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Pia Rudolphi

Destandardisierung des Deutschen


-
Mattheiers Überlegungen zu Bellmanns
Modell des "Neuen Substandards"

Seminararbeit

im Rahmen des Seminars


“Variation der deutschen Standardsprache”
Prüfungsleistung im Vertiefungsmodul Sprache

Westfälische Wilhelms-Universität Münster


Germanistisches Institut
Abteilung Sprachwissenschaft

Dozent: Prof. Dr. Helmut H. Spiekermann

vorgelegt von: Pia Rudolphi [381584]


Brabenderweg 40
59387 Ascheberg
+49 (0) 176 833 473 54
p_rudo02@uni-muenster.de

Abgabetermin: 13. Oktober 2017


Inhalt
1. Einleitung .............................................................................................................. 1

2. Historische Situation ............................................................................................. 1

3. Modell des „Neuen Substandards“ nach Bellmann .............................................. 2

3.1 Innersprachliche Veränderungen ........................................................................ 3

3.2 Der „Neue Substandard“ .................................................................................... 4

4. Mattheiers Überlegungen zum Substandard ......................................................... 5

4.1 Kritik an Bellmann ............................................................................................. 5

4.2 Ergänzungen: Die Normtoleranz ........................................................................ 6

4.3 Auswirkungen der Normtoleranz ....................................................................... 8

5. Fazit....................................................................................................................... 8

Literatur

Eidesstaatliche Erklärung
1. Einleitung
In dieser Ausarbeitung wird der von Bellmann (1983) eingeführte Begriff des „Neuen
Substandards“ unter Bezug der „Überlegung zum Substandard im Zwischenbereich
von Dialekt und Standardsprache“ von Mattheier (1990) betrachtet.

Zuerst erfolgt eine historische Einordnung der Sprachsituation und -entwicklung des
Deutschen. Damit sollen zunächst die Hintergründe des Übergangs von einem
diglossischen Sprachverhältnis zu einem Dialekt/Standard-Kontinuum verdeutlicht
werden.

Auf dieser Grundlage geht es anhand Bellmanns (1983) Ausführungen detaillierter in


den Sprachentwicklungsprozess. Es folgt eine Erläuterung der sprachlichen
Entwicklungen im 20. Jahrhundert und der damit einhergehenden innersprachlichen
Veränderungen. Anschließend werden die aufgrund dieser innersprachlichen
Veränderungen eingeführten Substandard-Begriffe1 nach Bellmann (1983) erklärt.

Im Folgenden wird Mattheier (1990) zur näheren Betrachtung der Ausführungen


Bellmanns herangezogen. Dabei dient vor allem Bellmanns Außerachtlassung der
soziolinguistischen Aspekte als Kritikgrundlage.

Ob die von Mattheier angeprangerte fehlende soziolinguistische Sicht sinnvoll ist und
neue Erkenntnisse bzw. Erklärungen bieten könnte, ist Ziel dieser Ausarbeitung. Der
Fokus liegt dabei auf den Ergänzungen Mattheiers zum Substandard – den
Normtoleranzen.

2. Historische Situation
Es war ein jahrhundertelanger Prozess im deutschen Sprachraum eine einheitliche
Sprache, eine Standardsprache zu entwickeln (Mattheier 2003:223). Noch im 19.
Jahrhundert verständigte man sich vor allem durch Dialekte (ebd.: 237). Der
Standardisierungsprozess vollzog sich somit sowohl im sprechsprachlichen als auch
im schriftsprachlichen Bereich (Bommert-Dehmel 1993). Erst seit Ende des 19. und
Anfang des 20. Jahrhunderts gab es eine einheitliche Aussprache und die
Alphabetisierung war größtenteils durchgesetzt (Mattheier 2003: 235).
Vorangetrieben wurde die Umsetzung und Akzeptanz der Standardsprache mitunter

1
Substandard und „Neuer Substandard“

1
auch durch ihren symbolischen Charakter. So bekam die Standardsprache im 19.
Jahrhundert einen hohen Stellenwert und die Funktion einer vereinheitlichenden
Bindung mit allem was Deutsch ist (Mattheier 2003: 236). Sie trug dazu bei sich als
deutscher Bürger über die Sprache mit seinem Land identifizieren zu können.2

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts befand sich Deutschland sprachwissenschaftlich


betrachtet in einem diglossischen Verhältnis unterschiedlicher Sprachvarietäten
(Abb.1). Das bedeutet, dass eine Form von Zweisprachigkeit herrschte, in diesem Fall
die stark normierte Standardsprache und die regional variierenden Dialekte (Mattheier
1990: 7). Die Vereinheitlichung, sprich die Standardisierung der deutschen Sprache
war gegen Mitte des 20. Jahrhunderts letztlich erreicht (Mattheier 2003: 238).

Abbildung 1

Standardsprache

Dialekte

Mit Ende des Zweiten Weltkrieges sah sich die deutsche Sprache jedoch neuen
Einflüssen ausgesetzt. Die Sprache verliert ihre symbolische Funktion der nationalen
Identität. Durch die fremdländischen Besatzungen hielten auch deren Sprachen, vor
allem das Englische, Einzug. Die deutsche Sprache verliert an Prestige und somit ihre
Position als vollkommen entwickelte Standardsprache. Diese Umstände führten zu
einem ersten Destandardisierungsprozess (Mattheier 2003: 238ff).

3. Modell des „Neuen Substandards“ nach Bellmann


Durch die Entwicklungen in Deutschland Mitte des 20. Jahrhunderts beginnt ein neuer
Prozess der Veränderung und mit ihm die Entstehung des „Neuen Substandards“
(Bellmann 1983: 123). Die Grundlage für die Entstehung bilden laut Bellmann drei
parallel ablaufende sprachliche Entwicklungen: (1) der Dialektabbau, (2) die
Entstandardisierung und (3) die Entdiglossierung (Mattheier 1990:4).

2
„From the 1840s, but more intensely after the Reichsgründung, the cultivated German written language
emerged as a unifying bond of everything that is German“ (Mattheier 2003: 236).

2
Im Folgenden wird der „Neue Substandard“ nach Bellmann (1983) näher erläutert.
Dabei wird sowohl auf die innersprachliche Veränderung als auch die Bedeutung des
Substandardbegriffs nach Bellmann eingegangen.

3.1 Innersprachliche Veränderungen


Die Einstellung zur Standardsprache hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts gewandelt.
So will man sich auch im privaten Bereich zunehmend an der Standardsprache
orientieren. Umso mehr Verwendung die Standardsprache nun auch im privaten
Bereich findet, desto mehr verstärkt sich ihr landschaftlicher Färbungsgehalt
(Bellmann 1983: 116). Laut Bellmann (1983: 112) kommt es zu einem Verlust der
Basisdialekte: Durch einen zunehmenden Sprachaustausch und sprachliche
Interferenzen wird die Ausbildung regionaler Varianten verstärkt. Diese eintretende
Entstandardisierung wird vor allem durch die De-Literalisierung und Popularisierung
der Standard(sprech)sprache begünstigt. Die Norm der Standardsprache lockert und
öffnet sich nach unten. Begünstigt wird diese Entwicklung u.a. durch die erfolgreiche
Bildungswerbung und die Normskepsis der 60er Jahre Generation (ebd.:116).

„So beobachten wir heute unter anteilmäßig starken und […] einflußreichen
Bevölkerungsteilen eine unverkennbare Neigung, bei situativ gebotener
Standardverwendung die Norm zu unterschreiten […]“ (ebd.).

Nicht nur Veränderungen in der Standardsprache sind zu beobachten. Neben der


Entstandardisierung schreitet ein weiterer Prozess, der Dialektabbau, voran. Die
Standardsprache senkt ihre Gebrauchsnorm wodurch Varietäten, Dialekt und
Standardsprache sich zueinander hin entwickeln können. Die Basisdialekte nähern
sich dem „mittleren Bereich“ an (Bellmann 1983: 117). Durch diese Annäherung lässt
die Mehrheit der Sprecher ihre Kommunikation im mittleren Bereich stattfinden und
somit geht für Bellmann eines der Definitionskriterien für ein diglossisches
Sprachverhältnis verloren (ebd.). Dies soll, laut Bellmann, als Beweis stehen für eine
heutzutage existierende Entdiglossierung. Welche wiederum die Grundlage für die
Ausbildung seines „Neuen Substandards“ bildet (Mattheier 1990:7).

3
3.2 Der „Neue Substandard“
Das heutige Diasystem3 entspricht nicht mehr dem früheren diglossischen Verhältnis.
Man hat es nun mit einem Dialekt-Standard-Kontinuum zu tun (Bellmann 1983: 123).
Das bedeutet, dass es keine definierbare „Hierarchie zwischen Standard, Substandard
und Nonstandard, sondern eine Überlappung, ein Kontinuum“ (Löffler 2005: 20)
zwischen den Sprachen gibt. Bellmann setzt den Begriff „Substandard“ als
Oberbegriff für das sprechsprachliche Gesamtsystem unterhalb der gesprochenen
Standardsprache ein.
„Der Substandard bezeichnet […] ein Kontinuum von Varietäten zwischen Dialekt
und Standardsprache, das sich durch ‚Nichtstandardsprachigkeit‘ von der
Standardsprache unterscheidet“ (Mattheier 1990: 2).

Durch die innersprachlichen Veränderungen (3.1) ist ein neuer Bereich entstanden: der
„mittlere Bereich“. Dieser ist anfangs sekundär zustande gekommen, mittlerweile
wächst er stetig und wird kommunikativ zum Nachteil der Dialekte genutzt (Bellmann
1983: 123).

Der Substandard schließt die Dialekte und ihre Reste zunächst mit ein. Den Standard
jedoch schließt er (per Definition) aus (ebd.: 124). Der „Neue Substandard“ tritt an die
Stelle des „mittleren Bereichs“ (ebd.) (Abb.2).
Abbildung 2
Standardsprache

Neuer Substandard

Dialekte

Es ist wichtig zu beachten, dass der „Neue Substandard“ nicht mit der
Umgangssprache gleichzusetzen ist, da er Sprecherschichten nicht separiert.
Gleichzeitig ist der „Neue Substandard“, ebenso wie der Dialekt, immer noch räumlich
begrenzt (ebd.: 125).

3
„Faktisch stellt die Sprache einer Sprachgemeinschaft nie ein homogenes System dar, es gibt hier
immer vielfache Varianten (schichtenspezifisch bedingt, aber auch Dialekte), die immer in Teilen
systematisch übereinstimmen, in anderen aber abweichen, und die gemeinsam die Diasysteme
(Subsyteme) einer Sprache bilden“ (Mediensprache 2017).

4
4. Mattheiers Überlegungen zum Substandard
Für Mattheier (1990) steht vor allem die soziolinguistische Betrachtungsweise des
Substandards im Fokus. Zwar bemerkt auch Bellmann, dass die „Schichten“ zwischen
Standardsprache und Dialekt nur von außen auf Basis soziolinguistischer Parameter
bestimmt werden können (ebd.: 123f). Jedoch geht er darauf nicht näher ein. Diesen
wichtigen, fehlenden Punkt greift Mattheier in seiner Abhandlung auf.

4.1 Kritik an Bellmann


Mattheier (1990) stellt u.a. Bellmanns (1) räumlich enge Begrenzung, (2) seine
Auffassung zur Situationsspezifik und (3) die Festlegung einer Entdiglossierung als
Grundlage der Ausbildung des „Neuen Substandards“ in Frage.

(1) Bellmann konzentriert sich ausschließlich auf die räumliche Dimension des
Substandards. Lediglich regionale Grenzen zeigen Ort und Performanz bedingte
Eigenheiten auf. Überregionale Spracheigenschaften, wie z.B. Alltagssprache, werden
nicht behandelt. Dabei weist die Alltagssprache große Unterschiede auf und wird so
sozialisiert und in die Standardsprache integriert. Daneben lässt er die sozialen und
ästhetischen Aspekte des Substandards außer Acht ((Mattheier 1990: 3)..).

(2) Bellmann (1983:111) vertritt die Annahme, dass der Dialektabbau ein variabel
ablaufender Sprachwandelprozess ist.4 Seiner Meinung nach können mehrere neue
Varianten oder auch Übergangsvarianten (x, x‘, x‘‘) neben der Standardvariante (y)
existieren. Jede dieser Übergangsvarianten weist ein spezielles situatives Merkmal auf
und wird der Situation entsprechend verwendet. Letztendlich wird sich jedoch nur eine
Variante durchsetzen und bleiben. Bellmann geht also von einer „Variabilität“ (ebd.:
112) die situationsspezifisch verläuft aus. Diese „Interimsvarianten“ innerhalb einer
Sprechergemeinschaft weisen, laut Mattheier (1990: 5), jedoch oft soziale Merkmale
auf, das heißt, dass Varianten in verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen
unterschiedlich verwendet werden.

4
Lange Zeit nahmen Dialektgeographen an, dass „ein Dialektphänomen x zu einem bestimmten
Zeitpunkt t durch ein Nicht-Dialektphänomen y ersetzt wird“ (Mattheier 1990: 4).

5
Dass Bellmann mit seiner Auffassung der Situationsspezifik nicht richtig liegt
verdeutlicht Mattheier mithilfe der Ergebnisse des Erp-Projektes (Mattheier 1990: 6)
(Abb. 3). Dieses beweist, dass die einzelnen Varianten, welcher sich die Sprecher
bedienen, nicht situationsspezifisch sind, sondern dass sich „eine situationstypische
Verteilung innerhalb des jeweiligen Variantenspektrums“ (Mattheier 1990: 5)
feststellen lässt.5

Abbildung 3

Sit 1 Variante x mit einer Wahrscheinlichkeit von 20% Sit 2 Var x 0%


Variante x‘ von 80% Var x’ 20%
Variante y von 0% Var y 80%

(3) Glaubt man Bellmanns Überlegungen zu einer bereits bestehenden und


voranschreitenden Entdiglossierungsphase, dann müsste den Sprechern die
Möglichkeit, Sprechsituationen (wie z.B. formell oder informell) durch
Varietätenwahl zu stilisieren, verloren gegangen sein. Dies ist jedoch nicht der Fall:
Das sogenannte „code-switching“6 ist weiterhin im gesamten deutschen Sprachgebiet
festzustellen.

4.2 Ergänzungen: Die Normtoleranz


„In der Analyse der Vorstellungen von Dialektabbau und Entdiglossierung, die
sich bei Bellmann finden, zeigt sich ein zentrales Problem der
wissenschaftlichen Strukturierung des Varietätenfeldes unterhalb des
Standards, also des Bereichs der hier ‚Substandard‘ genannt wird“ (ebd.: 8).
Die Befunde der linguistischen und soziolinguistischen Arbeiten fallen unterschiedlich
aus. Das bedeutet, dass man linguistisch gesehen von einem variablen Kontinuum von
der Dialektalität bis zur Standardsprachigkeit ausgeht. Glaubt man dieser Annahme,
gibt es im Sprachgebrauch keine klaren Schichtungen bzw. Ebenen an denen sich
Sprecher/Hörer orientieren. In soziolinguistischen Untersuchungen zeigt sich

5
Über dieser Auffassung der Entwicklung der Varianten hinaus kritisiert Mattheier eine weitere
Problematik, die des Begriffs der Situation. Allein ein Verweis Bellmanns auf öffentlich und private
Situationen sieht er nicht als ausreichend an. (Mattheier 1990: 5)
6
„Diese […] Dialekt/Standard-Diglossie erlaubte durch ihre offensichtliche Alternativität den meisten
Sprechern ein situationskonformes Umschalten (code-switching) zwischen öffentlich-formeller und
nichtöffentlich-informeller Situation“ (Bellmann 1983:106). Dabei vermittelt bewusstes Einsetzen von
Varietäten Signale an den Hörer, wie z.B. in privaten oder öffentlichen Sprechsituationen (Mattheier
1990:7).

6
hingegen, dass sich Sprecher und Hörer bei ihren Sprachverwendungshandlungen von
klaren Vorstellungen deutlich getrennter Varietäten leiten lassen.7

Hier ergänzt Mattheier (1990) die Bellmannsche Auffassung des Substandards und
nennt einen soziolinguistischen Ansatz den er unter der Begrifflichkeit Normtoleranz
einführt.
„Normtoleranz ist der Grad der Stringenz, mit der bestimmte, als angemessen
angesehene Sprachnormen sozial durch Sanktionen verschiedener Art eingefordert
werden“ (ebd.: 10f).

Den Einfluss einer solchen Normtoleranz auf den Sprachgebrauch erklärt Mattheier
(1990) wie folgt: In einer normalen Diglossie-Konstellation folgen die Sprecher zwei
Zielnormen: der dialektalen und der standardsprachigen. Die Hörer ordnen das
Gehörte der Varietät zu, die sie für die jeweilige Situation erwarten. Diese Zielnormen,
welchen Sprecher und Hörer folgen, richten sich nach der Angemessenheit des
Sprachgebrauchs/der Sprachwahl und der Beziehung zwischen Sprecher und Hörer.
Die Vorstellungen über die Angemessenheit des Sprachgebrauchs wird durch die
persönliche Spracherfahrung und Sprachunterricht erworben; dies bildet das
sogenannte Sprachwissen (Mattheier 1990: 9).

In einer beispielhaften Situation mit einem Sprecher und einem Hörer würde dies
bedeuten, dass einem Hörer mit einer geringen Normtolerant schon die geringste
Abweichung des gewählten Sprachstils des Sprechers auffallen und er darauf reagieren
würde. Im umgekehrten Fall und einem Hörer mit großer Normtoleranz würde dem
Hörer eine Abweichung nicht auffallen.

Diese alltägliche Situation einer zwischenmenschlichen verbalen Interaktion steht für


die varietätenreiche Entwicklung des Substandards. Denn die Normtoleranz ist keine
einheitliche Größe für die Gemeinschaft. Sie lässt sich in verschiedene Bereiche
differenzieren: gruppenspezifisch (Frauen, ältere Männer), situationsspezifisch
(formell vs. informell), varietätenspezifisch (Dialekt vs. Standardsprache) (ebd.: 11).
Dazu kommt das individuell und sozial erlernte Sprachwissen. Je nachdem über
welches Sprachwissen ein Sprecher/Hörer verfügt und welcher „Normtoleranztyp“ er
ist, entwickelt sich die Sprache – durch Reaktion, Irritation oder Korrektur.

7
Zur Erinnerung: Substandard bezeichnet ein Kontinuum von Varietäten zwischen Dialekt und
Standardsprache. (Mattheier 1990: 2)

7
4.3 Auswirkungen der Normtoleranz
Mattheiers Annahmen lassen sich weitgehend auf öffentliche Sprachsituationen
übertragen (Mattheier 1990.: 14). Die Ergebnisse des Erp-Projektes haben gezeigt,
dass die Zielnorm der Sprecher/Hörer durch die Normtoleranz sowohl in Richtung der
Standardsprache als auch in Richtung des Dialekts geöffnet (ebd.).

Die Ungleichheit der Normtoleranzen zeigt die allgemeine Tendenz der Entwicklung.
Je größer die Normtoleranz, desto schneller werden regional- bzw. standardsprachige
Elemente in den Dialekt eindringen und es ist „nur noch ein Schritt“ bis zur Isolierung
tiefer Dialektismen (ebd.). Denn die Sozialgruppen- und Situationsabhängigkeit der
Normtoleranzen spielen auch im Dialektabbau eine Rolle (ebd.).

Momentan befinden wir uns laut Mattheier (ebd.) in einem Zwischenergebnis des
dialektalen Abbauprozesses, in welcher eine umfangreiche innersprachliche
Variabilität existiert. Produziert durch den Sprachkontakt und die individuelle
Sprachwahl und Normtoleranz. So kann in jedem Gespräch eine bestimmte
Sprachwahl zu Irritation oder Reaktion führen. Dies wiederum könnte zur Folge
haben, dass der Sprecher sich beim nächsten Mal für eine andere Variante entscheidet.
Auch der Hörer könnte gewisse Varietäten adaptieren. Darauf geht Mattheier jedoch
nicht ein. Er konzentriert sich auf den Sprecher.

5. Fazit
Es ist nicht einfach in der Sprachwissenschaft eine klare und abgrenzende Definition
eines Phänomens aufstellen oder verwenden zu können:
„Der Terminus Standardsprache ist in mindestens drei verschiedenen Bedeutungen
gebräuchlich: a) als synonym von Standardvarietät […]; b) für die Menge aller
Standardvarietäten einer Sprache […]; c) für eine Gesamtsprache mit mindestens einer
Standardvarietät […] (Ammon 2005: 31).“

Dennoch oder gerade deshalb ist es wichtig, dass sich die Sprachwissenschaftler
untereinander kritisieren und ergänzen, so wie es Mattheier mit Bellmanns
Ausführungen getan hat (Dingeldein 1994: 409).

Abschließend kann man – soziolinguistisch betrachtet - der Bildung eines „Neuen


Substandards“ zustimmen. Man darf jedoch nicht den Fehler begehen, dass „man alle
in einer Region nicht als standardsprachlich geltenden Sprachformen einfach als
Substandard zusammenfaßt“ (Wiesinger 1994: 5).

8
Einer derzeitigen Entdiglossierung wie Bellmann sie annimmt, kann man nicht
zustimmen. Es mag stimmen, dass sich die Sprecher größtenteils der Sprache im
mittleren Bereich, also des Substandards bedienen. Jedoch bedeutet Diglossie das
Koexistieren mehrerer Sprachen. Da Sprecher noch immer zwischen formeller und
informeller Situation unterscheiden und ihre Sprache anpassen, ist eine Diglossie
nachzuweisen.

Mit den Ergebnissen des Erp-Projektes beweist Mattheier, dass die Arbeit zum
Substandard nur funktionieren kann, wenn man die soziolinguistischen Faktoren nicht
außer Acht lässt. Denn während die Standardisierung der deutschen Sprache noch ein
gesteuerter Prozess war, ist die Entwicklung nun – wie das Standard/Dialekt-
Kontinuum zeigt – ein ungesteuerter Prozess. Es sind ungeschriebene und
unausgesprochene Regeln an die sich Sprecher in einer Sprachsituation orientieren.
Die unterschiedlichen Entwicklungen bzw. die distinktiven Sprachverwendungen,
dass z.B. Varianten in unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen unterschiedlich
gebraucht werden, zeigen auf, dass eine enge räumliche Fassung und eine
ausschließlich linguistische Betrachtungsweise des Substandards dem heutigen
Zeitalter nicht entsprechen. Es sollten gewissen Erfahrungen und Verfahren aus
anderen empirischen Disziplinen wie z.B. der Soziologie als Ergänzung der
linguistischen Forschung dienen (Barbour & Stevenson 1998: 111). Bellmann selber
nennt Gründe wie fortschreitende Urbanisierung, steigende Mobilität oder die
Ausweitung der Kommunikationsgemeinschaften für den Dialektabbau (Bellmann
1983: 111). Diese sollten auch bei der Entwicklung und Definition des „Neuen
Substandards“ miteinbezogen werden. Ist doch die Basis der Sprachveränderung
abhängig vom alltäglichen Sprachverhalten seiner Nutzer (Mattheier 2003: 240).

9
Literatur
Ammon, Ulrich (2005): Standard und Variation. Norm, Autorität, Legitimation. In:
Eichinger, Ludwig M.; Kallmeyer, Werner (Hgg.): Standardvariation. Wie viel
Variation verträgt die deutsche Sprache?. Berlin/New York: Walter de Gruyter,
28-40.
Barbour, Stephen: Stevenson, Patrick (1998): Variation im Deutschen –
Soziolinguistische Perspektiven. Berlin/New York: Walter de Gruyter.
Bellmann, Günter (1983): Probleme des Substandards im Deutschen. In: Mattheier,
Klaus J. (Hg.): Aspekte der Dialekttheorie. Tübingen: Niemeyer, 105-130.
Bommert-Dehmel, Gudrun (1993): Das Bemühen um eine einheitliche Aussprache des
Deutschen im 18. und 19. Jahrhundert. In: Naumann, Carl L.; Royé, Hans-W.
(Hgg.): Aussprache. Vielfalt statt Methodenstreit. München, Basel: Ernst
Reinhardt Verlag, 9-27.
Dingeldein, Heinrich J. (1994): Befragungen zum Sprachgebrauch als Problem der
Dialektologie. In: Eichinger, Ludwig M.; Kallmeyer, Werner (Hgg.):
Standardvariation. Wie viel Variation verträgt die deutsche Sprache?.
Berlin/New York: Walter de Gruyter, 393 – 411.
Löffler, Heinrich (2005): Wieviel Variation verträgt die deutsche Standardsprache?
Begriffsklärung: Standard und Gegenbegriffe. In: Eichinger, Ludwig M.;
Kallmeyer, Werner (Hgg.): Standardvariation. Wie viel Variation verträgt die
deutsche Sprache?. Berlin/New York: Walter de Gruyter, 7-27.
Mattheier, Klaus J. (1990): Überlegungen zum Substandard im Zwischenbereich von
Dialekt und Standardsprache. In: Holtus, Günter; Radtke, Edgar (Hgg.):
Sprachlicher Substandard III. Standard, Substandard und Varietätenlinguistik.
Tübingen: Niemeyer, 1-16.
-- (2003): German. In: Deumert, Ana; Vandenbusche, Wim (Hgg.): Germanic
standardizations: past to present. Philadelphia: Benjamins, 211-244.
Wiesinger, Peter (1994): Zum gegenwärtigen Stand der phonetisch-phonologischen
Dialektbeschreibung. In: Mattheier, Klaus J.; Wiesinger, Peter (Hgg.):
Dialektologie des Deutschen. Forschungsstand und Entwicklungstendenzen.
Tübingen: Max Niemeyer Verlag, 3-28.

Onlinequellen
Mediensprache (2017): Kleines linguistisches Wörterbuch. Leibniz Universität
Hannover & RWTH Aachen.
https://www.mediensprache.net/de/basix/lexikon/index.aspx?qu=Diasystem (Zugriff:
13.10.2017).
Destandardisierung des Deutschen
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Mattheiers Überlegungen zu Bellmanns
Modell des “Neuen Substandards”

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