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Latènezeit

Die Latènezeit, auch La-Tène-Zeit,[2] ist eine Epoche der Mitteleuropäische Eisenzeit[1]
jüngeren vorrömischen Eisenzeit in weiten Teilen Mitteleuropas. Hallstattzeit
Sie reicht von etwa 450 v. Chr. bis zur Zeit um Christi Geburt. Ha C 800–620 v. Chr.
Ha D1–D3 620–450 v. Chr.
Der Begriff Latènekultur, auch La-Tène-Kultur, bezieht sich
Latènezeit
auf die archäologischen Hinterlassenschaften der Kelten aus der
LT A 450–380 v. Chr.
Latènezeit und umfasst alle Materialgruppen dieser Zeit nördlich
LT B 380–250 v. Chr.
der antiken Welt.[3]
LT C 250–150 v. Chr.
LT D 150–15 v. Chr./ 0
Namengebender Fundplatz war La Tène am Neuenburgersee in
der Schweiz.

Inhaltsverzeichnis
Datierung und Verbreitung
Quellenlage
Latènekultur, Kelten und antike Überlieferung
Gliederung und Entwicklung
Frühlatène
Mittellatène
Spätlatène
Siedlungen
Gräberfelder
Gesellschaft
Kunststile
Fundorte (Auswahl)
Deutschland
Österreich
Schweiz
Frankreich
Siehe auch
Literatur
Weblinks
Einzelnachweise

Datierung und Verbreitung


Die Latènekultur entwickelte sich unter mediterranem Einfluss zu Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. aus der
nordwestalpinen Hallstattkultur zu einer eigenständigen Kunst- und Kulturform. Diese war zwischen 450
v. Chr. und 40 v. Chr. in Frankreich, der nordalpinen Schweiz, Süddeutschland bis zu den Mittelgebirgen,
Österreich, der Tschechischen Republik und Teilen Ungarns verbreitet. Die Genese der Latènezivilisation
vollzog sich im sogenannten „Westhallstattkreis“.

Träger der Latènekultur sind die seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. in griechischen, später auch in römischen
Quellen genannten Kelten. Zu den Besonderheiten der Kultur gehört Schmuck aus Glas, wie Glasarmringe,
Fingerringe und Ringperlen.

Typische Gegenstände der Latènekultur, besonders aus Metall, und Nachahmungen wurden vielfach auch in
Norddeutschland, Polen, Skandinavien, Großbritannien und bis auf den Balkan gefunden. Sie sind für die
Chronologie der Eisenzeit in diesen Regionen wichtig. Deshalb wird dort ebenfalls von der Latènezeit
gesprochen, obwohl die Latènekultur nicht bis in diese Regionen reichte.

Quellenlage
Unser Wissen um die Latènekultur stammt aus zwei Quellengruppen:

Archäologische Befunde und Funde, also unmittelbare Zeugnisse. An ihnen wurde die
Latènekultur definiert; sie sind tatsächliche Überreste der Latènezeit.
Schriftliche Quellen. Seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. gibt es Berichte von Griechen und
Römern, die den Raum der Latènekultur betreffen. Darin ist von Kelten bzw. Galliern die Rede,
die man heute als die Träger der Latènekultur identifiziert. Die Berichte stammen von
Außenstehenden, die bisweilen nur vage Kenntnisse der Verhältnisse hatten, sie teils aber
auch – wie Caesar, der die wichtigste Quelle verfasste – aus eigener Anschauung kannten.
Die Darstellungen spiegeln oft eher die Wissens- und Interessenlage der Schreiber wider, als
dass sie eine fundierte und objektive Berichterstattung bieten.

Ethnographische Beobachtungen und historische Berichte zu Irland, Schottland, Wales und der Bretagne
sind mehrere Jahrhunderte jünger und für die Charakterisierung der Latènekultur irrelevant, da sich Iren,
Schotten, Waliser und Bretonen erst im 19. Jahrhundert als autochthone Kelten beschrieben, im Gegensatz
zu den als spätere Eroberer aufgefassten Engländern und Franzosen. Damit wurde eine zunächst rein
linguistische Klassifikation als Volksbezeichnung übernommen. In den antiken Quellen werden die
Bewohner der britischen Inseln dagegen stets als Britannier, Kaledonier oder im Norden als Pikten
bezeichnet, nie als Kelten.

Latènekultur, Kelten und antike Überlieferung


Die Späthallstattkultur und die Latènekultur gelten vor allem
aufgrund antiker Textquellen als „keltisch“. Der Grieche Herodot
schrieb im 5. Jahrhundert vor Christus über „Kelten“ an den Quellen
der Donau. Ob es sich hierbei um die eisenzeitliche Heuneburg
handelt, ist nicht abschließend geklärt. Zugleich erwähnte er auch
Kelten jenseits der Meerenge von Gibraltar. Ob sich die Träger der
Späthallstattkultur bzw. der Latènekultur selbst als ein Volk
verstanden, ist sehr fraglich. Auch die Bezeichnung „Kelten“,
griech. keltoi, stammt höchstwahrscheinlich nicht von den Kelten
selbst. Ob die damaligen Sprachgrenzen mit den Kulturgrenzen Späteisenzeitlicher Helm aus London
deckungsgleich waren, können wir mangels datierbarer
Sprachzeugnisse der Späthallstatt- und Frühlatènezeit nicht wissen.
Von römischen Autoren wurden die Kelten als „Galli“, Gallier, bezeichnet. Dieser Name wird heute in
Frankreich für die dortigen Träger der Latènekultur verwandt. Die Römer trafen in Gallien seit dem 2.
Jahrhundert v. Chr. auf Kelten. Die anschließenden Kämpfe im Gallischen Krieg zogen sich bis zur Schlacht
bei Alesia im Jahr 52 v. Chr. hin. Sie wurden von Gaius Iulius Caesar in seinem Werk De bello Gallico
ausführlich beschrieben, das die wichtigste schriftliche Quelle zur (Spät)latènekultur darstellt.

Im Südosten Britanniens ist gegen Ende der Eisenzeit der Einfluss der Latènekultur vom Festland her
nachweisbar (Aylesford-Swarlington). Nach schriftlichen Quellen waren hier Belger aus Nordfrankreich
eingewandert. Der Rest der britannischen Inseln ist archäologisch nicht zur Latènekultur zu zählen.

Besser lassen sich Kelten dagegen weiter südlich nachweisen. Die Bevölkerung der Alpen war mit
Ausnahme einiger Täler im Wallis und in den Ostalpen (östlich und südlich der Adula-Gruppe d. h. des
Gotthardmassivs) weitgehend keltisch. Den größten Teil davon machten die Helvetier aus, deren Teilstamm
der Tiguriner im Zuge des Einfalls der Kimbern und Teutonen einer römischen Armee um 107 v. Chr. bei
Agen eine schmähliche Niederlage beigebracht hatte. Infolge der von Norden eindringenden Germanen
versuchten die Helvetier unter Führung von Divico im Jahr 58 v. Chr. nach Caesar (De bello Gallico) durch
das Rhônetal nach Süden auszuwandern, wurden in der Schlacht bei Bibracte jedoch von ihm besiegt und
als Puffer zu den von Norden nachrückenden Germanen in die verlassene Heimat zurückgeschickt. Dabei
wurde nur ein Teil der nach Caesar zwölf großen vor dem Auszug eingeäscherten Oppida wieder aufgebaut.
Die Helvetier wurden dann relativ rasch romanisiert, doch ist deren Präsenz zumindest noch im 1.
Jahrhundert in verschiedenen Eigen- und Ortsnamen sowie Heiligtümern gesichert.

Gliederung und Entwicklung


Eine erste Chronologie der Latènezeit erarbeitete Otto Tischler im Jahre 1885 anhand typologischer Reihen
von Fibeln und Schwertern. Seitdem wird die Latènezeit in drei oder vier Hauptabschnitte unterteilt:

Zeitabschnitt Dechelette Reinecke Datierung


Frühlatène A La Tène I La Tène A ca. 450–380 v. Chr.
Frühlatène B La Tène I La Tène B ca. 380–250 v. Chr.
Mittellatène La Tène II La Tène C 250–150 v. Chr.
Spätlatène La Tène III La Tène D 150 v. Chr. bis um Christi Geburt

Frühlatène

Innerhalb der späten Hallstattkultur sind nördlich der Alpen immer häufiger griechische und etruskische
Importe festzustellen. Während der Späthallstattzeit sind diese auf die sehr reich ausgestatteten sogenannten
Fürstengräber beschränkt. In der Frühlatènezeit werden die mediterranen Vorbilder zusätzlich nachgeahmt
und daraus ein eigenständiger Kunststil entwickelt. Importe aus dem Mittelmeerraum und Gegenstände des
neuen künstlerischen Stils finden sich nun zunehmend auch in weniger reich ausgestatteten Gräbern. Als
Leitobjekt der Stufe La Tène A gilt besonders die Marzabotto-Fibel.

Kernbereiche dieser Kulturentwicklung sind besonders die Regionen am Nordwestrand der Hallstattkultur,
wobei die Hunsrück-Eifel- und Marne-Mosel-Region sowie im Osten der Fundort Dürrnberg (Österreich)
durch herausragende Bestattungen auffallen. In diesen drei Regionen ist die Frühlatènekultur anhand von
reich ausgestatteten Gräbern und anderen Fundstellen des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. besonders deutlich
fassbar. In der zweiten Hälfte der Frühlatènezeit setzen große Wanderungsbewegungen ein. Diese
Keltenzüge sind von römischen und griechischen Autoren mehrfach erwähnt und beschrieben worden, am
ausführlichsten von Polybios. So zogen Kelten nach Norditalien, siedelten sich in der Po-Ebene an und
plünderten 387 v. Chr. Rom.
Mittellatène
→ Hauptartikel: Keltische Südwanderungen

Während des 3. Jahrhunderts v. Chr. erreichen die keltischen Wanderungen das Donaubecken, Makedonien,
Griechenland und Kleinasien (Galatien). Für 281 v. Chr. sind militärische Erfolge der Kelten in Makedonien
belegt. Gegen Ende der Frühlatènezeit werden die Bestattungen unter Hügeln durch Flachgräber abgelöst.
Reich ausgestattete Gräber fehlen in der Mittellatènezeit weitgehend. Während der mittleren Latènezeit
kommt es zu ersten Ansätzen einer Geldwirtschaft. Die Mehrheit der keltischen Münzen sind
Nachahmungen griechischer und römischer Prägungen. Zugleich entstehen erste stadtähnliche, befestigte
Siedlungen (Oppida).

Spätlatène

In der Spätlatènezeit wird weiterhin in Flachgräbern bestattet. Gegen Ende dieser Epoche begegnen wir nun
wiederum sehr reich ausgestatteten Gräbern mit umfangreichen römischen Beigaben. Kennzeichnend für
den letzten Abschnitt der Latènezeit sind die Oppida. Aufgrund ihrer mit großem Aufwand errichteten
Befestigungen, ihrer Größe und der teilweisen Erkennbarkeit von Handwerkervierteln werden diese
Siedlungen als zumindest protourban eingestuft.

In weiten Teilen des nordalpinen Verbreitungsgebietes der Latènekultur gab es während der Spätlatènezeit
sogenannte Viereckschanzen, rechtwinklige, mit Gräben und Palisaden umhegte Anlagen. Diese galten
lange Zeit als Heiligtümer. Seit den 1990er-Jahren werden auch wieder andere Funktionen wie die als
landwirtschaftliche Gehöfte diskutiert.

Spätestens in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr. scheinen die Fundplätze der Spätlatènekultur in
Mittel- und Süddeutschland auszulaufen. Dies wird häufig mit den nach Süden vordringenden Germanen
erklärt, wobei diese Frage archäologisch noch nicht geklärt ist („Helvetier-Einöde“). In Frankreich, aber
auch im pannonischen Raum, insbesondere südlich des zu Budapest gehörenden Gellértberges, der das
Oppidum der spätkeltischen Eravisker trug, bestanden die Fundplätze dagegen weiter. Noch im
fortgeschrittenen 1. Jahrhundert kam es zu eraviskischen Neuansiedlungen an neugegründeten
Kastellplätzen wie in Budapest-Albertfalva und dem etwas südlicher gelegenen Vetus Salina.[4] Dort
konnten sich keltische Töpfertraditionen noch bis in das 2. Jahrhundert n. Chr. halten.[5] Der von den
Römern wahrscheinlich Mons Teutanus[6] genannte Gellértberg blieb bis nach der Mitte des 3. Jh. von
diesem Volk bewohnt. Es kann festgehalten werden, dass einige wichtige Zentren und Gebiete der
Latènekultur nach der Eroberung stark römisch geprägte Mischkulturen ausbildeten bzw. den Grundstock
einer individuellen provinzialrömischen Kultur legten.

Die durch Paul Reinecke vorgenommene Einordnung der Spätlatène basiert ausschließlich auf den Funden
der vorgeschichtlichen Siedlungsplätze von Karlstein im heutigen Bad Reichenhall, die durch den dortigen
Archäologen Josef Maurer zwischen 1902 und 1907 ausgegraben und untersucht wurden.[7]

Siedlungen
Innerhalb der Latènekultur lassen sich im Wesentlichen drei Siedlungsformen unterscheiden: befestigte
Höhensiedlungen, die vor allem in der Frühlatènezeit bestanden, deutlich größere, stadtähnliche, befestigte
Oppida, die vor allem aus der Spätlatènezeit bekannt sind, und vor allem die große Zahl kleinerer,
unbefestigter Siedlungen. Als seltene Siedlungsformen kommen größere bäuerliche Siedlungen und einzelne
Handwerkersiedlungen (Bad Nauheim/Salzgewinnung, Lovosice, Tschechische Republik/Keramik- und
Mühlsteinherstellung) hinzu.
Die latènezeitlichen Bauten bestanden wie beinahe alle der
Vorgeschichte aus Holz. Es handelte sich ganz überwiegend um
Pfostenbauten, d. h. die tragenden Holzpfosten wurden in
regelmäßiger, rechteckiger Anordnung in den Boden eingegraben.
Der Innenraum war durch die Pfosten oft in zwei oder drei Schiffe
gegliedert. Aus Spanien sind auch runde Bauten bekannt. Die
Wände wurden in der Regel aus zwischen den Pfosten verflochtenen
Zweigen hergestellt und mit Lehm verstrichen. Aus einer Reihe von
Siedlungen ist weißer Kalkverputz belegt, vereinzelt gibt es auch
Nachbau der Siedlung Altenburg bei
Hinweise auf farbige Bemalung. Bundenbach (Hunsrück)

Neben Wohnhäusern, in denen gelegentlich auch noch Herde zum


Kochen, Backen und Heizen nachgewiesen wurden, sind
Grubenhäuser bekannt. Diese nur wenige Quadratmeter großen, zum guten Teil in den Boden eingegrabenen
Bauten wurden vermutlich vor allem als Werkstätten genutzt, darauf weisen Webgewichte und Spinnwirtel
für die Textilherstellung hin, die in vielen Grubenhäusern entdeckt wurden. Kleine Gebäude mit nur vier
oder sechs Pfosten werden als Getreidespeicher gedeutet.

In den ländlichen Siedlungen sind häufig mehrere kleinere um ein größeres, mehrschiffiges Gebäude
angeordnet. Offenbar handelt es sich dabei um Gehöfte mit je einem Wohnhaus und mehreren Scheunen,
Werkstätten, Speichern und anderen Nebengebäuden. Solche Gehöfte konnten von Zäunen umgeben sein.
Teilweise aufwendiger befestigt sind die sogenannten fermes indigènes, einzeln liegende Gehöfte, bei denen
deutlich mehr Fläche von einem Zaun, einem Graben oder beidem umgeben war, als für die Gebäude
erforderlich gewesen wäre. Solche Anlagen sind aus weiten Teilen Frankreichs bekannt. In Deutschland
werden vergleichbare Anlagen als „Herrenhöfe“ bezeichnet, traten aber ganz überwiegend in der
vorangegangenen Hallstattzeit auf und bestanden nur teilweise bis in die Frühlatènezeit weiter. Beide
Siedlungsformen gelten als Wohnsitze regionaler Führungsschichten.

Die vor allem frühlatènezeitlichen Höhensiedlungen waren mit durch eine Holz-Erde- oder Holz-Stein-
Erde-Mauer befestigt. Sie bestanden aus übereinander liegenden, längs und quer verlaufenden Stämmen, die
rechteckige Kästen bildeten. In diese Kästen waren, offenbar abhängig davon, was in der Umgebung zur
Verfügung stand, Steine oder Erde gefüllt worden.

Die oppida waren dagegen in der Regel durch den von Caesar beschriebenen murus gallicus oder
Pfostenschlitzmauern geschützt. Der murus gallicus ist durch horizontale Stämme gekennzeichnet, die durch
lange Eisennägel verbunden waren, und besaß eine Steinfassade, in der die Balkenköpfe sichtbar waren. Er
wurde vor allem in Westeuropa gebaut. Pfostenschlitzmauern hatten demgegenüber eine eher östliche
Verbreitung und wiesen senkrechte Pfosten mit langen, waagerechten Ankerbalken sowie ebenfalls eine
Steinfassade auf. In beiden Fällen waren die Zwischenräume zwischen den Hölzern mit Steinen und Erde
verfüllt.

Gräberfelder
Bestattungen sind eine der wichtigsten Quellen zur Latènekultur. Zahlreiche Bestandteile einer Bestattung
hinterlassen aber keine materiellen Spuren im Boden. Archäologisch sind deshalb nur die Grabstätten selbst
zu erforschen. Diese werden sehr häufig auch für umfassende Fragen wie zur sozialen Ordnung, religiösen
Vorstellungen oder Geschlechterverhältnissen herangezogen.

Während der Frühlatènezeit (Stufe A) wird ein Teil der Verstorbenen unter Grabhügeln beigesetzt. Dies
geschieht zum Teil in Holzkammern und in aller Regel mit unterschiedlichen Beigaben. Am häufigsten sind
hier Keramikgefäße; aber auch Bronzegeschirr und Wagen werden gelegentlich mitgegeben. Hinzu kommen
oft Teile der persönlichen, am Körper getragenen Ausstattung wie Fibeln, Gürtel, Schmuck oder Waffen.
Teilweise werden auch Werkzeuge und Nahrungsmittel mitgegeben. Die Bestattung in Hügeln erfolgt
überwiegend als Körpergrab. Weitere Gräber in Form von Brand- oder Körperbestattungen werden als
Nachbestattungen in bestehenden Hügeln angelegt, noch andere als Urnen- oder Brandschüttungsgräber am
Rand oder im direkten Umfeld der Hügel.

Ein herausragendes Gräberensemble der Frühlatènezeit wurde ab 1994 am Glauberg in Hessen, ca. 30 km
nordöstlich von Frankfurt am Main, ausgegraben. Neben drei Prunkbestattungen mit Goldbeigaben und
mutmaßlichen Importen unter zwei Grabhügeln fanden sich vier lebensgroße Steinstelen – eine davon fast
vollständig – die wahrscheinlich zu einem heiligen Bezirk gehörten.

Schon in der Stufe Latène B laufen die sehr reich ausgestatteten Gräber aus. Nun werden überwiegend
Flachgräber mit Körperbestattungen und bescheideneren Beigaben angelegt.

Während der Mittellatènekultur sind Flachgräber mit Brandbestattungen die Regel. Sehr reiche Gräber wie
in der Frühlatènezeit fehlen. In der Spätlatènezeit ist die Zahl der Gräberfelder in einigen Regionen
auffallend gering. Möglicherweise werden hier die Toten auf eine Art und Weise bestattet, die keine Spuren
im Boden hinterlässt. In anderen Regionen wie Gallien werden dagegen weiterhin Flachgräberfelder
angelegt. Gegen Ende der Spätlatènezeit kommt es in einigen Regionen auch wieder zu ausgesprochen reich
ausgestatteten Gräbern, z. B. in Göblingen-Nospelt (Luxemburg).

Gesellschaft
Für die Spätlatènezeit liegt mit Caesars „Gallischem Krieg“ eine wichtige schriftliche Quelle zur sozialen
Ordnung innerhalb der Latènekultur vor. Für die vorhergehenden Epochen und die Spätlatènekultur
außerhalb Galliens können nur aus archäologischen Untersuchungen Schlüsse gezogen werden. Diese
beruhen ganz überwiegend auf Grabbefunden, aber auch die Entwicklung der Siedlungsformen im Laufe der
Latènezeit bietet einige Hinweise.

Aus einer Reihe sehr reich ausgestatteter, sogenannter „Fürstengräber“ und zahlreichen aufwendig
befestigten Höhensiedlungen wird von vielen Archäologen für die Frühlatènezeit der Schluss gezogen, es
habe eine starke soziale Gliederung bestanden mit einer kleinen Zahl von „Fürsten“ an der Spitze. Diese
hätten Bauern und Handwerker ihres Territoriums ebenso kontrolliert wie den Fernhandel. Sie seien in der
Lage gewesen, ihre Macht an ihre Nachkommen zu vererben und hätten mithilfe importierter
Luxusgegenstände den Lebensstil der etruskischen und griechischen Oberschicht kopiert. Andere Forscher
sehen hinter den Prunkgräbern eher Adelige oder Häuptlinge mit nur temporärer Macht und begrenzter
Kontrolle über Personen und Territorium.

Das fast vollständige Verschwinden von sehr reichen Gräbern in der Mittellatènezeit kann als Beleg für eine
größere soziale Gleichheit gedeutet werden. Aber auch veränderte religiöse Vorstellungen und dadurch
geänderte Bestattungsbräuche können diese Entwicklung verursacht haben.

Caesar nennt innerhalb der gallischen Gesellschaft drei soziale Gruppen: Druiden, „Ritter“ und die breite
Mehrheit der Bevölkerung, die fast wie Sklaven behandelt werde. Er benennt auch verschiedene Adelige
und Anführer, die über eine Gefolgschaft verfügten, Heiratsallianzen schlossen und im Krieg als Anführer
fungierten. In Noricum entstand bereits um 170 v. Chr. aus einer Adelsherrschaft eine Monarchie. Die
Druiden hatten nach Caesar Aufgaben als Priester, Richter und Lehrer. Funde von Fußketten deuten darauf
hin, dass es Sklaverei gab, was auch von Caesar erwähnt wurde.

Kunststile
Ein wichtiges Definitionskriterium und Merkmal der Latènekultur ist die reiche
ornamentale, teilweise auch figürliche Verzierung von Schmuck, Waffen und Gefäßen
aus Metall. Hinzu kommen einzelne Steinstelen. Die Definition und Untergliederung
von vier aufeinanderfolgenden Kunststilen der Latènekultur geht auf Paul Jacobsthal
zurück, der 1944 die grundlegende Arbeit dazu publizierte. Er beschrieb die
Übernahme und Umwandlung griechischer/etruskischer Motive, pflanzliche
Ornamentik, Tier- und Maskendarstellungen sowie Zirkelornamentik als wichtigste
Merkmale „keltischer“ Kunst.

Early Style: Zirkelmuster, Maskenmotive, Palmetten, florale Motive,


Mischwesen, etruskische Einflüsse v. a. in figürlichen Darstellungen,
orientalische Elemente, antithetische Tierdarstellungen.
Waldalgesheim-Stil: florale Elemente (anders als im Early Style), entsteht
nach den Einfällen in Oberitalien (Oberitalien oder Ostfrankreich und
Schweiz), Loslösung von mediterranen Vorstellungen, manchmal Kämpfe
im Ornament, keine zentrale Entwicklung, gemessen am reichen
Fundbestand findet man den Waldalgesheim-Stil selten, verschiedene
Formengattungen: Schwertscheiden (Italien), Fibeln (Schweiz), Halsringe Nachbildung der
(Ostfrankreich). Spitzenprodukte, hohe Exklusivität. Pfalzfelder Säule
Schwertstil (ab 275 v. Chr.): hauptsächlich auf Schwertscheiden in
Ungarn, Südostdeutschland, Böhmen und der Schweiz; figürliche Motive;
beabsichtigte Asymmetrie, Rankenornamente von rechts oben nach links unten; Verzierung ist
eventuell den Leinenbändern der Schwerter nachempfunden.
Plastischer Stil (ab 275 v. Chr.): Verzierung und Objekt werden eine Einheit, Ornament
überhöht wirkliche Plastizität; dreidimensionale Wirbelornamente und kugelige Elemente auf
Armschmuck und Fibeln: hohl gegossene Bronzereifen, Arm- und Fußringe, Eier- oder
Schalenringe, Hohlbuckelringe.

Fundorte (Auswahl)
Besondere Beachtung verdient der namengebende Fundplatz La Tène im Kanton Neuenburg in der Schweiz.
1857 entdeckte Hans Kopp in La Tène bei Marin-Epagnier bei Ausgrabungen am Neuenburgersee große
Mengen Artefakte, vermutlich Opferbeigaben. Die Gegend um La Tène war jedoch nicht Ausgangspunkt
der Latènekultur.

Deutschland
Atzbach bei Wetzlar: Rennöfen
Bad Reichenhall: Siedlungen in Karlstein; Metallurgiezentrum und Münzherstellung, Ursprung
des „Kleinsilbers Karlsteiner Art“
Bell (Hunsrück): Wagengrab von Bell
Beuren: Viereckschanze[8]
Bopfingen: Viereckschanze
Christenberg: Wallanlagen, Besiedlung aus der Frühlatènezeit
Dannstadt-Schauernheim: Gräberfeld bei Dannstadt
Donnersberg, Pfalz: Oppidum
Dünsberg bei Gießen: Oppidum
Falkenstein westsüdwestlich des Altkönigs am Treisbornbach
Fellbach-Schmiden: Viereckschanze
Fentbach: Oppidum
Glauberg, Hessen: Fürstensitz und Fürstengrab der Frühlatènezeit
Heidenmauer bei Bad Dürkheim/Pfalz: Oppidum
Kleinaspergle: Fürstengrab der Frühlatènezeit
Manching: Oppidum
Mudersbach bei Siegen: Rennöfen
Otzenhausen, Saarland: Ringwall von Otzenhausen, Oppidum „Hunnenring“
Reinheim: Fürstinnengrab
Steinsburg bei Römhild, Thüringen
Waldalgesheim: Waldalgesheimer Fürstengrab der Frühlatènezeit
Wetzlar: Siedlungsreste, Rollager, Rennöfen
Wilnsdorf-Obersdorf: Verhüttungsplatz mit Rennofen

Österreich
Dürrnberg bei Hallein (Salzburg): Gräberfelder und Bergwerke der späten Hallstatt- und frühen
Latènezeit
Goarmbichl in Vill bei Innsbruck: Überreste einfacher Behausungen, bedeutend als inneralpine
Lage

Schweiz
Basel: Oppidum
Bern, Engehalbinsel: Oppidum
La Tène am Neuenburgersee: der namengebende Fundplatz der Latènezeit
Münsingen, Kanton Bern: Gräberfeld Münsingen-Rain
Stallikon bei Zürich: Oppidum Uetliberg mit Fürstengrabhügel Sonnenbühl
Zürich: Reste keltischer Befestigungen auf dem Lindenhof am Standort des späteren
römischen Kastells

Frankreich
Mont Beuvray bei Glux-en-Glenne: Oppidum Bibracte

Siehe auch

Literatur
Rosemarie Müller: Latènekultur und Latènezeit. In: Reallexikon der Germanischen
Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 18, Walter de Gruyter, Berlin/New York 2001, ISBN 3-
11-016950-9, S. 118–124.
Björn-Uwe Abels: Die Ehrenbürg bei Forchheim, die frühlatènezeitliche Mittelpunktsiedlung
Nordostbayerns. In: Jörg Biel u. a. (Hrsg.): Frühkeltische Fürstensitze. Älteste Städte und
Herrschaftszentren nördlich der Alpen? Internationaler Workshop zur keltischen Archäologie in
Eberdingen-Hochdorf, 12. und 13. September 2003 (Archäologische Informationen aus
Baden-Württemberg; Bd. 51). Stuttgart 2005, ISBN 3-927714-79-8, S. 42–47.
Richard Ambs: Die keltische Viereckschanze bei Beuren (Berichte zur Archäologie im
Landkreis Neu-Ulm, Bd. 4), Neu-Ulm 2011, ISBN 978-3-9812654-2-2
John Collis: The Celts. Origins, myths & inventions. Tempus Books, Stroud 2003, ISBN 0-
7524-2913-2.
Janine Fries-Knoblach: Die Kelten. Kohlhammer, Stuttgart 2002, ISBN 3-17-015921-6.
John Collis (Hrsg.): The European Iron Age. Routledge, London 1997, ISBN 0-415-15139-2.
Paul Jacobsthal: Early Celtic art. Clarendon, Oxford 1969 (Repr. d. Ausg. Oxford 1944).
Michael A. Morse: How the Celts came to Britain. Druids, ancient skulls and the birth of
archaeology. Tempus Books, Stroud 2005, ISBN 0-7524-3339-3.
Felix Müller (Hrsg.): Kunst der Kelten. 700 v. Chr. – 700 n. Chr. Verlag NZZ Libro, Bern 2009,
Belser Verlag, Stuttgart 2009, ISBN 3-7630-2539-1.
Sabine Rieckhoff, Jörg Biehl: Die Kelten in Deutschland. Theiss, Stuttgart 2001, ISBN 3-8062-
1367-4.

Weblinks
Commons: Latène-Kultur (https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:La_T%C3%A8ne_cult
ure?uselang=de) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Latène-Kultur – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Wiktionary: Latènezeit – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Weblinks zur Latènezeit (http://www.archaeologie-online.de/links/154/157/212/index.php) bei
www.archaeologie-online.de (Archivlink (http://web.archive.org/web/20170630190243/http://w
ww.archaeologie-online.de/links/154/157/212/index.php))
Latènezeit in Oberfranken (http://www.landschaftsmuseum.de/Seiten/Lexikon/Latenezeit.htm)
(Landschaftsmuseum Obermain Kulmbach, Archivlink (http://web.archive.org/web/2019050601
3746/http://www.landschaftsmuseum.de/Seiten/Lexikon/Latenezeit.htm))
Frühlatènezeit in Hessen (http://www.hassiaceltica.de/) (Archivlink (http://web.archive.org/web/
20190805181507/http://hassiaceltica.de/))
Gilbert Kaenel: Latènezeit. (https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008015) In: Historisches Lexikon
der Schweiz.

Einzelnachweise
1. Daten aus der Zeittafel in Die Welt der Kelten. Zentren der Macht. Kostbarkeiten der Kunst.
Thorbecke, 2012, ISBN 3799507523, S. 524 f.
2. La-Tène-Zeit. (http://www.duden.de/rechtschreibung/La_Tene_Zeit) duden.de, abgerufen am
1. Januar 2015.
3. Rosemarie Müller: Latènekultur und Latènezeit. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko
Steuer (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, begründet von Johannes
Hoops, Band 18. 2. Aufl. Berlin / New York 2001, S. 118–124
4. András Mócsy: Die Bevölkerung von Pannonien bis zu den Markomannenkriegen. Verlag der
Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Budapest 1959. S. 65.
5. Éva B. Bónis: Römische Keramikforschung in Ungarn. In: Rei Cretariae Romanae Fautorum
Ubique Consistentium acta. 1958. S. 9
6. Zsolt Mráv: Castellum contra Tautantum. Zur Identifizierung einer spätrömischen Festung. In:
Ádám Szabó, Endre Tóth (Hrsg.): Bölcske. Römische Inschriften und Funde – In memoriam
Sándor Soproni (1926–1995) Libelli archaeologici Ser. Nov. No. II. Ungarisches
Nationalmuseum, Budapest 2003, ISBN 963-9046-83-9, S. 354.
7. Johannes Lang: Geschichte von Bad Reichenhall. Ph.C.W. Schmidt, Neustadt/Aisch 2009,
ISBN 978-3-87707-759-7, S. 50
8. Beurener Keltenschanze: Pionierleistung in der Keltenforschung (http://www.markt-pfaffenhofe
n.de/old/731/2011/html/beurener_keltenschanze.htm) markt-pfaffenhofen.de, Archivlink (http://
web.archive.org/web/20150101105756/http://www.markt-pfaffenhofen.de/old/731/2011/html/be
urener_keltenschanze.htm)

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Diese Seite wurde zuletzt am 29. Januar 2020 um 20:43 Uhr bearbeitet.

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