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R aum - ein hetero gen isierender R elatio nsbegr iff 1 13

R aum ein he itlic he Fassu ng zu zwingen , di e ihr als A us-


dru ck gesellscha ftlic h er Au sdi fferen zierung und
(grie ch . x wpa , r orroc; lat, spati u m; eng!. space;
vielfaltiger ästhe tisch er M anifestati onen ni cht ge-
frz. espace: ital. spazio ; spa n . espac io; ru ss.
re ch t w er den ka nn .
npocrpa ncr no)
R aum - ein Begr iff, d er im Alltag sverstä n d n is
Raum - ein heterogenisierender R elationsb egriff; zw ische n un klar en Vorstellungen vo n W elt - ,
I. R au m vorstellun gen in Anti ke und Mi tt elalter : Wohn- un d Körperraum und d er Sc h ulgeom etr ie
My th ische, th eoreti sche, sp iritue lle R äu m e; gesch ulde ter d rei d imensio na le r .G efäß fikrio n.
11. Raumgestaltung un d R au mb eg riffi n der Neu- ch ang iert - ist in sein er Geschi ch te sch w er zu kon-
ze it (13.-17.Jahrhundert); I. Perspektivieru ng des
R aums in der Malerei; 2. Veru nendlichung und Substau- tur ieren . Als imagin äre Vorstellung und w ech seln-
tialisierun g des R aums in der Philosoph ie; 3. R aum ko- d er Verständigungsh o r izont g ru n d iert er di e Wahr-
dierungen im französischen Theater; III. Erken n tnis- ne h m ung seit Mensch en ged enken , glei chw o h l
theoret isch e un d po etolo gisch-philosophisch e erfah rt er ers t mit d en n eu zeitli chen N aturwi ssen -
N eudirnensionierurrgen (18.-19. J ah rhundert);
schaften eine philo sophisch e Substanti alisierung
I . Transzendentalisier rer An sch au un gsraum : 2. Poetolo-
gische und philosophisch-ästhetische R aumsystematisie- und w ird erst m it d em ausgehe n de n 18. Jh. als er-
rungen; 3. Der Klangra um der Wagneroper; IV. Ver viel- kenntniskr itisch e und äst h etisch e Kat egorie ansatz-
fältigung der R aumkon zepte in M oderne und Ge - we ise entfaltet,
genwart (20.-21. J ahrh undert); I . Kunstgeschichte D em vorkr itische n Status des R aums in der All-
und Kunstrh cor ie: 2. Philosophi e und Ästhetik; 3. Archi -
rekturthe o rie; 4. Soziologie und Medienth eorie
tagsw ahrn ehmung ents p ric h t in d er Kulturge-
schi ch te ein gewisser b egriffli ch er Latenzzu stan d :
Ü ber J ahrhunderte hinweg w erden R aumvo rst el-
lun gen b zw. ko sm ol o gisch e und ut opisch e R aum-
entwü rfe ni cht au f ein en klar umrissen en R aum-
R aum - ein het erogenisi erencler
b egr iff gegrü n de t. Und o bwo h l mit Platons o nto-
Re1ation sbegrifT
logisch er Skizzier ung des R aums (x wpa) und
Aristoteles' R.. eflex ionen über den Ort (r orroc) di e
»M it kein em an deren Begriff d er Architektenwelt bis h eute zu m Teil pol emisch ausges p iel te Pola rität
w ird soviel Schindlud er ge trie be n, w ird sov iel Un - der Raump rob lematik bereits er öffne t ist, kom men
sinn verza pft, soviel C haos in di e Köpfe ge brach t Ko smolo gien und Naturph ilo sop hi en bis 1I1S
w ie mit uns er em so heißgeliebten Traum vo m 17. Jh., Theorien zur bi ldenden Ku nst und Arch i-
R aum.«! D er Ar chitekt d es Bundeskan zler amts, tektur bis ins ausgeh end e 19. Jh . o h ne ausd rü ckli-
Axel Schultes, art ikuliert in seiner Empörung üb er ch en R aumbegriff aus. Allerdings gib t es lo ka le
den nachl ässigen u nd inflation är en Umgan g mit Erö rteru ngen vo n Fragen d es -O rts- in aristo teli -
R aumvorstellungen ein e üb er di e Ar chitektur- sch er T raditi on b eispielsw eise au f d er fra n zö sische n
th eorie weit h ina usreich ende Te nde nz d er W u ch e- Bühne.
rung vo n R aum kon zepten. di e den Üb erblick Ers t im 20 . Jh . gerä t in den ßlick , daß di e
üb er ihre Ver wendung in ästhetische n D iskursen R aum vorstellung - w ie so nst nur di e Z eitvorstel-
in der Ta t erschwert. W enn er im Sinne der Ab - lun g - nich t allein das transzendentale Apr iori un -
hilfe allerd ings »eine Dramaturgi e des R aum es, di e sere r sin n lic he n Erfa h ru ng abgib t, so nde rn eine
das Streb en n ach Gestalt auf di e Entwic kl u ng wech selnde und vielfaltige Ans ch auun gsform ist,
neu er R äum e und R aumtyp en an we n de t«, fordert ab hä ngig vo n Z eitkoord ina te n , G estalt ungs- u nd
und damit d en »cineu Raum , die s:rr13e Sache als In-
tegr al d er vielen, der o ft viel zu viel en R äu m e, als
Synt hese vo n Ort u n d Pro gram m [.. .], als inten-
sivste , kostb arste Ver mittlung, als unbequ emsten I AX EL SC H ULT ES, Wir werden nie wissen, was R au m
ist, in: E. Schirm beck (Hg.) . RAUM station en. Meta-
Anspruch uns er er Kunste' wieder einzufiihren be-
mor phosen des R aumes im 20. Jahrhund ert [Ausst.-
strebt ist, so suc h t er die th eo reti sch e und prakti- Kat.] (Ludwigsburg 200 1),38 .
sche R aum vervielfaltigung der G egenwart in eine 2 Ebd.. 39.
114 Raum

Erk enntnisparam et ern und kulturgeschi chtlich en worden ist. Au ch der R aum wie so vieles ande re.
Symbolbildungen . ist nur ein m ythologisch er Begriff, in we lche m wi r
Di e im Verglei ch zu anderen ästhetischen Be- die Ersch einungen zusam menfassen, daß wirkli ch e
g riffen späte H erausbildun g des R au m begr iffs er- Bewegu ngen nach R ichtungen erfolge n .« Der
klärt sich dara us, daß sie seitens des erkenne nden R au m begriff wi rd hi er als Sym ptom unserer ver-
Subjekts mi t einer Distanzieru ng von selbstver- di ng lichten »su bstan tivisc h e n We ltsicht« (29 1) dia-
ständliche n Wahrnehmungshorizonten verbunde n gn ostiziert. Und in der Tat zeigt die moderne Ver -
ist: Entsch eid ende epi stemologisch e Schritte auf vielfältigu ng von R aurn ko nzepten , daß uns ere all-
diesem Weg sind die Untersch eidung zwischen tagsweltli che ,G efäßfiktio n< eine nur eingesc hrä nkt
Ortsfragen und geometrisch-abstrakten An schau- gültige Ans ch auung aus ein er Z eit darstellt, in der
ungs größen, zwi schen Naturnachahm ung un d an- der R aum als homogene, isotrope und meßbare
th ro pologischer Erke n ntni sstrukt ur. zw ische n eu- D reidi mensio nalität reifiziert und unive rsalisiert
klidi schen und nicht-e uk lid ischen Bezugsgrößen wurde. In die sem Sinn erklärt Elisabeth Strök er
und zwi schen eige nen und fremden Sozial- und selbst die Annahme eine r 'natürlichen' R aum-
Kultu rr äumen . wahrnehmung, vo n der die ph ilo sophisch e Ph äno-
Auf der individualpsyc hologische n Eb en e w ird menologie in Fortsetzung vo n H eideggers An aly-
der häufig unbewußte Statu s vo n R aum vo rstellu n- tik des -D aseins- als R äumlichkeit ausgehe n
gen zu Beginn des 20. J h . mit deren Bindung an möchte, zur Fiktion : »D ie G efäßfik tion als ph än o-
die Leibwahrnehmung erk lärt: »M an kann [.. .] menologisch es Da tum des nat ürli chen Raumbe-
ebe nso gut sagen : ein Körper sei im Raum, wi e: wußtsein s ist selbst eine Fikt ion der Ph änomenolo-
der R aum sei im K örp er.c' Was die ph änomenolo- gie vo m natürlich en Bewußt sein. s"
gische Philosophie h ier für di e individuelle Konsti- Seit der zwe ite n H älfte des 19. Jh. kennen wi r
tutio n beh auptet, gilt ebe nso fiir den kollektiven ni cht zul etzt dank der Au sweitung w issenschaftli-
R aum: »R aurn ist präreflexi v da im Vollzug aller ch er Erk enntnisräume eine Ver viel fältigung der
leibli ch en und geistigen Akti vitäten, ohne dabei R au mdim ensio nen: Di e Mathematik dringt zu
Bew ußtseinsgegenstand zu sein . [. .. ] Befragt, was nich t- eu klidisch en Ra umgrößen vor , neu entste-
der R aum sei, nimmt es [das Bewußtsein - hende W issensbereich e wi e die Soziologie und
d. Verf.] ihn als Leer es, das angefüllt erscheint mit Ethnologi e widmen sic h vergleiche nde n Studien
den Dingen, Gesc hehnissen, Sach verhalten der vo n Soz ial- und Ku lturräumen. die Psych oanalyse
Welt und somit als -Welrraum - schlec h th in.«" und die Medien Fotogr afie und Film eröffne n
Di e g ru ndlege nde naturphilosophisch e Frage, R aume de s Unbewußren . Di e Kunstgeschi chte
ob der R aum überhaupt ein -fimdnmenrum in re- beginnt ihre Stilanalysen in Raumbildungsanalysen
hab e und ni ch t vielm eh r ein rein ideelles Ab strak - zu tran sfo rmieren , die Ph ilosophie entwickelt eine
tum sei, wird vo n dem sprachkr itische n Phi loso- ex istent ielle Raum ernphase. die Archi tekturtheo -
ph en Fr itz M authner dah ingeh end beschieden , rie setzt mit der Formulierung eines R aumbegri ffs
daß ihm als »Z eichen für Empfindungen s' nu r der em .
R ealitätsgeh alt einer Farb e oder eines Klan gs Di ese plurale D im en sionierung des R äumlich en
eigne: »Es sche int mir darum, daß die Frage nach erfährt schließlich eine th eoreti sch e Begründung
der R ealität od er Idealit ät des R aums falsch gest ellt in Ernst Ca ssirers Philosophie der svmbolisthen For-
mcn ( 19 23-19 29): Auf de r Basis der Annahme, daß
der R aum kein e »einfache ansc ha uliche Gcgcbcll-
FRIT Z MAUT HN ER, -R aum- in: M authner , W ört er-
buch der Ph iloso phie. N eue Beiträge zu einer Kritik lieit«, sondern »erst der Ertrag und das Ergebnis ei-
der Sprache (M ü nchen/ Leipzig 1910), 287. nes Pro zesses der sym b olische n Formllllg,,7 ist, da
4 ElI SA IlET H STR ÖKE R, Philosophisch e U ntersuchu ngen der Aufbau der »spez ifisch-geistige n Wirklichk eit «
zum R aum (Frankfurt a. M , 1977). 17f. von ihrer je unterschiedenen sprachliche n Ausfor-
5 MA UT H N ER (s. An m . 3). 289.
mung und der Entwicklung des »G ru ndbegriffs«
6 STIlÖKEIl (s. Anm . 4). 188 .
7 EIlNST CASSIREIl, Philosophi e der symbolische n For- (167) ab hängig sei. fordert er die Verlagerung der
men , na. 3 (ll erlin (929), 166 f. R aumer örterung vo n der N atur- in die Kulturph i-
R aum - ein heterogen isierender R elati o nsbegriff 1 15

losophi e: »D ie rein o ntologische , die gegenständli- (und 2 1. Jh. ) individuelle R aum bezugn ahmen und
che C harakteristik dessen , was R aum und Z eit ästhetische R aumexp erimente in allen Bereich en
sind, dringt noch ni cht in den Kern dessen ein, was zu w uchern: R aum w ird zum "Inbegriff m öglich er
sie für den Aufbau der Erke nntnis bedeuten, Di e Gestaltungsweisen . in der en j ed er sich ein neu er
spezifische Bed eutung der Frage nach dem ,Was< Horizont der Gege nstandswelt aufschließ t- (106) .
des R aumes [. . .] scheint vielme hr darin zu liegen , In der G ege nwa rt ist eine existent ielle R au rnb e-
daß mit und an dieser Frage die Er ke nntnis allmäh- zo genheit scho n au fgru nd der Selbstbeschreibung
lich eine ne ue Richtllll~ gewinnt.s" N eu ausgerich- der Epo che als ei ne r der Glo balisieru ng zu erke n-
tet wird die Erkenntnis durch die Ersetzu ng des nen , die sich, bet rachtet man nur die j üngst e politi -
substantiellen R aumbegr iffs durch ei n forma les sche Z eitdi agn ose Empire (2000) vo n Anto nio N e-
Pri nzip bzw. die Annahme des » Vc' rm ll,~s des O rd- gri und Mi ch ael H ardt, ern eut im aginärer, hier
/lIl11gsbegr!Os PM dein Seillsbegr!{f« (95). Nu r bei Anl e- hollyw oodnah er R aumvorstellungen bed ient. Zu
gung eines Ordnungsbegriffs läßt sich die Diver- ihrer ph ilosophisch en Evaluierung des sich ve rän-
genz vo n abstraktem R aumbegriff und ko n kreter dernden R aumverständnisses ge hö rt eine Selbst-
O rtsbestimm ung der Dinge auflösen: "R au m und kritik der westlich en Kultu r und der Versu ch , die
Ze it sind keine Substanze n , so ndern vielm ehr Globalisieru ng nicht als unter we stliche m R aum-
'reale R elat ion en -: sie haben ih re wa hrhafte Ob- patr onat zu verein heitliche nde, sondern m öglich st
jektivität in der ' Wahrh eit vo n Beziehungen ' [. . .]. heterogen e R aumkonstitution mi t br eit gestreute r
Di e Welt wird n ich t als ein Ganzes vo n Körpern R aumparti zipati on zu th eoreti sieren . W ährend die
-im . R aume, noch als ein Ges che he n ' Ül < der Z eit Autoren dank ihres m arxistisch -poststrukturalisti-
defini ert, so nde rn sie wird als ein -Sysre rn vo n Er- schen An satzes in der Globa lisieru ng C hanc en für
eign issen . 1. .. [ geno nune n« (97 f.). D er in sich va- differentielle Artikulati on en kapitalismu skriti sch er
riable O rd nungsbegriff erlaub t die Wahrnehmung Bewegungen erblicken, w ird diese aus ph änome-
des R äumlich en als vielfaltige Au sprägung in un - nologisch er Sicht aufg ru nd ihrer Tenden z zu indi-
terschie dlichen Bereich en : "U nter de r H errsch aft vidueller Ento rtu ng und gesellschaftlicher Ent-
des O rd nungsbegri ffs kö nnen die verschiede na rtig- stru ktu rieru ng als dro he nder Sin nverlust perhor-
sten geistigen Gebilde und die m annigfach sten resziert. Und wä hrend die ph änomen ologisch e
Gestaltungspr inzipien frei und leicht beiein an- Phil osophie auf eine R eanthrop o rno rphisier un g
derwo hnen- (99). "Was alle diese R aume vo n ver- de r R eflexion durch Rü ckbesinn un g au f R aum-
schiedenem Sinn- C hara kter und vo n verschiede - veranke ru ng drän gt, su chen die Globalisieru ngs-
ner Sinn- Provenienz, was den mythisch en , den äs- th eoretiker die virt ue lle M obilisieru ng am o rphe r
thetisch en , den th eoretisch en R aum miteinander M assen und mi grierender -m u ltitu des-" als die tra-
verknüpft, ist ledi glich eine rein forme lle Bestim- ditio ne llen R aumh egem onien wo hltuen d veru nsi-
m ung, die sich am schä rfsten un d prägn antesten in che rn de und versch iebe nde geopo litische Strategie
Leibniz' D efin ition des R aums als der -Mö glich keit zu begrü ßen .
des Beisammen - und als der Ord nung im mögli- Als aktuellste Variant e ph än omen ologisch er In -
chen Beisammen [.. . 1 ausd r ück t- ( 10 2 ) . W ie er- spiratio n sei hier Pet er Slot erdijk an gefiihrt : In
sichtlich, be deu tet diese kultur ph ilosophische wa rne nde m Duktus erinne rt er de n Z eitge no ssen
Multiplizierung des R äumlich en einen Paradi g- in einer " al{~ellleil/el/ Theorie der a llt(~~el/el/ C q{äß e«
m en wechsel, der die M od ern e von der ne uzeitli- un d "po litische n M o rph ologie«!'' an seine R aum-
chen Entwi ck lun g trenn t. N ich t m ehr nur ist die
ästhetische Darstelluny vo n R aum kein "blo ßes pas- 8 Mythischer. ästhe tischer und theoret ischer
C ASS IRE R,
sives Nachbilden der Welt« m ehr, son de rn die noch R aum (193 J), in: Cassirer, Symbo l, Technik. Sprache.
in Kants R aumap ri o ri einge he nde homogen e Aufsätze aus den Jahren 1927-1 933, hg. v. E. W O rth
R aumansch auun g w ird nun durch ihre Bindung u. a. (Ha mburg 1985), 93.
9 Vgl. MI C HAEL B AllO T / ANT ON IO NEG IU. Em pire
an unterschi ed en e Ze itdimensio ne n w ie an unter-
(Ca mbridge, Mass.lLondon 2000 ). 393-4 13.
schiedliche Örtlichkei ten als j e ande re stru kt urelle 10 PET ER SLO TE Il D IJ K , Sphären. 13d. 1 (Frankfurt a. M.
Kombination differenzi ert. So beginnen im 2 0 . (99 8),61.
1 16 Ra um

vergessen heit: »Wenn w ir hi er hi ng egen versu- 111 der Epo che der schnellen Verk ehrs mittel un d

che n. die Wo-Fr~ ge au f rad ikale Weise ne u zu ste i- der übersch nellen Info rmatio nsüb ert ragun gen die
len : so heißt das. dem zeit gen össisch en Denken Entza uberung der alten loka len Immu nstru ktu ren
seine n Sinn ftir die absolute Lokali sation zurückzu- epide m isch und massenhaft em pfindbar wird. In
ge be n". Da s Überleb en des Anthrop omorphen er- ihrem Fortgan g sprengt die Glob alisierung Schicht
klärt er fiir ab häng ig von gelinge nde r -In nenrn u m- für Schi cht die Traumh üllen des bod enständi gen ,
b ildurig- vo n Sph ären , welc he -M enschen bewoh - des ei ngehausren, des in sich selbst orientierte n
nen , sofe rn es ihne n geli ngt, M ensch en zu we rde n. und aus eige ne m heilsmächtigen Lebens." (826)
[ ...1 Sph ären sind im m unsyste m isch wirksam e Sloterdijks Identifizieru ng realpoliti sch er R aum -
R aumschö pfungen für ekstatische Wesen , an de- ausgri ffe mit anthro pologische n Kon stant en unter-
ne n das Außen arbeitet.« (28) Wi e Vö lker nu r 1111- schlägt das kulturvernich tende M om ent dieser
ter einer eige ne n »sem iosphär ischen G locke" (60) G loba lisieru ngsbewegung und weist sich als pro-
überleben, so Subj ekte nur in der »symbolischen blema tisch- eurozent rische Position aus.
Klimatisierung des geme insame n R aums" (46 f.). Dabei stellt Siot erdijks An satz durchaus eine
Slot erdijk versteht seine n Einsatz mithin als gleich - Weit erfiihrung und Verschi ebung der Üb erlegun-
zeitig histori sch e wie syste ma tische Wi edergewin- gen von M arshall M cLuhan dar, der seit de n
nung der sphä rische n Grundbedingu ng, insofern I 960er Jahren die M edientheori e u. a. als Kritik an
diese der westlich en M etaph ysik seit der Antike rationalisierender R aumhomogeni sierung und als
ihre räumlich e G estalt au fpräge und sie immer notwendige Wi ed erentdeckung vielstimmiger
scho n einer G lob alisierungstenden z aussetze : »Irn Binn enräume lancierte. Zu sammen mit Bru ce R.
Z eichen der geometrisch vollendeten Rund fo rm . Powers zog er das Fazit: »For hundreds of tho u-
di e wi r bis heute m it de n Gri ec hen Sphäre, m it sands of ye~rs, mank ind lived wi thout a straight
den R öm ern G lob us nenn en , entfaltet und er- lin e in nature. [. . .] For th e cavema n, th e mountain
schö pft sich die Affäre der ok zidentalen Vernu nft Greek , the Indian hun rer (indee d, even for the lat-
mit dem Weltganzen . Es waren die frühen europä- ter-day Manchu C hinese). the world was multi -
isch en M etaphysiker. M ath em atiker, Kosm ologen, ce nt ered and reverb eratin g. It was gyroscopic. Life
die den Sterblich en ihr e neu e schicksalshafte Di - was like bein g inside a sphe re, 360 degr ees wirh eut
men sion aufgezw unge n haben: ku geln sch affende margins ; swi nun ing underw ater: or balancing o n a
und ku gelnbew ohnende Ti ere zu sein. Di e Glo - bicycle. [. . . 1 The o rder of anc ient or preh istoric
balisierung beginnt als G eometrisierung des Uner- tim e was circular, not pro gr essive. [. . .] Speech , be-
meßlichen«11. Seine Analysen versteh t er daher als fore the age of Plato, was the glo rious depository
Arch äologie des un bewu ßren Imaginären dieser of m em ory, Acous tic space is a dw elling place for
Globalisierung , in deren sukzessiver Entfigurieru ng anyo ne w ho has not bee n conquered by th e one-
er bedrohliche Verfa llserscheinun gen erke nnt : ar- a- ti me, uni form ethos of the alphabe t. [.. .1
Wenngleich es »am Umrundetsein der Erde seit T here are no bo undaries to so und. We hear from
1522 ni cht s zu bestreiten " gebe. gelt e: »j e routine- all directions at o nce .,,1 2 Den Verlu st dieses viel-
hafier und schneller die Umrundungen geschehe n, deutig klingenden R undraums schreibt M cLuh an
desto umfassender gre ift die Verwandlun g von Le- der R eduktion der men schli ch en Wahrnehmung
benswelt en in Standorte um sich - weswegen erst auf den Gesichtssinn dank der Einführung des
phonetischen Alp habets und der Ausbreitung des
Buchdrucks zu . 13
1J Sl O TE llO lJ K , Sphären, Ud. 2 (Fran kfurt a. M . 1999),
Die entsche ide nde Weit erfüh rung des Cassirer-
47·
12 MA IlS HAl.l M Cl U HAN IIl llU CE n. I'OW EIl S , T be Glo- sehe n Ordnungs- und R elation sbegr iffs leistet da-
bal Village : Tra nsformation s in Wo rld Life an d M edia gegen C laude Levi- Strauss, M it seinem Vortrag
in the z rst C enru ry (entsr. 1976- 1984; ersch. N ew Race et /liSIO;rC. de n er 1952 vor de r UN ESC O hiel t
York u. a. 1989). 36 f.; dt .: Der Weg der M ed ien gesell-
und später in einer üb era rbei teten Fassung in seine
schaft in das 2 1. Jahrhundert , üb ers. v. C.- I~ Leon -
hardr (Paderborn (995), 64 f. Anthropologie structurale deux ( 1973) aufnahm, for-
13 Vgl. ebd .. 38f.;dt.(q . dert er im Sinne der gleichbe rec htigte n Evaluie-
R aum - ein het ero gen isierender Rel ati onsbegr iff [ 17

ru ng der Kultu rrau m e das Abrück en vo n eurozen- O rts- und Relati onsraum des -In ne n - im Sinne
tri stischen Evol utionsgeda nk en un d ih rer »histo ire Cassi re rs als hererogen etischen ästhe tische n Begriff
cum ulative«!" zug unste n der Betrachtung der gegen ho m o genisieren de R au m ver ständnisse in s
räum lich en Verteilun g der Kul tur en : »Le develop- Feld; vor allem abe r ist ih m an der Sichtburma-
pem en t des co n naissances prehistoriques et archeo- ch u ng ver dec kte r R äum e im gese llscha ftliche n
logiques tend a etaler dans l'espace de s forr n es de ci- Feld, an der episte molog ische n Erschließ ung so l-
vilisatio n que nous etio ns portes a im agin er cher R äu m e des -A ußen ., sog . -H etero to pien .,
co m rne cchelollllces dans le tenips.« (393) Die Ge fah r gelegen . In de r raumbezogen en M ethodik der
der H om ogenisieru ng der Kultur en so ll durch di e Diskursan alyse. G en ealogi e und Ar chäo lo gi e un-
H ervo rhebun g ihr er »ecarts d!Oerelltids« (4 [ 8) ge- ter such t er D iszip lin aran stalten wie Gefä ng nis , Ka-
bannt und die Bed eu tun g eine r Ku ltur ih ren serne und Klinik und ste llt deren Verwoben heit
räumlich en Vern erzurigen ent no m me n wer den : mit M ach tstru ktu ren herau s.
"C e qui est vrai dan s le temps ne I' est pas m o ins D as ph iloso phisch e Pendant zu Fo ucau lts me-
dans l' espace, mai s do it s'exprime r d 'une autre fa- thodi sch er Weit un g und räum licher D ehn un g des
co n, La cha nce qu 'a un e culture de to taliser ce t en- histo risch en Feldes ste llt der An satz vo n G ilb D e-
sernb le co m plexe d'i nventi on s de tous ord res que leuze und Pelix G uattari dar : N icht nur d ie Phi lo-
nou s appe lo ns une civilisatio n est fo nction du sophiegeschichtssch re ibung, auc h andere episte m i-
nombre ct de Ja di ver site des cultures avec lesqu el- sche Felder unt erziehen sie eine r ve rräum lic hen-
les elle part icip e a I' elabo ratio n - le plu s so uve n t den Lektü re, wi e bereits der T itel ihrer Summa
involo ntaire - d'une co m m une strategie« (4 [4). M ille Platcaux, Capitalismc et schiz ophrenic ( 1980)
Di ese progr am mati sche Tren nung der stru kturalen verrät: In eine r der Kartographie und G eo lo gie
R aum betrach tung von Fragen der G enese hat en tle h nte n Be griffli chkei t suc he n sie unterschied li-
nicht nur zur philosop hischen Abwert ung de s che Wissensbereich e aus m eth odol o gisch en und
Kausalitätsprinzips und ide en gesc hichtliche r H er- psych ol o gisch en Verengun gen her ausführen und
leitu ngen, sonde rn zu jenem Paradigm en wech sel de ren unb ewu ß te Sinnsedi m entier un gen offe nz u-
geführ t. der als postmod ern e Verabschiedu ng der legen .
Hi sto rie und als poststruktura listisch es Differenz- Solc hermaßen eigne t der theo ret isch en R aum-
denken bekannt geworden ist. o rie nt ieru ng ein kri tischer, gegen ko hären zb e-
Mi chel Fo ucault fordert 1967 diese Rau m aus- dacht e Begr iffsgeschi ch ten und lin ear e Fort-
richtung als differ enzgeneri er ende M etho d ik ge- sch rittserzählu nge n ge r ich te te r Stachel, der laut
rade auc h flir di e zeito rie ntierte Ge schichtswissen - Fouc aulrs Arclzcolo<liie du savoi,. ( 1969) denn auc h
schaft: »N o us som mes a l'epo q ue d u sim ultan e, eine ande re G esch ichte, eine der Brüche und Di s-
nou s som mes a I' epo que de la j uxtaposition . a ko nti n uit ät en, und di e Entfaltu ng eine s »espace
l'epoqu e du pro ehe et du lointain , d u c öte a c öte, d' un e d isper sion«!" mi t sich bri ngt: »Deplaccments ct
du disperse. No us so m m es a un m oment o u le transfonnations de s co ncepts: [. . .] l'histo ire d'u n
monde s'e pro uve, j e cro is, moins co m me une concept n ' est pas [.. .] ce lle de so n affine rne nt pro -
grande vie qui se develop pe rait a travers le tem ps g ressif, de sa ration aht e co ntin urnent cro issante, de
que co m m e un reseau qu i relie des poin ts et qui so n gradien t d'ab straction , mai s celle de ses divers
entrec ro ise so n ec heveau . Peut- etre po urr air- on cham ps de co nstitutio n e t de valid ite . C elle de ses
dire que certains de s co nflits ideo log iques qui ani-
ment les po lemiques d'a ujo urd' h ui se de ro ulent
14 R ace e t hi sto ire (1952), in:
C LA U D E LEVI- STll A U SS,
entre les pieux descenda nts du temps er les habi- Lev i-S trauss, Anthropo logie struc tura le d eu x (1973 :
tants acharnes de I'espace .«15 Seine D iagnose, auf Pari s 1997). 395.
der Basis ph än om en o lo gisch er, abe r vor allem 15 M I CHEL FO U CA ULT , D es espaces autres [Vortrag am
stru ktura listische r Ansätze for m uliert , läß t die Cercle d ' erudes arch itec tu rales, ge ha lte n am 14· 3.
1967] (ersch . 19 84), in : Foucault, Di es e t ecri ts, Bd . 4
H offnu ng auf Eröffii u ng neu er Wissen sfeld er fiir
(Par is 1994), 752.
die G eschich tsschreib ung in zwei R ichtungen au f- 16 Vgl. FO U CA UI.T , L'Arch eo logie d u savo ir (Paris
scheine n: Z um einen führ t er den qu alitativen 1969), 19.
11 8 R aum

reg les succ essives d'u sage, des mili eu x theoriques L R aumvorstellu ngen in Ant ike und
multiples o u s'es t pou rsui vie et achevee so n elab o- Mittelalter: Mythische , th eoretisch e,
rati on.« ( I I) Gl eich zeiti g akze nt uiert Foucaulr frei- spiritue lle R äum e
lich di e notwendige H istorisierung der R aumvor-
stellungen , »ce t ent rec roise ment fatal du temps
avec l' espace«!", eine Forderung, d ie in der zeitge- D er m oderne R elationsbegri ff vo n R aum begrün-
nössisch en kulturwissen sch aftlich en Di sku ssion det sich ni cht zuletzt durch di e Annahme eine s
rund um -Archao lo gie als M ethod e und M eta- verlorengega nge ne n Urzu standes unbewu ßt er
ph er-!" zu Erwägun gen ande re r histo risch er Kon - R au m vielfalt. in der das G esuchte und zu R eakti -
stru ktio nen bzw, der Möglichkeit d er Isoli eru ng viere nde in der ge w ü nsc h te n Fülle, no ch ni cht ra-
historischer Schi ch ten führt. tional ho m ogenisiert , gegeb en ist. C assirer nimmt
In Übe rn ahme der Begriffsp rägu ngen vo n C as- so lcher m aßen einen »m yth ischen R aum '( als Vor-
sirer, Foucault und De leu ze/C uatr ari sei der läufer zu m »R au m d er rein en Erk enntnis, de m
R au m beg riff hier als hererogeni sierender R elati- R aum d er geometrische n Ans ch auun g«!" an . Des-
o nsbegr iff rekonstruiert. D abei schä lt sich , histo- sen Di ver gen z zu m m etrisch en R aum besteh e
risch betrachtet, ei ne Entwi ck lu ngslinie von eine r darin , daß er wed er Unendlichkeit noch H o m oge-
Ph ase im aginä r angeleite ter R aumsch öpfungen nität , als »Str u ktu rrau m« nur Verhältni sse de s »In -
üb er eine darau f folge nde naturph ilo so ph isch e nesein s und lnnew ohnen s« und eine »u rsp rü ngli-
Festlegu ng und H omogenisierung des R aums hin ehe G leic h hei t des Wesens" ( I 13 f.) ken ne: »Die
zu seiner neu erli ch en Au ffäch eru n g in d er M o - Scheid ung vo n -Stelle- und .Inhal«, di e der Kon -
derne herau s. In der zei tge nössische n Glo balisie- str u ktio n d es -rein en- R aumes d er Geometrie zu-
rungs de ba tte mit ihre r Verschränkung des neu zeit- gru nde liegt , ist hi er no ch n icht vollzo ge n und
lichen Ein heitsraums u nd de s m o d ernen frakra li- nich t vo llzieh bar. 1. . . 1 D ah er ist im sinnliche n wie
sierten R aums erhält der Begr iff besondere im m yth isch en R aum jedes -Hier- u nd -Dort- kei n
Viru lenz . bloßes Hi er u nd D ort, ke in blo ß er Ter mi nus einer
Syste matisch bet rachtet unterh ält -R au m . zum allge mei ne n Beziehu ng, [.. .) so ndern j eder Pu nkt ,
eine n eine privileg ierte Beziehung zur Aisth esis: j ed es Elemen t besitzt hi er gleichsam eine eige ne
Als zunäch st unbewußt e An sch auungsform des -T ön u ng ., [. .. ) Im G egens atz zu d er H om ogen ei-
-Beisam m en . wi rd er im ausge hende n 18 . Jh . als rät , di e im geo m etr ische n Begri ffsraum waltet, ist
Ansch auungsapriori ex pliziert und in d er Fol ge als so mi t im mythi sch en An sch auungsraum jeder O rt
zeit- und kulturrelativ es Aprio ri differen ziert. und j ede Ri ch tu ng gleichsam mit eine m besonde-
Zu m zw eiten wird er zur ästhe tische n Katego ri e in ren Ak zent versehen ." ( 108 f.)
po etologischen u nd ph ilosop hi sch en b zw. zur epi- Wie C assirer die mythische Ortsm arkierun g als
ste m o logische n Kat egorie in natur- , kunstwissen - .T ön u ng- be zeich net, charakte risiert M cL uhan den
schafeliehen u nd soz io logische n T heoriebi ldungen . präeuklidischen R au m als -akustischenc »T he o ld
Und schlie ßlich fiihrt er als kr itisch e G röße zu aco ustic -co rm u o n sense . o f space co ntin ued as
vielfältige n G estaltungen un d Erö rteru ngen in bil - sp he rical, multisen so ry, and multidim en sio nal
dender Ku nst und Theaterd ram atu rgie. in Liter a- spac e u n til w eil in to th e first age of alp habe tic liter-
tur, A rchitektur und Film . acy: moreover , it provided th e basis of co nsiderable
o p po sitio n to th e new abstrac t visual space of rhe
ato m ists.s-"
In dies em Sinn stellen d ie räu mlichen Vorstel-
17 FO U CA UL T (s . Anm . 1 5), 7 5 3 . lungen de r griec hische n An tike. welche endliche
1g Vgl. SIG RID W EI Gu / sAlll N E H A CH, Archäol ogie als R äum e zu veranscha ulic he n suchen, tatsächli ch
M eth od e und Metap he r, in: Traj ekt e 3, Nr. 5 (2002), Formen der visue llen Di sran zn ahme gege n übe r
8 f.
de r taktil erfaß baren Lebenswelt dar. Als zu nächst
I!) C ASSI RE R (s. Anm . 7). Bd . 2 (Berlin 1!)2 5 ), 107.
20 M . M CL UHA N / ER I C M CL U H A N . Laws of M ed ia. T he ko sm olo gisch vielfältige En twürfe, vo n R eflexio-
N ew Scie nce (Toronro / Buffalu/ Londo n (!)8S), 18. nen üb er O rte (T<)1TOC;), vors tädtischen R au m
I. R aumvorstellun gen in Antike u nd Mittelalter : M ythisch e, th eo ret isch e, sp iritu elle R äum e 119

(x wpa) und Au sdehnung (öuior nuo) ausgeh end, mit ihr. Und so ric h te te er denn da s Wel tganz e h er
m ünden sie in Konzeptio n en gesc h lossene r und als ein en im Kr eise sic h dr ehenden Umkreis, wel-
überscha uba re r Ges talt in ein em sema nt isch durch- cher, einzig und ein sam [. . .] hinlänglich bekannt
stru kturie rte n Univer sum. Di e Kugelgestalt der und b efr eundet ist allein mit sich selbe r« (1jJUX~V bE:
Erd e w ird b er eit s vo n Pythagora s, Platon , Aristote- EIe; TO ueoov a UTau B€te; bla rrnvroc T€ €T€IV€V
les und Ptolemaio s ang en o m men; An aximander Ka t €Tl €~wB€v TO m;jlla a UrD rr€pl €Ka AUlp€V, Ka t
und die Pythagoreer stellen mi t d em Be griff de s KUKA41 b~ KUKAOV <JTP€CPOIl€VOV oopnvov E:va
Ap eiron (ä rr€lpov), des -Grenzenlos- U nbestiniru- 1l0 VOV €PllIlOV Ka T€<JTf] <J€V, [oo .J YVWPIIlOV bE: Kat
baren .", d ie Vorstellung von der Endlichkeit d es CP1Aov 'IKavwe; aU Tov a UTO? )(34b; dt . 249).
Kosm os allerdi ngs in Frage. Di e Atomisten Leu - Aristoreles verwirft di e Sp ekulationen üb er da s
kipp22 und D eniokrir-' ge he n vo n eine m dyn ami- Un endlich e und entw ic kelt in d er Physik im Zu-
schen Universum au s. Leukipp hält das All für u n- sam m en ha ng mi t der Er örterung der Bewegung
beschr änkt, m it vo llen und leer en Komponenten , der Körper Gedanken zu m -na t ürlic he n . Ort (to -
in dem ei ne Viel zahl vo n Welten entstehen und pOS).29 D er Ort wird als das Um fassende des sic h
verge he n , sich in Wirbelbewegun gen vereinigen b eweg enden Körpers vor gestellt."; da abe r »j ed es
oder ins Leer e cntweichen.i" Zusammenhaftende Ein zeln e an de m ihm eige nt h ü mliche n Ort [be-
Körper find en zur Ku gelgestalt: eine G enea logie harrt]« (Il€V€1 b~ CPU<J€1 rrav cv TO? OIK€I41 TOrr41
der Erd e. E:Ka<JTov OUK aAoywe;), anderer sei ts »jedes zu sei-
In Platons Timaios w ird erstma ls R aum (ch öra) nem eige ne n Ort h inb ew egt wird« (cp€P€Tal b ~ EIe;
als o ntolog ische Kategorie zwi sch en j en en vo n
.Sein - und -Werden - bestimmt, »dem Unte rgan ge
ni cht unterw orfen , welch e Allem, was ein Werden
TOV a umu ronov E:Ka<JTov)31, »so ist auc h der Ort
ein u n üb ertragbares C efa ß « (OlJTW Kat °
rorroc
a YYe:lOV a ll€TaK1Vf]Tov)32. Für Aristoteles gi b t es
hat , eine Stätte ge wä h rt, selbst abe r, den Sinnen mi thi n engere und weiter e Orte, d er en Kennzei-
un zu gän glich , auc h vo m G eiste nur, so zu sage n , che n »d ie zu näc hst ursp rü nglich e unbewegbare
durch eine n Bastard schluß erfaß t« (r pir ov bE: au G rä nze d es umfassenden K örp ers- (W<JT€ TO TOU
Y€VOe; ÖV TO Die; xwpae; a€l, cpBopav oo rrpo o- rr€pl €Xovroe; rr€pae; aK1Vf]Tov rrp wTav, TOUT'
b€XOIl€VOV, E:bpav bE: rra p€xov ö<Ja €x€l Y€V€<JIV
rra<JlV, aUTO bE: Il€T' aVal<JBll<Jlae; cor rov AOYI<JIlO?
2 1 Vgl. ANAX IMANDER, B I, in: D ie Fragmente der
TlVI voBU?, 1l0Yle; m<JTov)25. Als Id ee . ist d er R aum Vorsok ratiker, hg. u . übers. v. H . Di els/W Kranz,
gleichzeitig »Anu n e des Werdens« (Y€V€<J€WC; Bd . I (Berlin " IY5 I ) , Sy.
TlBtlVllV)26, eine G rö ße m ithin, di e dem sich reali- 22 Vgl. LEUK [I'P, BI , in : ebd. , Bd, 2 (Berlin " IY52), So.
2] Vgl. DEM OKR[T, A 57, in : ebd., yS f.
sierenden Ideellen eine n Aufenthaltsort ge wä h rt.
24 Vgl. LEUK[I'I', AI , in : ebd, 70.
Di ese n o ch ni cht seie nde , vi eldeu tige und au fne h - 25 I'LATON, T irn ., 52a-b; dt .: T imaios, in : Platon, Sämt-
m end-bergende R äumli chkeit d er ch öra wird in lich e Werk e, g riech.- dt. , hg. v. K. H ülser, nach der
Julia Krisrevas Semiotik als Raum plurisemioti- Ü ber s. v. E Schleie r ma che r übe rarb. v. E Susem ihl,
scher Weiblichkeit wi ed ererw eck t.F Bd . 8 (Frankfurt a. M . 19YI), ] 0] .
26 I'LATON, Ti rn., 52d ; dt . ] 05.
Plat ons Annahm e der glatte n un d ebe ne n Ku -
27 Vgl. J ULIA KIlISTEVA, La revolurio n du langage poe-
ge igestalt des Wel talls, di e »von alle n Ges talte n die a
tique: l'avanr-garde la fin du X IX' siede; Lautrea-
vo llko m menste und am m eisten sic h selbe r gleic he m onr et M allar me (Par is 1974).
ist« (n rivnov T€A€WTaTOV 0IlOIOTaTOV T€ aUTO 28 I'LATON, T im ., j j b; dt . 247.
29 Vgl. MAX JAMM ER , Conce pts of Space. Th e H isto ry
e:aUTO? <JXllllaTwv)28, lebt bis zu Kopernikus, zu
o f Theori es of Space in Ph ysics (C arn br idge, M ass.
Etienne - Lo uis Bo ulles N ewton-Ken otaph ( 17 84) IY54), [5 ff.; dt .: D as Probl em des Raum es. Di e Ent-
und in gewisser W eise bis in die Sphäro logi e Slo- w icklung der R aumtheorien . übers . v. P. W ilpert
terdijks w eiter, we n n auc h nicht in ihrer m ystisch- ( ro öo: Darmstadt ' 19S0), 16 f.
hymnisch en Doppelgestalt: »D ie Seel e abe r ] 0 Vgl. AR ISTOTEL ES, Phys. 4, 2; d t.: Ach t Büch er Ph y-
sik, griec h .- d t., hg. u. übers. v, K. Prantl ([S54; Aalen
pflan zte er in die Mitte d esselben ein u n d spannte
1975), I 56ff.
sie nicht bloß durch das ga nze Weltall aus, so n de rn ] 1 Ebd., 4, 5; dt. 175.
umkleid et e d en Weltk örper auc h no ch von außen ]2 Ebd . 4, 4; dt . [7 1.
120 R au m

ECTn v 0 Tono<;)3] ist. D er umfassendste Ort ist »die stru krio n vo rausgesetzt wird" : »N am que in h is
äu ß ersre und den bewegb aren Kö rper berührende lo cis nat uralis po testas ita arc h itec tata est co nloca-
ru h ende Gränze des Himm elsgeb äudes- (ECTn 5 ' 0 virque car d ines tamqu am ce n tra« (D en n an diesen
ro
.,
rroc I...) TOU ... ou pu vou
...,
n TC) EOXUTOV KUt
,.
Stellen hat di e schöpfer ische N atur so nach den
Un TOIl€VOV TOU KIVfJTOU CTwlluT O<; rrcpcc fJP€- R egeln der Bau kun st di e Ach sen enden gleic hsam
Ilouv) ]~ . D er R aum ist letztlich ein ew iger u nd un- als Drehp unkte angeo rd ne ü -:" , wird R aum (spa-
ve rgä nglic he r einz ige r Himm el:" in Ku gelgesralt: tium) nur als Z wi sch enrau m zw ische n Säu len ge-
»A u ßerhalb der letzten Um d rehu ngssch ale [be fin - da ch t.
det sic h ] w ede r Leer es n o ch R au m .« (5€5€IKTai In seine m Au fsatz Die Pcrspektiue als )sYlllbolische
5 'ön T~<; €OXa TfJ<; n €pHpop CX<; O\)T€ K€VOV €CTn V PM'" ( ( 19 27) spr ic h t Erwi n Pan o fsky vo m »kugel-
E~w8€v O\)T€ rorr oc)3". Im Ar istotelisch en R aum för mi gen Gesich tsfeld« d er Antike und leit et darau s
erblic kt Alexand er Goszto nyi dah er ber ei ts »die ein e ni ch t-planim etri sch e Fo rm der an tiken Per-
T hese d er R elativität des Raum es im Sin ne ei ne s sp ektive ab . Vitru vs -scen ogr aph ia-, di e per sp ekti-
R elatio nssystems«, allerdings »in bezu g au f d en ab- vische D arstellun g eines d rei d im ensi o nalen Geb il-
solute" R ar lll/ «] 7. des au f eine r Fläche . liest er n ich t- zenr ralperspekti-
Fü r d ie arc h ite kto n ische n R aumimagi nati o nen visch : M it -cen tru m- hab e Vitru v ni cht au f eine n
u n d -en twü rfe g ru n dlegende r als jede ande re Flu chtpunkt. so ndern auf ei n »Projektio nsze n-
Sc hr ift bis ins 18. J h . h in ein we rden Vi tru vs Bü- tr um « abgezielt und 'sich dieses als »M ittelpu n kt ei-
che r D e architea ura libri dcccm (Zehn B ücher iiber die nes Kreises-t" vo rges tellt. Di e klassisch e ant ike
A rchitcktur): O b w o hl im I . Jh . v. C h r. im Ko nt ext Ku nst als »Kö rperku nst« (689) habe nur das greifbar
d er rö mischen Kaiser zeit ents tan de n und im Hi n- Ko nkrete u nd R aum nur als das dazwi sch en Fre i-
blick auf die Stadt R o m formu liert, b esti m m en die bleibend e ge ka n n t. Im G egen sat z zum m odernen
da rin syste ma tisie rt en Säu leno rd n u nge n di e G e- »System rau m« sei der ant ike dah er als »Aggregat-
bäude typolo gi e bi s in s 18 . J h ., allerdings als Frage rau rn « (694) zu vers te he n .
der Fassadengestaltung nur in eine m zweid ime n- D er Ph än o m en ol oge H er m an n Schmitz ve r-
sio n al skizzierte n R au m . Und o bwoh l eine Paral- w eist d agegen au f d ie »r ich tu ngsräu m liche Au f-
lele zwische n Weltall und architektoni sc her Ko n- fassu ng der Pluß uatur«! ' in der Antike. betont die
Bed eutung d es O ke anos fiir die griec h ische M y-
tholo gie und d ie Eint eilu ng d es Erd kö rp ers ent -
33 Ebd . sp rec he nd den Wasser strömen in Plato ns Pliaidon,
34 Ebd . 4. 5; dr, 173· In Weiterfiihrung d er an tike n T heo re m e ko n -
35 Vgl. A RIS TO TE I.ES. Cael, 1.9. 278a.
kurr ie ren im Mittelalter vo r allem plato n isch- licht-
36 Ebd .. 2, 4. 2117a; dt. : Ü be r den H imm el und vo m
Werden und Vergehen. hg. v, 1'. Go hlke (Pade rbo r n m ystisch e An sät ze m it naturalistisch en Überl egun-
(958). 7(-,. ge n in aristo telisch er T raditio n ; gleich wo hl bahnt
37 AI. EX A ND ER GOSZTONY I. D er R au m . Bd, I (Frei- sic h der fiir di e R aumkonzep tu alisieru ng entsc he i-
burg / M ünc he n (976). rox, dende Ü bergang vo n eine m D en ken in Katego ri en
3H Vgl. H A N N O - W A I.T ER K RU FT , Ges chichte der Arch i-
des Ortes zu eine r naturp hilosoph ische n Begriff-
tekturtheorie (M ünc he n 199 1).24.
39 VIT RUV. De Archirect ura lib ri decem / Z ehn Bücher lichkeit an. D ie grö ß te Schwierigk eit besteht für
über Archi tek tu r. \at.- dt.. übers. v. C. Fensterbusch di e th eo logisch-p h ilo sophisch e Theoriebil dun g
(Dar mstadr 1991).414/4 15. darin . di e M ö glich keit ei ne r un ab hän gigen Exi-
40 Vgl. ERW IN PANOFSKY. D ie Perspek tive als 'sym bo li-
ste nz vo n R au m und Z eit mit d er gö ttlic he n
sche For m- (entsr. 1924/r925. ersch . (927 ). in : Pa-
nofsk y. D eutschsprachi ge Aufsatze, hg. v. K. M ichels/ Sch öpfung in Eink lan g zu bringen . Au gu stinu s
M . Warnke, Bd , 2 (Berlin 199H). 679. 687. und The m as vo n Aqui n lassen - Örtlichkei« (loc us)
41 H ERM A N N SCHMITZ. System der Philoso phie. Bd, 3/ nur als an konkrete Kö r per ge bu nde ne Ersc hei -
1 (Ba n n 19(7).43 1-434. nun gsform zu. 42 Bei Anselm vo n Ca nte rb ury j e-
42 Vgl. W IL HELM M H Z . R aum und Z eit bei Thornas
do ch h eb t eine Sp eku lation in R ich tu ng R au m -
von Aquin , in : J. A. Aertsen / A. Spee r (H g.) . R aum
und R aum vo rstellungen im M itt elalter (I3erlin / N ew u nd Z eitsubstan tialisieru ng an : »Die U n ifizierung
York I 9911). 304-313 . d es Ortes u n d der Zeit ist mit d em ß egr eifen d ie-
I. R aumvorstellungen in Antike und Mittelalter : M yt hisch e, th eoretisch e, spirituelle R äume 12 1

ser als entfre mde te und homogen e spatia verbun- gerade dieses Zurücktau ch en der Körper in die
den . O rt und Z eit mü ssen dem gemäß als abstrakt Fläch e w ird zur Voraussetzung ihrer un auflöslich en
auf kontingent D aseiendes anwendbare Gegen- Verbindung: Körper und umgebender Raum
stände gelte n I...1. Di eses Kon zept erreicht seine n wac hse n ab da ge me insam . Di e romani sch e Plastik
mit telalterlich en H öhepunkt im naturalistisch en ist »unm ittelbare Au sgestaltung der Baumasse sel-
Den ke n des 12. und I 3. Jahrhund erts. In dieser ber« (71 I). Und die Gotik nichts ande res als die er-
Z eit beginnt man vie lfach üb er das locorum spatiuni weiterte roma nische R aumskulptur: In ihr voll-
zu diskutieren . D as Verständnis vo n .O rt. wandelt ziehe sich mit der »Emanzipatio n der plastisch en
sich hierb ei einde utig zugunsren von -R aum ., weil Körper die Em an zipation eine r diese Körper in
de r O rt nicht meh r zur Sach e ge hö rig, so nde rn als sich befassenden R aumsph are« (7 I2). Bei go tische n
die Dinge einheitlich um fassend aufgefaßt wird.«43 Kirch enräumen läßt sich gleic hwohl noch ni cht
In der bildli eh en Darstellung ist laut Pan ofsky vo n R aum im Sinne vo n spatia spreche n: »D ie
zwischen de m 2 . und 6. Jh. ein Rü ckschritt vo n R aumgren zen ersche ine n hier [. . .] als ein Unfe-
der bereits ge wo nne ne n »frei- vertiefien« Land- stes, Ni cht-G reifb are s, Lichthaltiges wie der Gold-
schaft in rein e Fläch igkeit zu kon statieren: »D as gru nd in der mittelalterli ch en M alerei . In der Tat
sche inbare Hinterein and er wei cht wi ed er dem verfüge n wi r üb er kein e besondere Bezeichnung
Üb er- und N eb en ein and er ; die einzelne n Bild ele- zur Untersch eidung solche r R aumqualität vo n an-
mente [. .. ], bisher teils Inhalte, teils Komponenten deren R aumsrrukturen .v" R aumkate gorien wer-
eine r zusammenhän genden R äumlichkeit, ver- den auf go tische Kirch en geb äude erst ret rospek tiv
wand eln sich in wenn auch noch nicht vollko m- ang ewand t, etwa vo n Fran z Ku gler M itt e des
men eingee bne te, so doch durchaus auf die Ebe ne 19 . Jh .: »Lic hrvo lle Erhaben he it und einhe itliche
bezogen e For me n, die sich von Goldgru nd ode r Gliede ru ng des R aumes wurden vor Allem er-
vo n neutraler Folie abhe be n und o hne Rü cksicht stre bt.« Insgesamt cha rakte risiert er sie als »schwe-
auf die bisheri ge komp ositorisch e Logik ane ina n- bende Au fgipfelung der inn eren R äumlichkeicr".
dergereiht we rde n. s"! Di e Elem ente werden zu ei- Im 20 . Jh . stellt Ernst Bloch die Symbolisierung
ne m »im rn ateriellen, abe r lückenl osen Ge webe - des Utopisch en in diesen Sakralräume n heraus:
(70 [ f.) verbun de n, dessen Einhe itlichkeit in farbli- »Geb ilde wi e das Pantheon, die babylonisch e Stu-
chen Abstimmungen besteht. Di ese flächige Bild- fenpyram ide , die H agia So phia, die C heops- Pyra-
gestaltung versteht Panofsky als Refl ex lichtmeta- mide, das Straßburger Münster sind ke inesfalls au-
physisch er An sätze im zeitgleiche n Neuplatonis- ßerhalb der Ideologie eine r streng en Glaubens-
mu s: » D er Raum ist nichts anderes als das fein ste und Hoffnun gswelt ents tande n, eine r das Werk sel-
Licht e, heißt es bei Prokl os - womit die Welt, ge- ber nachbildlich determinierenden. [. .. ] D och
nau wie in der KUIlSt, zum erstenma l als ein Konti- üb erall, in der gesam ten sakralen Bauhütte, ist das
nuum begriffen , zugleich abe r ihrer Kompaktheit Kun stwollen ein Entspr ech enwollen, eine allsge-
und R ation alität beraubt ersche int: der Raum hat [ühru: Kongruene mit dem j eweils als volliso nnnenst
sich zu eine m homogen en und , wenn man so sa- illlagilliertCll, utopisicrten RtlIllll. «47 Und er betont das
ge n darf, homogen eisierenden , abe r unm eßbaren ,
j a dimension slosen Fluidum um gebildet .« (702 f.)
Dabei glaubt Panofsky ein en Unterschi ed ausm a-
chen zu können in der Entwi ck lun g der byzantini-
sche n und der no rdeurop äisch en Kun st: W ährend
43 G EO RG I KAI' RI EV . R äumlich keit (O rt un d Z eit) ge-
in der byzantinisch en M alerei »die ein zeln en Be- mäß Anse1m vo n C anrerbury, in : ebd., 230.
standteile der ant iken perspektivisch en Raumge- 44 I' A N O FS K Y (s. Anm. 40), 70o f.
bild e« noch beibehalten werden, wird in der Kunst 45 H A N S J A NT Z EN , Kun st der Gotik (H am burg 1957),

des »nordwesteurop äisch en Ab endlandes [. . .] die 69.


46 FRA N Z K UG LE R, Geschichte der go thischen Baukunst
spätantike Überlieferung umgeformt« (705): In der
(Stuttgart 1859), 7, 3 I.
R omanik gehe aufgrund der Trennun g von Lini e 47 ERNST BL O CH , Das Prin zip H offnung (entst. 1938-
und Fläch e j eglich e R aumill usion verloren . Aber 1947: 1954-1 959), Bd , 2 (Frankfur t a, M . 1977),842.
122 R aum

ant h ropomorphe R aumm oment in di esen Bauten : R aum in Spekulatio n, D arstellung und Beob ach -
Ȇ be rall siegen am Ende Pr op o rt ion en und C estal- tung in unb estimmte R ichtung ausgede hnt wi rd;
tu ngen , die zu d enen der Welt paradox sind: D er aus ein er gewissen Di stanz w ird er n unm eh r ind i-
Grundri ß ents prich t de m am Kreu z ausgestrec kte n vid ue ll erfaßt, gestalte t und als su bstanz hakige
Leib C hrisri-'". Form explizie rt . D iese pe rspe ktiviere nde Vert ie-
fun g erstreckt sich auf die m aleri sch e G estaltu ng,
die narurphi lo sop hische Begriffsbildu ng w ie auf
das abso lut istisc he Theat er, speziell reflektiert in
11. R aumgestaltung und R aumbegriff der französischen Drama turgi e.
in der N euz eit ( I 3.-17. Jahrhundert} Obwohl Pan o fsky di e Gleichz eitigkeit vo n
th eoreti sch er Fo rm ulieru ng und ästhetischer G e-
staltu ng behauptet, räumt er selbst in seiner D ar-
1. Perspektivierung des R. a l/IIlS in der Malerei
ste llu ng der bildenden Kun st eine Vo rreiterrolle
Di e Abl ösung d es gesc hlossenen Kosm os vo llzieh t ein: »D as aestherisch scho n früh er verein he itlich te
sich im Z eitraum m ehrerer Jah rh u nd ert e und läßt R aurnbild-' " wi rd lin earperspek tivisch perfektio-
sic h nur als multikau saler Vorgang versteh en . D a- niert, so daß es späte r m ath em ati sch ration alisiert
bei verzögert di e ch ristliche D o gm atik d es Mittel- we rde n kan n. Bildim m anent e R aum vertiefung
alters di e Formulierung ge w isser kosmolo gisch er vo llzieh t sich in der Synth ese des »no rdisch-go ti-
Erke n nt nisse, die die naturwi ssensch aftlich e Beob- sehe n R aumgefühls- (7 13) m it der in d er byzanti -
ach tun g bereits m ö glich m ach t; abe r auch d ie nische n M alerei no ch w eiterleb enden R au mr iefe.
These eines gre nz en losen o der gar un endlich en D iese Sy nt hese sieh t er bei den toskanischen M a-
Un iversums po sitioniert sich no ch im Verhältni s lern Giotto und Du ccio vo llzogen : »In ihren Wer-
zu m G o ttesbegr iff Di e philosophisch e Ent g re n- ken zei gen sich zu m ersten M al wieder geschlos-
zung schlägt sich am deutlich sten in d er m aler i- sene In nenräume, die wi r in let zter Lini e nur ver-
sche n R aumve rti efu ng nieder , ents rru ktu rie rt abe r ste he n kö n nen als m alerisch e Proj ekt io nen j en er
auc h de n literari sch en R au m : »O bw o h l D anr es -R au m käsren ., w ie sie d ie nordisch e Go tik pla-
CO Ill 111 edia, eine r geis tige n Kat hed rale verg leich bar, stisch ges talte t hatt e - abe r zusam me ngese tzt aus
de n m itt elalterli chen Ordo-Ged ank en in fast vo ll- de njenigen Elem enten, di e in der Ku nst des By-
ende ter Fo rm no ch ein ma l zur Sp rach e bringt, zant inism us bereit lagen. « (7 14) Di ese »R evolurio n
we ist m an cher Z ug d ieses Wer kes bereits ü ber das in der fo rma len Bewertung der Darsrellungsfläche«
Mittel alter hin aus. [. . . J D er vielge prü fte O dysseus (7 16) vo llzieh t sich berei ts in der 2. H älfte des
[. . .] verkö rpert di e Figur eines verwegenen Ab en - 12. Jh. und be sagt, daß di e Wand ode r Tafel zu j e-
teurers, der [. . .] auf d er Suche nach einer neu en ner »du rchsic htigen Ebe n e w ird, durch die hi n-
Er d e (n uova ter ra) im u ne ndlichen N irgendwo d es durch w ir in einen R aum hinei nzu blicken glaube n
O zean s Schiffb ru ch erle ide t. [. . .] In allen Ber ei- so llen « (7 17).
che n der W irtsch aft und Kul tur werde n zu Beg in n Di e Au sgestaltung des perspekti visch en R aums
des 14. j ah rh u nderts G renzen erreic h t; einigen ge- vo n d er zeic h ne rische n Anl age de r Figur enkom-
lin gt d er gefa hrvolle Vo rsto ß in eine neu e W elt .,,4Y position hin zur R aum dynam isieru ng auf einen
M it der beginnend en N eu zeit läßt sich von ei- einz ige n Fluchtpunkt wird im N ord en bis zu D ü-
ner w irklic he n R au mschöp fu ng sprechen, da der re r nur in j an van Eycks R aum ko m positio nen. von
Ernst Blo ch als neue »Wu nschw eiree" charak teri-
siert, erre ich t. In Italien w ird um 142 0 die -co n-
struz io ne legittima-, di e Fluc htpun kt perspektive.
4 8 Ebd. , 849 . erfu nde n, verm utlich vo n Brunellesch i. doku m en-
49 RUEDI IMB.... CIl, Vorwort, in: W ilhd m von O ck ham , tiert in Piere della Francescas Oe Perspectiva pillg eudi
Texte zur Theor ie der Erkenntnis lind der W issen-
(1474) , ausge füh rt in M asaccios Ore!faltigkeitsJresko
schaft (Stut tgart 1984 ), 5(
50 PANOFSKY (5. Anm . 40) , 739. (um 1425). Alb er ti th eo retisiert im I. Buch seines
51 BLO CH (5. Anm . 47), 93 5. Tr akt ats Della pittura (en tst. 1435/14 36) erstmalig
11 . Raum gestaltung und R aumbegriff in der N eu ze it (13.-17. j ahrhundert) 123

das G emälde als »Schnittfläche durch di e Sehpyra- sche u Geo metrie. In di esem Wandel vo m »orien -
mide« (in rersegazio ne de lla pirramide visiva)52. tierten « o de r »path isch en- F R aum zu r geome-
Und Leon ard o da Vin ci erklärt aus der ver tie ften tri sch - anal yti sch en R aum erfassung vo llzie h t sich
N aturwi ed ergab e di e Führungsroll e der Mal er ei auch die Trennung vo n R aum und Zeit: »W ir er-
vo r d en ande re n Künsten , u . a. der Di chtkunst: »Le fassen den R aum u nd die Z eit erst, we n n wi r sie ab-
prospetti ve 1...1 dei pittore paion o a ce nti naia di gelöst [.. .) bet rachten [. . . 1. W ir bemächtigen uns
mi glia di bi dall'op era.« (D ie Perspektive des M alers di eser Form des R aum es und d er Z eit nur, indem
schei nt hundert M eilen hinter das Bild zu füh- w ir sie in ih re r G leichgü ltigke it gegen unser
ren .)53 Wi e der Kunsthi storiker H ans jantzen her- Sch icksal erfassen, abgelöst vo n jegliche m Bezug
vorhebt, tau ch t der R au m begriff in d er R enais- auf un s.«5M
sance nur im Zusammenhan g mit der Dirnen sie - Nicolaus C usa nus sp rich t bereits in seine r Doaa
nierung der Bildfläche auf, und das led iglich im (1!' llJrIllllia ( 14 40) davon, daß das Univer sum pr in zi-
R ah m en eine r N achahmungsthe orie. Es feh lt an pie ll »u nbegre nz t« (in ter rn ina tu m ) und »p rivativ
eine r Bezeich nung, um »d ie vo n d er lin ear per- unen dlich« (privarive in finitum j'", allerdings fak -
spektivischen Ko nstru ktion u nabh än g ige räumli- tisch begr en zt sei durch seine ni ch t ins Unen d lich e
che Wirkun g zu ke n nzeic h nen«t", erwei terbare M ater ialit ät un d als Ges chöpf Go tte s
In der Illusio n der Fens te rscha u auf d er Basis eingesc h rän kt sei in seinem Sein sstatus .
geo m etr isch ko nsrruierbarer Linearp erspe ktiven Nikolaus Ko pernikus form uliert zwar d ie H y-
erken nt Pano fsky mit C assirer di e entsc he ide nde po these d es heliozentrisch en Weltbilds (u m 1530/
-sym bo lische Form- d er neu zeitlich en europä- 1543): »O m ne s orbes arn bire so lern , ramq uam in
ische n R au m ko n zeptio n . Zugleich aber relati viert medio omnium ex iste n te m , id eoq ue circa so lern
er sie als »k ühne Ab straktion vo n d er Wirklichk eit « esse cent ru m mund i« (Alle Bahnkreise umgeben
und »id eelle Besrinunung-v eines mathem atisch en di e Sonne, als stü nde sie in alle r Mitte, und dah er
R aums. der mit d em psych ophysio logisch en ni ch ts
ge mei n hab e. Di e Lin earpersp ektive negi er e di e
Tatsac he , daß w ir »m it zwe i ständig bewegt en Au -
ge n sehen. wodurc h das G esich tsfeld eine sp hä-
roi de G estalt erhält« (668). Kepl er hab e ber eits er-
51 Vgl. LEON IIATTISTA ALII ERT! . Della pitru ra/ Üb er
kan nt . daß sich die natürli ch e Wahrneh mung die M aler ei (eutst. 1.05 /1436), ital.-dt., hg. u. übers.
durch die m alerisch e Perspektive irr eführen lasse v. O. ß ätschmann / S. G ian freda (D ar rns tad t 2 0 02) ,
und die tatsächli ch w ahrgenommen e Krümmung 8 4f
53 LEONARDO D A VIN <:I , Trattato della pittura [Codex
üb erseh e. Di e kon struktive Ab lösun g d es R aums
Urbinas Larinu s] (ab 141)0). zit. na ch P. Baro cch i
von subjektiver Ans cha uun g besiegle nur »d ie (H g.), Sc ritt i d 'arte del C inq ue cento, Ud . 1 (M ailan d
Richtungs- und Entfernungs- Indifferenz d es mo- 11)71), 4 8 0 ; dt .: 11 Paragon e o de r d er Wett str eit de r
dern en D enkraums- (749) . Künste, in : l.eon ard o, Säm tliche Ge mä lde und die
Sch riften zur M aler ei ( 1495- 1499), hg . v. A . C hasrel,
üb er s. v. M . Sch neid er (M ü nc he n 191)0 ) , 140 .
2. Venlllclldlichllllg IIlId Substantialisicrung 54 J AN T Z EN , Über den kunstgeschi ch tlich en R aumb e-
gr iff (M ü nc he n (1) 38). 7.
des Raums in der Philosophie
55 I' AN O FSKY (s. Anm. 4 0 ) , 666.
D er Sehrau m der »m o der nen An rh ropokra riee' ". 56 Ebd., 756.
57 LU DWIG III NSWA N G ER , D as R aumprobl ern in der
w ie ihn die Lin earperspekti ve als ortsun ab hän gi-
Psycho patho logie ( 11)32) , in: Binswanger, Aus ge-
ge n, beobacht er zentrierte n und jederzeit konstru - w äh lte Vorträge und Au fsätze, Ud . 2 (Be rlin 1955),
ierbaren Ti efenraum entw ic kelt, wird in der N a- 178 t:
tu rphilosophie der folgenden j ahrh u nd er re nur un - 58 ERW IN ST RAUS , Vom Sin n der Sinne. Ein Beitrag zur

ter Mühen zugestanden; Vorau ssetzungen dafür G rundleg ung der Psych olo gie ( 19 3 5 ; Berlin/ G ön in-
gen/ Heidelberg 19 5 6 ) . 41 2 .
sind die Tr ennung von M etap hysik und Physik, di e
59 N IKO LAUS VON KUES , De docra ignoranria/ D ie be-
Untersch eidung des Kosmi sch en , Örtlichen und leh rt e Unwissenheit ( 144 0). lat .- dt .. hg. u. übers. v, P.
R äumlich en sow ie die Entwicklung der analyti- W ilp ert , Ud. 2 (H am b urg 1977). 12 f.
124 R aum

liegt der Mittelpunkt der Welt in Sonn ennäh e)?", bar viel en Sonnen au fgru nd der Unmö glichkeit
hält aber an der Annahme der Ku gelgestalt d er vo n de ssen em pirischer Erke n n ba rke ie ab. Trotz
Welt und d er Unbeweglichkeit d es Fixsternhim- Ga lileo G alileis teleskopisch er Ent de cku ng neu er
mel s als äuße rster Sphä re fest."! Vor allem abe r be - Ste rne und Plan et en bleibt Kepler bei seine r ß e-
grü nde t Gi ordano ßru no im italieni schen Di alo g hau ptung de r Einz igartigke it des So nn en system s.
Dc I'i,if/llito, uuivcrso et inondi ( HJIII 11I1('lIdlicl'CII All Obwohl er G alileis An nah m e vo n d en sich frei be-
und dCII KleltclI) 15 84 - unter Bezugnahme auf Ko- wegenden H inunelsk örp er n'" (an Stelle der fixen
per nikus un d verm utlich unter dem Eindru ck vo n Himmelssph ären) fo lgt u nd so zu r Erforschung d er
Lukrez' 141 7 wiede ren tdecktem Oe rerutn nalurü r- - elliptische n - Plan et en bahn en gelangt , bed eutet
di e Un endlichkeit des Alls in einer Mi schung aus di e Abl ösung d es geoz en trische n Weltbildes d urch
lo gisch en und m et aph ysisch en Ar gumenten . Sein e das heli o zentrisch e bei ihm no ch nicht d ie Preis-
Annahme der Unendlichkeit des Alls fo lgt aus sei- gabe d er homo zentrisch en Weltbetrachtung. Gali-
ne m Go ttesb egriff »se la poten za infinita attiua at- lei dage gen we ist 16 J2 im Oiah~l!" s"pra i due lIIas-
tua l'esser co rpo rale, er dim en sion ale; q ueste d eu e siini sistemi del 11101111" (D i'll"g über die beiden ltaupt-
necessari arn ent e essere infi nito : altri rn en te si d e- sachlichen Weltsystellle) der Erde nur eine n Platz
roga alla n at u ra et d ignitade d i chi pUD fare et d i u nter d en and ere n Planet en ZU . 64 N ach Au ffassu ng
chi pUD esse re fatto .« (We n n üb erhaup t das un end- vo n G osz to ny i ex istiere n ab da zwe i R aum be-
liche Vermögen ein kö rp erl ich es u nd räum liches gr iffe: de r endliche Ansch auun gs raum. den m an
Sein scha fft, so m uß letzter es auch no tw en dig un - m it der euklid ischen G eo metri e in Eink lang zu
en dlich sein : andernfalls wü rd e m an de r N at ur und bringen suc h t, und der ph ysikalisch eruierbare,
Wü rd igkeit dessen , der scha ffen kann, und dessen , m ath ematisierbare un endlich e Spekulation sramu. P
das gesc haffen we rde n kann , ni cht gerech t wer- In d er analytischen G eo me trie w ird der natürli ch e
den .) M it einem begren zt en All w ürde sich d er Anschauungsraum mit den abstrakt en Gr ößen in
un endliche Schö pfer zu Unrech t etwas »ermangeln Beziehung gese rzt.l"
lasse n « (sar re be d eficiente)62. Entscheidend e Veränd eru ngen in der R au m -
J o hann es Kepl er le hnt in seine r Lehre vo n der wa h rneh m u ng erge be n sich aber auc h aus realen
Welth ar m o nie i Harmoniccs nuindi, 16 I 9) die An - R au m ausgriffen : aus Colum bus' .Entdeckung-
na hm e ein es u nendlich en Universums m it un zah l- Am erikas 149 2 , d er Eröffnung d es See wegs vo m
Atlantik zum Pazifik d ur ch M agellan 1520 u nd an-
schließende n Weltumsegelu ngen, auc h vo n Ju an
60 N IK OLA US KO I'EIlN IK US, De Hypothesibus rn o tuu m Seba stian del Ca no ( 15 (9) und Franc is Drake
coelestiu m a se co nsritu tis co m m eu rario lus/ En tw u rf
( 1580) . Sch mi tz und Sio terd ijk erblicke n darin
seiner Gr undgedanke n über die Bewegu ngen am
Him mel, lat.vd r., übers. und erl. v. E R ossmann eine Umo ri entierung d er tradition ellen heilsge-
(D ar msta dr 1974), 10. sch ich tliche n Au srichtung nach O sten u nd die Er-
61 Vgl. GO SZ T O NY I (s. Anm . 37), 200. ö flilll ng eines richtungsin d iffer enten globalen
62 G IOIlO ANO BIl UNO , De l' infin iro, u nive rso er mondi -O rtsraums-?". D em Westen , in der patri stischen
( 1584), in: Gi ordano , O pere italian e, hg. v. E. C ano ne
Bibelexegese der östlic he n Figur de s Licht s noch
(Florenz 1999),647; dt .: Zwiegespräche vom unend-
lichen All und den Welten, hg . u. übers . v. L. Kuh len- als To tenreich gegen übergeste llt, "fi el die zivilisati-
beck (jen a ' (904), 8. o nsgeschich tlic h folgen schwe re R olle zu , de m
63 Vgl. G O SZ T O N YI (s. Anm. 37), 229. o rtsräu m lich-geo me trische n Vo rstellen d er Erde
64 Vgl. GAULEO G A U LE I, Dialogo sopra i due m assirni
und des R aum es üb erh au pt zu m Durchbru ch zu
siste mi del mondo ( t ö j z: Pordenone (992), 409 IT.;
dt. : Dialog über die beiden haup tsächlichen Weltsy- ve rhel fen . Mit den Aufbrü ch en in den Westen be-
steme [Auswahl], in: Galilei, Schrifte n. Briefe. Doku- gin nen Bew egun gen , di e ei nes Tages in gleichgü l-
mente, hg. u. üb ers. v. A. Mu dry, Bd. I (M ünche n tigem Verkehr nach allen Richtungen ende n w er-
19 87). 278 fT. de n .«68
65 Vgl. GO SZT O N YI (s. Anm . 37), 223 .
Ab d em 1 7. Jh. setzt sic h zun ehmend die T hese
66 Ebd., 235 f.
67 Vgl. SC HM ITZ (s. Anm . 4 1) , 440-4 52. einer vo n konkret en Körpern un abh än gigen, sub-
68 SLOTE IlD IJ K (s. Anm . 1 1), 834f. stant ielle n N atur des R aums durch . R ene D escar-
11. R aumgestaltun g und R aumbegri ffi n der N eu zeit ( 13.- 17. Jah rhundert) 125

tes unt ernimmt den fiir das neu zeitli ch e Denken R aumkonzep tion erneut einen Z witter aus th eo -
symp to ma tische n Spaga t, die th eoreti sch e Begrün- logisch en und ph ysikalisch en Annahmen dar. In
du ng des R aums mithilfe der geome trisc he n M e- seine n Philosophiac natu ralis principia math ematica
thode'" mit der vo n Go tt verlie he ne n D reidimen - (1686 ) sch ließt er vo n der M öglich keit des erste n
sio nalitat, Figürl ichkeit und Bewegung der Sub- Bewegungsgeset zes auf die N otwendigkeit ei nes
stanz in Einklang zu br inge n. Seine Sch ri ft absoluten R aums: »Spa ti u rn Absolutum, natu ra sua
Printipia philosophiae ( 1644) hebt mit de r Z urüc k- sine relario ne ad ex tern u m qu odvis, sem per mau et
weisu ng des gö ttliche n Unendlich en als Erke nnt- simi lare et im mo bile. « (Der abso lute R aum, seine r
nisgegens tand an, um die davon untersch ied en e N atur nac h o hne Beziehung zu irgendetw as Äu ße-
kö rp erli ch e Substanz mit dem R aum zu identifi- rem , bleibt imme r gleicha rtig und unbeweglich .)
ziere n: »R evera enim ex te nsio in lon gum, larum & Da sich dieser abso lute, als Wirku rsach e ge fo rde rte
profundum, gu ae spatiurn co nstitu it, eade rn plan e R aum der Ans ch auung entzie ht, w ird er durch ei-
est cum illa gu ae co nstitu it co rpus« (denn in Wahr- nen relativen , m etrisch en R aum ergänzt: »R elati-
heit ist die Ausdehnung in die Län ge, Breite und vurn est spatii hujus mensura , seu dim en sio qu aeli-
T iefe, welch e den Raum ausma cht, dieselbe mit bet mobilis, gua e a sensibus nostri s per siruni suum
der, welch e den Körper ausma cht). Unterschieden ad co rpo ra definitur, e t a vulgo pro spatio immobili
werd en beid e hinsi chtli ch der Q ualität der Aus- usurpatur.« (Ein relativer [Raum] ist fiir diesen
dehnung, insofern sie dem Körper als be sondere, Raum ei n M aß bzw, eine beli ebi ge bewegli che D i-
dem R aum aber als gattungsmaßige zuko m m t, m en sion, die von un seren Sinn en durch ih re Lage
»adeo ut , mutato co rpo re gu od spatiurn impl et, zu den Körpern bestimmr wird und vo n den ge-
non tarnen ex tensio spatii mutari censeatur, sed re- wöhnlichen Leuten anste lle des unbeweglich en
mauere un a & eade m « (sodaß m it dem Wech sel des R aums benutzt w ird .)75 Di ese D oppelfigu r aus ab-
ihn erfüllenden Körpers doch kein Wech sel in der solute m D enk raum un d relative m Ansch auungs-
Ausdeh nun g des R aumes ange no m me n wird; er raum, die unsere kon vent ion elle R aumvorstellung
gilt vielmeh r als ein und derselbe) ?", noch heu te beh err scht, wi rd 1706 in de n Opticks
Da die Tren nung der gö ttliche n -res cogitans- zude m zum -senso rium D ei, erhoben - eine Un-
von der ma terie llen Welt letztlich zur Elim inie- stim migkeit, die auc h im Stre it zwis chen Leibn iz
rung Gottes aus der Welt führt, setzt H enry M o re und C larke nicht ausgerä umt wird.
nun die materielle Au sdeh nung mit de m Geis t
selbst gleich und schließt vo n de m imaginären auf
den realen Status des R aums": Als une nd liche r, 69 Vgl. FRA N C O FA IIIN El Ll, Von der N atur der M o-
derne: eine Kr itik der karrh ographi sch en Vernunft,
ewiger, unges chaffener, einz iger, einfac her, unbe-
übe rs. v. A. Bodi sch /D, R eich en. in : D. Reich en
weg licher, u nk örp erl ich er, ex iste nznotwendiger (H g.), R äum lich es Denk en (Z ürich 1996 ), 267-3 02 ;
reiner Ak t erhält der R aum göttliche n Status.72 GO SZ T ON YI (s. Anm. 37) , 252 .
Baru ch de Spinoza führ t in seiner Ethica (1677) 70 REN E D ESCARTES, Pri n cipia phil osophiae ( 16 44), in:
diese Position insofern we iter, als er die un endlich e DES CA RTES, 13d . 10 (190 8), +5; dt. : Di e Prinzipi en
der Philosophi e, üb er s. v, A . Bu ch en eu (H amburg
Ausdehnung zum Attribut Gottes erklärt und das
19 55), 35 f.
R äumlich e mit dem Göttli ch en identifi ziert: »ex- 7 1 Vgl. II ENH Y MO llE, Enchir id ium metaph ysicum
tensio atrribut um Dei est, sive D eu s est res ex- ( 11)7 1). in : M o re, O pera o m nia , hg. v, S. H utin ,
ten sa«73. Bd. 2/ 1 (H ildesheim 1966), 163.
72 Vgl. WOLFGANG Il RE IDE RT, -R aum 11 ., in : RITTER,
Diese ideelle Substantialisieru ng des R äumli-
13d. 8 (1992). 86.
che n erfährt im em piristische n An satz vo n J ohn 73 IlA RU C H DE SI' INOZA , Erhica, lar-dr.. hg. u. übers . v.
Locke eine entsc he ide nde Kritik: R aumvorstellun- K. Blu m en sto ck (D arms tadt 1980), 16+ f.
ge n läßt er nur als Ableitungen aus Gesichts- und 7+ Vgl. LO C KE ( ESSA Y), 167.
Tasrwahm ehmungen an konkreten Körpern und 75 ISAA C NEWTON. Ph iloso ph iae naturalis p rincipia ma-
them arica (1686), in: Newton, O pera qu ae exi stant
deren Relationen gelt en ?" und nimmt damit 1110 -
om nia, hg. v, S. H orsley, Bd, 2 (Sru trgarr 196+),6; dr.:
derne psych ologisch -physiolo gisch e Erkenntnisse Di e M ath em atisch en Prinzipien der Ph ysik, hg. u .
vo rweg. Dem gegenüber stellt Isaac N ewtons übers. v. V. Sch üller (ß erlin / N ew York 1999),28.
126 R aum

Gottfried W ilhelm Leib ni z kritisiert den Ansatz Bewegung setze zude m den absolu te n R aum ni ch t
N ewtons im Briefw ech sel m it Sam uel C larke, der voraus: »the philo sophic co nside rario n of motion
d en R aum als »Pro perry, o r a co nseq ue nce o f the doth not imply the bein g of an absolute space«HO.
Existe nce o f a B ein g infin ite and ete r na l«?" sie h t, Au ch aus theo lo gisch en Gründe n leh n t Berkeley
als Blasph emie: Ein abso luter R aum, verstande n als die Exis te nz ei nes abso luten R aums als etwas vo n
-Senso riu m Gottes -, setze eine n körperli ch en , ab- G ott Versch ied en es ab.
hän gigen und nic h t allmäch tige n Go tt vo raus. Ein
R aum, de r ne ben Gott existiere, könne w ed er
3. R aiunkodicmnge« im jrallziisisc!lCII Theater
su bstant iell no ch ein abso lut es Seiendes sein . »Mais
si l' espace n' est autre chose q ue ce t o rd re [d. h . di e Perspektivische R au m vertiefu ngen w erd en abe r
Ordnung der Kö rper un terei na nder - d. Verf.] ou auc h , wie Fri edr ich Kittl er zeigt, durch m edi en -
rapp o rt, et n' est rien d u tout sans les corps, qu e la technisch e Inn ovation en wi e die C ame ra o bscura
possibilite d'en m ettre: ces deux etats, l'u n tel qu 'il verbreitet und find en ihre Fortsetzu ng in den ba-
est, l'autre su ppose a rebo urs, ne differ eroient point roc ke n Kirchen baut en und Theatern, die eine n
entre eux: leur differ ence ne se trou ve qu e da ns w ied erum d er Laterna m ag ica vergleichbaren Illu-
not re su ppos itio n chimeriq ue de la realire de sio nism us des Gesc he he ns anstreben: »die J esuiten-
l'espace en luy m em e.«?? Für Leibniz ist der R aum b ü hne und d ie m it ihr verwandte italienische
eine Folge der gö ttliche n Sc höpfung: »S' il n'y avo it Opern bühne [h ab e n J fü r alle T heaterneubaute n
poi nt de crea tures , il n'y au ro it ny temps ny lieu : er d es Baro ck, anders gesagt des Abso luti sm us, M o-
par co nse q ue n t po int d ' espace ac tue l«; gleichwohl d ell ges tande n .[. . .[. Ers t dam it w urde n Bühnen zu
ist er nur »q uelq ue ch ose d 'ideal«?", »certa ins o rdres G uck kästen , wi e w ir sie no ch heute kennen [.. . 1.
des choses« , »cet o rdre qui fait que les co rps sont si- Di e Perspekt ive [. .. ] schlug mit einem M al in All-
tu ab les, er par lesquel ils ont u ne situa tio n entre tag ode r do ch Allaben d um. [. .. ] Es gab perspekt i-
eux en exis tan t ense m ble- ?": R au m als R elatio ns- visch ge ma lte Ku lissen , d ie d en inn en architekto-
begri ff genüge für di e Bestimmung d es physikali- nisch du rch konstruierte n Inn en raum kontinuier-
sche n R au ms, der fre ilich erst beschrieb en we rden lich fortserzten .e"'
könne, we nn ih m ei n m ath emati sch beherrsc hba- Die französisc he n Po et iken des 17. J h . erörtern
rer zugrunde ge leg t we rde: Infinitesim ale Stetig- in Anl ehnu ng an AristoteIes neben den Fragen de r
keit sei die Grundlage des dynam ischen Kon ti- Einheit vo n Z eit u nd H andlu ng d es D ram as auc h
nu u ms. di e des Ortes, w ie sie in Ar istot eles' Po etik nich t
Bisch o f George Berkeley g reift in A Trcatise (011- zu find en ist, vor allem im H inblick auf die Ge bo te
CCWill,1! thc Printiplcs ,1 Hu man Kll olI'lc~l!c ( 17 ( 0 ) der -vraisem blance- und der höfischen -bienseance- .
ebe nfa lls d en abso lute n R aum N ewtons aufgru nd Parallel zur W ir kun gsabsicht der Zen tralperspek -
seine r U nvorste llbarke lt an : »We can no t eve n tive formulier en sie Kriteri en fiir die ,Wah rschein-
fra me th e idea of pI/re spacc«; di e Betrach tung der liehkein d er Fiktio n, d ie d er N ach ahmung de n
An stri ch des Authentisch en u nd Wah ren verleihen
soll. Fra nccis H ed el in Abbe d 'Aubign ac vergleich t
76 SAMUEL C LA RK E, [D ritte Entgegnung], in: Go rtfried in sei ne r Pratique du thrafrC( 1657) Ep os un d Drama
Wilhelm Leibniz, Die philosophischen Schriften, hg. im H inblick auf ihre R aumgestaltung: Wä h rend
v, C. I. Gerhardt, Ud . 7 (Berlin 1890), 368. das Epos mit den Ö rtlic h ke ite n freier umgehen
77 LElßNIZ , [Drittes Schreiben an Cla rke ], in: ebd. , 364. könne, da di eses nur aus -E rzählungen , besteh e,
78 LElIlN IZ, [Fünftes Schreiben an Clarke], in: ebd ., 41 S.
79 LEl Il N IZ , [Viert es Schreiben an C larke], in: ebd., 374, m üsse im D ram a, das auf H andlun gen basiere, ein
376. rea listischer Ort gescha ffe n wer den: »Ce tte regle
80 A Treatise co ncern ing the Prin -
GHlR GE ß ER KEL EY , de l' unite du lieu co m me nce m ainten ant a passer
ciples of Human Knowledge (17 10), in: Berkeley, pour ce rraine [... ]. Q uant aux savants, ils en sont
Th e Works , hg. v. A. A. Luce/ T. E. Jessop (London /
plein ernent persuad ez, parce qu 'i ls vo ient claire-
Edinburgh 1949),93.
81 FIUEDRI CH KITTlER, Optische M edien (Berlin 2002) , m en t qu e la Vraisemblan ce ne se peut conserver
10 7. autre rnen t I...]. Cette veri te bien ente ndue nous
11. R aumgestaltung und R aumbegriff in der N eu zeit (13 .-17. Jah rhundert) 127

fait co n no itre qu e le lieu ne pellt pas cha nger dans wohl for de rt er eine der Illusion angepaß tere, be-
la suite du Poem e, puis qu 'il ne cha ng e point dan s wegliche Bühn e: »Ah , si nous avio ns des th efitres
la suite de la representation : car une seule Image o u la decoration cha ngefit toutes les fo is qu e le lieu
demeurant en rnem e etat ne peut pas representer de la sce ne d oit cha nger [. .. ]. Le spec tate u r sui vrait
deu x choses differentes. [. . . ] Or il n 'est pas moins sans peine tout le mou vement d'une piece, La re-
contraire ala vraisemblanc e, qu 'un m ern e espa ce et pr esentation en devi endrait plus variee, plu s inte-
un mein e so l qui ne recoivent auc un change m ent, ressan te et plu s clair e [. . .]. On ne verrait point une
rep resentent au mern e ternps deu x lieux differ en s, assem blee de sena te urs succede r a un e assern blee
par exe m ple la France et le Dannem arc. [. .. 1 Qu 'il de co nj ures, a m oins que la sce ne ne fin assez eren-
dem eure donc pour co nsrant qu e le Lieu , ou le du e pour qu 'on y distingu ät de s espaces fort diffe-
prerni er Act eur qui fait I'ouvertur e du thefitre est rents-'" . Sch on im H inblick auf G laubwü rdi gk eit
sup pose, doit etre le m erne j usqu ' ä la fin de la piece sind di e R egeln flexibel anzu passen: »Si j 'ai ren-
et qu e ce lieu ne pouvant so uffrir aucun ch ange- ferme to ute l'acrio n dan s un lieu , c'est que j e le
ment en sa nature, il n ' en peut ad me ttre aucun en pou vais sans ge ne r la co nd uite de la pie ce, et sans
la represenr ation. e'S D 'Aubignac schlägt gleich- öter de la vraisem blance au x ev ene me nts.« (88) . In
wohl offen e Bühnenräume vo r, m öglich st unbe- j ed em Fall sollen an di e Stelle üb errasch ender
stim m te Orte, dami t sich dort m ö glich st ver schie- >cou ps de the ätr e . psych olo gisch nachvollziehbare,
den e H and lun gen wide rspruc hsfrei entfalte n kö n- au s den Per son en heraus entwickelte, -nat ürliche-
nen. und -wahre- Bilde r treten , di e fiir um so au thent i-
Pierre Corneille fordert di e Beachtun g der Ein- scher geh alten werd en , j e m eh r sie der M aler ei
heit vo n Zeit und Ort dage gen aus Rü ck sich t auf gleiche n. Bei der Evaluation der verschiede nen
>Wah rheit< und .N o rwendigkei«, geg enü ber wel- dramatisch en Ga tt u nge n em pfiehlt Diderot
che n das Krit erium der >Wahrscheinlichkeit< zu schließl ich die Konzentrati on auf das >genr e se-
vernachlässige n sei: »L' obeissance qu e nous devon s ri eux ., da es relativ ortsunabhän gig sei: »Si le ge nre
aux regles de l'unite de jour et de lieu nous dis- seri eux est le plus facile de tous, c'est en revan che
pen se alo rs du vraisem blable, bien qu' elle ne nou s le m oins suje t aux vicissitudes des temps et des
permette pas l'impossiblee'P, Unter Verweis darauf, lieu x .« (131) Endgültig ver abschi ed et Vict or Hugo
daß für die Einheit des Ortes bei Ari stoteIes und in seiner Vorr ed e zur erste n Ausgabe vo n Les
H oraz kein e Vorschriften anz utreffen seie n, plä- O rientales (1829) di e G eb ote trad iti on eller Po etik
diert er für ein erweitertes O rtsverständnis: »] e und fordert - nicht zufällig in R aumbildern - Fre i-
souhaite rais, pour ne point ge ne r du to ut le spec ta- heit für die »cap rices « des Di chter s, denn di eser »ne
teur, [.. .] qu e ce qu 'on lui fair voir sur un th efitre savait pas en quoi etaie nt faites les litnites de l'art,
qui ne cha nge point, p üt s'a rre te r dan s un e charn - qu e de geographie pr ecise du m onde intellectuel il
bre ou dans un e salle, suivant le ch o ix qu 'o n en au- n ' en co nnaissait point, qu ' il n'a vait point enco re
rait fait; mais so uve nt cela est si mal aise, pour ne vu de cartes rourieres de l' art, avec les fronti er es du
pas dir e im possible, q u' il faut de necessite trouver po ssible et de l'i m possible«: »L'espace et le ternps
qu elque elarg isseme n r pour le lieu .« Für gew isse
Suje ts schlägt er die Einfüh rung eines nam enlosen
»lieu gene ral-'" als Behälter fiir verschiedene ko n-
kret e Orte vor.
8 2 FRAN <;:OIS H ED ELI N ABUE D 'AUB IGNA C, La Prat iqu e
Und noch D eni s Diderot hält in den Entretiens
du the ärre ( 16 5 7) , hg. v. H .-J. Neuschäfer (M ünchen
sur le fi ls nature! von 1757 an der Regel der drei 19 7 1 ) ,86f.
Einheit en des Th eat ers fest: »[e serais fache d'av o ir 83 PIE RRE CO RN EILLE, Discou rs de la Tragedie ( 16 6 0 ) .
pri s quelqu e licence co nt raire ces principes ge ne-
ä
in: Corne ille, Th eärre complet, Bd, 1 (Paris 19 9 3) .
raux de l'unite de temps et de l' uni te d' action. Et 49 ·
84 CORNEILLE, Discours des Trois U nires ( 1660). in:
j e pense qu' on ne peut etre trop sev ere sur l'u ni te eb d., 6(jf., 68 .
de lieu . Sans cette unit e, la co nd uite d' un e pi ece 8 5 D ENI S DID ERO T. En tre riens sur le fils nature! ( 1757) ,
est presque to ujours ernbarrassee, lou ch e.« G leich- in: D IDEROT (VA RLOOT) . 13d. 10 ( 1980 ) . 86f.
12 8 R aum

so n t au po ete . Que le po et e donc aille o u il ve u t, lung davon m ach en, daß kein R aum sei, ob man
en faisan t ce q u i lui plair ; c'est Ja lo i.«86 sich gleic h ganz w o h l denk en ka n n, daß keine Ge-
ge nstände dari n angetroffe n we rde n . Er wi rd also
als di e Ued ingun g der M öglich keit der Erschei-
nun gen , und nicht als ei ne vo n ihn en ab hä ngen de
III. Erk enntnistheoretisch e und Bestimmu ng angeseh en, und ist eine Vorstellung a
po etologisch-philosophisch e N eudimen - p rio ri , di e no tw endiger Weise äußere n Ersc he i-
sio nieru ngen (18.- 19 . Jahrhundert) nu ngen zu m G ru nd e lie gt .« (72) In diesem Sin n
w eist Kant auc h zur üc k, daß m an den R au m als
»Verhältn is d er D inge- konzip ier en könn e: er sei
1. Tiansze ndentalisicrter A nschauungsraum »reine Ansch auung«. D azu ge h ö rt, daß man sic h
Inu n an u el Kant b eantw ortet den Stre it zw isch en nur »eine n einigen R aurn« vo rste llen kö n ne ; alle
den ph ilo sophisch en Em p iris te n und Id ealisten m it vo rgestellte n R äume sind nur »Teile eines und des-
d er Tra nsze nden talisieru ng de s R aums (u nd der selbe n allei n igen R aumes« und kö n nen nur »in ihm
Zeit). In der Kritik da reinen Vertllll!{t (178 1) geh t ge dac h t w erden«: »Er ist w esen tlich ein ig, das
er davo n aus, daß d ie Erkenntnis vo n Gegenstän- M an ni gfalti ge in ihm, mith in auc h der allge meine
den üb er An sch au un g vermi tt el t ist als di e Art un d Beg riff vo n R äum en überhaupt, beru ht led iglich
W eise, wi e uns Gegens tände sin n lich gegebe n sin d ; auf Einsc hrä n ku ngen. H ieraus fo lgt, daß in An se-
di e sin n lic he G egeb enheit der Gegens tän de b eru ht h un g seiner eine Ansch auun g a p rio ri (die nicht
auf d er »R ez eptivitat uns er es Gemüts, Vorste llu n gen em p ir isch ist) a lle n Begriffen vo n demselben zu m
zu em pfa ngen, so fern es au f irge nd eine Weise af- G ru n de licg),« (73) In d er »T ranszenden talen Erö r-
fiziert wi rd«87. R au m un d Z eit eigne t in sofern ein terun g d es Begr iffs vo m R aum e« explizie rt Kan t
besonder er Status, als sie keine em p ir ische n Be- di ese Ansch au un g a pr iori als die »Fo r rn des äuße-
griffe sin d und ni cht vo n d er äußere n Er fahrun g ren Sin nes «, als di e »fo r rn ale Beschaflenh eit« de r
abg ele ite t werde n kö n ne n; Kan t spr ic ht ihnen den Subj ekte, vo n Objekten affizie rt zu werd en un d
Status ap rio risc her Uegr iffe zu : »D en n dam it ge- ein e »u n m itrelbare Vorstellun g« (74) vo n ihnen zu
w isse Em p find u ngen auf etwas au ße r m ich b ezo - erhalte n. Er nennt d en R au m mi thin auc h »d ie
ge n w erden (d . i. auf etw as in e ine m andern Orte subjektive Bed in gung der Sin nlich keit, unter der
d es R aums, als da ri nn en ich mi ch befin de), im glei- allein u ns äu ße re Ansch au un g m ö glich ist« (75).
ch en dam it ich sie als außer und neben einan der, Z u d iese r su bj ektiven Bedingun g d er Sin nlichkei t
mithin ni cht b lo ß versch ieden, so nde rn als in ver- ge hört, daß un s di e Dinge »ne be ne inan de r« im
schieden en Orten vorstell en könne, dazu muß die Raum ersche in en : »U nsere Erö rteru ngen leh ren
Vorstellung des R aum es sch o n zum Grunde lie- demnach di e Realität (d . i. di e o bjektive G ü ltigke it)
gen. D em nac h ka n n di e Vorstellung des R aumes des R aumes in An sehung alles dessen , was auße r-
ni cht aus d en Verh ältn issen d er äu ß ern Ersch ei- lieh als G egenstan d un s vo rko m m en ka n n , ab er zu -
nung d ur ch Erfahrung erb orgt sein , so nd ern diese gleic h d ie ldcalitat de s R aums in An sehung der
äu ßere Erfahru ng ist selbst n ur durch ge dac h te Dinge, w en n sie durch die Vernu nft an sic h selbst
Vo rstellung allere rst m öglich .« Und er schluß fol- erwogen wer d en , d . i. o h ne Rü cksich t au f die Be-
ge rt: »D er R au m ist eine notw endige Vo rstellung , schaffen he it unserer Sinnlich keit zu neh m en.« (76)
a pr io ri, di e allen äußere n A nsch auu ngen zu m Und o bwoh l der R au m kein e »Fo rrn d er Dinge
Gru nd e liegt. M an kan n sic h ni em als eine Vorstel- sei, di e ih n en etwa an sich selbst eige n wäre« und
u ns die »G egenstan de an sic h« unbekannt sin d und
obwo h l d ie G egens tände »n ich ts ande res als blo ße
Vo rste llu ngen unserer Sinn lichk ei t» seie n, »d eren
81i VICTOR H UGO , Les Orientales ( 18 29) , in: H ugo, Form d er R aum ist« (78), ist der R aum nicht nur
CEuvres po etiques, hg. v. I ~ Alboy, 13d. I (Paris 191i4),
die Form der An sch auung der Gegenständ e, so n-
57 8 , 577·
87 IMMAN UEL KANT , Kritik der reinen Vernu nft ( 17 8 1), dern selbst Ansch aul ich es: »m ir der Bestim m u ng
in: KANT ( W A) , 13d. 3 (IY 74), Y7 . der Ein heit d ieses M annigfalti gen in ihn en a pri ori
11 I. Erken ntnistheore tische und poet o lo gisch -philosophische N eudimen sionier ung en 129

vo rgeste llt« ( 154) . R aum wird - wi e d ie Zeit - da- w ie sie im R aume ex istie re n, auszudriicke n« ( 109).
mit zur »u rsp rtinglic he n synt hetische n Ein hei t d er Er hält di e Di chtung gleic hwohl nicht für das an-
Ap perz eption « (138) erk lärt . O h ne sie wäre kein e ge messene M edium zur Wi ed er gabe komplexer
sin nliche Erfahr ung vo n G egenständen und damit R aum ko m positio nen . da das Ohr au f di ese Weise
keine Wi ssen sch aft der G eometrie m ö glich . D ie in kein en Gesa m tei ndru ck erhält. Di e no twe ndige
der Ann ahm e dieses Ei n heitsg ru nds gegebe ne po eti sch e Illusio n kann nicht ents te he n, »weil das
ähe Kants zu N ew ton w ird denn auc h vo n D ag- Koexistier ende des Körper s m it dem Konsekuti ven
ma r R eichert kritisiert, di e in Kant s Kritik en N ew- de r R ede dab ei in Kolli sion kommt, und in de m je-
tons un endlich großen Contai ne r fortleb en siehr' ", nes in dieses aufg elöse t w ir d, un s di e Z er glied e-
sowie vo n Franeo Far ine lli, fiir den Kants Kritik der rung des G an zen in seine Teile zwa r erleic hte rt,
reinen Vcrr /lll!fi n ur d ie Proj ekti on des ptol em äi- abe r di e end liche W ied er zu sam men setzung dieser
schen Weltbilds in di e Ebene ist: »D er pto lem äi- Tei le in das Gan ze un gemein schwer, und nicht
sche Pu nkt G ist nichts ande res als di e reine Ver- selte n unm ö glich ge mac ht w ird « (113).
nunjt, und Kants erste Kritik die karrho gr ap hische D ie An näh eru ng an die N ach barkunst kann nur
Besch reibung der Projektion -!". ged ulde t werden , wen n der M aler di e zwe i Z ei t-
m omen te so sehr e inande r ann äher t, daß sie w ie
einer ersche ine n, und wenn der Di chter »d ie m eh-
2. Poctologischc IIl1d philosophisch-ästhetische
rern Züge rür die verschiednen Teile und Eigen-
Raunisvstematisierunoen
scha fte n im R aum e in eine r solche n ged rängte n
In Lessings Laoeoo« oder iiber die Creuecn der Malerei Kür ze so schnell aufeina nde r [fo lge n läßt -
und Poesie ( 1766) fun giert der R au m erstma lig als d . Verf J, daß wir sie alle au f e inma l zu hören glau-
Kategorie zur U nt ersch eid ung vo n Kunstgartun- ben « ( 118). Da s po eti sch e G em älde vo n Achi lles'
gen, hier der bildend en Ku nst vo n der Di chtung: Sch ild in H o me rs llias ist dadurch ge rec htfert igt,
»Wen n es wahr ist, daß di e M alerei zu ih ren N ach - daß H orn er di eses nicht im visue llen Gesa mtei n-
ahm ungen ganz andere Mi ttel , o de r Zeiche n ge- d ruc k wi ed ergibt, so ndern es im Pro zeß seine r
brauchet, als di e Poesie; jene nämli ch Figuren und Fertigstellun g nachzei chnet : »H o rner m alet näm -
Farben in dem R aume, diese abe r art ikulierte lich das Schild nicht als ein fert iges vo llende tes ,
T ö ne in der Z eit. [. . . J Ge ge nstände, d ie neben so nde rn als ein we rde ndes Schi ld. Er hat also auc h
einander ode r de ren Teile neben eina nde r ex istie- hier sic h des gepriese ne n Kunstg riffes bedi enet , das
ren, heißen Kö rp er. Fo lglich sind Körper m it ih- Ko existierende seines Vorwurfs in ein Ko nsekuti-
ren sichtbare n Eigenschafte n, di e eige ntliche n G e- ves zu verw andeln , und dadurch aus der lan gweili-
genstände der M alerei. Gegenstände , die auf einan- ge n M aler ei eines Körpers, das lebend ige G emälde
der, ode r deren Teile auf eina nde r fo lgen , heißen ei ner H andlu ng zu m ach en . W ir seh en nic ht das
übe rha upt H an dlun gen. Folglich sind H andlungen Schi ld, sondern den gö ttliche n M eister , w ie er das
der eigentliche G ege nstand der Poesie«?", W äh rend Schi ld verferti gt - ( 120).
die M alerei Schnitte im Kontinuum der H andlu ng Legt Lessing e inerseits die Grenzen der Ku nst -
vo rnehme n und Augenblick e für ihre »koexistic- gatt unge n fest, so führt er andere rse its in Anl eh -
renden Komposition en « wähl en muß, kann d ie nun g an Diderot das T heat er aus der klassisch -fran -
Poesie in ih re n "fo rtsch reitenden N ach ahm un gen zösischen Kon vention her aus. In Weiterführung
n ur eine einzige Eige nscha ft der Körper nutzen « dessen erklärt der j un ge Goethe 1771 in seine r
(103) . In H o rn ers Beschreibung des Schilds des
AchilIes sie ht Lessing allerd ings ein Beispiel dafü r
gegebe n. w ie »weitläuftig und do ch poet isch -
Di cht un g räum lich N eb en e inand ergeo rdn etes be- 88 Vgl. D AGMA R REI C n ERT , R äuml iches D enk en - Ein-
schreibe n kann . »Aber, wird m an einwe nden, di e leit un g, in: R eich ert (s. Anm . 69), 1- 14.
89 FA RINELlI (s. Anm . 69), ~82.
Z eich en der Poesie sind nich t blo ß auf einander
90 GOTT IlOLD EI' Il RA I M LESSIN G , Laokoon oder übe r
fo lgend , sie sind auc h willkür lich ; und als wi llkür- die Grenze n der Malerei und Poesie ( 1766), in: LES-
liche Z eich en sind sie allerdings fähig, Körper , so SING (G Ö I' FERT) , Ud. 6 ( 19 7 4), IO~f.
130 R au m

R ed e Z UI/I Schakespcars Ta,!! die R egel der dr ei Ein- nach Pluralisierung und Verunendlichu ng des dra-
heit en für überholt: »Ich zwe ifelte kein en Au gen- m atischen u nd ro ma nha fte n R aums.
blick dem regelm äßigen T hea ter zu entsagen . Es So rela tiv iert der Frü hromantiker A. W. Schlegel
schien mir die Einheit des Orts so ke rckerm äsig in seinen VtJrlesuugel/ iiber philosophische Kunstlehre
ängstlich, die Einheit der H andlu ng und der Zeit (1798- 1799) ebenfalls di e R egel der drei Einhei-
lästige Fesseln unsrer Einbildungskraffi.e"' Schiller ten: »D ie sche inbare Stetigkeit der Zeit und der
sprich t noch in einem Brief an Goethe vom 5· 5. unveränderte Schauplatz wurden der griechi schen
1797 vom »schlech ten Z ustand in den er [Ari sto- Tragödie tei ls d urch ihre Lokalverhältni sse und
teles - d . Verf.] di e französischen Auslege r und technische Ökono m ie er leichtert, teils soga r Ab-
Po et en und Critiker versetzt hat «92 und hält die of- we ich u nge n davo n ersc hwert. Beid es aber war kei-
fene re R aumgestaltun g d er Shakespeare-B üh ne neswegs ein so un verbrü chli ch es Gese tz, daß nich t
dagege n. In di esem Sinn erklärt R oberr Z im me r- ihre besten Tragike r um höh er er Vorteile wi llen es
m an n 18 5 593 d ie freiere Ko mp osition der engli- ü be rtreten hätt en . [.. .) Di e Theater waren außer-
schen und spanische n Dramen aus ihrem Ursprung o rde ntlic h groß, u nd die Griech en konnten seh r
in mittelalterlichen M ysterien : »D ie Einheit von viel dara uf vors telle n, was wir auf un sern kleinen
Ort und Z eit ist, wie im span ischen , im englischen Theatern gar nicht kö nnen. Die Griech en konn-
Drama unbekannt, der leitende Faden, der das ten das Theater verändern , abe r da sie am Tage
Ganze verknüpft, liegt im In nern der Handlung, spielten , wo der T äusch ung Abbruch geschieht, ta-
ni cht im Äußeren de s Schauplatze s [... ). Es waren ten sie es nicht häufig. [. . .) Di e Franzosen haben
die Bretter, welche die >Welt< bedeute ten, u nd im mer ei ne mißverstandene Einhei t der Zeit und
Shak espeere der Riese, auf desse n Nacke n sie des O rts affek tie rt,«'J4 Darüber hina us fordern er
ruh te«. und sein Bruder Fried ric h Schlegel die Aufhebung
In Weiterfiihrung des Goethesc he n Impulses de r Ga tt ungsgre nze n in nerh alb d er bildenden
und der literarischen Bewegu ng de s -Sturm u nd Kunsr'" un d d ie Erweiteru ng des poetischen
Drang . brechen vor allem die Frühromantiker d ie R au ms ins Unendliche. Im Begriff der »progressi-
R au m ko nvent io nen de s Dramas wi e der epischen ven Universalpo esie« möchte die ser nicht nur Phi-
Formen au f; in ihren spekulativen H ö henflügen loso phie. Rh et o r ik und Kritik mit Poesie im lite-
rufen sie nach Vermischung der Gattungen und rari schen Gesamtkunstwerk vere ine n, so nde rn das
Leben in den unendlichen R aum »ro rnan tischer
D ichta rt «?" verwandeln.
Nova lis fordert 1797 seinerseits, den »prosai-
YI J OHANN WOLFGANG GOETIIE, Z um Schäke spears
sche n« R aum d er Kö rperw elt als »A nfangspo em«
Ta g (entst, 177 1, ersc h. 185 +). in : GOETHE (WA). Abt .
I , Bd, 37 ( 1896) , 13 1. in das »Endpo em« d es »gebild eten R aums-"? zu
92 fll lEDlli CH SCHILl EIl an G oethe (5. 5. (797 ). in : überfü h ren. W ie Ludw ig Tieck u nd später E. T. A.
SCHILLElI, Bd. 29 ( lyn), 72. H o ffin an n möchte er die Ku nst durch erweiterte
9 3 Vgl . ROBEllT ZIMMEllMANN, Über da s T rag ische In nen rä um e beleben: »D ie Fantasie setzt di e künf-
und d ie Tragödie. Vorl esungen gehalte n zu Prag im
tige Welt entweder in die H ö he, o der in di e Tiefe,
Frühjahre 1855 (Wi en (856), 181.
9 + AUGUST WILIIELM SCHLEGEL , Vo rlesungen üb er oder in der Metempsychose zu uns. Wir träumen
philosoph isch e Kunstlehre (1798- 1799), in : A . W. von R eisen durch das Weltall - Ist denn das Welt all
Sch leg el, Kritisch e Au sgab e der Vorl esungen, hg . v. nicht in I/IlS? Die Ti efen un sers Geistes kennen wir
E. Behl er /F. ] oll es, Bd . 1 (pad erborn u . a. 1989) , yo f.
nicht - N ach In nen geht der geheim nißv o lle Weg .
95 Vgl. FlllEDlllClI SCHI.EGEL, N achtrag iralianischer
Gemäld e ( 1803), in : SClILEGEL (KI'SA). Bd . + (1959). In u ns, o de r nirge nds ist die Ewigkeit mit ihren
72 . Welt en «'" . C leme ns Brentan o läß t in seinem R o -
y6 F. SCHI.EGEl., A th enä ums-Fragment 116 ( 1798), in : m an Godun oder Das steinerne Bild der M utter (180 1)
SCHLEGE L (KFSA). Bd . 2 ( 1967) . 182f. d ieses als m ediales »Perspectiv« be stimmen: »D ie
97 NOVALIS, D as Allgemeine Brouillon (1798II7Y9),
Gestalt selbs t dü rfe keine Ge stalt haben, so nde rn ist
in : NOVAI.lS, Bd . 3 (' l y60) , 304.
98 NOVALIS, Bl üth en staub ( 17y 8), in: NOVALIS. Bd . 2 nur das be stimmte Aufh ören eines au s eine m
(' ly60), +17f Punkt nach allen Seiten gleichmäßig hervordrin-
III . Erkenntnistheoreti sch e und poetologisch-philosophisch e N eudim en sionierungen 13 1

ge nde n Gedankens.«?" Entspre ch end verleih t Au sbr eitung, ja sie ist ge nötigt d ie Sc hö n hei t d es
Friedrich Schl eier m ach er der Religion »Sin n und Weltalls fast auf Eine m Punkt zu ze ige n .vl'" W äh-
Gesch mak fürs Un endl iche«I lKI. rend zur Plastik d ie Tr ennung vo m umgeb enden
Ernst Blo ch erke n nt in d er literarischen Per- R au m u nd d ie Id ealisieru ng eines R aumpunkts
spe ktivieru ng des un endlichen R aums das Spezifi- ge hö re, könne »die Malerei im Umfan g scho n
kum der romantischen Lite rat ur : »[ ean Pau l r...], m eh r m it der Welt sich mes sen u nd in epischer
auß erha lb seines Eidy llio ns von dau ern d en, bald A usbreitung di chten . In ei ner Bias findet auch ein
unterirdis chen, bald weit sich dehnenden W unsc h- T hersi tes R au m , und wa s findet ni cht alles in dem
per spekriven , Wandelpanoramen I...], zeigt in fast gro ße n H elde nged ich t d er Natur und der G e-
allen seinen Land schaften den D oppelschein aus schich te Platz.« (598) Allerdings w ürde eine solche
N acht und O sten [.. . ]. Seine Ferne ist di e unein- epische Viel falt zur »natu rwid r igsren Eint öni gk eit-
gesc h ränkreste aller bekannten I...]. Na chtgrauen. führen , weswegen Sch elli ng m alerisch e D arstellun-
Ruin e, Tarta ru s sind die Wunschl änder der negati- gen bevorzugt , in denen ein .,enger R aurn « vo rge-
ven Unendlichkeit, als Lethe der Verfremdun ge'?' . ge be n w ird , »de r alles Sch öne co ncent risch ver-
»M o rgen- wi e Abendrot werden zur Farbe ein er sammelt« (599) .
Perspektive, die weit üb er d ie Kreis linie des H o ri- G. WE HegeI führt in seinen 1818- 1826 gehal-
zonts reiche n wi ll [. .. 1. Das ist randloser Kosm os« tenen Vo rlcSllugCII über die ASfhctik seine Vorste llu ng
(945) . Hölde rlin dagegen ar tiku liert d ie problema- ein es sich m ittels tem po rärer R au m realisieru ngen
tisch e Kehrseite der Kautischen Tran szendenrali - suk zessive vervollkommnenden ge istige n Total-
sierung : »ln der äußerste n Grenze d es Leid ens be- raums vo r: -A n sic h, dem Begr iffe nach , gehört
ste he t nämli ch ni chts m ehr, als die Bedingungen zwa r die Ge samtheit di eser neu en Wirklichkeit der
der Z eit o der des R aums.«\lI2 H einrich vo n Kleists Kunst zu einer Totalität; indem es abe r das Bereich
Trau er spiel Pentliesilea vo n 180 8 biet et eine di e der sinnliche n G egenwart ist, in w elchem di eselb e
klassisch e Raumno rm spre nge nde Abfolge von sich real w ird, so löst sic h j et zt das Id eal in seine
-A ufir irte n . an we ch selnden Orten und eine Dra- Momente auf und gib t ihnen e in fiir sic h selbstän-
maturgie d es sich verzeitlichenden R au ms, der die dig es Best ehen , obschon sie zueinander treten, sich
Verort ung der Pro tagon isten im Rhythmus sich w esen tlic h aufeinander bezieh en und w echselseit ig
überstürzende r Ha nd lung auflöst. ergänzen können. D ie rea le Ku nstwelt ist das Sy-
E W. J. Schelling th eoreti siert in seiner Philoso- stem der einreinen Kiinstc.«105 In di esem System,
phie der KUlISt ( 18021 1803) in gewisser Wei se die se
Auflösun g, insofern er die verschi ed enen Künste
99 Vgl. C lEJ\lE NS BIl ENTAN O , Godwi oder Das stei-
in eine m un endlich en R aum d er Indifferenz auf-
nerne Bild der M utt er ( 180 1), in : Brenrano, Werk e,
geh en läßt. 1ll3 Gleich wohl unter scheidet er die an- hg. v. E Kemp, Ud. 2 (Mü nchen 1963), 258 .
tik e Kunst als »Ein heit des Univer sums mit dem 100 FRIED Il I C Ii SC lilEIE Il J\lA C IIE R, Ü ber die R eligion .
Endlich en- vo n der m odernen Kunst als »Einheit R ed en an die Ge bilde ten unter ihr en Verächtern
des Endli chen mit d em Unendlichen- (280) u nd (1799), in : S C II I.EIE IlMA C IIEIl, Abt . I , Ud. 2 ( 1984),
2 12 .
skizziert deren Au fstieg vo m »Beso nderen r...]
101 IIl0 C II (s. Anm . 47), 943 .
zu m Allgemeinen , U niverse llen« als Id eal sim ulta- 102 FIlI ED IlI CII II Ö l D Ell l.I N , Anmerkungen zum Oe di-
ner R äumlich keit: »D ie For deru ng der Abso lu rheit plIS ( 1804), in : Hölderlin , Sämtl ich e Werk e [Kleine
in Ansehung der letzten Art d er Mytho logie wäre Sruttgarter Au sgabe], hg. v. E Beißn er, Ud. 5 (Stutr-
gart 1954),220.
die d er Verwandlung des N ach einander ihrer gött-
103 Vgl. FIl IED Il I C H W I I. HEL M J O SEPH SC HEl l.ING, Ph i-
lich en Erscheinung in ein Zumal.« (284 f.) losoph ie de r Ku nst ( 1802/ (803), in : Sch elling, Au s-
In Über das Vcrluiltnis der bildenden K ünste z u der gewählte Sc hr ifien, hg. v. M . Frank, Ud . 2 (Frank-
'atur ( 180 7) skizziert er ein e H ierarchie der furt a, M . 19 85), 281.
Kun stgattungen nach R au m k riterien : »D ie Plastik 104 Vgl. SC HEl I.ING, Üb er das Verhältn is der bildend en
Künst e zu d er Natur ( 1807), in: ebd., 598 .
im gena ueren Sinne de s Worts versc hmä het ih rem
l OS GE O RG W IlH ElM FRI EDIU CII H EG EL, Vorl esun gen
Ge genstand de n R aum äußerlich zu ge ben, er trägt üb er die Ästhetik 1I ( 18 18-1826), in : HE G EL (TW A) ,
ihn in sich . Ab er ebe n dieses ve rb ietet ihr größere Ud. 14 ( 1970), 246 .
132 R au m

das seine Vorl esun gen historisch sysremansreren, Kü nst e. der Musik und der Posie, leitet jene
hier arch isiert er nun die Künste nach G eist- bzw. fo lgenr eiche G eri ngschätzung raumge bunde ner
M ater ial- und R aum kriter ien : D er Arch itektur Ku nstfo r men ein. die bis ins 20 . Jh . hinein wirk-
we ist er d ie unter ste Stu fe zu, da ih r M ateri al das mächtig bleibt.
»an sich selbst Ungeisrige« ist, wäh re nd di e Skulp- So systema tisiert Fried ri ch T heo dor Visch er in
tu r ü ber ihr ste ht. da sie »zu ih rem Pr inzip und In- seine r an H egel inspiriert en A esthctile oder IV issell-
halt [. .. 1 di e ge istige Iudividu alitär« hat. w ie sie in schaft des Schonen ( 1846- 1858) di e Kün ste. um vo n
der »leiblichen Ersche in ung- zum Au sdruck der -o bj ektivcn Kunstfo rm oder den bilde nden
kommt: »Z u ihrem M ater ial erg re ift sie deshalb K ünsten: Arch itektu r u nd M alerei zu Musik und
gleich falls no ch d ie schwere M ateri e in der en D ichtkunst aufzusteigen: »Au f das Ge sicht or gani-
räum licher To ralität«. Über ihr w ied er um ste hen siert ist sie [die Baukunst - d . Verf.] im R aum e tä-
die Künste. di e »d ie In nerlichkeit des Su bjek tiven tig an dem körperlichen ausge de hnte n un d schwe-
zu ges talte n berufen sind « (259). wi e die M aler ei. ren Stoff als ihr em Mater iale- '!" : als »sym bolische
d ie »zum M aterial [. . .1nicht di e schw ere M at er iali- Kunst« verm ag die Arch itektur »de n G eh alt, für
tät und deren räumlich vo llständige Existe nz ge- den sie den idealen R au m her stellt, nur anzudeu-
brau ch en « kann . so ndern di eses M aterial »ver in- ten« (§ 56 1; 234). Erste archi tektu rtheoret ische
nerli ch en « mu ß. »D ie M aler ei zieht deshalb für T ö ne klingen an . we nn er sie »als U msch ließ ung
den Ausdruck des in neren Ge m üts di e D reiheit eines R aums na ch den Se ite n und nach oben, aus
de r R aumdimen sionen in die Fläche als die näch - Wand (M auer) un d D ecke« (§ 563; 250) charak te-
ste In nerlichkeit des Äußer en zusam me n und ste llt risier t. N ach H inweisen zu prakti sch en R aumaus-
di e räum lich en Ent fern u ng en und Ge stalte n durch fiihrun gen fordert er R äu me für Vo lksver samm-
das Scheine n der Farbe dar.« (260 ) Di e ro ma nt i- lun g. - vert re tung und Vol ksfeste und nim m t d ie
schen -Iunerlich keitskiinste . Musik und Poesie als G otik als Sti lm oment in seine Stilchrono logie auf.
»wa h rha fie Kunst des Gei stes- (26 1) ze ich ne n sich Seine H ierarchisieru ng der Kü nste erfo lgt dann
schließl ich dur ch Verzicht auf -Pigu ratio n des systema tisch nach dem Kriterium der Bindu ng vo n
R äumlich en- aus: »Inso fern nun aber in der M ale- R au m und Zeit: »d ie Baukunst gab den R aum und
rei nich t wie in der Skulptu r di e schlec h thin vo ll- kein Su bjekt für ihn, die Bildnerku nst läßt sich
bracht e Ineinsb ild ung des G e istigen und Leibli- den R aum fiir ihr Subj ekt w ie das aufzeigende
che n den G ru ndtypus liefe rt , so nde rn umgekeh rt Licht vo n außen durch die N atur o der di e Bau-
das H er vorsch ein en des in sich konzentrierten In- kunst geben- '?". Im Gege nsatz dazu »hat die
ner en , so erg ibt sich üb er haupt die räum liche Au- Di chtku nst mi t der Musik di e Z eit fo rm ge-
ßeng estalt als ein der Subj ektivität des G eistes nich t mein e' ?".
wa hr haft ge mäßes Ausd rucksm itte l. D ie Kun st ver- Mit Begi nn des 20. J h . läßt sic h inde s eine An-
läßt deshalb ihre bish er ige G estaltun gsweise und bi nd un g der ästhe tische n Frage n an solche der Ge-
erg reift statt der Figurati onen des R äum lichen d ie staltpsyc ho log ie und Phäno menolo gie beo bachten .
Figurati onen des Tons in seine m zei tliche n Klin gen So leitet T heodor Lipp s 1920 in Die ästhetische Be-
u nd Verk lin gen ; de n n der Toll , indem er n ur durch trachtll1t'( IIl1d die bildende Kunst die kü nstleri schen
das N egati vgeset ztsein der räumlich en M at erie R aumgestalrungen nunm ehr aus der Bezugnahm e
sein id eelleres zei tliche s D asein gewi n n t. entspricht des Ind ivid uums auf Welt ab: »D iese For m nu n hat
dem In nere n, das sich selbst sein er su bjektiven In- das räumli che G ebilde j ed esmal für mi ch , weil ich
nerlichk eit nach als Em]ifilldrll1S erfaß t.«Illl> H egels ihm d ieselb e d ur ch mein e T ätigkei t gebe. Ich gebe
Au szeich nung der im m ateriellen, zeitge bunde ne n sie ihm , so ge w iß ich das abgeschlo ssene Ga nze des
räumli ch en Ge bildes im Fo rtgan g mein er auflas-
sende n. herausheben den un d begr en zenden T ätig-
106 HEGEl . Vorlesungen über die Ästhetik 1Il. in: HEGEl kei t. in inn erlich er Ausweitu ng und Eine ngu ng
(TWA). Ud. 15 ( 1970), 15.
des Blickpu nkres des ge istige n Au ges, in innerl i-
107 Vgl. VISCHER, Ud. 3 ( 19 22). 200 (§ 550) .
10 8 VISCHER, Ud. 4 ( 19 23) . 7 (§ 55 9) . che m Einsetzen und Abset zen I...J fiir mi ch
10 9 VISCHER, Bd . 6 ( 192 3). 20 (§ 839) . schaffe und für m ich zu dem mach e. was es dan n
11 1. Erke n ntnistheo re tische und po etol o gisch -philo sophisch e N eudim en sion ierungen 133

rur m ich iSt.«11O Im Ber eich der bildenden Kunst, raums: [. . .) di e Instrumente, ihre G ruppe n m eh r-
die er allgeme in »K unst de r räu m liche n For m « fach au fget eilt, filge n sich unb em erkt in eine n
ne nnt, unterschei det er di e M aler ei als »N aru rfo r- Klan g raum ein« (I 10 f.) . Wagn er, so Sto rch, »lösre
rnen wiede rge bende « vo n den »frei scha ffen den [. .. 1 di e Musik aus dem tradi erten Formenkanon
Kiinsten «: »Dieselben gestalte n in fre ie n Bildungen heraus r...) und fiihrre sie in einen R au m, in dem
den R au m . W ir nen nen sie darum R aumk ünste« sich d ie Kunst als -zw eite N atur- en tfalte n kann .
(3\)8). Di e R au mk ünste form en fre ilic h ni cht d en D er R aum ei ne Passage, ei ne R aum zeit. in d ie
geome trische n, so ndern den ästhetische n '>I1Jit Le- sich d er Z u hörer/Zusc ha uer begebe n kann .« ( t 1I)
ben erfüllten R au m « (399). Durch seine psych ol o - Fü r sein Vo rspiel zum Rheinoold greife er dagegen
gische Anreich erun g d es R aumbegri ffs stößt Lipp s auf den Klan graum d er Eroica zurüc k: »als e ine n
jene s positive R aumver ständnis an, das sic h im 20 . Erinnerungsrau m . Als eine n Klan graum. um aus-
un d 2 I . Jh . in d en Ber eich en der Kunst, d er Ar chi - drü ck en zu können , was di e Figur d es Siegfri ed
tektur und der Phil o sophie als produkti v erwe ist. bed eutet, was ihr w ide rfah rt, wa s sie bewirkt. «
Lipp s berücksichtigt dab ei ni cht m ehr nur »ab- (I 13) Storch zufolge erze ug t die Komposition »im
strakte « R aumk ünste. di e aus dem leer en Raum Rill,li des N ibelllllgell Klan gr äum e. di e den M en -
schö pfe n, so nde rn auch so lche, di e Ma sse ges tal- schen er greifen , Räume in seinem In neren ,
ten : Zu dieser sogenan nten »M assen rau m ku nst« R äu m e innen und außen , di e sic h durchdrin gen
zählt er auch »rech nische Kunstformen « (400), die , [. . .] - und wirken ein auf d en Zuhörer, d er sie er-
wi e etwa das D esign, ZlI pr aktis ch em Gebrau ch be- fahr en , in sich austrage n so ll, er selbst der R aum«
stim m t sind. (11\)).
Als Wagn er s Parsifal vo m Gral erfä h rt und in sei-
nem sch lafw andlerische n Zustand, vo n G urne-
3. D er K/ <1Ilg r<1l1/1l der rVa.lil/eroper
m an z ge fü h rt. fragt: »Wer ist der Gral?« und sagt:
Um »eine gu te Klan gw irkung- 111 bei de r Au ffiih - »Ich sch reite kaum, do ch w ähn ich m ich scho n
ru ng von Beet hovens 9. Svt nphouie am Palm sonn- weit« w ird ih m gea ntwortet: »D u siehst, m ein
tag 1846 zu erreichen , ließ Rich ard Wagn er den So h n, zu m R aum wird h ier die Zeit.«113 Wo lfgan g
R au m der Alten Oper am Dresdn er Z w in ger um- R ihm we ist in Raum, Zeit . hier. Bemerk/lllgel/ Z /I ei-
bauen und in ein griech isches Thea ter verwa ndeln: nem Axiollt J;j{lgllCTS (200 1) auf die U nkl arh eit die -
Das Orcheste r nah m in der O rche stra, de r C ho r ser Ste lle hi n u nd zeigt auf, daß m usikal isch darau f
auf den Z uscha uerrei hen Platz. Wo lfgang Storch »das Ineinanderü bergeh en klein ster Übergänge als
cha rakter isiert diesen ne uen Klan graum als m usikalis ch e Form [folgt ]: das Zwischenspiel, das
»R au m, gewo n nen aus de m Lesen der Partitur: die To narten durchsch rei te t, bis ke in G ru nd m ehr
erst in d iesem Klan gr aum erfü llte sich die Kompo - besteht, un d d essen Klangs trom d o ch im mer w ie-
sitio n . H ier zeigte sich, wora n d ie Kü nst e sei t d er der anko m m t, immer w ieder m ün det . W ährend-
Französischen R evolution arbe ite te n: di e N otw en - desse n o ptische r Üb er gan g. Über gän ge d es R au -
digkeit, sich eine n neu en R aum, ein eige ne s H au s m es (des Bühnenraum es) durch di e Stadi en der
zu schaffen, in den der Betrachter /Zuh örer/Zu -
schaue r eintret en kann . Darau s verste h t sich di e
Vo rstellung eines Gesa m tkuns twe rks: der Geme in- 1 10 Vgl. T H EODO Il LlI'I'S, Di e ästhetische Betrach run g
schaft, dem err eichbaren Kreis in seine r G esamt- und die bilden de Kun st (Leipzig (9 20 ), 4 0 2 .
1I [ R[ CH AR D WA GN EI1, M ein Leben . 18 [3 - [ 868 (entst,
heit ein Gebäude er ri ch ten , w orin sie sich ein fin-
[865-1880 ) , hg. v. M . G regor-Dellin ( 19 7 6; Mainz
den , sich in dem Erleb nis, in der Teiln ahm e an ei-
19 8 3) .3 4 5 .
ne m Kunstw erk begründen kann .«112 1 [ 2 WO LFGANG STO lle n, Wagner s Klangraurne: Der
D arü ber hin au s glau b t Storch beh aupten zu Lieb enthaler Gru nd, La Spezia , Vened ig, in: Stor ch
können , daß Wagn er den Klan graum, den er fiir (H g.), D er R aum Bayreuth (Frankfurt a. M . 2 002) ,
108f.
Loh en grin ben ötigt, dem N aturraum der Säch si-
I 13 WAGNE R, Parsifal , Ein B ühn enweih festspiel ( 18 8 2) ,
sche n Schweiz ent nim m t: »D ie Kompo sition fo lgt I. Aufz., in: Wagn er, Gesamm elte Schriften un d
den Klangmustern eine s in sich ge fangene n N atur- Dichtungen , Bd. 10 (Leipzig 2 18 8 8 ) , 3 3 9 .
134 R aum

N atu r und der beb aut en Welt über die Dunkelh eit tutto /I 1/0 vi 51/01'; -u ltrasuo nic) 1) (, M an fred
(kos mis che r Tiefpunkt) in den Saal der G ralsburg. Schne ide r schlie ßlic h er blickt ei ne Parallele zw i-
Ein Au fstieg. Di e Pro tago nisten scheinen sic h nur schen den Komposition sprin zipi en vo n M arcel
zu b ewegen . Um sie bewegt sich der R aum in ste- Prousts A Ja rechetehe du t CIllPS perdu ( 19 13- 19 2 7)
tiger Transformation.«!H Für Rihm ist dabei be- und Wagners -Bü hn en w eih fesrspiele nc »Pro usts
m erken swert, daß "Wagne r das R aumwerden der gesam ter R o man arbe itet mit der mu sikalisch en
Z eit nicht schlagart ig als R iickung so ndern un - und dra rn arurgi sch en Technik Wagners. Biogra-
mi ßverständlich als Ü b ergang, als Transgression phi sch e Z eit en und R äum e zieh en sich dank der
gestalte t. Als Durchschreiten nicht me hr präzise magisch en Kraft kleiner nervöser Kondensate in
unterscheidbarer Phasen , als Prozeß, als Summe M otiven zusamm en . [. .. ] Pro ust setzt aber Wag-
kleins ter Übergänge. [. . . [ Wagn er for mt im Zwi- ners M oti ve wiederum als Leitmo tive seine r eige-
schen spiel das fließ ende, eben das Nicht-Rä um li- nen Erzählu nge n ei n.«!!7 Schneid er sucht zu zei-
che die ser die Zeit zu R au m zw ingende n Vorstel- gen, daß Pro ust U: tetnps rctro uve thematisch und
lun g« (102) . Dabei zeigt R ihm auc h, daß de r stru ktur ell ins Zeiche n vo n Wagn ers -Bühnen-
R aum -hier-, der die d rei Zeitstadi en vereinigt, be- w ei hfe stspi ck rü cken wollte.
vo r sie sich zu verselbständige n beginnen , unter ei-
ner besonderen Wirkung ste ht, in der fiir Par sifal
»d ie Beschl eunigung seiner ph ysisch en Funktion en
und psychi sch en Erlebnissequen zen - ( 103) in eins IV. Verv ielfältigung der R aum konzepte
falle n . Und Samuel Web e r er gänzt: »D ie Z eit, als in Modern e und Gegenwart
weh voll es Erb e, darf nur erscheinen, indem sie in (20.-2 I . Jahrhundert)
einen R au m verwandel t w ird. vo n dem alles
Fremde, Unreine und Andersart ige ausgeschlossen Das begin nen de 20 . J h . sieh t sich mit einer kalei-
zu sein scheint. D och das Au sgeschl ossen e gibt zu- do sko pisch zersplittert en R aumau ffassun g bzw, mit
gleic h den (untersten) R ahmen des Raumes ab als eine r Vielfalt vo n R aumkon zepten kon fronti ert .
auch seine Mitte. Und vo n dort aus ge rät der D er neu zeitlich e Conta inerraum zerfällt au fgru nd
R aum in Bewegung und reißt un s m it .«' IS N icht der Erk enntnis der Abhän gigkeit des R aums vo n
zuletzt hebt Lui gi N on o her vor, »m it dem Ttistan« unterschi ed lich en Orts- und Z eitbindungen. M it
trete »m an w ahrhaft in eine n R aum ein, der vo n dem Paradi gm enwechsel in de r N aturwissen schaft ,
Proj ektionen zwischen Stillen , Klän gen und vor al- die die bislang filr ax io ma tisch gehalte ne euklidi-
lem Il CI/CIl Klanocn . .. -Ultraklängen. [.. . J erfiillt« sche Geometrie in ihrem G ülti gk eit sber ei ch ein-
sei. (C ol Tristano si entra davvero in uno spazio at- schränkt un d dur ch neue R au m hypo th esen relati-
traver sato da proi ezio ni tra silc nzi, suo ni e so prat- viert, w ird die Entwicklung zu jenem vielgestalti-
ge n R elatio nsraum anges to ße n, der sich auch als
interdi szip linäre R aum mul tiplikatio n beschreib en
1 14 WOL FG AN G RI II JII, R aum , Zei t. hier. Bem er kun gen
läßt : Die vielfältige n R aumschöpfungen in den bil-
zu eine m Axiom Wagners (200 1). in: Sto rch (s.
Anm . 1 12 ) , 101. denden Künsten berufen sich auf die natu rwi ssen-
1 15 SA JIIUEL W EIl EIl , Das Leid en an der Z eit. Gedan ken schaftliche R aumrelativierung und leb en vo n de r
zu Parsifal ( 11)8 1) . in : W. Stor ch (Hg .), Les Symboli- Beachtung nicht- europ äisch er Kulturräume in der
stes er Rich ard Wagn er/ D ie Symbolisten und R i-
Soz iologie. Existenzphilosophisch e Bind un gen des
chard Wagn er (Berlin 11)1) 1), 136 .
116 L U I G I NO N O , Verso Prometeo. Conversazione tra R aums an den Ort find en ihre Fortsetzung in Au f-
Luigi N o no e M assimo Cacc iari, racco lta da M i- rufen zu dessen R elokalisierung in der Arch itek -
che le Bertaggia ( 1984), in: N o no, hg. v. E. R estagrio turth eorie, die mit der Kunstgeschi chte um
(Tur in 19 8 7 ) ,266 ; dt .: Auf de m Weg zu Pro meth eu s. R aumbezu gn ahmen wetteifert. W issensch aften
übe rs. v. G . Borio/ U, M osch , zit. nach Sto rch (s.
wi e die Ethnologie und Psychoanalyse scheinen
Anm. 1 12 ), 12 7 .
1 17 M A N Fil ED SC HN EID EIl. Leerlauf des W ünsc hen s soga r ein di rektes Ergebnis des erwe iterten R aum-
übe r Gren zen hinweg. M arcel Prou st und R ichard vers tänd nisses zu sein.
Wagner. in: Stor ch (s. Anm . 1 15 ) , 17 0 .
IV. Vervi elfaltigung der Raumkon zepte in M od erne und Gegenwa rt (zo.e-z 1 . Jahrhund ert) 135

D ieser gru ndlege nde Wandel bahnte sich , w ie vad ing this uniform Euclidea n world of fam iliar
G osztonyi herau sstellt , seit Mitte des 19. Jh . an : So space -a nd- time, Ca rroll drove a fantasia of discon-
formuliert der M ath em atik er Bernhard Ri emann tinuo~s space-and- time th at anticipared Kafka,
die An nahme nicht- euklidisch er Ge ometrien für J oyce und Elio t. Ca rro ll, th e m arh ernatical con-
»M annigfaltigkeiten vo n n-Dirnen sion en « mit »ge- tem po rary of C lerc M axw ell, was q uite avant-garde
krümmten R äum en - ' !", wonach der eu klid ische eno ug h to kn ow about th e non -Euclidean geo me-
R au m nur m eh r als Sonderfall ersche int. D er M a- tri es co mi ng into vogue in his tim e. H e gave th e
them atiker H ermann Minkowski nimmt in seine m co nfide nt Vict orian s a playful foret aste o f Ein stein -
1908 ge halte ne n Vortrag Raum und Z eit eine vie r- ian tirne-and-space in A licc in ~ H",dcrlalld. « 122
dim ensionale Welt an , in der R aum und Z eit zu Inso fern erstaunt es we nig , daß dem psych isch en
eine m unteilb aren Ko ntinu um ver schmelzen : »Vo n In nenraum im neu erö ffne te n Wissen sraum der
Stund' an so llen R aum fiir sich und Zeit fiir sich Psychoanalyse ei ne Dimen sion m it Unendlich -
vö llig zu Schatte n herabsinken und nur no ch eine keit saspekten beigesellt wird: »A n ebe n der Stelle,
Art Union der beid e n soll Selbständigkei t bewah- wo di e Forderung nach Ber gun g des Subj ekts mit
ren .«119 Albert Einsteins allgemeine R elativitäts- dem M oti v der U nendlichkeit verschmilzt , ent-
theori e ( 19 16) dyna mi sier t den R aum zu einer vo n steht der Sp re ngbe griff, der das Denke n im 19 .
M eßinst rum ent en und G eschwindigkei te n ab hän - und zoo Jahrhu nder t aus seinen tra ditione llen For-
gigen Ra ump lura lität - etw as, was in der Folge m en herauszwi ngt. das U nb ewußte. M it di esem
auch fiir di e Weltraumforsch ung bed eutsam wird. Begriff wurde der Vers uch ge mac ht, auch ein em
Die neu en T heorien stellen nicht nur di e D reidi - infinitisierten Gan zen noch eine Wendung zum
men sion alität , H o m ogenität und Iso tro pie des her- Leb en sschutz abzugewinne n- P''. In seine r -To p ik-
kömmli ch en R aums in Frage; sie zeigen darüber suc ht Freud das Unbewußte in räumli ch en M et a-
hinaus die wec hselseitige Abhängigkeit von Me trik ph ern zu fassen: Anl äßl ich der Frage der »U mset-
und R aumstruktur auf, op eri eren mit »Ra umar- zung « eines psych isch en Ak ts aus der »T iefendi-
ten « und erste llen »ein R aummod ell. das anschau- m en sion« des Unbewu ßt en in das Syste m des
lich übe rha upt nicht bzw. nur mittelbar erfaßb ar (Vor)Bew ußte n ste llt er d ie Vermutung eine r
ist. Dam it sche int eine radikale Di skr ep an z zwi - »neuen psychi sch en Lokalir är« und »ve rsc h ied en e r
sche n de m R aum, de r der nicht-euklidisch en Ni ed erschriften [.. .) an versch iedene n [. . .] 01'-
Geomet rie entspr icht, und dem An sch auun gsraum ten «124 an. Sloterd ijk we ist da rau fhin, daß etwa zur
entstand en zu sein- P", Di es gilt vor allem für ph y- gleic hen Z eit d ie Pol e ent dec kt und die let zt en
sikalisch e R äume im su bato maren und astrono mi- wei ßen Fläch en auf der Karte Afri kas erforscht
schen Bereich . Gosztonyi weist daraufh in , daß ge- we rde n .
rade di ese Unan schaulichkeit der nicht-euklidi- Parallel dazu erfa hre n di e .pr im itiven- Kultu ren
schen R äume zu eine r verstärkte n Befragung der in den ebe nfalls neu er öffne te n Wissen sräum en der
R aum wah rn ehmun g füh rt , wie sie sich in der sin- Soz io logie und Ethno lo gi e erstma lig Beachtung.
nesphysiologisch en und - psycho logischen For- D er franz ösisch e Soziolo ge Emi le D urkh eim kriti-
schung eines H elmholt z (ab (866) un d in der ph ä- siert in Les [armes clclI/ellfaircs de la vic rdigiel/se
nom en ologisch en Phil osophie des zooJh . m an ife- (19 12) d ie Karrtisch e R au mh o m o genitär un d hält
stiert .121
D ieser Wech sel der G eometrien bestimmt seit
1 18 GOSZTON Y I (s. AnlJ1. 37), 49 4.
Mitte des 19. Jh . auc h di e Form literarisch er Texte;
119 H ERM A N N M I NK OW SK I, R aum und Zeit (Leipzig/
McLuhan sieht ihn in den m ärch enhaften Alicc-Er- Berlin 1909), I.
zahl urigen vo n Lewis C arro ll durch gespielt: »Le w is 120 GO SZT O N Y I (s. AnlJ1. 37), 469 .
Carroll took th e ninet eenth century into a dream IZI Vgl. ebd., 47z.

world that was as startling as th at of Bosch , but rzz M C L UH A N , U nder standing Media. T he Extensions
of Man (1964: Londo n (9 7 5), 16 z .
bu ilt o n reverse principl es. Alicc in WOlldcrlalld of-
u 3 SLOTERD IJK (s. Anm . I I ) , 556.
fers as norm rhat co nti nuo us time and space that U 4 SIG MUND FREUD, Das Unbewußte (19 15). rn :
had created co nste rnatio n in the R enaissance. Per- FRE UD (SA) , Ud. 3 (1975), 132f., 160.
136 R au m

ihr eine em pir istische Auffassun g e ntgege n , w o - 'j''


rei - ist ve rha ltnis m aß ig jung.e Wie der Ku nsth i-
nach raumliehe Vorstellungen sich aus Erfahrungs- sto riker H an s j antzen ze igt, hat der R aum begriff
date n erge ben; allcr di ngs sieh t er di ese Vo rstellu n- entsc he ide nde m ethodisch e Gel tun g ers t im letzten
gc n durch no ch alte re R au m u nt ersch eid u ngen Viertel des 19 . J h . erhalte n : »Alles, was vo r d er hi-
gru ndie rt, di e als »valeu rs affec tives d ifferen tes [. . . J sto r isch-k ri tische n, auf Stilanalyse ausge henden
d'or igine socia le«1 25 de n Z usammen halt einer Z i- Ku nst betrach tu ng. im wesen tlichen also vo r dem
vilisat io n ga ran tie re n. R aum ge h ör t fiir Durkh eim 19 . Jahrhund ert, seit der R en aissan ce an Beo bach -
mi thin zu den »re prese n tatio ns essen riellerne n r co l- tu ngen üb er die bi ldlie he W ied ergab e räumlicher
lecrives« (22) u nd gib t, als vo n religi ösen , m orali- Eindr üc ke vo rliegt, ents tam m t der Ateliersprach e
sche n un d ö ko no m ische n Institu tio nen ab hä n gig, der Kü nstler und ih ren auf Tech n ik und Kun st-
ü ber den Z ustan d eines Koll ektivs Au fschlu ß . th eorie ge rich te ten Üb erlegun gen . Alle sprac hli-
Gleic h zei tig w ill er in der so zialen N atur des chen Äu ßerungen , die hi erh er gehö ren, sin d
R aums einen H in w eis auf seine G ru nd leg u ng in durch au s beh er rscht vo n der Geltun g der N ach ah-
d er »natu re des choses« (26) - ein Verb indun gsglied m ungst he o ri e.« (5) Di e Bezeich n ung R au m , we n n
zwische n N atur- und G eiste swi ssen sch aft - erke n- sie in Künstleraussagen ersche int, werde zumeist
nen . Levi-S trau ss radikalisie rt di esen D urkh eim- gleich be de u te nd mit Ort, Szene, Vertiefu ng, Bild-
sehen An sat z zu m stru ktura listische n Paradigm en- tie fe ge b rauc ht. J antzen schlu ß fo lgert aus diesen
wechsel auf raum orientiertes D enken , we lches im Beo bacht u ngen , daß »eine feinere Durchbildu ng
D ienst e einer Kritik an d er eu ropäisch en M etaphy- d es R aumbegr iffs« (10) erst mit Preisgabe des
sik ei ne n differen zp o litisch en Stachel bis hi n zur N achah m u ngspri nzips m ö glich w ird. Ende des
d ek o nstr u ktiven Phil o sophie beh ält. 19 . Jh . ist laut Ku rt Bad t die R au m beh an dlu ng in
Im begi nnende n 20 . Jh . tragen abe r auch politi- jede m Fall »das allge meinste T h ema der m oder nen
sche Umw älzun gen zu m Zusamm enbruch üb er- Kunsrgeschi chte«: »U n te r d en in der Ku nstge-
ko mm ener R aumvorstellungen bei : Im I. Wel t- sch ich te verw endeten Beg r iffe n ist Ra unt der am
kr ieg werden n ich t nu r ge w o h nte terri toriale u nd m eiste n bevorzugt e, der arn häu figsten ge-
m ach tp o litisch e R au mko nfigurationen au fgelös t; b rau chte«m . eine Verw endung ste h t allerdings
di e Erfa hr u ng des Sc h ü tze ngrabe ns sp re ng t d ie ge- hä ufig im Di en ste ei ne r Fo rtschri ttse rzä hlu ng von
wo hn te d ista nz ierte Ersc hließ u ng d es R au ms, läßt der fläc he nha ft unräuml ich e n Bild gestaltun g zur
ih n in unüber sich tliche N ahräume zers plitte rn , D arstell un g un endlich er T iefe: Laut H einrich AI-
wovon d ie R au m mul tipl ikat io nen in Wissen sch aft fre d Schmids Au fsatz üb er Ol~iek l ive Kriterien der
u n d Kunst Z eu gn is ablegen . Kunstyeschichtc vo n 1896 »bestinu n r do ch län gst je-
der Fach gen o sse das Alter eines G em äldes [. . .]
nach d er Verwendung rau m schaffen de r Mittel«12M.
1. Kunstgeschichte II lId Kunsttheorie
MitJacob Burckhardts Cicerone (1855) erhalt der
»D ie Ausb ild un g d es R aumbegr iffs in der histo ri - R aumbegriff im R ahmen der Bestim m u ng italie-
sche n Betrachtung der Kunst - zu näc hst der M ale- n ischer Ku nststile methodisch e Gel tu ng . Bu rck-
hardt gre nzt d ie italienisch e Go tik m it ih rer ho ri-
125 EM I LE DU RKIIE IM , Les Formes elementaires de la zo n talen »Weirrä um igkeit« u n d »Sch ön rau rni gke it«
vie religieuse (Paris 19 12 ), 16. vo m »n o rd ischen R au m der H ö h c«129 posi tiv ab.
126 J AN T Z EN (s. Anm. 54), 5. In ihr entwickl e sich »das eige n rh üm lich italien i-
12 7 K UR T BA DT , R aum phantasien und R aum illusio nen .
sche G efü h l fiir R äume, Lini en u n d Ver hältn isse.
Wesen der Plastik (Kö ln (963), 19.
128 HEI NR IC H A LI'R ED SC II M lD, O bjektive Kr iterien der
und di eses wa r di e Erb schaft, we lch e die R enais-
Kuns tgeschicht e (1896), zit. nach J A N T Z EN (s. Anm . san ce übernahm« (144) . Ab cr erst »m it d em X V I.
54), 15 · Jahrhund ert w ird der Au fw an d an R aum un d Bau-
129 Vgl. J A COB BU RC KHA RDT , D er ice ro ne , Eine An - m ateri al ein gan z allgem eine r : es begi n nt jene all-
leitu ng zum Gen uss der Ku nstw erk e Italiens (1855),
gemeine Grossräu m igkeit, auc h der b ürger lich en
hg. v. U. R oeck u. a., in: Burckhardt , Wer ke. Kri ti-
sche Ge sam tausgabe, Ud . 2 (M ünchen/ Basel 2 001 ) , Wo hnungen« (247) . Adol f vo n H ildebrand löst in
111. D as Problein der Form ( 19 0 3 ) Frage n der Ges taltung
IV. VervieJt:-iltigung der R aumkonzep te in M o dern e und Gege nwart (20.-2 1. J ahrh u n d ert) 137

vo n solche n der Per spektive und erklärt di e N ot - der R en aissan ce zur tiefenmäß igen A nordnung d er
we ndigke it künstler isch er R aumsch öpfun g aus u n- Dinge in der Baro ckm aler ei.
serem allge m ein räuml ich en Ve rh ältnis zur N atur: Di e in Alo is R iegls Historischer C ratnmatik derbil-
»Bei der D arste llung handelt es sic h ge rade darum, denden Kü nste (18971 I 898) beobachtet e En twic k-
durch die hervo rgebrachte Ersch ei nu ng und nur lun g vo n »u n o rgan isch - kr israllin er« zu »o rga n i-
d urch sie d iese Vorstellung d es R au m es zu erwek- sche r«133 R aum gestaltung in der Kunst erfäh rt in
ken . Bei dem engen R ahm en des Bildes, den spä r- W ilh eIm W o rrin gers A bstrak tion und Ei'!fiihlllllg
lich en un d stabile n Mitteln , di e n ur durchs Au ge (1908) eine ra u mkritisch e U mwer tu ng: »D ie U n-
un d nur in b eschrän kte r W eise w irken könn en , terd rü ck un g d er R aumdarstellung war scho n d es-
m u ß de r Künstler sic h klar sein, w as es fiir Konstel- h alb ein Geb o t des Ab str aktionsdr an gs. w eil es der
latio nen in d er Ersche inu ng sind , die am un fehl- R au m gerad e ist, der d ie Di nge m it ein and er ver-
barsten , am zw ingen dsten im Besch au er di es bindet [.. .), und weil der R aum sic h ebe n nicht
R aumgefühl . d iese ele ment arste Wirkun g d er N a- indi vidua lisieren laßt.« Seine Sch lußfo lge ru n g, daß
tur erze ugen. J e stärke r er den R aum geh alt. d ie nur in di eser abstrah iere nde n Loslösu ng sich »de r
R aumfülle im Bild zur An sch auung bringt , j e po si- M en sch angesichts der ungeh euren Verw orrenheit
tiver durch d ie Er sch ei n u ng fiir die R aum vorstel - des Weltbilds ausr u he neP" könne, sche int fiir di e
lung geso rgt ist, zu desto stärke rem Erle b n is w ird Selbst affir m atio n d er m odernen gege nstandslose n
un s das im Bilde D arges tellte, desto w esen ha fter M alerei w ich tig ge wo rde n zu sein . In W eiterfiih -
stellt sich das Bild der N atur geg en üb er«130. D er ru n g von Wo r r in ger w iederu m erö rte rn Deleuzel
Bild rau m wi rd dami t als -rein e Fo rrn ., als -Ra um- G uatt ari in Mille Plateaus: ( t 980) un ter dem Si-
w erti gkeit <und -R au m w irku ng- der Untersu chung gn u m 'n o m adisch er Kunst< das Go tisch e als Fo rm
zu gänglich gemac h t. U ! der Wi ed erholung und Di fferen zb ildung d es Or-
H einr ich W ölffiin setzt in sei ne r D issertati on nam entalen , d as sic h zu m abstrak te n , glatte n
Prolcyomena Z II einer Psychologic der Ardiuek tur R aum tr anszendiert u n d darin di e m od erne M ale-
(1886) in Fort fü hr u ng vo n Überl egungen Arthur rei p räfiguricr t. l-"
Sch open ha u ers die Arch it ektur erstma lig ins Ver- In Die spdtrosnisdu: Kunstindustrie ( 190 1) leitet
hältn is zu psych isch er u nd ph ysisch er Erfahr u ng R iegl di e R aum gestaltung aus der Entwicklung
un d suc ht deren räumli ch e Sym bo lisie ru n g mi t J o- des »Ku nstw o llens«136 vo m .Taktisch - N ahsich rigen.
han nes Vol kel t aus der D eutung d er. »Bewcgu n g (fü r di e altägyp tisch e Ku nst ) übe r das -Takrisch-
und [. .. ] W irkung vo n Kräfien « der rä u m lich en O ptische . (fiir di e klassisch e Kunst G riec he nlan ds)
G ebilde ab zu leite n: »U rn das räu ml ich e G eb ilde zur dritten Stufe d es -O ptisch- Pernsichtigen . der
ästhe tisch zu ve rste he n, müssen wir d iese Bewe- spä trö m isch en Kunst ab! 37, wob ei der en R aumau f-
gu ng sin nlich m iter leb en . mit u nserer kö rp erl ich en
O rgan isati o n mitmach cn .v' F D ank di eses dyn am i-
sche n An satzes ka nn er in Renaissance 11111/ Barock. 130 A DO LF VON IlILDUßIl A ND , Das Problem der Form
Eine Untersuchuno iihcr IVcsC/1 und Entstellling des Ba- ( 1903) , in: Hild ebrand , Gesam melte Schriften zur
Kunst, hg. v. H . Bock (K öln/Opladen 19 ( 9), 220 .
rockstils in Italien ( 1888/ 1907) die b eiden Kun ststile 13 1 Vgl. J A NT ZEN (s. An m. 5 4 ),2 1.
bezüglich ihres R aum- un d Z eitb ezu gs hi storisie- 13 2 H EI NHl CII WÖ LFFLlN, Prolego mena zu eine r Psy-
ren u nd die räu m lich e Bewegth eit baro ck er G e- chologie der Archi tektur (M ünchen 18 86 ) , 6 f.
bäu de und Fassaden im merh in als Au sdru ck von 13 3 Vgl. AL OIS IlI EGL, H istorisch e Gra m ma tik der bil-
dend en Kün ste (en tst, I 897!I 898) , hg. v. K. M .
-Spatstilen - zur Gel tu ng b rin gen . In den Kun stye-
Swoboda/O. Pacht (Graz/ Köln 1966) , 80.
schicutliehen Gnllldbcgr!fTclI (19 15) w ird der Baro ck IH W I LH ELM W OIl IlI N G EIl , Abstraktion un d Einfühlung
erstma lig als andere Kunst an erka n nt und unter ( 1908 ; Münch en (98 7 ) , 57 , 5 3 .
R aumgesichtspu n kt en soga r übe r di e R enaissan ce 13 5 Vgl. G I LLES DEL EU ZE/F ELI X GUA TT AIl I, M ille Pla-
geste llt: W ö lffiin reko nstru ier t di e En tw icklu ng reaux. Ca piralisme et schizophrenie (Paris 1980),
620.
des m aleri sch en Bildraums vo m früh en 16 . Jh . bi s 13 6 RI EGL , D ie spätrömische Ku nsrindustrie ( 190 I ;
zu m 17. Jh. als eine vo n d er Fläch e zur Tiefe, vo n Darm stadt 19 ( 4 ) , 32 .
der bildp arallelen Sch ich tu ng der G egen stände in 13 7 Vgl. ebd., 3 2 , 33 , 35
[ 38 R au m

fassu rig noch dem »kubisch m eßb aren R aum « und und m entalitätsgeschi chtlich en Z uschr eibu ngen
no ch nich t dem »u nendlichen T iefenra u m « (34) verkn ü pft sind: »So w ird d er -uneudliche R aum .
ver pflich te t sei. Das holldndisclte C ruppenportrdt als R aum ansch auun g des Norden s im Gegensatz
( [902) führt d ie Differ enzierung zwi schen d en zum Süden , d er Germanen im G egensatz zu de n
»zw e i Ersch einungsformen des dreidimensionalen R o m anen , der deu tsch en Spätgotik im Gegensatz
R aums«, zw ische n de m »kubischen , d er an d en zur itali enisc he n R enaissance, des Baro ckstils im
Kö rp ern haftet , und dem Freiraum, d er zwi sch en Gegensatz zum R enaissancestil [. . . J usf. gefaß t und
de n Fig uren ist «, fort. W ährend es der ant ike n gelege n tlich in Parallele zu m erke nn tn istheoreti-
Kun st, di e »d ie ge form te n Ein zeldin ge als das ge- sche n R aum gese tz t«140 - äh nliche Aufladungen
gebe ne ansah«, ni e gelinge, »d en Freira um darzu- des R aumbeg riffs hatten etwa O swald Spen glers
ste lle n «!"; habe »d ie werdende ch ristlich e Ku nst in Untergang des Ab endlandes ( 19 18) gepr ägt .
der rö mi sch en Kaiserzeit de n Freirau m em anz i- In M ax R aph aels Ralllllgestalt u lI:~ell vo n 194 9 be-
piert, abe r auch n ur in eine r sehr ge ringe n, der ku ndet sich schließ lich eine kom plexe Wah rn eh-
Ebe ne no ch seh r nah ebl eib enden Tiefe zw ische n m un g u nt erschiedlichster R aum gestaltu ngen in
je zwei Figuren, ni cht abe r als u nendlich en Frei- der Ku nst: »Hals, Velasqu ez u nd ande re - der Raunt
raurn «. M it der en dgültige n Em an zip ation des der Traumwelt; Vermee r - der R aunt des Unbeivußten;
Freira ums im 1 5. Jh. »w ird n un auc h d er R au m H ugo van de r Goes und T in to retto - der Ratllll des
besonderer Gege nstand d er bildenden Kunst, und Übergatlgs 110111 D iesseits Z UIIl jenseits: [.. .] Bosch -
aber ma ls sehen w ir hierin di e italien ische und nor- der R aunt der A lifläsullg des Daseins«141 • R ückblik-
dische Ku nst auseina n de rge he n. Di e erste stre bt kend setzt er allerdings mit d em Ku bismu s eine
vorneh m lich nach Wi ed er gab e der ku bisch räum- Z äsur , den »Beginn eines neuen R aum-ideals« an:
lich en Ersch ein un g der Einzeld in ge (Figuren) [ 1: »Nac h übl ich er Au ffassung kö nn te m an vo n Bild
dah er ihre Au sbild un g der Linien perspek tive [ ]. zu Bild zwa r das Suj et ände rn [... ], abe r d ie
Di e nord isch e Ku nst strebt [. . .) vo rne h m lich na ch R au m gestaltung glaubte m an konstant [.. .]. Pi-
Wiedergabe d es zwi schen de n Figuren Befin dli- casso und Braq ue haben die m ö glich en R aumer-
chen , des frei en R au ms, natürlich soweit er sich , lebni sse und R aumgestaltungen zum Thema ihrer
nam en tlich durch die Farbe, an den Figuren verrä t: Ku nst ge ma ch t [.. .). Sie wollten we niger die Welt
daher ihre Au sbild ung der Lufiperspek rive « (23). oder d ie Au ffassung des M ensch en von der Welt
D as ho lländ ische -Kunstw o lle n- w ird in diese m gesta lten, als vielmehr die M ittel de r Gestaltung
Sinne als das Streben charakterisiert , de n Dualis- zum P ro blem mac he n, we niger eine Ph iloso phi e
mus von Kö rp er- und Freiraum aufzu he be n in der als ei ne Erke n nt nistheorie m alen.« (56 f.) R aphael
Farbges taltu ng d es H elldun kel. D ami t liefert Ri egl u nt ersch eid et dah er zw ische n eine r üb erzeitlich en
d ie m ethodisch e Vorga be für Panofskys einga ngs »Katcgorie d es R aums« und den geschich tlich be -
an gefü h r te Unterscheidung vo n -Aggrega t-« u nd dingt en »R ealisierunc en di eser Katego r ie« (59). Erst
-Systemra u m . u nd seine R aumperi o disierungen . 139 kubistisch e Ku nst ist für ih n R au m gestaltu ng im
An den ku nstgesc hich tlic hen R aumb egriffen enge ren Sinn , da sie nach de r Ph ase des Im pressio-
d er Z eit vor dem I . Weltkrieg diagnostiziert j ant- nismus, welcher »alle Gegenstände ebenso wie ihre
zen , daß sie häufig mit völkerpsychologischen Beziehung zu m R aum aufgelöst« hatte, sich zur
Aufgabe macht , »G egenstände u nd R aum bezie-
hu ngen wieder m öglich zu m ach et). D asselbe Pro-
blem hatte sich be re its Cezanne gestellt . [. . .] dabei
13 8 RIEGL, Das holländische Gruppenporträt ( 1902;
Wien 193 1),22 .
hatt e er o ft di e Perspekt ive, abe r selte n den leer en
13 9 Vg l.T I/OMA S ZA UNS C III RM, Systeme der Kunstge- R au m ausgesch alret.« (60 f.) Da s Spe zifische des
schichte (Wien (975). Ku bismus sei d ie Komposition eines »vo llen
140 J A NT Z EN (s. Anm. 54), 4 0 f. R aums aus einzel ne n Körpern , die sich in ver-
141 MAX RAPHA EL, R aumgesraltungen. Der Beginn der
modern en Kunst im Kubismus und im Werk von schiede ne Ri chtungen bewegen u nd diskontinu-
Georges Braque (entst, (949 ), hg. v. H.-J. Heinr ichs ierlich anei nan der stoßen, wobei jeder Kö rper von
(Frankfurt a. M.lNew York 19 8 6 ) . 6 3. eine m andern Sta ndpunkt gese hen ist« (75). Im -
IV. Vervi elfältigu ng der R au m konzept e in Moderne und G egenwart (20 .-2 1. Jahrhundert) 139

pressionismus, Expressionism us, Kub ism us, Kon - [948 bek ennt sich der Italie ner Lu cio Fonrana
stru krivismus und Abstraktion können mi th in als zum -spaz ia lismo- und nennt seine Perforationen
N amen für unterschiedliche Arten der Sprengung oder Leinwand-Piquagen ab den yoer Jahren CO II-
des konventionellen R aums verstande n we rden. cetti spaziali: »Q uan do lavoro, 1. ..1 non ho inten-
Der kubistische M aler j ean M et zin ger setzt seine zio ne di fare u n d ipin to: voglio aprire u n o spazio ,
neu e -rn etaphysisch e Per spekti ve .l'f in seine r ge- cre are un e nu o va dimensione de ll'arte. el'" (We n n
m einsam mit Albert G leizes verfaß te n Sch rift Oll ich arbe ite [. . . 1, ge h t es mi r ni cht darum, ei n Ge-
cubisnie ( 19 I2) ausdrü ck lic h zu m ni cht- euklidi- m äld e h erzu stell en : ich wi ll einen R aum er öffnen,
sche n R au m ins Verh ältni s: »We n n m an d en R aum eine ne ue Kunstdimension scha ffen .) In den öoer
der M aler mit einer Geometrie in Verbindung Jahren konstruieren Künstler wie Günther U eck er,
bringen wollte, m üsste m an sich auf die nicht-eu- j ean Tinguely und D aniel Spoerri R aumobj ekte.
klidi sch en M ath ematiker bezi eh en und gewisse Otto Piene bringt Lichträume h ervor. Di ese
Lehrsätze von (Ber nhard) Riemann ge nau über- -R aum plasrike n- leiten künstlerisch e Entwicklun-
denken .«143 Erste konstruktivistische R au m aus- gen ein , » die in die R ich tu ng des Enviro n m en ts,
griffe bekunden sich in N aum G abos und Antoi ne der frei räumli chen. stadträu m lichen oder innen-
Pevsners Rcolistiscticm Manifost ( 19 20) : »R au m u nd räumlic hen .Insrallatio. gehen un d da m it de n An-
Ze it sind un s heut e w iedergebo ren. R aum und sch lu ß an n eu ere internati onale Tende nzen fin-
Zeit sind d ie einzigen Formen, auf denen das Le- de n«150. In der Amsterdarn er Dylaby-Ausste llu ng
ben grü nde t, und von daher m uß d ie Ku nst ko n- von 1962 werden »G egenständ e u nd B ru ch stücke
struiert werden «. In N ähe zur gleichze itigen Ab - direkt im R au m angeordnet, angehäuft o h ne son-
lehnung fassade n hafi gesc hlossen er R au m kö r per derli che Planun g, nur dem Zufall d er Anordnun g
bei Mi es van der Roh e beh au pten sie, »daß m an
den R aum nur vo n innen nach außen in sein e
Tiefe, nicht von außen nach innen durch sein Vo-
lumen gestalten kann . Denn was ist d er absolute 142 Vgl. J EAN METZINGEIl an Alb ert G leizes (4. 7.
R aum anderes als eine ein zig zusam me n hängen de 1<)1 6), zit. n ac h FIlITZ METZINGEIl/DA NIEL 1l 01l-
u nd unbegr en zte T iefe ?«!' :' Ku rt Schw irte rs -Me rz- u lNs l J EA N METZINGEIl, Die En tsteh un g d es Kubis-
mu s, übers. v. F. M etzin ger (Fra nkfur t a. M . 1<)<)0),
bau - un d EI Lissitzky s -P ro u ne n rau m - erhe be n den
117·
Ra um selbst erstma lig zu m Ku nstgegen stand : »D er 143 J EAN METZINGEIl [aus: D u cubisiu e, 1<)121, d t. z it.
neu e Raum bra ucht und wi ll ke in e Bilder [. . .]. nach Will y R o rzler, Konstruktive Konzepte (Z ü ric h
Der Raunt ist fi ir d CII Menschen da - nicht der Mensch 1<)88),28.
144 NAUM GAuo l ANTOINE PEVSNEIl, [Grundprin zip ien
fiir den Raunt, [. . . 1 J·Vir wollen den Raunt als allS<~e­
des Konstruktivismus, Au szu g] ( 1920) , dt. zi t. nach
malten Sa~~fiir III1SCH'1I lebenden Kärper nicht IIl chr. « 145 U. Conrads (H g .), P ro gra mme u nd M anifeste zur
W ährend der Konstruktivism us von Kandinsky als Architektur des .10. J ahrhu nd erts (Braunsch we ig/
»reine o de r abstrakte Konstruktionen im R aum, Wiesbad en 19 81 ), 53.
oh ne prak tisch-zweckmäß ige Anwe nd u ng- 1 ~6 be- 145 EL L1 SSITZKY, Proun en K aum , G roße Berlin er
Kunstau sstellung ( 1<)23), in : EI Lissirzk y, 1<)2<). Ru ß-
grüßt wird, begi bt sich Paul Klee auf d ie Suche
land: Ar chitek tur fiir eine Weltrevolution ( 1<) 30 :
nach der raum lose n Flache: »D as R äumlich e un se- Uerlin / Fran k fur t a. M .lW ien 1<)65), II<)f.
rer Fläche ist im ag in är, O ft ist es für d en M aler ein 146 WASSILY KA NDINSKY , Pun kt und Lini e zu Fläch e
Konflikt. Er wi ll d ie dri tt e Di mension n icht illu so - ( 1926 ; Bern 1973), 114.
147 PAUL KLEE, D ie Orientieru ng im R aum de s W erk es
risch beh andeln. [... J Wenn dann die ses Flächige
(192 1- 1922) , in : Klee, D as bildn er isch e D enken .
in verschiedene Werte eing eteilt ist, ist es schwer Sc hriften zur Form- und Ge sralru ngslehre. hg. v,
zu verm eid en, daß ni cht eine gewisse R äum lich- J. Spill er (Basel/Stu rtga rr 1964), 4<).
keit en tsteht.«147 O skar Sch lemm er arb eitet im 148 OSKA Il SCHLEMMEil, zit . nach: R äum e und env iron-
Bauhaus D essau an der »plastisch en Verlebendi- m ents [Au sst.i-Kat .]. hg . v, Städ tische n Museu m Le-
verkusen (Kö ln / O plade n 19(9). 40.
gung« des Bühnenra ums u n d an de ssen Erweite-
14<) LUCIO FONTANA, A rch ivi o Lu cio Fontan a, Mi lan o
r ung »nach de r Seite de r m et aph ysisch en [Ausst.vKat.] (Brü ssel 1974), 7.
R äum e«!". 150 nUTZLEll (s. A nm . (43), 22(,.
140 R au m

unterli egend. Gegenstände [. .. J - emen gan zen rald Szeemaun 200 1 die 49. Bien nale vo n Ven ed ig
R aum fiillend«lsl. D onald J u dd , So l Lewitt und aus. 1S7 In der T heo rie bi ld u ng zu Ar beiten zei tge-
Da n Flavin krei er en in d er Au sstellu ng Primary nö ssische r Kün stler schei nt d ie Befragung de r
Structures 1966 in New York Objektr äu me. Ab R aumgestaltung o bligatorisch zu werden, wi e Eva
Mi tte der öoer Jah re ge h t die kün stleri sch e R aum- Schürmanns Studie zu j arn es Turrell 'j" und H an ne
ges taltung mi t dem partie lle n Auszug aus M u- Lo recks zu den Fotografien Cindy Sherrnans zei-
seu ms räu rn e n einher: »Kein e D efin itio n des R au- gen, die im H inblick auf das Verhältnis von
mes als Bannspruch ueber Leben d iges. App ell an -R au m lich keir und Ges chlechterkonstruktion- be -
die Artisten, nich t gegenwaertige R au msituatio n fragt werde n .159
ei nzu friere n u nd damit die Z u ku n ft zu ve rklei- Di e im mer häufiger zu beobachtende Präsent a-
stern. [. . .) M acht alle R aeu m e zugae ng lic h u nd tio n m oderner und zei tge nöss ischer Ku nst un ter
bewo h n bar.v'V Interventionen im n atürl ichen Be- d em R aumbegr iff (so etwa im J ah r 2002 in der
re ich wie di e Lan d- art vo n Ri chard Long o de r im Ausstellun g R aunie l, H, Hf in d er Neucn N ati o -
öffen tlic he n R au m wie d ie jüngste n von Pip ilotti nalgalerie Ber lin o der im T he me nheft -R au m - der
R ist u nd Sophie Calle ste llen herau sford ernde Zei tschrift Texte z ur K IIIISt IW ) verweist aber auch
künstlerisch-soziale R aumau sg riffe dar. A ktu elle darauf, daß er die letzte umfassende Bezeichn u ng
R au m k u nst im virtuellen Bereich bemüht hä ufig für die m odern e Vielfa lt künstlerischer St ilri chtu n-
Deleuze' und Gua ttaris Rhizom- und Plateaub e- ge n ist .
griff, u m -nich t- Iineare Techn iken in der Kunst<IS3
oder -H yper tex re ., aber auc h M aterial- C o llagen,
2. Philosophie-und A sthetik
Arbeiten im R au m als -am o r p he Syste rue .P", -Bild-
co nrainer-P'' u nd -R au m b ilder- Bildräu m e-P" vor- Parallel zur kun sth isto risch en R aumauffä ch eru ng
zus te llen; als -Plateau der M ensch heit<ri cht et e H a- und zur natu rw issensch aftlich en R au rn relativie-
ru ng e rhält die R aumfrage m it Begin n des 20. J h.
151 ROLF W EDEWER , R äum e und environm ents, in: auc h in de r Ph iloso p hie neu e Dri ng lic h keit. Der
R äum e und environments (s. Anm. 148), 19. R aum wird als vielgestaltiger Nah rau m m enschli-
152 lI ER NIIARD HO ECK E, Kommentar, in : ebd ., 93 . cher Erfahrung expliziert und m it den D im ensio-
153 Vgl. Kun stforum international, H . I SS (juni-juli
200 1) [Th em enh eft: Der geri ssene Faden . Ni chtli -
nen der m enschli ch en Wah rneh m ung, Existenz
near e Techniken in der Kunst] . u nd Leiblichkei t ins Verhältnis gesetzt.
154 Vgl. ROllERT FLECK . Peter Ke gler: Arbe iten im Pranz Brenran o hebt 1906 m it einer Kri tik am
R aum, in: ebd ., 194-197. absoluten R aum an und bestimmt das R äuml ich e
ISS Vgl, MARIUS lIAlI IAS , Von der Superfor m zum Bild -
als »R eales«, das imme r »deter m in iert, spezifiziert
co nrainer. Z u de n neu eren co mp ute rgestützten
Prints von Th e mas ß ayle, in : ebd., 199-20 1. un d individualisiert, für u ns [. .. ) nur nach relativen
156 Vgl. M A RTI N PES C H , R au m bilder -Bildr äum e. Z u Spez ifika tio ne n ansc ha u lich u nd begriffl ich denk -
den Arbeiten von J ulia Ziegler , in: Ku nstfo rum in- bar ist«1 61 . Ed m u nd Husserl be to nt in seinen Vo rle-
ternational, H . 153 (lanu ar-Marz 2001). 261-267. su nge n D ing 1I1/([ R aunt (1907) die »Inadaquatio n «
157 Vgl. Kunstforum int ernational, H . 156 (August- O k-
der Wa h rneh m u ng räumlicher D inge, da eine drei-
tob er 200 1),74- 175.
158 Vgl. EVA SC HÜ RM A N , Erscheinen und Wahrn eh- di mensiona le An sch auun g unm öglich sei: »Das gilt
men . Eine vergleichende Studie zur Kun st vo n für das M oment de r R au m gestalt ebenso wi e für
j am es Turrell und der Philosophie von Merleau- die ihr fu nd ier te R aumfiille.«162 Erst die Synthese
Po nty (M ünchen 2000).
vo n Perzeption un d Im aginatio n ge be eine adä-
159 Vgl. HANNE LO IlE CK, Gesch lechterfiguren und Kör-
permodelle: C indy Sherman (Mü nchen 2002). quate D ingwah rn ehmung. wobei letzter e das
160 Vgl. Texte zu r Kunst, N r.47 (Septem be r 2002) R äumli ch e auch als w ah rn eh m u ngsüber sch rei-
[Th ern en h efi -Raum- I. ten d e M ö glich keitskat ego rie, als »u nendliche
161 FIlANZ lI REN T A N O , Ph ilosophisch e Untersuc hungen M annigfaltigk eit m ö glich er Lagen" ( 1 2 1), als me-
zu Ra um , Zei t und Kon tinuum (1906; H arn bu rg
m als sic h tbares »Z w ischen « (26 1) eröffne.
1976), 209.
162 Vgl. ED MUN D B U SS ERL , Ding und R aum (1907; M artin H eid egger ve rlei h t in Sein und Z eit
H arn burg 1991), 52. ( 19 26) dem Rau m ein e exi ste nti ell-ontologische
IV. Vervielfaltigung de r R aumko nzepte in Moderne und Gegenwart (20.-21. Jah rh undert) 14 1

D im ensio n : »Das D asein abe r ist -in . de r Welt im der geometrischen Beh ält er vo rstellung als m ed iale
Sinne des besorgend-vertrauten Umgangs m it dem und re latio na le Größe, als »le m oyen par lequ el la
innerweltlich begegn enden Seienden . Wenn ihm positi on des choses devien t possibl e. [. .. ) nous d e-
so nach in irgendein er Weise R äumli chkeit zu - vo ns le penser com me la puissan ce uni verselle de
kommt, da n n ist das nur mö glich auf dem Grunde leurs co n nexio ns .«167 D ieses Vermö gen ist m ehr
dieses In- Seins«163. H eidegger s Beton ung der »we- no ch als vo n unserer visue lle n Wahrnehmung vo n
sen hafte n Tenden z auf N iihe« d es Da sein s führt bis un ser er Leibl ichkeit ab hängig: R aumreflex ion be-
heute zu ph än omen olo gisch en Bestimmungen de s d eutet in di esem Sin ne, hinter dem ge o me trische n
q ualitative n N ahraums. vo n Ludwig I3inswan ger s R aum d en ph ysisch en -verrä u ml iche n de n- R aum
1932 ge troffener Untersch eidung des gnos tische n , m it seine n qu alifizierten R egion en und sei ne n vir-
praktischen R aums vo m »p räsen tischen Erleben- l'" tue llen D im en sionen zu entdecke n: »L' espace clair,
auc h im »R au m der Path o logie- (209), den er in ce t honnet e espace Oll tous les o bjets o nt la m ern e
»Leibraurn « ( 188), »Ausd rucksrau m« ( 193), eine n a
im po rtance et le m eme droi t ex ister, esr non se u-
»gestim m ten R aum: ( 195) und eine n »Ansc ha u- lement entoure , m ais encore pen err e d e par t e n
un!,'Sraum« (197) differenziert, üb er Gaston Bach e- parr d 'une au tre spa tialite gu e les var iatio ns morbi-
lard s Poetique de l'espace ( 1957) und Otto Fri ed ri ch d es revelent.«16M Di eser umfa ssendere .geleb te-
I3ollnows Mensch und Raum (1963) bis zu Peter Slo- R au m offenb art sich unter and er em in de n Ph an -
terdijks dr eibändigen Spluircn (1998- 1999). tasme n der T räu m e; u nsere Geis tesve rfassu n g er-
In seine m 1951 ge halte ne n Vortrag B<1/1c/I, Hvh- klärt M erl eau -Pon ry daher zu einer Funktion un -
IICII, Denken bindet H eidegger in eine r etym o logi- sere r inneren R aumstruktu r.
schen Er ku ndu ng d ie Genese des R äumli ch en zu- In Weiterführu ng di eses An sat zes verortet H er -
rück an de n Ort: "Was di eses Wort -R au m - nennt, m ann Schmitz un ser Verhältn is zu m R au m in
sagt sei ne alte Bed eutun g. Raum, Rum hei ßt fre i- un ser er lei blich en Erfahrung vo n Weite un d Au s-
ge mac h ter Platz fiir Siedlung und Lager. Ein de h n ung und plädi ert dafiir , d ie »n ich to p risch eu
R aum ist etwas Ein geräumtes, Fre igegeben es, Weisen der R aumgegeb enheit in ihrer Eige nstän-
nämli ch in eine G re nze, gri echi sch rrcpc c; D ie digk eit her vorzuk ehren - '?". Au ch Gerno t B öhme
Gren ze ist nic ht das, wobei etwas aufhö rt, sondern, verweist auf die Wich tigkeit, »de n Standpunkt des
wi e die Griechen es erka n nte n , d ie Grenze ist je- erfahren de n Subjekts zu stärke n und zur G eltu ng
nes, vo n w oher etwas sei n IVCSCll bC,Rillllt. 1. . .1 zu bringen, w as es heißt, leiblich in R äu m en an-
R aum ist wesenhaft das Ein ger äumte, in seine wesen d zu sein« 17n. Wie scho n Elisabeth Ströker ' ?!
Gren ze Eingelasse ne . D as Ein ger äumte wird je- differenziert auc h Fran z Xa ver Baier den -gelebren
we ils gestattet und so ge fUgt. d . h. versam m elt R aum- hinsichtlich seiner w ahrn ehmungs- und
durch eine n Ort [. .. ). D CIIIII<1ch cIIIJ!f<1l1gell die
R aume ihr H1>sclI alls Orten und nicht alls , dt'III '
Raum.«165 Erst die Plätze di eser Orte erlaube n ei ne
Vermessun g des R äumli chen als »Abstand«, »Sta- 16 3 Vgl. M A RTI N H EID EGG ER . Sei n und Zei t ( 1926; Tü-
bin gen 1993). 104 f.
dion«, »sparium« oder »Z wi sche n rau m« ( 150) .
164 IlI N SW A N G ER (s. Anm . 57) , 208f
>Wo hnen- erhält hier eine o n to logische D irnen- 16 5 IIEID EG GER, Bauen Wohnen Denk en ( 1952), in :
sio n: »D ie Sterb lichen sind, das sag t: wohnend H eid egger, Vorträge und Au fsätze (Stu ttga rt 719 9 4 ) ,
durch steh en sie R äum e auf Grun d ihres Aufent- 148 f.
166 Vgl. H A N S WIELENS (Hg.). Bau en . Wohnen , Den -
halts bei Dingen und Orren .« (152) Di e darin ent -
ken . M art in H eidegger inspir iert Kün stler (Münste r
haltene exis tent ielle Au szeichnung des Bauens 1994).
wird in der ph än omenolo gisch en Tradition der 167 MAUR ICE M E RLEA U -I'O N T Y, Ph enomen olo gie de la
Architekturtheorie bi s heute weiterdiskutiert.166 perceprion (Pa ris 1945),28 I.
Der fran zösisch e Ph an omenologe M auri ce M er- 168 Ebd .,332.
169 SC HMITZ (s. Anm , 4 1) . 8 f.
leau-Pon ry näh ert sich d em R au m da gegen wahr-
170 GE RNO T BÖHM E, Leibl iche Anwesenh eit im R aum ,
nehm ungstheoreti sch un d bestimm t ihn in seiner in : Schirmbeck (s. Anm. 1), 98.
PIu'~lIolll ello lo.,!ic dc la pcrccption (194 5) in Abl ehnung 17J Vgl. ST RÖ KE ll (s. Anm . 4).
142 R aum

ha ndlungsbezogenen w ie psychisch -phan tasmati- gie-: »Si la trace, arc hi-phenomene de la -rnemoi re .
sch en Asp ekte in die »Vielfalt untersch iedlich ko n - qu 'i l fau t penser ava n t I' o ppositio n e ntre nature er
stru iert e r R äume"ln. W ol fgan g Welsch b eh auptet cu ltu re, an ima lite et hum an ite. etc ., appa rtien t au
sch lie ßlic h au f der Basis d er Leibperspektive. daß mouvement m eme de la sig n ificatio n , ce lle-ci est cl
-R äu me M en sch en bi ld en . und unser e Exi sten z priori ecrire, q u' o n l'i nscr ive ou non, sous une
-m o d u liere n-,173 forme o u so us une autre, dan s un eleme n t -sensib lc.
In politisch m otivierter U m ke hrung di eser indi- et -spatiak qu 'o n appe lle .ex te r ie ur. . Arch i- ecr itu re
vidualpsyc hologisch e n Persp ektive e rö rtert der H i- [. .. ], cetre trace est I' o uverture de la premiere ex te-
sto r ike r Michel de Ce rteau Ta ktiken der Sichtbar- r iorite en general, I'enigmariqu e rapport d u viva nt
m achu ng unterbeli chteter R äum e und so w o hl in- a a
so n au tre e r d 'un d ed an s so n dehors: I' espace-
di vidu ell e als auch koll ektive Stra tegien der m ent. ,,175
R auman eignung. Zu di esem Z w eck untersch eidet Vor allem wi sse nschaftskriti sch o r ie nt ie r t, kon-
er zwisc he n O rt und R aum: »Est un lieu l'o rd re zentrieren sic h D el eu zez'Guattar i, di e ber eit s in der
[. .. 1 selo n lequ el les ele me n ts so nt distrib u es dan s Fo r m ihres Buch es Mille Plateaus: ei ne the ma tische
les rappo rts d e coex isre nc e«: de r R au m dagegen sei Eb e n e nviel falt zur var iab le n Lektür e bieten möch-
»u n cro ise m e nt de m obiles. 11 esr en qu el qu e so r te ten , auf An alyse n von R au m ko die runge n in
an im e par l' en semble d es m ouvements qui s'y de- m achtpolitisch e n. e pis te mologischen un d künstle-
pl oi ent. [. . .] En so m m e, 1' 1'51' <1((' ('SI 1111 licu pratique. ri sch en Modell en und unter sch eid en di ese im
Ainsi la ru e geometr iq uemen r defi n ie par un urba- Hinblick au f zwei R aumforrn ati oneu : »L'espace
ni sm e est tran sforrnee e n espace par les m ar ch eurs, lisse e r I' espace str ie, - I' espace nomad e et I' espace
D e me rne, la lectu re est I' espace p ro du it par la pra- sede n taire, - I' espace OLl se d eveloppe la m achi n e
tiqu e d u lieu q ue co nstitu e u n sysreme de signes - de guerre et l' espace instime par l'appar eil d'Erat s-

u n ecr it.,,174 In ei ner nn ri- heidegger ian ischen ne so nt pas de m e rne na tu re.e' ?" D e n >geke rbte n
We n du ng se tzt er dahe r d e m »erre- lä d 'un m ort« R aum - d er W issensfeld e r als Ergeb ni s ein en gende r
als »lo i d 'un lieu « die ak tive H ervorbringung des Taxonomien und m etho disch er Ver einheitl i-
R aums e ntgege n »par d es opi rations qui , affect ees a ch u ngs verfah re n suc h en sie in spatialisiere nde n
a a
un e pierre, un ar b re o u II1l etre humain , spe ci- Entziffer un gsverfahren und b egrifflich en D iffer en -
fient des >esp aces< par les ac tions d e S I ~i('IS h isrori- zie ru ngen e r neu t zu -glätre n . u nd in -ano rgan ische-
q ues « ( 174) . M anni gfalt igk eite n zurückzuvorwandeln . Dank ih -
In Weite rfiih ru n g d es französischen Strukturalis- rer M ethode de r -Telesko p ie ru ng , wi ssenschaftli-
mus un d gleichzei tiger Krit ik an ih m suc h t der ch e r und lit erar isch er Tex te und ästh etische r
Philo so ph j acqu es D errid a ei n den m et aphysisch en D enkprozesse e nt decke n sie R aum viel falten in den
Logozentrismus unterl aufendes m at erial- rä umli - Komposition e n von Pierre Bo ulez eb enso w ie in
ches Ve rbin dun gsglied zwische n N atur und Kultur den Literaturen von Proust, Kafk a, Vi rgin ia Wo ol f
u nd begrü n det in ei ner solc he n -Spur- - als de m o de r in den m ath emati sche n R äume n R iom an ns.
an de re n Namen fiir einen e rweite rten Schriftb e- Ih re Sc h r ift ste llt dahe r ein he rau srage nd es 13ei-
griff - sein e neu e Wissen schaft der -G ram m ato lo - sp iel fiir di e ze itge nössische disziplin äre Entgren -
zung und di e Eröffnung eine s Un bestim mtheitsfel-
des zw ischen Philosophie, Lite ratur- und M edi en -
th eorie dar. In di esem Feld der lntertexrualirät,
17 2 Vgl. FRANZ XAVE/l II AI ER. Der R aum . Prolego mena lntermedialirär und D ekonsrruktion w ird sowo hl
zu eine r Th eorie des gelebten R aums (Kö ln 1996 ).
m edial Verschied e nes in Bezieh un g gese tzt w ie die

173 Vgl. W O Lf G A NG W ELSCH, R äume bilden Men- gegebene -Textu r- au f ihre inhärente n H etero to-
schen, in : Sch irmbeck (s. Anm. I). 20 . pien durch leuchte t.
174 M ICH EL D E C EIl T EA U , L'inven tion du quotidien . Als Vorl äufer so lch raum o r ientierte r Lektüre n
Ud . I ( 1980; Paris 2002 ), 172 f.
kann bereits der amer ikan ische Lit er aturwissen -
175 J A C Q U ES DE IlR IDA . De la grammatologie (Paris
196 7). 103. sc haftle r j o sep h Frank mit seine n In te rpretatio ne n
17 6 DEL EU Z E/ G UAT T A llI (An m , 135). 592 . d er Ged ich te und R oman e vo n T. S. Eliot, Ezra
IV. Vervielfältigu ng der R aum ko nzepre in Moderne und G egen wa rt ( 2 0.-2 1. j ahrhundert) 143

Pound, M arcel Proust und j am es J oyce gelten . 177 di tcrmin», iI est deveuu l'espacc quelconque identique a
In derselb en Tr aditi on ste h t auc h M cLuhan , wenn la puissancc de l'esprit- (165). In den R äum en Min-
er in literar isch en Ver fahr en R aurn anth ro pomo r- nellis »le reve devient espace « (167), im Farben-
ph isierungen herausstellt und beispielsweise in raum Antonionis »la co uleur porte l' espace jus-
j oyce' Ulysses eine Gleich setzu ng der städ te bauli- qu' au vide « ( 168), bei R ossellini ent dec kt er »espa-
chen Formen mit m en schli ch en Körperorgan en ces in d efinis lunair es« ( 170) .
gegebe n sieh t. 178
Deleuze dagegen suc ht den R aum der Ku nst-
3. Anhitcktunhcoric
we rke aus o rganische n Zuschnitten zu befrei en ; in
der Freilegun g amorph-unbcwußter R aum ko die- Di e Architekturtheorie entfalte t er st mit dem aus-
rungen ste llt er Korrespondenze n zw ische n litera - ge hende n 19. Jh . eine n R aumbegriff. w ie Kenneth
risch en und phi losop hisch en Texten, Ma lerei und Frampron in Studies in Teetonic Culturc (1996) zu
Film her. System atisch entwickelt er in Logioue du seinem eigenen Erstaun en vermerkt: »T he grea t
sens (1969) mit der Figur Alice aus Lewis Ca rrolls French arc hi tectural theorist Eugene Emman uel
Texten ein e Ph iloso phie de r nich t pe rspektivisch Vio llet- le-D uc wou ld corn pile his rnagn um op us
vert iefte n O berfläche nexiste nz . In K'ijka - pOllr lilie of 1872, h is Entrctiens sur l'architecture, wi tho ut once
iitterature nuneure ( 1973) bestimmt er die ho r izon - using th e ter rn spac e in a m o dern sense . Twen ry
tale Trau m architektur der R o mane Kafkas u nd die years larer no thing co uld be further from the str uc-
R aum /luchten des Prot ago nisten als Schr iftstrate - tualism of Vio llet-le-D uc's thought than the pr i-
gie n der Verzeitlich un g des R au ms. Lc Pli. Lcilmiz ma cy g iven to spac e as an end in itself in August
et le baroque ( 1988) entfa lte t m it Leibn iz' Monadolo- Schmarsow's Das Il/escll der architehtonischen Schop-
gic ein D enken des R aums als un endlich e Ein fal- fi /llg [... ), first published in 1894 . Like m an y other
tu ng; Logique de la seusotiou (1984) deutet di e G e- th eorists before him , Schmarsow would advance
mälde Fran cis Bacons als affektive Entfigu rierun- th e pr imitive hut as th e primordial shel te r, o nly
gen des R aums. Und schließl ich dehnt er seine this tim e he would see it as a spa tial rn arr ix , or
R aum üb erl egungen soga r auf den Film als Z eit - what he would call th e R aumgestalterin [. . .). To a
kun st par excellence aus und skizz ie rt in seine r er- grea te r exte nt perh aps th an any o th er late nin e-
ste n Kin ostudie L 'illltlge-II/ollvcmcllt ( 19 8 3 ) Insze- teenth-cenru ry th eo r ist, incl ud ing th e scu lpto r
nierungen vo n »espaces quelconques« in Film en Ad olf vo n Hildebrand, w ho gave primacy to kinet-
von Dreyer , Bresson, WeHes, Antonioni , Fellini , ic vision, and Gottfr ied Se m pe r. from wh om
R esnais, Godard, Ri vette und ande re r: »Bien qu e Schrnarsow deri ved his thesi s, Schmarsow carne to
le gro s plan ex traie le visage [. .. ) de toure coor- see the evo lut io n of arc hi tec ture as th e pro gressive
donnee spa rio-te m pore lle, il peur emporter avec unfolding of m an 's feeling of space, what he called
soi un espace-tem ps qui lui est propre [.. .). Et tan - R,t11l/1gdi"illl.<,J80 Di ese Raum em phase in der Ar chi -
tot c'es t la profondeur de charn p q ui dote le gros tekturtheorie bringt Frampton mit der verände rte n
plan d'un arrier e, tau to t au co ntraire c'est la nega- R aum - Z eit- Erfahru ng, bedingt durch technologi -
tio n de Ja per spectiv e er de la pro fondeur q ui assi- sche N eu erungen wi e Eisenbahn , Automobil,
m ile le plan m oyen a un gros plan .« -Belieb ige . Flugze ug, in Z usam m enha ng. Äh nlich der philo -
Räum e »de valeur tacti le« unter dem G eset z de r so phischen Existenti alisieru ng des Ra ums leitet
»fragm entario n«!" sieht Deleuze - in N ähe zu
Walt er Benj amin - dank der medien eigen en Ver-
fahre n entste he n. Er unterscheidet den -gothi- 17 7 V gl. J O SEPII FRA NK , Spatial Form in M odern Litera-
sehen . expressio nistische n Film , »q ui potentialise ture, in: Th e Sewane e R eview 53 (1945), 221-240,
l'e space, en en faisanr quelque chose d'illimite« 433 - 45 6 ,643-053.
durch »inversio n des valeurs claires et o bsc ures, par 178 Vgl. M CL U HA N (s. Anm . (22). 123.
179 DEL EUZ E, L'im age-mouvem ent (Paris (983), 153.
un e inversion de perspecrive « (157 f.), vo n der »abs-
180 KENNET H FRA M PTON . tudies in Teeton ic Cultu re:
traction lyrique« (158) der Film e vo n Sternber g, The Poetics of Constru ction in Ninereen th and
Dreyer o der Bresson , in welchen »l'espace 11'est plus Twentie rh Century Archirecture (C hicago (996), I.
144 R au m

auch Schrn arsow das Wesen der Architektur aus der m ater ialistisch en O rient ieru ng der Z eit anz u-
der N atu r de r m en schlich en R aum vorstellung ab : lasten , da R aum let zten Endes »Iibe rty o f rn ove-
»so bald w ir uns selbst und un s allein als Cent ru m rnen t«182 sei. An der R aum frage spalte t sich denn
di eses R au m es fiihlen gele rn t, desse n Ri ch tu ngs- auc h das Lager d er M o dern en in die eher sachli-
axe n sich in u ns sch ne ide n, so ist auc h d er wert- che n R aum vergessenen u nd di e ut o pistisch en
vo lle Kern gegeben, das Kapi tal gleichsa m des ar- R aurn en rwerfer. J ürgen Pah l allerdings bringt 1999
chitekto nischen Schaffens begrü ndet [. . .). R aum- rüc kblickend fiir jede de r m o dernen Stilr icht un-
gefiihl und R au m ph antasie drän gen zur ge n e inen R aum bezug in Anschlag; analog zu den
R aumgestaltung und suc he n ih re Befried igung in vo n ih m aufges te llte n »fü nf Säulen«183 der m od er-
ei ner Kunst; w ir nennen sie Ar ch itektur u nd kön - nen Arch itekt ur (Ko nstru ktivism us, Funkti on alis-
nen sie de ut sch kur zw eg als R aunwcstalterin be- m us, biomo rp he Architektur, R atio nalismu s,
ze ic hne n .«181 Über zeu gt davon , daß R aumgestal- skulp tur ale Architektur) sprich t er vo n raum-
tu ng vo n in ne n her erfo lgen müsse, kritisiert er d ie durchdringen den , raum-fügenden, raum -gr eife n-
»Aesth etiker d er Archi tektur «, die »d ie R aum en t- den, raum-begre nze nde n und raum-füllen de n
falru ng, d ie R au m perspekt ive und R au m ko m posi- Entw urfspara me te rn u nd fügt fiir das 2 1. Jh . noch
tio n vö llig außer Acht« lassen un d d en »fest beh ar- weit ere hin zu : die raum- lösenden der Postm o-
renden R aumk örper- (2 1) erö rte rn, was nach ihm de rne un d di e raum -sprenge nden der D ek on stru k-
zu r »N ach barku nsr, nämli ch zur Plastik« (24) ge - tio n.
hört. Au ch am Städ teba u int er essiert ihn di e Um- Di e arc hite kto nische R aum pluralisieru ng hebt
wa ndlu ng von Au ßenräum en in ein neu es -o rgani- zu Begi n n des 20 . Jh . wi e in den bild enden Kü n-
sches G an zes-. ste n mi t d er Form ulieru ng avantga rd istische r Posi-
Sch ma rsows Bindung des R äum lich en ans An - tion en an : Paul Seheerbart begrü ßt (w ie Bruno
thropo morphe läß t scho n erah nen, daß di e Theo- Taut) in G iasardiitck tur (19 14) die mit der Eisen-
riebi ldun g mithi lfe des R äu ml ich en zu nä chst im kon stru kt io n er öffne te M ö glichkeit neu er, schwe-
hu m anistisch gesin n te n, tradi tionalistisch en Archi - relo ser R aum gestaltun g.184 Das Manijcst V vo n Dc
te kte nlager gesc h ieh t: In diesem Sinn sprich t T hc S tijl ( 1923) phant asiert no ch eine Z usamm enfüh-
Architeaure 01 Hum anism ( 1914) von Geoffrey Scott run g der unter schi edl ich en R au m dim ensio n en.
de m Arch it ekton isch en das »m o no po ly of space« »W ir haben die Gesetze d es R aums und ih re
zu. D essen Vernach lässigu ng des R äu m lich en sei un endlichen Vari ation en (d . h . R aum ko nt raste.
R aum d isson an zen , R au m ergän zungen) geprü ft
un d festgestellt, daß alle di ese Vari ation en zu eine r
ausge w ogene n Ein heit zusa m m enge fiigt werd en
I S I AUGU ST SC II MA IlSOW , Das Wesen der arc hitekto ni-
sche n Schö pfu ng (Leipzig 1 S94), I I .
k önn en. el'" D er Expre ssio nist H ermann Finsterlin
18 2 GEOH IlE Y SCOTT , T he Ar chirecrur c of H um anism. ru ft in Casil N ova ( 1924) dazu auf, beim Bau en
A Stu dy in the H isto ry of Taste ( 19 14; N ew Yor kl vo m »Rau me rleb n is«186 auszuge he n ; der Surrealist
Lo ndo n 19 99) , 168f. Fred e ri ck Kiesler forde rt in R aumstadtbau (1926)
18] J Ü IlG EN PAIII., Architekturtheor ie des 20. j ahrhun-
»d en Vitalbau . die R au m sradt, die fu nktio nelle Ar-
dem. Zeit-Räume (M ünchen/ Lo ndo n/ N ew York
(999 ), 57· chi te k tur: d en Bau , d er d er Elastiz ität der Lebe ns-
184 Vgl. PA UI. SC IIEE Il Il A IlT , Glasarch itektur ( 19 14) , hg. fun kt io n adäq ua t ist«187. H ans Scharo u n entwirft
v. H . Gei serr /E N eumever (Berlin 2 000) , I ] . »d urc h das Spiel der durch das ganze H aus führe n-
18 5 T IIEO VAN D O ESß U IlG / c O Il VAN EESTEIlEN /G EIl Il IT
den Ac hse als Linie gegen R aum «188 küh ne
IlI ET V EL D , M ani fest V (192] ); dt.: übers. v, H . Ko rs-
sako ff-Sc hr öder, in : Conrads (s. Anm. (44), 62 . R aurnskulptu ren .
18 6 II ERM AN N PI N ST EIlI.l N , Cas a N ova ( 1924), in : ebd., Ab er au ch der sachliche r or ient ierte Bauh ausar-
So. ch itekt Walter Gropius artikuliert 1930 ein »veran-
18 7 m lm lHl l cK KIES I.ER, R aumstadt bau (1926), in : ebd.,
dertes R aum empfinden. das di e Bewegu ng, d en
92 .
Verkehr un ser er Z ei t, in eine r Auflo ckeru ng des
18 8 II A N S SC HAIlOUN an W Lotz (1927), zit. nach
Schi rmbeck (s. Anm . I) , 11 0. In nenrau m es mit d em Allraum zu erhalte n
189 WAI.TER G RO P IUS , zit. nac h ebd .. 10 8 . suc h t«189. Mi es van der R o he bezeich net 1923 die
[V. Vervie lfältigung der R au m ko nzepte in M odern e un d Gegenwart (20.-2 1. Jahrhundert) 145

Baukunst als »raumgefaßter Z eirwille«!'" und be- fiir die räumliche Zusam me nsetzung geno rm ter
antwo rtet später die Frage [Vas wäre Beton, was Teile un d dam it G rundlehre der Vorfabr ikat ion .
Stahl ohne Spiegelglas? (1933 ) folgende rmaßen: »D ie [. .. ] Erst die M odulation der R aumstruktur nach
raumstürzen de M ach t beider [Materi alien Art , Größe, M ater ial un d Position erlaub t das
d. Verf.]« lasse »ein M aß an Freih eit in der räumli- Wagni s, ie als um fassendes städ tebauliches Ord-
chen Gestaltu ng , auf das w ir nich t m ehr verzichte n nu ngsmittel anzubiete n. [. .. ] Dank de r Ordnung
werden «'?' . Dagob ert Frey sieht in seiner H-rsCllsbe- des R aumes paßt sich die baul ich e Substanz jede r
stimmllllg der Architektur ( 1925) deren U nt erschied to pografische n Gegebe nhei t an [. . .]. Di e R au m-
zu Plastik und Malerei darin gege be n, daß sie »freie stadt ist das stru kture lle, systema tisierte, pr äfabri-
räumliche Gebilde schafft, also FRE [ produei crend ziert e, montierb are und dem onri erb are, wachsend e
ist. I92 . Laszlo M oh oly-Nagy pr eist 1929 die Archi - und schru mpfende, anp assungsfä hige, klim atisiert e,
tektur als » erlebbare R numb eziehung« und als m ultifun kti on ale R aum labyr inth.el'" Ein e ratio na-
»Gliederung des un iversellen R aurn w '":'. lisiert e R aumorganisatio n befürw orten auc h Wal-
In der üb erarb eitet en und erweit erten deutsch- ter Piehier un d H ans H ollein in Ab solute Architektur
sprac hige n Fassung ( 1976) seine r epoc he mac he n- (1962): »Archirektur beh errscht den R au m . 13e-
den Schrift Space, Time and Architccture vo n 1941 her rscht ihn , ind em sie in die H öh e schieß t, die
diagnostiziert Sigfried Gi edion, Theor et iker der Erde aushö hlt, wei t auskrage nd über dem Land
C [AM (C ong res Int ern ation au x d 'Architecture schwebt, sich in alle Ri chtungen ausbreitet. Be-
Modern e), eine gew isse Konvergenz der vo range- herrsch t ih n durch M asse und Leere. Beh errsch t
henden rivalisierenden R aum kon zept e. Denn R aum durch R aum . [. .. ] H ellte ist der M en sch
selbst in Le Corbusiers Kirch e von R on cham p H err üb er den unendlichen R au m.«I96 G egen die-
( 1955) beob acht et er 'plastische Tende nzen-, w ie sen H er rschaftsgestus klagt 1962 Aldo van Eyck er-
sie dan n in Jorn Utzon s O pern haus von Sydne y neu t die besch eiden e Beachtung von Ortsvalenz en
(1957) und in Kuni o M aekawas Festival H all in To- ein: »W harever space and time m ean , place and oc-
kio (196 1) ihren H öh epunkt find en . Diese ergebe n casio n m ean m or e, for space in th e im age of man is
sich aus der erneu ten Beachtung des Au ßenraums: place and tim e in the image of man occasion .«197
.,Formen strahlen R au m aus und modellieren ihn . Und H erman n H ert zberger tri tt 1972 für kleint ei-
H eu te ist uns wieder bew ußt, daß Formen, Ober-
flächen und Flächen nicht nur den um schl ossen en
R aum mod ellieren . Als kon stitui ere;ld es Eleme nt
von freisteh end en Volum en wirken sie ebenso
kraftvoll weit üb er die G renzen ihr er eigentlich
190 M I ES VA N D EIl 1l0 H E, Arbeitsth esen ( 1923). zit. nach
meßbaren D imension hin aus. [. . . 1 H eute sind wir Conrads (s. Anl11 . 144), 70.
wiede r em pfänglich geworde n fiir die rauma us- 191 VAN DER RO HE , Was wäre Beton , was Stah l o hne
strahlende Kraft von Vol um en . « 194 Analog zu Al- Spiegelglas? (1933), in: Fritz Ne umever. Q uelle n-
bert o G iaco me tris raumerzeugenden Plastiken Pour texte zur Arch itekturtheor ie (M ünc hen/ London/
N ew Yor k 2002), 412 f.
une place ( 1930) sieht er in Le C orbusiers Stadtzen- J92 D A GO IIEIIT FIl EY, Wesensbestinuuun g der Archi tek-
trum von Sr. Di e ( 1946) die verschi ed en en Bauten tur (1925), in: ebd ., 4 17.
so entworfen, »daß j eder seine eigene räumliche 193 lA SZl O M O Il OlY- NA GY . Von M ater ial zu Archit ek -
Atm osph äre ausstrahlt und gleichzeitig j ed er in na- tur (M ünche n (929). 211, 199.
194 SIGF RIED G IED ION . R aum, Zei t. Arch itektu r. D ie
her Beziehung zum Ganzen steht. (29): » Es entste-
Entstehu ng eine r neu en Tradition (194 1; Zürich/
hen Plätze ohne M auern . Einer der ersten Plätze M ünch en 1989), 29.
dieser Art ist der dreieck ige Platz der Drei Gewal- 195 EC KH A Il D SC IIUlZE- FIE LlTZ. Die R aum stadt
ten in Brasilin ( 1957- 1960) . « (Jo) (1960). in: Conrads (s. Anl11. 144). 168 f.
In den yoer und öoer Jah ren wird die R aum- 196 W A LTEIl l' l eH l EIl /H AN S H OI. LEI N , Absolut e Archi-
tektur (1962), in: ebd ., 175.
frage in die Städtebaudi sku ssion int egri ert , wi e in
197 A LD O VA N EYC K , T he Med icine of R eciprocity
Die Raumstadt ( 1960) von Eckhard Schulze- Fielitz: Tenrarively lllusrrated, in : Architects Yearbook 10
..Die Systematisier ung des R aumes ist Bedingung (London (962), 174.
146 R au m

lige »R aumgliederung-l ?" als Entwurfspri nzip und hierarchi es are soug ht. A respec t for diversity and
dafür ein, daß -die Form des R aums- den Benu t- differen ce is enco uraged .s? " Joh n R aj chman ent-
zern Ges taltu ngs freihe ite n biete. Ju hani Pallasmaa zieh t durch Ge danke n zur -En tg rü n du ng - (un-
plädiert anges ichts der Tatsach e, da ß »the co m pres- gro unding)202 de r Architektur ih r Fundam ent und
sio n of time- space has caused th e spatialisatio n of denkt m it einer Aufw ertu ng des -Anywhe re ., des
tim e and the tem po ralization of space,, 199, fiir ar- bel ieb igen R au ms, die Stadt als Prozeß : -becom-
ch itek tonische Lan gsamk eit, eine neu e Plastizität ing_city <.203
des Gebä udes u nd die Abkehr vom D iktat fotoge-
ne r Sichtbarkeit des R aums.
4. Soziologie II l1d Medientheorie
In der dekonstru ktive n R ichtung der zeitgenös-
sische n Archit ektur w ird der R aum als .dislocatio n . Di e m odern e Soziol ogie begegn et de r sukzessiven
(M ark Wigley)200, -D iagranu u- (C oop Himmel- R aumdiffer en zierung häufi g mit Besch reibu ngen
blau) oder -Ere ignis . im m er mit Z eit verschränkt des Ver falls tradi tioneller Ver gesellsch aftu ngsfor-
ge dac ht . M it Be rn ard T schumi, Peter Eisenman men un d dem Au fru f nach Rü ckb esinnung auf
und Greg Lynn form uliert J effrey Kip nis seine Kr i- no twendige Vero rtu ngsstrategien . In Weiterftih-
tik an architektonischen Konventionen als Au fru f rung ei ne r These des Soziologe n Georg Simmel,
zu heterogener R au m ent faltun g. »H ererogeneo us wo nac h der m oderne R aum seine Fun ktion als
spaces th at do not suppo rt establishe d catego ri cal G rundlage sozialer O rga nisation aufgru nd der ab-
strakte r we rde nde n Vergesellschaftun gsfor men
(z. B. der Geldwirtsch afi) einge büß t habe204, be-
198 H ERM AN N II ERT ZBER GER, Cerirraal Beh eer, Apel - klagt Ri chard Sennett 1974 das Absterben de s städ-
doorn ( 197 2) , zit. nach Schirmbeck (s. Anm. I), tisch en R aums in einer -Tyrannei der Int imität<20s:
u6 .
»the pu blic space has becorne a derivative of move-
199 J UH ANI PAL LASMAA . Six Thein es for th e N exr Mil-
len nium , in: Archirecrural R eview 196, H . 1169 me nt. T he idea of space as derivative from motion
(Juli (99 4),75 . parallels exac tly the relat io ns of space to mo tion
200 Vgl. MARK W I G LEY, D eco n structivist Arc hitec ture produ ced by the pri vate auto m obile.ee'" H att e be-
(1988) , in: C. j encks/ K, Kropf (H g.), T heo ries and reits H anna Ar en dt in Tlic Human Coudition (1958)
M anifestces of C ontem pora ry Ar chitecture (C hi-
das Absterb en des öffentliche n R aums seit der An-
ehes te r (997). 292.
201 J EFFREY KIP NI S, Tow ards an N ew Ar chitecture: Fol- tike beklagt , sieh t ihn Vilem Flusser in der -infor-
ding, in: ebd., 12 I. mariseh en R evol ut ion - defini tiv verschwinden:
202 Vgl. J OH N RAJ CHMA N , Sorne Sen ses o f .G ro u nd- »Wo bisher der ö ffent liche R aum, der Stad tplatz.
in: C. C. Da vid son (H g.), Anybody [Konferenz im
das Fo ru m offen stand, we rde n in nah er Zu kunft
M useo Na ciona l de Bellas Artes in Buen os Aires,
Ar genti na, J un i 1996J (C ambridge, M ass, 1997), strahlenfö r m ig und net zfö rm ig stru kturierte Ka-
154-161. näle liegen. ,,207
203 Vgl. RAJ CHMAN, Anywhere and Nowhere, in: C. C. Pierre Bourdieu kr itisiert dagegen die nach wie
Davidson (Hg.), An ywhere [Konfe renz in Yufuin, vor he rrsc haftsor ientierte -syrubolische Besetzung.
Japan.Juni 1992J (N ew York 1992),228-2 33.
des R aum s: »L' espace so cial est cons truit de teile
204 Vgl. GE O RG SI M MEL, Soziologie des R aum es ( 190 3),
in: Simmel, Schriften zur Soziologie, hg. v. H .-J. man iere qu e les agents o u [es groupes y sont distri-
Dahme/O, R am msredr (Frankfurt a. M . 1983), 221- bu es en fon cti o n de leu r position da ns [es distr ibu-
242. tio ns statistiques selo n les deux principcs de d!ffereula-
205 Vgl. Ill C H A RD SE N N ETT, T he Fall of Public Man
tion qu i [.. .) sont [.. .) le capital eco no m ique et le
(197 6; Ca ntbridge 1977); dt .: Verfall und End e des
öffentlichen Leb ens. Die Tyrannei der Intim ität, capital cultu rel.e !" H ier klin gen Siegfried Kracau-
üb ers. v. R . Kaiser (198 3: Frankfurt a. M . 1991). ers Beo bach tungen aus der Großstadt der zoer
206 Ebd., q . Jah re an, daß jede Ge sellschaftsschi cht »den ihr zu-
207 VI LEM FL U SSE R, Der städtische Raum und die n euen geord ne te n R aum " einn im mt , vo m Generaldirek-
Techn ologi en (1985), in : Flusser, Na ch geschi cht en .
Essays, Vorträge, Glossen (D üsseldo rf 1990),33 .
to r m it seine m »neusachlichen Arb eitszimmer"
208 Vg l, !' IE RRE BOUllDIE U , R aisons pratique s. Sur la üb er den »charakteristischen O rt der kleinen, ab-
th eorie de l'actio n (Paris 1994). 20. hängigen Existe nze n" bis zu de m »fü r die Erwerbs-
IV. Vervi elfaltigu ng der R aumko nzepte in M o dern e und Ge ge nwar t (20.-2 I. Jah rhu nd ert) 147

losen typi schen R aum«, der »dafür das G egenteil den durch d ie Beachtung der Pro zesse der R eko n-
eines H eim s und gew iß kein Leb en sraum-'"? ist. figurati on so zialer R äume: »D ie Vermutun g liegt
»[ eder typi sch e R aum w ird durch typische gesell- nahe, daß wir m it eine m W iedereintritt des Raunies
schaftliche Verhältn isse zustand e ge brach t, di e sich ko nfr ontiert werden , der gerade d ur ch di e ver-
o hne di e stö rende D azwi schenku nft de s Bew uß t- meintl ich e Suspe nd ie ru ng des R aum es pro vo ziert
seins in ihm ausdrücke n . Alles vo m Bewu ßtsein w ird «217; vielleich t werde ja D et err itorialisienmg
Verleugnet e, alles, was so nst ge flissentlich über se- durch .G lo kalisierung. ersetzt."!" In »glo kalen
hen w ird, ist an seine m Aufbau beteiligt . D ie H andlu ngsareuen« ( 199) w ird räumli ch e Entfer-
R aumbilder sind die Träume der Ges ellscha ft. Wo n ung kompen siert du rch wa chsend e -Ra umso u-
im m er d ie H iero glyphe irgendein es R aumbildes ve riin ität- virtueller G em einschaften .
entziffert ist, dort biet et sich der Grund der so zia- Di ese H offnu ng auf neue, virt ue lle R au mso u-
len Wi rklichkeit dar.« (32) veränität teilt Florian R ötzer indes ni cht. In seinen
G ö tz Groß klaus zeichn et die Entwicklun g von Überlegungen zu m C yberspac e m acht er gege n
der »Kolokalitär un d Ko präsenz« so lch stru ktur ier- Saskia Sassen un d de re n Pro gn ose, daß selbst im
ter Ge sellsch aften zum m od ernen R au m als die Z eit alter der Telek ommuni kati on urban e Z onen
der Ablösun g soz io kultureller H andlu ngen vo n der aufgr und ihr er Logistik und Ballun gskap azit ät wei-
U m geb ung un d dam it einer der »Sin n- Entlee- terhin di e zentra le R oll e spielen werden "!", Ein-
rung«21tJ nach . U nd M are Aug e diagnos tiziert, daß wände gelte nd: D ie »D urchd ring ung des R au ms
»la surm ode rnite est prod uctrice de no n-l ieu x, m it di git alen Ko m mu nikario nsnerzen« beschleu -
c'e st-ä - di re d' espaces q ui ne so nr pas eux- rnem es nige ehe r di e Tenden z der »m o bilmachenden M o-
des lieu x anth ro po log iques er q ui [.. . ] n' in reg ren t derne« zur D ez entralisierung un d bri nge eine
pas les lieux anciens-"!' . N ich t- Orte en tstü nde n »Ü bersch reitu ng und Vernichtung von G re nzen
aus der paradoxen Situ ati on, daß die we ltwei te n räumlich er, zeitli cher, geopolitischer, so zialer, ku 1-
Vern etzungen gleichze itig zu eine m »retrecisse-
ment de la plane re« un d zu eine m »exces
d'espace«21 2 führen : Di e fiktive n und im ag in ären .20~ SIEG FRIE D KRA C A U ER, Ü be r Arbeit snach weise.
R äum e sind losgelöst vo n Au gen zeugensch aft und Kon struktion eines R aumes (I ~3 0), in: Kracauer,
De r verbotene Blick . hg. v. J. R osenbe rg (Leipzig
br ingen nicht-sym bo lisierte O rt e her vor: Transit-
1~9.2) , 3 1.
räu me, Vertei lerorte . .2 10 GÖ TZ G ROSS KLAUS. M edien - Z eit . M ed ien -Raum .
»D ie Ausdifferen zierung der Ge sellschaft spiegelt Z um Wandel der raum zeitlichen Wahrn ehm un g in
sich heute in der Au sdifferenzierung de s R aums - der M od ern e (Frankfur t a. M . 1 ~~ 5 ) , 13.
.2 11 M A RC A U GI:, N on - lieu x. Intro duet io n J une anthro-
H et ero geni tät in H etero typiee' P . Als einer der we-
po log ie de la surmo de rn ire (Par is 1 ~~.2) , 100; dt .:
nigen sieht Ulrich Beck nicht nur reale R aum ver- O rte und N icht-Ort e. Vorüberlegungen zu eine r
luste, so ndern »Vielörtlichkeir- und »O rtspo lyga- Ethno logie der Einsam kei t, ü bers . v. M. Bisehoff
m ie der Leb en sform en «?':' geg ebe n ; in Anl e hn un g (Frankfurt a. M . I ~~.Ü , 9.2f.
an Kandin sky kon zipiert er eine Poli tik des -und c z 1.2 Ebd.. 44 ; dt. 40 .
.2 13 IEdit orial], in : Raun ~ OU R­
J O CH EM SC H NE IDE R
»N ebeneinander, Vielh eit, Ungewi ßh eit [. . . 1. Z u- NAL I, hg. v. raum ß ureau J. Schneider (Sttlt tgart
sam menhalt, das Experiment des Austausches, des 1 99~) , 3·
eingesc hlossenen D ritten , Synt he se, Am biva- .2 14 U l RI C H HEC K. Was ist G lo balisieru ng? (Fra nk fur t
lenz«215. Er sieht die C o ntaine rvo rstellung de s N a- a. M . 1 ~~ 7) , 130 f.
.2 15 BECK , Die Ertindung des Pol itischen . Z u einer
tio nalstaates überw un den d ur ch »transnatio nale
Theorie reflexiver M od ernisier un g (Frankfurt a. M .
Akt eure«, die »meh rö rtig« und »grenz übersch rei- 1 9~ 3 ) . ~.
tend « eine »Weltgesellschaft o h ne (Welt-) Staat«216 .2 16 BEC K (s. Anm . .214).1 75. 173.
bilde n. U nd D ani ela Ah ren s tr itt in di esem Sinn .2 17 DA N I El A AH REN S. G renzen der Em räum lich ung .
für eine R eko nstrukti on der R num-Zeir- C efil ge Weltstädt e. Cy berspace und transnation ale R äume
in der globalisierten M odern e (O plade n 200 I ). 7 f.
in der Spätm od erne ein : D as m od ern e Paradigm a
.2 1S Vgl. ebd ., 10.
der Ent räumli ch ung und der »Auslageru ng des .2 1 ~ Vgl. SAS K IA SASSEN, C ities in a World Econ o my
R aum es in die Sysrem umwelt« mü sse ergä nzt wer- (T ho usand Oaks, Ca lif. u . a. IW4).
148 R aum

tu re ller und m o ralisch er Art«220 mit sich. W ährend »uses of spaces outsid e th eir co nve n tio nal fu nc-
die m odern en Großstäd te »rä u m lich ve ran ke rte tions«, welche »the po ssibility of bein g o the r-
D et err itorialisierungsma schinen vo n Waren, Infor- wi se«22.1 er öffne te n . D as cn tko nve ntio nalisierte
mationen und Menschen« (9 2) gewese n seie n , sieh t R aum verhalten ver steht sie als Wunschrealisierung.
er in der In fo rm ation sgesellsch aft »d ual cities« die freilich auch d ie Gefa h r der Verwandlun g von
(100) entsteh en , in denen eine kosmop o litisch e Gemei nschaftsbe ziehungen in so lche solitärer So-
»Telek ratie« (95) vo n In formati on sproduzenten zialität in sich birgt . J ean Fran eo reko nstruier t in
sich in »nach außen abgesc hlosse ne n R äumen - weit emihrendem Sin n arn Beispiel Lateinam erikas
( 1 12 ) vo n den in lok ale N isch en verba n nten Be- ei ne Bewegung -fro rn pu blic space to the fortified
v ölkerungsg ruppe n sch ü tzt. D er ö ffentliche R aum enc lave ., di e Vernichtung öffe ntliche n R aums
wandelt sich hi er in ein en Ort d er Bedrohung, d ur ch ko loniale ß esch lagn ahmung, kapitalisie-
u nd d ie als Ko mpen sation verspro che ne »C yber- re nd e Verte ue rung, en tindivid ualisierende Ver s-
C iry « ( 142) stellt nur eine nostalgische M etaph er lu mung. Da gegen suc h t sie theoretisch j enen Be-
fiir im Datennet z ges uc h te Strukturen dar. Aller- we gungen zuzuarbeit en , di e den ö ffen tliche n
dings ste llt er gegen H erbert Hra ch ovec, d er den R aum im Sinne der M en sch en- und Minderh ei-
Sc h ni tt zw ische n der Welt, »in der w ir un s aufha l- tenrechte sowie der Frau en em an zipation gegenläu-
ten , und dem informatisch en Universum« gewalt- fig beset zen und ihn sic h in vielfältige r Weise wie-
sam nennt, »w eil d er un sagbar wirklich e Körper deranz ueignen suc he n .F "
verloren geh t u nd an seine r Ste lle di e D esorient ie- Mi chaela Ott
rung im di skursiven M edium beginnt«22\, die m it Literatur
d en Techniken der Telepräsen z zu ne h mend er- A H RENS , D AN [ÜA , Grenzen der Enträumlichung. Welt-
m öglichte reale Verortung in d er virtue llen R eali- städte, Cyberspace und transnationale R äume in der glo-
balisierten Moderne (O pladen 200 [); IIEN EV OL O , l EO -
tät hera us.
NARDO, La cattura dell'infinito (llari (991 ); dt.: Fixierte
Wesentlich positiver klin gt die Beschreibung des Unendlichkeit. Die Erfindung der Perspektive in der Ar-
glo balen R aums und de s Cybe rspace im Munde chitektur, übers. v, R . Spiss (Frankfurt a. M.lNew York
j en er Theoretikeri nnen. d ie in Fortsetzung pos t- [993); IIOLLNOW , l' IH EDR I C Il O T TO . Mensch und Raum
stru ktura listische r An sätz e R au m fragen mit sol- (Sturrgart [9( 3) ; IlRA U N , W ALT ElI , Philosophie des Rau-
mes (C uxhaven 1996); IIUR CK IlA IIDT , MA llT I N, Meta-
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lern et , über s. v. I. Strasma nn (Z ü rich 2000 ).
Notwend igen, so ndern zug leich de r Freiheit zu
be greifen -", M it demselben Wortstamm w ird abe r
auch der »rheo retischen Frage nach dem hyp er -
komplexen Verhältn is von Bed eutung, Ver steh en
und Wahrheire' in der m odernen Erk enntnisth eo -
rie na chgegange n und m it R ealism us (synonym
bisweilen Materialismus) ein Feld von Standpunk-
R ealismu s/ realistisch ten bezeich net , »denen zufolge Sei endes-an -sich
(engl, realism , realistic; frz. realism e, realiste:
als Grund de s G egebenen und als Bed in gung wa h-
ital. realismo, rea lisrico ; span . realism o, realista:
rer Erkenntnis exi stiert und als Korrelat perzeptiver
r u ss, p e a JI Vl3M , p e aJI VlCT Vl4 e CK o e )
o de r vo lu ntativer Ak te gleichermaßen zugänglich
wie irreduzibel ist-''. Hi er bildet philo sophisch er
E in le it u ng: Abgre nzu nge n und A ktuali tät; I. D er
Au fsc hwung des E m p ir ism us u n d die U morie ntie- Idealismus den ande re n Po l. Und schließl ich wird
rung der Kunst vo n d e r a llgemeinen Wa h r hei t a uf mit derselb en Bu chsr ab enfügung dem ang lo pho -
die natü r lic h -sozia le Wi rk lic h ke it im 17.118. jahr- nen Besu cher des Tokioter Nationalmuseums vo r
h u n d e r t; 11. R eali sm u s u n d Ideali smus in d e r d e u t-
O rt ein außerha lb des Ästhetischen gestützte s
sc h e n E r ke n ntn is- und K u ns tt heor ie U I11 1800;
111. Ernpi r is rnus u nd Gesellschaftsbezug im fra n- künstlerische s Verfahren der ja pani sch en Kam a-
zösisc h en R eali smu sb e g ri ff d es 19. j ahrhunderts kura- Plastik ( 12.1 13. J h .) erläutert : »W ith th e pr ev-
u nd in se in e r R e z e ption; IV. D er h e geli anische alence o f realism , it becam e a co m mo n pra ct ice
Realisrnusbegr iff irn 19.120 . j ahrhun d ert ; I. D eut-
scher ldealrealism us; 2. Di e ru ssisch en revolution ären
D em okraten; 3. M arxi sm us und soz ialistische r R ealism us;
V. R ealismu skon z epte und E m p irism us k r itik im
20. jahrh under t

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rem kein End e find en . Abgrenzu ngen sind fiir den
burg (Fran kfurt a. M . 1992 ), 19.
hiesigen Zweck so notwendig wi e di e Frage nach + WILHEL M HAlIl FASS, -R ealism us 11. I<, in : RITTEU ,
der heutigen ku lturellen Bcd eur samkeit di eses R e- Bd . 8 (1992), 156; vgl. MAUC GRÜNEWALD, -Realism us
dens. 11. 4< u, GÜNTER AllEL, -Realism us III<, in : ebd ., 161-
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