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Avant Propos

“Es ist doch sonderbar, dass man die langen Silben


mit – und die kurzen mit ^ bezeichnet, da doch das
erste der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten und
das letzte eine krumme Linie ist. Der Erfinder dieser
Einführung Zeichen muß also etwas ganz anderes dabei gedacht
haben, wenn er überhaupt etwas dabei gedacht hat.”
in die
Morphologie (Georg Christoph Lichtenberg, 1742-1799)

Was ist Morphologie?

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Was ist Morphologie? Das Morphem

• Morphologie ist die Lehre von den Formen. Sie ist


in vielen Wissenschaftszweigen ein Teilgebiet, z.B.: • Linguisten nehmen an, dass Wörter aus Morphe-
men aufgebaut sind.
1. Biologie
2. Geologie
• Ein Morphem ist die kleinste sprachliche Einheit mit
3. Sprachwissenschaft
einer grammatischen Funktion.
• Der Begriff stammt von Johann Wolfgang von Goe-
the (1749-1832), der ihn als die Lehre von den • Eine solche grammatische Funktion ist eine nicht-
Formen, besonders in der Botanik, eingeführt hat. phonologische Eigenschaft, die stehen kann für
1. inhaltliche Merkmale (bedeuted etwas)
• August Schleicher (1821-1868) hat den Begriff in 2. formale Merkmale (markiert etwas, z.B. Infinitiv)
die Sprachwissenschaft eingeführt (siehe Schleicher
1860).
(1) a. Trink-Halle
• In der Sprachwissenschaft ist die Morphologie die b. trink-bar
Lehre von den Formen der Wörter. c. trink-en

• Diese Morpholgieeinführung folgt dem Lehrbuch von • Morphemgrenzen werden graphisch oft mit “-”
Aronoff & Fudeman (2005) (kurz AF). sichtbar gemacht.

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Wieso Morpheme? Allomorphie

• Was motiviert die Annahme, dass Wörter einer Spra- • Die konkrete phonologische Realisierung eines Mor-
che L aus kleineren Bausteinen zusammengesetzt phems wird manchmal Morph genannt.
sind?
• Oft wird die Unterscheidung zwischen Morphem und
• In erster Linie ist dies motiviert durch die Tatsache, Morph nicht gemacht, sondern man spricht generell
dass die Sprecher von L die Intuition haben, dass es von Morphem.
so ist.
(3) a. Kind, Kind-er
(2) a. Vogel-nest, Nasch-katze, Hasen-hirn b. Greis, Greis-e
b. lieb-lich, furcht-bar, un-sauber c. Auto, Auto-s
c. schrei-en, schreib-t, lieg-st d. Bett, Bett-en
e. Zecke, Zecke-n
• Sprecher des Deutschen haben das klare Gefühl,
dass die Wörter in (2) in der angegebenen Weise • Die verschiedenen Morphe in (3) sind Allomorphe
zusammengesetzt sind. eines abstrakten Pluralmorphems.

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Klassifikation von Morphemen Klassifikation von Morphemen 2

• Ein Stamm ist ein Grundmorphem, an das sich • Morpheme, die sich an einen Stamm hängen, nennt
andere Morpheme dranhängen, so wie sich in (4) man Affixe. Affixe, die
ein- an den Stamm sicht hängt.
1. vor dem Stamm stehen, sind Präfixe,
2. hinter dem Stamm stehen, sind Suffixe,
(4) Ein-sicht
3. den Stamm aufspalten, sind Infixe,
4. den Stamm umfassen, sind Zirkumfixe.
• Ein Stamm ist einfach (wie sicht in (4)), wenn er
nur aus einem Morphem besteht. Er ist komplex • Als Muster:
(wie ein-sicht in (5)), wenn er aus mehreren Teilen
besteht. 1. Präfix-Stamm
2. Stamm-Suffix
(5) ein-sicht-ig 3. StammT eil1 -Infix-StammT eil2
4. ZikumfixT eil1 -Stamm-ZirkumfixT eil2
• Einen einfachen Stamm (wie sicht in (4), (5)) nennt
man auch Wurzel.

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Klassifikation von Morphemen 3 Klassifikation von Morphemen 4

• Prä- und Suffixe im Deutschen:


• Man unterscheidet
(6) a. sicht, Ein-sicht 1. gebundene Morpheme
b. sicht, sicht-bar 2. freie Morpheme

• Infix -um- im Tagalog (philippinische Sprache): • Ein Morphem M ist frei, genau dann, wenn M
alleine in der Syntax stehen kann, also ohne sich mit
(7) a. sulat, s-um-ulat einem anderen Morphem M 0 verbinden zu müssen.
schreiben der, der schrieb
b. gradwet, gr-um-adwet • Ein Morphem M ist gebunden, genau dann, wenn
abschließen der, der abschloss M nicht frei ist.

• Zirkumfix ik-. . .-o im Chickasaw (nordamerikanische • Beispiel: -lich ist gebunden, Glück und kein(es) sind
Indianersprache): frei.

(8) a. chokm-a, ik-chokm-o (9) a. Sie ist glück-lich


er ist gut er ist nicht gut b. *Glück ist sie -lich
b. lakn-a, ik-lakn-o c. Sie hat kein Glück
es ist gelb es ist nicht gelb d. Glück hat sie keines

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Annahmen Annahmen 2

• Annahme 1: Sprachen unterscheiden sich voneinan- • Annahme 2: Es gibt Sprachen und es gibt das
der. Sprachvermögen.
“We try to approach linguistic analysis with as open
a mind as possible, and to do this, it is first necces- • Es gibt verschiedene Einzelsprachen (Englisch, Chi-
sary to appreciate the uniqueness and diversity of nesisch, Sächsisch, etc.).
the world’s languages.” (Aronoff & Fudeman 2005,
8). • Aber alle diese Sprachen sind Reflex der einzigarti-
gen menschlichen Fähigkeit Sprache zu erlernen und
• Die Annahme scheint offensichtlich. AF betonen zu gebrauchen.
dies, da es Linguisten gibt, die besonders darauf
fokussieren, dass Sprachen viele Gemeinsamkeiten • Auf dieser zweiten, abstrakteren Ebene sind die
haben. Sprachen gleich (vgl. den Begriff der Universalgram-
matik von Chomsky).
• “The grammar of a particular language, then, is to
be supplemented by a universal grammar that [. . .]
expresses the deep-seated regularities, which, being
universal, are omitted from the grammar itself.”
(Chomsky 1965, 6)

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Annahmen 3 Annahmen 4

• Annahme 3: Die Morphologie ist ein eigenständiges


Modul der Sprache. • Annahme 4: Morphologie interagiert mit anderen
Modulen.
• Allgemein annerkannte Module des Sprach-
vermögens, ohne die keine Analyse der Sprache • Man kann Morphologie einer Einzelsprache L nicht
auskommt, sind studieren, ohne auch etwas über Syntax oder Pho-
1. Phonologie (Lehre der Lautstruktur) nologie von L zu wissen, da die Module miteinander
2. Syntax (Lehre des Phrasen- und Satzbaus) interagieren.
3. Semantik (Lehre von der Bedeutung)
• Aus diesem Grund diskutieren AF ständig verschie-
• Es gibt Sprachen, die keine morphologisch komple- dene Aspekte einer Sprache (der senegalesischen
xen Wörter haben (z.B. Vietnamesisch). Sprache Kujamaat Jóola), um einen Gesamtüber-
blick über ein morphologisches System und dessen
• Sollte man morphologische Prozesse dann nicht bes- Interaktionen zu geben.
ser auf Syntax oder Phonologie reduzieren (d.h. die
Morphologie existiert gar nicht)?

• AF verneinen dies und nehmen an, dass die Mor-


phologie ein realer eigenständiger Teil des Sprach-
vermögens ist.

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Annahmen 5 Annahmen 6

• Annahme 5: Wissenschaft verlangt skeptischen Rea- • Annahme 6: Alles ist möglich.


lismus.
• Wieder eine methodologische Annahme. AF beto-
• Dies ist eine methodologische Annahme. Die Idee nen, dass ihnen jede Analysemethode willkommen
ist, dass man ist, wenn sie hilft, zu verstehen, wie Sprache (und
Morphologie im speziellen) funktioniert.
1. den Wert wissenschaftlicher Theorien (auch lin-
guistischer) erkennen sollte,
• Die Idee ist, dass eine bestimmte Theorie einem
2. aber gleichzeitig immer bereit sein sollte, die Er-
nicht den Blick verstellen darf, auf eine neue Art und
gebnisse der (eigenen) Forschung in Frage zu
Weise, wie man ein bestimmtes Problem angehen
stellen.
könnte.

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Merkmale Merkmale 2

• Jedes Morphem hat Eigenschaften. Diese Eigen- • Ein Merkmal wie [Nomen] (kurz [N] oder N) nennt
schaften nennt man auch Merkmale. man ein Kategorienmerkmal.

• Man unterscheidet wenigstens • Man unterscheidet wenigstens folgende Kategorien:


1. phonologische Merkmale 1. Nomen (N)
2. semantische Merkmale 2. Verb (V)
3. morpho-syntaktische Merkmale 3. Adjektiv (A)
4. Präposition (P)
• Beispiel: Das Morphem Blut im Deutschen hat fol-
gende Merkmale: • Beispiele:
1. phonologische: /blu:t/ 1. N: Buch, Nasskappe, Odessa, Kinderschutz
2. semantische: [Masse], [Konkret], . . . 2. V: rufen, trinkst, geschlafen, ginge
3. morpho-syntaktische: [Nomen], [Nominativ], . . . 3. A: gut, schöner, bomben-gerade
4. P: in, auf, gegen, nach

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Merkmale 3 Merkmale 4

• Kategorienmerkmale braucht man in der Syntax: • A taucht im Deutschen zwischen Artikelwörtern wie
Wörter, verschiedener Kategorien, treten an ver- ein und N auf, N , P und V nicht.
schiedenen Stellen auf:
(11) a. *ein [ N Maria ] Buch
• N taucht im Deutschen rechts neben V wie kennen b. ein [ A schönes ] Buch
auf, A, P und V nicht. c. *ein [ P auf ] Buch
d. *ein [ V liest ] Buch
(10) a. Fritz kennt [ N Maria ]
b. *Fritz kennt [ A schön ] • V (außer infinitem V) besetzt im Deutschen die
c. *Fritz kennt [ P auf ] zweite Position im Hauptsatz, N , P und A nicht.
d. *Fritz kennt [ V schläft ]
(12) a. *Fritz [ N Bücher ] liest
• Ungrammatikalität wird angezeigt durch “*”. b. *Fritz [ A dicke ] liest Bücher
c. *Fritz [ P auf ] steht Bücher
• Kategorienmerkmale werden oft als Indizes an Klam- d. Fritz [ V liest ] Bücher
merstrukturen angegeben.

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Merkmale 5 Merkmale 6

• Kasusmerkmale werden in vielen Sprachen in der


Morphologie ausgedrückt. • Merkmale müssen nicht morphologisch ausgedrückt
werden. Ns im Deutschen sind z.B. oft nicht für
(13) Nominativ: ein gut-er Grund Kasus morphologisch markiert.
Akkusativ: ein-en gut-en Grund
Genitiv: ein-es gut-en Grund-es (15) Nominativ: Grund
Dativ: ein-em gut-en Grund(-e) Akkusativ: Grund
Genitiv: Grund-es
• Es gibt (im Deutschen) noch die Merkmale Person, Dativ: Grund(-e)
Numerus, Genus, Tempus, Modus.
• Merkmale sind also etwas abstraktes. Auch wenn
1. Ns tragen die Merkmale Person, Numerus, Genus.
man sie manchmal nicht sieht (hört), nimmt man
2. As tragen die Merkmale Numerus und Genus.
an, dass sie da sind.
3. Vs tragen die Merkmale Person und Numerus
(Tempus, Modus).

(14) Frau-en 3. Person, Plural, Femininum


schön-es Singular, Neutrum
gib-st 2. Person, Singular, Indikativ,
Präsens

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Analyse und Synthese Prinzipien der Analyse

• Es gibt zwei Wege Morphologie zu betreiben: • Prinzip 1: Formen, die bei allen Vorkommen dieselbe
Bedeutung und dieselbe lautliche Gestalt haben,
1. Analyse sind Instanzen desselben Morphems.
2. Synthese
• Beispiel: Superlativbildung im Spanischen.
• Bei der Analyse werden Wörter in ihre einzelnen
Morpheme zerlegt. Dies ist besonders wichtig, wenn
(16) a. bueno, buen-ı́simo
man mit einer Sprache noch nicht vertraut ist.
gut sehr gut
b. rico, riqu-ı́simo
• Hat man die Bausteine der Morphologie gefunden,
lecker sehr lecker
kann man eine Theorie darüber machen, nach wel-
c. útil, util-ı́simo
chen Regeln sie sich zusammenfügen (synthetisie-
nützlich sehr nützlich
ren) lassen.

• In allen drei Fällen bedeutet -ı́simo dasselbe und hat


dieselbe Form.

• Schlussfolgerung: das Suffix ist jedesmal dasselbe.

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Prinzipien der Analyse 2 Prinzipien der Analyse 3

• Prinzip 2: Formen mit derselben Bedeutung aber • Prinizip 3: Nicht alle Morpheme sind segmental.
verschiedener lautlicher Gestalt können Instanzen
desselben Morphems sein, wenn sie in komple- • Ein Objekt ist segmental, wenn es organisiert ist als
mentärer Distribution stehen. kontinuerlicher Ausschnitt einer lautlichen Kette.

• Zwei Formen F1 und F2 stehen in komplementärer • Beispiel 1: Phänomen des Ablaut bei unregelmäßi-
Distribution, genau dann, wenn die Kontexte, in gen Verben des Englischen.
denen F1 auftritt verschieden sind, von den Kontex-
ten, in denen F2 auftritt. (18) a. run, ran
b. speak, spoke
• Beispiel: Die 2. Person Singular an deutschen Verben c. eat, ate
wird ausgedrückt durch -est, wenn das Verb auf
einen koronalen Plosiv endet (siehe (17-b)), sonst • AF argumentieren, dass es z.B. nicht der Vokal /o/
wird sie als -st realisiert (siehe (17-a)). von spoke in (18-b) ist, der den Unterschied von
Present Tense zu Past Tense markiert.
(17) a. leb-st, zieh-st
b. reit-est, bad-est • Vielmehr sei es der Vokalwechsel von /i:/ nach /o/
in (18-b), der das markiert. Das aber ist eine nicht-
• Die phonologischen Kontexte von -st und -est sind segmentale Eigenschaft (man muss Vokale zweier
komplementär. Also könnten sie Allomorphe sein. Wörter vergleichen).

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Prinzipien der Analyse 4 Prinzipien der Analyse 5

• Prinzip 4: Ein Morphem M kann ein Nullmorph als


• Beispiel 2: Kategoriale Unterscheidung durch das Allomorph haben, vorausgesetzt, M hat auch ein
Merkmal [+stimmhaft] im Englischen. Nicht-Nullmorph als Allomorph.

(19) a. breath (N), breathe (V) • Das Nullmorph Ø eines Morphems ist ein Morph
b. cloth (N), clothe (V) ohne phonologische Merkmale (es ist da, aber man
c. house (N), house (V) hört es nicht!).

• Beispiel: Pluralmorpheme im Englischen.


• Wenn man davon ausgeht, dass das Nomen zugrun-
deliegend ist, dann wird das Verb daraus abgeleitet, (20) a. house-s
indem man dem letzten Konsonanten das Merkmal b. car-s
[+stimmhaft] hinzufügt. c. fish-Ø

• Merkmale sind aber Teile von Segmenten (hier ist • Englisch markiert den Plural normalerweise durch
das Morphem quasi sub-segmental). ein nicht leeres Morphem.

• Beim Plural von fish kann man schließen, dass eben-


falls ein Pluralmorphem vorhanden sein muss, wel-
ches dann eben leer ist.

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Aussprache und Orthographie Aussprache und Orthographie 2

• Die Aussprache eines Wortes wird oft dargestellt • Es werden dennoch immer wieder nicht standardi-
durch eine sogenannte Umschrift, da orthographi- sierte Umschriften verwandt (auch bei AF).
sche Systeme die Aussprache normalerweise nicht
wiedergeben.
• Wenn man Morphologie macht, ist es wichtig, sich
klarzumachen, dass die Aussprache entscheidend ist,
• Beispiel: George Bernard Shaw (1856-1950) hat ein-
nicht die Orthographie.
mal den ironischen Vorschlag gemacht, das Engli-
sche Wort fish als ghoti zu schreiben:
• Aussprache ist ein Teil unseres natürlichen Sprach-
1. gh als f wie in cough vermögens. Orthographie ist ein künstliches, von
2. o als i wie in women Menschen geschaffenes Konstrukt.
3. ti als sh wie in nation
• Auch wenn die Orthographie oft Eigenschaften des
• In der Linguistik wurde eine standardisierte Um- Sprachvermögens widerspiegelt, so muss sie das
schrift eingeführt: das International Phonetik Al- nicht tun.
phabet (IPA).

• Nach dem IPA wird fish als /f / dargestellt. Oft




lässt man “/” und “/” weg und schreibt f .




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Fallstudie: Aztekisch Fallstudie: Aztekisch 2

(21) ikalwewe “sein großes Haus” (21) ikal-wewe “sein großes Haus”
ikalsosol “sein altes Haus” ikal-sosol “sein altes Haus”
ikalci·n “sein kleines Haus” ikal-ci·n “sein kleines Haus”
komitwewe “großer Kochtopf” komitwewe “großer Kochtopf”
komitsosol “alter Kochtopf” komitsosol “alter Kochtopf”
komitci·n “kleiner Kochtopf” komitci·n “kleiner Kochtopf”
petatwewe “große Matte” petatwewe “große Matte”
petatsosol “alte Matte” petatsosol “alte Matte”
petatci·n “kleine Matte” petatci·n “kleine Matte”
ikalmeh “seine Häuser” ikal-meh “seine Häuser”
komitmeh “Kochtöpfe” komitmeh “Kochtöpfe”
petatmeh “Matten” petatmeh “Matten”
ko·yameci·n “kleines Schwein” ko·yameci·n “kleines Schwein”
ko·yamewewe “großes Schwein” ko·yamewewe “großes Schwein”
ko·yamemeh “Schweine” ko·yamemeh “Schweine”

• Die obenstehenden Beispiele sind aus dem Veracruz- • Schlussfolgerung: ikal- (“sein Haus”) ist ein Mor-
Dialekt des Aztekischen (Mexiko). phem.

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Fallstudie: Aztekisch 3 Fallstudie: Aztekisch 4

(21) ikalwewe “sein großes Haus” (21) ikal-wewe “sein großes Haus”
ikalsosol “sein altes Haus” ikal-sosol “sein altes Haus”
ikalci·n “sein kleines Haus” ikal-ci·n “sein kleines Haus”
komit-wewe “großer Kochtopf” komit-wewe “großer Kochtopf”
komit-sosol “alter Kochtopf” komit-sosol “alter Kochtopf”
komit-ci·n “kleiner Kochtopf” komit-ci·n “kleiner Kochtopf”
petatwewe “große Matte” petat-wewe “große Matte”
petatsosol “alte Matte” petat-sosol “alte Matte”
petatci·n “kleine Matte” petat-ci·n “kleine Matte”
ikalmeh “seine Häuser” ikalmeh “seine Häuser”
komit-meh “Kochtöpfe” komitmeh “Kochtöpfe”
petatmeh “Matten” petatmeh “Matten”
ko·yameci·n “kleines Schwein” ko·yame-ci·n “kleines Schwein”
ko·yamewewe “großes Schwein” ko·yame-wewe “großes Schwein”
ko·yamemeh “Schweine” ko·ya memeh “Schweine”

• Schlussfolgerung: komit- (“Kochtopf”) ist ein Mor- • Schlussfolgerungen: -wewe (“groß”), -sosol (“alt”)
phem. und -ci·n (“klein”) sind Morpheme.

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Fallstudie: Aztekisch 5 Fallstudie: Aztekisch 6

(21) ikalwewe “sein großes Haus” (21) ikalwewe “sein großes Haus”
ikalsosol “sein altes Haus” ikalsosol “sein altes Haus”
ikalci·n “sein kleines Haus” ikalci·n “sein kleines Haus”
komitwewe “großer Kochtopf” komitwewe “großer Kochtopf”
komitsosol “alter Kochtopf” komitsosol “alter Kochtopf”
komitci·n “kleiner Kochtopf” komitci·n “kleiner Kochtopf”
petat-wewe “große Matte” petatwewe “große Matte”
petat-sosol “alte Matte” petatsosol “alte Matte”
petat-ci·n “kleine Matte” petatci·n “kleine Matte”
ikalmeh “seine Häuser” ikalmeh “seine Häuser”
komitmeh “Kochtöpfe” komitmeh “Kochtöpfe”
petatmeh “Matten” petatmeh “Matten”
ko·yameci·n “kleines Schwein” ko·yame-ci·n “kleines Schwein”
ko·yamewewe “großes Schwein” ko·yame-wewe “großes Schwein”
ko·ya memeh “Schweine” ko·yame-meh “Schweine”

• Schlussfolgerung: petat- (“Matte”) ist ein Mor- • Schlussfolgerung: ko·yame- (“Schwein”) ist ein Mor-
phem. phem.

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Fallstudie: Aztekisch 7 Fallstudie: Französische Adjektive

(22) Maskulinum Femininum


(21) ikalwewe “sein großes Haus”
gros /g o/ grosse /g os/


ikalsosol “sein altes Haus”
mauvais /mov / mauvaise /mov z/


ikalci·n “sein kleines Haus”
heureux /ø ø/ heureuse /ø øz/


komitwewe “großer Kochtopf”
petit /p ti/ petite /p tit/


komitsosol “alter Kochtopf”
grand /g ˜/ grande /g ˜d/





komitci·n “kleiner Kochtopf”
froid /f wa/ froide /f wad/


petatwewe “große Matte”
soûl /su/ soûle /sul/
petatsosol “alte Matte”
bon /bõ/ bonne /b n/


petatci·n “kleine Matte”
frais /f / fraı̂che /f /








ikal-meh “seine Häuser”
long /lõ/ longue /lõg/
komit-meh “Kochtöpfe”
permier /p œmje/ première /p œmj /





petat-meh “Matten”
entier /˜tje/ entière /˜tj /






ko·yameci·n “kleines Schwein”
gentil / ˜ti/ gentille / ˜tij/





ko·yamewewe “großes Schwein”
net /n t/ nette /n t/


ko·yame-meh “Schweine”
• Wie lässt sich das morphologische Verhältnis von
• Schlussfolgerung: -meh ist ein Pluralmorphem. maskulinen und femininen Adjektive im Französi-
schen beschreiben?

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Fallstudie: Französische Adjektive 2 Fallstudie: Französische Adjektive 3

• Sie unterscheiden sich durch folgende Alternationen • Problem: Die Alternationen der femininen Adjektive
(Vokalalternationen sind ignoriert): können nicht Allomorphe voneinander sein, da ihre
Kontexte überlappen.
Alternant 1 Alternant 2 Beispiel
• Beispiel: Sowohl /z/ als auch / / erscheinen nach


/ø/ /s/ /g o/, /g os/


/ / (/mov z/ und /f /).






/ø/ /z/ /mov /, /mov z/

/ø/ /t/ /p ti/, /p tit/



/ø/ /d/ /g ˜/, /g ˜d/ • 2. Analyse: nicht die femininen Formen werden aus


/ø/ /l/ /su/, /sul/ den maskulinen durch Anhängen eines Morphems
/ø/ /n/ /bõ/, /b n/ gewonnen, sondern die maskulinen aus den femini-

/ø/ // /f /, /f / nen durch Tilgung.




/ø/ /g/ /lõ/, /lõg/


/ø/ /r/ /p œmje/, /p œmj / • Problem: Das erklärt allerdings noch nicht den Fall

/ø/ /j/ / ˜ti/, / ˜tij /n t/, /n t/.

• Es gibt keine Alternation bei dem Paar /n t/, /n t/. • 3. Analyse: Sowohl die maskuline als auch die femi-

nine Form bilden einen eigenen Stamm (oder eine


Wurzel).

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Fallstudie: Französische Adjektive 4 Kujamaat Jóola

• 3. Analyse: Sowohl die maskuline als auch die femi- • Kujamaat Jóola gehört zur (West-) Atlantischen
nine Form bilden einen eigenen Stamm (oder eine Sprachfamilie und wird im Senegal gesprochen.
Wurzel).
• Die Zahl der Sprecher von Kujamaat Jóola lag 1998
• Problem: Das ist nicht besonders attraktiv, da dann bei 186000.
die Sprecher für jedes Paar maskulin-feminin zwei
Stämme lernen müssten. • Kujamaat Jóola ist ein Abkömmling von Niger-
Kongo, einer der größten Sprachfamilien der Welt.
• 4. Analyse: Analyse 2 war richtig; dann müssen
Sprecher jeweils nur die feminine Form lernen. Die • Die charakteristischen morphologischen Eigenschaf-
maskuline kann durch die morphologische Tilgungs- ten von Kujamaat Jóola sind
regel jeweils abgeleitet werden.
1. ein elegantes System der Vokalharmonie
• Die einzige Ausnahme, die dann gelernt werden 2. ein ausgeprägtes Klassen- oder Genussystem
muss, ist /n t/, /n t/. bei Nomina


3. reiche Kongruenz
4. agglutinierende Verbalmorphologie

– Typeset by FoilTEX – 41 – Typeset by FoilTEX – 42


Kujamaat Jóola 2 Phoneminventar

• Kongruenz: die Übereinstimmung von Elementen


bezüglich grammatischer Merkmale. • Konsonanteninventar von Kujamaat Jóola:

• Vokalharmonie: die Übereinstimmung von Vokalen labial alveolar palatal velar glottal
innerhalb einer Domäne (z.B. das Wort) bezüglich p t k
eines Merkmals der Artikulation (z.B. ± hoch, ± b d g
vorne, ± gerundet, etc.). m n



• Nominalklassen: die grammatische Gruppierung von


Nomina bezüglich semantischer Merkmale (z.B. f s h
±belebt, ±abstrakt, etc.). Nomina verschiedener l
Klassen verhalten sich morphologisch oft verschie- r
den. (w) y (w)

• Agglutination: die Morpheme drücken jeweils ein


• / / wird bei AF auch als /c/ geschrieben, / / als


einziges Merkmal aus; sollen mehrere Merkmale aus-
gedrückt werden, hängen sich die Morpheme jeweils /j/, der Darstellung in Sapir (1965) folgend.
hintereinander an den Stamm. Der Begriff wurde
von Wilhelm von Humboldt (1767-1835) eingeführt
(siehe Humboldt 1836).

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Phoneminventar 2 Konsonantencluster

• Vokalinventar von Kujamaat Jóola: • Nasal-nasal-Cluster und Nasal-Konsonant-Cluster in


i i u u Kujamaat Jóola:


e o


1. Die Cluster /mb/ und /nd/ erscheinen überall im




Wort.
a 2. Die Cluster /nn/, /mf/ (bei AF als /nf/ notiert)
und /ns/ erscheinen nur wortintern.
• Vokale kommen in gespannter und nicht-gespannter 3. Die übrigen nasalen Cluster erscheinen entweder
Form vor. Sie können kurz oder lang sein. wortintern oder wortfinal.
4. In allen Fällen teilen die beiden Konsonsanten
• Die hohen gespannten Vokale sind unterstrichen. den Artikulationsort.

• Die ungespannten Gegenstücke zu den gespannten • Die Cluster /lt/ und /rt/ in Kujamaat Jóola er-
/e/ und /o/ sind / / und / /.


scheinen wortintern.

• Vokale mit hoher Zungenposition sind oben im Drei-


• Andere Konsonantenkluster existieren in Kujamaat
eck, Vokale mit niedriger unten. Vokale, die vorne
Jóola nicht.
artikuliert werden stehen links, Vokale die hinten
artikuliert werden, rechts.

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Beispiele Silbenstruktur

(23) mba “Asche” • Es wird für den Moment ein intuitives Verständnis
k gu:mp “oder” des Begriffs der Silbe vorausgesetzt, ohne diesen



nimamma “Ich will weiter zu präzisieren.




-bunt n “eine Lüge verursachen




nic c “Ich fragte” • Silben in Kujamaat Jóola haben generell die Form





-ma i “wissen” CV (Konsonant Vokal).


a ka k “hart”


emu guno “Hyäne” • Es tauchen aber auch die Muster V, VC, CVC und



fanfa “sehr” CVNC auf (wobei N ein Nasal ist).




ndaw “eines Mannes Name”


-salt “schmutzig sein”


- rti Negation



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Aufgaben 1.1 Aufgaben 1.1

• Listen Sie alle Morpheme auf, die in folgendem Frag-


ment des Zoque (mexikanische Sprache) enthalten • Fortsetzung
sind, und geben sie ihre Bedeutung an.
5 P. (24) naka “Leder”
nakapit “durch Leder”
(24) p n “Mann” nakapit eh “wie durch Leder”

&
!

p nta m “Männer” yomo “Frau”


"
!

p nk si “auf einem Mann” yomota m “Frauen”

'
!

p nk si eh “wie auf einem Mann” yomohi “mit einer Frau”


#

%('
!

p nkotoya “für einen Mann” yomo une “Mädchen”

'
!

p nhi “mit einem Mann” kah i “Henne”


%$"

&
!

p nk sita m “auf Männern” kah i une “Küken”


"

&
'
!

p n eh “wie ein Mann” libru “Buch”


#
!

p n ehta m “wie Männer” libru une “Büchlein”


#

"

'
!

nanah “Mutter” wetu “Fuchs”


nanahta m “Mütter” wetu une “Fuchswelpe”
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nanahkotoya “für eine Mutter” te p n “der Mann”

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unehi “mit einem Kind” ma u te p n “der Mann ging”
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unehi ta m “mit Kindern” ma pa te p n “der Mann geht”
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– Typeset by FoilTEX – 49 – Typeset by FoilTEX – 50
Aufgaben 1.1 Aufgaben 1.2

• Identifizieren Sie so viele Morpheme wie möglich in


• Fortsetzung den folgenden Daten (Kongo Swahili; Elisabethville-
Dialekt) und geben Sie deren Bedeutungen an.
(24) ma ke tpa te yomo “die Frau geht auch” 5 P.
+

+
*

minpa te une “das Kind kommt”


+
+

minu te une “das Kind kam” • Hilfestellung


+
+

1. Das Futur -taka- und die Negation -ta- haben


nichts miteinander zu tun.
2. Das finale -a kann als Morphem analysiert werden.
Seine Bedeutung ergibt sich nicht aus den Daten.
3. Das Passivmorphem kann beschrieben werden als
-iw- und -w-, je nach vorangehendem Kontext.

(25) ninasema “ich spreche”


wunasema “du sprichst”
anasema “er spricht”
munasema “ihr sprecht”
wanasema “sie sprechen”
ninapika “ich schlage”

– Typeset by FoilTEX – 51 – Typeset by FoilTEX – 52


Aufgaben 1.2 Aufgaben 1.2

• Fortsetzung
• Fortsetzung
(25) ninanupika “ich schlage euch”
ninakupika “ich schlage dich” (25) wunapikizwa “du verursachst,
ninawapika “ich schlage sie” geschlagen zu werden”
ananipika “er schlägt mich” wunanipikizwa “du bringst mich dazu,
ananupika “er schlägt euch” dich zu schlagen”
nilipika “ich habe geschlagen” wutakanipikizwa “du wirst mich dazu
nilimupika “ich habe ihn geschlagen” bringen, dich zu schlagen”
nitakanupika “ich werde euch schlagen” sitanupika “ich schlage euch nicht”
nitakapikiwa “ich werde geschlagen werden” hatanupika “er schlägt euch nicht”
ninaona “ich sehe” hatutanupika “wir schlagen euch nicht”
ninamupika “ich schlage ihn” hawatatupika “sie schlagen uns nicht”
tunasema “wir sprechen”
wutakapikiwa “du wirst geschlagen werden”
ninapikiwa “ich werde geschlagen”
nilipikiwa “ich wurde geschlagen”
nilipikaka “ich schlug”
(entfernte Vergangenheit)

– Typeset by FoilTEX – 53 – Typeset by FoilTEX – 54


Literatur

Aronoff, Mark & Kirsten Fudeman (2005): What is


Morphology?. Blackwell, London.

Chomsky, Noam (1965): Aspects of the Theory of


Syntax. MIT Press, Cambridge, Massachusetts.

Humboldt, Wilhelm von (1836): Über die Verschie-


denheit des menschlichen Sprachbaues und ihren
Einfluss auf die geistige Entwicklung des Men-
schengeschlechts. Königlich Preussische Akademie
der Wissenschaften, Berlin.

Sapir, David J. (1965): A Grammar of Diola-Fogny, a


Language Spoken in the Basse-Casamance Region
of Senegal. Vol. 3 of West African Language Mo-
nograph, Cambridge University Press, Cambridge.

Schleicher, August (1860): Die Deutsche Sprache. Cot-


ta, Stuttgart.

– Typeset by FoilTEX – 55