Sie sind auf Seite 1von 1416

Werner Skolaut Hrsg.

Maschinenbau
Ein Lehrbuch
für das ganze Bachelor-Studium
2. Auflage
Maschinenbau
TUNAP INDUSTRY

SPEZIALSCHMIERSTOFFE FÜR IHRE


INDUSTRIE UND ANWENDUNG

BERATUNG, ENTWICKLUNG UND PRODUKTION AUS EINER HAND

TUNAP steht seit mehr als 40 Jahre für Leidenschaft und Kompetenz im Bereich
chemischer Produkte. Als Spezialist für chemisch-technische Anwendungen liegen
unsere Stärken insbesondere im Bereich der Schmierfette, -öle und -pasten sowie
Reiniger.
 
Mit unserem ganzheitlichen Angebot, von der betriebswirtschaftlichen Beratung
über die Chemical Compliance, bis hin zur technischen Produktschulung, liefert
TUNAP die komplette tribologische Lösung.

Unsere hochqualifizierten Chemiker und technischen Berater haben TUNAP als In-
novations- und Technologieführer weltweit bekannt gemacht. Heute bieten wir
über 800 attraktive Arbeitsplätze in 19 Ländern. Für unser kontinuierliches Wachs-
tum sind wir ständig auf der Suche nach Verstärkungen für unser Team. Werden
sie ein Teil der TUNAP Familie. TUNAP GmbH & Co. KG
Bürgermeister-Seidl-Straße 2
Wir freuen uns auf Sie! D-82515 Wolfratshausen

vertrieb-produktion@tunap.com
TUNAP Chemie, die bewegt. www.tunap.com
Werner Skolaut
(Hrsg.)

Maschinenbau
Ein Lehrbuch für das ganze
Bachelor-Studium

2., aktualisierte und überarbeitete Auflage


Herausgeber
Werner Skolaut
Heidelberg, Deutschland

Bonusmaterial und Aufgaben mit ausführlichen Lösungen finden Sie unter


http://www.springer.com/springer+vieweg/maschinenbau/book/978-3-662-55881-2

ISBN 978-3-662-55881-2 ISBN 978-3-662-55882-9 (eBook)


https://doi.org/10.1007/978-3-662-55882-9

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte biblio-
grafische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Springer Vieweg
© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2014, 2018
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom
Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfäl-
tigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen
Systemen.
Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne
besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-
Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften.
Der Verlag, die Autoren und die Herausgeber gehen davon aus, dass die Angaben und Informationen in diesem Werk
zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vollständig und korrekt sind. Weder der Verlag noch die Autoren oder die Heraus-
geber übernehmen, ausdrücklich oder implizit, Gewähr für den Inhalt des Werkes, etwaige Fehler oder Äußerungen.
Der Verlag bleibt im Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und
Institutionsadressen neutral.

Redaktion: Bernhard Gerl


Einbandabbildung: © JustContributor – Fotolia.com
Zeichnungen: Günther Hippmann, Wolfgang Zettlmeier, Valentina Ansel
Einbandentwurf: eStudio Calamar
Fotos: siehe Abbildungsnachweis

Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier

Springer Vieweg ist ein Imprint der eingetragenen Gesellschaft Springer-Verlag GmbH, DE und ist ein Teil von Springer
Nature.
Die Anschrift der Gesellschaft ist: Heidelberger Platz 3, 14197 Berlin, Germany
Geleitwort

Der Maschinenbau – mit allen seine Branchen und Technologien – ist für die Bundesrepublik
Deutschland Wirtschaftsmotor Nummer eins. Der Erfolg der Firmen, ob Klein-, Mittel- oder
Großunternehmen, wird Jahr für Jahr an den Exportzahlen und dem Exportüberschuss, den
Deutschland dadurch erwirtschaftet, jedem deutlich.
Die Position im internationalen Wettbewerb, die besonders durch die Leistungen des In-
genieurfachpersonals in den Unternehmen erreicht wurde, muss für die Zukunft gesichert
werden. Dieses Ziel lässt sich am besten und vorausschauend realisieren, besonders auch
mit einem hohen Wirkungsgrad und überschaubaren Investitionsleistungen, wenn die Inge-
nieursausbildung weiterhin auf höchstem Niveau erfolgt.
Die Umstellung an den Hochschulen auf Bachelor- und Masterabschluss hat der Qualität
der Ausbildung aufgrund des Verantwortungsbewusstseins der Lehrenden gegenüber den
Studierenden und deren beruflicher Zukunft bisher keinen messbaren Schaden zugefügt.
Dieser Umstand ist auch dem Angebot an begleitendem Lehrmaterial geschuldet.
Normen, VDI-Richtlinien und die studienbegleitenden Lehrbücher werden für die Studie-
renden inhaltlich abgestimmt und kontinuierlich mit neuestem Fachwissen erweitert, so
dass die Absolventinnen und Absolventen der technischen Ausbildungsberufe, Ingenieur-
akademien und Hochschulen sich den neuesten Technologiestand in Kombination mit den
jeweiligen Lehreinheiten aneignen können.
Das vorliegende Springer Lehrbuch Maschinenbau bietet den Studierenden eine hervorra-
gende Möglichkeit, sich Wissen eigenständig zu erarbeiten, erlerntes Wissen zu vertie-
fen bzw. studienbegleitend in Übungen und Seminaren anzuwenden. Darüber hinaus ist
der erläuternde Text in Verbindung mit den vielfältigen, sehr eindrucksvoll dargestellten
Konstruktions- und Berechnungsbeispielen für eine Auffrischung der Thematiken des Ma-
schinenbaus sehr hilfreich. In Kombination, z. B. mit dem DUBBEL – Taschenbuch für den
Maschinenbau oder der grundlagenorientierten HÜTTE – beide ebenfalls aus dem Springer
Verlag – wird den Lesern der umfassende, gefestigte und wissenschaftlich nachgewiesene
Technologiestand geboten.
Von den Autoren des Springer-Lehrbuchs Maschinenbau ist unter der Leitung des Heraus-
gebers eine eindrucksvolle Studienliteratur in der nun vorliegenden 2. aktualisierten und
überarbeiteten Auflage erarbeitet worden, die sich in die oben genannte Zielsetzung des
deutschen Maschinenbaus, die Technologieführerschaft für Deutschland zu sichern, nahtlos
und überzeugend einbringt.

Magdeburg, 12. September 2017

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Karl-Heinrich Grote


Mitherausgeber des DUBBEL – Taschenbuch für den Maschinenbau

V
Vorwort zur zweiten Auflage

In der vorliegenden aktuellen 2. Auflage des Lehrbuches wurden alle Kapitel von den
Autoren überarbeitet, aktualisiert und, da wo notwendig, erweitert. Ermuntert durch die
zahlreichen positiven Reaktionen der Rezensenten wurde das didaktische Konzept mit Leit-
beispiel, Vertiefungen, gerechneten Aufgaben, Anwendungsbeispielen und Übersichten in
Kästen vom Text abgegrenzt und mit verschiedenen Farben verdeutlicht, festgehalten. Die
Stilelemente mit den Farben blau für Beispiele, violett für vertiefende Darstellungen und
gelb für Übersichten sowie die gelb unterlegten Merksätze sind geblieben. Verständnisfragen
im Text sind weiterhin zur Selbstkontrolle des Gelernten vorhanden. Erweitert wurden die
Querverweise zwischen den Kapiteln, speziell was die Abhängigkeit zwischen Materialei-
genschaften, Konstruktion und Fertigung betrifft. Besonders wurden die genannten Normen
sowie alle weiteren Quellen auf Aktualität geprüft und auf den neuesten Stand gebracht;
speziell der geometrischen Produktspezifikationen, die als besonders wichtig für die globa-
le Ausrichtung des Maschinenbaus gelten. Zukunftsweisend wurde die additive Fertigung
aufgenommen und der Teil zur Industrie 4.0 detaillierter dargestellt. Ebenso widmet sich ei-
ne Übersicht den Speichern elektrischer Energie im Teil Elektrotechnik. Dankenswerterweise
sind die gleichen 20 Autoren aus Universitäten und Fachhochschulen wieder beteiligt, deren
ergänzte Kurzbiografien am Ende des Buches zu finden sind. Dort befinden sich auch die
Danksagungen der Autoren.
Als Herausgeber möchte ich mich an dieser Stelle bei den Autoren für die erneute Mitwir-
kung und hervorragende Zusammenarbeit sowie die Termintreue bedanken. Weiterhin gilt
mein Dank le-tex publishing services GmbH, insbesondere Frau Steffi Siebert-Hohensee und
Herrn Julian Meyer. Mein besonderer Dank gilt auch Herrn Günther Hippmann von der
Hippmann GbR, für die fachkundige und zuverlässige Gestaltung der Abbildungen. Er hat
als Grafiker einen besonderen Anteil am Aussehen des Buches. Bedanken möchte ich mich
zusammen mit den Autoren bei allen Beteiligten des Springer-Verlages und besonders bei
Frau Hestermann-Beyerle und Frau Kollmar-Thoni von Springer Vieweg. Ganz besonderer
Dank gilt auch meiner Frau, die die Zeit bis zum Erscheinen der zweiten Auflage wieder
ermunternd begleitet hat.

Heidelberg im April 2018

Werner Skolaut

VII
Vorwort zur ersten Auflage

Seit der Umsetzung des Bologna-Prozesses als europäische Hochschulreform hat sich das
klassische Maschinenbaustudium durch Einführung spezieller Profile in eine große Anzahl
eigenständiger Studiengänge aufgefächert. Daher findet man heute eine Vielfalt an Unter-
gliederungen in der Organisation der Maschinenbau-Fakultäten. Aus der Perspektive der
Studierenden stehen andere Probleme im Vordergrund. Zunächst ist die Interdisziplinari-
tät des Maschinenbaus zu nennen. Es gilt, viele Wissensgebiete parallel zu erschließen, wie
zum Beispiel Technische Mechanik, Werkstoffkunde oder Thermodynamik, die wiederum
mit dem Grundlagenwissen aus Mathematik, Physik und Chemie verknüpft sind. Zu diesen
Wissensgebieten lassen sich hervorragende einzelne Lehrbücher finden – meist verfasst von
mehreren Autoren aus dem jeweiligen Fachgebiet und versehen mit Aufgaben zur Verdeut-
lichung des Stoffes und dessen Anwendung. Ein umfassendes Lehrbuch, das einführend die
gesamten Grundlagen des Maschinenbaus enthält, fehlte bisher.
Das vorliegende Lehrbuch des Maschinenbaus schließt diese Lücke. Alle Kapitel wurden
von Autoren verfasst, die als Professoren Lehrerfahrung in ihren jeweiligen Fachgebieten
besitzen. Versehen mit vielen Beispielen, ausführlichen Berechnungen und in die Tie-
fe gehenden Darstellungen wichtiger Hintergründe werden alle Fachgebiete ausführlich
behandelt. Ein Thema zieht sich durch das gesamte Buch: der Antriebsstrang. Als ein kom-
plexes System zur Übertragung von Energie zur Fortbewegung, bestehend aus zahlreichen
Elementen mit unterschiedlichen Funktionen, werden daran Funktionsweisen und Prinzipi-
en, Fertigungsverfahren sowie Materialeigenschaften demonstriert. Wie und welche dieser
Elemente in den einzelnen Kapiteln genutzt werden, ist im ersten Kapitel beschrieben.
Symbolisiert wird dieses Anwendungsbeispiel durch einen Kasten mit einem stilisierten An-
triebsstrang auf grünem Hintergrund. Andere Stilelemente haben ebenfalls eigene Farben:
blau sind Beispiele, violett vertiefende Darstellungen und gelb Zusammenfassungen.
Insgesamt sind 20 Autoren aus Universitäten und Fachhochschulen beteiligt, deren Kurz-
biografien am Ende des Buches zu finden sind. Dort finden sich auch die Danksagungen der
Autoren.
Als Herausgeber möchte ich mich an dieser Stelle bei den Autoren für die hervorragende
Zusammenarbeit, geprägt von vielen Diskussionen und auch Kompromissen bezüglich des
Inhalts und einer möglichst widerspruchsfreien Nomenklatur, bedanken. Weiterhin gilt mein
Dank le-tex publishing services GmbH, insbesondere Frau Dana Minnemann und Frau An-
ne Strohbach zusammen mit den Grafikern Herrn Wolfgang Zettlmeier, Frau Valentina Ansel
und Herrn Günther Hippmann, die dem Buch das Aussehen gegeben haben. Ganz beson-
ders bedanken möchte ich mich aber zusammen mit den Autoren bei allen Beteiligten des
Springer-Verlages für die Unterstützung und besonders für die kreative und umsichtige Pro-
jektleitung durch Frau Hestermann-Beyerle von Springer Vieweg. Ganz besonderer Dank
gilt auch meiner Frau, die die letzte, doch sehr arbeitsintensive Zeit der Endkorrekturen
ebenso ermunternd begleitet hat wie die Zeit der Vorbereitung.

Heidelberg, Oktober 2014

Werner Skolaut

IX
Inhaltsverzeichnis

1 Maschinenbau – seine Vielfalt und die Motivation für dieses Lehrbuch . . . . 1


1.1 Berufsfeld Maschinenbau-Ingenieur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2
1.2 Der Produktentstehungsprozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
1.3 Bachelor-Studium Maschinenbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
1.4 Maschinenbaustudium an Fachhochschule und Universität . . . . . . . 6
1.5 Aufbau dieses Lehrbuches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
1.6 Didaktische Elemente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
1.7 Leitbeispiel Antriebsstrang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15

Teil I Technische Mechanik

2 Grundbegriffe und Kraftgruppen – der Einstieg in die Technische Mechanik 19


2.1 Grundbegriffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
2.2 Ebenes Kräftegleichgewicht am Punkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
2.3 Statisches Gleichgewicht am ebenen starren Körper . . . . . . . . . . . . 26
2.4 Räumliche Kraftsysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
2.5 Reibung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
2.6 Schwerpunkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51

3 Schnittgrößen – die inneren Kräfte und Momente in Trägern . . . . . . . . . . 59


3.1 Schnittgrößen in ebenen geraden Balken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
3.2 Rahmen und Bögen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
3.3 Räumliche Probleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
3.4 Fachwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
3.5 Seilstatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
XI
XII Inhaltsverzeichnis

4 Spannungen, Verzerrungen und Materialgesetz –


wenn Werkstoffe versagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
4.1 Spannungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
4.2 Verzerrungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91
4.3 Das Materialgesetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100

5 Beanspruchungsarten – wie man Spannungen


und Verformungen berechnet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
5.1 Zentrischer Zug oder Druck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
5.2 Biegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
5.3 Schub durch Querkraft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
5.4 Torsion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
5.5 Statisch überbestimmte Systeme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
5.6 Dünnwandige Behälter unter Innendruck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
5.7 Überlagerte Beanspruchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141

6 Energiemethoden und Knicken – Verformungen und Kräfte berechnen . . . 149


6.1 Arbeit und Potenzial . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150
6.2 Der Arbeitssatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152
6.3 Formänderungsarbeit und -energie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153
6.4 Sätze von Castigliano und Menabrea . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
6.5 Euler’sches Knicken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163

7 Kinematik des Massenpunktes – Grundbegriffe der Bewegung . . . . . . . . 165


7.1 Bewegungen beziehen sich immer auf ein Bezugssystem . . . . . . . . 166
7.2 Bahn, Geschwindigkeit und Beschleunigung . . . . . . . . . . . . . . . . . 166
7.3 Geradlinige Bewegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167
7.4 Räumliche Bewegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
7.5 Bewegungen auf vorgegebener Bahn. Beschreibung einer Bewegung
in natürlichen Koordinaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176
7.6 Relativkinematik des Massenpunktes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182
Inhaltsverzeichnis XIII

8 Kinetik des Massenpunktes – wie beeinflussen Kräfte und Momente


die Bewegung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
8.1 Impuls und Impulssatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186
8.2 Drall und Drallsatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189
8.3 Relativkinetik des Massenpunktes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192
8.4 Arbeit, Leistung und Energie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192
8.5 Massenpunktsysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200

9 Kinematik des starren Körpers – wie Gegenstände sich bewegen . . . . . . . 201


9.1 Lage und Orientierung eines starren Körpers . . . . . . . . . . . . . . . . 202
9.2 Kinematik der Drehung bei ebener Bewegung . . . . . . . . . . . . . . . 203
9.3 Kinematik von Körperpunkten bei ebener Bewegung . . . . . . . . . . 205
9.4 Kinematik der räumlichen Bewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212
9.5 Bewegung relativ zu einem starren Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220

10 Kinetik des starren Körpers – Dinge kraftvoll bewegen . . . . . . . . . . . . . . 223


10.1 Kinetik für eine Drehung um eine feste Achse . . . . . . . . . . . . . . . . 224
10.2 Massenträgheitsmomente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 226
10.3 Kinetik für eine allgemeine ebene Bewegung . . . . . . . . . . . . . . . . 229
10.4 Kinetik der allgemeinen Bewegung eines starren Körpers . . . . . . . . 239
10.5 Stoßprobleme und Systeme veränderlicher Masse . . . . . . . . . . . . . 242
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 250

11 Analytische Mechanik – über effiziente Algorithmen


Bewegungsgleichungen herleiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255
11.1 Generalisierte Koordinaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256
11.2 Zwangsbedingungen und Zwangskäfte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256
11.3 Virtuelle Verschiebungen, virtuelle Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259
11.4 Prinzip von d’Alembert in Lagrange’scher Fassung . . . . . . . . . . . . . 260
11.5 Lagrange’sche Gleichungen 2. Art . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271
XIV Inhaltsverzeichnis

12 Einfache Schwingungen – periodische Vorgänge verstehen, berechnen


und beeinflussen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275
12.1 Beschreibung von Schwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276
12.2 Klassifikation von Schwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277
12.3 Freie Schwingungen linearer Systeme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277
12.4 Erzwungene Schwingungen linearer Systeme . . . . . . . . . . . . . . . . 286
12.5 Schwingungen nichtlinearer Systeme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 306
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 310
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 312

13 Schwingungen mit mehreren Freiheitsgraden – diskrete und kontinuierliche


Schwingungsmoden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 315
13.1 Mehrläufige Schwingungen mit konzentrierten Parametern . . . . . . 316
13.2 Kontinuumsschwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 327
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 338
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 339

Teil II Werkstoffkunde

14 Die Welt der Werkstoffe – der Grundbaukasten des Maschinenbaus . . . . . 345


14.1 Werkstoffe für die Produkt- und Bauteilentwicklung . . . . . . . . . . . 346
14.2 Werkstoffanforderungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 346
14.3 Werkstoffhauptgruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 350
14.4 Werkstoffe im Vergleich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 362
Weiterführende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 366
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 366
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367

15 Werkstoffe – Leistungspotenziale erkennen und nutzen . . . . . . . . . . . . . 369


15.1 Werkstoffe und ihr Innovationspotenzial . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 370
15.2 Werkstoffangebot . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373
15.3 Werkstoffanforderungen und Kenngrößen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 379
15.4 Dichte und thermische Ausdehnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 382
15.5 Elastische Verformung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 389
15.6 Festigkeit unter quasi-statischer Belastung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 403
15.7 Härteprüfung zur Werkstoffidentifizierung . . . . . . . . . . . . . . . . . 420
15.8 Plastische Verformbarkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 430
15.9 Bruchvorgänge in Werkstoffen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 439
15.10 Festigkeit spröder Werkstoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 447
15.11 Werkstoffschäden durch Schwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 454
Inhaltsverzeichnis XV

15.12 Festigkeit bei höheren Temperaturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 466


15.13 Abnutzung der Werkstoffe – Verschleiß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 486
15.14 Werkstoffschädigung durch Korrosion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 495
15.15 Mehrfachbelastung der Werkstoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 508
Weiterführende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 509
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 512
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 516

16 Legierungstechnologie – Metalle an Anforderungen anpassen . . . . . . . . . 527


16.1 Die Erstarrung wichtiger Legierungssysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . 528
16.2 Aluminium-Legierungen mit Eutektikum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 533
16.3 Das Eisen-Kohlenstoff-Zustandsdiagramm für Stähle und Gusseisen . 536
16.4 Mischkristalle und Legierungselemente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 540
16.5 Gefüge und Wärmebehandlungen der Stähle . . . . . . . . . . . . . . . . 543
16.6 Ungleichgewichtsumwandlungen allotroper Metalle . . . . . . . . . . . 545
16.7 Die Vielfalt der Stähle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 551
Weiterführende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 558
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 558

Teil III Thermodynamik

17 Grundlagen der Thermodynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 563


17.1 Geschichte und Anwendungsbereiche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 564
17.2 Wie man Systeme beschreibt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 565
17.3 Temperatur und Gleichgewichtspostulate . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 569
17.4 Energiearten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 570
17.5 Die allgemeine Form von Bilanzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 574
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 576
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 577

18 Die Hauptsätze der Thermodynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 579


18.1 Der nullte Hauptsatz der Thermodynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . 580
18.2 Der erste Hauptsatz der Thermodynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 581
18.3 Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . 588
18.4 Der dritte Hauptsatz der Thermodynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 593
18.5 Das chemische Potenzial . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 595
18.6 Folgerungen aus den Hauptsätzen und Bilanzen . . . . . . . . . . . . . . 596
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 607
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 608
XVI Inhaltsverzeichnis

19 Stoffe und deren thermodynamische Beschreibung – Materialgesetze . . . 611


19.1 Das Verhalten realer Stoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 612
19.2 Zustandsgleichungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 617
19.3 Das ideale Gas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 619
19.4 Das reale Gas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 620
19.5 Der reale Stoff im Nassdampfgebiet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 623
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 624
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 625

20 Anwendungen der Hauptsätze der Thermodynamik . . . . . . . . . . . . . . . . 627


20.1 Der Carnot-Prozess als idealer Kreisprozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . 628
20.2 Ideale Gase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 631
20.3 Reale Gase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 639
20.4 Der reale Stoff im Nassdampfgebiet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 643
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 645
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 646

21 Technische Anwendungen thermodynamischer Prozesse . . . . . . . . . . . . . 649


21.1 Kreisprozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 650
21.2 Arbeits- und Kraftmaschinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 653
21.3 Wärmekraftprozesse und thermische Wirkungsgrade . . . . . . . . . . . 656
21.4 Kälteprozesse und Leistungszahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 664
21.5 Gas-Dampf-Gemische: Feuchte Luft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 671
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 680
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 683

Teil IV Strömungsmechanik

22 Strömungsmechanik – alles ist im Fluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 687


22.1 Die Bedeutung der Strömungsmechanik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 688
22.2 Begriffe und Definitionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 689
22.3 Hydrostatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 693
22.4 Hydrodynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 706
22.5 Hydrodynamische Ähnlichkeitsgesetze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 719
22.6 Innenströmung und Rohrhydraulik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 729
22.7 Einführung in die Gasdynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 736
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 746
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 747
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 749
Inhaltsverzeichnis XVII

Teil V Maschinenelemente/Konstruktionslehre

23 Die technische Zeichnung – die Sprache des Ingenieurs . . . . . . . . . . . . . . 755


23.1 Die Elemente einer technischen Zeichnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 756
23.2 Das Finden der richtigen Blattgröße und die Nutzung
von Zeichnungsnormen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 758
23.3 Die Darstellung von Werkstücken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 767
23.4 Wie bemaßt man ein Werkstück? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 773
23.5 Technische Oberflächen und Kanten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 777
23.6 Darstellung von Normteilen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 780
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 780
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 781

24 Toleranzen – Geometrische Produktspezifikationen schaffen Qualität . . . . 783


24.1 Was sind Toleranzen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 784
24.2 Passungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 788
24.3 Form- und Lagetoleranzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 793
24.4 Geometrische Produktspezifikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 801
24.5 Toleranzanalysen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 805
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 809
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 809
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 810

25 Konstruieren – Produkte methodisch entwickeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . 811


25.1 Einführung in die Produktentwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 812
25.2 Aufgabe klären . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 815
25.3 Produkt konzipieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 819
25.4 Produkt entwerfen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 832
25.5 Produkt ausarbeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 842
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 843
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 844
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 845

26 Verbindungselemente – aus Bauteilen werden Maschinen . . . . . . . . . . . . 847


26.1 Stoffschlüssige Verbindungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 848
26.2 Schraubenverbindungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 857
26.3 Nietverbindungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 870
26.4 Reibschlüssige Welle-Nabe-Verbindungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 874
26.5 Formschlüssige Welle-Nabe-Verbindungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 881
26.6 Elastische Verbindungen – Federn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 887
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 896
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 896
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 898
XVIII Inhaltsverzeichnis

27 Antriebselemente – so gelangt Leistung zur Arbeitsmaschine . . . . . . . . . 901


27.1 Achsen und Wellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 902
27.2 Lager . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 908
27.3 Kupplungen und Bremsen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 922
27.4 Zahnradgetriebe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 934
27.5 Zugmittelgetriebe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 953
Weiterführende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 962
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 962
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 964

28 Dichtungen – damit Medien bleiben wo sie hingehören . . . . . . . . . . . . . 967


28.1 Berührungsdichtungen zwischen ruhenden Bauteilen . . . . . . . . . . 968
28.2 Berührungsdichtungen zwischen bewegten Bauteilen . . . . . . . . . . 970
28.3 Berührungsfreie Dichtungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 973
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 977
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 977
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 978

Teil VI Fertigungstechnik

29 Fertigungstechnik – Werkstücke wirtschaftlich und nachhaltig herstellen . 981


29.1 Begriffe und Einordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 982
29.2 Historische Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 982
29.3 Übersicht über die Industriezweige . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 984
29.4 Einteilung der Fertigungsverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 985
29.5 Genauigkeit und Oberflächengüte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 987
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 990

30 Fertigungsverfahren – der Weg zum Werkstück . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 991


30.1 Verfahrenseinteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 992
30.2 Urformen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 993
30.3 Umformen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1022
30.4 Trennen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1049
30.5 Fügen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1075
30.6 Beschichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1078
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1084
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1084
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1087
Inhaltsverzeichnis XIX

31 Werkzeugmaschinen – Werkstücke mit formgebenden


Werkzeugen bearbeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1091

31.1 Bedeutung von Werkzeugmaschinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1092

31.2 Auswahlkriterien für Werkzeugmaschinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1092

31.3 Fräsmaschinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1093

31.4 Drehmaschinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1100

31.5 Dreh-Fräsmaschinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1104

31.6 Schleifmaschinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1105

31.7 Umformmaschinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1106

31.8 Belastungen auf Werkzeugmaschinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1112

31.9 Maschinenkomponenten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1114

31.10 Steuerungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1122

31.11 NC-Programmierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1127

Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1130

Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1131

Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1132

32 Fertigungsprozesse – Produkte fertigen und montieren . . . . . . . . . . . . . 1135

32.1 Wandel der Produktionstechnik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1136

32.2 Fertigungs- und Stückkosten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1139

32.3 Arbeitsplanung und -steuerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1139

32.4 Automatisierung von Produktionsprozessen . . . . . . . . . . . . . . . . . 1146

32.5 Digitale Fabrik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1149

32.6 Industrie 4.0 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1152

Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1156

Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1157

Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1158

33 Nachhaltige Produktion – Emissionen vermeiden und Ressourcen schonen 1161

33.1 Grundlagen und Begriffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1162

33.2 Rezyklieren: Wieder- und Weiterverwendung . . . . . . . . . . . . . . . . 1163

33.3 Analyse des Produktlebenszyklus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1168

33.4 Rezyklieren wichtiger Werkstoffgruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1173

Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1178
XX Inhaltsverzeichnis

Teil VII Elektrotechnik

34 Gesetze der Elektrotechnik – wie ihre Bauelemente funktionieren . . . . . . 1181


34.1 Ladung und Strom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1182
34.2 Die elektrische Kraft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1183
34.3 Ladung im Raum: Das statische elektrische Feld . . . . . . . . . . . . . . . 1184
34.4 Ladung im elektrischen Feld: der Kondensator . . . . . . . . . . . . . . . 1188
34.5 Ströme im elektrischen Feld: Widerstände, Quellen, Arbeit
und Leistung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1190
34.6 Ströme im Raum: das statische Magnetfeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1192
34.7 Die magnetische Kraft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1196
34.8 Wechselfelder, Induktion und die Spule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1197
34.9 Die Maxwell’schen Gleichungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1199
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1201
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1202

35 Lineare Netze – wie der Strom sein Ziel findet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1205


35.1 Die Regeln von Kirchhoff . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1206
35.2 Maschenstrom- und Knotenpotenzialverfahren . . . . . . . . . . . . . . . 1207
35.3 Komplexe Wechselstromlehre: Vom Widerstand zur Impedanz . . . . 1210
35.4 Energie und Leistung im Wechselstromkreis . . . . . . . . . . . . . . . . . 1213
35.5 Transformatoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1216
35.6 Drei-Phasen-Wechselstrom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1219
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1221
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1222

36 Halbleiterelektronik – wie Schaltungen schlau werden . . . . . . . . . . . . . . 1225


36.1 Halbleiter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1226
36.2 Dioden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1228
36.3 Bipolar-Transistoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1232
36.4 MOS-Transistoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1236
36.5 Leistungshalbleiter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1239
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1243
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1245

37 Motoren und Generatoren – wie von 0 auf 300 km/h beschleunigt wird . . 1247
37.1 Physikalische Grundlagen von Motoren und Generatoren . . . . . . . . 1248
37.2 Typen, Randbedingungen und Einsatzgebiete . . . . . . . . . . . . . . . . 1253
37.3 Gleichstrommaschinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1254
37.4 Asynchronmaschinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1259
37.5 Synchronmaschinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1261
Weiterführende Literatur für die Kapitel 34 bis 37 . . . . . . . . . . . . . . . . . 1266
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1267
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1268
Inhaltsverzeichnis XXI

Teil VIII Regelungstechnik

38 Begriffe und Modelle – dynamische Systeme beschreiben . . . . . . . . . . . . 1273


38.1 Dynamische Systeme, Steuerung und Regelung . . . . . . . . . . . . . . . 1274
38.2 Das Zustandsraummodell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1281
38.3 Das Blockschaltbild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1284
38.4 Lineare zeitinvariante Systeme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1286
Weiterführende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1293
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1293
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1295

39 Analyse der Dynamik – Systemantworten ermitteln und verstehen . . . . . 1299


39.1 Die Laplace-Transformation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1300
39.2 Systemantworten und Stabilität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1313
39.3 Pole, Nullstellen, Modellreduktion und Identifikation . . . . . . . . . . 1319
39.4 Frequenzgang und Bode-Diagramm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1323
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1332
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1333

40 Entwurf im Frequenzbereich – Stabilität und gutes Einschwingen erreichen 1337


40.1 Der Standardregelkreis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1338
40.2 Regelkreisstabilität und Robustheit der Stabilität . . . . . . . . . . . . . . 1341
40.3 Anforderungen an das Regelverhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1347
40.4 Grundtypen linearer Regler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1351
40.5 Regelungsentwurf im Bode-Diagramm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1357
40.6 Gütekriterien und optimale Regelung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1359
40.7 Erweiterte Regelungsstrukturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1361
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1366

41 Entwurf im Zustandsraum – alle Systemgrößen einbeziehen . . . . . . . . . . 1369


41.1 Konstante Zustandsrückführung und Vorsteuerung . . . . . . . . . . . . 1370
41.2 Zustandsbeobachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1373
41.3 Dynamische Vorsteuerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1374
41.4 Konstante und dynamische Störgrößenaufschaltung . . . . . . . . . . . 1375
41.5 Ausblick und Beispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1377
41.6 Nichtlineare Zustandsregelung durch Ein-/Ausgangslinearisierung . . 1380
41.7 Digitale Realisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1382
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1386

Symbole . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1389

Autorenbiographien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1405

Abbildungsnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1411

Sachverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1417
Autoren

1 Jörg Wallaschek, Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover; Werner Sko-


laut, Heidelberg
2–6 Michael Heinzelmann, Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, Sankt Augustin
7, 8 Wolfgang Stelzle, Hochschule Osnabrück
9, 10, 11 Wolfgang Seemann, Karlsruher Institut für Technologie
12, 13 Michael Beitelschmidt, Technische Universität Dresden
14 Kay Weidenmann, Alexander Wanner, Karlsruher Institut für Technologie
15, 16 H. Peter Degischer, Technische Universität Wien (Emeritus)
17 Bernhard Weigand, Universität Stuttgart; Jens von Wolfersdorf, Universität Stutt-
gart; Jürgen Köhler, Technische Universität Braunschweig
18 Jürgen Köhler, Technische Universität Braunschweig; Bernhard Weigand, Jens von
Wolfersdorf, Universität Stuttgart
19 Bernhard Weigand, Universität Stuttgart; Jürgen Köhler, TU Braunschweig; Jens
von Wolfersdorf, Universität Stuttgart
20 Bernhard Weigand, Universität Stuttgart; Jürgen Köhler, TU Braunschweig; Jens
von Wolfersdorf, Universität Stuttgart
21 Jens von Wolfersdorf, Universität Stuttgart; Jürgen Köhler, TU Braunschweig;
Bernhard Weigand, Universität Stuttgart
22 Jost Braun, Hochschule Kempten
23, 24, 25 Peter Gust, Bergische Universität Wuppertal
26 Bernd Künne, Technische Universität Dortmund
27, 28 Horst Haberhauer, Hochschule Esslingen
29 Thomas Fechter, Harald Jaich, Christian Glockner, Hochschule RheinMain, Rüs-
selsheim
30 Thomas Fechter, Harald Jaich, Hochschule RheinMain, Rüsselsheim
31 Christian Glockner, Hochschule RheinMain, Rüsselsheim
32 Thomas Fechter, Harald Jaich, Christian Glockner, Hochschule RheinMain, Rüs-
selsheim
33 H. Peter Degischer, Technische Universität Wien (Emeritus)
34–37 Martin Poppe, Fachhochschule Münster, Steinfurt
38–41 Boris Lohmann, Technische Universität München, Garching

XXIII
Maschinenbau – seine
Vielfalt und die Motivation
1
für dieses Lehrbuch
Was erwartet Sie im
Maschinenbaustudium?
Wie ist das Buch
aufgebaut?
Welche didaktischen
Elemente erleichtern das
Lernen?

1.1 Berufsfeld Maschinenbau-Ingenieur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2


1.2 Der Produktentstehungsprozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
1.3 Bachelor-Studium Maschinenbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
1.4 Maschinenbaustudium an Fachhochschule und Universität . . . . . . 6
1.5 Aufbau dieses Lehrbuches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
1.6 Didaktische Elemente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
1.7 Leitbeispiel Antriebsstrang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018 1


W. Skolaut (Hrsg.), Maschinenbau, https://doi.org/10.1007/978-3-662-55882-9_1
2 1 Maschinenbau – seine Vielfalt und die Motivation für dieses Lehrbuch

Für optimalen Lesefluss sehen wir im gesamten Buch von der Nen- Auch wenn die Frage nach der „richtigen“ Struktur des
nung weiblicher und männlicher Formen der Berufsbezeichnungen Faches zuweilen heftig diskutiert wird, erscheint sie doch
(Ingenieure und Ingenieurinnen) ab. Ebenso verzichten wir auf die mit etwas Abstand betrachtet als nicht so elementar wich-
Benutzung des Kunstwortes IngenieurIn. Sämtliche Personenbe- tig. Viel wichtiger ist ein anderer Aspekt, der aus der
zeichnungen gelten für beide Geschlechter. Perspektive des Studierenden betrachtet manchmal pro-
blematisch ist: das Fach Maschinenbau ist interdiszipli-
Auf die Frage, was denn nun das Besondere sei am Be- när, viele Wissensgebiete spielen eine wichtige Rolle, und
ruf des Ingenieurs, erhält man häufig die Antwort: „Dem es ist schwer, sich anhand von Literatur und Lehrbüchern
Ingenieur ist nichts zu schwer!“. Und in der Tat sind es einen Überblick zu verschaffen. Es gibt hervorragende
dieser Optimismus und die Begeisterung für die vielfäl- Lehrbücher zu einzelnen Fächern, wie z. B. Werkstoffkun-
tigen beruflichen Herausforderungen, die für Viele die de, Technische Mechanik, Thermodynamik, usw., und es
Faszination dieses Berufsfeldes ausmachen. In seinem In- ist jedem Studierenden nur zu raten, die entsprechende
genieurlied, dem die oben zitierte Zeile entnommen ist, Literatur kennenzulernen und möglichst viele der ein-
beschreibt Heinrich Seidel (1842–1906) die Situation am schlägigen guten Fachbücher zu studieren.
Ende des 19. Jahrhunderts, zu einer Zeit, als es noch kei- Aber bisher fehlte ein einführendes Lehrbuch, in dem
ne Computertechnik gab, und viele der Dinge, die heute die Grundlagen des Maschinenbaus zusammenfassend
alltäglich sind, noch unvorstellbar waren. Heute sind die- dargestellt sind. Das vorliegende Lehrbuch des Maschi-
se Technologien Bestandteil der Ingenieurwissenschaften nenbaus schließt diese Lücke. Es enthält (mit Ausnahme
und prägen insbesondere auch den Maschinenbau. der Mathematik) die Grundlagen aller Lehrfächer, die
typischerweise Gegenstand eines Bachelor-Studiums an
Der Maschinenbau hat sich als eigenständiges Studien-
Universitäten und Fachhochschulen sind und bietet da-
fach mit der zunehmenden Entwicklung von Technik und
mit einen idealen Einstieg in dieses Studium.
Wissenschaft seit Ende des 18. Jahrhunderts herausge-
bildet. Ferdinand Redtenbacher (1809–1863) in Karlsruhe
und Karl Karmarsch (1803–1879) in Hannover sind be-
kannte Persönlichkeiten, die den Maschinenbau in der
Mitte des vorletzten Jahrhunderts als Studienfach an
1.1 Berufsfeld
den damals entstehenden Technischen Hochschulen in Maschinenbau-Ingenieur
Deutschland begründeten (Abb. 1.1).

Meist wird das Fach Maschinenbau in die Einzeldiszi- Das Berufsfeld des Maschinenbau-Ingenieurs ist extrem
plinen Konstruktion und Entwicklung, Produktion und breit. Maschinenbau-Ingenieure arbeiten an der Konzi-
Logistik sowie Energie- und Verfahrenstechnik unter- pierung neuer Produkte, erstellen Machbarkeitsstudien
teilt. Diese klassische Struktur findet man dementspre- zu Fertigungstechnologien, treffen Entscheidungen über
chend heute in der Organisation vieler Maschinenbau- Produktions- und Lieferketten, gestalten Fabriken und
Fakultäten wieder. Aber natürlich gibt es auch andere Anlagentechnik, optimieren den Wirkungsgrad von Pro-
Möglichkeiten, für eine Differenzierung. So kann man zessen, analysieren funktionale Zusammenhänge in tech-
das Fach z. B. in Fahrzeugtechnik, Luft- und Raumfahrt- nischen Systemen, führen Gespräche mit Kunden und
technik, Schiffs- und Meerestechnik, Medizintechnik, und Lieferanten, um Anforderungen an Bauteile und Systeme
weitere Bereiche gliedern. zu klären, verhandeln über Preise und Lieferkonditionen,

Abb. 1.1 a Ilse Knott-ter Meer


(1899–1996); b Ferdinand Red-
tenbacher (1809–1863) und c Karl
Karmarsch (1803–1879)

a b c
1.2 Der Produktentstehungsprozess 3

Tab. 1.1 Ingenieurbranchen und volkswirtschaftliche Indikatoren. Ergebnisse der fünf Branchen mit dem höchsten Anteil der Ingenieure an allen Erwerbstätigen
Erwerbstätige erwerbstätige Innovations- Ausfuhr und Überschuss bei
Ingenieure ausgaben Einnahmen aus Ausfuhr und
in Mrd. Euro Dienstleistungen in Dienstleistungen
Mrd. Euro in Mrd. Euro
Fahrzeugbau 1.296.000 163.000 33,68 225,7 108,7
Maschinenbau 1.123.000 148.000 11,81 161,2 90,8
Elektroindustrie 824.000 109.000 13,62 151,1 18,8
Technische/F&E-Dienstleistungen 652.000 231.000 3,41 10,4 2,7
EDV/Telekommunikation 682.000 72.000 10,47 13,4 1,6
fünf Ingenieurbranchen gesamt 4.579.000 723.000 72,99 561,8 222,6
Volkswirtschaft gesamt 41.550.000 1.603.000 121,26 1252,8 151,6

Quellen: Institut der deutschen Wirtschaft Köln; eigene Berechnungen auf Basis von FDZ der statistischen Ämter des Bundes und der Länder;
Mikrozensus 2009; ZEW Innovationserhebung 2011 (Datenstand 2010); Statistisches Bundesamt 2012; Deutsche Bundesbank, 2012

nehmen Anlagen in Betrieb, überwachen den Zustand si- Produkt entstehen zu lassen. Der Produktentstehungs-
cherheitskritischer Bauteile, führen Berechnungen durch, prozess lässt sich, einem Leitfaden der Wissenschaftlichen
um die Verlässlichkeit technischer Systeme zu beurteilen, Gesellschaft für Produktentwicklung (WiGeP) folgend,
und treffen unternehmerische Entscheidungen. Die Lis- grob in die Phasen
te könnte noch weiter fortgesetzt werden, und bringt uns
doch nur zu einem Ergebnis: Die Vielfalt der späteren Be- Produktplanung (Bedarfsermittlung, Ideenfindung,
rufstätigkeit ist enorm (Tab. 1.1). So schwierig dies die Machbarkeitsstudie),
Orientierung bei der Frage „In welchem dieser Bereiche Produktentwicklung (Auslegung, Design),
will ich später einmal tätig werden?“ macht, vermittelt Produktion (Fertigungsplanung, Fertigung, Montage,
dieser Umstand doch aber auch gleichzeitig die Zuver- Inbetriebnahme)
sicht, dass im Grunde jeder Studierende die Möglichkeit
hat, im späteren Berufsfeld eine Aufgabe zu finden, die zu gliedern. Er ist damit Teil des Produktlebenszyklus, der
ihm und seinen persönlichen Neigungen passt. über die Produktentstehung hinaus noch den Betrieb,
Nach einer Studie des Verbands Deutscher Ingenieure die Instandhaltung und die Entsorgung oder die Wieder-
VDI waren in Deutschland im Jahr 2013 ca. 1,6 Millionen verwendung bzw. die Wiederverwertung des Produktes
Ingenieure erwerbstätig. Nur gut die Hälfte davon ist aber umfasst.
in einem traditionellen Ingenieurberuf in der Industrie In der ersten Phase des Produktentstehungsprozesses
beschäftigt. Die andere Hälfte übt eine Tätigkeit im Ma- wird unter Berücksichtigung der Marktbedingungen, der
nagement, im öffentlichen Dienst oder als Selbständiger Wettbewerbsposition des Unternehmens sowie technolo-
aus. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang, gischer und gegebenenfalls politischer Randbedingungen
dass der häufigste Bildungshintergrund von Geschäfts- der Bedarf an einem neuen oder verbesserten Produkt
führern in der Industrie ein Studienabschluss in den In- bestimmt. Darauf aufbauend werden verschiedene Pro-
genieurwissenschaften ist und fast 10 % aller Ingenieure duktideen generiert, deren Machbarkeit und Rentabilität
als Unternehmensleiter, Geschäftsführer oder Bereichslei- untersucht wird. Am Ende steht dann die Entscheidung
ter tätig sind. für ein oder mehrere Produkte und die Ermittlung von
Anforderungen, die als Grundlage für die nachfolgende
Die wirtschaftliche Bedeutung der Branchen Fahrzeug-
Phase der Produktentwicklung dienen.
und Maschinenbau ist in den letzten Jahren in Deutsch-
land noch weiter gestiegen. So betrug der Umsatz der Im Rahmen der Produktentwicklung erfolgt zunächst in
deutschen Firmen im Fahrzeugbau im Jahr 2016 ca. 320 der Regel eine Beschreibung (Modellierung) der Funk-
Mrd. €. Im Maschinenbau lag er bei 220 Mrd. €. tionen, die von dem zu entwickelnden Produkt erfüllt
werden müssen. In der Regel gibt es mehrere Funktions-
strukturen, mit denen die Anforderungen an das Produkt
erfüllt werden können; deshalb erfolgt meist auch eine
1.2 Der Produktentstehungsprozess Optimierung, um die für das Produkt besonders wich-
tigen Ziele möglichst gut zu erreichen. Dieses Vorgehen
wird auch als Design for X bezeichnet, wobei es sich
Um einen Eindruck von der Komplexität des modernen bei X z. B. um minimale Kosten, möglichst geringes Ge-
Maschinenbaus zu vermitteln, werden wir im Folgenden wicht, maximale spezifische Leistung, minimalen Ener-
den Produktentstehungsprozess betrachten, mit dem die gieverbrauch oder Ähnliches handeln kann. In gleicher
Schritte bezeichnet werden, die notwendig sind, um ein Weise wie bei der Modellierung der Funktionsstruktur
4 1 Maschinenbau – seine Vielfalt und die Motivation für dieses Lehrbuch

wird auch die Gestalt des Produktes modelliert und op- und produktionstechnische Randbedingungen berück-
timiert. Man spricht hier von funktionsorientiertem Ent- sichtigt.
wurf (logische Funktionsanalyse) und gestaltorientiertem Typische Berufsbilder von Maschinenbauingenieuren in
Entwurf (Synthese der physikalischen Baustruktur). Die der Produktion sind:
damit verbundenen Arbeitsschritte sind vielfältig und
haben zur Herausbildung verschiedener typischer Berufs- Fertigungsplaner: Projektierung von Fertigungsstätten,
bilder des Maschinenbauingenieurs in der Produktent- Festlegen von Arbeitsabläufen, Auswahl von Produk-
wicklung geführt, wie z. B.: tionsmaschinen und Fertigungseinrichtungen, Ge-
staltung von Montagelinien,
Konstrukteur: Modellieren von Funktionen, Festlegen Technologe: Optimierung und ständige Verbesserung
der Gestalt, Auswahl der Werkstoffe, Dimensionie- der eingesetzten Fertigungstechnologien, Entwick-
rung von Bauteilen und Komponenten, Klären der lung neuer Produktionsverfahren,
fertigungstechnischen Randbedingungen für die spä- Qualitätsmanager: Überwachung der laufenden Ferti-
tere Produktion, gung, Sicherstellung gleichbleibend hoher Produkt-
Berechnungsingenieur: rechnerische Bestimmung der in qualität, Analyse von Risikofaktoren und Schwach-
Bauteilen auftretenden Beanspruchungen, Berech- stellen im Produktionsprozess,
nung von Eigenfrequenzen, rechnerische Bestim- Produktionssteuerer: Kapazitätsplanung, Sicherstellen,
mung von Strömungs- und Temperaturfeldern, dass Liefertermine eingehalten werden.
Versuchsingenieur: experimentelle Validierung von Re-
chenmodellen und Bestimmung der darin auftreten- Auch diese Aufzählung ist lediglich ein Auszug, nicht
den Parameter, Durchführung von Versuchen zur vollständig. Und auch in der Produktion gibt es viele un-
Ermittlung von Verschleiß und zur Vorhersage der terschiedliche Ausprägungen der Organisationsstruktur
Lebensdauer, Bewertung von Produkteigenschaften in den verschiedenen Industrieunternehmen.
in Testfahrten und Probandenversuchen,
Patentingenieur: Prüfen des Neuheitsgrades technischer Zur Erfüllung der vielfältigen Anforderungen in der be-
Entwicklungen, Formulieren und Anmelden von ruflichen Praxis brauchen Maschinenbauingenieure, die
gewerblichen Schutzrechten, Verteidigung eigener im Bereich der Produktentstehung arbeiten, eine sehr gu-
Schutzrechte und Überwachung fremder Schutzrech- te Ausbildung. Niemand kann in allen oben genannten
te, Vergabe und Erwerb von Lizenzen. Tätigkeitsfeldern ein Spezialist sein. Arbeiten im Team
ist ein wesentliches Merkmal des Produktentstehungs-
prozesses. Dabei sind die Teams nicht nur abteilungs-,
Diese Aufzählung ist nicht vollständig; die genannten sondern oft auch unternehmensübergreifend und interna-
Tätigkeiten sind nur typisch und keineswegs strikt wört- tional zusammengesetzt. Deshalb werden bei Ingenieuren
lich zu verstehen. Große Unterschiede bestehen auch in in der Regel auch sehr hohe Anforderungen an die Kom-
der betrieblichen Organisation des Produktentwicklungs- munikationsfähigkeiten und gute Fremdsprachenkennt-
prozesses. In vielen Unternehmen gehören zur Organi- nisse gefordert.
sationseinheit Produktentwicklung verschiedene Unter-
einheiten, wie z. B. Forschung und Vorentwicklung, Kon- Der hier näher betrachtete Prozess der Produktentste-
struktion, Berechnung, Prototypenbau, Versuch, Produkt- hung ist eines der Haupttätigkeitsfelder von Ingenieuren.
datenmanagement. Zur Unterstützung der dort tätigen Es gibt darüber hinaus aber sehr viele weitere Berei-
Ingenieure werden zahlreiche Werkzeuge eingesetzt, zu che, in denen Ingenieure tätig sind, auf die hier nicht
denen beispielweise Datenverarbeitungs- und Visualisie- näher eingegangen wurde. Zu diesen zählen Führungs-
rungsprogramme wie CAD (Computer Aided Design) und Leitungsaufgaben in Unternehmen, Aus- und Weiter-
oder VR (Virtual Reality), Berechnungs- und Optimie- bildung, Vertrieb, Service und Instandhaltung sowie Tä-
rungsprogramme wie CAE (Computer Aided Enginee- tigkeiten als Unternehmensberater oder Sachverständige.
ring), sowie Rapid Prototyping oder Hardware-in-the- Auch wenn all diese Berufsbilder im Detail ganz unter-
Loop zählen. schiedliche Kompetenzen erfordern, haben sie doch auch
viele Gemeinsamkeiten und erfordern einen Mindest-
Am Ende des Produktentwicklungsprozesses steht die umfang an technischem Fachwissen, die Fähigkeit zum
Produktdokumentation, zu der auch die Erstellung der strukturierten und zielorientierten Arbeiten sowie ein ge-
Fertigungsunterlagen gehört. Es wäre nun aber falsch wisses Maß an Sozialkompetenz.
anzunehmen, dass die dritte Phase des Produktentste-
hungsprozesses, die Produktion, strikt von den ersten
beiden Phasen getrennt sei. In den meisten Fällen spie-
len Fragestellungen zur in der Produktion eingesetz- 1.3 Bachelor-Studium Maschinenbau
ten Fertigungstechnik eine wichtige Rolle bei der Pro-
duktentwicklung. Dies gilt insbesondere bei Fragen zu Im Zuge der Bologna-Reform haben die meisten Univer-
Herstellkosten, Produktionsmengen und Qualität. Häufig sitäten und Fachhochschulen die traditionellen Diplom-
werden sogar schon in der Produktplanung fertigungs- Studiengänge auf Bachelor- und Master-Studiengänge
1.3 Bachelor-Studium Maschinenbau 5

Forschungs- und
fachwissenschaftliche planerische Beurteilungs- Selbst- und
Problemlösungs-
Kompetenz Kompetenzen kompetenzen Sozialkompetenzen
kompetenzen

Verständnis Fähigkeit Strukturierung und Kompetenz zum


ingenieurwissen- zur Abstraktion, Organisation von Beurteilen tech- Teamarbeit und
schaftlicher zum Denken Arbeits- und nischer Entwürfe, Führungsaufgaben
Zusammenhänge in Systemen, Lernprozessen Konstruktionen und
zum Umgang mit Lösungsvarianten
Modellvorstellungen
verschiedenster Art Sprache und
Fähigkeit zum Befähigung zu
Fähigkeit, die Kommunikation,
interdisziplinären Projektplanung und
Grenzen der Gültig- Fähigkeit zur
Denken Projektmanagement
Konkretisierung und keit von Theorien Visualisierung
Präzisierung von und Lösungen zu
Fragestellungen, erkennen und Persönlichkeitsent-
Aufgaben und Zeitmanagement, Ergebnisse kritisch
mathematisches wicklung: Eigen-
Problemen, Erkennen Priorisieren von zu hinterfragen
Verständnis ständigkeit, Eigen-
von offenen Fragen Aufgaben
verantwortlichkeit,
bzw. Flexibilität,
Forschungslücken Fähigkeit zur
Verallgemeinerung Selbstdisziplin,
Verständnis
sachkundiger Einsatz von Ergebnissen und Leistungsbereitschaft,
der Physik und
von Methoden zum Übertragen von Belastbarkeit,
weiterer Natur- vorhandene
Lösungen auf andere Frustrationsresistenz
wissenschaften Sachverhalte kritisch
hinterfragen Anwendungsfelder
Talent: Improvisation,
eigenständige
Neugier,
Informations-
Fähigkeit zum Finden Technik-Folgen- Technikbegeisterung,
beschaffung und
neuer Lösungswege, Abschätzung Kreativität
-aneignung
Fähigkeit zum
kreativen Arbeiten

Formulieren,
Zusammenfassen,
Kontextualisierung
von Ergebnissen

Abb. 1.2 Kompetenzfelder des Maschinenbauingenieurs

umgestellt. Während in den Diplom-Studiengängen das Promotion abgeschlossen haben. Damit lag die Anzahl
Vordiplom typischerweise nach vier Semestern und das der Absolventen insgesamt bei ca. 38.000.
Diplom nach zehn Semestern der Regelstudienzeit er- Trotz großer Bedenken in weiten Teilen der Hochschul-
reicht wurde, sind typische Bachelor-Studiengänge auf landschaft haben sich die neuen Abschlüsse am Arbeits-
sechs Semester und typische Master-Studiengänge auf markt durchgesetzt und auch dazu beigetragen, die Dis-
weitere vier Semester Regelstudienzeit ausgelegt. Mit die- kussion über die Qualität von Studiengängen an Uni-
ser Umstellung der Studiengänge waren weitreichende versitäten und Fachhochschulen zu beleben. Eine nahezu
Veränderungen in der Struktur der Studiengänge ver- gleiche Akzeptanz von Absolventen aus Fachhochschu-
bunden, die jedoch in den meisten Fällen keine Aus- len und Absolventen aus Universitäten spiegelt sich in
wirkungen auf die Fächer hatten, die zum klassischen den Einstiegsgehältern wieder. So hängt nach einer Studie
Kanon des Vordiploms gehörten und heute oft zusam- des VDI aus dem Jahr 2012 die Höhe der Einstiegsgehäl-
menfassend als Grundlagen des Maschinenbaus bezeichnet ter stärker von der Größe der Unternehmen ab als von der
werden. Herkunft der Ingenieure oder ihrem jeweiligen Abschluss
Im Jahr 2015 haben im Fachbereich Maschinenbau und (Bachelor, Master, Diplom).
Verfahrenstechnik ca. 10.500 Studierende einen Masterab- Hatte es Ilse Knott-ter Meer (1899–1996) (Abb. 1.1a),
schluss, ca. 22.500 Studierende einen Bachelor-Abschluss die erste deutsche Diplom-Ingenieurin und später erstes
erreicht. Hinzu kamen ca. 3300 Studierende, die einen Di- weibliches Mitglied im Verein Deutscher Ingenieure, in
plomabschluss erlangt und knapp 2000 Personen, die eine ihrem Studium an den Technischen Hochschulen in Han-
6 1 Maschinenbau – seine Vielfalt und die Motivation für dieses Lehrbuch

nover und München noch schwer, liegt heute der Anteil petenz, wie z. B. die Fähigkeit, die Grenzen der Gültigkeit
weiblicher Absolventen im Maschinenbau bei über 20 %. von Theorien und Lösungen zu erkennen oder Lösungen
Dieser Anteil ist deutlich niedriger als in anderen Län- auf neue Anwendungsfelder zu übertragen, ist in uni-
dern. Es ist jedoch zu hoffen, dass sich dies in Zukunft versitären Studiengängen in der Regel deutlich höher als
ändert und noch mehr Frauen sich für ein Studium des in Studiengängen an Fachhochschulen. Demgegenüber
Maschinenbaus entscheiden. steht an Fachhochschulen oft ein größerer Stoffumfang in
speziellen, für die Praxis besonders relevanten Anwen-
dungsfeldern.

1.4 Maschinenbaustudium an Die Breite des Wissens, im Sinne der Stoffauswahl, ist
in den Grundlagenfächern des Maschinenbaus an Fach-
Fachhochschule und Universität hochschulen und Universitäten nahezu gleich. Die Tiefe
der Durchdringung des Wissens ist jedoch an Universi-
Es mag erstaunen, dass ein Buch den Anspruch erhebt, täten meist wesentlich stärker, was sich z. B. darin zeigt,
sowohl für Studierende an Universitäten als auch an dass Theorien in Lehrveranstaltungen nicht nur prä-
Fachhochschulen gleichermaßen geeignet zu sein. Aber sentiert, sondern auch in ihrer Entwicklung diskutiert
bei näherer Betrachtung des Faches und der Lehrpläne werden, bis hin zu dem Punkt, an dem die Studieren-
kommt man zu dem Ergebnis, dass es nur wenige Un- den in die Lage versetzt werden, selbst wissenschaftliche
terschiede im Stoffumfang gibt. Daraus darf jedoch nicht Theorien zu entwickeln (Abb. 1.3). Die stärkere Vermitt-
der Schluss gezogen werden, das Studium an Universitä- lung dieser wissenschaftlich orientierten Kompetenzen
ten und Fachhochschulen sei vergleichbar. Im Gegenteil! hat zwar enorme Auswirkungen auf die Art der Wis-
Der methodische Anspruch und die vermittelten Kompe- sensvermittlung in den Grundlagenfächern, aber meist
tenzen unterscheiden sich deutlich (Abb. 1.2). nur geringe Auswirkungen auf die zur Unterstützung
der Lernprozesse genutzten Lehrmaterialien. Die Autoren
Betrachtet man die in der Abb. 1.2 dargestellten Kom- des vorliegenden Buches lehren zum Teil an Fachhoch-
petenzfelder von Studiengängen des Maschinenbaus, so schulen und zum Teil an Universitäten. Sie haben dieses
zeigen sich Unterschiede zwischen Studiengängen an Lehrbuch für Studierende an beiden Bildungseinrichtun-
Fachhochschulen und an Universitäten: Der Anteil der gen geschrieben und darauf geachtet, dass die Inhalte der
Forschungs- und Problemlösungskompetenzen, wie z. B. heute in Bachelor-Studiengängen des Maschinenbaus ge-
die Fähigkeit zur Abstraktion und zum Umgang mit Mo- lehrten Grundlagenfächer in hoher didaktischer Qualität
dellvorstellungen, sowie der Anteil der Beurteilungskom- dargestellt wurden.

Abb. 1.3 Unterschiedliche


Durchdringung des Wissens an Produkt nur als
Fachhochschulen und Universitäten vage Idee
zunehmender Neuheitsgrad der Anwendung

beschreibbar, völlig
neue Technologie
Universität
relativ neues
Produkt,
Technologie in
Entwicklung

etabliertes
Produkt,
ausgereifte
Technologie Fachhochschule

etablierte neueste Methoden, Methoden,


Methoden, seit „Stand des unbekannt,
langem bekannt Wissens“ Theorie muss erst
noch erarbeitet
werden

Komplexität und Umfang des Wissens zunehmend


1.5 Aufbau dieses Lehrbuches 7

1.5 Aufbau dieses Lehrbuches müssen sie das Anforderungsprofil möglichst gut erfüllen
und haben eine effiziente Funktionalität zum Ziel. Da-
zu sind ökologische Randbedingungen zu beachten, die
Grundlegende theoretische Konzepte haben eine lange einen möglichst geringen Materialeinsatz erfordern, so-
Halbwertszeit – sie tragen durch ein ganzes langes In- wohl bei der Herstellung als auch im Einsatz und in der
genieursberufsleben. Auch wenn es vielen Studierenden Nachnutzung, bzw. beim Rezyklieren.
als sehr abstrakt und theoretisch erscheint, hat es sich
als sinnvoll erwiesen, dass man von den vielen Gebieten Die Effizienz von Maschinen wird durch deren Wir-
des Maschinenbaus im ersten Studienjahr vor allem Tech- kungsgrad beschrieben. Die Umwandlung von Energie
nische Mechanik unterrichtet. Dieses Fach ist nicht nur ist elementar für Bau und Betrieb von Maschinen und
deshalb wichtig, weil die Technische Mechanik die Ba- Anlagen. Die dabei auftretenden Prozesse werden durch
sis für viele weiterführende Fächer, wie z. B. Konstruktion Gesetze der Thermodynamik beschrieben. Es ist daher
und Maschinenelemente ist, sondern vor allem, weil man konsequent, dass die Kapitel der Thermodynamik und
daran den Prozess der Abstraktion und Modellbildung Strömungsmechanik folgen (Kap. 17–22).
lernt, der typisch ist für die Ingenieurwissenschaften.
Dazu werden gute Kenntnisse der Mathematik vorausge- Nach den Grundlagen folgen die Fachgebiete Konstrukti-
setzt, wobei sich beide Fächer durchaus ergänzen und die on und Maschinenelemente (Kap. 23–28) gefolgt von der
Lösung der Aufgaben der Technischen Mechanik das Ver- Fertigungstechnik (Kap. 29–33). Diese Kapitel sind unter-
ständnis mathematischer Inhalte erhöhen kann. einander eng verzahnt. Sie unterliegen, obwohl es sich
Erfahrungsgemäß haben es Studierende des Maschinen- um etablierte Fachgebiete handelt, einem steten Wandel.
baus in den ersten Semestern damit nicht leicht. Die Das zeigt Kap. 24, das die Normen zur Geometrischen
Mathematik, die benutzt wird, ist zwar zum größten Teil Produktspezifikation und -prüfung (GPS) beschreibt. GPS
bekannt, ihre Anwendung ist aber neu. Die Angebote, die hat eine international einheitliche Symbolsprache festge-
Mathematik zu wiederholen, sind für die ersten Semes- legt, um Toleranzen in technischen Zeichnungen eindeu-
ter an allen Universitäten und Fachhochschulen vielfältig, tig festzuhalten und vollständig zu beschreiben. In den
sodass wir in diesem Lehrbuch gänzlich auf Kapitel dazu Kap. 23 bis 33 wird deshalb großer Wert auf die Nennung
verzichtet haben. Auch wäre der Umfang dieses Lehrbu- und Erläuterung der zu berücksichtigenden Normen ge-
ches sicherlich stark angewachsen. legt. In der Fertigungstechnik gilt die Aufmerksamkeit
in letzter Zeit verstärkt auch der Nachhaltigkeit, wobei
In diesem Buch bilden die Kap. 2 bis 21 die Grundlage die besonderen Eigenschaften der Werkstoffe (Kap. 14–
für das Verständnis des gesamten Stoffes. Sie stellen die 16) eine entscheidende Rolle spielen. Das führt dazu, dass
Basis für alle weiteren Kapitel dar. So ist der Maschinen- vertiefende Darstellungen zu den Materialeigenschaften
bau ohne das grundlegende Verständnis der wirkenden eingeflochten sind.
Kräfte und Momente zur Erklärung der Bewegungs- und
Beanspruchungsarten nicht vorstellbar (Kap. 2–11). Die Elektrotechnik und Maschinenbau waren schon immer
Beschreibung und Analyse der Bewegung von Körpern eng verzahnt. Der Elektrotechnik kommt heute jedoch
durch Gleichungen und Methoden zur Berechnung dieser eine zunehmende Bedeutung im Maschinenbau zu. Zu-
komplexen Vorgänge verlangt nach effizienten Algorith- grunde liegen die Fortschritte in der Halbleiterelektronik
men (Kap. 11). Periodische Vorgänge und Schwingungen und Kommunikationstechnik. Aber auch die zunehmen-
sind dabei für einen Großteil der Fragestellungen relevant de Leistungsfähigkeit sowohl der Schaltungs- als auch
(Kap. 12 und 13). der Leistungselektronik ist von großer Relevanz. Kap. 34
bis 37 widmen sich den Grundlagen elektrischer Bau-
Die Auswahl der Materialien, die im Maschinenbau für
elemente, linearer Netze, der Halbleiterelektronik sowie
einen bestimmten Zweck verwendet werden, verlangt
Motoren und Generatoren. Auch die Verknüpfung dieser
eine eingehende Beschäftigung mit den Materialeigen-
Elemente, z. B. in Regelkreisen, wird hier behandelt, so-
schaften. Dabei spielen sowohl innere Struktur, physi-
dass die Kapitel zur Regelungstechnik (Kap. 38–41) den
kalische aber auch chemische Eigenschaften eine Rolle.
Abschluss des Lehrbuches bilden. Die Regelungstechnik
Häufig ergeben sich Lösungen für innovative und nach-
beschäftigt sich mit der gezielten Beeinflussung des Ver-
haltig einsetzbare Maschinen und Systeme auf Grund
haltens von technischen Systemen und ist Grundlage der
neuer oder weiterentwickelter Materialien. Daher folgen
Automatisierungstechnik. Sie wiederum steht in engem
den Kapiteln der Technischen Mechanik die Kapitel der
Zusammenhang mit der Fertigungstechnik aber auch der
Werkstoffkunde (Kap. 14–16).
Elektrotechnik.
Werkstoffe sind ein Innovationsmotor. Viele Errungen-
schaften wären ohne neue oder verbesserte Materialien Dieser kurze Abriss zeigt, wie der Aufbau des Lehr-
nicht möglich gewesen. Das Angebot an neuen Mate- buches die einzelnen Fachgebiete inhaltlich miteinander
rialien steigt ständig, ebenso wie die Anforderungen an verzahnt, unterstützt durch zahlreiche Querverweise in
bestehende Werkstoffe. Zur Realisierung von Maschinen den einzelnen Kapiteln.
8 1 Maschinenbau – seine Vielfalt und die Motivation für dieses Lehrbuch

Die Zugehörigkeit der Kapitel zu den verschiedenen Frage 8.2


Fachgebieten erkennen Sie am Daumenregister am Seiten- Ändert sich das Vorzeichen der Arbeit der Federkraft,
rand. wenn man eine Feder dehnt oder staucht?

Abb. 1.4 Verständnisfragen erleichtern das Rekapitulieren


Symbole müssen mehrfach benutzt werden
Kinetische Energie des starren Körpers
Der Maschinenbau besteht aus vielen Teildisziplinen, was Die kinetische Energie des starren Körpers hängt
dazu führt, dass eine einheitliche Symbolik der Varia- quadratisch von der Schwerpunktsgeschwindigkeit
blen unmöglich ist. Daher müssen verschiedene Symbole und quadratisch von der Winkelgeschwindigkeit ab.
mehrfach und in anderer Bedeutung benutzt werden.
Dies ist am Beispiel des Symbols für die Geschwindig-
keit im Kapitel Strömungsmechanik (Kap. 22) in einem Abb. 1.5 Gelb unterlegter Text hebt wichtige Merksätze hervor
Übersichtskasten dargestellt. Symbollisten zu den einzel-
nen Fachgebieten finden Sie am Ende des Buches. Unterbrochen wird der Text durch gelb unterlegte Text-
passagen (Merkkästen), die meist Definitionen enthalten
Für die imaginäre Zahl wird durchweg das im Maschi- oder auf Besonderheiten hinweisen (Abb. 1.5).
nenbau und der Elektrotechnik genutzte Symbol j in
aufrechter Schreibweise verwendet. Dies vermeidet die Auch wichtige Formeln werden durch gelbe Farbe her-
Verwechslung mit laufenden Indizes. Generell sind alle vorgehoben.
Indizes, die eine Abkürzung darstellen, aufrecht geschrie-
ben. So kann zum Beispiel ein Index i eine beliebige
Zahl bedeuten – also kursiv gesetzt sein – aber auch als Beispiel Eine 900 N schwere Person steht auf einem
Sprungbrett (Abb. 2.7). Zu zeichnen ist das Freikörper-
Abkürzung für „innen“ Verwendung finden. Zur Unter-
bild.
scheidung muss letzteres Letzteres aufrecht geschrieben
werden.

1.6 Didaktische Elemente


Eine Reihe didaktischer Elemente in diesem Lehrbuch
unterstützen das Verständnis des Stoffes. Hier sei kurz er- 3m 2m
klärt, welche Überlegungen dahinter stecken.
900 N
Bx

Blaue Überschriften in Satzform geben


Ay By
Aufschluss über den Inhalt des Abschnitts 3m 2m

Abb. 2.7 Person auf Sprungbrett (oben ) und zugehöriges Freikörperbild (un-
Nach den nummerierten Hauptüberschriften folgen un- ten )
nummerierte Überschriften, deren Abschnitte einen wich-
tigen Teilbereich behandeln. Sie sind als Satz formuliert Wir sehen das Sprungbrett als einen Balken an und er-
und stellen eine Lerneinheit in dem Hauptabschnitt dar. setzen Person und Lager wie folgt: Das Lager A, das das
Sprungbrett ausschließlich in vertikale Richtung abstützt,
durch die Lagerkraft Ay , das Lager B, das das Sprungbrett
in horizontaler und vertikaler Richtung abstützt, durch
Verständnisfragen, Merksätze und Beispiele die Lagerkräfte Bx und By , und die Person durch eine nach
erleichtern das Lernen unten gerichtete Kraft des Betrags 900 N. Damit ergibt
sich das abgebildete Freikörperbild, mit dessen Hilfe wir
nun die Kräfte berechnen könnten, die von den Lagern
Es ist sinnvoll, am Ende einer Lerneinheit das Gelernte zu auf das Sprungbrett ausgeübt werden. In den folgenden
rekapitulieren, wobei die Verständnisfragen unterstützen Kapiteln wird gezeigt, wie das geht.
(Abb. 1.4). Die Lösungen dazu finden Sie am Ende des
jeweiligen Kapitels. Abb. 1.6 Kleine Beispiele sind in den Text integriert
1.6 Didaktische Elemente 9

Abb. 1.7 Ausführliche Beispiele


oder Anwendungsbeispiele sind
in einem Kasten untergebracht

Zur Verdeutlichung neuer Begriffe, Ergebnisse oder Vor- Es gibt Themen, die den zu lernenden Inhalt stark auswei-
gehensweisen haben die Autoren zahlreiche Beispiele im ten und damit den Lese- und Lernfluss unterbrechen wür-
Text integriert. Diese Beispiele beginnen mit der blauen den. Für das Verständnis des großen Zusammenhangs
Überschrift Beispiel und enden mit einem kleinen blauen sind sie aber beim ersten Lesen nicht unbedingt erforder-
Dreieck (Abb. 1.6). lich und können auch später noch unabhängig studiert
werden. Diese Themen sind in Vertiefungs-Kästen unter-
gebracht (Abb. 1.8).

Kästen enthalten Beispiele, Übersichten


Im Gegensatz dazu treffen Sie in vielen Kapiteln auf
und Zusatzwissen in kleinen Portionen Übersichtskästen. Sie enthalten jeweils einen Überblick
über den vorgestellten Inhalt und ergänzen auf kompak-
Neben diesen Beispielen im Text gibt es (große) Beispiele, te Weise das bereits Erklärte. Sie werden auch benutzt,
die meist komplexere oder allgemeinere Probleme behan- um mathematische Grundlagen, wie z. B. die Matrizen-
deln (Abb. 1.7). rechnung oder den Umgang mit komplexen Zahlen, kurz
10 1 Maschinenbau – seine Vielfalt und die Motivation für dieses Lehrbuch

Abb. 1.8 Vertiefungen beschrei-


ben Themen im Detail

Abb. 1.9 In Übersichten werden


verschiedene Begriffe oder das
Hintergrundwissen zu einem
Thema zusammengestellt
1.7 Leitbeispiel Antriebsstrang 11

Niederhalterkraft
Flansch σz
σr σt
σt
σr
σz σz
σt
σt Ziehstempel-
σz kraft
Wand

Boden
a b

Abb. 1.10 Farbige Darstellung nach Farbschema verbessert das Verständnis; a Werkstück (gelb ) und Bewegung (grün ); b Werkstück (gelb ) und Kraft (rot )

darzustellen. Die Auswahl beruht auf der Lehrerfahrung


der Autoren (Abb. 1.9).
1.7 Leitbeispiel Antriebsstrang
Die erlernten Inhalte können Sie an zahlreichen Aufgaben Neben dem „wie“ während des Maschinenbaustudiums
am Ende eines jeden Kapitels erproben. Je nach Kapitel steht als zweite wichtige Frage das „warum“. Warum
ist es eine größere oder geringere Anzahl. Meist sind die muss ich das lernen, wozu ist es wichtig, warum muss
Aufgaben gruppiert in jeweils drei verschiedene Schwie- ich mich damit herumplagen? Aus diesem Grund haben
rigkeitsgrade. Versuchen Sie sich zuerst selbstständig an wir fast alle Kapitel nicht nur mit vielen Beispielen, son-
den Aufgaben. Zur Kontrolle finden Sie die Resultate, so- dern auch mit einem speziellen Leitbeispiel ausgestattet.
fern es sich um Rechenaufgaben handelt, am Ende des Gewählt wurde dafür aus dem vorhandenen Bezug vie-
Buches. Sollten Sie trotzdem nicht mit der Aufgabe fer- ler technisch interessierter Studenten zum Auto der An-
tig werden, finden Sie auf der Homepage des Buches auf triebsstrang eines modernen Kraftfahrzeugs. Am Beispiel
https://www.springer.com/de/book/9783662558812 die des Antriebsstranges eines Fahrzeugs soll gezeigt wer-
Lösungswege. den, welche ingenieurwissenschaftlichen Fragestellungen
bei der Entwicklung und Produktion auftreten und wel-
che Relevanz die im Studium vermittelten Fachkenntnisse
dafür haben.
Konsequente Farbgebung erleichtert Dieses Leitbeispiel wird dabei aus der Sicht des jeweiligen
das Verständnis der Abbildungen Faches betrachtet. So werden z. B. in der Technischen Me-
chanik die Kräfte im Triebwerk eines Hubkolbenmotors
berechnet (Kap. 2), und im Kapitel über Werkstoffkunde
Alle Abbildungen sind vierfarbig gestaltet und folgen ei- werden die typischerweise bei der Auswahl von Werk-
nem bestimmten Schema. Alle Pfeile für Kräfte, Momente stoffen im Antriebsstrang zu lösenden Fragestellungen
und Wärmegrößen erscheinen in rot. Grüne Pfeile symbo- analysiert (Kap. 15, Kap. 30–33).
lisieren Bewegungen und Transportströme, z. B. Wärme-
Sie erkennen die Leitbeispiele an der grünen Kopfzeile
oder Volumenströme in der Thermodynamik. Werkstücke
des entsprechenden Kastens (Abb. 1.11).
oder Teile, die für das Verständnis wichtig sind werden
grundsätzlich gelb dargestellt, Befestigungen und Halte- Der Tab. 1.2 können Sie entnehmen, welcher Teil des An-
rungen sind grau gehalten (Abb. 1.10). triebsstrangs in welchem Kapitel behandelt wird. Dabei

Abb. 1.11 Der Kopf des Kastens


eines Leitbeispiels enthält das Bild
eines stilisierten Antriebsstranges
12 1 Maschinenbau – seine Vielfalt und die Motivation für dieses Lehrbuch

Tab. 1.2 Zusammenstellung der Leitbeispiele in den einzelnen Kapiteln


Bild Thema Kapitel
Kräfte im Triebwerk eines Hubkolbenmotors 2
In Hubkolbenmotoren werden die Gaskräfte aus der Kraftstoffverbrennung vom Kol-
ben auf die Kurbelwelle übertragen, wo sie schließlich das Drehmoment des Motors
erzeugen. Welche Kräfte wirken dabei auf die einzelnen Bauteile im Motor, und welcher
Zusammenhang besteht zwischen der Gaskraft am Kolben und dem Drehmoment an der
Kurbelwelle?
Wie ändern sich Drehzahl, Drehmoment und Leistung in einem Getriebe? 3
Wenn der Wagen nicht mehr richtig zieht, muss man runter schalten. Dann zieht der Wa-
gen wieder besser, aber der Motor wird lauter, weil er schneller dreht. Ein guter Grund,
sich zu überlegen, wie Drehzahl, Drehmoment und Leistung von der Getriebeüber-
setzung abhängen. Die Frage, wie sich Drehzahl, Drehmoment und Leistung in einem
Getriebe ändern, wird beantwortet.
Kräfte in einer Schraubenverbindung am Beispiel der Pleuelverschraubung 5
Wie groß ist in einer Schraubenverbindung die durch eine bestimmte Betriebskraft her-
vorgerufene Schraubenkraft? Die Kräfteverhältnisse in einer Schraubenverbindung lassen
sich im sogenannten Verspannungsdreieck sehr gut grafisch darstelllen. Wir sehen, dass
sich die Kräfte in einer Schraubenverbindung vermindern.
Fahrwerksfedern tragen die gesamte Last von Karosserie und Zuladung 5
Besonders wichtige Anschlusskomponenten an den Antriebsstrang sind die Fahr-
werksfedern, da diese die gesamte Last von Karosserie und Zuladung tragen. Zu deren
wichtigsten Eigenschaften gehören die Federkonstante, welche maßgeblich den Fahrzeug-
komfort des Fahrzeugs bestimmt, sowie die Tragfähigkeit der Feder.
Ein Differenzialgetriebe dient bei einem Fahrzeug zum Ausgleich der unterschied- 9, 10
lichen Drehzahlen der Räder bei einer Kurvenfahrt. Wir bestimmen im Beispiel die
Winkelgeschwindigkeit und die Winkelbeschleunigung des Verbindungsritzels. Aus der
Winkelgeschwindigkeit des Ritzels lässt sich bestimmen wie groß die Winkelbeschleu-
nigung des Ritzels ist, was bei einer Geradeausfahrt passiert und was sich ergibt, wenn
aufgrund von Eisglätte das linke Rad blockiert und das rechte Rad durchdreht.

Der Antriebsstrang in einem Kraftfahrzeug ist die Abfolge aller Elemente, die dafür ver- 13
antwortlich sind, das Antriebsmoment des Motors zum Reifen-Fahrbahn-Kontakt zu
übertragen, wo es letztlich als Antriebskraft seine Wirkung entfaltet. Elemente eines An-
triebsstrangs sind Wellen, die häufig als torsionselastisch zu betrachten sind, drehende
Massen wie Schwungräder und Zahnräder sowie weitere Bauteile wie Kupplungen und
Gelenke. Den Abschluss des Antriebsstrangs bilden die Räder mit elastischen Reifen. Ein
Antriebsstrang ist aufgrund der darin verbauten Abfolge von elastischen und trägen Ele-
menten ein schwingungsfähiges System.

Turbolader dient der Leistungs-/Effizienzsteigerung 14, 15


Kurbelwellengehäuse mit den Zylindern
Ölwanne aus Polypropylen
Getriebezahnräder sind aus oberflächengehärtetem Stahl
Getriebe. Wenig Verschleiß, lange Lebensdauer, Präzision

Thermodynamische Darstellung eines Motors als System mit Systemgrenze. 17, 18


Die technische Thermodynamik betrachtet Maschinen mithilfe makroskopischer Größen.
Dies hat enorme Vorteile, dadafür nur wenige Größen bekannt sein müssen. Als Beispiel
wird ein Verberennungsmotor betrachtet. Zunächst ist es wichtig das Objekt, das wir
betrachten wollen, klar zu definieren, indem die Systemgrenze festgelegt wird. Wenn die
Vorgänge im Kolbenraum interessieren, legen wir eine Systemgrenze so wie im Bild fest.
Alles was sich außerhalb der Systemgrenze befindet bezeichnen wir als Umgebung.
Es wird der Kreisprozess eines Verbrennungsmotors am Beispiel des Diesel-Prozesses 20
genauer betrachtet. Beim Diesel-Prozess wird der Brennstoff nach der reversibel adiaba-
ten Verdichtung der angesaugten Luft eingespritzt. Während der Verbrennungsvorgang
abläuft, bewegt sich der Kolben nach unten sodass man eine Gleichdruckverbrennung
erreichen kann. Der thermische Wirkungsgrad lässt sich in Abhängigkeit des Verdich-
tungsverhältnisses und des Einspritzverhältnisses berechnen.
1.7 Leitbeispiel Antriebsstrang 13

Bild Thema Kapitel


Vergleich des Otto- und den Diesel-Prozesses und Bewertung anhand des thermischen 21
Wirkungsgrades. Der Vergleich ergibt, dass bei gleichen Verdichtungsverhältnis der
Diesel-Prozess einen kleineren thermischen Wirkungsgrad aufweist. Der Otto-Prozess
weist eine höhere mittlere Temperatur bei der Wärmezufuhr auf, und bei gleicher Wär-
meabgabe für beide Prozesse ergibt sich ein höherer Wirkungsgrad (größere spezifische
Kreisprozessarbeit bei gleicher spezifischer Wärmeabgabe) gegenüber dem Diesel-
Prozess. Dieselmotoren weisen daher größere thermische Wirkungsgrade auf, da hier
das Verdichtungsverhältnis deutlich höher als bei Ottomotoren ist.
Abgasturbolader – Berechnung der notwendigen Leistung 22
Im Leitbeispiel Abgasturbolader wird die Berechnung der notwendigen Leistung durch
die Kontinuitäts- und Energiegleichung sowie der notwendigen Leistung aus der Dre-
himpulserhaltung gezeigt. Aufgabe des Turboladers ist es, die Ladeluft bereits vor dem
Einlass in den Zylinder auf höheren Druck und höhere Dichte zu bringen, sodass sich
je Kolbenhub (Hubraum) mehr Luft im Zylinder befindet. Der Verbrauch und der CO2 -
Ausstoß wird daturch deutlich reduziert.
Technische Zeichnung einer Getriebewelle für ein Kfz Schaltgetriebe zur Übertragung von 23
Drehmomenten
Eine Welle dient zur Übertragung von Drehmomenten. In Fahrzeugen müssen zur opti-
malen Leistungsübertragung die Drehmomente durch die Änderung der Übersetzung an
die Geschwindigkeit angepasst werden. Daher sind auf Wellen immer mehrere Zahnrä-
der angeordnet, die je nach geforderter Übersetzung durch Verschieben der Zahnräder
zueinander in Eingriff gebracht werden. In der Abbildung ist die Zeichnung einer Getrie-
bewelle für ein Kfz-Schaltgetriebe dargestellt.

Der Antriebsstrang besteht aus den verschiedensten Maschinenelementen, die durch 26


Verbindungselemente erst ihre Wirkungsweise erhalten. Weder ein Kraftfahrzeug noch
sein Antriebsstrang wären ohne Verbindungselemente denkbar. Schraubenverbindun-
gen dienen dazu, alle wesentlichen Komponenten aneinander zu befestigen. Damit sie
diese Funktion erfüllen können, müssen hinreichend große Vorspannkräfte aufgebracht
werden. Damit kann die Dichtheit des Getriebes gegen Ölverlust gewährleistet werden.
In einem Antriebsstrang müssen die Antriebselemente die Energie vom Motor auf die 27
Räder übertragen. Ohne diese Elemente könnte ein Kraftfahrzeug nicht fahren. Die Funk-
tion, die Berechnung und die Gestaltung von Antriebselementen werden in Kap. 27
behandelt. Dazu gehören die Schaltkupplung, die direkt hinter dem Motor angeordnet
ist. Darauf folgt das Zahnradgetriebe. Die Grundelemente für ein Getriebe sind Wellen,
auf denen die Zahnräder befestigt werden. Damit sich die Wellen drehen können, benö-
tigt man Lager. Um das Drehmoment vom Getriebe auf die Hinterräder zu übertragen,
wird eine Gelenkwelle benötigt. Die Räder werden an feststehenden Achsen befestigt und
müssen natürlich auch gelagert werden.
Komponenten des Antriebsstrangs und ihre Fertigungsverfahren. 29
Der Antriebsstrang eines Fahrzeugs umfasst alle Komponenten zur Übertragung des
Drehmoments des Motors auf die Straße. Alle diese Komponenten müssen auf die eine
oder andere Art und Weise hergestellt und gefertigt werden. In Abb. 29.16 sind exempla-
risch einige Komponenten aufgeführt. In den Kap. 30 bis 32 werden diese Komponenten
als Anwendungsbeispiele der jeweils typischen Fertigungsverfahren behandelt und in
Tab. 29.3 die jeweiligen typischen Fertigungsverfahren aufgeführt. Das schließt jedoch
nicht aus, dass gleiche oder ähnliche Komponenten auch mittels anderer Verfahren herge-
stellt werden können.
Turbinenrad und die Keramikform für das Feingießen des Turbinenrades eines Abgas- 30.2
turboladers. Der Turbolader besteht aus einer Turbine und einem Verdichter. Die Abgase
durchströmen die Turbine und treiben sie an. Über eine Wellenverbindung wird das Ver-
dichterrad angetrieben, das die Ansaugluft dem Verbrennungsraum zuführt. Dadurch
wird der Luftdurchsatz erhöht und die Ansaugarbeit des Motors vermindert.

Aluminiumfelgen hergestellt mittels Schwerkraft- oder Niederdruck-Kokillenguss 30.2


Aluminiumfelgen sind optisch ansprechender als Stahlfelgen und bringen darüber hin-
aus Gewichtsvorteile. Die Herstellung von Aluminiumfelgen erfolgt in der Regel mittels
Schwerkraft- oder Niederdruck-Kokillenguss. Als Verfahrensvariante kommt noch das
direkte Pressgießen infrage. Alternativ können sie aber auch geschmiedet und aus strang-
gepressten Ringen und einem Stern durch Schweißen zusammengebaut werden.
14 1 Maschinenbau – seine Vielfalt und die Motivation für dieses Lehrbuch

Bild Thema Kapitel


Sinterformteile für Motor und Getriebe: für Zahnräder, Nockenwellenversteller 30.2
Zahlreiche Bauteile in Motor und Getriebe werden heutzutage gesintert, um deren Poro-
sität zu verringern und die geforderten physikalischen Bauteileigenschaften zu erreichen.
So können Verzahnungen von Zahnrädern direkt gepresst und bei der Verwendung von
sinterhärtbaren Stählen sogar ohne nachträgliche Wärmebehandlung gehärtet werden.
Mögliche Einsatzbereiche sind Zahnräder zum Transport von Flüssigkeiten (Öl- und
Kraftstoffpumpen), aber auch Komponenten für variable Nockenwellenversteller.
Fertigungsprozess einer Kurbelwelle 30.3
Die Kurbelwelle gehört zu den am stärksten belasteten Bauteilen innerhalb eines Motors
und nimmt die von dem Kolben bei der Verbrennung auftretenden und über die Pleu-
elstangen übertragen Druckkräfte auf. Bei der Fertigung eines modernen Pkw-Motors
kommen unterschiedliche Fertigungsverfahren zum Einsatz. Um die große Belastung
möglichst gering zu halten, werden Kurbelwellen in mehreren Stufen geschmiedet, um
einen zusammenhängenden Faserverlauf zu erzielen, der kombiniert mit dem dichten
Gefüge eine große Festigkeit ergibt.
Fertigung einer Getriebewelle. Das Fahrzeuggetriebe ist eine zentrale Komponente im 30.4
Antriebsstrang eines Fahrzeuges. Es übersetzt die Motordrehzahl auf die Antriebsdreh-
zahl. Klassische Werkstoffe für solche Wellen sind Vergütungsstähle, wie z. B. 42CrMo4
oder 37MnSi5. Die Herstellung erfolgt, ausgehend von einem zylindrischen Rohteil (Stan-
genmaterial) über eine kombinierte Dreh- und Wälzfräsbearbeitung der Funktionsflächen.
Bearbeitung der Kolbenlaufflächen von Zylindern von Verbrennungsmotoren mittels Ho- 30.4
nens; Honen der Zylinderlaufbahnen. Die bekannteste Anwendung des Honens ist die
Bearbeitung der Kolbenlaufflächen von Zylindern von Verbrennungsmotoren. Durch das
Honen wird die Genauigkeit der Zylinderlaufbahnen erhöht, und die charakteristische
Oberfläche des Langhubhonens verbessert die Gleiteigenschaften wesentlich. Das Hon-
ergebnis wird zu einem großen Teil von den Eigenschaften der Werkzeugmaschine, der
Geometrie des Werkstückes und dem Werkstückwerkstoff bestimmt.
Komplettbearbeitung des Getriebegehäuses 31
Auswahl eines geeigneten Maschinenkonzepts für die Komplettbearbeitung des Getrie-
begehäuses. Das Getriebegehäuse des Leitbeispiels soll mit einer Stückzahl von 250.000
Einheiten pro Jahr hergestellt werden. Es sollen die Bearbeitungen mit notwendigen Auf-
spannungen und Bearbeitungen festgelegt und eine geeignete Maschine oder Anlage
ausgewählt werden. Zuerst wir die Bearbeitungszeit einer Einheit berechnet und auf die
Gesamtbearbeitungszeit pro Jahr der 250.000 Einheiten erweitert.
Rezyklieren der Werkstoffe eines Antriebsstranges. 33
Turbolader: Umschmelzen in artgleiche Legierung Pulverisieren, Reinigen, Sintern
Kurbelwellengehäuse: Primärlegierung Umschmelzen in gleiche Legierung,
Sekundärlegierung umschmelzen in Sekundärlegierung
Ölwanne: Regranulieren, Primärzusatz, Umformen/Schreddern, Schrottzugabe
für Roheisen
Getriebezahnräder: Umschmelzen für hochlegierten Stahl oder zur Roh- bzw.
Gusseisenherstellung
Der Zündtransformator. Das Benzin-Luftgemisch in einem Verbrennungsmotor: wird 35
durch eine Hochspannungsentladung gezündet. Dazu wird die in der Abbildung gezeigte
Schaltung verwendet. Deren Zeitverhalten wird von einem Hall-Sensor bestimmt, wel-
cher die Stellung der Kurbelwelle feststellt. Die Zündung wird vorbereitet, indem der
Hall-Sensor den Steueranschluss des Leistungstransistors auf Masse zieht. So kann ein
Strom von der Batterie durch die Primärspule und den Leistungstransistor zur Masse
fließen. Da die Sekundärspule in dieser Zeit keinen Strom führt, verhält sich der Transfor-
mator wie eine einzelne Spule der Induktivität.
Die von einer Solaranlage aufgeladene Batterie eines Elektroautos ermöglicht eine der 36
umweltfreundlichsten Arten, Auto zu fahren. Von der Sonne erreicht uns bei gutem
Wetter ein Energiestrom mit einer Flächenleistungsdichte von 1 kW/m2 . Im Jahresdurch-
schnitt, bei jedem Wetter, ist der Wert deutlich kleiner. Die elektrische Energie wird in
einem Akku gespeichert und später mit einem bestimmten Wirkungsgrad an den Elek-
tromotor abgegeben. Der Aktionsradius hängt von mehreren Faktoren ab, die diskutiert
werden.
Modell der Geschwindigkeitsregelung eines Elektrofahrzeugs 38
Ein Elektrofahrzeug sei mit einem permanenterregten Gleichstrommotor ausgerüstet,
der dem Fahrzeug eine gewünschte Geschwindigkeit verleihen soll. Dabei fungiert der
Verstärker als Regler.
Literatur 15

werden Sie feststellen, dass manche Teile in verschie- Weiterführende Literatur


denen Kapiteln vorkommen, jeweils beleuchtet aus dem
Blickwinkel des Kapitelthemas. So wird verständlich, wie
sehr die einzelnen Wissensgebiete verknüpft sind. WiGeP (2013) Universitäre Lehre in der Produktent-
wicklung – Leitfaden der Wissenschaftlichen Gesell-
schaft für Produktentwicklung, Wissenschaftliche Ge-
sellschaft für Produktentwicklung
Literatur VDI (2013) Ingenieure auf einen Blick – Erwerbstätig-
keit, Innovation, Wertschöpfung, Verein Deutscher In-
Verband der Automobilindustrie (VDA) (2017) Jahreszah- genieure
len 2016; https://www.vda.de/de/services/zahlen-
und-daten/jahreszahlen.html. Zugegriffen: 31.7.2017
Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau
(VDMA) (2017) Maschinenbau in Zahl und Bild
2017; https://www.vdma.org/article/-/articleview/
12874852. Zugegriffen: 31.7.2017
Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VD-
MA): Absolventen ingenieurwissenschaftlicher Stu-
diengänge an deutschen Hochschulen; https://www.
vdma.org/documents/105628/778064/Absolventen+
ingenieurwissenschaftlicher+Studiengänge. Zugegrif-
fen: 31.7.2017
Technische Mechanik Teil

Technische Mechanik
I
Inhaltsverzeichnis

2 Grundbegriffe und Kraftgruppen –


der Einstieg in die Technische Mechanik . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
3 Schnittgrößen – die inneren Kräfte und Momente in Trägern . . . . . 59
4 Spannungen, Verzerrungen und Materialgesetz –
wenn Werkstoffe versagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
5 Beanspruchungsarten – wie man Spannungen
und Verformungen berechnet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
6 Energiemethoden und Knicken – Verformungen und Kräfte berechnen 149
7 Kinematik des Massenpunktes – Grundbegriffe der Bewegung . . . . 165
8 Kinetik des Massenpunktes – wie beeinflussen Kräfte
und Momente die Bewegung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
9 Kinematik des starren Körpers – wie Gegenstände sich bewegen . . . 201
10 Kinetik des starren Körpers – Dinge kraftvoll bewegen . . . . . . . . . 223
11 Analytische Mechanik – über effiziente Algorithmen
Bewegungsgleichungen herleiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255
12 Einfache Schwingungen – periodische Vorgänge verstehen,
berechnen und beeinflussen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275
13 Schwingungen mit mehreren Freiheitsgraden – diskrete
und kontinuierliche Schwingungsmoden . . . . . . . . . . . . . . . . . 315

17
Grundbegriffe und
2

Technische Mechanik
Kraftgruppen – der Einstieg
in die Technische Mechanik
Was ist eigentlich eine
Kraft?
Warum würde ein
einachsiger Anhänger an
einer gelenkig am
Anhänger gelagerten
Deichsel wackeln?
Wie aus einer Büroklammer
ein rasanter Kreisel wird.

2.1 Grundbegriffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
2.2 Ebenes Kräftegleichgewicht am Punkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
2.3 Statisches Gleichgewicht am ebenen starren Körper . . . . . . . . . . 26
2.4 Räumliche Kraftsysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
2.5 Reibung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
2.6 Schwerpunkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018 19


W. Skolaut (Hrsg.), Maschinenbau, https://doi.org/10.1007/978-3-662-55882-9_2
20 2 Grundbegriffe und Kraftgruppen – der Einstieg in die Technische Mechanik

Die Statik ist das Teilgebiet der Technischen Mechanik, das sich mit
dem Einfluss von Kräften und Momenten auf ruhende oder gleich-
Technische Mechanik

förmig bewegte Körper beschäftigt. Typische Aufgaben der Statik


sind die Bestimmung von Lagerreaktionen (den Kräften und Mo-
menten, mit denen eine Struktur gelagert ist) und Schnittgrößen
(den inneren Kräften und Momenten).
Im vorliegenden Kapitel werden wir uns vor allem damit befassen,
wie man für einen unter Belastung stehenden Körper die Lagerreak-
Kraft F
tionen berechnet, welche den Körper im statischen Gleichgewicht
halten. Dabei ist zwischen sehr kleinen (punktförmigen) Körpern, Angriffspunkt
ebenen Körpern, die nur in ihrer Ebene belastet werden, und
räumlichen Körpern zu unterscheiden, da sich auch die statischen
Gleichgewichtsbedingungen für diese Arten von Körpern unter-
Körper
scheiden. Schließlich werden wir uns mit verschiedenen Arten von Wirkungslinie
Reibung – Gleitreibung, Haftung, Rollreibung und Seilreibung –
und der Ermittlung des Schwerpunktes befassen. Die Kenntnis des
Schwerpunktes ist wichtig bei auf Strecken, Flächen und Volumina Abb. 2.1 Kräfte sind Vektoren. Beschrieben werden sie durch Betrag (der sich
verteilten Lasten sowie später in der Festigkeitslehre bei der Be- z. B. durch die Pfeillänge darstellen lässt), Wirkungslinie, Richtung und Angriffs-
punkt
schreibung von Biegespannungen.

ren. Wie bei Vektoren üblich veranschaulicht man Kräfte


2.1 Grundbegriffe in Zeichnungen und Skizzen durch Pfeile. Hierbei las-
sen sich Betrag und Richtung des Kraftvektors durch die
Anfangen wollen wir mit einer Reihe von Grundbegrif- Länge und die Orientierung des Vektorpfeils darstellen.
fen, die wir kennen müssen, um uns vernünftig miteinan- Die quasi „unendliche“ Verlängerung des Pfeils in bei-
der verständigen zu können. de Richtungen wird Kraftwirkungslinie oder einfach nur
Wirkungslinie genannt (Abb. 2.1).
Man wird intuitiv vermuten, dass der Kraftangriffspunkt,
Eine Kraft bewirkt Veränderungen den es ja ganz real gibt, wichtiger ist als die Kraftwir-
kungslinie, die ja nur eine gedachte Verlängerung des
Kraft ist die in der Technischen Mechanik wohl be- Kraftpfeiles ist. Doch das Gegenteil ist der Fall. In der
deutsamste physikalische Größe. Kräfte können die Ge- Statik ist die Wirkungslinie weit wichtiger als der ei-
schwindigkeit eines Körpers in Betrag und Richtung ver- gentliche Kraftangriffspunkt, der natürlich immer auf der
ändern oder Körper verformen. Mit ein paar Beispielen Wirkungslinie liegt.
aus unserer alltäglichen Erfahrung wird diese Definition Um das zu verstehen, müssen wir uns zunächst aber mit
anschaulicher: Wird ein Ball geworfen oder prallt auf dem einer weiteren wichtigen Modellvorstellung der Statik be-
Boden auf, so ist die Ursache für die geänderte Geschwin- schäftigen, dem starren Körper.
digkeit (beim Werfen) oder die geänderte Bewegungs-
richtung (beim Aufprall) jeweils eine Kraft. Beispiele für
die Verformung von Körpern durch an ihnen angreifende Der starre Körper
Kräfte sind das Einfedern einer Mountainbikegabel oder
Starre Körper sind streng genommen definiert als Kör-
das Modellieren von Knetmasse.
per, die sich unter Belastung nicht verformen. Auch wenn
Kräfte lassen sich in äußere und innere Kräfte einteilen. diese Modellvorstellung in der Realität niemals mit ma-
Äußere Kräfte wiederum kann man in eingeprägte Kräfte thematischer Exaktheit zutrifft – selbst ein massiger Ha-
und Zwangs- oder Reaktionskräfte unterscheiden. Ein- fenkran verformt sich ein wenig, wenn er irgendeine,
geprägte Kräfte sind die an einem Bauteil angreifenden auch noch so kleine Masse anhebt – so ist sie dennoch
Kräfte wie zum Beispiel Gewichtskräfte oder Windlasten. für die statische Analyse fast aller technischer Strukturen
Als Zwangskräfte bezeichnet man die durch die Lagerung eine weitgehend zutreffende und äußerst nützliche Idea-
des Bauteils hervorgerufenen Kräfte. lisierung.
Zum einen, weil sich reale technische Strukturen un-
Angriffspunkt und Wirkungslinie ter üblichen Betriebslasten in der Regel nur um einen
Kräfte besitzen einen Betrag, eine Richtung und einen Bruchteil ihrer eigenen Abmessungen verformen, sodass
Kraftangriffspunkt; man sagt, sie sind gebundene Vekto- statische Berechnungen (z. B. von Lagerreaktionen oder
2.1 Grundbegriffe 21

inneren Kräften) mit und ohne Berücksichtigung der Bau-


teilverformung praktisch identische Ergebnisse liefern.

Technische Mechanik
Zum anderen, weil man Kräfte in der Statik starrer Kör-
per nicht mehr als gebundene Vektoren auffassen muss,
sondern, wie wir gleich sehen werden, sie entlang ihrer
Wirkungslinie verschieben darf.

Frage 2.1
Nennen Sie zwei technische Strukturen, die sich nicht als
starre Körper ansehen lassen.

Abb. 2.3 Wirken Kräfte auf deformierbare Körper, so erzeugen sie bei einer
Welche Auswirkung hat die Modellvorstellung des star- Verschiebung entlang ihrer Wirkungslinie unterschiedliche Verformungszustän-
ren Körpers nun auf die Bedeutungen von Kraftangriffs- de und sind somit nicht mehr linienflüchtig
punkt und Wirkungslinie in der Statik? Sehen wir uns
hierzu an einem Beispiel an, was passiert, wenn eine Kraft
entlang ihrer Wirkungslinie verschoben wird.
Verschiebbarkeit von Kräften
Beispiel Auf einen starren Körper wirkende Kräfte können
entlang ihrer Wirkungslinie verschoben werden, oh-
ne dass dies Einfluss auf das statische Gleichgewicht
1000 N des Körpers hat.

Man sagt dazu auch, dass auf starre Körper wirkende


Kräfte linienflüchtige Vektoren sind.
Aber Vorsicht: Sobald wir deformierbare Körper betrach-
ten, gilt die Linienflüchtigkeit der Kraftvektoren nicht
mehr. So verformt sich ein deformierbarer Körper, wenn
er an seiner Unterseite durch eine Druckkraft belastet
wird, gänzlich anders, als wenn er an seiner Oberseite
durch eine Zugkraft belastet wird, obwohl sich diese bei-
den Lastfälle auch nur dadurch unterscheiden, dass die
äußere Kraft entlang ihrer Wirkungslinie verschoben wur-
de (Abb. 2.3).
1000 N

Einheit
Abb. 2.2 Für die Statik des abgebildeten starren Trägers ist es gleichgültig, ob
die angreifende Kraft auf dem Träger liegt oder unter ihm aufgehängt ist. In der Die Einheit der Kraft ist das Newton (Formelzeichen N,
Statik darf man auf starre Körper wirkende Kräfte entlang ihrer Wirkungslinie
nach Sir Isaac Newton, 1643–1727). Es setzt sich nach dem
verschieben
zweiten Newton’schen Axiom „Kraft gleich Masse mal
Beschleunigung“ aus den Einheiten von Weg, Masse und
Eine Gewichtskraft von 1000 N soll von einem Träger Zeit zusammen als:
getragen werden, und zwar im ersten Fall, indem das Ge-
wicht mittig auf den Träger gelegt wird, und im zweiten
Fall, indem das Gewicht an einer Schnur mittig unter den Definition der Krafteinheit Newton
Träger gehängt wird (Abb. 2.2). Mechanisch gesehen ent-
spricht die unterschiedliche Positionierung des Gewichts m
1 N = 1 kg .
einer Verschiebung des Kraftangriffspunktes entlang der s2
Kraftwirkungslinie, und diese Verschiebung ist für die
Statik des Trägers – die Lagerkräfte an linker und rech-
ter Trägerseite – ohne irgendeine Auswirkung, denn die Auf der Erdoberfläche, wo die Erdbeschleunigung g mit
Lagerkräfte betragen in beiden Fällen jeweils 500 N.  9,81 m/s2 in etwa konstant ist, gilt für die Gewichtskraft G
22 2 Grundbegriffe und Kraftgruppen – der Einstieg in die Technische Mechanik

Fy = Fsinα F3
Technische Mechanik

F
α
F2
Fx = Fcosα
R
Abb. 2.4 Kräfte lassen sich mit den geeigneten Winkelfunktionen in ihre Kom-
ponenten zerlegen

F1

einer Masse m der Zusammenhang G = 9,81 m/s2 · m, so-


dass eine Masse von 1 kg genau die Gewichtskraft 9,81 N
hat. Abb. 2.5 Kräfte kann man grafisch addieren, indem man die einzelnen Kraft-
pfeile hintereinanderreiht

Komponentenzerlegung
Es ist vielfach zweckmäßig, eine Kraft in ihre Komponen-
ten zu zerlegen, bei ebenen Problemen beispielsweise in F1x + F2x + ... + Fnx = Rx ,
die x- und y-Komponente. Hierzu brauchen wir die geeig- F1y + F2y + ... + Fny = Ry und
nete Winkelfunktion, und es stellt sich die Frage „Sinus
F1z + F2z + ... + Fnz = Rz .
oder Kosinus?“. Zwei Möglichkeiten gibt es vorzugehen
(Abb. 2.4).
Für die Variante 1 müssen Sie die Definition von Sinus-
Grafisch werden Kraftvektoren zur Resultierenden R ad-
und Kosinusfunktion kennen: Sinus = Gegenkathete/ diert, indem man die zu addierenden Kräfte durch Paral-
Hypothenuse und Kosinus = Ankathete/Hypothenuse. lelverschiebung nach dem Muster „Startpunkt des neuen
Da in Abb. 2.4 die Horizontalkomponente Fx am Winkel α
Vektors an den Endpunkt des vorhergehenden“ aneinan-
angreift, muss Fx über die Ankathete, also den Kosinus derreiht (Abb. 2.5).
definiert sein. Und Fy muss, da gegenüber von α lie-
gend (nämlich dann, wenn man Fy zwischen die beiden Greifen alle zu addierenden Kräfte im selben Punkt an
anderen Pfeilspitzen nach rechts verschiebt) über die Ge- (bzw. treffen sich alle Kraftwirkungslinien in einem ein-
genkathete, also den Sinus definiert sein. zigen Punkt), so greift auch die Resultierende in diesem
Die Variante 2 funktioniert ohne diese Definitionen, da- Punkt an. Kreuzen sich die Wirkungslinien der zu addie-
für müssen Sie aber die grafischen Verläufe von Sinus- renden Kräfte hingegen nicht in einem einzigen Punkt, so
und Kosinusfunktion vor Augen haben. Wir merken uns: ist die Wirkungslinie der Resultierenden so zu legen, dass
Für 0° sind sin 0◦ = 0 und cos 0◦ = 1, und für 90° sind die Momentenwirkung der Kräfte erhalten bleibt. Mit der
sin 90◦ = 1 und cos 90◦ = 0. So wie der Winkel α in Momentenwirkung von Kräften werden wir uns in Ab-
Abb. 2.4 gegeben ist, liegt er näher an 0° als an 90°. Wir schn. 2.3 näher befassen.
stellen uns daher vor, was aus den Komponenten Fx und
Fy würde, wenn α tatsächlich gegen 0° ginge. Fx würde
genauso groß wie F werden, wir benötigen für Fx also ei- Statisches Gleichgewicht
ne Winkelfunktion, die für 0° den Wert 1 annimmt, das
Statisches Gleichgewicht liegt immer dann vor, wenn ein
ist der Kosinus. Und Fy würde zu null werden, wir brau-
Körper nicht beschleunigt wird, also insbesondere dann,
chen für Fy also eine Winkelfunktion, die für 0° den Wert
wenn ein Körper ruht. Alle auf den Körper wirkenden
0 annimmt, also den Sinus.
Kräfte und Momente gleichen sich dann zu null aus.
Achtung Sehen Sie zu, dass Sie die Winkelfunktionen
aus dem „Effeff“ beherrschen. Sie werden Sie in sehr
vielen Aufgaben der Technischen Mechanik anwenden Balken
müssen. 
In technischen Anwendungen werden Kräfte sehr oft
von schlanken Trägern aufgenommen. Ein Träger, dessen
Kräfteaddition
Querschnittsabmessungen deutlich kleiner als seine Län-
Die Addition von Kräften geschieht nach den Gesetzen ge sind, wird allgemein als Balken bezeichnet. So würde
der Vektoraddition. Rechnerisch werden also schön ge- man beispielsweise ein Stuhlbein, einen Schlagbaum, aber
trennt alle x-, y- und gegebenenfalls z-Koordinaten der zu auch ein Sprungbrett oder die Fahrbahn einer Brücke in
addierenden Kräfte F 1 bis F n zur entsprechenden Koordi- der Terminologie der Technischen Mechanik als Balken
nate der Resultierenden R addiert. bezeichnen.
2.1 Grundbegriffe 23

Freischneiden und Freikörperbilder


Ist ein Problem der Statik schon so weit aufbereitet,

Technische Mechanik
dass alle an einen Körper angreifenden Kräfte als Pfeile
eingezeichnet sind, dann kann man mit diesen Kräften
rechnen. Wir könnten beispielsweise die Resultierende
R dieser Kräfte berechnen oder – wie das in den Ab-
schn. 2.2 und 2.3 erklärt ist – Lagerreaktionen ermitteln.
Aber die Realität ist anders: In der technischen Praxis ist
die zu analysierende Struktur eben nicht nur durch aller-
10 kg
lei Kraftpfeile belastet, sondern auch durch Lagerungen
und Festhaltungen in ihrer Umgebung verankert. Um die
angreifenden Kräfte dann analysieren zu können, müssen
wir diese Lagerungen erst durch die von ihnen ausgeüb-
ten Kräfte ersetzen.
Damit sind wir beim Prinzip des Freischneidens: Alles,
was auf den betrachteten Körper eine Kraft oder ein Mo-
ment ausübt, wird durch eben diese Kraft (bzw. dieses
Moment) ersetzt. In der Regel betrifft dies alle Lager,
Festhaltungen, Personen, Rollen, das im Schwerpunkt an-
zunehmende Eigengewicht eines Körpers etc.
Das Ergebnis eines Freischnitts ist ein Freikörperbild.
Abb. 2.6 Durch reibungsfrei drehbar gelagerte Rollen werden Kräfte nur um-
gelenkt. Auf beiden Seiten der Rolle ist die Kraft im Seil gleich groß Ein Körper ist immer dann ordnungsgemäß freigeschnit-
ten, wenn er im Freikörperbild völlig losgelöst „in der
Luft schwebt“ und nur noch durch verschiedene Kräf-
te, Momente und dergleichen belastet wird. In ein gutes
Stäbe und Seile
Freikörperbild sind auch alle wichtigen Abmessungen
Ein Stab ist ein Spezialfall eines Balkens. Ein Balken wird einzuzeichnen, sodass sich eine Aufgabe der Technischen
immer dann als Stab bezeichnet, wenn er an beiden Seiten Mechanik schließlich vollkommen auf Basis des Freikör-
gelenkig eingespannt ist und nur an den Einspannstellen perbildes und ohne weiteres Nachschlagen in der Aufga-
belastet wird. Ein Stab kann nur Kräfte in Stabrichtung benstellung lösen lässt.
aufnehmen, und zwar entweder Zug- oder Druckkräfte.
Beispiel Eine 900 N schwere Person steht auf einem
Frage 2.2 Sprungbrett (Abb. 2.7). Zu zeichnen ist das Freikörper-
bild.
Nennen Sie Beispiele für die technische Anwendung von
Stäben.

Ähnlich wie ein Stab kann auch ein straff gespanntes Seil
nur Kräfte in Längsrichtung aufnehmen, wobei aber die
Fähigkeit zur Kraftübertragung beim Seil auf Zugkräfte
beschränkt ist.

3m 2m
Reibungsfrei drehbar gelagerte Rollen
Wird ein Seil über eine reibungsfrei drehbare Rolle ge- 900 N
führt, so lenkt die Rolle die Richtung der Seilkraft nur Bx
um, ohne dabei den Betrag der Seilkraft zu ändern. So
muss die in Abb. 2.6 am Seil ziehende Person das 10 kg Ay By
3m 2m
schwere Gewicht mit eben dieser Gewichtskraft 10 kg ·
9,81 m/s2 = 98,1 N festhalten, damit es nicht zu Boden Abb. 2.7 Person auf Sprungbrett (oben ) und zugehöriges Freikörperbild (un-
fällt. Durch die drehbare Rolle ändert sich somit nur ten )
die Richtung der erforderlichen Haltekraft. Müsste die
Haltekraft ohne die Rolle senkrecht nach oben ausgeübt Wir sehen das Sprungbrett als einen Balken an und er-
werden, so ist sie nun aufgrund der Umlenkrolle nach setzen Person und Lager wie folgt: Das Lager A, das das
links unten orientiert. Sprungbrett ausschließlich in vertikale Richtung abstützt,
24 2 Grundbegriffe und Kraftgruppen – der Einstieg in die Technische Mechanik

Übersicht: Tipps zur Bearbeitung von Aufgaben der Technischen Mechanik


Technische Mechanik

Die Technische Mechanik ist ein typisches Textaufga- Zweifelsfall lieber zu groß als zu klein. Denken Sie
benfach. Bitte beherzigen Sie die folgenden einfachen daran: Das Freikörperbild ist Ihr Lösungsansatz. Oh-
Ratschläge, die Ihnen wesentlich dabei helfen werden, ne korrektes Freikörperbild keine richtige Lösung.
die Übersichtlichkeit einer Berechnung zu erhöhen und Rechnen Sie so lange wie möglich mit Formelzei-
die Fehleranfälligkeit zu verringern. chen Setzen Sie konkrete Zahlenwerte erst zum
Schluss der Rechnung ein. Sie reduzieren so den
Zeichnen Sie Freikörperbilder liebevoll Der Schreibaufwand, erhöhen die Übersichtlichkeit und
Schlüssel zur Lösung jeder Textaufgabe ist der richti- minimieren unnötige Flüchtigkeitsfehler.
ge Ansatz, und für die weitaus meisten Aufgaben der Rechnen Sie immer mit Einheiten Wenn Sie
Technischen Mechanik ist der Ansatz das Freikörper- konkrete Zahlenwerte einsetzen, vergessen Sie die
bild. Zeichnen Sie Freikörperbilder also stets sorgfäl- Einheiten nicht. Die Kontrolle, ob die Einheit Ih-
tig und groß genug, um alle Pfeile, Formelzeichen res Ergebnisses passt, ist immer eine wichtige erste
und Bemaßungen bequem eintragen zu können. Im Kontrolle des Ergebnisses auf Richtigkeit.

durch die Lagerkraft Ay , das Lager B, das das Sprungbrett In der Statik interessiert die Frage, wie groß die angrei-
in horizontaler und vertikaler Richtung abstützt, durch fenden Kräfte sein müssen, bzw. in welche Richtung sie
die Lagerkräfte Bx und By , und die Person durch eine nach wirken müssen, damit sich der betrachtete Körper im sta-
unten gerichtete Kraft des Betrags 900 N. Damit ergibt tischen Gleichgewicht befindet. Die Beantwortung dieser
sich das abgebildete Freikörperbild, mit dessen Hilfe wir Frage kann rechnerisch oder grafisch erfolgen.
nun die Kräfte berechnen könnten, die von den Lagern
auf das Sprungbrett ausgeübt werden. In den folgenden
Kapiteln wird gezeigt, wie das geht.  Rechnerische Bestimmung
Einheiten Befindet sich ein Körper im statischen Gleichgewicht,
Mit Einheiten kann man wie mit Zahlen rechnen. Und so müssen sich die an ihm angreifenden Kräfte in ih-
Sie sollten dies auch tun, denn eine falsche, weil gerate- rer Summe zu null ergänzen, denn andernfalls würde
ne Einheit bedeutet, dass das Ergebnis (grob) falsch ist. der Körper dem 2. Newton’schen Axiom F = m · a gemäß
Eine Anwendung für das Rechnen mit Einheiten ist das beschleunigt werden. Für Vektoren heißt das, dass alle
Umrechnen von Einheiten, wie im folgenden Beispiel. Komponenten, jeweils für sich aufsummiert, null ergeben.
Wir erhalten somit als
Beispiel In Großbritannien und der Vereinigten Staa-
ten wird der Luftdruck oft in psi („pounds per square
inch“) angegeben. Hierbei entsprechen 1 lbf = 4,448 N Gleichgewichtsbedingungen in ebenen Problemen
und 1 in = 25,4 mm. Wie vielen Pascal entspricht ein psi?
→ ∑ Fix = 0 und
Zur Umrechnung der Einheiten denken wir uns die
anglo-amerikanischen Einheiten jeweils eingeklammert ↑ ∑ Fiy = 0 .
und ersetzen sie durch die SI-Einheiten. Wir erhalten
lbf 4,448 N N
1 psi = 1 = = 6894 = 6894 Pa. Für räumliche (dreidimensionale) Fragestellungen käme
in2 (25,4 (0,001 m))2 (m)2 als dritte Gleichgewichtsbedingung noch das Kräfte-

gleichgewicht in z-Richtung hinzu. Die Pfeile vor den
Summenzeichen zeigen an, welche Kraftrichtung jeweils
als positiv gewertet wird. Beispiel x-Richtung: Horizonta-
2.2 Ebenes Kräftegleichgewicht le Kraftkomponenten, die von links nach rechts wirken,
am Punkt gehen mit positivem Vorzeichen und solche, die von
rechts nach links wirken, mit negativem Vorzeichen in die
Kräftebilanz ein.
Wir betrachten in diesem Kapitel Körper, an denen ver-
schiedene Kräfte so angreifen, dass sich ihre Wirkungs- Wie diese Gleichgewichtsbedingungen anzuwenden sind,
linien in einem Punkt schneiden. Ebenfalls gebräuchlich erschließt sich am besten an einem Beispiel, wie es in der
sind die Begriffe zentrales Kräftesystem oder zentrale Box Freischneiden und Anwendung der Gleichgewichtsbedin-
Kraftgruppe. gungen zu finden ist.
2.2 Ebenes Kräftegleichgewicht am Punkt 25

Beispiel: Freischneiden und Anwendung der Gleichgewichtsbedingungen

Technische Mechanik
Eine Straßenbeleuchtung mit dem Gewicht G = 80 N S1
S2
ist wie skizziert an zwei Seilen befestigt, die um die α = 20° β = 25°
Winkel α = 20◦ und β = 25◦ zur Horizontalen geneigt
sind. Bestimmen Sie die Kräfte in den Seilen.

Seil 1, Seil 2,
α = 20° β = 25° G

Damit lässt sich nun rechnen. Das Aufsummieren aller


x-Komponenten führt auf

→ ∑ Fix = −S1 cos α + S2 cos β = 0 ,


und bei den y-Komponenten erhalten wir

↑ ∑ Fiy = S1 sin α + S2 sin β − G = 0 .


Problemanalyse und Strategie: Eine typische Aufgabe Das sind zwei Gleichungen für die zwei Unbekannten
zur Berechnung von Lagerreaktionen. In einem ersten S1 und S2 ; das lässt sich lösen. Aus dem Gleichgewicht
Schritt müssen wir den betrachteten Körper freischnei- in x-Richtung ergibt sich
den, um so zu einem Freikörperbild zu gelangen,
cos β
das alle auftretenden Kräfte enthält. Die unbekannten S1 = S2 ,
Kräfte dieses Freikörperbildes berechnen wir dann mit cos α
den Gleichgewichtsbedingungen. woraus wir, eingesetzt in das y-Gleichgewicht,
G
Lösung: Aus Erfahrung wissen wir, dass sich Stra- S2 =
cos β tan α + sin β
ßenlaternen – wenn nicht gerade ein schwerer Orkan 80 N
herrscht – nicht einfach so von ihrem Platz entfernen, = = 106,31 N
sich also im statischen Gleichgewicht befinden. Da al- cos 25◦ tan 20◦ + sin 25◦
le Kräfte an der Lampenaufhängung angreifen – die sowie
Gewichtskraft G der Lampe und die beiden Seilkräf- cos β cos 25◦
te – handelt es sich um ein Problem des Kräftegleich- S1 = S2 = 106,31 N = 102,54 N
cos α cos 20◦
gewichts an einem Punkt.
berechnen. Wir erhalten als Lösung (mit vernünfti-
Beginnen wir mit dem Freikörperbild. Hierfür schnei- ger Genauigkeit, nicht der überhöhten Genauigkeit der
den wir die Lampenaufhängung frei. Es wird also – wie Zwischenergebnisse) 103 N für S1 und für 106 N S2 .
mit einem schweren Seitenschneider – Seil 1 an der
Aufhängung abgeschnitten und ganz schnell, damit Beachten Sie, dass diese Lösung den in der Übersicht
die Lampe das sozusagen gar nicht merkt, durch die Tipps zur Bearbeitung von Aufgaben der Technische Mecha-
Seilkraft S1 ersetzt. Selbiges passiert mit Seil 2, das wir nik aufgeführten Tipps folgt, insbesondere wurde ein
durch die Seilkraft S2 ersetzen. Schließlich schneiden sorgfältiges Freikörperbild gezeichnet, dann wurde so
wir noch die Lampe selbst weg und ersetzen sie durch lange wie möglich mit Formelzeichen (G, α und β) ge-
ihre Gewichtskraft G. Wir tragen noch alle relevanten rechnet, und die konkreten Werte wurden erst ganz zu
Abmessungen ein – das sind hier nur die Winkel α und Schluss eingesetzt und in den Taschenrechner einge-
β – und erhalten das folgende Freikörperbild: tippt.
26 2 Grundbegriffe und Kraftgruppen – der Einstieg in die Technische Mechanik

Grafische Methode Startpunkt von G). Wir erhielten dann ein Krafteck, das
links (und nicht rechts) von G liegt, aber die gleichen
Technische Mechanik

Ergebnisse für S1 und S2 liefert. 


Wie die rechnerische Methode baut auch die grafische
Methode auf dem Freikörperbild auf. Nehmen wir erneut
das Beispiel der Straßenbeleuchtung aus der Beispielbox
Achtung Zentrale Kraftgruppen können auch dann vor-
Freischneiden und Anwendung der Gleichgewichtsbedingun-
liegen, wenn die Kräfte nicht alle an einem einzigen Punkt
gen.
angreifen, es brauchen sich ja nur die Wirkungslinien der
angreifenden Kräfte in einem Punkt zu schneiden. Das
Beispiel Das Freikörperbild können wir von der rech- ist immer dann der Fall, wenn genau drei nicht parallele
nerischen Lösung übernehmen. Grundidee der grafischen Kräfte an einem Körper angreifen und sich dieser Körper
Lösung ist es, alle auftretenden Kräfte als maßstäbliche im statischen Gleichgewicht befindet. Die Wirkungslini-
Kräfte so hintereinander zu legen (d. h. zu addieren), dass en dieser drei Kräfte können gar nicht anders als sich
sie in Summe den Nullvektor ergeben, also einen Vektor- in einem einzigen Punkt zu schneiden weil der Körper
pfeil, bei dem Spitze und Startpunkt aufeinanderfallen. nämlich andernfalls in Drehbewegung versetzt werden
Einfacher gesagt: Die Spitze des letzten Pfeils muss auf würde. Es handelt sich dann also ebenfalls um eine Auf-
den Startpunkt des ersten Pfeils treffen. Man sagt dann, gabe zum Kräftegleichgewicht am Punkt. 
die auftretenden Kräfte bilden ein geschlossenes Krafteck.
Beim Beispiel der Straßenbeleuchtung funktioniert das
wie folgt: Dem Freikörperbild entnehmen wir, dass ge- 2.3 Statisches Gleichgewicht
nau drei Kräfte an der Lampenaufhängung angreifen, S1 ,
S2 und G. Von diesen ist nur die Kraft G in Betrag und am ebenen starren Körper
Richtung bekannt (Betrag 80 N, Richtung senkrecht nach
unten), von S1 und S2 kennen wir dagegen nur die jewei- Wir kommen nun zum statischen Gleichgewicht für einen
ligen Richtungen. Wir zeichnen daher zuerst G auf, dann ebenen starren Körper. Wie schon bei den zentralen Kraft-
als dünne Hilfslinien die um 20° bzw. 25° zur Horizon- gruppen lässt sich dieses auf grafische oder auf rechneri-
talen geneigten Wirkungslinien von S1 und S2 (eine Linie sche Weise behandeln. In vielen Fällen geht es dabei um
an den Startpunkt, die andere an die Spitze von G, welche die Ermittlung von Lagerreaktionen, das sind diejenigen
wohin kommt, ist egal) und tragen S1 und S2 schließlich Kräfte und Momente, mit denen der betrachtete Körper
so auf die Wirkungslinien ein, dass sich ein geschlossenes festgehalten wird. Wir wollen zunächst die zwei wich-
Krafteck ergibt (Abb. 2.8). Aus der Länge der Pfeile kön- tigsten Grundbegriffe, anschließend behandeln wir die
nen wir nun die Beträge der Seilkräfte ablesen. rechnerische Bestimmung von Lagerreaktionen.

S1

Kräfte mit Hebelarm: das Moment


G S2
Betrachten wir einen Schraubenschlüssel, wie er z. B.
zum Anziehen und Lösen von Radmuttern verwen-
det wird (Abb. 2.9). Beim Anziehen einer Radmutter wird
Abb. 2.8 Grafische Aufspaltung der Gewichtskraft G in die Seilkräfte S1
und S2

Noch zwei Anmerkungen zur grafischen Lösung:

Beim Einzeichnen der Kraftpfeile wird von einem


Kräfteplan gesprochen: „Die Stabkräfte S1 , S2 und G
werden in einen Kräfteplan eingezeichnet.“ Kräfteplä-
ne sind stets maßstäblich. Der oft als mF bezeichnete
Kräftemaßstab hat Einheiten von Kraft pro Länge. So
bedeutet z. B. mF = 10 N/cm, dass jeder Zentimeter F
Pfeillänge einer Kraft von 10 N entspricht. F
Wir hätten in den Kräfteplan der Beispielaufgabe auch
die Anordnung der Wirkungslinien von S1 und S2 ver- Abb. 2.9 Ein Kräftepaar – zwei entgegen gesetzt gerichtete Kräfte gleichen
tauschen können (d. h. S1 an die Spitze und S2 an den Betrags – entfaltet eine drehende Wirkung, die man als Moment bezeichnet
2.3 Statisches Gleichgewicht am ebenen starren Körper 27

der Schraubenschlüssel an beiden Hebelarmen mit gleich Kraftangriffspunkt und Momentenbezugspunkt. Wir er-
großen, entgegengesetzt gerichteten Kräften – einem so- innern uns: In der Statik starrer Körper ist der Kraftan-

Technische Mechanik
genannten Kräftepaar – belastet. Da sich offensichtlicher griffspunkt völlig unerheblich, viel wichtiger ist die Lage
Weise alle Kraftkomponenten jeweils zu null ausgleichen, der Kraftwirkungslinie. Folgerichtig ist der Hebelarm ei-
herrscht Kräftegleichgewicht. Aber der Schraubenschlüs- ner Kraft definiert als der Abstand der Kraftwirkungslinie
sel befindet sich trotzdem nicht im statischen Gleichge- zum betrachteten Momentenbezugspunkt (Abb. 2.10).
wicht, denn er wird ja gedreht.
Achtung Wenn Sie Schwierigkeiten haben, den Hebel-
Zur Beschreibung des statischen Gleichgewichts eines arm einer Kraft zu bestimmen: Zeichnen Sie in das
starren Körpers reichen also die Kräftegleichgewichte al- Freikörperbild einfach zu jedem Kraftpfeil auch die Wir-
lein nicht aus. Es wird noch eine weitere Bedingung kungslinie ein, dann geht’s ganz einfacher. 
benötigt, die die Drehwirkung der angreifenden Lasten
beschreibt. Mit dem Momentengleichgewicht als dritter Bedingung
erhalten wir die folgenden
Aus Erfahrung wissen wir: Je weiter außen ein solcher
Schraubenschlüssel angefasst wird, desto leichter lässt
sich die Schraube einschrauben. Die Drehwirkung der an- Gleichgewichtsbedingungen für den ebenen starren
greifenden Kräfte hängt also von ihrem Hebelarm ab. Die Körper
diese Erfahrung beschreibende physikalische Größe ist
→ ∑ Fix = 0 ,
das Moment bzw. Drehmoment.
Ein Moment ist ein Vektor, dessen Richtung der Richtung ↑ ∑ Fiy = 0 und
entspricht, um die das Moment dreht. Physikalisch kor-
rekt ist das von einer Kraft bzgl. eines Punktes ausgeübte  ∑ M(O)
i =0.
Moment definiert als Vektorprodukt aus Orts- und Kraft-
vektor, eine Definition, auf die wir im Kapitel Räumliche
Statik zurückkommen werden. Bei den hier betrachteten Diese Gleichungen haben recht anschauliche Bedeutun-
ebenen Problemen reicht es aus, wenn wir uns auf die Be- gen. Sie besagen, dass ein Körper im statischen Gleichge-
träge der Momente beschränken. wicht

nicht in x-Richtung beschleunigt wird, da alle x-Kom-


Betrag eines um einen Bezugspunkt ausgeübten Mo- ponenten der angreifenden Kräfte in Summe null erge-
ments ben,
nicht in y-Richtung beschleunigt wird, da alle y-Kom-
|Moment| = Kraft × Hebelarm ponenten der angreifenden Kräfte in Summe null erge-
ben, und
auch nicht in Rotation versetzt wird, da alle auf den
Vorsicht ist bei der Bestimmung des Hebelarms geboten. Körper ausgeübten Drehwirkungen – die Momente –
Der Hebelarm ist nämlich nicht der Abstand zwischen ebenfalls in Summe null ergeben.

Der hochgestellte Index (O) im Momentengleichgewicht


steht für den Momentenbezugspunkt. Das Momenten-
gleichgewicht besagt somit: „Im statischen Gleichgewicht
Bezugspunkt
ergänzen sich alle um den Bezugspunkt O auf einen
Körper wirkenden Momente in ihrer Summe zu null.“ Be-
Hebelarm
sonders wichtig ist dabei die

Freie Wahl des Momentenbezugspunktes


Die Lage des Momentenbezugspunktes kann voll-
kommen frei gewählt werden. Wichtig ist lediglich,
Kraft dass sich alle Momente innerhalb eines Momenten-
gleichgewichts immer auf denselben Bezugspunkt
beziehen.

Abb. 2.10 Der Hebelarm einer Kraft ist definiert als der Abstand der Kraftwir- Man kann also bei der Wahl des Bezugspunktes nichts
kungslinie zum betrachteten Momentenbezugspunkt grundfalsch machen – jeder Bezugspunkt ist erlaubt –,
28 2 Grundbegriffe und Kraftgruppen – der Einstieg in die Technische Mechanik

Leitbeispiel Antriebsstrang
Technische Mechanik

Kräfte im Triebwerk eines Hubkolbenmotors:


. . . zur Berechnung des Drehmoments eines Motors aus der
Gaskraft der Kraftstoffverbrennung

In Hubkolbenmotoren werden die Gaskräfte aus der Damit zu den Kräften. Auf den Kolben wirken:
Kraftstoffverbrennung vom Kolben über den Kolben-
Die Kolbenkraft FK , welche im Wesentlichen aus der
bolzen, die Pleuelstange und den Kurbelzapfen auf die
Gaskraft durch die Kraftstoffverbrennung sowie in
Kurbelwelle übertragen, wo sie schließlich das Dreh-
kleinerem Maße aus der Trägheitskraft des Kolbens
moment des Motors erzeugen. Welche Kräfte wirken
besteht.
dabei auf die einzelnen Bauteile im Motor, und wel-
Die Reaktionskraft der Zylinderwand, welche, da
cher Zusammenhang besteht zwischen der Gaskraft
der Kolben durch den Schmierfilm zwischen Zylin-
am Kolben und dem Drehmoment an der Kurbelwelle?
derwand und Kolben weitgehend reibungsfrei läuft,
Verschaffen wir uns zunächst einmal einen Überblick senkrecht zur Zylinderwand wirkt. Sie ist deswegen
über die für unsere Fragestellung wichtigen Abmes- als Normalkraft FN bezeichnet.
sungen sowie die an den genannten Bauteilen wirken- Die Pleuelstangenkraft FP . Diese wirkt, da die Pleu-
den Kräfte. Hierzu sind in der folgenden Abbildung elstange in Kolbenbolzen und Kurbelzapfen jeweils
alle am Kolben sowie alle am Kurbelzapfen angreifen- gelenkig gelagert ist und auch nur dort belastet
den Kräfte eingezeichnet. wird, die Pleuelstange also aus mechanischer Sicht
ein Stab ist, genau in Richtung der Pleuelstange.
Die Wirkungslinien dieser drei Kräfte müssen sich
in einem einzigen Punkt schneiden, denn andernfalls
Kolbenbolzen würde der Kolben in Drehung versetzt werden, was
Kolben
FK
aufgrund seiner Führung im Zylinder nicht passieren
FN kann. Aus den Gleichgewichtsbedingungen für zentra-
le Kraftgruppen erhalten wir
FP ↑ ∑ Fiy = −FK + FP cos β = 0
FK
l

β
=⇒ FP =
Pleuel- cos β
stange
FP sowie
Kurbelzapfen → ∑ Fix = FN − FP sin β = 0
=⇒ FN = FP sin β = FK tan β .
α
α FT Damit hätten wir die am kolbenseitigen Ende der Pleu-
FR
elstange wirkenden Kräfte berechnet. Am anderen En-
Kurbel-
wange de der Pleuelstange, dem Kurbelzapfen, wirken nun:
r
Ebenfalls die Pleuelstangenkraft FP , welche genau
in die entgegengesetzte Richtung wie am Kolben-
bolzen wirkt. (Wenn die Pleuelstange am einen En-
de eine Kraft nach oben ausübt, dann muss sie am
Die Geometrie des Hubkolbenantriebs ist gegeben anderen Ende eine Kraft nach unten ausüben, um im
durch die Pleuellänge l, den Kurbelradius r und den statischen Gleichgewicht zu sein.)
Kurbelwinkel α. Aus diesen drei Abmessungen ergibt Die Kraft zwischen Kurbelwange und Kurbelzap-
sich der Pleuelwinkel β über den Sinussatz zu β = fen, die wir zweckmäßiger Weise in eine Radialkraft
arcsin( rl · sin α). FR und eine Tangentialkraft FT aufspalten.
2.3 Statisches Gleichgewicht am ebenen starren Körper 29

Natürlich schneiden sich auch die Wirkungslinien der mit den Lösungen
drei auf den Kurbelzapfen wirkenden Kräfte in einem
FR = FP (cos α cos β − sin α sin β) = FP cos(α + β)

Technische Mechanik
Punkt, und wir erhalten
und
→ ∑ Fix = FR sin α − FT cos α + FP sin β = 0
FT = FP (sin α cos β + cos α sin β) = FP sin(α + β) .
und Das auf die Kurbelwelle übertragene Drehmoment er-
gibt sich – ein kleiner Vorgriff auf Abschn. 2.3 – aus der
↑ ∑ Fiy = FR cos α + FT sin α − FP cos β = 0 , Tangentialkraft FT schließlich als FT · r.

aber man kann sich sehr wohl geschickter oder unge-


schickter anstellen und dadurch in Aufgaben viel Zeit
gewinnen oder verlieren. In der Beispielbox Berechnung
von Lagerreaktionen wird gezeigt, was damit gemeint
ist.
Der drehende Pfeil vor dem Momentengleichgewicht
zeigt übrigens die als positiv angesetzte Drehrichtung an.
Die übliche Konvention ist, dass gegen den Uhrzeigersinn
drehende Momente mit positivem Vorzeichen und mit
dem Uhrzeigersinn drehende Momente mit negativem
Vorzeichen in das Momentengleichgewicht eingehen.

Frage 2.3
Weswegen müssen die Stäbe in Mobiles (siehe Abb. 2.11)
nach unten gebogen sein, damit das Mobile das Gleichge-
wicht halten kann?

Lager reagieren auf Kräfte und Momente

Praktisch alle technischen Bauteile sind mehr oder weni-


ger fest mit ihrer Umgebung verbunden. Autos über Rä-
der mit der Straße, eine Laterne über die Einbetonierung
ihres Fußes mit dem Boden oder ein Hängeschrank über
Dübel und Schrauben mit der Wand. In der Technischen
Mechanik werden diese Festhaltungen Lager genannt,
und die Bestimmung der von den Lagern ausgeübten
Kräfte und Momente – der sogenannten Lagerreaktio-
nen – ist eine der Hauptaufgaben der Statik.
Abb. 2.11 Mobile
Die erste entscheidende Frage bei einem Lager ist: „In
welche Richtungen kann das Lager überhaupt Kräfte oder
Momente übertragen?“ Hierbei gilt folgendes Prinzip: Die folgenden Lager sind von besonderer Wichtigkeit:
Kann sich der gelagerte Körper am Lager ungehindert in
eine bestimmte Richtung bewegen, so übt das Lager in Ein Loslager stützt einen Körper in genau eine Rich-
eben diese Richtung keine Kraft aus. Umgekehrt übt das tung ab. Betrachten wir als Beispiel ein ungebremstes
Lager in jede Richtung, in die es die Bewegung des Kör- Fahrzeugrad, etwa das Vorderrad eines Tretrollers. Es
pers unterbindet, eine Kraft aus. Diese sorgt nämlich gera- verhindert die vertikale Bewegung des Rollers (in den
de dafür, dass die entsprechende Bewegung unterbunden Boden kann er nicht eindringen), während die horizon-
wird. Auch für vom Lager zugelassene oder unterbun- tale Bewegung und die Drehung des Rollers um das
dene Rotationen gilt dieser Gedankengang, wobei wir es Vorderrad durch dieses nicht behindert werden. Vom
dann aber nicht mehr mit vom Lager ausgeübten Kräften, Lager wird daher weder eine horizontale Kraft, noch
sondern Momenten zu tun haben. ein Moment auf das Lager ausgeübt, wohl aber eine
30 2 Grundbegriffe und Kraftgruppen – der Einstieg in die Technische Mechanik

Tab. 2.1 Übersicht über die Lager Beispiel Sinnbild Lagerreaktionen


wichtigsten Lagerungen ebener Loslager (Wertigkeit 1) Rad eines Tretrollers
Technische Mechanik

starrer Körper und die dazugehö-


rigen Lagerreaktionen

Pendelstütze (Wertigkeit 1) Hubzylinder eines Kipplasters

straff gespanntes Seil (Wertigkeit 1)

Festlager (Wertigkeit 2) Schlagbaum

verschiebbare Hülse (Wertigkeit 2)

feste Einspannung (Wertigkeit 3) einbetonierter Fuß einer Ampel

vertikale Kraft, die Aufstandskraft. Das Lager übt nur Kraftrichtung in der Pendelstütze ist bekannt, denn sie
eine Lagerreaktion aus (hier Fy ); man sagt dann, es hat kann nur in Stabrichtung verlaufen.
die Wertigkeit 1. Auch ein straff gespanntes Seil ist ein einwertiges
Auch die Pendelstütze ist ein Lager der Wertigkeit 1. Lager, wobei beim Seil im Gegensatz zu den ande-
Unter einer Pendelstütze versteht man einen beidseitig ren einwertigen Lagerarten bereits die Richtung der
gelenkig gelagerten abstützenden Stab, beispielsweise Kraft bekannt ist, nämlich eine Zugkraft in Seilrich-
den Hubzylinder zur Ladefläche eines Kipplasters. Die tung.
2.4 Räumliche Kraftsysteme 31

statisch statisch statisch wenig in seinen Abmessungen ändert. In statisch überbe-


bestimmt überbestimmt unterbestimmt stimmten Systemen hätte dies in aller Regel zusätzliche

Technische Mechanik
innere Spannungen zur Folge. Aber statisch bestimmt ge-
lagerte Systeme können die entstehende Längenänderung
ungehindert mitmachen.
Abbildung 2.12 zeigt am Beispiel des unten rechts ab-
gebildeten Trägers übrigens auch, dass die Bedingung
„Zahl der Lagerwertigkeiten = Zahl der Gleichgewichts-
Abb. 2.12 Beispiele statisch bestimmt, statisch überbestimmt und statisch un- bedingungen“ keine hinreichende Bedingung für stati-
terbestimmt gelagerter Träger sche Bestimmtheit ist, denn der Träger ist zwar mit in
Summe drei Lagerwertigkeiten (aus drei Loslagern) ge-
lagert, doch in horizontale Richtung ist er trotzdem frei
Bei einem Festlager, z. B. der Lagerung eines Schlag-
verschiebbar, sodass statische Unbestimmtheit vorliegt.
baums, werden beide translatorischen Bewegungen
Wir erhalten also:
(horizontal und vertikal) unterbunden, die Rotation
um das Lager hingegen zugelassen. Ein Festlager übt
somit zwei Lagerreaktionen aus – eine Kraft Fx , die die Notwendige Bedingung für statische Bestimmtheit in
horizontale Bewegung unterbindet, und eine Kraft Fy , der Ebene
die die vertikale Bewegung unterbindet.
Eine verschiebbare Hülse unterbindet die Drehung sowie Zahl der Zahl der
die Bewegung der gelagerten Struktur senkrecht zur Lagerwertig- = Gleichgewichts- = 3
Hülse, übt somit zwei Lagerreaktionen aus und hat die keiten bedingungen
Wertigkeit 2.
Bei der festen Einspannung, z. B. dem einbetonierten
Fuß einer Ampel, werden alle drei in der Ebene mögli- Wichtig ist außerdem:
chen Bewegungsrichtungen durch die Lagerreaktionen
Fx , Fy und das Einspannmoment M unterbunden. Die
Wertigkeit der festen Einspannung ist somit 3. Woran erkennt man statische Bestimmtheit?
Ob statische Bestimmtheit oder Unbestimmtheit
vorliegt, ist einzig eine Frage der Lagerung des Trag-
Statische Bestimmtheit werks, die äußere Belastung spielt keine Rolle.

Stellen wir uns die Frage, warum die Aufgabe mit dem
Klappbrett aus der Beispielbox Berechnung von Lagerreak-
tionen überhaupt lösbar war, sich also alle Unbekannten
aus den Gleichgewichtsbedingungen berechnen ließen. 2.4 Räumliche Kraftsysteme
Aus mathematischer Sicht war dies der Fall, weil die
Zahl der Unbekannten – die drei Lagerreaktionen Ax , Ay Nun lassen sich zahlreiche Probleme der Statik als ebene
und S – der Zahl der Gleichgewichtsbedingungen ent- Probleme auffassen und mit den im vorigen Kapitel be-
spricht. schriebenen drei Gleichgewichtsbedingungen lösen. Das
dort betrachtete Klappbrett ist ein derartiges Beispiel.
Derartige Systeme, bei denen sich die Lagerreaktionen
Wenn aber ein wirklich dreidimensionales Problem vor-
aus den Gleichgewichtsbedingungen bestimmen lassen,
liegt, eines das sich nicht ohne Weiteres auf eine ebene
heißen statisch bestimmt gelagert. Alle anderen Systeme
Fragestellung zurückführen lässt, dann müssen wir drei-
werden als statisch unbestimmt gelagert bezeichnet, wo-
dimensional rechnen.
bei ebene Systeme mit weniger als drei Lagerwertigkei-
ten beweglich sind und statisch unterbestimmt genannt
werden, und ebene Systeme mit mehr als drei Lagerwer-
tigkeiten in sich verspannt sein können und als statisch Statik in drei Dimensionen
überbestimmt bezeichnet werden. Abbildung 2.12 zeigt
Beispiele von statisch bestimmt und statisch unbestimmt
gelagerten Tragwerken. Die räumliche Statik beinhaltet aber nichts wirklich Neu-
es, die Gesetzmäßigkeiten der ebenen Statik werden ein-
Wesentlicher Vorteil statisch bestimmt gelagerter Trag- fach auf die dritte Dimension erweitert. Dabei stehen uns
werke ist, dass in ihnen keine zusätzlichen Verspannun- zwei gleichermaßen zum Ziel führende Vorgehensweisen
gen entstehen, wenn sich der Träger im Laufe der Zeit zur Verfügung: zum einen die vektorielle Beschreibung
beispielsweise durch Wärmeausdehnung, Kriechen, Ma- des statischen Gleichgewichts, zum anderen die kompo-
terialveränderungen (z. B. Abbinden von Beton) o. Ä. ein nentenweise Beschreibung des statischen Gleichgewichts.
32 2 Grundbegriffe und Kraftgruppen – der Einstieg in die Technische Mechanik

Beispiel: Berechnung von Lagerreaktionen


Technische Mechanik

Zu berechnen sind die Lagerreaktionen in einem Schritt 3, Aufstellen und Lösen der Gleichgewichtsbe-
Klappbrett des Gewichts G, das durch ein Scharnier dingungen: Es hieß, man könne sich beim Lösen
drehbar gelagert und am gegenüberliegenden Ende der Gleichgewichtsbedingungen geschickt oder unge-
durch zwei Seile gehalten wird. schickt anstellen. Die ungeschickte – wenn auch nicht
minder richtige – Variante zuerst:
Problemanalyse und Strategie: Die Schritte zur Berech-
Wir beginnen mit dem Kräftegleichgewicht in
nung der Lagerreaktionen sind (1) das Abbilden des
x-Richtung,
realen Problems als mechanisches Modell, (2) Frei-
schneiden und (3) die Berechnung der Unbekannten. → ∑ Fix = Ax + S · cos 45◦ = 0 ,
Besonderes Augenmerk wollen wir dabei auf das Mo-
mentengleichgewicht legen und zeigen, wie man sich setzen dann das Kräftegleichgewicht in y-Richtung,
bei diesem mehr oder weniger geschickt anstellen kann. ↑ ∑ Fiy = Ay − G + S · sin 45◦ = 0 ,
Lösung: an und kommen schließlich zum Momentengleichge-
Schritt 1, mechanische Modellbildung: Zur Bildung des wicht, für das ein Bezugspunkt zu wählen ist. Der
mechanischen Modells ersetzen wir das Scharnier Bezugspunkt kann frei gewählt werden, z. B. in der
durch ein Loslager, da dieses die Rotation des Brettes Brettmitte.
zulässt, aber beide Translationen an dieser Stelle ver-
Für das Momentengleichgewicht erhalten wir dann:
hindert.
l l
 ∑ M(Brettmitte)
i = −S · sin 45◦ + Ay · = 0 .
2 2
Wir haben es also mit drei Gleichungen zur Bestim-
mung der drei Unbekannten Ax , Ay und S zu tun.
Nach längerer Rechnerei – z. B. mit dem Gauß’schen
Eliminationsverfahren oder ähnlichem – erhalten wir
als Lösung:
G G G
45° Gewicht G Ax = − , Ay = und S= .
45° 2 2 2 sin 45◦
A
Das war die ungeschickte Variante. Ungeschickt, weil
l l aus keiner der drei Gleichgewichtsbedingungen un-
mittelbar ein Ergebnis folgte und wir deshalb das kom-
plette System aus drei gekoppelten Gleichungen lösen
Schritt 2, Freischneiden und Freikörperbild: Beim Frei- mussten. Aber dem lässt sich mit einer besser durch-
schneiden des Brettes entfernen wir alles, was in ir- dachten Wahl des Momentenbezugspunktes abhelfen.
gendeiner Art mit dem Brett verbunden ist und erset-
zen es durch die jeweiligen Kräfte oder Momente. Im Wo platziert man den Momentenbezugspunkt am ge-
Einzelnen sind dies: schicktesten? Am besten so, dass das Momentengleich-
gewicht zu einer handlichen, übersichtlichen Glei-
das Festlager, welches durch die Lagerreaktionen Ax chung mit wenigen, möglichst nur einer Unbekann-
und Ay ersetzt wird, ten wird. Der Momentenbezugspunkt sollte deshalb
die Seile, welche durch die Seilkraft S ersetzt wer- auf möglichst vielen Wirkungslinien der unbekannten
den, und schließlich Lagerkräfte liegen, da diese dann aus dem Momen-
das Brett selbst, das wir durch seine Gewichtskraft tengleichgewicht verschwinden. Das Lager A ist ein
G ersetzen, die wir im Schwerpunkt des Brettes, al- solcher sinnvoller Momentenbezugspunkt (keine He-
so in der Brettmitte, angreifen lassen. belarme für Ax und Ay ).
Wir tragen noch alle wichtigen Abmessungen ein und Das Momentengleichgewicht lautet dann
erhalten als Freikörperbild:
l
 ∑ M(A)
i = −S · l sin 45◦ + G · =0,
S 2
wodurch wir unmittelbar S = G/2 sin 45◦ erhalten.
45° G Dieses Ergebnis in die beiden Kräftegleichgewichte
Ax
eingesetzt ergibt dann ebenso schnell die Ergebnis-
Ay
se für die beiden verbleibenden Unbekannten, Ax =
l/2 l/2
−G/2 und Ay = G/2.
2.4 Räumliche Kraftsysteme 33

Übersicht: Richtiges Freischneiden

Technische Mechanik
Die allermeisten Aufgaben der Technischen Mechanik stand des Kraftangriffspunktes, sondern der Abstand
beginnen mit einem Freikörperbild. Wie schneidet man der Wirkungslinie zum Momentenbezugspunkt.
richtig frei, und wie geht man am geschicktesten mit ei-
nem Freikörperbild um?
Geschicktes Rechnen mit den Gleichgewichtsbedingungen

Das Freikörperbild Mit welcher Gleichgewichtsbedingung beginnt


man? Beginnen Sie die Berechnung der Lagerreak-
Bedeutung: Freikörperbilder sind die Ansätze zur tionen mit dem Momentengleichgewicht und wählen
Lösung. Anders ausgedrückt: Mit einem falschen Sie hierzu in aller Ruhe den Momentenbezugspunkt
Freikörperbild wird man zwangsläufig falsche Er- so aus, dass er im Schnittpunkt von möglichst vielen
gebnisse erhalten. Zeichnen Sie deshalb Ihre Frei- Wirkungslinien unbekannter Kräfte liegt. Sie erhal-
körperbilder entsprechend liebevoll und besser zu ten so eine Gleichung mit wenigen, oft genug nur
groß als zu klein. einer einzigen Unbekannten, welche dann unmittel-
Was wird freigeschnitten? Ersetzen Sie in Ihrem bar berechenbar ist und die folgenden Kräftegleich-
Freikörperbild alles, was sich durch Kräfte oder gewichte vereinfacht.
Momente ersetzen lässt, durch eben diese Kräfte Wie erkennt man, ob das von einer Kraft aus-
und Momente. Üblicherweise sind das die Lager, geübte Moment positiven oder negativen Dreh-
die durch die entsprechenden Lagerreaktionen (vgl. sinn aufweist? Wenn Sie Schwierigkeiten haben,
Tab. 2.1) ersetzt werden und alle Dinge mit einem sich die Momentenwirkung einer Kraft vorzustel-
relevantem Eigengewicht, die durch eben dieses Ei- len: Betrachten Sie den freigeschnittenen Körper so,
gengewicht ersetzt werden. als sei er ausgeschnitten und lose baumelnd im Mo-
Zur Richtung der Lagerreaktionen: Die Richtung, mentenbezugspunkt an die Wand genagelt. Dann ist
in welche die Lagerreaktionen wirken, kennen wir es einfach, die Drehrichtung einer Kraft zu erken-
beim Zeichnen des Freikörperbildes noch nicht (erst nen. Nehmen wir als Beispiel das Freikörperbild des
mit der Lösung). Setzen Sie deswegen alle Lager- Klappbrettes. Die Seilkraft S „schießt links am La-
reaktionen stur in die positive Richtung an (Kräfte ger A vorbei“, würde also das freigeschnittene Brett
in positive x- und y-Richtung, Momente gegen den im Uhrzeigersinn drehen und geht somit mit negati-
Uhrzeigersinn.) Wenn eine Lagerreaktion in die ent- vem Vorzeichen in das Momentengleichgewicht ein.
gegengesetzte Richtung orientiert ist, erkennen wir Die Gewichtskraft G „schießt dagegen rechts am Mo-
das in der Lösung am Minuszeichen. mentenbezugspunkt vorbei“ und geht mit positivem
Ein Seil ist eine Ausnahme: Die Ausnahme zum Vorzeichen in das Momentengleichgewicht ein.
sturen Ansetzen aller Lagerreaktionen in positive Was passiert mit äußeren Momenten und Ein-
Koordinatenrichtung ist das Seil. Seilkräfte können spannmomenten im Momentengleichgewicht?
nur Zugkräfte sein und werden deswegen als Kräf- Greifen äußere Momente an einer Struktur an, so
te, die am freigeschnittenen Körper ziehen (und nicht gehen sie – ganz egal, wo sie angreifen und ohne
drücken), eingezeichnet. Berücksichtigung irgendwelcher Hebelarme – in ih-
Was gehört noch ins Freikörperbild? Tragen Sie al- rer vollen Größe in das Momentengleichgewicht ein
le wichtigen Abmessungen (Längen und Winkel) in (vgl. Aufgabe 2.8).
das Freikörperbild ein. Sie werden sie zur Berech-
nung der Momente benötigen. Und ganz besonders wichtig: Üben Sie die Berechnung
Wie ermittelt man zuverlässig den Hebelarm einer von Lagerreaktionen schon jetzt so lange, bis Sie sie
Kraft? Wenn es Ihnen schwer fällt, den Hebelarm sicher beherrschen (nicht erst in der Woche vor der
einer Kraft zum Momentenbezugspunkt zu ermit- Prüfung). Fast alle weiteren Themen der Technischen
teln: Tragen Sie die Wirkungslinie der Kraft mit Mechanik benötigen die Berechnung von Lagerreaktio-
ins Freikörperbild ein (am besten mit dünnem Blei- nen als einen ersten Aufgabenteil. Wer diese jetzt nicht
stiftstrich, damit es nicht zu unübersichtlich wird). sicher beherrscht, wird schnell den Anschluss verlie-
Denken Sie daran: Der Hebelarm ist nicht der Ab- ren.
34 2 Grundbegriffe und Kraftgruppen – der Einstieg in die Technische Mechanik

M=r×F den Uhrzeigersinn, hat also nach der Rechtsschrauben-


regel eine Richtung, die in der Tat senkrecht auf r und
Technische Mechanik

F steht, nämlich für eine Drehung im Uhrzeigersinn in


die Zeichenebene hinein und für eine Drehung gegen den
φ Uhrzeigersinn aus der Zeichenebene hinaus.
F
r Nun zum Betrag des Momentenvektors: In der ebenen
Statik ist das Biegemoment als Kraft mal Hebelarm de-
Abb. 2.13 Der Momentenvektor ist definiert als das Vektorprodukt von Orts- finiert, wobei der Hebelarm der Abstand des Momenten-
und Kraftvektor bezugspunktes zur Kraftwirkungslinie ist. Wie man sich
aus obiger Zeichnung leicht herleiten kann (auch wenn es
im Interesse besserer Übersichtlichkeit nicht eingezeich-
Vektorielles Vorgehen net ist), beträgt dieser Abstand gerade |r | · sin ϕ, d. h., der
Beginnen wollen wir mit der vektoriellen Vorgehenswei- Betrag des Drehmoments entspricht genau der oben an-
se, da sich aus dieser das komponentenweise Vorgehen gegebenen Definition über das Vektorprodukt. Aus der
unmittelbar ergibt. Hierzu führen wir zunächst den Be- Vektordefinition des Momentenvektors lassen sich also al-
griff des Momentenvektors M einer Kraft F bezüglich le Eigenschaften des Drehmoments, die wir in der ebenen
eines Bezugspunktes O ein. Dieser ist aus dem Ortsvek- Statik angewendet hatten, herleiten.
tor r (ein Vektor, der vom Bezugspunkt O zu irgendeinem Vektoriell formuliert, lauten damit die vektoriellen
auf der Kraftwirkungslinie von F gelegenen Punkt weist – Gleichgewichtsbedingungen:
meist wird man den Kraftangriffspunkt wählen) und dem
Kraftvektor F definiert als
Vektorielle Gleichgewichtsbedingungen der räumli-
chen Statik
Definition des Momentenvektors M einer Kraft F

∑ Fi = 0 ∑ Mi
(O)
und =0
M (O) = r × F

Der Drehsinn des Momentenvektors ist durch die Rechts- Komponentenweises Vorgehen
schraubenregel festgelegt: Dreht man eine Rechtsschrau-
be so, dass sie sich in Richtung des Momentenvektors Setzen wir die beiden vektoriellen Gleichgewichtsbedin-
bewegt, so entsprechen sich der Drehsinn der Schraube gungen skalar für jede Koordinatenrichtung an, so erhal-
und der Drehsinn des Momentes. ten wir die folgenden sechs skalaren Gleichgewichtsbe-
dingungen:
Über die aus der analytischen Geometrie bekannte geo-
metrische Deutung des Vektorproduktes wollen wir uns
diese Definition zunächst veranschaulichen, um dann zu Skalare Gleichgewichtsbedingungen der räumlichen
sehen, wie sie mit der Momentendefinition der ebenen Statik
Statik – „Kraft mal Hebelarm“ – in Einklang steht.
Das Vektorprodukt zweier Vektoren – hier der Ortsvektor ∑ Fix = 0, ∑ Fiy = 0 und ∑ Fiz = 0
r und der Kraftvektor F – lässt sich in Bezug auf den Be-
trag und die Richtung sehr schön anschaulich deuten. Das sowie
Vektorprodukt F × r ergibt einen Vektor M (Abb. 2.13)
∑ Mix ∑ Miy ∑ Miz
(O) (O) (O)
= 0, = 0 und =0.
mit einer Richtung, die senkrecht auf r und F steht, und
mit einem Betrag |M | = |r| · |F | · sin ϕ, wobei ϕ der von
r und F eingeschlossene Winkel ist. Hierbei bedeuten die Indizes Folgendes:

∑ Fix = 0 bedeutet, dass im statischen Gleichgewicht


Passen diese Eigenschaften zu dem, was wir über das die Summe aller Kraftkomponenten in x-Richtung null
Drehmoment aus der ebenen Statik kennen? ergibt (analog für y- und z-Richtung).
(O)
Betrachten wir zunächst die Richtung des Momentenvek- ∑ Mix = 0 bedeutet, dass im statischen Gleichgewicht
tors: In der ebenen Statik liegen alle Orts- und Kraftvek- die Summe aller Momente um eine durch den Momen-
toren in einer Ebene (der „Zeichenebene“). Das Moment tenbezugspunkt (O) in x-Richtung verlaufende Dreh-
dreht in dieser Zeichenebene entweder im oder gegen achse null ergibt (analog für y- und z-Richtung).
2.4 Räumliche Kraftsysteme 35

Achtung Welche der beiden Methoden – vektoriell oder angesprochene und im Übrigen recht einfach anzuwen-
komponentenweise – führt in Aufgaben schneller zum dende Prinzip zur Ermittlung, welche Reaktionen von

Technische Mechanik
Ziel? einem bestimmten Lager ausgeübt werden, an folgender
kurzen Selbstfrage:
Die vektorielle Vorgehensweise verlangt kein gehobenes
räumliches Vorstellungsvermögen, sondern lediglich die
sichere Beherrschung des Vektorproduktes. Diese lässt Frage 2.4
sich mit ein wenig Übung aber gut erlernen. Zu merken Welche Lagerreaktion kann das abgebildete Scharnier
brauchen Sie sich nur die Bildungsregel ausüben?
⎛ ⎞ ⎛ ⎞ ⎛ ⎞
ax bx ay bz − az by z
a × b = ⎝ay ⎠ × ⎝by ⎠ = ⎝ az bx − ax bz ⎠ .
az bz ax by − ay bx y
x

Jede Komponente des Vektorproduktes wird also aus den


beiden Faktoren a und b durch die kreuzweise Differenz
der beiden anderen Komponenten gebildet, weswegen
das Vektorprodukt ja auch als Kreuzprodukt bezeichnet Statische Bestimmtheit: Da es in der räumlichen Statik
wird. sechs skalare Gleichgewichtsbedingungen gibt, muss ein
dreidimensionales Tragwerk mit sechs Lagerwertigkei-
Beim komponentenweisen Vorgehen ist dagegen die ma-
ten gelagert sein, damit statische Bestimmtheit vorliegen
thematische Behandlung der Gleichgewichtsbedingun-
kann, es gilt also:
gen im Allgemeinen unproblematisch, aber die Aufstel-
lung der Gleichgewichtsbedingungen kann sehr wohl
schwierig werden. Die Ermittlung des Hebelarms, den ei- Notwendige Bedingung für räumliche statische Be-
ne Kraft zur betrachteten Drehachse aufweist, erfordert stimmtheit
nämlich in aller Regel ein gutes räumliches Vorstellungs-
vermögen. Am Beispiel eines Klappbretts (siehe Beispiel-
Zahl der Zahl der
box Berechnung der Lagerreaktionen eines Klappbretts) wer-
Lagerwertig- = Gleichgewichts- = 6
den wir dieses zeigen.
keiten bedingungen
Man wird also insbesondere bei komplizierteren Aufga-
ben mit der vektoriellen Vorgehensweise deutlich schnel-
ler als mit der komponentenweisen Methode ans Ziel Im Beispiel des Klappbrettes sind dies das fünfwertige
kommen.  Scharnier und das einwertige Seil.

Lager und Lagerreaktionen


Beim Erstellen eines Freikörperbildes ist wieder das Erset- Viele Systeme bestehen aus mehreren Teilen
zen der Lager durch die entsprechenden Lagerreaktionen
von zentraler Bedeutung. Wie in der ebenen Statik gilt da-
bei das Prinzip, dass ein Lager Ob menschlicher Körper, ein Kraftfahrzeug mit angekup-
peltem Anhänger oder eine Schere: In zahllosen Fällen
in jede Richtung, in die das Lager eine Bewegung un- sind mehrere Körper beweglich miteinander verbunden.
terbindet, eine Reaktionskraft ausübt und Was aber ist aus Sicht der Statik das Besondere an mehr-
in jede Richtung, in die sich der Körper ohne Behinde- teiligen System? Wie lassen sie sich mechanisch beschrei-
rung durch das betrachtete Lager bewegen kann, keine ben?
Reaktionskraft ausübt.
Gelenkreaktionen
Auch für vom Lager unterbundene bzw. zugelassene Ro-
In mehrteiligen Systemen sind Körper zwar miteinan-
tationen gilt dieser Zusammenhang, wobei das Lager
der verbunden, können sich dabei aber eingeschränkt
dann natürlich keine Reaktionskräfte, sondern Reaktions-
gegeneinander bewegen. In welche Richtung dabei ei-
momente ausübt.
ne Relativbewegung zwischen den Körpern möglich ist,
Aufgrund der Vielzahl der im Dreidimensionalen mögli- hängt von der Art des Verbindungselements ab. Die im
chen Lagerarten sei an dieser Stelle auf eine ausführliche Rahmen der Statik dabei interessierende Fragestellung ist:
Darstellung der Lagerarten und der dazugehörigen Re- Welche Kräfte und Momente wirken in den Verbindungs-
aktionen verzichtet. Testen Sie stattdessen das soeben elementen, und wie ermittelt man sie?
36 2 Grundbegriffe und Kraftgruppen – der Einstieg in die Technische Mechanik

Beispiel: Berechnung der Lagerreaktionen eines Klappbretts


Technische Mechanik

Für das abgebildete Klappbrett sind die Lagerreaktio- Momentengleichgewichts um die x-Achse seien die Zu-
nen zu berechnen. sammenhänge deshalb noch einmal in Ruhe erläutert.

Problemanalyse und Strategie: Wir wollen die Lager- S


reaktionen sowohl nach komponentenweiser, als auch
nach vektorieller Vorgehensweise berechnen, um die
Vor- und Nachteile beider Wege besser einschätzen zu α Sz
F
können. Sx

Lösung: Grundlage der Lösung ist auch hier ein lie-


x
bevoll gezeichnetes Freikörperbild. Welche Lagerreak- l l
tionen sind darin im Punkt A für das Scharnier ein-
zutragen? Nun, das Scharnier lässt die Drehung um
die Scharnierachse (die y-Achse) zu, verhindert aber Wir betrachten eine in x-Richtung durch das Scharnier
die Drehungen um die x- und z-Achse sowie alle drei verlaufende Drehachse. Die Kraft F hat den Hebelarm
Translationen. Jede verhinderte Bewegung entspricht l und ist bestrebt, das freigeschnittene Brett im nach
einer Lagerreaktion, sodass sich für das Scharnier die der Rechten-Hand-Regel negativen Drehsinn um die
Reaktionen Ax , Ay , Az , MAx und MAz ergeben. Drehachse zu drehen. Die Seilkraft S hat zwei Kom-
ponenten, Sx = S cos α und Sz = S sin α. Von diesen
z M Az beiden Komponenten übt Sx gar keine Drehwirkung
Az um die Drehachse aus – in welche Richtung sollte das
y S Ay auch sein, Sx verläuft schließlich parallel zur Dreh-
l l
α Ax MAx achse –, und Sz ist bestrebt, mit dem Hebelarm l das
l

x F
α A freigeschnittene Brett im negativen Drehsinn um die
l

F
l

Drehachse zu drehen. Die drei Lagerkräfte Ax , Ay und


l l
l

Az schließlich üben mangels Hebelarm keine Momente


um die Drehachse aus.
Und nun zur Berechnung der Lagerreaktionen. Und nun zum vektoriellen Vorgehen:
Zunächst das komponentenweise Vorgehen: Zunächst stellen wir die Vektoren der angreifenden
Wir beginnen auch in räumlichen Problem mit den Kräfte,
Momentengleichgewichten und entscheiden uns für ⎛ ⎞ ⎛ ⎞
− cos α 0
den Scharnierpunkt A als Momentenbezugspunkt, da
S = ⎝ 0 ⎠ S und F = ⎝ 0 ⎠ ,
durch ihn die drei unbekannten Scharnierkräfte ver-
sin α −F
laufen. Wir erhalten
2F sowie die dazugehörigen Ortsvektoren,
∑ Miy = F · 2l − S sin α · l = 0 =⇒ S = sin α ,
(A)
⎛ ⎞ ⎛ ⎞
l 2l
∑ Mix
(A)
= MAx − Fl − S sin α · l = 0 ⎝−l⎠ und ⎝ l ⎠ ,
2F 0 0
=⇒ MAx = Fl + sin α · l = 3Fl ,
sin α
∑ Miz = MAz − S cos α · l = 0 auf. Damit lautet das vektorielle Momentengleichge-
(A)
wicht
2F 2Fl ⎛ ⎞ ⎛ ⎞ ⎛ ⎞
=⇒ MAz = cos α · l = , MAx l − cos α
sin α tan α
∑ M i = ⎝ 0 ⎠ + ⎝ −l⎠ × ⎝ 0 ⎠ S
(A)
woraus sich für die Kräftegleichgewichte MAz 0 sin α
⎛ ⎞ ⎛ ⎞
∑ Fiy = Ay = 0 , 2l 0
2F +⎝l⎠×⎝ 0 ⎠ = 0 ,
∑ Fix = Ax − S cos α = 0 =⇒ Ax = tan α und 0 −F
∑ Fiz = Az + S sin α − F = 0 =⇒ Az = −F woraus sich nach Auflösen der Vektorprodukte genau
ergibt. Sie werden es gemerkt haben: Die richtige Er- dieselben Gleichungen wie nach komponentenweisem
mittlung der zu den Kräften gehörenden Hebelarme Vorgehen ergeben. Der große Vorteil der vektoriellen
ist nicht immer einfach, es erfordert in der Tat ein gu- Vorgehensweise ist also, dass sie auch ohne gehobenes
tes räumliches Vorstellungsvermögen. Am Beispiel des räumliches Vorstellungsvermögen zum Ziel führt.
2.4 Räumliche Kraftsysteme 37

Tab. 2.2 Übersicht über die wichtigsten Verbindungselemente in mehrteiligen Beispiel Betrachten wir als Beispiel für die Ermitt-
Systemen lung von Lager- und Verbindungsreaktionen das abge-

Technische Mechanik
Verbindungselement: Sinnbild: Reaktionen: bildete Gespann aus PKW und einachsigem Anhänger
Pendelstütze (Abb. 2.14):
(Wertigkeit 1)
Zunächst schneiden wir das Gelenksystem als Gan-
Gelenk zes frei. Es ist also unter dem Gespann die Fahrbahn
(Wertigkeit 2) zu entfernen und durch die entsprechenden Kräfte
zu ersetzen. Dies sind die vertikalen Achslasten Ay
(Anhänger), Hy (PKW-Hinterachse) und Vy (PKW-
Hülsenführung Vorderachse) sowie – unter der Annahme, dass nur die
(Wertigkeit 2) Hinterachse des PKWs gebremst ist – die Horizontal-
kraft Hx .
Jetzt folgt der Freischnitt mitten durch das Gelenk.
Hierdurch erhalten wir zwei getrennte Systeme, An-
hänger sowie PKW, auf die im Gelenk jeweils die
Die Frage nach der Art der in einem Verbindungselement Gelenkkräfte Gx und Gy wirken.
wirkenden Kräfte und Momente beantworten wir so, wie
wir es schon bei den Lagern getan haben: In jede Rich-
tung, in die sich die verbundenen Systeme ungehindert 5 kN
zueinander bewegen können, übt das Verbindungsele- 15 kN
ment keine Kraft (bzw. bei Rotationen: kein Moment) aus.
Umgekehrt übt das Verbindungselement in jede Rich-
tung, in die es die Relativbewegung der Körper unterbin- A H V
det, sehr wohl eine Kraft (bzw. ein Moment) aus. Diese 4 kN 8,9 kN 7,1 kn
Kraft (bzw. dieses Moment) unterbindet nämlich gerade 0,25m 1m 1m 1,4 m 1,4 m
die entsprechende Relativbewegung.

So wird in einer Pendelstütze nur eine Kraft in Richtung 5 kN Gy


der Stütze übertragen (weil sich die Körper quer dazu Gx Gx 15 kN
gegeneinander bewegen, sowie sich drehen können) in
einem Gelenk eine horizontale und eine vertikale Kraft Gy Hx H V
(weil sich die Körper am Gelenk weder horizontal noch
Ay Hy Vy
vertikal gegeneinander verschieben, sich aber sehr wohl
zueinander verdrehen können), und in einer horizontal 0,25m 1m 1m 1,4 m 1,4 m
verschieblichen Hülsenführung eine vertikale Kraft und
ein Moment (weil sich die Körper am Gelenk weder ver- Abb. 2.14 Beim Freischneiden von Gelenksystemen wird nicht nur an allen
Lagerungen, sondern auch genau durch die Gelenke freigeschnitten
tikal gegeneinander verschieben noch sich umeinander
drehen können, sich aber horizontal zueinander verschie-
ben können (Tab. 2.2)). Den Freikörperbildern von Anhänger und PKW entneh-
men wir, dass sechs unbekannte Lager- und Gelenk-
reaktionen (Ay , Hx , Hy , Vy , Gx und Gy ) zu berechnen
Der Berechnung zugänglich werden diese Reaktionen bei sind. Hierzu stehen pro Freikörperbild die bekannten
einen Freischnitt genau durch das Verbindungselement. drei Gleichgewichtsbedingungen der ebenen Statik – zwei
Durch diesen Freischnitt erhalten wir zwei getrennte Sys- Kräfte- und ein Momentengleichgewicht – zur Verfügung,
teme, bei denen am Freischnitt jeweils die Verbindungs- die Aufgabe ist also lösbar.
reaktionen wirken. Wichtig: Die Verbindungsreaktionen
wirken auf beide Körper in gleicher Größe, aber entgegen- Beginnen wir mit dem einfacheren der beiden Freikörper-
gesetzter Orientierung. Dies ergibt sich formal aus dem bilder, dem des Anhängers:
3. Newton’schen Axiom („Übt ein Körper A auf einen
Körper B eine Kraft aus, so wirkt eine gleichgroße aber  ∑ M(G)
i = −Ay · 1,25 m + 5 kN · 1 m = 0
entgegengerichtete Kraft von Körper B auf Körper A.“), =⇒ Ay = 4 kN ,
ist aber auch von der Anschauung her leicht zu begreifen.
Wenn sich beispielsweise ein Anhänger auf einen PKW → ∑ Fi,x = Gx = 0 ,
abstützt, dann wird der Anhänger vom PKW mit einer ↑ ∑ Fi,y = Ay − 5 kN + Gy = 0 mit Ay = 4 kN
Kraft nach oben hin abgestützt, der PKW aber vom Anhän-
ger mit genau derselben Kraft nach unten gedrückt. =⇒ Gy = 1 kN .
38 2 Grundbegriffe und Kraftgruppen – der Einstieg in die Technische Mechanik

Übersicht: Tipps zur Berechnung von Gelenkreaktionen


Technische Mechanik

Beachten Sie bei Aufgaben zu gelenkigen Systemen die prüfung der Ergebnisse wie folgt aus:
folgenden zwei Hinweise:

5 kN
Beginnen Sie bei der Berechnung von Lager- 15 kN
und Gelenkreaktionen beim einfachsten der beiden
(oder mehr) Freikörperbilder. Beim danach folgen-
den schwierigeren Freikörperbild sind dann in aller
Regel schon die Gelenkkräfte bekannt und die Rech- 4 kN 8,9 kN 7,1 kN
nerei wird deutlich einfacher. 0,25 m 2m 1,4 m 1,4 m
Die berechneten Ergebnisse lassen sich an einem
Freikörperbild des Gesamtsystems, also ohne einen
Schnitt durch das Gelenk, überprüfen. In dieses Man kann sich leicht davon überzeugen, dass das
Freikörperbild werden die berechneten Lagerreak- Kräftegleichgewicht in y-Richtung exakt aufgeht
tionen eingezeichnet, und es wird überprüft, ob die und dass auch das Momentengleichgewicht mit
Kräfte- und Momentengleichgewichte auch tatsäch- kleiner Ungenauigkeit durch das Runden der Er-
lich aufgehen. In unserem Beispiel sähe die Über- gebnisse aufgeht.

Und nun zum Freikörperbild des PKWs: 2.5 Reibung


∑ M(H)
i = Gy · 1 m − 15 kN · 1,4 m + Vy · 2,8 m = 0 ,
mit Gy = 1 kN =⇒ Vy = 7,1 kN , Reibung wird überwiegend als negativ wahrgenommen.
Gilt sie doch nur allzu oft als unerwünscht, entste-
→ ∑ Fi,x = −Gx + Hx = 0 mit Gx = 0 kN hen Schwergängigkeit und Reibungsverlust doch immer
=⇒ Hx = 0 kN , dann, wenn zu viel Reibung vorliegt, sozusagen Sand im
Getriebe ist.
↑ ∑ Fi,y = −Gy + Hy − 15 kN + Vy = 0 ,
mit Gy = 1 kN und Vy = 7,1 kN Doch ohne Reibung ginge auch nicht viel. Sind Sie schon
einmal auf einer Bananenschale ausgerutscht? Da war
=⇒ Hy = 8,9 kN .  die Reibungskraft zwischen Schale und Boden (oder zwi-
schen Schale und Schuhsohle) zu gering. Immer wenn
Statische Bestimmtheit es auf die Griffigkeit von Bauteilen ankommt – etwa bei
Reifen, Bremsbelägen oder Kupplungen – soll Reibung
Wir übertragen die Regeln für statische Bestimmtheit auf
möglichst groß sein. Und ganz ohne Reibung wäre Fortbe-
Gelenksysteme und erhalten so als
wegung nur noch formschlüssig (wie bei einer Zahnrad-
bahn) oder per Rückstoßprinzip (wie bei einem Flugzeug)
Notwendige Bedingung für statische Bestimmtheit von möglich, nicht aber „normal“ kraftschlüssig.
Gelenksystemen
Wir befassen uns in diesem Kapitel mit vier wichtigen Ar-
Zahl der Zahl der ten von Reibung, der Gleitreibung, Haftung, Rollreibung
Lager- und Gelenk- = Gleichgewichts- . und Seilreibung.
wertigkeiten bedingungen

Hierbei beträgt die Zahl der Gleichgewichtsbedingungen Gleitreibung bremst Bewegung


für ebene Systeme mit einem einzigen Gelenk (zweiteilige
Systeme) 6, für ebene Systeme mit zwei Gelenken (drei- Steigen wir mit einem winterlichen Gedankenexperiment
teilige Systeme) 9, und für ebene Systeme mit noch mehr in die Gleitreibung ein. Zwei Schlitten, ein leichter und ein
Gelenken entsprechend mehr. schwerer, seien durch den Schnee zu ziehen (Abb. 2.15).
Frage 2.5 Das kostet Kraft, weil die Reibung zwischen Kufen und
Weswegen haben zweiachsige Anhänger eine gelenkig Schnee die Bewegung hemmt. Und damit sind wir bei
mit dem Anhänger verbundene Deichsel, einachsige An- der ersten wichtigen Eigenschaft der Gleitreibung, näm-
hänger dagegen nicht? lich ihrer Richtung. Die Gleitreibungskraft ist stets gegen
die Bewegungsrichtung orientiert.
2.5 Reibung 39

Abb. 2.15 Es ist viel schwerer,


einen schweren Schlitten durch

Technische Mechanik
den Schnee zu ziehen als einen
leichten

der Oberflächen ab. Ein paar Zahlenwerte wichtiger Ma-


G terialpaarungen sind im Abschnitt Haftung tabellarisch
F aufgeführt (Tab. 2.3).

Beispiel Ein Kind mit dem Körpergewicht G rutscht


eine Rutsche hinunter (Abb. 2.17). Der Gleitreibungs-
FR FN koeffizient zwischen der Kleidung des Kindes und der
Rutschbahn betrage 0,5. Um welchen Winkel α muss die
Rutschbahn zur Horizontalen geneigt sein, damit das
Abb. 2.16 Freikörperbild des Schlittens Kind, wenn es losgerutscht ist, mit konstanter Geschwin-
digkeit weiterrutscht?
Die genaueren Kraftverhältnisse treten im Freikörperbild
zutage (Abb. 2.16).
Auf den Schlitten wirken y

die Gewichtskraft G (bestehend aus dem Gewicht der


auf dem Schlitten sitzenden Person und dem Eigenge-
wicht des Schlittens), x
die Aufstandskraft FN (die im Allgemeinen als Nor- α
malkraft bezeichnet wird, weil sie senkrecht zur Reib-
fläche orientiert ist, daher der tiefgestellte Index N),
die äußere Kraft F durch die ziehende Person und
schließlich
Abb. 2.17 Für welchen Winkel α rutscht das Kind mit konstanter Geschwin-
die Reibungskraft FR . digkeit?

Die Beträge von Gewichtskraft G und Normalkraft FN so- Ansatz zur Lösung ist wie immer das Freikörperbild.
wie die Beträge von äußerer Kraft F und Reibungskraft Hierzu ersetzen wir den Körper des Kindes durch die Ge-
FR sind, wenn keine Beschleunigungen auftreten, aus wichtskraft G, und wir entfernen die Rutsche, welche wir
Gründen des Kräftegleichgewichts jeweils gleich groß. Bei durch die Normalkraft FN und die Gleitreibungskraft FR
genauerer Messung würden wir feststellen, dass wir zum ersetzen. Dabei setzen wir FN und FR nicht irgendwie an,
Ziehen eines beispielsweise fünfmal schwereren Schlit- sondern in die Richtungen, in die sie tatsächlich auftreten.
tens eine fünfmal größere Zugkraft benötigen. Normal- Die Normalkraft ist senkrecht zur Rutschbahn orientiert,
kraft FN und Reibungskraft FR sind also zueinander pro- die Gleitreibungskraft gegen die Bewegungstendenz, also
portional, es gilt der folgende entlang der Rutsche nach oben gerichtet (Abb. 2.18).

Zusammenhang zwischen Normal- und Gleitreibungs-


y FR = μ FN
kraft
G
FR = μFN ,
α

x
mit dem dimensionslosen Gleitreibungskoeffizienten μ. FN
α
Die Größe des Gleitreibungskoeffizienten hängt von den
aneinander reibenden Werkstoffen – über Schnee zieht
es sich leichter als über Asphalt – und von der Rauheit Abb. 2.18 Das Freikörperbild des rutschenden Kindes
40 2 Grundbegriffe und Kraftgruppen – der Einstieg in die Technische Mechanik

Für die Gleitreibungskraft gilt FR = μFN . Wir erhalten so- Tab. 2.3 Übersicht über die Haft- und Gleitreibungskoeffizienten einiger wich-
mit für das Kräftegleichgewicht in Richtung der Rutsch- tiger Materialparungen
Technische Mechanik

bahn Materialpaarung: μ0 : μ:
Stahl-Stahl 0,45–0,8 0,4–0,7
∑ Fix = −μFN + G sin α = 0 Stahl-Grauguss 0,18–0,24 0,17–0,24
Lederdichtung-Metall 0,6 0,2–0,25
und für das Kräftegleichgewicht quer dazu Holz-Metall 0,5–0,65 0,2–0,5
Holz-Holz 0,4–0,65 0,2–0,4

∑ Fiy = FN − G cos α = 0 , Stahl-Eis 0,027 0,014

woraus als Lösung α = arctan μ = 27◦ folgt. 


Achtung Wie sich an den Gleichungen zur Cou-
lomb’schen Reibung erkennen lässt, hängen Gleitrei-
bungs- und Haftkräfte nicht von der Größe der Reibungs-
Haftung will Bewegung verhindern fläche ab. 
Wie bei anderen Zwangskräften auch, darf man Normal-
und Reibungskräfte in beliebiger Orientierung in ein Frei-
Unter der Haftkraft FR versteht man die auf einen ruhen-
körperbild eintragen. Nach dem Auswerten der Gleich-
den Körper wirkende Reibungskraft, welche verhindert,
gewichtsbedingungen zeigt dann das Vorzeichen der er-
dass sich dieser Körper in Bewegung setzt. Die Gesetz-
rechneten Kraft, ob die Kraft tatsächlich in die im Freikör-
mäßigkeiten von Haftung und Gleitreibung sind einander
perbild angesetzte Richtung wirkt (positives Vorzeichen)
sehr ähnlich; in beiden Fällen spricht man von trockener
oder in entgegengesetzte Richtung (negatives Vorzei-
bzw. Coulomb’scher Reibung (nach Charles A. de Coulomb,
chen). Nun ist aber in halbwegs übersichtlichen Problem-
1736 – 1806).
stellungen die Kraftrichtung bei Normal- und Reibungs-
Auch die Haftkraft ist gegen die Bewegungsrichtung des kräften a priori bereits klar – Normalkräfte müssen so
Körpers, beziehungsweise – korrekt ausgedrückt – gegen orientiert sein, dass die beiden reibenden Körper gegen-
die Bewegungstendenz gerichtet. Die Bewegungstendenz einander drücken, und Reibungskräfte so, dass sie gegen
ist diejenige Richtung, in die sich der ruhende Körper be- die Bewegungsrichtung bzw. Bewegungstendenz wirken.
wegen würde, wenn ihn die Reibungskraft nicht daran Es empfiehlt sich dann, die Normal- und Reibungskräfte
hinderte. nicht in positive Koordinatenrichtungen, sondern in den
tatsächlich vorliegenden Richtungen in das Freikörper-
Die maximal mögliche Haftkraft ist ähnlich wie bei der bild einzuzeichnen.
Gleitreibung durch den Zusammenhang

FR,max = μ0 FN Der Reibkegel


Das Erreichen der Haftgrenze, d. h. der Übergang von
mit dem dimensionslosen Haftkoeffizienten μ0 gegeben. Haftung zu Gleitreibung, lässt sich sehr schön durch den
Diese maximal mögliche Haftkraft tritt allerdings nicht in sogenannten Reibkegel veranschaulichen. Hierzu führen
allen Fällen von Haftung auf. Wird mit einer sehr klei- wir zunächst den Haftungswinkel ρ ein. ρ beschreibt, wie
nen Kraft F an einem ruhenden Körper gezogen, so ist stark die Resultierende von F N und FR,max gegen die Flä-
die aus Gründen des Kräftegleichgewichts gleich große chennormale der Unterlage eines Körpers geneigt ist.
Haftkraft FR kleiner als das Produkt aus μ0 und FN , und
der Körper verharrt in Ruhe. Steigt die äußere Kraft F, so An der Haftgrenze gilt
steigt auch FR , bis die Haftkraft schließlich ihren größt-
möglichen Wert FR,max erreicht und sich der Körper in FR,max
= tan ρ ,
Bewegung setzt. FN
Der allgemeine Zusammenhang zwischen Normal- und woraus sich mit FR,max = μ0 FN der Zusammenhang
Haftkraft lautet somit
ρ = arctan μ0
FR ≤ μ0 FN .
ergibt.
Nur an der sogenannten Haftgrenze, an der sich der Kör-
per in Bewegung setzt, gilt das Gleichheitszeichen. Befindet sich nun ein Körper auf einer Unterlage, an der
er entweder haften oder auf der er gleiten könnte, so be-
Typische Zahlenwerte für Gleitreibungs- und Haftkoeffi- trachtet man die Wirkungslinie der von der Unterlage auf
zienten sind in Tab. 2.3 aufgeführt. den Körper ausgeübten Kraft. Liegt diese Wirkungslinie
2.5 Reibung 41

Leitbeispiel Antriebsstrang

Technische Mechanik
Der Keilriemen:
. . . ein eleganter Trick zur Verstärkung der Reibung

Keilriemen sind Antriebsriemen mit trapezförmigem gleichgewicht in vertikale Richtung ergibt sich
Querschnitt. Ihr Vorteil liegt in der im Vergleich zu
Flachriemen wesentlich höheren Reibung an den um FD
FN = ,
einen Winkel α geneigten Riemenflanken (siehe auch 2 sin α
Abschn. 27.5). Sehen wir uns die auf einen Keilriemen
sodass die maximal übertragbare Haftkraft
wirkenden Kräfte einmal näher an.
μ0
FR0,max = 2μ0 FN = · FD
sin α
FD
beträgt. Beschreibt man die Kraftübertragung eines
Keilriemenantriebs in Form der bekannten Gleichung
α FR0,max = μ0,eff FN über einen effektiven haftreibungs-
koeffizienten μ0,eff , so beträgt dieser effektive Haftko-
FN FN effizient
μ0
μ0,eff =
sin α
und liegt für einen typischen Flankenwinkel von α =
19◦ beim Dreifachen des tatsächlichen Haftkoeffizien-
ten. Das bedeutet, dass ein Keilriemen im Vergleich
zu einem gleich stark vorgespannten Flachriemen ein
Die Kraft, mit der der gespannte Keilriemen in die Rie- dreimal so großes Drehmoment übertragen kann, bzw.
menscheibe gedrückt wird, sei mit FD bezeichnet. Ihr dass ein Keilriemen für das Übertragen eines gegebe-
entgegen wirken die Normalkräfte FN an den beiden nen Drehmoments nur ein Drittel der Vorspannkraft
um den Winkel α geneigten Flanken. Aus dem Kräfte- eines vergleichbaren Flachriemens benötigt.

innerhalb der von ρ umrandeten Fläche, so haftet der Kör-


per auf seiner Unterlage; liegt sie außerhalb dieser Fläche,
ϱ ϱ ϱ ϱ so gleitet der Körper. Da im Dreidimensionalen der durch
ρ umrandete Raum ein Kegel ist, spricht man in diesem
Zusammenhang auch von dem Reibkegel.
F

F Beispiel Eine Leiter mit vernachlässigbar kleinem Ei-


FR FR gengewicht lehne an einer Wand (bodenseitiger Auf-
standspunkt drei Meter vor der Wand, wandseitiger An-
lehnpunkt fünf Meter über dem Boden). Dabei herrsche
FN
FN zwischen Leiter und Wand sowie zwischen Leiter und Bo-
den jeweils der Haftkoeffizient μ0 = 0,4. Wie weit kann
man die Leiter emporsteigen, ohne dass diese rutscht?
Abb. 2.19 Liegt die Wirkungslinie der Kraft F innerhalb des Reibkegels (links ), Lösung: An der Leiter greifen genau drei Kräfte an,
verbleibt der Körper in Ruhe, liegt sie außerhalb des Reibkegels, rutscht er nämlich die Gewichtskraft G der Person und die bei-
(rechts )
den Aufstandskräfte (deren x- und y-Komponenten die
entsprechenden Normal- und Haftkräfte sind). Bei Ein-
wirkung dreier Kräfte kann statisches Gleichgewicht nur
42 2 Grundbegriffe und Kraftgruppen – der Einstieg in die Technische Mechanik

dann herrschen, wenn sich diese Kräfte in einem Punkt


schneiden.
Technische Mechanik

Soll die Leiter des Weiteren nicht rutschen, also Haf-


tung herrschen, muss sich dieser Schnittpunkt innerhalb
der beiden Reibkegel „Leiter auf Boden“ und „Leiter an
Wand“ befinden.
G

ϱ F
FN
ϱ R
FR
G
FR

f FN
4m ϱ ϱ

Abb. 2.21 Die Kräfte an einem schlecht aufgepumpten Reifen

3m FR0
überwinden. An der Fahrbahn wirken die Normalkraft
FN FN und die Haftkraft FR .
Das Rad sei schlecht aufgepumpt, sodass es sich stark
Abb. 2.20 Ermittlung des höchstmöglichen Standorts einer Person auf der an-
gelehnten Leiter, wenn die Leiter nicht rutschen darf
deformiert und an der Fahrbahn einen Wulst vor sich her-
schiebt. Dadurch greifen die Kräfte an der Fahrbahn in
x-Richtung gesehen um einen kleinen Abstand f vor den
Wir zeichnen also die beiden Reibkegel des Haftwinkels Kräften an der Achse an.
ρ = arctan 0,4 = 21,8◦ , schraffieren das „erlaubte“ Gebiet
für den Schnittpunkt von Aufstandskräften und ermit- Die Gleichgewichtsbedingungen ergeben:
teln die durch den eingezeichneten Kraftvektor von G
markierte Stelle der Leiter als höchstzulässigen Punkt der  ∑ M(Achse)
i = FN · f − FR · R = 0
Person auf der Leiter.  f
=⇒ FR = FN ,
R
↑ ∑ Fiy = −G + FN = 0
Rollreibung macht es leichter =⇒ G = FN sowie
→ ∑ Fix = F − FR = 0
Rollreibung kann um Größenordnungen kleiner sein als f
=⇒ F = FR = FN .
Gleitreibung, das weiß jeder, der schon mal versucht hat, R
sein Fahrrad mit fest angezogenen Handbremsen (also
Als Ergebnis erhalten wir für die
gleitend statt rollend) zu schieben.
Im Vergleich zur Coulomb’schen Reibung zeichnet sich Rollreibung
Rollreibung aber nicht nur durch die sehr viel geringeren
Reibungskräfte, sondern auch durch einen gänzlich an- Der Rollreibungswiderstand wächst mit zunehmen-
deren mechanischen Hintergrund aus. So hängt die Roll- dem Versatz (oder zunehmender Wulstgröße, wenn
reibungskraft nicht allein von der Normalkraft und den man so sagen möchte) f gemäß
beiden aneinander reibenden Werkstoffen (beim Beispiel
des geschobenen Fahrrades die von Rad und Fahrbahn), f
FR = FN
sondern vor allem von der Deformation von Reifen und R
Fahrbahn ab. Betrachten wir hierzu exemplarisch einen
schlecht aufgepumpten Fahrradreifen (Abb. 2.21).
Das Moment, das die Rollreibung dabei der rollenden Be-
Auf das Rad wirken an der Radachse die Stützlast G und wegung entgegensetzt, beträgt
die Vortriebskraft F. Letztere ist die Kraft, die vom Fah-
rer aufzubringen ist, um den Rollreibungswiderstand zu MRollreibung = FN · f .
2.5 Reibung 43

Beispiel: Der „Zaubertrick“ mit dem Besenstiel

Technische Mechanik
. . . ein schönes Spielchen mit Haftung und Gleitrei- Bewegung verhindernde Kraft. Der Stab wird also stets
bung an demjenigen Finger haften, der die größere Rei-
bungskraft aufbringen kann.
Problemanalyse und Strategie: Es gibt einen netten
Bezeichnen wir die beiden Finger im Folgenden als
„Zaubertrick“, an dem sich sehr schön das Zusammen-
Finger A und Finger B. Wenn die Finger nach innen
spiel von Haftung, Gleitreibung und Lagerreaktionen
zusammengeführt werden, dann üben sie auf den Stab
zeigt. Auch wenn man nervös oder ein wenig tollpat-
nach innen gerichtete Reibungskräfte aus. Nehmen wir
schig ist, der Trick gelingt praktisch immer, er kennt
einmal an, zu Anfang des Experiments rutsche der Stab
quasi keinen Vorführeffekt.
über den Finger A, während er am Finger B einstweilen
haften bleibt.
Lösung: So funktioniert der Zaubertrick:

FRA = μFNA FRB ≤ μ0FNB


FNB
FNA

Mit den Normal- und Reibungskräften geschieht nun


Folgendes:
An Finger A herrscht Gleitreibung. Die Gleitrei-
bungskraft beträgt FRA = μFNA .
An Finger B herrscht Haftung. Da der Haftkoeffi-
zient größer als der Gleitreibungskoeffizient ist, ist
die maximal mögliche Haftkraft am Finger B größer
Wir legen einen langen Stab möglichst weit außen lo-
als die Gleitreibungskraft am Finger A, und der Stab
se auf die Zeigefinger beider Hände. Was für einen
wird weiter am Finger B haften.
Stab wir nehmen ist egal – Bleistift, Lineal, Eisenstange,
Der Finger A nähert sich nun immer mehr der
. . . alles funktioniert. Aber je länger der Stab ist, desto
Stabmitte und überträgt deshalb (Momentengleich-
eindrucksvoller wird das Experiment, daher die Emp-
gewicht!) eine größere Normalkraft als Finger B:
fehlung zum Besenstiel.
FNA > FNB . Wenn der Finger A nahe genug an der
Jetzt führen wir langsam und gleichmäßig die Hän- Stabmitte ist, erreicht die Gleitreibungskraft an Fin-
de zusammen. Was geschieht? Abwechselnd bleibt der ger A die maximal mögliche Haftkraft an Finger B.
Stab an einem der beiden Finger haften und rutscht
Sobald die Haftkraft an Finger B die immer größer
über den anderen weg, bis sich nach einer Reihe von
werdende Gleitreibungskraft an Finger A nicht mehr
Wechseln zwischen Haften und Rutschen schließlich
aufbringen kann, kehren sich die Verhältnisse um: Der
beide Finger genau in der Mitte des Stabes treffen. Im-
Besenstiel bleibt nun an Finger A haften und gleitet
mer bleibt ein Finger am Stab haften, nie rutscht der
über den Finger B hinweg.
Stab über beide Finger gleichzeitig. Am besten Sie pro-
bieren es vor dem Weiterlesen gleich mal aus. Mit immer kürzer werdenden Gleitstrecken geht dieses
Wechselspiel noch eine Zeit lang weiter, bis sich beide
Der mechanische Hintergrund: Knackpunkt des Ver- Finger schließlich im Schwerpunkt des Besenstiels tref-
ständnisses ist das Begreifen von Reibung als eine fen.

Das heißt: Ein hart aufgepumpter Reifen, welcher auf Theoretisch würde der Rollwiderstand, wenn Rad und
der Fahrbahn wenig Deformation erfährt und somit ei- Fahrbahn vollkommen starr sind, sogar gänzlich ver-
ne kleinen Hebelarm f aufweist, bewirkt einen kleinen schwinden. Aber auch wenn das in der Praxis natürlich
Rollwiderstand. Wer Fahrrad fährt, wird dies aus eigener nicht der Fall ist – für Stahlräder von Schienenfahrzeugen
Erfahrung bestätigen können. rechnet man z. B. mit ungefähr f /R ≈ 0,001 bis 0,002, bei
44 2 Grundbegriffe und Kraftgruppen – der Einstieg in die Technische Mechanik

ds

FR dφ dφ
Technische Mechanik

2 2
α dFR
dFN
S S + dS

kleinere dφ
Seilkraft S1
größere
Seilkraft S2
Abb. 2.23 Zur Herleitung der Eytelwein’schen Gleichung

Abb. 2.22 Seil- und Reibungskräfte bei Seilreibung Für infinitesimal kleine Winkel dϕ werden cos dϕ/2 = 1
und sin dϕ/2 = dϕ/2. Zudem ist dS · dϕ/2 als Produkt
zweier infinitesimal kleiner Größen klein von höherer
Wälzlagern mit f /R ≈ 0,0005 bis 0,001 – so ist Rollreibung Ordnung und kann vernachlässigt werden. Wir erhalten
in aller Regel doch sehr viel kleiner als Gleitreibung. somit
dS − μ0 dFN = 0 und
dFN − S dϕ = 0 .
Seilreibung unterstützt kleine Kräfte Eliminieren von dFN führt schließlich zu
dS
μ0 dϕ =.
Wird ein Seil über eine reibungsfrei drehbar gelagerte Rol- S
le umgelenkt, so sind, wie wir wissen, die Seilkräfte zu Wir integrieren beide Seiten über die Umschlingung – den
beiden Seiten der Rolle gleich groß. Findet diese Umlen- Winkel ϕ von 0 bis α und die Seilkraft S von S1 bis S2 – und
kung jedoch um einen starren Pfosten statt, so ist dem erhalten
nicht mehr so.
μ0 α = ln S2 − ln S1 ,
Die Seilkräfte können nun zu beiden Seiten des Pfos-
tens unterschiedlich groß sein, ohne dass das Seil um was wir zu S2 = S1 · exp(μ0 α) umformen.
den Pfosten rutscht. Grund hierfür sind die Reibungs- Wenn S1 > S2 ist, müssen wir die Indizes in diesen Glei-
kräfte zwischen Pfosten und Seil, die, da sie gegen die chungen vertauschen, und wir erhalten als Ergebnis S2 =
Bewegungstendenz des Seils orientiert sind, die kleinere S1 · exp (−μ0 α). Ganz allgemein verbleibt das Seil also
Seilkraft unterstützen. dann in Ruhe, wenn bei einer vorgegebenen Seilkraft S1
die gegenhaltende Seilkraft S2 um weniger als den Faktor
Bezeichnen wir die kleinerer Seilkraft zunächst als S1 und
exp (μ0 α) von S1 abweicht.
die größere Seilkraft als S2 . Zur Herleitung des Zusam-
menhangs zwischen den Seilkräften, dem Haftkoeffizien-
ten μ0 und dem Umschlingungswinkel α betrachten wir Eytelwein’sche Ungleichung
einen infinitesimal kleinen Abschnitt des um den Pfosten
Ein Seil bleibt so lange im statischen Gleichgewicht,
geschlungenen Seils.
wie sich S2 innerhalb der Grenzen (Abb. 2.23)
Die Länge des betrachteten Seilabschnitts sei ds, der Um-
schlingungswinkel des Abschnitts dϕ. Die Seilkräfte seien S1 · e(−μ0 α) ≤ S2 ≤ S1 · e(μ0 α)
an der linken Seite mit S und an der rechten Seite, an der
die Seilkraft ein klein wenig größer ist, mit S + dS bezeich- bewegt.
net. Der betrachtete Seilabschnitt befinde sich gerade an
der Haftgrenze, d. h., es wirken die Normalkraft dFN und
die Haftkraft dFR = μ0 dFN . Beachten Sie, dass der Umschlingungswinkel α in dieser
nach Johann A. Eytelwein (1764–1848) benannten Glei-
Die Gleichgewichtsbedingungen lauten chung stets in Bogenmaß anzusetzen ist.
Mit der Eytelwein’schen Gleichung werden unter an-
dϕ dϕ
→ ∑ Fix = −S cos + (S + dS) cos − μ0 dFN = 0 derem Riemenantriebe ausgelegt. Aber auch im nicht-
2 2 technischen Bereich kann die Seilreibung durchaus von
dϕ dϕ Bedeutung sein, wie das folgende Beispiel vom Klettern
und ↑ ∑ Fiy = dFN − S sin − (S + dS) sin = 0.
2 2 zeigt (Abb. 2.24).
2.6 Schwerpunkt 45

Beispiel Ihr 700 N schwerer Kommilitone klettert an ei-


ner Kletterwand, Sie sichern.
2.6 Schwerpunkt

Technische Mechanik
Aus der bloßen Anschauung wissen wir, was ein Flächen-
schwerpunkt ist. Wird eine Fläche lose in ihrem Schwer-
α ≈ 180° punkt an eine Wand gepinnt, dann kippt die Fläche unter
dem Einfluss der Schwerkraft nicht. Bei einem anderen
Aufhängepunkt würde die Fläche so lange pendeln, bis
sich der Schwerpunkt wieder genau unterhalb des Auf-
hängepunktes befindet.

Berechnung des Flächenschwerpunktes

Nun gilt es, diesen Gedankengang in die Mechanik um-


zusetzen. Betrachten wir hierzu eine beliebige Fläche, die
wir gedanklich in viele kleine Flächenelemente ΔA unter-
teilen (Abb. 2.25).
Wenn diese Fläche um ihren Schwerpunkt nicht kippt,
sich also nicht dreht, muss um den Schwerpunkt das
Momentengleichgewicht erfüllt sein. Über alle Flächen-
elemente aufsummiert gilt demnach

∑ ΔA · (Hebelarm zum Schwerpunkt) = 0 .


Im Grenzübergang zu infinitesimal kleinen Flächenele-
menten werden ΔA zu dA und das Summenzeichen zum
Integral. Mit dem Hebelarm eines jeden Flächenelements,
welcher x − xS beträgt, erhalten wir

Abb. 2.24 Einfache Sicherung eines Kletterers an einer Kletterwand (x − xS )dA = 0 .
(A)
Dabei wird das Sicherungsseil ganz oben an einem Kara-
biner um 180° umgelenkt. Es betragen der Haftkoeffizient Hierbei bedeutet der Integrationsbereich A, dass über die
μ0 = 0,4 und der Gleitreibungskoeffizient μ = 0,3. ganze Fläche integriert wird. Wir formen weiter um zu
  
Mit welcher Kraft müssen Sie gegenhalten, wenn Ihr (x − xS )dA = x dA − xS dA
Kommilitone abstürzt? (A) (A) (A)
Wenn Sie Ihrem abgestürzt im Seil hängenden Kom- 
militonen etwas Gutes tun und ihn nach oben ziehen = x dA − xS A = 0 .
wollen: Welche Kraft ist jetzt erforderlich? (A)

Zur Lösung: In der ersten Fragestellung liegt Gleitreibung


y
vor (ein sich bewegender, weil abstürzender Kletterer
muss aufgefangen werden). Dabei ist die Gewichtskraft
y ∆A
des Kletterers die größere Seilkraft S2 und die Gegen-
haltekraft die kleinere Seilkraft S1 . Diese beträgt S1 =
700 N/ exp (0,3 π ) = 273 N. yS SP

In der zweiten Fragestellung erschwert dagegen die Seil-


reibung das Hochziehen des Kletterers, zudem liegt Haf-
tung vor. Die Verhältnisse kehren sich somit um, und
die Gewichtskraft des Kletterers ist nun die kleinere Seil-
kraft S1 und die Gegenhaltekraft die größere Seilkraft S2 .
x
Diese beträgt S2 = 1300 N · exp (0,4 π ) = 2460 N. Lieber x xS
also nur sichern und das Hochziehen gar nicht erst ver-
suchen.  Abb. 2.25 Zur Herleitung des Flächenschwerpunktes
46 2 Grundbegriffe und Kraftgruppen – der Einstieg in die Technische Mechanik

Unter Beachtung, dass sich für die y-Koordinate des Flä- h


chenschwerpunktes, yS , ein der x-Koordinate des Flächen-
y(x) = h – h x
Technische Mechanik

schwerpunktes analoges Ergebnis ergibt, erhalten wir b


schließlich für die
y

Koordinaten des Flächenschwerpunktes x b

  Abb. 2.27 Der Integrationsweg für ΔA


1 1
xS = x dA und yS = y dA
A A
(A) (A) Das heißt, es ist zunächst entlang y zu integrieren,

h− hb x

Diese Gleichungen mögen abstrakt und schwierig wir- x dy ,
ken – man integriert nicht alle Tage über eine Fläche –
y= 0
aber in Wirklichkeit sind sie gut zu lösen. Die Integrale
über die Fläche bedeuten letztlich nichts weiter, als dass
eine gegebene Fläche A lückenlos mit kleinen Flächenele- um dann dieses Integral von x = 0 bis x = b erneut zu in-
menten der Größe dA zu überstreichen ist und zu jeder tegrieren. Wir erhalten somit
Position die x- bzw. y-Koordinate notiert und nachher auf-
b  h− b x
h
summiert (integriert) wird. An zwei Beispielen werden  
wir gleich sehen, wie das geht. x dA = x dy dx .
(A) x= 0 y= 0
Ist eine Fläche übrigens symmetrisch, kann man sich die
Berechnung einer Schwerpunktkoordinate sparen, denn
es gilt für den Dieses Integral ist einfacher, als es auf den ersten Blick er-
scheint. Im inneren Integral wird entlang y integriert. Der
Flächenschwerpunkt bei symmetrischen Flächen Integrand x,ist aber von y unabhängig und kann somit als
Konstante vor das innere Integral gezogen werden. So er-
Bei spiegelsymmetrischen Flächen liegt der Flächen- gibt sich
schwerpunkt stets auf der Symmetrieachse.
b  h− b x
h
  b  h 
x dA = x 1 dy dx = x h − x dx
b
(A) x= 0 y= 0 x= 0
Beispiel Zu berechnen sind die Schwerpunktkoordina-
1 1h 3
b 1 2
ten xS und yS des in Abb. 2.26 abgebildeten rechtwinkli-
= hx2 − x = hb .
gen Dreiecks der Breite b und der Höhe h. 2 3b 0 6

Zusammen mit der Dreiecksfläche, A = 1/2bh, erhalten


wir als Schwerpunktkoordinate
h
y 1 2
6 hb b
yS xS = 1
= .
2 bh
3
x xS
b
Für die y-Koordinate des Schwerpunktes ergibt sich ana-
Abb. 2.26 Zu berechnen ist der Flächenschwerpunkt eines rechtwinkligen log
Dreiecks
h
yS = .
Zunächst zur Berechnung von xS : Am geschicktesten be- 3

streichen wir die Dreiecksfläche mit unserem kleinen Flä-
chenelement ΔA, wenn wir dieses zunächst entlang einer
Säule von y = 0 bis zur Oberkante des Dreiecks laufen las- Beispiel Schwerpunkt eines Viertelkreises Gegeben
sen und dann alle Säulen entlang der Breite des Dreiecks sei ein Viertelkreis mit dem Radius R. Gesucht sind die
aufsummieren (Abb. 2.27). Schwerpunktkoordinaten xS und yS .
2.6 Schwerpunkt 47

Tab. 2.4 Übersicht über die Rechteck rechtwinkliges Dreieck Viertelkreis Parallelogramm Dreieck
Schwerpunkte wichtiger Flächen

Technische Mechanik
h h y h h
x b y
y y
b b1 x b2 b1
b1 x b2
x R
2b1 +b2
xS = b
2 xS = b
3 xS = 4
3π R xS = b1 + 12 b2 xS = 3

yS = h
2 yS = h
3 yS = 4
3π R yS = h
2 yS = h
3

Der Schwerpunkt zusammengesetzter Flächen


Ist eine Fläche aus mehreren Teilflächen mit jeweils bekann-
ter Schwerpunktlage zusammengesetzt, so lässt sich die
Lage des Gesamtschwerpunktes auch ohne Integration be-
rechnen. Der Grundgedanke ist dabei im Prinzip derselbe,
der auch der Integralformel zur Berechnung des Flächen-
schwerpunktes zugrunde liegt: Um den Gesamtschwer-
rdφ punkt gleichen sich die Drehwirkungen (die Momente) al-
y ler Teilflächen zu null aus. Und so ist dann die Bestim-
r mungsgleichung für den Schwerpunkt zusammengesetz-
φ ter Flächen den Gleichungen zur Schwerpunktberechnung
durch Integration über die Querschnittsfläche sehr ähnlich.
x dr R

Schwerpunkt zusammengesetzter Flächen


Abb. 2.28 Der Integrationsweg zur Schwerpunktberechnung eines Viertelkrei-
1 1
ses
xS =
Ages ∑ (xSiAi ) und yS =
Ages ∑ (ySiAi ) .

Wir rechnen in Polarkoordinaten und wählen das skiz-


zierte Flächenelement dA mit den Kantenlängen dr und Hierin sind Ages der Flächeninhalt der Gesamtfläche, xSi
rdϕ zum Überstreichen der Viertelkreisfläche (Abb. 2.28). und ySi die x- und y-Koordinaten der Schwerpunkte der
Wir lassen es zunächst in Umfangsrichtung entlang ei- einzelnen Teilflächen und Ai die Flächeninhalte der Teil-
nes Kreisbogens von ϕ = 0◦ bis ϕ = 90◦ laufen (inneres flächen.
Integral), um anschließend alle inneren Integrale vom Aufgaben zum Schwerpunkt zusammengesetzter Flächen
Kreismittelpunkt bis nach außen zum Kreisbogen auf- lassen sich zumeist ohne größere Probleme lösen, wenn
zuintegrieren (äußeres Integral). Das bedeutet man alle für die Berechnung erforderlichen Daten (xSi , ySi ,

Ai und Ages ) übersichtlich in einer kleinen Tabelle zusam-
 R  90  menfasst.
x dA = r cos ϕrdϕ dr
Am folgenden Beispiel sei das illustriert.
(A) r= 0 ϕ = 0 ◦

R
90◦ Beispiel Für die skizzierte Fläche (Abb. 2.29), die aus
1 3
= r2 sin ϕ dr = R . den einem Rechteck (Fläche 1), einem rechtwinkligen
0◦ 3
r= 0

Mit der Fläche des Viertelkreises, A = π/4 R2 , erhalten


wir als Ergebnis
100 R40
4 y
xS = R.

x
Das Ergebnis für xS ist aus Symmetriegründen identisch. 50
 150 60

Die Schwerpunkte dieser und weiterer wichtiger Flächen Abb. 2.29 Ein Beispiel für eine aus mehreren Teilflächen zusammengesetzte
sind in Tab. 2.4 aufgeführt. Fläche
48 2 Grundbegriffe und Kraftgruppen – der Einstieg in die Technische Mechanik

Beispiel: Büroklammerkreisel bauen


Technische Mechanik

. . . ein nettes Spielzeug, wenn der Schwerpunkt ds = Rdφ


stimmt.

y φ
Problemanalyse und Strategie: Kreisel zählen zu den
erklärten Lieblingsspielzeugen des Autors, und ganz
besonders mag er solche, die man aus einer Büroklam- α
x
mer selber biegen kann. Als gut sortierter Beamter hat
er immer ein paar Büroklammern in Griffweite, und
das Verarbeiten derselben in rasante Kreisel hat ihn
schon in manch „spannender“ Sitzung wach gehalten.
Wie aber muss eine Büroklammer gebogen werden, da- R
mit ein gut laufender Kreisel aus ihr wird?

Die beiden geraden Enden des Kreisels bilden die


Lösung: Auch ohne tieferen Einblick in die Kreiselme- Kreiselachse, liegen deswegen automatisch im Schwer-
chanik sind zwei Forderungen an einen gut laufenden punkt und brauchen für die Schwerpunktberechnung
Kreisel plausibel: nicht weiter berücksichtigt zu werden. Der Winkel α,
in dem die Speichen angeordnet sind, ist somit derart
Ein guter Büroklammerkreisel dreht sich mit viel zu wählen, dass der Schwerpunkt von Speichen und
Schwung, d. h. einem großen Massenträgheitsmo- Kreissegment im Ursprung des abgebildeten Koordi-
ment (vgl. Abschn. 10.2). Dafür muss möglichst viel natensystems liegt.
Masse weit weg von der Kreiselachse liegen.
Ein guter Büroklammerkreisel dreht sich ohne Un- Aufgrund der Symmetrie ist dies für die y-Koordinate
wucht, d. h. sein Schwerpunkt liegt auf der Kreisel- des Schwerpunktes gegeben. Aber bezüglich der x-
achse. Koordinate bleibt uns eine Schwerpunktberechnung
nicht erspart.
Der erste Punkt, die Forderung nach großer Massen- Die Schwerpunkte der Speichen (Segmente 1 und 2)
trägheit, wird sehr schön von der 1986 von T. Sakai liegen jeweils in der Mitte der Speichen; den Schwer-
vorgeschlagenen Geometrie erfüllt. Bei ihr wird die punkt des Kreissegmentes (Segment 3) berechnen wir
Büroklammer zu einem Kreisel gebogen, der aus der mit der Integraldefinition
Kreiselachse, zwei Speichen und einem trägen, weil 
weit von der Kreiselachse entfernten Kreissegment be- 1
xS3 = x ds .
steht. l
(l )

Hierin beträgt die Bogenlänge l des Kreissegments 2αR


(α in Bogenmaß); das Weginkrement ds entspricht Rdϕ.
Wir erhalten somit

1 R sin α
xS3 = R cos ϕ · R dϕ = .
2αR α
−α

Der Gesamtschwerpunkt von Streben und Kreisseg-


ment berechnet sich somit aus den folgenden Daten:

Teilsegment: xSi li
R
1: untere Speiche 2 cos α R

2 cos α
R
2: obere Speiche R
Damit zum zweiten Punkt, der Schwerpunktlage. Wie R sin α
3: Kreissegment α 2αR
ist die Kreiselgeometrie zu gestalten, damit der Krei-
2R + 2αR
selschwerpunkt auf der Drehachse liegt?
2.6 Schwerpunkt 49

Und wir erhalten für den Gesamtschwerpunkt xS Büroklammerkreisel sind schöne Spielzeuge. Wenn
man sich beim Biegen der Klammer Mühe gibt, kön-

Technische Mechanik
1   nen sie länger als 20 Sekunden lang laufen.
xS = R2 cos α + 2R2 sin α = 0
2R + 2αR Gewöhnliche Büroklammern lassen sich leicht von
 1 Hand zu Kreiseln biegen, am besten über eine Rol-
=⇒ α = arctan − = 153,4◦ . le, damit das Kreissegment auch tatsächlich kreisrund
2 wird. Trägere und länger laufende Kreisel erhält man
aus den größeren und stabileren Aktenklammern. Um
Dies entspricht einem Öffnungswinkel zwischen den diese zu verbiegen benötigt man allerdings zwei Zan-
Speichen von 53,2°. gen.

Dreieck (Fläche 2) und einem kreisförmigen Loch (Flä- Volumenschwerpunkt


che 3) zusammengesetzt ist, ist die Lage des Flächen-
Für homogene Körper lauten die entsprechenden Glei-
schwerpunktes zu bestimmen.
chungen zur Schwerpunktbestimmung
Wir tragen alle wichtigen Daten in eine übersichtliche Ta-
 
belle ein (Tab. 2.5). 1 1
xS = x dV, yS = y dV
V (V )
Tab. 2.5 Zusammenstellung der Schwerpunktlagen und Flächeninhalte der (V ) V
Teilflächen 
1
und zS = z dV ,
Teilfläche: xSi [mm] ySi [mm] Ai [mm2 ] (V )
V
1: Rechteck 150 × 100 75 50 15.000
2: rechtwinkliges Dreieck 170 33,3 3000 bzw.
60 × 100 1 1
3: Kreisloch R40 50 50 −5027 xS =
Vges ∑ (xSiVi ) , yS =
Vges ∑ (ySiVi )
Ages = 12.973mm2 1
und zS =
Vges ∑ (zSi Vi )
Jetzt setzen wir die Gleichungen für die Schwerpunktbe-
stimmung zusammengesetzter Flächen an und erhalten bei zusammengesetzten Volumina.
1  
xS = 75 · 15.000 + 170 · 3000 − 50 · 5027 mm Massenmittelpunkt
12.973
= 107 mm Bei inhomogenen Körpern wird es ein wenig kompli-
zierter, denn die unterschiedliche Dichteverteilung ist zu
sowie berücksichtigen. Es gelten nun die Gleichungen
1  
 
yS = 50 · 15.000 + 33,3 · 3000 − 50 · 5027 mm 1 1
12.973 xS = x dm = ρ x dV ,
m m
= 46 mm . (m ) (V )
 
1 1
Diesem Beispiel können wir auch entnehmen, wie bei zu- yS = y dm = ρ y dV
sammengesetzten Flächen mit Löchern umzugehen ist. m m
(m ) (V )
Diesen wird ein negativer Flächeninhalt zugewiesen, und  
sonst werden sie behandelt wie jede andere Teilfläche 1 1
und zS = z dm = ρ z dV ,
auch.  m m
(m ) (V )

bzw.
In anderen Dimensionen: Volumenschwerpunkt, 1 1
Massenmittelpunkt und Linienschwerpunkt
xS =
mges ∑ (xSimi ) , yS =
mges ∑ (ySimi )
1
Alle für Flächen hergeleiteten Gleichungen zur Schwer-
und zS =
mges ∑ (zSimi )
punktbestimmung gelten sinngemäß auch für Linien (et-
wa Rohrleitungen) und dreidimensionale Körper. bei zusammengesetzten Volumina.
50 2 Grundbegriffe und Kraftgruppen – der Einstieg in die Technische Mechanik

Linienschwerpunkt bzw.
Für Linien (z. B. dünne Rohrleitungen konstanter längen-
Technische Mechanik

1 1
bezogener Masse) gilt xS =
lges ∑ (xSili ) , yS =
lges ∑ (ySili )
  1
xS =
1
x ds, yS =
1
y ds und zS =
lges ∑ (zSi li )
l l
(l ) (l )
 bei Linien, die aus mehreren Segmenten mit jeweils be-
1
und zS = z ds , kannter Schwerpunktlage zusammengesetzt sind.
l
(l )

Weiterführende Literatur
Die weiterführende Literatur für alle Kapitel des Teils
Technische Mechanik befindet sich am Ende von Kap. 9.

Antworten zu den Verständnisfragen

Antwort 2.1 Technische Strukturen, die sich nicht als star- Antwort 2.4 Das abgebildete Scharnier verhindert, dass
re Körper idealisieren lassen, kommen vergleichsweise sich ein Körper in x-, y- oder z-Richtung translatorisch be-
selten vor. Beipiele sind ein Stab für den Stabhochsprung wegen kann. An Rotationen verhindert es weiterhin die
oder eine Angelrute nach dem Anbeißen eines kapitalen Drehungen um die y- und z-Achse, wogegen es einer Ro-
Fisches, die sich beide sehr stark durchbiegen. tation um die x-Achse keinen Widerstand entgegensetzt.
Das Scharnier kann also die Lagerreaktionen Fx , Fy , Fz , My
Antwort 2.2 Wir suchen Balken, die an beiden Enden und Mz ausüben.
gelenkig gelagert sind und dazwischen keine Belastung
erfahren. Das sind z. B. eine an beiden Seiten gelenkig ge- Antwort 2.5 Aus Gründen der statischen Bestimmtheit.
lagerte Deichsel eines Anhängers oder der Hubzylinder Würde man einen einachsigen Anhänger mit einer an
eines Kipplasters, sofern die Eigengewichte von Deichsel beiden Seiten gelenkig gelagerten Deichsel – aus me-
bzw. Hubzylinder im Vergleich zu den sonstigen angrei- chanischer Sicht ist das eine Pendelstütze – mit dem
fenden Kräften vernachlässigbar klein sind. Zugfahrzeug verbinden, lägen vier Lager- und eine Ge-
lenkwertigkeit vor. Das ist weniger als die für statische Be-
Antwort 2.3 Aus Gründen des Momentengleichgewichts. stimmtheit von zweiteiligen Systemen erforderliche Zahl
Senkt sich z. B. das rechte Ende eines Mobilestabs ab, so von sechs Wertigkeiten, sodass das Gespann statisch un-
verkürzt sich durch die Stabbiegung sein Hebelarm zur terbestimmt gelagert wäre. Zum gleichen Schluss kommt
Aufhängung, während sich der Hebelarm des nach oben man auch mit gutem ingenieurmäßigen Vorstellungsver-
steigenden linken Stabendes verlängert. Der Stab wird mögen, denn man erkennt, dass ein einachsiger Anhänger
sich dann wieder in seine Ausgangslage zurückdrehen. mit gelenkiger Deichsel wackelig wäre.
Aufgaben 51

Aufgaben

Technische Mechanik
Im Folgenden finden Sie Aufgaben zu dem im Kapitel besprochenen Thema. Wenn es sich um Rechenaufgaben
handelt, ist der Schwierigkeitsgrad angegeben (• leicht, •• mittel, ••• schwer), und eine Ergebniszeile zeigt das
zu erwartende Ergebnis.
Die Lösungen zu allen Aufgaben finden Sie auf der Internetseite des Buches (https://www.springer.com/de/book/
9783662558812).

2.1 • Berechnen Sie die in Abb. 2.6 auftretenden Bestimmen Sie die Winkel α und β (a) grafisch und (b)
Lagerkräfte. Mit welcher Kraft ist die Rolle an der Decke rechnerisch.
befestigt, wenn die Person in einem Winkel von α = 50◦
zur Horizontalen am Seil zieht? Hinweis: Zur rechnerischen Lösung: Mit den beiden
Gleichgewichtsbedingungen für das statische Gleichge-
Resultat: Ax = 63 N, Ay = 173 N. wicht am Punkt erhalten Sie zwei Gleichungen für die
beiden Unbekannten α und β. Lösen Sie dieses Glei-
chungssystem, indem Sie beide Gleichungen quadrieren
2.2 • Ein Frachtschiff wird von zwei Hafenschlep- und miteinander addieren.
pern (A und B) abgeschleppt. Die Seilkräfte betragen
FA = 32 kN im Seil zu Schlepper A und FB = 21 kN im Für die zeichnerische Lösung benötigen Sie einen Zirkel.
Seil zu Schlepper B.
Resultat: α = 7, 18◦ , β = 48, 59◦ .
B
2.4 • Ein 1600 N schwerer Stahlträger wird wie
40° skizziert über zwei Seile mit einem Kran angehoben. Be-
25° rechnen Sie die Seilkräfte.

Berechnen Sie die auf das Frachtschiff wirkende resultie-


rende Abschleppkraft.
Seil 1 Seil 2
Resultat: Rx = 45,1 kN, Ry = 0 kN. 30° 30°

2.3 •• Ein Seil ist über zwei reibungsfrei drehbar 30 cm 30 cm


gelagerte Rollen A und B geführt. An den Enden des 2m
Seils hängen die Gewichte FA = 400 N und FB = 600 N,
zwischen den Rollen das Gewicht FC = 500 N. Das Eigen-
gewicht des Seils sei vernachlässigbar.
Resultat: S1 = S2 = 1600 N.

2.5 • Beim Rodeln müssen Sie einen Schlitten mit


Kind den Berg hinaufziehen. Welche Kraft ist hierfür er-
forderlich? Zahlenwerte: Gewichtskraft von Schlitten und
Kind: 300 N, α = 25◦ , β = 30◦ .
FA
α β FB
FC
52 2 Grundbegriffe und Kraftgruppen – der Einstieg in die Technische Mechanik

Hinweis: Die Behandlung des Momentengleichgewichts


fällt einfacher, wenn Sie die Gewichtskraft G in ihre Kom-
Technische Mechanik

ponenten aufspalten: Gx entlang des Hangs und Gy senk-


recht zum Hang.

Resultat:
1. Ay = G4 (2 cos α − sin α), By = 4 (sin α + 2 cos α ),
G

S = G sin α.
2. αmax = 37◦ .

β 2.7 • Ein Träger der Länge 2 l ist im Punkt A zwei-


wertig und im Punkt B mit einer Pendelstütze gelagert.
Belastet wird er durch zwei Kräfte des Betrags F.

l l

α F

F
A α B

Hinweis: Nehmen Sie vereinfachend an, dass die Kufen


reibungsfrei auf dem Schnee gleiten.

Resultat: 127 N.

2.6 •• Sie schieben einen Wagen der bekannten Ge-


wichtskraft G einen Berghang hinauf. 1. Ist der Träger statisch bestimmt gelagert?
2. Berechnen Sie die Lagerreaktionen in den Punkten A
und B.
l Hinweis: Beachten Sie, dass eine Pendelstütze eine einwer-
l tige Lagerung ist. Zeichnen Sie deswegen die Lagerreak-
2 tion der Pendelstütze in ihrer tatsächlichen Orientierung
SP
in Ihr Freikörperbild ein.
B
l Resultat: Ax = −F − 2F
tan α , Ay = −F, B = 2F
sin α .
y x
A l
2.8 • Der skizzierte, in den Punkten A und B in
Fest- und Loslagerung gelagerte Träger wird durch zwei
α Kräfte des Betrags F und ein Moment des Betrags F l be-
lastet.

1. Berechnen Sie die Achslasten Ay und By sowie die


Schubkraft S in Abhängigkeit des Winkels α und des F
F∙l
F
Wagengewichts G.
α
2. Welchen Hangwinkel können Sie den Wagen gerade
eben noch hinaufschieben, wenn das Wagengewicht A B
500 N beträgt und Sie nicht stärker als S = 300 N schie-
ben wollen?
l l l l
Nehmen Sie an, dass die Schubkraft S in der Höhe l über
dem Boden angreift und in x-Richtung wirkt, dass die
Gewichtskraft G des Wagens im um l/2 über dem Bo- Berechnen Sie die Lagerreaktionen.
den liegenden Schwerpunkt SP angreift und dass Reibung
vernachlässigt werden kann. Beachten Sie, dass das Koor- Hinweis: Äußere Momente gehen in ihrer vollen Größe in
dinatensystem entlang der Hangschräge orientiert ist. das Momentengleichgewicht ein, egal wo sie angreifen.
Aufgaben 53

Resultat: Ax = −F cos α, Ay = 2 F − 2 F sin α,


1
By = 2.10 •• Berechnen Sie die Lagerreaktionen des skiz-
1, 5 F sin α − F. zierten Trägers.

Technische Mechanik
2.9 • Es ist Frühsommer, die Sonne scheint und Sie F
F
verbringen den Nachmittag lieber in der Hängematte als
60°
im Hörsaal. Bevor Sie die Müdigkeit vollends übermannt,
versuchen Sie, die Kräfte in den beiden Halteseilen der A B
Matte sowie die durch die Hängematte verursachten La- l l l
gerreaktionen im Wurzelwerk der Bäume zu berechnen.

Resultat: Ax = F2 , Ay = 0, 96 F, By = 0, 91 F.

2.11 •• Berechnen Sie die Lagerreaktionen des skiz-


zierten Trägers.

l
F
45°
A

l l

Die geometrischen Abmessungen entnehmen Sie bitte der √ √


folgenden (nicht maßstäblichen) Skizze: Resultat: Ax = 0, Ay = 1
2 2 F, Bx = − 12 2 F.

S1 S2
2.12 •• Ein Winkeleisen mit vernachlässigbar kleiner
Masse ist in den Punkten A und C durch ein Scharnier
1,5 m bzw. ein Seil gelagert, und im Punkt B durch die senk-
0,7 m 750 N rechte Kraft 40 N belastet.
A B
3m 2m 60 cm
y
40 N
x Seil

A B
1. Ermitteln Sie die Seilkräfte S1 und S2 rechnerisch. 50 cm
2. Ermitteln Sie die Seilkräfte S1 und S2 zeichnerisch. C
Verwenden Sie für Ihre Zeichnung den Kräftemaßstab
50 N
mF = 1 cm/100 N. z
y
3. Berechnen Sie die durch die Hängematte verursachten
Lagerreaktionen im Wurzelwerk der Bäume. x

Hinweis: Bei der Berechnung der Seilkräfte handelt es sich


um eine Aufgabe zum Gleichgewicht am Punkt (da genau 1. Untersuchen Sie das System auf statische Bestimmtheit.
drei nicht parallele Kräfte an der Hängematte angreifen), 2. Berechnen Sie die Lagerreaktionen.
bei der Berechnung der Lagerreaktionen um eine Aufgabe Hinweis: Stellen Sie als erste Gleichgewichtsbedingung
zum Gleichgewicht am starren Körper. das vektorielle Momentengleichgewicht auf und wählen
Sie einen günstigen Bezugspunkt.
Resultat: 1: S1 = 1164 N, S2 = 1212 N
2. und 3: Ax = −1125 N, Ay = 300 N, MA = 1687 N m, Resultat: Ax = −50 N, Ay = 0, Az = 0, S = 40 N, MAx =
Bx = 1125 N, By = 450 N, MB = −1687 N m. 20 N m, MAz = −25 N m.
54 2 Grundbegriffe und Kraftgruppen – der Einstieg in die Technische Mechanik

2.13 • Das Gewicht eines Konzertflügels betrage Gegeben: LKW-Gewicht FLKW = 150 kN, Anhängerge-
3,6 kN. Der Flügel steht auf drei Beinen, die sich jeweils wicht FAnh = 30 kN.
Technische Mechanik

reibungsfrei über den Boden rollen lassen. Die genauen


Positionen der Beine und des Schwerpunktes entnehmen
Sie bitte der folgenden Skizze:
G
A H V
B
C F Anh F Lkw
3,6 kN
0,5 m 1,5 m 1m 2m 3m
1,4 m

1m
0,9 m

1. Überprüfen Sie den Lastzug auf statische Bestimmtheit.


y 2. Berechnen Sie die Achslasten.
A x
Hinweis: Beginnen Sie mit dem einfacheren der beiden
Freikörperbilder.
0,6 m
1,8 m Resultat: Ay = 22, 5 kN, Gx = 0, Gy = 7, 5 kN, Hx = 0,
Hy = 99 kN, Vy = 58, 5 kN.

1. Ist der Flügel statisch bestimmt gelagert? 2.16 •• Ein Gelenkträger ist in den Punkten A und B
2. Berechnen Sie die Lagerreaktionen. jeweils zweiwertig gelagert. An ihm greift eine Kraft F an.

Hinweis: Kann eine Struktur, die sich frei verschieben G


lässt, weil sie auf Rollen steht, statisch bestimmt gelagert
sein?
F
Resultat: Az = 0, 94 kN, Bz = 1, 46 kN, Cz = 1, 2 kN.
a

2.14 • An der skizzierten, in den Punkten A und B in


Fest-/Loslagerung gelagerten Kegelradwelle greifen die
Zahnkräfte Fax = 260 N (Axialkraft), Fr = 1000 N (Radial- A B
kraft) und Ft = 2800 N (Tangentialkraft) an.
a
Fax Ft 4

a a
50 mm 2 2
Fr
Festlager A Loslager B
1. Überprüfen Sie den Träger auf statische Bestimmtheit.
160 mm 60 mm
2. Bestimmen Sie die Lager- und Gelenkreaktionen.

Resultat: Ax = F8 , Ay = F4 , Bx = − F8 , By = 34 F, Gx = − F8 ,
Berechnen Sie die Lagerreaktionen sowie das übertragene Gy = − F4 .
Moment.

Resultat: Ax = 260 N, Ay = −294 N, Az = 1050 N, By = 2.17 • Berechnen Sie für den skizzierten Gelenkträ-
1294 N, Bz = −3850 N, Mübertragen = 140 Nm. ger die Lager- und Gelenkreaktionen.

2.15 • Zu berechnen sind die Achslasten V, H und


A (Vorder-, Hinter- und Anhängerachse) eines stehen- F
A G B
den Lastzuges. LKW und Anhänger sind in der An-
hängerkupplung G gelenkig miteinander verbunden. Die
M = Fl
angezogene Handbremse des LKW blockiert dessen Hin-
l l l
terräder.
Aufgaben 55

Resultat: Ax = 0, Ay = −2 F, MA = −2 F l, By = 3 F,
F
Gx = 0, Gy = 2 F.

Technische Mechanik
2.18 • Eine Kiste mit der Gewichtskraft G stehe in
den Punkten A und B auf einer um den Winkel α = 40◦
zur Horizontalen geneigten schiefen Ebene. Bestimmen 3R
Sie grafisch, wie groß der Haftkoeffizient μ0 zwischen Kis-
te und schiefer Ebene mindestens sein muss, damit die
Kiste nicht die schiefe Ebene hinabrutscht.
R

B
B
SP

α A

Resultat: μ0 = tan α = 0, 84. Resultat: FNB = G


= 39,2 N,
μ0 − 41 + 4 μ3
3 0
FNA = 4 μ0 − 14 FNB = 88,2 N,
2.19 •• Bis zu welchem Winkel α lässt sich ein Stab
F = 14 (1 + μ0 )FNB = 12,7 N.
(Gewicht G, Länge l) an eine Wand lehnen, ohne hinun-
terzurutschen? Die Haftkoeffizienten zwischen Stab und
Boden sowie Stab und Wand seien gleich groß und betra- 2.21 • In den wie immer viel zu kurzen Semester-
gen jeweils μ0 = 0, 3. ferien jobben Sie als Hafenarbeiter. Jetzt sollen Sie ein
Frachtschiff mal schnell am Tau gegen Abdriften festhal-
ten. In Ermangelung höherer Kenntnisse zu Seemanns-
knoten schlingen Sie das Seil ein paar Mal um den Poller
B und halten so stark Sie können gegen.

α =?
α S1 = 400 N

S2 = 12 000 N

A Wie oft ist das Tau um den Poller zu wickeln?

μ0 G
Zahlenwerte:
Resultat: FNA = G
1+ μ20
, FNB = 1+ μ20
,
Abdriftkraft Frachtschiff: S2 = 12.000 N,

α = arctan 1−μ02 = 33, 4◦ . Ihre Gegenhaltekraft: S2 = 400 N,
Haftkoeffizient: μ0 = 0, 25.
0

2.20 •• Eine G = 100 N schwere Scheibe mit dem Ra- Resultat: 2,2 Umschlingungen.
dius R liegt wie skizziert in einer Ecke zwischen Boden
und Wand. Die an einem starr mit der Scheibe verbunde- 2.22 •• Ein Riemenantrieb bestehe aus zwei mit ei-
nen Hebelarm angreifende Kraft F versucht die Scheibe zu nem Riemen verbundenen Scheiben der Durchmesser
drehen. Die Haftkoeffizienten zwischen Scheibe und Bo- 150 mm und 400 mm. Der Achsabstand der beiden Rie-
den sowie Scheibe und Wand betragen jeweils μ0 = 0, 3. menscheiben betrage 800 mm, der Haftkoeffizient μ0 =
Wie groß muss die Kraft F mindestens sein, damit sich die 0, 4.
Scheibe dreht? Wie groß sind dann die Normalkräfte zwi- Die kleinere Riemenscheibe soll mit einem Drehmoment
schen Scheibe und Boden (Punkt A) sowie Scheibe und von maximal 140 Nm angetrieben werden können, ohne
Wand (Punkt B)? dass der Riemen rutscht.
56 2 Grundbegriffe und Kraftgruppen – der Einstieg in die Technische Mechanik

400 mm Hinweis: Integrationshilfe: cos2 xdx = 1
2 (x + sin x cos x).
150 mm
π
Resultat: xS = 0, yS =
Technische Mechanik

8.

2.25 •• Bestimmen Sie die Schwerpunktkoordinate


α
M = 140 Nm
xS der skizzierten Schreibtischlampe (alle Längenmaße in
mm). Es wiegen der Lampenfuß 400 g, der laufende Meter
Rohr jeweils 100 g und der Lampenschirm mit Glühbirne
800 mm 120 g.

240
1. Berechnen Sie den Umschlingungswinkel α der kleinen
Scheibe.
2. Wie groß sind die Kräfte im Riemen? 135°
50
3. Berechnen Sie die durch die Riemenkräfte hervorgeru-
fenen Lagerreaktionen im Lager der kleineren Riemen- 100
scheibe.
Resultat: α = 162◦ , S1 = 889 N, S2 = 2755 N, Ax =

300
3599 N, Ay = 292 N.

2.23 •• Gegeben ist der skizzierte trapezförmige Flä-


chenquerschnitt.
30 mm

Resultat: xS = 54,3 mm.


y
2.26 •• Berechnen Sie die Schwerpunktlage zS einer
x Pyramide der Höhe h und der Breite b.
30 mm 15 mm

z
1. Berechnen Sie die Lage des Flächenschwerpunktes mit-
hilfe der Integraldefinition des Schwerpunktes.
2. Unterteilen Sie das Trapez in zwei Teilflächen und be-
h
rechnen Sie die Lage des Flächenschwerpunktes.
Hinweis: Verwenden Sie bei der Integration horizontale
Streifen als Flächenelemente dA.
Resultat: xS = 19 mm, yS = 14 mm. b

b
2.24 •• Berechnen Sie die Schwerpunktkoordinaten
xS und yS der abgebildeten, durch die Funktion f (x) =
cos x im Bereich −π/2 ≤ x ≤ π/2 umrandeten Fläche.
Hinweis:
y
Beachten Sie, dass die Koordinate z ihren Ursprung in
1 der Spitze der Pyramide hat.
Verwenden Sie bei der Integration über das Volumen
f (x) = cos x der Pyramide horizontale Scheiben als Volumenele-
mente dV.
Das Volumen V einer Pyramide beträgt
1
V= · Höhe · Grundfläche .
3
–π 0 π x
2 2 Resultat: zS = 3
4 h.
Aufgaben 57

2.27 • • • Berechnen Sie die Schwerpunktlage einer ho- 1. Was hat diese Aufgabe mit dem Schwerpunkt zu tun?
mogenen Halbkugel des Radius R. 2. Welche Höhe Hzul darf die Mütze höchstens haben?

Technische Mechanik
z Hinweis: Die Bestimmungsgleichung für den Schwer-
punkt eines Kegels ist identisch mit derjenigen für den
Schwerpunkt einer Pyramide (siehe Aufgabe 2.26)).

Resultat: Hzul = 3 R.

2.29 • Auf einen Körper aus Stahl soll ein Haken an-
geschweißt werden, um den Körper mit einem Kran anhe-
ben zu können. Der Körper besteht aus einer 10 cm hohen
x y fünfeckigen Basis, einem ebenfalls 10 cm hohen quadra-
tischen Aufsatz und einer durchgehenden Bohrung des
Durchmessers 5 cm. Die anderen Maße entnehmen Sie bit-
Hinweis: Wählen Sie als Volumenelemente dV parallel zur te der Zeichnung.
x-y-Ebene liegende Kreisscheiben.

Resultat: xS = yS = 0, zS = 3
8 R. 10 cm

2.28 •• Ein Stehaufmännchen ist ein prima Kinder- z 10 cm


y
spielzeug. Man kann es stundenlang aufs Neue kippen, x
und es richtet sich stets alleine wieder auf.

10 cm
Sie haben sich nun entschlossen, Ihrer niedlichen kleinen 5 cm
Nichte zum ersten Geburtstag ein Stehaufmännchen zu
basteln. Es soll aus einem Stück bestehen, mit einer Halb-
kugel mit dem Radius R für das Gesicht und einem Kegel

20 cm
der Höhe H als Mütze.

20 cm
10 cm 20 cm 10 cm
25 cm
40 cm

An welche Stelle ist der Haken anzuschweißen, damit der


Körper beim Anheben nicht kippt?

Resultat: Der Haken muss genau über dem Schwerpunkt


verschweißt werden. Die Schwerpunktkoordinaten betra-
gen xS = 21, 4 mm, yS = 18, 5 mm.
Schnittgrößen – die inneren
3

Technische Mechanik
Kräfte und Momente
in Trägern
Wie schneidet man mitten
durch einen Träger frei?
Wie groß sind die Kräfte in
den Tragseilen der Golden
Gate Bridge?

3.1 Schnittgrößen in ebenen geraden Balken . . . . . . . . . . . . . . . . . 60


3.2 Rahmen und Bögen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
3.3 Räumliche Probleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
3.4 Fachwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
3.5 Seilstatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018 59


W. Skolaut (Hrsg.), Maschinenbau, https://doi.org/10.1007/978-3-662-55882-9_3
60 3 Schnittgrößen – die inneren Kräfte und Momente in Trägern

Ein unter Last stehendes Tragwerk kann grundsätzlich an zwei ver- a b


schiedenen Stellen versagen: Es kann aus seinen Verankerungen M(x) M(x) Q(x)
Technische Mechanik

gerissen werden oder an irgendeiner Stelle in seiner Mitte durch-


brechen. Im ersten Fall wären die Lagerreaktionen unzulässig hoch,
im zweiten Fall die inneren Kräfte und Momente im Tragwerk. Diese N(x) N(x)
werden auch als Schnittgrößen bezeichnet, da sie in ein Freikör- Q(x)
perbild immer dann eingetragen werden, wenn ein Träger an einer x
Stelle in seinem Inneren durchschnitten wird. Um sie geht es in die-
sem Kapitel. Abb. 3.2 Schnittgrößen in ebenen Problemen sowie Vorzeichenkonvention für
das positive (a) und negative (b) Schnittufer. Als positives Schnittufer wird das-
jenige bezeichnet, aus dem die in Balkenrichtung verlaufende Koordinatenachse
3.1 Schnittgrößen in ebenen herauszeigt. In horizontalen Trägern ist so das linke Schnittufer in aller Regel das
positive und das rechte Schnittufer das negative
geraden Balken
Sechs verschiedene Schnittgrößen können im allgemei- dann erhalten wir zwei Freikörperbilder, eines für den
nen dreidimensionalen Fall in einem Träger auftreten: Trägerteil links des Schnitts und eines für den Träger-
drei Kräfte – je eine in jede Koordinatenrichtung – und teil rechts des Schnitts. An beide Freikörperbilder sind
drei Momente – je eines um jede Koordinatenrichtung im Schnittufer – quasi ganz schnell, damit der verblei-
(Abb. 3.1). bende Trägerteil „nicht merkt“, dass der andere Trägerteil
weggeschnitten wurde – die Schnittgrößen N, Q und M
Hierbei findet das bei der Balkenbiegung übliche Koor-
einzutragen.
dinatensystem mit einer in Trägerrichtung verlaufenden
x-Achse sowie bei horizontalen Trägern einer senkrecht Wie wir das bei der Berechnung von Gelenksystemen
nach unten weisenden z-Achse und einer horizontal quer schon kennengelernt haben, wirkt dann jede Schnittgröße
zum Träger weisenden y-Achse Anwendung. Die Kraft in sowohl auf das linke als auch auf das rechte Freikör-
Trägerrichtung wird, da sie normal zum Schnittufer orien- perbild, und zwar in gleicher Größe aber entgegenge-
tiert ist, als Normalkraft N bezeichnet und die beiden quer setzter Richtung. Das ist letztlich das Gleiche wie bei
zum Schnittufer orientierten Kräfte in y- und z-Richtung einem durch ausströmende Luft davondüsenden Luftbal-
als Querkräfte Qy und Qz . Das Moment um die Trägerach- lon. Der Luftballon lässt die Luft nach hinten ausströmen
se wird als Torsionsmoment MT bezeichnet. und wird dadurch nach vorne getrieben. Bezüglich der
Für zweidimensionale Probleme reduziert sich die Zahl Vorzeichenkonvention richten wir uns stur nach der in
der Schnittgrößen auf drei, nämlich zwei Kräfte – die Abb. 3.2 gezeigten.
Normalkraft N, die normal (senkrecht) zur Schnittfläche An welchem der beiden Freikörperbilder wir dann die
durch den Balken orientiert ist, und die Querkraft Q, die Schnittgrößen ausrechnen, ist gleichgültig, denn aus bei-
quer zur Balkenrichtung verläuft – sowie ein Moment, das den folgen dieselben Schnittgrößenverläufe.
Biegemoment M.
Achtung Es lohnt sich immer, vor dem Losrechnen in
Wenn wir einen Träger nicht nur wie in Kap. 2 gelernt Ruhe zu überlegen, welches der beiden Freikörperbilder
von seiner Umgebung freischneiden (Lager und derglei- das einfachere ist und dann nur dieses zu zeichnen, um
chen), sondern ihn auch im Inneren entzweischneiden, daran die Schnittgrößen zu berechnen. 
Damit hätten wir bereits die allerwichtigsten Grundlagen
besprochen. Das Weitere wird an einem Beispiel deutlich.

Qy
N Die grafische Darstellung veranschaulicht die
y My Lage der höchstbeanspruchten Querschnitte
Qz MT

In der Regel begrenzen diejenigen Stellen im Träger,


x an denen die Schnittgrößen Extremwerte annehmen, die
Mz Tragfähigkeit des Trägers. Am besten lassen sich die-
se Stellen erkennen, wenn die berechneten Verläufe der
z Schnittgrößen grafisch dargestellt werden. Hierfür wer-
den wie bei einer Landkarte Maßstäbe benötigt. Diese
Abb. 3.1 Innere Kräfte und Momente in einem dreidimensional belasteten Bal- legen fest, in welcher Größe die tatsächlichen Abmessun-
ken gen des Trägers (Längenmaßstab mL ), die inneren Kräfte
3.1 Schnittgrößen in ebenen geraden Balken 61

Beispiel: Berechnung der Schnittgrößen in einem Sprungbrett

Technische Mechanik
Für das schon in Kap. 2 betrachtete Einmeter-Sprung- 600 N 900 N
QI
brett sollen die inneren Kräfte und Momente berechnet MI MI
werden.
NI NI
Problemanalyse und Strategie: Zunächst müssen wir QI
1500 N
als Voraufgabe die Lagerreaktionen ermitteln, dann
x 3m–x 2m
folgen die Schnittgrößen. Für die Schnittgrößenberech-
nung werden wir jeweils das Freikörperbild auswäh-
len (positives vs. negatives Schnittufer), das die einfa-
cheren Gleichgewichtsbedingungen nachsichzieht. Wir erhalten folgende Gleichgewichtsbedingungen
und Ergebnisse:

900 N → ∑ Fix = NI (x) = 0 ,


↑ ∑ Fiy = −600 N − QI (x) = 0
A B =⇒ QI (x) = −600 N ,
3m 2m  ∑ M(Schnittufer)
i = MI (x) + 600 N · x = 0
=⇒ MI (x) = −600 N · x .
x

Für den Bereich II ist das rechte Freikörperbild das ein-


Lösung: Als erstes berechnen wir die Lagerreaktionen, fachere.
was Ihnen jetzt nicht mehr schwerfallen sollte. (Sonst
sollten Sie Kap. 2 wiederholen, denn der Stoff muss sit- 600 N QII 900 N
zen, wenn es an die Schnittgrößen geht.) Wir erhalten MII MII

Ax = 0 , Ay = −600 N und By = 1500 N . NII NII


QII
Nun folgt der Schnitt an irgendeiner Stelle x im Träger. 1500 N
Mit einem einzigen Schnitt ist es dabei allerdings nicht 3m x–3m 5m–x
getan. Schneiden wir links des Lagers B, so ergibt sich x
ein anderes Freikörperbild als bei einem Schnitt rechts
des Lagers B. Man kann das im Vergleich der Freikör-
perbilder leicht erkennen. Beim Freischnitt links des
Lagers B taucht die Lagerkraft By im rechtsseitigen Wir erhalten
Freikörperbild auf, bei einem Freischnitt rechts des La-
gers B dagegen im linksseitigen Freikörperbild. → ∑ Fix = −NII (x) = 0 ,
Wir haben es also mit zwei Bereichen zu tun. Da ↑ ∑ Fiy = QII (x) − 900 N = 0
unterschiedliche Freikörperbilder unterschiedliche Er- =⇒ QII (x) = 900 N ,
gebnisse zur Folge haben, sind die Schnittgrößen für
beide Bereiche separat auszurechnen.  ∑ M(Schnittufer)
i =
Für den Bereich I (in der folgenden Abbildung sind − MII (x) − 900 N · (5 m − x) = 0
zum besseren Verständnis das linke wie das rechte =⇒ MII (x) = −900 N · (5 m − x) .
Freikörperbild eingezeichnet) ist das linke Freikörper-
bild das einfachere, sodass wir die Gleichgewichtsbe- Mit diesen Ergebnissen kennen wir nun die Verläufe
dingungen auf dieses aufbauen werden. der Schnittgrößen im gesamten Träger.
62 3 Schnittgrößen – die inneren Kräfte und Momente in Trägern

F (N) M (Nm) der Querkraftverlauf am Lager B einen Sprung auf-


weist (von −600 N auf +900 N), der genau der dort in
Technische Mechanik

900 1200 den Träger eingeleiteten Lagerreaktion (By = 1500 N)


600 800 QII(x) entspricht.
300 400
0
1 2 3 4 5 x (m)
–300 –400
–600 –800
QI(x) Von Streckenlasten spricht man, wenn eine
MII(x)
–900 –1200 Kraft auf eine Strecke verteilt angreift
MI(x) 1 cm
–1600
–2000 Von Streckenlasten spricht man, wenn ein Tragwerk
durch linienförmig verteilte Lasten belastet wird. Stre-
ckenlasten haben die Einheit Kraft pro Länge, also z. B.
Abb. 3.3 Verlauf der Schnittgrößen im Träger N/m.

Frage 3.1
(Kräftemaßstab mF ) und die inneren Momente (Momen-
tenmaßstab mM ) zu Papier gebracht werden. Nennen Sie Beispiele für Streckenlasten.

Nehmen wir als Beispiel das Sprungbretts in der Beispiel-


box Berechnung der Schnittgrößen in einem Sprungbrett , und Streckenlasten selbst sind noch keine Kräfte, ihre Einheit
wählen wir als Maßstäbe: ist ja auch nicht das Newton, sondern z. B. Newton pro
Meter. Aber aus Streckenlasten werden Kräfte, wenn sie
für mL : 2 cm=
 1 m, (bzw. mL = 21cm
m ),
entlang der Strecke, auf der sie wirken, integriert werden.
für mF : 1 cm=
 300 N, (bzw. mF = 300 N ) und
1 cm
Hierzu ein einfaches Beispiel:
für mM : 1 cm= 400 N m, (bzw. mM = 400 N m ).
1 cm

Beispiel
Zuerst zeichnen wir das Achsenkreuz. Bei dem vorge-
gebenen Längenmaßstab werden aus dem 5 m langen
Sprungbrett 10 cm auf der x-Achse. Auf der Ordinate
q0
(y-Achse) tragen wir zwei Skalen auf: eine für die Kraft-
verläufe (N- und Q-Linien) und eine für den Momenten-
verlauf. Jetzt können wir die berechneten Ergebnisse für l
N (x), Q(x) und M(x) einzeichnen, und zwar die Ergeb-
nisse für den Bereich I im Intervall 0 ≤ x < 3 m und die x, x
Ergebnisse für den Bereich II im Intervall 3 m ≤ x < 5 m.
Abb. 3.4 Gesucht sind die Lagerreaktionen und Schnittgrößenverläufe im
Lineare Funktionen zeichnen wir schnell und fehler- Kragträger
frei, indem wir zunächst die Funktionswerte am linken
und rechten Bereichsrand einzeichnen und diese dann
mit einer Geraden verbinden. Beispiel MII (x): Wir be- Ein Kragträger wird wie in Abb. 3.4 skizziert durch ei-
rechnen als Funktionswerte an den Bereichsrändern ne konstante Streckenlast belastet. Zu berechnen sind die
MII (3 m) = −1800 Nm und MII (5 m) = 0 Nm, zeichnen Lagerreaktionen sowie die Schnittgrößenverläufe N (x),
beide Funktionswerte ein und verbinden sie. Für quadra- Q(x) und M(x).
tische und kubische Funktionen (welche für Träger unter
Zunächst zu den Lagerreaktionen (Abb. 3.5):
Streckenlasten auftreten können) berechnen wir zu den
Funktionswerten an den Bereichsrändern noch zwei bis
drei Funktionswerte im Innern des Bereichs und legen
MA q0
dann mit gesundem Menschenverstand eine Kurve durch
diese Punkte. Ax

Die Kurvenverläufe (Abb. 3.3) zeigen, dass x dx


Ay l
das Sprungbrett am Lager B die größte Beanspruchung
erfährt (Maximum der Momentenlinie) und Abb. 3.5 Freikörperbild zur Ermittlung der Lagerreaktionen
3.1 Schnittgrößen in ebenen geraden Balken 63

Die beiden Kräftegleichgewichte lauten =⇒ Q(x) = q0 (l − x) ,


l
→ ∑ Fix = A(x) = 0 ,

Technische Mechanik
∑ M(SU)
i = −M (x ) − q0 (x − x) dx = 0
l
x= x
↑ ∑ Fiy = Ay − q0 dx = 0
1 l−x
0 =⇒ M(x) = − q0 (l − x)2 = −q0 (l − x) · .
2 2
=⇒ Ay = q0 · l .
Am Kräftegleichgewicht in y-Richtung erkennen wir, dass Auch bei den Schnittgrößen zeigt sich also, dass man die
die Wirkung der Streckenlast – das Integral von 0 bis l Streckenlast durch eine Kraft ersetzen kann, die die Grö-
über q0 – genau der Rechteckfläche entspricht, mit der ße des die Streckenlast im Freikörperbild darstellenden
die Streckenlast im Freikörperbild grafisch dargestellt ist, Rechtecks hat und die im Schwerpunkt eben dieses Recht-
nämlich einem Rechteck der Breite l und der Höhe q0 . ecks angreift. 
Man könnte hier also die Streckenlast durch eine Er-
satzkraft der Größe q0 · l ersetzen. Zunächst aber zum
Momentengleichgewicht. Dieses lautet Die Verwendung derartiger Ersatzkräfte ist im Allgemei-
nen ausgesprochen vorteilhaft, denn man spart sich da-
l durch die Integration der Streckenlast. Auch ohne einen
(A )
 ∑ Mi = MA − q0 · x dx = 0 allgemeinen Beweis halten wir fest, dass eine Streckenlast
0 stets durch eine Ersatzkraft FErs ersetzt werden kann, die
l die Größe der im Freikörperbild eingezeichneten „Last-
1 2 l fläche“ hat und im Schwerpunkt eben dieser Lastfläche
=⇒ MA = q0 x dx = q0 l = q0 l · .
2 2 angreift. Es ergibt sich somit für konstante Streckenlasten
0
die Ersatzkraft
Hier erkennen wir nun, dass die Wirkung der Streckenlast
auf das Einspannmoment der im Kräftegleichgewicht in FErs = q0 · l ,
y-Richtung identifizierten Ersatzkraft q0 · l mal einem vom
Schnittufer bis zur Mitte der Streckenlast (d. h. bis zum die in der Mitte der Streckenlast angreift, und für dreieck-
Schwerpunkt des die Streckenlast darstellenden Recht- förmige Streckenlasten die Ersatzkraft
ecks) gehenden Hebelarms entspricht.
Nun zur Berechnung der Schnittgrößen: Wir schneiden an 1
einer beliebigen Stelle x durch den Träger und tragen in FErs = qmax · l ,
2
den Schnittufern jeweils die Schnittgrößen an. Das ein-
fachere der beiden Freikörperbilder ist das rechte, da in
die im Schwerpunkt des Dreiecks angreift, also auf 1/3-
diesem keine Lagerreaktionen auftreten, weshalb wir die-
Position zur Seite von qmax hin (Abb. 3.7).
ses zur Schnittgrößenberechnung heranziehen (Abb. 3.6).
Mit diesen Ersatzkräften lassen sich Lagerreaktionen und
Q q0 Schnittgrößen sehr viel einfacher berechnen als über die
M
Integration. Aber aufpassen! Bei der Berechnung der
N
Schnittgrößen dürfen die Merkregeln für Größe und Posi-
tion der Ersatzkräfte nicht ohne Nachdenken angewendet
x werden. Im folgenden Beispiel wird klar warum.
x l

Abb. 3.6 Freikörperbild zur Ermittlung der Schnittgrößen durch Integration der
Streckenlast
FErs = q0 ∙ l FErs = 1 qmax ∙ l
2
Beim Integrieren der Streckenlast verwenden wir x als
die Stelle des Freischnitts und x als Integrationsvariable
zwischen x und dem Trägerende. Damit erhalten wir als qmax
q0
Gleichgewichtsbedingungen und Ergebnisse:

→ ∑ Fix = −N (x) = 0 , l l 2
l
l
2 2 3 3
l
↑ ∑ Fiy = Q(x) − q0 dx = 0 Abb. 3.7 Größe und Position der Ersatzkräfte für konstante und dreieckförmige
x= x Streckenlast
64 3 Schnittgrößen – die inneren Kräfte und Momente in Trägern

Beispiel: Schnittgrößenberechnung in einem Träger unter Streckenbelastung


Technische Mechanik

Ein in Fest- und Loslagerung gelagerter Balken wird Stelle x geschnitten, und die Schnittgrößen N (x), Q(x)
durch eine dreieckförmige Streckenlast belastet. Ge- und M(x) angesetzt.
sucht sind die Lagerreaktionen und der Verlauf der
Schnittgrößen. q(x)
M(x)
Problemanalyse und Strategie: Wir berechnen erst die
Lagerreaktionen, dann die Schnittgrößen. Bei der N(x)
Schnittgrößenberechnung – dem schwierigeren Teil – x Q(x)
werden wir besonderes Augenmerk darauf legen, dass
1 q ∙l
die Ersatzkraft in richtiger Größe und an der richtigen 6 max
Position angesetzt wird und dabei auch auf die Fehler
eingehen, die dabei am häufigsten gemacht werden.
Bis hierhin stimmt noch alles. Wer nun aber die
Streckenlast ohne weiteres Nachdenken durch FErs =
1/2 qmax l auf l/3-Position ersetzt, macht es leider
qmax
falsch. So sähe dann das fehlerhafte Freikörperbild
aus:
A B
FErs = 1 qmax ∙ l
2
l M(x)

x
2 N(x)
l
3 Q(x)
Lösung:
x
Lagerreaktionen Wir schneiden an den Lagern frei,
ersetzen die Streckenlast durch eine Ersatzkraft der
Größe FErs = 12 qmax · l auf l/3-Position und erhalten so- Dieses Freikörperbild ist gleich mehrfach fehlerhaft.
mit das folgende Freikörperbild: Grund hierfür ist, dass man nicht stur FErs = 1/2 qmax l
ansetzen darf, sondern man muss statt qmax den tat-
FErs = 1 qmax ∙ l sächlich im Freikörperbild auftretenden Maximalwert
2
der Streckenlast und statt l die tatsächlich im Frei-
Ax körperbild auftretende Länge, auf der die Streckenlast
wirkt, ansetzen.
1 2
Ay l By
3 3 Wir verwenden also für die Ersatzkraft

Das Ansetzen der drei Gleichgewichtsbedingungen q(x) anstelle von qmax und
(Momentengleichgewicht immer zuerst, ein geeigneter x anstelle von l.
Bezugspunkt ist z. B. das Lager A) führt zu den Ergeb- Und schließlich ist FErs natürlich an der Stelle x/3
nissen und nicht an der Stelle l/3 einzuzeichnen.

1 1 Für q(x) gilt der funktionale Zusammenhang q(x) =


Ax = 0 , Ay = qmax l und By = qmax l . qmax x/l, mit welchem wir nun das folgende, jetzt ab-
6 3
solut fehlerfreie Freikörperbild erhalten:
Schnittgrößen Hier kann man sich beim Ansetzen
2
der Ersatzkraft sehr leicht vertun. Damit Ihnen das FErs = 1 q(x) · x = 1 qmax x
nicht passiert, sehen wir uns erstmal die falsche Rech- 2 2 l
nung mit den am häufigsten gemachten Fehlern an,
M
analysieren diese und machen es dann richtig.
Das Freikörperbild erstellen wir in zwei Schritten: erst 2 1 N
das eigentliche Freischneiden, dann das Ersetzen der x x
3 3 Q
Streckenlast durch die Ersatzkraft. Beim eigentlichen
Freischneiden werden die Lager durch die bekannten 1 q ∙l
Lagerreaktionen ersetzt, der Balken an einer beliebigen 6 max
3.2 Rahmen und Bögen 65

Stimmt das Freikörperbild, ist das Berechnen der 1 l x2 


Schnittgrößen ein Leichtes: =⇒ Q(x) = qmax − .
2 3 l

Technische Mechanik
1 1 x2 x
→ ∑ Fix = N (x) = 0 ,  ∑ M(SU)
i = − qmax lx + qmax · + M(x) = 0
6 2 l 3
 x3 
1 1 x2 1
↑ ∑ Fiy = qmax l − qmax − Q(x) = 0 =⇒ M(x) = qmax l x − .
6 2 l 6 l

q(x) der Zusammenhang zwischen M(x) und Q(x) nach wie


Q(x) vor. Der Zusammenhang zwischen Q(x) und q(x) gilt
M(x) M(x) + dM allerdings nur noch für die zum Balken senkrechte Kom-
ponente der Streckenlast. Ein Beispiel für eine derartige
Streckenlast ist der windschiefe Pfosten von Aufgabe 3.7.
x dx Q(x) + dQ
Wir merken uns:
Abb. 3.8 Zum Zusammenhang zwischen M (x ), Q (x ) und q (x )
Zusammenhang zwischen M (x ), Q (x ) und q (x )

Zwischen M , Q und q bestehen einfache Unter zum Träger lotrechten Streckenlasten gelten
die Zusammenhänge
differenzielle Zusammenhänge
dM(x) dQ(x)
= Q(x) und = −q (x ) .
Fällt Ihnen an den Ergebnissen des letzten Beispiels et- dx dx
was auf? M(x) abgeleitet ergibt Q(x), und Q(x) abgeleitet
ergibt −q(x). Man kann leicht zeigen, dass dies kein Zu-
fall ist, sondern ein allgemeingültiger Zusammenhang
(Abb. 3.8). Aus diesen Beziehungen folgt, dass

Betrachten wir hierzu ein sehr kleines, freigeschnittenes


Balkenelement unter einer Streckenlast q(x). Im linken Q(x) relative Extremwerte annimmt, wo q(x) = 0 ist,
Schnittufer wirken die Schnittgrößen Q(x) und M(x); bis und
zum rechten Schnittufer haben sich die Schnittgrößen ein M(x) relative Extremwerte annimmt, wo Q(x) = 0 ist.
ganz klein wenig geändert und liegen nun bei Q(x) + dQ
und M(x) + dM.
Aus dem vertikalen Kräftegleichgewicht ergibt sich 3.2 Rahmen und Bögen
↑ ∑ Fiy = Q(x) − q(x)dx − (Q(x) + dQ(x)) = 0
dQ(x) Träger mit einem Knick nennt man Rahmen, solche mit
=⇒ = −q (x ) . gekrümmten Mittellinien Bögen. Für Rahmen und Bögen
dx
gelten bei der Schnittgrößenberechnung im Wesentlichen
Das Momentengleichgewicht lautet alle Gesetzmäßigkeiten, die wir schon von geraden Trä-
gern kennen. Lediglich auf ein paar Besonderheiten muss
 ∑ M(rechtes
i
SU) man achten, auf die wir im Folgenden eingehen werden.
dx Bei Rahmen liegen an den Knicken Bereichsgrenzen vor.
= −Q(x)dx − M(x) + q(x)dx · + M(x) + dM(x) = 0 .
2 Des Weiteren weisen die Normal- und Querkraftlinie an
einem Knick im Allgemeinen Sprünge auf, auch wenn am
Hierin ist der Term q(x)dx2 /2 klein von höherer Ord- Knick keine Kraft in den Träger eingeleitet wird. Am fol-
nung. Weil nämlich dx an sich schon sehr klein ist, ist dx2 genden Beispiel sei dies illustriert:
noch viel kleiner und darf vernachlässigt werden. Wir er-
halten somit
dM(x)
= Q (x ) . Beispiel
dx
Diese Herleitung bezog sich auf lotrechte Streckenlas- Für den in Abb. 3.9 gezeigten Rahmen sind die Schnitt-
ten. Wirkt die Streckenlast schief zum Balken, dann gilt größenverläufe N (s), Q(s) und M(s) zu berechnen.
66 3 Schnittgrößen – die inneren Kräfte und Momente in Trägern

Beispiel: Schnittgrößenverläufe auf die Schnelle zeichnen


Technische Mechanik

Man kann Schnittgrößenverläufe zeichnen, ohne sie Lager oder ein äußeres Moment), um eben dieses
vorher berechnet zu haben. Moment und
Querkraft Q(x) ungleich
in Bereichen, in denen die
null ist, gemäß M(x) = Q(x)dx.
Problemanalyse und Strategie: Eine Funktion zeichnen,
die man gar nicht kennt, das – so denkt sicher jeder –
kann doch gar nicht gehen. Bei den Schnittgrößenver- Betrachten wir als Beispiel den folgenden Träger:
läufen geht es aber doch. Diese lassen sich nämlich
q0 = 20 kN/m
zeichnen, ohne dass man sie explizit berechnen muss.
F = 60 kN
Lediglich die Lagerreaktionen muss man berechnen,
die Schnittgrößenverläufe selber aber nicht. Wir zeigen
anhand eines Beispiels, wie das geht. A B

Lösung: Zuerst müssen die Lagerreaktionen berechnet 2m 1m 1m


werden. Danach zeichnen wir zunächst den Verlauf
von Q(x). Hierzu beginnen wir an der Stelle x = 0 (al- x
so in der Regel am linken Trägerende). Hier ist Q(0)
entweder Als Lagerreaktionen berechnen wir Ax = 0, Ay =
90 kN und By = 10 kN. Nun beginnen wir mit dem
gleich der an der Stelle x = 0 eingeleiteten vertika- Startwert der Querkraftlinie. An der Stelle x = 0 be-
len Lagerreaktion oder vertikalen äußeren Punktlast trägt die Querkraft Q(0) = 0, da hier keine vertika-
(wenn hier ein Lager mit einer vertikalen Lagerreak- le Punktlast eingeleitet wird. Mit zunehmendem x
tion vorliegt oder eine vertikale Punktlast angreift) wird über die folgenden 2 m die Streckenlast q0 =
oder 20 kN/m in den Träger eingeleitet,
gleich null, wenn die Stelle x = 0 ein freies, nicht
sodass der Betrag
der Querkraft gemäß Q(x) = − q(x)dx wächst und
durch eine vertikale Punktlast belastetes Balkenen- diese unmittelbar vor dem Lager A den Wert Q(2 m) =
de ist. −20 kN/m · 2 m = −40 kN annimmt. Am Lager A
wird nun die vertikale Reaktionskraft Ay = 90 kN ein-
Von diesem Startwert aus gehen wir nun in positive x- geleitet, sodass die Querkraftlinie von −40 kN auf
Richtung los. Dabei verändert sich der Betrag von Q(x) +50 kN springt. Durch die Krafteinleitung von −60 kN
springt die Querkraftlinie an der Stelle x = 3 m erneut,
an Stellen, an denen eine vertikale Punktlast einge- und zwar von +50 kN auf −10 kN. Schließlich bringt
leitet wird (sei es durch ein Lager oder eine äußere die Lagerreaktion By = 10 kN die Querkraftlinie am
Kraft), um eben diese Kraft und Trägerende wieder auf null.
in Bereichen, in denen eine vertikale Strecken-
Damit haben wir die folgende Querkraftlinie erhalten:
last q(x) eingeleitet wird, gemäß Q(x) = − q(x)dx.
Q(x) (kN)
Wenn wir auf diese Weise die Querkraftlinie gezeichnet 50
haben, kommt die Momentenlinie. Auch hier beginnen
wir an der Stelle x = 0. Hier ist M(0) entweder

gleich dem an der Stelle x = 0 eingeleiteten Moment 0


(sei es durch ein Lager, das ein Reaktionsmoment –10 1 2 3 4 x (m)
ausübt, oder ein äußeres Moment) oder
gleich null, wenn die Stelle x = 0 ein freies, nicht
–40
durch ein Moment belastetes Balkenende ist.

Wie zuvor geht es von diesem Startwert in positive x- Nun zur Momentenlinie: Diese beginnt der Stelle x = 0
Richtung los. Der Betrag von M(x) verändert sich mit M(0) = 0, da hier kein Biegemoment in den Träger
eingeleitet wird. Als Stammfunktion der Querkraftlinie
an Stellen, an denen ein Biegemoment in den Trä- ändert sich die Momentenlinie nun immer um die Flä-
ger eingeleitet wird (sei es durch ein entsprechendes che unter der Querkraftlinie. Das bedeutet, dass M(x)
3.2 Rahmen und Bögen 67

für x ≤ 2 m einer quadratischen Funktion folgt – Das entspricht das dem folgenden grafischen Verlauf:
und zwar wegen Q(0) = 0 erst mit waagerechter

Technische Mechanik
und danach immer steiler abfallender Tangente – M(x) (kNm)
und an der Stelle x = 2 m den Wert −40 kN m an- 10
nimmt (die dreieckförmige Fläche über der Quer-
kraftlinie im Intervall 0 ≤ x ≤ 2 m), 0
für 2 m ≤ x ≤ 3 m aufgrund der hier konstanten 1 2 3 4 x (m)
Querkraft einer linearen Funktion folgt und an der
Stelle x = 3 m den Wert −40 kN m + 50 kN · 1 m =
10 kN m annimmt,
für 3 m ≤ x ≤ 4 m wieder auf 10 kN m − 10 kN ·
1 m = 0 kN m zurückfällt.
–40

s II Und im Bereich II (Abb. 3.11) gilt

→ ∑ Fix = −NII (s) = 0 =⇒ NII (s) = 0 ,


↑ ∑ Fiy = QII (s) − F = 0 =⇒ QII (s) = F ,
F
b  ∑ M(SU)
i = −F · (h + b − s) − MII (s) = 0
h
=⇒ MII (s) = F · (s − h − b) .
I
s QII
MII

NII
Abb. 3.9 Gesucht sind die Schnittgrößenverläufe im Rahmen F
h+b–s
Im Bereich I erhalten wir als Freikörperbild (Abb. 3.10)
und Ergebnisse: Abb. 3.11 Freikörperbild für den Bereich II

→ ∑ Fix = −QI (s) = 0 Es erfahren also die Normal- und Querkraftlinie am Knick
einen Sprung, während die Momentenlinie stetig verläuft.
=⇒ QI (s) = 0 , Des Weiteren können wir erkennen, dass die differenziel-
↑ ∑ Fiy = −NI (s) − F = 0 len Beziehungen zwischen M(s), Q(s) und q(s) Gültigkeit
besitzen. 
=⇒ NI (s) = −F ,
 ∑ M(SU)
i = − F · b − MI ( s ) = 0 Bei Bögen ist es vielfach geschickt, die Schnittgröße in
Abhängigkeit des Polarwinkels ϕ zu beschreiben, und es
=⇒ MI (s) = −F · b . ist praktisch immer vorteilhaft, die Kräftegleichgewichte
nicht in die globalen x- und y-Richtungen, sondern ein die
lokalen Richtungen von Normal- und Querkraft auszu-
werten. Hierzu das folgende Beispiel:

F
Beispiel
b
Für den dargestellten in Abb. 3.12 dargestellten Viertel-
QI kreisbogen sind die Schnittgrößenverläufe N ( ϕ), Q( ϕ)
und M( ϕ) zu berechnen.
MI
NI Als Freikörperbild erhalten wir Abb. 3.13. Die Kräfte-
gleichgewichte werten wir wie oben empfohlen in die
Abb. 3.10 Freikörperbild für den Bereich I Richtungen von Normal- und Querkraft aus:
68 3 Schnittgrößen – die inneren Kräfte und Momente in Trägern

Übersicht: Tipps und Tricks


Technische Mechanik

Die folgenden Tipps machen das Berechnen von vollen Bezugspunkt: das Schnittufer. Nur hier ver-
Schnittgrößen leichter. schwinden die Hebelarme von Normal- und Quer-
kraft.
Zum Freikörperbild: Passen Sie auf, wenn Sie beim Ansetzen der Ersatz-
kräfte die Merkregeln FErs = q0 l für konstante und
Entscheiden Sie bewusst und in Ruhe, ob Sie die FErs = 1/2qmax l für dreieckförmige Streckenlasten
Berechnung der Schnittgrößen am positiven oder verwenden. Bei der Schnittgrößenberechnung ist
negativen Schnittufer vornehmen wollen. Die Wahl statt der gesamten Balkenlänge die tatsächlich im
des einfacheren Freikörperbildes kann viel Zeit er- Freikörperbild auftretende Balkenlänge und statt
sparen. qmax der tatsächlich im Freikörperbild auftretende
Bereichsgrenzen existieren überall da, wo sich die Maximalwert der Streckenlast zu verwenden.
Freikörperbilder bei einem Schnitt dies- bzw. jen-
seits der Grenze unterscheiden. Dies ist z. B. an
Lagern, Punktlasten, am Anfang oder Ende einer
Streckenlast oder an scharfen Knicken im Träger
Zu den Ergebnissen:
der Fall. Die Laufkoordinate x (o. ä.) hat in allen
Bereichen denselben Ursprung; sie beginnt an den Schnittgrößenverläufe können an Lagern sowie
Bereichsgrenzen nicht erneut. punktförmig eingeleiteten Kräften oder Momenten
Die häufig gemachten Fehler bei Größe und Position Sprünge aufweisen. Wird (a) eine Kraft längs des
der Ersatzkraft lassen sich oft dadurch vermeiden, Trägers, (b) eine Kraft quer zum Träger oder (c) ein
dass der Verlauf der Streckenlast im Freikörper- Moment eingeleitet, so ändern sich (a) der Normal-
bild durch eine dünne gestrichelte Linie angedeutet kraftverlauf, (b) der Querkraftverlauf und (c) der
wird. Momentenverlauf um die eingeleitete Kraft bzw.
das eingeleitete Moment.
Kontrollieren Sie Ihre Ergebnisse. Diese können nur
Zur Berechnung:
stimmen, wenn die Zusammenhänge dM(x)/dx =
Bei der Bestimmung des Schnittmoments gibt es Q(x) (gilt immer) und dQ(x)/dx = −q(x) (gilt nur
für das Momentengleichgewicht genau einen sinn- für lotrechte Streckenlasten) erfüllt sind.

=⇒ M( ϕ) = −F · R cos ϕ .
F
φ

Q F

M
R
φ
N

90° – φ

Abb. 3.12 Gesucht sind die Schnittgrößenverläufe im Viertelkreisbogen

∑ FiN = N ( ϕ) + F cos ϕ = 0 Abb. 3.13 Freikörperbild zur Ermittlung der Schnittgrößen


=⇒ N ( ϕ) = −F cos ϕ ,
∑ FiQ = Q( ϕ) − F sin ϕ = 0 Die differenziellen Beziehungen zwischen M(x), Q(x)
=⇒ Q( ϕ) = F sin ϕ , und q(x) lassen sich hier nicht ohne weiteres anwenden,
da sie nur für Längenkoordinaten (z. B. x, y oder s) gelten,
∑ Mi
(SU)
= −M( ϕ) − F · R cos ϕ = 0 nicht aber für die Winkelkoordinate ϕ. 
3.2 Rahmen und Bögen 69

Leitbeispiel Antriebsstrang

Technische Mechanik
Wie ändern sich Drehzahl, Drehmoment
und Leistung in einem Getriebe?

Jeder Autofahrer kennt das: Wenn der Wagen nicht Mit dem Drehmoment ist die Umfangskraft gemäß
mehr richtig zieht, muss man runterschalten. Dann
zieht der Wagen wieder besser, aber der Motor wird d
lauter, weil er schneller dreht. Ein guter Grund, sich zu MT = FT ·
2
überlegen, wie Drehzahl, Drehmoment und Leistung
von der Getriebeübersetzung abhängen (siehe auch verknüpft, wobei d der Teilkreisdurchmesser des be-
Abschn. 27.4). trachteten Zahnrades ist. Es gilt also
Sehen wir uns hierfür ein einfaches Getriebe an, wie es
d2 d z
durch die beiden abgebildeten Zahnräder angedeutet MT2 = FT = 2 MT1 = 2 MT1 .
ist. Angenommen, das linke Zahnrad habe die Zäh- 2 d1 z1
nezahl z1 und werde mit der Leistung P1 bzw. dem
Drehmoment MT1 angetrieben, und es drehe sich mit Für die Leistung P setzen wir den aus der Expe-
der Drehzahl n1 . Wenn dieses Zahnrad nun das rechts rimentalphysik bekannten Zusammenhang P = MT ·
abgebildete Zahnrad 2 mit der Zähnezahl z2 antreibt: ω = MT · 2πn – wobei ω die Winkelgeschwindigkeit
Wie groß sind Drehzahl, Drehmoment und Leistung ist – in obige Gleichung ein und erhalten
am Zahnrad 2?
P2 z P
= 2 1 =⇒ P2 = P1 .
2πn2 z1 2πn1

Wir merken uns: In einem Getriebe ändert sich das


Drehmoment entsprechend der Übersetzung des Ge-
triebes; die Leistungen an An- und Abtriebswelle än-
dern sich (bei Vernachlässigung von Verlusten durch
den Wirkungsgrad) nicht.

Frage 3.2
Weshalb werden bei Fahrrädern mit Nabenschaltung
die Schaltnaben oft mit einem Haltearm am Rahmen
abgestützt?

Für die Änderung der Drehzahl gilt der offenkundige


Zusammenhang
n1 z
= 2 .
n2 z1
Beispiel: Hat das Zahnrad 1 z1 = 15 Zähne und das
Zahnrad 2 z2 = 30 Zähne, so muss sich das Zahnrad 1
zweimal drehen, um eine einzige Drehung des Zahn-
rades 2 zu bewirken. Der Quotient n1 /n2 wird auch als
Übersetzung i bezeichnet.
Damit zu Drehmoment und Leistung: Aufgrund des
3. Newton’schen Axioms („actio est reactio“) sind die
im Zahneingriff auf die Zahnräder 1 und 2 wirken-
den Umfangs- oder Tangentialkräfte (entgegengesetzt)
gleich groß:
FT1 = FT2 .
70 3 Schnittgrößen – die inneren Kräfte und Momente in Trägern

3.3 Räumliche Probleme ∑ Fix = −NI (s) = 0 ,


∑ Fiy = −QyI (s) = 0 ,
Technische Mechanik

Kurz eingehen wollen wir auch auf die Schnittgrößen- ∑ Fiz = QzI (s) − 50 N = 0
ermittlung in räumlichen Problemen. Die Überlegungen
=⇒ QzI (s) = 50 N ,
der ebenen Schnittgrößenberechnung lassen sich auf den
∑ Mix
(SU)
räumlichen Fall übertragen, wobei sich aber die Zahl der = −MTI (s) − 50 N · 140 mm = 0
Schnittgrößen im Träger erhöht auf drei Kräfte (eine pro =⇒ MTI (s) = −7000 Nmm = −7 N m ,
Koordinatenrichtung, also eine Normal- und zwei Quer-
∑ Miy
(SU)
kräfte) und drei Momente (je eines um jede Koordinaten- = −MyI (s) + 50 N · (30 mm − s) = 0
richtung, wobei das Moment um die Trägerlängsachse als
=⇒ MyI (s) = 50 N · (30 mm − s) ,
Torsionsmoment MT bezeichnet wird).
∑ Miz
(SU)
= −MzI (s) = 0 .

Beispiel Und für den Bereich II (Abb. 3.16):

Mit einem Inbusschlüssel wird wie abgebildet mit der 50 N


Kraft F = 50 N eine Schraube angezogen. Zu berechnen
sind die Schnittgrößen im Inbusschlüssel.

50 N Mz

m
0m
14
My
Qz
m

MT N
0m

30 mm – s
Qy
14

Abb. 3.16 Freikörperbild für den Bereich II des Inbusschlüssels

30 mm ∑ Fix = NII = 0 ,
∑ Fiy = −QyII (s) = 0 ,
Abb. 3.14 Inbusschlüssel ∑ Fiz = −QzII (s) + 50 N = 0
=⇒ QzII (s) = 50 N ,
Wir legen den Koordinatenursprung für die s-Achse in
∑ Mix = −MTII (s) = 0 ,
(SU)
die Einspannung, und erhalten für den Bereich I das in
∑ Miy = −MyII (s) + 50 N · (170 mm − s) = 0
(SU)
Abb. 3.15 gezeigte Freikörperbild und folgende Werte für
die Schnittgrößen.
=⇒ MyII (s) = 50 N · (170 mm − s) ,
∑ Miz
(SU)
50 N
= −MzII (s) = 0 .


Mz 3.4 Fachwerke
m
0m
14

My
Qz Fachwerke kennt jeder. Ob in Fachwerkhäusern, Bau-
kränen, Brücken oder Strommasten, schon seit Alters
MT N her werden mit Fachwerken stabile und vergleichsweise
30 mm – s leichte Strukturen gebaut.
Qy
In der Technischen Mechanik werden bei der Behandlung
Abb. 3.15 Freikörperbild für den Bereich I des Inbusschlüssels von Fachwerken ein paar Idealisierungen vorgenommen,
3.4 Fachwerke 71

a b

Technische Mechanik
Abb. 3.18 Beispiele statisch bestimmter Fachwerke

statisch bestimmt) oder stabil, aber in sich verspannt (in-


nerlich statisch überbestimmt) ist.
Abb. 3.17 Dreieckskonstruktionen sind in sich fest, Viereckskonstruktionen
wackelig. Fachwerke bestehen deswegen vor allem aus Dreiecken Die Grundstruktur für innerlich statisch bestimmte Fach-
werke ist das Dreieck, da dieses im Gegensatz zum Vier-
eck nicht wackelig ist.
die die Berechnung wesentlich vereinfachen. Es wird an-
Das in Abb. 3.17a skizzierte einfache Fachwerk besteht
genommen, dass
aus drei Knoten und drei Stäben. Erweitert man es um
alle Knoten (die Verbindungsstellen der Stäbe) rei- weitere Dreiecke – also jeweils um einen Knoten und zwei
bungsfreie Gelenke sind, Stäbe – so erhalten wir größere Fachwerke, die gleichfalls
äußere Kräfte nur in Knoten angreifen und innerlich statisch bestimmt sind (Abb. 3.18).
alle Stäbe geradlinig verlaufen. Es ist leicht ersichtlich, dass die

In der Praxis sind diese Annahmen natürlich nicht immer


streng erfüllt. Insbesondere werden Fachwerkstäbe nicht Bedingung für innerliche statische Bestimmtheit
durch reibungsfreie Gelenke, sondern in aller Regel starr 2K − S = 3
miteinander verbunden, etwa durch Nieten, Schweißen
oder Verschrauben. Die durch die Idealisierung entste-
henden Fehler sind aber für schlanke Fachwerkstäbe sehr lautet, wobei K die Zahl der Knoten und S die Zahl
klein. der Stäbe im Fachwerk ist. Obige Gleichung ist eine not-
Aufgrund der Idealisierungen sind die Fachwerkstäbe wendige Bedingung für das Vorliegen innerer statischer
aus mechanischer Sicht auch wirkliche Stäbe, d. h., sie Bestimmtheit eines Fachwerks.
können nur Zug- oder Druckkräfte übertragen, jedoch
keine Querkräfte oder Momente. Stäbe, die Zugkräfte
übertragen werden als Zugstäbe, solche die Druckkräfte
übertragen als Druckstäbe und kraftfreie Stäbe schließlich Am effektivsten berechnet man Stabkräfte
als Nullstäbe bezeichnet. mit dem Ritterschnitt

Stabkräfte sind Schnittgrößen und lassen sich durch Frei-


Bei Fachwerken unterscheidet man zwischen schneiden ermitteln. Hierzu bieten sich zwei Vorgehens-
innerer und äußerer statischer Bestimmtheit weisen an:
Bei der Knotenpunktmethode werden alle Knoten freige-
Äußere statische Bestimmtheit bezieht sich – so wie wir schnitten und dabei die an den Knoten angreifenden
das bisher immer unter statischer Bestimmtheit verstan- Stäbe durch die jeweiligen Stabkräfte und die Lager durch
den haben – allein auf die Lagerung der Struktur. Ein die jeweiligen Lagerkräfte ersetzt. Man erhält so für jeden
Fachwerk ist dann äußerlich statisch bestimmt, wenn sich freigeschnittenen Knoten ein Freikörperbild eines zen-
die Lagerreaktionen aus den Gleichgewichtsbedingun- tralen Kraftsystems und kann dann mit insgesamt 2 · N
gen der Statik bestimmen lassen. Es kommt also nicht Kräftegleichgewichten, wobei N die Zahl aller Knoten ist,
darauf an, wie das Fachwerk im Inneren aufgebaut ist; alle Stabkräfte und Lagerreaktionen bestimmen. Das geht
wir dürfen uns das Fachwerk getrost als strukturlosen ohne ein einziges Momentengleichgewicht, kann aber den
Starrkörper vorstellen, um wie gewohnt allein aus der La- Nachteil haben, dass dabei größere Systeme gekoppelter
gerung auf die statische Bestimmt- oder Unbestimmtheit Gleichungen zu lösen sind.
zu schließen.
Um das Gleichungssystem zur Berechnung der Stabkräfte
Bei der inneren statischen Bestimmtheit geht es darum, ob übersichtlich zu halten und möglichst wenig Unbekann-
ein Fachwerk in sich wackelig (das wäre innerlich sta- te in einer Gleichung zu haben, bietet sich das Ritter’sche
tisch unterbestimmt), stabil und unverspannt (innerlich Schnittverfahren an. Dieses folgt dem üblichen roten Faden
72 3 Schnittgrößen – die inneren Kräfte und Momente in Trägern

Beispiel: Bestimmung der Stabkräfte in einer ebenen Fachwerkbrücke


Technische Mechanik

a
Mithilfe geeigneter Ritterschnitte sind die Stabkräfte in  ∑ M(RPII)
i = −F − S2 a sin 60◦ = 0
der skizzierten, aus lauter gleichseitigen Dreiecken be- 2
stehenden Fachwerkbrücke zu bestimmen F
=⇒ S2 = − und
2 sin 60◦
↑ ∑ Fiy = F + S3 sin 60◦ = 0
Problemanalyse und Strategie: Wir berechnen zunächst
die Lagerreaktionen und anschließend die Stabkräfte. F
=⇒ S3 = − .
Hierbei müssen wir die Ritterschnitte so legen, dass ge- sin 60◦
nau drei Stäbe aber kein Knoten geschnitten werden.
Einen weiteren Ritterschnitt legen wir durch die Stä-
be 4, 5 und 6, womit wir das folgende Freikörperbild
erhalten:

a F
2 6 10
RP I
60°
A B
60° S6
1 3 5 7 9 F
11 S5
4 8
60° S4
RP II
a
a

Lösung: Die Berechnung der Lagerreaktionen ergibt


Ax = 0, Ay = F und By = F. Die Gleichgewichtsbedingungen lauten:

Den ersten Ritterschnitt legen wir durch die Stäbe 2, 3


 ∑ M(RPI)
i = −F a + S4 a sin 60◦ = 0
und 4 und erhalten das folgende Freikörperbild, in das
auch die beiden Ritterpunkte eingetragen sind: Ritter- F
=⇒ S4 = ,
punkt I im Schnittpunkt der Stabkräfte S2 und S3 und sin 60◦
a
Ritterpunkt II im Schnittpunkt der Stabkräfte S3 und  ∑ M(RPII)
i = −F · 1,5 a + F − S6 a sin 60◦ = 0
S4 . Einen dritten Ritterpunkt gibt es aufgrund der Par- 2
allelität der Stäbe 2 und 4 nicht. F
=⇒ S6 = − und
sin 60◦
a ↑ ∑ Fiy = F − F − S5 sin 60◦ = 0 =⇒ S5 = 0 .
S2
RP I Die Stabkraft S1 lässt sich nicht per Ritterschnitt be-
F
60° stimmen, da sich in der vorliegenden Fachwerkbrücke
S3 kein Freischnitt genau so führen lässt, dass der Stab 1
und genau zwei weitere Stäbe, die nicht mit dem Stab
a

S4 1 an einem Knoten zusammenhängen, durchschnitten


werden. An Lagern – hier ist es das Lager A – treten
RP II
derartige Fälle regelmäßig auf.

Die Gleichgewichtsbedingungen lauten


F 60° S2
 ∑ M(RPI)
i = −F a + S4 a sin 60◦ = 0
F
=⇒ S4 = , S1
sin 60◦
3.4 Fachwerke 73

Wir bestimmen S1 daher mit einem Freischnitt um das Stabkräfte berechnet. Die Ergebnisse lauten zusam-
Lager A und erhalten mengefasst

Technische Mechanik
↑ ∑ Fiy = F − S1 sin 60◦ = 0
F F
F S1 = S11 = ◦
, S2 = S10 = − ,
=⇒ S1 = . sin 60 2 sin 60◦
sin 60◦ F F
S3 = S9 = − ◦ , S4 = S8 = ,
In den Stäben 7 bis 11 herrschen schließlich dieselben sin 60 sin 60◦
Kräfte in den ihnen symmetrisch gegenüberliegenden F
S5 = S7 = 0 und S6 = − .
Stäben der linken Brückenhälfte. Damit haben wir alle sin 60◦

der Schnittgrößenberechnung, es werden zuerst die La-


gerreaktionen berechnet, dann die Schnittgrößen. Mit den
zur Verfügung stehenden drei Gleichgewichtsbedingun-
gen der ebenen Statik können natürlich nicht beliebig vie-
le Stabkräfte auf einmal berechnet werden, mehr als drei
Stabkräfte sind pro Freischnitt nicht drin. Der Freischnitt
wird deswegen durch genau drei Stäbe gelegt. Das Anset- Abb. 3.19 Nullstäbe (schraffiert eingezeichnet) lassen sich oft auch ohne
Rechnerei erkennen
zen der Gleichgewichtsbedingungen wird dann durch den
Trick von August Ritter (1826 – 1908) – den Ritterschnitt –
sehr vereinfacht. Dieser beruht darauf, dass man nicht stur
zwei Kräfte- und ein Momentengleichgewicht ansetzen Ergebnissen daran, dass die in ihnen wirkenden Stabkräf-
muss, denn drei Momentengleichgewichte tun es auch, so- te negativ sind.
fern die drei Momentenbezugspunkte nicht auf einer gera-
den Linie liegen. Falls Sie’s nicht glauben: nehmen Sie sich
irgendeine Übungsaufgabe der ebenen Statik vor und be-
rechnen Sie Lagerreaktionen und/oder Schnittgrößen aus Nullstäbe lassen sich oft auf Anhieb
drei Momentengleichgewichten, das geht tatsächlich. identifizieren
Drei Momentengleichgewichte bedeuten, dass drei ver-
schiedene Bezugspunkte auszuwählen sind. Am ge- Nullstäbe lassen sich vielfach auch ohne Rechnerei, qua-
schicktesten liegen diese jeweils in den Schnittpunkten si mit bloßem (aber natürlich fachlich geschultem) Auge
der Wirkungslinien der unbekannten Stabkräfte; sie wer- erkennen. Ganz egal, wie die äußere Belastung des Fach-
den Ritterpunkte genannt. werks ist, liegen sie nämlich immer dann vor, wenn
Die Vorgehensweise beim Ritterschnitt ist dann wie folgt:
ein unbelasteter Knoten genau zwei Stäbe verbindet,
Als Voraufgabe: Bestimmen Sie die Lagerreaktionen. die nicht in gleicher Richtung liegen,
Schneiden Sie so durch das Fachwerk, dass genau drei an einem unbelasteten Knoten genau drei Stäbe angrei-
Stäbe aber kein Knoten geschnitten wird. Die drei Stä- fen, von denen zwei in gleicher Richtung liegen, und
be dürfen nicht alle an einem Knoten hängen (weil es an einem belasteten Knoten zwei Stäbe in verschiedene
dann keine Ritterpunkte gäbe). Richtungen sowie eine Kraft angreifen, und die Kraft in
Die sogenannten Ritterpunkte liegen in den Schnitt- Richtung eines der beiden Stäbe wirkt.
punkten der Wirkungslinien der gesuchten Stabkräfte.
Im Allgemeinen ergeben sich drei Ritterpunkte. Nur
wenn zwei der geschnittenen Stäbe parallel verlaufen, Diejenigen Stäbe, die aus Gründen des Kräftegleichge-
existieren lediglich zwei Ritterpunkte. wichts in diesen Fällen dann Nullstäbe sein müssen, sind
Berechnen Sie aus den Momentengleichgewichten um in Abb. 3.19 schraffiert eingezeichnet.
die Ritterpunkte die Stabkräfte.
Nullstäbe übertragen zwar keine Kräfte, das heißt aber
Für den Fall, dass nur zwei Ritterpunkte existieren: Be- nicht, dass sie nutzlos sind. So ist beispielsweise der
rechnen Sie die dritte Stabkraft aus einem geeigneten
mittlere senkrechte Stab der in Abb. 3.20 skizzierten Fach-
Kräftegleichgewicht.
werkbrücke ein Nullstab (unbelasteter Knoten an drei
Stäben, von denen zwei in gleicher Richtung liegen).
Dabei setzen wir in den Freikörperbildern alle Stabkräfte Gleichwohl ist dieser Stab wichtig für die innere statische
als Zugkräfte, also mit aus dem Schnittufer herauswei- Bestimmtheit des Fachwerks. Ohne ihn wäre das Fach-
senden Kraftpfeilen an. Druckstäbe erkennen wir bei den werk statisch unterbestimmt und damit wackelig.
74 3 Schnittgrößen – die inneren Kräfte und Momente in Trägern

V(x) + dV(x)
Technische Mechanik

q(x) S(x) + dS(x)

H(x) + dH(x)
H(x)

a V(x)
S(x)
dx x

Abb. 3.21 Kräfte in einem Seil unter senkrechter Streckenlast

H(x) dy
b
dx
Abb. 3.20 Nullstäbe sind wichtig, auch wenn sie keine Kräfte übertragen. In
innerlich statisch bestimmten Fachwerken (a) bewirkt der Wegfall eines Nullsta-
bes nämlich statische Unterbestimmtheit (b) S(x) V(x)

Abb. 3.22 Geometrischer Zusammenhang zwischen den Komponenten der


Seilkraft und der Steigung der Seillinie
3.5 Seilstatik
Wir teilen beide Gleichungen durch dx und erhalten aus
Seile haben wir bisher stets als straff gespannt betrachtet,
dem Kräftegleichgewicht in x-Richtung
und als Belastung hatten wir stets Kräfte in Seilrichtung
angesetzt. Das ist sicher sehr oft, aber längst nicht im- dH (x)
mer der Fall. Die Tragseile einer Hängebrücke oder frei =0,
hängende Stromleitungen beispielsweise werden durch dx
vertikale Streckenlasten belastet – bei der Hängebrücke woraus folgt, dass die Horizontalkomponente H (x) der
vor allem durch das Gewicht der Fahrbahn, bei der Strom- Seilkraft konstant ist. Es gilt für die
leitung durch das Eigengewicht der Leitung selbst. Unter
derartigen Lasten sind Seile nicht mehr straff gespannt,
sie hängen durch. Wir werden in diesem Kapitel untersu- Horizontalkomponente des Seilkraft
chen, welche Kräfte dann im Seil wirken und wie groß die
In Seilen unter senkrechten Streckenlasten ist die
Seildurchhänge sind.
Horizontalkomponente konstant. Sie wird als Hori-
zontalzug H0 bezeichnet.

H (x) = H0 = konstant .
Grundlegende Zusammenhänge

Betrachten wir einen infinitesimal kleinen Abschnitt eines Da die Seilkraft stets in Seilrichtung wirkt (Abb. 3.22), gilt
durch eine senkrechte Streckenlast q(x) belasteten Seils zudem der geometrische Zusammenhang
(Abb. 3.21). Im linken Schnittufer des Seilabschnitts wirkt
die in Seilrichtung orientierte Schnittkraft S(x), welche V (x ) dy
aus der Horizontalkomponente H (x) und der Vertikal- = .
H (x ) dx
komponente V (x) besteht. Bis zum rechten Schnittufer
haben sich diese Kräfte unter Einwirkung der Strecken- Wir setzen dies in das Kräftegleichgewicht in y-Richtung
last q(x) zu S(x) + dS(x), H (x) + dH (x) und V (x) + dV (x) ein und erhalten mit der Konstanz des Horizontalzuges
geändert.
Stellen wir die Kräftegleichgewichte auf. Sie lauten d2 y
q ( x ) = H0 .
dx2

→ ∑ Fix = −H (x) + H (x) + dH (x) = 0 und Diese Gleichung ist die Differenzialgleichung der Seilkur-

ve y(x) bei Belastung durch beliebige vertikale Strecken-
↑ ∑ Fiy = −V (x) − q(x) dx + V (x) + dV (x) = 0 . lasten q(x).
3.5 Seilstatik 75

Die gesamte Seilkraft ergibt sich aus der vektoriellen Ad- y


dition von Horizontal- und Vertikalkomponente als cosh x 4

Technische Mechanik
 2
S(x ) = H02 + V (x)2 . sinh x
1

Mit –2 2 x
dy
V (x ) = H (x ) –2
dx
–4
erhalten wir für die Seilkraft S(x) schließlich

 2 Abb. 3.23 Die Grafen von Sinus hyperbolicus und Kosinus hyperbolicus
dy
S ( x ) = H0 1+ .
dx
Bei einer Freileitung ist die Streckenlast
Diese Gleichung besagt, dass die Seilkraft S(x) mit zu- pro laufendem Meter Seil konstant
nehmender Steigung der Seillinie y(x) zunimmt. Ihren
Maximalwert erreicht S(x) deshalb an der Stelle der ma-
Den Belastungsfall q(s) = konstant, wie er etwa bei ei-
ximalen Steigung der Seillinie. Dieser liegt im höchsten
ner frei hängenden Stromleitung auftritt, beginnen wir
Punkt der Seillinie.
mit einem kurzen mathematischen Exkurs zu den hyper-
In der technischen Anwendung sind zwei Arten von Stre- bolischen Winkelfunktionen, wir werden sie in diesem
ckenlasten von besonderer Bedeutung. Die erste ist die Kapitel gebrauchen.
Belastung durch eine in x-Richtung konstante Strecken- Sinus hyperbolicus (sinh) und Kosinus hyperbolicus
last, q(x) = q0 = konstant, wie es z. B. bei einer Hänge- (cosh) sind definiert als
brücke der Fall ist, wenn das Fahrbahngewicht deutlich
größer ist als das Gewicht von Tragseilen und Hängern. 1 x 1 x
Die zweite wichtige Streckenlast ist die Belastung durch sinh(x) = e − e−x und cosh(x) = e + e−x .
2 2
das Eigengewicht des Seils. In diesem Fall ist die Strecken-
last nicht hinsichtlich der horizontalen Richtung, sondern Die Graphen beider Funktionen sind in Abb. 3.23 skiz-
„pro laufendem Meter Seil“ konstant, sodass q(s) = q0 = ziert.
konstant gilt, wobei s die Bogenlänge entlang des Seils ist.
Sinh(x) und cosh(x) weisen eine Reihe von Eigenschaften
auf, die denen der „gewöhnlichen“ Sinus- und Kosinus-
funktion ähneln, daher auch ihre Bezeichnungen. Die im
Rahmen der Seilstatik wichtigsten Eigenschaften sind
Bei einer Hängebrücke ist die Streckenlast
bezogen auf die x -Richtung konstant cosh2 x − sinh2 x = 1 ,
d
sinh x = cosh x und
Wir setzen in die Differenzialgleichung der Seilkur- dx
ve q(x) = q0 ein, integrieren zweimal unbestimmt und d
cosh x = sinh x .
erhalten für die dx

Des Weiteren werden wir auch die Ableitungen der Um-


Seillinie im Belastungsfall „Hängebrücke“ kehrfunktionen, die sogenannten Areafunktionen, ver-
q0 2 wenden, dies sind
y (x ) = x + C1 x + C2 .
2 H0 d 1
arsinh x = √ und
dx x +1
2

Die Integrationskonstanten C1 und C2 sind aus den Rand- d 1


arcosh x = √ .
bedingungen zu ermitteln. Wie das vonstatten geht, sei dx x2 11
am Beispiel der wohl bekanntesten Hängebrücke der Welt
gezeigt, der Golden Gate Bridge am Eingang der San Wir schneiden nun ein kleines Stückchen Seil der Bogen-
Francisco Bay in Kalifornien (vgl. Beispielbox Berechnung länge ds frei, das entlang ds durch sein Eigengewicht dG
der Kräfte in den Tragseilen der Golden Gate Bridge). belastet wird (Abb. 3.24).
76 3 Schnittgrößen – die inneren Kräfte und Momente in Trägern

Beispiel: Berechnung der Kräfte in den Tragseilen der Golden Gate Bridge
Technische Mechanik

. . . mal sehen, ob sie hält. außerhalb der Pylone stammt und erhalten so 56.000 t
als Fahrbahnmasse zwischen den Pylonen. Zusammen
mit der maximalen Nutzlast der Brücke von 553 kg/m
Problemanalyse und Strategie: Die Kräfte und Span-
ergibt sich pro Tragseil eine Streckenlast von
nungen in Tragseilen der Golden Gate Bridge lassen
1  56.000 t t 
sich mit den bisher behandelten Zusammenhängen der
m kN
Seilstatik berechnen. Zur richtigen Lösung der Auf- q0 = + 0,553 · 9,81 2 = 217 .
gabe ist es sehr hilfreich, den Koordinatenursprung 2 1280 m m s m
geschickt zu platzieren, sodass die Integrationskon-
stanten einfach berechnet werden können. Damit sind alle Daten zusammengestellt, und wir kön-
nen sie schön übersichtlich in einer Skizze darstellen.
Den Koordinatenursprung legen wir in Brückenmitte
Lösung: auf das Seil.

150 m
y
x
kN
q0 = 435 m
1280 m

Nun an’s Rechnen: In der zweifach integrierten Dif-


ferenzialgleichung sind drei Unbekannte zu bestim-
men – die des Horizontalzugs H0 und die Integra-
tionskonstanten C1 und C2 . Hierzu benötigen wir
drei Gleichungen, die wir in der Lage des Koordi-
natenursprungs, y(0) = 0, sowie den beiden Rand-
bedingungen, y(−l/2) = 150 m und y(l/2) = 150 m,
finden.
Aus y(0) = 0 ergibt sich unmittelbar C2 = 0.
Der offiziellen Website des Betreibers entnehmen wir
die für unsere Berechnung relevanten Daten. An Ab- Aus den beiden Randbedingungen erhalten wir
messungen sind dies
 2
q0 l l
eine Spannweite von 1280 m, − − C1 · = 150 m und
2 H0 2 2
eine Pylonhöhe von jeweils 227 m über dem Meer,  2
eine lichte Durchfahrtshöhe für die Schifffahrt von q0 l l
+ C1 · = 150 m ,
67 m und 2 H0 2 2
eine Überbauhöhe (Höhe der Fahrbahn und der sie
auf ihrer Unterseite stützenden Konstruktion) von wobei uns q0 = 217 kN
m und l = 1280 m gegeben sind.
7,60 m.
Wir lösen nach C1 und H0 auf und erhalten
Aus den drei Abmessungen schließen wir, da die
Tragseile in Brückenmitte bis sehr nahe an die Fahr- C1 = 0 sowie
bahn herunterhängen, auf einen Seildurchhang von ca. q0 l2
150 m (= 227 m − 67 m − ca. 10 m). H0 = = 296.277 kN .
8 · 150 m
Die Belastung der Pylone durch die von ihnen zu
tragenden Seilkräfte gibt der Brückenbetreiber mit Die Gleichung der Seillinie lautet damit
56.000 t pro Pylon an. Wir nehmen vereinfachend an,
dass diese Last zu gleichen Teilen aus dem Brückenge- q0 2 217 kN
y (x ) = x = m
x2 = 3,66 · 10−4 m−1 · x2 .
wicht zwischen den Pylonen und dem Brückengewicht 2 H0 2 · 296.277 kN
3.5 Seilstatik 77

Die maximale Seilkraft tritt am höchsten Punkt des Tragseils, 920 mm, können wir die im Seil herrschende
Tragseils auf, also an den beiden Pylonen und beträgt Spannung als Quotient von Kraft und Fläche berech-

Technische Mechanik
 nen. Sie beträgt
 2
dy
Smax = H0 1 + |
dx x=± 2
l
Smax
 σmax = = 492 N/mm2 = 492 MPa .
π R2
= 296.277 kN 1 + (2 · 3,66 · 10−4 · 640)2
Die Streckgrenze der Tragseile beträgt übrigens 1260
= 327.212 kN .
MPa, liegt also mit beruhigendem Abstand über der
Eine ansehnliche Kraft also. Mit dem Durchmesser des von uns ermittelten Spannung.

dG Wir integrieren ein erstes Mal,

q0
dy arsinh y = x + C1 ,
H0
ds
y
dx bilden von beiden Seiten den sinh x,
x
q 
Abb. 3.24 Ein infinitesimal kleines Stückchen Seil unter Belastung durch sein y = sinh 0 x + C1 ,
Eigengewicht H0

und integrieren ein zweites Mal, wodurch wir schließlich


Die Streckenlast q0 ist als
dG H0 q 
q0 = y (x ) = cosh 0 x + C1 + C2
ds q0 H0
definiert, wobei für ds der geometrische Zusammenhang
 erhalten. Hierin sind die Konstanten x0 und y0 aus des
ds = dx2 + dy2 Randbedingungen zu bestimmen, was eine komplizierte
Angelegenheit werden kann, und so ist die folgende Vor-
gilt. Für dG gilt des Weiteren
gehensweise geschickter:
dG = q(x) dx .
Wir platzieren den Koordinatenursprung nicht an ir-
Wir führen diese drei Gleichungen zu
gendeiner Stelle, sondern ganz genau um den Quotien-
ds ten H0 /q0 , welcher von seiner Einheit her eine Länge ist,
q ( x ) = q0 unter den tiefsten Punkt der Kettenlinie (vgl. die Zeich-
dx
nung im Beispiel Elbekreuzung 2), denn dann werden
zusammen und formen die Gleichung für ds zu sowohl C1 als auch C2 zu null.

 2
ds dy
= 1+
dx dx
Frage 3.3
um und setzen darin obige Gleichung sowie die Differen-
zialgleichung der Seilkurve ein. Wir erhalten Machen Sie sich klar, warum C1 und C2 in obiger Glei-
 chung verschwinden, wenn man den Koordinatenur-
 2 sprung um H0 /q0 unter den tiefsten Punkt der Kettenlinie
d2 y dy
H0 2 = q0 1 + . legt.
dx dx
Wir bezeichnen dy/dx als y und trennen die Veränderli-
chen. Es ergibt sich
Damit erhalten wir für das unter seinem Eigengewicht
dy q durchhängende Seil die folgende, im Allgemeinen als
 = 0 dx .
1 + y 2 H0 Kettenlinie bezeichnete Gleichung:
78 3 Schnittgrößen – die inneren Kräfte und Momente in Trägern

Beispiel: Elbekreuzung 2
Technische Mechanik

. . . die Freileitung mit den höchsten Masten in Europa. der Kettenlinie sowie den Kräften im Stromkabel in-
teressiert. Zur besseren Übersicht zeichnen wir die
folgende Skizze. Diese enthält alle Abmessungen so-
Problemanalyse und Strategie: Bei der Berechnung wie – ganz wichtig – den in einem Abstand von H0 /q0
von Freileitungen darf man den Koordinatenursprung unter dem tiefsten Punkt der Stromleitung (aus Sym-
nicht an einer beliebigen Stelle platzieren, sondern um metriegründen ist das genau in der Mitte) liegenden
genau H0 /q0 unter dem tiefsten Punkt der Leitung. Die Koordinatenursprung.
sich dann ergebende Gleichung lässt sich nicht analy- Ausgangspunkt unserer Berechnung ist, dass das Seil
tisch lösen, muss also numerisch gelöst werden. genau in der Mitte zwischen den Strommasten um
97 m durchhängt:
Lösung: Mit den Gleichungen der Seilstatik wollen wir
die Funktion der Kettenlinie sowie die Größe der Seil- y(600 m) − y(0) = 97 m
kräfte in der „Elbekreuzung 2“ berechnen. Nehmen H q  H
wir als Beispiel für eine Berechnung der Kettenlinie die =⇒ 0 cosh 0 · 600 m − 0 = 97 m .
östlich von Stade über die Elbe führenden Hochspan- q0 H0 q0
nungsleitungen der Elbekreuzung 2. Die beiden 1,2 km
entfernt stehenden Tragmasten der Elbekreuzung 2 Dies ist eine transzendente (nicht analytisch lösbare)
gelten mit einer Höhe von jeweils 227 m als die höchs- Gleichung zur Bestimmung von H0 /q0 . Wir lösen sie
ten Freileitungsmasten Europas und als die sechst- deshalb numerisch, z. B. durch planvolles Ausprobie-
höchsten der Welt (die weltweit höchsten stehen mit ren und erhalten als Ergebnis
einer Höhe von 346,5 m an der Jangtse-Freileitungs-
kreuzung in der ostchinesischen Provinz Jiangsu). H0
= 1872 m .
Die große Höhe der Tragmasten der Elbekreuzung 2 q0
ist erforderlich, um der Elbeschifffahrt eine Mindest-
durchfahrtshöhe von 75 m unter den Stromleitungen Nun setzen wir die Gleichung für die Seilkraft an und
zu gewährleisten, die an Traversen in 172 m , 190 m und erhalten für die Stelle der maximalen Seilkraft, d. h. die
208 m Höhe aufgehängt sind. Aufhängepunkte,
Wir betrachten nun die unteren, in 172 m Höhe auf- H0 q 
0
gehängten Stromleitungen und sind an der Gleichung S(600 m) = q0 · y(600 m) = q0 · cosh 600 m
q0 H0
 600 
= q0 · 1872 m cosh = 1969 m · q0 .
1872

Die Streckenlast des Kabels beträgt q0 = ρ A g, woraus


für die maximale Spannung im Stromkabel
172 m

75 m Smax 1.969 m ρ A g
σmax = = = 1969 m · ρ · g
Fläche A
H0
q0
y mit der Dichte des Kabelwerkstoffs ρ und der
x
Erdbeschleunigung g folgt. Für Aluminium (ρ =
600 m 600 m
2700 kg/m3 ) ergibt dies eine maximale Spannung von
52 MPa im Stromkabel.

Der größte Durchhang der Kettenlinie beträgt


Gleichung der Kettenlinie: H0 q
0


q  f = y ( xA ) − y ( 0 ) = cosh xA − 1 ,
H0 0 q0 H0
y (x ) = cosh x .
q0 H0 wobei xA die x-Koordinate der höheren der beiden Auf-
hängepunkte (Masten) ist. Zur Ermittlung der Seilkraft
Antworten zu den Verständnisfragen 79

Übersicht: Tipps und Tricks zur Seilstatik

Technische Mechanik
Als transzendente Gleichung ist die Gleichung der spiel für die Elbekreuzung 2 zu lösenden Gleichung sei
Kettenlinie nicht auf analytischem Wege, sondern nur dies nebenstehend gezeigt:
numerisch lösbar. Wie macht man das am geschicktes-
ten?
 
H0 H0 q0 H0
In der beruflichen Praxis wird man die Kettenlinie Lösungsversuch q0 [m] q0 cosh H0 · 600 m − q0 − 97 m
mithilfe geeigneter Anwenderprogramme nach der 1 1000 88,47
Unbekannten (im Beispiel der Elbekreuzung 2 der 2 2000 −6,32
Quotient H0 /q0 ) numerisch auflösen. Wenn derartige 3 1500 24,61
Programme nicht zur Verfügung stehen (z. B. in einer 4 1750 6,87
Prüfungssituation), kann die numerische Lösung auch 5 1875 −0,17
nach der Methode von Versuch und Irrtum gesche- 6 1825 2,52
hen. Dafür setzen wir zunächst mit großer Schrittweite 7 1850 1,15
mögliche Lösungen ein. Sobald ein Vorzeichenwechsel 8 1865 0,35
auftritt, tasten wir uns durch Teilen des Intervalls nä- 9 1870 0,085
her an die Lösung heran, bis das Ergebnis schließlich 10 1872 −0,020
mit genügender Genauigkeit eingekreist ist. Am Bei- 11 1871 0,033

leiten wir die Gleichung für y(x) nach x ab und setzen Wie beim Lastfall „Hängebrücke“ tritt die maximale Seil-
y (x) in die Gleichung für S(x) ein. Wir erhalten kraft wieder im höchsten Punkt des Seils auf, also am
 höheren der beiden Aufhängepunkte.
q  q 
0 0
S ( x ) = H0 1 + sinh2 x = H0 cosh x
H0 H0 Weiterführende Literatur
= q0 · y ( x ) .
Die weiterführende Literatur für alle Kapitel des Teils
Technische Mechanik befindet sich am Ende von Kap. 9.

Antworten zu den Verständnisfragen

Antwort 3.1 Beispiele für Streckenlasten sind das Eigen- ein Kräftepaar vom Fahrradrahmen aufgenommen, und
gewicht von Trägern, Schneelasten, o. Ä. Aber auch sehr je größer hierfür der Hebelarm ist, desto kleiner sind die
viele eng beieinanderliegende Punktlasten, wie z. B. Pas- Kräfte.
sagiere in einer vollbesetzten Straßenbahn oder Fahrzeu-
ge im Stau, lassen sich als Streckenlast behandeln.
Antwort 3.3 C1 verschwindet, weil die Ableitung an der
Antwort 3.2 Zum Absetzen des Differenzmoments. Die Stelle x = 0 verschwindet, und C2 verschwindet, weil der
Differenz zwischen Ein- und Ausgangsmoment wird über Funktionswert an der Stelle x = 0 gerade H0 /q0 beträgt.
80 3 Schnittgrößen – die inneren Kräfte und Momente in Trägern

Aufgaben
Technische Mechanik

Im Folgenden finden Sie Aufgaben zu dem im Kapitel besprochenen Thema. Wenn es sich um Rechenaufgaben
handelt, ist der Schwierigkeitsgrad angegeben (• leicht, •• mittel, ••• schwer), und eine Ergebniszeile zeigt das
zu erwartende Ergebnis.
Die Lösungen zu allen Aufgaben finden Sie auf der Internetseite des Buches (https://www.springer.com/de/book/
9783662558812).

3.1 •
1. Berechnen Sie die Schnittgrößen Q(x) und M(x) in ei- 2m
C
ner durch zwei gleich große Kräfte F belasteten symme-
trischen 4-Punkt-Biegeprobe der Längenabmessungen 2m
45°
li und la . B
2. Zeichnen Sie die Grafen von Q(x) und M(x).
A D
F F
18 kN
2m 1,5m

A li B

x 1. Schneiden Sie den Pkw frei, und berechnen Sie die Seil-
la kraft S, mit der dieser angehoben wird.
2. Mit welcher Kraft lastet die im Punkt C reibungsfrei
Resultat: Bereich I: QI (x) = F, MI (x) = F x, Bereich II: drehbar gelagerte Rolle auf dem Kranausleger?
3. Schneiden Sie den Kranausleger (Träger A–C) frei und
QII (x) = 0, MII (x) = F · la − li
2 , Bereich III: QIII (x) = −F, berechnen Sie die Lagerreaktionen des Kranauslegers.
MIII (x) = F (la − x).
4. Berechnen Sie die Schnittgrößen N (s), Q(s) und M(s)
im Kranausleger.
3.2 • Berechnen Sie die Schnittgrößen in einem
durch sein Eigengewicht G belasteten Kragträger der Län- Anmerkung: Betrachten Sie der Einfachheit halber Ab-
ge l. schleppwagen und Pkw im Stillstand und vernachlässi-
gen Sie dynamische Effekte wie Anfahr- oder Abbrems-
Hinweis: vorgänge. Vernachlässigen Sie auch das Eigengewicht des
Kranauslegers.

Hinweis: In welche Richtung muss die Abstützkraft der


Pendelstütze orientiert sein?
x

l
Resultat:
1. 7,7 kN
2. Mit jeweils 7,7 kN senkrecht nach unten sowie nach
Resultat: N (x) = 0, Q(x) = G 1 − x
l , links unten parallel zum Kranausleger.
M(x) = − 2Gl (l − x)2 . 3. Ax = 5,4 kN, Ay = −2,3 kN, B = 15,4 kN,
4. NI (s) = −2,2 kN, QI (s) = −5,4 kN,
MI (s) = −5,4 kN · s, NII (s) = −13,1 kN,
3.3 •• Auf einer Spritztour mit Papas geliehenem
QII (s) = 5,4 kN, MII (s) = 5,4 kN · (s − 4 m).
Oberklassewagen setzen Sie diesen peinlicherweise vor
einen Baum und müssen den Abschleppdienst rufen. Zu
allem Überfluss bezweifelt der Abschleppwagenfahrer, 3.4 •• Die Tragfläche eines Sportflugzeugs kann
dass sein Kran überhaupt der Belastung des Fahrzeugs vereinfacht als ein gewichtsloser, durch eine konstante
gewachsen ist. Überzeugen Sie ihn, indem Sie die Schnitt- Streckenlast q0 belasteter Balken, der durch ein Festlager
größen N, Q und M im Kran berechnen. Gehen Sie dabei und eine Pendelstütze abgestützt wird, modelliert wer-
wie folgt vor: den.
Aufgaben 81

3.6 •• Auf Ihrer Paddeltour durch die Mecklen-


burger Seenplatte müssen Sie leider feststellen, dass die

Technische Mechanik
Strecke neben erfrischend klaren Seen auch mit einer Rei-
he von Umtragestellen aufwartet. Der schweißtreibenden
Tätigkeit und den Semesterferien zum Trotz abstrahieren
Sie aus Ihrem Kanu das folgende mechanische Modell
und begeben sich an die Analyse:

q0

A 45° B

C
1 3
l l
4 4

1. Berechnen Sie die Lagerreaktionen.


2. Berechnen Sie die Verläufe der Schnittgrößen.
3. Zeichnen Sie die Verläufe der Schnittgrößen und geben
Sie Rand- und Extremwerte an.

Resultat:
√ N
qmax = 60 m
1. Lagerreaktionen: Ax = 2 q0 l, Ay = q0 l, B = −2 2q0 l.
II
2. Schnittgrößen:
Bereich I: NI (x ) = −2 q0 l,
QI (x) = q0 (l + x), I III
2
MI (x) = 12 q0 l2 xl + 2 xl
Bereich II: NII (x) = 0, QII (x) = q0 (x − l),
MII (x) = 12 q0 (l − x)2 .
A B
x
3.5 • • • Berechnen Sie die Lagerreaktionen und 0,8 m 3,4 m 0,8 m
Schnittgrößen des abgebildeten Trägers in Abhängigkeit
der Größen qmax und l.

2 1. Ist das Kanu statisch bestimmt gelagert? Begründen Sie


q(x) = qmax 1 – x
l kurz ihre Antwort.
qmax 2. Welchen Verlauf hat die Streckenlast q(x) in den Berei-
chen I und III?
3. Berechnen Sie die Lagerreaktionen.
4. Berechnen Sie den Verlauf der Schnittgrößen Q(x) und
M(x) im Kanu.
x, ξ
l Resultat:
1. Nein, es kann ja vorwärts getragen werden.
Hinweis: Wann kann man für eine Streckenlast eine Er- 2. qI (x) = 75 mN2 · x, qIII (x) = 375 m
N
− 75 mN2 · x.
satzkraft ansetzen, wann muss man integrieren? 3. Ay = By = 126 N.
4. QI (x) = −37,5 mN2 · x2 , MI (x) = −12,5 mN2 · x3 ,
Resultat: Lagerreaktionen: Ax = 0, Ay = 12 5
qmax l, By = QII (x) = 150 N − 60 m N
· x,
1
4 q max l. MII (x) = −107,2 Nm + 150 N · x − 30 m N
· x2 ,

QIII (x) = 937,5 N − 375 m · x + 37,5 m2 · x2 ,
N N
3
Schnittgrößen: N (x) = 0, Q(x) = qmax l 13 xl − xl + 12 5
,

MIII (x) = −1.562,5 Nm + 937,5 N · x − 187,5 m N
· x2 +
1 x 4 2
M(x) = qmax l2 12 l − 12 xl + 12
5 x
l . 12,5 m2 · x .
N 3
82 3 Schnittgrößen – die inneren Kräfte und Momente in Trägern

3.7 •• Auf dem Nachhauseweg überfahren Sie ver- 1. Berechnen Sie die Lager- und Gelenkreaktionen.
sehentlich ein Stoppschild. Nun steht es da, das arme 2. Berechnen Sie die Schnittgrößen im waagerechten Trä-
Technische Mechanik

Schild, um 35° abgeknickt. gerteil.


1. Berechnen Sie die Lagerreaktionen. Resultat:
2. Berechnen Sie den Verlauf der Schnittgrößen N (s), Q(s)
und M(s). 1. Ax = 2 kN, Ay = 1,3 kN, MA = −2,4 kN m,
By = 0,7 kN, Gx = 0, Gy = −1,3 kN.
2. NI (x) = −2 kN, QI (x) = 1,3 kN,
MI (x) = 2,4 kN m + 1,3 kN · x,
NII (x) = 0 QII (x) = 1,3 kN,
MII (x) = −2,6 kNm + 1,3 kN · s,
NIII (x) = 0 QIII (x) = 2 kN
m2
(3 m − x)2 − 0,7 kN,
MIII (x) = − 23 kN
m2
(3 m − x)3 + 0,7 kN (3 m − x)
(Ergebnisse gerundet).

mm

3.9 Berechnen Sie die Schnittgrößen N, Q und M


in Abhängigkeit des Winkels ϕ im abgebildeten Haken.
00
16

35°

s
400 mm

s
A R
φ

Hinweis: In welche Richtungen setzt man bei schiefen Trä- F


gern am besten die Kräftegleichgewichte an?
Resultat:
Resultat: N ( ϕ) = F sin ϕ, Q( ϕ) = −F cos ϕ,
1. Ax = 0, Ay = 180 N, MA = 77,1 N m. M( ϕ) = −FR sin ϕ.
2. NI (s) = −180 N + 80 mN
· s, QI (s) = 0, 3.10 • Eine als ebenes Fachwerk konstruierte
MI (s) = −77,1 N m, T, NII (s) = −147 N + 65,5 mN
· s, Brücke ist im Punkt A zwei- und im Punkt B einwer-
QII (s) = 103 N − 46 m · s,
N
tig gelagert. Im Knoten C greift die Vertikalkraft 3 kN,
MII (s) = −23 mN
(2 m − s)2 − 11,5 N (2 m − s). im Knoten D die um 30° zur Horizontalen geneigte Kraft
4 kN an.
3.8 •• Ein 3 m langer Gelenkträger ist im Punkt A 4
drei- und im Punkt B einwertig gelagert. Im Punkt G sind
die beiden Trägerhälften durch ein zweiwertiges Gelenk 2 5 8
miteinander verbunden. 3 7 1m

M = 3 kN m kN 1 6 9
qmax = 4
m A 30° B
F = 2 kN 4 kN
1m 3 kN
1m 1m 1m

B
Ay G
1. Überprüfen Sie das Fachwerk auf äußere und innere
x
1m 1m 1m statische Bestimmtheit.
2. Bestimmen Sie die Lagerreaktionen.
Aufgaben 83

3. Bestimmen Sie mit einem Ritterschnitt die Stabkräfte in Resultat: Ax = 56 F, Ay = F, Bx = − 56 F.


den Stäben 4, 5 und 6. S1 = −3,44 F, S2 = 2,34 F, S3 = 0,

Technische Mechanik
4. Bestimmen Sie mit einem weiteren Ritterschnitt die S4 = 2,33 F, S5 = −2,61 F, S6 = 2 F,
Stabkräfte in den Stäben 1 und 3. S7 = 0, S8 = 2 F, S9 = −2,24 F.
5. Schneiden Sie das Lager A frei und bestimmen Sie die
Stabkraft in Stab 2.
3.13 •• Die skizzierte zweiteilige Fachwerkbrücke
Resultat: wird durch fünf senkrechte Kräfte F belastet. Berechnen
Sie die Stabkräfte.
1. Äußere und innere statische Bestimmtheit liegen vor.
2. Ax = −3,5 kN, Ay = 2,7 kN, By = 2,3 kN.
3. S4 = −2,7 kN, S5 = 0,4 kN, S6 = 5,9 kN. F F F F F
4. S1 = 6,2 kN, S3 = 2,7 kN.
4 6
5. S2 = −3,8 kN.
3 5 G
a
3.11 • Berechnen Sie die Lagerreaktionen und Stab- 7
kräfte des skizzierten Fachwerkträgers. 1

1m 1m a 2

4 kN 4 kN A A
4 8
A a a a a
32°

3 5 7 9 0,8 m
1
Resultat: Ax = F, Ay = 2,5 F, Bx = −F, By = 2,5 F,
Gx = −F, Gy = 0.
B
2 6 S1 = −1,5 F, S2 = −1,41 F, S3 = 0,71 F,
S4 = −0,5 F, S5 = −F, S6 = −0,5 F, S7 = −0,71 F.
0,5 m 1m

3.14 •• Die beiden Tragseile einer Spielplatz-Hän-


Resultat: Ax = −15 kN, Ay = 8 kN, Bx = 15 kN. gebrücke sind an 3,50 m hohen und 8 m voneinander
S1 = 0, S2 = −15 kN, S3 = 9,43 kN entfernt stehenden Masten aufgehängt. Zu berechnen ist
S4 = 10 kN, S5 = −9,43 kN, S6 = −5 kN die maximal zulässige Belastung q0,zul eines jeden Trag-
S7 = 4,72 kN, S8 = 2,5 kN, S9 = −4,72 kN. seils unter den folgenden Voraussetzungen:
Die Tragseile sollen in Brückenmitte (x = 0) genau bis
3.12 • Der skizzierte Wanddrehkran wird durch auf 1 m über den Brückenweg durchhängen.
eine senkrechte Kraft F belastet. Berechnen Sie die Lager- Der Horizontalzug im Seil soll maximal 9 kN betragen.
reaktionen und Stabkräfte.
1m 4m H0 ≤ 9 kN
B 3,5 m
6 8 y

5 x
7 F 1m
2m 4 q0,zul = ? 8 m
9
3

1. Berechnen Sie q0,zul sowie die Gleichung y(x) der Seil-


y linie im angegebenen (x, y)-Koordinatensystem.
2
4m 2. Welcher größten im Tragseil auftretenden Seilkraft Smax
1 x entspricht H0 = 9 kN?

Resultat: q0,zul = 2,8 kN


m pro Tragseil,
A y(x) = 0,16 m 1
· x2 + 1 m,
Smax = 14,4 kN.
84 3 Schnittgrößen – die inneren Kräfte und Momente in Trägern

3.15 •• Welcher Horizontalzug H0 muss im Spiel-


zeugdackelseil herrschen, damit dieses am Dackel eine
Technische Mechanik

horizontale Tangente hat und somit auf keinen Fall auf


dem Boden schleift?
0,5 m
5m
hmin
x0
25 m

Tun Sie bitte Ihrer Nichte den Gefallen und berechnen


0,3 m Sie die Stelle x0 des größten Kordeldurchhangs sowie die
kleinste Höhe hmin der Telefonkordel über dem Erdboden.
Gehen Sie dabei wie folgt vor:
1,5 m
1. Welcher Belastungsfall des Seils liegt vor: konstante
Streckenlast q(x) oder konstante Streckenlast q(s)?
2. Berechnen Sie die Stelle x0 des größten Kordeldurch-
Resultat: H0 = 1,8 N.
hangs.
3. Berechnen Sie die kleinste Höhe hmin der Telefonkordel
3.16 •• Wie das nun mal so ist, telefoniert Ihre kleine über dem Erdboden.
Nichte für ihr Leben gerne. Vom Fenster ihres Kinderzim-
mers aus (Höhe: 5 m über dem Boden) möchte sie nun Weitere Angabe: Das spezifische Gewicht der Telefonkor-
ein Büchsentelefon zu ihrer im Nachbarhaus wohnenden del beträgt q0 = 0,1 N/m.
Freundin spannen (Höhe Kinderzimmerfenster Freundin:
4,5 m über dem Boden). Da sie ihre Telefonbüchse mit Resultat:
einer Horizontalkraft von höchstens 4 N in den Händen
halten will – sonst wird der jungen Dame das Telefonieren 1. q(s) = konstant.
zu unbequem – macht sie sich Sorgen um den maximalen 2. x0 = 13,29 m.
Durchhang der Telefonleitung. 3. hmin = 2,77 m über dem Erdboden.
Spannungen, Verzerrungen
4

Technische Mechanik
und Materialgesetz – wenn
Werkstoffe versagen
Was ist ein
Spannungstensor?
Wie dreht man ein
Koordinatensystem?
Wie beschreibt man
elastische Verformung?

4.1 Spannungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
4.2 Verzerrungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91
4.3 Das Materialgesetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018 85


W. Skolaut (Hrsg.), Maschinenbau, https://doi.org/10.1007/978-3-662-55882-9_4
86 4 Spannungen, Verzerrungen und Materialgesetz – wenn Werkstoffe versagen

In den bisherigen Kapiteln der Technischen Mechanik hatten wir ∆N


uns mit der Ermittlung von Kräften und Momenten – vor allem mit
Technische Mechanik

Lagerreaktionen und Schnittgrößen – befasst. Aber als Grundlage, ∆F


∆A
die Tragfähigkeit eines Bauteils zu ermitteln, eignen sich Schnittgrö-
ßen nicht so ohne Weiteres. So wird ein Träger mit einem großen
Querschnitt sehr viel größere Schnittkräfte ertragen können als ein ∆T
äußere Lasten
Träger mit einem zierlichen. Für die Festigkeitsrechnung ist es also
auch erforderlich, den Einfluss der Bauteilgeometrie zu berücksich-
tigen. Abb. 4.1 Die auf ein kleines Flächenelement ΔA wirkende Schnittkraft ΔF
lässt sich in einen Normalanteil ΔN und einen Tangentialanteil ΔT zerlegen
Das Teilgebiet der Technischen Mechanik, das sich diesen Frage-
stellungen widmet, ist die Festigkeitslehre. Sie befasst sich damit, F F
welche Spannungen die inneren Kräfte und Momente (die Schnitt- σ
größen) in Bauteilen bewirken und wie sich diese Bauteile dabei
verformen.
F

τ
4.1 Spannungen
Eine zentrale Größe der Festigkeitslehre ist die Span- Abb. 4.2 Normalspannungen σ kann man erzeugen, indem man an einem
nung. Diese ist – bildlich gesprochen – ein Maß für die Stab zieht (oben ). Schubspannungen τ entstehen in einem Körper, indem man
Dichte des Kraftflusses im Bauteil. Je größer die pro Quer- z. B. einen Streifen Klebefilm auf diesen klebt und am Klebefilm zieht (unten )
schnittsfläche übertragenen inneren Kräfte sind, desto
größer sind die Spannungen. Spannungen sind entschei-
dend dafür, ob ein Bauteil seinen Betriebslasten standhält und aus dem Tangentialanteil ΔT die mit dem griechi-
oder unter diesen versagt. Nur wenn die im Bauteil herr- schen Buchstaben τ (tau) bezeichnete Schubspannung
schenden Spannungen mit genügender Sicherheit unter
der einschlägigen Festigkeit des Werkstoffs liegen (z. B. ΔT
Streckgrenze, Zugfestigkeit oder Dauerfestigkeit), kann τ= .
ΔA
eine sichere Funktion des Bauteils gewährleistet sein. Die
Spannungsberechnung ist somit ein ganz entscheidender Spannungen haben Einheiten von Kraft pro Fläche. Am
Bestandteil der Bauteilauslegung. gebräuchlichsten ist die Angabe in Pascal (Pa) oder Me-
gapascal (MPa). Es gelten die Zusammenhänge 1 Pa =
Im vorliegenden Kapitel wollen wir uns mit einigen
grundlegenden Eigenschaften von Spannungen beschäfti- 1 N/m2 bzw. 1 MPa = 1 N/mm2 .
gen. Im Anschluss daran folgt für die wichtigsten Grund- Da viele Werkstoffe unterschiedlich auf Normal- und
beanspruchungsfälle dann in Kap. 5 die konkrete Berech- Schubspannungen reagieren – duktile Metalle und die
nung der jeweiligen Spannungen. meisten Kunststoffe z. B. empfindlich auf Schubspannun-
gen, Keramiken empfindlich auf Normalspannungen –,
ist es wichtig, diese sauber voneinander unterscheiden zu
Je nach Kraftrichtung unterscheidet man können. Zwei Methoden bieten sich hierfür an:
zwischen Normal- und Schubspannungen Eine Möglichkeit ist die Unterscheidung anhand der
Kraftrichtung. Wirkt eine Kraft senkrecht zur Schnittflä-
che, wie z. B. in einem Zug- oder Druckstab, so besteht
Legen wir durch einen belasteten Körper einen Frei-
die Schnittkraft ΔF allein aus der Normalkomponente
schnitt, dann wirkt auf jedem kleinen Flächenelement ΔA
ΔN, und es wirken auf dieser Schnittfläche ausschließ-
eine kleine Schnittkraft ΔF, die sich in einen Kraftan-
lich Normalspannungen. „Schrappt“ die Kraft dagegen
teil ΔN senkrecht (normal) zur Schnittfläche und einen
tangential an der Schnittfläche entlang, wie das beispiels-
Kraftanteil ΔT entlang der (tangential zur) Schnittfläche
weise der Fall ist, wenn man einen Streifen Klebefilm auf
zerlegen lässt (Abb. 4.1).
die Schnittfläche klebt und an diesem zieht, so herrschen
Aus dem Normalanteil ΔN ergibt sich die mit dem grie- Schubspannungen (Abb. 4.2).
chischen Buchstaben σ (sigma) bezeichnete Normalspan-
nung Die andere, anschaulichere Möglichkeit zur Unterschei-
dung zwischen Normal- und Schubspannungen beruht
ΔN auf den von den Spannungen hervorgerufenen Verfor-
σ=
ΔA mungen. Stellen wir uns hierfür einen Körper aus ei-
4.1 Spannungen 87

σ σy
σy

Technische Mechanik
τ τyx τyx
τ τyz
τxy τxy
τzy σx σx
y σx
τzx τxz τxy
x σz y
τ z τyx
τ x
a b σy
σ
a b c Abb. 4.4 Darstellung der Spannungen in einem Lageplan; a dreidimensionaler,
b zweidimensionaler Lageplan
Abb. 4.3 Wenn wir uns auf einen Körper ein kleines quadratisches Gitter auf-
gezeichnet denken, dann wird es unter Belastung zu einem Parallelogramm
verformt. Dabei bewirken Normalspannungen (b) eine Längenänderung der Git- Bei der Pfeilrichtung gilt die Konvention, dass positive
terkanten und die Schubspannungen (c) eine Änderung der rechten Winkel
Spannungen an den positiven Schnittufern in die positive
und an den negativen Schnittufern in die negative Koor-
dinatenrichtung zeigen. Bei negativen Spannungen ist die
nem isotropen Werkstoff vor, auf den ein kleines qua- Pfeilrichtung jeweils umzudrehen.
dratisches Gitter eingezeichnet ist. Normalspannungen
dehnen oder stauchen den Körper, ändern aber nicht
die Winkel des aufgezeichneten Gitters. Bei Beanspru-
chung durch Schubspannungen ändern sich dagegen nur Im Spannungstensor sind alle Spannungen
die Winkel im Körper, während die Längenabmessungen zusammengefasst
gleich bleiben (Abb. 4.3).
Wie viele und welche Normal- und Schubspannungen Die neun Spannungen werden im sogenannten Span-
kann es denn in einem beliebig beanspruchten Körper ge- nungstensor S zusammengefasst. Er lässt sich als Matrix
ben? schreiben:
⎛ ⎞
σx τxy τxz
Normalspannungen: Kräfte können in alle drei Raum- S = ⎝τyx σy τyz ⎠
richtungen wirken, und wir erhalten für jede Richtung τzx τzy σz xyz
eine Normalspannung, σx , σy , und σz .
Schubspannungen: Wollen wir eine Schubspannung Die Bezeichnung Spannungstensor besagt, dass die
vollständig definieren, so müssen wir erstens die Flä- Normal- und Schubspannungen den mathematischen Ge-
che, auf der sie wirkt, und zweitens die Richtung, in die setzmäßigkeiten der Tensorrechnung folgen, insbesonde-
sie wirkt, angeben. Schubspannungen erhalten deswe- re bei einer Drehung des Koordinatensystems. Wir wer-
gen zwei Indizes: Der erste steht für die Richtung der den uns diesem Thema in ein paar Seiten widmen.
Flächennormalen, der zweite für die Kraftrichtung (die Es macht Sinn, zum Spannungstensor stets das Koordi-
„Richtung des Spannungspfeils“). Da Flächennormale natensystem als tiefgestellte Indizes anzugeben, da sich,
und Kraftrichtung bei Schubspannungen nicht über- wie wir sehen werden, die Komponenten des Spannungs-
einstimmen (das tun sie nur bei Normalspannungen), tensors bei einer Drehung des Koordinatensystems verän-
gibt es insgesamt sechs Schubspannungen, τxy , τxz , τyx , dern.
τyz , τzx und τzy .
Zunächst aber zu einer wichtigen Eigenschaft des Span-
nungstensors, seiner Symmetrie. Betrachten wir hierzu
Um darzustellen, auf welchen Flächen und in welche ein kleines quaderförmiges Volumenelement der Kanten-
Richtungen diese neun Spannungen wirken, kann man längen Δx, Δy und Δz, auf dessen Stirnflächen die entspre-
sie in einen Lageplan einzeichnen. Im Dreidimensionalen chenden Spannungskomponenten wirken (Abb. 4.5).
entspricht dieser Lageplan einem kleinen Würfel, auf des- Für das Momentengleichgewicht um den Koordinatenur-
sen Flächen die Spannungen angreifen (Abb. 4.4a), wobei sprung multiplizieren wir die Spannungen zunächst mit
man sich auf den drei verdeckten Würfelflächen dieselben der Fläche, auf die sie jeweils wirken – z. B. τxy mit ΔyΔz –,
Spannungen wie auf den jeweils gegenüberliegenden Flä- und dann mit dem Hebelarm. Wir erhalten
chen, nur mit umgekehrter Pfeilrichtung, vorstellen muss.
Δx Δy
∑ Mi
(Koo.urspr.)
Beschränken wir uns auf zwei Dimensionen, erhalten wir = 2τxy ΔyΔz · − 2τyx ΔxΔz · =0
ein Quadrat (Abb. 4.4b), auf dessen Kanten die jeweiligen 2 2
Normal- und Schubspannungen angreifen. =⇒ τxy = τyx .
88 4 Spannungen, Verzerrungen und Materialgesetz – wenn Werkstoffe versagen

σy Die Normalspannung σz muss null sein, denn sie kann


τ yx nicht in die Luft hinein übertragen werden.
Technische Mechanik

Gleichfalls müssen auch die Schubspannungen τzx und


y
τ xy τzy null sein, denn diese könnten nur dadurch hervor-
σx
∆y x gerufen werden, dass eine äußere Kraft an der freien
σx Oberfläche „entlangschrappt“, aber dann wäre diese
τ xy
Oberfläche nicht mehr frei und unbelastet.
τ yx
σy Im abgebildeten Fall verschwinden also aus dem Span-
∆x nungstensor alle Spannungen mit dem Index z (dem
Index der freien Oberfläche) und wir erhalten
Abb. 4.5 Die Symmetrie des Spannungstensors ergibt sich aus dem Momen- ⎛ ⎞
tengleichgewicht σx τxy 0
S = ⎝ τxy σy 0⎠ ,
0 0 0 xyz
Da die Momentengleichgewichte um die y- und z-Achse
entsprechende Ergebnisse liefern, gilt die was wir vereinfacht als
 
σx τxy
Symmetrie des Spannungstensors S=
τxy σy xy

τxy = τyx , τxz = τzx und τyz = τzy . darstellen. Dieser als ebener Spannungszustand (Abkür-
zung ESZ) bezeichnete Spannungszustand ist technisch
sehr wichtig, da er nicht nur an allen freien Oberflä-
Aufgrund der Symmetrie besteht der Spannungstensor chen auftritt, sondern in sehr guter Näherung auch in
also nur aus sechs voneinander unabhängigen Kompo- allen dünnwandigen Bauteilen wie Blechen, Brettern und
nenten, dergleichen, bei denen zwei freie Oberflächen sehr nahe
beieinanderliegen.
⎛ ⎞
σx τxy τxz Weil der ESZ derart wichtig ist – und auch weil er ein gu-
S=⎝ σy τyz ⎠ . tes Stück einfacher als der räumliche Spannungszustand
symm. σz xyz zu behandeln ist –, befassen wir uns im Rest dieses Kapi-
tels ausschließlich mit dem ESZ.

An allen freien Oberflächen herrscht ein ebener


Spannungszustand Bei einer Drehung des Koordinatensystems
ändern sich die Werte der Normal- und
An freien, unbelasteten Oberflächen, vereinfacht sich der
Schubspannungen
Spannungstensor weiter, denn es werden drei der sechs
Spannungskomponenten zu null. Betrachten wir hierzu Wir werden nun sehen, dass (und wie) sich die Span-
ein kleines Volumenelement an einer solchen Oberfläche nungskomponenten bei einer Drehung des Koordinaten-
(in Abb. 4.6 mit der Flächennormalen z): systems ändern. Was aber bedeutet das eigentlich? Ma-
chen wir hierzu ein kleines Gedankenexperiment.
σz = 0 Stellen Sie sich vor, Sie stehen 10 m von einem Baum
entfernt und gucken gerade auf diesen zu. Der Ortsvek-
Luft τ zx = 0 tor von Ihnen zum Baum hin verläuft dann 10 m nach
Werkstoff vorne und hat keine Komponente zur Seite. Drehen Sie
σx σx sich nun um 30° nach links, ändern sich diese Zahlen-
werte. Der Ortsvektor zum Baum verläuft nun 8,66 m
(10 m · cos 30◦ ) nach vorne und 5 m (10 m · sin 30◦ ) nach
z rechts. Und das, obwohl weder Sie, noch der Baum ihren
x Standort verlassen haben. Geändert hat sich einzig ihre
Betrachtungsrichtung. Und genau so kann man sich die
Abb. 4.6 An freien, unbelasteten Oberflächen verschwinden drei der sechs Drehung eines Koordinatensystems anschaulich vorstel-
Spannungskomponenten len.
4.1 Spannungen 89

und

Technische Mechanik
φ τ ξη ∑ Fiy = σξ sin ϕΔA + τξη cos ϕΔA
σξ
− σy ΔA sin ϕ − τxy ΔA cos ϕ = 0.
σx

∆Acosφ
∆A
Das sind zwei Gleichungen für die zwei Unbekannten
σξ und τξη . Die dritte Komponente des gedrehten Span-
nungstensors, ση , würden wir an einem Keil der Seiten-
τ xy
flächen x, y und η in gleicher Vorgehensweise ermitteln
∆A sinφ
können.

y φxy Als Lösungen der obigen Gleichungen erhalten wir für


η ξ die
φ σy
x

Abb. 4.7 Kräftegleichgewicht am Keil


Spannungen bei einer Drehung des Koordinatensys-
tems

1  1 
σξ = σx + σy + σx − σy cos 2ϕ + τxy sin 2ϕ,
Drehung des Koordinatensystems 2 2
1  1 
Wenn das Koordinatensystem eines Spannungsten- ση = σx + σy − σx − σy cos 2ϕ − τxy sin 2ϕ
2 2
sors gedreht wird, bedeutet das, dass ein und der-
und
selbe Spannungszustand bezüglich einer anderen
(gedrehten) Betrachtungsrichtung beschrieben wird. 1 
τξη = − σx − σy sin 2ϕ + τxy cos 2ϕ.
2

Bevor wir zur Frage kommen, wie sich die Spannungen


bei einer Drehung des Koordinatensystems ändern, noch
eine kurze Bemerkung zur Nomenklatur: Um mit den Ko-
ordinatensystemen nicht durcheinanderzukommen, be-
zeichnen wir nur das ungedrehte Koordinatensystem mit Mit dem Mohr’schen Spannungskreis kann man
den lateinischen Buchstaben x, y und z. Für gedrehte Ko- Spannungstensoren in gedrehten
ordinatensysteme verwenden wir die griechischen Buch- Koordinatensystemen grafisch bestimmen
staben ξ, η und ζ (xi, eta und zeta).
Und nun zur Frage: Wie ändern sich die Spannungen
Die Änderung des Spannungstensors bei einer Drehung
bei einer Drehung des Koordinatensystems? Ein Kräfte-
des Koordinatensystems lässt sich nicht nur rechnerisch,
gleichgewicht an einem Keil führt uns zu den gesuchten
sondern auch zeichnerisch beschreiben. Die entsprechen-
Zusammenhängen (Abb. 4.7).
de Vorgehensweise wird als Mohr’scher Spannungskreis
Die drei Seitenflächen des Keils weisen in die x-Richtung, bezeichnet zu Ehren ihres Erfinders Christian O. Mohr
in die y-Richtung und in eine um den Winkel ϕ zur x- (1835–1918), der erkannte, dass die Gleichungen für die
Achse gedrehte ξ-Richtung. Wenn der Flächeninhalt der Spannungskomponenten in einem gedrehten Koordina-
ξ-Seite die allgemeine Größe ΔA hat, dann betragen die tensystem bei geeigneter grafischer Umsetzung Kreisglei-
Flächeninhalte der beiden anderen Seiten ΔA · cos ϕ (für chungen beschreiben.
die x-Seite) und ΔA · sin ϕ (für die y-Seite). Auf allen drei
Keilflächen wirken die jeweilige Normal- und Schubspan- Am besten, wir empfinden die Entdeckung des Herrn
nung. Mohr an einem Beispiel nach.

Die Gleichgewichtsbedingungen in x- und y-Richtung


lauten Beispiel Gegeben sei der Spannungstensor
 
∑ Fix = σξ cos ϕΔA − τξη sin ϕΔA 30 −40
S= MPa.
− σx ΔA cos ϕ − τxy ΔA sin ϕ = 0 −40 90 xyz
90 4 Spannungen, Verzerrungen und Materialgesetz – wenn Werkstoffe versagen

Es ist Ihre Aufgabe, τ in MPa


Technische Mechanik

die um 15°, 30°, 45°, 60° und 75° gegen den Uhrzeiger- 50 ungedreht
sinn gedrehten Spannungstensoren zu ermitteln, und
sodann
für jeden der sechs Spannungstensoren die beiden φ = 15°
Punkte (σx | − τxy ) und (σy |τxy ) – bzw. (σξ | − τξη ) und
(ση |τξη ) im Falle der gedrehten Koordinatensysteme – σ in MPa
in einen sogenannten Spannungsplan einzutragen (ei- 50 100
ne Grafik, bei der die Normalspannungen σ auf der φ = 30°
Abszisse („x-Achse“) und die Schubspannungen τ auf
der Ordinate („y-Achse“) aufgetragen werden), und φ = 45°
schließlich
die beiden Punkte eines jeden Spannungstensors je- –50 φ = 60° φ = 75°
weils zu verbinden.

Für die fünf Koordinatendrehungen erhalten wir nach et- Abb. 4.8 Bildet man aus den Spannungstensoren in den verschiedenen ge-
drehten Koordinatensystemen Punkte nach der Vorschrift ( σξ | − τξη ) und
was Rechnerei (ση |τξη ), so liegen diese auf einem Kreis
 
14 −20
S= MPa,
−20 106 ϕ=15◦
  nachzuvollziehen. Der Mohr’sche Spannungskreis kann
10 6
S= MPa, vielmehr als eigenständige Methode zur Ermittlung von
6 110 ϕ=30◦
  Spannungstensoren in gedrehten Koordinatensystemen
20 30 eingesetzt werden. Das geht dann wie folgt:
S= MPa,
30 100 ϕ=45◦
  Vorgehensweise beim Mohr’schen Spannungskreis
40 46
S= MPa und
46 80 ϕ=60◦ Tragen Sie die Punkte (σx |−τxy ) und (σy |τxy ) in
  den Spannungsplan ein.
66 50
S= MPa. Schlagen Sie um die beiden eingezeichneten
50 54 ϕ=75◦
Punkte den Mohr’schen Spannungskreis. Dabei
Aus den Spannungstensoren im ungedrehten und in liegt der Mittelpunkt des Spannungskreises stets
den fünf gedrehten Koordinatensystemen sind insgesamt auf der σ-Achse zwischen den beiden eingezeich-
zwölf Punkte zu bilden und in den Spannungsplan einzu- neten Punkten.
tragen. Für das ungedrehte Koordinatensystem z. B. die Eine Drehung des Koordinatensystems um
Punkte (30|40) und (90| − 40). den Winkel ϕ entspricht einer Drehung im
Mohr’schen Spannungskreis um 2ϕ.
Abbildung 4.8 zeigt alle zwölf in den Spannungsplan Lesen Sie die Koordinaten des gedrehten Span-
eingetragenen Punkte mit den dazugehörigen Verbin- nungstensors aus dem gedrehten Kreisdurchmes-
dungslinien. Zur besseren Übersicht ist dabei vermerkt, ser ab.
auf welchen Spannungstensor sich die jeweilige Verbin-
dungslinie bezieht (ob ungedreht oder um welchen Win-
kel gedreht). Wir sehen – und genau das war die Entde- Mit dem Mohr’schen Spannungskreis lassen sich aber
ckung des Herrn Mohr – dass nicht nur gedrehte Spannungstensoren bestimmen; auch
eine ganze Reihe von sehr wichtigen Eigenschaften des
alle Punkte auf einem Kreis liegen, Spannungstensors wird am Mohr’schen Spannungskreis
sich die beiden Punkte eines Spannungstensors jeweils deutlich. Hierzu zeigt Abb. 4.9 noch einmal ganz allge-
genau gegenüberliegen, die Verbindungslinie der bei- mein einen Mohr’schen Spannungskreis.
den Punkte eines Spannungstensors also stets durch
den Kreismittelpunkt verläuft und Wenn sich die Normal- und Schubspannungen bei einer
die einzelnen Verbindungslinien um genau den dop- Drehung des Koordinatensystems ändern, dann vermö-
pelten Winkel (30° statt 15°) zueinander gedreht gen sie dies nur in ganz bestimmten Grenzen. Es gibt
sind.  Extremwerte, die von den Spannungen, wie auch im-
mer man das Koordinatensystem drehen mag, nicht über-
bzw. unterschritten werden können. Diese Extremwerte
Natürlich ist es nicht Sinn und Zweck des Mohr’schen sind die größtmögliche Normalspannung σ1 , die kleinst-
Spannungskreises, bereits errechnete Resultate grafisch mögliche Normalspannung σ2 und die größtmögliche
4.2 Verzerrungen 91

Technische Mechanik
τ max
(σ x|– τ xy) dy′
β

dy
2φ (σ ξ |–τξ η ) α
σ y
σ2 M σ1
dx dx′
(σ η | τ ξ η ) x

Abb. 4.10 Zur Definition der Verzerrungen


(σ y|–τ xy)
–τ max

Abschließende Bemerkung: Worin liegt die Motivation


Abb. 4.9 Mohr’scher Spannungskreis für diese ausführliche Betrachtung der Drehung des Ko-
ordinatensystems und des Mohr’schen Spannungskrei-
ses?
Schubspannung τmax . σ1 und σ2 werden als 1. und 2.
Nun, wir haben gesehen, dass je nach Drehwinkel entwe-
Hauptspannung, τmax wird als Hauptschubspannung be-
der die Normalspannungen oder die Schubspannungen
zeichnet.
Extremwerte annehmen können. Aus der Werkstoffkun-
Für die Hauptspannungen und die Hauptschubspannun- de weiß man, dass spröde Werkstoffe (z. B. Keramiken,
gen gilt: Gläser oder Gusseisen) empfindlich auf Normalspannun-
gen und duktile Werkstoffe (wie z. B. die meisten Stäh-
Die beiden Hauptspannungen σ1 und σ2 liegen sich le und Kunststoffe) empfindlich auf Schubspannungen
im Mohr’schen Spannungskreis genau gegenüber und reagieren. Folglich ist bei der Dimensionierung von Bau-
treten deshalb gleichzeitig (im selben Koordinaten- teilen aus spröden Werkstoffen zu überprüfen, ob die
system) auf. Dieses Koordinatensystem wird auch größtmögliche Normalspannung unterhalb ihres zulässi-
als Hauptachsensystem bezeichnet. Die Achsen des gen Wertes liegt, und bei Bauteilen aus duktilen Werk-
Hauptachsensystems werden statt mit x und y (oder ξ stoffen, ob die größtmögliche Schubspannung unterhalb
und η) üblicherweise mit 1 und 2 indiziert. Im Haupt- ihres zulässigen Wertes liegt. Und genau das leistet der
achsensystem treten keine Schubspannungen auf. Mohr’sche Spannungskreis. Wir werden in Abschn. 5.7
Die Hauptschubspannung τmax tritt in einem Koor-
(Überlagerte Beanspruchung) noch einmal näher darauf
dinatensystem auf, das um 45° zum Hauptachsen-
zurückkommen.
system geneigt ist (90° im Mohrkreis). In diesem als
Hauptschubspannungssystem bezeichneten Koordina-
tensystem treten auch Normalspannungen auf, die
stets gleich groß sind. Die Achsen des Hauptschub- 4.2 Verzerrungen
spannungssystems werden üblicherweise mit 1∗ und
2∗ indiziert.
Wird ein Körper belastet, so steht er nicht nur unter Span-
σ1 , σ2 und τmax lassen sich über einfache trigonome-
nung, er verformt sich auch.
trische Beziehungen aus dem Mittelpunkt und dem
Radius des Mohr’schen Spannungskreises berechnen.
Dafür gelten die folgenden Gleichungen:
Der Verzerrungstensor beschreibt alle in einem
Berechnung von σ1 , σ2 und τmax im ESZ bestimmten Punkt herrschenden Verzerrungen

σx + σy  σ − σ 2 Sehen wir uns einmal an, wie sich ein kleines Rechteck,
x y
σ1 = + + τxy
2 ,
das auf einen Körper aufgezeichnet ist, bei Belastung ver-
2 2

σx + σy  σ − σ 2 formen kann.
x y
σ2 = − + τxy
2 und Es lassen sich zwei Arten von Verformungen unterschei-
2 2

 σ − σ 2 den. Zum einen haben sich die Kantenlängen dx und dy
τmax =
x y
+ τxy
2 . des Rechtecks zu dx und dy verformt. Das Verhältnis
2 von Längenänderung zu Ausgangslänge wird als Deh-
nung ε bezeichnet. Es gilt also als
92 4 Spannungen, Verzerrungen und Materialgesetz – wenn Werkstoffe versagen

Übersicht: Ein-, zwei- und dreiachsige Spannungszustände


Technische Mechanik

Je nach vorliegender Mehrachsigkeit werden Span- τ


τ xy = τ max τ xy
nungszustände als ein-, zwei- oder dreiachsig klassifi-
ziert. Dabei bezeichnet man einen Spannungszustand
mit τ xy
σ
σ2 σ1
genau einer von null verschiedenen Hauptspan- σ1 = τ xy
nung als einachsig, 45°
zwei von null verschiedenen Hauptspannungen als
zweiachsig und σ2 = τ xy
drei von null verschiedenen Hauptspannungen als
dreiachsig.
Die Hauptspannungen treten unter einem Winkel von
45◦ zur Hauptschubspannungsrichtung auf und betra-
Wir wollen uns nun einen kleinen Überblick über diese gen σ1 = τxy und σ2 = −τxy .
Arten von Spannungszuständen und ein paar wichtige
Beispiele verschaffen.
Dreiachsiger Spannungszustand Beim dreiachsigen
Spannungszustand sind alle drei Hauptspannungen
von null verschieden. Der Mohr’sche Spannungs-
τ kreis besteht – ohne dies näher herzuleiten – aus
τmax drei ineinander geschachtelten Kreisen durch die drei
σ1 σ1 Hauptspannungen. Der durch σ1 und σ2 gehende Kreis
beschreibt beispielsweise die Änderung der Span-
σ nungskomponenten, wenn die z-Achse in σ3 -Richtung
σ2 σ1 σ1/2
festgehalten wird und die x und y-Achsen um die z-
Achse gedreht werden.
45° σ1/2
τ
σ1/2 τ max

Einachsiger Spannungszustand Die maximale Schub-


spannung tritt in einem Winkel von 45◦ zum Haupt- σ3 σ2 σ1 σ
achsensystem auf und beträgt τmax = 12 σ1 für einachsi-
gen Zug und τmax = − 12 σ2 für einachsigen Druck.

Zweiachsiger Spannungszustand Beim zweiachsigen


oder ebenen Spannungszustand ist der Mohr’sche Für die maximale Schubspannung gilt τmax =
Spannungskreis von der in Abb. 4.9 gezeigten Gestalt.
2 ( σ1 − σ3 ).
1

Beispiel reiner Schub Ein wichtiger Sonderfall des ESZ Beispiel hydrostatischer Spannungszustand Der hydro-
ist der reine Schub, der beispielsweise in einem auf statische Spannungszustand ist durch in alle drei Ko-
Torsion belasteten Stab auftritt. Reiner Schub ist durch ordinatenrichtungen identische Hauptspannungen ge-
das Vorliegen einer Schubspannung τxy bei verschwin- kennzeichnet. Der Mohr’sche Spannungskreis entartet
denden Normalspannungen gekennzeichnet. dabei zu einem Punkt, welcher für hydrostatischen
Druck links der τ-Achse und für hydrostatischen Zug
rechts der τ-Achse liegt.
4.2 Verzerrungen 93

σ spannung σl und eine im Vergleich zu σϕ und σl viel-


τ σ fach vernachlässigbar kleine Radialspannung σr .
σ

Technische Mechanik
σ bel.
σ
τ
σφ
τ max =
2

Die Spannungskomponenten eines hydrostatischen


σ
Spannungszustandes ändern sich bei einer Drehung σr ≈ 0 σl σφ
des Koordinatensystems nicht, es sind stets alle Nor-
malspannungen gleich groß und alle Schubspannun-
gen gleich null.

Beispiel Dünnwandiges Rohr unter Innendruck In einem


dünnwandigen Rohr unter Innendruck (Abschn. 5.5) Die maximale Schubspannung beträgt τmax = 12 σϕ .
herrschen eine Umfangsspannung σϕ , eine im Ver- τmax tritt in einem um 45 ◦ um die Rohrlängsachse ge-
gleich zur Umfangsspannung halb so große Längs- drehten Koordinatensystem auf.

y
Merkregel für die Definition der Dehnung x

η
Δl
ε=
l
ξ

So sind die Dehnungen in x-, y- und z-Richtung in der Abb. 4.11 Die Abhängigkeit der Verzerrungen vom Koordinatensystem kann
man sich durch zwei verschieden ausgerichtete quadratische Gitter veranschau-
obigen Abbildung definiert als
lichen
dx − dx dy − dy
εx = und εy = ,
dx dy
sich mit folgendem Gedankenexperiment leicht klarma-
und für die z-Koordinate gilt entsprechend chen kann: Betrachten wir einen Stab unter Zugbelastung.
Durch die angreifende Zugkraft F dehnt sich der Stab,
dz − dz und durch die Querkontraktion (siehe Abschnitt Das Ma-
εz = .
dz terialgesetz) verjüngt er sich. Welche Verzerrungen liegen
im x, y-Koordinatensystem vor? Hierzu zeichnen wir ein
Aber in obiger Abbildung haben sich nicht nur die Län- am x, y-Koordinatensystem ausgerichtetes Gitter auf den
gen geändert. Auch die Orientierung der Rechteckkanten, Stab. Unter Belastung werden die Kanten in x-Richtung
die unverformt parallel zur x- und y-Achse verliefen, hat länger, es verkürzen sich die Kanten in y-Richtung, und
sich um die Winkel α und β zur jeweiligen Koordina- die rechten Winkel des Gitters bleiben erhalten. Es liegen
tenachse geneigt. Diese Winkeländerungen werden als somit eine positive Dehnung ε x und eine negative Deh-
Gleitungen γ bezeichnet. In der x, y-Ebene entspricht die nung ε y vor, die Gleitung γxy ist null.
Gleitung der Summe aus α und β,
Ein um 45° gedrehtes ξ, η-Koordinatensystem bedeutet
γxy = α + β. nichts anderes, als dass auf den Stab ein um 45° geneigtes
Gitter einzuzeichnen ist. In dieser Orientierung werden
Die Gleitungen in der x, z- bzw. y, z-Ebene werden mit
nun bei Belastung die Kanten sowohl in ξ-, als auch in η-
γxz bzw. γyz bezeichnet. Der sowohl Dehnungen als auch
Richtung länger – und zwar in gleichem Maße – und auch
Gleitungen umfassende Oberbegriff lautet Verzerrungen.
die vormals rechten Winkel ändern sich. Es liegen somit
Die Zahlenwerte von Dehnungen und Gleitungen hän- zwei gleich große Dehnungen ε ξ und ε η sowie eine von
gen von der Wahl des Koordinatensystems ab, wie man null verschiedene Gleitung γξη vor.
94 4 Spannungen, Verzerrungen und Materialgesetz – wenn Werkstoffe versagen

Fassen wir kurz zusammen: Es gibt drei Verzerrungen mit γ/2


einem Index, die Dehnungen ε x , ε y und ε z , sowie drei Ver- 1 γ /2
Technische Mechanik

zerrungen mit zwei Indizes, die Gleitungen γxy , γxz und 2


max

γyz . All diese Verzerrungen ändern bei einer Drehung des (ε η | 1 γ ξ η )


2
Koordinatensystems ihre Größe. Das erinnert sehr an den
zuvor behandelten Spannungstensor.
In der Tat ist es so, dass sich auch die Verzerrungen in (ε y| 1 γ xy)
2 2φ
einem Tensor, dem sogenannten Verzerrungstensor V, an- ε
ε2 ε1
ordnen lassen, wenn anstelle der Gleitungen γ jeweils die M
halben Gleitungen in den Verzerrungstensor eingehen. (ε x|– 1 γ xy)
2
Wie der Spannungstensor ist auch der Verzerrungstensor
symmetrisch. Er lässt sich als Matrix schreiben:
(ε x |– 1 γ ξ η )
⎛ ⎞ 2
εx 1
2 γxy
1
2 γxz – 1 γ max/2
⎜1 ⎟ 2
V=⎜ ⎝ 2 γyx εy ⎟ .
2 γyz ⎠
1
Abb. 4.12 Der Mohr’sche Verzerrungskreis
2 γzx 2 γzy εz
1 1
xyz

Volumendehnung Bei einer Drehung des Koordinatensystems gelten für den


Durch die Dehnungen in x-, y- und z-Richtung ändert sich Verzerrungstensor die gleichen Gesetzmäßigkeiten wie
das Volumen eines Körpers. Wenn wir die Kantenlängen für den Spannungstensor. Es lauten also die Gleichungen
für die
eines kleinen Volumenelements ΔV mit Δx, Δy und Δz be-
zeichnen und sich diese Kantenlängen auf Δx , Δy und
Δz dehnen, dann beträgt das gedehnte Volumen Verzerrungen bei einer Drehung des Koordinatensys-
tems
ΔV = Δx · Δy · Δz
= (1 + ε x )Δx · (1 + ε y )Δy · (1 + ε z )Δz. 1  1  1
εξ = εx + εy + ε x − ε y cos 2ϕ + γxy sin 2ϕ,
2 2 2
Hierin lassen sich nach dem Ausmultiplizieren der Klam- 1  1  1
mern die Dehnungsprodukte vernachlässigen, da sie als εη = εx + εy − ε x − ε y cos 2ϕ − γxy sin 2ϕ,
2 2 2
1 
Terme höherer Ordnung sehr klein sind, und wir erhalten
1 1
für die γ = − ε x − ε y sin 2ϕ + γxy cos 2ϕ.
2 ξη 2 2

Relative Volumenänderung (Volumendehnung) e


Alternativ kann man den Mohr’schen Verzerrungskreis
ΔV − ΔV ansetzen. Bei diesem sind im Vergleich mit dem Span-
e= = εx + εy + εz. nungskreis anstelle der Spannungen σ die Dehnungen ε
ΔV
und anstelle der Schubspannungen τ die halben Gleitun-
gen γ/2 zu verwenden.
Die größt- bzw. kleinstmöglichen Dehnungen werden als
Hauptdehnungen ε 1 bzw. ε 2 bezeichnet. Sie betragen
Ebener Verzerrungszustand und Mohr’scher
Verzerrungskreis Hauptdehnungen im EVZ


Ähnlich wie es beim Spannungstensor den ebenen Span- εx + εy  ε − ε 2  1 2
x y
nungszustand gibt, gibt es beim Verzerrungstensor einen ε1 = + + γxy und
2 2 2
ebenen Verzerrungszustand (EVZ). Dieser herrscht im- 
εx + εy  ε − ε 2  1 2
mer dann, wenn in eine Koordinatenrichtung alle Verzer- ε2 = −
x y
+ γxy .
rungen verschwinden. Ist dies die z-Richtung, so verein- 2 2 2
facht sich der Verzerrungstensor zu
 
ε 2 γxy
1
V= 1 x . Man kann zeigen, dass die Hauptachsen von Spannungs-
2 γyx ε y xy und Verzerrungstensor in isotropen Materialien (Materia-
4.3 Das Materialgesetz 95

lien, deren Eigenschaften in alle Richtungen gleich groß σ


sind) übereinstimmen.

Technische Mechanik
Wie beim Spannungstensor entspricht eine Drehung um
den Winkel ϕ am Bauteil einer Drehung um den doppel- Re
ten Winkel im Mohr’schen Verzerrungskreis. Zwischen
dem Koordinatensystem der größten Dehnungen und
demjenigen der größtmöglichen Gleitung liegt wieder ein
45° Winkel (90° im Mohr’schen Verzerrungskreis).
Noch eine Schlussbemerkung zum ebenen Spannungs- ε
und ebenen Verzerrungszustand: Herrscht der ESZ an
Abb. 4.13 Schematisches σ-ε-Diagramm eines Baustahls. Bis zur Streckgrenze
freien Oberflächen und in dünnwandigen Bauteilen, so ist
Re verhält sich der Werkstoff linear-elastisch
es beim EVZ gerade umgekehrt: Er liegt gerade dann vor,
wenn die Verformung in eine der Koordinatenrichtungen
unterbunden ist, und das ist bei eingezwängten Oberflä-
chen oder sehr dicken Strukturen der Fall.
Wird z. B. ein Dichtungsband zwischen Fenster und Fens-
Abb. 4.14 Zugversuch
terrahmen eingequetscht, so wird es platt und breit ge-
drückt, es dehnt sich also in x- und y-Richtung, aber seine
Länge ändert sich nicht (keine Dehnung in z-Richtung).
Des Weiteren betrachten wir ausschließlich isotrope Ma-
terialien. Dies sind Materialien, deren Eigenschaften in
alle Richtungen gleich sind. Das Gegenteil von Isotropie
4.3 Das Materialgesetz ist Anisotropie. Anisotrope Materialien haben in unter-
schiedliche Materialrichtungen unterschiedliche Eigen-
schaften, wie z. B. Holz, das in Faserrichtung wesentlich
Unter Belastung entstehen in einem Körper Spannungen steifer und fester ist als quer zur Faser.
und Verzerrungen. Der Zusammenhang zwischen ihnen
hängt vom Werkstoff ab. Ein steifer Werkstoff wie z. B. Der wichtigste Versuch zur Ermittlung des Materialgeset-
Stahl verformt sich unter jeweils gleicher Last weit schwä- zes ist der Zugversuch (Abb. 4.14).
cher als ein nachgiebiger Werkstoff wie z. B. Schaumstoff. In ihm wird eine Zugprobe in einer Werkstoffprüfma-
Man bezeichnet den Zusammenhang zwischen Spannun- schine mit in der Regel konstanter Dehnrate bis zum
gen und Verzerrungen daher als Material- oder Stoffge- Probenbruch gedehnt. Die Prüfmaschine misst fortlau-
setz. Die Ermittlung von Materialgesetzen ist zunächst fend Kraft und Probenverlängerung und rechnet diese
einmal Aufgabe der Werkstoffprüfung; wir beschäftigen Werte in Spannungen und Dehnungen um. Im linear-
uns hier damit, welche mechanischen Gesetzmäßigkeiten elastischen Bereich lautet der Zusammenhang zwischen
aus den einschlägigen Versuchen der Werkstoffprüfung Spannung und Dehnung
abgeleitet werden können und wie man diese Gesetzmä-
ßigkeiten anwendet (siehe auch Abschn. 15.6). σx = E ε x

mit dem Elastizitätsmodul E. Der Elastizitätsmodul hat


die Einheit einer Spannung und liegt für die gebräuch-
Das Hooke’sche Gesetz beschreibt den lichsten Konstruktionswerkstoffe im GPa-Bereich.
Zusammenhang zwischen Spannungen und Doch im Zugversuch verlängert sich die Probe nicht nur.
Verzerrungen im linear-elastischen Bereich Quer zur Zugrichtung kontrahiert sie sich auch. Es zeigt
sich, dass diese Querkontraktion proportional zur Längs-
dehnung ist, es gilt somit
Aus der Werkstoffkunde wissen wir, dass viele Werk-
stoffe bei Belastung zunächst einen linear-elastischen ε y = −ν ε x und ε z = −ν ε x
Zusammenhang zwischen Spannungen und Verzerrun-
gen aufweisen, der nach Überschreiten eines kritischen mit der Querkontraktionszahl ν. Diese ist ein dimensi-
Grenzwertes in einen nichtlinearen Zusammenhang über- onsloser Werkstoffparameter, der für isotrope Werkstoffe
geht. Hierzu ist als Beispiel schematisch das Spannungs- stets zwischen 0 und 0,5 liegt. An der Untergrenze ν = 0
Dehnungs-Diagramm eines Baustahls wiedergegeben würde sich ein Zugstab gar nicht quer kontrahieren, bzw.
(Abb. 4.13). Wir beschränken uns in im Folgenden aus- für ν < 0 würde ein Zugstab, wenn er länger wird, sich
schließlich auf den anfänglichen, linear-elastischen Be- nicht kontrahieren, sondern in Querrichtung breiter wer-
reich. den, was es bei isotropen Werkstoffen nicht gibt. Die
96 4 Spannungen, Verzerrungen und Materialgesetz – wenn Werkstoffe versagen

Tab. 4.1 Übersicht über die Elastizitätsmoduln einiger gebräuchlicher Kon- rung verformen, wofür der Zusammenhang
struktionswerkstoffe
Technische Mechanik

Werkstoff Elastizitätsmodul in GPa ε = α ΔT


Wolframcarbid 450–650
Nickel 214 gilt. Hierin sind ε die Dehnung in x-, y- und z-Richtung,
Stähle 205
α der Wärmeausdehnungskoeffizient mit der Einheit K−1
Titanlegierungen 80–130
Aluminiumlegierungen 70
und ΔT die Temperaturänderung des Körpers. Wenn wir
Natronglas 69
all diese Gleichungen zusammenführen, erhalten wir das
GFK, in Faserrichtung 35–45 Hooke’sche Gesetz (nach Robert Hooke, 1635–1703). Zur
Beton 30–50 Berechnungen der Verzerrungen aus den Spannungen
Bauholz, in Faserrichtung 9–16 lautet es
Epoxidharze 2,6–3
PVC 0,2–0,8
Allgemeines Hooke’sches Gesetz; Verzerrungen aus
Spannungen
τ xy
1

εx = σx − ν (σy + σz ) + αΔT,
E
1

τ xy
εy = σy − ν (σx + σz ) + αΔT,
E
γ xy 1

εz = σz − ν (σx + σy ) + αΔT,
τ xy E
τxy τxz τyz
γxy = , γxz = und γyz = .
τ xy G G G

Abb. 4.15 Ein Stückchen Material im Schubversuch


Löst man diese sechs Gleichungen nach den Spannungen
auf, so erhält man das
Obergrenze ν = 0,5 beschreibt den Grenzfall der Volu-
menkonstanz. Ein Werkstoff mit ν > 0,5 würde sich im
Zugversuch so stark quer kontrahieren, dass sein Volu- Allgemeines Hooke’sche Gesetz; Spannungen aus Ver-
men trotz äußerer Zugspannung insgesamt abnimmt. zerrungen

E ν
E
σx = εx + (ε x + ε y + ε z ) − αΔT,
Die Querkontraktionszahl ν ist in den meisten isotro- 1+ν 1 − 2ν 1 − 2ν
pen Werkstoffen ähnlich groß. E ν
E
σy = εy + (ε x + ε y + ε z ) − αΔT,
Für die meisten Konstruktionswerkstoffe liegt ν bei 1+ν 1 − 2ν 1 − 2ν
etwa 0,3. E ν
E
σz = εz + (ε x + ε y + ε z ) − αΔT,
1+ν 1 − 2ν 1 − 2ν
Wenn ein Werkstoff ausschließlich durch Schubspannun- τxy = Gγxy , τxz = Gγxz und τyz = Gγyz .
gen beansprucht wird, wie es beispielsweise bei reiner
Torsion der Fall ist, kann man den Zusammenhang zwi-
schen Schubspannungen und Gleitungen experimentell
ermitteln (Abb. 4.15). Auch hier existiert für nicht zu
große Werkstoffbeanspruchungen ein linear-elastischer
Zusammenhang zwischen der Schubspannung τ und der Im ebenen Spannungszustand gelten
durch sie verursachten Gleitung γ. Er lautet handlichere Formeln für das Hooke’sche Gesetz
τxy = G γxy
Die Gleichungen des allgemeinen Hooke’schen Gesetzes
mit dem Schubmodul G. Wie der Elastizitätsmodul E hat
gelten für allgemeine dreiachsige Spannungszustände.
auch G die Einheit einer Spannung.
Für ebene Spannungszustände vereinfachen sich diese
Schließlich kann sich ein Körper nicht nur als Folge von Gleichungen ein wenig. Wir setzen σz , τxz und τyz gleich
Spannungen, sondern auch durch eine Temperaturände- null und erhalten das
4.3 Das Materialgesetz 97

a ·γ xy σ 2 = –τ xy σ 1 = τ xy
τ xy

Technische Mechanik
a τ xy a d
τ xy γ xy
y a
x τ
xy η ξ
σ 1 = τ xy σ 2 = –τ xy
Abb. 4.16 Verformung eines Flächenelements unter Schub 45°

Abb. 4.17 Identischer Spannungszustand nach Drehung des Koordinatensys-


tems um 45°

Hooke’sches Gesetz für den ESZ; Verzerrungen aus


Spannungen √
Diagonale von ihrer Ausgangslänge a 2 auf den Wert d.
1  Für kleine Verformungen beträgt die Dehnung in Diago-
εx = σx − νσy + αΔT, nalenrichtung
E
1 
 √ 
εy = σy − νσx + αΔT, √ √
E d−a 2 a 2 + aγxy sin 45◦ − a 2
ν  ε= √ = √
εz = − σx + σy + αΔT, a 2 a 2
E γxy τxy
τxy = = .
γxy = , γxz = 0 und γyz = 0. 2 2G
G
Der gleiche Spannungszustand wird in einem um 45°
gedrehten Koordinatensystem durch zwei Normalspan-
sowie das nungen beschrieben, deren Beträge beide τxy entsprechen
und von denen die eine in ξ-Richtung am gedrehten Flä-
Hooke’sches Gesetz für den ESZ; Spannungen aus Ver- chenelement zieht und die andere in η-Richtung auf das
zerrungen Flächenelement drückt (Abb. 4.17).

E   E
σx = ε x + νε y − αΔT, Frage 4.1
1 − ν2 1−ν
E   E Machen Sie sich am Mohr’schen Spannungskreis klar,
σy = ε y + νε x − αΔT, dass die beiden Spannungszustände tatsächlich identisch
1−ν 2 1−ν
sind.
und τxy = Gγxy .

Die Dehnung in ξ-Richtung beträgt hier

1
τxy
Zwischen E , G und ν besteht ein einfacher εξ = τxy − ν (−τxy ) = (1 + ν ) .
E E
mathematischer Zusammenhang
Wir setzen beide Dehnungen gleich und erhalten so den
Bei den drei Materialparametern E, G und ν handelt es gesuchten
sich nicht um voneinander unabhängige Größen. Betrach-
ten wir, um den Zusammenhang zwischen diesen drei
Größen herzuleiten, noch einmal ein durch Schub belaste- Zusammenhang zwischen E , G und ν
tes kleines Quadrat (in (Abb. 4.16) mit der Kantenlänge a).
E
Infolge der Schubbelastung gleitet das Material um den G= .
Winkel γxy , und die rechte obere Ecke verschiebt sich ho- 2 (1 + ν )
rizontal um den Betrag a · γxy . Dadurch verlängert sich die
98 4 Spannungen, Verzerrungen und Materialgesetz – wenn Werkstoffe versagen

Beispiel: Spannungen mit Dehnungsmessstreifen bestimmen


Technische Mechanik

Spannungen lassen sich an belasteten Bauteilen nicht Der DMS (b) ist um jeweils 45° zu den DMS a und
unmittelbar messen. Aber man kann an der Oberfläche c gedreht, sodass der zu ε b gehörende Punkt (b) des
eines Bauteils die Dehnungen messen und dann aus Mohr’schen Verzerrungskreises auf einem um 90°
den Dehnungen die Spannungen errechnen. zur Linie (a) − (c) verlaufenden Kreisdurchmesser
liegt.
Problemlösung und Strategie: Aus den gemessenen
Dehnungen ermitteln wir mithilfe des Mohr’schen Ver- Damit können wir den Mohr’schen Spannungskreis ei-
zerrungskreises die Hauptdehnungen, aus welchen ner DMS-Rosette wie folgt zeichnen:
wir dann mit dem Hooke’schen Gesetz für den ebenen
Spannungszustand die Hauptspannungen bestimmen. 1γ
2 (b)

Lösung Dehnungsmessstreifen (abgekürzt DMS) wer-


den eingesetzt, um Spannungen an der Oberfläche
von Bauteilen zu ermitteln. Ein DMS besteht aus ei- (c)
ner Trägerfolie mit einem mäanderförmig verlaufen-
εb εa
den dünnen Metalldraht, die zur Messung auf das ε
ε2 εc εM α ε1
Bauteil geklebt wird. Wenn sich das Bauteil unter Be-
lastung dehnt, ändern sich Länge und Querschnitt (a)
und mit ihnen der elektrische Widerstand des Drahtes.
Aus Letzterem kann man auf die Dehnung des Bau-
teils schließen. Aus den Dehnungen werden schließlich
mithilfe des Hooke’schen Gesetzes die Spannungen be-
rechnet.
Da die drei im Mohr’schen Verzerrungskreis gelb mar-
(c) kierten rechtwinkligen Dreiecke kongruent sind, ist
45° (b) γac
= εb − εM.
2

Ω
45° Damit haben wir die uns bislang für die gewohn-
te Konstruktion des Mohr’schen Verzerrungskreises
(a) fehlende Gleitung und können nun den Mohr’schen
Trägerfolie Draht Verzerrungskreis zeichnen, die Hauptdehnungen be-
stimmen und diese in Hauptspannungen umrechnen.
Übliche Bauformen von DMS sind einachsige DMS
(links), mit denen die Dehnung in eine bestimmte Rich- Beispiel An einem Bauteil aus Stahl (E = 205 GPa,
tung gemessen werden kann, sowie aus drei DMS ν = 0,3) werden mit einer DMS-Rosette die Dehnun-
bestehende Rosetten (rechts). Wir betrachten im Fol- gen ε a = 0,8424 · 10−3, ε b = 0,255 · 10−3 und ε c =
genden eine Rosette mit zwei 45° Winkeln zwischen 0,0976 · 10−3 gemessen.
den drei DMS. Die Ermittlung des Mohr’schen Ver-
zerrungskreises ist ein wenig verzwickt, weil mit einer Wie groß sind die Hauptspannungen, und in welche
DMS-Rosette nicht zwei Dehnungen und eine Glei- Richtung sind sie orientiert?
tung gemessen werden, wie es unserem Schema zu
den Mohr’schen Kreisen entspricht, sondern drei Deh- Zunächst beschaffen wir uns den Mittelpunkt des
nungen. Aber auch das geht. Entscheidend ist das Mohr’schen Kreises. Dieser liegt bei
Verständnis dafür, wie die drei Dehnungen im Verzer-
1
rungskreis zueinander liegen. εM = (ε a + ε c )
2
Die DMS (a) und (c), die am Bauteil rechtwinklig 1
zueinanderliegen, liegen sich im Mohr’schen Ver- = (0, 8424 · 10−3 + 0, 0976 · 10−3 )
2
zerrungskreis genau gegenüber. Der Mittelpunkt
des Verzerrungskreises liegt bei 1/2(ε a + ε c ). = 0, 47 · 10−3.
Antworten zu den Verständnisfragen 99

Die zum Zeichnen des Mohr’schen Verzerrungskreises Mit dem Hooke’schen Gesetz für den ESZ errechnen
fehlende Gleitung γac berechnen wir nun nach wir für die Hauptspannungen schließlich

Technische Mechanik
γac
= εb − εM E  
2 σ1 = ε 1 + νε 2
1 − ν2
= 0, 255 · 10−3 − 0, 47 · 10−3
205.000 MPa  −4 −5

= −0, 215 · 10−3 . = 9 · 10 + 0, 3 · 4 · 10
1 − 0, 32
Nun können wir den Mohr’schen Verzerrungskreis = 205 MPa und
zeichnen und aus diesem die Hauptdehnungen ε 1 = E  
0,9 und ε 2 = 0,04 ablesen. σ2 = ε 2 + νε 1
1 − ν2
205.000 MPa  −5 −4

1 γ in ‰ = 4 · 10 + 0, 3 · 9 · 10
2 1 − 0, 32
0,4 = 70 MPa
0,3
0,2 Im Mohr’schen Verzerrungskreis lesen wir zudem ab,
0,1 εc εb εM εa ε2
dass diese Hauptspannungen in einem Koordinaten-
0 ε in ‰ system auftreten, das um den Winkel α = 15◦ zu den
ε 1 0,2
–0,1 0,4 0,6 0,8 1 DMS (a) und (c) gedreht ist. 
–0,2
–0,3
–0,4

Weiterführende Literatur
Die weiterführende Literatur für alle Kapitel des Teils
Technische Mechanik befindet sich am Ende von Kap. 9.

Antworten zu den Verständnisfragen

Antwort 4.1 Der Mohr’sche Spannungskreis hat seinen Hauptspannungen und Hauptschubspannung sind daher
Mittelpunkt im Koordinatenursprung. Die Beträge von gleich groß.
100 4 Spannungen, Verzerrungen und Materialgesetz – wenn Werkstoffe versagen
Technische Mechanik

Aufgaben

Im Folgenden finden Sie Aufgaben zu dem im Kapitel besprochenen Thema. Wenn es sich um Rechenaufgaben
handelt, ist der Schwierigkeitsgrad angegeben (• leicht, •• mittel, ••• schwer), und eine Ergebniszeile zeigt das
zu erwartende Ergebnis.

Die Lösungen zu allen Aufgaben finden Sie auf der Internetseite des Buches (https://www.springer.com/de/book/
9783662558812).

4.1 • Zugproben duktiler Werkstoffe reißen im 4.3 • Am dargestellten, 4 mm starken, quadrati-


Zugversuch regelmäßig mit einer größtenteils um 45° zur schen Blech der Seitenlängen 100 mm wird mit gleich-
Kraftrichtung geneigten Bruchfläche. mäßig über die jeweiligen Stirnseiten verteilten Kräften
F1 = 32 kN gezogen und F2 = 12 kN gedrückt.
F F
F1 = 32 kN

45°
y
x y
F2 = 12 kN z F2 = 12 kN
x
Analysieren Sie die Spannungsverhältnisse in einer sol-
chen Zugprobe des Querschnitts 20 mm2 , die unter einer
Zugkraft von F = 8 kN gebrochen ist, in den folgenden
Schritten: F1 = 32 kN

1. Schneiden Sie ein Stück der Zugprobe frei und tra- 1. Welche Art von Spannungszustand liegt vor?
gen Sie die angreifenden Spannungen in einen x, y- 2. Wie lautet der Spannungstensor im x, y-Koordinaten-
Lageplan ein. system?
2. Wie lautet der Spannungstensor? 3. Tragen Sie die vorliegenden Spannungskomponen-
3. Zeichnen Sie den Mohr’schen Spannungskreis. ten in einen Lageplan ein und zeichnen Sie den
4. In welchem Winkel treten die Hauptschubspannun- Mohr’schen Spannungskreis.
gen τmax auf und wie groß sind sie? Zeichnen Sie für 4. Um welchen Winkel ist das Koordinatensystem zu
das 1∗ , 2∗ -Hauptschubspannungssystem einen entspre- drehen, damit die größtmöglichen Schubspannungen
chend gedrehten Lageplan und tragen Sie in diesen alle auftreten?
auftretenden Spannungen ein. 5. Wie lautet der Spannungstensor im 1∗ , 2∗ -Hauptschub-
5. Was ist aus werkstoffkundlicher Sicht der Grund für spannungssystem?
die um 45° geneigte Bruchfläche? 6. Tragen Sie Komponenten des in das Hauptschubspan-
nungssystem gedrehten Spannungstensors in einen
Resultat: Die Hauptschubspannungen betragen τmax = entsprechend gedrehten Lageplan ein.
200 MPa.
Resultat: σx = −30 MPa, σy = 80 MPa, τxy = 0 MPa.
4.2 • Auf der freien Oberfläche eines Bauteils herr-
Zwischen dem x, y-Koordinatensystem und dem Haupt-
schen die Spannungen σx = 60 MPa, σy = −45 MPa und
schubspannungssystem liegt ein Winkel von 45°.
τxy = 50 MPa.
σ1∗ = σ2∗ = 25 MPa, τmax = 55 MPa.
1. Tragen Sie die Spannungen in einen Lageplan ein.
2. Zeichnen Sie den Mohr’schen Spannungskreis. 4.4 • Im Kampf gegen die Langeweile sitzen Sie in
3. Wie groß sind die Hauptspannungen σ1 und σ2 sowie der letzten Reihe des Hörsaals und zerren an einem Blatt
die Hauptschubspannung τmax ? karierten Papiers. Dabei verformt sich das Blatt wie folgt:
4. Welcher Winkel liegt zwischen dem x, y-Koordinaten-
system und den Hauptachsensystem? Unverformter Zustand: quadratisches Karomuster mit
Linienabständen von jeweils 5 mm.
Resultat: σ1 = 80 MPa, σ2 = −65 MPa, Verformter Zustand: siehe folgende, nichtmaßstäbliche
τmax = 72,5 MPa, ϕ = 22◦ . Skizze:
Aufgaben 101

5. Welche Eigenschaft haben demnach Stoffe der Quer-


kontraktionszahl ν = 0,5?

Technische Mechanik
Hinweis: Rechnen Sie in Aufgabenteil 1 mit einer Erdbe-
schleunigung von 9,81 m
s2
und einer Dichte von 1,02 mt 3
γ = 4°
Resultat:

5,3 mm
y 1. σx = σy = σz = −110,4 MPa.
3. Stahl: ε x = ε y = ε z = −0,215 ‰.
x 4,8 mm Alu: ε x = ε y = ε z = −0,631 ‰.
PVC ε x = ε y = ε z = 0.
1. Wie lautet der Verzerrungstensor in der x, y-Ebene? 4. ΔVStahl = −0,081 cm3 , ΔVAlu = −0,237 cm3 , ΔVPVC =
2. Zeichnen Sie die vorliegenden Verzerrungen in einen 0 cm3 .
Lageplan ein.
3. Zeichnen Sie den Mohr’schen Verzerrungskreis. 4.8 •• Eine quadratische dünne Stahlstange der
4. Wie groß sind die Hauptdehnungen ε 1 und ε 2 ? Zeich- Länge l = 1 m (Materialdaten: E = 205 MPa, ν = 0,3, α =
nen Sie die im Hauptachsensystem herrschenden Deh- 10−5 K−1 ) wird zwischen zwei starren Betonwänden ein-
nungen in einen entsprechend gedehnten Lageplan ein. gemauert. Nach der Montage erwärmt sich die Stahlstan-
ge um ΔT = 40 K.
Resultat: ε x = −4 %, ε y = 6 %, ε xy = 3,5 %, ε 1 = 7,1 %,
ε 2 = −5,1 %.

4.5 • Leiten Sie eine für die meisten gängigen Kon- l=1m Querschnitt:
struktionswerkstoffe gültige, einfache Faustformel zur
Berechnung des Schubmoduls G allein aus dem Elastizi- y
tätsmodul E her.
x
Hinweis: In welchen Grenzen bewegt sich die Querkon-
traktionszahl ν?
1. Wie groß sind die Dehnung ε x sowie die Spannungen
Resultat: G = E
2,6 σy , σz und alle Schubspannungen im Stab? Begründen
Sie kurz Ihre Antwort.
2. Berechnen Sie mithilfe des Hooke’schen Gesetzes alle
4.6 • Welcher der beiden Verzerrungstensoren ist
anderen Komponenten von Spannungs- und Verzer-
„schlimmer“, V 1 oder V 2 ?
rungstensor.
 
0,2 0,3
V1 = %, Hinweis: Sehen Sie sich für den Aufgabenteil 2 die insge-
0,3 1 samt 12 Gleichungen des Hooke’schen Gesetzes (Span-
 
0,3 −0,4 nungen aus Verzerrungen und Verzerrungen aus Span-
V2 = %
−0,4 0,9 nungen) in Ruhe an und beginnen Sie mit derjenigen, die
die wenigsten Unbekannten enthält.
Resultat: Keiner, beide beziehen sich auf denselben Ver- Resultat:
zerrungszustand.
1. ε x = 0. Die y- und z-Flächen sind freie Oberflächen. Al-
le Spannungskomponenten mit den Indizes y oder z
4.7 • Drei gleich große Würfel der Kantenlänge a = verschwinden: σy = σz = τxy = τxz = τyz = 0.
5 cm, von denen der erste aus Stahl (E = 205 GPa, ν = 2. σx = −82 MPa, ε y = ε z = 0,52 ‰
0,3), der zweite aus Aluminium (E = 70 GPa, ν = 0,3) und
der dritte aus PVC (E = 0,5 GPa, ν = 0,5) besteht, fallen
im Marianengraben auf die mit 11.034 m tiefste Stelle des 4.9 •• An einem Bauteil aus Aluminium (E =
Meeresgrundes. 70 GPa, ν = 0,3) werden mit einer DMS-Rosette die Deh-
nungen ε a = 0,6 ‰, ε b = 0,45 ‰ und ε c = 0,1 ‰ gemes-
1. Wie groß ist dort der Wasserdruck p in N/mm2 ? sen. Zwischen den DMS-Streifen (a), (b) und (c) liegen
2. Wie lautet der Spannungstensor? jeweils Winkel von 45◦ gegen den Uhrzeigersinn.
3. Bestimmen Sie mithilfe des Hooke’schen Gesetzes den
Wie groß sind die Hauptspannungen und in welche Rich-
dazugehörigen Verzerrungstensor.
tung sind sie orientiert?
4. Welche Volumenänderung (in cm3 ) erfahren die drei
Würfel? Resultat: σ1 = 49,5 MPa und σ2 = 20,5 MPa.
Beanspruchungsarten – wie
5

Technische Mechanik
man Spannungen und
Verformungen berechnet
Wie berechnet man aus
Schnittgrößen Spannungen
und Verformungen?
Wozu dient dabei der
Mohr’sche
Spannungskreis?
Warum platzen
Brühwürstchen stets in
Längsrichtung auf?

5.1 Zentrischer Zug oder Druck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104


5.2 Biegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
5.3 Schub durch Querkraft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
5.4 Torsion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
5.5 Statisch überbestimmte Systeme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
5.6 Dünnwandige Behälter unter Innendruck . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
5.7 Überlagerte Beanspruchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
Antworten zu den Verständnisfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018 103


W. Skolaut (Hrsg.), Maschinenbau, https://doi.org/10.1007/978-3-662-55882-9_5
104 5 Beanspruchungsarten – wie man Spannungen und Verformungen berechnet

In diesem Kapitel behandeln wir nacheinander die vier Grundbean- F F


spruchungsarten eines Balkens – Zug/Druck, Biegung, Schub durch
Technische Mechanik

Querkraft und Torsion – sowie die Druckbelastung kreiszylindrischer


Behälter. Im Mittelpunkt werden jeweils die Fragen stehen, welche
Spannungen im Bauteil auftreten und wie es sich verformt. Danach σ (x )
wird es schließlich um Bauteile gehen, die einer überlagerten Bean- F N(x) F
spruchung der behandelten Grundbeanspruchungsarten ausgesetzt bzw.
sind.
x x

5.1 Zentrischer Zug oder Druck Abb. 5.1 In einem zugbelasteten Stab ist die Spannung an jeder Stelle des
Balkenquerschnitts gleich groß

Die einfachste der vier Grundbeanspruchungsarten ist


zentrische Zug- bzw. Druckbelastung. Die Spannungsver- Betrachten wir in einem Stab der Länge l zwei nah bei-
teilung eines derart belasteten Stabes kennen Sie bereits einanderliegende Querschnitte; der Querschnitt 1 befinde
aus Kap. 4; sie folgt der bekannten Regel Kraft pro Fläche. sich an einer beliebigen Stelle x, der Querschnitt 2 ein
Für die Dehnung gilt Ähnliches: sie folgt der gleichfalls klein wenig entfernt davon an der Stelle x + Δx. Unter
aus Kap. 4; bekannten Regel Längenänderung pro Aus- Zugbelastung verschieben sich der Querschnitt 1 um die
gangslänge. Strecke u(x) und der Querschnitt 2 um die ein klein wenig
größere Strecke u(x) + Δu nach rechts. Die Verschiebung
des Stabendes, u(l), ist die Stabverlängerung Δl (Abb. 5.2).
Die Spannungen folgen der Merkregel Die Dehnung an der Stelle x, (x), entspricht definiti-
onsgemäß der Änderung des Abstands zwischen den
„Kraft durch Fläche“ Querschnitten 1 und 2 bezogen auf ihren Ausgangsab-
stand,
Schneiden wir an einer beliebigen Stelle quer durch einen
zentrisch zug- bzw. druckbelasteten Stab, so erhalten wir Δu
 (x ) = .
ein Freikörperbild mit der im Schnittufer auftretenden Δx
Normalkraft N (x) oder aber – anstelle der Normalkraft – Wir formen nach Δu um und ersetzen (x) zunächst mit
mit der auf der Querschnittsfläche A wirkenden Spannung dem Hooke’schen Gesetz durch die Spannung σ(x) und
σ (x) (Abb. 5.1). Hierbei ist, sofern der Freischnitt nicht zu diese ihrerseits durch die Normalkraft N (x). So erhalten
nah an Kraftangriffspunkten, Festhaltungen oder Kerbstel- wir
len durchgeführt wurde, die Spannung σ an jeder Stelle des
σ (x ) N (x )
Balkenquerschnitts gleich groß. Wir erhalten somit für die Δu = (x) · Δx = · Δx = Δx.
E E A(x )

Spannung in einem zug- oder druckbelasteten Stab Mit diesem Zusammenhang kennen wir die Verlänge-
rung eines kleines Abschnitts der Länge Δx. Die gesamte
N (x ) Verlängerung des Stabes, Δl, entspricht der Summe aller
σ (x ) = . einzelnen Verlängerungen,
A(x )
N (x )
Δl = ∑ Δu = ∑ E A(x) Δx.

1 2
Die Verformung eines Zugstabes hängt ab von
Belastung, Geometrie und E-Modul

Ein zugbelasteter Stab wird länger, druckbelastete Stäbe x x + ∆x


werden gestaucht. Der Betrag dieser Verformungen ist für u(x) u(x) + ∆u u( l ) = ∆ l
viele Anwendungen wichtig, z. B. für Fahrradspeichen,
Gebäudestützen oder Schrauben. Aber auch bei Bungee- F
Seilen, die, da in ihnen ebenfalls nur Zugkräfte herrschen,
aus mechanischer Sicht ebenfalls wie ein Zugstab behan-
delt werden können, ist die Verformung das entscheiden- 1 2
de Auslegungskriterium, soll der Springer doch tunlichst
vor Erreichen des Bodens sicher abgebremst werden. Abb. 5.2 Zur Verformungsberechnung in einem Zugstab
5.1 Zentrischer Zug oder Druck 105

Im Grenzübergang von endlich großen Δx zu infinitesi- a b


mal kleinen Abschnitten dx erhalten wir schließlich für

Technische Mechanik
die 20 m – z G = γ A(l – z)

Verlängerung eines Zug- oder Druckstabes l = 20 m


N(z)
z
l
N (x )
Δl = dx.
E A(x )
0
Abb. 5.3 Betonsäule unter Eigengewicht (a) und Freikörperbild zur Ermittlung
des Normalkraftverlaufs (b)
Mit dieser Gleichung können wir die Verlängerung ei-
nes Zug- bzw. Druckstabes der Länge l berechnen, in
Schritt 1 zunächst die Lagerreaktionen zu berechnen,
dem die Querschnittsfläche A(x) und der Normalkraft-
damit mit diesen in
verlauf N (x) entlang des Stabes veränderlich sind. In sehr
Schritt 2 der Schnittgrößenverlauf N (x) berechnet wer-
vielen Fällen weist der betrachtete Stab aber einen kon-
den kann, aus dem schließlich in
stanten Querschnitt A und einen ebenfalls konstanten
Schritt 3 der Spannungsverlauf σ (x) bzw. die Stabver-
Normalkraftverlauf N auf. Dann ist der gesamte Inte-
formung Δl berechnet werden kann.
grand konstant, kann vor das Integral gezogen werden,
und es ergibt sich für die
Beispiel Eine senkrechte, l = 20 m hohe Betonsäule
(Querschnitt A = 100.000 mm2 , Elastizitätsmodul E =
Verlängerung eines Zug- oder Druckstabes bei konstan- 30 GPa, spezifisches Gewicht γ = 27.000 mN3 ) wird durch
ten N, E und A
ihr Eigengewicht belastet. Wie groß sind die Spannungen
in der Säule und die Stauchung Δl der Säule (Abb. 5.3)?
Nl
Δl = . Zunächst zum Normalkraftverlauf: Wir schneiden an ei-
EA ner beliebigen Stelle z im Träger frei und erhalten

N (z) = −γA(l − z).


Mit dieser Gleichung ersparen wir uns die Integration. Sie
lässt sich allerdings nur dann anwenden, wenn N (x), A(x) Hieraus berechnen wir den Spannungsverlauf
und E(x) konstant sind.
N (z)
Frage 5.1 σ (z) = = − γ (l − z).
A
Weswegen kann die vereinfachte Gleichung zur Berech-
nung der Verlängerung eines Zug- oder Druckstabes nur Die maximale Spannung tritt im Fußpunkt der Säule auf
angewendet werden, wenn das Eigengewicht des Stabes und beträgt
vernachlässigbar ist?
N
σ (z)max = −γl = −27.000 · 20 m = −0,54 MPa.
m3
Achtung Rechnen Sie nicht vorschnell los, wenn die
Verlängerung Δl eines Zug- oder Druckstabes zu bestim- Zur Berechnung der Stauchung müssen wir, da die Nor-
malkraft veränderlich ist, entlang der Säule integrieren.
men ist. Überprüfen Sie zuerst, ob Normalkraft, Quer-
Wir erhalten
schnittsfläche und Elastizitätsmodul des Stabes verän-
derlich oder konstant sind. Sind alle drei Größen (ab- l
schnittweise) konstant, können Sie Δl ohne Integration N (z)
Δl = dz
bestimmen.  E A(z)
0
Aus den Gleichungen zur Berechnung von σ (x) und Δl l
lässt sich gut erkennen, welchem roten Faden sowohl 1 −γ l2
=− γ(l − z)dz = = −0,18 mm
Spannungs- als auch Verformungsberechnung im All- E 2E
0
gemeinen folgen. In die Gleichungen geht jeweils ein 
Schnittgrößenverlauf – in diesem Kapitel N (x) – ein. Des-
wegen sind – und dieser rote Faden gilt sinngemäß auch
für die Spannungs- und Verformungsberechnung bei Bie- Beispiel Der Stab in Abb. 5.4 (Abmessungen Bereich 1:
gung, Schub und Torsion – in D1 = 40 mm und l1 = 0,6 m, Bereich 2: D2 = 25 mm und
106 5 Beanspruchungsarten – wie man Spannungen und Verformungen berechnet

Leitbeispiel Antriebsstrang
Technische Mechanik

Kräfte in einer Schraubenverbindung:


. . . die wundersame Kraftverminderung

Wie groß ist in einer Schraubenverbindung die durch a b c


Nur Vorspannung Unter Betriebskraft
eine Betriebskraft FA hervorgerufene Schraubenkraft FA
FSA ? Intuitiv wird man antworten, dass diese selbst- σ σ
verständlich der äußeren Belastung geteilt durch die
Anzahl der Schrauben entspreche. Doch die tatsäch-
liche Schraubenkraft ist meist viel kleiner. So haben
z. B. die hier skizzierten zwei Schrauben einer Pleu-
elverschraubung einen deutlich geringeren Anteil als FA
die Hälfte der Betriebskraft zu tragen (siehe auch Ab-
schn. 26.2).
F FA steht mit beiden Spannungsänderungen im Gleich-
gewicht, es gilt FA = FSA + FPA , wobei FSA und FPA
die Schraube und verspannten Platten getragene An-
teile der Betriebslast sind. Wie groß sind FSA und FPA ?
Nun, die Verlängerungen von Schrauben und Platten
sind stets gleich groß, ΔlS = ΔlP . Hieraus folgt

FSA lK F l
= PA K .
F
ES AS EP AP

Hierin sind lK die Klemmlänge der Schraubenverbin-


dung, ES und EP die Elastizitätsmoduln und AS und
Der Grund hierfür ist letztlich, dass die verspannten AP die (wirksamen) Querschnittsflächen von jeweils
Platten (hier Pleuelfuß und Pleuellagerdeckel) durch Schraube und Platten. Mit FPA = FA − FSA lässt sich
das Anziehen der Schrauben erst kräftig gegeneinan- FPA eliminieren und wir erhalten
der gepresst werden. Die Betriebskraft FA erhöht dann
nicht nur die Schraubenkraft FSA , sie verringert auch  1 1  F
die Flächenpressung der verspannten Platten. Und was FSA + = A .
sich an Flächenpressung verringert, braucht nicht von ES AS EP AP EP AP
der Schraube getragen zu werden.
Schauen wir uns hierzu die entsprechenden Freikör- Die folgenden Gleichungen werden übersichtlicher,
perbilder an. Wird die Schraube angezogen, so steht wenn wir δS = 1/ES AS und δP = 1/EP AP als die Nach-
diese unter Zug und die gegeneinander gepressten giebigkeiten von Schraube und Platten einführen. Wir
Platten unter Druck (b). Da noch keine äußere Kraft erhalten
wirkt, ist die Zugkraft in der Schraube (die Vorspann-
kraft FV ) genauso groß wie die Druckkraft in den δP δS
FSA = FA und FPA = FA .
Platten (Die Spannungen sind natürlich unterschiedlich δS + δP δS + δP
groß, da sich die Querschnittsflächen unterscheiden.).
Greift nun die Betriebskraft FA an, so steigen die Zug- Die Kräfteverhältnisse in einer Schraubenverbindung
spannungen in der Schraube, und die Druckspannun- lassen sich im sogenannten Verspannungsdreieck sehr
gen in den verspannten Platten sinken (c). schön grafisch darstellen.
5.2 Biegung 107

F
Platten
Schraube 1/δS lK und die Stauchung der Platte einer Geraden der
negativen Steigung −1/δP lK .

Technische Mechanik
FSA
FV
Da ohne äußere Last die Beträge von Schrauben- und
FA Plattenkraft gleich groß sind, kreuzen sich beide Ge-
FPA
raden in eben dieser Kraft, der Vorspannkraft FV . Auf
der Abszisse können wir nun die beim Anziehen der
Schraube verursachte Verlängerung ΔlS der Schraube
und die Stauchung ΔlP der Platten ablesen.
∆lS ∆lP ∆l Nach obigen Gleichungen entspricht der Quotient von
Schraubenkraft zu Plattenkraft, FSA /FSA , dem Quoti-
enten der Steigung der Schraubengeraden durch die
Beim Zeichnen des Verspannungsdreiecks beginnen Steigung der Plattengeraden. Wir erhalten FSA und FPA
wir mit dem Anziehen der Schraube. Beim Anziehen somit, indem wir den Kraftpfeil der Betriebskraft FA
verlängert sich die Schraube, während die Platte sich zunächst zwischen die Schrauben- und die Plattenge-
um den gleichen Betrag verkürzt. Nach obigen Glei- rade einpassen und ihn dann durch eine horizontale
chungen entspricht die Schraubenverlängerung einer Linie auf Höhe von FV in den Schraubenanteil FSA und
Geraden der positiven Steigung ΔF/Δl = ES AS /lK = den Plattenanteil FPA aufteilen.

F1 M M
Druck
25
40

x
F2 = 20 kN neutrale Faser

F1 = 45 kN
z Zug
0,6 m 0,2 m
Abb. 5.5 In Biegebalken liegen sich Zug- und Druckfaser gegenüber. Dazwi-
Abb. 5.4 Ein Zug-/Druckstab unter Belastung durch zwei zentrische Kräfte schen liegt die neutrale Faser

l2 = 0,2 m, Elastizitätsmodul E = 100 GPa) wird durch die


5.2 Biegung
beiden Kräfte F1 = −45 kN und F2 = 20 kN belastet. Wie
groß sind die Spannungen im Stab und die Stabverlänge- Unter Biegebeanspruchung biegt sich ein Balken durch,
rung Δl? und es entstehen Spannungen in Balkenrichtung. Betrach-
ten wir exemplarisch den skizzierten Balken: An seiner
Für den Normalkraftverlauf erhalten wir im Bereich 1 Oberkante herrschen Druckspannungen, da sich hier die
NI = −25kN und im Bereich 2 NII = 20kN. Die Spannun- Fasern des Balkens verkürzen, und an seiner Unterkante
gen ergeben sich hieraus zu σI = −19,9 MPa und σII = verlängern sich die Fasern des Balkens, sodass dort Zug-
40,7 MPa. spannungen herrschen. Irgendwo dazwischen gibt es eine
Faser, die ihre Länge nicht ändert. Man bezeichnet sie als
Die Berechnung der Stauchung können wir, da die geo- neutrale Faser. Diese ist, weil ohne Dehnung, spannungs-
metrischen Abmessungen, der Elastizitätsmodul und die frei (Abb. 5.5).
Normalkraft abschnittsweise konstant sind, mit der ver- Wir werden uns in diesem Abschnitt näher mit den
einfachten Gleichung ohne Integration ermitteln. Wir er- Gesetzmäßigkeiten von Biegespannungen und Durchbie-
halten gung befassen. Dabei gehen wir von der Bernoulli’schen
Annahme aus, dass die Querschnittsflächen eines biege-
NI l1 N l beanspruchten Trägers eben bleiben und senkrecht zur
Δl = + II 2 neutralen Faser stehen. Es ist üblich, für die Berechnung
E A1 E A2
von Biegeträgern ein Koordinatensystem mit in Balken-
= −0,12 mm + 0,08 mm = −0,04 mm. richtung weisender x-Achse, nach unten weisender z-
Achse und aus der Zeichenebene nach vorne weisender
 y-Achse zu verwenden.
108 5 Beanspruchungsarten – wie man Spannungen und Verformungen berechnet

a b woraus, da die Steigung m der Spannungsverteilung un-


M M
gleich null ist,
Technische Mechanik


x z dA = 0
(A)
z
folgt. Dieses Integral ist uns bereits bei der Bestimmung
des Flächenschwerpunktes begegnet. Ist es wie hier gleich
Abb. 5.6 Zur Herleitung der Spannungsverteilung
null, bedeutet das – siehe Abschn. 2.5 – dass die z-
Koordinate des Flächenschwerpunktes gleich null ist. Da
M wir den Koordinatenursprung in die neutrale Faser gelegt
haben, gilt somit für die
σ

Lage der neutralen Faser


Die neutrale Faser der Biegung liegt im Schwer-
z punkt des Balkenquerschnitts.
Abb. 5.7 In Biegebalken herrscht ein linearer Spannungsverlauf

Damit zur Bestimmung der maximalen Spannung: Das


Momentengleichgewicht lautet
Bei gerader Biegung gibt es im Balken 
eine Zugfaser, eine Druckfaser  ∑ M(SU)
i = M− σ (z) · z dA = 0
und eine neutrale Faser (A)
 
σmax
⇒M= m z2 dA = z2 dA.
Wie sieht nun die Spannungsverteilung im Balkenquer- |z|max
(A) (A)
schnitt aus? Betrachten wir hierzu zwei nahe beieinander-
liegende Querschnitte eines Biegebalkens (Abb. 5.6).
Hierin bezeichnet man das Flächenintegral von z2 als
Im unbelasteten Zustand (a) verlaufen die beiden Quer- axiales Flächenträgheitsmoment Iy . Eine andere, ebenfalls
schnitte parallel zueinander. Unter Biegebeanspruchung sehr gebräuchliche Bezeichnung für Iy ist „Flächenmo-
(b) werden die Querschnitte an der Druckseite zueinan- ment zweiten Grades“. Für das axiale Flächenträgheits-
der hingedrückt, während sie an der Zugseite vonein- moment bei Biegung um die z-Achse, Iz , gilt nach analo-
ander weggezogen werden. Da jeder Querschnitt gerade ger Herleitung ein ähnlicher Zusammenhang.
bleibt, ändert sich der Abstand der Querschnitte linear
mit der Balkenhöhe z. Wenn wir den Koordinatenur-
sprung in die spannungsfreie neutrale Faser legen, liegt Definition der Flächenträgheitsmomente
eine Spannungsverteilung der Form  
σ (z) = m · z Iy = z2 dA, Iz = y2 dA.
(A) (A)
vor. Hierin ist m = σmax /|z|max die Steigung der linearen
Spannungsverteilung, wobei σmax die maximale Biege-
spannung im Balkenquerschnitt und |z|max der Randfa- Flächenträgheitsmomente haben Einheiten von Länge
serabstand (der Abstand zwischen der neutralen Faser hoch 4, üblicherweise mm4 oder cm4 . Für einfache Quer-
und der ihr am weitesten entfernten Faser) sind. Um obi- schnittsgeometrien (Rechteck, Kreis) gibt es handliche
ge Gleichung sinnvoll anzuwenden, müssen wir erstens Formeln zu ihrer Berechnung (siehe folgender Abschnitt);
wissen, wo die neutrale Faser liegt und zweitens wie groß bei komplizierteren Geometrien helfen Tabellenbücher
die maximale Biegespannung σmax ist. oder der Satz von Steiner weiter.
Schneiden wir hierzu einen Biegebalken frei und tragen Mit den bisher hergeleiteten Gleichungen erhalten wir die
wir im Schnittufer die auftretenden Biegespannungen ein Spannungsverteilung an einer beliebigen Stelle des Bal-
(Abb. 5.7). kenquerschnitts als
Das Kräftegleichgewicht in x-Richtung ergibt
M(x )
  σ (z) = z
→ ∑ Fix = σ (z) dA = m z dA = 0, Iy
(A) (A) und daraus weiter die
5.2 Biegung 109

Randfaserspannung bei Biegung

Technische Mechanik
M(x)|z|max
σmax = . y +y –y
Iy

Es ist üblich, die maximale Biegespannung über das soge-


nannte Widerstandsmoment W auszudrücken. Dieses ist z
definiert als
Abb. 5.9 Das Deviationsmoment Iyz eines zur y - oder z -Achse symmetrischen
Iy Querschnitts verschwindet
W= ,
|z|max
sodass sich die Gleichung zur Berechnung der Randfaser-
spannung zu Biegemoment My die Waage. So wie wir die Beanspru-
chung des Balkens eingangs angesetzt hatten, soll im
M(x ) Balken ja auch ausschließlich ein um die y-Achse drehen-
σmax = .
W des Moment wirken. Aber die Biegespannungen könnten
vereinfacht. durchaus auch ein Moment um die z-Achse hervorrufen.
Dies ist nur dann nicht der Fall, wenn

Frage 5.2
Weswegen sind Fachwerkträger, beispielsweise der Aus- Mz = σ · y dA = 0
leger eines Baukrans, biegesteif und leicht (Abb. 5.8)? (A)

ist. Wir setzen in σ die Biegespannungsverteilung ein und


erhalten:

Mz
− yz dA = 0.
Iy
(A)

Das Flächenintegral in dieser Gleichung wird als Deviati-


onsmoment Iyz bezeichnet. Es ist definiert als:

Iyz = − yz dA.
(A)

Achtung Die hergeleiteten Formeln für die Biegespan-


nungsverteilung und die Randfaserspannung gelten nur
für Querschnitte, die die Bedingung Iyz = 0 erfüllen! Man
spricht in diesen Fällen auch von „gerader Biegung“. 
Ob gerade Biegung vorliegt, ist eine Frage der Ausrich-
tung des Balkenquerschnitts. Man kann sich schnell klar-
machen, dass Iyz aufgrund seiner Definition stets dann
verschwindet, wenn der Balkenquerschnitt entweder zur
y-Achse oder zur z-Achse symmetrisch ist. In diesen Fäl-
len findet sich (am Beispiel der Symmetrie zur z-Achse)
nämlich zu jedem Flächenelement dA mit negativer y-
Koordinate ein Element mit einer gleich großen positiven
y-Koordinate (Abb. 5.9).
Aber auch in unsymmetrischen Querschnitten kann Iyz
Abb. 5.8 Baukran in Fachwerkbauweise verschwinden, und zwar genau dann, wenn die Quer-
schnittsfläche entlang ihrer Hauptträgheitsachsen orien-
tiert ist. Wir werden hierauf später bei der Behandlung
Nun hält die eben hergeleitete Spannungsverteilung dem der Tensoreigenschaften der Flächenträgheitsmomente
in der Zeichenebene, also um die y-Achse drehenden noch zurückkommen.
110 5 Beanspruchungsarten – wie man Spannungen und Verformungen berechnet
Technische Mechanik

y h dr
r
dA
y


φ
z
R rdφ
b

Abb. 5.10 Zur Berechnung des axialen Flächenträgheitsmomentes eines


Rechteckquerschnitts z

Abb. 5.11 Zur Berechnung des axialen Flächenträgheitsmoments eines Kreis-


Das Flächenträgheitsmoment gibt an, querschnitts
wie steif ein Träger aufgrund seiner
Querschnittsfläche ist
Es ergibt sich
Die Berechnung des Flächenträgheitsmomentes erfordert  R  2π 
wie schon in Abschn. 2.5 (Schwerpunkt) die Integrati- Iy = z2 dA = (r sin ϕ)2 dϕ dr
on über die Querschnittsfläche. Und wieder besteht die
(A) r= 0 ϕ = 0
Kunst darin, das kleine Flächenelement dA lückenlos den
Querschnitt bestreichen zu lassen und dabei den Inte- R 1
2π R
π 4
granden, hier die Funktion z2 , aufzusummieren. Dazu = r3 ( ϕ − sin ϕ cos ϕ) dr = r3 πdr = R .
zwei Beispiele: 2 0 4
r= 0 r= 0

Beispiel Axiales Flächenträgheitsmomentes eines Recht-
eckquerschnitts: Betrachten wir ein Rechteck der Breite b Frage 5.3
und der Höhe h. Das Flächenelement dA lassen wir der- Demonstrieren Sie an einem einfachen Beispiel, dass in
art das Rechteck bestreichen, dass es zunächst zeilenwei- die Höhe h eines Rechteckquerschnitts mit höherer Potenz
se entlang der y-Achse vom linken bis zum rechten Rand in das axiale Flächenträgheitsmoment eingeht als die Brei-
des Rechtecks wandert (inneres Integral), um anschlie- te b.
ßend entlang der z-Achse alle Zeilen vom unteren bis zum
oberen Rand aufsummieren (äußeres Integral, Abb. 5.10). In der Tab. 5.1 sind diese und einige weitere wichtige
Wir erhalten Flächenträgheits- und Widerstandsmomente aufgeführt.

h b
Beachten Sie, dass die in dieser Tabelle aufgeführten Glei-
 2  2  chungen für Iy und W nur gelten, wenn die y-Achse (die
Iy = z2 dA = z2 dy dz neutrale Faser) im Schwerpunkt des Trägerquerschnitts
(A)
liegt. Verschiebt oder rotiert man das Koordinatensystem,
z=− 2h y=− 2b
so ändert sich das Flächenträgheitsmoment. Die entspre-
h
2 chenden Gesetzmäßigkeiten werden wir im Folgenden
b h3 behandeln.
= b z2 dz =
12
z=− 2h

Mit dem Satz von Steiner berechnet man
Beispiel Axiales Flächenträgheitsmoment für einen zusammengesetzte Querschnitte
Kreisquerschnitt: Wir integrieren in Polarkoordinaten, in-
dem wir dA zunächst entlang eines Rings von ϕ = 0 Komplizierte Trägerquerschnitte kann man sich oft als aus
bis 2π wandern lassen und dann alle Kreisringe von mehreren geometrisch einfachen Querschnitten zusam-
ganz innen (r = 0) bis ganz außen (r = R) aufintegrieren mengesetzt vorstellen. So besteht z. B. der Querschnitt des
(Abb. 5.11). Doppel-T-Trägers in Abb. 5.12 aus drei Rechteckprofilen.
5.2 Biegung 111

Tab. 5.1 Übersicht über einige Rechteck: Kreis: Kreisring: sehr dünner Kreisring: gleichschenkliges Dreieck:
wichtige Flächenträgheits- und

Technische Mechanik
Widerstandsmomente R Rm
h Ra h
Ri t

b b
 
b h3 π 4 π b h3
Iy = 12 Iy = 4R Iy = 4 R4a − R4i Iy ≈ πR3m t Iy = 36
 
R4a −R4i
b h2 π 3 π b h2
W= 6 W= 4R W= 4 Ra W ≈ πR2m t W= 24

Gerade so, wie sich die Flächeninhalte der drei Teil- Wir gehen von der Definition des axialen Flächenträg-
querschnitte zum Flächeninhalt des Gesamtquerschnitts heitsmoments,
ergänzen, addieren sich auch die Flächenträgheitsmo- 
mente der Teilquerschnitte zum Flächenträgheitsmoment Iy = z2 dA,
des Gesamtquerschnitts. Es gilt also (A)

aus. z lässt sich durch


Iy,ges = ∑ Iyi .
i z = z + zs

Also einfach für jeden Teilquerschnitt bh3 /12 einsetzen ersetzen, und wir erhalten
und aufsummieren? Leider nicht, denn die Gleichung 
Iy = bh3 /12 gilt nur, wenn der Schwerpunkt der betrach- Iy = (z + zs )2 dA
teten Fläche in der neutralen Faser liegt. Dies ist aber beim (A)
oberen und unteren Teilquerschnitt des Doppel-T-Trägers   
erkennbar nicht der Fall. Bevor wir die Flächenträgheits- = z2 dA + 2zs zdA + zs 2 dA.
momente der Teilquerschnitte zum Flächenträgheitsmo- (A) (A) (A)
ment des Gesamtquerschnitts aufsummieren, müssen wir
also klären, wie groß das Flächenträgheitsmoment bezüg- Die drei Integrale auf der rechten Seite der Gleichung las-
lich einer parallel verschobenen, nicht durch den Flächen- sen sich wie folgt ersetzen:
schwerpunkt verlaufenden Achse ist.
z2 dA = Iy , denn so ist Iy definiert.
(A)
Betrachten wir hierfür eine beliebige Querschnittsfläche
des Flächeninhalts A. Ein y, z-Koordinatensystem liege im zdA = 0, denn dieses Integral verschwindet für
Flächenschwerpunkt, und das Flächenträgheitsmoment (A)
Iy bezüglich dieses Koordinatensystems sei bekannt. Für im Schwerpunkt liegende Koordinatensysteme, und
ein um die Strecken ys und zs parallel verschobenes Koor- schließlich

dinatensystem ist das Flächenträgheitsmoment Iy gesucht dA = A.
(Abb. 5.13). (A)

ys
y

y S
zs
z
y
dA

z z
Abb. 5.12 Einen Doppel-T-Träger kann man als aus drei Rechteckprofilen zu-
sammengesetzt ansehen Abb. 5.13 Zur Herleitung des Satzes von Steiner
112 5 Beanspruchungsarten – wie man Spannungen und Verformungen berechnet

Beispiel: Leichtbaueignung von Werkstoffen


Technische Mechanik

Unter den unzähligen Eigenschaften, durch die sich hierfür relevanten Werkstoffparameter sind die Dichte
Werkstoffe charakterisieren lassen, gewinnt die Leicht- ρ und die zulässige Spannung σzul des Werkstoffs.
baueignung aus wirtschaftlichen und ökologischen Die Gleichung für die zu verbauende Masse lautet
Gründen zunehmend an Bedeutung. So sparen leichte-
re Fahrzeuge Kraftstoff, bieten mehr Reserven für eine m = ρ · V = ρlbh.
größere Nutzlast und schonen die Umwelt. Wie aber Die maximale Spannung tritt an der Einspannstelle auf
ermittelt man die Leichtbaueignung eines Werkstoffs? und beträgt
1
Mmax q0 l2 3q l2
Problemanalyse und Strategie: Für die zu untersuchen- σmax = = 21 2 = 0 2 .
W 6b h
bh
de Struktur berechnen wir diejenige Masse, die ver-
baut werden muss, damit es gerade eben zu keiner Bei voller Ausnutzung der Tragfähigkeit erreicht σmax
Überschreitung der zulässigen Spannung bzw. Verfor- gerade die zulässige Spannung σzul , sodass
mung kommt. Anschließend bilden wir aus dem Kehr- 3q0 l2
wert dieser Masse eine Leichbaukennzahl. Je höher σzul =
b h2
die Leichtbaukennzahl, desto besser die Leichtbaueig- gilt. Mit den Gleichungen für m und σzul stehen uns die
nung des Werkstoffs (siehe auch Abschn. 14.4, 15.3 erforderlichen zwei Gleichungen zur Bestimmung der
und 15.11). beiden Unbekannten m und h zur Verfügung. Wir lösen
die Gleichung für σzul nach h auf, setzen sie in die Glei-
Lösung: Wie also ermittelt man die Leichtbaueignung chung für m ein und erhalten für die zu verbauende
eines Werkstoffs? Auf den ersten Blick ist dies eine rein Masse
werkstoffkundliche Fragestellung. Soll man doch aus 
3q0 b
den einschlägigen Datenblättern Festigkeit und Dich- m = ρl 2
.
te eines Werkstoffs entnehmen. Je größer der Quotient σzul
aus Festigkeit und Dichte, desto besser wird die Leicht- Zur Beschreibung der Leichtbaueignung ist die Ein-
baueignung sein. führung einer Leichtbaukennzahl M üblich (aus dem
Aber ganz so einfach ist es nicht. Wie wir sehen wer- Englischen von material index). Hierzu wird zunächst
den, führt an einer genaueren Betrachtung der Mecha- der Kehrwert der zu verbauenden Masse gebildet – je
nik kein Weg vorbei. Und da im Leichtbau vor allem besser die Leichtbaueignung, desto größer ist dann die
sehr dünne und schlanke Strukturen eingesetzt wer- Leichtbaukennzahl – und daraus alles gestrichen, was
den, welche empfindlich auf Biegung reagieren, haben keine Werkstoffeigenschaft ist, im vorliegenden Fall al-
wir es sehr oft mit einer Fragestellung der Balken- so alles außer der Dichte und der zulässigen Spannung.
biegung zu tun. Am besten, wir betrachten gleich ein Wir erhalten √
konkretes Beispiel. σzul
M=
ρ
Ein Kragträger der gegebenen Länge l hat eine gleich-
falls gegebene Streckenlast q0 zu tragen, ohne dass als Leichtbaukennzahl für den betrachteten Kragträger.
dabei die zulässige Spannung σzul des Trägerwerk- Und das ist ein durchaus anderer Zusammenhang als
stoffs überschritten wird. Der Trägerquerschnitt sei der „intuitive“ Quotient σzul /ρ.
rechteckig, wobei die Breite b fest vorgegeben und die Wie wenden wir Leichtbaukennzahlen an? Für die in-
Höhe h variabel seien. Variabel bedeutet, dass sie an frage kommenden Werkstoffe suchen wir die zulässige
die zulässige Spannung des Werkstoffs anzupassen ist: Spannung σzul und die Dichte ρ heraus und bilden
je mehr der Werkstoff aushält, desto kleiner darf die daraus M. Der Werkstoff mit der größten Leichtbau-
Trägerhöhe ausfallen. kennzahl M ist der für den Leichtbau dieses Trägers
geeignetste.
Querschnitt:
Abschließende Bemerkung: Die Leichtbaueignung vom
q0
Werkstoffen ist eine kompliziertere Angelegenheit, als
h (variabel) es auf den ersten Blick erscheinen mag, denn sie hängt
sehr genau von den geometrischen Vorgaben ab. Än-
dert man die Geometrie nur ein klein wenig, indem
l b (fest) man z. B. einen quadratischen Balkenquerschnitt vor-
gibt, so ergibt sich ein anderes Ergebnis für M. Und
Für einen beliebigen Werkstoff rechnen wir nun dieje- natürlich sind auch Kriterien wie mögliche Gestal-
nige Masse aus, die zu verbauen ist, damit der Träger tungsprinzipien, Bauweisen und Fertigungsverfahren
die vorgegebene Belastung gerade eben aushält. Die von großer Wichtigkeit.
5.2 Biegung 113

Das Teilprofil 2 weist, da lokaler und globaler Schwer-

10
punkt übereinstimmen, keinen Steineranteil auf. Wir

Technische Mechanik
summieren alles auf und erhalten

Iy,ges = 2(4,1 · 103 mm4 + 450 · 103 mm4 )

50
+ 104 · 103 mm4
= 1,01 · 106 mm4 .

10
Das ist rund neunmal so viel wie die Summe der
10 drei Flächenträgheitsmomente um ihre jeweiligen lokalen
Schwerpunkte. Ein Doppel-T-Träger besitzt also, wenn er
50 um seine y-Achse gebogen wird, eine besonders biegestei-
fe Geometrie. 
Abb. 5.14 Doppel-T-Träger
Frage 5.4
Erklären Sie anschaulich – ohne Rechnung – warum
Der gesuchte Zusammenhang wird als Satz von Steiner Doppel-T-Träger so biegesteif sind.
(nach Jakob Steiner, 1796–1863) bezeichnet. Er lautet:

Satz von Steiner Achtung Aufgaben zur Steiner’schen Ergänzung sind


meist gar nicht so schwer, man darf nur nicht mit den vie-
len Abmessungen durcheinander kommen. Ein saubere
Iy = Iy + zs 2 A Skizze mit übersichtlich eingetragenen Bemaßungen hilft
hier sehr, Fehler zu vermeiden. 
und für Iz und Iyz entsprechend

Iz = Iz + ys 2 A, Iyz = Iyz − ys zs A.
Die Drehung des Koordinatensystems folgt den
Beachten Sie, dass die Steineranteile zs 2 A und ys 2 A der
Regeln des Mohr’schen Kreises
axialen Flächenträgheitsmomente immer positiv sind. Es
ist daher stets so, dass die axialen Flächenträgheitsmo- Der Satz von Steiner beschreibt, wie sich Flächenträg-
mente für durch den Schwerpunkt verlaufende Achsen heitsmomente bei einer Parallelverschiebung des Koor-
am kleinsten sind. dinatensystems ändern. Im Folgenden geht es nun um
eine Drehung des Koordinatensystems. Hierzu betrach-
Beispiel Zu berechnen ist das axiale Flächenträgheits- ten wir ein ungedrehtes, im Schwerpunkt des betrachte-
moment des Querschnitts in Abb. 5.14. ten Trägerquerschnitts liegendes x, y-Koordinatensystem,
dessen Flächenträgheitsmomente Iy , Iz und Iyz bekannt
Zunächst teilen wir den Flächenquerschnitt in drei Teil- sind. Gesucht sind die Flächenträgheitsmomente Iη , Iζ
profile ein (Teilprofil 1 Obergurt, Teilprofil 2 Steg und und Iηζ bezüglich eines um den Winkel ϕ gedrehten η, ζ-
Teilprofil 3 Untergurt). Die Flächenträgheitsmomente der Koordinatensystems (Abb. 5.15).
drei Teilprofile berechnen sich nach der Merkregel bh3 /12
und betragen Wie bei der Herleitung des Satzes von Steiner gehen wir
von den Definitionen der Flächenträgheitsmomente,
Iy1 = Iy3 = 4,1 · 103 mm4 und   
Iy2 = 104 · 10 mm .
3 4 Iη = ζ 2 dA, Iζ = η 2 dA und Iηζ = ηζdA
A A A
Die Steineranteile für die Teilflächen 1 und 2 betragen je-
weils aus und ersetzen η und ζ durch

z2S A = (30 mm)2 · 500 mm2 = 450 · 103 mm4 . η = y cos ϕ + z sin ϕ und ζ = −y sin ϕ + z cos ϕ.
114 5 Beanspruchungsarten – wie man Spannungen und Verformungen berechnet


y co
φ
z sin
Technische Mechanik

y
φ

z co

ρ
φ

y sin
h

φ
M M
dA
neutr. ds0
Faser
ξ z
z ds(z)

Abb. 5.15 Zur Herleitung des Mohr’schen Trägheitskreises


Abb. 5.16 Aus der Krümmung eines infinitesimal kleinen Balkenabschnitts
lässt sich die Durchbiegung des gesamten Balkens herleiten

Mit etwas Rechnerei erhalten wir


1 1 Biegemoment M in Form eines Kreissegments mit dem
Iη = (Iy + Iz ) + (Iy − Iz ) cos 2ϕ + Iyz sin 2ϕ, Biegeradius ρ. Hierbei ändert sich die Länge der neutralen
2 2 Faser aufgrund der dort herrschenden Spannungsfreiheit
1 1
Iζ = (Iy + Iz ) − (Iy − Iz ) cos 2ϕ − Iyz sin 2ϕ nicht, aber eine in einem Abstand z zur neutralen Fa-
2 2 ser verlaufende Faser ändert ihre Länge von ds0 zu ds(z)
und (Abb. 5.16).

1 Für den von den Querschnittsflächen des infinitesimal


Iηζ = − (Iy − Iz ) sin 2ϕ + Iyz cos 2ϕ. kleinen Trägerabschnitts eingeschlossenen Winkel dϕ gel-
2 ten nun nach der Definition „Winkel gleich Bogenlänge
Diese Gleichungen traten in analoger Form bereits bei durch Radius“ die Beziehungen
den Mohr’schen Spannungs- und Verzerrungskreisen auf.
Es ist in der Tat so, dass die Flächenträgheitsmomente ds(z) ds0
dϕ = sowie dϕ = ,
und die Koordinaten des Spannungstensors in gleicher ρ+z ρ
Weise auf eine Drehung des Koordinatensystems rea-
gieren. Demzufolge kann das Prinzip des Mohr’schen woraus sich durch Gleichsetzen für die Faserlänge ds(z)
Kreises auch für Flächenträgheitsmomente angewendet der Zusammenhang
werden – man spricht dann vom Mohr’schen Trägheits-
kreis –, wobei dann die axialen Flächenträgheitsmomente ρ+z
ds(z) = · ds0
die Rollen der Normalspannungen und die Deviations- ρ
momente die Rollen der Schubspannungen übernehmen.
Als Hauptträgheitsmomente bezeichnet man in Analo- ergibt. Die Dehnung dieser Faser, deren Länge im unbe-
gie zu den Hauptspannungen des Spannungstensors die lasteten Zustand ds0 ist, beträgt somit
axialen Flächenträgheitsmomente desjenigen Koordina-
tensystems, in dem die Deviationsmomente verschwin- ds(z) − ds0 z
ε x (z) = = ,
den. Besitzt ein Flächenquerschnitt eine Symmetrieachse, ds0 ρ
so bilden die Symmetrieachse und die dazu rechtwinklige
Achse ein Hauptachsensystem dieser Fläche. woraus sich für die Spannung in dieser Faser

z
σx (z) = E · ε x (z) = E ·
ρ
Berechnung der Durchbiegung
ergibt. Gleichzeitig gilt für die Spannung aber auch der
Wie verbiegen sich Träger unter Biegebelastung? Betrach- weiter vorne hergeleitete Biegespannungsverlauf
ten wir hierzu einen Trägerabschnitt der infinitesimal
M
kleinen Länge ds0 . Wenn dieser Trägerabschnitt im unbe- σx (z) = · z.
lasteten Zustand gerade ist, so krümmt er sich durch das Iy
5.2 Biegung 115

Wir setzen die rechten Seiten der letzten beiden Glei-


chungen gleich und erhalten so für die Krümmung des
F

Technische Mechanik
Balkens:

1 M
= .
ρ E · Iy x

Nun weiß man aus der Mathematik, dass der Krüm- l


mungsradius ρ einer Funktion w(x) gemäß
Abb. 5.17 Für einen Kragträger soll die Durchbiegung berechnet werden
d2 w
1 dx2
= −  2
3/2 Wir beginnen mit der Berechnung des Biegemomenten-
ρ
1+ dw
dx
verlaufs M(x) und erhalten M(x) = −F(l − x). Wir setzen
dies in die Differenzialgleichung der Biegelinie ein und
erhalten
mit den ersten beiden Ableitungen der Funktion ver-
knüpft ist. Da die Durchbiegungen der meisten techni- F
schen Strukturen vergleichsweise klein sind, lässt sich aus w = (l − x ).
E Iy
dieser Gleichung der Term (dw/dx)2 als klein von hö-
herer Ordnung vernachlässigen, und wir erhalten für die Wir integrieren einmal,
Krümmung des Trägers:
 
F
w (x ) = w (x)dx = (l − x)dx
1 d2 w E Iy
=− 2
ρ dx F  1 2 
= − x + lx + C1 ,
E Iy 2
und schließlich:
und ein weiteres Mal, womit wir für die Durchbiegung
d2 w M
=− 
dx2 E Iy
w(x ) = w (x)dx
als Differenzialgleichung der Biegelinie für kleine Verfor- F  1 3 1 2 
mungen. = − x + lx + C1 x + C2
E Iy 6 2

Frage 5.5 erhalten. Dies ist eine Gleichung mit zwei unbekannten
Lässt sich die Differenzialgleichung der Biegelinie für Konstanten C1 und C2 . Als Lösung kann sie nur dann
die Verformungsberechnung einer Angelrute verwenden? stimmig sein, wenn C1 und C2 auch tatsächlich zur be-
Wie wäre die Differenzialgleichung der Biegelinie ggf. zu trachteten Struktur und hier insbesondere seiner Einspan-
modifizieren? nung passen. Die feste Einspannung bewirkt zweierlei:

An ihr kann sich der Balken nicht absenken, und


Um nun die Durchbiegung zu ermitteln, ist w (x) zwei- der Balken ragt mit waagerechter Tangente aus der
mal unbestimmt zu integrieren. Hierbei ist entscheidend, Wand.
die Integrationskonstanten richtig an die Randbedingun-
gen anzupassen. Wie das geschieht, sehen wir am besten Die Randbedingungen lauten folglich
an einem Beispiel.
w(0 ) = 0 und w (0) = 0.
Beispiel Ein Kragträger der Länge l wird an seinem
freien Ende durch die Kraft F belastet (Abb. 5.17). Das Wir setzen die Randbedingungen in die Gleichungen für
Flächenträgheitsmoment Iy des Balkenquerschnitts sowie w(x) und w (x) ein und erhalten
der Elastizitätsmodul E des Werkstoffs seien bekannt. Zu
F
berechnen sind die Biegelinie w(x) und die maximale w(0 ) = C2 = 0 =⇒ C2 = 0
Durchbiegung wmax . E Iy
116 5 Beanspruchungsarten – wie man Spannungen und Verformungen berechnet

sowie
F
w (0 ) =
Technische Mechanik

C1 = 0 =⇒ C1 = 0.
E Iy 3q0
Somit lautet die Gleichung der Biegelinie q0
F  1 3 1 2
w(x ) = − x + lx .
E Iy 6 2

Ihr Maximum nimmt w(x) am freien Balkenende (x = l) x


ein mit l

Fl3
wmax = w(l) = . Abb. 5.18 Für diesen Träger soll die Durchbiegung als Überlagerung zweier
3E Iy
Einzellastfälle bestimmt werden


Frage 5.6
Wie lauten die Randbedingungen für die Durchbiegung Zur Ermittlung der maximalen Durchbiegung dürfen wir
an Fest- und Loslagern? die Einzelergebnisse für wmax aber nicht addieren, da die
maximalen Durchbiegungen an unterschiedlichen Stellen
im Träger auftreten: bei der konstanten Streckenlast genau
Für einige gängige Biegefälle sind die Ergebnisse für w(x) in Balkenmitte, bei der dreieckförmigen Streckenlast aber
und wmax in Tab. 5.2 aufgeführt, was uns für diese das etwas rechts der Mitte. Wir ermitteln deshalb zunächst die
Lösen der Differenzialgleichung der Biegelinie erspart. Stelle x0 der maximalen Durchbiegung als die Stelle des
Tabelle 5.2 hilft uns auch weiter, wenn der betrachtete Balkens mit einer horizontalen Tangente, d. h. wir leiten
Lastfall eine Überlagerung zweier in der Tabelle aufge- w(x) einmal ab und setzen w (x0 ) = 0:
führter Lastfälle ist. Die Ergebnisse für M(x) und w(x)
ergeben sich dann als Überlagerung der Einzelergebnisse. q0 l4
w ( x0 ) =
Für wmax können die in der Tabelle aufgeführten Ergeb- 360EIy
 
nisse allerdings nur dann addiert werden, wenn sie an 29 150  x0 2 60  x0 3 30  x0 4
der gleichen Position im Balken auftreten. Hierzu ein Bei- · − + + = 0,
l l l l l l l
spiel:
woraus wir als Stelle der größten Durchbiegung x0 =
Beispiel Ein Träger mit gegebener Länge l und Biege- 0,51 l erhalten. Dies in w(x) eingesetzt ergibt schließlich
steifigkeit EIy wird wie skizziert durch eine trapezförmige
Streckenlast q(x) belastet (Abb. 5.18). Gesucht sind w(x),
q0l4
wmax sowie diejenige Stelle x0 , an der wmax auftritt. wmax = w(0,51 l) = 0,026 .
EIy
Wir zerlegen q(x) in die folgenden zwei elementaren Last- 
fälle:
Zwei- und Mehrfeldbalken: Unter zwei- bzw. Mehrfeldbal-
eine konstante Streckenlast q0 (Lastfall 2) und
ken versteht man Balken mit zwei oder mehr Bereichen
eine dreieckförmige Streckenlast des Maximalwertes
für die Schnittgrößenverläufe oder die Biegesteifigkeit
qmax = 2q0 (Lastfall 3).
EIy . Wir beschränken uns im Folgenden der Einfachheit
halber auf Zweifeldbalken. Dreifeldbalken oder Balken
Wir entnehmen der Durchbiegungstabelle die jeweiligen mit noch mehr Bereichen würden nach demselben Sche-
Ergebnisse für w(x) und überlagern diese zu ma behandelt werden. Bei Zweifeldbalken integrieren
  x 3  x 4  wir die Differenzialgleichung der Biegelinie für jeden Be-
q l4 x
w(x ) = 0 −2 + reich zweimal unbestimmt und erhalten somit vier statt
24EIy l l l zwei Integrationskonstanten. Diese bestimmen wir aus
4     x 5 
2q0 l x x 3 den Randbedingungen und den beiden Übergangsbedin-
+ 7 − 10 +3
360EIy l l l gungen an der Bereichsgrenze (im Folgenden als xI/II
     x 5  bezeichnet). Diese lauten
q0 l4 x x 3 x 4
=⇒ w(x) = 29 − 50 + 15 +6 .
360EIy l l l l wI (xI/II ) = wII (xI/II ) und wI (xI/II ) = wII (xI/II ).
5.2 Biegung 117

Tab. 5.2 Übersicht über die Belastungsfall w(x) und wmax


Durchbiegungen wichtiger Biege- 1 Fl3
x 3 Fl3
l F 0≤x≤ l
: w ( x) = 48EIy [3 l
x
−4 ], wmax =

Technische Mechanik
fälle 2
2 l 48EIy

x
l

2 q0 l4 x x 3 x 4 5 q0 l
4
w ( x) = 24EIy [ l −2 l +4 l ], wmax = 384 EIy
q0

x
l

3 qmax l4 x 3 x 5 qmax l4
w ( x) = 360EIy [7 l
x
− 10 l +3 l ], wmax = 153,3EIy
qmax

x
l

4 Fl3
x 3 Fl3
F w ( x) = 6EIy [2 − 3 xl + l ], wmax = 3EIy

x
l

5 Ml2
x 2 Ml2
M w ( x) = 2EIy [1 − 2 xl + l ], wmax = 2EIy

x
l

6 q0 l4 x 4 q0 l4
w ( x) = 24EIy [3 − 4 xl + l ], wmax = 8EIy
q0

x
l

7 qmax l4 x 5 qmax l4
qmax w ( x) = 120EIy [4 − 5 l
x
+ l ], wmax = 30EIy

x
l

8 qmax l4 x 4 x 5 11 qmax l
4
w ( x) = 120EIy [11 − 15 l
x
+5 l − l ], wmax = 120 EIy
qmax

x
l

9 Fal2 x
3 2
F Bereich I: wI (x) = − 6EI [ − xl ], wmax,I = − 9√Fal3EI
y l
      y
2 3 Fa2 (l+a)
Fa3
I II Bereich II: wII (x) = 6EIy 2 a a + 3 a − a
l x x x
, wmax,II = 3EIy

x x
l a

Anschaulich bedeuten diese Gleichungen, dass der Träger Beispiel Ein Träger der Länge 4l mit gegebener Bie-
an der Bereichsgrenze zusammenhängt – deshalb sind die gesteifigkeit EIy wird wie skizziert durch eine Kraft der
Durchbiegungen gleich – und dort keinen scharfen Knick Größe 4F belastet (Abb. 5.19). Gesucht ist der Verlauf der
aufweist – deshalb sind die Ableitungen der Durchbie- Durchbiegung w(x).
gungen gleich.
118 5 Beanspruchungsarten – wie man Spannungen und Verformungen berechnet

Zur Bestimmung der Integrationskonstanten stehen uns


die folgenden Rand- und Übergangsbedingungen zur
Technische Mechanik

4F Verfügung:

A B
wI (0) = 0 =⇒ C2 = 0,
wII (4l) = 0 =⇒ EIFy (4lC3 + C4 ) = 0,
x wI (l) = wII(l) 
l 3l =⇒ −3 6 l + lC1 + C2
1 3
= 16 (−3l)3 + lC3 + C4 und
wI (l) = wII (l)
Abb. 5.19 Dieser Balken ist ein Zweifeldbalken, da zwei Bereiche für den Ver- 

lauf des Biegemoments vorliegen =⇒ − EI


3F 1 2
y 2l + C1 = F
EIy 2 (−3l)
1 2 + C3 .

Das sind vier Gleichungen für vier Unbekannte. Als Er-


Zunächst bestimmen wir die Lagerreaktionen sowie die gebnisse erhalten wir
Biegemomentverläufe in den Bereichen I und II. Diese be-
tragen 7 5
C1 = − l2 , C2 = 0, C3 = − l2 und C4 = 10l3 .
6 2

Ax = 0, Ay = 3F und By = F Damit lautet der gesuchte Verlauf der Durchbiegung

3F  1 3 7 2 
für die Lagerreaktionen sowie wI (x) = − x − l x
EIy 6 6
im Bereich 0 ≤ x ≤ l und
MI (x) = 3Fx und MII (x) = F(4l − x) F 1 5

wII (x) = (x − 4l)3 − l2 x + 10l3


EIy 6 2
für das Biegemoment. Zweifaches unbestimmtes Integrie- im Bereich l ≤ x ≤ 4l. 
ren der Differenzialgleichung der Biegelinie führt für den
Bereich I auf

 Bei schiefer Biegung verformt sich ein Träger


MI
wI (x) = − dx auch quer zur Richtung der Belastung
EIy

3F 3F  1 2 
=− xdx = − x + C1 Von schiefer Biegung spricht man, wenn das Biegemo-
EIy EIy 2
ment nicht in Richtung der Hauptträgheitsachsen des
Trägerquerschnitts angreift. Dies ist beispielsweise bei
und dem in Abb. 5.20 gezeigten Kragträger der Fall, dessen
rechteckiger Flächenquerschnitt um den Winkel ϕ zur
  
3F 1 2 3F  1 3  Lastrichtung gedreht ist.
wI (x) = − x + C1 dx = − x + C1 x + C2
EIy 2 EIy 6 Bei schiefer Biegung zerlegt man das Schnittmoment im
Träger in die Anteile entlang der beiden Hauptachsen
und berechnet Spannungen und Durchbiegungen aus der
und im Bereich II auf Überlagerung dieser beiden Lastfälle.

 
MII F
wII (x) = − dx = (x − 4l)dx Beispiel Für den in Abb. 5.20 gezeigten Kragträger sind
EIy EIy die Spannungsverteilung an der Einspannung und die
F 1
Durchbiegung des freien Trägerendes gesucht.
= (x − 4l)2 + C3 und
EIy 2 Zahlenwerte: F = 800 N, l = 1 m, b = 20 mm, h = 50 mm,


F 1 ϕ = 30◦ , E = 205 GPa2 .


wII (x) = (x − 4l)2 + C3 dx
EIy 2 Wir zerlegen die äußere Kraft F in ihre Komponenten

=
F 1
(x − 4l)3 + C3 x + C4 . entlang der Hauptachsen des Trägerquerschnitts, Fy =
EIy 6 −F sin ϕ und Fz = F cos ϕ. Die in der Einspannung wir-
5.2 Biegung 119

Technische Mechanik
F C
l y

A
φ

z B
z
Abb. 5.20 Wenn ein rechteckiger Trägerquerschnitt zur Lastrichtung geneigt
ist, liegt schiefe Biegung vor
Abb. 5.21 Lage der Spannungsnulllinie

kenden Schnittmomente betragen My = −Fl cos ϕ (um


und im Punkt D (y = b/2, z = −h/2)
die y-Achse drehend) und Mz = Fl sin ϕ (um die z-Achse
drehend). Die Spannungen in der Einspannung ergeben
σ = 406 MPa.
sich aus der Überlagerung dieser beiden Lastfälle und be-
tragen
Zur Durchbiegung des Trägerendes: Die Durchbiegungen
vmax in y-Richtung und wmax in z-Richtung entnehmen
12Fl cos ϕ 12Fl sin ϕ
σ=− ·z+ · y. wir aus Tab. 5.2 (jeweils Lastfall 4). Sie betragen
bh3 hb3

Die Lage der Spannungsnulllinie ergibt sich aus der Be- Fy l3 hb3
vmax = mit Iz = und Fy = −F sin ϕ
dingung σ (y, z) = 0, 3EIz 12
4F sin ϕl3
12Fl cos ϕ 12Fl sin ϕ =⇒ vmax = −
·z = ·y Ehb3
3 hb3
bh
 h 2 4 · 800 N sin 30◦ (1000 mm)3
=− = −19,5 mm
=⇒ z = tan ϕ · y, 2 · 50 mm · (20 mm)
N 3
205.000 mm
b

und wird mit den konkreten Zahlenwerten für h, b und ϕ sowie


zu
Fz l3 bh3
 5 2 wmax = mit Iy = und Fz = F cos ϕ
3EIy 12
z= tan 30◦ · y = 3,61y.
2 4F cos ϕl3
=⇒ wmax =
In Abb. 5.21 ist die Lage der Spannungsnulllinie in den Ebh3
Querschnitt eingezeichnet. Man erkennt, dass die Punk- 4 · 800 N cos 30◦ (1000 mm)3
= = 5,4 mm.
2 · 20 mm · (50 mm)
te B und D den größten Abstand zur Spannungsnullli- N 3
205.000 mm
nie aufweisen, sodass hier die größten Biegespannungen
herrschen. Diese betragen im Punkt B (y = −b/2, z = Trotz vertikal orientierter äußerer Last verbiegt sich der
h/2): Träger also auch horizontal, daher die Bezeichnung schie-
fe Biegung, wenn die Biegebeanspruchung nicht entlang
12Fl cos ϕ h 12Fl sin ϕ b der Hauptträgheitsachsen des Trägerquerschnitts orien-
σ=− · − ·
bh3 2 hb3 2 tiert ist. 
12Fl  cos ϕ sin ϕ 
=− +
bh h b Achtung Insbesondere die Gleichungen zur Berech-
12 · 800 N · 1000 mm  cos 30◦ sin 30◦  nung von Biegespannungen treten in vielen Disziplinen
=− +
20 mm · 50 mm 50 mm 20 mm des Maschinenbaus immer wieder auf – neben der Tech-
= −406 MPa nischen Mechanik z. B. in der Konstruktions-, Werkstoff-
120 5 Beanspruchungsarten – wie man Spannungen und Verformungen berechnet

und Fertigungstechnik. Es lohnt sich, folgende Gleichun- σ (z ) τ (z) σ (z ) + ∂σ dx


gen auswendig zu lernen: ∂x
Technische Mechanik

b
M(x ) x
σ (z) = z, A*
Iy
M(x)|z|max M(x )
σmax = bzw. σmax = , x dx
Iy W z,z
b h3 b h2 Abb. 5.23 Zur Herleitung der Schubspannungsverteilung
Iy = , W= (jeweils für Rechteckquerschnitte)
12 6
und Iy = Iy + zs 2 A.
 In Vollquerschnitten sind die Schubspannungen
in der Querschnittmitte maximal

5.3 Schub durch Querkraft Um die Größe der Schubspannungen zu ermitteln, schnei-
den wir aus einem biege- und schubbelasteten Träger ein
kleines Flächenelement der Länge dx und einer von der
Ist in einem Träger der Biegemomentverlauf M(x) verän- Koordinate z bis zur Trägerunterkante reichenden Höhe
derlich, so existiert gemäß dem in Abschn. 2.2 hergeleite- aus (Abb. 5.23).
ten Zusammenhang dM/dx = Q(x) auch eine Querkraft
im Träger, und es treten nicht nur Biege-, sondern auch Die am Trägerende angreifenden Spannungen tragen wir
Schubspannungen auf. in das Freikörperbild ein. Dies sind
Machen wir uns zunächst an einem anschaulichen Gedan- an der linken Seite die Biegespannungen σ (z),
kenexperiment klar, dass es tatsächlich Schubspannungen an der rechten Seite (x + dx) die Biegespannungen
sind, die bei Querkräften entstehen. Aus einem Stapel auf- σ (z) + ∂σ
∂x dx und
einanderliegender Bretter soll ein Kragträger hergestellt an der Oberseite die Schubspannungen τ.
werden. Wir überlegen uns, was bei Belastung passiert,
wenn die Bretter lose und unverleimt aufeinander auflie- Das Kräftegleichgewicht in x-Richtung lautet
gen (Abb. 5.22a) oder aber fest miteinander verleimt sind
 
(Abb. 5.22b). ∂σ

− σ (z)dA + σ (z) + dx dA − τ (z) · b(z)dx = 0


Ohne die Verleimung gleiten die Bretter aufeinander ab, ∂x
(A∗ ) (A∗ )
und der Träger wird nur eine geringe Tragfähigkeit auf- 
∂σ
weisen. Erst bei stabiler Verleimung bilden die Bretter ⇒ τ (z) · b (z) = dA.
einen tragfähigen Verbund. ∂x
(A∗ )
Was bewirken dabei die Verleimungen in mechanischer ∂σ z ∂M(z) z
Hinsicht? Sie übertragen Spannungen, die die Bretter in Mit = = Q (x )
∂x Iy ∂x Iy
der oberen Trägerhälfte dehnen und die Bretter in der 
unteren Trägerhälfte stauchen. Die von der Verleimung Q (x )
folgt τ (z) = · zdA.
übertragenen Spannungen wirken auf der verleimten Flä- b(z) Iy
che (Flächennormale z) in Trägerrichtung x, es handelt (A∗ )
sich also um Schubspannungen τxz , welche wir im Fol-
Das Integral auf der rechten Seite dieser Gleichung wird
genden der Einfachheit halber aber nur als τ bezeichnen
als statisches Moment Sy des abgeschnittenen Flächen-
wollen.
stücks A∗ bezüglich der y-Achse bezeichnet. Damit erhal-
ten wir für die
a b
Schubspannungsverteilung in Vollprofilen unter
Querkraft
Q(x)Sy (z)
τ (z) =
Iy b(z)

mit Sy (z) = zdA.
Abb. 5.22 Bei einem Kragträger aus übereinander geschichteten Brettern
(A∗ )
müssen diese miteinander verleimt sein, damit sie durch die Übertragung von
Schubspannungen einen tragfähigen Verbund ergeben
5.3 Schub durch Querkraft 121

Nach diesem Zusammenhang gehen in die Ermittlung τ =0


der Schubspannungen die Größen Q(x), Sy (z), Iy und

Technische Mechanik
b(z) ein. Da die Querschnittsform b(z) im Allgemeinen
gegeben ist und wir in der Berechnung von Schnittgrö-
ßen – hier Q(x) – und Flächenträgheitsmomenten mittler-
weile recht geübt sein sollten, liegt der Knackpunkt in der Q
τ max = 1,5
Berechnung des statischen Moments Sy (z). Hierzu als Bei- A
spiel die Schubspannungsverteilung in einem Träger mit
rechteckigem Querschnitt.

Beispiel Für einen Rechteckquerschnitt der allgemei-


nen Abmessungen b × h sind das statische Moment τ =0
Sy (z) und die Schubspannungsverteilung zu bestimmen
Abb. 5.25 Die Schubspannungsverteilung in einem Träger mit rechteckigem
(Abb. 5.24). Querschnitt

F
h l
2

y
z
h Abb. 5.26 In schlanken Trägern sind die durch die Querkraft verursachten
z~ 2 Schubspannungen im Vergleich mit den Biegespannungen in aller Regel ver-
nachlässigbar

dz~
z Welche Art Spannungen dominiert, wenn sowohl Schub-
b spannungen als auch Biegespannungen in einem Trä-
ger herrschen? Vergleichen wir hierzu exemplarisch
die Biege- und Schubspannungen in einem Kragträger
der Länge l und des rechteckigen Querschnitts b × h
Abb. 5.24 Das statische Moment Sy (z ) in einem Träger mit rechteckigem (Abb. 5.26).
Querschnitt
Die maximale Biegespannung tritt in den Randfasern auf
Höhe der Einspannung auf und beträgt
Für Sy (z) gilt
6Fl
σmax =.
   h2 z2 
h/2
1  2 h/2 b h2
Sy (z) = zdA = zbdz = b z z =b − , Die Schubspannungsverteilung ist in jedem Trägerquer-
2 8 2
(A∗ ) z schnitt gleich und weist einen in der Querschnittmitte
liegenden Maximalwert von
und wir erhalten für die Schubspannungsverteilung
F
  τmax = 1,5
6 Q (x ) h2 bh
τ (z) = · − z2 . auf. Damit beträgt das Verhältnis von Biege- zu Schub-
b h3 4
spannungen
Es liegt also eine parabolische Schubspannungsvertei-
σmax l
lung vor, bei der die Schubspannungen an der Oberseite =4 .
(z = −h/2) und der Unterseite (z = h/2) des Trägers ver- τmax h
schwinden und in der Querschnittmitte (z = 0) den Maxi- Für große Werte von l/h sind die Schubspannungen also
malwert 1,5 Q/A einnehmen (Abb. 5.25). sehr viel kleiner als die Biegespannungen. In der Regel
dürfen Schubspannungen durch Querkraft deswegen in
Eine kurze Plausibilitätsbetrachtung bestätigt dieses Er- schlanken Trägern vernachlässigt werden.
gebnis: Der Quotient Q/A ist die mittlere Schubspannung
im Trägerquerschnitt. Da die Ober- und Unterseite des Frage 5.7
Trägers freie Oberflächen sind, muss dort die Schubspan- In welchen Bauteilen spielen Schubspannungen durch
nung verschwinden und folglich an anderer Stelle im Querkraft eine entscheidende Rolle?
Träger oberhalb des Mittelwertes liegen. 
122 5 Beanspruchungsarten – wie man Spannungen und Verformungen berechnet

a s b
τ
Technische Mechanik

s=0
τ (s)
Q
x r*
σ (z ) τ (z) σ (z ) + ∂σ dx
t(s) ∂x
A*

s = l* x dx
z,z
s = l*
Abb. 5.27 Zur Herleitung der Schubspannungsverteilung