Sie sind auf Seite 1von 18

Niklas Luhmann

Liebe
Eine Übung

Herausgegeben von
Andre Kieseding

Suhrkamp

Liebe als Passion*


Übung SS 1969

Obwohl ein sozialer Tatbestand mit unbestreit-


barer Bedeutung, obwohl ein literarisches Thema
mit alter Tradition, hat das Phänomen der Liebe
bisher kaum nennenswerte soziologische For-
schung auf sich gezogen. Man kann und wir wer-
den einschlägige Vorarbeiten heranziehen: Einige
empirische Forschungen zu Teilaspekten, einige
gescheite, scharfblickende Reflexionen lassen sich
auftreiben. Eine anspruchsvolle theoretische Be-
handlung des Themas fehlt - vermutlich deshalb,
weil es an theoretischen Konzeptionen fehlt, von
denen aus der Anspruch begründet werden könn-
te, einer so komplexen, so konkreten und doch so
weittragenden Erscheinung des täglichen Lebens
gerecht zu werden.
:Um einen solchen Versuch geht es den folgenden

• Schon das Typoskript, das Luhrnann I969 als Seminarvorlage

~
erwendete, trägt den ,Titel seines 1982. erschienenen Buches:
iebe als Passio11. Näheres zu den Beziehungen zwischen diesen
eidenTexten findet sich in der eCiitorischen Notiz aufS. 92..

138
Überlegungen. Ihnen liegen an anderem Ocr ver- Zusammenhang nicht als ein objektiv feststellba-
öffentlichte Vorschläge zu einer Theorie sozialer res GefübJ bestimmter Art behandeln und dessen
Systeme zugrunde. 1 Aus deren Zusammenbang Vorkommen feststellen, kausal begründen oder
greifen wir den Begriff des Kommunikationsme- auf das organische oder psychische System von
diums heraus. Dessen Erläuterung und Anwen- Menschen hin funktionalisieren wollen. Für un-
dung auf den besonderen Fall der Liebe dient der ser Argument ist umgekehrt eine gewisse Ambi-
I. Teil. Liebe wird dabei nicht in der konkreten valenz und Plastizität der Gefühlslage wesentlich
Einzigartigkeit des Phänomens auf sich selbst (obwohl das Kommunikationsmedium Liebe na-
isoliert, sondern als Problemlösung behandelt, türlich nicht mit beliebigen Motivationsstruktu-
die von Systemstrukturen abhängt und anderen ren kompatibel ist). Es kann durchaus sein, daß
Problemlösungen vergleichbar ist. Im TI. Teil wird der Durchbruch zu erster Unabhängigkeit von
auf dieser Grundlage gezeigt werden, daß und den Eltern, die Erregung bei ersten erfolgsunsi-
wie im Laufe der gesellschaftlichen Entwicklung cheren Kontakten oder bei erster Anerkennung
dieses Kommunikationsmedium Liebe stärker durch Geschlechtspartner mit Hilfe eines kultu-
beansprucht und darum geseUschaftlich ausdif- rellen Klischees als Liebe interpretiert wird - und
ferenziert und auf seine besondere Eigenart und I. dann zu Liebe gemacht wird. Wir zwingen uns
spezifische Funktion hin institutionalisiert wird. nicht, das als Selbsttäuschung über das »eigent-
Damit gewinnt (ID.) das Verhältnis von Sexualität liche << Gefühl zu behandeln, sondern sehen in
und Liebe einen veränderten Sinn. Im IV. und V. solchen Gefühlsdeutungen mehr oder weniger
Teil soll dann versucht werden, einige Folgepro- weittragende Effekte kultureUer Sozialisierung.
bleme dieser Strukturveränderungen zu beleuch- Uns interessiert nicht deren Verarbeitung im psy-
ten. chischen, sondern deren Funktion im sozialen
Mit der Kategorie des Kommunikationsmediums System.
ist zugleich abgemacht, daß wir Liebe in diesem

IO II

Kommunikationsweisen wichtig und unentbehr-


I. lich.
Weder sprachliche noch nichtsprachliche Kom-
Die allgemeine Lebenslage des Menschen ist ge- munikation vermögen allein zu erreichen, daß
kennzeichnet durch eine übermäßig komplexe ein anderer Mensch übermittelte Sinngehalte ak-
und kontingente Welt. Die Welt ist komplex in- zeptiert, das heißt als Prämisse eigenen Erlebens
sofern, als sie mehr Möglichkeiten des Erlebens und Handeins übernimmt.2 Gerade die eigentliche
und Handeins birgt, als je aktualisiert werden Leistung sinnvoller Kommunikation, die Selekti-
können. Sie ist kontingent insofern, als diese on bestimmter Erlebnisperspektiven aus einem
Möglichkeiten sich in ihr abzeichnen als etwas, weiten Bereich anderer Möglichkeiten, macht das
das auch anders sein oder anders werden könn- Akzeptieren des so ausgewählten Sinnes fraglich:
te. Das wichtigste menschliche Ordnungsmittel Der andere könnte seine Auswahl anders treffen.
in dieser Welt ist Sinnbildung und Kommuni- Die Erhaltung einer intersubjektiv konstituierten
kation, mit der die Menschen sich darüber ver- Welt von hoher Komplexität und Kontingenz als
ständigen, daß sie dasselbe meinen und weiterhin Auswahlbereich für alternativenreiche Selektion
meinen werden. Kommunikation erhält durch setzt deshalb voraus, daß es im zwischenmensch-
strukturierre Sprache den Grad an Effektivität, lichen Verkehr Einrichtungen gibt, die Selektion
der den Menschen zum Aushalten einer solchen und Motivation zugleich leisten. Solche Einrich-
Welt und zu weitausgreifender Selektivität in ihr tungen nennen wir Medien der Kommunikation.
befähigt. Neben sprachlicher gibt es aber auch Kommunikationsmedien sind somit zunächst

~
nichtsprachliche Kommunikation als Hilfsmittel ur durch Angabe einer Funktion (und noch
der Interpretation des gesprochenen Wortes und icht durch konkrete Stnukturen oder Prozesse)
als eigenständige Sinnübermittlung, und gerade I efiniert. Sie vereinden Selektions- und Motiva-
in Angelegenheiten der Liebe sind nichtverbale tionsmechanismen; sie motivieren durch die Art

12.

139
und Weise ihrer Selektion zur Annahme des so nahme von Selektionsleistungen, die sich als Ent-
ausgewählten Sinnes. scheidung über Handlungen verstehen: Man ak-
Wie das möglich ist, bleibt damit zunächst offen.3 zeptiert einen Befehl oder eine Auswahl aus dem
Es gibt mehrere, grundverschiedene Formen der gesellschaftlichen Potential wirtschaftlicher Be-
Motivation durch Selektion, die in dieser hochab- friedigungsmöglichkeiten. Andere Medien regeln
strakten funktionalen Perspektive als äquivalent dagegen das Annehmen der Welt in einer Fest-
erscheinen. Liebe ist eine von ihnen. Wahrheit, legung auf bestimmten oder doch bestimmbaren
Macht, Geld, Kunst wären andere. Sinn - der Welt als Kosmos, als Ordnung, in der
In einer ersten groben Einteilung kann man Korn- nicht mehr alles möglich ist. In dieser Richtung
munikationsmedien danach unterscheiden, ob der ist die Funktion der Medien, Wahrheit, Kunst
übertragene Sinn sich auf Erleben oder Handeln und Liebe zu suchen. Damit ist die Handlungs-
bezieht. Erleben ist Sinnverarbeitung, deren Se- relevanz dieser Medien nicht geleugnet, aber sie
lektivität der Welt selbst zugerechnet wird. Han- wird nicht direkt, sondern indirekt durch das Me-
deln ist Sinnverarbeitung, deren Selektivität dem dium gesteuert- vermittelt durch überzeugendes
Handelnden selbst zugerechnet wird. Konkret Erleben.
setzt natürlich alles Handeln Erleben und alles Diese Unterscheidungen geben dem Kommunika-
Erleben Handeln voraus. Die Unterscheidung hat tionsmedium Liebe eine erste, sehr wichtige Kon-
zunächst analytischen Wert, darüber hinaus aber fur. Liebe wäre nicht angemessen begriffen, wollte
auch einen Realitätsbezug in dem Maße, als Sy- man
I .
sie lediglich als Motivation zu bestimmtem
steme sich ausdifferenzieren und die Zurechnung Handeln - etwa zu geschlechtlicher Hingabe -
der Reduktion von Komplexität auf die Welt bzw. deuten - sei es, daß dieses Handeln durch den Be-
auf ein System getrennt werden kann. griff des Mediums vorgegeben, sei es, daß es vom
Einige Kommunikationsmedien, nämlich Macht rartner ausgewählt (»verlangt<<) gedacht wird.
und Geld, motivieren in erster Linie die Über- r iebe färbt zunächst das Erleben, verändert damit

1 15
I

die Welt als Horizont des Erlebens und Handeins Joll


. .
keine •Frontdt•
I
gebeh,
I
keine Darstellungen,
mit der ihr eigenen Totalität. Sie verleiht gewissen 1ie aufgebaut, gehalten und verteidigt werden
Dingen und Ereignissen, Personen und Kommuni- und hinter denen sich Verschwiegenes verbirgt.
kationen eine besondere Überzeugungskraft. Und l!Jnd in der Tat ist das Bedingung für ein reali-
erst in zweiter Linie motiviert sie zum Handeln, +isches (nicht projektives) Erwarten der Erwar-
das um seiner symbolisch-expressiven, Liebe aus- tungen des ander~n, auf dessen Bedeutung wir
drückenden Bedeutung willen gewählt wird oder . ~urückkommen wbrden. Die Institutionalisierung
nahegelegt wird durch die besondere Welt, in der ' lfnspeziiischer kohununi~ativer Offenheit setzt
man sich mit dem geliebten Menschen einig weiß: IDiskretion voraus. Diskretion ist auf erkenn-
die Welt des gemeinsamen Geschmacks und der ~are Systemgrenz~n angewiesen und in diesem
gemeinsamen Geschichte, der besprochenen The- !falle auch darauff daß ~eide Partner dieselben
men und bewerteten Ereignisse. Nicht das Hand- , ~~stemgrenzen kennen und beachten und dies
lungspotential .oder die Auswahl, die er daraus 1: 1~nt::inander wisse~ und erwarten können. Diese
situationsweise trifft, sondern das Sein und die :· Iforderungen finden in deF Ideal und dem vor-
Erlebnisweise eines ande,rc~n Menschen sind der
Angelpunkt des Mediums.
Soziale Systeme, die sich im Hinblick auf Liebe
I ' alusgesagten Ehetypus der 1>companionship« Aus-
' .
1ruck, das die amerikanische Familiensoziologie
~flegt und in de~ Grenz~n seiner Realisierung
strukturieren, stellen sich selbst unter die Forde- I
tfstet. Sie können in modernen Ehen als durch-
rung kommunikativer Offenheit für nicht im vor- 1 ~f· g institutionalisfert gelfen - was nicht heißt,

aus festgelegte Themen - also unter-hohes Risiko. I aß- sie durchweg beachtet werden, sondern nur,
Das gesamte Erleben der Partner soll gemeinsa- I Jß ~ntsprechende~ Erwartungen nicht offen wi-
mes Erleben sein, jeder soll erzählen, was er täg- 1 q~rsprochen werden kan~: Eine Frau läuft nicht

lich erlebt, soll seine Probleme vor dem anderen as Risiko einer dffenen eurückweisung ("Das
ausbreiten und sie mit ihm gemeinsam lösen. Es I ~t Dich niopts dn<l), w~nn sie fragt: »Warum

16
I'. II ! I
! I
I I
17
I I I 'I
140 I. I I
kommst Du heute so spät?<< Daß sie die Wahrheit Im Gegensatz dazu operiert Liebe unter der Ge-
erfährt, ist allerdings durch die Institution allein genbedingung, daß die Individualität des erleben-
noch nicht gewährleistet. ~en Menschen nicht neutralisiert, sondern gerade
Verglichen mit anderen Medien der Erlebnissteue- zum Bezugspunkt der Reduktion gemacht wird.
rung hat Liebe ihre Besonderheit in der Art und Weil der Mensch, den ich liebe, in bestimmter Wei-
Weise, wie sie Selektionsform und Motivation se sieht, fühlt und urteilt, überzeugt sein Weltbild
verbindet. Im Falle der Wahrheit gilt die Kornmu- auch mich. Weil er diese Landschaft und diese
nikationsbedingung, daß jedermann mitgeteilten renschen, diese Themen der Unterhaltung, die-
Sinn akzeptieren muß, will er nicht aus dem Kreis fe Formen des Wohnens und diesen Stil des Ge-
vernünftiger Menschen ausscheiden. Wahrheit pusses bevorzugt, liegt auch für mich darin mehr
verbindet ohne Ansehen der Person alle relevant ~inn als in anderen Möglichkeiten. Der Liebe
miterlebenden Menschen (das sind nicht notwen- fehlt die Universalitätsbedingung der Wahrheit,
dig alle Menschen schlechthin) zu gemeinsamer f~d. daru~ ~a~ sie eine konkretere Nahwelt be-

i
Weltvorstellung. Individuelle Eigenarten spielen ~~t~.gen. S.te 1St mcr,t beschränkt auf für alle gleich
keine Rolle. Diskrepanzen des Erlebens werden • Ft1~en Smn, son?~rn tri~ft eine engere Auswahl,
I
1
nicht der Welt, sondern den subjektiven Erleb- te rucht mehr auß Jedermann übertragen werden
nisbedingungen zugerechnet und werden, wenn ~ann, sondern ndr für die Sich-Liebenden gilt;
sie zum Bestreiten von Wahrheiten führen, da- f.e insofern aber der Wahrheit noch ähnlich ist,
durch bereinigt, daß der abweichend Erlebende t~s sie auc~ für sie als gemeinsame Sinnvorgabe
als verrückt, fremdartig, kindlich usw. aus der ~lt ~d rucht als !Entscheidung der einen Seite,
Gemeinschaft relevant miterlebender Menschen ,, e die andere akzeptieren muß. Die Konkretisie-
I

ausgeschlossen wird. Der wissenschaftliche Wahr- ung und Sinnvercllchtung wird durch Einschrän-
heitsbegriff ist nur eine Ausprägung und Spezifi- ung der intersubjektiven Übertragbarkeit - im
kation dieses natürlichen Wahrheitsbegriffs.4 ' renzfalle: auf einen Menschen - erreicht. Eben

18 19

deshalb ist es wichtig, diese Absonderung von erweckt werden soll, also »freibleibend« ist und
den wahrheitsfähigen Themen auch zu gewähr- noch nicht zur Liebe verbindet.
leisten- etwa bei der Eheschließung gleich auch Mit diesen Abgrenzungsanalysen haben wir die
einen Brockhaus zu kaufen, damit Differenzen, Umrisse des besonderen Kommunikationsmedi-
die auf der Ebene der Wahrheit beigelegt werden ums Liebe gewonnen. Liebe übermittelt Selekti-
können, nicht zu Differenzen des persönlichen onsleistungen durch Orientier~:~ng an dem indi-
Meinens, des Erwartens von Meinungen und da- viduellen Selbstverständnis und der besonderen
mit zu Differenzen in der Liebe anschwellen. Weltsicht eines anderen oder einiger anderer
Auch Kunst hat konkrete Individualität zum Be- Menschen. Auf Konkretheit und individuellem
zugspunkt der Reduktion- aber die Individualität Zuschnitt der Erlebnisverarbeitung beruht auch
nicht eines Menschen, sondern eines sachlichen die spezifische Funktion dieses Mediums. Liebe
(physischen oder symbolischen) Gegenstandes, vermittelt eine doppelte Sinnbestätigung: In ihr
der durch seine Form Welt ordnet: eines Bildes, findet man, wie oft bemerkt, eine unbedingte Be-
einer Tonfolge oder Wortfolge, einer Geschichte stätigung des eigenen Selbst, der personalen Iden-
oder auch eines sich selbsr darstellenden Organis- tität. Hier, und vielleicht nur hier, fühlt man sich
mus. Das Sichzurechtmachen und Herausputzen, als der akzeptiert, der man ist - ohne Vorbehalte
die Selbststilisierung als Kunstwerk macht einen und ohne Befristung, ohne Rücksicht auf Status
Menschen noch nicht liebenswert, kann aber zur und ohne Rücksicht auf Leistungen. Man findet
Darstellung der Interaktionsbereitschaft dienen, ' sich in der Weltsicht des anderen erwartet als der-
zum Anlocken und als Aufforderung zum Ent- ' jenige, der zu sein man sich bemüht. Die Fremd-
decken des liebenswerten Inneren. Dabei macht, !erwartungen des anderen konvergieren mit den
wer seine Reize an sich selbst zur Schau stellt, i Eigenerwarrungen des Ich, mit der Selbstprojek-
sich den Umstand zunutze, daß das Angebot den tion. 5 Das befreit vom ewigen Kreisen des inne-
noch nicht spezifizieren kann, dessen Interesse 1
ren Monologs und befähigt zur Selbstmitteilung
''
21
20

141
I
nach außen und damit auch zum Lernen an der f errnittlung der direkten Weltsicht durch die in-
Resonanz und zur Anpassung an sich ändernde ~ersubjektive KonktitutioJ des Ich und der Welt
Lebenslagen. Und eben deshalb, weil man seinen :1 l~e~so außer a~h:l wie did (experimentell schwer
Platz darin hat, kann man auch die Weltsicht des • ~aruerbare) Intumtät und 1,,Tiefe« d~r Beziehung.
anderen akzeptieren, in sehr konkreten Ansichten ? azu kommt~ daß in diesen Forschungen die
Konsens finden. Mit einer Ichbestätigung verbin- ~eueren E?tWickllfngen der Persönlichkeitstheo-
det sich die gemeinsame Konstitution einer Nah- rue noch mcht berücksichtigt sind. All das zusam-
welt der täglichen Lebensführung und Interakti- rh. en Wir
1
'dfür· unsere zwec1
ke eme
· k omplexere
onssteuerung, des wechselseitigen Erwartens von 11 ~~d •zugleich spei mscherl auf das Medium der

Erwartungen und all dessen, was dies impliziert: ~ehe zugeschnittdne Begrifflichkeit erforderlich
die Fröhlichkeit der Schritte, die über die Schwel- achen.
1
le kommen, und die Gewißheit des gemeinsamen iDie Integration von Ichsein und Weltkonstituti-
Gedankens zur 'gleichen Stunde.6 d 1 I
n durch Liebe be~uht auf einem sehr konkreten,
Zur Frage einer Wechselbeziehung von Liebe und I! +ernative~a~me.n,Nivea~ d" p"sonalen Edeb-
Weltsicht hat sich bereit~ eine umfangreiche ex- 1 ~t~v~ra~be1.tun~ m d~r Nahwelt.
8
Darin hat sie
perimentelle Forschung angesammelt, die jedoch lre Leichtigkeit uvd ihre Oberzeugungskraft: Sie
in wesentlichen Hinsichten zu einfach angesetzt woblematisiert weder im Ich noch im Du noch in
war und deshalb keine überzeugenden Ergeb- 9e~ Welt ~ie volle !Kontin~enz anderer Möglich-
nisse eingebracht hat. Durchweg Ihatte man das ! ~/ten. ·Diese Fun.Ktionsbasis gibt der Liebe eine
Problem gestellt als Hypothese eirier Korrelation
I ..
II .tgesellschaftlicHe lp'nen~behrlichkeit. So sehr es
von Attraktivität der Gruppe und Ahnlichkeit · 9nK!Lb a~' 1st,
. em . E'1~ze
I 'llebenI ohne L1ebe
. zu führen
der Auffassungen bzw. Einstellungen - eine Kor- ' d gle1chwohl - 1zum B~ispiel durch Leistung
n.d Erfolg- zur Selbstbes~ätigung-in-der-Welt zu
1
relation, die oft verifiziert werden konnte und
I L.:
als einigermaßen gesichert gilt.7 Babei blieb die r I
9öen, so we~ig 1~1~tj Liebe sich als gesamtgesell-
. ' '

I !I II
22

schafdieher Mechanismus ersetzen. Allein schon grenzt für Liebe eintreten können, so wie auch
für die Kleinkindsozialisierung, die nur über sehr tiebe nicht ohne Grenze ~n die Stelle von Wahr-
konkrete und doch schon sinnhaft-verweisungs- ~eit oder Macht o~er Geld treten kann.
reiche Erlebnisverarbeitung erfolgen kann, dürfte ~as besagt jedoc~ nicht, daß Liebe als eine Art
sie unentbehrlich sein. Aber auch für Erwachsene aturphänomen 0der als ewig geltende morali-
gelingt ein Ausgleich von Schicksalsschlägen, ein che Idee, also al~ historische und evolutionäre
Aushalten einer problemreichen und fluktuieren- ,
onstante behanclelt
I
we~den müsse. Die· Bean-
den Umwelt besser und anstrengungsloser, wenn pruchung ihrer ~unktion und ihre Ausdrucks-
Intimbeziehungen feste Haltepunkte bieten und ' öglichkeiten, dieiFormeJ ihrer gesellschaftlichen
' I
Gelegenheiten, auszudrücken und bestätigt zu ~ntegration und 4eren Fplgeprobleme wandeln
finden, daß man gerade in diesen Schwierigkeiten iich im Laufe der Entwicklung. Ein soziologischer
und trotz aller. Veränderungen derselbe bleibt.
9
! ~~griff der Üebe ~ird sei~e Probe darin bestehen,
Auf dieser Grundlage lassen sich nicht nur Pro- diiesen :Wandel de ~ten zu können.
I I .
bleme interner kommunikativer Verständigung
besser lösen. Sie befähigt auch zu gemeinsamem
!
I
I ,
!
I .
oder doch übereinstimmendem Agieren in einer II.
I
Umwelt, die kompliziert geworden ist und so 'I I
rasch wechselnde .Bedingungen,yorgibt, daß die Laufe deriEvolution des Gesellschaftssystems
gebotene Reaktion selten im voraus feststeht, f tmpttdie K?mpl~xität dbr Gesellschaft und der
nicht moralisch eindeutig definiert und auch nicht für sie, tragbaren J::elt zu.l Das verändert allmäh-
immer intern fallweise abgestimmt werden kann, 1 f~hj: zuweile~ at;ch in abruptJn Schüben, die
sondern in spontanem Einklang erfolgen muß. ~usgangslage, in ider di~ Kommunikationsme-
Man wird deshalb davon ausgeh<rn müssen, daß 1 ien operieren. Hder mitgeteilte Sinn wird zur
lus~a',hl ausJmehk ander~n Möglichkeiten, alles

Ii
andere Medien der Kommunikatibn nur sehr be-

! ,, I
142
I
Bestimmte gewinnt eine höhere Selektivität. Und !sichten entlastet; vor allem werden di~ Bindun-
entsprechend werden Kommunikationsmedien gen an die durchgehend geltende Moral abgebaut
stärker beansprucht. Die Kontingenz der Welt ttnd durch Sonde.r bewertungen ..:. etwa die heuri-
wird zunehmend sichtbar, die Sprache verliert stische, wahrheit1skeptisbhe Forschungsmethode
ihre Verbindung mit der Natur, der Bedarf für oder die politische ratio 1status der Neuzeit - er-
Begründungen steigt, die Motivation, diesen setzt.10 Solche Trennungen ermöglichen die funk-
und nicht anderen Sinn anzunehmen, diesen und tionale Spezifikation der iMedien. In ihnen liegen
nicht anderen Hinweisen im Erleben und Han- die wesentlichen gesellschaftsstrukturellen Bedin-
deln zu folgen, wird schwieriger. Daß Selektion gungen - nicht unmittelbar für das individuelle
auch zugleich motiviert, wird nun zum Problem Gefülil, aber für ~ie Insti!utionalisierung von Lie-
und damit zum Bezugspunkt für die funktionale be in Formen, di~ ihrer Ftmktion entsprechen und
Spezifikation .sozialer Mechanismen. Die einzel- es ihr ermöglicheh, jenenlgestiegenen gesellschaft-
nen Kommunikationsmedien lösen sich daher lichen Anf~rderungen zu genügen.
im Laufe der gesellschaftlichen Entwicklung Man kann 1qiese. Entwicklung zur Ausdifferen-
voneinander ab und tr~ten auseihander. Es wird 1 1 yierung und: f~tionalei Spezifikation der Liebe

möglich, daß der Mächtigste nicht zugleich der 1 be~eits an ihrer ~opolo~e, an ihrer verbalen, the-

Reichste ist und auch nicht glaubt, besonders ge- matischen Interpretatio~ im Laufe der Geistesge-
liebt zu werden; daß Liebe sich eine wahrheits- schichte ablesen.! Ge~! kann die Verbaldarstel-
unfähige, ja weiiliin fiktive Welt schafft und sich lung der Liebe vpn Soziologen nicht beim Wort
den Befehlen der Mächtigen, der Hausväter, nicht ' genomme~ und a}s zuverlässige Realitätsbeschrei-
fügt; daß die Kunst den Gesetzen der Natur und 1' 1 bung ,akzeptiert~ ; epden1,Sie ist andererseits mehr
·der Sprache spottet. Zugleich werden die Medien, I, ~lsl: eihe illu~ion" ei Selbsttäuscllun~. oder falsche
Rj~ionalisierung. · Die ;olgenden Uberlegungen

t
wie wir am Beispiel der Liebe a1;1sführlich zeigen
wollen, von allgemeingesellschaftlichen Rück- kind von der Th~se getra: en, daß die literarische,

I I:' I I
I
1:
I I

idealisierende und mythisierende Darstellung der für ein Hauptwort, die Neubildung Philia, tritt
Liebe ihre Themen und Leitgedanken nicht zu- ers~ ~eim Übe_rg,ng von!der spätarchaischen zur
fällig wählt, sondern damit auf ihre jeweilige Ge- politisch bestllnlpten Hochkultur auf, zugleich
sellschaft reagiert; daß sie zwar nicht die Realität mit einer Generalisierun~ sowohl des Nutzenele-
1
widerspiegelt, wohl aber angehbare Probleme mentes als auch 1der Af{ektlage, die den Begriff
löst, nämlich funktionale Notwendigkeiten des ins Unbestimmte verschwimmen läßt. Das führt
Gesellschaftssystems in Form bringt. Die jewei- teils zu zunächst !folgenlbsen Gegenbewegungen,
lige Mythologie der Liebe kann uns daher einen <;lie das Nutzenelement ~us dem Begriff auszu-
Zugang eröffnen für das Verständnis des Verhält- schalten versuchfn und ihren Höhepunkt in der
nisses von Kommunikationsmedium und Gesell- ~lato~schen Eros-Sp~~flation ' finden, teils zur
schaftsstruktur. Uberle~tun~ der jTrad1t1~n in den Grundbegriff
Mit den Worten philos-philia-amicitia-amour deL komorua-societas (insbes. koinonia politike-
verbindet sich eine vielseitige literarische Tra-
dition, deren Angelpunkt im Problem der Soli-
I
so~iet~s c_iv_i~s), ~er für die Folgezeit bis in die
Neuze1t hmem nnt dem Begriff der philia-amicitia
darität liegt. 11 Es ist schon der Aufmerksamkeit fest v~rbunden b~eibt. Li~be ist und bleibt für die
wert, daß das Grundwort für Liebe in der älteren flt~uropäische Tfaditio~ trotz erkannter Beson-
griechischen Literatur nur als Adjektiv (philos) zu deJheit ein 'konsqtuieren8es Merkmal der Gesell-
finden ist, als Bezeichnung für ·> Haus- und Ver- 1 sch:aft selbst.U Die wahrb Liebe gründet sich auf
wandtschaftsverhältnisse einer nach· Häusern,
1 I das P·rinzi_8, 1das ~uch did Gesellschaft begründet,
Geschlechtern und Stämmen differenzierten Ge- • I 'd
' 1 fiij
0

zunac f
.. 'hst a1' po1" I Liebe, dann als reli-
Itlsche 0

sellschaft dient und soviel wie nahestehend, zuge- 1, 9iöFe,Liebe ~es apderen ln Gott,da.t'gestellt.
hörig heißt (angewandt auch auf Pinge, Tiere, den JPajnif ~ird eine_ pesells+aft ~terpretiert, die als
eigenen Körper), also die Gesellschaftsstruktur i rtrra/<tl.on~erleiqhter_un~ poSitive Empfindungen
~:! frer Mr~~~eder lziem:r
unmittelbar zum Ausdruck bringt. 12 Der Bedarf
nicht aber gegen-
1

143
über Fremden erwartet- Liebeaufgrund von Be- Mittelalter geschaffen und setzt sich in der Neu-
kanntheit und Vertrautheit, Zugehörigkeit und zeit durch.
wechselseitiger Hilfe. Das Erotische ist nicht aus- Sie deutet Liebe als amour passion, als Leiden-
geschlossen, aber für die Strukturbildung nicht schaft. Vordem explizit ausgegrenzt und als
wesentlich. Passionierte individuelle Zuneigung menschliche Unvermeidlichkeit ohne gesellschaft-
kommt natürlich vor, macht sich gesellschafdich liche Funktion behandelt, 15 wird Passion nun zum
aber eher als störende Kraft bemerkbar, die, zum führenden Merkmal. Mit ihr verbinden sich in
Beispiel durch Frühehe (Indien), unter Kontrolle der heute geläufigen, ja fast schon trivialisierten
gehalten oder auf unschädliche Bahnen abgelenkt Vorstellung Sinnmomente wie: willenloses Ergrif-
werden muß, 14 etwa: Knabenliebe (Griechenland) fensein und krankheitsähnliche Besessenheit, der
oder Adressierung der Passion gerade an die ver- man ausgeliefert ist, Zufälligkeit der Begegnung
heiratete und dadurch gesellschafdich unerreich- und schicksalhafte Bestimmung füreinander, un-
bare Frau (Mittelalter)_. Die philosophischen und erwartbares (und doch sehnliehst erwartetes)
religiösen Generalisierungen, die die Grenzen der Wunder, das einem irgendwann im Leben wider-
einzelnen Gesellschaft und damit das Liebesge- ·"
fährt, Unerklärlichkeit des Geschehens,16 Impul-
bot auf die Menschheit schlechthin auszuweiten sivität und ewige Dauer, Zwangshaftigkeit und
trachten, behalten einen utopischen Zug. Der höchste Freiheit der Selbstverwirklichung - alt
evolutionäre Erfolg lag in der entgegengesetzten dies Sinnbestimmungen, die eine positive oder
Richtung: nicht in einem Universellwerden, son- negative Bewertung offenJassen, sich widerspre-
dern in der Einschränkung und Mobilisierung des chen können und für sehr verschiedenartige Si-
Mediums; nicht darin, daß man alle liebt, son- tuationen ein Deutungsschema bereithalten,17 die
dern darin, daß man einen beliebigen, ausgewähl- aber in einem Grundzug konvergieren: daß der
ten anderen Menschen liebt. Die das abdeckende Mensch sich in Angelegenheiten der Liebe von ge-
Konzeption der Liebe wird seit dem ausgehenden ellschaftlicher und moralischer Verantwortung

30

freizeichnet. »Passion« meint einen Zustand, in jlrrelevanzen explizit legitimiert werden: daß bei
dem man sich passiv leidend, nicht aktiv wirkend wahrer, echter, tiefer Lie9e- auf die Beweisfragen
vorfindet. Das schließt Rechenschaftspflicht für kommen wir zurück - es weder auf Stand noch
passioniertes Handeln an sich noch nicht aus. auf Geld, weder Juf Rep?tation noch auf Familie
Passion ist keine Entschuldigung, wenn ein Jäger noch auf sonstige ältere Loyalitäten ankommen
eine Kuh erschießt. Die Lage wendet sich jedoch, kann. Das Zerstörerische daran wird gesehen -
wenn Passion als Institution Anerkennung findet und geradezu mitgenossen. Das große ·literari-
und als conditio sozialer Systeme erwartet, ja ge- sche Thema der standeswidrigen oder im wei-
fordert wird - wenn erwartet wird, daß man einer testen Sinne unvhnünftigen Liebe wandelt sich
Passion verfällt, für die man nichts kann, bevor vom Utopischen ~ns Konhsche, ins Tragische und
man heiratet. Dann wird die Symbolik der Passi- schließlich ins Triviale einer Institution, deren
on verwendet, um institutionalisierte Freiheiten Dysfunktionen fest etabliert sind und bewältigt
zu decken, das heißt abzuschirmen und zugleich werderi können. 1
zu verdecken. Passion wird dann zur institutiona- Trotz aller mittelalterlichen Wurzeln der » ro-
lisierten Freiheit, die nicht als solche gerechtfer- mantischen Lieb~« ist ihre Institutionalisierung
tigt zu werden braucht. Freiheit wird als Zwang als Ehegrundlagk eine entschieden neuzeitliche
getarnt. Errungenschaft, in den ersten programmati-
Daran und an den Begleitvorstellungen des ro- schen Postulierungen dem Sentimentalismus des
mantischen Liebesmythos läßt sich ablesen, daß r8 . Jahrhundert~ zu danken und dort Bestand-
die Institutionalisierung der Liebe als Passion die teil bürgerli~her fritik aristokratischer Immoral.
gesellschaftliche Ausdifferenzier1;1ng von Intimbe- IJI trJt dp.mit wird teses K~nzept der Liebe aus den
ziehungen symbolisiert. Das wichtigste Anzeichen Be1el:Jigkeiten des rein intlividuellen Erlebens her-
dafür neben dem Abstreifen von Verantwortlich- 1 ausgenommen Jd in so~ialen Erwartungen fest-
1
keiten ist der Umstand, daß Indifferenzen und gemacht. Es erhält den Charakter einer Zumu-

144
tung - einer Zumutung für die, die passioniertes ~d Menschheit, und die funktional-diffusen Ver-
Lieben anderer miterleben und bilHgen 'müssen; ~chmelzungen von Liebe und Recht und Liebe und
einer Zumutung vor allem aber auch für die, die Nutzen, wie sie sich in der griechischen Vorstel-
sich verlieben müssen, bevor sie heiraten. 18 Pas- lungswelt finden und aus ihr überliefert werden
sioniertes Lieben wird zur Erwartung, auf die hin y;üssen gekappt werden. Damit wird Liebe von'
gelernt und erzogen wird, ein sozialer Typus, der ,11den Fremdfunktionen entlastet, die sie mit-
schon aus Gründen hinreichender Verständigung trug- vor allem von Funktionen der Stützung der
nur begrenzte Modifikationen zuläßt. ~oral und ?es Rechts, der politischen Herrschaft
Die Ausdifferenzierung und Typi1ikation eines ~~d des wmschaftlichen Bedarfsausgleichs. Sie
entsprechenden Verhaltensmusters ermöglicht 'ftrd vor den Verflachungen bewahrt, die fast un-
funktionale Spezifikation. Intimbeziehungen kön- ~ermeidlich ~ind, wenn m~n sich auf Konsens mit
nen, als Passion begriffen, dargestellt und ge- Jydermann emstellen muß. Statt dessen wird im
rechtfertigt, die Funktion des Kommunikations- Gedanklichen wie in der allgemein institutionali-
mediums Liebe in funktionaler Verselbständigung sterten ErwartiJilg die Konzentration auf jeweils
und dadurch um so wirksamer erfüllen. Darauf efnen anderen Menschen P,ostuliert.
beruht die gesellschaftlich geforderte Leistungs- lfdem Maße, als diese Vorstellung sich reali-
steigerung dieses Mediums. Die Passionierung

~
.eren läßt, -heißt Liebe al,s Passion Freiheit der
der Liebe entspricht zunehmender gesellschaft- rtnerwahl und, sbweit ~e Familie auf Liebe ge-
licher Komplexität. Unter der Bedingung hoher ü~d~t sein soll, ~:eiheit der GattenwahL Diese
Umweltkomplexität kann Liebe nicht länger auf eihetten haben emen Bezug zur Komplexität
andere Funktionen Rücksicht nehmen, die selbst df r Gesellschaft und entwickeln sich mit ihr. Die
spezifischer, abstrakter, leistungsstärker insti- kf~kre~ o?er doch gruppenmäßig vorbestimmte
( ~askrtpttve) G~ttFnwahl l mancher archaischer,
tutionalisiert werden müssen. Die traditionelle 1

Kongruenz von Liebe und Gesellschaft, ja Liebe 1 z B. der austrabsc~en, Gesellschaften wird zu-
1 I
34 35

I
I
nächst durch institutionalisierte Präferenzen19 Man kann in der Freigabe des Lebens und Lie-
und durch familiär >>arrangierte<< Heiraten abge- bens nach eigenem Gefühl einen Selbstzweck se-
löst. In solchen Fällen sind die sozialen Kontrol- hen. Das hieße, Liebe und Selbstverwirklichung
len der Gattenwahl schon gelockert, aber struk- in der Liebe als Wert nbhmen. Damit wird die
turell bzw. prozeßmäßig noch institutionalisiert. soziologisch mögliche Erkennmis verkürzt. Part-
Am Ende dieser Entwicklung finden wir in hoch- nerwahl aufgrund von individueller Passion hat
komplexen modernen Gesellschaften die Liebes- über diese vordergründige Wertfixierung hinaus,
heirat.20 Sie ist >>formal frei<< institutionalisiert und gerade durch sie, an~ebbare gesellschaftliche
wie Arbeit, Vertrag und Organisation. Das heißt Funktionen. Sie erhöht die Realisierungschancen
nicht, daß alle sozialen Einflüsse auf die Partner- des Kommunikationsmediums Liebe. In sehr
wahl verschwunden wären - schon ein Blick in komplexen, stark differjnzierten Gesellschaften
die Statistik zeigt, daß schichtenhomogene Gat- mit ausgeprägte! Pers9nlichkeitsindividualisie-
tenwahl do~iniert -, wohl aber, daß die Kon- ung und sehr uriterschiedlichen Weisen der Le-
trollen in der Form selbstauferlegter Rücksichten bensführung- auch innerhalb der Gesellschafts-
beim Sich-Verlieben, in der Form vorsorglicher schichten kann nur durch hohe Kontaktmobilität
elterlicher Kontaktbahnung oder Kontaktverhü- 1 erreicht werden, faß Partner, die Intimbeziehun-
tung oder auf ähnliche, von der institutionellen gen bilden könnep, zue~~nder finden.22
Vorschrift der Liebe abweichende Weise geübt stitutionelle Designation würde unter solchen
werden müssen. 21 Daß solchen Steuerungen die mständen Liebe extrem unwahrscheinlich wer-
Legitimation, ja die öffentliche Darstellbarkeit den lassen, das Niederlegen der institutionellen
und das Bekenntnis zum Zweck entzogen wird, , ~chraJtken und d/e Dele~ation der Auswahl auf
zeigt an, daß die Gesellschaft strukturell von ih- ~ das1 Individuum ~rHöht zumindest die Chancen.
nen unabhängig geworden ist und das Risiko be- ie publizierten Jdole dbr Liebe, vor allem äu-
liebiger Heiraten tragen kann. erliche Anhalts~unkte wie körperliche Schön-

145 '1
heit oder Attraktivität, bilden dafür generalisierte störanfälligen reflexiven Mechanismus dazu, bei
Suchrnuster. Die Herstellung von KoHsens über sich selbst zu b~eiben, und schir~t ihn ab gegen
. I
lebensnahe Weltaspekte und konkrete Identitäten Interferenz durch der Ahnach andere Mechanis-
kann so, jedenfalls zum Teil, dtirch die Rekru- men -etwa Ka~f der q~be, denkende Besinnung
tierungsweise vorbereitet werden und kann erst auf Liebe, Zwang zur Liebe.24
dann der elementaren Interaktion und-personalen In der literarischen Überlieferung wird diese Re-
Erwartungsbildung überlasseo. bleiben. ' flexivität des Liebens e, st in der Neuzeit, in vol-
Ausdifferenzierung, funktionale Spezifikation lem Sinne erst s~~t dem I8. Jahrhundertregistriert
und Mobilisierung der Liebe für Selektion von und legitimiert. Sie setztljenen Strukturwandel zur
Partnern und Themen bringen schließlich eine AusdifferenzierJng, Splzifikation und Mobilisie-
sich selbst verstärkende Prozeßform hervor, die rung in Grundzügen voraus und wird erst mög-
wir Reflexi~ität nennen.23 Liebe wird zum re- lich, nachdem diese Vonaussetzungen
I
wenn nicht
flexiven Mechanismus und auch in dieser Hin- im InstitutioneUen, so doch in den Vorstellungen
sicht zu einer voraussetzungsyollen, riskierten von Liebe etabli~rt sindJ Die scholastische Formel
und störungsanfälligen .Institution. Sie wird auf Id~s amor amiciiiae bezbichnete noch kein Refle-
sich selbst angewandt, ehe sie sich ein Objekt xivverhältnis, sbndern Ieine Art der Liebe. Und
wählt. Man liebt das Lieben und deshalb einen auch die daran anknüpfenden theologischen Dis-
Menschen, den man lieben kann. Dabei ist die kussionen des pur amohr in der frühen Neuzeit,
Beziehung dieser Reflexivität zur Ausdifferenzie- ' ~ die sehon ein suBjektiveJ Reflexionsverhältnis car-
rung der Liebe doppelseitig zu sehen: Einerseits l Itesischen ~Jils dfchspidlten, hatten mit Reflex~on
leistet Reflexivität jene höhere Selektivität, die lzrinäthst nur Reflexivi~.a~··t des IDenkens gememt,
bei Ausdifferenzierung von auf Liebe gegründe-
I ..j h~tten

sich ihr
I
Thema a~ das einer denkenden Be-
1
ten Dauersystemen (Ehe-Familien) notwendig ist. :sinnung auf die ~igene rliebe gestellt - und waren
Andererseits verhilft Ausdifferenzierung dem sehr 1
· .dd.shalb lediglich ·auf dJs Problem des Interesses
I! I. I
j1 1. 39

tl
1

an der Liebe gestoßen.25 Bald darauf setzt sich ei- braucht aber nicht auf eine Verstärkung des Ge-
ne andersartige Einstellung durch, die nicht mehr fühls hinauszulaufen. Was sie verstärkt, ist die
das Denken des Fühlens, sondern das Fühlen des Genußfähigkeit des Gefühls und auch die Mög-
Fühlens proklamiert und zu genießen beginnt. lichkeit, am Gefühl zu leiden. Man kann jetzt Lie-
»Liebe um Liebe« wird das Höchste, und ihr ein- be schon lieben, ohne bereits einen Partner zu ha-
drucksvollster Prophet wird Jean Paul.~6 ben oder nur einen solchen, der nicht wiederliebt.
Reflexivität des Liebens ist mehr als ein einfaches Im übrigen ist für den Normalfall eine mehr oder
Mitfungieren des Ichbewußtseins in der Liebe, weniger klischeeförmige Außensteuerung dieses
mehr auch als das bloße Bewußtsein der Tatsa- auf Liebe gerichteten Liebens bezeichnend. Die
che, daß man liebt und geliebt wird. Es gehört da- Liebe mag dann zunächst auf ein generalisiertes
zu, daß ein entsprechendes Gefühl gefühlsmäßig Suchmuster gerichtet werden, das eine Erfüllung
bejaht und gesucht wird; daß man sich als Lieben- erleichtern, einer gefühlsmäßig vertieften Erfül-
den und Geliebten liebt und auch den anderen als lung aber auch in die Quere kommen kann. Setzt
Liebenden und Geliebten liebt, also gerade sein nicht »Liebe auf den ersten Blick« voraus, daß
Gefühl auf diese Koinzidenz der Gefühle richtet. man schon vor dem ersten Blick verliebt war?
1
Die Liebe richtet sich auf ein Ich und ein Du, so- Die Funktion der Reflexivität des Liebens kann
fern sie beide in der Beziehung der Liebe stehen, nach all dem nicht in der Intensivierung oder Sta-
das heißt eine solche Beziehung sich wechselseitig bilisierung des Gefühls der Liebe liegen. Sie be-
ermöglichen - und nicht, weil sie gut sind, oder ,I zieht sich auf die Steuerung der Selektivität des
schön sind, oder edel sind, oder reich sind. 1 Liebens. Sie sucht zu gewährleisten, daß die Ge-
Reflexivität des Liebens ist eine Möglichkeit für 1 fühlsbildung in ihrer gesellschaftlich jetzt unver-
alle Talente und alle Situationen - keineswegs meidlich hohen Selektivität auf eine ihr adäquate
eine esoterische Angelegenheit, die nur wenigen Weise gesteuert wird, nämlich durch Gefühl. Dar-
großen Liebenden vorbehalten bleibt. Sie kann, an ist ab lesbar, daß es in1dieser Umstruktmierung

4I
146
des Liebens letztlich nicht um das individuelle Freundschaft nehmen einen entsprechenden Ne-
Gefühl geht, sondern um das Kommunikations- bensinn, einen Verdacht auf Geschlechtlichkeit
medium Liebe, das veränderten gesellschaftli- f!n, sofern nach der Art der Partner Sexualität ei-
chen Bedingungen angepaßt werden muß. Nur ne Rolle spielen kann. Das heißt natürlich nicht,
wenn man sich aufgrund des Liebens von Liebe daß Sexualität erst jetzt wichtig wird oder mehr
verliebt, ist zu erwarten, daß das sich damit bil- Bedeutung gewinnt als zuvor, wohl aber, daß sie
dende System Liebe als Kommunikationsmedium erst jetzt in ein spezifisches, ~usdifferenziertes
verwendet - unter anderem deshalb, weil nur so Kommunikationsmedium eingebaut wird und
die Gefühlslage als Einheit empfunden und das I damit eine gesellschaftliche Funktion übernimmt,
Selektionsbewußtsein latent bleiben oder wieder die weit über die Funktion der Nachwuchserzeu-

l
verdrängt werden kann. gung hinausgeht.
~exualität gewinnt für die Liebe eine Basisfunk-
tion, die vergleichbar ist der Funktion, die physi-
m. scher Zwang für politische Macht, die intersub-
jektiv zwingende Gewißheit der Wahrnehmung
Mit der Passionierung der Liebe erhält auch die für wissenschaftliche Wahrheit, die Deckung in
sexuelle Beziehung zwischen Liebenden einen
veränderten Stellenwert. 27 Sie färbt Begriff und 1 pold, Devisen oder staatlichen Entscheidungs-
fOmpetenzen als Garantie der Befriedigung von
Erleben der Liebe in neuer und entschiedenerer ~edürfnissen für eine Geldwährung erfüllt. Der
Weise. In scharfer Einschränkung dessen, was in fer~leich läßt die wichtigen sachlichen Unter-
der Philia-amicitia-Tradition gemeint war, wird rchlede der Kommunikationsmedien außer acht
Liebe im allgemeinen Verständnis zurückgeführt pnd erstreckt sich auf die durchgehende Notwen-
auf Beziehungen, die im Geschlechtsakt ihre fligkeit von Gewißheitsverankerungen, von »real
Sinnerfüllung finden . Die Begriffe Intimität und r ssets« bei allen generali~ierten Medien. 28

I 4~

1
In all diesen Fällen - in der Sexualität, bei phy- eine soziale Funktion gebracht, die ihre Aufwer-
sischer Gewalt, bei Wahrnehmungen und bei der tung erlaubt. Im Zusammenhang damit müssen
Sicherstellung der Befriedigung letztlich körper- gewisse FormenJ der S~lbstbefriedigung ausge-
licher Bedürfnisse - scheint das Hinabreichen in schlossen - und zwar Joralisch ausgeschlossen
die organische Sphäre wesentlich zu sein. Eine so werden. Das ist für erotische Selbstbefriedigung
fundierte Kommunikation kann den Organismus offensichtlich, gilt aber entsprechend auch für die
gleichsam mitüberzeugen. Dieser Bezug muß da- übrigen Medien: für gewaltsam,e Selbsthilfe, für
her in den Kommunikationsmedien mitiJ?.stitutio- die nur individuell-evidente Intuition der Wahr-
nalisiert werden. Insofern handelt es sich nicht heit (d. i. »Fana~ismus«l im Sprachgebrauch der
lediglich um Herstellung von Meinungskonsens Aufklärungszeit)l, für die wirtschaftliebe Autar-
in der Sinnsphäre, sondern um symbiotische kie des einzelnen bzw., funktional äquivalent, für
Regelungen,. die eine Intensität des Bezugs zum Geldfälschung. Solche Praktiken untergrüben die
anderen gewährleisten, die ein hohes Maß von Vermittlungsfunktion dbs Mediums durch Ver-
Dissens, von Überziehen realer .Konsenschancen selbständigung des Basismechanismus.
tragen kann?9 Die sinnhaft-symbolische Genera- [m Falle sexuell ~ndier~er Liebe nimmt das Ver-
lisierbarkeit der Medien beruht darauf, daß sie hältnis von syml:liotischJ r Basis und symbolischer
nicht lediglich aufgrundvon (und deshalb in den Generalisierung lbesondbre Züge an, die sich nä-
Grenzen von) realem Konsens operieren: her beschreiben· lassen. Vor allem macht diese
Darauf bezieht sich der neuartige Stellenwert _Begründung plausibel fie Unmittelbarkeit und
jener Basismechanismen im institutionellen Ge- · 1Nähe der lßezieliung u~'d ihre Beschränkung auf
füge. Sie können nicht länger als notwendige ~ I leiq.e9 Partqer, Je von aber als Dauergebot in
Übel oder als irdische Last gesehen und Idealen ,I dds
IClealbild det Liebe aufgenommen wird. Au-
gegenübergestellt werden. Sie werden in den ! ßerdem ist der geschlechtlichen Beziehung eigen,
Dienst eines Mediums genommen und damit auf :I ,daß gewisse Fubktioneh unsichtbar für Außen-
i. · ; ·I
44
147
. 111 1 , r
stehende, also ohne Darstellungszwang, erfüllt für sprachliche Mitteilungen eröffnet.31 Sie bietet
und in subtiler Weise verfeinert werden können: die Möglichkeit eines Unterlaufens der Sprache,
Geben und Nehrnen/ 0 Belohnen und Bestrafen, einer konkretisierenden Interpretation des ge-
Bestätigen und Korrigieren können sich zwar sprochenen Wortes auf das hin, was sich an ihm
auswirken, lassen sich aber schwer feststellen. von anderen und der ihm zugänglichen Welt zeigt.
Aspekte und Intentionen des Tauschens, Sankrio- Man kann in den Kommunikationsweisen der
nierens und Lernens sind vorhanden und erfüllen Liebe Unsagbares zum Ausdruck bringen, Gesag-
ihre Funktion, lassen sich aber nicht auseinander- tes verstärken oder abschwächen, bagatellisieren
ziehen, individuell zurechnen und zur Rede stel- oder durchkreuzen, kann Mißverständnisse aus-
len. Sie verschmelzen ins Ununterscheidbare. Das gleichen und Entgleisungen durch einen Wechsel
verhindert, von Extremfällen abgesehen, eine ge- der Kommunikationsebene korrigieren.
naue Bilanzie.rung von Vorteilen und Nachteilen, Das Verhältnis des Mediums zu seinem Basisme-
einen Vergleich mit anderen Lagen und eine Ent- chanismus läßt sich als Generalisierung kenn-
wicklung der Beziehung ins Asymmetrische eines zeichnen.32 Damit ist gemeint, daß das Medium
Leistungs-, Rang- oder lnteressengefälles. Auch I
die Reichweite, seines Basismechanismus aus-
relativ unbalancierte Beziehungen können dank dehnt, dessen Motivierungspotenrial überzieht.
dieser Diffusität des sexuellen Kontaktes noch als Vom Handeln aus gesehen erscheint Liebe als
gleich und als unvergleichbar erlebt werden. Des- symbolisch generalisie~tes, wertmäßig verselb-
halb kann auch in einem Maße, das sonst kaum ständigtes Zwi~chenziJI auf dem Wege zur ge-
erreichbar ist, unterstellt und erwartet werden, schlechtlichen ~efriedigung (mit der Möglichkeit
daß das eigene Erleben auch das des Partners ist. 1 der Zweck/Mit~el-Um~ehrung und der Verwen-

Dazu kommt, daß die nichtsprachliche Kommu- dung des GeschlechtsaKtes als Mittel zum Beweis
nikation der körperlichen Berührung einen eigen- der Liebe). Doch bleib diese Betrachtungsweise
tümlichen nichtlogischen lntcrpreta tionshorizont in der Vorstellu ~ g eines kausalen oder instrumen-

tellen Arrangements (welchen auch immer) unan- gen und ein moralisches Verbot gleichsam in eine
gemessen, weil zu eng. Die Generalisierung muß positive Funktion urnzukehren. 35 Die Erwartung
in ihren Systemfunktionen geklärt werden. 33 der Erfüllung wird aufgestaut und als solche
Zeitlich gesehen liegt die Generalisierungsleistung schon genossen. Durch Vorwegnahme wird die
der Liebe in der Überbrückung von Intervallen Liebe reflexiv, was ohne Bezug auf kontinuierlich-
zwischen sexuell motivierten Kontakten. Man l lebendi~e Sexualität kaum zu motivieren wäre. In
liebt kontinuierlich, hat aber, besonders als Mann, I der Ungewißheit des Partners kann reflexive Lie-

zwischendurch anderes zu tun. Der Partner kann be sich unkorrigiert übersteigern und idealisieren
auf Rückkehr vertrauen. Dieses Vertrauen gehört und vermag dann den P~rtner, wenn er g~fu~den
im Verhältnis von Mutter und Kind zu den ersten ist, mit hochgespannten!Erwartungen, rmt emem
Lernnotwendigkeiten menschlichen Lebens und idealisierten Seiost zu konfrontieren, dem er um
bildet eine wesentliche Quelle aller Generalisie- der Liebewillen nachzuleben hat. Auf diese Weise
rungsleistungen der Kultur. 34 Im Bereich der auf wird trotz Abschwächung großfamiliärer, wirt-
Geschlechtlichkeit bezogenen Liebe nimmt diese schaftlicher oder anderer gesellschaftlicher Moti-
zeitliche Generalisieru.ng zwei weitere Züge an: . ve die Bereitschaft zur Eheschließung erhalten -
1
Einmal ermöglicht Liebe Indifferenz, und zwar fr et·t·tch unter ut0p1sc
• henI "vorzetc
. hen.36 D aran 1s
.t
bis ins Physiologische reichende Indifferenz ge- bemerkenswert, daß und wie sich zeitdimensio-
genüber attraktiven Angeboten von anderer Seite, nale Schwierigkbten (Kontinuitätsprobleme) in
hilft also das Problem der sexuellen Konkurrenz sachliche Generalisierdngsleistungen umsetzen
lösen oder doch entschärfen. Zum anderen füllt lassen, die dann allerdinrs Folgeprobleme eigener
Liebe Wartezeiten mit Erwart1ung. Man hat eine 11\.tit nach sich zidhen. .
wesentliche Funktion des» romantischen« Liebes- Auch die umge~hrte B ziehung: daß die sachli-
komplexes darin gesehen, für die Versagung des che Generalisierung die zeitliche stützt, läßt sich
'feststellen. Als g~neralisiertes Grundthema einer
vorehelichen Geschlechtsverkehrs zu entschädi-
,. I I
I 49
148
I I
sozialen Beziehung macht Liebe es möglich, daß bei Intensität des Gefühls und bei Konkretheit der
Intimsysteme, insbesondere die auf Liebe gegrün- in ihm sich konstituierenden Weltsicht durchzu-
dete Familie, eine Differenz von Beziehungsebe- halten ist, läßt sich an der Verbreitung von Eifer-
nen einrichten und ins Bewußtsein bringen kön- sucht ablesen, der genau dies mißlingt.
nen: Die Liebe selbst und ihr Fortbestand wird In sozialer Hinsicht ist zu beachte,n, daß Generali-
von den konkreten täglichen Interaktionen un- sierung nicht als Ausdehnung der Liebe auf mög-
terschieden. Diese Differenzierung erleichtert die lich~t ~ele oder gar beliebige Partner verstanden
Kontrolle sehr komplexer Kausalverläufe da- werden darf, sondern im Gegenteil durch indivi-
durch, daß sie Ebenen auseinanderbricht, auf de- duellen Zuschnitt geleistet wird. Ein Liebender
nen Wirkungen zu beachten sind bzw. ignoriert ist, nach Shaws bekannter Definition, jemand,
werden können. Damit wird eine gewisse Immu- der den Unterschied zwischen einer Frau und an-
nisierung _gegen kleine Ereignisse, also zeitliche deren Frauen übertreibt- also gerade nicht klas-
Stabilität erreicht. Man braucht und darf nicht 1 sifi.katorisch generalisiert. Generalisierung kann
fortwährend Beweise der Liebe fordern, nicht in nicht nur in der IF orm der kategorial-gattungsmä-
jedem Vorfall das Ganze auf dem Spiel sehen. , ßigen Vera}lgemeinerurlg erfolgen, sondern auch
Man darf nicht mit Entzug der Liebe drohen und in den Formen der Spezifikation und der lndif-
damit den gefährlichen Schluß von der Interakti- ferenz.37 Durch Individualisierung der Liebe als
on auf das System ankündigeh. Das Argument: einer Beziehung zwischen persönlich bestimmten
·Wenn Du das tust, liebst Du Inich nicht, bat des- Geschlechtspartnern wird Indifferenz erreicht so-
halb eine eigentümliche Sprengkraft, weil es jene wohl gegenübe~ der- se'fuellen Potenz anderer als
Differenzierung der Kontaktebenen in Frage stellt I auch gegenübe~ dem M~inen und Urteilen ande-
und überdies den Schluß nahelegt, daß der so Ar- rer. Nur die Liebenden selbst können ihre Liebe
gumentierende selbst nicht liebt. Wie schwer eine verstehen - ein weithin akzeptierter Topos der
solche Abhebung der Liebe aus dem Alltag gerade 1 Lieb,esmythologie -, u*d sie geben ihr Exklusi-

vität der Praxis ebenso wie des Verständnisses. Andererseits darf die Tragweite der Sexualität,
Gerade an dieser Individualisierung und Abson- vor allem als Kausalfaktor, nicht überschätzt
derung entzündet sich die Leidenschaftlichkeit werden. Es liegt auf der Hand, daß sie mit den
der Liebe.38 Das Allgemeine liegt darin, daß sol- Generalisierungsleistungen der Liebe kompatibel
che Liebe mit sehr verschiedenen, wechselnden sein muß, sie aber nicht selbst vollbringt, sondern
sozialen Umwelten und mit verschiedenen und dafür .auf psychische und soziale Mechanismen
diskrepanten Beurteilungen durch Außenstehende angewiesen bleibt. Man muß sich sogar fragen,
vereinbar ist - also nicht nur in der Partnerwahl, ob natürliche Sexualität (sofern es das überhaupt
sondern auch in ihrem Schicksal Mobilität ermög- gibt) ausreicht, um dib Einleitung einer Liebes-
licht. Die lnstitutionalisierung der Liebe bedeutet beziehung zu motivieren, wenn dabei kulturelle
unter diesem Aspekt gesamtgesellschaftlichen .- oder interessenmäßige Hindernisse zu nehmen
also weitgehend fiktiven, aber unterstellbaren - sind. Es scheint, daß d~zu zusätzliche Erregungs-
Konsens dafür, daß die Liebenden sich nicht um quellen nötig sind, die sich nicht auf das bloße
Konsens ihrer aktuellen Umwelt zu kümmern Vermitteln oder Inaussichtstellen sexueller Befrie-
brauchen: Sie können Konsens für Indifferenz ge- _ digung r~duzie.rien lass~n. Sicher lagen solche An-
genKonsensunterstellen-auch dies eine Erwar- lässe zur Steigerung organischer und psychischer
tungsstruktur, deren evolutionä_re Unwahrschein- Erlebnisbereitschaften früher auch im Bewußtsein
lichkeit in die Augen springt. Daß hier eine auf gemeinsamen Abweic~ens, in der anfänglichen
der Ebene des Basismechanis~us der Sexualität oder gar durchgehendenillegitimitätder Passion.
plausible Forderung- Nichtbeteiligung Dritter! - An dessen Stelle findet ran heute in weitem Um-
auf die Liebe als Kommunikationsmedium über- fange kommer{iell or~nisierte Erregungen, die,
tragen wird, bestätigt unsere H ypothese, daß die durch Schrift, Bild, Ton oder Aktionsgelegenhei-
sexuelle Fundierung der Passion für das Medium ten vermittelt, den Voreil haben, besser isolier-
der Liebe wesentliche Grundlage geworden ist. l ,b ar und mit der Lebensführung im übrigen bes-

53
149
I
ser synchronisierbar zu sein.39 Auch darin liegen Voraussetzung für die Eigenständigkeit eines Me-
soziale Leistungen, die in den Bedingungen ihrer diums. Immer bleibt zwar das einzelne Medium
zeitlichen Plazierung, ihrer möglichen Sinnbezüge auch außerhalb des je"?'eiligen Teilsystems, das
und ihren Kommunikations- und Konsenschan- heißt gesamtgesellschaftlich und für andere Teil-
cen systemabhängig sind. Das bedürfte weiterer systeme relevant: Auch die Politik braucht Wahr-
Erforschung. heiten, auch die Wirtschaft bildet Macht, auch in
den Kleingruppen der Arbeitswelt verdichten sich
Sympathiebeziehungen. Aber die Leistungssteige-
IV. rung im einzelnen Medium, die volle Ausnutzung
seines besonderen Stils der Übertragung von Se-
Die Verselbständigung und funktionale Spezifika- lektionsleistungen, gelingt nur Teilsystemen der
tion von Kommunikationsmedien kann nicht al- Gesellschaft, deren Struktur auf diese Funktion
lein auf der ·Ebene von Prozessen (durch Ordnung zugeschnitten ist.
von Ereignisfo/gen) institutionalisiert werden. Sie Funktionaler Spezifikation von Strukturen und
setzt die Bildung entsprechender Sozialsysteme Prozesse·n sind jedoch, weil sie Systembildung
voraus. Macht artikuliert sich erst im politischen- erfordert, Schranken gesetzt. 40 Diese Schranken
System als ein Medium besonderer Art, Wahrheit müssen wir für den Fall der auf passionierte Liebe
erst in der Wissenschaft, Ge.J.P erst in der Wirt- gegründeten lntiimbeziehungen näher bestimmen.
I
schaft, und Kunst leidet daran, daß die Ausdiffe- . Auf geschlechtliche Beziehungen hinauslaufende,
renzierung eines auf sie bezogenen Sozialsystems passionierte Liebe findet ein dauerfähiges System
in besonderer Weise problematisch ist. In all die- in der Gründung eine~ Familie, und zwar einer
sen Hinsichten, und so auch im Falle der Liebe, 1 'Familie, die auf der monogamen Ehe beruht,41
ist ein beträchtHches Maß an funktionaler Diffe- welche ihrerseits als auf Liebe gegründet erwartet
renzierung des Gesellschaftssystems evolutionäre ] U~Jd dargestellt jwird. i assion aber ist eine nicht

54 55
I

zu verantwortende, zufä!Jige Verfassung, deren ten Probleme des Ausredens einer unvernünf-
Eintreten ebensowenig beherrscht werden kann fig gewünschten Heirat und des Ehebruchs sich
wie ihr Erlöschen- ein höchst labiles Systemprin- !beträchtlich verschärfen, wenn für die Ehe Lie-
zip. Die Symbolik der passionierten Liebe, die die be und daher auch für die Liebe Ehe gefordert
Ausdifferenzierung und funktionale Spezifikation wird. Dann gefährdet ein Divergieren, und vor
des Mediums trägt, ist nicht ohne weiteres auch allem ein offensichtliches Divergieren von Liebe
gut für jenes zweite Erfordernis: für Systemwer- und Ehe, das System in seinen Grundlagen. Als
den und Systemerhaltung entsprechender Interak- Strukturprinzip eines sozialen Systems steigert
tionen. Die Widersprüche im institutionalisierten Liebe Chancen und Risiken miteinander. 45 Die
Konzept der Liebe, die wir oben42 bereits notiert konstitutionelle Riskiertheit solcher Ehen ist in-
hatten - die Widersprüche zwischen Zwangsläu- zwischen bewußt geworden. Die Vorstellung, Ehe
figkeit und Freiheit, Impulsivität und Dauer - und Familie würden nun an ein fluktuierendes,
haben in diesem Dilemma ihren Grund: Sie über- unbeherrschbar aufquellendes und wieder versie-
setzen das Problem funktionsspezifischer System- gendes Gefühl gebunden und dazu bestimmt, des-
bildung in eine ambivalente Wertorientierung sen Schicksal zu teilen, hat denn auch die ärgsten
und wälzen es damit auf das Verhalten ab. Befürchtungen erweckt.
Daß romantisch übersteigerte Liebe die Familie Das war jedoch, ähnlich und aus analogen Grün-
stören, wenn nicht zerstören kann, ist ein Thema den wie angesichts der Einführung des allgemei-
mannigfacher Erörterungen, das zunächst für die 1nen Wahlrechts, falscher, zumindest übertriebe-
Großfamilie, dann auch für die Kleinfamilie, zu- ner Alarm. Man konnte sich nicht vorstellen, daß
1
nächst für das Liebesverhältnis mit Außenstehen- neue, unausprobierte Freiheiten sich selbst stabili-
den nach Gründung einer Famiüe, 43 dann auch 1.sieren würden. Die Tatsachen zeigen eine nach wie

für die auf Liebe gegründete Familie44 entdeckt vor hohe Stabilität von Ehen. Unbestreitbar sind
worden ist. Man muß dabei sehen, daß die al- die Scheidungsquoten in den letzten Jahrzehnten

57
150
aus mehreren Gründen erheblich gestiegen, 46 er- Urteilen über die Fragen der täglichen Lebens-
reichen aber weder ein gesellschaftlich bedrohli- führung. Selbst einschneidende Änderungen der
Lebensführung können ~n der Absicht der Fort-
ches, in den Folgen nicht zu bewältigendes noch
ein im interkulturellen Vergleich ungewöhnliches I setzung dieser Welt, der Welt, in der Ich und Du
dieselben bleiben können, gemeinsam vollzogen
Maß. 47 Dieser Befund läßt darauf schließen, daß
sich in einer aus Liebe geschlossenen Ehe stabili- werden. Die passionierte Liebe geht in etablierte
sierende Mechanismen entwickeln, die die Pas- Liebe iiber.
sion überdauern und sie in ein geregeltes Leben I Ein solcher Wandel ist kein reines »Naturgesetz
überleiten. der Liebe«, sondern hängt von der Ausdifferen-
Da wir weder Ausmaß noch Formen der Desor- zierung dieses Mediums und damit von den er-
ganisation bestehender Familien empirisch zuver- örterten institutionellen Voraussetzungen ab. Er
lässig überblicken können, bleiben Annahmen 6e~zt nämlich voraus, daß die Gesellschaft den
1
darüber spekulativ. Man darf aber vermuten, Liebenden genügend Systemkomplexität über-
daß ein System von Intimbeziehungen, das sich läßt, durch deren selektive Behandlung sich eine
durch Partnerwahl ung Verständigung in Liebe ,Systemgeschichte ablagert, die sie als eigene emp-
eine eigene, konkrete Welt gebaut hat, dann rück- 'iinden und von der allgemeinen Weltgeschichte
läufig durch diese private Welt gehalten wird und unterscheiden können; und daß genügend Welt-
k!omplexität vorgegebe~ ist, so daß sich dagegen
I
der Passion entraten kann. Unmerklich wandelt
sich Leidenschaft in Geschichte und wird zugleich . eine personalisidrte Narrwelt absetzen kann, aus
durch Geschichte ersetzt. Die impulsive Attrakti- der der eine den anderen anblickt. (Daß es meh-
on, die zur Übernahme von Selektionsleistungen {e,:e Arten von !lautere~e gibt, ist Voraussetzung
des anderen motivierte, wird abgelöst durch das l daDür, daß sie diese, er jene bevorzugt, und beide
Schon-verständigt-sein, durch das selbstverständ- Cremes sich nebeneinal der am gewohnten Platz
liche Mitfungieren des anderen im laufenden r
'im Badezimmer Ifinden ihn an sie und sie an
I I
ss 59

ihn erinnernd.) Eine so konkret personalisierte sam-besondere konstituiert ist.50 Meinungsver-


Nahwelt gewinnt zugleich motivierende Kraft schiedenheiten über die Welt selbst dienen nur
zur Ergänzung und Korrektur, zur Bewahrung als Symptome oder alsl Symbole oder als Waffen
und Anpassung, weil man sich selbst in ihr und für jenen tieferliegenden Konflil<t, der die Liebe
in den Erwartungen des anderen persönlich un- ruiniert. Daraus ist ableitbar, daß in guten Ehen
verwechselbar wiederfindet. Trennung würde Meinungskonflikte, die die Ebene des wechsel-
dann insoweit immer auch Selbständerung und seitigen Erwartens der Erwartungen des anderen
Verlust oder Umdeutung der eigenen Geschichte belasten könnten, entweder unterdrückt oder auf
bedeuten. ' der Ebene des 1E rwartens solcher Erwartungser-
All das schließt Ehekonflikte keineswegs aus, gibt wanungen, alsb tnit fruce von dreistufiger Re-
ihnen aber einen bestimmten Schwerpunkt, der flexivität, umsteuert werden müssen. Daß damit
nicht auf der Ebene des unmittelbaren Dissenses auch ein hochentwickeltes psychisches Leistungs-
über Welt, sondern auf der Ebene des Erwartens vermögen, eine differenzierte soziale Sensibilität
von Erwartungen liegt. 48 Von dieser Ebene aus und ein entsprechend komplexes personales Sy-
kann der faktisch V~)fhandene Konsens erfolg- stem der Erlebhisvera~beitung vorausgesetzt ist,
reich überschätzt, also generalisiert werden.49 ' '
liegt auf der Hand. 5 1 Hier mag einer der Grün-
Relevant wird ein Streit in solchen Fällen nicht de dafür zu finden sein, >>. .. daß die Ehe mehr
in der Frage, was ist, sondernlin der Frage, wel- latente Geistesstörungen zutage fördert als der
che Erwartungen man in bezug auf die Erwar:- Krieg«. 52 Denn die moderne, auf Liebe gegrün-
tungen des anderen hegen kann. Erst auf dieser dete Familie scheint zynehmend weniger in der
Ebene personaler Reflexivität der Bewußtheit der 1 Lag~ zu sein, pkychisc~ defekte Mitglieder zu er-

Bewußtheit des anderen wird ein Konflikt zum tragen, und trä~ daher wesentlich mit dazu bei,
Sprengstoff, weil er hier den Angelpunkt trifft, Grenzfälle in eine psychiatrische Behandlung hin-
von dem aus die Welt des Systems als gemein- e!nzudefinieren.
I
6o 61
151
Diese Überlegungen führen in Zweifel, ob die gabe - versagt, verzögert, gewährt - den anderen
kulturelle Definition als Passion Liebe sachlich m:otiviert. Aber kann ich mich als geliebt sehen,
adäquat beschreibt. Die Funktionalität einer wbnn ich den mich Liebenden sehen muß als je-
solchen Etikettierung steht außer Frage, erfor- Janden, der mich als jemanden s1eht, der ihn in
dert aber nicht, daß das so etikettierte Medium eiper zwangshaften, unbeherrschbaren Passi.on
in seiner Funktionsweise dem Etikett entspricht. bestätigen - oder leiden lassen kann? Kann tch .
Unsere Analysen haben zugleich die Funktions- J dieser Erwartung mich selbst identifiziert fin-
ebene des Kommunikationsmediums Liebe prä- den? Muß ich mich dann nicht als Gaukelbild
ziser erfaßt. Sie lassen deutlicher hervortreten, vJrstehen, das ihn beherrscht, und die Situation
weshalb Liebe auf Gegenliebe angewiesen ist und als Chance für eigene Passionen ergreifen, die ihn
als Lieben des Liebens selbst reflexiv wird. Um in die gleiche Rolle bringen?
sich als Liebenden nicht nur wissen, sondern auch AhlI
das gleiche Bedenken führt die folgende
fühlen zu können, muß man sich mit den Augen Überlegung: Man weiß, wie schwer es einem pas-
des anderen als Liebenden sehen und gerade das sibniert Liebenden fällt, zu erkennen und hinzu-
lieben, als Liebender in Interaktion mit dem, Ge- ·n~hmen, d~ er nicht wiedergeliebt wird. Daran
liebten zu treten. Um dessentwillen konstituiert is~ ablesbar, daß stark projektive Gefühle invol-
man eine personal konkretisierte Welt, die solche v~ert sind.53 Projektion ab;r heißt, daß man den
Interaktion ermöglicht. Die Pa~sion des anderen alderen nach Ichbedürfnissen abbildet - korrek-
mag dieser Interaktion die Wege bahnen, aber ter formuliert: daß man den anderen so definie~t,
suggeriert sie nicht eher, sich statt als Liebenden df.ß sein Ecleben bestätigt, was man selbst zu sem
als jemanden zu erleben, von dem der andere in fnscht.54 Gerade :diese Einstellung ist aber wie
der Erfüllung seiner Passion abhängt? Erwarte Pfädestiniert dazu, das reale Erleben des anderen
ich den anderen als passioniert liebend, so erwar- zb 'Verfehlen, lernunfähig z~ sein und so Mißver-
te und genieße ich mich als Geliebten, dessen Hin- stkndnisse auszulöJen, die !sich nicht im Dissens

über Gegenstände der Welt, sondern in der Fehl- wird der andere als Subjekt und nicht bloß als
leitung des Erwartens von Erwartungen auswir- Substanz geliebt.
ken, also diejenige Ebene der Verständigung tref-
fen, auf der die Ehe integriert wer~en muß.
!Etwas davon ist eingefangen ·und auf ein norma-
les Leistungsniveau gebracht im amerikanischen
So gestellt, liegt das Problem der Liebe nicht mehr Ernüchterungsideal der »companionship«, das
in der Verunreinigung durch sinnliche Passion Iden romantischen Liebeskomplex abzulösen
und auch nicht mehr in der Beteiligung eines Ei- scheint.ss In ihm ist die soziale Verlclarnmerung
geninteresses. Es gipfelt vielmehr in der Frage, ob auf der Basis der Sexualität erhalten in der Form
die Passionierung der Liebe - als institutionelle der Bereitschaft zu gemefusamen Freizeitaktivitä-
Forderung wie als faktisches Erleben- jener Sub- ten. Gerade die Belanglosigkeit und Austausch-
tilität komplementärer Bewußtheit menschlicher barkeit dieser Aktivitäten - für den Abend Party,
Beziehungen gerecht zu werden vermag, die zur !Fernsehen oder sexueller Verkehr - bildet dann
Erhaltung der Liebe unentbehrlich und keines- einen stabilisierenden Faktor, denn sie läßt sich
wegs so »chirnärisch« ist wie der pur amour, son- nur durch Teilnahme des anderen überdecken
dern durchaus geleistet .werden kann. Und gera- und endastet zugleich vo'u Konflikten: Es kommt
nicht darauf an, was, s~ndern nur darauf, daß
1
de hierfür bleibt die Fundierung in der Sexualität
wesentlich. Sexualität zwingt zu unabspaltbarer 1man etwas gemeinsam untemirnmt.
Selbstbeteiligung. Sie verbaut den Rückzug in die
>>reine Liebe«, die den Liebenden von sich selbst
und daher auch von dem Selbst, das der ande- I v.
re sieht und begehrt, und daher auch von dem
Selbst, von dem der andere sich gesehen und be- . b'e. tst
Lte I.
· eme unwahrsehet·n1·tc he
gehrt fühlt, distanziert. Nur in dieser mehrfachen Institution. So nahe es für den einzelnen liegen
Reflexivität des bewußten Lebens und Fühlens mag, sich leidenschaftlidh zu verlieben, so vor-
' I I I
65
152 I I I
aussetzungsvoll und problematisch ist die Insti- lwartungen und Reduktionsnotwendigkeiten in-
tutionalisierung der Liebe als Passion. Eheschlie- nerhalb der Gesellschaftsind die Folge.56 Liebe ist
ßung und Familienleben auf dieser Grundlage nicht nur qua Ide~l, sondrrn auch qua Institution
bilden nicht nur ein persönliches, sondern auch eine Überforderung der Gesellschaft. Diese Lage
ein gesellschaftliches Risiko. Zum Verständnis .erfordert einerseits ein gutes Maß an nichtmitin-
dieser Institution gehört es daher zu sehen, un- 'lstitutionalisiertem common sense auf seiten der
ter welchen Umständen, wie und durch Lösung Liebenden, zum anderen Taleranzen für sie in an-
welcher Folgeprobleme dies Risiko tragbar und deren gesellschaftlichen ~phären, vor allem einen
eine evolutionär unwahrscheinliche Institution wirksamen politischen Schutz der Intimsphäre.57
damit wahrscheinlich wird. Dafür haben uns Außerdem müssen deutliche Systemtrennungen
die Schwierigkeiten der Systembildung und Sy- den Handelndeo signalisieren, in welchem Rele-
stemerhaltung nach Maßgabe von Liebe bereits vanzschema sie jeweils agieren und welches den
ein Beispiel gegeben. Weitere Aspekte erschließen Vortritt genießt: Die Frau des Ministerialrats darf
sich, wenn man auf die Probleme der Integration nicht auf den Gedanken!kommen, aus Liebe zu
dieser riskierten Institution und der auf ihr beru- ihrem Mann bei !Seinem Staatssekretär auf eine
henden Sozialsysteme achtet. Beförderung zu drängen; die Verlobte des Studen-
Ausdifferenzierung und funktionale Spezifika- ' ten darf es nicht als Vernachlässigung empfinden,
tion bringen unvermeidlich ein hohes Maß an wenn seine Passion ausse~zt, während er sich aufs
Nichtintegriertheit der Liebe mit sich. Das zeigt Examen vorbereitet. Neben solchen Vorrangrege-
sich am unmittelbarsten daran, daß unter de~ fungen di,eot vor illern di~ Definition der Liebe als
spezifischen Gesichtspunkt passionierter Liebe privat, als intim, :wenn nicht geheim - und auch
1
Möglichkeiten entworfen werden, die sich ge- l1 dieser Aspekt wi d pla u ibel durch ihren Bezug
samtgesellschaftlich nicht realisieren lassen. Ein zur Sexualität - dazu, ihle Maßlosigkeit auf das
überdimensionierter Zuschnitt legitimierter Er- gesellschaftlich Möglich~ zurückzuschneiden.

66 67
I
I

Man darf annehmen, daß die Überforderung sich IArbeit, Verkehr und Organisation reflektiert diese
auch auf die psychischen Systeme und die Orga- ILage.58 Für Gefühlsbedürfnisse werden Chancen
nismen derjenigen bezieht, denen passionierte Lie- 1zu konzentrierter Befriedigung bereitgehalten, die
be zugemutet wird: Nicht jeder hat die Fähigkeit, andere Systeme von entsprechenden Funktionen
hat Lust, Zeit und Gelegenheit dazu, und kaum , entlasten und ihnen die Rekrutieruog abgesättig-
jemand hält es durch. In dieser Hinsicht muß es ter, ausgeglichener und leistungsfähiger Persön-
soziale Mechanismen geben, die eine mehr oder llichkeiien ermöglichen sollen. Die Grenzen der
weniger große Diskrepanz von Darstellung und Gesellschaft und der für sie möglichen Welt ver-
Realität zu tragen vermögen. Auch hier erfüllen fließen ins Unbestimmte und bleiben emotional
I
die Gardinen der Privatheit ihre Funktion: Sie er- I unbesetzt, und innerhalb der Gesellschaft bilden
lauben zunächst zu verbergen, daß man sich liebt- sich jene Kleinsysteme und Sonderwelten, mit de-
und später, daß man sich nicht liebt. Im übrigen nen der einzelne sich identifizieren kann.
darf man annehmen, daß in weitem Umfange mit Das heißt nicht nur, daß die Gesellschaft in weiten
Hilfe verbreiteter Klischees Oberflächenverstän- I Bereichen nun unpersönliche Motivationsmittel
digungen über Liebe zustande k~mme~ zwischen braucht. Ebenso bedeutsam ist ein zweiter, kom-
Partnern, die bereit sind, sich zu heiraten. plementärer Gesichtspunkt: daß der einzige Ort,
Andere Folgeprobleme der funktionalen Differen- 1
an dem der einzelne konkret in alt seinen Rollen
zierung entstehen daraus, daß Liebe für Intimbe- zu überblicken ist, der optimale Standort sozialer
ziehungen reserviert, in ihnen verstärkt erwar~et Kontrollen, nun in einer 1engen, ausschnitthaften,
wird - und dann anderswo fehlt. Das verbreitete besonders konstituierten und nicht allgemein ak-
Klagen über die Kühle und Distanziertheit der zeptierten Welt liegt und daher als Ansatzpunkt
modernen Gesellschaft- durch Tönnies in diesen gesellschaftlicher Kontrollen ausfällt. Man kann
Begriff selbst hineininterpretiert-, über Entfrem- auch formulieren: Die Gesellschaft muß die effek-
dung und Mangel an emotionaler Erfülltheit von tivsten und vor allem dielgerechtesten Formen so-

68 6~ I

153
zialer Kontrolle an Teilsysteme delegieren, die ih- rung und symbolische Überzogenheit des Medi-
re eigene, unterschiedliche Moral entwickeln und ums macht die Beweisfrage akut. Aber der Beweis
ihre Grenzen nicht mit denen der Gesellschaft ' wird durch die ambivalente Normierung der Lie-
1
identifizieren. Zumindest die Gattenliebe - im be erschwert. Was solleA die Liebenden einander
Unterschied zur Liebe zwischen Eltern und Kin- beweisen: Impulsivität oder Dauer? Zufälligkeit
dern- entfällt als Vehikel der Übermittlung sozia- 1 oder Vorbestimmheit? Hemmungsloses Ausgelie-
ler Werte und Kontrollen. Das Argument: wenn fertsein an die eigene Passion oder Glauben an die
Du mich lieben willst, mußt Du viel verdienen, Idealität des Partners? Notwendigkeit der Wahl
regelmäßig zur Kirche gehen und zur politischen oder Freiheit der Wahl ·m Vergleich zu anderen
Wahl, ist uns moralisch suspekt wie jede Konditio- Möglichkeiten?
nierung der Liebe auf Interaktionsbedingungen;59 Eine positive Funktion dieser Beweisschwierig-
und selbst bei strafbaren Handlungen erwarten 1 keiten liegt darin, daß sie den Entschluß zur Ehe
wir, daß die Liebe nicht deswegen aufgekündigt motivieren. Der Geschlechtsakt selbst ist durch
wird. )
kulturelle Trivialisierung als Beweismittel weitge-
An einem weiteren Problem läßt sich vorführen, hend entwertet, lda ein f nteresse daran ohnehin
wie Folgeprobleme einer Institution auf den ein- untersreUt wird. Man kann arn Morgen danach
zelnen überwälzt und ihm als Ängste und Ver- schon wieder zweifeln, ob das Liebe war. Denn
haltenslasten in tragbarer Gewichtung zugemutet hochentwickelte 1körperliche Sensibilität, die aus
werden. Die Idee der passionierten Liebe stilisiert dem Moment die Gewißheit der Dauer zumindest
sie als unwahrscheinlichen Glücksfall, als riskan- des eigenen Gefühls gewpmen könnte, kann nicht
tes Schicksal. Wie soll man je Gewißheit haben, al~ v~rbreitet vo~ausges;tzt werden. So bleibt die
daß dieses in seiner Art einzige Glück eingetreten Bereitschaft zur Ehe als typischer Beweis, die Ab-
ist: daß man liebt und geliebt wird in einer Weise, lehnung der Ehe ist fast fchon Gegenbeweis, und
die nie anders werden kann? 60 Die Generalisie- nur di,e, die eine Ehe nicht eingehen können (zum

1 r
Beispiel, weil sie schon verheiratet sind), haben bleme65 und kaum wirtschaftliche oder berufliche
Anlaß, ihre Phantasie zu quälen. Benachteiligungen.
Abgesehen davon erleichtert körperliche Schön- Wesentlich schwieriger sind die Probleme des
heit und Attraktivität die Beweisführung - vor Lernens der Liebe zu lösen. In den Anfängen der
allem auch, was nicht unwichtig ist, Dritten ge- neuzeitlichen Pädagogik wurde darin eine we-
genüber. Schönheit gehört als wesentlicher Be- sentliche Aufgabe gesehen. Inzwischen hat die
standteil in das Vorstellungssyndrom Liebe61 und Fundieri.mg der Liebe in sexuellen Beziehungen
scheint auch ein fast unentbehrliches künstleri- und der damit gegebene Absonderungszwang der
sches und literarisches Requisit zu sein.62 Viel- Liebenden eine institutionelle Lösung innerhalb
leicht liegt einer der Gründe dafür hier: Wer sich wie außerhalb der Familie nahezu unmöglich ge-
schön weiß, dem fällt es leichter, sich geliebt zu macht.66 Die Lernmöglichkeiten, die die Gesell-
glauben, und wer einen schönen Menschen liebt, ~chaft offeriert, sind heute zwar leicht zugänglich,
kann andere und sogar sich selbst leichter von betreffen aber immer nur Teilaspekte, die das
seiner Liebe überzeugen. Wesentliche auslassen. In den »serninars of the
Belastet mit dieser Motivations-, Überzeugungs- ftreet« (:Aubert), den Latrinenwänden, Zeitungs-
und Beweisproblematik bedeutet Heirat nach ständen, Filmen und im Gerede der Gleichaltri-
Liebe für den einzelnen die Chance und Gefahr, gen lernt man nicht viel mehr, als die Universalität
unverheiratet zu bleiben. Das muß in einer Gesell- res Interesses an Sexualität vorauszusetzen -
schaft, die Liebe als Ehegrundlage institutionali- Fas vor allem dem hilft, der Mut braucht. Den
siert, ohne weittragende gesellschaftliche Proble- besorgten. Eltern verdankt man ein Bewußtsein
me möglich sein, muß gleichsam zum tragbaren ~er Risiken und allenfalls noch der hygienischen
Privatschicksal werden. 63 Gewisse Behinderungen Notwendigkeiten. Die angestellten Pädagogen
im Zugang zu sozialen Kontakten scheinen zu be- lehren, seltsam unpädagogisch, den Vorgang als
stehen.64 Andererseits gibt es keine religiösen Pro- t bjektivierte Phy~iologie 1- und nicht als Ernp-

154
I 73
I
findung. Die unmittelbare Ausbildung eigener die Ausbildung verfeinerter körperlicher und so-
Erfahrungen im direkten Privatunterricht findet zialer Sensibilität, für alles, was nicht in der Na-
keine gesellschaftliche Billigung und bietet im turausstattung mitgegeben ist, sondern gelernt
übrigen wenig Gewähr dafür, daß sie den zu stel- werden muß, und damit auch jede Vorsorge da-
lenden Anforderungen genügt. Verführung und für, daß der einzelne lernen kann, seine Erfahrun-
Prostitution sind die Rollenkontexte, die dafür gen mit sich und mit Partnern zu individualisie-
bereitstehen. So bleibt es dem Zufall überlassen, ren. Die moderne »Vergesellschaftung sexueller
ob erste geschlechtliche Erfahrungen lernfähige Beziehungen«, von der Klaus Dörner68 spricht,
Empfindungsweisen prägen oder ob sie als hygie- bietet wenig Ansatzpunkte für die Entwicklung
nischer Schematismus objektiviert und irgendwo zu einer tradierfähigen Kultur. Immerhin ermög-
zwischen Zähneputzen und Sichkratzen unterge- licht sie anstelle gezielten Lernens ein gewisses
bracht werden. voreheliches Testen sexueller Kompatibilität. Die
Nicht besser steht es mit dem Lernen der darüber- kulturellen Normen, die dazu zwangen, unter
gebauten sozialen Erwartungsstruktur zwischen dem Druck gefühlsmäßig hochgespannter Erwar-
Liebenden. Wir haben gewisse Anhaltspunkte tungen Anschein für Eignung zu nehmen, sind im
dafür, daß eine Mehrzahl von Liebesaffären die Abflauen begriffen.69
Liebesfähigkeit des normalen einzelnen nicht Mit diesen Analysen sind einige Dysfunktionen
bricht oder abstumpft, sondern eher steigert aufgezeigt, die als strukturell bedingte Probleme
und zur Entwicklung emphatischer Fähigkeiten unsere Gesellschaft belasten, damit aber noch
führt. 67 Aber auch für solche Liebeskarrieren gibt nicht ohne weiteres überlebenswichtigen, nicht-
es keine institutionalisierten Bahnen, sondern im kompensierbaren Rang besitzen. Die Institutio-
Gegenteil moralische Mißbilligung, die sich mit nalisierung des Kommunikationsmediums Liebe
der Idee der Liebe befeuert. in besonderen Prozessen und Teilsystemen der
Es fehlt nach alldem ausreichende Vorsorge für Gesellschaft hängt nicht unmittelbar von dem

74 75

Anmerkungen
Anspruchsniveau ab, auf dem die Folge~roble­
me dieser Ausdifferenzierung und funktionalen
Spezifikation gelöst werden. Gerade hier gil~, J Siehe Niklas Luhmann, Soziologie als Theorie sozialer
S~steme. Kölner Zeitschrih fiii Soziologie und Soz~alpsy~ho­
daß funktionale Differenzierung die Möglichkelt !Ögie 19 (1967), S. 61'5 -644; wieder abgedruckt m: Ntkl~s
der Projektion von Möglichkeiten eröffnet,_ die L\mmann, Soziologische Aufklärung J. Aufsätze zur Theone
niemals ausgeschöpft werden können. Isoherte sbzialer Systeme, 6. Aufl., Opladen 1991, S. II3-136.
I .
Betrachtungen einzelner Institutionen, Medien, :z.l Siehe die Unterscheidung von • semantic problem• und
Teilsysteme verführen in unserer funktional dif- .bffectiveness problem« bei Claude E. Shannon/Warren Wea-
ferenzierten Gesellschaft zu übertriebenen For- ver, The Mathematical Theory of Communication, Urbanallll.
xb 49, S. 9 5 f. und als Versuch einer Verbindung beider _Ru~sell
derungen, zur Moralisierung von Teilfunktionen J. Ackoff, Towards a Behavioral Theory of Commun•caoon,
oder zum Leiden an der Krise. Davor kann nur ~anagement Science 4 (1958), S. :z.r8-:z.34.
eine Theorie der Gesellschaft bewahren, die in ih-
31 Diese Offenheit funktionaler Definitionen in bezugauf e~­
rer Begrifflichkelt den Überblick über das Ganze füllende Leistungen hat den Vorzug, sehr heterogene ErscheJ-
sucht. IlJ.Ingen vergleichbar zu machen, und den Nachteil, daß der
~griff selbst keine Deduktion una keine VoUständigkeitskon-
olle der erfüllenden Leistungen( rmöglicht.
Dortmund, im März 1969

l
Vgl. näher Nildas Luhmann, Selbststeuerung der Wissen-
haft, Jahrbuch ~r .So~lalwisse~schaft ~9 (1968),. S: ~47-170.

Eine Korrelaoon dteser Van~ble nut Attrakttvttat stellen


Pr ul F. Secord/Carl W. Backman, Interpersonal Congruency,
p rceived Similaricy, and Friendship, Sociometry 27 (1964),
~ ns-12.4, fest. I . .
1
6 J Hierzu vgl. Peter J.Berger/Hansfned Kellner, Dte Ehe
d die Konstruktion der Wirklithkeit. Eine Abhandlung zur
I ' I 77
I
155 I I