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Wirtschafts- und Unternehmensethik

1. Vorlesung: Grundbegriffe: Ökonomik und Ethik

PD Dr. Julius Schälike Wirtschafts- und Unternehmensethik


Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -1-
Vorläufiges Semesterprogramm

1. Sitzung 14.9. Grundbegriffe: Ökonomik und Ethik

1. Sitzung 21.9. Grundbegriffe: CSR; Shareholder/Stakeholder.


Konzepte normativer Ethik I: Konsequentialismus (Utilitarismus)

3. Sitzung 28.9. Konzepte normativer Ethik II: Deontologische Ethik (Kantianismus


und Kontraktualismus)

4. Sitzung 5.10. Fallstudie: Der Ford Pinto

5. Sitzung 12.10. Verteilungsgerechtigkeit: Libertarismus (Nozick) und Egalitarismus


(Rawls)

6. Sitzung 19.10. Fragen der Wirtschaftsethik: Gesundheitssystem – libertär oder


reguliert?
Die moralische Qualität von Kapitalismus und Marktwirtschaft

7. Sitzung 26.10. Spielregeln und Spielzüge – Homanns „Ökonomische Ethik“ als


moralische Rechtfertigung der regulierten sozialen Marktwirtschaft

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -2-
8. Sitzung 2.11. Homanns „Ökonomische Ethik“: Anwendung und Kritik – Gibt es
Spielräume für die Moral?

9. Sitzung 9.11. Kollektives Handeln und die moralische Verantwortung des


Einzelnen für erzeugte Schäden: Mache ich einen Unterschied?

10. Sitzung 16.11. Fragen der Unternehmensethik I: Konzepte von CSR: Shareholder
Value vs. Stakeholder Value am Beispiel von Entlassungen zwecks
Gewinnsteigerung (corporate downsizing)

11. Sitzung 23.11. Fragen der Unternehmensethik II: Sweatshops

12.Sitzung 30.11. Fragen der Unternehmensethik III: Manipulative Werbung

13. Sitzung 7.12. Abschluss/Klausurvorbereitung

1. Klausur 14.12.

2. Klausur (Termin wird später vom Studienbüro festgelegt)

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -3-
Literatur
l Dieter Birnbacher: Analytische Einführung in die Ethik. 2003.

l Karl Homann/Franz Blome-Drees: Wirtschafts- und Unternehmensethik. 1992.

l Karl Homann/Christoph Lütge: Einführung in die Wirtschaftsethik. 3. Aufl.


2013.

l Klaus Peter Rippe: Ethik in der Wirtschaft. 2010.

l William H. Shaw: Business Ethics. 7. Aufl. 2011. [Empfehlung!]

l Peter Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik. 4. Aufl. 2007.

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -4-
Beispiele einfacher wirtschafts- und
unternehmensethischer Fragen
• Enron; Madoff:
• Täuschung
• Betrug
• unfaire Schädigung anderer
zum eigenen Vorteil

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -5-
Beispiele schwieriger wirtschafts- und
unternehmensethischer Fragen
• Müssen Hersteller/Verkäufer alle Produktmängel
offenbaren? Wann wird übertriebenes Anpreisen zu
Lüge/Betrug? Wann wird aggressives Marketing zur
Manipulation? Ist Manipulation immer illegitim?

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -6-
Beispiele schwieriger wirtschafts- und
unternehmensethischer Fragen
• Müssen Hersteller/Verkäufer alle Produktmängel
offenbaren? Wann wird übertriebenes Anpreisen zu
Lüge/Betrug? Wann wird aggressives Marketing zur
Manipulation? Ist Manipulation immer illegitim?
• Welche Verantwortung tragen Unternehmen für ihr
Umfeld? Sind sie verpflichtet, soziale Probleme (etwa
Armut) zu bekämpfen?

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -7-
Beispiele schwieriger wirtschafts- und
unternehmensethischer Fragen
• Müssen Hersteller/Verkäufer alle Produktmängel
offenbaren? Wann wird übertriebenes Anpreisen zu
Lüge/Betrug? Wann wird aggressives Marketing zur
Manipulation? Ist Manipulation immer illegitim?
• Welche Verantwortung tragen Unternehmen für ihr
Umfeld? Sind sie verpflichtet, soziale Probleme (etwa
Armut) zu bekämpfen?
• Dürfen Angestellte ihre Position nutzen, um eigene
Interessen zu verfolgen (Insider-Handel)? Welche
Loyalitätspflichten haben sie? Dürfen/müssen sie
Missstände publik machen (Whistleblowing)?

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -8-
Antikes Beispiel eines unternehmensethischen
Problems
• Ehrlicher Kaufmann bringt eine Ladung Weizen von
Alexandria nach Rhodos, wo großer Mangel herrscht.
• Unterwegs sieht er eine größere Anzahl anderer Händler,
die auch mit Weizen auf dem Weg nach Rhodos sind.
• Er erreicht Rhodos zuerst.
• Muss er den Kunden sagen, dass Nachschub nahe ist?
Dann entginge ihm großer Gewinn!
(Cicero)

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -9-
Ökonomik
• Wirtschaftswissenschaft / Ökonomik untersucht die
Wirtschaft wissenschaftlich; sie verhält sich zur Wirtschaft,
wie die Religionswissenschaft zur Religion.

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -10-
Ökonomik
• Wirtschaftswissenschaft / Ökonomik untersucht die
Wirtschaft wissenschaftlich; sie verhält sich zur Wirtschaft,
wie die Religionswissenschaft zur Religion.
• Unterschiedliche Interpretationen von Ökonomik:
• Weit: Theorie der rationalen Entscheidung/Spieltheorie
(Gary Becker).

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -11-
Ökonomik
• Wirtschaftswissenschaft / Ökonomik untersucht die
Wirtschaft wissenschaftlich; sie verhält sich zur Wirtschaft,
wie die Religionswissenschaft zur Religion.
• Unterschiedliche Interpretationen von Ökonomik:
• Weit: Theorie der rationalen Entscheidung/Spieltheorie
(Gary Becker).
• „Imperialistische“ Interpretation: Ökonomik behandelt das
Handeln insgesamt.
• Auch z.B. die Fragen, wen man heiraten/ob man Kinder haben
soll, fallen in die Ökonomik.
• Gängige, aber wenig sinnvolle Definition.

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -12-
Ökonomik
• Wirtschaftswissenschaft / Ökonomik untersucht die
Wirtschaft wissenschaftlich; sie verhält sich zur Wirtschaft,
wie die Religionswissenschaft zur Religion.
• Unterschiedliche Interpretationen von Ökonomik:
• Weit: Theorie der rationalen Entscheidung/Spieltheorie
(Gary Becker).
• „Imperialistische“ Interpretation: Ökonomik behandelt das
Handeln insgesamt.
• Auch z.B. die Fragen, wen man heiraten/ob man Kinder haben
soll, fallen in die Ökonomik.
• Gängige, aber wenig sinnvolle Definition.
• Eng: Theorie des Tausches von Gütern, Dienstleistungen
und Rechten. è Wird in dieser VL zugrunde gelegt.

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -13-
Ethik und Moral
l Ethik ist die wissenschaftliche Disziplin, die die Moral zum
Gegenstand hat – so wie die Ökonomik die Ökonomie zum
Gegenstand hat.
l Wirtschafts- und Unternehmensethik ist eine Form der
Angewandten Ethik neben Medizinethik, Rechtsethik,
Tierethik, Politischer Ethik etc.

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -14-
Ethik und Moral
l Ethik ist die wissenschaftliche Disziplin, die die Moral zum
Gegenstand hat – so wie die Ökonomik die Ökonomie zum
Gegenstand hat.
l Wirtschafts- und Unternehmensethik ist eine Form der
Angewandten Ethik neben Medizinethik, Rechtsethik,
Tierethik, Politischer Ethik etc.
l Wirtschaftsethik: Betr. Rahmenordnung des Wirtschaftens
(Kapitalismus oder Sozialismus? Umverteilung oder
Minimalstaat? Laisser-faire oder Regulierung?).
l Angesprochen ist die Politik.

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -15-
Ethik und Moral
l Ethik ist die wissenschaftliche Disziplin, die die Moral zum
Gegenstand hat – so wie die Ökonomik die Ökonomie zum
Gegenstand hat.
l Wirtschafts- und Unternehmensethik ist eine Form der
Angewandten Ethik neben Medizinethik, Rechtsethik,
Tierethik, Politischer Ethik etc.
l Wirtschaftsethik: Betr. Rahmenordnung des Wirtschaftens
(Kapitalismus oder Sozialismus? Umverteilung oder
Minimalstaat? Laisser-faire oder Regulierung?).
l Angesprochen ist die Politik.
l Unternehmensethik: Betr. unternehmerisches Handeln.
l Angesprochen sind primär Unternehmer/Manager.

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -16-
Ethik und Moral
l Ethik ist die wissenschaftliche Disziplin, die die Moral zum
Gegenstand hat – so wie die Ökonomik die Ökonomie zum
Gegenstand hat.
l Wirtschafts- und Unternehmensethik ist eine Form der
Angewandten Ethik neben Medizinethik, Rechtsethik,
Tierethik, Politischer Ethik etc.
l Wirtschaftsethik: Betr. Rahmenordnung des Wirtschaftens
(Kapitalismus oder Sozialismus? Umverteilung oder
Minimalstaat? Laisser-faire oder Regulierung?).
l Angesprochen ist die Politik.
l Unternehmensethik: Betr. unternehmerisches Handeln.
l Angesprochen sind primär Unternehmer/Manager.
l Außerdem behandelt wird: Konsumentenethik:
l Was ist bei individuellen Kaufentscheidungen moralisch zu beachten?
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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -17-
Moral

• Korpus sozialer Normen, abzugrenzen von


• Rechtsnormen (Gesetzen: „Tempo 50 innerorts!“)

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -18-
Moral

• Korpus sozialer Normen, abzugrenzen von


• Rechtsnormen (Gesetzen: „Tempo 50 innerorts!“)
• Konventionen (Etikette etc.: „Blumen mitbringen!“)

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -19-
Moral

• Korpus sozialer Normen, abzugrenzen von


• Rechtsnormen (Gesetzen: „Tempo 50 innerorts!“)
• Konventionen (Etikette etc.: „Blumen mitbringen!“)
• Klugheitsnormen („Ehrlich währt am längsten!“)

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -20-
Moral

• Korpus sozialer Normen, abzugrenzen von


• Rechtsnormen (Gesetzen: „Tempo 50 innerorts!“)
• Konventionen (Etikette etc.: „Blumen mitbringen!“)
• Klugheitsnormen („Ehrlich währt am längsten!“)
• Begriffsfeld: müssen, sollen, richtig, falsch, gut, schlecht,
erlaubt, verboten, geboten, Pflicht, Recht.

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -21-
Moral – inhaltliche Charakterisierung

• Pointe typischer moralischer Normen: Handeln zugunsten


anderer: Verbot der Schädigung, Gebot der Hilfe.
• Beispiele moralischer Normen:
• Verbot der Lüge
• Verbot Versprechen zu brechen
• Verbot unschuldige Menschen zu töten/verletzen

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -22-
Moral – inhaltliche Charakterisierung

• Pointe typischer moralischer Normen: Handeln zugunsten


anderer: Verbot der Schädigung, Gebot der Hilfe.
• Beispiele moralischer Normen:
• Verbot der Lüge
• Verbot Versprechen zu brechen
• Verbot unschuldige Menschen zu töten/verletzen
• Konflikt mit Klugheitsnormen/Eigeninteresse möglich:
• Es kann im Eigeninteresse liegen, Versprechen zu brechen.

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -23-
Fundament und Erkenntnis moralischer Normen

• Worauf basieren moralische Normen, und wie kann man


sie erkennen? Warum darf man z.B. nicht lügen?

• Rationalismus: Vernunft. Unmoral = Irrationalität


• Reine Vernunft (Kant): Moral ähnelt der Logik, ihre Gültigkeit ist
unabhängig von Interessen.
• Instrumentelle Vernunft (Kontraktualismus): Moral ist im allseitigen
Eigeninteresse.

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -24-
Fundament und Erkenntnis moralischer Normen

• Worauf basieren moralische Normen, und wie kann man


sie erkennen? Warum darf man z.B. nicht lügen?

• Rationalismus: Vernunft. Unmoral = Irrationalität


• Reine Vernunft (Kant): Moral ähnelt der Logik, ihre Gültigkeit ist
unabhängig von Interessen.
• Instrumentelle Vernunft (Kontraktualismus): Moral ist im allseitigen
Eigeninteresse.
• Sentimentalismus: Gefühl (Mitleid, Empörung, ...)
• Das moralisch Gute ähnelt dem Schönen, Ethik ähnelt der
Ästhetik
• Hume; A. Smith; Schopenhauer

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -25-
Fundament und Erkenntnis moralischer Normen

• Worauf basieren moralische Normen, und wie kann man


sie erkennen? Warum darf man z.B. nicht lügen?

• Rationalismus: Vernunft. Unmoral = Irrationalität


• Reine Vernunft (Kant): Moral ähnelt der Logik, ihre Gültigkeit ist
unabhängig von Interessen.
• Instrumentelle Vernunft (Kontraktualismus): Moral ist im allseitigen
Eigeninteresse.
• Sentimentalismus: Gefühl (Mitleid, Empörung, ...)
• Das moralisch Gute ähnelt dem Schönen, Ethik ähnelt der
Ästhetik
• Hume; A. Smith; Schopenhauer
• Intuitionismus: Unmittelbare intellektuelle Wahrnehmung
selbstevidenter moralischer Tatsachen.
• G. E. Moore; H. Sidgwick
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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -26-
Eine grundlegende Unterscheidung:
deskriptiv-normativ
• deskriptiv: beschreibend. „Wie ist die Welt?“
• U.a. kontrafaktische Konditionale („wenn ..., dann ...“):
• „Wenn der Mindestlohn erhöht würde, dann stiege die
Arbeitslosigkeit unter schlecht qualifizierten Arbeitnehmern.“
• „Wenn die staatlichen Investitionen stiegen, dann würde die
Rezession verkürzt.“

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -27-
Eine grundlegende Unterscheidung:
deskriptiv-normativ
• deskriptiv: beschreibend. „Wie ist die Welt?“
• U.a. kontrafaktische Konditionale („wenn ..., dann ...“):
• „Wenn der Mindestlohn erhöht würde, dann stiege die
Arbeitslosigkeit unter schlecht qualifizierten Arbeitnehmern.“
• „Wenn die staatlichen Investitionen stiegen, dann würde die
Rezession verkürzt.“
• normativ: vorschreibend. „Wie soll die Welt sein?“
• „Mindestlohn soll erhöht werden, denn die Einkommensgewinne sind
wichtiger als eine geringe Steigerung der Arbeitslosigkeit.“
• „Die Rezession soll verkürzt werden! Deshalb soll der Staat mehr
investieren!“

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -28-
Verhältnis Ökonomik-Ethik: Konflikt?
• Ökonomik als deskriptive Wissenschaft: Gibt Auskunft
über empirische Zusammenhänge, etwa:
• „Wenn die Staatsschulden über 90% des BSP steigen, dann
sinkt das Wachstum.“ (Rogoff)
• „Wenn die Steuern sinken, dann steigt das Wachstum.“
• „Unregulierter Kapitalismus führt zu steigender
Vermögenskonzentration; dies führt zu stagnierender
Wirtschaft und bedroht die Demokratie.“ (Piketty)

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -29-
Verhältnis Ökonomik-Ethik: Konflikt?
• Ökonomik als deskriptive Wissenschaft: Gibt Auskunft
über empirische Zusammenhänge, etwa:
• „Wenn die Staatsschulden über 90% des BSP steigen, dann
sinkt das Wachstum.“ (Rogoff)
• „Wenn die Steuern sinken, dann steigt das Wachstum.“
• „Unregulierter Kapitalismus führt zu steigender
Vermögenskonzentration; dies führt zu stagnierender
Wirtschaft und bedroht die Demokratie.“ (Piketty)
• Kein Konflikt mit der normativen Ethik: Die Ethik sagt, was
sein soll, die Ökonomik sagt, wie man es erreicht.
• „Ziel: Wohlstand und faire Chancengleichheit; Mittel:
Regulierte Marktwirtschaft mit Umverteilung durch Steuer.“

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -30-
Normative Ökonomik?

• Ökonomik als normative Wissenschaft konzipierbar?


• Gibt es eine ökonomische Rationalität/Normativität?
• Kandidat: Effizienz/Wettbewerbsgleichgewicht.

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -31-
Normative Ökonomik?

• Ökonomik als normative Wissenschaft konzipierbar?


• Gibt es eine ökonomische Rationalität/Normativität?
• Kandidat: Effizienz/Wettbewerbsgleichgewicht.
• Pareto-Effizienz: Niemand kann durch Tausch besser gestellt
werden, ohne dass jemand schlechter gestellt wird.

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -32-
Normative Ökonomik?

• Ökonomik als normative Wissenschaft konzipierbar?


• Gibt es eine ökonomische Rationalität/Normativität?
• Kandidat: Effizienz/Wettbewerbsgleichgewicht.
• Pareto-Effizienz: Niemand kann durch Tausch besser gestellt
werden, ohne dass jemand schlechter gestellt wird.
• Auf einem freien Wettbewerbsmarkt werden alle wechselseitig
vorteilhaften Tauschgeschäfte durchgeführt; die sich
ergebende Gleichgewichtsallokation der Ressourcen ist
pareto-effizient (Lehrsatz der Wohlfahrtsökonomie).

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -33-
Normative Ökonomik?

• Ökonomik als normative Wissenschaft konzipierbar?


• Gibt es eine ökonomische Rationalität/Normativität?
• Kandidat: Effizienz/Wettbewerbsgleichgewicht.
• Pareto-Effizienz: Niemand kann durch Tausch besser gestellt
werden, ohne dass jemand schlechter gestellt wird.
• Auf einem freien Wettbewerbsmarkt werden alle wechselseitig
vorteilhaften Tauschgeschäfte durchgeführt; die sich
ergebende Gleichgewichtsallokation der Ressourcen ist
pareto-effizient (Lehrsatz der Wohlfahrtsökonomie).
• Normativ: Wirtschaft soll effizient sein! Daher soll der Markt
frei/unreguliert sein!

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -34-
Normative Ökonomik?

• Kritik:
• Pareto-Effizienz [PE] ist zunächst ein deskriptiver Begriff.
• Dass PE auch etwas Gutes ist und angestrebt werden soll,
ist durchaus plausibel – sicher ist es gut, Menschen besser
zu stellen, wenn dies niemandem Nachteile bringt.

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -35-
Normative Ökonomik?

• Kritik:
• Pareto-Effizienz [PE] ist zunächst ein deskriptiver Begriff.
• Dass PE auch etwas Gutes ist und angestrebt werden soll,
ist durchaus plausibel – sicher ist es gut, Menschen besser
zu stellen, wenn dies niemandem Nachteile bringt.
• Aber warum ist PE der Inbegriff ökonomischer Normativität?
• Weitere Kandidaten normativer Ziele der Wirtschaft:
• Effizienz im Sinne einer Allokation, die den Gesamtnutzen maximiert.
• Gleichheit
• Maximin (Allokation, die die Lage der Schlechtgestellten optimiert)
• ...

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -36-
Normative Ökonomik?

• Pareto-Effizienz [PE] ist sicher nicht der einzige plausible


normative Maßstab für die Wirtschaft.
• PE ist ebenso wenig ein normativer Maßstab, der der
Wirtschaft „innewohnt“, wie jeder andere normative
Maßstab.

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -37-
Normative Ökonomik?

• Pareto-Effizienz [PE] ist sicher nicht der einzige plausible


normative Maßstab für die Wirtschaft.
• PE ist ebenso wenig ein normativer Maßstab, der der
Wirtschaft „innewohnt“, wie jeder andere normative
Maßstab.
• Auf welche Ziele die Wirtschaft ausgerichtet werden soll,
ist eine Frage, die sich nicht mit den Mitteln der Ökonomik
als deskriptiver Disziplin beantworten lässt.
• Verstanden als normative Disziplin, wäre die Ökonomik
ein Zwitter aus deskriptiver Wissenschaft und Ethik.

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -38-
Verhältnis Ökonomik-Ethik
• Häufig äußern sich Ökonomen normativ. Dann jedoch
äußern sie immer auch ethische/politische Ansichten,
bezüglich derer sie keine spezifisch ökonomische
Kompetenz haben.
• „Wirtschaft soll effizient arbeiten (normativ); Regulierung
senkt die Effizienz (deskriptiv); deshalb darf der Markt nicht
reguliert werden! (normativ)“ (Neoliberale Ökonomik)

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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -39-
Verhältnis Ökonomik-Ethik
• Häufig äußern sich Ökonomen normativ. Dann jedoch
äußern sie immer auch ethische/politische Ansichten,
bezüglich derer sie keine spezifisch ökonomische
Kompetenz haben.
• „Wirtschaft soll effizient arbeiten (normativ); Regulierung
senkt die Effizienz (deskriptiv); deshalb darf der Markt nicht
reguliert werden! (normativ)“ (Neoliberale Ökonomik)
• Was manchmal als Konflikt zwischen Ökonomik und Ethik bzw.
Wirtschaft und Moral bezeichnet wird, sollte verstanden werden
als Konflikt zwischen unterschiedlichen praktischen Zielen:
zwischen
• Wachstum und Gleichheit
• Nutzen für ein Unternehmen/wirtschaftliches Subjekt und Gemeinwohl
• ...
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Philosophisches Seminar 1. Vorlesung -40-