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Wolfgang Cernoch

Analytische und synthetische Urteile und deren nicht


universalisierbaren begründenden Funktionen
Entwurf einer Antwort auf W. Q. Quine

1. Analyzität und Axiomatisierbarkeit


Wenn W. O. Quine grundsätzlich die Analyzität der formalen Logik in Frage
stellt, möchte ich an Hilbert erinnern, der axiomatisierbare Sätze eines
gegebenen Satzsystems als Ableitung aus einfacheren, jedenfalls
allgemeineren Axiome bestimmt hat. Demgegenüber gibt es Sätze, die anhand
der axiomatisierbaren Sätze und durch die Axiome selbst als wahr erwiesen,
aber aus ihnen nicht abgeleitet werden können. Man kann keinen Grund
angeben, weshalb man axiomatisierbare Satzsysteme ausschließt.
Ich sehe hier zwei verschieden starke Möglichkeiten, weiterhin Analyzität zu
behaupten.
(i) Die Axiomatisierung garantiert Analyzität
(ii) Gelingt der Nachweis der Wahrheit nicht-ableitbarer Sätze allein nach dem
Satz vom Widerspruch, kann man das ein analytisches Verfahren nennen. Erst
wenn die Kompatibiltät der nicht axiomatisch ableitbaren Sätze nicht
erweisbar ist, gibt es kein analytisches Urteil.
Analyzität ist gegeben, wenn Begriffe als Teilbegriffe eines anderen Begriffes
auftreten, oder wenn Folgen mit einem Satz notwendig verbunden sind.
Grundsätzlich hängt die Möglichkeit für ein analytisches Urteil von der
Bekanntheit der vorgängigen Synthesis ab, die zum Konzept eines Begriffes
geführt hat. Dieser Synthesis geht ein Selektionsprozess voran; wenn dieser
bekannt ist, kann zumindest auf die Kombinationsmöglichkeiten Rückschlüsse
gezogen werden. Dazu ist eine konkret bestimmbare Semantik die
Voraussetzung, oder die Semantik wird durch die analytische Untersuchung
konkret bestimmt.
Ich halte bestenfalls nur den ersten Satz (i) für alle möglichen Interpretationen
verläßlich wahr. Ich habe gegenüber der These der Möglichkeit analytisch
Wahrheit noch einen Vorbehalt entdeckt, über den ich an dieser Stelle noch
keine Entscheidung treffen möchte: Kann das Verhältnis oberster Axiome bei
allen endlichen axiomatisierbaren Satzsystemen selbst völlig analytisch
dargestellt werden? In einem gegebenen Satzsystem werden die logischen
Ableitungsverhältnisse der Sätze untersucht, um festzustellen, welche Sätze
die Funktion von Axiomen besitzen. Oberste Axiome werden durch Selektion
gemäß der Abhängigkeitsverhältnissen festgestellt, unabhängig davon, ob ihre
Aussagen selbst jeweils evident erscheinen. Ich entschließe mich zur
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Auffassung, daß Satzsysteme, die sich vollständig axiomatisieren lassen, sich


auch analytisch darstellen lassen, nur sind nicht alle logischen Satzsysteme
von dieser Art (in der mathematischen Logik etwa der mittlere Gödel, wohl
auch als Reaktion auf Cohen). Die Analyzität stellt sich dann einfach durch die
Nachvollziehbarkeit der Vollständigkeit des Verfahrens her, sobald ein solches
gefunden worden ist.
In der reinen allgemeinen Logik gibt es keine ontologische, oder
transzendentalsubjektivistisch generalisierbare syllogistische Pyramide des
Enthaltenseins, sodaß es kein universiell rechtfertigbares analytisches Urteil
gibt: Auch von der transzendentalen Einheit des Bewußtseins kann weder die
vollständige Analyzität noch die durchgängig nachvollziehbare Synthesis für
alle möglichen Fälle garantiert werden. Soweit ich Quines Aufbau der Logik
verstehe, hält er die Logik selbst für synthetisch entstanden, aber es gibt keine
analytische oder synthetische Begründung der Apriorität der Logik. Ich sehe
Quines Position nicht als grundsätzliche Widerlegung von Analyzität oder
Synthezität, wenn man sie als deskriptive Eigenschaft von endlichen
axiomatischen Satzsystemen oder von deren zusammenhängenden
Abschnitten bezeichnet. Der Fehler in der Logik vor Quine war, von der
Analyzität eine allgemeine Begründung zu erwarten. Das kann der
alleinstehend als Prinzip verwendete Satz vom Widerspruch nicht leisten.
Wohl aber sehe ich keinen Grund von der Analyzität des Verfahrens
abzugehen, welches ein zusammenhängendes Satzsystem zuerst nach
logischen Verhältnissen der Sätze untereinander untersucht und schließlich
axiomatisiert, was erst zur Frage nach einer Besonderheit in der Verhältnissen
oberster Axiome oder der Unterscheidung in axiomatisierbare (ableitbare)
Sätze und in nicht-ableitbare Sätze führt, denen nur Widerspruchsfreiheit
nachgewiesen werden kann.
Auf eine dritte, gänzlich andere Weise eröffnet sich die mögliche Einführung
eines analytisch zu nennendes Verfahrens, wenn wir glauben, materiale
Regeln, die aus der Beobachtung gewonnene Vermutungen durch
verifizierbare oder durch falsifizierbare Hypothesen an der empirischen
Erfahrung bewährt werden können, gemeinsam mit logischen Schlußregeln,
zu einer Argumentation verbinden zu können. Insofern kann jede empirische
Wissenschaft, die als Lehrbuch darstellbar ist, als »besondere« Logik im Sinne
Kantens gelten. Während es im ersten Schritt um das Problem einer Semantik
der reinen allgemeinen Logik selbst geht, die von der logischen Theorie erst
hervorgebracht wird, beginnt mit diesem Schritt auch die topologische
Verselbstständigung der Semantik von der Theorie ausdrücklich zu werden.
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Kant versucht nun mit der transzendentalen Logik unter anderem auch eine
universielle »besondere« Logik der empirischen Naturwissenschaften zu
finden, welche einfache Naturprinzipien synthetisch-metaphysisch mit
transzendental gerechtfertigten Mitteln (erst in den Mitteln will Kant der
Mathematik in der Naturwissenschaft eine allerdings notwendige Stelle
einräumen) auffinden lassen soll. Die »Apriorität« der transzendentalen Logik
entstammt dem transzendentalen Prinzip (der Satz, der alle anderen Sätze
wahr macht: Schleiermacher, Bolzano, Quine, Putnam) und bei Kant dessen
synthetischen Grundsatz (letzteres sollte das synthetisches Urteil a priori als
Möglichkeit der Relationsbestimmung und erst dann das modale Urteil über
Existenz = Wahrheit ausmachen können), beruht also auf einer besonderen
Logik der nicht erst aus transzendentalphilosophischen Gründen
universalisierbaren mathematischen Naturwissenschaft und nicht auf
ontologischen Grundsätzen.
Nachdem die Naturprinzipien als Vernunftprinzipien a parte priori
grundsätzlich verwerfbar sein sollen, kann die Aufgabenstellung der
Transzendentalphilosophie nur in der spezifischen Leistung liegen, welche die
epistemischen Verhälnisse klärt, weshalb die mathematische
naturwissenschaftliche Theorie nicht nur eine mathematische Theorie, sondern
auch eine naturwissenschaftliche Theorie ist. Die gesuchten Naturprinzipien
werden aber NICHT als die obersten transzendentalen Prinzipien vorgestellt,
die allein transzendental, und wegen der durchgängigen logischen
Darstellbarkeit der unbedingten Vorausgesetztheit der
transzendentalsubjektiven Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung auch a
priori Geltung besitzen. Die Analyse der Erfahrung nach Bedingungen der
gattungsgemäßen Subjektivität führt nicht auf Naturprinzipien, weil wir die
Ergebnisse der Erfahrung erst hinreichend vollständig danstellen müssen, um
über Naturprinzipien spekulieren zu können. M. a. W., weder etwaige
Naturprinzipien noch Vernunftprinzipien a parte priori sind Ergebnis oder
Produkt der transzendentalen Analytik der subjektiven Bedingungen der
Möglichkeit der Erfahrung.

2. Das Wahrheitsproblem als analytische oder als synthetische


Uberschreitung des logisch Formalen ?
Searles stellt seine modernisierte Fassung des traditionellen Zusammenhanges
von Wahrheit und Ontologie (Existenz) in der Sprechakttheorie der Lösung
Quines gegenüber. Quine versucht das Wahrheitsproblem durch eine Reihe
von Negationen oder Ausschließungen ontologischer Implikate zu lösen, die
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in den zu machenden Voraussetzungen einer allgemeinen Logik, die


wahrheitsfähig ist, vorkommen könnten. Dabei übersieht er den Unterschied,
daß zwar die Regeln der formale Logik ohne jede Ontologie oder Empirie
auskommen müssen, ansonsten die Formalisierung als nicht gelungen
bezeichnet werden müßte, in der Wahrheitsfrage jedoch ontologische oder
transzendentalanalytische Ansätze einer Epistemologie der Erfahrung
unumgänglich werden. Ich erwarte, daß eine weitere Insistierung auf
ontologische Grundlagen in der Wahrheitsfrage der Logik auch zu einer
Verdoppelung der vermeintlichen Grundlegung in Naturontologie und
Daseinsontologie, und noch dazu zum Verlust der Dimensionen der
gesellschaftlichen Reproduktion führt (vgl. zu ersterem auch den Aufsatz
Ontologie als reeller Topos der Reflexion. Zu Chalmers Differenz von Ontologie und
Metaontologie).
Kant hat die Wahrheitsfrage der Logiker eine »elende Diallele« genannt, wenn
sie allein analytisch (also allein nach dem principium contradictionis)
vorgehen, und damit eine Beziehung auf etwas anderes als die immanente
Richtigkeit logischer Regeln für die Beantwortung der Frage nach der
logischen Wahrheit festgehalten. Vor diesem Hintergrund versucht Kant das
Projekt der transzendentalen Logik plausibel zu machen, kommt aber
spätestens mit der modalen Logik in ein anderes Problem der Verdopplung,
indem erstens die modalen Begriffe der Logik und die modalen Begrffe der
transzendentalen Logik anscheinend die selbe Aufgabe auf verschiedene
Weise erledigen sollen, und zweitens die transzendentale Deduktion eines
empirischen Wahrheitsbegriffes ohne (freilich »reformierte«) modallogische
Argumentation als Leitfaden nicht zustande kommt. Die transzendentale
Deduktion hat aber nicht eigentlich eine besondere Wahrheit der Logik,
sondern bereits die Rechtfertigung eines erfahrungswissenschaftlichen
Wahrheitsbegriffes (Einsicht in die transzendentale Bedingung der
Möglichkeit) zum Ziel.
In der Geometrie ist das Verhältnis von formalen Prinzip und synthetischen
Urteil a priori zunächst klarer (Differenz von Regeln der Deskription und
Regeln der Konstruktion in der Idee vom Dreieck zwischen John Locke und
Kant), bevor Kant im Obersten Grundsatz aller synthetischen Urteile nur mehr
die Relationen von Vorstellung (Konzept) als deren Beziehbarkeit auf die
Anschauung eines äußeres Dinges denken will. Der Verstand denkt sich
gemäß des transzendentaler Idealismus ein »Objekt« als notwendig. Daß
selbständig existierende Objekte seien, ist aber schon für den transzendentalen
(Kant erwägt auch: formalen) Idealismus ein analytisches Urteil. Das
synthetische Urteil a priori muß also eine Bestimmung hinzufügen, da die
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Daßheit selbstständig realer Objekte im transzendententalen Idealismus


(anders als im problematischen Idealismus) bereits in Übereinstimmung mit
der Erfahrung vorausgesetzt wird.
Aber ist die Beziehung einer Vorstellung als meine Vorstellung ein
synthetisches Urteil oder ein analytisches Urteil? Erst das Hinzusetzen von
einer Vorstellung zu einer anderen Vorstellung durch das »Ich denke« in § 16
(2. Fassung, B) ist die ursprünglich-synthetische Handlung der Einheit der
transzendentalen Apperzeption. — Diese und ähnliche Fragen zeigen auf, daß
die Entscheidung Quines in der Frage, ob das analytische Urteil für eine
Theorie selbst eine begründende Funktion besitzt, in einigen Abschnitten der
Untersuchung Kantens selbst naheliegt: Neben dem ungeklärten Status des
ursprünglichen Enthaltensein von Erscheinungen und Vorstellungen im
Bewußtsein ist die induktive Rechtfertigung der Merkmale im »Begriff vom
Objekt« durch Rückführung der Schar der Folgen (tr. Deduktion, § 12) sowohl
als synthetisch (progressiv: Merkmale und ihre Folgen) wie analytisch
(regeressiv: Rückführung der Folgen auf Merkmale) zu bezeichnen. Ein
ähnliches Bild, welches die Opposition von analytischem und synthetischen
Urteil als nicht tragfähig genug für alle Abschnitte der logischen Theorie
erwarten läßt, bietet die Untersuchung des vorausgesetzten Gegebenseins der
Vielheit (viele mögliche Prädikate) vor der Einschränkung zur Allheit (§ 11):
Ist der hinzutretende Grund der Einschränkung synthetisch oder bereits
vorausgesetzt, weil die quantitative Vielheit die qualitative Vielheit nahelegt
und umgekehrt? Im letzten Fall werden allein aus der Differenz von
quantitativer und qualitativer Vielheit Untermengen gebildet — die
Einschränkung zur Allheit durch ein unterscheidendes Merkmal (formal ist
gleichgültig, durch welches) wäre dann analytisch. Im ersten Fall geschieht die
Bildung von Untermengen durch ein synthetisches Hinzutreten, das allerdings
syntaktisch als Operation gegenüber dem Hinzusetzen einer Vorstellung zu
einer anderen (oder der bloßen Zusammennehmung von Vorstellungen)
qualifiziert sein muß, und ansonsten, der näheren Bestimmung nach in aller
Allgemeinheit gedacht, ebenfalls beliebig ist.
Allerdings denke ich, daß Quines Fassung der Logik synthetisch ist, und, ob es
Quine nun will oder nicht, aus dem selben Grund a priori Gültigkeit
beanspruchen MUSS, wie Kant den synthetischen »Zahlenformeln« in der
Arithmetik wegen ihrer Einzigkeit und Alternativlosigkeit apodiktische
Geltung zugeschrieben hat: Auch Kant will weder in der Arithmetik noch in
der formalen Logik ein eigenes formales Prinzip eines synthetischen Urteils a
priori erkennen können. Wäre dem so, hätte Kant keine Veranlassung gehabt,
die transzendentale Logik zu unternehmen.
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Zur Geometrie:
Kant verwendet die korrekte Geradendefinition »ex isou« (auf gleiche Weise
liegend) von Euklid als analytischen geometrischen Beweis, weil die Art zu
liegen des Anfangs sich auf gleiche Weise fortsetzt (geometrisch-extensives a
priori, weil eindeutig und ostensiv beschreibbar) und versteht die
Abstandsdefinition von Archimedes als hinzukommende Bestimmung und
somit zu recht für synthetisch (arithmetisch-intensionales a priori, weil
eindeutig und vollständig definierbar). Es gibt zwei Differenzen: Die
Bestimmung Euklids, auf gleiche Weise zu liegen, wird als universielles
Kriterium betrachtet, egal ob in empirischer Anschauung oder ob in reiner
Konstruktion. Die zweite Differenz besteht zwischen den Definitionen von
Euklid und Archimedes: Die archimedische Abstandsdefinition verlangt nach
einer metrischen Auffassung, des Raumes, die euklidische Definition benötigt
nur die Orientierung im Raum, um eine Visierlinie zu denken.