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Revolte gegen die abendländische Kultur als Programm

Das Frankfurter Institut für Sozialforschung


Helmut Böttiger

Die Siegermächte wünschten und betrieben nach 1945 die „Umerziehung“ der deutschen
Bevölkerung. Sie bedienten sich dazu vornehmlich der sogenannten „Frankfurter Schule“.
Diese war 1923 als „Frankfurter Institut für Sozialforschung“ mit dem Ziel gegründet worden,
durch seine "kritische Theorie" Menschen von Ideologien, das hieß, von ihrem „falschen
Bewußtsein“ zu befreien und sie dadurch gegen ungerechtfertigter Herrschaft zu immunisieren,
kurz, sie zu „emanzipieren“. Nach ihrer Rückkehr in die Bundesrepublik in den fünfziger
Jahren, wurde die Frankfurter Schule zum Bannerträger der "Neuen Linken". Sie verstand es
in den sechziger Jahren, den Einfluß der alten kommunistischen Linke zurückzudrängen und
mit wohl dosierter Hilfe der kontrollierten Medien die Führungsrolle der sogenannten „Neuen
Linken“ als der "progressiven Intelligenz" zu übernehmen. Damit leitete sie den "Wertewandel"
in Deutschland ein, bis dieser in den achtziger-, neunziger Jahren auch über sie hinweggerollt
war.

Der Wertewandel führte aber nicht zur gewünschten Emanzipation der Menschen. Er brachte
eher eine Einengung des Individuums hervor, die zunehmenden Reduktion auf es selbst und
seine mehr oder weniger vital bestimmten Bedürfnisse und Interessen. Hinzu kommt eine
auffällige Objektfixierung der meisten Menschen und ihre Selbstbeschränkung auf Bedürfnis-
und Triebbefriedigung, was sich wiederum in der Ausbreitung des Rauschmittelkonsums, der
Orientierungslosigkeit, der Angst als existentieller Grundbefindlichkeit äußert. Die angekündigte
Emanzipation führte also zu Abhängigkeiten bis hin zu neuen psychischen Formen der vor- oder
unbewußten Versklavung der Menschen. Psychologisch reagieren Menschen auf diese Formen
des Ausgeliefertseins mit wachsender, diffuser Angst und sich aufstauender, unorientierter Wut.
Egoismus in Verbindung mit Angst und dem Gefühl der Ohnmacht und Wut, das sich zu
beliebigen Ressentiments ausformen läßt, sind aber Herrschaftsmittel schlechthin, die
Voraussetzung, um Menschen zu führen zu können, wohin sie nicht wollen.

Den Vertretern der Frankfurter Schule waren ähnlich wie David Riesman, dessen
epochemachendes Buch „Die Einsame Masse“1 dem gleichen Konzept diente, diese Symptome
nicht verborgen geblieben. Sie deuteten sie nur nicht als Programmpunkte ihrer eigenen
„Emanzipationsbestrebungen“ (die programmatische Absicht ließe Riesmans amerikanischer
Untertitel „A Study in the Changing American Character“ erkennen, wenn man in ihm nur das
„the“ streichen würde), sondern „analysierten“ sie als Spätfolgen der bürgerlichen, auf christliche
Weltanschauung und kapitalistische Produktionsweise gegründeten Existenzweise und damit als
Rechtfertigung ihrer Emanzipationsbestrebungen. Damit kehren sie – was in der modernen
Wissenschaft vielfach zu beobachten ist – Ursache und Wirkung um. Nicht die christliche
Weltanschauung oder besser noch die Christliche Matrix, die christliche Weltanschauung im
Lebensvollzug, sondern die Revolte dagegen und ihre politische Nutzung scheint uns für die
allseits beklagten Symptome der „einsamen Masse“ verantwortlich zu sein. Um diese
Behauptung verständlich zu machen, wollen wir uns im Folgenden zuerst über den
Zusammenhang von Herrschaft und Angst verständigen. Wir lokalisieren dann die Bemühungen
der Frankfurter Schule in der viel breiter angelegten Revolte gegen die sogenannte Christliche
Matrix, gehen auf ihre historischen Ursprünge und Prinzipien ein, skizzieren ihre Aktivitäten und
umreißen das von der Geistesrichtung tatsächlich angestrebte Menschenbild. Dabei geht es uns
nicht um die inzwischen längst überlebte Frankfurter Schule an sich, sondern um die
breitgefächerte Revolte gegen die Christliche Matrix, die sie zusammenzufassen und auf die
1
David Riesman The lonely Crowd, a Study in the Changing American Character. Yale
University Press 1950, deutsch “Die Einsame Masse“ Rowoht Hamburg 1958
Spitze zu treiben sich bemüht hatte.

Herrschaftsmittel Angst.

Das Versprechen, von Mangel, Not und Angst entlasten zu können, rechtfertigt die Herrschaft
von Menschen über andere. Um vor realen oder irrealen Quellen der Angst geschützt zu
werden, ertragen Menschen die Lasten, die ihnen die Herrschaft anderer Menschen auferlegt.
Je größer die Angst, vor der die Herrschaft Schutz verspricht, desto willfähriger erdulden
Menschen ihre Last. Ohne solche Ängste gibt es für Menschen wenig Grund, sich den
Anforderungen der Herrschaft zu unterwerfen.

Den Ängsten entsprechen zunächst reale Bedrohungen. In der Urhorde wird zum Beispiel, wenn
sie von wilden Tieren bedroht wird, der Mutigste und Stärkste das Kommando führen, um die
Gruppe zur eigenen Verteidigung zu organisieren. Herrschaft ist nötig, um die gesellschaftlichen
Kräfte zu bündeln und gegen die Ursachen der Bedrohung ins Feld zu führen. Bedrohungen
können von außen- oder innenpolitischen Feinden, Naturereignissen, wirtschaftlichem Mangel
und Ähnlichem ausgehen.

Wird die Bedrohung überwunden, verliert die Herrschaft im Bewußtsein der Beherrschten an
Legitimität und mildert sich zur bloßen Verwaltung. Ohne reale Bedrohungen könnte der
Stärkste und Mutigste der Horde keine herrschaftlichen Sonderrechte für sich beanspruchen.
Die Gruppe würde sich seinen Ansprüchen entziehen, sich seitwärts in die Büsche schlagen und
auf eigenen Wegen ihren Lebensunterhalt suchen. Zur Rechtfertigung ihrer Vorrechte neigen
Herrschende dazu, ein gewisses Maß der Bedrohung aufrecht zu erhalten. In diesem Sinne
erpreßt z.B. die Mafia Schutzgeld gegen Überfälle und sorgt für solche Überfälle im Fall der
Weigerung oder neigen Staaten dazu, innenpolitische Zerfallserscheinungen durch
außenpolitische, kriegerische Abenteuer zu überwinden.

Ängste und die Verheißungen, von ihnen befreit zu werden, beziehen sich nicht nur auf reale
Bedrohungen und Mangelsituationen. Sie haben oft existentielle Ursprünge und gehen auf
diffuse Identitätsprobleme zurück. Daher lassen sie sich auch „kultivieren“ und mit
psychologischen Mitteln an unterschiedliche Objekte binden (die freudsche „Katexe“), die dann
als bedrohlich ins Bewußtsein treten. Von solchen Objekten, zum Beispiel vom „heiligen Gott-
steh-mir-bei“ oder von der um 1900 propagierten „Gelben Gefahr“, geht ein imaginärer Terror
aus, der im wesentlichen geglaubt werden muß. Historische Herrschaftsformen nutzten solche
Effekte, indem sie sich oft mit religiösen Vorstellungen umgaben. Die herrschaftsmäßige,
gesellschaftliche Nutzbarkeit solcher Ängste und Verheißungen (sogenannte „Derivationen“) hat
in neuerer Zeit besonders Vilfredo Pareto theoretisch erfaßt und in seiner Theorie von der
„Rotation der Elite“ politisch handhabbar gemacht.2
Auf ähnliche Studien gründet sich die Herrschaftstheorie der modernen Massendemokratie.
Statt primär auf direkten und wirtschaftlich meist teuren Terror durch Geheimdienste,
Polizei, bezahlte Banden udgl. setzt sie zunächst auf die Wirkung imaginärer, existentieller
Ängste und nimmt auf sie gestaltend Einfluß. 3 Imaginäre Ängste verlangen vom Gebieter,
2
V. Pareto: Traité de Sociologie Géneralé. Edition Francaise, Lausanne, Paris, P. Boven
1919, besonders die Passagen um die §§ bei I § 861 und II § 2205 Einer der führenden
Vertreter der Frankfurter Schule, der Heideggerschüler und spätere CIA Abteilungsleiter
Herbert Mrcuse hatte Pareto sehr eingehend studiert. Vergl. Fromm, Horkheimer, Mayer,
Marcuse u.a. Autorität und Familie, Paris, Librairie Felix Alcan 1936 S 223 ff.
3
Einen verzerrenden aber nicht unergiebigen Überblick über den hier angesprochenen Vorgang
liefert Ronald Inglehart: The Silent Revolution: Changing Values and Political Styles Among
Western Publics. Princeton, Princeton University Press 1977
wenn er akzeptiert werden soll, nicht mehr nur Schutz vor eingebildeten physischen
Bedrohungen. Er muß die geängstigten Menschen von den Härten ihrer psychischen
Belastung auch durch Zerstreuung und Unterhaltung, praktikable Lebensregeln und
Sinnvorgaben glaubhaft ablenken. Er muß „psychisch“ etwas "zu bieten" haben.

Im Unterschied zum Ostblock, dessen Eliten vor allem mit der Bedrohung durch den
westlichen Klassenfeind nach innen regierten, haben die Eliten des Westens nach dem
zweiten Weltkrieg neben der Bedrohungen durch den Kommunismus im Vorgriff auf
dessen Überwindung schon verstärkt zu „kulturellen“ 4 und zu psychologisierenden Mitteln
gegriffen. Als die Bedrohung aus dem Osten unglaubwürdig wurde, trat an ihre Stelle
vermehrt eine durch angebliche "Umweltbelastungen". 5 "Umweltschutz" kann viele
Formen der Unterwerfung und Opfer rechtfertigen. 6 Sie nährte sich unter anderem auch
aus der eingeredeten Angst, die Übervölkerung, vornehmlich der farbigen Bevölkerung
sogenannter Entwicklungsländer könnte die "Tragekapazität" unseres Planeten Erde
überfordern und damit die eigene Existenzberechtigung schmälern.

In der Familie als wichtigster Institution zur Sozialisierung eines selbstbewußten Menschen
können auch die Weichen für die psychische Manipulierbarkeit der Heranwachsenden
gestellt werden. Die "Kritik" der Institution Familie war im Rückgriff auf S. Freuds Theorien
eine der „wichtigsten Leistungen" der Frankfurter Schule 7. Daneben formulierte sie in ihren
frühen Schriften schon Vorformen der neuen innenpolitischen Wunderwaffe des Westens,
der Umweltideologie, so z.B. in "Dialektik der Aufklärung" und der Aufsatzsammlung "Kritik
der instrumentellen Vernunft".8 Jürgen Habermas empfahl sich der Frankfurter Schule durch
seinen Aufsatz von 1953 in der Zeitschrift Merkur, in dem er die im Nachkriegsdeutschland
noch völlig unzeitgemäße Kampagne gegen den „Konsumterror" einläutete.

Unser Beitrag will erhellen, daß und warum die Frankfurter Schule nicht, wie sie behauptet, der
Emanzipation des Menschen dient, sondern den Auftrag ausführte, neue Methoden zur
psychosozialen Knechtung des Menschen zu finden und auszuformen. Sie bediente sich
dazu soziologischer und psychologischer Erkenntnisse und griff auf Material zurück, das
Religions-, Literatur- und Kunstwissenschaft bereitstellten. Sie arbeitete an einer Art
"Faschismus mit demokratischem Anstrich". Sie tat dies im Rahmen einer von langer Hand
4
Sander ?? Congress of Cultural freedom
5
Leonhard Lewin: Report from the Iron Mountain an the Possibility and Desirability of Peace ,
New York Dial Press 1967 (!) Auf deutsch erschien das Buch als „Der Verdammte Frieden"
1968 im List Verlag, München. 1967/8 pb es noch keine grüne Bewegung. Greenpeace
entstand 1969 im gleichen Jahr wie die Kampagne gegen DDT.
6
Aufschlußreich ist hierfür die später als Fiktion hingestellte Darstellung Leonhard C. Lewin in
seinem „Report from Iron Mountain on the Possibility and Desirability of Peace, The Dial
Press Inv. 1967 New York (Deutsch „Der verdammte Friede“, Scherz 1968 München) Danach
soll die US-Geschäftselite 1963 in ihrem Atombunker Iron Mountain darüber beraten haten,
wie sie die Gesellschaft nach Ausbruch des Friedens weiterhin im Griff halten könne. Beim
Durchspielen vieler Möglichkeiten blieb nur eine praktikable, „Umweltschutz“. Es wird nur
beklagt, daß es hierfür bisher noch keine größere eindrucksvolle Umweltenkatastrophe gäbe.
7
Studien über Autorität und Familie, Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung Librairie Félix Alcan,
Paris 1936
8
Max Horkheimer, Theordor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, Amsterdam, Querido 1947, Max
Horkheimer: Zur Kritik der Instrumentellen Vernunft, Aus Vorträgen und Aufzeichnungen seit
Kriegsende, cd. von Alfred Schmidt, Frankfurt, S. Fischer 1967. Hier besonders der erste Teil, der
bereits 1947 in New York (Oxford Univ. Press) unter dem Titel "Eclipse of Reason" erschienen
war.
vorbereiteten Usurpation der Herrschaft unter einem revolutionärem Vorwand durch eine
selbsternannte "neue“ Aristokratie. Der Dandyismus, den schon Dostojewski mit dem Bild des
"Vatermords" in Verbindung gebracht hatte, das Menschenbild des kokainschnupfenden
B'nai-B'rith-Proselytenmacher Siegmund Freud 9 und Paretos Theorem von der Rotation der
Eliten hatten dem Ziel vorgearbeitet und die nötigen Herrschaftsinstrumente entwickelt.

Das psychologische Herrschaftsmaterial heute

Westliche Gesellschaften leben heute auf so etwas wie einem durch immer neue
Terrorisierung wachgehaltenen „Horrortrip“. Er läßt sich in der Angst zusammenfassen, die
Menschheit könne und werde sich aus Mutwillen und Bösartigkeit in den eigenen
Untergang stürzen. Das Material zu dieser in zahllosen Erscheinungsformen ausgeprägten
kollektiven Angst liefern individuelle Identitätsängste. Sie bilden das diffuse, unreflektierte
Gegenstück zu dem "Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit", das nach Vorstellung des
Romantikers Friedrich Schleiermacher den Inbegriff der Religion ausmachen soll.

Der moderne Horrortrip äußert sich in dem Kult der Häßlichkeit, 10 der uns aus der
modernen Kunst, den Moden und der angebotenen Unterhaltung entgegengrinst. Der Reiz
der Häßlichkeit rührt aus dem verbreiteten Gefühl versagender Ablenkungen, der
Erschlaffung und Reizlosigkeit, das sich als lähmende Langeweile über die meisten
Menschen legt. Gegen sie will man mit neuen Reizen angehen, die sich zunehmend nur
durch den Zugriff auf Perversitäten steigern lassen.

Die Orientierung auf sich neu bietende Reize, fördert die irrationale Ahnung, Menschen könnten
unmöglich, sich andeutende und geglaubte Bedrohungen in Wirklichkeit, also durch Arbeit
abwenden. Aus ihr ergibt sich der unstillbare Hunger nach Ablenkung, etwas geboten zu
bekommen. Er findet sich in fast allen Äußerungen moderner Pop-art. Symptomatisch für
dieses Gefühl war der nun schon „klassische“ Song der Rockband Rolling Stones "I can
get no satisfaction". Je mehr Versuche, sich selbst zu befriedigen, unternommen werden,
desto größer wird das Gefühl, das alles "so fad" ist - wie es der Wiener Kabarettist
Qualtinger so beredt zum Ausdruck gebracht hatte - oder des "Ekels", den der Philosoph
Satre nur halb versteht. Das aus dem Identitätsverlust genährte Gefühl der Langeweile
kann so stark werden, daß es in ein aktives, begeistertes Verlangen, Böses zu tun,
umschlägt. Es drückt sich nicht nur im Genuß entsprechender Greuel-Unterhaltungs-
Sendungen aus, sondern äußert sich bis hin zur Ausbreitung satanischer Kulte, die vor
blutigen Mordritualen nicht mehr zurückschrecken. 11'

9
Webster Tarpley: "Siegmund Freud's Cabalistic Attack an Judeo Christian Civilization" in: The
New Federalist, Voll. VII No. 45 S. 5ff, Leesburg VA USA und die dort aufgearbeitete Literatur,
besonders Ennio Innocenti 1975 erschienenes Buch "Fragilita di Freud".
10
Theodor W. Adorno begrüßte die Häßlichkeit als "Kunst der Befreiung". Das reichte von dem
frühen Aufsatz "Zur gesellschaftlichen Lage der Musik" in: Zeitschrift für Sozialforschung ZfS 1932
H 1 - 3, in dem er auf das "belebende Moment des Barbarischen" in der Kunst setzt, bis zum erst
1970 erschienenen Werk "Ästhetische Theorie", welches "das Finstere als Antithese zum Betrug
der sinnlichen Fassade von Kultur" feiert.
11
Ein früher Analythiker des Kults der modernen Häßlichkeit vermutet dahinter den "gnostischen"
Versuch französischer Illuminaten (Aufgeklärter), nämlich die "Übertrumpfung des bloß
animalischen Bösen mit dem Ziel, aus solchem Höchstmaß des Bösen den Absprung in die
Idealität zu gewinnen" Hugo Friedrich: Die Struktur der Modernen Lyrik, Hamburg, Rowohlt 1946 S.
33
Solchen Satanismus begrüßte einer der Ideengeber der Frankfurter Schule, Walter
Benjamin, in den zwanziger Jahren als "Emanzipation vom Druck der Moral" und diese Art
von Befreiung verteidigte noch der späte Herbert Marcuse in den sechziger Jahren, wenn
er "die Befreiung des Denkens, Forschens, Lehrens und Lernens von dem bestehenden
System der Werte und Verhaltensweisen" fordert. 12 Bernhard Shaw meinte das gleiche,
wenn er zum "protest against consciousness" auffordert, oder Friedrich Nietzsche, wenn er
das historische Bewußtsein (er versteht darunter die Verantwortung für den Verlauf der
menschlichen Geschichte) als das „unglückliche" ablehnt.

Dem Horrortrip unserer Gesellschaft führten uns wie in einem Brennglas zusammengefaßt
die Begleitumständen des jüngsten Balkankriegs vor Augen, die nun noch von denen des
Irakkrieg mit seinen Massenfolterungen unter „wissenschaftlicher Anleitung“ überboten
werden. Die Greuel des bereits wieder in die Vergessenheit abgedrängten Balkankriegs
stehen über die sogenannte Praxisgruppe, deren Mitglieder für einen großen Teil der
Greuel direkt und indirekt verantwortlich waren und die sich als ein Zweig der Frankfurter
Schule verstanden hatte, mit unserem Thema im Zusammenhang. Sie soll uns hier eine
Spur zu den Ursprüngen der imaginären Angst, welche die moderne Herrschaftspraxis
handhabt, weisen.

Die im früheren Jugoslawien und jetzt wieder in den Gefängnissen des Irak verübten
Ungeheuerlichkeiten, Vergewaltigungen, der Mordrausch, die Lust am Quälen sind nicht
Relikte einer ungebändigten und noch nicht kultivierten, ursprünglichen Wildheit von
Menschen. Die Bestialität ist, wie jene, die sich in den Vernichtungslager der Nazis bilden
konnte, das wissenschaftlich geplante Ergebnis einer systematischen, enthemmenden
Erziehungsarbeit. Solches Vorgehen orientiert sich nicht an unmittelbarer militärischer
Zweckmäßigkeit, sondern zielt auf ein Höchstmaß an Terror und Einschüchterung der
Bevölkerung, die gegen einzelne Untergruppen aufgehetzt (Kosovo-Albaner gegen
Serben oder Sunniten gegen Schiiten etc.) vertrieben oder zu irgendwelchen anderen
Reaktionen gebracht werden soll.

Das Erschreckende an den Greueltaten zum Beispiel in Jugoslawien (ähnlich wie in den
Gefangenenlagern Abu Graib etc.) ist, daß sie unter Aufsicht und Anleitung von akademisch
gebildeten Psychiatern, Psychologen und Soziologen erfolgten. Ein paar der führenden
Namen aus dem leichter aufzuklärenden Vorgängen in Jugoslawien seien genannt, weil
sie unserem Gegenstand, der Frankfurter Schule, eng verbunden waren. Da ist z.B.

- Dr. Radovan Karadzic, das Oberhaupt der serbischen Tschekniks in Bosnien. Er ist Psychiater
und Spezialist für Gruppentherapie
- Dr. Jovan Rascovic, das gleiche für die Tschekniks in Kroatien. Er war bis zu seinem Tod der
führende Theoretiker der Psychiatrie in Jugoslawien.
- Dr. Vojislaw Seslej, der Führer der Tschekniks Gesamtjugoslawiens ist Soziologe.
- Dr. Mihailo Marcovic, der Chefideologe der herrschenden Serbischen Partei
Jugoslawiens ist Philosoph mit Interesse an Soziologie und Freudscher Psychoanalyse.
- Dr. Srickowic der serbische Propagandachef in Belgrad war praktizierender Psychiater.
- Auch einer der Hauptverantwortlichen, der UN-Unterhändler Lord Owen, ist Psychiater. Er
hat, wie die meisten der Genannten, sein Handwerkszeug am Tavistock Institut in London,
das ebenfalls der Frankfurter Schule nahe steht, gelernt.

Sie und viele andere progressive Intellektuelle und Schriftsteller feuerten die serbische
Greueltaten gegen angebliche moslemische Fundamentalisten und kroatische Ustashis an.
12
Herbert Marcuse: "Bemerkungen zu einer Neubestimmung der Kultur". In: ders.: Kultur und
Gesellschaft 2, Frankfurt, Suhrkamp 1965, S. 161, (zuerst auf englisch in: Daedalus, Winter
1965)
Sie gehören zu einem Kreis um die Zeitschrift "Praxis", die 1964 mit dem Ziel gegründet
wurde, die revolutionären, "menschenfreundlichen" Theorien der Frankfurter Schule, der
sogen. Neuen Linken, im damals "reformkommunistischem" Jugoslawien zu verbreiten. Zur
Herausgeberschaft der Zeitschrift gehörten auf deutscher Seite unter anderem Jürgen
Habermas, Oskar Negt, Albrecht Wellmer, Kurt Wolf, alles Jünger der Frankfurter Schule.

Jugoslawien und der Anteil der Frankfurter Schule an den dort verübten Ungeheuerlichkeiten ist
aber nicht unser Thema. Sie veranschaulichen nur eine verdrängte Dimension ihrer
weltanschaulichen Zielsetzung. Denn, wie Jaques Attali, der frühere Präsident der
Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung im Januar 1993 in der Zeitschrift
Harper's zu recht urteilte: "Es besteht durchaus die Gefahr, daß der Zusammenbruch
Jugoslawiens das Drehbuch für die Entwicklung in großen Teilen Zentral- und Osteuropas nach
der Aufhebung der kommunistischen Ordnung darstellt..." Inzwischen könnte man ergänzen:
und der Umpolung der islamischen Welt. Leider nennt Attali weder den Autor des Drehbuchs,
noch den Regisseur des geplanten Films.

Deutlicher und für unseren Zusammenhang weiterführender sind die Worte eines leitenden
Angestellten des erwähnten, britischen Instituts für Psychiatrie in Tavistock bei London. Er sagte
am 10. Januar 1993 am Telefon (wollte aber namentlich nicht genannt werden):

"Jetzt (nach Ende des Ost-West-Konflikts, HB) tritt die Angst über einen Atomkrieg zurück. Dafür
treten zahlreiche andere Ängste hervor, vor allem Ängste über unseren kleinen Planeten
(gemeint sind „Umweltängste“, H.B.). Es handelt sich um eine Art von Malthusianismus....
Daraus (den Ereignissen in Bosnien, H.B.) entwickelt sich das Gefühl, daß das Beseitigen ("kill
off') von Bevölkerung vielleicht nicht einmal so schlecht ist. Wenn sich die Leute in ihrem
rationalen Denken über die Brutalität in Jugoslawien auch vielleicht Sorgen machen, so begrüßt
diese (Brutalität) unbewußt ihr animalischer Überlebensinstinkt. Das Gewissen ist dabei zu
verschwinden. Das Gewissen ist bekanntlich eng mit dem Christentum verbunden. Es zeigt sich,
daß die christliche Matrix sehr sehr brüchig wird".

Wenn die gewünschte Annonymität des Verfassers auch die Beweiskraft des Zitats schmälert,
so scheint das Zerbrechenwollen der christlichen Matrix durchaus dem aufgeklärten Zeitgeist zu
entsprechen. Stärker verdrängt werden im Allgemeinen die brutalen Hintergedanken, die der
zynische Experte als der grünen Bewegung zugrundeliegend erkannt haben will.

Christliche Matrix meint hier das abendländische Menschenbild und das darauf
gegründete Gewissen des Einzelnen. Nicht gemeint sind spezielle Konfessionen, Kirchen
oder Dogmen. Das Zerbrechen der christlichen Matrix setzt im Menschen elementare
Identitätsängste frei und diese sind das eigentliche Material, aus dem die modernen
Eliten die Freiwilligkeit der Unterwerfung seitens ihrer Untertanen formen. Etwas ähnliches
wird heute mit dem sozio-psychologisch geplanten Zerbrechen der islamischen Matrix im
Nahen Osten versucht. Im Folgenden wollen wir uns aber auf unseren abendländischen
Kulturbereich beschränken. Dem Zerbrechen der christlichen Matrix entspricht der virtuelle
Vatermord, von dem sich Siegmund Freund die Befreiung des Menschen für eine
"Gemeinschaft, die ihr Triebleben der Diktatur der Vernunft unterworfen hat"13 erwartet.
Freuds Vorstellungen mit der marxistischen Revolutionstheorie zu einer
sozialwissenschaftlichen Theorie und Praxis zusammengefaßt zu haben, gilt als das
Verdienst der "Kritischen Theorie".
13
Siegmund Freund: "Warum Krieg?" Gesammelte Werke, London Imago Publishing Bd. XVI S. 24.
Die Vatermordtheorie der Psychoanalyse findet sich bereits in dem Roman Dostojewski's ‚Die
Brüder Karamasow’ vorgedacht. Nur spielt hier statt des sexuellen Besitzes der Mutter
(Ödipuskomplex) realitätsnäher die Übernahme des materiellen Erbes des Vaters und der damit
verbundene Machtgenuß die treibende Rolle - so übrigens auch in Max Horkheimers
Überlegungen zu diesem Aspekt des „bürgerlichen Familiendramas“.
Die Zerstörung der Christlichen Matrix

Die Frankfurter Schule hatte sich die Zerstörung der christlichen Matrix zur Aufgabe
gemacht. Damit glaubte sie der "Emanzipation vom Druck der Moral" (Walter Benjamin)
oder dem "Protest gegen das Gewissen" (Bernhard Shaw) zu genügen. Denn - nach
Auffassung dieser Schule - ist "die menschliche Selbstreflexion im Absoluten, die
Vermenschlichung Gottes durch Christus ist das proton pseudos (die Lüge schlechthin,
HB)"14 Das wird verständlicher, wenn wir versuchen, kurz den Inhalt der "christlichen Matrix"
zu umreißen.

In Mittelpunkt der christlichen Matrix steht das Gewissen: die Fähigkeit und Bereitschaft der
Menschen zwischen außerhalb des je eigenen Bewußtseins vorgegebenen Werten wie Gut und
Böse, Schön und Häßlich, Wahr und Falsch zu unterscheiden und entsprechend zu handeln.
Bei den drei Kriterien handelt es sich also im christlichen Verständnis nicht um subjektiv
beliebige Geschmacks- und Bewertungsfragen. Sie bilden vielmehr eine Einheit, in der sich
Gott, der Schöpfers Himmels und der Erde ausdrückt. Das Gute, Schöne und Wahre
steht also in einer engen harmonischen Beziehung zur als Schöpfung verstandenen
Welt als ganzer und damit auch zu dem, was für das Entstehen und Werden (und nicht
nur „das Dasein“) aller Dinge und Lebewesen entscheidend und der eigentliche Ursprung ihrer
Entwicklung ist. Dieser Ursprung wurzelt im Wollen (Gut) und Wissen (Schön) und muß
realisiert (Wahr) werden. Daher glauben Christen an einen persönlichen, das heißt mit
Selbstbewußtsein und Absicht schaffenden Gott (Subjektseite des Seienden).15 Der
Schöpfergott handelt aber nicht nur an sich, sondern er will sich dabei zunehmend der
selbstbewußten Aktivität des Menschen bedienen. Er wirkt „in, mit und unter“ menschlichem
Handeln.

Das Wesen des Menschen ist, wie es das christologische Dogma umreißt, das endliche
Ebenbild des unendlichen Gottes, die Repräsentation (und das Wirkmittel) des unendlichen
Schöpfergottes im Endlichen. Demnach kann der Mensch an der voranschreitenden
Vervollkommnung des Seienden selbstbewußt und schöpferisch, „frei“ aber
ergebnisorientiert mitarbeiten. Dementsprechend trägt er auch für das, was er bewirkt oder
unterläßt, Verantwortung. In seiner schöpferischen Fähigkeit und nicht in irgendwelchen
Verstandesfunktionen liegt die besondere Würde des Menschen und sein wesentlicher
Unterschied zum Tier. Die so verstandene, allerdings von Luther im Gefolge der
sogenannten Nominalisten bestrittene Freiheit des Menschen ist ein wesentliches Moment
der christlichen Matrix

Der Mensch erfüllt sein Wesen, in dem er die für den Nächsten, sich und seine Umwelt
scheinbar objektiv vorgefundenen Grenzen des Wachstums kreativ-produktiv überwindet
oder wenigstens daran arbeitet. Das kann zum Beispiel geschehen, wenn er in einem
objektiv traurigen Menschen wieder ein Lächeln der Zuversicht weckt oder wenn er der
darbenden Menschheit mittels einer wissenschaftlich-technischen Erfindung eine neue
Energiequelle erschließt. Die christliche Lehre faßt die dazu erforderliche, höchst komplexe
Anstrengung in dem Begriff "agapä", "(christliche) Liebe" zusammen. Diese gilt daher als
das gemeinsame Wesen des unendlichen Gottes und des endlichen Menschen.
14
Max Horkheimer, Theordor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, Amsterdam, Querido 1947 S.
209
15
Wir beziehen uns hier auf die Aufhebung des angeblichen Paradoxes zwischen Allmacht und
Allwissenheit Gottes im Begriff des Selbstbewußtseins (sich seiner Möglichkeiten bewußt sein und
entsprechend handeln), wie sie von Marcilio Ficino und später von Gottfried Leibniz geleistet
worden ist. Bezeichnenderweise greifen noch spätere Gottesleugner immer wieder gerne auf
dieses angebliche, aber nur unverstandene Paradox zurück.
An dem so begriffenen Wesen orientieren sich die Gewissensentscheidung des Menschen.
Herausforderungen, die den Menschen seinem Wesen näher bringen, sind „gut“, was
ihn davon abhält, ist „böse“. 16 Glück und Freude erfährt der Mensch, wenn er sich seinem
Wesen nähert, Angst und Leere, wenn er sich ihm entfernt. Nur durch Rausch,
eckstatischen Genusses oder „Arbeitswut“ und Ähnliches läßt sich Angst und Leere im
Augenblick der jeweiligen Situation scheinbar aber immer nur vorübergehend überdecken.

Wesensgemäßes, vernünftig-kreatives Handeln und das damit verbundene „Glück“ stellt


sich nicht spontan ein, es ist nur als unbeabsichtigter Lohn für Arbeit, Anstrengungen und
Mühen zu haben. Dabei sind die Belastungen vor allem seelischer (nach Luther das
„Sterben des alten Adams“) und weniger physischer Natur. Sich solchen belastenden
Herausforderungen entziehen zu wollen, ist im eigentlichen Sinne „böse“ und Ausdruck
der Lieb(gott)losigkeit. Daher gilt der christlichen Lehre Bequemlichkeit als Todsünde,
und „Faulheit als aller Laster Anfang“. Hier liegt auch der Grund, weshalb das christliche
Konzept der Gottebenbildlichkeit vielen scheinbar aufgeklärten Menschen als "proton
pseudos", als Lüge schlechthin, erscheint. Das macht ein weiterer Aspekt verständlich.

Sein Wesen ist dem Menschen weder als Eigenschaft noch als Zustand verfügbar. Er
nähert sich ihm, wenn er in bestimmter Richtung kreativ tätig ist. Dem versucht der Begriff
der Erbsünde gerecht zu werden. Die Erziehungssituation vermag das zu veranschaulichen.
Das neugeborene Kind ist zwar vernunftfähig aber nicht vernünftig. Es kann nicht zwischen
Gut und Böse entscheiden und repräsentiert selbst noch nichts vom Wesen des
Menschen. Trotzdem "erkennen" die Eltern und Erzieher in ihm dieses Wesen. In dem
Maße, in dem sie das tun, d.h. das Kind lieben, üben sie elterliche Autorität aus und
repräsentieren dem Kind gegenüber dieses menschliche Wesen. Elterliche Autorität sollte
aber nicht willkürlich sein, sondern hat sich als vernünftig, das heißt im Einklang mit dem
universellen, göttlichen Schöpfertum zu erweisen. Vor allem aber ist elterliche Autorität
endlich, also auch darauf angelegt, sich zu erübrigen. In dem Maß, in dem der Mensch
selbst vernünftig wird, kann und muß er der äußeren über ihn bestimmenden Autorität
entraten.

Die Freiheit, sich so verstanden dem Gewissen entsprechend zu entscheiden, gehört nach
der christlichen Matrix zum Wesen des Menschen. Sie hat zur Voraussetzung, daß der
heranwachsende Mensch lernt, zwischen dem Wesen des Menschen, soweit es von der
elterlichen Autorität ihm gegenüber nur repräsentiert wird, und dem Wesen, soweit es
sich selbst in seinem eigenen Gewissen zu melden beginnt (Gnade), zu unterscheiden
("Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen"). Das Nein gegenüber der elterlichen
Autorität kann daher zur conditio sine qua non eigener Wesentlichkeit werden. „An sich“ ist
dieses Nein aber nicht gut und auch kein Ausdruck von „Freiheit“. Ob es gut oder böse ist,
hängt davon ab, wohin und wogegen es (das Nein) sich wendet. Es kann elterliche
Zumutungen abwenden wollen, welche die Entwicklung eigener Wesentlichkeit behindern
oder aber auch Herausforderungen, welche zur grenzüberschreitenden Entwicklung, zur
Überwindung kindlicher Rückständigkeit auffordern. Nicht jeder Protest und jede Revolte ist
daher emanzipatorisch und damit gut.

Mit Leibniz begann sich die christliche Matrix zu „säkularisieren“. Das Gewissen löste sich
von religiös kultischen Vorstellungen und Verbrämungen und äußerte sich in einem
16
Besonders der Kirchenvater Augustinus hat in seiner Auseinandersetzung mit dem Manichäismus
die Substanzhaftigkeit von Gut und Böse geleugnet, um sie als Entwicklungsrichtungen besser zu
verstehen. Vgl. entsprechende Passagen in den Confessiones und im 14. Buch von De Civitas
Dei.
zunehmend vernunftbezogenen Gewand. An die Stelle der Schöpfungstheologie rückte eine
nicht positivistisch reduzierte Naturwissenschaft (Die Erkenntnis dessen, „was die Welt im
Inneren zusammen“ und in Entwicklung hält). Mit Wissenschaft und Technik bekam das
Gewissen auch eine praktische und - wenn man will - ökonomische Bedeutungsebene. (Die
christliche Agapä wuchs über das bloße und unmitelbare Samaritertum hinaus). Physische
Not ließ sich nicht nur im Einzelfall (beim Nächsten) praktisch überwinden. 17 Seinen
vordergründig direkten Ausdruck fand diese neue Dimension im Erfinder-Unternehmer.
Diese Form der bürgerlichen Existenz wurde im Biedermeier von allerlei kritikwürdigen,
miefigen Zuständen überdeckt und verzerrt. Deren Kritik ließ sich dazu mißbrauchen, um
die Herausforderung, die diese selbstbewußte Existenzweise vor allem für den die
physische Arbeit scheuenden Intellektuellen darstellt, abzuwimmeln. Dem kritischen
Intellektuellen gerann das Unternehmertum zum Bild des bloß reichen Besitzbürgers, der
Begriff „Vermögen“ reduzierte sich ihm auf „materiellen Wohlstand“. Der angeblich
verklemmten (besitz)bürgerlichen Existenz wollte die Frankfurter Schule die Befreiung
des Eros und des Genusses entgegen stellen.18

Die Revolte

Das Gewissen der christlichen Matrix ist eine anstrengende Sache und mit Arbeit
verbunden. Dagegen erhob sich zu allen Zeiten Protest und Widerstand in areligiösen oder
pseudoreligiösen Formen.19 Sie wurden zwar weniger offen im Namen der Bequemlichkeit
geführt dafür aber als Befreiung von ungebotenen Ansprüchen an den Menschen
gerechtfertigt oder als Ergebenheit in den Lauf der natürlichen Entwicklung verklärt. Die
Revolte richtet sich gegen den Anspruch, der Einzelne trage für die allgemeine
Entwicklung Mitverantwortung. Die Revolte versteckt sich gerne hinter einem Kollektiv,
hinter einer pseudowissenschaftlich erwiesenen Determiniertheit aller Naturvorgänge also
auch des Einzelnen und seines Schicksals, hinter objektiven "Triebgesetzen der
Gesellschaft" (Adorno), oder allgemeinen Marktgesetzen und ähnlichem. Solche
Determiniertheit, zum Beispiel auch Nietzsches überschwenglich gefeiertes Konzept von
der Ewigen Wiederkehr des banalen Gleichen, engt das Wesen des Menschen, das
darauf angelegt ist, Grenzen des Wachstums zu überwinden, ein und erzeugt so - im
metaphysischen Sinne - Angst. Als Ergebenheit in das Walten eines allmächtigen, alles
beherrschenden und festlegenden, unergründbaren Gottes oder Weltgeschicks nimmt der
Protest auch pseudoreligiöse Züge an.

Die moderne Revolte beginnt nicht erst mit den psychosozialen Programmen eines
David Riesman, der Frankfurter Schule oder ähnlicher Institutionen sondern hat eine
lange Vorläufergeschichte. Die heute noch am weitesten verbreitete Form der Revolte
war der Liberalismus im Gefolge Adam Smith'. 20 Auch er zielte auf die ideologische
17
Vgl. Friedrich Schillers Distichon: Würde des Menschen, "Nichts mehr davon, ich bitt Euch! Zu
Essen gebt ihm, zu wohnen! Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst."
18
Herbert Marcuse: Eros and Civilisations 1955 im Auftrag und auf Kosten der Rockefeller
Foundation erstellt, dt.: Triebstruktur und Gesellschaft, ein philosophischer Beitrag zu Sigmund
Freund, Suhrkamp Frankfurt 1965. Das Buch wurde für die sogenannte 68er Studentenrevolte
richtungsweisend.
19
Augustinus beschreibt z.B. in den Konfessionen die subjektiven Formen, im Gottesstaat die
objektiven Formen dieses Widerstands in der antiken Gesellschaft. Sie sind heute nicht
grundlegend anderes.
20
Daß die Theorie und Ideologie des "freien Marktes" und seiner "unsichtbaren Hand" von
Adam Smith im Auftrag und auf Kosten einer indirekt staatlichen Monopolgesellschaft, der
Zersetzung der praktischen Verantwortlichkeit des Menschen und ersetzt sie durch den
Marktmechanismus der unsichtbaren Hand und die ideologische Rechtfertigung des
Mangels als der ontologischen Grundkomponente des Wirtschaftens. Die Rechtfertigung
der egoistisch, liberalistischen Revolte brach sich zunächst an der Industrialisierung der zu
spät gekommenen Randländern (Deutschland, USA) und löste später Weltkriege aus.
Darauf wollen wir hier aber nicht eingehen.

Aber auch andere Formen der frühen Revolte sind für unser Thema unmittelbar relevant.
Dazu gehören
- die Romantik, als Verherrlichung vorchristlicher Bewußtseinszustände. Sie kann sich
als bewußter Rückschritt in heidnische oder romantisch klärte Vorstellungen aus einer
Zeit, „als die Welt noch in Ordnung war“ darstellen oder in neuen Formen der
Verherrlichung oder Defizierung der Natur und ihrer Triebimpulse im Menschen,
- der Radikaldemokratismus als Widerstand gegen die moralisch-praktischen
Zumutungen äußerer wie innere Autoritäten,
- der Sozialismus, soweit er selbstbewußtes Schaffenwollen in Neidgefühle und Wut
darüber, übervorteilt worden zu sein, umformt.
Impulse zur Revolte gegen die christliche Matrix reichen weit bis in die Anfänge ihrer
Ausprägung zurück. Seit 1859 begannen sie erneut die abendländische Gesichte zu
prägen. Sie verbarg sich hinter dem Begriff der "Modernität", den Charles Baudelaire
prägte. Dabei bestand schon damals über die eigentliche Zielsetzung seitens der Revolte-
Intellektuellen kaum ein Zweifel. Treffend hat sie Charles Baudelaire beschrieben: "Der
Dandyismus ist das letzte Aufleuchten des Heroismus in den Zeiten des Verfalls... In der
Wirrnis dieser Zeit können einige aus der Bahn geworfene, angewiderte, unbeschäftigte,
aber an ursprünglicher Kraft reiche Menschen sich vornehmen, eine neue Art von
Aristokratie zu gründen. Sie ist um so schwerer zu zerbrechen, als sie sich auf die
kostbarsten, unzerstörbarsten Fähigkeiten und auf Himmelsgaben stützt, welche durch
Arbeit und Geld nicht zu erlangen sind".21

Die Revolte ist das eigentliche "Projekt der Moderne" (Jürgen Habermas). Die in den Massen
gezündete Revolte ist somit in erster Linie ein politisches Machtmittel in der Hand der
"neuen Art von Aristokratie". In ihrem Sinn hat sie zunächst zahlreiche Formen der
romantischen Bewegungen, wie der „arts and crafts movement“ aus England (John Ruskin), den
Wandervogel, die Lebensreformbewegung, Kosmische Naturfühligkeit und ähnliches ins
Leben gerufen. Diese trugen das Material zusammen, aus dem heute die New Age
Bewegung als postmoderne, postchristliche, synkretistische Religion geschmiedet wird. Schon
frühzeitig wurden weitergehende kollektivistische, politische Bewegungen geformt, vor allem der
Sozialismus (ebenfalls teilweise auf John Ruskin zurückgehend), der Nationalismus und
Formen des Rassismus. 22 Die ökonomisch unterdrückten und angesichts des wirtschaftlich

britischen East India Company und für deren politisch-propagandistische Zwecke entwickelt
worden ist, wird in der einschlägigen Literatur meist verschwiegen. Vgl. dazu Lyndon H.
LaRouche, David P. Goldman: The Ugly Truth About Milton Friedman, New York, Benj. Franklin
1980 durchgehend. "
21
Oeuvres Completes Paris 1954 S. 907/908. Welche Himmelsgaben Baudelaire meint,
erhellen seine Aussagen über Dichtung: "Dichtung wurzelt im Körper, in der phyischen Fähigkeit,
im Leben". Gemeint ist, was bei Bergson später "Elan Vital", Schopenhauer "Wille und
Vorstellung", oder Nietzsche "Wille zur Macht" heißt.
22
Den politischen Rassismus hat vor aller biologistischen Rechtfertigung der Sozialist Moses
Hess entdeckt. In seinem 1862 veröffentlichten Buch "Rom und Jerusalem, die letzte
Nationalitätenfrage" stellt er den "Rassenkrieg" als ein dem "Klassenkampf“ überlegenes
politisches Machtmittel heraus. Diese Quelle des Rassismus wird in der einschlägigen Literatur
Machbaren in ungebührlicher Not gehaltenen Massen, die dadurch in ihrem
Identitätsgefühl verletzt waren, ließen sich in nationalistische, sozialistische und rassistische
Bewegungen und Parteien organisieren, ehe sie ohne besonderen -Ismus von einer alles
umfassenden Unterhaltungs- und Bewußtseinsindustrie verfügbar gemacht werden
konnten. 23

Die Frankfurter Schule war der erste, systematisch betriebene Versuch, die verschiedenen
Aspekte dieser Revolte zusammenzufassen. Dazu trug sie während ihrer ersten
Schaffensperiode unter dem Fabianer Carl Grünberg die Schriften der Intellektuellen der
Revolte möglichst vollständig im Grünberg Archiv zusammen. In ihrer zweiten Periode,
unter Max Horkheimer schmiedete sie aus dem gesammelten Material mit Hilfe
sozialwissenschaftlicher Techniken die Herrschaftsinstrumente der neuen Aristokratie.

Vorformen der Frankfurter Schule waren die Kaderseminare kommunistischer


Intellektueller auf der Insel Capri. Ihre Erträge brachte Walter Benjamin in die Arbeit
der Frankfurter Schule ein. Hier hat sie besonders Theodor Adornos ausgeschlachtet. 24

Historische Anfänge der Frankfurter Schule

Die historischen Anfänge der Frankfurter Schule sind für ihr Verständnis nicht unerheblich.
Nach dem Gelingen der Russischen Revolution erwarteten die Intellektuellen der Capri-
Schule ein Übergreifen der Revolution auf Deutschland und von da aus auf den Rest der
Welt. Dazu kam es nicht, obwohl in Deutschland nach der Niederlage alle "objektiven"
Voraussetzungen für eine kommunistische Revolution gegeben waren. Die Institutionen
waren zerschlagen, die herrschende Elite diskreditiert und entmachtet, das Elend der
Massen kaum zu beschreiben. Trotzdem folgte die deutsche Arbeiterklasse dem Ruf "ihrer"
Avantgarde nicht. Das frustrierte die Revolte-Intellektuellen um 1922.

In dieser Situation berief Felix Weil 1922 eine "Erste Marxistische Arbeitswoche" in ein
nobles Hotel in Illmenau am Thüringer Wald ein. Felix war Sohn des Getreidehändlers
Hermann Weil, dem die Briten aus unerfindlichen Gründen Marktanteile an dem von
ihnen kontrollierten, in den Hungerjahren nach dem 1. Weltkrieg lukrativen
Getreidehandel Argentiniens eingeräumt hatten. Mit Getreide und weiterreichenden

aus offensichtlichen Gründen übergangen. Moses Hess war der eigentliche Begründer der SPD
und hatte Marx und Engels zum Sozialismus bekehrt.
23
Das zusammenfassende Programm dazu findet man beim schon erwähnten David Riesman:
The Lonely Crowd, A Study of the Changing American Charakter, New Haven, Yale University
Press 1950. Es ist - wie bei den im Determinismus verhafteten Denkern naheliegend - nicht als
Programm, sondern als "Kritik" an einem scheinbar feststehenden, jedenfalls unumkehrbaren
Trends geschrieben worden. Auf diese Weise konnten Intellektuelle ihre Verantwortung für die
Umsetzung des Programms vor sich selbst, ihren Jüngern und einer dümmlichen Nachwelt
abstreiten und dem Lauf der Dinge zuweisen.
24
Zu den Schulungen hatte die Schauspielerin und Komintern-Agentin Lacis Asja ihren späteren
Ehemann Walter Benjamin, mitgebracht. Er schrieb von dort seinem Freund Gershom Scholem
begeistert, er habe dort "existentielle Befreiung und intensive Einsicht in die Aktualität des
radikalen Kommunismus" gewonnen. Man hatte die Insel nicht wegen der schönen Landschaft
gewählt, sondern weil sich hier Palast und Kultzentrum des römischen Kaisers Tiberius befand,
der nicht nur für die Hinrichtung Jesus verantwortlich gemacht wird, sondern dort sozusagen mit
staatlicher Lizenz seinem Laster, besonders schönen, jungen Frauen die Kehle
durchzuschneiden, gefrönt haben soll.
Spekulationsgeschäften hatte er im unterversorgten Deutschland außerordentliche
Reichtümer ansammeln können. Aus ihnen finanzierte er neben der KPD den Start der
Frankfurter Schule.

Die Tagung in Illmenau bestimmten zwei Redner. Der eine war der in England zum
Fabianismus bekehrte Rätesozialist Karl Korsch. Er hatte gerade sein Buch "Marxismus und
Philosophie" veröffentlicht. Darin empfahl er, die marxistische Revolutionstheorie durch einen
über das Ökonomische hinausgreifenden, breiteren philosophischen Ansatz zu erweitern. Den
fand er im Entfremdungskonzept des jungen Hegel. Der andere Redner kam direkt aus
Moskau. Es war der ehemalige Volkskommissar für Kultur der gescheiterten ungarischen
Räterepublik, Georg Lukacs. Auch er hatte gerade ein Buch "Geschichte und
Klassenbewußtsein" herausgebracht. Danach hatte die deutsche Arbeiterklasse im Unterschied
zur russischen deshalb die sozialistische Revolution nicht unterstützt, weil sie trotz ihrer
Säkularisation geistig noch immer im besonderen, westlichen Christentum (der christlichen
Matrix) befangen war. Um die damit verbundene Denk- und Empfindungsweise auszumerzen,
schlug Lukacs Organisationsstrategien vor, die sich an den marxistischen Begriffen der
"Verdinglichung" und des "Fetischcharakters der Ware" orientieren sollten. 25

Was mit Hilfe der aus diesen Begriffen abgeleiteten Instrumente geleistet werden sollte,
war nicht weniger, als im einzelnen Individuum ein grundsätzliches Mißtrauen in das
eigene vernünftige, moralische Urteilsvermögen zu verankern. 26 Lukacs hat bei dem von
ihm hoch verehrten Dostojewski gelernt, daß sich der Mensch dann, wenn er sein Ich und
seine Persönlichkeit in einer kollektiven Instanz aufhebt (im Falle Lukacs war das die
objektive, soziologische Größe "Partei der Arbeiterklasse und deren Avantgarde"), von den
Leiden an der eigenen moralischen Unzulänglichkeit entlastet. 27

Lukacs hatte sein revolutionäres Wollen nicht an Karl Marx sondern an Dostojewski
geschult. Dementsprechend fand er das "Model des neuen Menschen" in Aljoscha
Karamasow, jenem nützlichen "Engel", der seine persönliche Identität dem Kloster des
Staretz geopfert hatte. Dieses Opfer seines Ich's machte ihn gegen alle (wirtschaftlichen
wie intellektuellen) Anfechtungen der westlichen Zivilisation, die seine anderen Brüder
verkörperten, unerreichbar. 28 An die Stelle des Klosters tritt bei Lukacs die Partei, deren
25
Im gleichen Jahr 1922 war ein weiteres Programm mit dem bemerkenswerten Titel "Das Dritte
Reich" erschienen. Es stammte von Müller van den Bruck, der wie Lukacs ein glühender Verehrer
Dostojewski und dazu einer seiner Übersetzer war. Er forderte eine neue revolutionäre Bewegung
neben Kapitalismus und Sozialismus, weil sich mit der 'Übervölkerung der Erde" eine neue
Aufgabe gestellt habe. Die im September 1994 von der UNO in Kairo anberaumte
Weltbevölkerungskonferenz scheint diese beide Varianten der "Modernität" verknüpfen zu
wollen.
26
An die Stelle des "protest against consciousness" (des Fabianers Shaw) sollte die Zersetzung
des Gewissens treten.
27
1914 fragte Lukacs in seiner "Theorie des Romans". "Wer rettet uns vor der westlichen
Zivilisation?" Die Antwort wollte er mit dem großangelegten, unvollendeten Werk über Dostojewski
geben, als dessen Vorwort die "Theorie des Romans" ursprünglich gedacht war. Statt das
Vorhaben auszuführen, heiratete Lukacs im gleichen Jahr die russische Terroristin Jelena
Grabenko und trat der kommunistischen Partei bei.
28
Auf den revolutionären Populismus, den Dostojewski "christlich" dekorierte, und den er dem
westlichen "Egoismus" entgegenstellte, können wir hier, so wichtig er ist, nicht näher eingehen.
Er findet sich in unterschiedlicher Bewertung in allen besseren Darstellungen seiner
Weltanschauung. An sie knüpfte auf protestantischer Seite vor allem die Dialektische Theologie
von Eduard Thurneysen und Karl Barth an (woraus sich ein Teil der Verirrungen des heutigen
Protestantismus erklärt).
Führung sich der Intellektuelle bedingungslos unterwerfen muß, um sich von den ihm noch
immer anhaftenden Restbeständen der bürgerlichen Ideologie reinigen zu können. Ein
Schlüssel für Lukacs Denken ist die Parabel vom Großinquisitor aus Dostojewskis Roman
"Die Brüder Karamasow". Er behandelt die unterschiedlichen Reaktionen des Menschen
auf den Vatermord, welche die drei Brüder verkörpern.

Als Volkskommissar für Kultur der ungarischen Räterepublik gehörte es zu den Aufgaben
Lukacs, mit der nicht umerziehbaren Intelligenz des alten Regimes aufzuräumen.
Augenzeugen berichten, daß er bevor er die Erschießungskommandos ausschickte, sie
jedesmal mit einer kleinen Ansprache „bestärkte“. Diese soll meistens mit den Worten aus
der Parabel der Großinquisitor geendet haben: "Wir, die wir die Sünde zu deren (der
Massen) Glück auf uns genommen haben, wir werden uns vor Dir (Jesus) erheben und
sagen: Richte uns, wenn du kannst und es noch wagst!".

Die berühmte Parabel Dostojewskis ist vielfach falsch gedeutet worden. Wovon handelte sie?
Der auferstandene Jesus kommt auf die Erde zurück. Die Kirchenleitung fühlt sich bedroht und
läßt ihn fangen. Der Großinquisitor rechtfertigt in einem Monolog seinen Entschluß, ihn "morgen
(als Ketzer) zu verbrennen". Jesus habe die schwachen Menschen mit der Freiheit, die an die
Unterscheidung von Gut und Böse gebunden sei (christliche Matrix) überfordert und sie um
einiger weniger "auserwählter Stolzer" willen ins Unglück gestoßen. "Ich bin - bekennt
dagegen der Großinquisitor - aus der Reihe der Stolzen ausgeschieden und bin zurückgekehrt
zu denen, die sich gedemütigt haben zum Heil der Sterblichen".

Er habe - erklärt er weiter - aus Erbarmen mit der Schwachheit der kleinen Leute, ihnen die
moralischen Entscheidungen ab- und auf sich genommen. Was das bedeutet, erklärt er in
drei Anläufen. An Hand der Versuchungsgesichte aus den Evangelien stellt der
Großinquisitor die Fehlentscheidungen Jesu richtig. Im Unterschied zu Jesu habe er es auf
sich genommen, den Menschen
1. eine materielle Grundversorgung zu gewähren (Steine zu Brot gemacht)
2. durch Unterhaltung ihren mühseligen Alltag zu verschönen (Geheimnis, Wunder - Sprung
vom Tempel)
3. und ihnen die moralischen Entscheidungen durch entlastende Verhaltenssteuerung
erleichtert ("So du niederfällst und mich anbetest").
Jesus hört die Rede des Großinquisitors schweigend an, "küßt ihn sanft auf dessen
blutlose Lippen" und verschwindet, ohne ein einziges Wort gesagt zu haben, auf nimmer
Wiedersehen.

Als Ergebnis dieser "Ersten Marxistischen Arbeitswoche" in Ilmenau kam es zur Gründung
des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Es sollte den intellektuellen Führungsstab der
geforderten Kulturrevolution stellen. Die Herkunft der Gelder sagt etwas über die
Ausrichtung der Arbeit dieses Instituts aus. Sie stammten zunächst – wie erwähnt - von
Felix Weil, flossen aber bald von zahlreichen anderen Institutionen, so unter anderem vom
Preußischen Unterrichtsministerium unter Carl Heinrich Becker29 und aus der Sowjet
Union. Geldlieferanten waren später so revolutionäre Einrichtungen wie die Rockefeller
Foundation, verschiedener Universitäten, das Amerikanische Jewisch Committee, das
Intern. Labor Office der UNO, das US State Departement und das Hacker Institut bei
Hollywood, eine Psychiatrische Klinik sowie das erwähnte Tavistock Institut in London.

29
Carl Heinrich Beckers Sohn, Hellmuth Becker, war späterer als Leiter des Max Planck Instituts für
Bildungsforschung in Berlin für die Erziehungsreform in Deutschland verantwortlich. Er sorgte
unter anderem auch dafür, daß die Frankfurter Schule nach 1950 wieder in die Bundesrepublik
zurückkehrte und sicherte ihr eine standesgemäße finanzielle Versorgung aus Steuergeldern zu.
Als Max Horkheimer nach dem Tod Grünbergs das Institut übernahm, verband er es mit
dem Frankfurter Psychoanalytischen Institut, an dem sein und Erich Fromms
Psychoanalytiker, Karl Landauer, arbeitete. Erich Fromm brachte eine andere Institution in
die Frankfurter Schule ein, das sogenannten "Torahpeutikum". So wurde ein Sanatorium
zur Psychoanalytischen Behandlung junger Erben wohlhabender jüdischer Familien des
Deutschen Bildungsbürgertum genannt, das diese zum Chassidismus bekehren wollte.
Die Chassidim verdünnten die jüdische Orthodoxie zu einer Art jüdischem Volkstum und
wandten sich daher strickt gegen jede Form der Assimilation mit dem jeweiligen
"Wirtsvolk". 30 Dem Torahpeutikum stand der Kreis um Rabbi Nehemia Nobel nahe, der über
Bildungsveranstaltungen Ähnliches versuchte. Aus seinem Kreis stammten neben Fromm
unter anderem Krakauer, Benjamin und Adorno. Erich Fromm war, bis ihn Max Horkheimer
1939 aus Geldgründen aus dem Institut drängte, einer der aktivsten Mitarbeiter des Instituts
gewesen.

Aktivitäten der Frankfurter Schule

Auf Erich Fromm geht die psychoanalytische Umdeutung der ökonomischen


Revolutionstheorie des Marxismus zurück. Sie öffnete den Weg zu der von Georg Lukacs
geforderten eigentlichen Kulturrevolution. Danach sollten unbefriedigte Triebimpulse (ES)
so stimuliert werden, daß sie gegen ihre Kontrollinstanz (ÜBERICH, Gewissen) anrannten
und diese schließlich beseitigten ("Vatermord"). Dadurch solle der Weg für eine
Neuorientierung des Einzelnen (ICH, Befriedigung der eigenen Bedürfnisse) frei werden.
Die mit dem Vatermord verbundenen Schuldgefühle würden sich zwar eine Zeitlang (in der
Revolutionsphase) im Rausch des Genusses unterdrücken lassen. Sie würden aber auch -
dieser von Dostojewski so eingehend behandelte Aspekt wurde von den Frankfurter
Schülern nicht eigens herausgestellt - das Individuum umtreiben, bis es außerhalb seiner
Selbst (in der Partei und unter der Führung der intellektuellen Avantgarde) Absolution und
Halt findet. 31
Die Frankfurter Schule suchte zunächst nach Ansatzpunkten der geplanten
Kulturrevolution. Dazu untersuchte Erich Fromm "Die Entwicklung des Christusdogmas" und
regte zum anderen eine empirische Untersuchung des Instituts über "Die Lage der
arbeitenden Klassen in Vergangenheit und Gegenwart" an. Hierbei interessierte ihn vor
allem, wie die innere Triebstruktur der Unterschicht "domestiziert" und zu

30
Die Gründung dieses Instituts ging auf Salam Rabinkow, dem Hausrabiner Isaak Sternbergs, des
ersten Volkskommissar für Justiz der jungen Sowjet Union, zurück. Sternberg hatte sich nach dem
gescheiterten Putsch von 1905 nach Deutschland ins Exil begeben. Erich Fromm, zu Beginn des
Instituts ein führender Mitarbeiter, war der Enkel seines großen Vorbildes Dr. Seligmann Pinchas
Fromm, des Hausrabiners von Baron Willi Carl von Rothschild. Er hatte die Eigentümerin des
Sanatoriums, Frieda Reichman, geheiratet und dadurch die Verknüpfung der beiden
Einrichtungen ermöglichte.
31
Im Roman Dostojewskis finden sich hierzu zwei Antworten. Dimitri, obwohl eigentlich unschuldig,
nimmt die Strafe auf sich und duldet, Aljoscha nimmt sich in der Nachfolge des Klosterheiligen
uneigennützig der Kinder an. Der Dritte, Iwan, bleibt als Intellektueller eine lächerlich impotente
Figur aber mit einer steuernden Funktion. Daß selbst Siegmund Freud ähnliche Perspektiven
vorschwebten, findet man in der Schrift Erich Fromm: Siegmund Freud's Sendung, Frankfurt
Berlin, Ullstein 1961 besonders in den Kapiteln VI Die autoritäre Gestalt, VII Der Weltverbesserer,
VIII Psychoanalyse als Bewegung und IX Dikatur der Vernunft ausgiebig belegt. Eine modernere
Form des Konzepts, die Partei und diktatorische Führungsavantgarde durch massenmedial
Steuerung und Unterhaltung ersetzt, hat der dem Frankfurter Institut nahestehende David
Riesman in seinem oben erwähnte Programm des "außengeleiteten Menschen" entwickelt.
"gesellschaftlichem Kitt" umgeformt wurde. 32 Beide Studien brachten kein befriedigendes
Ergebnis und führten nicht recht weiter.

In Robert Briffault Buch "Die Mütter, eine Studie über den Ursprung von Gefühlen und
Institutionen"(Anm 32) fand das Institut für Sozialforschung den gesuchten Ansatz ihrer
Kulturrevolution. Fromm gewann Briffault als freien, das heißt nicht bezahlten Mitarbeiter für das
Institut.33 Briffaults These behauptete, daß die autoritäre, paternalistische Familie, das Kind
vergewaltige und ihm damit die Chance einer freien Entfaltung seiner inneren Triebe und
Gefühle verwehre. Sie mache aus der triebhaften Lust vielmehr Gefühlsmaterial, mit dem
sich die Gesellschaft zusammenkitten ließ. Briffaults Thesen veranlaßten das Institut zu ihrer
berühmten Studie "Autorität und Familie". Das dort enthaltene empirische
Erhebungsmaterial hat heute kaum noch einen besonderen Wert. Ergiebig sind dagegen die
ihm vorangestellten theoretischen Studien von Horkheimer, Marcuse und vor allem der
"sozialpsychologische Teil" Fromms. Hier entwickelte Fromm sein Konzept des
sadomasochistischen Charakters, aus dem Adorno später die berühmte F-Skala der
Autoritären Persönlichkeit herausspann.

Die Autorität des Vaters wird im Bürgertum nur wegen der Aussicht auf das materielle Erbe
erduldet und weil die damit verbundene Möglichkeit, einmal selbst die Rolle des Vaters mit
all den damit verbundenen Privilegien einnehmen zu können, für den abverlangten Verzicht
entschädigte. Unter den ökonomischen Bedingungen der Unterschicht ist die ökonomische
Rolle des Vaters mangels Erbsubstanz allerdings überhaupt nicht mehr verlockend. Sie zu
übernehmen kann vernünftigerweise nicht für den Verzicht, sich seiner Autorität zu beugen,
entschädigen. Daher habe - so die Überlegung - die Bereitschaft zur Unterordnung in der
proletarischen Familie auch keine rationale Basis. Wenn sie dort trotzdem angetroffen wird,
so nur, weil in ihr die väterliche Autorität ideologisch vorgetäuscht und aufgebaut ist. Wird
sie dennoch anerkannt, so erzeugt das einen Charakter, der sich der Autorität nur mit
innerer Wut beugt, und der diese Wut an den Schwachen ausläßt, weil diese den
Wütenden leidvoll an die eigene kindliche Schwäche erinnern. Aus solchen Erkenntnissen
wird folgerichtig die "Dialektik der Befreiung" abgeleitet: Um sich aus dieser Situation zu
befreien, muß der einzelne sich gegen die Autorität auflehnen und dazu gesellschaftliche
und moralische Konventionen sprengen. Ausgesprochene Amoral, z.B. polymorphe
sexuelle Perversionen, dienen der Enttabuisierung und werden zum Mittel, mit unter sogar
als Voraussetzung der Selbstbefreiung gewertet.

Daß dies durchaus ernst gemeint war, zeigt ein Aufsatz Horkheimers aus dem Erscheinungsjahr
der Studie (1936). Dort heißt es:
"Die Fähigkeit zu unmittelbarer Lust ist vielmehr durch die idealistische Predigt der Veredelung
und der Selbstverleugnung (Vervollkommnung H.B.) in vielen Fällen ganz verdorben...
Doch es gibt in der neueren Zeit Anzeichen, die in eine und dieselbe Richtung einer
Lösung weisen. Einige Schriftsteller haben sich nämlich wieder offen zum Egoismus
bekannt und zwar nicht zu jener abstrakten und jämmerlichen Fiktion, in welcher er bei
32
Die Umwandlung von Triebimpulsen in emotionale gesellschaftliche Stabilisatoren hatte Robert
Briffault in seinem 1927 in New York erschienenen, dreibändigen Werk "The Mothers, A Study of
the Origin of Sentiments and Institutions" herausgearbeitet. Das Konzept hatte Fromm bereits bei
Alfred Weber kennengelernt und in seiner 1922 Weber vorgelegten Dissertation: "Das jüdische
Gesetz, ein Beitrag zur Soziologie des Diasporajudentums" am Beispiel der jüdischen Familie
entwickelt. Das jüdische Gesetz wird hier unabhängig vom religiösen Glauben als
erziehungsmäßig ausgeprägte, kollektive "Seele des jüdischen Geschichtskörpers" gesehen -
eine Art individualisierte Form des Politbüro-Kollektivismus.
33
Briffault faßte seine Thesen für das Institut in dem Aufsatz "Family Sentiments" zusammen, der
1933 in der Zeitschrift des Instituts ZfS, S. 375 ff erschien.
manchen Nationalökonomen und bei Jeremias Bentham eine Rolle spielt, sondern zum
Genuß, zum Höchstmaß an Glück, in das auch die Befriedigung grausamer Regungen
eingeschlossen ist... (Die Befreiung zur Lust) wirft den Menschen nicht auf eine
vorhergehende, seelische Stufe zurück, sondern bringt ihn zu einer höheren Form der
Existenz... Sie zur allgemeinen Wirklichkeit zu machen, haben jene Denker wenig
beigetragen, dies ist vornehmlich die Aufgabe der historischen Personen, bei denen Theorie
und geschichtliche Praxis zur Einheit werden" d.i. beim Personal der Frankfurter Schule.34

Mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus in Deutschland und der Verlagerung des
Institut in die USA wurde der materielle Spielraum des Instituts enger. Um den eigenen
Wohlstand zu sichern, wurden Mitarbeiter aus dem Institut gedrängt. Herbert Marcuse und
seine Frau Sophie, Otto Kirchheimer, Paul Baran, Leo Löwenthal, Siegfried Krakauer und
andere dem Institut nahestehende Personen bekamen führende Positionen beim OSS, dem
Vorgänger der späteren CIA und im State Department. Erich Fromm mußte sich eine eigene
psychoanalytische Praxis aufbauen, was er Horkheimer und Adorno lange Jahre sehr
übel nahm.

Die US-Elite begriff rasch den Nutzen der Theorien der Frankfurter Schule. Das zeigte
sich nicht nur in der erwähnten Übernahme von Angehörigen der Frankfurter Schule,
jener „historischen Personen, bei denen Theorie und geschichtliche Praxis zur Einheit
wurden“ in den Staatsdienst, sondern an den zahlreichen Planungs- und
Forschungsaufträgen an das Institut, die seinen Einfluß auf die Medien und die
Gesellschaft der USA stärkten.

Der Neue Mensch

Das American Jewish Committee schlug dem Institut die Mitarbeit an einer großangelegten
Studie über die Entstehungsbedingungen antisemitischer Vorurteile vor. Horkheimer wurde
schließlich zum Leiter dieses Projekts ernannt, Adorno leitete eine Unterabteilung. Ihr oblag
es, den faschistischen oder autoritären Charakter soziologisch zu bestimmen.35

Für sein Projekt entwickelte Adorno als Befragungsmethoden das "participant interview".
Auf diese Erfindung war er sehr stolz, obwohl es sich um eine altbekannte
geheimdienstliche Praxis handelte: Die Aufklärung durch eingeschleuste, verdeckte
Informanten. So dann erstellte er die bereits erwähnte F-Skala. Es handelte sich um die
Auflistung der Symptome, an denen der von Fromm entwickelte, sadomasochistische
Charakter erkannt werden sollte. Mit diesem Instrumentarium gelang ein ausgiebiges
"profiling" zunächst der amerikanischen Bevölkerung.
Im Vorwort zu dem erst nach dem Krieg fertiggestellten Projekt stellte Horkheimer fest:
"Unser Ziel ist nicht nur Vorurteile zu beschreiben, sondern sie mit dem Ziel zu erklären, sie
zu beseitigen. Ihre Beseitigung bedeutet eine wissenschaftlich geplante Umerziehung".
Dafür bot die Nachkriegszeit in Deutschland die beste Gelegenheit. Sie fand aber nicht nur
34
"Egoismus und Freiheitsbewegung, zur Anthropologie des bürgerlichen Zeitalters" in ZfS
1936 S. 229 f. Adorno nannte diesen wichtigen Aufsatz die "Rettung des Sadismus". Bei der
Verwirklichung der Befreiung zur Lust darf man die Vorgänge in Palästina, in Jugoslawien der
90er Jahre oder in den Gefangenenlagern des heutigen Irak nicht aus dem Auge verlieren. Sie
entsprechen durchaus den Vorstellungen der von Horkheimer angesprochenen Schriftsteller, z.B.
eines Marquise de Sade.
35
Max Horkheimer, Samuel H. Flowermann (ed.): Studies in Prejudice, 5 Bdd., New York 1949
ff. Hier besonders T.W. Adorno, E Frenkel-Brunswik u.a. The Authoritarian Personality, New
York 1950.
dort stand. Das Ergebnis ist der heute in allen westlichen Ländern zu beobachtende,
sogenannte "Wertewandel".

Zur Umerziehung sollten vor allem die Medien dienen. Dieser Arbeit widmete sich besonders
Adorno. Er übernahm im sogenannten "Radio Projekt", das die Rockefeller Foundation
schon 1937 in Auftrag gegeben hatte, die Untersuchungen über die emotionalen Wirkungen,
die sich mit Hilfe von Radiomusik und hier besonders mit sogenannter populärer Musik bei
den Zuhörern auslösen ließen. Leiter des gesamten Projekts war der nahe Bekannte des
Instituts, Paul Lazersfeld. Er stammte aus Wien und war der Schwiegersohn des führenden
SPD-Funktionärs, Rudoph Hilferding. Das Projekt lieferte die soziopsychologischen
Instrumente zur Steuerung und Handhabung des "außengeleiteten" Menschen. Schon frühzeitig
wies Adorno daraufhin, daß sich die Wirkung der Instrumente mit Hilfe des Fernsehens um
ein vielfaches steigern ließen. 36 "Die Leute, die heute die Medien, die Werbefirmen und die
Meinungsumfrageinstitutionen leiten, folgen, selbst wenn sie niemals den Namen Adorno
gehört haben sollten, seinen Theorien, daß nämlich die Medien alles, was sie angreifen in
so etwas wie ein Fußballspiel verwandeln sollen." 37

Die Ansätze der Frankfurter Schule wurden dank des Einflusses früherer Mitglieder, die -
wie erwähnt - zu dem wichtigsten Machtzentren der USA, der CIA, übergewechselt waren,
rasch über den Rahmen des Instituts hinaus ausgeweitet. Uns fehlt der Raum, sie hier im
einzelnen darzustellen. Was aus den Menschen nach dem Freud-Dostojewski'schen
Vatermord werden soll, hat der schon erwähnte David Riesman im Programm des
"außengeleiteten" Menschen umrissen. Der Außengeleitete kommt ohne eigenes Gewissen
aus, weil er sich und sein Verhalten von den Medien steuern läßt. Seine aufgestaute Wut
läßt sich gegen die richten, die es wagen, sich der Verhaltenssteuerungen zu widersetzen.
Um den sozialen Druck entsprechend auszurichten, sind Polizei und Spitzel jedenfalls
unmittelbar nicht mehr nötig. Gerät allerdings die gewohnte materielle Versorgung der
Menschen ins Wanken, versteht sich das „Selbstverständliche“ plötzlich nicht mehr von
selbst, dann gewinnen allerdings Feindbild und Unterdrückungsapparat – wie in der
gegenwärtigen Finanzkrise - wieder deutlich an Bedeutung. 38

Den Frankfurtern, allen voran Horkheimer und Adorno, scheinen später hinsichtlich ihrer
Arbeiten und deren Verwendung Bedenken gekommen zu sein. So jedenfalls lassen sich
ihre späten resignativen Töne erklären. 39 Wenn das so sein sollte, dann hatten sie sich wie
vor ihnen die meisten Revolte-Intellektuellen nicht bewußt gemacht, daß sich ihre Theorie
situationistisch am berauschenden Augenblick des Vatermords festhielt und für die Zeit
danach keine tragfähige Perspektive bot. Auf das Angebot Lukacs, das von Schuldgefühlen
gerittene ICH in einem Kollektiv wie dem Politbüro der Kommunistischen Partei aufzulösen,
36
Dazu: Michael J. Minnicino: "The Frankfurt School and Political Correctness" in: Fidelio
Journal of Poetry, Science and Statecraft Winter 1992 S. 17. Der Aufsatz behandelt sehr
eingehend die Arbeit des Radioprojekts.
37
Minnicino aa0. S. 15
38
David Riesman: The Lonely Crowd, A Study of the Changing American Charakter, New Haven,
Yale University Press 1950. Auf Riesman war Horkheimer 1943 durch dessen Aufsatz über
Antisemitismus aufmerksam geworden. Er schrieb in einem Brief vorn 3.4.43 an Adorno : "Wer ist
dieser Riesman? Seine Ideen stimmen hier seltsamerweise mit unseren eigenen überein. Er ist
anscheinend ein sehr intelligenter Mann oder hat unsere Veröffentlichungen mit Erfolg studiert".
39
Theordor W Adorno: Resignation (Vortrag im Sender Freies Berlin vom 9.2.1969) abgedruckt in:
ders.: Kritik, kleine Schriften zur Gesellschaft, Frankfurt Suhrkamp 1971. Vgl. auch seine
"Negative Dialektik" aus dem Jahr 1966 (Bei Suhrkamp 1971 erschienen). Sie beginnt mit dem
einsichtsvollen Satz: "Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der
Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward".
wollten sie aufgrund gewisser historischer Erfahrungen nicht eingehen. Habermas suchte
dafür in seiner Kommunikationstheorie der Gesellschaft einen vertretbaren Ersatz. Danach
sollen die vaterlos gewordenen Vatermörder ihre Emotion im unendlichen Diskurs solange
abarbeiten bis sich schließlich ein Konsens einstellt, für den es aufgrund der egoistischen
Ausgangsbasis eigentlich kaum einen Raum mehr gibt.

Wer, um die Verantwortung des Gewissens nicht ertragen zu müssen, zum Vatermörder
wird, verzichtet auf das Wesen des Menschsein, das mehr ist als (erfolgreiche)
Individualität an sich. 40 Dostojewski hatte das zu Beginn des Unternehmens schon gewußt.
In seinem programmatischen Roman bietet er als Alternative nur den Selbstmord oder die
Selbstaufgabe in einem Kollektiv (in seinem Roman war es das Kloster, das aber von der
obersten Kirchenleitung des Großinquisitors nicht zu trennen ist). Auch der von Baudelaire
anvisierte, kristallklare und eiskalte Faschismus, in dem sich die „neue Aristokratie“
verwirklichen will, kennt keine Brüderlichkeit. Mitmenschen werden der „neuen Aristokratie“
zu trickreich zu manipulierenden Wesen. Die Massendemokratie oder der "Faschismus mit
demokratischen Anstrich"41 scheint den meisten Menschen erträglicher zu sein als die
innere Leere und das unerträgliche Nichts des Nihilismus.42

Eine Rückkehr in frühere Verhältnisse, als – um es in Dostojewskis Bildsprache zu sagen –


der Vater der gesellschaftlichen Menschenfamilie noch einen Zusammenhalt gab, ist kaum
mehr möglich. Doch greift Dostojewskis gangbarer Ausweg zu kurz. Absolution vom
Vatermord kann wohl in der Zuwendung zum Heil anderer statt im zwanghaft egoistischen
Selbsterhaltungskampf gefunden werden. Doch darf diese Lösung nicht in der
Selbstaufgabe gesucht werden. Die Liebe zum Leben kann die schuldhafte, egozentrische
Einigelung durchbrechen. Zusammenarbeit und Miteinander wird in der Verständigung über
die praktischen Maßnahmen möglich, die zum Überleben und zur Entfaltung des Lebens
auch aller anderen einschließlich ihrer Umwelt nötig und machbar sind. Hierin kann eine
weniger fehlgeleitete Jugend ihre begeisterte wie begeisternde Zukunft entdecken und
damit Zugang zu einem je individuellen, das Leben erfüllende Lebensabenteuer finden.
Allerdings muß der einzelne, um die Enge des Egoismus zu überwinden, die Agonie der
Auseinandersetzung mit der egoistischen Selbsterhaltung, die Dostojewski in das Bild des
Mordes am (positiven oder negativen) Leitbild des Vater gegossen hatte, in seiner
gesamten Tragweite auf sich nehmen und durchstehen. Hierauf beruht die
Herausforderung und die Chance der Freiheit.

40
Friedrich Schiller hatte im Wilhelm Tell sehr genau zwischen dem Verfechter
unveräußerlicher Menschenrechte in der Person des Wilhelm Tell und der Revolte-Figur des
Patrizida (Vatermörder) unterscheiden. Im Drama „Die Verschwörung des Fiesko“
unterscheidet er zwischen der republikanischen Revolution (Verinna) und den Versuchungen
der Machtergreifung einer „neuen Aristokratie“ (Fiesko).
41
Vgl. dazu ICLC Strategie Studies: "Rockefeller's Fascism with a Democratic Face" in: The
Campaigner Vol 8 Nr 1/2, New York, Campaigner Publications 1974.
42
Vgl. hierzu die nihilistische Weltanschauung eines Leo Strauss, der der Frankfurter Schule
(nach seiner Emigration in die USA) nahe kam, und ihr Einfluß auf die derzeitigen
Machthaber in den USA. Kap.5 Die Philosophie der Neokonservativen in Cheneys Junta, in:
H. Böttiger (Hsrg.): Die Neokons, wer treibt die USA in die imperiale Falle, Wiesbaden, Dr.
Böttiger Verlag, 2004