hera-Tempel tung lediglich unter Zuhilfenahme einer konstruier-
in Olympia, der zu einem Teil in weichem ten Nivellierung (Ñ Euthynterie) errichtet.
Schwemmsand errichtet und hier entsprechend F. kçnnen aus kompaktem Bruchstein, aber auch
massiver fundamentiert worden ist); nur in gnzlich aus verklammerten Quadern bestehen, wobei auf
unsicherem Terrain finden sich kompakte Block-F. Regelmßigkeit der Bauweise zunchst wenig Wert
Eine weitere Mçglichkeit waren durchgehend gat- gelegt worden zu sein scheint. Den oberen Ab-
terfçrmige Rost-F. (z. B. beim Pergamon-Altar). In schluß des Fundamentes bildet die nivellierte Ñ Eu-
Felsgrnden kann auf F. weitgehend verzichtet wer- thynterie, die etwas aus dem Erdreich herausragte
0
15m

Delphi, Sikyonier-Schatzhaus: Fundament mit eingebundenem lteren Baumaterial (Befundzeichung).


Fuß, Fußmaß 100

Die griechischen Lngenmaße und ihre Relationen

Lngenmaß Œıº ƺÆØ ØŁÆ


  Eåı º Łæ Ø
dáktylos palaiste´ spithamé pus pe´chys pléthron stádion
Finger Handbreite Handspanne Fuß Elle
4 daktyloi = 1 palaiste
12 daktyloi = 1 spithame
16 daktyloi = 4 palaistai = 1 pus
24 daktyloi = 6 palaistai = 2 spithamai = 1,5 pus = 1 pechys
100 podes = 1 plethron
600 podes = 6 plethra = 1 stadion

und im griech. Sulen- und Quaderbau die Basis der Gruben, Fundamentierungsprobleme der ersten griech.
Ñ Krepis bildete. Nicht selten finden sich die F. lte- Großbauten, in: Bathron. Fs. H. Drerup, 1988, 159 –172.
– H. J. Kienast, Fundamentieren in schwierigem Gelnde,
rer Vorgngerbauten (Athen, Ñ Parthenon) ebenso
in: Diskussionen zur archologischen Bauforschung 5,
wie lteres, nicht mehr bençtigtes Baumaterial (z. B. 1991, 123 – 127. – W. Mller-Wiener, Griech. Bauwesen
Samos, Heraion: diverse Sulentrommeln) in eine in der Antike, 1988, 61– 64. – R. Taylor, Roman Builders.
neue Fundamentierung integriert (vgl. hier auch A Study in Architectural Process, 2003, 59 – 91.
Abb.: Delphi, Sikyonier-Schatzhaus). Erst im Tem-
pelbau des 5. Jh. v. Chr. mit seinen zunehmend ra- Fuß, Fußmaß Griech. pous, lat. pes; antikes Lngen-
tional durchgeplanten, hochgradig kommensur- maß, das den Proportionen des menschlichen Kçr-
ablen Entwurfsgefgen findet sich auch das F. in pers entnommen ist; der F. ist definiert als 4 palaistaı´
diese Strukturen einbezogen; die Folge sind sorg- (Handbreiten, lat. palmus) bzw. 16 Ñ dktyloi (Finger-
fltig prparierte F., z. T. mit Ñ Fugenkonkordanz, breiten) und ist zugleich Teileinheit grçßerer Ln-
die Details der Vermaßung der aufgehenden Archi- genmaße (stdion = 600 F.; plthron = 100 F.); vgl.
tektur bereits vorgeben, bisweilen sogar Ñ Optical Tabelle. Die reale Lnge des F. schwankt in der
Refinements wie eine Ñ Kurvatur oder Ñ Inklination griech. Antike, je nach metrologischem System,
mit beinhalten. von Polis zu Polis zwischen 27 und 35 cm; in der
Die Ñ Zementbauweise ist fr geschttete F. in rçm. Antike findet ein F. von gut 29 cm regelhaft
rçm. Zeit weit verbreitet gewesen; besonderes Au- Anwendung. ber die Frage der Relevanz des F. als
genmerk galt hier der Prparation des Baugrundes Ñ Baumaße herrscht in der archologischen Baufor-
(Planierungen, Terrassierungen). In ungnstigem schung Dissens, vgl. auch Ñ Embater.
Gelnde findet sich, ebenso wie fr Brckenbauten Lit.: Ch. Hçcker, Planung und Konzeption der klassi-
(Ñ Straßen- und Brckenbau), das Prinzip der Pfahl- schen Ringhallentempel von Agrigent, 1993, 36 – 48;
grndung als eine technische Neuerung zuneh- 119 – 127. – F. Hultsch, Griech. und rçm. Metrologie,
2
1882, Index s.v. Fuß/pous. – W. Koenigs, Maße und
mend hufig. In der rçm. Architektur bekommt Proportionen in der antiken Baukunst, in: Polyklet. Der
das F. als Trger des Bauwerks des çfteren eine Bildhauer und sein Kanon, Ausst.-Kat. Frankfurt/M.,
eigenstndige, weit ber die bloße technische Not- 1990, 121 – 134. – B. Wesenberg, Zum metrologischen
wendigkeit hinausgehende sthetische und semioti- Relief in Oxford, in: Marburger Winckelmann-Programm
1975/76, 15 –22.
sche Signifikanz, hierzu vgl. Ñ Substruktion.
Lit.: M. Borrmann, Historische Pfahlgrndungen. Unters.
zur Geschichte einer Fundamentierungstechnik, 1992. – G. Fußboden Ñ Pavimentum
101 Gartenanlagen

Gaden, auch Obergaden: oberer Teil der Mauer des (kpos) war hier als landwirtschaftlich ausgerichteter
˙
Mittelschiffes einer drei- oder fnfschiffigen Ñ Basi- Nutzgarten immer Bestandteil des Ñ Hauses bzw.
lika, der die Seitenschiffe berragt; meist mit Ñ Fen- des Haushaltes (oikı´a), auch wenn er in der Regel
stern fr die Beleuchtung des Bauwerks durchsetzt. außerhalb der Stadt gelegen war. Auch die G. inner-
Das Prinzip findet sich auch bei Ñ Zentralbauten mit halb von Heiligtmern waren keine reinen Ziergr-
mehreren Radien. ten, sondern funktional bestimmt (z. B. als Blumen-
spender fr das Flechten von Krnzen im Rahmen
Gartenanlagen Paradiesische, große Landschafts- des Opfers oder anderer Zeremonien). Erst im Kon-
grten, wie sie aus der assyrischen und gyptischen text der hellenistischen Kçnigshçfe wird, etwa im
Hochkultur gut bekannt sind (›Hngende Grten‹ Bereich der Ñ Palste, das orientalische Motiv des
der Semiramis; Metapher vom ›Garten Eden‹), wa- großangelegten Parks bzw. Zier- oder Jagdgartens
ren der griech. Antike wesensfremd; der Garten (Ñ pardeisos) wieder aufgegriffen, bisweilen auch als
Geblk 102

çffentlicher Reprsentationsbereich in den großen antike griech. Garten, 1983. – M. Caroll, Earthly Paradises.
Metropolen (Alexandria). Ancient Gardens in History and Archaeology, 2003. –
W. F. Jashemski, The Gardens of Pompeii, Herculaneum
In der rçm. Antike gewinnen groß angelegte and the Villas destroyed by Vesuvius 1/2, 1979/1993. – H.
Zier- und Kunstgrten wachsende Bedeutung, was Mielsch, Die rçm. Villa. Architektur und Lebensform,
u. a. auch durch die ppige Ñ Wasserversorgung 1997, 117 – 128. – W. Sonne, Hellenistische Herrschafts-
rçm. Stdte und ihres Umlandes bedingt ist. Akku- grten, in: W. Hoepfner (Hrsg.), Basileia. Die Palste der
hellenistischen Kçnige, 1996, 136 –143.
rat angelegte Ziergrten werden zu notwendigen
Bestandteilen rçm. Ñ Villenarchitektur (gut bekann-
tes Beispiel: die Villa der Poppaea bei Torre Annun- Geblk Moderner Begriff, der meist die Gesamtheit
ziata/Oplontis; vgl. Abb.), aber auch zu reprsenta- der horizontalen Bauglieder im antiken Sulen- und
tiven innerstdtischen Einrichtungen (besonders in Quaderbau umschließt, die auf dem Kapitell lagern
Rom) und zu Annexen kaiserlicher Palste und und den Dachaufbau tragen: den die Sulenjoche
Palastvillen. Die raffinierte Ausgestaltung der G. berspannenden Architrav, den Ñ Fries und das
z. B. mit Wasserspielen und Springbrunnen Ñ Geison. Synonym wird in der modernen Baufor-
(Ñ Nymphum), die Abstimmung von grtnerisch schung oft der Begriff Ñ epistylion verwendet, der
gestalteter ›Natur‹ mit der Architektur im Mittel- indessen in antiken Quellen allein den Architrav
punkt wie schließlich auch die Gestaltung von aus- bezeichnet.
sichtsreichen Blickachsen in der Landschaft beding-
te neue Berufsfelder (Grtner, griech. kepours, ›Gar- Gefngnis, Gefngnisbauten Griech. desmotrion; lat.
tenknstler‹; lat. topiarius); der Niederschlag dieses carcer (von coercere, ›einschließen‹). Haftstrafen waren
neuen Gestaltungswillens ist in der Wandmalerei sowohl in der griech. als auch in der rçm. Antike
des 1. Jh. n. Chr. mit ihren weiten ›Villenlandschaf- unbekannt; G. dienten als staatliche Verwahrorte fr
ten‹ unverkennbar. Angeklagte whrend der Untersuchung der Tatvor-
Daneben existierte der traditionelle Hausgarten wrfe (und ggf. als Hinrichtungsort), darber hinaus
(hortus) fort, in der Regel als ummauerter Teil des zur Erzwingung von finanziellen Schuldbegleichun-
rçm. Atriumhauses bzw. seiner Varianten (Ñ Atrium gen. Sie bestanden in der Regel aus einer Ansamm-
m. Abb.; Ñ Haus). Hier wurden, oft in streng geo- lung von gut gesicherten Einzelrumen, bildeten
metrischer Anordnung, Nutzpflanzen gehalten; die- jedoch weder in griech. noch in rçm. Stdten einen
ser hortus war fast immer ein Kchengarten, der Bautypus mit normierten Grundrissen. G. scheint es
gemß den praktischen Erfordernissen angelegt in allen grçßeren Orten gegeben zu haben, wo sie
war (und der in den Vesuvstdten, wie neuere Gra- den lokalen Magistraten unterstellt waren. Archo-
bungen gezeigt haben, berdies recht hufig als logisch besser bekannt sind die G. von Athen (im
Verbringungsort von Bauschutt nach Umbauten ußersten Sdwesten der Agora gelegen) und Rom
der Hausarchitektur diente). Standen fr Hausgr- (Carcer Tullianus: am Westende des Forum Roman-
ten grçßere Flchen zur Verfgung (wie z. B. in den um, am Abhang zum Kapitol gelegen, mit einem
çstlichen Teilen der Neustadt von Pompeji), konn- besonders gesicherten Innenhof fr Hinrichtungen).
ten Kanle und weitere gliedernde Elemente die- Lit.: Carcer. Prison et privation de liber dans l’antiquit
sem Hausgarten bisweilen den Anstrich eines Zier- classique, Kongreß Stasbourg 1997 (1999). – W. Hunter,
gartens geben. Dekorative Gartenkunst konnte im The Prison of Athens, in: Phoenix 51, 1997, 296 –326. –
J. U. Krause, Gefngnisse im rçm. Reich, 1996.
rçm. Haus ansonsten im Atrium begegnen, spter in
erweiterter Form auch in Ñ Peristylen.
Eine Sonderform der antiken G. waren die großen, Geison Antik-griech. architektonischer Terminus
˙
teils çffentlich zugnglichen, teils kaiserlich-›privaten‹ technicus, der den oberen Abschluß des Geblks
Parks innerhalb der Stadt Rom, z. T. mit an moderne zunchst im walm- oder sattelgedeckten griech.
Zoos erinnernden Tiergehegen und Wildbesatz. Sulenbau, spter auch im Kontext des Geschoß-
Lit.: B. Andreae, Am Birnbaum. Grten und Parks im und Wandaufbaus bezeichnet. Das die gesamte
antiken Rom, 1996. – M. Caroll-Spillecke, Kepos. Der Tempelringhalle umlaufende, kompakte, entweder
103 Gewçlbe- und Bogenbau

monolithische oder mehrteilige, steinerne Horizon- Begriff, der eigentlich auf bestimmte Ñ Fassaden-
tal-G., seit den ersten monumentalen dorischen Pe- Bauformen des Barock abzielt, wo Giebel, aber
ripteraltempeln gelufig, imitiert den aus dem Holz- auch Bçgen mit Mittelçffnung hufig sind. In der
bau stammenden, vor Regenwasser schtzenden Antike finden sich G. erstmals im Spthellenismus
berstand der Dachbalken ber dem Baukern und (Felsgrber von Petra) und sind in der rçm. Archi-
bildet zugleich das Widerlager des Dachstuhls; die tektur nicht selten.
G.-Blçcke sind fest mit Ñ Fries und Ñ Epistylion da- Lit.: H. Lauter, Die Architektur des Hellenismus, 1986,
runter verklammert und hinterfangen den Seiten- 253 – 304.
schub der hçlzernen Sparren. Als ›Schrg-G.‹ wird
im Gegensatz dazu die Rahmung der Giebelschrge Gewçlbe- und Bogenbau
am kanonischen Tempel bezeichnet. In der ›verstei- A. Gewçlbe
nerten‹ dorischen Bauordnung wird der vorkragen- Das ›unechte‹ Krag-Gewçlbe mit spitzbogigem
de berstand des Horizontal-G. durch eine regel- Querschnitt (Ñ Falsches Gewçlbe) besteht aus ber
mßige Abfolge von Ñ Mutulus und Ñ Via dekorativ die jeweils untere Lage hervortretenden Steinen mit
betont; zahlreiche tektonisch nicht belastete Terra- horizontaler Lagerflche; diese Bautechnik wurde
kotta-Verkleidungen von Geblken des 7. und 6. Jh. seit kretisch-mykenischer Zeit zur Ñ berdachung
(Thermos, Korfu, Metapont u. a. m.) folgen entwe- von Gngen, Brcken sowie zur Konstruktion von
der diesem Schema oder sind, als Trger und Basis ›falschen‹ Kuppeln (Mykene, ›Schatzhaus des
der Ñ Sima, in Form eines kompakten Kasten-G. Atreus‹) verwendet und konnte Weiten und Durch-
gehalten. messer von bis zu ca. 14 m berspannen (Ñ Kuppel-
Das G. der ionischen oder korinthischen Ord- bau). Das ›echte‹, selbsttragende Tonnen-Gewçlbe
nung lagert, meist abgesetzt durch ein Ornament- aus radial im Halbrund gefgten Keilsteinen, ber
band, oberhalb des Zahnschnitts und ist zugleich die einem whrend des Konstruktionsprozesses tempo-
Basis der Sima-Blçcke; es endet meist in einer nach rr errichteten, sttzend-stabilisierenden Lehrgerst
unten profilierten ›Hngeplatte‹. Im 2. Jh. v. Chr. zur berdachung eines langrechteckigen Grundris-
entsteht im çstlichen Mittelmeerraum als eigenstn- ses erbaut, tritt in der 2. Hlfte des 4. Jh. v. Chr.
dige Variante das Konsolen-G., das sich dann in der zunchst im nordgriechisch-makedonischen wie
rçm. Kaiserzeit zur Standardform ausprgt, seine im thrakischen Raum an Ñ Grabbauten in Erschei-
ursprngliche tektonische Bedeutung dabei weit- nung (Vergina, Philipps-Grab; Grabkammer von
gehend verliert und sich zunehmend zu einem de- Svestari) und war hier durch seine gegenber dem
korativ-ornamental verstandenen Bauglied wandelt;
vgl. Ñ Fassade.
Lit.: O. Bingçl, berlegungen zum ionischen Geblk, in:
Mitteilungen des DAI, Abt. Istanbul 40, 1990, 101 – 108. –
H. v. Hesberg, Konsolengeisa des Hellenismus und der
frhen Kaiserzeit, 24. Ergnzungsheft Mitteilungen des
DAI, Abt. Rom, 1980. – T. Mattern, Gesims und Orna-
ment, 2001. – W. Mller-Wiener, Griech. Bauwesen in der
Antike, 1988, 113, 119 – 120; 129 – 130. – W. v. Sydow, Die
hellenistischen Geblke in Sizilien, in: Mitteilungen des
DAI, Abt. Rom 91, 1984, 239 – 358. – B. Wesenberg,
Griech. Sulen- und Geblkformen in der literarischen
berlieferung, in: Diskussionen zur archologischen Bau-
forschung 6, 1997, 1– 15.

Gelegenheitsbauten Ñ Temporre Bauten

Gesprengter Giebel Ein in der Mitte nicht durch- »Unechtes« Krag-Gewçlbe, Kuppelgrab in Orchomenos
gehend geschlossener Ñ Giebel: kunsthistorischer (16. Jh. v. Chr.), Rekonstruktion.
Gewçlbe- und Bogenbau 104

haupt evolutionistisch ableitbar. ber die Hinter-


grnde des abrupten Auftauchens dieser bautech-
nischen Innovation im klassischen Mittelmeerraum
besteht Unklarheit, wobei ein Formimport aus dem
kleinasiatisch-vorderorientalischen Raum weiterhin
anzunehmen ist (die zuletzt von Boyd vertretene
These eines im Verlauf der Feldzge Alexanders
erfolgten Formtransports ist, wie das bislang frhes-
te bekannte griechisch-makedonische Beispiel des
Philipps-Grabes von Vergina bezeugt, aus chrono-
logischen Grnden nicht haltbar).
Blieb das (Tonnen-) Gewçlbe in der hellenistisch-
griech. und auch republikanisch-rçm. Architektur
weitgehend auf Grabbauten und den Bereich der
Ñ Substruktion (hier meist mit Demonstrationscha-
rakter, z. B. an weithin sichtbaren, gewçlbegesttz-
ten Plattformen von Tempeln und Villen) be-
schrnkt, so entwickelt es sich seit dem spten 1. Jh.
v. Chr. in der rçm. Reprsentationsarchitektur zu
einer weit verbreiteten Technik zur Gestaltung
der berdachung monumentaler Rume. Die neu-
entwickelte Gußzement-Technik (Ñ Bautechnik;
Ñ Zementbauweise) sowie die ebenfalls neuartige
Keilsteingewçlbe, Erluterung der Fachbegriffe. Konstruktionstechnik aus Ñ Ziegeln ermçglichte
1 Schlußstein 11 Gewçlbescheitel den Gewçlbebau im Gußzementverfahren bzw. in
2 (Gewçlbe-, Bogen-) 12 Kragmantel Gestalt kleinteilig vermçrtelter Ziegel anstelle mas-
Anfnger 13 Bogenstirn siver Keilsteinkonstruktionen; die Verwendung
3 Kmpfer(block) 14 Archivolte
leichter Baumaterialien (Bimsstein und Vulkan-
4 Kmpferkapitell 15 Archivoltenprofil/
5 Kmpferprofil Bogenrahmung asche als Beischlag fr den Zement; hohle, dnn-
6 Kmpfergesims 16 Bogenfeld wandige, dennoch druckstabile Ton-Rçhren als Er-
7 (Gewçlbe-, Bogen-) 17 Bogenzwickel satz fr massiver Ziegel) ermçglichte eine deutliche
Auflager/Widerlager 18 (Gewçlbe-, Vergrçßerung der Spannweiten von Gewçlben so-
8 Gewçlbefuß Bogen-) Ablauf
wie neuartige Kombinationen mit dem Ñ Kuppelbau
9 Gewçlbelaibung 19 Torlaibung
10 Gewçlbercken 20 Tor- bzw. Trgewnde und – als rechtwinklige Verkrçpfung zweier Ton-
nengewçlbe – die Konstruktion des Kreuzgrat-Ge-
wçlbes. Alle diese Formen finden sich bereits im
Kastengrab mit flacher Abdeckung erheblich grçße- 1. Jh. n. Chr. im Repertoire der rçm. Monumenta-
re Widerstandsfhigkeit der berdachung gegen larchitektur (z. B. an der Ñ Domus Aurea des Nero in
den Erddruck des Ñ Tumulus Garant fr die sich Rom) und prgen ber Jahrhunderte das Erschei-
weiter steigernde Grçße und Prachtentfaltung der nungsbild von Ñ Thermenbauten (Leptis Magna,
makedonischen Grabbauten. Von Makedonien und Jagd-Thermen; Trier, Kaiserthermen), Ñ Basiliken
Thrakien aus verbreitet sich das Tonnengewçlbe (Rom, Maxentius-Basilika), Ñ Palsten (Thessaloniki,
schlagartig in die Baukunst der hellenistischen Koi- Galerius-Palast) und schließlich auch der frhchrist-
n und Etruriens. Das ›echte‹ Gewçlbe begegnet lichen Kirchenarchitektur. Monumentale Keilstein-
ohne experimentelle Vorstufe sofort in idealer tech- gewçlbe bleiben in der rçm. Baukunst demgegen-
nischer Ausfhrung; es ist weder aus der Entwick- ber seltene Ausnahmen (z. B. Nı̂mes, ›Tempel der
lungsgeschichte der griech. Architektur noch ber- Diana‹).
105 Gewçlbe- und Bogenbau

B. Bogen
Als ein Derivat oder als eine Vorform des Keilstein-
Tonnengewçlbes tritt, ebenfalls im 4. Jh. v. Chr., ein
Segment dieser Konstruktion, der Keilsteinbogen,
in Erscheinung, der zunchst auf Stadttorbauten in
Mauerverbund beschrnkt bleibt (Ñ Militrarchitek-
tur); frhe Beispiele sind das Westtor von Kassope
(1. Hlfte 4. Jh. v. Chr.), das Osttor von Priene (Mitte
4. Jh. v. Chr.) und im westgriech. Raum die ›Porta
Rosa‹ in Elea (um 300 v. Chr.). Mit der Entstehung
von Torbauten in nicht-fortifikatorischen Bau-
zusammenhngen beginnt das griech. Bogentor zu
einem eigenstndigen Architekturelement zu wer-
den (z. B. Priene, Markttor), wobei die mitunter
erhebliche Raum- bzw. Durchgangstiefe der Tore
(Olympia, Stadioneingang) zu einer tunnelartigen
Ausformung und damit zu einer Annherung an
die Struktur des Gewçlbes fhren kann. Die rçm. Konstruktion eines Keilstein-Bogens mit Hilfe
Architektur greift das Bogenmotiv zunchst an eines hçlzernen Lehrgerstes.
Stadttoren und im Kontext der ›Ingenieursbauten‹
auf; die Bogenpfeiler fr Brcken oder Aqudukte
bestehen dabei entweder aus keilfçrmig geschichte- Ñ ›Gesprengter Giebel‹), zum kanonischen Elemente
ten Quadern mit unteren oder oberen Gurtbçgen, der horizontalen Gliederung einer durch Nischen,
aus massiver Ziegelung oder aus mit Ziegeln bzw. Rcksprnge und vorgeblendete Halbsulen und
Tuff verkleidetem Gußzement. Daneben finden Pilaster aufgebrochenen Wandarchitektur wird.
sich in der rçm. Reprsentationsarchitektur zahlrei- An den Arkadenreihen, die Villengrten zierten
che freistehende Bogenarchitekturen als Denkmler (Tivoli, Hadriansvilla) oder ber weite Strecken
oder Durchgangsbauten mit z. T. komplizierten die Hauptstraßen rçm. Stdte sumten (z. B. Leptis
bereinanderstaffelungen des Bogenmotivs (Vero- Magna), wurde der Bogen sogar zum regelrecht
na, Bosaribogen); zu solchen Bogenarchitekturen rundplastischen Schmuckmotiv.
vgl. Ñ Triumph- und Ehrenbogen. Lit.: T. D. Boyd, The Arch and Vault in Greek Architectu-
Bereits in der Architektur des frhen 3. Jh. v. Chr. re, 1976. – K. Dornisch, Die griech. Bogentore. Zur Ent-
hlt das Motiv des Bogens in nicht-tektonischer stehung und Verbreitung des griech. Keilsteingewçlbes,
1992. – B. Fehr, Plattform und Blickbasis, in: Marburger
Verwendung als ein neues Element Einzug in den Winckelmann-Programm 1969, 31 – 65. – B. Gossel-
Dekorationskanon der Wand- und Ñ Fassadenarchi- Raeck, Makedonische Kammergrber, 1980. – W. Heil-
tektur, findet sich dabei zunchst im fortifikatori- meyer, Durchgang, Krypte, Denkmal: Zur Geschichte des
schen Kontext an Stadtmauern und -toren (Elea, Stadioneingangs in Olympia, in: Mitteilungen des DAI,
Abteilung Athen 99, 1984, 251 –263. – W. L. MacDonald,
›Porta Rosa‹; Milet, Heiliges Tor; Torfront A der
The Architecture of the Roman Empire II, 1986, 75 –99. –
Zitadelle von Dura Europos), bald darauf dann auch W. Mller-Wiener, Griech. Bauwesen in der Antike, 1988,
als dekorativer Zierat in reinen Blend- und Fassa- 95 – 96. – A. Rathke, Griech. Kragsteintore. Konstruktion,
denarchitekturen (Ptolemais, Palazzo delle Colon- Typologie und Verbreitung vom 6.-2. Jh. v. Chr., 2001. –
ne) sowie als oberer Abschluß des Ñ Fensters. Diese D. S. Robertson, Greek and Roman Architecture, 21943,
231 – 266. – L. Schneider, Ch. Hçcker, P. Zazoff, Zur thra-
Verwendung des Bogens als ein Schmuckmotiv fin- kischen Kunst im Frhhellenismus, in: Archolog. Anzei-
det in der rçmisch-kaiserzeitlichen Architektur ihre ger 1985, 593– 643. – S. Storz, Tonrçhren im antiken
nahtlose Fortsetzung, wo der gerundete Segment- Gewçlbebau, 1994 – J. B. Ward-Perkins, Die Architektur
giebel, hnlich dem spitz zulaufenden Ñ Giebel (z. T. der Rçmer, 1975, 97 – 195.
sogar mit diesem kombiniert als von einem Bogen
Giebel 106

Giebel Griech. a(i)ets; lat. fastigium, frons; dreieckiger,


vom Schrg- und Horizontalgeison (Ñ Geison) ge-
rahmter Stirnteil des Satteldaches am kanonischen
griech. Sulenbau; das G.-Feld (Tympanon, zur Be-
zeichnung: Vitruv 3, 5, 12; 4, 3, 2) ist an Sakralbauten
hufig Gegenstand plastischer Ausschmckung ge-
wesen; hierzu vgl. Ñ Bauplastik. Schrge und Hçhe
eines G. in Ñ Proportion zu Sule und Geblk gibt
einen Anhaltspunkt ber die chronologische Stel-
lung eines griech. Ñ Tempels; die klobig-hohen G.
frharchaischer Tempel (Korfu, Artemistempel; Sy-
rakus, Apollontempel) reduzieren sich in der Ent-
wicklungsgeschichte des griech. Tempels im 4. und
frhen 3. Jh. v. Chr. zu flachen, leichten Formen
(Olympia, Metroon; Kourn, Peripteros). Auch
wenn der G. mit der funktionalen und typologischen
Weiterung des Sulenbaus im spten 5. Jh. v. Chr. Hausgrab mit Satteldach: Kyros-Grab in Pasargadai,
2. Hlfte 6. Jh. v. Chr., Rekonstruktion der NW-Seite.
zunehmend in profanen Baukontexten begegnet
(z. B. Hallen- und Torbauten; Fassaden von Ñ Grab-
bauten), ist diese Bauform dennoch weiterhin als ein niveau errichtet worden sind; hiervon zu unter-
sakrales Wrdezeichen konnotiert gewesen; Caesar scheiden sind zumindest typologisch unterirdische
konnte erst nach einem fçrmlichen Senatsbeschluß Ñ Hypogen (Rume fr den Toten- oder Heroen-
sein Haus mit einem Giebel schmcken (Cicero, kult, aber auch unterirdisch gebaute Grber) sowie
Philippische Reden 2, 110; Sueton, divus Iulius 81; in die Erde eingetiefte Ñ Katakomben, ferner die
Plutarch, Caesar 63). In der sich seit dem frhen Ñ Columbarien, die beide Formen miteinander ver-
Hellenismus entwickelnden Wand- und Fassaden- binden.
architektur (Ñ Fassade) wird der G. zunehmend auch
zu einem flchenstrukturierenden Ornamentmotiv
(Ptolemais, Palazzo delle Colonne; Tyndaris, Skene
des Theaters; erste Ñ gesprengte Giebel an den Fels-
grbern von Petra); in der rçm. Reprsentations-
architektur wird der G. zu einem dem Bogen ver-
gleichbaren Element bei der Gestaltung von Toren,
Fassaden, Nischen, Fenstern und dikulen.
Lit.: H. Lauter, Die Architektur des Hellenismus, 1986,
113 – 232. – S. Marinatos, Aetos, in: Fs. A. K. Orlandos I,
1965, 12 – 22. – W. Mller-Wiener, Griech. Bauwesen in
der Antike, 1988, 112 – 156. – J. B. Ward-Perkins, Roman
Imperial Architecture, 1970.

Glas Ñ Fenster

Grabbauten
A. Allgemeines
Unter G. werden Architekturen oder architekto-
nisch gestaltete Anlagen verstanden, die zum Zweck Grabturm des Iamblichus in Palmyra, Ansicht und Quer-
der Bestattung ber dem zeitgençssischen Erd- schnitt, 83 v. Chr.
107 Grabbauten

G. bilden in der klassischen Antike eine quantita-


tiv berdurchschnittlich erhaltene Form der Denk-
mal- bzw. Memorialarchitektur. Die Idee vom Grab
als einem reprsentativen und monumentalen, das
Andenken an einen Verstorbenen wie auch an des-
sen Sippe dauerhaft wachhaltenden Denkmalbau ist
bereits in den frhen Hochkulturen gelufig (z. B.
die Pyramiden in gypten) und in der Folge in allen
spteren antiken Kulturen durchgehend verbreitet;
entsprechend problematisch ist bisweilen die Ab-
grenzung zwischen G. auf der einen und dem Grab-
bau grundstzlich analogen Denkmalbauten wie
Ñ Heroa bzw. Ñ Kenotaphen auf der anderen Seite.
G. sind durchweg mit reprsentativem Anspruch
seitens der Erbauer ausgestattet und entsprechend
in Grçße, Dekor und Lage von sozialen Rahmen-
bedingungen geprgt. Vereinzelt haben antike G.
einen ganzen Bautypus mit erheblicher nachantiker Vergina (Makedonien), sog. Philipps-Grab, Rekonstruktion
Rezeptionsgeschichte ausgebildet, vgl. z. B. Ñ Maus- des Grabbaus und Lage im Tumulus, sptes 4. Jh. v. Chr.
solleion (Mausoleum).
von Siedlungen (vereinzelte Ausnahmen bei den
B. Typen und Formen Kaisergrber in Rom, z. B. das Ñ Sulendenkmal fr
Zwei Grundmuster des G. sind in der klassischen Trajan als dessen Grabsttte innerhalb der Stadt-
Antike voneinander zu scheiden: die reprsentativ grenzen) plazierte, auf dauerhafte Ansicht ausgeleg-
innerhalb einer Nekropole und damit außerhalb te Grabarchitektur sowie die nur kurzzeitig vor und
whrend der Bestattungsfeierlichkeiten sichtbare
Grabachitektur, die nach vollzogener Grablegung
unter einem meist kreisrunden Tumulus (Grabh-
gel) verschttet wurde und somit aus systematischer
Sicht den Rang eines zeremoniell genutzten Ñ tem-
porren Bauwerks aufgewiesen hat. Eine gewisse
Verbindung beider Prinzipien findet sich vereinzelt
in Etrurien, wo einige im Tumulus verschttete
Kammern ber Tore in einer mauerhnlichen Ein-
fassung des Grabhgels und daran anschließende
Gnge zugnglich blieben, allerdings gegenber
dem Erd-Tumulus nicht nach außen hin optisch
bzw. baulich in Erscheinung traten. Als ein dritter
Typus des G. kann das bereits im Vorderen Orient
im frhen 1. Jt. v. Chr. belegte G. in einer Felshçhle
oder knstlich gestalteten Felsenkammer mit vor-
geblendeter architektonischer Schaufassade gelten
(z. B. Petra).
Die Formenvielfalt antiker G. ist sprichwçrtlich
und entzieht sich einer klaren Systematik schon
deshalb, weil nicht immer einzelne Typen oder
Felsenfassade in Petra, sog. Treppengrab, um 100 n. Chr. Erscheinungen charakteristisch fr eine Periode
Grabbauten 108

Mausoleum von Belevi,


3. Jh. v. Chr. (Rekonstruktion).

oder Region sind; die moderne Forschung zu anti- Augustus und des Hadrian) zu: mithin ist hier ein
ken G. ist hier berwiegend nahsichtig orientiert architekturhistorisches Phnomen greifbar, daß of-
und hat eine kleinteilige Regionalisierung zur Ma- fensichtlich allen tendenziell sehr hierarchisch orga-
xime der Betrachtung gemacht, die nicht immer den nisierten Gesellschaften gemeinsam ist und sich
allgemeinen Implikationen des Gegenstandes ge- eben gerade nicht im Sinne einer Regionalisierung
recht wird. Das Prinzip des Tumulus-Grabes z. B. erklren lßt. Kulturbergreifend und verbunden
findet sich in den Hochkulturen des Vorderen Ori- mit einer klaren gesellschaftlichen Hierarchie ist
ents bereits im 3. Jt. v. Chr. und danach in zahlrei- hierbei gerade auch der Mechanismus, daß die Grç-
chen antiken Kulturen in hnlicher Ausprgung; ße eines Tumulus das Maß an dafr notwendiger
herausragende Stellung kommt diesem Grabtyp Arbeit augenfllig macht (zumindest jeweils in Re-
u. a. in Phrygien (Gordion), bei den Skythen (Kur- lation zu den anderen Anlagen gesehen) und somit
gane) und Thrakern, dann im mykenischen Grie- verlßliche Auskunft ber die Baukosten und im
chenland (sog. Schatzhaus des Atreus in Mykene), Rckschluß auf die soziale Stellung des Grabinha-
bei den Makedonen (Kammergrber in massiven bers bzw. seiner Sippe zulßt; ein exzeptioneller
Erd-Tumuli), den Etruskern und dann, allerdings Grabtumulus wie etwa der des ›Philipps-Grabes‹ in
sehr vereinzelt, bei den Rçmern (Mausoleen des Vergina war in seinem ursprnglichen Ambiente
109 Grabbauten

per se auf den ersten Blick als ein alle anderen G. wesen ein Fortleben gefhrt haben. Gemeinsam ist
berragendes Kçnigsgrab erkennbar. Entsprechend diesen Formen die Idee eines ber die Erde hinaus-
verstndlich ist dann auch der Verzicht auf diese gehobenen, reprsentativen, durchweg zugng-
aufwendige Grabform etwa im demokratisch ge- lichen und mehrfach nutzbaren Grabhauses.
prgten Griechenland (mit seiner Tendenz zur ge- Das Bestattungswesen im archaischen und klassi-
setzlichen Limitierung des Bestattungsaufwandes als schen Griechenland ist von weitgehendem Verzicht
ein gesellschaftlich nivellierender Faktor), wo der auf architektonische Denkmalformen geprgt; hier
ins Monumentale gesteigerte Tumulus allenfalls herrschte eine vergleichsweise einfache Markierung
als Symbolform fr Staatsbegrbnisse und damit in der Grabstelle (z. B. Plastik, Relief, Grabvase; vgl. die
einem kollektiven Kontext dienlich gewesen ist Grber auf dem Kerameikos in Athen) vor. Mit der
(Tumulus-Grber im 8. und 7. Jh. waren im aristo- makedonischen Monarchie etabliert sich im spten
kratischen Griechenland zwar auch gngig, haben 4. Jh. v. Chr. das tonnenberwçlbte Kammergrab
dabei aber selten Durchmesser von mehr als 6 m (Ñ Gewçlbe- und Bogenbau), das als ein axialer,
aufgewiesen und waren damit von vergleichsweise meist zweirumiger Bau (Vor- und Hauptkammer
sehr unaufflliger Grçße). mit blicherweise reichen Beigaben) mit prunkvol-
ler, oft tempelfçrmiger Halbsulenfassade nach der
C. Regionale Aspekte Grablegung in einem aufwendigen Tumulus zu-
Spezielle Formen von G. sind zum einen die in sammen mit den Resten der Einscherung verscht-
Kleinasien im 6. und 5. Jh. v. Chr. hufigen Grber tet wird (vgl. Abb.); G. dieser Art herrschen in
in Hausform, z. T. miniaturisiert als auf Pfeilern auf- Nordgriechenland, aber auch z. T. im angrenzenden
gestellte Haus-Sarkophage (Nekropole von Xan- Thrakien (Sveštari) vor.
thos); ein Hçhepunkt des antiken G. sind die hierin Die Idee vom Grabbau als ›Spiegel‹ des Wohn-
motivisch verankerten, verschiedenen kleinasiati- hauses findet sich besonders im Bereich der Etrusker
schen Mausoleen des 4. Jh. (Ñ Maussolleion; Mauso- wieder, wo in den Tuff geschlagene Grabkammern
leum von Belevi, vgl. hier Abb.). Erhebliche Mar- in siedlungsnahen, dabei in sich ausgesprochen std-
kanz haben dann seit dem 3. Jh. v. Chr. die schlan- tisch organisierten Nekropolen (Erschließung durch
ken, hoch aufragenden, mehrstçckig ausgebauten Straßen und Pltze; Kennzeichnung der Grber mit
Turm-Mausoleen besessen, die berwiegend in einem ›Hausnummern-System‹) z. T. bis in bauliche
Nordafrika entstanden und in den hochreprsenta- und ausstattungsmßige Details hinein Wohnarchi-
tiven ›Pfeilermonumenten‹ im rçm. Bestattungs- tektur kopieren und somit erhebliche Rckschlsse

Cerveteri, Kammergrab unter monumentalem Tumulus.


Tomba 1 del Tumulo III – della Tegola dipinta,
2. H. 7. Jh. v. Chr. (Grundriß und Schnitt der Hauptkammer).
Grabbauten 110

ber einen Architekturbereich zulassen, der in den –


nahezu durchweg rçmisch berbauten – etruski-
schen Siedlungen nicht mehr existent ist, vgl. hierzu
Ñ Haus. Es dominieren Tumulusgrber mit entwe-
der einrumig wrfelfçrmigen G. oder aber mehr-
rumigen Kammern mit einer z. T. erheblichen An-
zahl von Bestattungen innerhalb verschiedener
Kammer-Rume (vgl. Abb.) bzw. eine grçßeren
Anzahl von mehrrumigen Kammern innerhalb
der Tumuli, im tuffreichen Sden eingemeißelte
bzw. halb eingetiefte, halb aus dem Tuff heraus-
gebaute Kammer-Grber (Cerveteri, Tarquinia)
und verschiedentlich auch in den Tuff eingefgte
Fels-Grber (Vulci, Svana).
Rçm. G. waren beraus variantenreich; Tempel-
und Rundtempelformen finden sich ebenso wie
Trme, mehrrumige, in Zeilen angelegte Huser
und verschiedene nicht-architektonische Denkmal-
formen (z. B. schola-Grber in Form einer halbrun-
den Sitzbank). Sie formierten sich entlang der wich-
tigsten Zugangsstraßen zu den Stdten und boten
hier, versehen mit biographischen Grabinschriften,
berufsspezifischen Hinweisen und diversem auf-
wendigem, dabei immer demonstrativ gemeintem
Dekor fr den sich der Stadt nhernden Besucher
eine Art ›Visitenkarte‹ des Ortes, wo sich die soziale
Situation eines Grabinhabers bzw. einer Sippe eben-
so ablesen ließ wie die lokalen Strukturen von Ge-
werbe, Handel und religiçsen Vereinigungen. Eine
rçm. Variante des G. ist hierbei, vor allem im Kon-
text sptantiker Villen und Palastanlagen, der mo-
numentale Ñ Zentralbau als herausgehobene Form
des Mausoleums (u. a. Palste des Diokletian in Split
und des Galerius in Thessaloniki).
Lit.: Phçnizische Grabbauten: H. Benichou-Safar, Les tombs
puniques de Carthage, 1982. – A. Tejera Gaspar, Las tum-
bas fenicias y pfflnicas del Mediterraneo Ocidental, 1979.
Griech. Grabbauten: M. Andronikos, Vergina and the Royal
Tombs, 1984. – H. Colvin, Architecture and After-Life,
1991. – J. Fedak, Monumental Tombs of the Hellenistic
Age, 1990. – B. Gossel-Raeck, Makedonische Kammergr-
ber, 1980. – U. Knigge, Der Kerameikos von Athen, 1988.
– D. C. Kurtz, J. Boardman, Tod und Jenseits bei den
Griechen, 1985. – M. Mller, Grabmal und Politik in der
Archaik, in: W. Hoepfner, G. Zimmer (Hrsg.), Die griech.
Polis. Architektur und Politik, 1993, 58 – 75. – W. Mller-
Wiener, Griech. Bauwesen in der Antike, 1988, 179 –184.
– C. Praschniker, M. Theuer, Das Mausoleum von Belevi, Rçmisches Pfeilermonument: Grabbau des Aefionius Rufus
1979. – R. Stupperich, Staatbegrbnis und Privatgrabmal im in Sarsina, 1. Jh. n. Chr.
111 Greek Revival

»Deus Rediculus«
(Mitte 2. Jh. n. Chr.),
Ostseite. Rom, Via Appia.

klassischen Athen, 1977. – P. G. Themelis, Frhgriech. Lit.: O. Broneer, Isthmia II, 1973, 137 – 142. – P. Roos,
Grabbauten, 1976. – J. Zahle, Lykische Felsgrber, in: Jahr- Wiederverwendete Startblçcke vom Stadion in Ephesos,
buch des DAI 94, 1979, 245 – 346. in: Jahreshefte des sterr. Archolog. Instituts 52, 1979/80,
Naher Osten, Nordafrika: M. Bouchenaki, Le mausole royal 109 – 113. – W. Zschietzschmann, Wettkampf- und
de la Maurtanie, 1970. – J. McKenzie, The Architecture of bungssttten in Griechenland I. Das Stadion, 1960,
Petra, 1990. – F. Rakob, Numidische Kçnigsarchitektur in 35 – 39.
Nordafrika, in: Die Numider, Ausst.-Kat. Bonn, 1979.
Etruskische Grabbauten: J. P. Oleson, Sources of Innovation in
Granit Der in der rçm. Antike verwendete harte
Later Etruscan Tomb Design, 1982. – F. Prayon, Frhe-
truskische Grab- und Hausarchitektur, 1975. und schwer zu bearbeitende G. wurde als Bauma-
Rçm. Grabbauten: M. Eisner, Zur Typologie der Grabbauten terial wegen seiner Farbigkeit (grau, hellrot) ge-
im Suburbium Roms, 1986. – D. Graen, ›Sepultus in Villa‹ – schtzt, hierzu vgl. Ñ Polychromie. Er stammte in
Bestattet in der Villa, in: Antike Welt 35, 2004, 65 –74. – P. der Regel aus gypten oder dem nordwestlichen
Gros, L’architecture romaine II, 2001, 380 –469. – H. v.
Hesberg, Rçm. Grabbauten, 1992. – H. Gabelmann, Rçm. Kleinasien und ist seit der Mitte des 1. Jh. n. Chr. in
Grabbauten der frhen Kaiserzeit, 1979. – V. Kockel, Die der Architektur, vor allem als dekoratives Material
Grabbauten vor dem Herkulaner Tor in Pompeji, 1983. – fr (meist unkannelierte) Sulenschfte, prsent.
J. C. Reeder, Typology and Ideology in the Mausoleum of Der in der archologischen Forschung geprgte Be-
Augustus, in: Classical Antiquity 11, 1992, 265 – 307. – J. C.
griff ›Buntmarmor‹ meint hufig G. (und nicht Mar-
Richard, Mausoleum. D’Halikarnasse Rome, puis Ale-
xandre, in: Latomus 29, 1970, 370 – 388. – J. M. C. Toyn- mor im chemisch-geologischen Sinne).
bee, Death and Burial in the Roman World, 1971. Lit.: L. Lazzarini, Des pierres pour l’ternit. Les granits
utiliss dans l’antiquit classique, in: Dossiers d’archologie
Grabhgel Ñ Grabbauten. 173, 1992, 58 –67. – O. Williams-Thorpe, M. M. Henty,
The Sources of Roman Granite Columns in Israel, in:
Levante 32, 2000, 155 –170.
Gramme Von griech. gramm, ›Strich‹, ›Linie‹; Be-
˙
standteil der Start- und Zieleinrichtung im griech.
Ñ Stadion (Ñ Balbis); die in Stein gemeißelte, im Bo- Greek Revival Architekturhistorischer Terminus
den versenkte und meist aus zwei parallelen Linien technicus, der das kopierende bzw. imitierende Auf-
bestehende Start- bzw. Zielmarkierung. Erhaltene greifen antik-griech. Architekturmuster im spteren
Exemplare stammen u. a. aus Olympia, Delphi, Epi- 18. und 19. Jh. bezeichnet. Der Begriff G. R. wurde
dauros und Priene. nach 1900 im angelschsischen Sprachraum geprgt
Greek Revival 112

und wird blicherweise in diesem Sinne auch als mus‹. Antik-griech. Baumuster wurden als nobilitie-
regional beschrnkt verstanden (auf Großbritannien rende Formen aufgefaßt, die als solche nun aber
und die USA); eine Ausgrenzung analoger Erschei- nicht mehr den Prunkbauten von Adel und Klerus
nungsformen klassizistischer Architektur anderer exklusiv vorbehalten waren, sondern auch im groß-
Lnder, besonders derjenigen im deutschsprachigen brgerlich-frhindustriellen Milieu (Villen, Stadt-
Raum, ist aber wenig zwingend. Kontrovers dis- huser, Fabrikgebude) sowie an çffentlichen Bau-
kutiert wird die Beziehung zwischen amerikani- ten der modernen Infrastruktur (Bahnhçfe) bzw.
schem und britischem G. R. Whrend lange Zeit den Demonstrationsarchitekturen eines zuneh-
die Idee eines einseitigen Stiltransports von Europa mend pluralistisch organisierten Staatswesens (Par-
nach Amerika dominierte (als Schlsselfigur fun- laments- und Gerichtsbauten) Anwendung fanden.
gierte hier der von England in die USA ausgewan- Knotenpunkte der Vermittlung antiker Architek-
derte, schon in England prominent gewordene Ar- turvorbilder an eine hiervon zunehmend faszinierte
chitekt Benjamin H. Latrobe, 1764 –1820), haben Gruppe europischer und amerikanischer Architek-
jngere Untersuchungen auf den erheblichen ten und Bauherren waren die Publikationen der
Eklektizismus und damit, daraus abgeleitet, auf antiken Bau-Originale, die in mehr oder weniger
eine gewachsene Stilcharakteristik des amerikani- filigran kopierter bzw. durchgepauster Form rasche
schen G. R. hingewiesen. Verbreitung in Musterbchern und Architekt-
Als eine unter vielen Bau- und Dekor-Optionen urkompendien fanden. Erhebliche Benutzung er-
geht das G. R. im spteren 19. Jh. in den architekto- fuhr in Architektenkreisen das oft bersetzte und
nischen Formenfundus des Historismus ein. Die mehrfach aufgelegte einbndige Werk Les Ruines des
Ausprgung der G. R.-Architektur steht in engem plus beaux Monuments de la Grce von Julien David
Zusammenhang mit der Wiederentdeckung und LeRoy (Erstausgabe Paris 1758), whrend die von
Wertschtzung der Monumente der griech. Antike. der kunsthistorischen und archologischen For-
Insbesondere die Neuentdeckung der griechisch- schung als eigentliches Schlsselwerk betrachteten
dorischen Bauordnung in ihrer architektonisch kor- Antiquities of Athens der englischen Architekten
rekten Form (Tempel von Paestum; Ñ Parthenon auf James Stuart und Nicholas Revett, entstanden in
der Athener Akropolis) – eine Form, die nicht durch den 1750er Jahren im Auftrag der Society of Dilet-
ihre hellenistisch-rçm. Brechung und die darauf tanti, wegen des exorbitanten Preises, der kleinen
aufbauende Vitruv-Rezeption von Renaissance (Al- Auflage und des unberechenbar zçgerlichen Er-
berti, Palladio) und Barock (z. B. Palladianismus la scheinens (4 Bnde, editiert in London zwischen
Inigo Jones in England; franzçsischer ›Akademis- 1762 und 1816, Supplementband von 1830) zwar
mus‹) belastet war – gab hier wichtige Impulse. als Prachtpublikation von vermçgenden Bauherren
Jedoch schlgt die in der Forschung hufige geschtzt waren, zunchst jedoch nur in Exzerpten
Gleichsetzung von G. R. mit dem Begriff ›Doric und skizzenhaften Kopien Eingang in Architekten-
Revival‹ fehl; G. R. rezipiert neben dorischem glei- kreise fanden. Erst gekrzte Nachdrucke, die ab der
chermaßen auch ionisches und korinthisches For- Mitte des 19. Jh. in verschiedenen Sprachen zirku-
mengut, dies jedoch in Gestalt einer unmittelbaren, lierten (in Deutschland v.a. die Kompakt-Ausgabe
einer ›archologisch-kopierenden‹ Anlehnung an von Gurlitt), gaben dem Werk seine heutige Brei-
griech. Vorbilder. tenwirkung und Bedeutung. Weitere wichtige Im-
Die Verbindung zwischen der allgemeinen Wert- pulse vermittelten im 18. Jh. die verschiedenen Pu-
schtzung der griech. Antike und den anti-absolu- blikationen der Tempel von Paestum, u. a. auch
tistischen Leitgedanken der Aufklrung findet sich Winckelmanns sorgfltig bebilderte Anmerkungen
auch im G. R. wieder, und so ist es wenig erstaun- ber die Baukunst der Alten von 1762. Besonders ame-
lich, daß sich dieses Phnomen zunchst vornehm- rikanische Architekten waren wegen der unber-
lich in der englischen, etwas spter dann auch in der windlichen Entfernung zu den Architektur-Origi-
amerikanischen Architekturlandschaft herausbildet nalen hinsichtlich der Bau-Vorbilder auf sekundre
– hier wie dort im Kontext ›Freiheit/Republikanis- Kompilationen aus diesen Primr-Publikationen an-
113 Greek Revival

gewiesen; Asher Benjamins vielfach aufgelegter Frage zu stellen; auch Villen und Wohnhuser,
Bestseller The American Builder’s Companion (Erstaus- und nicht allein ›offizielle‹ Bauten wie Bahnhçfe
gabe Boston 1806) bildete den Beginn einer ganzen oder Bankgebude bedienten sich der mit den sym-
Serie von Musterbchern, die antik-griech. Baufor- bolhaften Adjektiven ›streng‹ und ›fçrmlich‹ kon-
men nicht nur in den gut erschlossenen Neu-Eng- notierten dorischen Bauordnung. Und im Gegen-
land-Staaten des Ostens, sondern auch in entlegens- zug findet sich die vermeintlich weitgehend exklu-
ten Goldgrber-Siedlungen Alaskas, den Außenpos- siv auf private Bauaufgaben bezogene ›schmckend-
ten Oregons und den agrarisch-kolonialen Sdstaa- dekorhafte‹ ionische wie auch die korinthische
ten zu einer realisierbaren Architektur-Option Ordnung durchaus hufig in prominenter Position
werden ließen und die in den Werken Minard Lafe- an eigentlich als ›streng‹ und ›fçrmlich‹ charakteri-
vers in der Jahrhundertmitte ihren Hçhepunkt fand. sierten çffentlichen oder offiziçsen Architekturen.
Diese besondere Quellen- und Vermittlungs- Inwieweit im G. R. eine Verwendungsbedeutung
situation erklrt das grundstzlich kleine Formen- der Ordnungen und ihrer Details im Sinne der
spektrum der kopierten bzw. imitierten antiken normativ verstandenen Architekturtheorie der Re-
Baumotive; nur das, was in gedruckt abgebildeter naissance oder der ›Architecture Parlante‹ des 16.,
Form vorlag und auf diese Weise Verbreitung ge- 17. und frhen 18. Jh. vorliegt, bleibt deshalb wei-
funden hatte, ließ sich letztlich als Vorbild heran- terhin in der Diskussion. Ein markanter Zug des
ziehen. Von grçßtem Belang waren hier die bei amerikanischen G. R. ist zum einen die doppelt ana-
LeRoy und Stuart-Revett in przisen Rissen abge- chronistische Umsetzung antik-dorischer Steinbau-
bildeten Bauten aus Athen und Attika. Die dorische ten in den zeitgençssischen Holzbau (zur Genese
Ordnung wurde in ihren Details wie in ihren ver- antik-dorischer Steinarchitektur aus hçlzernen Vor-
schiedenen Konzeptionen reprsentiert von Parthe- gngerformen vgl. Ñ Dorischer Eckkonflikt). Auffl-
non (achtsulige Prunkfront) und Hephaisteion auf lig ist ferner bereits seit dem spten 18. Jh. die auf
der Athener Agora (klassisch proportionierter hexa- den Historismus vorausweisende Verschmelzung
styler ›Norm-Tempel‹). Das Urbild der ionischen antik-griech., antik-rçm. und renaissancesker Archi-
Ordnung fand sich im Erechtheion, sowohl hin- tekturmotive – etwa bei Kapitolsgebuden, die an
sichtlich der Gestaltung der Einzelformen wie der Front einem griech. Ringhallentempel, in der
auch in bezug auf die Kombinationsmçglichkeiten Gesamtgestaltung hingegen dem auf eine Freitrep-
der Elemente; neben der reprsentativen dorischen pen-Front ausgerichteten rçm. Podium-Tempel
Giebelfassade wurde das von ionischen Halbsulen nachempfunden und um eine zentral positionierte
gerahmte Fenstermotiv der Erechtheion-Westwand Steilkuppel in der Art der Hoch-Renaissance wie
zu einem Topos des G. R. Den Formenvorrat der auch um verschiedenste palladianeske Zge ergnzt
korinthischen Ordnung, aus Rom und Italien bereits sind. In besonderem Maße zeigen derartige Baukçr-
seit der Renaissance als ein Baumuster gelufig, per zugleich das Kerndilemma der Architektur des
bereicherte das im spten 4. Jh. v. Chr. errichtete Klassizismus, indem sie dem Betrachter ein prunk-
choregische Denkmal fr Lysikrates am Ostabhang volles ußeres darbieten, sich zugleich aber als Ar-
der Athener Akropolis, das zudem auch als Turm- chitekturen mit geringem Gebrauchswert entpup-
motiv in den Dekaden um 1800 intensiven Eingang pen; das besonders bezglich der Durchfensterung
in die Architektur von Kapitols- und Gerichtsbau- relevante Problem, antike Bauformen mit aktuellen
ten, Kirchen, Landsitzen, in die Villen- und Garten- technisch-rationalen Nutzungsaspekten zu verbin-
architektur fand. den, blieb weithin ungelçst.
Die in der kunsthistorisch-archologischen For- Auf den Traditionen dieses G. R. basiert im 18. Jh.
schung immer wieder betonte Annahme einer so- zunchst auch die Verwendung griech.-antiker
zio-çkonomisch gefilterten Verwendung der weni- Baumuster im deutschen (namentlich preußischen
gen existierenden Baumuster ist bei nherer Be- und bayerischen) Klassizismus, der indessen im
trachtung der bis heute nur ausschnitthaft publizier- 19. Jh. eine zunehmend autoritr-staatstragende
ten Gesamtmenge der G. R.-Bauten durchaus in Funktion bekommt (u. a. Schinkel, Klenze); in
Grotte 114

Frankreich dominierte seit dem 17. Jh. der Rekurs Lit.: H. Lavagne, Operosa antra. Recherches sur la grotte
auf antik-rçm. Formengut, das seit dem spten Rome, de Sylla Hadrien, 1988. – E. E. Rice, Grottoes on
the Acropolis of Hellenistic Rhodes, in: Annual of the
18. Jh. zunehmend mit griech. Formen durchsetzt
British School at Athens 90, 1995, 383 – 404.
in Erscheinung tritt.
Lit.: England, USA: H. Colvin, A Biographical Dictionary of
British Architects 1600 – 1840, 31995. – T. Hamlin, Greek Grundriß Im Gegensatz zum Ñ Aufriß die horizon-
Revival Architecture in America, 1944. – E. Harris, British tale Projektion eines Gebudes bzw. seiner Teile;
Architectural Books and Writers, 1990. – H.-R. Hitchcock,
American Architectural Books, 31976. – Ch. Hçcker, ein wichtiger Planungsparameter im antiken Ñ Bau-
Greek Revival America? Reflections on Uses and Functi- wesen, verschiedentlich in zentralen Teilen in Ge-
ons of Antique Architectural Patterns in American Archi- stalt der Ñ Aufschnrung (Ritz- oder Rçtellinien)
tecture, in: Hephaistos 15, 1997, 197 – 240. – R. G. Kenne- berliefert (z. B. bei den Propylen der Athener
dy, Greek Revival America, 1989. – J. Mordaunt Crook,
Akropolis). Vgl. auch Ñ Bauzeichnung.
The Greek Revival. Neo-Classical Attitudes in British Ar-
chitecture 1760 – 1870, 21995. – W. H. Pierson Jr., Ame-
rican Buildings and their Architects I: The Colonial and Gußzement Ñ Zement, Zementbauweise
Neo-Classical Styles, 1970. – J. Raspi Serra (Hrsg.), Paestum
and the Doric Revival, Ausst.-Kat. New York 1976. – D. Gutta Lat. ›Tropfen‹; in architektonischem Sinne
Stillman, English Neoclassical Architecture, 1988. – R. K. ˙
Sutton, Americans Interpret the Parthenon. The Progressi- einzig bei Vitruv (4, 1, 2 und 4, 3, 6) belegter antiker
on of Greek Revival Architecture from the East Coast to Terminus technicus fr die tropfenartigen zylindri-
Oregon 1800 – 1860, 1992. – P. Tournikiotis, The Place of schen Gebilde, die sich an Teilen des steinernen
the Parthenon in the History and Theory of modern Ar- Geblks der dorischen Bauordnung finden und die
chitecture, in: ders. (Hrsg.), The Parthenon and it’s Impact
als imitierte Ngel bzw. Nagelkçpfe die anachro-
in Modern Times, 1994, 200 –229. – D. Watkin, Athenian
Stuart: Pioneer of the Greek Revival, 1982. – D. Wieben- nistische Transformation der einstigen Holzbau-
son, Sources of Greek Revival Architecture, 1969. form in den kanonischen dorischen Steintempel
Frankreich, Deutschland: F. A. Bechtoldt, Th. Weiss (Hrsg.), bezeugen. G. finden sich in (meist) drei parallelen
Weltbild Wçrlitz. Ausst.-Kat. Berlin 1996. – A. v. Buttlar, Sechser-Reihen am Ñ Mutulus des Ñ Geison sowie
Leo v. Klenze, 1999. – D. Dolgner, Klassizismus, 1991. –
M. Hberle, Pariser Architektur zwischen 1750 und 1800. am Architrav als unterer Abschluß der Ñ Regula.
Die Entstehung des Elementarismus, 1995. – W. Nerdin- Lit.: Ch. Hçcker, Architektur als Metapher. berlegungen
ger, W. Oechslin (Hrsg.), Gottfried Semper, Ausst.-Kat. zur Bedeutung des dorischen Ringhallentempels, in: He-
Mnchen/Zrich 2003. phaistos 14, 1996, 45– 79. – W. Mller-Wiener, Griech.
Bauwesen in der Antike, 1988, 112 –120. – B. Wesenberg,
Griech. Sulen- und Geblkformen in der literarischen
Grotte Von italienisch grotta; franzçsisch grotte, abge- berlieferung, in: Diskussionen zur archologischen Bau-
leitet von griech. krypts, ›verborgen‹; Felsenhçhle forschung 6, 1997, 1– 15.
mit Bewsserung. An sich eine Naturerscheinung,
werden G. im Kontext von Heiligtmern bereits in Gymnasion Von griech. gymns, ›nackt‹; lat. gymnasi-
˙
mykenischer Zeit architektonisch ausgestaltet und zu um; çffentliche Anlage fr sportliche und musische
zentralen Kultstellen. Seit dem Hellenismus, beson- Freizeitaktivitten in der griech. Polis; der Begriff
ders aber in der rçm. Antike, finden sich G. zahlreich bezieht sich auf die Nacktheit bei sportlichen
knstlich erbaut, hçchst artifiziell mit ›Natur‹ und bungen und Wettkmpfen. Synonym zu G. findet
Kunst ausgestaltet und (meist als Speiserume) in sich fr die Zeit seit dem 4. Jh. v. Chr. in antiken
Ñ Gartenanlagen bzw. Parklandschaften von Ñ Villen Schriftquellen wie in moderner Fachliteratur der
integriert; berhmte Beispiele sind die G. am Ende Begriff der Ñ Palstra (vgl. Vitruv 5, 11), wobei diese
des sogenannten Kanopos in der Hadriansvilla von als ›Ringerschule‹ ursprnglich lediglich einen
Tivoli oder die G. in der Tiberiusvilla (?) von Sper- funktional bestimmten baulichen Teilbereich des
longa. Naturphnomen und gezielt naturnah erzeug- G. bezeichnet, nmlich den großen Peristylhof mit
te Knstlichkeit verschwimmen bisweilen, z. B. in einem Sandplatz fr die Ringer in der Mitte, der
den als Hçhlen natrlichen, aber reichhaltig ausstaf- jedoch in der architektonischen Ausgestaltung des
fierten G. von Capri (ebenfalls tiberisch). G. seit etwa 400 v. Chr. zum optisch prgenden und
115 Gymnasion
˙
regelmßig besterhaltenen Element dieser Anlagen selten wird ein Areal von ber zwei Hektar bean-
wird. sprucht. Um einen großen Freiplatz herum grup-
Das G. des 6. Jh. v. Chr. war zunchst ein archi- pierten sich die einzelnen Bauelemente: eine offene,
tektonisch wenig ausgestalteter Platz, meist in ei- meist ein Ñ Stadion lange Rennbahn (Ñ drmos), eine
nem durch Bume verschatteten Hain, bei dem berdachte Laufbahn (Ñ xysts) und lange Sulenhal-
die langgestreckte Laufbahn (Ñ drmos) dominierte; len, in denen die verschiedenen bungs- und Un-
dieses G. wurde etwa ab der Jahrhundertmitte terrichtsrume angesiedelt waren: das Umkleide-
durch eine niedrige Mauer umfaßt und damit als zimmer (apodytrion), ein Salbraum (elaiotrion), das
auch baulich markierter Ort faßbar (Athen). Im Waschzimmer (lutrn), Kalt- und Warmbder (Ñ B-
5. Jh. v. Chr. bildet sich als Teil des G. die Palstra der als frhe Ausprgungen çffentlicher Ñ Ther-
als großer, meist annhernd quadratischer Peristyl- men), ein Herdraum (pyriatrion), Ñ Latrinen sowie
hof aus; diese Struktur wird zum markantesten die verschiedenen Rume fr die Vorbereitungen
Teil der G.-Architektur, wie sie seit dem 4. Jh. zu sportlichen Wettkmpfen, außerhalb der Sulen-
v. Chr. in zahlreichen griech. Poleis und Heiligt- hallen dann Ñ Exedren fr Aufenthalt und Unter-
mern erbaut wird (frhe Beispiele: Thera, Nemea, richt, bisweilen ein Ballspielplatz (Delphi) und klei-
Delphi). ne Heiligtmer (meist fr Hermes, Herakles oder
Das G. als funktional zusammengehçriges Kon- die Musen). Die Palstra bildete oft einen Annex
glomerat verschiedener architektonischer Elemente dieser Anlage (z. B. Olympia) und war an allen vier
avanciert in Sptklassik und Hellenismus zu einem Seiten mit Raumgruppen umgeben, die zur speziel-
der grçßten Bau-›Typen‹ der griech. Welt; nicht len Vorbereitung der Kampfsportarten dienten.

Das Gymnasium nach Vitruv (5, 11).


I. Palaestra II. Eigentliches Gymnasium
1./2.Peristylon (1. Porticus simplices 11. Propnigeum 1. Porticus
2. Porticus duplex) 12. Sudatio 2. Xystus
3. Exedrae 13. Calida Lavatio 3. Porticus (Xystus) duplex
4. Ephebeum 14. Laconicum 4. Paradromides
5. Coryceum 15. Torbau
6. Conisterium
7. Lutron Peristylon Umfang 2 Stadien
8. Elaeothesium Ephebeum Breite :Tiefe 3 :2
9. Frigidarium Xystus Lnge der Bahn 1 Stadium
10. Iter in propnigeum Lichte Breite 10 + 12+ 10 = 32 Fuß
Gymnasion 116
˙
Aufwendige Propylonbauten markieren die Zu-
gnge zur G.-Anlage sowie zur nun vermehrt bau-
lich davon separierten Palstra; Sulenhallen und
Peristyle werden aus kostbaren Baumaterialien er-
richtet und reich mit Ñ Bauplastik verziert; die klein-
asiatischen ›Prunk.-G.‹ von Priene, Milet oder Ephe-
sos zeigten in diesem Sinne einen erheblichen Bau-
luxus, erstreckten sich bisweilen auf riesiger Grund-
flche und ergnzten das G. um neue Bereiche
(Ñ Bibliotheksgebude, Ñ Theater, z. B. die G. von
Pergamon oder Rhodos).
Anders als die aus dem ursprnglichen Bauzusam-
menhang des G. isolierte Palstra erfuhr das G. als
eigenstndiges Baukonglomerat in der rçm. Archi-
tektur keine Tradierung, sondern wurde als multi-
funktionale Sport- und Freizeitarchitektur ersetzt
von den Ñ Thermen, die alle Aufgaben des G. adap-
tierten, sie zugleich aber im Sinne der Bedrfnisse
der rçm. Kultur umgewichteten. Eine Ausnahme
sind Restaurierungen und Erweiterungen bestehen-
der, traditioneller Anlagen im griechisch-kleinasiati-
schen Kulturraum (z. B. das Eudemos-G. in Milet)
sowie vereinzelte Neubauten, die in ihrer Prachtent-
faltung den Thermen in nichts nachstanden und zu
einer Anspielung auf die als vorbildhaft verstandene
griech. Kulturtradition wurden (z. B. das Hafen-G. in
Ephesos; vgl. dagegen aber Vitruv 5, 11).
Das griech. G. wird besonders im Hellenismus zu
einer zentralen çffentlichen Bauaufgabe und damit
zugleich zu einem beliebten Reprsentationsgegen-
stand der jeweiligen Bautrger (Ñ Bauwesen). Nicht
selten haben Herrscher das G. als Baustiftung fr
eine zu beehrende Polis ausgewhlt, da es in idealer
Weise Reprsentationsansprche des Stifters mit Olympia, Gymnasium und Palstra, rekonstruierter
dessen Wnschen nach einer gesteigerten ›Grzisie- Grundriß.
rung‹ der mit dieser Stiftung bedachten Bevçlke-
rung kombinierte (wie dies z. B. die inschriftlich Lit.: J. Delorme, Gymnasion, 1960. – P. Gauthier, Notes
gut dokumentierte G.-Stiftung des Pergamenerkç- sur le r
le du gymnasion dans les cits hellniques, in: M.
nigs Eumenes II. an die Provinzstadt Toriaion zeigt). Wçrrle, P. Zanker (Hrsg.), Stadtbild und Brgerbild im
Hellenismus, Kongreß Mnchen 1993 (1995) 1 –11. –
Aus dem Wandel der drei auf das 6. Jh. v. Chr.
S. L. Glass, Palaistra and Gymnasion in Greek Architecture,
zurckgehenden großen G. in Athen (Akademie, 1981. – S. L. Glass, The Greek Gymnasion. Some Problems,
Kynosarges und Lykeion) zu den berregional be- in: The Archaeology of the Olympics, Kongreß Los Ange-
deutsamen Philosophenschulen des Platon, Antis- les 1984 (1988) 155 – 173. – H. v. Hesberg, Das griech.
thenes und Aristoteles erwuchs in der Moderne Gymnasion im 2. Jh. v. Chr., in: M. Wçrrle, P. Zanker
(Hrsg.), Stadtbild und Brgerbild im Hellenismus, Kongreß
das humanistische Verstndnis vom G. als einer Mnchen 1993 (1995) 13 – 27. – H. Lauter, Die Architek-
hochstehenden Bildungseinrichtung der gesell- tur des Hellenismus, 1986, 132 –148. – M. Maass, Das
schaftlichen Elite. antike Delphi, 1993, 62– 67. – A. Mallwitz, Olympia und
117 Gyneikonitis
˙
seine Bauten, 1972, 268 –289. – W. Martini, Das G. von tierten Frauentrakt im griech. Ñ Haus, der in der
Samos, Samos 16, 1984. – W. Mller-Wiener, Griech. Regel von dem eher nach außen orientierten Be-
Bauwesen in der Antike, 1988, 166– 170. – W. Radt, Per-
gamon, 1988, 131– 146. – H. Schaaf, Unters. zu Gebude-
reich der Mnnerwelt abgeschlossen im Ober-
stiftungen hellenistischer Zeit, 1991, 62 – 72; 73 – 83. – P. geschoß des Gebudes lag und auch die Werkzeuge
Schazmann, Altertmer von Pergamon VI: Das Gymnasi- der wirtschaftlichen Produktion der Frau (Web-
on, 1923. – W. Zschietzschmann, Wettkampf- und stuhl, Spinnrad etc.) barg; die Stellung der Frau in
bungssttten in Griechenland II. Palstra-Gymnasium,
der patriarchalischen Gesellschaft Griechenlands
1961.
kam in dieser Hierarchisierung der baulichen Ver-
hltnisse beredt zum Ausdruck.
Gyneikonitis Von griech. gyn, ›Frau‹; im Gegensatz Lit.: W. Hoepfner, E.-L. Schwandner, Haus und Stadt im
˙
zum Ñ Andron bezeichnet G. den nach innen orien- klassischen Griechenland, 21994, 353 s.v. Gyneikonitis.
Hafenanlagen 118

Hafenanlagen Unter H. werden von der archolo- Ausgebaute H. waren im frhen 1. Jt. v. Chr. vor
gischen Forschung Ansammlungen von Bauten ver- allem bei den Phçniziern bekannt, wo die im Zuge
standen, die der Sicherung bzw. dem Betrieb eines der phçnizischen Kolonisation entlang der Mittel-
zivilen oder militrischen Hafens an der Meeres- meerkste errichteten Handelskontore oft nicht viel
kste oder einem Flußufer dienten; hierunter fallen mehr als gegenber dem Hinterland gut gesicherte
vor allem nicht die in der Antike zahlreichen und Hfen waren (z. B. Motye), die mit Molen, knst-
intensiv genutzten wind- und wettergeschtzten, lichen Hafenbecken (versetzt ins Landesinnere, mit
aber architektonisch nicht weiter ausgebauten Lan- dem Meer durch einen Ñ Kanal verbunden), Lager-
destellen, die vor allem in der Schiffahrt vor ca. husern, Ñ Werftanlagen fr die Schiffsreparatur und
800 v. Chr. blich waren. Generell ist zu konstatie- wenigen Wohnhusern fr die Besatzungen anlan-
ren, daß Schiffahrt in der klassischen Antike als die dender Schiffe und fr einen kleinen Kern vor Ort
mit Abstand effektivste Option des Transports ber als Hndler ttiger Personen ausgestattet waren.
weite Strecken dem zeitraubenden, kapazittsmßig Griech. Hfen des 8. und 7. Jh. v. Chr. folgten die-
sehr eingeschrnkten Landtransport weit berlegen sem Muster zunchst nicht, sondern bestanden, vor
war; der Betrieb von Hfen war demgemß fr allem im Zuge der griech. Kolonisation, weiterhin
Handel und Rohstoffversorgung der Gemeinschaf- aus baulich wenig gestalteten Strandhfen ohne ei-
ten von essentieller Bedeutung. gene Infrastruktur, wobei die neugegrndeten Std-
119 Hagia Sophia
˙ ˙
te aus Furcht vor Piratenberfllen regelmßig et- von Neapel erhalten; blich war auch das Entstehen
was landeinwrts in gesichertem Terrain und nicht eines separaten Handelshafens in der nheren Um-
unmittelbar an der Kste angelegt wurden (Ausnah- gebung (z. B. in Puteoli am Golf von Neapel). Neben
me: Syrakus). Die erste umfassend ausgebaute der Versorgung der Stadt Rom mit den nçtigen
griech. Anlage entstand auf Samos, wo der Tyrann Importen (seit dem 1. Jh. n. Chr. meist ber die neu-
Polykrates im 6. Jh. fr seine Kriegsflotte umfang- gebauten Hfen von Ostia und Portus an der Tiber-
reiche Baumaßnahmen (u. a. eine 300 m lange Mole mndung abgewickelt) stand auch die Versorgung
und zahlreiche Schiffshuser) durchfhren ließ (He- der italischen Provinz im Vordergrund magistrati-
rodot 3, 45; 3, 60); in den gleichen Jahren entstand scher oder kaiserlicher Baufrsorge; große H. ent-
die umfangreiche H. von Korinth. standen seit dem 2. Jh. v. Chr. u. a. bei Terracina und
Einen Entwicklungssprung in der Ausgestaltung Antium an der Sdkste Latiums und bei Ancona an
von H. bedeutete der Neubau des Pirus-Hafens fr der adriatischen Kste; im Zuge der Etablierung der
Athen zu Beginn des 5. Jh. v. Chr., der den bis dahin Nordwestprovinzen wurden große Hfen, u. a. in La
genutzten Hafen in der Bucht von Phaleron ersetz- CoruÇa und Dover, neuerbaut, gegen Ende des 2. Jh.
te; es entstand eine großflchige, mit der Stadt durch n. Chr. der Hafen von Leptis Magna als Drehscheibe
Mauern verbundene und entsprechend geschtzte fr den Handelsverkehr im sdlichen Mittelmeer,
Anlage von drei Hafenbecken mit einer Trennung nach 320 dann der militrtechnisch ausgeklgelte
von militrischen und zivilen Funktionen (Muny- Hafen von Byzanz/Konstantinopel.
chia und Zea auf der Ostseite als Militrhfen, Kant- Neben der Seeschiffahrt existierte im rçm. Reich
haros auf der Westseite als Handelshafen). Umfang- eine intensive Binnenschiffahrt auf nahezu jedem
reiche Infrastruktureinrichtungen (Schiffshuser, halbwegs schiffbaren Fluß; die H. befanden sich
Werften, Kontore, Lagerbauten und ein die ver- hier regelmßig innerhalb der Orte und bestanden
schiedenen Teilbereiche verbindendes Wegenetz) aus befestigten Landestellen (meist mit Straßen-
ergnzten die knstlich ausgebauten und durch Mo- anschluß und in Brckennhe, um das Einzugs-
len geschtzten Hafenbecken. Das Prinzip wurde gebiet so groß wie mçglich zu halten), die oft mit
im 5. und 4. Jh. v. Chr. mehrfach kopiert, u. a. in Lagerhusern und Reparatureinrichtungen ver-
Megara, beim Neubau von Milet und auf Rhodos. sehen waren (u. a. Trier, Kçln).
Eine weitere Steigerung des Bauaufwandes von H. Lit.: D. J. Blackman, Ancient Harbours in the Mediterra-
ist im Hellenismus zu beobachten, wo das knst- nean, in: International Journal of Nautical Archaeology 11,
liche Ausschachten von Hafenbecken (u. a. in Ale- 1982, 79 – 101. – L. Casson, Ships and Seamanship in the
Ancient World, 1971, 361 – 370. – O. Hçckmann, Antike
xandria) die Errichtung von Hfen auch an topo- Seefahrt, 1985, 144 – 156. – ders., in: DNP 5, 1998,
graphisch ungnstigen Stellen ermçglichte. 69 – 74 s.v. Hafenanlagen (m. weiterer Lit.). – K. Lehmann-
Whrend die Etrusker ihre intensive Seefahrt fast Hartleben, Die antiken Hafenanlagen des Mittelmeeres,
ausschließlich ber unscheinbare Strandhfen in z. T. 1923.
recht weiter Entfernung von den Siedlungen im
Hinterland abwickelten (vgl. z. B. den Hafen beim Hagia Sophia Bedeutendste Kirche Konstantino-
˙ ˙
heutigen Lido di Tarquinia), bestand im Imperium pels, am Ort der 532 in einem Aufstand zerstçrten
Romanum schon frh der Bedarf nach festen Sttz- ›großen‹ Kirche (megle ekklesı´a; 1. Hlfte 4. Jh.
punkten vor allem fr die Kriegsflotte; Classe bei n. Chr.) auf Betreiben und Kosten des Kaisers Justi-
Ravenna, Brundisium und die umfangreichen H. nian nach ausgeklgelten Entwrfen der Architek-
im Golf von Neapel (Kap Misenum und Bauli) kris- ten und Mathematiker Anthemios von Tralles und
tallisierten sich als Schwerpunkte heraus. blich war Ñ Isidoros von Milet als riesig dimensionierte Kom-
eine umfassende Ausstattung mit Infrastruktur: Mo- bination von Langhaus und Ñ Zentralbau errichtet;
len und Kaianlagen, Lagerhuser, Werften, Ñ navalia die gewaltige Kuppel lastete auf vier in den Fels
(Schiffshuser), Kasernen und große Zisternen fr gegrndeten Pfeilern. Am 27.12.537 im Beisein des
die Ñ Wasserversorgung der Flotte waren gngig Kaisers geweiht (Prokop, de aedificiis 1, 1, 20–78),
und haben sich in erheblichem Maße z. B. am Golf strzte die Kuppel im Frhsommer 558 ein, wobei
Hagia Sophia 120
˙ ˙

Konstantinopolis. Hagia Sophia; 523 – 537 und 558 – 563 n. Chr. (Grundriß).
121 Haus

von der archologischen Forschung hufig ein Zu- ves Architekturelement tritt seit dem spten 5. Jh.
sammenhang mit dem Erdbeben vom Dezember v. Chr. im Kontext der Ausgestaltung von durch-
557 vermutet wurde. Der Bau einer Ñ Kuppel beruh- fensterten Ñ Fassaden (Erechtheion auf der Athener
te indessen aber weiterhin nicht auf statischer Be- Akropolis) wie auch im Rahmen von nach innen
rechnung, sondern auf einem ›Trial and Error-Ver- gekehrten Bauordnungen (Mustafa-Pascha-Nekro-
fahren‹, und die markanten Vernderungen im Profil pole in Alexandria, vgl. auch Ñ Peristyl) zunehmend
des Kuppelneubaus geben Grund fr die Annahme, in Erscheinung und ist in der hellenistischen wie
der Kuppeleinsturz sei eher durch eine zu flache auch rçm. Architektur weit verbreitet; vgl. zu ge-
Einwçlbung und die dadurch entstandenen zu ho- stalterischen Details Ñ Sule.
hen Schubkrfte verursacht gewesen. Lit.: H. Bsing, Die griech. Halbsule, 1970.
Der Wiederaufbau der Kuppel unter Leitung des
jngeren Ñ Isidoros sorgte bei einem Durchmesser Halle, Hallenbau Ñ Stoa
von ca. 33 m (der Kuppel-Grundriß weicht dabei
markant von der Kreisform ab) fr ein um nahezu Haus
7 m steileres Profil ber einer zustzlich verstrkten A. Allgemeines
Tragkonstruktion. Die Gestalt der Kirche ist aus In der griech., etruskischen und rçm. Kultur ist das
einem anlßlich der Neueinweihung (24.12.563) H. als Nutz- und Schutzarchitektur, als Reprsenta-
verfaßten, den Bau ausfhrlich beschreibenden Ge- tionsobjekt und zugleich als Zentrum der hauswirt-
dicht des Paulos Silentiarios bis in Details hinein schaftlich geprgten konomie der Mittelpunkt der
bekannt; die reiche Ausstattung der Sptantike mit Familie, in der etruskisch-rçm. Kultur auch Mittel-
Mosaiken, Fresken und Ñ Inkrustationen ist jedoch punkt religiçser Handlungen (H.- und Schutzgott-
wegen der zahlreichen spteren Vernderungen heiten; Ñ Lararium). Hier schneiden sich die Sphren
und Erweiterungen an Architektur und Dekoration, von Privatheit und ffentlichkeit, indem das H.
die sich bis ins 12. Jh. erstreckten, nur noch zu zum einen den intimen Rckzugsort der weiblichen
kleinen Teilen erhalten. Mitglieder der H.-Gemeinschaft bildet, zum ande-
Whrend der westlichen Eroberung im Zuge des ren den Rahmen gesellschaftlicher Verpflichtungen
Vierten Kreuzzuges (1204) geplndert und an- des Mannes. Sptestens die seit dem 6. Jh. v. Chr.
schließend latinisiert, wird der Bau nach der Rck- entwickelten Bauformen antiker H. sowohl im
gewinnung der Stadt 1261 wieder fr den ortho- griech. wie auch im etruskisch-rçm. Kulturkreis
doxen Kult hergerichtet; unmittelbar nach der isla- zeigen diese Ambivalenz durch eine markante
mischen Eroberung Konstantinopels durch Mehmet Kombination von Abschottung gegenber der Au-
II. (29.5.1453) wird die H. S. zur Hauptmoschee der ßenwelt (etwa durch die Verlagerung der Ñ Gynei-
Stadt umfunktioniert. konitis in das fr Fremde unzugngliche Ober-
Lit.: C. Fossati, U. Peschlow, Die Hagia Sophia. Nach dem geschoß) und der Anlage quasi-çffentlicher Repr-
Tafelwerk von 1852, 1980. – V. Hoffmann (Hrsg.), Die sentationstrakte innerhalb des H., z. B. das Ñ Andron
Hagia Sophia in Istanbul, Kongreß Bern 1994 (1998). – fr das Symposion oder das Ñ Atrium als Raum fr
ders., Der geometrische Entwurf der Hagia Sophia in Is-
tanbul, in: Mitteilungen des DAI, Abt. Istanbul 52, 2002, den Empfang der Klientel.
393 – 428. – H. Khler, Die Hagia Sophia, 1967. A. Kleinert, Jede Verbreiterung des Nutzungsspektrums ma-
Die Inkrustationen der Hagia Sophia, 1979. – W. Kleiss, nifestierte sich dabei unmittelbar in der Bauform,
Beobachtungen zur Hagia Sophia in Istanbul, in: Mittei- die fr jeweils bençtigte Funktionen eigene Trakte
lungen des DAI, Abt. Istanbul 15, 1965, 168 –185. – R. J.
oder Rumlichkeiten ausprgte; schon an der Wen-
Mainstone, Hagia Sophia, 1998. – R. Mark, A. S. Cakmak
(Hrsg.), Hagia Sophia from the Age of Justinian to the de zum 1. Jt. v. Chr. wird das bis dahin vorherr-
Present, 1992. – O. Veh, W. Plhorn, Prokop, Bauten. schende universell genutzte Einraum-H. immer çf-
Paulos Silentiarios, Beschreibung der Hagia Sophia, 1977. ter durch spezialisierte Mehrraumarchitekturen er-
setzt, die je nach Bedarf Wohn-, Wirtschafts-, Kult-
Halbsule Die H. als einem Pfeiler oder einer und Reprsentationsbereiche voneinander trennten.
Wand vorgelagertes, statisch irrelevantes, dekorati- Blieb der bauliche Aufwand fr das H. bis in das
Haus 122

spte 5. Jh. v. Chr. hinein grundstzlich eher zweck- teilung recht individuell bebauten etruskischen und
gebunden und somit wenig reprsentativ (vorherr- rçmisch-latinischen Stdtegrndungen (wie z. B.
schend waren Architekturen aus Lehmziegel, Cosa).
Bruchstein und Holz ber einem Feldsteinsockel, Nicht nur der Bau einer Siedlung, auch der Bau
was den insgesamt schlechten Erhaltungszustand eines einzelnen H. setzt Rcksichtnahme auf geo-
und den damit unmittelbar verknpften geringen logische und geophysische Rahmenbedingungen
modernen Kenntnisstand begrndet, vgl. Ñ Archi- voraus; Vitruvs (in Details von der Forschung wei-
tektur; Ausnahme: z. B. Steinhuser des 5. Jh. v. Chr. terhin diskutierte) Darstellung des griech. Privat-H.
in Selinunt), so nderte sich dies im Laufe des 4. Jh. im 6. Buch seiner de architectura macht unabhngig
v. Chr.; der im Zuge der Entpolitisierung und des von Details aber den Stellenwert einer Bercksichti-
Zerfalls der griech. Polis-Gesellschaft entstandene gung klimatischer Verhltnisse, der Sonnenstnde
Rckzug der Brger in den Privatbereich artikuliert und Himmelsrichtungen, aber auch die Relevanz
sich in rapide wachsendem Bau-, Material- und Aus- eines Einbezugs eventueller Probleme der Infra-
stattungsluxus der H.-Architekturen; typologisch struktur (Ñ Latrinen; Ñ Kanalisation; Ñ Wasserversor-
sind dabei aber weder der hellenistische Ñ Palast gung) hinreichend deutlich (vgl. zur Ausnutzung der
noch spter die rçm. Ñ Villa als luxuriçse, herrschaft- Sonnenenergie auch Xenophon, Memorabilia 3, 8).
liche und reprsentative Wohnformen letztlich von
den allgemeinen Erscheinungsformen der H.-Archi- B. Das griechische Haus
tektur zu trennen. Auch wenn der Denkmlerbestand von H.-Archi-
Innerhalb einzelner Siedlungen bildeten H. ent- tekturen der geometrischen Zeit (10. –8. Jh. v. Chr.)
weder untereinander baulich verbundene Raum- durch neue Funde und Ausgrabungen (u. a. Lefkan-
Agglomerationen (frhe Beispiele der nachmykeni- di, Nichoria, Antissa/Lesbos, Zagora/Andros
schen bzw. der nachminoischen Zeit: Dreros und u. a. m.) in den vergangenen 20 Jahren erheblich
Karphi auf Kreta; Zagora auf Andros) oder aber vermehrt werden konnte, ist die Frage nach der
formten als Ensemble eine mehr oder weniger dicht Existenz und der Qualitt einer baulich-typologi-
bebaute Streusiedlung (Antissa, Athen, Lefkandi, schen Tradition zu den Architekturformen der my-
Alt-Smyrna, Nichoria); eine regelmßige, großfl- kenisch-minoischen Welt weiterhin in der Diskus-
chige H.-Bebauung in einem Zug entsteht erst im sion; allein das freistehende Herd-H., wie es sich in
Kontext der Grndung der griech. Koloniestdte im einigen spten Exemplaren z. B. in Emporio/Chios
spten 8. und frhen 7. Jh. v. Chr. wie etwa in Me- (7. Jh. v. Chr.) gefunden hat, scheint mit Vorbehalt
gara Hyblaea auf Sizilien (Ñ Insula; Ñ Stdtebau) so- als bautypologisches Kontinuum faßbar (Ñ Mega-
wie bei großflchigen Stadtanlagen in Etrurien (z. B. ron). blich sind in geometrischer Zeit lang-
Marzabotto, 6./5. Jh. v. Chr.). Inwieweit stdtische gestreckte H. mit Ñ Apsis (Athen, Thermos, Olym-
Neuplanungen innerhalb des griech. Kulturraums pia) oder in ovaler, an beiden Schmalseiten gerun-
mit normierten ›Typen-H.‹ (in Reihe gebaute H. deter Form (Alt-Smyrna), die z. T. in mehrere Trak-
mit immer gleichem, nur wenig variiertem Grund- te untergliedert waren (Antissa) und 5 m
und Aufriß) bebaut wurden, wird weiterhin kontro- (Alt-Smyrna) bis zu 14 m (Nichoria) Lnge aufwei-
vers beurteilt; ein archologischer Nachweis wird sen konnten; eine exzeptionelle Ausnahme bildet
regelmßig durch den Umstand verunmçglicht, hier allein der ›Toumba‹-Bau aus Lefkandi mit seine
daß in den Befunden niemals der Neubau-Zustand, Gesamtlnge von nahezu 45 m (vgl. Ñ Tempel). Da-
sondern immer nur das im Laufe der Zeit entstan- neben finden sich Anten- und Rechteck-H., z. T.
dene Ergebnis vielfacher baulicher Vernderungen bereits mit mehrrumiger Binnengliederung (Tho-
faßbar wird. Zumindest fr die Bebauung des Pirus rikos, Asine, Athen, Tsikkalario). ber die Gestalt
hat es den Anschein, als seien die gleichgroßen dieser Bauten, von denen sich meist nur geringe
Grundstcke innerhalb einer Insula nicht durch Spuren der Fundamentierung erhalten haben, be-
zentral organisierte Einzelbebauung erschlossen steht weiterhin wenig Kenntnis; die zahlreich erhal-
worden, hnlich den trotz gleichfçrmiger Landein- tenen Ñ H.-Modelle aus Ton erlauben insgesamt nur
123 Haus

bezogenen, zum Hof hin offenen Vorraum; Andron


und Vorraum verfgen ber einen separaten, vom
Hof aus zu erreichenden Zugang. Der zweistçckige
Wohntrakt ist ebenfalls nach Sden orientiert; an
die Gegenseite des Hofes grenzen, meist in Form
separater Baukomplexe, einstçckige Wirtschaftsru-
me. Das Prostas-H. findet sich in ›typenreiner‹ Form
erstmals in der neukonzipierten Stadtanlage von
Pirus (1. Hlfte des 5. Jh. v. Chr.; Ñ Hippodamos
von Milet), danach in Priene, Abdera und zahlrei-
chen weiteren Stadtanlagen des spteren 5. und
4. Jh. v. Chr.
Inwieweit das Herdraum-Haus nordwestgriech.
Olynth, Pastas-Haus, 1. Hlfte 4. Jh. v. Chr. Prgung einen eigenen Typus oder aber eine weitere
Variante des Megaron-H. reprsentiert, ist unsicher;
bedingt Rckschlsse auf die aufgehenden Teile der die bis zum Dachansatz erhaltenen Stein-H. von
real gebauten, frhgriech. Architektur. Orraon/Ammotopos nahe Ambrakia/Arta (und
Ab dem 7. Jh. v. Chr. wird der Hof zum prgen- mçglicherweise verschiedene mit diesen analoge
den Element der mehrgliedrigen griech. H., wobei Bauten in Kassope, beides 4. Jh. v. Chr.) zeigen einen
sich im 6./5. Jh. v. Chr. zwei Grundtypen des H. von einem Korridor abzweigenden, ber diesen Ver-
herausbilden: teiler mit dem Hof verbundenen, jedoch zwei Ge-
1. Das Pastas-Haus ist als annhernd quadratisches schosse hohen, lichten Oikos mit Herd im Zentrum
Konglomerat nach Sden, zur Mittagssonne hin ori- und einer oberen Galerie mit Nebenrumen.
entiert, und weist hier den meist zweigeschossigen
Wohntrakt auf, der sich ber eine quergelagerte,
korridorhnliche, zum Hof hin offene Vorhalle
(Ñ Pastas) erschließt; Ñ Andron, Xenon (Fremden-
zimmer), Kche, Oikos (Wohnraum), Ñ Bder,
Schlafrume (Ñ Thalamos) und Tameion (Raum fr
Wertsachen) sowie die Treppe zum Obergeschoß
mit der Ñ Gyneikonitis sind gleichermaßen ber die
Vorhalle zugnglich. Um den Hof herum gruppiert
finden sich einstçckig erbaute Wirtschaftstrakte,
Speicher, Werksttten und zur Straße hin orientierte
Lden. Der H.-Typ findet sich in seiner Frhform in
Megara Hyblaea auf Sizilien, in ›typenreiner‹ Form
dann bei den frhen H. in Olynth.
2. Das Prostas-Haus wird berwiegend als eine
Weiterentwicklung des Einraum-Megaron-H. ver-
standen; einen Beleg findet eine solche Ableitung
vielleicht in den wohl ltere Bauten in ihrer Struktur
tradierenden Prostas-H. von Kolophon (4. Jh.
v. Chr.) sowie in einem megaronhnlichen lndli-
chen H. bei Ano Saphi/Bçotien. Das als Raumkon-
glomerat langrechteckige Gebilde mit einem quer
darin eingeschobenen Hof reduziert die Korridor-
Halle des Pastas-H. auf einen nur auf den Oikos Pirus, Prostas-Haus, 1. Hlfte 5. Jh. . Chr.
Haus 124

Eine Neuerung des frhen 4. Jh. v. Chr. und zu- Zeit (Grçße ca. 300 m2) exorbitante Anwachsen der
gleich ein deutlicher Indikator vernderter Anspr- Baugrçßen bis hin zu 2000 m2 Flche zeigen helle-
che an H.-Bau, Ausstattung (Ñ Inkrustationen; Mo- nistische Peristyl-H. auf Delos oder in Pella, die sich
saik; Wandmalerei) und Wohnumfeld ist das Peris- bisweilen nur noch graduell in Grçße, Ausstattung
tyl-Haus. Die Herkunft der Form ist weiterhin um- und der wenig exponierten Lage, nicht aber im
stritten (Ñ Peristylion); einerseits kann im Peristyl Grundstzlichen von den Palsten hellenistischer
eine Umfunktionierung des ursprnglich dem Herrscher unterschieden haben.
Wirtschaftsbereich zugehçrigen Hofs in eine Re-
prsentationsanlage mit innerer Sulenstellung ge-
sehen werden (wie dies archologisch gut doku-
mentierte Befunde in Olynth nahelegen, wo im
Laufe des 4. Jh. v. Chr. zahlreiche Pastas-H. in Peris-
tyl-H. umgebaut wurden), andererseits lassen sich
als Vorlufer des Peristyl-H. verschiedene Ñ Ban-
kett-H. in Heiligtmern (Argos, Troizen) oder

Eretria, Peristyl-Haus, sog. Mosaikenhaus, 4. Jh. v. Chr.

Die Erstellungs- und Unterhaltungskosten griech.


H. variierten von Ort zu Ort, bisweilen sogar inner-
halb eines Ortes erheblich. Inschriften aus Olynth
nennen eine Preisspanne von 900 bis 5300 Drach-
men; der durchschnittliche Kaufwert eines H. wird
bei 1000 bis 2000 Drachmen gelegen haben (bei 1
Drachme Tageslohn). Aktuelle Besitzverhltnisse
und Grundschulden waren Gegenstand kommuna-
ler Archivttigkeit. Vermietung war immer vertrag-
lich geregelt und, wie Inschriften aus Delos ber-
liefern, relativ preiswert (50 Drachmen Jahresmie-
te). Immobilien wurden hufig ohne Tr und Dach-
ziegel (Ñ Tr; Ñ berdachung) zur Miete oder zum
Orraon/Ammotopos, Haus 1, 4. Jh. v. Chr., Unterteilung Kauf angeboten; beide Elemente waren kostbar,
von Erd- und Obergeschoß. mehrfach wiederverwendbar und zhlten deshalb
zu den beweglichen Gtern.
andere Festarchitekturen wie das Pompeion am Ke-
rameikos in Athen anfhren, deren innere Sulen- C. Frhitalische und etruskische Huser
stellung kaum derart erklrt werden kann. Von Aus zunchst meist einrumigen Rund- und Oval-
diesem Peristyl zweigen die verschiedenen Raum- htten mit Walm- und kleinem Vordach (z. B. Ht-
gruppen des H. ab. Frhe Beispiele sind einige H. ten auf dem Palatin in Rom, 8. Jh. v. Chr.) bzw.
von Eretria; das im Vergleich zu den H. klassischer einfachen Rechteckstrukturen aus Lehm und
125 Haus

Flechtwerk (S. Giovenale, 7. Jh. v. Chr.), deren Ge- zwischen zwei oder mehreren nur nach außen geçff-
stalt berwiegend vermittels verschiedentlich erhal- neten, ansonsten mit dem Innenraum des H. unver-
tener hausfçrmiger Tonurnen rekonstruiert wird, bundenen Wirtschaftsrumen (tabernae) hindurch-
entwickelten sich in der etruskischen Kultur bald fhrend, ein oft zweiteiliger Flur (vestibulum; fauces),
komplexere H.-Typen mit verschiedenen, funktio- der auf das Atrium mit dem Ñ Impluvium (Ñ Zisterne)
nal voneinander geschiedenen Rumen und Gebu- in der Mitte stçßt. An das Atrium grenzen die Schlaf-
detrakten. Die schlecht erhaltenen Fundamentreste rume (cubicula); den hinteren Teil des Atriums bil-
der dicht bebauten, orthogonal strukturierten Insu- den die Ñ Alae (trlose, in ganzer Hçhe offene Seiten-
lae von Marzabotto (um 500 v. Chr.) lassen kaum rume fr verschiedene Funktionen, z. B. als Abstell-
Rckschlsse auf die Grundrißorganisation einzel- oder Speiseraum oder als Raum fr die Ahnenbilder)
ner H. zu; die etruskische Grabarchitektur spiegelt sowie das Tablinum, das wiederum den Durchgang
jedoch bis in konstruktive Details hinein den H.-Bau zum Ñ Garten (hortus) ermçglicht, der – als schmale,
(Ñ Grabbauten). Großflchige, reprsentative hofartig hochummauerte Flche – den hinteren Ab-
Adels-H. des 6. Jh. v. Chr. wie der ›Palast‹ von Murlo schluß des Atrium-H. bildet. Nicht alle italischen H.
(Abmessungen ca. 60 x 60 m) oder der ›Bau F‹ in waren Atrium-H.; in italisch-rçm. Stdten findet sich
Acquarossa zeigen neben einem erheblichen Prunk bis ins 1. Jh. v. Chr. hinein daneben ein vergleichs-
der Ausstattung (Sulenhallen, reich bemalte Terra- weise asymmetrisch organisierter H.-Typ, der auf das
kotta-Verkleidungen) eine Dreiteilung in Wohn-
bereich, Rumlichkeiten fr Feste und Gelage sowie
sakrale Veranstaltungen; die im spteren rçm. H.
allgegenwrtige Verehrung von H.- und Schutzgott-
heiten als ein wichtiger Teilbereich des Wohnens
hat hier ihre Ursprnge. Die etruskische Herkunft
italisch-rçm. H.-Architektur zeigen wichtige H. in
Rom wie die im 6. Jh. v. Chr. erbaute Regia am
Forum Romanum (die wohl nicht vom griech. Me-
garontyp herzuleiten ist) ebenso wie das im ita-
lischen H.-Bau seit dem 4. Jh. v. Chr. weit verbrei-
tete Atrium, mit den ltesten bislang bekannten
Belege in etruskischen H. auf dem Palatin in Rom
und in den um einen Mittelhof herumgruppierten
H. in Marzabotto (beides 6. Jh. v. Chr.).

D. Rçmische Huser
Wichtigste Form des italischen H. der republikan.
Zeit ist das Atrium-Haus (vgl. Ñ Atrium mit Abb.), das,
als ein Bauprinzip der etruskischen H.-Architektur
entlehnt, zunchst nicht nur als Privat-H., sondern –
in erheblicher Baugrçße – auch als çffentliches Ge-
bude in Erscheinung tritt (z. B. das atrium publicum
am Forum in Cosa) und seit dem 4. Jh. v. Chr. rapide
Verbreitung findet. Die langrechteckige, klappsysm-
metrisch, auf eine Durchblicksachse angelegte Struk-
tur mit einem offenen, verschieden geformten Licht-
hof (Ñ Compluvium; Ñ Atrium) als Zentrum kom-
biniert Wirtschafts-, Wohn-, Hallen- bzw. Korridor- Rom, Palatin, Reste eines reprsentativen Hauses aus dem
bereich und Garten; von der Straße erschließt sich, spten 6. Jh. v. Chr.
Haus 126

Rçm. Peristyl-Haus: Pompeji,


Casa dei Capitelli Figurati,
2. Jh. v. Chr.

Rçm. Doppelperistyl-Haus,
Pompeji, Casa del Fauno,
2. Jh. v. Chr.

Atrium ebenso wie auf tabernae (und damit auf jed- Ein wichtiger Faktor der rçm. Stadt ist das mehr-
weden wirtschaftlichen Funktionsbereich) verzich- stçckige Mehrfamilien- oder Mietshaus, das sich nicht
tet und verschiedene cubicula um ein berdachtes nur in den Metropolen, sondern, in bescheideneren
Tablinum herum gruppiert, das ber eine Kche Formaten, auch in lndlichen Stdten findet (zwei-
auf den Garten hinfhrt (Cosa). geschossige, z. T. extra fr Vermietung umgebaute
Das Prinzip des Atrium-H. erwies sich als hinrei- Atrium-H. in Herculaneum, z. B. die Casa Sannitica
chend flexibel, auch hçheren Ansprchen an Repr- oder die Casa a Graticcio, wo das Atrium zum Licht-
sentation zu gengen. Besonders in der Kombinati- hof mutiert und die cenacula, die Mietwohnungen im
on mit dem aus der hellenistischen H.-Architektur zweiten Stock z. T. mit einer separaten Treppe er-
entnommenen Peristyl und den luxuriçsen Ausstat- schlossen werden). In besonderer stdtischer Sied-
tungselementen dieser Zeit (vgl. oben) konnten seit lungsverdichtung (Rom, Ostia, Puteoli) fanden sich
dem 2. Jh. v. Chr. z. T. großformatige und presti- bis zu sechsgeschossige, um einen engen Lichthof
getrchtige Baukomplexe entstehen, wie sie etwa herumgebaute Hoch-H., die als eine ganze Insula
aus Pompeji bekannt sind. Die Casa di Capitelli Figu- bedeckende Baukomplexe meist schnell und billig
rati verwendet dabei den Standardtypus des Atri- von Privatunternehmen erbaute Spekulationsobjek-
um-H., erweitert diesen jedoch anstelle des Gartens te waren und den Bauvorschriften (Ñ Baurecht) oft
um ein raumgreifendes Gartenperistyl. In der Casa nicht entsprochen haben werden (vgl. u. a. Iuvenal 3,
del Fauno finden sich gleich zwei Atrien mit nun 188 –310). Sie waren im Erdgeschoß von einer Por-
ebenfalls zwei Peristylen (einem Wohn- und einem tikus umgeben und mit Ladengeschften bestckt,
Gartenperistyl) zu einer schon fast villenartigen wiesen im ersten Stock eine Art ›piano nobile‹, da-
Wohnanlage verschmolzen, die jedoch gleichwohl rber dann niedrigere und schlichter ausgestattete
den Charakter eines in eine Insula eingefgten Geschosse auf; die Wohnqualitt und damit auch
Stadt-H. bewahrt. Nicht selten finden sich im kaiser- der Mietzins nahmen von unten nach oben ab. Die
zeitlichen Italien schließlich auch reprsentative Pe- einzelnen Appartements waren meist nur in Leicht-
ristyl-H. ohne ein Atrium (z. B. in Ostia). bauweise voneinander separiert; die einzelnen
127 Hausmodell

Stockwerke erschlossen sich ber Treppen und ver- Lit.: E. Akurgal, Alt-Smyrna I. Wohnschichten und Athe-
winkelte Korridore. Es fehlten Ñ Heizung, Sanitr- natempel, 1983. – T. F. C. Blagg, First-Century Roman
Houses in Gaul and Britain, 1990. – E. Brçdner, Wohnen
einrichtungen (Ñ Latrinen) und Kchen. Das Han-
in der Antike, 1989. – V. J. Bruno, R. T. Scott, Cosa 4. The
tieren mit offenem Feuer und den tragbaren fen Houses, 1993. – J. R. Clarke, The Houses of Roman Italy,
und Herden in den Wohnungen fhrte dabei des 100 B. C. – A. D. 250, 1991. – J. A. Dickmann, Domus
çfteren zu verheerenden Brandkatastrophen. Luxu- Frequentata. Anspruchsvolles Wohnen im pompeianischen
riçses Wohnen in stdtischen Miets-H. war eher Stadthaus, 1999. – H. Drerup, Griech. Baukunst in geo-
metrischer Zeit, Archaeologia Homerica O, 1969. – S. Ellis,
selten; die Casa dei Dipinti in Ostia mit ihren groß-
La casa, in: A. Guillou (Hrsg.), La civilt bizantina, 1993,
zgigen Wohnungen, die sich jeweils ber mehrere 167 –226. – K. Fagerstrçm, Greek Iron Age Architecture,
Etagen erstreckten, bildete eine Ausnahme, auch 1988. – Shelley Hales, The Roman House and Social Iden-
wenn generell die Miets-H. von Ostia in ihren Aus- tity, 2003. – H. von Hesberg, Privatheit und ffentlichkeit
in der frhhellenistischen Hofarchitektur, in: W. Hoepfner,
stattungen einen gegenber der subura Roms sehr
G. Brands (Hrsg.), Basileia. Die Palste der hellenistischen
gehobenen Standard reprsentiert haben. Kçnige, 1996, 84– 96. – W. Hoepfner, E.-L. Schwandner,
Außerhalb Italiens finden sich in stdtisch-urba- Haus und Stadt im klassischen Griechenland, 21994. – W.
nen Kontexten neben den mit bescheidenen zwei- Hoepfner, Zum Typus der Basileia und der kçniglichen
oder dreirumigen, meist nur im Fundament erhal- Andrones, in: W. Hoepfner, G. Brands (Hrsg.), Basileia.
Die Palste der hellenistischen Kçnige, 1996, 1 –43. – A.
tenen und deshalb in der Grundrißorganisation und
Kalpaxis, Frharchaische Baukunst in Griechenland und
der Funktionsdifferenzierung schwer zu rekonstru- Kleinasien, 1976. – M. Kiderlen, Megale Oikia. Unters.
ierenden H. dicht bebauten Insulae (Augusta Rau- zur Entwicklung aufwendiger griech. Stadthausarchitektur
rica) verschiedene Varianten des Hof- und Atri- von der Frharchaik bis ins 3. Jh. v. Ch., 1995. – M. Kreeb,
Unters. zur figrlichen Ausstattung delischer Privathuser,
um-H. (z. B. in Volubilis oft mit einem zweiten,
1988. – H. Lauter, Architektur des Hellenismus, 1986,
atriolum genannten Hof). ber das gesamte Imperi- 223 –227. – H. Maehler, Huser und ihre Bewohner im
um Romanum verbreitet war das Peristyl-H. So Fayum in der Kaiserzeit, in: G. Grimm (Hrsg.), Das rçmisch-
erheben sich etwa die mehrstçckigen, reich aus- byzantinische gypten, 1983, 119 –137. – A. G. McKay,
gestatteten Hang-H. ber unregelmßigem Grund- Rçm. Huser, Villen und Palste, 1980. – W. Mller-Wie-
ner, Griech. Bauwesen in der Antike, 1986, 176 –179. – A.
riß mit zentralem Peristyl entlang der Kureten-Stra-
Mazarakis Ainan, From Rulers’ Dwellings to Temples. Ar-
ße in Ephesos (2. Jh. n. Chr.); auch in den Nord- chitecture, Religion and Society in Early Iron Age Greece
West-Provinzen fanden sich zahlreiche Peristyl- (1100–700 B. C.), 1997. – Palast und Htte. Beitrge zum
und Hof-H., wobei etwa im gallo-rçm. Bereich, Bauen und Wohnen im Altertum. Kongreß Bonn (1979),
1982. – F. Pesando, Oikos e ktesis. La casa greca in et
aber auch in Hispanien eine Vermischung einhei-
classica, 1987. – F. Prayon, Frhetruskische Grab- und
misch-traditioneller und importierter Formen zu Hausarchitekur, 1975. – J. Raeder, Vitruv, De architectura
konstatieren ist. VI 7 und die hellenistische Wohnungs- und Palastarchitek-
tur, in: Gymnasium 95, 1988, 316 – 368. – K. Reber, Aedi-
ficia Graecorum. Zu Vitruvs Beschreibung des griech. Hau-
ses, in: Archolog. Anzeiger 1988, 653 –666. – Th. Schatt-
ner, Griech. Hausmodelle. Unters. zur frhgriech. Archi-
tektur, 1990. – Ch. Schubert, Land und Raum in der rçm.
Republik. Die Kunst des Teilens, 1996. – S. Sinos, Die
vorklassischen Hausformen in der gis, 1971. – E. Walter-
Karydi, Die Nobilitierung des griech. Wohnhauses in der
sptklassischen Zeit, in: W. Hoepfner, G. Brands (Hrsg.),
Basileia. Die Palste der hellenistischen Kçnige, 1996,
56– 61. – Wohnungsbau im Altertum, Kongreß Berlin (=
Diskussionen zur archologischen Bauforschung 3), 1978.

Hausgrab Ñ Grabbauten

Hausmodell Miniaturhafte ›Nachbildungen‹ von


Rçm. Mietshaus aus Ostia, 2. Jh. n. Chr., Rekonstruktion Husern sind in der griech. Kunst des 8.-6. Jh. v. Chr.
Hausurne 128

hufig; sie bestehen meist aus Ton (seltener aus


Stein) und sind als Weihgeschenke in griech. Hei-
ligtmer gestiftet worden. Inwieweit ihre Gestal-
tung unmittelbare und konkrete Rckschlsse auf
das Aussehen und auf konstruktive Details zeitge-
nçssischer Hausarchitektur (Ñ Haus) zulßt, ist in der
archologischen Forschung umstritten.
Lit.: Th. Schattner, Griech. Hausmodelle. Unters. zur frh-
griech. Architektur, 1990.

Hausurne Ein dem Ñ Hausmodell hnlicher, aller-


dings fast durchweg als Asche-Urne, also in sepul-
kralem Kontext verwendeter Gegenstand; meist aus
Ton, aber auch aus Stein oder Metall (Bronze).
Weitgehend auf Etrurien und Mittelitalien be-
schrnkt, wird hier ebenso wie bei den griech. Haus-
modellen die bertragbarkeit von konstruktiven
und gestalterischen Details auf die zeitgençssische
Hausarchitektur (Ñ Haus) diskutiert.
Lit.: R. Staccioli, Modelli di edifici etrusco-italici, 1968.

Hebebosse Ñ Bosse
Schema einer Hypokaustanlage mit Wandheizung.
Hebegerte Ñ Bautechnik; Ñ Flaschenzug

Heizung, Heizungsanlagen Als Wrmequellen fr Das Prinzip der Hypokausten-H. (ausfhrlich be-
Wohnungen dienten in der klassischen Antike schrieben bei Vitruv 5, 10) basiert auf einer bau- oder
berwiegend das Herdfeuer sowie transportable raumexternen Heizkammer, von der aus heiße Luft
Metallbecken fr Holz- oder Holzkohlefeuer; fest unter den auf gemauerten Podesten aufgelegten Fuß-
eingebaute Feuerstellen in der Art moderner Kami- bodenplatten entlangstrçmt (vgl. Abb.). Die Luft er-
ne waren selten und auf grçßere Rume, berdies wrmte Pfeiler und Bodenplatten und zog dann,
meist in çffentlichen Bauten, beschrnkt (Kassope, zusammen mit den Rauchgasen, ber vertikale Ab-
sog. ›Marktbau‹). Eine geregelte Wegfhrung der zugskanle (meist in den Raumecken) nach oben ins
Rauchgase durch schornsteinhnliche Rohrleitun- Freie ab. Dieses Prinzip wurde seit dem 1. Jh. n. Chr.
gen war dabei unbekannt. erweitert zu kombinierten Fußboden- und
Wohl im Zuge der Verfeinerungen im Badewe- Wand-H., wobei die Heißluft in Tubuli (Hohlzie-
sen (Ñ Bder; Ñ Thermen) kam es im 3./2. Jh. v. Chr. geln) strangweise die Wnde mit erwrmte (vgl.
zu ersten Konstruktionen des Prinzips der zentral- Abb.). Solche H. fanden vornehmlich in Ñ Thermen
beheizten Raumerwrmung ber den Fußboden Verwendung, in klterer Umgebung kombiniert mit
(Unterflur-H., griech. hypokafflston): Gemß einer dicken Mauern und massiven Doppelfenstern, um
Anekdote bei Plinius (Naturgeschichte 9, 168) wur- Energie zu sparen und Raumwrme zu konservieren
de das Prinzip um 80 v. Chr. von einem gewissen C. – was jedoch nicht verhinderte, daß besonders in den
Sergius Orata aus Puteoli zwecks Verbesserung der großen, çffentlichen Thermenanlagen Roms und der
Ertrge seiner Fischzucht erfunden, tatschlich je- grçßeren Provinzstdte die H. Tag und Nacht durch-
doch bedeutend frher (derzeit frhester archolo- liefen, praktisch unregulierbar waren, gewaltige
gischer Beleg des Prinzips bei den Bdern von Gor- Holzmengen verschlangen und eine ausgesprochen
tys aus dem 3. Jh. v. Chr.). negative Energiebilanz bei allerdings erheblichem
129 Hermogenes

Effekt aufgewiesen haben. Heiztechnische Versuche bensdaten sind nicht bekannt und werden in der
mit dem Prinzip der Hypokausten-H. kamen zu dem archologischen Forschung kontrovers diskutiert;
Ergebnis, daß im Ñ Caldarium, dem Warmbaderaum sein Wirken lßt sich jedoch auf die Jahre zwischen
einer durchschnittlich isolierten Thermenanlage, 220 und 130 v. Chr. eingrenzen. Ebenfalls nicht si-
eine konstante Raumtemperatur von 32  erzeugbar cher bezeugt ist seine Herkunft; gemß einer in
war, in kleinen Schwitzrumen sogar von 37 . Priene gefundenen Inschrift kçnnte er in Alabanda
Bereits in spthellenistischen Husern und Pals- in Kleinasien gebrtig gewesen sein. H. gilt, zusam-
ten fanden sich an klimatisch khleren Orten Hy- men mit Ñ Pytheos und Ñ Satyros, als einer der gro-
pokausten-H. auch außerhalb von Bdern als ßen griechisch-hellenistischen Architekten und als
Wohnluxus eingebaut; in den rçm. Nordwestpro- zentraler Verfechter der ionischen Bauordnung.
vinzen wurde der Einbau von H. zu einem Standard Mehrfach bezieht sich Ñ Vitruv auf H.; demzufolge
im Bereich wohlhabend ausgestatteter Wohnbau- habe dieser den Artemistempel von Magnesia am
ten. Hufig findet sich hier das Prinzip der ›Ka- Mander (als den ersten Ñ Pseudodipteros; Vitruv 3,
nal-H.‹ als eine Sparversion der Hypokausten-H.: 2, 6; vgl. auch Strabon 14, 647) und den Tempel des
An die Stelle eines komplett auf Podesten verlegten Liber Pater in Teos (Vitruv 3, 3, 8) erbaut. ber beide
Raum-Bodens tritt ein flchenmßig kleiner, ge- Bauten soll H. zudem (Vitruv offenbar bekannte und
deckter Kanal, der sich unter mehreren Rumen von ihm verarbeitete) Schriften verfaßt haben, die H.
hindurchschlngelte und nur in reduziertem Maße eine wichtige Rolle fr die Debatte um eine antike
Wrme an die Rume ber ihm abgeben konnte. Ñ Architekturtheorie zukommen lassen. Grundstzli-
Lit.: D. Baatz, Heizversuche an einer rekonstruierten Ka- che Bedeutung fr die hochhellenistische Neubewer-
nal-Heizung in der Saalburg, in: Saalburg-Jahrbuch 36, tung lterer griech. Baumuster und Erscheinungsfor-
1979, 31 –44. – E. W. Black, Hypocaust Heating in Do- men von Architektur wird der sog. ›Hermogenes-
mestic Rooms in Roman Britain, in: Oxford Journal of
Archaeology 4, 1985, 77 – 92. – Heizung in rçm. Architek- Anekdote‹ (Vitruv 4, 3, 1–2) zugemessen, derzufolge
tur. Berichte zum 3. Augster Symposium 1980, Jahres- H. in klarer Erkenntnis der Unlçsbarkeit der imma-
berichte aus Augst und Kaiseraugst 3, 1983. – H.-O. Lam- nenten Strukturprobleme der dorischen Ordnung
precht, DNP 5, 1998, 258 – 261 s.v. Heizung. – W. Mller- den besagten Tempel in Teos von der dorischen auf
Wiener, Griech. Bauwesen in der Antike, 1988, 169 –171.
die ionische Ordnung hat umarbeiten lassen (vgl.
– H. J. Schalles (Hrsg.), Colonia Ulpia Traiana: Die rçm.
Bder, 1989, 21 – 42. Ñ Dorischer Eckkonflikt). Auch wenn dies vermutlich
kaum mehr als eine Knstlerlegende ist, beruht es
dennoch auf der Tatsache, daß seit dem frhen 3. Jh.
Hekatompedos Griech. ›Hundertfßler‹ (von heka- v. Chr. die ionische Ordnung (und die korinthische,
˙
tn, ›hundert‹ und pous, ›Fuß‹); gemeint ist ein 100 als eine Variation) dominant in Erscheinung trat und
Ñ Fuß (= ca. 32–35 m) langer, meist langrechtecki- die dorische Ordnung demgegenber erlosch.
ger Ñ Tempel ohne Ringhalle, wie er im 8. und 7. Jh. Neben der bruchstckhaften literarischen ber-
v. Chr. üblich war. Der Begriff findet sich verschie- lieferung ist allerdings auch die architektonisch-ma-
dentlich in griech. Inschriften, allerdings in durch- terielle berlieferung der beiden H. zugeschriebe-
aus uneinheitlicher Bedeutung (vgl. z. B. die sog. nen Bauten fragmentarisch und hat (vermutlich
›Hekatompedos-Inschrift‹ von der Athener Akro- eben deshalb) Anlaß fr zahlreiche Forschungs-
polis, die eher einen 100 Fuß langen Bezirk als ein debatten um bauliche Details, um Leitprinzipien
Bauwerk beschreibt). und Architekturideale des H. gegeben, die grçßten-
Lit.: G. Nmeth, Hekatompedon. Studies in Greek Epigra- teils im Spekulativen bleiben.
phy, 1997. Lit.: H. Drerup, Zum Artemistempel in Magnesia am M-
ander, in: Marburger Winckelmann-Programm 1964,
Herdhaus, Herdraumhaus Ñ Haus B I, Ñ Megaron 13 – 22. – P. Gros, Le dossier vitruvienne d’Hermogn s,
in: Mlanges de l’cole franÅaise de Rome 90, 1978,
697 – 700. – W. Hoepfner, E.-L. Schwandner (Hrsg.), Her-
Hermogenes Ein bei Vitruv (3, 2, 6 u. ç.) genannter, mogenes und die hochhellenistische Architektur, 1990. –
prominenter hellenistischer Architekt. Seine Le- H. Knell, Die Hermogenes-Anekdote und das Ende des
Heroon 130
˙
dorischen Ringhallentempels, in: Vitruv-Kolloqium des flschlich nach ihm benannte ›hippodamische Sys-
Deutschen Archologen-Verbandes, 1984, 41 – 64. – ders., tem‹ eines rechtwinklig angelegten stdtebaulichen
in: DNP 5, 1998, 442 – 444 s.v. Hermogenes (m. weiterer
Lit.).
Rasters war in den Koloniestdten des Westens und
in Ionien bereits in archaischer Zeit bekannt (Ñ In-
sula; Ñ Stdtebau). Die Lebens- und Schaffenszeit des
Heroon Griech; Kultsttte eines Heros, meist in H. ist ungewiß; mit ihm wird der Neuaufbau des in
˙
Form eines Ñ Grabbaus bzw. Grabheiligtums, das den Perserkriegen zerstçrten Milet (479 v. Chr.)
sich jedoch durch eine exponierte Lage innerhalb ebenso verbunden wie der Bau der Stadtanlage
des Stadtgebietes (auf oder nahe der Ñ Agora) oder von Pirus (um 450 v. Chr.) und das stdtebauliche
unmittelbar vor dem Stadttor auszeichnet. Insbeson- Konzept von Thurioi (445/44 v. Chr.); die ihm von
dere im Kontext der Verehrung von Grndungs- Strabon (14, 654) zugeschriebene Planung der Stadt
heroen der Stdte ist das H. nicht selten ein purer Rhodos (408) ist sehr wahrscheinlich Fiktion.
Denkmalbau im Sinne eines Ñ Kenotaphs, der erst Der von Aristoteles als neu gerhmte hippodmeios
mit grçßerem zeitlichen Abstand zum Ableben des trpos war mehr als eine bloße rechtwinklige Anord-
hier Geehrten erbaut worden ist. Berhmte Beispie- nung von Straßenzgen; in der Anlage des Pirus,
le sind die Heroa von Limyra und Kalydon sowie dem einzigen durch eine Vielzahl von Quellen
das sogenannte Theron-Grabmal in Akragas. Das wirklich gesicherten ›Werk‹ des H., findet sich erst-
Errichten von H. als Memorialbauten der Polis huft mals ein kohrentes Konzept der Flchennutzung
sich im Hellenismus (vgl. z. B. Pergamon). fr eine Stadtanlage realisiert, bei der die Ñ Insula als
Lit.: J. Borchard, Die Bauskulptur des Heroons von Limy- Modulus innerhalb eines orthogonales Rasters die
ra, 1976, 108 – 117. – E. Dyggve u. a., Das Heroon von gesamte Siedlungsflche gliederte, wo Hausbebau-
Kalydon, 1934. – M. N. Filgris, W. Radt, Die Altertmer ung, çffentliche Bereiche fr Verwaltung und ko-
von Pergamon 15, 1: Das Heroon, 1986. – P. Marconi,
Agrigento, 1929, 124– 127. nomie sowie sakrale Flchen voneinander getrennt
und zugleich miteinander in eine geordnete Bezie-
hung gesetzt wurden.
Hestiatorion Ñ Bankettbau, Banketthaus Daß die Planungen des H. ein umfassenderes,
˙
auch staatspolitisch verankertes Konzept und nicht
Hexastyl(os) Von griech. hex, ›sechs‹ und stýlos, ›Su- eine bloße bauliche Strukturierung eines Siedlungs-
˙
le‹; ein Sulenbau mit sechssuliger Front; das ge- platzes zum Gegenstand hatten, ergibt sich aus den
bruchlichste Grundmuster des griech. Ñ Tempels. nur mittelbar bekannten Schriften, die in erster Li-
nie bei Aristoteles (Politik 1267b24 – 1269a29) frag-
Hippodamisches System Moderner Fachbegriff aus mentarisch berliefert sind; dies zeigt zugleich auch
dem Bereich des Ñ Stdtebaus bzw. der Stadtpla- das weitgespannte Ttigkeitsspektrum eines Ñ Ar-
nung, der ein absichtsvoll rechtwinklig angelegtes chitekten klassischer Zeit. ber die staatstheoreti-
Straßenraster mit einer von Straßen umfaßten recht- schen Positionen des H. ist in der modernen For-
eckigen oder quadratischen Ñ Insula als kleinster schung spekuliert worden; einem ›radikaldemokra-
Einheit der Bebauung bezeichnet; irrigerweise be- tischen‹ Konzept des H. ist mehrfach ein antidemo-
nannt nach dem im 5. Jh. v. Chr. ttigen Architekten kratisches in der Art von Platons Staatsutopie
und Staatstheoretiker Ñ Hippodamos (aus Milet), der gegenbergestellt worden. Einschtzungen mssen
sicher nicht der Erfinder dieses bereits in archaischer den kritisch-ablehnenden Tenor des Aristoteles ge-
Zeit im kolonialen griech. Stdtebau gngigen genber des Ideen des H. wie den Umstand berck-
Grundmusters gewesen ist. sichtigen, daß H. um die Mitte des 5. Jh. v. Chr. im
Lit.: W. Mller-Wiener, Griech. Bauwesen in der Antike, Auftrag Athens im Pirus ttig war, was beides eher
1988, 186 –188. fr demokratische Tendenzen im hippodamischen
Konzept spricht. Aufgeworfen ist durch die Debatte
Hippodamos aus Milet, griech. Architekt, Stadtpla- um die Schriften des H. zugleich aber auch die Frage
ner und Autor staatstheoretischer Schriften; das des Verhltnisses zwischen urbanistischer Planung
131 Holz, Holzbauweise

und der sie begrndenden und legitimierenden Theben und Mantineia. Ebenfalls durch die Dimen-
Staatstheorie, ein Problembereich, der ber Gene- sionen der Anlagen bedingt war, im Gegensatz zum
rationen hinweg eher einseitig auf die stadtplaneri- kleineren Ñ Stadion, der dauerhafte Verzicht auf eine
schen Aspekte fokussiert geblieben ist. baulich-architektonische Gestaltung. Die griech. H.
Lit.: P. Benvenuti Falciai, Ippodamo di Mileto architetto e blieben allesamt ephemere Erdarchitekturen; bis-
filosofo. Una ricostruzione filologica della personalit , weilen konnten, wie in Elis, Wagen- und Pferde-
1982. – A. Burns, Hippodamos and the Planned City, in: rennen sogar auf der Agora, die dann temporr zum
Historia 25, 1976, 414 –428. – F. Castagnoli, Ippodamo da
Mileto e l’urbanistica a pianta ortogonale, 1956. – H. J. H. umgerstet wurde, stattfinden.
Gehrke, Bemerkungen zu Hippodamos von Milet, in: De- Eine aufwendige architektonische Manifestation
mokratie und Architektur. Der hippodamische Stdtebau erfhrt das H. erst in Gestalt des rçm. Ñ Circus; hier-
und die Entstehung der Demokratie, 1989, 58 –63. – I. von zu trennen ist der u. a. in den Villenbriefen des
Haugsted, Hippodamos fra Milet. Antikke graeske bypla-
Plinius berlieferte hippodromos, der eher als Be-
ner fra det 5. rh. f. Kr., 1978. – W. Hoepfner, E.-L.
Schwandner, Haus und Stadt im klassischen Griechenland, standteil des Gartens einer rçm. Villenanlage denn
2
1994. – H. R. McCredie, Hippodamos of Miletos, in: Stu- als Rennbahn aufzufassen ist.
dies Presented to G. M. A. Hanfmann, 1971, 95– 100. – Ch. Lit.: J. Ebert, Neues zum Hippodrom und den hippischen
Schubert, Land und Raum in der rçm. Republik. Die Kunst Konkurrenzen in Olympia, in: Nikephoros 2, 1989,
des Teilens, 1996. – J. Szidat, Hippodamos von Milet. Seine 89 – 107. – R. Fçrtsch, Archologischer Kommentar zu
Rolle in Theorie und Praxis der griech. Stadtplanung, in: den Villenbriefen des jngeren Plinius, 1993, 78 – 80. –
Bonner Jahrbcher des Rheinischen Landesmuseums 180, M. Vickers, The Hippodromos at Thessaloniki, in: Journal
1980, 31 –44. – Ch. Triebel-Schubert, U. Muss, Hippoda- of Roman Studies 62, 1972, 25– 32. – H. Wiegartz, Zur
mos von Milet. Staatstheoretiker oder Stadtplaner? in: He- Startanlage im Hippodrom von Olympia, in: Boreas 7,
phaistos 5/6, 1983/84, 37 – 59. – R. E. Wycherley, Hippo- 1984, 41 –78.
damos and Rhodes, in: Historia 13, 1964, 135 –139.

Hofhaus Ñ Haus
Hippodrom Griech. von hı´ppos, ›Pferd‹ und Ñ drmos,
˙
›Laufbahn‹. In der griech. Architektur bezeichnet H. Holz, Holzbauweise Bei Vitruv (4, 2, 1 u. ç.) wird die
die Pferderennbahn, die seit dem frhen 7. Jh. (Ein- H. als materiatio bezeichnet; diese antike Benennung
fhrung der Wagenrennen in Olympia: 680 v. Chr.) umfaßt dabei alle Arten des Holzbaus bzw. der im
als Einrichtung in den Poleis und Heiligtmern Bauwesen notwendigen Gewerke des Zimmer-
blich wurde; das H. war in archaischer Zeit erst- mannshandwerks – sowohl den Bereich des kons-
rangiger Ort aristokratischer Reprsentation, wo truktiven Holzbaus im Sinne der Errichtung von
Reichtum durch den Besitz und routinierten Ge- Fachwerken, Dachsthlen (Ñ berdachung), Gale-
brauch edler Rennpferde weithin sichtbar vor Pu- rien oder Zwischendecken wie auch die Herstellung
blikum demonstriert werden konnte. Die U-fçrmi- einzelner, fr den Holz- und den Steinbau technisch
gen Anlagen waren von Wllen fr Zuschauer um- notwendiger Hilfsmittel (Dbel, Holzngel; Keile;
geben und mit einer Start- und Zielvorrichtung Sparren; Pflçcke) sowie schließlich die Erstellung
sowie einer Wendemarkierung ausgestattet. Die er- von temporr bençtigten Gersten fr den Steinver-
heblichen Dimensionen (ca. 250 x 600 m; ein Um- satz im Hochbau sowie der hçlzernen Hilfskons-
lauf betrug mindestens 4 Stadien = ca. 770 m) mach- truktionen fr den griech. Materialtransport und
ten eine Errichtung außerhalb der Heiligtmer zur den rçm. Gußmçrtelbau (Ñ Zement, Zementbauwei-
Regel: Das H. von Olympia, nur aus der Schilderung se, vgl. Ñ Bautechnik), z. B. Schal- und Lehrgerste.
des Pausanias (6, 20 – 21) bekannt, lag zwischen Neben der im antiken Griechenland weit verbrei-
Stadion und Alpheios und ist vom Schwemmsand teten Verwendung von Holz im Kontext der Er-
des Flusses nahezu gnzlich verschttet worden; das richtung von Lehm- und Flechtwerkmauern sowie
H. von Delphi fand sich weit unterhalb des Apol- als Anker-Material im Ñ Mauerwerk wurde ein spe-
lonheiligtums in der Ebene von Kirra. Bezeugt ist zialisiertes, holzbearbeitendes Tischlerhandwerk im
ein H. ferner fr die Heiligtmer von Nemea, Isth- spten 8. und 7. Jh. v. Chr. fr die Errichtung der
mia und Delos sowie fr die Stdte Athen, Sparta, zunchst gnzlich hçlzernen Ñ Tempel, im spteren
Holz, Holzbauweise 132

Steinbau dann in erster Linie fr die Konstruktion IV. (Athenaios 5, 203e-206 a) bzw. das Prunkschiff
von Dachsthlen und Baugersten bençtigt. Die Hierons II. oder den Leichenwagen Alexanders.
Verwendung von Holz im griech. Hochbau, beson- Eine hochspezialisierte H.-Bautechnik ist im an-
ders im Sulen- und Quaderbau ist fr den Bereich tiken Rom bereits fr die republikanische Zeit ge-
der Ñ berdachung sowie fr die Konstruktion von sichert; die Verwendung temporr aufgebauter, hçl-
eingezogenen Zwischendecken durch Balkenlç- zerner Architekturen etwa fr Theater- und Gladia-
cher, Einlaßspuren und Dbellçcher (z. B. an den torenspiele wie auch fr die dabei bençtigten Kulis-
Steinhusern von Ammotopos bei Arta, Westgrie- sen ist vielfach durch die antike Literatur, aber auch
chenland), zudem verschiedentlich auch durch er- Bodenbefunde (Pfostenlçcher von Tribnenbauten,
haltene Bauinschriften gut belegt, jedoch in nur z. B. auf dem Ñ Forum Romanum in Rom) belegt
wenigen Ausnahmefllen im archologischen Be- (Ñ Temporre Bauten). Beil, Sge und Hobel, aber
fund konkret bezeugt. auch Stechbeitel sowie verschiedene Materialien zur
Holz wurde im griech. Tempelbau, aber auch im Hrtung und Imprgnierung des Holzes fanden
Hausbau in großem Umfang verwendet; die in der gleichermaßen routinierte Anwendung.
antiken Literatur oft geschilderten Brnde pro- Im rçmisch-kampanischen Hausbau spielte Holz
minenter Tempelbauten waren hierdurch ermçg- ebenfalls eine gewichtige Rolle: sowohl im Rahmen
licht. Spannweiten bis zu gut 11 m (Cella des Ñ Par- von Fachwerkarchitekturen als auch im Rahmen der
thenon) waren im griech. Tempelbau blich; in Binnengliederung von Bauten (besonders bei der
Extremfllen konnten ber 20 m berspannt wer- Konstruktion des Obergeschosses der Huser). In
den (Rom, Saepta Iulia). Dies machte erhebliche erheblichem Umfang haben sich, aufgrund der be-
Querschnitte der Balken notwendig; bezeugt ist sonderen Umstnde der Verschttung, Reste antiker
ein Querschnitt von 29 x 26 cm fr eine 7 m ber- Holzkonstruktionen an den Husern des 79 n. Chr.
spannende Geschoßdecke in einem Wohnhaus in von Vesuv-Lava begrabenen Herculaneum erhalten.
Ammotopos; Querschnitte von ber 30 x 30, ja ber Die spezifischen Eigenheiten rçm. Ñ Bautechnik
40 x 40 cm (Delphi; Brauron; Rom, Saepta Iulia) (Ñ Zement, Zementbauweise; Ñ Ziegel, Ziegelbau-
waren ebenfalls keine Seltenheit. weise) setzten in hohem Maße spezialisiertes Zim-
Die Bevorratung und Bearbeitung von Holz (b- mermannshandwerk und entwickelte Techniken
licherweise mittels Beil, seltener mittels Sge) war der Holzbearbeitung voraus, etwa fr die Verscha-
ein wesentlicher Kosten- und Arbeitskraftfaktor bei lung von Mauern, Gewçlbe und Kuppeln (Ñ Gewçl-
der Errichtung çffentlicher Bauten. Ebenfalls nur be- und Bogenbau; Ñ Kuppel, Kuppelbau) sowie fr
indirekt aus Einlaßspuren (Propylen der Athener Lehr- und Fhrungsgerste bei der berbrckung
Akropolis) oder aus literarischen Beschreibungen von Tlern und Flssen im Straßen- und Wasser-
sind Holz-Gerste bekannt, die fr den Versatz leitungsbau (Ñ Straßen- und Brckenbau; Ñ Wasser-
von Steinquadern und Sulentrommeln, aber auch versorgung). Zu den wenigen erhaltenen architekto-
bezglich der Arbeitsvorgnge fr die Glttung und nisch und dekorativ-knstlerisch gleichermaßen be-
ggf. Bemalung der Bauten vielfach notwendig wa- deutenden antiken Holzelementen zhlen die groß-
ren; gleiches gilt fr die zahlreichen im griech. Bau- formatigen Eingangstren von S. Sabina in Rom und
wesen bençtigten technischen Hilfsmittel (Krne, S. Barbara in Kairo, beide aus dem 5. Jh. n. Chr.
Vorrichtungen fr den Transport des Baumaterials Eine herausragende Rolle spielte Holz berdies in
vom Steinbruch zur Baustelle). der Ñ Militrarchitektur (sowohl im Bereich der De-
Aufwendige Holzkonstruktionen finden sich an fensivbauten, z. B. Palisaden, wie auch bei den of-
den Ñ temporren Bauten der hellenistischen (und fensiv ausgerichteten Belagerungsgertschaften) so-
spter rçm.) Zeremonialarchitektur; erinnert sei an wie im antiken Schiffbau.
verschiedene prunkvolle Zeltkonstruktionen, ent-
Lit.: L. Haselberger, Dcher griech. Wehrtrme, in: Mittei-
standen etwa unter Ptolemaios II. (Athenaios 5, lungen des DAI, Abt. Athen 94, 1979, 93– 112. – H. von
196a –197 c), aber auch an ›schwimmende‹ oder Hesberg, Temporre Bilder oder die Grenzen der Kunst, in:
›fahrende‹ Bauten wie das Nilschiff des Ptolemaios Jahrbuch des DAI 104, 1989, 61–82. – P. Herz, DNP 5,
133 Hypogum
˙
1998, 676 – 677 s.v. Holz. – A. T. Hodge, The Woodwork Lit.: W. Hoepfner, Zum Hypthral-Tempel bei Vitruv
of Greek Roofs, 1960. – R. Kroes, Woodwork in the Foun- und zum Olympieion in Athen, in: Mitteilungen des
dations of stone-built Roman Bridges, in: Bulletin van de DAI, Abt. Rom 104, 1997, 291– 300.
Vereeniging tot bevordering 65, 1990, 97– 105. – H. Lauter,
Die Architektur des Hellenismus, 1986, 48– 63. – J. Liver-
sidge, Woodwork. In: Roman Crafts, Ausst.-Kat. London Hypocaustum Ñ Heizung, Heizungsanlagen
1976, 155 – 165. – R. Martin, Manuel d’architecture grecque ˙
1. Matriaux et techniques, 1965. – R. Meiggs, Trees and
Hypogum Von griech. hyp, ›unter‹, und ge, gaia.
Timber in the Ancient Mediterranean World, 1982. – W. ˙
Mller-Wiener, Griech. Bauwesen in der Antike, 1988, ›Erde‹; ›Unterirdisches‹. Sammelbezeichnung fr
216 s.v. Holz. – A. K. Orlandos, Les matriaux de constructi-
on et la technique architecturale des anciens Grecs I, 1966;
II, 1968. – J. V. Thirgood, Man and the Mediterranean
Forrest. A History of Resource Depletion, 1981.

Horologion Griech; lat. horologium; die seit dem


˙
3./2. Jh. v. Chr. bliche Bezeichnung fr Uhren,
vor allem Sonnenuhren. Das bekannteste antike H.
war das h. (solare) Augusti in Rom, die von Plinius
(Naturgeschichte 36, 72/73) beschriebene, in der
Regentschaft des Augustus auf dem Marsfeld in
Rom entstandene, im 1. und 2. Jh. n. Chr. mehrfach
erneuerte Sonnenuhr mit Kalenderfunktionen. Der
Gnomon (Zeiger) bestand aus einem Obelisk, der
seinen Schatten auf eine gepflasterte Flche mit
einem Liniennetz warf, das mittels Bronzeeinlagen
markiert war. Die im Anschluß an verschiedene
Ausgrabungen und Interpretationen der antiken
und neuzeitlichen Textberlieferung vorgestellte
Rekonstruktion von E. Buchner, der hier ein kom-
plexes dynastisches Monument annahm, welches
auch die Ara Pacis Augustae (Ñ Altar) mit einschloß,
ist von M. Schtz unter Hinweis auf verschiedene
Fehler in der mathematischen und physikalischen
Berechnungen in Zweifel gezogen worden.
Lit.: E. Buchner, Die Sonnenuhr des Augustus, 1982. – M.
Schtz, Zur Sonnenuhr des Augustus auf dem Marsfeld.
Eine Auseinandersetzung mit E. Buchners Rekonstruktion
und seiner Deutung der Ausgrabungsergebnisse, aus der
Sicht eines Physikers, in: Gymnasium 97, 1990, 432 – 457.

Horreum, Horrea Ñ Speicher- und Lagerbauten

Hypthral Von griech. hypaı´thrios, ›unter freiem


˙
Himmel‹; bei Vitruv (3, 2, 8) gebruchlicher, latini-
sierter Grzismus, der einen unberdachten Bau
bezeichnet; in der griech. Architektur-Nomenklatur
begegnet der Begriff nicht. Vgl. Ñ Dipteros; Ñ Tem- Unterirdisches Ziegel-Grab (Hypogum) mit
pel; Ñ berdachung. Ringschichten-Gewçlbe bei Ktesiphon, 2. Jh. n. Chr.
Hyposkenion 134
˙
alle Arten unterirdisch angelegte Architekturen. Das l’cole franÅaise de Rome 108, 1996, 105 – 158. – W. A.
H. bildet im modernen Verstndnis berwiegend Daszewski, The Origins of the Hellenistic Hypogaeum in
Alexandria, in: Fs. E. Winter, 1994, 51 –68. – U. Kron, Zum
einen Teilbereich der Ñ Grabbauten, wobei hier Hypogaeum von Paestum, in: Jahrbuch des DAI 86, 1971,
nur eine unter das Erdniveau gesetzte, nicht aber 117 – 148. – J. L. Lamboley, Les hypoges indig nes apu-
mit Erdreich berschttete, zunchst oberirdisch liens, in: Mlanges de l’cole franÅaise de Rome 94, 1982,
erbaute Architektur im Sinne des Tumulus mit ei- 91 – 194. – L. Reekmans, Sptrçm. Hypogaea, in: Fs. F. W.
Deichmann, 1986, 11 –37.
ner Grabkammer darin verstanden wird; ferner
kçnnen (mit einem Grab wesensmßig eng ver-
wandte) Ñ Heroa (z. B. dasjenige von Kalydon) sowie Hyposkenion Teil des Bhnengebudes des helle-
˙
Baulichkeiten fr besondere Kultanlagen (z. B. das nistischen und rçm. Ñ Theaters.
Nekromanteion von Ephyra oder, aus rçm. Zeit, das
Mithrum von Capua/S. Maria Capua Vetere) als H. Hypostyl Moderne, in Anlehnung an Vitruvs Ñ Hy-
in Erscheinung treten. ˙ entstandene Bezeichnung fr einen Su-
pthralbau
Das H. wird seit der 2. Hlfte des 4. Jh. v. Chr. im lenbau mit unberdachtem Mittelteil; im antiken
griech. Kulturraum wie in den Nachbarkulturen Baubestand eine sehr seltene Form (Delos, sog. hy-
der Thraker, der Phçnizier oder der indigenen Kul- postyler Saal). Vgl. Ñ berdachung.
turen Sditaliens (Apulien; vgl. auch das H. von Lit.: Ph. Bruneau, Guide de Delos, 1983, 162 – 164.
Paestum) zunehmend hufig; eine Herleitung der
zahlreichen alexandrinischen H. aus lteren gyp- Hypotrachelion Von griech. hyp, ›unter‹, und trche-
˙
tischen Vorbildern wird diskutiert, wren aber los, ›Nacken‹ abgeleitet. Bei Vitruv (3, 3, 12; 4, 3, 4)
kaum eine Erklrung des Phnomens insgesamt. in latinisierter Form gebruchlich. Als H. gilt der
In der frhchristlichen Architektur bildet das bis- zusammen mit dem Ñ Kapitell aus einem Werk-
weilen zur Ñ Katakombe erweiterte H. eine bedeu- stck gearbeitete Ansatz bzw. obere Abschluß des
tende Rolle als Begrbnis- und Kultplatz und fixiert Sulenschaftes: beim dorischen Kapitell oft mit den
damit den Ort des Entstehens erster Coemeterial- Ñ Anuli, beim ionischen bisweilen mit einem Orna-
Kirchen. mentfries dekorativ kenntlich gemacht. In griech.
Bauinschriften wird das H. meist als auchn (›Na-
Lit.: H. Alon el-Atta, The Relations between the Egyptian
Tombs and the Alexandrine Hypogaeum, in: tudes et
cken‹, ›Hals‹) bezeichnet. Ñ Sule.
Travaux 16, 1992, 11 –19. – A. Barbet u. a., L’hypoge
palochretien des Orants Constanta, in: Mlanges de Hysplex Ñ Balbis
135 Inkrustation

Iktinos Architekt aus Athen (?), ttig in der zweiten achtende geringfgige Einwrtsneigung der Ñ Sule
Hlfte des 5. Jh. v. Chr., errichtete gemß Strabon (9, im ußeren Sulenkranz, zusammen mit der Ñ Enta-
395 f.) und Pausanias (8, 41, 9) als ›Hauptwerk‹ den sis, der Verstrkung des Durchmessers der Ecksu-
Ñ Parthenon auf der Athener Akropolis (dies nach len und der Ñ Kurvatur ein Element der Ñ Optical
Plutarch, Perikles 13, 7 zusammen mit Ñ Kallikrates, Refinements im griech. Sulenbau.
wobei ber die Zuweisung der Anteile an beide Lit.: D. Mertens, Der Tempel von Segesta und die dorische
Architekten in der modernen Forschung Uneinig- Tempelbaukunst des griech. Westens in klassischer Zeit,
keit besteht). Darber hinaus wird I. als Architekt des 1984, 255 s.v. Sulenneigung. – W. Mller-Wiener,
Griech. Bauwesen der Antike, 1986, 136 – 37. – E. Rankin,
Telesterions in Eleusis (Strabon, 9, 395; Vitruv, 7 Geometry enlivened. Interpreting the Refinements of the
praef. 12; anders: Plutarch, Perikles 13) und des Greek Doric Temple, in: Acta Classica 29, 1986, 29 – 41.
Apollontempels von Bassae/Phigaleia (Pausanias 8,
41, 8 f.) genannt. Sollten diese nicht auf Primrquel- Inkrustation Von lat. crustae [marmoreae], ›marmorne
len basierenden, gleichwohl antiken und heute weit- Schale‹; bei Vitruv (7, 5) mißverstndlich als Stuck-
gehend akzeptierten Zuschreibungen zutreffen, so verblendung im Sinne des 1. pompejanischen Ma-
wre in I. einer der innovativsten Architekten der lereistils (Ñ Stuck) beschriebene Wanddekoration
Hochklassik zu sehen, der eine einzigartige Ver- mit architekturimitierendem Aufbau. Als archolo-
schmelzung von Bauordnungen und divergierenden gischer Terminus technicus bezeichnet I. hingegen
Rahmenbedingungen im Parthenon zu schaffen ausschließlich die Innenverkleidung von Wnden
wußte. Technische Herausforderungen (Ñ berda- minderen Materials mit flachgeschnittenen Mar-
chung des Telesterions) wie die Verbindung tradi- morplatten (wobei das Verhltnis dieser ›echten‹ I.
tionell-bodenstndiger Grundrißproportionen mit zum 1. pompejanischen Stil, der I. imitiert und des-
modernsten Aufriß-, Innenraum- und Detaillçsun- halb hufig auch I.-Stil genannt wird, weiterhin un-
gen am Apollontempel von Bassae meisterte er eben- klar ist). Die bei Plinius (Naturgeschichte 36, 48)
so. Vitruv (7 praef. 12) erwhnt eine ansonsten unbe- berlieferte Anekdote, ein gewisser Mamurra habe
kannte Schrift des I. ber den Parthenon, die dieser erstmalig um 60 v. Chr. Wnde mit crustae verklei-
zusammen mit einem gewissen Karpon verfaßt habe. det, ist legendr: Die Technik lßt sich im griech.
Lit.: H. Knell, in: DNP 5, 1998, 931 f. s.v. Iktinos. – H. Kulturraum verschiedentlich seit der Archaik (De-
Svenson-Evers, Die griech. Architekten archaischer und los) nachweisen, wird wohl im 4. Jh. v. Chr. zuneh-
klassischer Zeit, 1996, 157 – 211 (m. antiken Quellen und mend hufig (Palast des Mausollos in Halikarnassos,
weiterer Sekundrlit.).
vgl. Plinius, Naturgeschichte 36, 47 und Vitruv 2, 8,
10) und sptestens im hellenistischen Alexandria
Infrastruktur Ñ Architektur C 2; Ñ Hafenanlagen; Gemeingut; sie war hier jedoch zunchst ein Surro-
Ñ Kanal, Ñ Kanalisation; Ñ Militrarchitektur; Ñ Std- gat, das Marmormangel kaschierte oder durch hohe
tebau; Ñ Straßen- und Brckenbau; Ñ Tunnel, Tun- Baugeschwindigkeit begrndet war.
nelbau; Ñ Wasserversorgung I. sind aus ihrer Frhzeit selten erhalten; sie be-
standen nicht nur aus flachen Marmorplatten, son-
Inklination Moderner Terminus technicus der ar- dern konnten auch Gesimse, Pilaster und Architrave
chologischen Bauforschung; bezeichnet wird hier- umfassen und auf diese Weise zu ganzen Schein-
mit die bei einigen dorischen Ringhallentempeln architekturen zusammengefgt werden. Die einzel-
klassischer Zeit (z. B. beim Ñ Parthenon) zu beob- nen Elemente wurden mit Mçrtel, meist zustzlich
Insula 136
˙
auch mit Haken und Dbeln an der Wand fixiert. In Im griech. Stdtebau findet sich die I. als Resultat
republikanischer Zeit werden I. als ideale Verklei- orthogonaler oder pseudo-orthogonaler Einteilung
dungselemente der neuentwickelten Ñ Zement- und des Siedlungsgebietes in Streifen erstmals im Kon-
Ñ Ziegelbauweise (vgl. Ñ Bautechnik) zu einem we- text frher Koloniestdte des Westens. Die Stadt-
sentlichen Bestandteil der rçm. Architektur und dann anlage von Megara Hyblaea auf Sizilien gilt als fr-
schnell zu einem Reprsentationsmittel, das mit hester Beleg; bereits im 7. Jh. durchzog hier ein
prachtvoll ornamentierten Intarsien und figrlichen Raster sich kreuzender Straßen weite Teile des Ge-
Einlegearbeiten aus buntfarbenem Stein versehen biets innerhalb der ummauerten Stadt. Vermutlich
sein konnte und das dem sptrepublikanischen Ph- diente dieses Verfahren der gleichmßigen Land-
nomen des Marmorluxus zuzuordnen ist; oben zi- verteilung an die Kolonisten und korrespondierte
tierter Mamurra kçnnte hier insofern Pionier gewe- mit einer hnlichen, heute nur noch selten rekons-
sen sein, als er mçglicherweise der erste war, der diese truierbaren Rasterung der Chora außerhalb der
Art des Bauluxus in einem Privathaus ausfhren ließ. Stadt (am besten bekannt aus der nçrdlichen Umge-
I. finden sich seit der Zeitenwende an allen re- bung von Metapont). Im Zusammenhang mit ersten
prsentativen çffentlichen Architekturen des Impe- stdtebaulichen Gesamtkonzeptionen der griech.
rium Romanum, etwa an Basiliken, Thermen und Stadt, meist verbunden mit der durch Ñ Hippodamos
Theatern, darber hinaus zahlreich an Privathusern von Milet erbauten Stadtanlage im Ñ Pirus bei
der Reichen und kaiserlichen Palsten. In der spt- Athen, wird die I. zum Nukleus eines Konzepts
antiken Architektur bilden I. ein ebenso durchgn- der Flchennutzung und bildet, wie etwa in Priene
giges Element (u. a. die Palastvilla von Stobi) wie im noch gut nachvollziehbar, innerhalb eines berge-
frhchristlichen Kirchenbau (Rom: S. Sabina, 5. Jh. ordneten Planungsrasters ein Modul, das mittels
n. Chr.; Ravenna: S. Vitale, 6. Jh.; Konstantinopel: Addition oder Bruchteilen das gesamte Stadtgebiet
Ñ Hagia Sophia, 6. Jh.). mit aufeinander proportional abgestimmten Fl-
Ein nachantikes Wiederaufleben der I.-Technik chen berzieht und auch den çffentlichen und reli-
erfolgte unter den Cosmaten in Rom (12.-14. Jh.) giçsen Raum der Stadt definiert. War in den griech.
und an verschiedenen Bauten der Proto-Renaissan- Koloniestdten archaischer und frhklassischer Zeit
ce Norditaliens. die gerechte Teilung von Land unter den Kolonis-
Lit.: A. Andreou, Griech. Wanddekorationen, 1988. – W. ten urschlicher Grund fr das Entstehen der I., so
Drack, Zum Farbenspiel rçm. Marmor- und Inkrustations- sind die berlegungen von W. Hoepfner und E.-L.
Imitationen, in: Von Farbe und Farben, Fs. a. Knoepfli, Schwandner zur Normgrçße der I. in den stdte-
1980, 31 –36. – H. Drerup, Zum Ausstattungsluxus in der
rçm. Architektur, 21981. – E. Huston, The Cosmati, 1951. baulichen Gesamtplanungen des 5. und 4. Jh., zum
– A. Kleinert, Die I. der Hagia Sophia, 1979. – B. Wesen- darauf erbauten uniformen Typenhaus (Ñ Haus) und
berg, Certae rationes picturarum, in: Marburger Winckel- zur damit verknpften Idee einer Gleichsetzung
mann-Programm 1975/76, 23 – 43. von Demokratie, Isonomia und Besitzgleichheit
von archologischer und historischer Seite nicht un-
Insula Von lat. insula (›Insel‹) abgeleiteter antiker widersprochen geblieben.
˙
Terminus technicus der Urbanistik, der beim Ñ Std- Die I. der rçm. Stadt fgt sich ein in das zunchst
tebau die allseits von Straßen umgebene und durch sakral, spter eher als pragmatischer Herrschaftsakt
diese Struktur markierte Flche fr die Bebauung gehandhabte Konzept der Landnahme und Land-
bezeichnet. I. sind nicht ausschließlich ein Produkt vermessung (centuriatio; Ñ Cardo; Ñ Decumanus); die
stdtebaulicher Gesamtplanungen. Sie sind inner- in I. gegliederte Stadtstruktur nimmt ihren Ausgang
halb eines orthogonalen Straßennetzes zwar in der am Kreuzungspunkt von Cardo und Decumanus im
Regel von rechteckiger oder trapezoider, seltener Zentrum der Stadt und entspricht als ein berge-
quadratischer Form, zugleich heißt aber auch der ordnetes Flchennutzungskonzept einerseits dem
Terrain-Ausschnitt des unregelmßigen Straßensys- traditionellen rçm. Militrlager, andererseits zumin-
tems einer ›gewachsenen‹ Stadt I. (wie z. B. in Delos dest in Grundzgen der griech. Urbanistik des sp-
oder in Teilen Pompejis). teren 5. und 4. Jh. v. Chr. Teile des Konzept sind
137 Isidoros

dabei dem etruskischen Ritus der Stdtegrndung Lit.: K. Nohl, Index Vitruvianus, 1876, s.v. Intercolumni-
und Siedlungsstrukturierung entlehnt; bereits in um.
Etrurien finden sich als Produkte eines rituellen
Aktes der Stdtegrndung orthogonale, an Decuma- Ionische Bauordnung Ñ Sule, Sulenordnungen
nus und Cardo ausgerichtete Bebauungen mit I.
(z. B. in Marzabotto, 6. Jh. v. Chr.). Die I. waren Ionisches Kapitell Ñ Kapitell
dicht bebaut, in Ballungszentren wie Rom oder
Ostia z. T. mit mehrgeschossigen Mietshusern, in Ionische Sulenbasis Ñ Sule, Sulenordnungen
Landstdten wie Pompeji mit maximal zwei-
geschossigen, z. T. großflchigen Stadthusern, die Impluvium Das Wasserbecken im Ñ Atrium des
˙
zur Straße hin Lden aufwiesen, ansonsten aber rçm. Hauses, in dem sich das vom Ñ Compluvium,
durch hohe, fensterlose Mauern von der Außenwelt der Lichtçffnung des Atriums, zusammengefhrte
abgetrennt waren. Regenwasser sammelte und das oft Teil einer Ñ Zis-
In zahlreichen lat. Schriftquellen bezeichnet I. terne war.
darber hinaus auch ein Einzelmietshaus und steht Lit.: E. M. Evans, The Atrium Complex in the Houses of
im Gegensatz zur Ñ domus, dem Herrensitz; diese Pompeii, 1980. – R. Fçrtsch, Archologischer Kommentar
Huser wurden an die rmere Bevçlkerung (insula- zu den Villenbriefen des jngeren Plinius, 1993, 30 – 31.
rii) vermietet und meist von einem Sklaven (servus
insularius) verwaltet. Isodomes Mauerwerk Ñ Mauerwerk
Lit.: D. Asheri, Distribuzioni di terre nell’antica Greca,
1966. – T. Boyd, M. Jameson, Urban and Rural Land Isidoros Name zweier bei Prokop (de aedificiis 1, 1,
Division in Ancient Greece, in: Hesperia 50, 1981, 24.50.70; 2, 3, 7 und 2, 8, 16 –18) berlieferter, aus
327 – 342. – K.-V. v. Eickstedt, Beitrge zur Topographie
des antiken Pirus, 1991. – B. Fehr, Kosmos und Chreia. Milet stammender, miteinander verwandter und
Der Sieg der reinen ber die praktische Vernunft in der aufeinander folgender Architekten der Ñ Hagia So-
griech. Stadtarchitektur des 4. Jh. v. Chr., in: Hephaistos 2, phia in Konstantinopel. Der ltere I. erbaute zusam-
1980, 155 – 185. – W. Hoepfner, E.-L. Schwandner, Haus men mit Ñ Anthemios von Tralleis zwischen 532
und Stadt im klassischen Griechenland, 21994. – Th. Lo-
und 537 den Neubau ber den Brandruinen der
renz, Rçm. Stdte, 1987. – D. Mertens, E. Greco, Urban
Planning in Magna Grecia, in: G. Pugliese Caratelli, The lteren Basilika (Ñ Kuppelbau); der jngere I. war
Western Greeks, 1996, 243 –262. – F. Prayon, Die Etrus- bei der Restaurierung und Neukonstruktion der
ker, 1996, 85 – 89. – Ch. Schubert, Land und Raum in der 558 eingestrzten großen Kuppel federfhrend t-
rçm. Republik. Die Kunst des Teilens, 1996. tig. Beide waren in erster Linie prominente Mathe-
matiker und ausfhrlich befaßt mit euklidischer
Interkolumnium Von lat. inter (›zwischen‹) und co- Geometrie und platonischer Zahlenlehre; im Zu-
˙
lumna (›Sule‹); die lichte Weite zwischen zwei Su- sammenwirken mit dem ebenfalls als Mathematiker
len im antiken Sulenbau, gemessen auf dem Ñ Sty- ttigen Anthemios von Tralleis erklrt sich der ma-
lobat; bei Vitruv ein Hauptparameter fr die Ñ Pro- thematisch hçchst ausgeklgelte Entwurf der Hagia
portionen und die sthetik von Sulenbauten. Vgl. Sophia.
hier Ñ Joch. Lit.: Ñ Hagia Sophia.
Joch 138

Joch Moderner Terminus technicus in der archo- Die Tendenz zu Systematisierung, zu maßlicher
logischen Bauforschung, der im antiken Sulenbau und proportionaler Verkettung der einzelnen Bau-
den Achsabstand zweier Sulen bezeichnet (im Ge- elemente und Strecken im griech. Ringhallentempel
gensatz zum lichten Raum dazwischen, dem auch in wird an der sich zwischen dem 6. und spten 4. Jh.
der antiken Architekturterminologie bezeugten Be- v. Chr. erheblich wandelnden Auffassung des J. be-
griff des Ñ Interkolumniums; in der angelschsischen sonders offensichtlich. Bis ins spte 6. Jh. v. Chr.
Fachliteratur meist als ›interaxial space‹ benannt. Das J. bleiben unterschiedliche J.-Weiten an Fronten und
war, besonders im Konzept des griech. Peripteral- Flanken der Ringhalle in der Folge additiver, noch
tempels klassischer Zeit (Ñ Tempel), als eine notwen- wenig systematisierter Baukonzeptionen blich; in
digerweise klar definierte Teilmenge der Ñ Achswei- der Regel wird dabei die Tempelfront durch wei-
ten (= die Distanzen zwischen den Mittelpunkten tere Abstnde der Sulenachsen gegenber den
der vier Ecksulen) eine der zentralen Planungsgrç- dichter gefaßten Langseiten betont. Im Athenatem-
ßen im Bauentwurf (Ñ Bauwesen); der planerische pel von Paestum (um 510 v. Chr.) findet sich an
Nukleus archaischer Tempel des 6. Jh. v. Chr. war einem wegweisenden Pionierbau des Westens als
demgegenber meist der langrechteckige Ñ Stylobat. Innovation erstmals das ringsum identische Nor-
Das J. findet sich hufig als Ñ Aufschnrung (Markie- mal-J., das mit dem lteren Poseidontempel von
rung der Sulenmittelpunkte, z. B. am Zeustempel in Kap Sunion (um 490 v. Chr.) im griech. Mutterland
Olympia) auf dem Stylobat und prjudizierte im spter auftritt und hier fortan zum Regelfall wird;
systematisierten Maßverbund des Sulenbaus dori- die daraus resultierende Kommensurabilitt von J.-
scher Ordnung das Maß- und Proportionsgefge der Weiten mit den Teilmaßen im Fries und der pro-
Metopen und Triglyphen im Ñ Fries, wo ein J. regel- portionalen Verkettung mit Sulen- und Geblkhç-
haft aus der Maßsumme zweier Triglyphen und he findet im Zeustempel von Olympia, dem Ñ Par-
zweier Metopen bestand (wobei sich die arithmeti- thenon in Athen und dem großen Tempel von
sche Beziehung zwischen J. auf der einen und Me- Segesta ihre Hçhepunkte in der 2. Hlfte des 5. Jh.
tope bzw. Triglyphe auf der anderen Seite meist in v. Chr. Der reißbrettkonzipierte, nunmehr meist in
einem einfachen, kleinsten gemeinsamen Nenner ionischer, spter auch in korinthischer Ordnung
spiegeln, der wiederum als Ñ Embater (›Grundmaß‹) ausgefhrte Rasterbau, der seit dem mittleren 4. Jh.
oft geeignet ist, das gesamte Maßgefge der Archi- v. Chr. den dorischen Gliederbau ablçst, ordnet das
tektur transparent zu machen). Eine zentrale Rolle J. in ein den gesamten Plan durchziehendes Gitter-
spielt das J. als planerisch relevante Distanz darber netz ein und macht das J. als zentrale Planungsgrçße
hinaus auch im Ñ dorischen Eckkonflikt. zunehmend obsolet.
Trotz dieser aus Befunden und der Systematik des
Lit.: H. Bsing, Eckkontraktion und Ensembleplanung, in:
griech. Gliederbaus erschlossenen eminenten Be-
Marburger Winckelmann-Programm 1987, 14– 46. – J. J.
deutung fr Bauplanung und Baurealisation hat Coulton, Towards Understanding Doric Design: The Sty-
sich aus der schriftlichen berlieferung zur antiken lobate and Intercolumniations, in: Papers of the British
Architektur bis heute kein zeitgençssischer Begriff School at Athens 69, 1974, 61– 86. – Ch. Hçcker, Planung
fr das J. gefunden; selbst bei Vitruv (z. B. 3, 3, 1 ff. und Konzeption der klassischen Ringhallentempel von Ag-
rigent, 1993, 72– 74; 119 – 141. – H. Knell, Vitruvs Archi-
u. ç.) dominieren umstndliche Umschreibungen tekturtheorie, 1985, 63 – 114. – D. Mertens, Der Tempel
mithilfe des Interkolumniums und des unteren Su- von Segesta und die dorische Tempelbaukunst des griech.
lendurchmessers. Westens in klassischer Zeit, 1984, 252 s.v. Joch. – W. Ml-
139 Juppitergigantensulen

ler-Wiener, Griech. Bauwesen in der Antike, 1986, 29 –31. berg, Beitrge zur Rekonstruktion griech. Architektur nach
– H. Riemann, Zum griech. Peripteraltempel, 1935 passim. literarischen Quellen, 1983.
– ders., Hauptphasen in der Plangestaltung des dorischen
Peripteraltempels, in: G. E. Mylons (Hrsg.), Studies presen-
ted to D. M. Robinson Bd. I, 1951, 295 – 308. – B. Wesen- Juppitergigantensulen Ñ Sulenmonumente
Kmpfer 140

Kmpfer Auflager eines Gewçlbes oder Bogens auf 1000 ; man scheidet ›ungelçschten‹ K. (Kalzium-
einer Wand oder Sule/Pilaster (Ñ Gewçlbe- und oxyd) von dem mit Wasser ›gelçschtem‹ K. (Kalzi-
Bogenbau, mit Abb.); der bergang von der Ver- umhydroxid). Kalk diente in der spthellenistischen
tikalen in die Bogenform kann in der Sptantike auch und rçm. Architektur in Vermischung mit Sand und
durch ein spezielles K.-Kapitell gebildet werden. Wasser als mçrtelartiges Bindemittel fr Ñ Mauer-
Lit.: J. Kramer, Kmpferkapitelle mit den Monogrammen werk, gelçscht ferner als Verputz (vgl. Ñ Stuck), un-
Kaisers Justinus’ II., in: Fs. K. Wessel, 1988, 1975 – 190. gelçscht dann zur Abdichtung von Wasserleitungen
und Zisternen (in diesen beiden Funktionen bereits
Kallikrates Architekt und Bauunternehmer aus in der griech. Antike gelufig) sowie fr Unterwas-
Athen, im mittleren und spten 5. Jh. v. Chr. ttig. serbauten. In verschiedener Variation war K. auch
Inschriftlich bezeugt ist sein Mitwirken an Repara- Bestandteil der rçm. Ñ Zementbauweise, diesbezg-
turmaßnahmen auf der Athener Akropolis (IG I2 lich ausfhrlich bei Vitruv (2, 5) beschrieben. K.
44) sowie an der Konzeption des Athena-Nike- wurde in großen Brennçfen in mehrtgigem Brenn-
Tempels, ebenfalls auf der Athener Akropolis (IG prozeß gewonnen (erhalten z. B. in Iversheim bei
I2 24). Plutarch bezeichnet in seinem historisch we- Bad Mnstereifel). Der K.-Gewinnung durch Mar-
nig zuverlssigen, aus kaiserzeitlich-rçm. Sicht ver- morverbrennung sind seit der Sptantike zahlreiche
faßten Bericht ber die perikleischen Akropolisbau- antike Denkmler und Bauten zum Opfer gefallen.
ten des 5. Jh. v. Chr. in Athen (Perikles 13) K. dar- Lit.: H. Schneider, DNP 6, 1999, 171 f. s.v. Kalk.
ber hinaus als maßgeblichen Architekten des Ñ Par-
thenon (zusammen mit Ñ Iktinos) und als Beteiligten Kalypter Von griech. kalýpto, ›verhllen‹; gerunde-
˙
am Bau der ›Langen Mauern‹ zwischen Athen und ter oder eckig ausgebildeter, insgesamt formal sehr
dem Pirus. Trotz dieser unsicheren Quellenlage variabler, lnglich-schmaler Dachziegel, der die
hat die moderne archologische Bauforschung, un- Stoßfugen der flchigen Dachziegel (strotr) ber-
ter Hinweis hierauf, ein dichtes Netz aus Mut- lappt und so das Eindringen von Regenwasser ver-
maßungen ber Architektenateliers im 5. Jh. im all- hindert; der First-K. berlappt in hnlicher Weise
gemeinen gewoben und weitere, meist auf Stilver- die Trennfuge im First, dort wo die zwei schrgen
gleichen mit Baugliedern des Nike-Tempels basie- Dachflchen aneinanderstoßen. Vgl. Ñ berda-
rende Zuschreibungen von Bauten an K. chung.
vorgenommen, u. a. das Erechtheion, den ›Athe- Lit.: P. Danner, Westgriech. Firstantefixe und Reiterkalyp-
ner‹-Tempel auf Delos, das Athener Hephaisteion, tere, 1996.
den Poseidon-Tempel von Kap Sunion oder den
Nemesis-Tempel von Rhamnus. Kammergrab Ñ Grabbauten
Lit.: H. Knell, DNP 6, 1999, 184 f., s.v. Kallikrates. – H.
Svenson-Evers, Die griech. Architekten archaischer und Kanal, Kanalbau
klassischer Zeit, 1996, 214 – 236. A. Verkehrskanle
In allen antiken Zeiten war der Schiffstransport ge-
Kalk Lat. calx, einer der wichtigsten Grundstoffe der genber dem Landtransport bei weitem effizienter
antiken, namentlich der rçm. Architektur. Der pul- und schneller; selbst im Imperium Romanum mit
verfçrmige K. entsteht beim Verbrennen von har- seinem technisch hochstehenden Straßensystem
tem Kalkstein (vorzugsweise Marmor) bei ca. (Ñ Straßen- und Brckenbau) war der Transport
141 Kanal, Kanalbau

von Stck- und Schttgut per Schiff bei weitem kerfeldzge wichtige Umfahrung der Stromschnel-
schneller und effektiver als mit schwerflligen, we- len am ›Eisernen Tor‹ bot. Auch das umfangreiche
nig belastbaren Wagen. Entsprechend finden sich, K.-System verschiedener sdenglischer Flußlufe,
vor allem entlang schiffbarer Flsse, Ñ Hafenanlagen das des Niederrheins mit seinen Nebenflssen und
und, damit einhergehend, Flußausbauten; als K. gilt schließlich die Versuche, die Flußsysteme von
dabei eine Wasserstraße mit konstruktiver und vor Rhein, Maas, Mosel und Sa
ne miteinander zu ver-
allem umfangsmßiger Eigenstndigkeit, nicht die binden, wurde wie die anderen genannten milit-
im Hafenbau hufigen kurzen Verbindungs-K. risch geprgten Infrastrukturbauten intensiv vom
zweier Hafenbecken oder Stichkanle zu Flssen zivilen Wirtschaftsverkehr genutzt. Allein wirt-
oder der offenen See. schaftliche Ziele verfolgte das unter Csar geplante,
Der frheste Schiffahrts-K. war ein Durchstich unter Kaiser Nero begonnene, aber in der Antike
zwischen Nil und Rotem Meer (sog. ›antiker Su- unvollendet gebliebene Projekt des Durchstichs des
ez-K.‹), um 600 v. Chr. von Pharao Necho II. be- Isthmus von Korinth.
gonnen, allerdings erst um das Jahr 265 v. Chr. voll- In den Bereich der Verkehrskanle fallen ferner
endet; die berwindung von Gelndeerhçhungen kurze, knstliche Durchstiche bei der Errichtung
durch Kammerschleusen ist hier erstmalig belegt. von Hafenanlagen (phçnizische Handelsniederlas-
Zunchst allein militrischen Zwecken diente der sungen, z. B. Motye vor der Westkste Siziliens;
Durchstich im Norden der Athos-Halbinsel (von Tiberhfen von Portus und Ostia), besonders auch
Tripiti nach Nea Roda), der 480 v. Chr. unter dem bei der knstlich umgestalteten Seenlandschaft im
Perserkçnig Xerxes fr die gegen Griechenland ge- Bereich der Militr- und Zivilhfen im Golf von
richtete Flottenunternehmung nach dreijhriger Neapel. blich war es, bei komplizierten Schwer-
Bauzeit vollendet war; der K. wies bei einer Lnge transporten ephemere Stichkanle fr Lastkhne bis
von knapp 2,5 km eine Tiefe von durchschnittlich an den Rand der Baustelle zu graben (z. B. fr die
2 m auf und war in seiner Breite so gehalten, daß Ein- und Ausschiffung von Obelisken).
zwei persische Triremen nebeneinanderfahrend
den K. passieren konnten (vgl. Abb.). Zunchst mi- B. Be- und Entwsserungskanle
litrischen Charakter hatte auch der unter Kaiser Die grundstzliche Wasserknappheit im mediterra-
Trajan erbaute Donau-K., der mit seiner ca. 3000 m nen Bereich machte den Bau von Bewsserungs-
langen und 14 m breiten Bettung eine fr die Da- kanlen bei fortschreitender Intensivierung und fl-
Kanal, Kanalbau 142
143 Kanalisation

chenmßiger Ausdehnung der Landwirtschaft jen- 17, 1986, 15 –38. – J. Knauss, Die Melioration des Kopias-
seits der Ñ Wasserversorgung der Siedlungen zu ei- beckens durch die Minyer im 2. Jt. v. Chr., 1987. – W.
Sonne, Hellenistische Herrschaftsgrten, in: W. Hoepfner,
nem wichtigen Faktor. Bereits im 3. und 2. Jt. v. Chr. G. Brands (Hrsg.), Basileia. Die Palste der hellenistischen
sind umfangreiche Bewsserungssysteme aus Meso- Kçnige, 1996, 136– 143. – R. Tçlle-Kastenbein, Antike
potamien und gypten bekannt, die durch den zen- Wasserkultur, 1990, 39– 42. – E. Zangger, Landschaftskon-
tralistischen Aufbau dieser Staaten und die damit trolle im griech. Altertum, in: Spektrum der Wissenschaft
5/1995, 88 – 91.
einhergehende dirigistische Organisation von Ar-
beitskraft entscheidend gefçrdert worden sind. In
der klassischen Antike, besonders im Griechenland Kanalisation Eine innerçrtlich organisierte, archi-
des 1. Jt. v. Chr. scheiterten grçßer angelegte Bews- tektonisch ausgebaute K. ist die Kehrseite der
serungsprojekte regelmßig an dem Umstand, daß Ñ Wasserversorgung. Jedes in eine Siedlung hinein-
weniger die Errichtung solcher Landschaftsarchitek- gefhrte Wasser muß letztendlich zur Versickerung
turen an sich als vielmehr deren unaufhçrlich not- oder zur Ableitung in einen Fluß oder ins Meer
wendige Pflege und Wartung von den zahlenmßig wieder vor die Stadt gefhrt werden; das Ausmaß
eher kleinen Brgergemeinschaften nicht zu be- der Wasserzufuhr definiert dabei direkt das Ausmaß
werkstelligen waren. Bewsserungskanle finden der notwendigen K. fr das Abwasser, worunter das
sich hier wie auch in der rçm. Antike deshalb vor- Ableiten von Regenwasser im allgemeinen nicht zu
zugsweise im Kontext grçßerer Ñ Gartenanlagen, zhlen ist, da dies meist in Ñ Zisternen gesammelt
etwa bei hellenistischen Ñ Palsten oder rçm. Ñ Vil- wurde (und das damit verbundene Kanalsystem
len, hier hufig auch mit dekorativ-luxuriçsen folglich in den Bereich der Wasserversorgung
Funktionen versehen (z. B. der Ñ Canopus in der bzw. der Ñ Wasserleitungen zu subsumieren ist).
Villa Hadriana). Abwasserkanle sind in verschiedene Kategorien
Entwsserung zum Zweck der Gewinnung von zu scheiden: kleine, in ihrer Baulichkeit sehr ver-
Ackerland an topographisch ungnstigen Stellen schiedene Auslaß- oder Anfangskanle, die das Ab-
war in der griech. Antike frh bekannt; gut erforscht wasser aus dem Haus zu einem hçherrangigen Stra-
sind die wasserbaulichen Maßnahmen im Kopais- ßenkanal fhrten; diese Straßenkanle wiederum
Becken in Bçotien, wo bereits in mykenischer Zeit konnten in weiteren, bergeordneten Hauptkan-
eine ca. 50 km2 große Tiefebene durch einen knapp len gebndelt werden. In Großstdten wie Rom
25 km langen, bis zu 40 m breiten und 2– 3 m tiefen oder Athen gab es darber hinaus noch Kanle
K. entwssert und landwirtschaftlich nutzbar ge- 4. Ordnung, ber die die Ausleitung des gesammel-
macht worden war. hnlich entwssert wurden ten Abwassers aus der Stadt vonstatten ging (z. B. die
Teile Mittelitaliens durch die Etrusker (K.-Ein- Ñ Cloaca Maxima in Rom, deren Hauptzweck zu-
schnitte in den Tuff); in die Zeit Theoderichs fllt nchst in der Drainage des tiefgelegenen Forum-
die Trockenlegung der umfangreichen Sumpfgebie- areals lag und die somit zunchst eher ein Ñ Kanal
te in der Umgebung von Ravenna durch K. zur Entwsserung und erst spter dann zentraler
Lit.: Verkehrskanle: E. Buchner, Ein Kanal fr Obelisken.
Bestandteil der antiken Stadtkanalisation war). Die
Neues vom Mausoleum des Augustus in Rom, in: Antike Abwasserkanle waren nur selten offen (z. B. Smyr-
Welt 27, 1996, 161 –168. – B. S. J. Isserlin, R. E. Jones u. a., na), in der Regel unterirdisch angelegt und mit
The Canal of Xerxes on the Mount Athos Peninsula, in: Ziegeln, Steinplatten oder Holzbohlen gedeckt,; sie
Papers of the British School at Athens 89, 1994, 277– 284. –
waren gemauert oder verrohrt (bisweilen auch aus
W. Kleiss, Wasserschutzdmme und Kanalbauten in der
Umgebung von Pasargadae, in: Archologische Mitteilun- Holz, z. B. Xanten), mit Mçrtel ausgekleidet und
gen aus Iran 24, 1991, 23 – 30. – F. Oertl, Das Problem des hatten Querschnitte von 15 x 15 bis zu 80 x 80 cm.
antiken Suez-Kanals, in: Kleine Schriften zur Wirtschafts- Ein System von Schubsperren sorgte dafr, das Was-
und Sozialgeschichte des Altertums, 1975, 232 –264. – W. ser angestaut und die Anlagen mittels eines Wasser-
Werner, Der Kanal von Korinth und seine Vorlufer, in:
Das Logbuch 1993, Sonderheft.
schwalls gereinigt werden konnten. Die Entsorgung
Be- und Entwsserungskanle: H. J. Kalcyk, B. Heinrich, Die des Abwassers vor der Stadt war dort, wo es keinen
Melioration des Kopaisbeckens in Bçotien, in: Antike Welt Fluß gab, meist weniger wirksam ausgebaut und
Kannelur 144
˙
bisweilen aus hygienischer Sicht problematisch; die Kantenschutz Moderner Begriff aus der archologi-
sehr aufwendige K. der hellenistischen Stadtanlage schen Bauforschung, der im Rahmen der antiken
von Pella fhrte z. B. das Abwasser in eine unmittel- Ñ Bautechnik (hnlich der Ñ Bosse) im griech. Qua-
bar vor der Stadt gelegene Lagune inmitten eines derbau einen Schutz empfindlicher, im Steinbuch
Sumpfgelndes. Verschiedentlich diente eine sepa- bereits weitgehend vorgefertigter Bauteile vor Be-
rate K. zur Ableitung und Speicherung von Regen- schdigung bei Transport und Versatz bezeichnet;
wasser, besonders in Orten mit Hangbebauung beispielsweise wurde an Quadern an den auf Paß
(Ñ Zisterne, Ñ Wasserversorgung). einzufgenden Kanten bis zur endgltigen Verwen-
Lit.: H. Bauer, Die Cloaca Maxima in Rom, in: Schriften- dung ein berschssiger Streifen Material stehenge-
reihe der Frontinus-Gesellschaft Heft 12, 1989, 45– 63. – lassen, den man erst unmittelbar beim Einpassen
D. P. Couch, Water Management in Ancient Greek Cities, abarbeitete; vgl. auch Ñ Werkzoll.
1993, 176 –179. – R. Tçlle-Kastenbein, Antike Wasser-
kultur, 1990, 166 – 176. Lit.: W. Mller-Wiener, Griech. Bauwesen in der Antike,
1988, 77 –78.

Kannelur Modern-latinisierte Bezeichnung (von Kapitell Von lat. capitellum (›kleiner Kopf‹); im anti-
˙ ˙
canna, ›Rçhre‹, ›Rinne‹) fr die senkrechten Rillen ken Sulenbau der oberste Teil der Ñ Sule, meist als
einer Ñ Sule; in griech. Bauinschriften heißt die K. eigenes Werkstck gearbeitet, auf dem Schaft auf-
meist rbdosis (von griech. rbdos fr ›Streifen‹). Do- gedbelt; das K. dient als Auflager des Geblks
rische Sulen weisen in der Regel 20, seltener 16 (Ñ Epistylion; Ñ Fries; Ñ Geison) und suggeriert in
im Grat spitz zulaufende K. auf, ionische bzw. tektonisch sprechender Form (durch einen ge-
korinthische meist 24 K., die in einem abgeflachten quetschten Ñ Echinus als unteren und einen quadra-
Steg enden. K. kçnnen seit der hellenistischen Zeit tisch-plattenfçrmigen Ñ Abakus als oberen Teil) das
auch ›gefllt‹ sein bzw. nur den oberen Teil einer ›Gewicht‹ des Bauwerks. In der griech. Architektur
Sule dekorieren; in der rçm. Architektur findet heißt das K. kikranon oder, hufiger, epı´kranon (von
sich nicht selten auch ein gnzlicher Verzicht auf kranı´on, ›Schdel‹).
K. (dies regelmßig bei der ›tuskanischen‹ Ord- Die verschiedenen antiken Ñ Sulenordnungen
nung). Die Gestaltung der K. ist an antiken Stein- manifestieren sich u. a. auch durch die Formen des
sulen durch die unterste, mitunter auch die oberste K.; neben dem dorischen K. mit trichterfçrmigem
Sulentrommel durch einen schmalen K.-Ansatz Echinus (berwiegend 6. – 3. Jh. v. Chr.) sind vor
vorgegeben und erfolgte in ganzer Lnge erst allem das im 6. Jh. v. Chr. entwickelte ionische Vo-
nach Fertigstellung des Rohbaus. Das Verfertigen luten-K. (Vorluferformen als Weihgeschenktrger;
eingemeißelter K. war, wie u. a. aus den Inschriften ›olische K.‹), das mittels eines komplizierten vege-
zum Bau des Erechtheions auf der Athener Akro- tabilen Aufbaus (Akanthus-Bltter) gekennzeichne-
polis, aber auch aus dem praktischen Nachvollzug te korinthische K. (ab dem spten 5. Jh. v. Chr.), das
antiker Handwerkstechniken (moderner Nachbau schmucklos-knopffçrmige tuskanische K. (in der
der Attalos-Stoa in Athen) hervorgeht, ein zeitauf- etruskischen, spter auch rçm. Architektur verbrei-
wendiger und arbeitsintensiver Prozeß, der beson- tet) und das Ñ Komposit-K. (als Verschmelzung der
ders bei sprçdem Marmor mitunter zu Fehlern ionischen und korinthischen Ordnung) in der Anti-
fhrte, die dann mit kunstvollen Flickungen ka- ke gelufig; spezielle, eher seltene Varianten sind das
schiert wurden (Parthenon). Nicht selten sind K. Ñ Blattkelch-K. und das Ñ Figural-K. sowie weitere,
mit Ñ Stuck ausgekleidet, in rçm. Zeit bisweilen korb- bzw. wabenfçrmige K. in sptantiker und
auch (etwa auf geziegelten Sulen) appliziert. Vgl. frhbyzantinischer Zeit.
Ñ Facettierung. Lit.: H. Bauer, Korinthische Kapitelle des 4. und 3. Jh.
Lit.: T. Mattern, Segmentstab-Kanneluren, in: Boreas 18, v. Chr., 1973. – V. W. Gans, Korinthisierende Kapitelle
1995, 57 – 76. – W. Mller-Wiener, Griech. Bauwesen in der rçm. Kaiserzeit, 1992. – W. Heilmeyer, Korinthische
der Antike, 1988, 216 s.v. Kannelur. – D. Wannagat, Sule Normalkapitelle. Studien zur Geschichte der rçm. Archi-
und Kontext, 1995, 95 – 149. tekturdekoration, 1970. – K. Herrmann, Zum Dekor dori-
145 Katakomben
˙
scher Kapitelle, in: Architectura 13, 1983, 1 – 12. – W. das im 5. und 4. Jh. v. Chr. eher selten begegnet
Kirchhoff, Die Entwicklung des ionischen Volutenkapitells (Koren des Erechtheion, Grabkammer von Sveštari/
im 6. und 5. Jh. v. Chr. und seine Entstehung, 1988. – R.
Schenk, Zur Bezeichnung ›korinthisches Kapitell‹, in: Ar-
Bulgarien), altorientalischen Vorlufern entlehnt ist,
cholog. Anzeiger 1996, 53 –59. – B. Wesenberg, Kapitelle bleibt umstritten; ihre grçßte Verbreitung findet die
und Basen. Beobachtungen zur Entstehung der griech. K. in der archaistischen und neo-attischen Kunst
Sulenformen, 1971. – H. Wiegartz, olische Kapitelle, (1. Jh. v. Chr. – 2. Jh. n. Chr.).
in: E. Schwertheim, H. Wiegartz (Hrsg.), Neue Forschun-
Sachlich inkorrekt, jedoch in ihrer Rezeption u-
gen in Neandria und Alexandria Troas, 1994, 117 – 132.
ßerst folgenreich ist die erwhnte Vitruv-Anekdote,
derzufolge die geblktragende K. ein Motiv der
Kapitol In der rçm. Stadt (Ñ Stdtebau) das religiçse Unterwerfung (»servitutis exemplo«) sei als eine Folge
˙
Zentrum; Bezeichnung fr eine Tempelanlage, die des verrterischen Medismos (d. h. Anschluß an die
der Gçttertrias Juppiter, Juno und Minerva geweiht Perser) der Bewohner der Stadt Karyai; die nachan-
und entsprechend mit drei Kultrumen versehen tike Architekturtheorie hat diese Passage intensiv
war (vgl. Ñ Tempel). Ursprung des rçm. K. als std- diskutiert und seit dem 18. Jh. in den Mittelpunkt
tebaulichem Motiv ist die erhçht gelegene, der Kon- einer ›Architecture parlante‹ gestellt. Besonders die
zeption der Ñ Akropolis in einer griech. Stadt durch- K. des Erechtheions finden sich in der rçm. Kunst
aus hnliche Struktur der Kultanlage in der Stadt ebenso wie im Klassizismus des spten 18. und
Rom (die in neugegrndete coloniae bertragen wur- 19. Jh. als Paradigmen klassischer Kunst kopiert
de, dort jedoch des çfteren nicht in topographisch bzw. umgebildet.
erhçhter Lage angesiedelt wurde bzw. werden Lit.: M. Bushart, S. Hnsel, M. Scholz, K. an Berliner Bau-
konnte, sondern als Teilbereich des Ñ Forums). Seit ten des 19. Jh., in: W. Arenhçvel, Chr. Schreiber (Hrsg.),
dem spten 2. Jh. n. Chr. bezeichnet der Begriff ca- Berlin und die Antike, Ausst.-Kat. Berlin 1979, 531 – 555. –
H. Drerup, Zur Bezeichnung ›Karyatide‹, in: Marburger
pitolium den Haupttempel eine Stadt, unabhngig Winckelmann-Programm 1975/76, 11 – 14. – D. M. Ful-
von einer speziellen Dedikation an die ›kapitoli- lerton, The archaistic style in Roman statuary, Mnemosyne
nische Gçttertrias‹. Suppl. 110, 1990. – H. Heres, Eine archaistische K. aus dem
Lit.: J. W. Stamper, The Temple of Capitoline Juppiter in Theater von Milet, in: Eirene 18, 1982, 5 – 11. – H. Lauter,
Rome. A New Reconstruction, in: Hephaistos 16/17, Die Koren des Erechtheion, 1976. – F. Schaller, Sttzfigu-
1998/99, 108– 138. Weitere Lit.: Ñ Forum; Ñ Stdtebau. ren in der griech. Kunst, 1973. – E. Schmidt, Geschichte der
K., 1982. – A. Schmidt-Colinet, Antike Sttzfiguren, 1977.
– L. Schneider, Ch. Hçcker, P. Zazoff, Zur thrakischen
Karyatide(n) berwiegend langgewandete, weibli- Kunst im Frhhellenismus. Griech. Bildelemente in zere-
˙ moniellem Verwendungszusammenhang, in: Archolog.
che Sttzfiguren an verschiedenem Gert (u. a. Spie-
Anzeiger 1985, 633 –638. – A. Scholl, Die Korenhalle des
gelgriffen) oder in architektonischem Kontext Erechtheion auf der Akropolis, 1998.
(Ñ Bauplastik), wo sie Sulen, Halbsulen oder Pilas-
ter ersetzen. Der Begriff K. ist gemß einer bei
Vitruv (1, 1, 5) geschilderten Anekdote vom pelo- Kassetten(decke) Ñ Lacunar; Ñ berdachung
ponnesischen Ort Karyai abgeleitet, im griech.
Sprachgebrauch erst fr das 4. Jh. v. Chr. nachgewie- Katagogeion Ñ Versammlungsbauten
˙
sen (Lynkeus bei Athenaios 6, 241 d); in Bau-
inschriften des 5. Jh. v. Chr. (Erechtheion) werden Katakomben Vom mittelalterlichen Flurnamen ad
˙
K. hingegen als krai (›Mdchen‹) bezeichnet. catacumbas (›bei der Talsenke‹) der unterirdischen
Die frhesten architektonischen K. begegnen in Grabanlage von S. Sebastiano an der Via Appia bei
Griechenland im 6. Jh. v. Chr. (Knidier- und Siph- Rom abgeleiteter, also moderner Terminus tech-
nierschatzhaus in Delphi); aus dieser Zeit stammt nicus fr eine in die Erde eingetiefte, hier bisweilen
auch der frheste Hinweis auf Geblktrgerinnen in auch in Form des Hochbaus errichtete Ñ Nekropole.
nicht-architektonischem Kontext bei der Schil- Im Gegensatz zu kleineren, privaten Ñ Hypogen
derung des Throns des Apollon von Amyklai durch werden unter dem Begriff K. grçßere Gemein-
Pausanias (3, 18, 9– 10). Inwieweit das Motiv der K., schaftsgrabanlagen subsumiert, erbaut von Begrb-
Katakomben 146
˙
nisvereinen (collegia funeratica) auf von diesen zuvor eine K. von oben nach unten ergruben und mit
erworbenem Grund. K. finden sich als unterirdische Grbern belegten; die Chronologie einer K. verluft
Anlagen vor allem in weichen Tuffstein eingegra- deshalb in der Regel entgegen dem ›archologischen
ben; sie sind deshalb in dieser Form auf wenige Orte Prinzip‹, wonach das Unterste zugleich das lteste
mit entsprechender Geologie beschrnkt (Rom, ist. Die moderne Forschung unterscheidet ein eher
Neapel, Syrakus in Italien; ferner Malta und einige aleatorisch-labyrinthartiges Zweigsystem (Rom, K.
Orte in Tunesien, vereinzelt auf griech. Inseln, z. B. an der Via Latina) von einem im Idealfall schach-
Melos). brettartig-orthogonal angelegten, sehr planvoll
Entgegen einer ber Dekaden verfestigten com- konstruierten Rostsystem (Rom, Callixtus-K.; vgl.
munis opinio waren K. keine ausschließlich christli- Abb.). Die einzelnen Grber finden sich in den
chen Grabanlagen; frhe K. weisen durchaus auch Boden eingetieft, als kleine, in die Wnde einge-
hufig heidnische oder mindestens nicht klar als lassene Nischen und als großzgig gestaltete Ñ di-
christlich erkennbare Bestattungen auf. Im Kontext kula-Anlagen (Arkosol-Grber; vgl. zur Kombinati-
der im frhen 3. Jh. n. Chr. zunehmenden Abgren- on der Typen in einer Anlage die Januarius-K. in
zung des Christentums von der heidnischen Gesell- Neapel), vielfach individuell markiert mit in die
schaft entstanden dann aber die ersten umfangrei- Grabplatten eingedrcktem Glas, Mnzen oder –
chen, bisweilen zu Stiftungen erweiterte Familien- bisweilen reich und figrlich – bemalten Loculus-
grfte sowie korporative Bestattungsvereine, die das Platten. K. wurden im 5./6. Jh. n. Chr. vielfach zu
Prinzip bzw. die Technik der K. vermehrt nutzten; Keimzellen christlicher Tradition (Mrtyrer-Gr-
bereits fr das Ende des 3. Jh. n. Chr. sind in Rom elf ber) und Kultausbung.
der spter insgesamt ber 70 K. bezeugt. Der Bau Lit.: H. Brandenburg, berlegungen zu Ursprung und
der unterirdischen K. wurde von professionellen Entstehung der Katakomben Roms, in: Vivarium. Fs. T.
fossores vollzogen, die nach zuvor festgelegten Plnen Klauser, 1984, 11– 49. – J. Fink, Die rçm. Katakombe an

Rom, Katakombe der


Hll. Petrus und Marcellinus,
Ausschnitt aus dem
Gesamtplan.
147 Kerameikos
˙
Kenotaph(ion) Griech. fr ›leeres Grab‹. Als K. be-
˙
zeichnet die klassische Archologie einen Ñ Grabbau
ohne die berreste einer Bestattung; ein K. bildete
in der Regel ein Ehrenmal fr einen Verstorbenen,
dessen Leichnam entweder nicht mehr greifbar war,
wie z. B. bei in der Fremde oder auf See gefallenen
Kriegern, oder aber auch eine besondere Form des
Ñ Heroon bzw. des Heroenkultes. Nicht selten stell-
te die Errichtung eines K. eine herausragende Eh-
rung seitens des Gemeinwesens oder der Familie
auch fr diejenigen Krieger oder Feldherren dar,
deren sterbliche berreste an bekanntem Ort,
8 aber in individueller Hinsicht anonym, etwa in ei-
nem Staatsgrab bestattet waren (Marathon-Tumu-
lus der Athener u. .). Die Errichtung eines K. als
7 Ehrenmal ist eine in der gesamten Antike von ho-
merischer bis in sptantike Zeit begegnende Er-
6 scheinung. Berhmte K. im Sinne von Memorialar-
chitekturen waren der Bezirk des Dexileos im Ke-
rameikos in Athen, das K. des Theiresias in Theben,
5
das des Gaius Caesar in Limyra und das des Drusus
2 in Mainz.
Lit.: R. Bierig, H. v. Hesberg, Zur Bau- und Kultgeschichte
1 4 von S. Andreas apud S. Petrum, in: Rçm. Quartalschrift fr
christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte 82,
1987, 145 – 182. – H. G. Frenz, Drusus Maior und sein
3 Monument zu Mainz, in: Jahrbuch des rçmisch-germa-
nischen Zentralmuseums Mainz 32, 1985, 394 –421. – J.
Ganzert u. a., Das Kenotaph fr Gaius Caesar in Limyra,
0 5 10 Istanbuler Forschungen 35, 1984.
N

Kerameikos Antike Bezeichnung fr einen dmos


˙
Rom, Callixtus-Katakombe, Rost-Grundriß (Ausschnitt). (Stadtteil) Athens, vom Norden der athenischen
Ñ Agora bis hin zur Akademia reichend; eine ur-
sprnglich sumpfige, vom Lauf des Eridanos durch-
der Via Latina, in: Antike Welt 7/I, 1976, 2 – 14. – W. Fink, zogene Ebene, in der Athens Tçpferviertel, vor al-
B. Asamer, Die rçm. Katakomben 1997. – V. Fiocchi Ni- lem aber seit submykenischer Zeit der hauptschli-
colai u. a., Roms christliche Katakomben, 1998. – C. Gara- che Begrbnisplatz der Stadt lag. Dieser entwickelte
gunis, Beitrag der Ingenieurgeologie zu Problemen der
Erhaltung der Katakomben auf der Insel Milos, Griechen- sich im 6. Jh. v. Chr. zur zentralen, von verschiede-
land, in: Hamburger Beitrge zur Archologie 7, 1980, nen Straßen durchzogenen Ñ Nekropole Athens, die
39 – 52. – L. Kçtzsche-Breitenbruch, Die neue Katakombe durch die themistokleische Mauer (479/78 v. Chr.)
an der Via Latina in Rom. Unters. zur Ikonographie der geteilt wurde; auf dem Gebiet des K. lag das Dipy-
alttestamentlichen Wandmalereien, 1976. – L. Reekmans,
lon-Tor. Der K. bildete den Beginn der heiligen
Die Situation der Katakombenforschung in Rom, 1979. –
H. A. Sttzer, Die Kunst der rçm. Katakomben, 1983. Straße nach Eleusis, umfaßte den Start- und Ziel-
bereich des Ñ Dromos der Agora ebenso wie das
Pompeion, den Ausgangspunkt von Festzgen,
Keilstein(bogen) Ñ Gewçlbe- und Bogenbau etwa der Panathenen.
Klammer 148

Lit.: U. Kenzler, Archaia Agora? Zur ursprnglichen Lage Architektur (Ñ Baukopie), aber auch das eher all-
der Agora Athens, in: Hephaistos 15, 1997, 113 – 136. – U. gemein gehaltene Adaptieren von Stilen und das
Knigge, Der Kerameikos von Athen, 1988.
Verbinden solcher Versatzstcke mit neuen Moti-
ven in neuen thematischen Zusammenhngen (ein
Klammer Ñ Bautechnik durchaus produktiver, keinesfalls sklavisch-imitie-
render Prozeß) erleben hier ihren Hçhepunkt.
Klassizismus Der Begriff K. ist modern und verweist Als ein zweiter, insgesamt umfnglicherer Ver-
auf das lat. classicus (›erstklassig‹, d. h. der ersten, hçchs- stndnisbereich des K. ist das Rckgreifen auf anti-
ten Brgerklasse zugehçrig); er impliziert dabei zu- ke, namentlich griech. Formen in der Neuzeit zu
gleich die Vorbildhaftigkeit eines Zustands und ein benennen, motiviert durch die ›Wiederentdeckung‹
in diesem Sinne legitimiertes imitatives Verhltnis zu Griechenlands im Kontext des durch die Aufkl-
ihm. Die Idee, daß eine Epoche in einer frheren rung bewirkten Umbruchs in Europa im 18. Jh.;
verehrungswrdige Mustergltigkeit sieht, ist nicht zu diesem Komplex vgl. hier Ñ Greek Revival.
spezifisch antik, sondern historisch durchgngig; Lit.: A. Beyer, in: U. Pfisterer (Hrsg.), Metzler Lexikon
demzufolge gibt es nicht eine Klassik und einen Kunstwissenschaft, 2003, 172 – 175 (m. weiterer Lit.). – L.
darauf abzielenden K., sondern zahlreiche Varianten Schneider, Ch. Hçcker, Die Akropolis von Athen, 2001,
183 – 203. – P. Weitmann, Die Problematik des Klassischen
(bis hin zur ›Weimarer Klassik‹ und der ›Klassischen als Norm und Stilbegriff, in: Antike und Abendland 35,
Moderne‹). Analog dem Ñ Archaismus ist K. in der 1989, 150– 186. – P. Zanker, Klassizistische Statuen, 1974.
Antike ein Anachronismus in Literatur, Bildender – ders., Augustus und die Macht der Bilder, 21997.
Kunst und Architektur, bei dem in hellenistischer
und rçm. Zeit Formen der griech. Hoch-Klassik Kçnnensbewußtsein Von dem deutschen Althisto-
(ca. 450– 400 v. Chr.) als vorbildhaft empfunden riker Christian Meier geprgter moderner Begriff,
und in neuen Konstellationen rezipiert werden. Die- mit dem das technisch-qualitative wie zugleich auch
ser innerantike K. setzt im spten 4. Jh. v. Chr. ein, das damit interferierende politische Selbstverstnd-
zunchst mit dem museal-retrospektiven Blickwin- nis des Handwerkerstands in griechisch-klassischer
kel der Athener Brger auf ihre eigene ›große‹ poli- Zeit in demokratisch-pluralistischem Kontext przi-
tische und kulturelle Vergangenheit im 5. Jh. v. Chr. siert ist; K. umfaßt in diesem Sinne einen wichtigen
– eine Perspektive, die von hellenistischen Herr- Aspekt bzw. Teilbereich des griech. Begriffs tchne.
schern (Alexander d. Gr., Kçnige von Pergamon) Besonders im Ñ Bauwesen des 5. Jh. v. Chr. begegnet
bernommen und als Attitde gerne gepflegt wurde; ein offenbar zunehmend demonstrativ aufgefaßter
Selbstinszenierungen am originalen Schauplatz Zug zur Bewltigung von Arbeitserschwernissen
(Akropolis von Athen) wie auch das hier erstmals wie z. B. der Ñ Kurvatur oder der Ñ Inklination bei
auftretende Kopieren von athenisch-klassischer Plas- der Errichtung eines Sulenbaus (Ñ Optical Refine-
tik und Architekturformen und deren Versetzung an ments) – elaborierte Werkprozesse, die mit einiger
anderen Ort (z. B. Athena-Terrasse und Palast in Wahrscheinlichkeit auch Gegenstand çffentlicher
Pergamon) werden zu gngigen Optionen hellenis- Debatte waren und die der technischen Kompetenz
tischer Herrscher, sich kulturell, historisch-legitimie- nicht nur der individuell am Bauprozeß beteiligten
rend und auch machtpolitisch unmittelbar in eine Handwerker oder Bauhtten, sondern auch der
Reihe mit Athen, spter insgesamt mit dem ›altehr- Auftraggeber, ja letztlich des gesamten Gemeinwe-
wrdigen‹ Griechenland zu stellen. sens beredt Ausdruck verliehen (und die damit kei-
Die rçm. Antike grndet sich nach eigenem neswegs allein technisch motiviert waren). Umge-
Selbstverstndnis bis an die Wende zum 3. Jh. kehrt leiteten Handwerker und Bauhtten aus die-
n. Chr. hin auf die griech. Kultur und weist dabei sem laufend angestrebten berwinden des ›Stands
verschiedene Phasen des K. mit unterschiedlicher der Kunst‹ nicht nur ein offensiv-selbstbewußtes
Intensitt aus; am umfassendsten in der Zeit des Verstndnis ihrer eigenen Ttigkeit ab, sondern zu-
Augustus, ferner unter den Kaisern Trajan und Ha- gleich die Begrndung ihrer gewichtigen gesell-
drian. Intensives Kopieren von Plastik, Malerei und schaftlich-politischen Rolle als technı´tai bzw. Theten,
149 Kolosseum
˙
zumindest in der attischen Demokratie im Zeitalter der große, knstlich angelegte Gartensee der Domus
des Perikles. Aurea, was einen insgesamt gnstigen, weil bereits
Lit.: A. Burford, Knstler und Handwerker in Griechen- planierten und befestigten Bauplatz ergab.
land und Rom, 1985, 237 –248. – Ch. Meier, Die Entste- Unter Vespasian zu Beginn der 70er Jahre begon-
hung des Politischen bei den Griechen, 1980, 435 – 439. – nen, wurde das K. unter Titus 80 n. Chr. (in einem
Ch. Hçcker, Planung und Konzeption der klassischen
Ringhallentempel von Agrigent, 1993, 154 – 165 u. Anm. noch provisorischen Bauzustand) mit hunderttgi-
795 – 802. – Ch. Hçcker, L. Schneider, Pericle e la costru- gen Feierlichkeiten eingeweiht, unter Domitian
zione dell’Acropoli, in: S. Settis (Hrsg.), I Greci 2, 2, 1997, dann endgltig ausgebaut und vollendet. Grçßere
1239 – 1274. – H. Schneider, Das griech. Technikverstnd- Reparaturen sind aus dem frhen 3. Jh. berliefert
nis, 1989, 52– 60 u. 132 – 135.
(nach einem durch Blitzschlag verursachten Brand
im Jahr 217 n. Chr.; feierliche Neuerçffnung im
Koilon Griech. Bezeichnung der Ñ Cavea. Jahr 222), ferner aus den Jahren 320, 442, 470 und
˙
508, was trotz der Verbote der munera durch Hono-
Kolonnade Geblkberspannte Sulenreihe in Ver- rius im frhen 5. Jh. auf eine Weiternutzung bis in
bindung mit einem Bauwerk oder einer grçßeren die Zeit Justinians schließen lßt; die letzten nach-
Architekturmasse; als Einfassung von Pltzen und gewiesenen Spiele (venationes, ›Tierhetzen‹) fanden
Straßen oder als Gliederungsmotiv fr Ñ Fassaden. 523 n. Chr. statt. Im Mittelalter zum privaten Kastell
Vgl. Ñ Peristyl. verschiedener rivalisierender rçm. Adelssippen um-
gebaut, diente das K. bis zum Beginn des archolo-
Kolosseum Nachantike Bezeichnung fr das amphi- gischen Interesses im 18. Jh. ber Jahrhunderte glei-
˙
theatrum Flavium genannte Amphitheater çstlich des chermaßen als Steinbruch und Wohnquartier rme-
Forum Romanum in Rom. Der noch heute gngige rer Bevçlkerungsgruppen, was den insgesamt
Begriff K. ist volkstmlich; er entstand im 8. Jh. schlechten Erhaltungszustand erklrt.
n. Chr. und ist nicht, wie oft gemeint, von der ge- Der Baukçrper auf ellipsenfçrmigem Grundriß
waltigen Grçße des Bauwerks abgeleitet, sondern mißt in der Horizontalen ca. 188 x 156 m. Die Ñ Ca-
von der Kolossalstatue des Kaisers Nero (antiker vea aus insgesamt fnf Rngen erhebt sich gut 48 m
Name: colossus Neronis), die sich in unmittelbarer in die Hçhe und bot nach neueren Schtzungen
Nachbarschaft des Bauwerks erhoben hat. 50.000 Besuchern Platz, die ber ein kleinteiliges
Das K. war das erste in Rom errichtete steinerne Zugangssystem (80 verschiedene Zugnge von au-
Ñ Amphitheater (und zugleich das grçßte, das je er- ßen, Treppen, Flure und Gnge in den konzentrisch
baut wurde), entstand jedoch erst in flavischer Zeit, ineinander gelegten ›Ringen‹ des Baukçrpers) in
also gegen Ende des 1. Jh. n. Chr., als der Bautyp jeweils kleinen, baulich voneinander strikt separier-
selbst im Imperium Romanum schon weitgehend ten Cavea-Segmenten Platz fanden, die im Fall von
etabliert war; bis dahin waren in Rom allein Ñ tem- Unruhen schnell einzeln und gezielt gerumt wer-
porre Bauten fr munera (Gladiatorenkmpfe und den konnten (und insofern den Maßgaben mo-
Tierhetzen) in Benutzung, was der seit der spten dernster Stadionbauten vollauf gengten). Die
Republik verbreiteten behçrdlichen Skepsis vor dau- Konstruktion aus einem Travertin-Skelett (mit bis
erhaften Theaterbauten als potenziellen innerçrtli- zu 13 m tief gegrndeten Fundamenten), in das drei
chen Unruheherden beredt Ausdruck verleiht. Der Vollgeschosse (die an der Außenfassade mit Ver-
Bau des K. war, zusammen mit dem der benach- blendsulen unterschiedlicher Ordnungen – do-
barten Titusthermen, ein demonstrativer Gestus risch, ionisch, korinthisch – markiert waren) mittels
der neuen flavischen Herrscherdynastie, die hiermit Tuffmauern bzw. Einschben aus Ñ Zementbauwei-
das innerstdtische Gelnde zwischen Esquilin, Pala- se eingefgt waren, wurde von einer Attika-Zone als
tin und Oppius, das Nero nach 64 n. Chr. fr den Bau einem vierten Geschoß bekrçnt, das an 80 Pilastern
seiner Ñ Domus Aurea privatisiert hatte, çffentlich- die Vorrichtungen fr die Sonnensegel (vela) trug.
keitswirksam dem rçm. Volk rckbertrug; am Die unter der Arena angesiedelten, labyrintharti-
Standort des K. befand sich sich zuvor der stagum, gen Baustrukturen (Tierkfige und ein leistungs-
Kolumbarium 150
˙
fhiges Liftsystem fr deren Transport in die Arena, verbindet die an sich konstruktiv geschiedenen Ele-
Kabinen fr die Gladiatoren, Rume fr Requisiten mente von waagerechter K. und darauf aufliegenden
und Servicepersonal etc.) scheinen offenbar erst in Blçcken zu einem einzigen Bauglied; in der augus-
der zweiten, unter Domitian erfolgten Ausbauphase teischen Architektur Roms (Concordiatempel) er-
dem Bau hinzugefgt worden zu sein. Fr die mo- reicht das K.-Geison seinen Hçhepunkt als Dekora-
numentalen Einweihungsfeierlichkeiten des K. tionsmittel mit weit ausladenden, Licht- und Schat-
80 n. Chr. (und nur fr diesen Anlaß) sind u. a. teneffekte produzierenden, berreich mit Ornament
auch Naumachien (Nachstellungen von Seeschlach- berzogenen Formen. K. finden sich darber hinaus
ten) berliefert, was die Mçglichkeit zur Flutung als funktional motiviertes Bauelement sehr hufig in
der Arena voraussetzte (was wiederum allerdings der kaiserzeitlich-rçm. Architektur und vielfach in
bei einer mit Substruktionen versehen Arena nicht gemalter, bisweilen dreidimensional applizierter
mçglich war). Form (Ñ Stuck) in der rçm. Wandmalerei.
Ñ Amphitheater mit Abb. Lit.: H. von Hesberg, Konsolengeisa des Hellenismus und
Lit.: Anfiteatro Flavio: Immagine, Testimonianze, Spetta- der frhen Kaiserzeit, 1980.
coli, 1988. – G. Cozzo, Il Colosseo, 1971. – N. Goldmann,
in: N. Thomas de Grummond (Hrsg.), An Encylopaedia of Korinthische Bauordnung Ñ Sule, Sulenordnung
the History of Classical Archaeology I, 1996, 308 –314, s.v.
Colosseum. – J.-C. Golvin, L’amphithatre romaine, 1988.
– R. Lanciani, The Colosseum, 1990. Korinthisches Kapitell Ñ Kapitell; Ñ Sule, Sulenord-
nung
Kolumbarium Ñ Columbarium
˙
Koroibos Nach Plutarch (Perikles 13, 4) der Name
˙
Kompositkapitell Ein spezielles, besonders in der desjenigen Ñ Architekten, der den Bau des Ñ Teles-
˙
rçm. Architektur verbreitetes Ñ Kapitell, das die ve- terion in Eleusis begann (das nach seinem Tode von
getabile korinthische Ordnung (im unteren Teil) Ñ Metagenes und Ñ Xenokles vollendet wurde); K.
mit der ionischen Ordnung (Voluten im oberen ist als in eleusinische Bauprojekte involvierter Ar-
Teil) verschmilzt. chitekt auch inschriftlich erwhnt in IG I3 32 (ver-
Lit.: R. Peters, Ein neues Kompositkapitell aus der Colonia mutlich um 450 v. Chr.). Demgegenber nennen
Ulpia Traiana, in: Archologie im Rheinland, 1991 (1992), Vitruv (7 praef. 16 f.) und Strabon (IX 1, 12 [C
83 – 85 (m. weiterer Lit.). 395] Ñ Iktinos als Architekten des Telesterion; der
Widerspruch ist trotz zahlreicher aufwendiger
Konche Von lat. concha, ›Muschel‹; Nische mit Halb- Quelleninterpretationen bis heute ungelçst.
˙
kuppel als berdachung; alternative Bezeichnung Lit.: H. Svenson-Evers, Die griech. Architekten archaischer
einer Ñ Apsis. und klassischer Zeit, 1996, 237– 251.

Konsole Moderner, aus dem Franzçsischen abgelei- Kraggewçlbe Ñ Falsches Gewçlbe


teter Terminus technicus fr einen aus der Wand
oder einem Pfeiler waagerecht hervorkragenden Kragstein Ñ Konsole
Tragstein, der als Lager fr einen Bogen, Halbsulen,
plastische Figuren oder die Blçcke eines Ñ Geison Krepis Von griech. krepı´s, krepı´doma, ›Schuh‹, ›Basis‹);
˙
diente. Im Kontext der in der hellenistischen Archi- antike, in Bauinschriften vielfach dokumentierte
tektur zunehmend hufigen Geschoßbauweise Bezeichnung fr den gestuften Sockel, der als Un-
(Ñ Fassade) und der Erweiterung des baulichen For- terbau fr Architekturen aller Art, besonders aber
menspektrums kann die K. zur Dachzone eines Ge- des griech. Sulenbaus diente; die K. lagert auf der
budes berleiten, aber auch als strukturierendes Ñ Euthynterie (als der obersten, erstmals exakt nivel-
Element der Mehrgeschossigkeit innerhalb eines lierten Fundamentschicht) und endet im Ñ Stylobat,
Fassadensystems dienen. Das im 2. Jh. v. Chr. im çst- der Standflche fr die Sulen. Die Ausformung der
lichen Mittelmeerraum aufkommende K.-Geison zunchst ein- oder zweistufigen Krepis im frhen
151 Kryptoportikus
˙

Tivoli, Villa Hadriana, Kryptoportikus unter dem Aphrodite-Tempel.

6. Jh. v. Chr. ist ein wichtiges Resultat der Etablie- einer flachen Basis und wird von einem wulstfçr-
rung der dorischen Ordnung im Steinbau (Ñ Tem- migen Kapitell und einer Abakus-Platte bekrçnt.
pel); bei den frhen Holzbauten fußten die Sulen Die K. fand keinen Eingang in den Architektur-
berwiegend auf einfachen Steinplatten. Kanonisch bestand der klassischen Antike. Vgl. Ñ Sule, Sulen-
wird in der griech. Architektur seit dem spten 6. Jh. ordnungen.
v. Chr. eine K. mit drei krftig betonten Stufen, im
Westen (Sizilien) findet sich oftmals sogar eine K. Kreuzgratgewçlbe Ñ Gewçlbe- und Bogenbau
mit vier, an den Tempelfronten von Zugangstrep-
pen (Ñ Treppe, Treppenanlagen) durchbrochenen Kreuzverbund Ñ Mauerwerk
Stufen (z. B. Agrigent, sog. Juno-Lacinia-Tempel).
Entsprechend der im 6. und 5. Jh. v. Chr. wachsen- Kryptoportikus Lat. crypta oder cryptoporticus, von
˙
den Bedeutung des Tempels als visuell-optisch re- griech. krypts (›verborgen‹). Bei der Beschreibung
levante, gleichwohl fr die Kultpraxis weitgehend des sog. Nilschiffes des Ptolemaios’ IV. (Ñ Tempor-
funktionslose Schmuckarchitektur entwickelte sich re Bauten) durch Athenaios (5, 205 a) wird ein abge-
die K. immer mehr zu einem dem Statuensockel schlossener, durch Fenster beleuchteter Wandel-
hnlichen Podest, das das daraufstehende Bauwerk gang als krypt bezeichnet; in lat. Texten findet sich
markant aus der natrlichen Topographie ausgrenz- der Begriff crypta fr verschiedene Architekturen
te und es in den Rang eines plastisch gestalteten wie Keller (Vitruv 6, 8), Gewçlbe (Iuvenal, Satiren
Kunstwerks erhob. Besonders auch die im 4. Jh. 5, 106) oder auch unterirdische, berwçlbte Kult-
v. Chr. neuerbauten Ñ Dipteroi von Ephesos und bzw. Grabanlagen. In der modernen archologi-
Didyma mit ihren kunstvollen Profilierungen der schen Terminologie wird der Begriff cryptoporticus,
einzelnen Stufen, ja des hier ganz auf Ansicht und der sich in antiken Texten selten (nur in einigen
sthetische Rezeption gearbeiteten, nun fast podi- Plinius-Briefen und bei Sidonius) findet, synonym
umsartigen Stufenbaus bezeugen diesen Wandel. zu crypta verwendet und bezeichnet eine Synthese
Eine bedeutende Erschwerung der Herstellung der aus unterirdischem Gewçlbe und langestreckter
K. bildete die Ñ Kurvatur (vgl. auch Ñ Optical Refi- Ñ Portikus in der Art langer, berdachter Wandel-
nements). gnge, wie sie sich – oft als Teil einer Gartenanlage –
Lit.: F. Ebert, Fachausdrcke des griech. Bauhandwerks I, verschiedentlich als ein der Muße dienender Ge-
1910, 8– 10. – Ch. Hçcker, Architektur als Metapher, in: budetrakt im Architekturrepertoire der rçm. Ñ Villa
Hephaistos 14, 1996, 57 –59. – W. Mller-Wiener, Griech. findet, aber auch als Annex çffentlicher Architektu-
Bauwesen in der Antike, 1988, 217 s.v. Krepis.
ren (Theater oder ›Bau der Eumachia‹ in Pompeji).
Eine solche K. konnte gnzlich unterirdisch oder
Kretische Sule Eine in der minoischen Architektur aber auch nur teilweise versenkt angelegt sein, dien-
des 2. Jt. v. Chr. verbreitete Sulenform, bei der sich, te im Sommer fr khlen Aufenthalt, hatte aus
im Gegensatz zur griech. Sule, der Schaft nach diesen klimatischen Grnden meist sehr kleine T-
unten hin verjngt, so daß der untere Durchmesser ren und war z. T. beraus luxuriçs ausgestattet und
signifikant kleiner als der obere ist; die K. steht auf durch raffinierte Lichtfhrung illuminiert.
Kche 152

Lit.: R: Fçrtsch, Archologischer Kommentar zu den Vil- voneinander in den Architekturbestand des mi-
lenbriefen des jngeren Plinius, 1993, 41– 48. – Les Cryp- noischen Kreta (Tholosgrber von Mesara und
toportiques dans l’Architecture romaine, Kongreß-Bericht
Knossos), des mykenischen Griechenland (›Schatz-
Rom 1972 (1973).
haus‹ des Atreus in Mykene; ›K.-Grab‹ bei Orcho-
menos), Sardiniens (›Nuraghen‹), Thrakiens und
Kche In der griech. Antike war ein eigenstndiger Skythiens (sog. ›Bienenkorb‹-K. an Grbern) sowie
Raum mit Herdstelle und weiterer entsprechender Etruriens (K.-Grab von Populonia) eingegangen.
Infrastruktur (Rauchabzug; Wasserabfluß) zur Her- Eine Verwendung der Bauform im Kontext von
stellung von Speisen lange Zeit unbekannt; meist Ñ Grabbauten dominiert (Ñ Tholos).
diente die Herdstelle als Mittelpunkt des Hauptrau-
mes eines Hauses, wo sie zugleich Zentrum gesell-
schaftlicher Kommunikation war. Kchen im enge-
ren Sinne finden sich als funktional definierte, abge-
grenzte Raumteile erstmals in den sptklassischen
Husern von Olynth, als eigenstndige Rume dann
zunehmend in hellenistischen Husern (Dura Eu-
ropos, Delos, Priene), wo dies auf markante Weise
einen Wandel im Verhltnis von Privatheit und
ffentlichkeit in der Wohnarchitektur widerspie-
gelt.
In den ltesten rçm. Husern wurde im Ñ Atrium
gekocht, in lndlichen Regionen hat sich dieser
Brauch bis in die spte Republik gehalten, so daß
sogar der Hauptraum des Hauses culina (lat. ›Kche‹)
heißen konnte (Vitruv 6, 9, 1 f.). Seit dem 2. Jh. v. Chr.
findet sich in den wohlhabenderen rçm. Stadthu-
sern hufig ein kleiner Raum mit gemauerter Herd-
stelle (Rauchabzug durch das Fenster) als K.-Raum,
oft mit der Ñ Latrine verbunden; die Raumgrçße
schwankt zwischen 6 und 20 m2. Die Identifizierung
einzelner Rume als K. bleibt allerdings problema-
tisch (besonders in den Vesuvstdten).
In mehrstçckigen Mietshusern kochte man aus
Platzmangel meist an einem transportablen Ofen im
Wohnraum, was nicht selten zu gefhrlichen Feu-
ersbrnsten gefhrt hat.
Lit.: E. Brçdner, Wohnen in der Antike, 21993, 40 f. – P.
Kastenmeier, Wohnen und Wirtschaften im pompeja- Erst mit der Entstehung der rçm. Ñ Zementbau-
nischen Stadthaus, Diss. Augsburg 2003. – W. Hoepfner, weise im 1. Jh. v. Chr. (Ñ Bautechnik) wird die ›ech-
E.-L. Schwandner, Haus und Stadt im Klassischen Grie-
chenland, 21994, 354 s.v. Kche. – K. W. Weeber, Alltag te‹, komplett radial aufgebaute, in sich zentrierte
im alten Rom, 1995, 219 – 221. Halbrund-K. zu einem Architekturmotiv, zunchst
als ›Halb-K.‹ im Zusammenhang mit der vom Ge-
Kuppel, Kuppelbau ›Unechte‹ K.-Bauten aus ge- wçlbebau abgeleiteten Ñ berdachung einer Ñ Apsis
schichteten Kragsteingewçlben (Ñ Falsches Gewçl- oder Ñ Exedra (›Apsidensaal‹ in Praeneste; Mercati
be; Ñ Gewçlbe- und Bogenbau) finden sich in den Traiani in Rom, spter an Thermenbauten aller
Mittelmeerkulturen seit dem 3. Jt. v. Chr. verschie- Art), seit sptrepublikanisch-augusteischer Zeit
dentlich; sie sind offenbar weitgehend unabhngig dann auch als ›Komplett-K.‹ ber rundem, vier-
153 Kuppelgrab

oder vieleckigem (meist oktogonalem, 12- oder Sophia in Konstantinopel (s. o.) abgesehen – nur die
16-eckigem) Grundriß. Als frhester in Gußtechnik ›positiven‹, d. h. die dauerhaft existent gebliebenen
gefertiger K.-Bau gilt der sog. ›Mercurtempel‹ in Ergebnisse als Baudenkmler berliefert sind; Ver-
Baiae, vermutlich ein Speisesaal im baulichen Kon- suche, die Statik des K.-Baus zu errechnen bzw.
text einer Thermen- bzw. Kuranlage. Mit dem kup- konkret zu antizipieren, sind nicht bezeugt. ber-
pelberdeckten Oktogon der Ñ Domus Aurea hlt in kuppelt werden konnten Rume mit ber 40 m
neronischer Zeit das Motiv jenseits der Thermen- Durchmesser (wie beim Pantheon in Rom mit ca.
architektur Einzug in den Architekturbestand des 43 m.; ca. 37 m Durchmesser am sog. ›Apollontem-
Ñ Palastes und wird hier ebenso zum Topos wie pel‹, einem Thermensaal am Ufer des Lago Averno
spter im Tempelbau (Rom, Ñ Pantheon), im Kir- auf den Campi Flegrei); dennoch blieb der Raum-
chenbau (Ñ Hagia Sophia; Ñ Zentralbau) und, in der durchmesser meist deutlich unter 30 m. ber einem
Sptantike, bei Mausoleen (Galerius-Rotunde in Lehrgerst und einer Holzverschalung (Ñ Holz,
Thessaloniki; ›Tempio della Tosse‹ in Tibur). Holzbauweise) wurde die K. aus Gußzement in
Ein Kernproblem des K.-Baus bildete von jeher radialen Schichten errichtet, wobei nach oben hin
die Verbindung eines Grundrißvierecks mit dem zunehmend besonders leichtes Material wie Bim-
dreidimensionalen K.-Rund als dessen ber- stein oder Vulkansand als Beischlag Verwendung
dachung. Bei der ›Außenkreis-K.‹ wird das Viereck fand. Oft wurden, wie auch im Gewçlbebau, beim
vom ußeren K.-Rund zur Gnze umgriffen, d. h. K.-Bau Tonrçhren, Ziegelrippen, sogar ausgediente
die K. schneidet sich im Querschnitt mit dem Auf- Amphoren zur stabilen Strukturierung von Hohl-
lager in der Form eines Bogens. Die ›Innenkreis-K.‹ rumen und damit zur Gewichtsersparnis in den
fllt demgegenber allein das Innere des Vierecks Bauverbund eingefgt (›Helena-Mausoleum‹ an
aus, bençtigt deshalb als ›Ecklçsung‹ vermittelnde der Via Labicana in Rom). Die Beleuchtung von
Pendentifs (sphrisch geschnittene Dreiecke) oder K.-Bauten erfolgte durch ein Ñ Opaion (Pantheon)
Trompen (Nischen); als frheste aus formaler Sicht oder von einem Fenstergaden (Baiae) aus.
vollendet gestaltete Pendentif-K. gilt die erste, bald Der berkuppelte Raum wird in allen auf die
nach Einweihung des Baus 558 n. Chr. eingestrzte rçmisch-heidnische Sptantike folgenden kulturel-
K. der Ñ Hagia Sophia (Vorlufer der Trompen fin- len Subsystemen (westlich-lateinisches sowie çst-
den sich verschiedentlich an sassanidischen Palsten lich-byzantinisches Christentum; Islam) als Meta-
im Iran). Technisch weniger anspruchsvoll waren K. pher auf das allumspannende Himmelsgewçlbe auf-
ber einem Oktogon bzw. Polygon, die meist in gefaßt und in diesem Sinne zum Topos des frh-
Form eines ›Klostergewçlbes‹ gestaltet waren, bei mittelalterlichen Kirchen- wie auch des frhen
dem die Zahl der Grundriß-Ecken in der Regeln Moscheenbaus.
przise wieder aufgenommen wird. Das Kreisrund Lit.: J. Fink, Die Kuppel ber dem Viereck, 1958. – L. F.
als Grundriß wird blicherweise von einer Hall, The Domus Aurea and the Roman Architectural
›Schirm-K.‹ in der Art eines kurvierten Oktogons Revolution, 2003. – A. Mfid-Mansel, Trakya-Kirklareli
Kibbeli Mezarlari ve Sahte Kubbe ve Kemer Problemi,
berspannt (sog. ›Venustempel‹ in Baiae; Diokleti- 1943. – G. Pelliccioni, Le cupole romane: La stabilit , 1986.
ansthermen in Rom); die Lçsung am hadrianischen – F. Rakob, Rçm. Kuppel-Bauten in Baiae, in: Mitteilungen
Pantheon in Rom, wo sich die halbkugelfçrmige K. des DAI, Abt. Rom 95, 1988, 257 – 301. – J. J. Rasch, Die
ber dem zylindrischen Unterbau auf ein komple- Kuppel in der rçm. Architektur: Entwicklung, Form-
gebung, Konstruktion, in: Architectura 15, 1985, 117 –139.
xes System aus Verstrebungen und Entlastungs-
ders., Das Mausoleum der Kaiserin Helena an der Via
bçgen im Bereich der acht Nischen des Grundrisses Labicana in Rom, 1998. – L. Schneider, Ch. Hçcker, P.
sttzt, bleibt aus statisch-technischer Sicht die Aus- Zazoff, Zur thrakischen Kunst im Frhhellenismus, in:
nahme. Archolog. Anzeiger 1985, 593 – 643. – E. B. Smith, The
Der K.-Bau blieb bis in die Neuzeit Gegenstand Dome, 1950. – D. Thode, Unters. zur Lastabtragung in
sptantiker Kuppel-Bauten, 1975.
eines experimentellen ›trial-and-error‹-Verfahrens,
bei dem – von den wenigen schriftlichen Nachrich-
ten wie etwa ber den Einsturz der K. der Hagia Kuppelgrab Ñ Grabbauten
Kurvatur 154

Kurvatur Moderner Terminus technicus der archo- Lit.: H. Bankel, Aegina, Aphaia-Tempel 3: Die Kurvatur
logischen Bauforschung; bezeichnet wird hiermit die des sptarchaischen Tempels, in: Archolog. Anzeiger
1980, 171 – 179. – P. Grunauer, Der Westgiebel des Zeus-
bei einigen dorischen Ringhallentempeln seit der
tempels von Olympia, in: Jahrbuch des DAI 81, 1974, 6 –8.
Mitte des 6. Jh. v. Chr. (z. B. Apollontempel von Ko- – L. Haselberger (Hrsg.), Appearance and Essence, 1999,
rinth [frhester Beleg]; Aphaiatempel von gina; 36 – 56. – D. Mertens, Die Herstellung der Kurvatur am
Ñ Parthenon; großer Tempel von Segesta), selten Tempel von Segesta, in: Mitteilungen des DAI, Abt. Rom
auch bei ionischen Bauten (z. B. Apollontempel 81, 1974, 107 – 114. – ders., Der Tempel von Segesta und
die dorische Tempelbaukunst des griech. Westens in klas-
sischer Zeit, 1984, 34 f. – W. Mller-Wiener, Griech. Bau-
wesen in der Antike, 1988, 217 s.v. Kurvatur. – L. Schnei-
der, Ch. Hçcker, Die Akropolis von Athen, 1990,
143 – 146.

Kymation Von griech. kýma, ›Welle‹. Fortlaufende


˙
Zierleiste aus verschieden stilisierten Blattformen, in
nahezu allen griech. Medien als gemaltes Orna-
mentband ebenso gelufig wie in plastischer Aus-
formung. Als Ñ Bauornament scheidet man ein do-
risches K. (mit manderfçrmig-eckiger Gestaltung)
von einem ionischen K. (Ñ Eierstab) und einem les-
bischen K. (mit herz- bzw. lanzettenfçrmigen, von
Schematische Darstellung vertikalen Stben getrennten Blttern).
der Kurvatur eines griech.
Tempels.

von Didyma) zu beobachtende Aufwçlbung des Stu-


fenbaus und – daraus resultierend – der weiteren
aufgehenden Ordnung bis ins Geblk. Das bei Vitruv
(3, 4, 5) erwhnte Phnomen (die dort beschriebene
Erzeugung der K. vermittels scamilli impares ist bis
heute nicht verstndlich) gehçrt, wie auch die Ñ In-
klination, die Ñ Entasis und die Verengung der Eck-
joche am dorischen Tempel (Ñ Dorischer Eckkon-
flikt) zu den Ñ Optical Refinements des griech. Tem-
pelbaus. Der unfertig gebliebene große Tempel von
Segesta gibt Aufschlsse ber das Herstellungsver-
fahren; vermutlich mittels eines leicht durchhngen-
den Seils wurde, gemessen an einer zuvor durch
Kreuze markierten Horizontalen auf der Ñ Euthyn-
terie, die Kurvierung ber der Horizontalmarke
nach oben bertragen; die Euthynterie als oberste
Dorisches (oben), ionisches (Mitte) und lesbisches (unten)
Fundamentschicht wurde dann durch Abmeißelung
Kymation (Schema).
entsprechend dem Ausschnitt einer großen Kugel
zugerichtet und das Resultat auf alle darberliegen-
den Bauebenen (Ñ Krepis; Ñ Sule; Geblk) bertra- Lit.: S. Altekamp, Zur griech. Architekturornamentik im
6. und 5. Jh. v. Chr., 1991. – J. Ganzert, Zur Entwicklung
gen (was die Unregelmßigkeiten in der technisch- lesbischer Kymation-Formen, in: Jahrbuch des DAI 98,
handwerklichen Ausfhrung, die sich nach oben hin 1983, 123 – 202. – T. Mattern, Gesims und Ornament,
z. T. betrchtlich aufsummieren konnten, erklrt). 2001, 50 –58.
155 Lngenmaße (im Bauwesen)

Laconicum Kleiner alkovenartiger, fensterloser In der griech. Antike ist die Grundeinheit der Ln-
˙
Raum im Bereich des Caldariums einer rçm. genmaße die Elle (pchus, lat. cu.bitus), die in zwei
Ñ Therme, der als Schwitzbad (Sauna-Bad) genutzt Spannen (spitham) bzw. sechs Handbreiten (palaist,
wurde; meist zustzlich zur Hypokaustenheizung lat. palma) bzw. 24 Fingerbreiten (dktylos, lat. di.gitus)
(Ñ Heizung) noch mit einem Kohlebecken beheizt. unterteilt ist. Zweite Kerneinheit ist, mit 2/3 der
Lit.: W. Heinz, Rçm. Thermen, 1983, 30 –33. Elle, der Ñ Fuß (pous, lat. pes), der wiederum in 16
Finger unterteilt ist. Als Vielfache dieser Einheiten
Lacunar Bei Vitruv berlieferter architektonischer finden sich im Griech. das plthron zu 100 Fuß und
˙
Terminus technicus fr die vertieften Kassetten, das Ñ Stadion zu 600 Fuß, sowie – wie auch im Rçm.
die als Deckenverkleidung zwischen sich kreuzen- – verschiedene Schritt- und Wegemaße.
den Holzbalken angebracht waren (Ñ berda- Unter den verschiedenen teils fragmentarisch,
chung); die griech. Entsprechung lautet phtnoma, teils recht vollstndig erhaltenen, von der jngeren
gastr oder kalthosis. L. waren in der Regel plastisch archologischen Bauforschung vieldiskutierten
eingetieft und mit Malerei bzw. Relief (meist orna- griech. Bau-Inschriften, die die erhebliche Bedeu-
mental) verziert. Am Tempel bzw. dem Sulenbau, tung von Lngenmaßen, besonders des Ñ Fußmaßes
ihrem zunchst ausschließlichen Anbringungsort in (pous), im Kontext von Bauplanung und Baurealisa-
der griech. Architektur, bestanden die Kassetten der tion dokumentieren (z. B. die Bauinschriften aus
Celladecke aus Holz, diejenigen ber den ußeren Eleusis, Epidauros und die Ñ Syngraphe zum Ñ Arse-
Ptera seit dem 6. Jh. v. Chr. (marmorne Kykladen- nal des Ñ Philon im Pirus; vgl. auch Ñ Bauwesen),
tempel) zunehmend oft aus Stein. Die Grçße der existiert allein in Gestalt der Erechtheion-Bau-
einzelnen Kassetten war von den statischen Rah- urkunden (IG I2 372 ff.) bis heute ein hinreichend
menbedingungen bestimmt; die Kassetten am Ñ Par- exakt dokumentierter Fall, wo ber einen Zusam-
thenon etwa maßen 3,43 x 1,26 m und wiesen ein menschluß von erhaltener Inschrift und dem glei-
Gewicht von ber 3,5 t auf. Die rçm. Architektur chermaßen erhaltenen Bauwerk Klarheit ber das
bernimmt die Kassettendecke in den Ñ Gewçlbe- zur Errichtung verwendete Fußmaß gewonnen
und Bogenbau (u. a. im Bogendurchgang bei zahl- werden konnte; der ›Erechtheion-Fuß‹ betrug im
reichen Ñ Triumph- und Ehrenbçgen sowie bei Mittelwert (gemessen an den mit 4 x 2 x 1,5 Fuß
Thermenslen) sowie in den Ñ Kuppelbau (hadria- verzeichneten, vielfach ausgefhrten Normquadern
nisches Ñ Pantheon). der Wand des Bauwerks) ca. 32,7 cm, bei einer
Lit.: W. Hoepfner, Zum Problem griech. Holz- und Kas- maximal zu konstatierenden Schwankung von 2 cm.
settendecken, in: Bautechnik der Antike, Diskussionen zur Im Zuge moderner Vermessungen antiker Archi-
Archologischen Bauforschung 5, 1991, 90– 98. – W. Ml- tekturen, die sich indessen meist nicht schlssig in
ler-Wiener, Griech. Bauwesen in der Antike, 1988, 94 –95.
– K. Tancke, Deckenkassetten in der griech. Baukunst, in: ein antikes Maß- bzw. Proportionsgefge rckber-
Antike Welt 20, 1989, 24– 35. – dies., Figuralkassetten tragen lassen (Ñ Proportionen), gilt als gesicherte Er-
griech. und rçm. Steindecken, 1989. – W. F. Wyatt Jr., kenntnis, daß mindestens im Kontext der griech.
C. N. Edmonton, The Ceiling of the Hephaisteion, in: Sulen- und Quaderarchitektur des 6.-4. Jh. v. Chr.
American Journal of Archaeology 88, 1984, 135 –167.
verschiedene Fußmaße Anwendung gefunden ha-
ben; mithin muß die griech. Polis-Welt, wie etwa
Lngenmaße (im Bauwesen) Antike Lngenmaße auch im Bereich der Ñ Gewichte, hnlich wie die
sind in ihrem Kern von Kçrpermaßen abgeleitet. Deutschen Kleinstaaten des 18. und frhen 19. Jh.
Lufer 156

ber verschiedene, durchaus miteinander inkom- Lufer Moderner Begriff aus der Ñ Bautechnik; im
patible Maßsysteme verfgt haben. Fundamentaler zweischaligen Ñ Mauerwerk (Emplekton) ein der
Forschungsdissens herrscht jedoch zum einen in der Lnge nach versetzter Stein, im Gegensatz zum
Frage nach der Anzahl und der przisen Definition quer eingestellten Binder.
dieser Maße, zum anderen bezglich verschiedent-
lich gut begrndeter berlegungen, Architekturen Lagerfuge Moderner Begriff aus der Ñ Bautechnik;
dieser Zeit seien nicht ausschließlich nach Fuß-, im Quadermauerwerk (Ñ Mauerwerk) die horizon-
sondern bisweilen auch nach Modulmaßen (Ñ Em- tale Fuge, im Gegensatz zur vertikalen Stoßfuge.
bateren) konzipiert und realisiert worden, wie etwa
Ñ Vitruv sie fr das rçm. Bauwesen beschrieben hat. Laibung Innenflche einer Mauerçffnung (Ñ Fens-
So lßt sich das insgesamt hochkomplizierte, dabei ter, Ñ Tr), Durchgang bei Ñ Gewçlbe- und Bogen-
beim Bau vielfach recht ungenau ausgefhrte Maß- konstruktionen.
gefge des Parthenon auf der Athener Akropolis
vermittels eines Modulus von 28,627 cm weitaus Lakonischer Dachziegel Ñ berdachung
widerspruchsfreier beschreiben als direkt und un-
mittelbar mit jedem bislang erwogenen, vermeint- Lararium Meist im Ñ Atrium, bisweilen auch in der
˙
lich authentischen, antik-griech. Fußmaß – ein Kche, dem Ñ Peristyl oder dem Garten des rçm.
Grundmaß, das exakt 14/16 (= 14 Daktyloi) des Hauses gelegenes, privat-familires Heiligtum bzw.
auf der Akropolis definitiv belegten Erechteion-Fu- Kultmal fr die lares familiares (Hausgçtter), entweder
ßes von ca. 32,7 cm betragen hat (Ñ Parthenon). in Form einer Nische, eines Tempelchens (Ñ diku-
Anders als im antiken Griechenland findet sich im la) oder aber in Gestalt einer illusionistisch-architek-
zentralistisch und dirigistisch organisierten antiken tonischen Wandmalerei. L. waren ursprnglich mit
Rom ein Fußmaß von ca. 29,5 cm, das im Bereich Statuetten und weiteren Weihegaben je nach Ver-
der Architektur bzw. der Bauplanung als Grundmaß mçgen ausgeschmckt und im gesellschaftlichen
weitestgehende Verbindlichkeit erlangt hat. Umgang wichtige Orte der familiren Reprsenta-
tion und Traditionspflege. Zahlreiche L. haben sich
Lit.: H. Bankel, Zum Fußmaß attischer Bauten des 5. Jh.
v. Chr., in: Mitteilungen des DAI, Abt. Athen 98, 1983,
in den Vesuvstdten (Pompeji, Herculaneum) erhal-
65 – 99. – ders., Moduli an den Tempeln von Tegea und ten. Das L. war im rçm. Haus zugleich oft der Platz
Stratos? Grenzen der Fußmaßbestimmung, in: Archolog. fr die Verwahrung der Ahnenbildnisse und die
Anzeiger 1984, 413 – 430. – ders., Akropolis-Fußmaße, in: Verehrung weiterer huslicher Schutzgçtter.
Archolog. Anzeiger 1991, 151 –163. – H. Bsing, Metro-
Nicht als L. werden von der archologischen For-
logische Beitrge, in: Jahrbuch des DAI 97, 1982, 1 – 45. –
ders., Zur Bauplanung attisch-ionischer Sulenfronten, in: schung hingegen die eigentlich ebenfalls zum La-
Mitteilungen des DAI, Abt. Athen 100, 1985, 159– 202. – renkult gehçrigen çffentlichen Schreine an Weg-
Ch. Hçcker, Planung und Konzeption der klassischen kreuzungen etc. verstanden, die von den collegia
Ringhallentempel von Agrigent, 1993, 36 – 59. – W. Koe- compitalia gepflegt wurden.
nigs, Maße und Proportionen in der griech. Baukunst, in:
Polyklet. Der Bildhauer der griech. Klassik, Ausst.-Kat. Lit.: Th. Frçhlich, Lararien- und Fassadenbilder in den
Frankfurt/M. 1990, 121 –134. – D. Mertens, Entgegnun- Vesuvstdten, 1991. – D. G. Orr, Learning from lararia.
gen zu den Entwurfshypothesen von J. de Waele, in: Ar- Notes on the household shrines of Pompei, in: R. I. Curtis
cholog. Anzeiger 1981, 426 – 430. – ders., Der Tempel (Hrsg.), Studia pompeiana et classica in honor of W. E.
von Segesta und die dorische Tempelbaukunst des griech. Jashemski I, 1988, 293 –299. – E. B. Thomas, Laren und
Westens in klassischer Zeit, 1984, 43 – 45; 175 –186. – L. Lararien in Pannonien, in: Antike Welt 6/IV, 1975, 29 –40.
Schneider, Ch. Hçcker, Die Akropolis von Athen, 1990,
129 – 137. – H.-J. Schulzki, Ch. Hçcker, DNP 7, 1999, Later Lat. ›Ziegel‹, Ñ Ziegel, Ziegelbauweise.
988 – 991 s.v. Maße II A, B.* J. de Waele, Der Entwurf ˙
der dorischen Tempel von Akragas, in: Archolog. Anzei- Latrinen Mit einer Ñ Kanalisation verbundene Ab-
ger 1980, 180– 241. – B. Wesenberg, Zum metrologischen
Relief in Oxford, in: Marburger Winckelmann-Programm
ortanlagen finden sich im griech.-rçm. Kulturraum
1975/76, 15 – 22. – ders., Beitrge zur Rekonstruktion erstmals im minoischen Kreta (Sitz-L. im Palast von
griech. Architektur nach literarischen Quellen, 1983. Knossos), danach erst wieder im Hellenismus; im
157 Leuchtturm

archaischen und klassischen Griechenland domi- men benannten Leonideion in Olympia, einem
nierten neben naturnahen Anlagen L., die aus einem großflchigen Ñ Banketthaus außerhalb der Altis
Sitz ber einem transportablen Gefß bestanden. des Heiligtums; gemß Pausanias befand sich in
Dieses vergleichsweise primitive Prinzip begegnet dem Gebude zur Zeit seiner Beschreibung das
auch in der rçm. Kultur weiterhin (etwa in den Quartier der rçm. Statthalter bzw. die reprsentative
mehrstçckigen Mietshusern der Großstdte), wh- Wohnung rçm. Offizieller. Eine Ehrenstatue des L.
rend seit sptrepublikanischer Zeit reich mit Mar- soll in der Nhe des Gebudes gestanden haben.
mor und Dekor (Rundplastik, Relief, Malerei, In- Lit.: H. Svenson-Evers, Die griech. Architekten der archai-
krustationen) ausgestattete, an das Abwassernetz an- schen und klassischen Zeit, 1996, 380 –387.
geschlossene çffentliche L.-Anlagen eine erhebliche
Bedeutung als Orte stdtischer Reprsentation wie Lesche Griech. fr ›Gesprch‹ bzw. den Ort einer
˙
auch sozialer Kommunikation erhielten. ffent- Unterhaltung; eine zu den Ñ Versammlungsbauten
liche L. fanden sich u. a. in der Nhe des Forums, gehçrige Architektur, in denen sich Brger zu Ver-
in Thermen, im Gymnasion und in weiteren çffent- handlungen, Geschften oder Unterredungen zu-
lich zugnglichen Gebuden und Bereichen. L. be- sammenfanden, meist in der Nhe der Ñ Agora oder,
standen aus ungetrennt nebeneinander plazierten als Weihung, in Heiligtmern anzutreffen und be-
Sitzen mit Durchlssen fr die Exkremente; gut sonders hier bisweilen auch als Herberge dienend.
erhaltene Beispiele (Ostia, Vienne, Sabratha) weisen Die von Pausanias (10, 15 ff.) beschriebene L. der
mehr als 20 ber Eck oder in apsidialem Halbrund Knidier in Delphi, ein langrechteckiger Saalbau mit
angeordnete Sitze auf. acht Innensulen, war berhmt wegen der darin
Lit.: R. Neudecker, Die Pracht der Latrine, 1994. befindlichen, heute verschollenen, aber durch die
Beschreibung des Pausanias mindestens thematisch
Lehrgerst Temporr bençtigtes, hçlzernes Kon- und in ihrer darstellerischen Struktur berlieferten
struktionsgerst (Ñ Holz, Holzbauweise) fr die Er- Tafelbilder des Polygnotos.
richtung von Ñ Gewçlbe- und Bogenbauten (vgl. Lit.: M. Maass, Das antike Delphi, 1993, 178– 180.
dort Abb.) bzw. fr den Ñ Kuppelbau; entweder als
Sttzgerst fr im vollendeten Zustand dann frei Leuchtturm Das griech. phros, lat. pharus genannte,
tragende Keilsteinbçgen bzw. radial angelegte Mas- architektonisch geformte Seezeichen hat seine Vor-
sivsteingewçlbe, von besonderer Bedeutung dann formen in den bereits bei Homer (Odyssee 10,
auch als Schalgerst im Konstruktionsprozeß der 30 u. ç.) genannten, auf Sulen oder Streben erhçht
rçm. Ñ Zementbauweise. Vgl. auch Ñ Bautechnik. plazierten offenen Feuern, die die Einfahrten von
Hfen (Pirus, 5. Jh. v. Chr.; Ñ Hafenanlagen) oder
Leitermauerwerk Ein antikes Ñ Mauerwerk aus grç- (selten) gefhrliche Kstenpunkte markierten (wo-
ßeren rechteckigen oder polygonalen Blçcken, bei bei irrefhrende Kstenfeuer seit alters her zugleich
dem verbliebene kleinere Zwischenrume und L- ein von Piraten gebruchliches Mittel waren, Schiffe
cken mit Bruchsteinpackungen oder Ziegeln ver- zwecks Ausplnderung stranden zu lassen). Der
schlossen wurden; besonders im 6. und 5. Jh. v. Chr. lteste architektonische L., der als Ñ Weltwunder
in der Ñ Militrarchitektur als eine billige und geltende L. von Alexandria, wurde von Ñ Sostratos
schnelle Bauweise gelufig, bei der, im Gegensatz zwischen 299 und 279 v. Chr. auf der Alexandria
zum vollendeten Polygonal- oder Rechteckmauer- vorgelagerten Insel Pharos erbaut (wonach in der
werk, auf zeitraubende Erzeugung einer Paßgenau- Folge die gesamte Gattung benannt ist); er diente
igkeit verzichtet werden konnte. zunchst wohl ausschließlich als unbefeuertes Ta-
gesseezeichen, erhielt dann aber im 1. Jh. v. Chr.
Leonidas Der auch als Leonides berlieferte Archi- eine Befeuerung (offenes Reisigfeuer) und blieb
tekt aus Naxos gilt nach einer in Olympia gefunde- bis ins 12. Jh. hinein funktionstchtig. Der Turm
nen Inschrift als Erbauer und zugleich Stifter des aus vier abgestuften Geschossen, dessen 1326 bei
von Pausanias (5, 15, 2) erstmals nach dessen Na- einem Erdbeben endgltig eingestrzte Ruine bei
Libon 158

verschiedenen Unterwasserexplorationen wieder- Eckkonfikt) und vollstndig stimmigen Ñ Proportio-


erkannt wurde, erreichte vermutlich eine Hçhe nen im Aufriß als der ›klassische Tempel‹ schlecht-
von ber 100 m und galt wegen seines weithin sicht- hin; er bildet in diesem Sinne den ›Hçhepunkt‹ der
baren Leuchtfeuers als wichtigster Markierungs- formalen Entwicklung des dorischen Ringhallen-
punkt des çstlichen Mittelmeers. Weitere gut be- tempels. Diese Kanonisierung des Baukonzepts gilt
zeugte L. standen nahe Ostia, bei Messina und am als historische Leistung des ansonsten anonymen L.
Hafen von Konstantinopel; der ber 40 m hohe Lit.: Ch. Hçcker, Planung und Konzeption der klassischen
rçm. L. bei La CoruÇa (Nordwestspanien) ist noch Ringhallentempel von Agrigent, 1993, 132–151. – H. Knell,
heute in Betrieb. Verschiedentlich ist die Funktion DNP 7, 1999, 147 s.v. Libon. – H. Riemann, Hauptphasen in
der Plangestaltung des dorischen Peripteraltempels, in: G. E.
erhaltener rçm. Trme nicht eindeutig gesichert; Mylonas (Hrsg.), Studies presented to D. M. Robinson 1,
die Trme bei den Tiberius-Villen auf Capri sind 1951, 295–308. – H. Svenson-Evers, Die griech. Architek-
vermutlich als Bestandteile einer umfangreichen ten archaischer und klassischer Zeit, 1996, 373–376.
Signal- und Kommunikationsanlage, nicht jedoch
als L. im Sinne eines Seezeichens zu deuten. Limitatio(n) Unter limitatio wird in der rçm. Antike
Lit.: P. A. Clayton, The Pharos at Alexandria, in: ders. in technischem Sinne die Kunst der Feld- und Flur-
(Hrsg.), The Seven Wonders of the Ancient World, 1988, vermessung und damit eine Erweiterung bzw. Spe-
138 – 157. – S. Hutter, Der antike L. von La CoruÇa, in: zifizierung des Ñ Stdtebaus, berwiegend in kolo-
Antike Welt 9, 1978/Nr. 2, 33 –48. – T. G. Radan, Anga-
ben zur Frage der sog. ›Leuchttrme‹, in: Alba Regia 13, nialem Zusammenhang, verstanden. Der Vorgang
1972, 149 –157. geht auf etruskische Riten der Grenzziehung und
der Einordnung eines in die Natur bertragenen
Libon Griech. Ñ Architekt aus Elis, der gemß Pau- Achsenkreuzes in die Himmelsrichtungen zurck,
sanias 5, 10, 3 den Zeustempel in Olympia (ca. wird in rçm. Zeit jedoch weitestgehend von pragma-
470–456/55 v. Chr.) und damit eine stil- und form- tischen Aspekten beherrscht. Die rçm. L. ist eine
geschichtlich herausragende Architektur der griech. Einordnung von vermessenem Land in ein ortho-
Antike erbaut hat (Ñ Tempel), ansonsten jedoch we- gonales Raster, das in der Natur durch Grenzwege
der literarisch noch inschriftlich in anderen archi- (li.mites) sichtbar gemacht wird; das Ergebnis ist eine
tektonischen Kontexten erwhnt ist – ein Umstand, großflchige Aneinanderreihung gleichmßiger qua-
aus dem in der archologischen Bauforschung weit- dratischer Flurstcke (mit einer Kantenlnge von je
reichende Schlsse ber den ›Amateurstatus‹ des 20 actus = ca. 710 m) innerhalb eines rechtwinkligen
griech. Architekten in archaischer und klassischer Achsenkreuzes, mithin im Prinzip eine Fortsetzung
Zeit gezogen werden. Der Zeustempel von Olym- stdtebaulicher Grundmuster (Ñ Insula) in den Be-
pia, ein dorischer Ñ Peripteros mit 6 x 13 Sulen, gilt reich des stdtischen Umlandes. L. diente der Zuord-
in seinem vollstndig kommensurablen Baukonzept nung bzw. der verwaltungsmßigen Erfassung des
mit einfacher, krftiger Eckkontraktion (Ñ Dorischer Landes (besonders desjenigen Terrains, das im

N
BASIS

Olympia, Zeustempel des


Libon, Grundriß.

0 5 10 15 20 M
159 Luftziegel

Zuge von Eroberungen in das Imperium Romanum nen, DNP 7, 1999, 233– 236 s.v. Limitation. – Ch. Schu-
neu zu inkorporieren war). Die rçm. L. war in hin- bert, Land und Raum in der rçm. Republik, 1996.
zueroberten Gebieten ein beredter Ausdruck der
neuen Herrschaft, eine demonstrative und folgenrei- Lnette Franzçsisch; moderner Begriff fr den in
˙
che Inbesitznahme des Landes durch Trupps von Form eines Kreissegments (oft als Halbkreis) gestal-
Landvermessern, die zunchst ein Achsenkreuz ein- teten ›Giebel‹ eines Gewçlbes; hnlich wie der drei-
maßen und dann die einzelnen limites im Rahmen eckige Giebel ist die L. bevorzugter Ort fr die
des entstehenden Katasters anlegten. Die L. bildete Anbringung von Architekturdekoration (meist als
im Idealfall die Voraussetzung fr die Besiedelung Malerei, etwa bei tonnenberwçlbten Ñ Grabbauten
eines Gebietes und damit auch fr das geregelte in Makedonien oder Thrakien).
Entstehen von Architektur. Großflchig hat sich an- Lit.: P. Zazoff, Ch. Hçcker, L. Schneider, Zur thrakischen
tike L. bis heute in einigen nordafrikanischen Ebe- Kunst im Frhhellenismus, in: Archolog. Anzeiger 1985,
nen, in der Provence, in Spanien und in Istrien er- 595 – 643.

halten (in Luftaufnahmen gut erkennbar).


Lit.: O. A.W. Dilke, The Roman Land Surveyors, 1971. – Luftziegel Luftgetrockneter, ungebrannter Ziegel
U. Heimberg, Rçm. Landvermessung, 1977. – H.-P. Kuh- aus Lehm oder Ton, vgl. Ñ Ziegel, Ziegelbauweise.
Macellum 160
˙

Macellum Ein im lat. Vokabular seltener, vermut- oder Gçtterstatuen) sowie verschiedenen weiteren
˙
lich von griech. mkellon (›Markt‹, ›Fleischmarkt‹) çffentlichen Anlagen, wie z. B. Ñ Latrinen; charakte-
abgeleiteter Begriff, der einen çffentlichen Markt- ristisch war ferner die gute Ausstattung der Anlage
komplex in rçm. Stdten bezeichnet. Das M. ist als mit Wasser, meist in Gestalt eines Beckens oder
um einen großen, abgeschlossenen Innenhof herum Ñ Brunnens in zentraler Lage im Hof, was fr die
erbaute Architektur gekennzeichnet, die an allen sich hier vollziehende Marktttigkeit von nicht ge-
vier Seiten vor der Umfassungsmauer kleine zellen- ringer praktischer Bedeutung war. Verschiedentli-
artige, zum Hof hin offene Rume fr einzelne che Versuche, die etwa 80 erhaltenen und hinrei-
Hndler-Stnde aufwies (hnlich einer griech. chend sicher als M. gedeuteten Baukomplexe ber
Ñ Stoa) und die ber einen torfçrmigen Zugang charakteristische Grundrißformen in verschiedene
von der Straße aus betretbar war; ergnzt wurde konsistente Typen zu untergliedern, haben nicht
dieses architektonische Ensemble hufig von einer berzeugt; vielmehr scheint die große formale Va-
markant positionierten Ñ Exedra (etwa fr Ehren- riation der Anlagen im Gegenteil eher auf das Feh-
len eines festen Typus bei allerdings standardisierten
0 10 20 m
Requisiten und baulichen Einrichtungen hinzudeu-
N

ten. Das M. war in rçm. Stdten eine spezialisierte


Ergnzung zum Ñ Forum und, anders als dieses, im-
3 1 3 mer auf merkantile Funktionen beschrnkt.
Lit.: N. Naber, Macella. A Study in Roman Archaeology,
1967. – ders., The Architectural Variations of the Macella,
in: Opuscula Romana 9, 1973, 173 – 176. – C. de Ruyt,
Macellum. March alimentaire des Romains, 1983.

Maenium Nach dem rçm. Censor M. Maenius be-


˙
2 nannte Galerie ber den tabernae am Ñ Forum Ro-
manum in Rom, von wo aus Zuschauer die Gladia-
torenkmpfe verfolgen konnten (Ñ Amphitheater;
Ñ Temporre Bauten). Das hier erstmals bezeugte
Prinzip, die Randbebauung eines Forums zwei-
stçckig und im oberen Stockwerk als Tribne bzw.
Aussichtsplatz zu gestalten, fand im 2. und 1. Jh.
v. Chr. in der rçm. Architektur (Ñ Forum) weite Ver-
breitung; hiernach wurden spter die Rnge des
Amphitheaters und des Ñ Theaters als M. bezeichnet.

Magula Ñ Tell
Puteoli (heute: Pozzuoli), berreste des Macellum ˙
(Grundriß)
1 Exedra mehrstçckige Portiken Mandrokles Architekt aus Samos, baute gegen ein
2 Tholos mit Lden (tabernae) betrchtliches Honorar fr Ñ Dareios I. im Jahr
3 Latrine 513/12 v. Chr. im Kontext des Skythenfeldzuges
161 Marmor

Leptis Magna, Macellum (Rekonstruktion).

die Schiffsbrcke ber den Bosporus (Herodot 4, 87, im Sinne moderner Rasthuser entwickelt, z. T. so-
1 ff.). Berhmtheit erlangte M. durch ein in das gar mit bernachtungsmçglichkeiten, Restauration
samische Heraion gestiftetes Weihgeschenk: ein und Bordellbetrieb. Zwischen den M. lagen in kr-
von Herodot (4, 88, 1 – 89, 2) detailliert beschrie- zeren Abstnden mutationes (einfache Stationen al-
benes Tafelgemlde, das die (Ponton-) Brcke dar- lein fr den Wechsel von Reit- und Zugtieren).
stellte und den Erbauer in einem Epigramm rhmte. Lit.: E. W. Black, Cursus Publicus, 1995. – H.-C. Schnei-
Lit.: H. Svenson-Evers, Die griech. Architekten archaischer der, Altstraßenforschung, 1982, 95 – 101.
und klassischer Zeit, 1996, 59 – 66 (m. weiterer Lit.).
Marktanlagen Ñ Forum; Ñ Macellum; Ñ Portikus
Mansio Von lat. mane.re, ›bleiben‹; in verschiedenen
˙
antiken Quellen eine Bezeichnung fr eine Rast- Marmor Lat.; griech. mrmaros (›glnzender Stein‹).
Station entlang einer rçm. Fernstraße (vgl. Ñ Stra- Der Begriff schloß in der Antike durchweg auch
ßen- und Brckenbau). Solche Mansiones dienten andere, polierfhige Hartgesteine (Granit, Porphyr
fr Rast, kleinere Reparaturen und Verproviantie- u. a. m.) ein. ›Echter‹ M. ist aus physikalisch-geologi-
rung, ferner als Wechselstationen fr Reit- und scher Sicht ein harter, kristallin strukturierter Kalk-
Zugtiere. M. kann sowohl die Einrichtung im all- stein (Ñ Kalk) mit einem durchschnittlichen Ge-
gemeinen als auch das dafr notwendige, spezielle wicht von 2,8 t/m3, dessen Qualitt und Hrte ab-
Gebude bezeichnen. Entsprechend der berwie- hngig von der jeweiligen Korngrçße ist (je kleiner
genden Funktion rçm. Fernstraßen fr das Militr- das Korn, desto hrter, polierfhiger und wertvol-
bzw. Nachrichtenwesen sind M. zunchst eher sel- ler); zahlreiche Vorkommen sind ber das gesamte
ten von privaten Reisenden genutzt worden. Seit Mittelmeergebiet verteilt (s. Abb.). Unter allen
dem spten 2. Jh. n. Chr. hatten sich diese im Ab- Steinsorten, die in der Antike im Bauwesen verwen-
stand von knapp 40 km entlang der Fernstraßen det wurden, galt M. als der edelste und wegen seiner
gelegenen Stationen aber zu auch Privatreisenden physikalischen Eigenschaften (hohe Flexibilitt, ge-
zugnglichen, umfassenden Serviceeinrichtungen ringe Bruchanflligkeit) als der technisch geeignets-
Marmor 162

te, aber am schwierigsten zu handhabende Baustoff. gleichsweise selten (Athen, Akropolisbauten des
Die Verwendung des sprçden M. setzte neben dem 5. Jh. v. Chr.); meist ist M. ein Werkstoff fr beson-
Gebrauch spezialisierter Werkzeuge hohe Przision ders exponierte Teile oder fr die Ñ Bauplastik. Ein
und handwerkliche Kenntnisse beim Abbau im speziell mit M.-Mehl versetzter Ñ Stuck bildete ei-
Ñ Steinbruch wie auch beim Bearbeiten auf der Bau- nen glttenden berzug an ›konventionellen‹ Bau-
stelle und beim Versatz der Bauglieder voraus, ten aus porçsem Muschelkalk, wie er in der griech.
ebenso Techniken fr die Flickung von Bruchstel- Architektur am hufigsten verwendet wurde. In
len infolge von unvermeidlichen Fehlmeißelungen. rçm. Zeit spielt M., in dnne Platten geschnitten,
Vollkommen aus M. errichtete Bauwerke sind ver- als ußeres wie inneres Verkleidungsmaterial von

10° 20° 30° 40°

2
Lunaa

Roma

40°
40°
12 Thasos 13 Prokonnesos
18 Vezirhan
14 Troas
3 Laris(s)a 17
4 Skyros Lesbos Dokimeion
15 Chios
5 Chalkis 16 Teos
8 Athenai Aphrodisias
7 Pentelikon Delos Herakleia am Latmos
11 Paros Naxos
1. Simitthus 9 Krokkeai (Sparta)
Kap Tainaron

6 Karystos Ephesos

30°
30°

10°

1.marmor Numidicum 12.marmor Thasium


2.marmor Lun(i)ense 13.marmor Proconnesium
3.marmor Thessalicum 14.marmor Troadense
4.marmor Scyreticum 15.marmor Chium 19 ¨ebel Dokhan
5.fior di pesco 16.marmor Luculleum
17.marmor Phrygium
20 ¨ebel Fatireh
6.marmor Carystium
7.marmor Pentelicum 18.breccia corallina 21 Wadi Hammamat
8.marmor Hymettium 19.lapis porphyrites
9.marmor Lacedaemonium 20.marmor Claudianum
10.marmor Taenarium 21.scisto verde 22 Assuan/ Syene
11.marmor Parium 22.lapis Syenites
20° 30°

Antike Marmorvorkommen von überregionaler Bedeutung (3. Jt.v.Chr.– 6. Jh.n.Chr.)


Marmorvorkommen und -abbau
weißer Marmor Simitthus antiker Name 0 200 400 600 800 km
bunter Marmor ¨ebel Fatireh moderner Name
163 Mauerwerk

Bauwerken (Ñ Inkrustation) eine herausragende Erdreich herausgehobenen, mindesten ca. 50 cm


Rolle, wobei auch auf Farbigkeit geachtet wurde hohen Lage von sorgsam gefgten Bruch- oder
(Ñ Polychromie). Quadersteinen (vgl. die klassische Stadtmauer von
Lit.: M. Maischberger, Marmor in Rom, 1997. – Marbres Athen im Bereich des Kerameikos).
hellniques – de la carriere au chef-d’œuvre. Ausstellungs- Bereits in mykenischer Zeit finden sich verschie-
Kat. Brssel 1987. – W. Mller-Wiener, Griech. Bauwesen dene Formen des massiven Vollstein-M. wie auch
in der Antike, 1988, 217 s.v. Marmor. – P. Pensabene
(Hrsg.), Marmi Antichi I–III 1985 – 1998. – R. M. Schnei- des Schal-M. weit verbreitet, hier wie dann bis ins
der, in: DNP 7, 1999, 928 – 938 s.v. Marmor. 3. Jh. v. Chr. hinein jedoch vornehmlich an Wehr-
und Schutzbauten (Stadt- bzw. Burgmauern; Ñ Mi-
Materiatio Ñ Holz, Holzbauweise litrarchitektur) sowie an Reprsentationsarchitek-
turen. Polygonales ›Zyklopen‹-M. dominiert die
Mauerwerk Unter M. werden im folgenden die ver- bronzezeitlichen Burgen von Tiryns und Mykene;
schiedenen Konstruktions- und Gestaltungstech- das M. war entweder massiv geschichtet (Tiryns)
niken des Aufbaus von Gebudewnden und oder aber zweischalig angelegt und mit Bruchstein
Schutzarchitekturen im antiken Steinbau verstan- aufgefllt (Mykene, Schutzmauer vor den Schacht-
den, nicht jedoch der Holzbau; vgl. Ñ Bautechnik; grbern). Die Technik der unregelmßig geschich-
Ñ Holz, Holzbau. Vgl. auch Ñ Zementbauweise; teten, massiven oder zweischaligen Bruchsteinmau-
Ñ Ziegel, Ziegelbauweise. er hatte im historischen Griechenland insbesondere
bei Fortifikationsbauten bis in den Hellenismus hi-
A. Griechenland nein Bestand (zahlreiche Beispiele an Stadtmauern
Die Wnde einfacher frhgriech. Bauten bestanden aus dem 4. – 2. Jh. v. Chr.). Wichtig war bei der Er-
zunchst aus Holz- bzw. Flechtwerk-Konstruktio- richtung ein mçglichst enger und mçglichst fugen-
nen, seit dem 8. Jh. v. Chr. dann zunehmend aus loser Versatz der Bruch-Steine, um einerseits maxi-
einer Kombination von luftgetrockneten Lehmzie- male Stabilitt zu bewirken, andererseits ein He-
geln (Ñ Ziegel) und darin lngs oder quer eingeleg- rausbrechen einzelner Steine und damit eine mçg-
ten Holzankern (Lefkandi, Eretria, Sparta); echte liche Demontage einer Stadtmauer etwa whrend
Ñ Fachwerkmauern, die sich bis heute nicht haben einer Belagerung zu erschweren. Hierzu wurden in
nachweisen lassen, waren aber wohl ebenfalls gn- verbliebene Fugen solange kleinere Steine hinein-
gig, wie Transformationen dieses Konstruktions- getrieben, bis eine maximale Glttung entstanden
prinzips in Stein an lykischen Grbern zeigen (Xan- war (›Auszwicken‹). Eine Alternative zum ›zyklopi-
thos). Die in den çstlichen Hochkulturen lange be- schen‹ Bruchstein-M. waren geschichtete Mauern
kannten und nachgewiesenen massiven Mauern aus aus flachem Bruchstein mit einzelnen grçßeren
Lehmziegeln waren in der griech. Architektur bis Quadern dazwischen, wie fr Milet bezeugt.
ins 3. Jh. v. Chr. hinein weitestens verbreitet, haben Eine kunstvolle Variante des groben Bruchstein-
sich jedoch nur selten erhalten. Lehmziegel-M. fand bzw. des mykenischen Zyklopen-M. ist das Poly-
sich in allen Bereichen des Bauwesens (Wohnhaus, gonal-M.: Vieleckige Steine wurden hier in przise
Tempel, Stadtmauern etc.); im Wohn- und Nutz- auf Paß gearbeiteter Form so bereinander und
bau blieb diese Technik bis in den Hellenismus ineinander geschichtet, daß maximaler Fugen-
hinein vorherrschend. Lehmziegelmauern konnten, schluß, damit Haltbarkeit und Unangreifbarkeit
je nach Verwendung, bis zu 9 m Strke und ent- des nach außen gegltteten Steinverbundes erreicht
sprechend große Stabilitt aufweisen. Die Ziegel wurde. Polygonales M. konnte entweder durchgn-
wurden in blicher, berlappender Anordnung ver- gig vieleckig gestaltet sein, d. h. mit lediglich einem
setzt, mit Lehmmçrtel als Binder fixiert und zum horizontalen Abschluß am oberen Ende der Mauer,
Schutz vor Nsse verputzt; ein weiter Dachber- oder aber in mehreren, bereinandergesetzten La-
stand schtzte ebenfalls vor Feuchtigkeit. Lehmzie- gen mit mehrfachem horizontalen Schichten-
gel-M. erhob sich zudem, ebenfalls als Schutz vor abgleich konstruiert sein (z. B. Larissa am Hermos).
Nsse und Stauwasser, meist auf einer aus dem Echtes Polygonal-M. findet sich gehuft im spten
Mauerwerk 164

7., 6. und frhen 5. Jh. v. Chr., dann im spten Befestigungsmauer von Eleusis. Isodomes M. mit
4./3. Jh. v. Chr. Es ist in Sptklassik und Hellenismus optimal ausgefhrter Paßgenauigkeit vermittelte
nicht selten Bestandteil eines dekorativ-retrospekti- bei Fernsicht wegen der nunmehr haarfeinen,
ven Verstndnisses von als altehrwrdig-nobilitie- kaum mehr wahrnehmbaren Fugen das Bild einer
rend empfundenen, jedoch nicht mehr im Sinne monolithischen, hochgradig artifiziell gestalteten
ihrer einstigen fortifikatorischen Funktionalitt ver- Mauer – auch dies Ausweis der Kompetenz und
wendeten Architekturformen (vgl. diverse Teme- des sthetischen Impetus der Erbauer (Ñ Kçnnens-
nosmauern; polygonale Sttzmauer als Inschriften- bewußtsein). Im Hellenismus wird dekoratives M.
trger im Apollonheiligtum von Delphi; Poly- dann zunehmend zum Hintergrund aufwendiger
gonal-M. auch in ziviler Verwendung im 4./3. Jh. Fassadengestaltungen (Ñ Fenster).
v. Chr. in Nordwest-Griechenland, z. B. Kassope).
Eine schnell erbaubare Variante ist das Ñ Leiter-M. B. Rom
Den verschiedenen Gestaltungsformen des Qua- Rçm. M. nutzt zunchst die tradierten griech. For-
der-M. in der griech. Architektur ist ihr mçrtelloser men und Verfahrensweisen, kombiniert diese aber
Versatz und, im Gegensatz zum Wehrbau, zumin- mit technischen Innovationen, wobei insbesondere
dest im Gebudebau das Prinzip der Verbindung dem im spten 4. Jh. in Griechenland entwickelten
der Quader mit Metallklammern gemeinsam (zu gebrannten, damit witterungsunempfindlichen
Versatz und Fugengestaltung Ñ Anathyrose; Ñ Bau- Tonziegel (Ñ Ziegel, Ziegelbauweise, frhe Verwen-
technik); Quader-M. konnte einreihig-isodom dungen in Ephyra am sog. ›Nekromanteion‹ und in
(berlappung der Fugen zwingend notwendig) Kassope am ›Katagogeion/Marktbau‹), große Be-
oder zweireihig-isodom (isodom: Schichtung aus deutung zukam, aber auch dem in Kampanien erst-
gleichhohen Lagen) angeordnet sein, wobei bei letz- mals bezeugten opus caementicium, dem Ñ Zement-
terem die der Mauerflucht folgenden Ñ Lufer und Guß. Jenseits des Quader- oder Vollstein-M. griech.
die quer zur Flucht zur Stabilisierung eingesetzten Prgung, das im Imperium Romanum zunehmend
Ñ Binder verschiedenartig kombiniert werden konn- selten wurde und allein sakral-reprsentativen Zwe-
ten. Neben exakt rechtwinkligem findet sich hufig cken vorbehalten blieb, war das rçm. M. ein Ele-
trapezoider oder schrger Fugenschnitt; gelufig ment der Verkleidung eines Beton-Kerns, diente
war auch eine pseudo-isodome Ausfhrung, bei dessen optischer Gestaltung bzw. seiner ›Unsicht-
der einzelne Quaderlagen von flachen, plattenfçr- barmachung‹; Ziel des rçm. Verkleidungs-M. war
migen Schichten getrennt wurden (pseudo-isodom: die Suggestion einer in Wahrheit konstruktiv nicht
Schichtung aus unterschiedlich hohen Lagen, z. B. existenten kleinteiligen Struktur, die in der reinen
Pergamon). Eine ›genetisch‹ begrndete Entwick- Bemalung gekalkter Bruchstein-Mauern mit rçtli-
lungslinie vom Polygonal-M. ber M. aus Horizon- chen ›Fugen‹, was (wie etwa an der rtischen Limes-
tallagen mit schrge Stoßfugen hin zum ›echten‹ mauer) Quader-M. vortuschen sollte, ihren Hçhe-
Quader-M. als der ›Idealform‹ lßt sich indessen punkt fand. Die camouflierende und zugleich nobi-
insgesamt nicht nachvollziehen. litierende Bedeutung des M. in der rçm. Architektur
Die Außenflchen von polygonalem, isodomem zeigt Vitruvs umfassende Beschreibung der Mçg-
wie auch pseudo-isodomem M. sind vielfach Ge- lichkeiten und Techniken in der Gestaltung des M.
genstand besonders aufwendiger, weithin sichtbarer sowie die jeweiligen Vor- und Nachteile eines ein-
und entsprechend demonstrativer Formgebung ge- mal gewhlten Verfahrens (2, 8).
wesen; nur scheinbar evidente ›Unfertigkeiten‹ ge- Als M. vortuschende Materialien der Verklinke-
hçrten hierzu ebenso wie kunstvoll gestaltete Pols- rung eines Zementkerns dienten verschiedene
terwçlbungen der Quadermauern (Magnesia am Tuff-, Kalkstein- und Ziegelsorten in insgesamt gro-
Mander), Bossenquader (Priene) oder Spiegelqua- ßer Variation; zur ebenfalls gngigen Verblendung
der (Selinunt), die ebenso Zeugnis sthetischer von Zementmauern mit großflchigen Marmor-
berlegungen jenseits aller funktionalen Aspekte oder Travertinplatten Ñ Inkrustation. Tuffsteine
waren wie etwa die Spitzeisenpickungen an der oder Ziegel wurden keil- bzw. pyramidenfçrmig
165 Mauerwerk

Beispiele antiker Mauertechniken

1. Lehmziegelmauer mit Holzankern 5. Pseudo-isodome Quadermauer

2. Einreihiges-isodomes Quadermauerwerk

6. Polygonalmauer mit horizontalem Schichtausgleich


(Larisa/Hermos)

3. Isodome Quadermauer mit wechselnden


Läufer- und Binderschichten

4. Isodome Quadermauer mit 7. Verbundkonstruktion (byz. Landmauer


unregelmäßig verteilten Bindern von Konstantinopel)
Mausoleum 166

zubereitet und anschließend mit Mçrtel auf den Maussolleion Das wohl erst in der Alexander-Zeit
˙
Zementkern aufgesetzt (vgl. Ñ Bautechnik; Abb.: vollendete, monumentale Grabmal fr den
rçm. Bautechnik); horizontale Ziegellagen konnten 353 v. Chr. verstorbenen Satrapen Maussollos von
dabei mit netz-, rauten- oder rhombusfçrmigen Karien und seine Frau Artemisia (gestorben:
Tuffverkleidungen abwechseln. Inwieweit ein ›Ent- 351 v. Chr.) nahe der Stadt Halikarnassos an der
wicklungsmodell‹ fr die formale Gestaltung der trkischen Ostkste (heute: Bodrum) zhlte zum
Zementverkleidungen durch Tuffsteine zutrifft Kanon der Ñ Weltwunder und wurde zum typus-
(z. B.: opus incertum = unregelmßige Setzung = frh; prgenden Beispiel des reprsentativen Ñ Grabbaus
opus quasi-reticulatum = annhernd netzfçrmige Set- und zum Inbegriff der Gattung ›Mausoleum‹. Das in
zung = fortgeschritten; opus reticulatum = exakt netz- der antiken Literatur viel beachtete und beschriebe-
fçrmige Setzung = ideale Form), ist ebenso umstrit- ne Denkmal (Strabon 14, 656 ff.; Diod. 16, 45; Pli-
ten wie relevant fr die Datierung einzelner Bau- nius, Naturgeschichte 36, 30– 31 u. a. m.) hat die
phasen rçm. Architekturen mit ihrer hufig lang- moderne Archologie in hohem Maße beschftigt;
wierigen und verstelten Baugeschichte. die in Details insgesamt sehr widersprchlichen an-
Massives Ziegel-M. wird seit dem 1. Jh. n. Chr. tiken Beschreibungen haben, verbunden mit den
zunehmend bedeutend und gewinnt in der Sptanti- geringen archologisch-ausgrberischen Befunden
ke mittels Variation von Lufer- und Binder- bzw. vor Ort, zu einer großen Zahl von untereinander
Ziegel- und Mçrtelschichten und darin ein- z. T. erheblich divergierenden Rekonstruktionsvor-
gebundenen Verzierungselementen einen ganz ei- schlgen gefhrt. Das Grabmal, fr das die pro-
genen Schmuckcharakter (z. B. Stadtmauer von Kon- minenten Architekten Ñ Pytheos und Ñ Satyros ber-
stantinopel), der seinen Hçhepunkt im geziegelten liefert sind (Vitruv 7 praef. 12 –13), erhob sich mit
›Dekorativismus‹ des frh-mittelalterlichen und mit- einer Hçhe von fast 50 m innerhalb eines großen
telalterlich-byzantinischen Kirchenbaus erreichte. Peribolos (Ringmauer) auf einem dreistufigen So-
Lit.: J. P. Adam, La construction romaine. Matriaux et ckel, der mit ca. 32 x 26 m deutlich rechteckig und
techniques, 1984. – A. C. Brookes, Stoneworking in the nicht, wie wenig spter entstandene Adaptionen
Geometric Period at Corinth, in: Hesperia 50, 1981, (z. B. das Mausoleum von Belevi), eher quadratisch
285 – 302. – R. Ginouv s, R. Martin, Dictionnaire mtho-
angelegt war; der Bau folgt dabei im Grundsatz dem
dique de l’architecture grecque et romaine, Bd. 1, Matri-
aux, techniques, 1985. – M.-Ch. Hellmann, L’architecture Typus frherer lykischer Grabmler, etwa denen
grecque I, 2002, 106 – 118. – T. L. Heres, Paries. A Proposal von Xanthos (vgl. besonders das um 400 v. Chr.
for a Dating System of Late-Antique Masonry Structures in entstandene ›Nereiden‹-Monument des lykischen
Rome and Ostia, 1982. – W. Hoepfner, E.-L. Schwandner, Frsten Perikles, heute in London, Britisches Mu-
Haus und Stadt im klassischen Griechenland, 21994,
354 s.v. Mauerwerk. – T. E. Kalpaxis, Hemiteles. Akziden-
seum), steigert diese jedoch in bis dahin unvorstell-
telle Unfertigkeit und ›Bossen-Stil‹ in der griech. Baukunst, bare Dimension und Ausstattungspracht. Das hoch
1986. – H. Lauter, Die Architektur des Hellenismus, 1986, herausgehobene Hauptgeschoß bestand aus einer
48 – 49; 253 – 257. – C. Mango, Byzanz, 1986, 8 –19. – W. ionischen Ringhalle mit 11 x 9 Sulen, die eine
Mller-Wiener, Griech. Bauwesen in der Antike, 1988,
Schein-Cella umzog; darber erhob sich ein Pyra-
64 – 80. – A. K. Orlandos, Les matriaux de construction
et la technique architecturale des anciens Grecs I, 1966; II, midendach aus 24 Stufen. Die eigentliche Grab-
1968. – C. J. Ratt, Lydian Mansonry and Monumental kammer lag, wie dnische Ausgrabungen der
Architecture at Sardis, 1989. – R. Taylor, Roman Builders. 1960er Jahre nachgewiesen haben, nicht in der
A Study in Architectural Process, 2003, 92 –131. – R. C. Schein-Cella, sondern im Sockel des Bauwerks.
Vann, A Study of Roman Construction in Asia Minor. The
Lingering Role of a Hellenistic Tradition in Ashlar Mason-
Der Bau war mit Skulpturen reich dekoriert: drei
ry, 1980. – V. A. Walsh, W. A. McDonald, Greek Late Relieffriese umspannten den Bau, Freiplastik erhob
Bronze Age Domestic Architecture. Towards a Typology sich zwischen den Sulen und auf dem Dach (Lç-
of Stone Masonry, in: Journal of Field Archaeology 13, wen als Akrotere, Quadriga mit Figuren des Maus-
1986, 493 –499.
sollos und der Artemisia auf der Dachspitze). ber-
liefert ist die Ttigkeit der vier prominenten Bild-
Mausoleum Ñ Maussolleion hauer Bryaxis, Leochares, Skopas und Timotheos,
167 Megaron
˙
ohne daß es indessen bis heute gelungen ist, die Lit.: W. Ekschmitt, Die sieben Weltwunder, 1984. – A. v.
erhaltenen einzelnen Platten der Relieffriese und Gerkan, Grundlagen fr die Herstellung des Maussolleions
von Halikarnassos, in: Mitteilungen des DAI, Abt. Rom 72,
Rundplastiken diesen Bildhauern widerspruchsfrei
1965, 217 – 225. – K. Jeppesen u. a. (Hrsg.): The Maussol-
zuzuschreiben. leion at Halikarnassos: Reports of the Danish Archaeologi-
Wohl im Frhmittelalter durch Erdbeben zer- cal Expedition to Bodrum 1 ff., 1981 ff. – ders., Tot operum
stçrt, wurden im 15. und 16. Jh. große Teile des opus. Ergebnisse der dnischen Forschungen zum Mausso-
M. in die Kreuzritterburg von Bodrum verbaut. leion von Halikarnass seit 1966, in: Jahrbuch des DAI 107,
1992, 59 – 102. – F. Krischen, Weltwunder der Baukunst,
Seit dem frhen 19. Jh. wurden verschiedene Reste
1956, passim. – L. E. Roller, in: N. Thomson de Grum-
des M. durch Stratford Canning nach London ins mond, An Encyclopedia of the History of Classical Archae-
Britische Museum verbracht; eine hiervon angereg- ology, 1996, 736 – 737 s.v. Mausoleum of Halikarnassos.
te Expedition unter Charles Newton konnte, z. T.
mit Hilfe von tiefgehenden und großflchigen Aus- Megaron Ein im homerischen Epos mehrfach (u. a.
˙
grabungen, zwischen 1856 und 1865 erhebliche Odyssee 2, 94; 19, 16; 20, 6 u. ç.) genannter Bautrakt;
Teile der Bauplastik (zahlreiche Friesplatten, Qua- dort offenbar der Hauptraum des Ñ Palastes bzw. des
driga mit Maussollos und Artemisia) bergen und Ñ Hauses, mit dem Gemeinschaftsherd in der Mitte.
ebenfalls nach London verbringen. Die Folge dieses Zu spteren Erwhnungen des M. in der griech.
schatzgrberischen Tuns war eine weitgehende Literatur (besonders Herodot 7, 140 f.) Ñ Tempel.
Vernichtung archologischer Befunde und damit ber das Verstndnis des Begriffs M. und dem-
der Mçglichkeiten, den Baukomplex in begrndeter entsprechend die Herleitung der jeweils damit ver-
Weise zu rekonstruieren. bundenen Bauform besteht in der archologischen

0 5m

Maussolleion,
hypothetische
Rekonstruktion
Maussolleion, hypothetische Rekonstruktion
der
der Ostseite.
Ostseite.
Meilenstein 168

Forschung erheblicher Dissens: Zum einen wurde milia passuum, daher die lat. Bezeichnung miliarium
unter M., analog den Homerpassagen, ein Bautrakt, fr den M.) seit alters her Usus. Die M. dienten
also ein Raum oder eine Raumgruppe innerhalb dabei nicht nur als Distanzanzeiger und Wegwei-
eines umfassenderen architektonischen Komplexes, sungen (oft mit Erwhnung des Ausgangs- und
zum anderen eine Bezeichnung fr einen Komplex Endpunktes der Straße), sondern gaben auch Aus-
insgesamt verstanden. Whrend sich ein bauliches kunft ber bauleitende Magistrate bzw. die Initia-
Phnomen, das mit dem Begriff M. hinreichend toren (nach denen nicht selten ganze Fernstraßen
przise erfaßbar wre, in der Architektur des his- benannt worden waren wie z. B. die Via Appia)
torischen Griechenland kaum mehr findet, begeg- oder Restauratoren von Straßen. In der rçm. Kaiser-
net ein rechteckiger Zentralraum bzw. eine recht- zeit wird systematisch ein dichtes Netz von M.
eckig angelegte zentrale Raumgruppe mit Haupt- gesetzt, das in Inschriften den Kaiser als obersten
raum und antengefaßtem Vorraum in den sptneo- Herren des Straßenbaus feiert und zunehmend pro-
lithischen und bronzezeitlichen Kulturen pagandistische Intentionen bekommt; ca. 6000 Ex-
Griechenlands und Kleinasiens in großer Zahl (u. a. emplare, meist aus dem 1. – 3. Jh. n. Chr., haben sich
in Troia, Dimini, Sesklo, Poliochni). Die an Homer erhalten. Es hufen sich berschreibungen und
orientierte Vorstellung vom M. als dem Hauptraum Zweitverwendungen. Die M. waren in der Regel
eines Palastes oder Herrscherhauses fand ihre ver- von zylindrischer Grundform mit 1 –2 m Hçhe; sie
meintliche Entsprechung im archologischen Be- waren mit den unteren ca. 50 cm stabil in den
fund mykenischer Palste, besonders derjenigen Boden eingelassen. Vorlufer rçm. M. in ihrer
von Mykene, Tiryns, Pylos (und dem jngst neu Funktion als Distanzanzeiger fanden sich in der
entdeckten Palast von Pelana nahe Sparta). Strittig assyrischen und persischen Kultur, in Griechenland
ist, entsprechend dem fehlenden Konsens ber den nur vereinzelt.
Begriff, auch die dem M. zugemessene Funktion; Lit.: M. Rathmann, in: DNP 7, 1999, 1156– 1158 s.v. Mei-
die Idee eines im Grundsatz profanen Herdraumes lensteine.
im Sinne eines Ñ Versammlungsbaus kontrastiert mit
der Idee eines solitren Kultbaus (Ñ Tempel). Bau- Metagenes Sohn des Ñ Chersiphron aus Knossos/
lichkeiten aus historischer Zeit (1. Jt. v. Chr.), die mit Kreta, zusammen mit seinem Vater bei Vitruv (7
dem Begriff M. verbunden wurden, fanden sich in praef. 16) als Architekt des archaischen Ñ Dipteros
Kleinasien, u. a. in Gordion. der Artemis in Ephesos genannt. Das Verhltnis
Lit.: M. Ainian, From Ruler’s Dwellings to Temples: Ar- zwischen Chersiphron und M. bleibt, ebenso wie
chitecture, Religion and Society in Early Iron Age Greece, die Abgrenzung ihrer Ttigkeiten, unsicher; im Ver-
1997. – B. C. Dietrich, A Religious Function of the Mega- gleich mit seinem berhmten Vater findet sich M. in
ron, in: Rivista storica dell’antichit 3, 1973, 1 – 12. – G.
Hiesel, Spthelladische Hausarchitektur. Studien zur Archi- der antiken Literatur eher selten erwhnt.
tekturgeschichte des griech. Festlandes in der spten Bron- Ein weiterer M. war Ñ Architekt klassischer Zeit
zezeit, 1990, 237 –239. – C. Hopkin, The Megaron of the und stammte aus dem attischen Demos Xypete; er
Mycenaean Palace, in: Studi miceni ed egeo-anatolici 6, vollendete laut Plutarch (Perikles 13) zusammen
1968, 45 – 53. – B. Hrouda, Die Megaron-Bauten in Vor-
mit Xenokles nach dem Tod des Koroibos das Ñ Te-
derasien, in: Anadolu 14, 1970, 1– 14. – ders., in: Real-Le-
xikon der gyptologie 8, 1993/1997, 11 f. s.v. Megaron. – lesterion von Eleusis.
S. Lauffer, Megaron, in: Stele. Fs. N. Kontoleon, 1980, Lit.: H. Svenson-Evers, Die griech. Architekten archaischer
208 – 215. – T. Schulz, Die Rekonstruktion des Thronpo- und klassischer Zeit, 1996, 67 – 100 (m. weiterer Lit.).
destes im ersten großen Megaron von Tiryns, in: Mittei-
lungen des DAI, Abt. Athen 103, 1988, 11 –23. – K. Wer-
ner, The Megaron during the Aegean and Anatolian Bron- Metope In griech. Bauinschriften mtopon, bei Vi-
˙
ze Age, 1993. truv metopa genannte ffnung oder Aussparung, die
beim griech. Sulenbau im dorischen Ñ Fries von
Meilenstein Auf rçm. Fernstraßen (Ñ Straßen- und zwei Ñ Triglyphen gerahmt wird. Im Holzbau dien-
Brckenbau) ist das Setzen von M. in durchschnitt- ten diese ffnungen neben den als gekerbte Trigly-
lichem Abstand von ca. 1000 Doppelschritten (lat. phe endenden Balkenkçpfen der Dachkonstruktion
169 Militrarchitektur

vermutlich der Belftung des Dachstuhls. Der M.- strengungen unternommen werden, einen Belage-
Raum zwischen den Triglyphen wurde bereits im rer auf Abstand zur Mauer zu halten, was wiederum
frh-griech. Tempelbau mit eingefalzten Platten aus unmittelbare Folgen fr die Konstruktion von Be-
Ton oder Stein verschlossen, die mit gemaltem oder lagerungsmaschinen (berdachungen; mobile, ge-
reliefiertem Dekor versehen waren; die M. wandelt schtzte Trme) mit sich brachte. So eng diese
sich hier vom Begriff fr einen ungegenstndlichen beiden Bereiche einst zusammengehçrten, so unter-
Raum zwischen zwei Triglyphen zu einem gegen- schiedlich ist ihr ›Nachleben‹ und damit ihre Prsenz
stndlichen, diesen Raum verschließenden Bau- in der modernen Vorstellungswelt von der Antike.
glied, das zunchst von quadratischer, spter dann Begrndet ist dies in den extrem unterschiedlichen
von geringfgig hoch-rechteckiger Ausprgung war. Erhaltungszustnden, die durch die Konstruktions-
Zu den ltesten erhaltenen M. dieser Art zhlen die techniken bedingt sind: massiv gemauerten, steiner-
Kalksteinreliefs vom Ringhallentempel aus Mykene nen und damit weitestgehend erhaltenen Befesti-
(sptes 7. Jh. v. Chr.) und die bemalten Ton-M. aus gungsbauten auf der einen Seite steht eine Polior-
Thermos (frhes 6. Jh. v. Chr.). Die Reliefierung ketik gegenber, die durchweg aus vergnglicher
von M. erreichte am Zeustempel von Olympia Ñ Holzbauweise bestanden hat und heute fast aus-
und dem Parthenon auf der Athener Akropolis ih- schließlich nur noch in Form literarischer Schil-
ren Hçhepunkt; Ñ Bauplastik. derungen und Beschreibungen existiert.
Lit.: H. Khler, Das griech. Metopenbild, 1949. – D. Mer- Die Befestigungsbauten der M. gehçren aus
tens, Der Tempel von Segesta und die dorische Tempel- quantitativer Sicht insgesamt zu den am umfas-
baukunst des griech. Westens in klassischer Zeit, 1984, sendsten erhaltenen Architekturen der klassischen
Index s.v. Metope. – W. Mller-Wiener, Griech. Bauwesen
in der Antike, 1988, 112 – 119 u. Index s.v. Metope. Antike; sie bilden zudem auch denjenigen Architek-
turbereich, in den in der Antike am meisten Arbeit
und Energie investiert wurde. Der Bau von M. ist
Miliarium Ñ Meilenstein genuin zunchst immer an eine unmittelbare Not-
˙
wendigkeit geknpft; ein massiertes Auftreten, etwa
Militrarchitektur im Bereich des griech. Festlandes im 3. Jh. v. Chr., ist
A. Allgemeines ein untrgliches Indiz fr besonders unsichere oder
Die M. ist ein Kernbereich antiker Ñ Architektur zumindest als unsicher empfundene Gesamtsitua-
und entsprechend eine der wichtigsten Bauaufgaben tionen. Darber hinaus hat die Errichtung und Pfle-
des antiken Ñ Architekten. Sie formiert sich aus zwei ge von Wehrmauern eine nicht zu unterschtzende
eng miteinander verflochtenen Teilbereichen: der Symbolik, da die Existenz einer Mauer immer als
Errichtung defensiv ausgerichteter Schutzbauten Zeichen von Wehrhaftigkeit und Autonomie galt
(hier mit dem modernen Begriff der Befestigungs- (und entsprechend das Schleifen einer Mauer ein
bauten bezeichnet) und der offensiv ausgerichteten nicht minder bedeutungsvoller, demtigender Akt
technischen Vorrichtungen fr Angriffe auf Befes- war). Zeugnisse dieser semiotischen Aspekte der
tigungsbauten, die Poliorketik (griech., ›Stdtebelage- Wehrmauer sind einerseits die im Hellenismus
rung‹), also Rampen, Tunnel und Belagerungs- bzw. weit verbreiteten Bildnisse von Stadtgçttinnen mit
Ramm-Maschinen, deren Konstruktion immer ein einer Mauerkrone auf dem Kopf (als Stadttychen,
wesentlicher Bestandteil des Architektenhandwerks z. B. die ›Tyche von Antiochia‹), andererseits in der
war (vgl. Vitruv, Buch 1 und 10). Zwischen beiden rçm. Antike die oftmals intensive bauliche Pflege
Aspekten besteht ein unmittelbarer Zusammenhang von Mauern in Stdten, die jahrhundertelang in
im Sinne einer Wechselwirkung insofern, als tech- gesicherter Position im Imperium Romanum lagen
nischer Fortschritt auf der einen immer eine Reak- und die sich im Laufe der Zeit von militrischen
tion auf Entwicklungen der anderen Seite reprsen- Nutzbauten zu beinahe dysfunktionalen, sym-
tiert. So verndert sich etwa der antike Mauerbau bolisch aufgeladenen Dekorationsarchitekturen
mit der Entwicklung von Fernwaffen und Katapul- wandelten (z. B. ›Prunktore‹ wie die Porta Nigra in
ten grundlegend, indem nun alle erdenklichen An- Trier oder die militrisch durchweg unbrauchbare
Militrarchitektur 170

Griechische Torbauten:
Axialtor aus Assos (oben),
Tangentialtor aus
0 10 20 30 40 M Mantineia (unten).

Mauer der nach 27. v. Chr. von Augustus am Ort der griech. Westkolonien in Unteritalien und auf
seines Sieges ber Marc Anton gegrndeten Stadt Sizilien herrscht, wegen der begrenzten Offensiv-
Nikopolis). kraft der indigenen Bevçlkerung und zugleich auch
wegen der berdimensionierten Flche der neu-
B. Befestigungsbauten gegrndeten Koloniestadt, ein maximales Ausnut-
(1) Griechenland: Wehrbauten wie Stadtmauern mit zen von Gelndekanten vor, wodurch der Aufwand
Trmen, Bastionen und Toren waren im Bereich der fr den Bau einer massiven Ringmauer z. T. erheb-
mykenischen Burg- und Palastanlagen in technisch lich reduziert werden konnte (z. B. Akragas). Anders
bereits ausgeklgelter Weise existent (›Zyklopen- verhielt sich dies bei griech. Stdten im persischen
mauerwerk‹), jedoch in den ›Dark Ages‹ (10./9. Jh. Einflußbereich, wo bereits im 6. Jh. v. Chr. aus-
v. Chr.) nur noch als Ruinen in Gebrauch und im geklgelte Belagerungstechniken eine entsprechend
9./8. Jh. v. Chr. dann reduziert auf zumeist hçlzerne massive und umlaufende Mauerkonstruktion not-
Palisaden und Erdwlle, die die kleinen Ansiedelun- wendig machten (z. B. Assos). Befestigungsmauern
gen einzelner Sippen umgaben. Monumentale M. bestanden zunchst aus massiven Lehmziegeln, die
gehçrte dann seit dem frhen 7. Jh. v. Chr. im anti- sich auf Vollsteinsockeln erhoben und oben mit
ken Griechenland zu den ersten Bauaufgaben der hçlzernen Wehrgngen ausgestattet waren (Athen,
sich neu formierenden Polis im Sinne einer umfas- Gela); Emplekton-Mauern mit zwei aus Stabilitts-
senden Gemeinschaftssiedlung; sie garantierte die grnden querverbundenen Schalen aus Vollstein
Sicherheit der Brger und der stdtischen Einrich- (Ñ Mauerwerk) wurden seit dem spten 5. Jh. v. Chr.
tungen. Errichtung und Pflege waren, noch vor dem blich, wobei die Maueroberflche einerseits zum
Bau eines Tempels, eine Gemeinschaftsaufgabe fr Gegenstand von Baudekor wurde (Buckelquader,
alle Brger und damit auch regelmßig eine identi- Ritzungen und Pickungen), andererseits aber auch
ttstiftende Handlung. Insofern ist die Genese des das Bestreben zeigt, durch Glttung, unregelmßige
griech. Befestigungsbaus mit dem Entstehen der Po- Formungen und exakten Versatz mçglichst von au-
lis als Siedlungs- und Staatsstruktur eng verknpft, ßen undemontierbar zu sein (u. a. durch Wieder-
ebenso wie mit dem Umstand der stndigen Kon- aufleben des exakt gefugten Polygonalmauerwerks).
flikte der griech. Stadtstaaten untereinander. Verschiedentlich bildete, besonders ab dem 5. Jh.
Der Bau von Befestigungsanlagen orientierte sich v. Chr., ein Graben eine zustzliche Sicherung.
schon frh an den regional verschiedenen Mçglich- Tore waren immer der Schwachpunkt einer Mau-
keiten der gegnerischen Offensive. Bei der Anlage er, weshalb ihre Anzahl auch bei grçßeren Stdten
171 Militrarchitektur

immer berschaubar gering blieb. Mit Vorsprngen, riegelte (militrisch hingegen wohl kaum wirkungs-
Bastionen, Trmen und z. T. aufwendigen, mehr- voll gewesen sein wird). Die Bedeutung von Befes-
kammerigen Korridoren (z. B. Stymphalos, Manti- tigungsanlagen nimmt in den politisch unsicheren
neia) wurden die Durchlsse besonders gesichert Zeiten des Hellenismus massiv zu, was durch die
und Angreifer von oben und von der Flanke her große Zahl von theoretischen Schriften zu Aspekten
attackiert. Zu trennen sind zwei Typen: das beidsei- defensiver und offensiver Kriegsfhrung aus dem 3.
tig durch Trme gesicherte Axialtor, das in einem und 2. Jh. v. Chr. eindrucksvoll untermauert wird
Winkel von annhernd 90  in die ffnung der (fragmentarisch bekannt sind u. a. Abhandlungen
Mauerkurtine (Abschnitt zwischen zwei Trmen) von Aineias Taktikos, Biton, Polydos, Diades und
eingesetzt ist (und als ›Zwingertor‹ mit doppelter Philon von Byzanz).
Verschlußkammer ab dem spten 6. Jh. v. Chr. opti- (2) Etrurien und Rom: Die Stdte des etruskischen
miert wird), und das (fortifikationstechnisch ber- Bundes waren zuvçrderst durch ihre Lage auf hoch
legene) grundstzlich mehrkammerige Tangential- aufragenden Plateaus gesichert (z. B. Orvieto); mas-
tor, das aus zwei sich berlappenden Mauerenden siv bewehrt mit Toren und Bastionen waren die
gebildet wird. Reprsentative Aspekte von Ñ Torbau- Zugnge zu diesen Plateaus, whrend Ringmauern
ten kçnnen hier Bedeutung erlangen (z. B. das Dipy- jenseits dieser natrlichen Schwachstelle nur dort
lon in Athen oder verschiedene Tore von Thasos mit angelegt wurden, wo eine Zugangsmçglichkeit
zweigeschossiger Ñ Fassade), gehen jedoch immer zu bestand. Neben Mauern aus roh bzw. gar nicht
Lasten der militrischen Zweckmßigkeit. Mit dem behauenen Felsblçcken (Volterra, Vetulonia, Popu-
Aufkommen von Fernwaffen (Torsionsgeschtzen) lonia) finden sich Konstruktionen aus unregelmßi-
bekommen Trme eine neue Aufgabe als Geschtz- gen Quadern (Perugia, Arezzo) und spter, beson-
stellungen; Mauern werden durch Grben zustzlich ders in ausgreifenden, eine Unterstadt einschließen-
gesichert und der Feind auf Distanz gehalten; sie den Ummauerungen aus akkurat gefgten, regel-
werden berdies durch gezackten Verlauf (›Sge- mßigen Tuffquadern (Tarquinia, Caere, Veji).
zahnmauer‹) so gesetzt, daß an nahezu jeder Stelle Die indigenen Stdte Mittel- und Sditaliens er-
ein Angreifer seitlich oder von hinten attackierbar richten seit dem spten 5. Jh. v. Chr. im Zusammen-
wird. Auch eine nicht geringe Anzahl kleiner Aus- hang mit der Expansion Roms stabile Mauerringe
falltore unterstreicht den seit hellenistischer Zeit ›ak- aus Kalkstein, die nicht selten Weideareale bzw.
tiv-offensiven‹ Charakter von Befestigungen. Grçße- Weidewege mit einschlossen; auch die Stadt Rom
re Stdte werden bisweilen durch ein Ñ Diateichisma erbaut im 4. Jh. v. Chr. eine erste Ringmauer (ser-
in zwei Hlften aufgeteilt und auf diese Weise dop- vianische Mauer, um 370/50 v. Chr.). Hier prgt
pelt gesichert (z. B. Stratos). sich die Struktur der rçm. Stadtbefestigung aus,
Seit dem 5. Jh. v. Chr. entsteht in Griechenland wie sie auch in eroberten bzw. neu gegrndeten
die Tendenz zu großrumiger Abriegelung ganzer Stdten Anwendung fand: Innerhalb des Stadtgebie-
Landschaftsteile durch ein komplexes System von tes erhob sich nach Mçglichkeit eine separat gesi-
Befestigungsmauern. Erstes markantes Beispiel sind cherte arx (Burg, Ñ Kapitol); ein Mauerring, seit dem
die im frhen 5. Jh. v. Chr. erbauten ›langen Mau- spten 2. Jh. v. Chr. oft in massiver Ñ Zementbau-
ern‹ von Athen, die den Pirus und die dorthin weise errichtet, wurde durch einen zustzlich da-
fhrenden Verbindungswege mit in die Stadtmauer hinter erbauten agger, einen Erdwall, gesichert, die
einschlossen; auf grundstzlich gleicher Ebene lie- Mauer selbst mit zahlreichen Trmen, gedeckten
gen spter die ein grçßeres Areal von Nutzland mit Wehrgngen und gut gesicherten, mehrkammeri-
umschließenden ›Landschaftsfestungen‹ etwa von gen Toren ausgestattet. Das gleiche Prinzip findet
Syrakus mit ihren z. T. gewaltigen Bastionen (Fort sich als Bewehrung beim rçm. Ñ Castrum, hier zu-
Euryalos) als Einlssen in die Stadt. Einen Sonderfall nchst aber nicht in Steinarchitektur, sondern in
solcher Landschaftsfestung bildet die Dema-Mauer, einer Kombination aus Holz- und Erdbauweise
die quer durch Attika verlief und die Chora Athens (die sehr effektive Mçglichkeiten fr eine Befesti-
nach Norden hin zumindest optisch effektvoll ab- gung bot, wie z. B. der Ñ Murus Gallicus zeigt).
Militrarchitektur 172

Poliorketik
Griechisch-rçmische Belagerungsbauten

0 2m

Widderschildkröte (testudo
Widderschildkrçte arietaria),
(testudo arietaria),
Rekonstruktion nach
Rekonstruktion nacheinem Relief
einem auf dem
Relief auf dem
Bogen des
Bogen desSeptimius Severus
Septimius in Rom.
Severus in Rom.

0 4m

Helepolis des
Helepolis des Poseidonios.
Poseidonios.

0 2m

Laube (vinea),
Laube (vinea),Versatzstück für einen
Versatzstck fr einen
gedeckten Laufgang
gedeckten Laufgang nachnach
Vegetius.
Vegetius.

0 10 m

Angriff auf
Angriff aufeine Stadtmauer
eine Stadtmauermit einem
mit einem
Wandelturm (turris
Wandelturm ambulatoria),
(turris der mit
ambulatoria), der
einereiner
mit Fallbrücke ausgestattet
Fallbrcke ist.
ausgestattet ist.

Bau einer
Bau einerBelagerungsrampe
Belagerungsrampe aus Holz,
aus Steinen
Holz, Steinen
und Erde
und Erdemit
mitHilfe derder
Hilfe Schüttschildkröte.
Schttschildkrçte. 0 10 m

Das Schüttmaterial
Das Schttmaterial wirdwird
in einem gedeckten
in einem gedeckten
Laufgang nach vorne gebracht, der aus einzelnen
Laufgang nach vorne gebracht, der aus einzelnen
bewegbaren Lauben (vineae) zusammen-
bewegbaren
gesetzt wird. Lauben (vineae) zusammen-
gesetzt wird.
173 Minoische Sule

Die politisch-militrische Konstellation des Im- Mauer gebrochen werden oder ein Heer direkt in
perium Romanum machte seit dem 1. Jh. n. Chr. die Stadt hineingefhrt werden konnte. Bekannt
eine Befestigung der Stdte im Reichsinneren weit- war ferner das Unterminieren von Stadtmauern
gehend berflssig; die Stadtmauern wurden zwar durch Tunnel und schließlich das Prinzip der Cir-
weiter gepflegt, verloren aber zugunsten einer sym- cumvallation, der Einschließung und Aushungerung
bolischen Komponente (Mauer als Zeichen von einer Stadt durch einen undurchdringbaren ›An-
stdtischer Autonomie; Mauer auch als sakral-ju- griffsmauerring‹ (z. B. 440 v. Chr. von den Athenern
ristische Komponente) ihre militrische Funktions- bei der Belagerung von Samos praktiziert). Um die
fhigkeit, wurden oftmals reprsentativ ausgestaltet Mitte des 4. Jh. v. Chr. entstehen erste fahrbare, hçl-
(Ñ Torbauten, mit Abb.) und z. T. auch berbaut zerne Belagerungstrme, die die Stadtmauer ber-
(z. B. Herculaneum). Umfangreiche Befestigungen ragten und mit deren Hilfe das Brechen bzw. ber-
fanden sich an den Reichsgrenzen (limes), je nach schreiten der Mauer mçglich wurde (erstmalig als
topographischer Situation entweder als massive effektiv bezeugt bei der makedonischen Belagerung
Mauer oder aber in Form von Erdwllen erbaut, von Perinth 341/40 v. Chr.).
die in allen Fllen zustzlich mit Annherungshin- Die rçm. Kriegsfhrung hat alle diese Elemente
dernissen (Palisaden, Grben) versehen waren. Erst bernommen, perfektioniert und funktional erwei-
in den unsicheren Zeiten des 3. und 4. Jh. n. Chr. tert, wobei eine erhebliche Pragmatik zu konstatie-
werden rçm. Stdte auch im Binnenland wieder ren ist. So wurde z. B. das in den hellenistischen
mit fortifikatorisch effektiven Mauern umgeben Heeren weit verbreitete Wetteifern um mçglichst
(z. B. die aurelianische Mauer um Rom von 271 hohe und monumentale Belagerungstrme unter
n. Chr., die als massives Bollwerk imstande war, dem Eindruck der zunehmenden funktionalen In-
auch einen Angriff des eigenen, rçm. Heeres abzu- effizienz solcher Gebilde zugunsten kleiner, dafr
wehren). Sptantike Stadtmauern bestanden meist sehr mobiler Konstruktionen aufgegeben; insgesamt
aus verziegelten Zementkonstruktionen und waren ist die rçm. Meisterschaft im Bereich der Ñ Holzbau-
fr einen intensiven Einsatz von gegen Angreifer weise weitgehend im militrischen Sektor der Ar-
gerichteten Fernwaffen vorgesehen, was eine sehr chitektur angesiedelt gewesen. Herausragende Bei-
dichte Stellung von Trmen und turmartigen Vor- spiele rçm. Poliorketik sind die Belagerungsrampe
sprngen mit sich brachte (z. B. Thessaloniki, Kon- von Massada sowie die Circumvallationen von Nu-
stantinopel). mantia und Alesia. Ein wichtiger Teil rçm. Polior-
ketik und damit auch ein wichtiges Arbeitsfeld des
C. Poliorketik rçm. Architekten betraf den logistischen Bereich der
Architektur hat im Rahmen der militrischen Of- Kriegfhrung: den schnellen Bau von Unterknften
fensive bereits in der Kriegsfhrung der griech. Po- ebenso wie etwa den Ñ Straßen- und Brckenbau im
liswelt eine wachsende Rolle gespielt, wobei das Vorfeld militrischer Unternehmungen.
Repertoire der Mçglichkeiten in der hochent- Lit.: Befestigungsbauten: J. P. Adam, L’architecture militaire
wickelten Belagerungstechnik des persischen Hee- grecque, 1982. – S. Johnson, Late Roman Fortifications,
res bestanden hat, die die Griechen im ionischen 1983. – A. W. Lawrence, Greek Aims in Fortification,
1979. – P. Leriche, H. Trzeny (Hrsg.), La fortification
Aufstand und den ›Perserkriegen‹ im frhen 5. Jh. dans l’histoire du monde grec, 1986. – F. G. Maier, Griech.
v. Chr. kennenlernten und teilweise unmittelbar Mauerbauinschriften, 1959/1961. – M. Miller, Befesti-
adaptierten. Voraussetzung war allerdings die Mçg- gungsanlagen in Italien vom 8. bis 3. Jh. v. Chr., 1995. – P.
lichkeit, ein Heer ber einen lngeren Zeitraum fr Moret, Les fortifications ibriques, de la fin de l’ ge du
bronze la conquÞte romaine, 1996. – M. Todd, The Walls
eine Belagerung unter Waffen zu halten, was im 5.
of Rome, 1978. – F. E. Winter, Greek Fortifications, 1971.
und frhen 4. Jh. nur den ›Großmchten‹ Athen, Poliorketik: D. Baatz, DNP 10, 2001, 16– 21, s.v. Poliorketik.
Sparta und Theben mçglich war. – Y. Garlan, Recherches de poliorctique grecque, 1974. –
Verwendung fand zum einen die Belagerungs- E. W. Mardsen, Greek and Roman Artillery, 1969/1971.
rampe, eine die Stadtmauer allmhlich berwinden-
de massive Erdanschttung, ber die schließlich die Minoische Sule Ñ Kretische Sule
Mithrum 174
˙
Mithrum Rçmerzeitliches Heiligtum des Mithras, Miniaturtriglyphen aus dem Bauschutt des Aphaia-
˙
einer bedeutenden persisch-achmenidischen Gott- tempels von gina begrndet). Die zahlreichen
heit. Mithras wurde in der synkretistischen rçm. griech. und etruskischen Hausmodelle dienten
Religion seit dem Spthellenismus in weiten Teilen grundstzlich anderen Zwecken, als Weihungen
des rçm. Reiches populr und in speziellen, fr oder Urnen in sepulkralem Kontext, analog ver-
diesen Mysterienkult angelegten Baulichkeiten ver- schiedenen hausfçrmigen Sarkophagen. Weit ver-
ehrt: unterirdische, oft L-fçrmige Architekturen mit breitet im griech. Bauprozeß waren hingegen
guter Wasserversorgung, einem lnglichen Haupt- 1:1-M. im Sinne eines Musterwerkstckes (pardeig-
raum, dessen Langseiten mit Bnken ausgestattet ma), besonders fr in grçßerer Serie herzustellende
waren und an dessen Stirnseite eine Kultnische Bauteile (Kapitelle etc.; z. B. das erhaltene Muster-
mit einem dort eingefgten Bild des stiertçtenden kapitell der Ñ Tholos von Epidauros), die ber das
Mithras lag (z. B. in Capua oder Carnuntum). Abgreifen eines Vorbildes vervielfacht wurden.
Lit.: M. Clauss, Mithras. Kult und Mysterien, 1990. Lit.: L. Haselberger, Architectural Likenesses. Models and
Plans in Classical Antiquity, in: Journal of Roman Archae-
Mnesikles Athenischer Ñ Architekt der Klassik, des- ology 10, 1997, 77–94. – J. Heisel, Antike Bauzeichnungen,
1993, 276 s.v. Modell. – W. Mller-Wiener, Griech. Bau-
sen einziges mit ihm sicher zu verbindendes Bau- wesen in der Antike, 1988, 34– 36. – T. Schattner, Griech.
projekt der Neubau der Ñ Propylen ist, ein repr- Hausmodelle. Unters. zur frhgriech. Architektur, 1990.
sentativer Ñ Torbau zur Athener Akropolis (Bau-
daten: 437 –431/30 v. Chr.). Die leitende Funktion Modul, Modulus Ñ Baumaß; Ñ Embater
˙ ˙
des M. ist allein durch Plutarch (Perikles 13, 7) und
den Lexikographen Harpokration bezeugt; ber Mçrtel Ñ Kalk; Ñ Zementbauweise
diese sprlichen Angaben hinaus bleiben Person
und Werk des M. im Dunkeln. Versuche der mo- Monolith Griech. monlithos, ›aus einem Stein‹; ein
˙
dernen archologischen Bauforschung, M. ber sti- grçßeres Bauglied, etwa eine Sule oder ein Archit-
listische Analogien mit dem zeitlich vorangehenden rav, das aus einem einzigen Stein (und nicht aus
Bau des Ñ Parthenon sowie mit weiteren Athener Trommeln oder mehreren Steinstreifen) gearbeitet
Bauten auf der Agora in Verbindung zu bringen, ist. Monolithische Bauglieder finden sich berwie-
bleiben ebenso spekulativ wie berlegungen zu gend in der archaischen griech. Architektur des sp-
einer mit M. verbundenen Gesamtkonzeption der ten 7. und des 6. Jh. v. Chr.; mit zunehmender Ka-
klassischen Akropolisbebauung. nonisierung der Bauformen und Bautypen und Pla-
Lit.: J. A. Bundgaard, Mnesikles. A Greek Architect at nung der Baulogistik geht eine zunehmende Klein-
Work, 1957. – W. Mller, Architekten in der Welt der teiligkeit der Bauglieder und damit eine
Antike, 1989, 179 – 181. – H. Svenson-Evers, Die griech. Erleichterung des Bauprozesses einher.
Architekten archaischer und klassischer Zeit, 1996,
252 – 277. – C. Tiberi, Mnesicle, l’architetto dei Propilei,
1964. – J. A. K.E. de Waele, The Propylaia of the Acropolis Monopteros Kreisrunder, baldachinartiger Sulen-
˙
in Athens. The Project of Mnesicles, 1990. bau ohne innere Cella; Ñ Tholos.

Modell Das Vorhandensein maßstblich verklei- Murus Gallicus Ein von Csar (Gallischer Krieg 7,
˙ ˙
nernder Architekturmodelle zum Zweck der Vor- 23) ausfhrlich beschriebenes, gegen die blichen
ab-Visualisierung eines Bauprojektes bzw. zur pro- rçm. Belagerungsmaschinen sehr resistentes ›Mau-
spektiven Konkretisierung seiner Strukturen oder erwerk‹ aus Bruchstein und rampenfçrmig verfes-
einzelner Teile ist weder fr die griech. noch fr tigter Erde, das mit dreidimensional eingezogenem
die rçm. Antike belegt (wird allerdings verschie- Holzfachwerk durchsetzt und deshalb in hohem
dentlich von der Forschung ex silentio als unumgng- Maße flexibel war. Verschiedene Befestigungsanla-
lich postuliert und mit wenigen und unklaren Be- gen sind archologisch in keltischem Gebiet be-
funden wie etwa den Miniatursulen aus einem zeugt, u. a. in Basel und Manching nahe Ingolstadt.
Grab bei Myrina und den M.-Metopen und den Vgl. Ñ Militrarchitektur.
175 Mutulus
˙
griech. Analogie ist unbekannt; alle einzelnen Be-
standteile des Blockes wurden hier wohl insgesamt
als gison bezeichnet. Unter dem M. versteht man die
berhngende Platte mit meist 3 x 6 Tropfen (gut-
tae), die in regelmßiger Reihung oberhalb des Me-
topen-Triglyphen-Frieses (Ñ Fries) erscheint und
diesen in seinem Rhythmus untersttzt. Der M.
entspricht in seiner Breite dem Maß einer Ñ Trigly-
phe und einer Ñ Regula am Architrav (Ñ Epistylion);
er erscheint dann, getrennt von Abstnden (viae),
Murus Gallicus, jeweils mittig gesetzt ber der Ñ Metope. Der M.
Querschnitt durch war im Holzbau Bestandteil des berkragenden
die Konstruktion Daches und diente als wasserabweisender Schutz
fr die Gesamtstruktur; er hat sich, wie zahlreiche
Musterstck Ñ Modell Elemente des dorischen Tempelgeblks, als ein
technischer Anachronismus in den spteren Stein-
Mutulus Antik-lat. Terminus technicus (u. a. bei Vi- bau tradiert.
˙
truv, 4, 1, 2 u. ç.) fr einen Teil des Kragsteinblocks Lit.: W. Mller-Wiener, Griech. Bauwesen in der Antike,
am Ñ Geison dorischen griech. Tempelgeblks; eine 1988, 113;119 f.; 129 f.
Naiskos 176
˙

Naiskos Griech. fr ›Tempelchen‹; kleiner, tempel- Navalia Lat. ›Schiffshuser‹; der Ñ Skeuothek ver-
˙ ˙
fçrmiger Bau ohne umlaufende Ringhalle. In der gleichbare Baulichkeiten, die der konservierenden
klassisch-archologischen Fachterminologie wird Einlagerung von Kriegsschiffen, deren Takelage
der Begriff fr freistehende Kleinarchitekturen (z. B. und Bewaffnung in Friedenszeiten dienten (vgl.
Ñ Brunnenhuser) ebenso verwendet wie (verein- auch Ñ Arsenal; Ñ Militrarchitektur). N. waren b-
zelt) fr speziell ausgeformte Ñ Cella-Bauten inner- licherweise Bestandteile militrischer Ñ Hafenanla-
halb eines Tempels (z. B. beim Ñ Dipteros von Di- gen (Pirus, Ostia, Misenum, Brundisium, Raven-
dyma), bisweilen auch synonym mit Ñ nos (Ñ Cella), na), des çfteren dann Teile von Ñ Werftanlagen und
ferner fr Grabreliefs mit an Architektur erinnern- auch fr die zivile Schiffahrt von Bedeutung, wobei
den, rumlich in die Tiefe gebauten Ñ Anten-Vor- hier im Vergleich zu militrischen N. ein geringer
stzen. Organisationsgrad bei Betrieb und Unterhaltung
Lit.: W. Mller-Wiener, Griech. Bauwesen in der Antike, anzunehmen ist.
1988, 217 s.v. Naos (Naiskos). – B. Schmaltz, Griech. Grab- Lit.: O. Hçckmann, Antike Seefahrt, 1985. – H. D. L. Vier-
reliefs, 21993. eck, Die rçm. Flotte, 1996, 260 – 273.

Naos Griech. ›Tempel‹, ›Haus Gottes‹. Im antik- Nekropole Von griech. nekrs (›Toter‹) und plis
˙ ˙
griech. Sprachgebrauch Synonym fr Ñ Tempel; im (›Stadt‹), wçrtlich ›Totenstadt‹. Unter N. wird ein
modernen archologischen Verstndnis der Kern- separiertes Terrain außerhalb der Stadtmauer ver-
bau des Tempels, vgl. Ñ Cella. standen, das als Begrbnisplatz diente; zu architekto-
nischen Aspekten einzelner Begrbnisse vgl. Ñ Grab-
Narthex Griech. ›Kstchen‹; die meist schmale, bauten. Einfache Friedhçfe mit unscheinbaren,
˙
quer-rechteckige Vorhalle frhchristlicher und by- nicht architektonischen Grabmarkierungen sind
zantinischer Kirchenbauten; als Terminus technicus hier von monumental ausgestalteten Anlagen zu
im Bereich der Architektur erstmalig von Prokop trennen, die mit einem organisierten Wegenetz
bei seinen Baubeschreibungen verwendet. Der und einer Belegung in Form von Ñ Insulae nahezu
N. verbindet den Vorhof der Kirche (Ñ Atrium) stdtischen Charakter aufweisen konnten. In gro-
mit dem eigentlichen Kirchenraum und bot Raum ßem Umfang spiegeln besonders die N. der etrus-
fr Vorbereitungen zeremonieller Handlungen. kischen Kultur ›reale‹ Stadtstrukturen und Haus-
Verschiedentlich findet sich der N. verdoppelt architekturen, ein angesichts der aufgrund durch-
(vgl. Ñ Esonarthex; Exonarthex; vgl. Abb. Ñ Hagia gngiger spterer rçm. berbauung weitgehenden
Sophia). Unkenntnis von etruskischen Stadtanlagen wichti-
Lit.: P: Grossmann, Zum Narthex von S. Giovanni Evan- ger Befund. Als ›Spiegel der stdtischen Gesellschaft‹
gelista in Ravenna, in: Mitteilungen des DAI, Abt. Rom 71, fungierten auch die rçm. N., die sich entlang der
1964, 206 –228. – R. Krautheimer, Early Christian and Ausfallstraßen vor den Stadttoren erstreckten und
Byzantine Architecture, 51986, 546 s.v. Narthex.
deren Grber durch ihre Lage, Grçße, Ausstattung
und vermittels Inschriften dem Ankommenden be-
Natatio Lat. ›Schwimmbecken‹, auch pisci.na ge- redt Auskunft ber die dominierenden Familien
˙
nannt; ein großes, meist im Freien gelegenes Becken und die sozialen Strukturen der Stadt gaben. Zu
im baulichen Zusammenhang grçßerer rçm. christlichen Grabkomplexen vgl. Ñ Coemeterium;
Ñ Thermen. Ñ Columbarium; Ñ Katakomben.
177 Nymphum
˙
Lit.: H. von Hesberg, P. Zanker (Hrsg.), Rçm. Grberstra- allerdings nicht sicher dem Typus N. zuzuweisende
ßen, 1987. – T. Hçlscher, ffentliche Rume in frhgriech. Ñ Septizodium).
Stdten, 1998. – V. Kockel, Die Grabbauten vor dem
Mit in den Bereich der N. gehçren Wasserspiele:
Herculaner Tor in Pompeji, 1983. – I. Morris, Burial and
Ancient Society, 1987. – S. Steingrber, Etrurien. Stdte, der in der klassischen Antike bereits aus dem Vor-
Heiligtmer, Nekropolen, 1981. deren Orient vereinzelt bekannte, verschwende-
risch-spielerische Umgang mit Wasser, der erst im
Nymphum Erstmalig im 4. Jh. v. Chr. auf Delos Kontext einer gesicherten Ñ Wasserversorgung, fer-
˙
inschriftlich belegter Begriff (griech. nymphion; IG ner eines vorbehaltlos ausgelebten, zumindest in
XI, 2, 144), der zunchst ein mit Wasser verbunde- Teilen positiv definierten çffentlichen und/oder
nes Nymphenheiligtum (Quell-Heiligtum) be- privaten Ñ Luxus und dann insbesondere im Rah-
zeichnet; das latinisierte Wort N. wird in der Folge men des spezifisch rçm. Naturverstndnisses zu ei-
zu einem Synonym fr monumentale, knstlich nem Faktor wird, der sich auch in entsprechenden
angelegte Brunnenanlagen in rçm. Stdten und Hei- Baulichkeiten niederschlgt; in der griech. Poliswelt
ligtmern. Griech. N. sind durchweg naturnah ge- begegneten Wasserspiele in der Regel nicht. Diese
staltete, wasserreiche Grotten, meist in lndlicher finden sich zunchst im Zusammenhang mit opu-
Umgebung, mit seit dem Hellenismus zunehmend lent ausgestalteten Ñ Gartenanlagen. Besonders im
architektonisch ausgestalteten Ñ Fassaden (z. B. in Ñ Palast (Domus Aurea, Kaiserpalste auf dem Pala-
Tenos) oder statuarischen Inszenierungen (Nike- tin in Rom) und in der rçm. Ñ Villa gab es (z. T.
Brunnen im Kabirion von Samothrake). N. als gnz- knstlich angelegte) pltschernde Bche, wasser-
lich freistehende und artifizielle Architekturen im umflossene Garten- oder Grotten-Triclinien und
Sinne von Ñ Brunnenhusern sind eine rçm. Erfin- kleine Springbrunnen (Plinius, epistulae 2, 17, 25;
dung. Zum einen herrscht ein halbkreisfçrmiger 5, 6, 19 ff.). Die Funktion diverser großer Wasser-
Grundriß (Ñ Exedra) vor, wie er in dem Prunk-N. becken in verschiedenen hasmonischen Palsten
des Herodes Atticus in Olympia mustergltig ver- hellenistischer Zeit bleibt demgegenber unklar.
wirklicht worden ist. Daneben prgte sich ein Typus Wasserspiele waren auch in kleinbrgerlich-provin-
aus, der ein langrechteckiges Wasserbecken an bei- ziellem Ambiente beliebt, was die zahlreichen Zier-
den Schmalseiten und der Rckseite umfaßte; bei- brunnen in den Husergrten Pompejis zeigen.
den Grundmustern gemeinsam ist die an Ñ Theater- Springbrunnen in den rçm. Stdten waren seit der
bauten erinnernde Schaufassade mit mehrstçckiger frhen Kaiserzeit zunehmend hufig und hatten
Untergliederung und reicher statuarischer und or- berwiegend reprsentativen, weniger funktionalen
namentaler Dekoration (z. B. in Rom das funktional Charakter im Rahmen der lokalen Wasserversor-

Nymphum von Gerasa,


2. Jh. n.Chr. (Grundriß).
0 5 10 m
1
Nymphum 178
˙

Nymphum von Side,


2. Jh. n. Chr. (Grundriß).
0 5
1 10 m

gung. Monumentalstes Beispiel war die Meta sudans Lit.: R. Amedick, Ein Vergngen fr Augen und Ohren.
in Rom, ein in der Nhe des Kolosseums unter Wasserspiele und klingende Kunstwerke in der Antike, in:
Antike Welt 29, 1998, 497– 507 und Antike Welt 30,
Kaiser Domitian erbauter, kegelfçrmiger Spring-
1999, 49 –59. – P. Gros, L’Architecture romaine I, 22001,
brunnen (hnlich, aber erheblich kleiner, ein gut 418 – 444 (m. weiterer Lit.). – H. Knell, Die Nike von
erhaltener Brunnen in Djemila). Als Springbrunnen Samothrake, 1995. – W. Letzner, Rçm. Brunnen und
fungierte auch ein wasserspeiender Triton auf dem Nymphen in der westlichen Reichshlfte, 1990. – H.
Marsfeld in Rom, den Pompeius dort in seiner Por- Mielsch, Die rçm. Villa, 1997, 121– 126. – C. Panella
(Hrsg.), Meta Sudans, 1996. – R. Tçlle-Kastenbein, Antike
tikus aufstellen ließ (Prop. 2, 32, 11 f.). Wasserkultur, 1990, 187 – 199.

Nymphum von Ephesos,


2. Jh. n. Chr. (Grundriß).
N

0 2 4

1 3 5m
179 Opaion
˙

Obergaden Ñ Gaden lagernden Ñ berdachung hier eine besondere kons-


truktive Herausforderung bildete. Massive Sttz-
Octastyl(os) Griech. ›Achtsuler‹. Entsprechend konstruktionen wies regelmßig der Bhnenbereich
˙
dem Ñ Hexastylos ein Ñ Tempel mit acht Frontsu- aus, was auch im Fall eines nur noch rudimentr
len; ein in der dorischen Bauordnung vergleichs- erhaltenen Grundrisses eine Deutung der Ruinen
weise selten realisiertes, monumentales Baukonzept als O. hinreichend sicher werden lßt.
(Artemistempel von Kerkyra; Ñ Parthenon in Typologisch dem O. eng verwandt (gedeckte Ca-
Athen); im ionischen Tempelbau hingegen fr vea-Bauten) sind verschiedene bereits in der griech.
Ñ Dipteroi (Samos, Ephesos und Didyma) sowie fr Antike ausgeprgte Ñ Versammlungsbauten, z. B. das
Ñ Pseudo-Dipteroi gelufig. Bouleuterion (Priene, Milet).
Lit.: Ñ Dipteros; Ñ Pseudo-Dipteros; Ñ Tempel. Lit.: H. P. Isler, in: Enciclopedia dell’arte antica classica,
Suppl. 5, 1997, 549 – 563 s.v. Teatro e Odeon. – G. C.
Odeion Griech.; lat. odeum; in der griech. und rçm. Izenour, Roofed Theatres of Classical Antiquity, 1992. –
˙ R. Meinel, Das Odeion. Unters. an berdachten antiken
Antike ein Raum fr Gesang und Dichterlesungen. Theatergebuden, 1980.
Das frheste als O. bezeichnete Gebude ist ein dem
Perikles zugeschriebener Bau im Sdosten der
Akropolis von Athen (›Odeion des Perikles‹: Plu- Oecus Raum im rçm. Ñ Haus, meist ein Speiseraum
˙
tarch, Perikles 13, 5; vgl. auch Pausanias 1, 20, 4); (Ñ Triclinium).
dies war ein dem Festzelt des Perserkçnigs Xerxes
(Ñ Temporre Bauten) nachempfundener rechtecki- Offener Dachstuhl Moderner Terminus technicus
ger, berdachter Sulenbau (87 v. Chr. zerstçrt, eine fr eine giebel- oder walmfçrmige Ñ berdachung,
Generation spter rekonstruiert und heute nur un- die zum darunterliegenden Raum nicht durch eine
zulnglich archologisch gesichert), der den musi- eingezogene Decke (Balken, Kassetten-Konstrukti-
schen Wettbewerben beim Panathenenfest Raum on) abgegrenzt ist, und deshalb von dort einsehbar
gegeben haben soll. bleibt; insbesondere bei rçm. Ñ Basiliken hufig an-
Das O. im heutigen Verstndnis ist ein gedeckter zutreffen.
Theaterbau (theatrum tectum; Ñ Theater), der als Typus Lit.: vgl. Ñ berdachung.
genuin rçmisch ist; der frheste Nachweis fr die
Benennung eines solchen Bauwerks als O. stammt Oikos Griech. ›Haus‹. Hiervon abgeleitet findet sich
˙
aus dem 2. Jh. n. Chr. (wobei es vereinzelt nicht- der hufig verwendete Begriff oikı´a, der den Haus-
berdachte O. gegeben hat, z. B. in Gerasa oder Ka- halt insgesamt bezeichnet und Personen, alle Sachen
natha). Zahlreiche O. haben sich erhalten; sie ent- und mobilen Besitztmer sowie die Gebude um-
standen meist als Stiftungen der gesellschaftlichen faßt.
Elite und waren dementsprechend reprsentativ Lit.: W. Hoepfner, E.-L. Schwandner, Haus und Stadt im
und reich ausgestaltet. Im Grundriß meist rechteckig, klassischen Griechenland, 21994, 60 – 62; 174 –177;
umfaßten sie einen halbkreisfçrmigen Zuschauer- 271 – 273. – R. Osborne, J. Renger, in: DNP 8, 2000,
1134 – 1138 s.v. Oikos; Oikos-Wirtschaft.
raum (selten auch eckig) mit einem davorgelagerten
Bhnenbau bzw. Podiumsbereich. O. waren von
sehr verschiedener Grçße, wobei das Problem einer Opaion Ursprnglich griech. opios, ›Dachziegel‹,
˙
freitragenden bzw. auf nur wenigen Sttzen auf- mit einem Loch fr den Abzug des Rauches; die
Opisthodom 180
˙
neutrale Form opion bezeichnet eine ffnung in- nenstruktur der Cella ist der O. analog zum Ñ Ady-
nerhalb eines Daches oder einer Kuppel in der ton gelegen und bildet den Abschluß des Kernbaus,
Architektur zum Zweck der Beleuchtung antiker ist jedoch nach außen, zur Rckseite des Bauwerks
Bauten. Man unterscheidet das ›reine‹ O. von der hin, geçffnet (und gegenber dem Hauptraum der
Laterne, einem auf dem O. angebrachten, durch- Cella verschlossen). Der Raum diente oft zur Auf-
fensterten und nach oben hin geschlossenen Zylin- nahme besonders wertvoller Weihgeschenke, beim
der. Ñ Parthenon auf der Athener Akropolis als Verwahr-
In der griech. Architektur selten (›Laterne‹ des ort der Staatskasse.
Lysikrates-Monuments in Athen; Telesterion von Lit.: M. B. Hollinshead, Adyton, Opisthodomos, and the
Eleusis), im rçm. Kuppelbau (u. a. Ñ Pantheon) hin- Inner Rooms of the Greek Temple, in: Hesperia 68, 1999,
gegen dann blich. Vgl. Ñ Kuppel/Kuppelbau; 189 – 218.

Ñ berdachung.
Lit.: W. D. Heilmeyer (Hrsg.), Licht und Architektur, Oppidum Lat. fr ›umfriedeter Raum‹, ›Stadt‹; im
1990. – C. Spuler, Opaion und Laterne. Zur Frage der ˙
Gegensatz zu den juristisch definierten Begiffen civi-
Beleuchtung antiker und frhchristlicher Bauten durch tas bzw. colonia ein technisch definierter Term, der
ein Opaion und der Entstehung der Kuppellaterne, 1971.
ursprnglich die Burg eines italischen Stammes bzw.
jedwede Art der hinreichend befestigten, grçßeren
Opisthodom Von griech. pisthen (›hinterwrts‹, ›im Siedlung beschrieb, spter berwiegend fr keltisch-
˙
Rcken liegend‹), wçrtlich: Hinterhaus; antik- germanische Großsiedlungen in strategisch gnstiger
griech. Terminus technicus fr den rckwrtigen Lage (Bergstçcke, Fluß, Wegkreuzung) mit stadt-
Teil der Ñ Cella beim griech. Ñ Tempel. In der Bin- hnlichem Charakter benutzt wurde; vgl. Ñ Stadt.

0° 10° 20°

G e r m a n
i e
n
50°
Altenburg
Hastedon
Dünsberg

Noviodunum
Titelberg Závist 50°
Staffelberg
Lutecia Donnersberg Staré
Paris Hradisko

Nancy
n Heidengraben
e Manching
l l i Alesia Tarodunum Bratislava
Avarium a
G Bibracte Basel Sopron Budapest
Vesontio Basilia

Magdalensberg

Gergovia
a n u m
R o m
Uxellodunum
m
Murcens r i u
p e
I m
0° 10° 20°

Spätkeltische Oppida nach literarischen und archäologischen Quellen (2./ 1. Jh. v. Chr.)
Oppidum, archäologisch bezeugt Vesontio antiker Name
0 250 500 km
Oppidum, bei Caesar, De bello Gallico, Paris moderner Name
erwähnt und archäologisch bezeugt
181 Orthostat(en)
˙
Ausfhrlichen Gebrauch in letzterem Sinne machte 1984, 27 – 73. – W. H. Goodyear, Greek Refinements,
Gaius Iulius Csar (Gallischer Krieg), der zahlreiche O. 1912. – W. Mller-Wiener, Griech. Bauwesen in der An-
tike, 1988, 135 f. – J. Pennethorne, The Geometry and
beschrieb und sie als militrische, politische, çko- Optics of Ancient Architecture, 1878. – F. C. Penrose, An
nomische und religiçse Zentralorte mit massiven Investigation of the Principles of Athenian Architecture,
2
Befestigungsanlagen darstellte (u. a. Alesia, Bibracte, 1888. – E. Rankin, Geometry enlivened. Interpreting the
Gergovia). O. waren nicht auf die rçm. Nordwest- Refinements of the Greek Doric Temple, in: Acta Classica
29, 1986, 29 – 41. – L. Schneider, Ch. Hçcker, Die Akro-
provinzen beschrnkt, sondern finden sich auch im
polis von Athen, 1990, 143 – 146. – B. Wesenberg, Die
bçhmisch-mhrischen Raum (vgl. Abb.). Theorie der Entasis, in: Archolog. Anzeiger 1999,
Lit.: J. Collis, Oppida. Earlies