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6 Mundart und Hochdeutsch im Vergleich

Beat Siebenhaar und Walter Voegeli

In der folgenden Darstellung geht es einerseits Sprachbaus vorschnell als Eigenarten der Mundart
darum, an Beispielen aufzuzeigen, inwiefern die verstanden, obwohl dieselben Erscheinungen auch
schweizerdeutschen Mundarten und die deutsche im gesprochenen Hochdeutschen anzutreffen sind.
Standardsprache in Lautung, Formenbildung, Somit liegen also häufig nicht Unterschiede
Satzbau und Wortschatz auseinandergehen können, zwischen Mundart und Standardsprache vor,
andererseits aber immer auch um das Aufweisen sondern Unterschiede zwischen gesprochener
von Gemeinsamkeiten. Oft werden nämlich Sprache und geschriebener Sprache.
bestimmte Erscheinungen des dialektalen

1 Das Hochdeutsche ist keine Einheitssprache

Immer wieder begegnen wir der Auffassung, die Es darf in derartigen Fällen freilich nicht übersehen
Grammatik des Hochdeutschen sei ein dermaßen werden, dass solche Formvarianten einzelner
geregeltes System, dass ein Ausdruck entweder Wörter, die nebeneinander bestehen können, nicht
eindeutig korrekt oder eindeutig falsch sei. Diese sehr zahlreich sind. Weit größer ist der Spielraum
Auffassung entspricht in vielen Fällen nicht der dagegen bei der Wortwahl. Da kann man oft nur
Realität einer lebendigen Sprache. Prüfen wir das schwer entscheiden, wo die Toleranzgrenzen
etwas genauer! abzustecken sind. Zwei Beispiele (ausführlich wird
diese Problematik im Kapitel 5 entfaltet):
Falsch ist es, zu sagen oder zu schreiben:
Der Güggel hockt auf dem Schopf.
Ich sehe der Baum. Kannst du mir die Tasche schnell heben?
Er ist mägerer als ich.
Dieses Gestell ist gut zum die Schuhe Versorgen. Sowohl Güggel wie hocken, Schopf und heben, in
der Bedeutung von halten, sind im «Großen
Dass allerdings schon bei diesen Beispielen nicht Wörterbuch der deutschen Sprache» (dem
alle Fehler über den gleichen Leisten geschlagen sechsbändigen blauen Duden) verzeichnet:
werden dürfen, zeigt das Kapitel 4. Dennoch gibt es
im Sprachsystem eine formale Eindeutigkeit. Sie • Güggel als schweizerisch mundartlich
reicht freilich nicht allzu weit, denn schon bei der • hocken als süddeutsch
Konjugation von fragen kann man nicht sagen • Schopf als landschaftlich, besonders
schweizerisch
du frägst, er frägt... • heben als landschaftlich.
seien falsche Formen. Im Duden 1 (Die Recht- Wie beim Wortgebrauch stellt sich uns die Frage
schreibung) werden sie als «landschaftlich» be- nach Toleranzgrenzen auch auf der Ebene der Syn-
zeichnet, was heißt, dass sie in einzelnen Regionen tax. Da hier die Probleme etwas anders liegen,
des deutschen Sprachgebiets gebraucht werden, können wir überschaubare Lösungen gewinnen.
während in anderen gilt
Nicht falsch, sondern durch die «allmähliche
du fragst, er fragt. Verfertigung der Gedanken beim Reden» (Kleist)
bedingt, ist eine Formulierung der folgenden Art:
Ähnlich verhält es sich mit dem Wort Tunnel: Im
Süden des deutschen Sprachgebiets wird die Form Du, gestern, ich finde das nicht gut, dass er mit ihm
Tunell verwendet, betont auf der zweiten Silbe und immer englisch gesprochen hat, wo er doch Deutsch
nicht männlichen, sondern sächlichen Geschlechts. gut versteht.

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Das ist eine spontane mündliche Äußerung, und alle Färbungen finden sogar in den Aussprache-
haben sich wohl schon so ausgedrückt. Dennoch wörterbüchern legitime Anerkennung. (Vgl. dazu
zeigt sich in vielen – besonders schulischen – Ge- Kapitel 1, Abschnitt 2.)
sprächssituationen, dass Formulierungen dieser Art
allzu oft negativ eingestuft werden. Erklärbar ist Nun ist es gewiss nicht für alle leicht, aus
diese unter DeutschschweizerInnen verbreitete Hal- sprachlichen Traditionen und Mustern, in denen sie
tung daraus, dass wir die Standardsprache kaum sich abgesichert fühlen, auszusteigen. Wo immer
sprechen. Besonders ungewohnt ist das das gefordert wird, meldet sich die Frage, ob heute
Hochdeutsche für uns als tägliche der Willkür nicht vorschnell «Thür und Thor»
Umgangssprache, da gebrauchen wir den Dialekt. geöffnet werde. Der Konflikt kann durchaus echt
Aus diesem Grunde beurteilen wir die Zulässigkeit sein. Wir meinen aber, er sei lösbar, wenn wir den
einer mündlichen Formulierung in der Kräften des Beharrens nicht zuviel Raum geben,
Standardsprache zu sehr auf dem Hintergrund der uns in Öffnungen hineinwagen und uns in ihnen
schriftsprachlichen Norm. unverkrampft zu bewegen versuchen, wenn wir
erproben, was sich mit den geweiteten
Wir halten dagegen hier fest: Ausdrucksformen für das selbstverständlichere
Verhalten zum Hochdeutschen gewinnen lässt.
Mündlichkeit und Schriftlichkeit einer Sprache fol-
gen zum Teil anderen Normen. Das haben wir bei Wir wollen nun an einigen Beispielen aufzeigen,
der Förderung des mündlichen Ausdrucks zu wie aus der dargestellten Haltung heraus Eigenhei-
beachten. ten von Mundart und Hochdeutsch beschrieben
werden können und wo es in den beiden Sprach-
Wir vertreten von da her auch die Auffassung, dass formen schon zu freieren Bildungen gekommen ist.
die bisherigen Ansätze der Regelung und Die Beispiele aus dem Zürichdeutschen, dem Bern-
Beurteilung von Aussprache, Wortschatz und deutschen und der Schriftsprache sollen Gemein-
Syntax im gesprochenen Hochdeutschen zu samkeiten und Unterschiede der verschiedenen
überprüfen sind. Die strengen Forderungen, die Sprachformen illustrieren. Wer spezielle Auf-
man einst in Schule, Öffentlichkeit und auf der schlüsse sucht, auch im Hinblick auf den eigenen
Bühne durchzusetzen versucht hat, werden heute Dialekt, wird im Literaturverzeichnis weiterführende
selbst von den entsprechenden Norminstanzen nur Hinweise finden.
noch zum Teil aufrechterhalten: Regionale

2 Eigenarten der gesprochenen Sprache

Viele vermeintliche Unterschiede zwischen den schriftsprachlich als falsch empfunden wird. Die
Mundarten und der deutschen Standardsprache sind dritte Zeile zeigt, dass die schriftsprachlich verlangte
weit eher Eigenarten der gesprochenen Sprache als Verbklammer in der gesprochenen Sprache häufig
der Sprachform Dialekt – und diese Eigenarten aufgelöst wird, um den Satz übersichtlicher zu
finden weitgehend auch im gesprochenen gestalten.
Hochdeutschen ihre Entsprechung.
Schriftsprache gesprochene Mundart
Standardsprache (Zürichdeutsch)
2 . 1 Einfachere Struktur Die Musik hat so Die Musik hat so D Musig hät so
laut gespielt, dass laut gespielt, luut gschpilt, me
man sein eigenes man hat sein hät sis äige Wort
Wort nicht ver- eigenes Wort nöd verstande.
In der geschriebenen Sprache ist die syntaktische standen hat. nicht verstanden.
Unterordnung ein häufiges Stilmittel zur Gliederung Ich kann nicht Ich kann nicht Ich cha nöd ie.
und Strukturierung von Aussagen. Der Satzbau hineingehen. rein.
wird damit komplex und oft nicht mehr unmittelbar Die erste Person, Die erste Person, Di eerscht
durchschaubar, deshalb bevorzugt die gesprochene die ich in Bern die ich getroffen Phersoon, won i
Sprache die einfachere Reihung von Hauptsätzen; getroffen habe, habe in Bern, … troffe ha z Bèrn,
das zeigt die erste Zeile der folgenden Tabelle. Als … …
zweites ist die Möglichkeit erwähnt, das Modalverb
ohne folgendes Vollverb zu verwenden, was
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2 . 2 Angleichung und Verschmelzung von Schriftsprache gesprochene Mundart
Lauten Standardsprache (Zürichdeutsch)
Haben wir noch Hamer noch Hämmer no Ziit?
Zeit? Zait?
Jede gesprochene Sprache gleicht Laute an und Könnt ihr Könntir geen? Chönder gaa?
verschmilzt sie, das ist im Sprechvorgang angelegt. gehen?
Beispiele dafür gibt es im Hochdeutschen und in der die Pflanze diPflanze pPflanze
Mundart. In der Schrift hingegen legt man sich auf schlagen schlaagn schlaa
eine Form fest, die als Norm in Wörterbüchern Senf Sèmf Sämf
festgeschrieben ist. Es gibt aber auch in der Schrift Zimmer Zimmer Zimmer
Beispiele, wo ältere Belege noch unverschmolzene (mhd. Zimber)
Formen zeigen, heute jedoch verschmolzene um (mhd. umbe) um um
Formen verwendet werden. Die schriftliche Norm empfangen empfangen empfange
(mhd. entfâhen)
hat sich in diesen Fällen also der Realität der
gesprochenen Sprache angepasst. Auf der anderen Männlein Mènndlein Männdli
Seite gibt es eingeschobene Übergangslaute, die
ähnliche Laute voneinander trennen, was im
gesprochenen Hochdeutschen ebenfalls vorkommen
kann.

3 Vergleich zwischen Dialekt und Hochdeutsch

3.1.1 Unterschiedliche Realisierung von


Konsonanten und Konsonantenver-
3.1 Abweichungen in der Aussprache bindungen im Schweizerdeutschen und der
einzelner Laute Standardlautung
b, d, g
Die Laute tragen im gesamten deutschen Sprach- Die Schweizer Mundarten kennen keine
raum regionale Färbungen (vgl. König 1989). Von stimmhaften Verschlusslaute. b, d, g werden immer
Abweichungen können wir deshalb eigentlich nur stimmlos realisiert, während die Standardlautung
dann sprechen, wenn wir die Mundarten einer bei b, d und g außer im Wortauslaut immer
normierten Aussprache – der Standardlautung – Stimmhaftigkeit fordert. So unterscheidet die
gegenüberstellen, wie sie in den Aussprache- Standardlautung das stimmhafte b in graben vom
wörterbüchern (z.B. Duden Bd. 6, Siebs) stimmlosen b in Grab. Diesen Unterschied machen
festgehalten ist. Dabei sei hier deutlich gesagt, dass die Schweizer Mundarten nicht, alle b klingen so
es in diesem Vergleich keinesfalls um 'richtig' oder wie das b im hochdeutschen Grab. Diese
'falsch' geht. Es geht um den Vergleich dreier Übereinstimmung der beiden hochsprachlichen
unterschiedlicher richtiger Normen. Lautvarianten wird auch von den meisten Schwei-
zerInnen im gesprochenen Hochdeutschen
Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass in den beibehalten.
verschiedenen schweizerdeutschen Mundarten die
Qualität der Vokale stark variiert, während der s
Konsonantismus einheitlicher ist. Der Einfachheit
halber sollen deshalb zuerst die Konsonan- In der Standardlautung wird s je nach Position
tensysteme der Standardlautung, des Zürich- stimmhaft wie in Sonne oder stimmlos wie in Hals
deutschen und des Berndeutschen miteinander ausgesprochen; im Schweizerdeutschen werden alle
verglichen werden, anschließend die Vokal- und s stimmlos wie im standardsprachlichen Hals
Diphthongsysteme. realisiert. Auch diesen standardsprachlichen
Unterschied machen die wenigsten SchweizerInnen
in der Aussprache des Hochdeutschen.

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p, t Standard Zürichdeutsch Berndeutsch
Für p und t verlangt die Standardlautung eine Lehrer, Sohle, Leerer, Sole, Lèèrer, Sole,
Eltern, Kelle, Eltere, Chele, Èutere, Chèuue,
Aspiration außer in den Verbindungen ps und psch / Schule, Vogel Schuel, Vogel Schueu, Vogu
tsch sowie im Auslaut des ersten Teils von
Zusammensetzungen. Im Schweizerdeutschen sind r
die p und t in den allermeisten Fällen nicht aspiriert,
die Aspiration erscheint nur manchmal in Das r kommt im Schweizerdeutschen wie im
Fremdwörtern. Hochdeutschen meist als 'Zungenspitzen'-r, als
'Halszäpfchen'-r oder als Reibe-r vor. In Zürich
Standard Zürich- und Berndeutsch und Bern überwiegt das 'Zungenspitzen'-r. Es wird
(Zürcher Vokalismus) immer als solches ausgesprochen. Die hochdeutsche
Thasse, Ast h, P hresse, Tasse, Ascht, Präss, Standardlautung verlangt hingegen in verschiedenen
Phost, Aphot hekhe Poscht, Apiteegg Positionen eine Vokalisierung zu unsilbischem a.
Raps, entthäuschen Raps, entüüsche
Thee, Phat her, Thema, Thee, Phater, T heema, Standard Zürich- und Berndeutsch
Phaket, Theat her Phakcheet, Theater Biia (=Bier), Pier,
Thüüa (=Tür), Tüüre,
k Haaa (=Haar), Haar,
Baat (=Bart), Baart,
Von vielen wird die Realisierung des k im ea'ooban (=erobern), erobere,
Schweizerdeutschen als das typische Merkmal ange- zealeegen (=zerlegen) zerlege / zerlègge
sehen. Im Gegensatz zum aspirierten kh der Stan-
dardlautung klingt das k in fast allen Schweizer Doppelkonsonanten
Mundarten wie kch (Ausnahme: Basel Stadt und
Teile Graubündens). Am Anfang eines deutschen In einfachen Wörtern der Schriftsprache kennzeich-
Wortes entspricht dem hochdeutschen kh jedoch nen Doppelkonsonanten die Kürze des vorangehen-
meist ein mundartliches ch: den Vokals, die Konsonanten selbst werden kurz
und einfach ausgesprochen. Während in der Stan-
Standard Zürich- und Berndeutsch dardlautung also die langen Konsonanten nur in der
Khameel, K hrimi, Sackh, Kchameel, Kchrimi, Sakch Wortfuge bei zusammengesetzten Wörtern und in
hackhen, weckhen hakche, wekche Ableitungen vorkommen, sind sie im Schweizer-
deutschen auch in den einfachen Wörtern üblich.
Khopf, Khüche, khriechen Chopf, Chuchi, chrüüche
Nur die Mundarten um Zürich zeigen als
Besonderheit die Kürzung von Doppel-l, -r, -m, -n
ch und -ng.
Die Standardlautung unterscheidet zwischen
vorderem und hinterem ch: ich gegenüber ach. Die Standard Zürichdeutsch Berndeutsch
Schweizer Mundarten kennen nur den ach-Laut. Rat he (=Ratte), Ratte, Ratte,
Doge (=Dogge), Dogge, Dogge,
Standard Zürich- und Berndeutsch Thase (=Tasse). Tasse Tasse
Licht, Chemie, Liecht, Chemii/Chèmii, Wele (=Welle), Wäle, Wäuue,
Sichel, nüchtern Sichle, nüechtern Baren (=Barren), Bare, Barre,
(ich-Laut) (ach-Laut) schwimen schwüme, schwümme,
(=schwimmen),
lacht, Buche, doch, lacht, Bueche, doch, Tane (=Tanne), Tane, Tanne,
Wucht Wucht hangen hange hangnge
(ach-Laut) (ach-Laut)
Da die SchweizerInnen sich bei der Aussprache des
l Hochdeutschen an der Schrift orientieren, sprechen
L wird in vielen Schweizer Mundarten 'dunkler' viele die Doppelkonsonanten auch im Schweizer-
ausgesprochen als in der Standardlautung. In hochdeutschen aus.
westlichen Dialekten (in Teilen Berns, Freiburgs, sp/st
Solothurns, Luzerns, des Aargaus) erscheint es in
einzelnen Positionen sogar als u. In der Standardsprache wird das s in st und sp im
Anlaut als sch ausgesprochen. In den Schweizer

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Mundarten erscheint dieses s vor t oder p in allen Lautsysteme der Mundarten und der Standard-
Fällen außer an der Morphemgrenze als sch. sprache verschieden umfangreich sind. (Zu den
Angaben in den mundartlichen Diphthongsystemen
Standard Zürichdeutsch Berndeutsch muss angemerkt werden, dass die Anzahl der
Schtrand Schtrand, Schtrand, Diphthonge einerseits durch lautliche Sonder-
(=Strand), entwicklungen, andererseits durch neuere
schpèèt (=spät) schpaat, schpaat, Entwicklungen zur Systemvereinfachung in den
Geschprèèch Gschprööch Gschprääch einzelnen Mundarten verschieden angegeben
(=Gespräch) werden kann. Zudem variiert die Zahl noch je nach
Khasten, Chaschte, Chaschte, dem theoretischem Ansatz.)
Fest, Fäscht, Fescht,
Khaspar Chaschper Chaschper Standard Zürichdeutsch Berndeutsch
er isst, er isst, er isst, 7 Kurzvokale 13 Kurzvokale 11 Kurzvokale
Großtante Grosstante Grosstante 8 Langvokale 13 Langvokale 11 Langvokale
3.1.2 Unterschiedliche Realisierung von Vokalen 3 Diphthonge 9 Diphthonge 7 Diphthonge
im Schweizerdeutschen und der
Standardlautung Die Mundarten kennen also Laute, die in der
Standardsprache nicht vorkommen: In der Standard-
Der Vergleich der Vokalsysteme der Standard- sprache werden alle Kurzvokale offen realisiert und
sprache und der Schweizer Mundarten erweist sich alle Langvokale geschlossen, das i in Riese ist lang
als sehr schwierig, kaum je finden wir eine 1:1-Ent- und geschlossen realisiert und unterscheidet sich
sprechung; wir können also nie sagen einem a in der vom i in Riss, das kurz und offen ausgesprochen
Standardlautung entspreche in einem bestimmten wird. Diese Verteilung ist in der Standardsprache
Deutschschweizer Dialekt immer ein a oder immer obligatorisch: geschlossene Kurzvokale und offene
ein o, oder ein äi immer einem ei. Dies ist nicht für Langvokale kommen nicht vor, während diese in
einen einzelnen Dialekt möglich, noch viel weniger den meisten Mundarten erscheinen. So unter-
ist es für die Gesamtheit der Schweizer Dialekte scheiden fast alle Mundarten Riis (=der Reis) mit
möglich. Wir wissen ja schon von klein auf, dass geschlossenem langem i wie in der Standard-
die verschiedenen Mundarten anders klingen, dass sprache, von Rììs (=der Riese) mit einem offenen
die Gäiss in der Innerschweiz einer berndeutschen langen i, das in der Standardsprache nicht vor-
Geiss entspricht, oder im Oberland einer Geess, kommt. Bei den Kurzvokalen wird beispielsweise
einer Ostzürcher Gaiss, einer Appenzeller Gääss, im Zürichdeutschen gigele (=kichern) mit kurzem
und einer Thurgauer Gaass, ja, im St. Galler geschlossenem i, das im Standard nicht vorkommt,
Rheintal sogar einer Goass. Diese lautliche Ver- und Bìre (=Birne) mit kurzem offenem i wie im
schiedenheit ist im Sprachatlas der deutschen Standard realisiert.
Schweiz (SDS) festgehalten. Die Hintergründe der
heutigen Unterschiede liegen in der verschiedenen Eine Lautqualität, die in der Standardsprache
Entwicklung der Hochsprache und der einzelnen überhaupt nicht vorkommt, ist das ä, [æ], welches
Mundarten, wie sie in Kapitel 7, insbesondere Ab- in allen Schweizer Mundarten außer in der
schnitt 6, dargestellt ist, welches zur Vertiefung und Nordostschweiz vorhanden ist. In der Aussprache
Ergänzung des hier Präsentierten beigezogen des Hochdeutschen dürfen wir uns deshalb nicht
werden soll. durch das Schriftzeichen ‹ä› zu einer überoffenen
Lautung wie in der Mundart verleiten lassen. Die
Ein systematischer Vergleich der mundartlichen und folgende Tabelle zeigt, dass die Verhältnisse der
der hochsprachlichen Vokalsysteme würde den verschiedenen e- und ä-Laute im Vergleich der
Rahmen dieser Darstellung bei weitem sprengen, einzelnen Sprachformen insgesamt sehr
deshalb werden nur einzelne grundlegende Aspekte unübersichtlich sind. Wir finden kein einziges
beleuchtet. In Ansätzen finden sich solche Wort, welches bei alle drei Sprachformen in der
Vergleiche für einzelne Dialekte in den selben Zelle ist. Von irgendeiner regelmäßigen
Mundartgrammatiken und Mundartwörterbüchern, Entsprechung kann also nicht die Rede sein.
welche im Literaturverzeichnis aufgelistet sind. Festzuhalten bleibt hier nur, dass das Hochdeutsche
und das Berndeutsche je zwei verschiedene
Unterschiede im System Qualitäten haben, das Zürichdeutsche aber drei.
Dabei finden sich im Berndeutschen keine
Der Vergleich der drei Kurz- und Langvokalsysteme geschlossenen e und in der Standardsprache keine
sowie der Diphthongsysteme zeigt, dass die überoffenen ä.
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Laut Standard Zürichdeutsch Berndeutsch Standard Zürichdeutsch Berndeutsch
Beere, Seele, Beeri, Seel, Zait (=Zeit) Ziit Zit
e/ee Weeg (=Weg), Bett Bauch Buuch Buuch
geeben Zoüg (=Zeug) Züüg Züüg
(=geben) frai (=frei) frei frei
Kèèse, Hèrbst, Chèès, Bèèri, Sèèl, Sau Sou Sou
è/èè Wètter, Wèspe, Hèrbscht, gèè Bètt, Hèrbscht noü (=neu) nöi nöi
Bèèr (=Bär), Laiter (=Leiter) Läitere Leitere
Bètt, Sèèle Baum Bäum Boum
(=Säle) Hoü (=Heu) Höi Höi
Wätter, Wätter, Chääs,
ä/ää Wäschpi, Wäschpi, gää, Rundung
Wääg, Sääl, Wääg, Sääl,
Häufiger als im Hochdeutschen erscheinen e, i, ei in
Monophthonge und Diphthonge der Umgebung von w, l, r n, f/pf als ö, ü, öi. Auch
hier liegt jedoch kein 1:1-Verhältnis vor.
In den meisten deutschen Mundarten wurden ie, ue,
üe schon im Mittelalter zu den Langvokalen ii, uu, Standard Zürichdeutsch Berndeutsch
üü (mit verschiedener Schreibweise) gewandelt, wie Bild Bild Bild/Biud
sie dann auch in der Schriftsprache zu finden sind. zwölf (mhd. zwölf zwölf / zwöuf
Diesen Wandel, die sogenannte frühneuhoch- zwelf)
deutsche Monophthongierung, haben die Schweizer Löffel (mhd. Löffel Löffel / Löffu
Mundarten nicht mitgemacht, so dass den schwei- Leffel)
zerdeutschen ie, ue, üe in der Schriftsprache immer schöpfen (mhd. schöpfe schöpfe
ii, uu, üü entsprechen. schepfen)
Brille Brüle Brülle /Brüuue
Standard Zürich- und Berndeutsch wischen wüsche wüsche
liib (=lieb), lieb etwas öppis öppis
guut (=gut), guet Rippe Rippi Rüppi
Brüüder (=Brüder). Brüeder(e) Mensch Mänsch Mönsch
Schwester Schwöschter Schweschter
Umgekehrt stimmt es aber nicht, dass alle schrift- nöd nid
nicht
deutschen ii, uu, üü immer als mundartliche Falldi-
phthonge erscheinen. So lautet der hochsprachliche Schwächung in unbetonten Silben
Riise (=Riese) in der Mundart nicht *Ries, sondern
Rììs und das schriftdeutsche Fliige (=Fliege) heißt Sowohl in der Mundart als auch in der Hochsprache
in Bern Fliege oder Flöige und in Zürich Flüüge. werden Laute abgeschwächt, d.h. die Laute werden
nicht in der vollen Qualität ausgesprochen. Dabei
Eine mit der Monophthongierung zusammen- sind solche Abschwächungen in der Mundart
hängende Entwicklung hat das Schweizerdeutsche häufiger als in der Hochsprache. In der ge-
außer vor Vokal oder am Schluss des Wortes sprochenen Hochsprache sind ähnliche Reduktionen
ebenfalls nicht mitgemacht: die frühneuhoch- jedoch auch üblich. Es gibt daneben aber Fälle, wo
deutsche Diphthongierung von altem ii, uu, üü zu ai die Mundart noch die volleren Silben zeigt, wie
(geschrieben meist ei), au, oü (geschrieben äu oder beispielsweise die Abstraktbildungen auf -i, die die
eu), wie aus der ersten Zeile der folgenden Tabelle Hochsprache zu -e abgeschwächt hat.
ersichtlich ist. Die zweite Zeile zeigt, dass in den
nördlichen und mittelländischen Mundarten in Standard Zürichdeutsch Berndeutsch
bestimmten Positionen doch eine Diphthongierung
stattgefunden hat. Die Beispiele in der letzten Zeile Arbeit > A(r)beit Arbet Arbet
> A(r)bet
zeigen, dass die Qualität der alten Diphthonge in den gelingen > gglinge gglinge
verschiedenen Varietäten unterschiedlich sind. Und glingen > glingn
wenn man schließlich die Diphthonge der zweiten machen > machn mache mache
Zeile mit denjenigen der dritten Zeile vergleicht, so Höhe Höchi Höchi
ist ersichtlich, dass die alten und neuen Diphthonge
in der Standardsprache und im Berndeutschen Abend Aabig Aabe
jeweils gleich klingen, während sie sich im
Zürichdeutschen unterscheiden.
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Die oft schwerfällig Aussprache des Hochdeutschen Standard Zürichdeutsch Berndeutsch
bei DeutschschweizerInnen rührt u. a. daher, dass ich treffe ich 
die im gesprochenen Hochdeutschen vorhandene  e iig   e
du triffst du triff  sch du triff  sch
Abschwächung von Lauten missachtet wird. er trifft èr   t är   t
Vokaleinsatz und Binde-n
Ebenfalls ist der Vokalwechsel, der bei einigen
In der Standardlautung wird der Vokal am Anfang sonst regelmäßigen Verben (sog. Rückumlaut)
eines Wortes meist mit einem harten Einsatz aus- vorkommt, in der Mundart ausgeglichen.
gesprochen, mit dem sog. Knacklaut. In den
Schweizer Mundarten kennt man diesen Knacklaut Standard Zürichdeutsch Berndeutsch
nicht, der Stimmeinsatz bei Vokalen ist weich. kennen / gekannt käne / känt kènne / kènnt
Wenn zwei Vokale nebeneinander stehen, werden rennen / gerannt räne / gränt rönne / grönnt
sie oft als Diphthong ausgesprochen oder mit einem
Binde-n verbunden. Wortabgrenzungen werden so Im Plural der Verben zeigen die Schweizer Mund-
häufig verwischt. arten ein verschiedenes Bild: In den westlichen
Dialekten (Berndeutsch) wird die 2. Person Plural
Standard Zürichdeutsch Berndeutsch von der 1. und der 3. Person unterschieden wie in
'Am 'Abend AmAabig AmAabe der Standardsprache. In den östlichen Mundarten
zu einander zuenand zuenand (Zürichdeutsch) sind alle Endungen in einer
zu-n-enand zu-n-enand einzigen Form zusammengefallen.
wo ich bin wo-n-i bi wo-n-i bi
Standard Zürichdeutsch Berndeutsch
wir treffen miir  mir träffe
ihr trefft iir  träffed diir träffed
3 . 2 Eigenarten in der Formenbildung sie treffen sii  sii träffe

Für die Bildung des Perfekts gebraucht auch die


3.2.1 Verb Mundart die Hilfsverben 'sein' und 'haben', doch
ist die Verwendung von 'sein' etwas häufiger als in
Seit dem 16. Jh. ist im Schweizerdeutschen das der Standardsprache.
Präteritum geschwunden, dessen Funktion nimmt
heute das Perfekt wahr. Anstelle des Plusquam- Standard Zürich- und Berndeutsch
perfekts tritt bisweilen eine neue Form mit Ich habe gestanden. I bi gschtande /
doppeltem Perfekt. Sehr oft steht aber auch da das Ich habe Ski gefahren. gschtange.
einfache Perfekt, allerdings meist mit Partikeln zum Ich habe da gesessen. I bi Schii gfaare.
Hinweis auf die Vorzeitigkeit. I bi daa gsässe.

Standard Zürich- und Berndeutsch


sie hat getroffen
 3.2.2 Nomen
sie traf  si hät/het troffe
sie hatte getroffen  In der Deklination der Nomen zeigen die mittelländi-
sie hatte getroffen sie hät/het troffe ghaa schen Mundarten gegenüber dem Hochdeutschen
(='sie hat getroffen wesentlich modernere Züge. Sie haben nämlich den
gehabt') überlieferten Bestand der Endungen zu einem
großen Teil abgebaut und sind dadurch einfacher als
Auch sonst ist die Verbalmorphologie in der Mund- die Standardsprache:
art einfacher als im Hochdeutschen, viele Unregel-
mäßigkeiten sind ausgeglichen worden. So findet • Das hochdeutsche Endungs-e ist außer bei einigen
im Singular bei bestimmten Verben im Hoch- Feminina meist ganz geschwunden.
deutschen ein e/i-Wechsel im Stammvokal statt, den • Die hochdeutsche Endung -en bzw. -n erscheint
die Mundart zugunsten einer einheitlichen Form meist als schwachtoniges -e.
ausgeglichen hat. • -er als Pluralkennzeichen tritt in der Mundart etwas
häufiger auf als in der Standardsprache.
• Als Sonderfall haben feminine Abstraktbildungen
auf -i die alte Volltonigkeit erhalten. Sie bilden den

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Plural im Zürichdeutschen auf -ene, im Berndeut- Standard Zürich- und Berndeutsch
schen auf -ine; eine Pluralform, die in jüngerer N. der Hund - die Hunde N./A. de Hund - d Hünd
Zeit auch auf die Feminina auf -e übergreift. G. des Hundes - der -
• Anstelle der Endungen ist der Umlaut als Hunde
Pluralkennzeichen in den Mundarten viel weiter D. dem Hund(e) - den D. em Hund - de Hünd(e)
verbreitet als im Standard. Hunden
A. den Hund - die Hunde
Standard Zürich- und Berndeutsch N. die Katze - die Katzen N./A. d Chatz - d Chatze
Haase - Hasen Haas - Hase G. der Katze - der Katzen -
Ohr - Ohren Oor - Oore D. der Katze - den Katzen D. de Chatz - de Chatze
Brett - Bretter Brätt - Brätter A. die Katze - die Katzen
Maul – Mäuler Muul - Müüler N. das Tier - die Tiere N./A. s / ds Tier - d Tier
Tisch - Tische Tisch - Tisch G. des Tieres - der Tiere -
Blume - Blumen Blueme - Blueme D. dem Tier(e) - den
Flasche - Flaschen Fläsche - Fläsche Tieren D. em Tier - de Tier(e)
(neuer, aber von Puristen A. das Tier - die Tiere
verpönt, auch:
Fläsche - Fläschene) In der Regel haben die meisten Nomen in der
Hund - Hunde Hund -Hünd / Mundart und in der Standardsprache das selbe
Hung - Hüng grammatische Geschlecht, doch gibt es eine ganze
Tag - Tage Taag - Tääg Menge Abweichungen.
Wagen - Wagen Wage - Wäge
Höhe - Höhen Hööchi - Hööchene / Standard Zürich- und Berndeutsch
Decke - Decken Hööchi - Hööchine das Lineal de Lineal
Tecki - Teckene / die Wespe s Wäschpi
Dechi - Dechine die (Sitz-)Bank de Bank
die Bank (Geldinstitut) d Bank
Mit ganz wenigen Ausnahmen (Personen- und Ver-
wandtschaftsnamen) ist der Genitiv im Schweizer- 3.2.3 Adjektiv
deutschen geschwunden, er wird mit Präpositio-
nalfügungen oder possessivem Dativ umschrieben. Der Formenbestand der Adjektive entspricht
Die Mehrdeutigkeit des standardsprachlichen weitgehend dem der Substantive. Auch hier fällt
Genitivs wird so auch gleich aufgelöst. auf, dass der Umlaut in der Mundart häufiger
verwendet wird als in der Standardsprache, und
Standard Zürich- und Berndeutsch zwar zur Kennzeichnung der Steigerungsformen.
Die Hütte des Hundes Em Hund sini/si Hütte Standard Zürichdeutsch Berndeutsch
D Hütte vom Hund
Das Bild des Vater Em Vater sis Bild / Biud mager - mager - mager -
S Bild /Ds Biud vom Vater magerer - megerer - mägerer -
Die Uhr der Mutter De Mueter iri Uur am magersten am megerschte am mägerschte
D Uur vo de Mueter
des Vaters Haus selten: s Vatters Huus 3.2.4 Pronomen
Die Standardsprache unterscheidet die
Die Formen von Nominativ und Akkusativ sind in verschiedenen Genera der Relativpronomen, in den
allen drei grammatischen Geschlechtern zusammen- Schweizer Mundarten sind sie alle in der Einheits-
gefallen, der Genitiv ist geschwunden, lediglich der relativpartikel wo zusammengefallen.
Dativ wird noch durch den eigenständigen Artikel
im Singular und im Plural zusätzlich durch die Standard Zürich- und Berndeutsch
Endung von den übrigen Formen unterschieden.
Somit unterscheiden die Mundarten bei den Nomen der Mann, der de Maa 
nur noch zwei Kasus. die Frau, die d Frau  , wo
das Kind, das s Chind 

Die Mundart zeigt verschiedene Betonungsstufen


aller Personal- und Possessivpronomina, ja sogar
der Demonstrativpronomina, wofür es in der

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Schriftsprache keine Parallelen gibt, während die besitzen wir in der Mundart nicht dasselbe «reiche
gesprochene Hochsprache Ansätze dazu zeigt. Instrumentarium an Satzkonstruktionen samt zuge-
hörigen über- und unterordnenden Verbindungs-
Standard (gesprochen) Zürich- und Berndeutsch wörtern» (Schobinger 1984, S. 73) wie im
du (de) duu du de Hochdeutschen. Das ist kein Mangel der Mundart,
dich (di) diich dich di sondern eine Eigenart der gesprochenen Sprache,
dir (di) diir dir der denn in der Regel hören wir auch im gesprochenen
der (betont) dèè /dää dè / dä Hochdeutschen keine komplexeren Satzkonstruktio-
die (betont) die nen mit kunstvollen Perioden. Selbstverständlich
das (betont) daas das können wir diese komplexen Sätze der Schrift-
sprache mitsamt der Konjunktion mundartlich
Das mundartliche Personalpronomen der 2. Person (nach)bilden. Solche Satzkonstruktionen klingen
Singular fällt vor allem nach dem Verb häufig weg. dann aber auch im Dialekt papieren.
In der gesprochenen Standardsprache sind diese
Weglassungen ebenfalls zu finden. Trotz den vielen Gemeinsamkeiten finden sich
einige mundartliche Satzkonstruktionen, die die
Standard Zürich- und Berndeutsch Standardsprache nicht kennt. Sie sollen hier
Kannst du kommen? Chasch choo? erwähnt werden.
(Kanst kommen?)
Du kannst kommen. Chasch choo. Standard Zürich- und Berndeutsch
(Kannst kommen.) (zürichdeutsche Beispiele)
Infinitivsatz: Substantivierter Infinitiv
Dieses Gestell ist gut, um statt dem Infinitivsatz:
die Schuhe zu versorgen. Das Gschtell isch guet
zum d Schue Versorge.
3 . 3 Eigenarten in der Wortbildung Ich komme essen und Verbverdoppelung bei
gehe dann einen Film den Kurzverben gaa,
anschauen. choo, laa, (aa)faa
Mundart und Hochdeutsch haben weitgehend Ich lasse dich nicht (=gehen, kommen, lassen,
dieselben Muster der Wortbildung und die gleichen stehen. (an)fangen):
Ich beginne zu schreiben. Ich chumm cho ässe und
Wortableitungssilben. Doch gibt es – wenn auch gang dänn go en Film
nicht zahlreich – Unterschiede in der Verteilung und aaluege.
in der Bildung. Besonders auffällig sind die vielen Ich la di nöd la staa.
Möglichkeiten der Verbdiminuierung, die die Ich fang afa schriibe.
Hochsprache kaum kennt. Feste Verbfolge bei Größere Freiheit in der
mehrteiligen Prädikaten: Stellung der Verben bei
Standard Zürichdeutsch Berndeutsch Sie hat nicht kommen mehrteiligen Verben.
Händler Händler Händler wollen. Si hät nöd wele choo. / Si
aber: Postbote Pöstler Pöstler hät nöd choo wele.
rosig rosig rosig Sie hat ihn gehen lassen. Si hät en gaa laa. / Si hät
aber: blechern blächig blächig en la gaa. / Si hät en la
gaa laa. (siehe oben,
Lauferei Lauferei, Louferei, Verbverdoppelung!)
Lauffete, Glöiff Louffete, Glöiff
Tendenz zur Tendenz zur
zerreißen verriisse verriisse Verbklammer: Ausklammerung.
lachen, lächeln lache, lächle lache, lächle Er steht nie vor 9 Uhr auf. Er staat nie uuf vor de
schaffen schaffe, schaffe, nüüne.
(=arbeiten) schäffele, schäffele, Zwei Verneinungen im Möglichkeit der doppel-
schäfferle schäfferle selben Satz heben sich ten und dreifachen
auf. Verneinung.
Es hat niemand etwas Es hät niemert nüt gsäit.
gesagt. (Es hät nie niemert nüt
3 . 4 Eigenarten der Syntax Nicht möglich: Es hat gsäit.)
niemand nichts gesagt.

In Mundart und Hochdeutsch können zumeist die-


selben Satzbaupläne verwendet werden. Allerdings
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3 . 5 Eigenarten des Wortschatzes als gesprochener Sprache lässt sich vieles aus dem
Zusammenhang eindeutig erschließen oder dann im
Gespräch klären, wodurch die Eindeutigkeit mit
In einzelnen Bedeutungsbereichen ist der anderen Mitteln gesichert wird. Zum differenzierten
mundartliche Wortschatz einfacher, in anderen standardsprachlichen Wortschatz ist jedoch
differenzierter als der der Schriftsprache. Diese anzumerken, dass diese Begriffe sehr oft einem
gegenläufigen Tendenzen hängen beide stark mit internationalen Wortschatz entsprechen der im
dem Umstand zusammen, dass die Mundart Lateinischen oder Griechischen, heute vor allem im
Sprechsprache ist. Englischen wurzelt. Dieser Fachwortschatz fehlt der
(traditionellen) Mundart. Wir haben jedoch keine
Tendenz zur Vereinfachung Mühe, diese Begriffe im Dialekt zu verwenden,
wobei sie lautlich dem entsprechenden Dialekt ange-
In der gesprochenen Sprache werden häufig 'sinn- passt werden. Waren solche Übernahmen früher
entleerte' Wörter verwendet (sii, haa, mache, verpönt, so werden sie heute laufend praktiziert und
gèè/gää, choo … = sein, haben, machen, geben, kaum mehr in Frage gestellt.
kommen …), für welche in der Schriftsprache
differenzierte Begriffe eingesetzt werden. Meist ist Standard Zürichdeutsch Berndeutsch
jedoch die jeweils andere Form auch möglich. Das Sein s Sii s Sii
Das Wesen s Wese s Wèse
Standard Zürich- und Berndeutsch der kategorische de kchategoori- de kchategoori-
(zürichdeutsche Beispiele) Imperativ schi Impèratiiv schi Impèratiiv
Er steht auf dem Tisch. Er isch uf em Tisch. Die Oberfräse D Oberfrèèse D Oberfrääse
(Er ist auf dem Tisch.) (Er staat uf em Tisch.) der Lautsprecher de Luut- de Luut-
Wo steckt er schon Wo isch er scho wider? schprächer schprächer
wieder? (Wo steckt er scho wider?) Mythologie Mütologii Mütologii
(Wo ist er schon wieder?) Inszenierung Inszenierig Inszènierig
Was ist vorgefallen? Was häts ggèè? Diphthong Diftong Diftong
(Was hat's gegeben?) Was isch passiert? Kommunika- Kchomunikcha- Kchomunikcha-
tionsseminar zioonsseminaar zioonssèminaar
Tendenz zur Vielfalt Computer Kchompjuter Kchompjuter
Im Bereich des Alltagslebens und des Ausdrucks Browser Brauser Brauser
von Gefühlen verfügt die Mundart über einen sehr Homepage Houmpheitsch Houmpheitsch
differenzierten Wortschatz, wo die Hochsprache oft
nur wenige Durchschnittswörter zur Verfügung Geläufig sind in unseren Mundarten Fremdwörter
stellt. französischen Ursprungs, wo sich im bundes-
deutschen Gebrauch deutsche Wörter durchgesetzt
Standard Zürich- und Berndeutsch haben. Diese französischen Fremdwörter sind oft
(zürichdeutsche Beispiele) als Helvetismen auch im Schweizerhochdeutschen
arbeiten schaffe (arbeiten); zu finden. (Vgl. zu diesen Phänomenen ausführlich:
chrampfe, chrüpple Kapitel 5, Abschnitt 3.4. / Meyer 1989)
(schwer arbeiten);
moorggse (mühsam Standard Schweizerhoch- Zürich- und
arbeiten); büeze (gegen deutsch Berndeutsch
Geld arbeiten); bügle (Zürcher Bsp.)
(schnell arbeiten); Fahrkarte Billet Bileet
schäffele (langsam arbei- Bahnsteig Perron Perrõ
ten); chüngele und Schaffner Kondukteur Kondiktör
gvätterle (unfachgemäß Straßenbahn Tram Tram
arbeiten), schludere Karossierie Carrosserie Ggarosserii
(nachlässig arbeiten) Eis Glacée Glassee
Sonderangebot Aktion Akzioon
Demgegenüber hat sich im Hochdeutschen insbe-
sondere in kulturellen, wirtschaftlichen, juristischen Übereinstimmungen
und wissenschaftlichen Bereichen ein differenziertes
Vokabular ausgebildet, das der Mundart fehlt. Die Weitaus häufiger als Unterschiede sind jedoch
Schriftsprache wird da einem Bedürfnis nach Gemeinsamkeiten bei der Ausprägung des
eindeutiger Terminologie gerecht. In der Mundart Wortguts. Das ist leicht zu belegen z. B. bei den
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Benennungen von Körperteilen, wo sich Standard Standard Zürichdeutsch Berndeutsch
und Mundart nur lautlich unterscheiden. Kopf, Haar, Chopf, Haar, Chopf, Haar,
Stirn, Augen, Stirn, Auge, Stirne, Ouge,
Schläfen, Kinn, Schlèèfe, Chini, Schlääfe, Chini,
Backen, Ohren, Bagge, Oore, Backe, Oore,
Nase, Hals, Zahn Nase, Hals, Zaa Nase, Hals, Zang
Achseln, Arme, Achsle, Äärm, Achsle, Aarme,
Ellbogen, Hand, Eleboge, Hand, Euuboge, Hang,
Finger, Daumen Finger, Tuume, Finger, Tuume,
Gelenk, Nägel Glänk, Negel Glänk, Nègu

4 Probe aufs Exempel

Im folgenden Text sollen nun Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Standardsprache und
Mundarten nochmals im Textzusammenhang gezeigt werden.
Standard Zürichdeutsch Berndeutsch
Ist Hochdeutsch wirklich so Isch s Hoochtüütsch würkli so Isch ds Hochtüütsche würklech so
schwierig? schwèèr? schwäär?
Es heißt, das Hochdeutsche sei eine S häisst, s Hoochtüütsch seig e S heisst, ds Hoochtüütsch sigi e
Fremdsprache. Und komisch: Man Fröndspraach. Und koomisch: Me Fröndsprach. U komisch: Me seit
sagt Hochdeutsch und merkt gar säit Hoochtüütsch und mèrkt gar Hoochtütsch u mèrkt gar nid, das
nicht, dass man selber auch nöd, das me sälber au Hochtüütsch me säuber ou Hochdütsch rèdt,
Hochdeutsch spricht, nur ein wenig redt, nu e chli andersch als di numen e chli angers aus di Tütsche.
anders als die Deutschen. Da hat Tüütsche. Da häpmi e Frau z Da hèpmi e Frou z Griecheland,
mich eine Frau in Griechenland, wo Griecheland, won i i de Fèrie gsii won i i de Fèrie bi gsii, imne
ich in den Ferien gewesen bin, in bi, ime groosse Hotelgang ine groosse Hotèugang inne gfraaget:
einem großen Hotelgang gefragt: gfrööget: «Sii, wo gaats da duren «Sii, wo geits da duren zum
«Sie, wo gaats da duren zum zum Schwümmbad?» Si häggmäint, Schwimmbad?» Si hèggmeint, i sig
Schwümmbad?» Sie hat gemeint, i seig en Tüütsche. Und miich hät e Tütsche. U mii hèt de Tüüfu
ich sei Deutscher. Und mich hat der de Tüüfel gschtoche, und i ha gschtoche, u i ha zrüggfraaget:
Teufel gestochen, und ich hab' zruggfrööget: «Wollen Sii gogen «Wollen Sii gagen schwimmen?»
zurückgefragt: «Wollen Sie gogen schwümmen?» Druf hämmer beed Druf hèmmer beidi müesse lache.
schwümmen?» Darauf haben wir müese lache. Ja, so gaats äim halt Ja, so geits eim haut öppedie,
beide lachen müssen. Ja, so geht es öppedie, hämmer zäme gmäint. Me hèmmer zäme gmeint. Me findt de
einem halt manchmal, haben wir findt de Rank nöd immer mit em Rank nid immer mit em Hooch-
zusammen gesagt. Man findet den Hoochtüütsch. Und mängisch, tüütsch. U mänggisch, wèmmes
Rank nicht immer mit dem wämes hät wele bsunders guet bsungers guet hèt wöuue mache,
Hochdeutschen. Und manchmal, mache, ischs ganz schief usechoo. ischs ganz schief usechoo. U
wenn man es besonders gut hat Und druufabe hät si der äint oder drufabe hèt si der eint oder anger
machen wollen, ist es ganz schief ander gsäit: «I probiers gar gseit: «I probiers gar nümme.» Da
herausgekommen. Und daraufhin nüme.» Da hockts! Aber die Mäinig hockts! Aber die Meinig dörfepmer
hat sich der eine oder der andere dörfepmer nöd laa iiriisse, dänn nid la iiriisse, dènn so schwäär,
gesagt: «Ich probier's gar nicht soo schwèèr, wies iez schiint, ischs wies ietz schint, ischs haut ou wider
mehr.» Da hockt's! Aber diese halt au wider nöd. Das wämmer nid. Das wèmmer grad zeige.
Meinung dürfen wir nicht einreißen grad zäige.
lassen, denn so schwer, wie's jetzt
scheint, ist's halt auch wieder nicht.
Das wollen wir grad zeigen.

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4 . 1 Wo gelingt's leichter und wo weniger • schwèèr, gaa, mängisch, de äint / schwäär, gaa,
leicht? mänggisch, der eint für schwierig, gehen,
manchmal, der eine
andere Wortbildungen in Mundart und im
4.1.1 Leichter geht's: Hochdeutschen
• Hoochtüütsch, Tüüfel
• beim Satzbau: Fast jedes Wort hat in den Diphthonge im Hochdeutschen gegenüber den
mundartlichen und in der hochdeutschen Fassung Monophthongen der Mundart. Auch hier kann es
dieselbe Stelle. Ausnahmen sind vor allem bei den zu falschen Analogiebildungen kommen: Tüüfel -
komplexen Verbformen zu finden, wobei die Teufel; folglich: Tüüre - *Teure
Unterschiede von der Standardsprache zum • müese, schief
Berndeutschen etwas größer sind als diejenigen Monophthonge im Hochdeutschen gegenüber den
zum Zürichdeutschen; Falldiphthongen der Mundart.
• beim Wortschatz: Bis auf wenige Ausdrücke wie • würkli, schwüme, nüme / würklech, schwimme,
zum Beispiel reden - sprechen, öppedie - nümme für wirklich, schwimmen, nicht mehr
manchmal, e chli - ein wenig, goge (Begleitwort) Rundung in der Mundart, manchmal kombiniert
können wir (im Unterschied auch zu mit Lautschwund und Wortverschmelzung wie bei
Fremdsprachen) dasselbe Wortmaterial nüme / nümme.
gebrauchen; • Weitere gesamtschweizerdeutsche lautliche Ver-
• und keine Probleme gibt es dort, wo über die änderungen wie Hebungen und Senkungen dörfe
Materialentsprechung hinaus die Wortformen zu dürfen, oder dann solche, die nur in einem
gleich sind: komisch, merkt, da, zum. Dialekt vorkommen wie die l-Vokalisierung ( l zu
u) säuber für selber oder die nd-Velarisierung (-nd
4.1.2 Unterschiedlich schwieriger wird's bei zu -ng) bsungers für besonders im Bern-
formalen Abweichungen. deutschen.
Hier stellt sich für den Mundartsprecher, der noch
nicht – oder über längere Zeit nicht mehr – gewohnt
ist, Hochdeutsch zu sprechen, die Frage: 4 . 2 Wir stellen generell fest:
Übernahme oder Variation der Mundartform nach
bekanntem Muster: mache - machen; folglich: dure -
*duren. Weitere Beispiele: Unterschiede zwischen Mundart und Hochdeutsch
sind in den weitaus meisten Fällen durch
• häpmi, hämmer, wämes / hèpmi, hèmmer, wèmes Unterschiede im Laut- und Formensystem und nur
Verschmelzungen, die aufgelöst werden müssen. selten in der Wortsubstanz bedingt. Beim Satzbau
• seig, säit, hät, gfrööget / sigi, seit, hèt, gfraaget verwenden MundartsprecherInnen weitgehend
für sei, sagt, hat, gefragt dieselben Modelle wie Hochdeutsch Sprechende.
Unterschiedliche Wortformen, die vor allem bei
Verben zu Schwierigkeiten führen.

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Marti, Werner (1985): Berndeutsch-Grammatik für
die heutige Mundart zwischen Thun und Jura. Bern.

5 Literaturangaben Meng, Heinrich (1986): Mundartwörterbuch der


Landschaft Baden im Aargau. Baden (Grammatiken
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Aschwanden, Felix (1994): Landschaft zwischen allgemeinverständlicher Darstellung. Bd. X).
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Kulturgeschichtliches Sachwörter-Buch, Bd. 1. Meyer, Kurt (1989): Wie sagt man in der Schweiz?
Altdorf (Grammatiken und Wörterbücher des Wörterbuch der schweizerischen Besonderheiten.
Schweizerdeutschen in allgemeinverständlicher Mannheim, Wien, Zürich (Duden Taschenbücher
Darstellung. Bd. XIII). Bd. 22).
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Urner Mundartwörterbuch. Hrsg. von und Tilly (1982): Davoserdeutsches Wörterbuch.
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Peter (1962): Zuger Mundartbuch für Schule und Begründet von Heinrich Baumgartner und Rudolf
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Bratschi, Armin und Trüb, Rudolf (1991):
Simmentaler Wortschatz. Wörterbuch der Mundart Suter, Rudolf (1984): Baseldeutsch-Wörterbuch.
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grammatischen Einleitung und mit Registern. Unter Schweizerdeutschen in allgemeinverständlicher
Mitarbeit von Lily Trüb sowie Maria Bratschi und Darstellung. Bd. IX).
Ernst Max Perren. Thun (Grammatiken und
Wörterbücher des Schweizerdeutschen in Suter, Rudolf (3 1992): Baseldeutsch-Grammatik.
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Schweizerdeutschen in allgemeinverständlicher
Fischer, Ludwig (1960): Luzerndeutsche Darstellung. Bd. VI).
Grammatik. Ein Wegweiser zur guten Mundart.
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Schweizerdeutschen in allgemeinverständlicher Ein Wegweiser zur guten Mundart. Unter
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und Wörterbücher des Schweizerdeutschen in
König, Werner (1989): Atlas zur Aussprache des allgemeinverständlicher Darstellung. Bd. I).
Schriftdeutschen in der Bundesrepublik
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Fridolin [Christ, Robert B.] und Pee, Peter (5 1983): und Wörterbücher des Schweizerdeutschen in
E «Baseldytsch»-Sammlig. Ygruumt in zwelf Fächli allgemeinverständlicher Darstellung. Bd. III).
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Lorez-Brunold, Christian und Lorez-Brunold, Tilly
(1987): Rheinwalder Wörterbuch. Der Wortschatz
einer Bündner Walsermundart. Chur (Grammatiken
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