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Seminar: Novellen aus Biedermeier und Frührealismus

Referentin: Marcella Poros


Seminarleiter: Dr. Rainer Hillenbrand
2018/2019 Herbstsemester
13. 09. 2018

Die Judenbuche
Einleitung
Annette von Droste-Hülshoff stammt aus einem westfälsischen Adelsgeschlecht, ihr Werk ist lokal
und thematisch auf ihre Heimat Westfalen beschränkt, daher kann es dem Biedermeier zugeordnet
werden. Allerdings durchbricht sie die biedermeierlichen Tendenzen, da sie in ihrer Epik dem
poetischen Realismus nahesteht. In ihren Werken spielt die Natur eine große Rolle, wobei
Naturstimmungen als Spiegelungen psychischer Prozesse auftreten. Dinge werden zu Symbolen für
seelische Vorgänge, wie die Judenbuche in dem folgenden Stück. Die Stoffe entnimmt Annette von
Droste-Hülshoff aus den heimischen Sagen und der westfälischen Geschichte, die sich etwa fünfzig
Jahre zutrug. Die Schriftstellerin verlegte die Handlung in das isolierte, von Natur und Wald
umgebene Dorf B. und zeichnet mit dessen Einwohnern eine moralisch verfallene Gesellschaft, die
Recht nicht von Unrecht unterscheidet und von kriminellen Handlungen wie Wilderei und Diebstahl
profitiert. Vor diesem Hintergrund schildert sie die Entwicklung eines jungen Menschen, für die sein
Charakter ebenso maßgebend ist wie die Erziehung durch sein Umfeld. Die spannende Handlung, die
knappe Sprache sowie atmosphärisch dichte Naturbeschreibungen sind die grundlegenden
Kennzeichen oder Merkmal der Novelle.

Die Personen
Hermann Mergel ist der Vater der Hauptperson Friedrich Mergel. Er ist Bauer im Dorf B. Er wird als
unangenehmer, boshafter und auch gewalttätiger Mensch mit Alkoholproblemen geschildert. Seine
erste Ehe scheiterte sofort und seine zweite Ehe mit Margreth Semmler wird auch nicht glücklich.

Margreth Mergel, geb. Semmler, ist die Mutter der Hauptperson Friedrich Mergel. Sie wird als gute,
anständige und kluge Frau geschildert. Es verwundert, dass sie den Hermann Mergel heiratet. Nach
dem Tode Hermanns wird ihr Sohn Friedrich zum Lebensinhalt, der sich ihr dann jedoch unter dem
Einfluss von Simon Semmler mehr und mehr entfremdet. Nach dem Verschwinden Friedrichs zieht sie
sich ganz zurück und verarmt.

Simon Semmler ist der Bruder von Margreth und damit der Onkel der Hauptperson Friedrich Mergel.
Er ist etwas besser gestellt und will sich um Friedrich kümmern, der auch sein Erbe werden soll.
Friedrich wird für Simon tätig und gerät mehr und mehr unter dessen Einfluss. Simon ist aber eine
zwielichtige Gestalt. Es ist nicht ganz klar, ob seine Geschäfte immer ganz sauber sind. Man könnte in
ihm auch einen der Hintermänner der Holzfrevler vermuten, obwohl das in der Novelle nicht
ausgesprochen wird. Zum Schluss steht Simon jedoch völlig verarmt dar. Friedrich Mergel verändert
sich unter dem Einfluss Simons in seinem Charakter eher negativ.

Der Gutsherr, auch als Herr von S. bezeichnet, ist auch eine Nebenfigur. Er ist in allen Fällen als
erste Instanz der Obrigkeit beteiligt. Das Verhältnis Gutsherr zur armen bäuerlichen Bevölkerung wird
in der Novelle nicht weiter thematisiert, obwohl hier der Konflikt um die Nutzung der Wälder besteht.
Der Gutsherr erscheint als korrekte, patriarchalische Figur und ruhender Pol in der Geschichte.

Der Jude Aaron ist Händler und durch seine Geschäfte hat er manche Schuldner. Die Dorfbewohner
vergleichen Juden mit Schweinen und außerdem werden sie als Menschen unterster Klasse behandelt.
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Referentin: Marcella Poros
Seminarleiter: Dr. Rainer Hillenbrand
2018/2019 Herbstsemester
13. 09. 2018

Johannes Niemand, sicher absichtsvoll Niemand genannt, ist der Schweinehirt Simon Semmlers und
wird der Freund Friedrichs und sein ständiger Begleiter. In seinem Wesen ist er ganz anders als
Friedrich, nämlich eher still, ruhig und introvertiert. Johannes ist unehelich und seine Abstammung
bleibt unklar. Johannes und Friedrich sind nahezu unzertrennlich und bleiben stets zusammen. In
mancher Hinsicht wirkt Johannes wie ein Doppelgänger von Friedrich, jedoch mit gegensätzlichem
Charakter. Zum Schluss kehrt eine Person nach B. zurück, die sich als Johannes Niemand ausgibt,
aber wohl tatsächlich Friedrich Mergel ist.

Friedrich Mergel ist d Hauptperson und Opfer und Täter zugleich. Er ist Opfer der Umstände, in die
er hineingeboren wird: ein Trinker als Vater, der früh unter schrecklichen Umständen stirbt und eine
Jugend unter Einfluss seines zwielichtigen Onkels Simon Semmler. So entwickelt sich Friedrich von
einem scheuen Kind zu einem extrovertierten, unangenehmen Anführer der Dorf-Jugend.

Das Werk
Die Judenbuche wurde 1842 veröffentlicht. Die mit dem Untertitel „Ein Sittengemälde aus dem
gebirgigen Westfalen“ versehene Novelle ist als Milieustudie zu verstehen und setzt sich mit einer
gestörten und sittenlosen Gemeinschaft auseinander, die stark von antisemitischem Gedankengut
geprägt ist und einen unschuldigen Menschen dazu verführt, den Mord an einem jüdischen Kind zu
begehen.

Den Beginn der Novelle „Die Judenbuche“ bildet ein Gedicht, das unmittelbar nicht viel mit der
Handlung zu tun hat. Das Gedicht ist allgemein formuliert und bezieht nicht direkt auf den
Protagonisten. Es zeigt intertextuelle Bezüge zur Bibel. Es enthält eine Warnung davor, unberechtigt
einen anderen Menschen zu verurteilen. Es kann vom Leser eigentlich nur nach dem Lesen der
Novelle richtig verstanden werden (siehe „Gedicht“).

Die Handlung
Die Geschichte spielt um die Mitte des 18. Jahrhunderts in einem westfälischen Dorf, das "inmitten
tiefer und stolzer Waldeinsamkeit" liegt und in dem Holz- und Jagdfrevel an der Tagesordnung sind.
Den begangenen Rechtsverletzungen begegnet man jedoch "weniger auf gesetzlichem Wege, als in
stets erneuten Versuchen, Gewalt und List mit gleichen Waffen zu überbieten". So ist Friedrich
Mergel bereits durch seine Herkunft für seinen späteren Lebensweg geprägt. In seinem Elternhaus
herrscht "viel Unordnung und böse Wirtschaft"; sein Vater ist ein chronischer Säufer und wird zu den
"gänzlich verkommenen Subjekten" gezählt. Nachdem ihm seine erste Frau weggelaufen ist, heiratet
er die stolze und fromme(religiöse/gläubig) Margret Semmler.

Als Friedrich neun Jahre alt ist, kommt der Vater nicht nach Hause; Der Vater wollte in einer
"stürmischen Winternacht" betrunken nach Hause wiederkommen aber er ist dort erfroren, und man
findet ihn tot im Brederholz. Das Leben verändert sich von Friedrich und seiner Mutter schlagartig, da
sie nun für sich selbst sorgen müssen. Nach diesem schauerlichen Ereignis haftet dem scheuen und
verträumten Jungen in den Augen seiner Altersgenossen etwas Unheimliches an. Drei Jahre später
taucht plötzlich Margreths Bruder, der undurchsichtige, jähzornige und in dunkle Machenschaften
verstrickte Simon Semmler auf und bietet an, den Jungen zu adoptieren und ihn dafür zu seinem Erben
zu machen.
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Referentin: Marcella Poros
Seminarleiter: Dr. Rainer Hillenbrand
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13. 09. 2018

Friedrich verlässt das Haus seiner Mutter und beginnt das Leben als Angestellter bei seinem
vermögenden Onkel. Dort beginnt er eine enge Freundschaft mit dem einfältigen und schüchternen
Schweinehirten Johannes Niemand, der ihm im Aussehen zum Verwechseln ähnlich ist und ihm auf
Schritt und Tritt folgt. Er ist "sein verkümmertes Spiegelbild".

Rund um B. wirkt die Bande der Blaukittel. Das sind sogenannte Holzfrevler, die in der Nacht
wertvolle Bäume aus den Forsten des Grundherrn fällen und zum Fluss abtransportieren. Trotz
aufwendiger Maßnahmen der Förster können sich die Blaukittel immer wieder der Entdeckung und
Strafverfolgung entziehen. Es bleibt offen wieweit die Dorfbewohner beteiligt sind, es scheint aber so,
dass auch Friedrich Mergel einiges darüber weiß. Mit dem Oberförster Brandis hat Friedrich eine
Auseinandersetzung und kurz darauf wird Brandis mit einer Axt erschlagen. Friedrichs Unschuld am
Mord ist nachweisbar, aber ganz unschuldig ist er nicht, weil er dem Förster wissentlich einen Weg
gewiesen hatte, der jenen direkt in die Hände der Holzfrevlern führte. Der Mord wird nicht aufgeklärt,
obwohl man vermuten mag, dass Simon Semmler beteiligt ist.

Im Herbst 1760, vier Jahre später protzt Friedrich mit einer neuen Uhr, wird aber dann vom Juden
Aaron öffentlich gemahnt, die zehn Taler für diese Uhr zu zahlen, die er ihm noch schuldig sei.
Friedrich fühlt sich gedemütigt und verletzt. Kurz darauf wird Aaron im Brederholz unter einer Buche
erschlagen aufgefunden. Der Verdacht fällt auf Friedrich, der aber bereits geflüchtet ist und
unauffindbar bleibt. Auch Johannes Niemand verschwindet kurz darauf. Der Mordfall wird ungeklärt
zu den Akten gelegt, weil der Hauptverdächtige nicht greifbar ist und weitere Beweise fehlen.

Da Friedrich jedoch mit seinem Schützling Johannes Niemand flieht, kann er des Mordes nicht
überführt werden. Nach 28 Jahren - der Mord ist längst verjährt - kehrt Mergel als alter, "armseliger
Krüppel" aus türkischer Gefangenschaft zurück. Er gibt sich als Johannes Niemand aus und verdient
sich sein Gnadenbrot mit leichten Botengängen. Das Brederholz meidend und doch unwiderstehlich
von ihm angezogen, erhängt er sich schließlich an der sogenannten Judenbuche. In seinem Selbstmord
erfüllt sich der an den Judenmord mahnenden Spruch, den die Glaubensgenossen Aarons zu seiner
Rache in den Stamm eingehauen hatten: "Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen,
wie du mir getan hast!"