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Apolitische Praxis - politische Apraxie?

Be-Handlungsethik zwischen palaverndem Anspruch


und zynischer Wirklichkeit

Ulrich Kobbe

Zusammenfassung:
Der lieitrag befragt die klinisch-psychologische Praxis einer forensischen Psychiatrie
auf ihr Verhältnis / u r Macht sowie die VcrliällnisinüOigkcil der Anwendung unmit-
telbaren /.wangs. Versuclil wird eine theoretische Positionierung der in actu wirksa-
men Praxis im Kontext sozialpsychialrisclier Ideale einerseits und realer fremd- und
sclbslaggrrssiver Gefährdungen andererseits, Entsprechend diskutiert der Verfasser
aktuelle l'Yagcn der Vcrantwortungs- und Enlscheidiingsiibernahmc anhand theoreti-
scher Konzeptionen Koncaults zu einer E t h i k der Sclbstsorgc, Fürsorge und Wahr-
heitssorgc. Hierbei entlarvt sich "Gefährlichkeit" als zwar gemeinhin frcnidatlribn-
icrtc, jedoch keineswegs pcrsönlichkeitsinliärente Eigenschaft. Die Umselzbarkeit
derartiger - znna'chs'l sehr theoretischer - Rcflcklioncn in konkrete, progressiv zu
entwickelnde Alltagspraxis wird am Beispiel der sog. "Absonderung" frcmd-
uiid/oder srlbstgffälirlicher Patienten diskutiert, dabei hinsichtlich ihrer z.T. undia-
leklisclien Pragmatik und zynischen Konsequenzen für den sich in V e r a n t w o r t u n g
begehenden Psychologen problemalisiert.

Du kannst dich zurückhalten von den Leiden der Well,


das ist dirjreigeslelll und entspricht deiner Natur,
aber vielleicht isl gerade dieses Zurückhalten
tlus einzige l.ckl. das Du vermeiden könntest.
(KaJkaI918,Aph. 104)

Ungeschriebene Gesetze!
Idealistische Forderungen nach einer Handlungs- und Behandlungsethik bc-
slininilcn die anti- und sozialpsychiatrischen Diskussionen früherer Jahre. Zu
fragen ist also nach ihren tatsächlichen Auswirkungen im konkreten Kranken-
h a u s a l l t i i g als dem Ort, an dem die Politik der Seele das Subjekt - und zwar
sowohl das Subjekt des Patienten wie das des Bchandlers - betrifft. Ausgehend

/eilsclirili für l'olmscliü Psvclwloi'.iu. Jy. fi. I')"X. Nr M2. S - I I -


42 /.cilschnl'l für Politische Ps\choloeic. Jn <•>. 1 kohlv lic-l liimlliinysc-lhik /uisjicn p;il;i\cTiulc-m A n s p r u c h und /Miisclicr Wirklichkeit 43
von der eniüclilcnidcn Alllagspraxis einer forensischen Psychiatrie, in der sieh kret beinhaltet dies, daß selbst- und/oder fremdgefährliche Patienten zur Ab-
Diskurse der Politik, Justiz, Medix.in und Psychologie treffen, mithin ergänzen wehr der festgestellten oder - wie es heißt - "begründet vermuteten" Gefahr für
und in Frage stellen, muß die ethisch-moralische Verantwortbarkeit der An- sich oder andere in einem speziellen Raum "abgesondert" werden.
wendung unmittelbarer Gewalt als Mittel der Gefahrenabwehr insbesondere Halten wir fest: Bereits das alltägliche Behandlungssetting ist als institu-
auch diskutiert werden, weil die o.g. Ideale uns mit ausschließlich ungeschrie- tionelle Pragmatik davon geprägt, daß die sozialpsychiatrische Forderung nach
benen Gesetzen - Moralcn, Ethiken - konfrontieren (Kobbe 1998b), deren einer an individueller Erfahrung, an Empfinden und Handeln, an Umgebung
Verbindlichkeit und praxisbezogene Konkretheit anhand der real vorfindbaren und Geschichte ansetzenden Rekonstruktion des Subjektiven nur bedingt ein-
Praxis diskutiert werden muß. Denn während gesellschaftliche Konfliktregc- gelöst werden kann. Immerhin müßte diese rekonstruktive Arbeit ggf. "quer zu
luug reaktiv-präventiv durch soziale Ausgrenzung und psychiatrische Einsper- den institutionellen Strukturen laufen" (Herzog 1980, 17). Diese institutionellen
riing des psychisch gestörten / kranken Straitäters eiTolgl, ist der intraminale S t r u k t u r e n sind - wie bereits an anderer Stelle skizziert (Kobbe 1995, 387-388)
Khnikalllag nun u. U. durch aggressives Agieren des Patienten, eventuell auch - durch l leiTschaftsverhällnissc, durch einen Nexus von Machtwissen und la-
durch gegenaggrcssives Rc-Agicren der Bchandler bestimmt. tenten u ic offensichtlichen Machtpraktiken charakterisiert, durch die sich "die
Ich werde versuchen zu skizzieren, Akzeptabililät eines Systems - sei es das System der Geisteskrankheit, der
• daß und wie das eigene psychologische Arbeitsfeld in der forensischen Strafjustiz, der Delinquenz, der Sexualität usw. - erfassen läßt" (Foucault 1992,
Psychiatrie von Mechanismen struktureller Gewalt und individueller Machl-
ausstattnng mitbedingt ist,
• in welcher Weise sozialpsychiatrische und psychiatriepolitische Vorstellun-
gen eingelöst werden können bzw. 'verraten' werden müssen,
• ob oder wie dies legitimiert werden kann und muß, dies auch, wenn jede Strukturelle Gewaltverhältnisse
Thcoriearbcit (vgl. Robbe 1997 2 ) als "Attribut" der Praxis "zwangsläufig"
zur Lcgitimationsfassade zu geraten droht (Negt und Kluge 1981, 483-484). Auf das Ereigijis der Absonderung des aktuell selbst- oder freindgefährlichen
Patienten zurückkommend, geht es mithin um die Anwendung unmittelbaren
Zwangs bzw. unmittelbarer Gewalt und um die dies ermöglichende Entschci-
dungs- und Verfügungsgewalt. In diesem Zusammenhang diskutiert Jervis die
gesellschaftliche Rolle des Psychiaters analog zum hier psychiatrisch tätigen
Das psychologische Praxisfeld Psychologen und führt aus, "daß der Psychiater keine Figur, kein Individuum
Ich arbeite seit 13 Jahren in einem forensisch-psychiatrischen Krankenhaus, ei- ist, welches eine vom Rest des gesellschaftlichen Mechanismus losgelöste
ner Einrichtung des sog. Maßregelvollzugs mit dem Auftrag, psychisch kranke Aufgabe erfüllt, sondern daß seine Aufgabe sich nahtlos in die anderen Formen
bzw. psychisch gestörte Rechtsbrecher unter Sicherungsbedingungen zu be- einfügt, in denen die Gesellschaft, in der er wirkt, organisiert ist" (Jervis 1979,
handeln. Vorgenommen wird also ein zeitlich unbefristeter Freiheitsentzug als 77). Aufgrund dieser technisch-funktionalen Rolle komme ihm Macht über den
sog. 'Maßregel der Besserung und Sicherung', um einerseits die Allgemeinheit Patienten als "objektive Seite der A u t o r i t ä t " zu, die auf ihre Werte und ihre
vor weiteren schweren Straftaten zu schützen und andererseits zugleich eine l ImsiM/uiig hin zu befragen sei Was also vom Psychiater oder Psychologen als
angemessene Behandlung des Betreffenden zu ermöglichen. Ich will hier nicht "Techniker des praktischen Wissens" (Sartre) erwartet und verlangt wird, ist
auf die an anderer Stelle (Kobbc I992a; b) erörterten Fragen der Freiwilligkeit "die Übersetzung von abstraktem Herrschaftsvvissen in institutionelle Praxis,
versus Unfrciwilligkcit, der Diskretion und Verschwiegenheit, der Artefakte im die 1-iinktionalisierung und Legitimation von Macht durch Funktionalisicruug
therapeutischen Arbeitsbünduis usw. zu sprechen kommen (Kobbe 1992a; b) ihrer selbst" (Basaglia und Basaglia-Ongaro 1 ( )SO, 12-13).
Interessant und bedeutsam erscheint mir unter politisch-psychologischen Diese ant (psychiatrische Position charakterisiert Psychiatrie, Psychologie
Fragestellungen die Untersuchung der ethisch-moralischen Aspekte einer Ver- und Psychoanalyse als ursprünglich "dem Kampf für die Befreiung des Men-
antwortungs- und Entscheidnngsübernahme im Kontext von Leitungsfunktio- schen zunächst neue Chance und Ausblicke" eröffnende Wissenschaften, deren
ncn in einem solchen Krankenhaus. Denn: Als berciehslcitcndcr Psychologe Vertreter im Verlauf ihrer Instilutionalisierung und Funktionalisicrung nun aber
bin ich nicht nur mit der fachlichen Beratung, Supervision und Sicherstcllung geschult seien, "Konflikten vorzubeugen, Unruhe abzuwenden, Dissens zu ent-
adäquater Psychotherapie für diese Patienten befaßt, sondern auch mit der An- schärfen, kurz, die 'Normalisierung' der Verhältnisse voranzutreiben. Es ist
ordnung unmittelbaren Zwangs zur akuten Gefahrcnabwehr konfrontiert. Kon- grotesk und tragisch, daß I n t e l l e k t u e l l e , indem sie sich an die Institutionen der
44 Zeitschrift l'ur Politische Ps\chok>mc. Jg <>. I'' V 'X Kuhlie l(c-1 luiidtungüclhik /.\\ischcn palaverndem Anspruch und /.\iiischer Wirklichkeit 45
Macht anbiiuicn, unter dein Schein der Hilfeleistung die Opfer de Macht voll- schamlos-mvasive Kontrolle des Körpers analog der von Mishima (1986, 343)
ends entwaffnen: In der Pose des Samariters geben sie ihnen den tödlichen literarisch verdichtet als peinliche Prozedur beschriebenen Examinierung, bei
Kuß" (Basaglia und Basaglia-Ongaro 1980, 22). Deutlich wird, wie gerade wir der jener andere
Psychologen Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre die Professio- "alles abzulegen hälfe, bis er splitternackt dastand. Man untersuchte seinen auf-
nalisierung von Interventionswissen und deren Anwendung als Legitimationsa- gerissenen Mund bis zum letzten Backenzahn, und nachdem ihm gründlich in die
genten staatlicher Kontrolle abzulehnen lernten und im vielzitierten 'Marsch Nasenlöcher, in die Ohrgange, und nachdem man ihn bei erhobenen Armen von
durch die Institutionen' idealistische Forderungen nach authentisch- vorn geprüft, mußte er auf allen vieren kriechen, um von hinten examiniert zu
werden. Mit solcher Rücksichtslosigkeit behandelt, wurde einem der eigene
uncigennülziger Hilfe für die ohnehin gesellschaftlich und sozial Benachteilig- Körper immer fremder, und man halle schließlich das Gefühl, lediglich die Ge-
ten vertraten. danken noch blieben einem als unantastbarer Besitz erhalten. Diese Vorstellung
Gerade deshalb sind die Machtverhältnisse zu untersuchen, wie sie von schon bedeutete ein Entrinnen aus all der Erniedrigung "
Foucault (1978; I996a; 1996b) als //; nein wirksames Handeln charakterisiert Diese fraglos entwürdigende Prozedur soll suizidale Handlungen verhindern.
werden, das den Status des Individuums in frage stellt, "es an seine Identität Benque (1996, 28), ehemaliger Abteilungsleiter der medi/.inisch-
fesselt, ihm ein Gesetz der Wahrheit auferlegt, das es anerkennen muß und das psychiatiischen Abteihing in einer französischen Strafvollzugsanstalt, be-
andere in ihm anerkennen müssen. Es ist eine Machtform, die atis Individuen schreibt diesen Konflikt wie folgt:
Subjekte macht" und auf den zweifachen Aspekt verweist, "vermittels Kontrol- "Die Realität kommt auf ihre Kosten, wenn ein Gefangener tot aufgefunden
le und Abhängigkeit jemandem unterworfen zu sein und durch Bewußtsein und wird, erstickt, nachdem er seine Matrat/e angezündet hat. 'Sie können scigen,
Selbsterkenntnis seiner eigenen Identität verhaftet zu sein" (Foucault I996a, » < ( s .S'/c' wollen, nhei- halle niiin Hin iniL-kl in Jer '/.eile ^e/iixxen, halle er xciii
2 l ) . Denn das konkrete Handeln muß daraufhin befragt werden, was von dein l-eiicrzeii£ in seiner T<ixc/ie nicht finden können!' Was die Vorschriften betrifft,
sozialpsychiatrischen Ideal bleibt, der institutionellen Pragmatik der Psychiatrie verbietet die Strafvollzugsordnung Erniedrigungen, autorisiert jedoch auch, dem
Gefangenen jeden für ihn oder für andere gefährlichen Gegenstand zu nehmen.
eine radikale Stellungnahme für das Subjekt entgegen zu stellen, und inwieweit
Was gibt es Gefahrlicheres als ein Kleidungsstück, mit dem man sich erhängt?"
therapeutische Parteinahme und sozialpolitische Verantwortungsübcrnahme für
das gesellschaftlich verfemte Subjekt im Kriscnfall zum nndialektisch erstarr- Und er fügt an, in einer solchen Situation, die durch den institutionellen Rah-
ten Entweder-Oder, zur Krisenfalle ohnmachtiger Gewalttätigkeit versus ge- men bis zu diesem Punkt pervertiert werde, sei es wesentlich, nicht in 'polari-
sierende Demagogie' zu verfallen. Es müsse vielmehr darum gehen, dem Indi-
wallausübender Ohnmacht geraten. Dieser Aspekt der Wahrheit und Macht (z
viduum seinen ursprünglichen Respekt zurückzugeben bzw. zu garantieren,
B. Foucault 1982a, 67) macht deutlich, wie sehr konkrete Praxis zwischen dem
sprich, ihm seine Kleidung auszuhändigen. Denn:
Anspruch palavernder Aufklärung (Bergfleth 1984a) und reflexiv gefedertem
zynischem Bewußtsein (Slolerdijk 1983; Bergfleth 19841), 194) eingebettet ist "Der Diskurs der Würde des Menschen beginnt und endet nicht am Ideenhimmel
der Philosophen, sondern in der gesellschaftlichen Praxis" (Basaglia und Basag-
bzw. oszilliert. lia-Ongaro 1980, 60).

Alltägliche Gewaltverhältnisse
Denn die konkrete Situation des Patienten in der von mir angeordneten Abson- konkrete individuelle Praxis
derung ist durch die Unterbringung in einem sog. Intensivbehandlungs- oder
Am konkreten Beispiel läßt sich aufzeigen, daß und wie die Verhältnisse von
Intensivbctrcuungsraum (1BR) gekennzeichnet, der nichts außer einer Boden-
GcTahrcnnbwchr und Fürsorge, von nnmitlelbareni /.wang und Respekt kom-
malratze, einer Bettdecke und einer Naßzelle mit Waschbecken und Toilette
plex und in ihrer Widcrspriichliehkeit unauflösbar sind: Als wir im letzten Jahr
enthält und in dem der Patient über eine elektronische Rufanlage mit Kran-
einem Patienten in der Absonderung Kleidung und Feuerzeug ließen, ihn also
kcnpflegcpersonal in Verbindung treten kann Jedoch nicht nur das: Zu seiner -
nicht 'streng' absonderten, m i t h i n seine Würde just nicht anzutasten suchten,
und seien wir wahrhaftig - auch zur eigenen Sicherheit wird dem Patienten
zündete dieser Kleidung und Bettzeug an. Eine Dynamik, die psychodynamisch
nichts von seinem Besitz und seiner Kleidung gelassen, muß er sieh vollständig
als alloplaslisch-auloplastischc Kippsituation eines aggressiv unterlegten Be-
entkleiden und als einziges Kleidungsstück ein sog. 'festes Hemd' aus Leinen
gehrens in dessen narzißtisch-autodestruktive Negation versiehbar wäre,
anziehen, wird er zudem unter Umständen noch rektal untersucht. Es ist eine
4(> Zeitschrift Im Politische Psychologie. Jg <>. l l "'S l koblv lie-l lamllungsclluk /uisehcn püla\cmdcm Anspruch und /Muschel Wirklichkeit 47

• da in diesem situativen Mangelerleben, dieser subjektiv erlebten Leere kein in das sog. 'besonderes Gewallverhältnis', dem alle z.wangeingewiesenen 'ge-
hinreichend strukturierendes, angstbindcndes Sprechen mehr verfügbar war, fährlichen Geisteskranken' unterworfen waren. Damit bestand nach damaliger
• und so die Projektion des aus einem Mangel resultierenden fundamental ge- Auflassung zwischen Patient und Staat kein Rechtsverhältnis mehr, sodaß we-
walttätigen Begehrens (Bergerct 1984, 63) auf den abwesenden anderen, ms der besondere Grundrechte noch ein Gesetzesvorbehalt oder richterliche Kon-
Nichts also, zur bumerangartig rückkehrendcn Wendung dieser Wutaffekte trollen griffen und sich der Patient in einem quasi rechtsfreien Raum willkürli-
gegen sich selbst geriet. cher Macht- und Gewaltverhältnisse befand. Für den Maßregelvollzug wurde
Keineswegs psychologisch verständnisvoll oder einfühlsam hingegen leitete die mit der 1934 verabschiedeten Verordnung über den Vollzug von Maßregeln
zuständige Staatsanwaltschaft aufgrund der leichten Rauchvergiftung gegen der Sicherung und Besserung die Ausgestaltung der Unterbringung weiterhin
den verantwortlichen Entscheidungsträger, mich also, ein durchaus reales Er- im wesentlichen den jeweiligen örtlichen Ausfalls- und Hausordnungen über-
mittlungsverfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung ein. Nach Monaten lassen. Das 'besondere Gewallverhältnis' mit unter Umständen weil über den
traf an meiner privaten Wohnadressc - wohlgemerkt, nicht in meiner Dienst- Freiheitsentzug hinausgehenden Eingriffen in Persönlichkeitsrechte wurde fort-
stelle im Krankenhaus - die lapidare Mitteilung ein, das Ermittlungsverfahren geselzt, sodaß Einschränkungen von Außenkontakten - Post, Besuchen - sowie
sei "eingestellt". Anders ausgedrückt: Das In-Verantwortung-Nehmen und die sog. 'l lausstrafen' bis hin zu 'verschärftem Arrest' unter Entzug des Bettlagcrs
subjektiv wahrgenommene Bedrohung waren keineswegs mehr nur symboli- und Koslschmälerung möglich waren.
scher oder imaginärer Art und auf mich in meiner funktionalen Rolle gerichtet, Auch nach Inkrafttreten des Grundgesetzes blieben diese Verordnungen
sondern in ihrer - mir bis dahin unbekannten - Dimension der Ausdehnung auf über den Vollzug und die durch sie legitimierten Anstalls- und Hausordnungen
mich als Gesamtperson, im damit verbundenen Einbruch ins Private ungemein in Kraft. Erst ein Beschluß des Bundesverfassungsgerichts vom 14.03.1972
real und potentiell existentiell bedrohlich. seibot die Fortsetzung dieser entrechtenden Praxis, beendete damit juristisch
Gewissermaßen ist diese staatliche Intervention analog zur konkreten die Rolle des strafrechtlich Untergebrachten als willkürlich zu behandelndem
(para)suizidalen Handlung des Patienten im Sinne eines symbolischen Tauschs, Objekt staatlicher Gewallausübung und sprach ihm den Status eines Rechts-
einer - erzwungenen - symbolischen Anerkennung des anderen (Baudrillard subjekts zu, das grundsätzlich alle vom Grundgesetz garantierten Rechte -
1982, 212), auf einer ebenso realen Ebene sozialer Tötung' angelegt. Wie er- Rechtsansprüche wie Rechtsschutz - gegenüber dem Staat und seinen Organen
sichtlich, divergieren juristische und ethische Vcrantwortungsdefinitioncn, hat.
doch konvergieren sie insofern, als durch den "gesellschaftlichen Tauschakt" Diese forensisch-psychiatrische Vergangenheit - oder doch noch rezente
eine gemeinsame soziale Beziehung (wicder)hergestellt wird: "Der Preis, den Gegenwart? - legt die Untersuchung aktueller Machtausübung nahe, da einer-
wir für die »Realität« des Lebens bezahlen, [...] ist das kontinuierliche Phan- seits pragmatische Psychiatriercform und Rechtsgarantien die Intemalisicrung
tasma des Todes" (Baudrillard 1982, 210). der psychiatrischen Gewalt im Subjekt selbst nicht verhindern bzw. aufheben
(Herzog 1980, 17) und andererseits auch sozialpsychologisch-sozialpolitische
Konzeple der Selbslverwirklichung und Selbsthilfe als Selbstverantwortung
darauf zu befragen sind, inwieweit sie Formen verinnerlichler Gewalt im Ge-
Besondere Gewaltverhältn isse wand innerer Freiheit darstellen (Osterkamp 1988). In diesem Bereich ist also
die K l u f t /Avischen Ideologie (Heilung, Hilfe) und Praxis (gesellschaftlicher
Jenseits der alltäglichen Auseinandersetzung mit ggf. erforderlichen und offen-
Ausschluß, Gewaltanwendung) offensichtlich (Basaglia und Basagha-Ongaro
sichtlichen Machlpraktiken der Anwendung unmittelbaren Zwangs muß an die- 1980, 13).
ser Stelle auf die historisch tief verankerte Zwangslradition der psychiatrischen
Anstalten, wie er sich in der früheren Auffassung vom 'bexontleren ticwallvcr-
hältnis' ausdrückte, eingegangen und ein historischer Exkurs gewagt werden
(Kobbc 1996, 103-108, 135-137).
In der Rechtsfolge des aus dem 18. Jahrhundert herrührenden Preußischen Ethiken der Sorge
Allgemeinen Landrechts (ALR) regelle auch das Reichsstrafgesetzbuch des Angesichts dieser Konvergenz von historisch-institutionellen, strukturell-
Jahres 1871 in 51 RSlGB die Rechtsgarantien des strafrechtlich exkulpierten abstrakten und individuell-konkreten Machtdiskursen und -praktiken muß das
psychisch Kranken noch nicht. Statt dessen fielen alle über den bloßen Frei- konkrete Handeln daraufhin befragt werden, was aus dem sozialpsychiatri-
heitsentzug hinausgehenden Rechtsbeschränkungcn wie Bctrcuungsanspriichc schen Ideal wird, der institutionellen Pragmatik eine radikale Stellungnahme,
l kolilv Hf-l l.indliingsillnk /uischcn |>ahuTiidi:m Anspruch und /uiischcr Wirklichkeit

eine engagierte Sorge für das Subjekt entgegen /u stellen. H i n s i c h t l i c h der fak- n i c h t als unmoralisch so doch als a-moralisch zu charakterisieren. Denn para-
tischen Divergenz von juristischen und ethischen Verantwortungsdefinitionen doxerweise sei renini\rorii/ng immer Angelegenheit der anderen, was jedem
entwirft Foucault die Vorstellung, das heutzutage entwertete Konzept der l cr- gestatte, niemals tatsächlich verantwortlich zu sein. Und mehr noch autorisiere
anlworlttiig durch das der Sorge für sich selbst und für andere zu ersetzen l'eranlwortuni; sogar zur Ausübung moralisch verwerflicher Handlungen nach
(Kobbe 1998a, 151). Es ist der Versuch, eine "allgemeine Haltung" zu sieh und dem zynischen Motto 'l 'erantwurllich, uhe. r nicht schuldig'. Das Konzept der
den anderen, eine Umkehrung des Blicks i.S. selbstrcllexiver Handlungs- und Selhstsorge hingegen wird von Foucault (1984b) als in sich ethisch begriffen.
Seinsweisen (Foucault 1982c, 32) zu entwickeln. Dieser "Ethik des Selbst" ist Denn Selbstsorge impliziert bei ihm komplexe Beziehungen zu und mit ande-
eine philosophische Denkhaltung eigen, bei der Foucault das Subjekt nicht als ren m dem Maß, in dem dieser "elhos" der Freiheit auch eine Art und Weise
Rechtssubjekt, sondern als ethisches Subjekt begreift und konz.eptualisiert: darstellt, sieh um andere zu sorgen. Dieses Verhältnis von Verantwortung und
Von einer ursprünglich fundamenlal-ontologischen Problematik ausgehend, er- Sorge verhält sich ä h n l i c h wie das von (ierec/i/igkeil zu l-'reilicit:
setz.l Foucaiilt (197-1, 339-3-11) diese nunmehr durch eine quasi "etho- "Wir h;iben niiiürlich niclils gegen Gerechtigkeit, dennoch hüllen wir es
praktische" Sclbstbegriindung des Subjekts, da am Anfang der Subjcktwerdung für legiliin. darauf hinzuweisen, daß dieses Wort hier die grundlegende
keine freie bestimmte autonome Praktiken des Selbst standen. In dieser An- Wahrheil ihres Gegenteils verdeckt, nämlich der Freiheit. Unter der Mas-
knüpfung an eine antike Ethik, eine Art Lebenskunst (lechne) des Selbst, "gibt ke der Gerechtigkeit nimmt die allgemeine Freiheit allerdings das öde
es eine andere Seite der Moralvorschriften, die zwar meistens nicht als solche und graue Aussehen der den Notwendigkeiten unterworfenen Existenz
isoliert werden kann, aber m.F. sehr wichtig ist: die Art der Beziehung, die an: es ist eher eine Reduktion ihrer Grenzen auf das rechte Maß, nicht
die gefährliche Entfessselung - eine Bedeutung, die der Begriff verloren
man zu sich selbst hat, der Selbstbezug, den ich Ethik nenne und der bestimmt,
hat. Es ist ein Schutz gegen das Risiko der Knechtschaft, nicht die Ent-
wie das Individuum sieh als vermeintlich moralisches Subjekt der eigenen schlossenheit, die Risiken einzugehen, ohne die es keine Freiheit gibt"
Handlungen konstituiert" (Foucault 1984b, 83). (Bataille 1985,65).
Hieraus entwickelt Foucault neben der zwangsläufigen Sorge des Sub-
Mit einer derartigen Konzeption vertritt Foucault neben der Sorge U/H sich der
jekts für sich - und andere - einen philosophischen Begriff der Sorge, die als
Sorge um die linderen auch eine dritte Richtung der Sorge um die Wahrheit'.
selbstbewußte und selbstbestimmte Arbeit am Ich einer speziellen ll'uhrheiis-
Diese drei Sorge- oder Lenkungsnchtungen hängen insofern miteinander zu-
sorge verpflichtet ist. Neben den "Herrschaftstechniken" der (Selbst-) Beherr-
sammen, als man, um sich selbst führen zu können, einen anderen benötigt, der
schung in Asylen, Gefängnissen usw. seien die Techniken des Selbst mit einer
einem als Referenz "die Wahrheit sagt" (Seitter 1996, 123). Unter diesem Mut
Reihe von "Wahrheitsverpflichlungen" in Betracht zu ziehen (Foucault 1980.
zur Wahrheit oder Wahr-Sagcn versteht er eine Haltung, bei das Erkenntnis-
36), aus denen Wahrhaftigkeit i. S. von Selbsterkenntnis, Selbstbewußtsein,
Subjekt sich keineswegs selbstabsichert, sondern sich in eine aktiven Ausein-
Selbstzweifcl möglich werde. Dieser lYahrlieilx.wrf'c ist auch eine F.thik der
andersetzung mit einer Wahrheit begibt, zu der ein Zugang nur unter der Be-
Evidenz eigen, die die Relativität |eder Gewißheit focussiert und die Forderung
dingung bzw. um den Preis der eigenen Veränderung möglich ist (Seitter 1996,
nach Einnahme einer "Grenz-Haltung" impliziert, bei der die Sorge um sich
124). Denn "die langen Diskussionen über die Möglichkeit einer Wissenschaft
dem Subjekt auch eine Anteilnahme an der Sorge, "die die anderen um sich
vom Subjekt, die Gültigkeit der Introspektion, die Evidenz des Gelobten oder
selbst haben sollen", impliziert (Foucault I984a, 74). Anstelle einer Moral der
die Seihst pniscux des Bewußtseins" seien insgesamt problematische Wahr-
Selbstlosigkeit des Selbstverzichts bzw. des Nicht-Egoismus wird eine CHIC
heilsdiskurse (Foucault 1976, 83): Sie beinhalteten "Prozeduren lies Geständ-
a n t i k e griechische Moral der Selbslsorge skizziert: Als Arbeit an sich selbst ist
nisses und der wissenschaftlichen Diskursiviläl", also "eher zuviel als zuwenig
die Sorge um sich keineswegs "Sinekure", sondern Selbstzuwendung, aus der
Diskurs". Dieser Wille zum Wissen ziele jedoch auf eine Wahrheitsproduktion
heraus erst die Hinwendung zu den anderen erfolgen kann (Foucault 1989, 7 l ) .
logischer, operationaler Aussagen als entscheidende Form des Macht-Wissens
Zu dieser Konzeption erläutert Ewald (1996, 25), der ethische Begriff der
hin, die sogar als Projekt einer Wissenschaft von Subjekt nur eine Funktion ge-
Sorge sei dennoch ziemlich genau deckungsgleich mit dem der l 'emntmir-
sellschaftlicher M a c h t t a k t i k e n darstelle (Foucault 1976, 90). Die Sorge um die
ntiig': Wie Sorge beziehe sich l 'cmntwurtiing auf das Feld der privaten und
ll'd/irlie/t hingegen bedinge eine potentielle Infragestellung des Selbst.
öffentlichen Machtbcziehungcn. Wie Sorge beschreibe !'eruiii\\'or/iiiig die
So gehl es in einer Art sokralischem Dialog darum, daß das Individuum
doppelte Beziehung sowohl zu sich selbst als auch zu den anderen. Allerdings
kcmesuegs seine Phantasmen, Impulse oder Intentionen, sondern vielmehr sei-
sei die ethische Dimension der remnlwortung mit ihrer Verrechtlichung regel-
ne Konzepte und deren Beziehung zum konkreten Handeln untersucht (Kobbe
recht aufgelöst worden und l'erantvmrtung in ihrer heutigen Bedeutung wenn
|9<;8a. 152 - 153). In diesem Sinne ist Se/hM.\orge als konkrete soziale Praktik
^{1 /cilschntt i u r Politische Psychologie. Jg. d. l l ' l 'S l i kobbc l!c-l kmdlungsclluk /uischcn pakncniilcm Anspruch und /.ymscher Wirklichkeit ."> /

zu verstehen, die die Freiheit .des anderen insofern anerkennt und respektiert, Bezogen auf die vorfindbare Praxis der eigenen forensisch-psychologischen
als damit einseitige Zuschreibungcn von Schuld, Krankheit, Gefährlichkeit ver- Praxis wurde auf der Grundlage der oben skizzierten Überlegungen und Hal-
sus Verantwortung, Kompetenz usw. aufgehoben und wechselseitige, kongru- tungen versucht, die Anwendung unmittelbaren Zwangs im Kontext intensivier-
ente und komplementäre Interaktionsmöglichkeiten wieder hergestellt werden ter Sozio-, Milieu-.und Psychotherapie radikal zu reduzieren (Kobbe 1997-
könnten. !998a).
Mithin geht es Foucault um eine insgesamt kritische und selbstkritische Hal- Inwieweit dies gelingen konnte, belegt die nachfolgende Statistik einer
tung einer Ethik, in der Kritik als eine philosophische Dcnkbewcgung verstan- der Stationen des Bereiches 111 im Westf. Zentrums für Forensische Psychiatrie
den wird, "in welcher sich das Subjekt das Recht herausnimmt, die Wahrheit Lippstadt, für die ich seit Mitte April 1995 , d.h. seit dem II. Quartal 1995 be-
auf ihre Machteffektc hin zu befragen und die Macht auf ihre Wahrheitsdiskur- reichsleitend verantwortlich bin. Die Station ist mit ihren zwei Wohngnippen ä
se hin. Dann ist die Kritik "die Kunst der freiwilligen Unkncchtschalt, der re- 9 bzw. 10 Soll-Betten planmäßig Lcbensraum für 19 schwer und schwerst per-
flektierten Unfügsamkeit" (Foucaull 1992, 15). Insofern geht es um die Erlan- sönlichkcilsgcslörtc Patienten, seit dem I I . Quartal 1997 allerdings mit einem
gung einer autonomen kritischen Position des andererseits keineswegs souve- zusätzlichen Patienten (über)belegt.
.räncn und konstitutiven Subjekts (Foucault I984a, 137), in der es eine verlaßli- Um einen realistischen Vergleich zu ermöglichen, wurden für die Quartale
che Vorstellung der Erkenntnis und ihrer Grenzen gibt (Foucault 1992, 17-18) l V/94 bis 111/97 nicht Patienten- oder Absondcrungszahlen, sondern die Gc-
und folglich versucht werden muß, eine moralische und politische Haltung, ei- saml-Behandhingstage und die Absonderungstage ausgewiesen, zueinander ein
ne Dcnkungsart zu entwickeln, die Foucault (1992, 12) als "Kunst nicht regiert Beziehung gesetzt und prozentual berechnet.
zu werden" charakterisiert. Dieser Nexus von Macht, Wahrheit und Subjekt
impliziert eine Transformation des Umgangs
• mit der Autorität anderer wie des Gesetzes (Kobbe 1998b), Quartal ' Behandlungstage Absonderungstage Absonderungen %
• mit der eigenen geborgten bzw. abgeleiteten Macht IV/94 1850 33 1,78
• und ermöglicht eine kritsch-autonome I laltung, eine Ethik, von der aus "sieh I / 95 1716 50 2,91
die Akzeptanz eines Systems - sei es das System der Geisteskrankheit, der 11/95 1727 43 2,49
Strafjustiz, der Dclinquenz, der Sexualität usw. - erfassen läßt" (Foucault
111/95 1749 23 1,32
1992,33).
IV/95 1792 14 0,78
1 / 96 1623 17 1,05
11/96 1772 18 1,02
Ethik der Absonderung 111/96 1819 14 0,77
Die persönliche Wahrhaftigkeit, die i.S. der Sorge um die Wahrheit bei IV / 96 1824 8 0,43
Foucault (1981, 24) als Reflektieren über die eigene Beziehung zur Wahrheit, 1/97 1780 5 0,28
als Mut zur Wahrheit /.u verstehen ist, ermöglicht damit anstelle der a- II / 9 7 1X13 5 0,27
moralischcn Entverantwortung eine liebevolle - quas: «///walischc - Position 111 / 9 7 1826 ~> 0,11
der Selbstsorga, von der aus die Sorge um den anderen entwickelt und prak-
tisch werden kann: Insofern bedarf einer eigenen, selbstbewußt-bescheidenen
Position(ierung) und einer praktisch-selbstkritischen Ethik, die dazu dient,
"sich von sich selber loszumachen", d. h. das eigene Denken zu modifizieren, Bei Betrachtung der deskriptiven Statistik wird deutlich, daß die Belegung des
sich ständig instandzusetzcn, sprich: in den Stand zu versetzen, auch unter dem Inlcnsivbcliandlungs- bzw. Intensivbetrcuungsraums (IBR) sukzessive abge-
Druck des Realen ethisch zu handeln, mithin sich und den Patienten in der nommen hat. Dies beruht auf mehreren - sich ergänzenden bzw. gegenseitig
Gefahrensituation oder der Absonderung anders zu beherrschen als mit bedingenden - Faktoren, so
"veralteten Schlagwörtern und den kaum erneuerten Techniken der anderen" • auf ab 1995 neu besetzten Bereichs- und Wohngruppenleitungen, darüber
(Foucault 1984c, 29). hinaus neu eingestellten psychologischen Psychotherapeuten,
52 /eiisdirilt für Politische Hsvcholomo. Ju (>. l kubhc Iic-1 landhmgscthik mischen palaverndem Anspruch und zynischer Wirklichkeit .5.)

• auf intensiven (selbst)kritischen Auseinandersetzungen vor dein Hintergrund l-iir die psychologisch-psychotherapeutische Praxis im Maßrcgelvollzug bedeu-
neuer Handlungs- und Behandlungsvorstellungen insb. der pflegerisch- tet dies: Ob wir mit schlechtem Gewissen bleiben und uns (selbst)konfrontativ
erzieherischen Mitarbeiter sowie auseinandersetzen, ob wir guten Gewissens weggehen und uns distanzieren, ob
• auf analogen Diskussionen im interdisziplinären Behandlungsteam der wir dableibend in innere Emigration und Zynismus flüchten - wir sind zur Wahl
Krankenpfleger, Erzieher, Diplom-Psychologen, Diplom-Sozialpädagogcn gezwungen, sind in jedem Fall moralisch schuldig und müssen diese Schuld
und Ärzte. tragen, denn: "Wenn keine Behandlung stattfindet, wird das Krankenhaus zum
Das statistische Ergebnis spricht dementsprechend - vorsichtig interpretiert - Gefängnis" (Castel et al. 1982, I 15). Wenn dem so ist, dann scheint insbeson-
bei strukturell gleicher Patientenpopulation für sich sukzessive verändernde dere im aktuellen politischen Mainstream der Strafvcrschärfung und Sanktions-
Konfliktlösungsstrategicn intra- und interpersoneller Art der Patienten bei sich Tendenz nur ein bewußter Umgang mit unserer Verführbarkeit und den verfüh-
parallel verändernden Interventionsstrategien der Behandlcr. Die kaum noch renden gesellschaftlichen Autoritäten bzw. Strukturen das Standhalten möglich
praktizierten Absonderungen reflektieren eine Progression von alloplastischen und ethisch verantwortbar zu machen, obschon Caruso (1972, 61) anmerkt,
zu autoplastischen Konfliktlösungsmustcrn, von der Handlungs- und Verhal- auch diese aufgeklärte Position sei lediglich Mystifikation und als idealistische
tensebcne auf die Verbalebene. Damit macht dieses Resultat aufmerksam Täuschung nur "das Alibi unseres schlechten Gewissens".
Geboten und gefordert sei folgerichtig, stellen Basaglia und Basaglia-
• auf Therapiefoilschritte der zuvor im Ilancllungsraum delinqucnt oder unso-
Ongaro (1980, 6 1 ) abschließend fest, "die Aufdeckung der Widersprüche,
zial agierenden Patienten,
nicht deren Ächtung oder Leugnung oder Verbrämung". Psychologischer Thc-
• auf ein manifest verbessertes Wohngruppeiimilieu, rapcut, psychologische Wissenschaft und psychologische Praxis sind mithin
• auf die Integration individueller Psychotherapie in gruppenbezogene So/.io- genötigt, sich selbst zum Gegenstand meta-ethischer Untersuchung und politi-
scher Balancearbeit zu machen (Kobbe 1997; 1998a). Denn eine solchermaßen
und Milieugestaltung,
politische Psychologie erhellt, so Marcuse (1965, 249) über die Psychoanalyse,
• auf einen anderen Umgang des Teams mit selbst- und Irenidgelährlichen "die universelle Erfahrung in der individuellen. In diesem Ausmaß, und nur in
Krisen. diesem, kann sie die Verdinglichung durchbrechen, in der die menschlichen
Diese Haltung und Praxis des gerade nicht-zwingenden Umgangs mit - impul- Beziehungen versteinert sind".
siven, u.U. auch provokant-widerständigcn, therapicablehnenden - Patienten
läuft dem gesellschaftlichen Trend der repressiven Reaktion auf Scxualstrafta-
ten zuwider. In diesem extramuralen Kontext ist das ethische Dilemma indivi-
duell entsprechend kaum lösbar, doch verliert die vorgefundene Realität ihre
imaginäre Überdeterminiertheit, ihr normatives Rcprcssionsprinzip des Fakti-
schen, sodaß derartige Dilemmata
• situationsüberdauemd als intrapsychisch aushaltbar phantasiert werden kön-
nen und
• situationsspezifisch als interindividuell-pragmatisch beherrsch- und verant-
wortbar erscheinen (müssen).
Dennoch ist in dieser Wirklichkeit das ethische Dilemma primär individuell
unlösbar, doch verliert sie ihre imaginäre Überdeterminiertheit, ihr normatives
Rcprcssionsprinzip des Faktischen, sodaß derartige Dilemmata Anmerkungen
• situationsüberdauemd als intrapsychisch aushaltbar phantasiert werden 1 Ungeschriebenes Gesetz =- Übersetzung von grch. ä#ra/ttv tiomox, das auf den sozial-
(können)und ethischen Gesetzgeber Solon (Athen, - 640-561 v.Chr.) zurückgeht.
• situationsspezifisch als interindividuell-pragmatisch beherrsch- und verant- 2 Überarbeiteter Vortragstcxt dieser Erörterung.
wortbar erscheinen (müssen).
/cilschnll für Politische l'svchol l ki-bl lic-l liiiklluiigsirlllik /wischen pa!a\cindcni Anspruch und /.unschön Wirklichkeit

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