Sie sind auf Seite 1von 5

Vladimir ERN

Von Kant zu Krupp 1

I.

Von Kant zu Krupp

in der Manifestation des germanischen Geistes. Kant hat geistige Ahnen; die wichtigsten sind Eckhart, Luther, Böhme. Ich habe allerdings nicht die Zeit, darzustellen wie der eine den anderen fortgeführt hat. Ich weise nur da- rauf hin, dass nicht dieser Punkt strittig ist. Noch bis vor Kurzem waren sich alle darüber einig, dass die große ger- manische Kultur einheitlich und ohne Brüche sei. Wir haben viele überzeugte Reden gehört, die aufzeigten, dass die neusten Schulen der deutschen Philosophie auf allgemeine und nicht nur germanische Traditionen zurückgrei- fen. Darüber hinaus haben wir alle gewusst, dass der Philosoph der abstrakten Idee, Hegel, den Weihrauch der dialektischen Anerkennung vor der preussischen Staatlichkeit schwenkte und dass sein glänzender Schüler Kuno Fischer sein graues Haupt mehrmals und tief vor der Sache Bismarcks verneigte. Und wer dies wusste, war nicht erstaunt. Und jetzt kommt der Krieg. Unter dem weichen Fell der deutschen Kultur zeigen sich plötzlich blutrünstige Raubtierklauen. Und das Antlitz des »Volks der Denker« verzerrt sich plötzlich in bestialischer Grausamkeit. Mechelen und Leuven, Kalisz und Reims haben einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen, und alle zusammen haben einmütig beschlossen, dass die deutsche Kultur eins, die Barbarei aber etwas anderes sei, dass Kant und Fichte genauso wie Shakespeare und Tolstoj an den militaristischen Wunschträumen der preussischen Heißsporne schuldig seien, und darum: Es lebe Kant und es lebe Hegel, Tod aber den teutonischen Bestien! Meine Rede ist ein leidenschaftlicher Protest gegen diese vereinfachte Sicht der Weltgeschichte. Ich formuliere zunächst meine Thesen und gehe dann zu den Beweisen über. Ich bin erstens dav on überzeugt, dass die stürmische Entfesselung des Germanentums durch Kants Analytik vorbereitet wird; ich bin zweitens davon überzeugt, dass die Krupp-Waffen von tiefster Philosophie erfüllt sind; ich bin drittens davon überzeugt, dass die innere Transkription des germanischen Geistes in der Philosophie Kants sich auf gesetzmäßige und fatale Wei- se mit der äußeren Transkription desselben germanischen Geistes in den Krupp-Waffen trifft. Es versteht sich von selbst, dass ich mich in dieser kurzen Rede auf die allgemeinsten Charakteristiken beschränken muss und nur die wesentlichsten Punkte berühren kann. Die Schärfe von Kants Denken, das seinen äußersten und unerschrockenen Ausdruck in der ersten Ausgabe der »Kritik der reinen Vernunft« gefunden hat, mündet in zwei Prinzipien: in die absolute Phänomenalität jeder äuße- ren Erfahrung und in die absolute Phänomenalität jeder inneren Erfahrung; aus diesen zwei Prinzipien, die in der transzendentalen Ästhetik und in der transzendentalen Analytik aufgestellt worden sind, folgen von selbst zwei äußerst radikale Sätze: 1. Kein Numen, d.h. nichts Ontologisches, kann in unserer äußeren Erfahrung vorkommen, und 2. nichts Numinoses, d. h. nichts, was zur wahrhaft seienden Welt gehört, kann in unserer äußeren Erfahrung gegeben oder realisiert werden. Aber weil es außer der äußeren und der inneren Erfahrung keine anderen Wege der Erkenntnis gibt, ist die »Kritik der reinen Vernunft« zum globalen historischen Herold der reinsten Form des abso- luten Immanentismus geworden. Natürlich regten sich in Kant noch Überreste eines platonischen Transzendentismus, und diese Überreste sind: die Idee einer intelligiblen Freiheit und der Begriff des »Dings an sich«. Aber diese platonischen Reminiszenzen Kants lassen sich absolut nicht mit seinen Grundprinzipien verbin- den. Dass der Begriff des Dings an sich unkritisch und willkürlich ist, hat auf glänzende Weise Fichte gezeigt. Dass die Idee der intelligiblen Freiheit vom Standpunkt der absoluten Phänomenalität der inneren Erfahrung vollständi- ger non-sense ist, muss jedem klar sein, der nicht zu faul ist, darüber nachzudenken. Die innere Erfahrung, vollstän- dig und ausnahmslos der phänomenologischen Form der eindimensionalen Zeit untergeordnet, kann natürlich auf keine Weise die Numena der Freiheit in sich aufnehmen. 2 Die Grundprinzipien des kantischen Phänomenalismus bildeten die sichere Achse der weiteren Entwicklung des deutschen Denkens: Fichte ontologisierte die Natur endgültig, Hegel fasste das gesamte Sein kompromisslos als absoluten Prozess auf. Schließlich hat ein halbes Jahrhundert kollektiver neukantianischer Arbeit einmütig seine universal-immanentistischen Thesen aufgestellt. Im Gegensatz hierzu haben die platonischen Reminiszenzen, die so charakteristisch für Kants Persönlichkeit sind, gleichzeitig aber den Grundlagen seiner Philosophie wi- dersprechen, in der weiteren Entwicklung des deutschen Denkens die Bedeutung von konstruierten Sätzen. Im

Warum von Kant? Warum zu Krupp? Ich beginne mit Kant als bedeutendstem Markstein

1 Rede, gehalten an der öffentlichen Sitzung der religiös-philosophischen Vladimir Nolov ev- Gesellschaft am 6. Oktober 1914. 2 Detaillierter erö rtere ich dies in meiner Arbeit: Die Natur des Gedankens, llwn logischer Bote [Bogoslovskij Vestnik] 1913. Vgl. auch: Kritik der kantischen Wahrheitsauffassung. In: Festschrift für L. M. Lopatin. Moskau 1911.

deutschen Idealismus wird viel platonisiert, vor allem beim reifen Schelling, dem schon niemand mehr zuhören wollte, aber dieses Platonisieren hat keine ontologischen Wurzeln in den Ausgangs- und Grundlinien des deutschen Denkens und wird deshalb immer von der schwebenden und unbegründeten Ohnmacht eines luziferischen Romantismus bedrängt. Kants Phänomenalismus ist für das deutsche Denken eine dauerhafte und »wissen- schaftliche« Errungenschaft, eine unerschütterliche Stahlbetonfestung des germanischen Geistes. Die platonischen Reminiszenzen hingegen sind träumerische Überreste altdeutscher Schöngeistigkeit. Die Transkription der höchsten Einsichten der Kritik der reinen Vernunft hat sich auf der Ebene der historischen Selbstdarstellung des deutschen Volkes von selbst mit schicksalshafter Notwendigkeit abgezeichnet. Man muss sich vor Augen halten, dass die kantische Fixierung der Vernunftkräfte und -fähigkeiten in der protestantischen Atmosphäre mit ihrem unbedingten Primat der »Vernünftigkeit« ein Ereignis von außerordentlicher kirchlicher

Relevanz darstellte. Ein deutscher Kritiker konstatiert völlig richtig: »Die Kritik der reinen Vernunft hatte für uns Deutsche fast dieselbe Bedeutung wie für die Franzosen die Revolution von 1789.« Als höchster und genialster Ausdruck der Vernunft einer ganzen Rasse wurde eine bestimmte Urwahrheit über die allerersten Formen vernünf- tigen Bewusstseins vor aller Erfahrung und vor allem Handeln aufgestellt. Alles Historische und Tradierte, alles Instinktive und Natürliche, alles Inspirierte und Gnadenvolle wurde dadurch in seiner absoluten Bedeutung abge- schafft und unter die Kontrolle und die schwere Hand des phänomenalistischen Urprinzips gestellt. Oh, Kant fühlte den gesetzgebenden Charakter seiner Vernunft sehr wohl! Er wollte der Natur ihre Gesetze vorschreiben, in Tat und Wahrheit wurde er aber zum Lykurg des germanischen Geistes, der auf die Weltbühne trat. Kants phänomenalistisches Urprinzip musste sich in der historischen Selbstentfaltung des deutschen Volks notwendig in sehr konkreten und bestimmten Dingen verdichten. Wenn die äußere und die innere Erfahrung tat- sächlich keinen Kontakt mit dem Numen hat, d.h. mit der Welt des wahrhaft Seienden, dann hat das Numen auch weder im theoretischen Vorstellungsvermögen des Menschen hinsichtlich der Totalität der Welt noch im prakti- schen Handeln in all seinen Erscheinungsformen einen Ort. Nietzsches Ausruf »Der alte Gott ist tot« ist ein offen- sichtlicher Anachronismus. Der alte Gott ist schon lange tot, er wurde im Labyrinth der transzendentalen Analytik guillotiniert. Der Henker des alten und lebendigen Gottes war Kant, und seit jener Zeit ist das komplizierte und titanische Phänomen der deutschen Kultur nur die allgermanische Teilhabe am schrecklichen Geheimnis des Got- tesmords, das sich in den unerforschlichen Tiefen des deutschen Geistes abspielt. Gioberti nennt Kant mit einer für seine Zeit erstaunlichen Feinfühligkeit einen Psychologisten in Reinkultur, mero psicologista 3 , das heißt: Der Kon- takt der Vernunft mit demSeienden, d.h. mit Gott, wurde »gesetzgeberisch« von Kant unterbunden. Auf der historischen Ebene führt der theoretische Gottesmord als apriorisches und allgemeinverbindliches Prin- zip des »deutschen« Bewusstseins notwendig zu einem diesseitigen Reich der Kraft und der Gewalt, zum großen Traum von der irdischen Herrschaft und der Eroberung aller irdischen Reiche und aller irdischen Reichtümer durch deutsche Hand. Wenn die ganze äußere Erfahrung absolut phänomenalistisch ist, dann bedeutet etwas Heiliges in der Arena der Geschichte nichts mehr, dann bedeutet die wahrhaftige ontologische Gerechtigkeit nichts mehr, dann bedeutet die Göttliche Vorsehung nichts mehr. Die erste große Frucht der kantischen Saat war die großartige Blüte der phänomenalistischen Wissenschaften in Deutschland. Diese Wissenschaften interessierten sich schlechterdings für alles außer für die Wahrheit 4 und verkehrten sich unter der Hand zum systematischen, methodologischen und grandiosen Auskundschaften aller weltlichen und geistigen Bedingungen eines künftigen Triumphs des germa- nischen Geistes. Auf der anderen Seite verwandeln sich alle Imperative und Maximen der Moral notwendig in das quantitative Prinzip des Gymnastiktrainings der »Willenskraft«, wenn auch die innere Erfahrung phänomenalis- tisch ist. Die ontologische und unbedingte Qualität des Wollens wird als »überwundener Standpunkt« verworfen. Kants kategorischer Imperativ konnte wegen seiner absoluten Formelhaftigkeit keinen Widerspruch hervorru- fen. Er sprach emphatisch, mit mächtiger Kraft: »Du sollst«, aber was genau man soll, das konnte er nie sagen. Das

Grollen des kantischen »Du sollst« donnerte in der Luft und

erschlug niemanden. Die Deutschen gewöhnten sich

derart an diese harmlose atmosphärische Erscheinung, dass einige von ihnen versuchten, sie praktisch auszunützen. Der bekannte Kant-Forscher, der erhabene Windelband, sagte während der Wahlen: »Der kategorische Imperativ veranlasst mich, für die National-Liberalen zu stimmen.« Se non e vero, e ben trovato! Auf alle Fälle ist die Ver- bindungslinie zwischen dem leeren Kategorismus Kants und dem Energetismus der industriell-wissenschaftlich- philosophischen Anstrengungen der deutschen Nation offensichtlich. Das deutsche Volk verstand sich in seiner

Ganzheit als Phänomen, und sei es auch als grandioses, aber dennoch nur als Phänomen, und begann sich folge- richtig in biologischen Kategorien zu begreifen.

3 Vgl. meinen Artikel: Die Kritik der neuen Philosophie bei Gioherti. In: Fragen der Philosophie und Psychologie [Voprosy filosofii i psichologii].1914.
4

Vgl. dazu meinen Artikel: Die Natur des wissenschaftlichen Denkens. In: Theologie Iwt Bote [Bogoslovskij Vestnik]. 1913.

Aber von der Biologie ist es nur ein Schritt zu den zoologischen Folgen. Der Mord am Seienden in der Wil- lenskraft, der von Kant begangen wurde, postulierte eine forcierte Entwicklung der Willensmuskulatur, und der Mord am Seienden in der Vernunft, der ebenfalls von ihm begangen wurde, erschloss den Erscheinungsformen dieser Muskulatur eine verlockende Arena: Für das germanische Bewusstsein waren alle ontologischen Schranken und höheren Gebote aus der ganzen Welt entfernt, und die geographische Weltkarte erschien der germanischen Einbildungskraft als gigantische und leckere »Speisekarte« eines in der Weltgeschichte bisher ungesehenen und unerhörten Festmahls. Aber zu diesem Zweck musste man der Muskulatur des Willens und der inneren Anstren- gungen die unverwundbare Rüstung des Militarismus überziehen. 5 Der Aufstand des Germanentums als eines militärischen Usurpators der ganzen Welt, als gewalttätiger Welthegemonie manu militari wurzelt so in den Tiefen des phänomenalistischen Prinzips, das in der ersten Ausgabe der Kritik der reinen Vernunft statuiert wurde. Damit rechtfertigt sich meine erste Überzeugung hinsichtlich der Gesetzmäßigkeit und der fatalen Abhängigkeit des Über- gangs der deutschen Nation von der phänomenalistischen Philosophie des Lykurg aus Königsberg zu einer Spielart global-militärischer Manifestationen.

II.

Nun habe ich meine zweite Überzeugung zu rechtfertigen: über die tiefe Philosophie der Krupp -Waffen. Und es soll niemand denken, ich meine dies ironisch. Ich stelle diese These mit äußerster Ernsthaftigkeit auf. Schon aus

dem eben Gesagten zeichnet sich eine innere Verbindung zwischen den Krupp-Waffen und der deutschen Philoso- phie ab. Wenn der deutsche Militarismus das natürliche Kind des kantischen Phänomenalismus ist, der von einer ganzen Rasse kollektiv in der Geschichte verwirklicht worden ist, dann sind die Krupp-Waffen das inspirierteste, nationalste und erste Kind des deutschen Militarismus. Genealogisch erweisen sich die Krupp-Waffen also als Kindeskind, d.h. als Enkel der Philosophie Kants. Aber das ist ein syllogistischer Schluss. Materiell ist er nicht evident, und um ihn evident zu machen, nähere ich mich dieser Frage von einer anderen Seite. Wer sich mit Stilgeschichte beschäftigt, den muss die tiefe und strenge Entsprechung des Stils einer Epoche mit ihrer verborgenen Seele erstaunen. Wann immer wir die Geschichte befragen, überall konstatieren wir ein unaus- rottbares Verlangen der Menschheit, unbewusst, fast »vegetativ« ihr verborgenes Seelenleben in verschiedenen materiellen Ausformungen festzuhalten. Als eines der besten Beispiele einer solchen Verfestigung des Geistes in der Materie muss die mittelalterliche Gotik gelten. In der Gestalt der Kathedrale von Reims oder der Notre Dame de Paris können wir die steinerne Transkription des ungesagten Tonus des alten französischen Katholizismus be- obachten. Anhand der Türmchen, Statuen, Chimären, Gewölbe, Säulen und Tapisserien der gotischen Heiligtümer können wir, ähnlich wie Huysmans, in die tiefsten Geheimnisse der mittelalterlichen Religion eindringen. Und es ist durchaus nicht nötig, dass diese materiellen Hüllen des Geistes einer bestimmten Epoche oder eines bestimmten Volkes unbedingt ein ästhetisches Phänomen darstellen müssen oder einfacher gesagt, dass sie »schön« sein müs- sen. Manchmal ist auch die äußerste »Hässlichkeit«, die sich in der Materie zeigt, die genaueste und sinnfälligste Ausformung verborgener geistiger Realitäten. Nicht die Schönheit ist hier das Entscheidende, sondern etwas ande- res. Es gilt, hier eine lebendige Brücke zwischen dem »Äußeren« und dem »Inneren« zu schlagen, den lebendigen Stoff zu befühlen, in dem die Kristallisation innerer Energien zu äußeren materiellen Formen abläuft. Die Krupp-Waffen erweisen sich von diesem Standpunkt aus als höchst charakteristisch und aufschlussreich. Auch wenn wir keine Verbindung vom kantischen Phänomenalismus zum deutschen Militarismus gezogen hätten, könnten wir, so wage ich zu denken, den umgekehrten Weg einschlagen: vom Militarismus zum Phänomenalis- mus. Für ein sehr aufmerksames und scharfes Auge muss eine Analyse der Kruppschen Kanonen ohne irgendwel- che mystischen Eingebungen unzweifelhaft zeigen, welch grundlegendes und tiefgreifendes Lebensgefühl, das leicht in philosophischen Begriffen ausgedrückt werden kann, das Volk charakterisiert, das diese Waffen geschaf- fen hat. Beachten Sie, dass die Krupp-Waffen den absolute Höhepunkt der germanischen industriellen Technik markieren. Wenn man ihre »Materie« betrachtet, dann erweist sich ihr Aufbau als unendlich detailliert, durchdacht und - um es so auszudrücken - verdichtet-intellektuell. Eine hochgezüchtete, beispiellose Entwicklung der Ph ysik, Mechanik, Mathematik und Konstruktionstechnik war erforderlich, um diese gigantischen Vernichtungsmaschinen zu schaffen. Generationen von Wissenschaftlern, Industriellen und Politikern mussten solidarisch zu- sammenarbeiten, um sie zu verwirklichen. Darüber hinaus war auch ein gewisser geheimer nationaler consensus, eine gewisse rassische Selbstbestimmung des Willens notwendig. Schließlich nimmt Deutschlands Technik hin-

5 T. Ziegler unterläuft in seiner Geschichte der geistigen und gesellschaftlichen Strömungen des 19. Jahrhunderts ein bezeich- nender Lapsus hinsichtlich der Rolle Bismarcks für das deutsche Selbstbewusstsein: »Für unser nationales Leben und fü r unser nationales Fühlen erweist sich Bismarck, dieser Gigant an Willenskraft und tätiger Schaffenskraft, als entscheidender Knoten- punkt, dessen Einfluss wir auch in den Tiefen des philosophischen Schaffens fühlen« (St. Petersburg, 1901, S. 10) - und dessen Auftreten, so fügen wir unsererseits hinzu, von eben jenen philosophischen Tiefen des deut schen Volks vorbereitet wurde.

sichtlich ihrer tiefen Wissenschaftlichkeit und theoretischen Fundierung nach Meinung der Fachleute den ersten Platz in der Welt ein. Es versteht sich von selbst, dass für das Erreichen dieses ersten Platzes die Anstrengungen einzelner Privatpersonen nicht ausreichten, es war ein mächtiger, kollektiver Effort notwendig. Mit den gewaltigen Krupp-Waffen gelangt Deutschland, das die Technik anführt, an eine gewisse Grenze. Es ist seltsam zu sagen, dass diese Waffen fast nicht transportierbar sind, fast die Grenzen praktischer Brauchbarkeit sprengen, wegen ihrer un- geheuren Verwüstungskraft fast uneinsetzbar sind. Wenn man einmal von einer Wertung dieser Monster absieht und sich nur auf die kolossale Anhäufung menschlicher Energien konzentriert, die in sie hineingelegt wurde, so gelangt man zu einem paradoxen Schluss: Gemessen an der Menge der aufgewendeten Kräfte, an der Solidarität kollektiven Schaffens übertreffen die Krupp-Waffen unbedingt ein solch - wie es scheint - beispielloses Phänomen kollektiven und Jahrhunderte überdauernden Schaffens wie die mittelalterliche Gotik. Aber noch aufschlussreicher ist die Qualität der Energie, die in den Krupp-Waffen realisiert ist. Ihr eingeschrie- benes Wesen, ihre Entelechie und Seele, äußert sich in seinem vollständig entblößten Sinn außergewöhnlich beredt. Vor allem ist es sehr selbstsicher, hochmütig und stolz. Es glänzt und schimmert nicht nur durch den äußeren Schliff und die Reinheit der Arbeit, sondern ist auch durch und durch angefüllt mit der Unwiderlegbarkeit mathe- matischer Berechnungen, der Apodiktik des strengen Kalküls und der Unausweichlichkeit unbezwingbarer Zerstö- rungskraft. Genau deshalb sind die Deutschen so blind und so fatal von ihren noch nicht errungenen Siegen über- zeugt. Die Krupp-Waffen waren für sie alldeutsch, national a priori vor aller kriegerisch-politischen »Erfahrung«, die sich vor ihnen entfalten muss. Als Herren über das Geheimnis dieser Waffen haben die Deutschen die Grundli- nien der kommenden Ereignisse »antizipiert« und sich davon überzeugt, dass sich in ihren Händen das tiefste Prin- zip jener kantischen »Gesetzgebung« befindet, durch welches notwendig alles Rohmaterial künftiger Erschütterun- gen zu Kategorien und »Schemen« der grundlegenden Gelüste des Pangermanismus geformt werden muss. Sie haben sogar ihre Strategie den Krupp-Waffen untergeordnet! Auch dies konnte nur deshalb geschehen, weil das entelechische Wesen der Krupp-Waffen mit der tiefsten Selbstdeutung des germanischen Geistes in der Philosophie Kants zusammenfällt. Denn außer durch ihre stolze Selbstsicherheit charakterisiert sich die Entelechie der Krupp-Waffen prinzipiell durch ihre Selbstversunkenheit, ihre Selbstgenügsamkeit, ihre absolute praktische Eigengesetzlichkeit. Die Krupp-Waffen sind ein wissenschaftlich und technisch organisiertes »Sein an sich« in Reinkultur. Die tiefste Selbstdeutung der deutschen Nation findet in ihnen ihren äußersten und bedrohlichsten Ausdruck. Das phänomenalistische Prinzip »akkumuliert« sich in den Krupp-Waffen in seiner schrecklichsten Verdichtung und wird so gleichsam zum Gerät, das die Gesetzgebung der reinen Vernunft im großen Maßstab der Welthegemonie verwirklicht. Die Zerstörungskraft der gigantischen Krupp-Geschosse, ihre barbarische Gewalt lässt sich logisch aus ihrem phänomenalistischen Wesen herleiten. Das Völkerrecht, das Halten von Versprechen, die Heiligtümer der Religion, menschliche Ehre das sind alles »über- wundene Standpunkte«. Der Phänomenalismus braucht für seine Verbreitung nicht das Einverständnis oder die Überzeugung derjenigen Völker, die dem Prozess der deutschen Phänomenalisierung unterworfen werden. Die Krupp-Waffen sind ein allzu lebendiges, keiner Rechtfertigung bedürftiges Phänomen der übermächtigen Kraft und Wahrheit des phänomenalistischen Prinzips an und für sich. Deshalb nehmen die Krupp-Waffen im Zion des deutschen Phänomenalismus, wo die Kritik der reinen Vernunft das oberste aller Heiligtümer darstellt, mit logi- scher Notwendigkeit den Ehrenplatz ein. An den charakteristischsten und originellsten Stellen seiner Philosophie postuliert Kant Krupp. Krupp gibt in seinen genialsten Pro dukten den phänomenalistischen Grundprinzipien der kantischen Philosophie ihren materiellen Ausdruck. Auf diese Weise rechtfertigt sich auch meine zweite Überzeu- gung von der tiefen Philosophie der Krupp-Waffen.

III.

Welches Resultat folgt aus den beiden aufgestellten Thesen? Ein gewichtiges Resultat, das gleichsam den Schlüssel zum geistigen Sinn des entfesselten europäischen Kataklysmus liefert. Aus den aufgestellten Thesen müssen wir vor allem schließen, dass der hinsichtlich seiner Größenordnung und Grausamkeit beispiellose Krieg, den wir durchmachen, in seinem tiefsten geistigen Wesen das Aufeinanderprallen global-historischer Prinzipien darstellt. Das deutsche Volk hat in diesem Aufeinanderprallen - wie auch die russische und vielleicht auch wie alle mit uns verbündeten Nationen - die ganze Präsenz seines geistigen und materiellen Seins mobilisiert. Hinter der gepanzerten Wand, die plötzlich das germanische Volk von der ganzen übrigen Welt trennt, müssen wir ohne Zö- gern eine ganze Reihe berühmter Namen spüren, die während Jahrhunderten jene »Kultur« geschaffen haben, vor der man sich bis heute bei uns allzu oft abstrakt verneigt hat. Von Eckhart bis Kant verläuft ein großer Prozess innerlicher Bewusstwerdung der germanischen Idee. Bei Kant beginnt die äußerst komplizierte Überführung der bewusst gewordenen Idee ins historische Sein. Und dieser ganze Prozess ist etwas Einheitliches und Kontinuierli- ches, was direkt, mit logischer Notwendigkeit, zu den Krupps und Zeppelinen führt. Die Deutschen fühlen diese »umfassende Bürgschaft« der Manifestationen ihres Geistes sehr gut. Die Blüte der deutschen Wissenschaft und

der deutschen Philosophie dient der Bekräftigung des Hinweises auf die unbedingte Identität der germanischen Kultur und des germanischen Militaris mus. So bekannte und ehrwürdige Namen wie Harnack, Brentano, Schmoller, E. Meyer auf der einen Seite und auf der anderen Seite Wundt und Ostwald unterstreichen selbst den wesenhaften Zusammenhang und die denkerische Einheit der germanischen Kultur, wie ich sie in dieser Rede geltend zu machen versucht habe. Die Tatsache, dass die Deutschen selbst sich bemühen, meine Deutung der geis- tigen Wurzeln des gegenwärtigen Kriegs zu bekräftigen, erscheint als letzte, unangeforderte experimentelle Bestä- tigung der Richtigkeit meiner Grundthesen. Zum Abschluss erlauben Sie mir, noch einige Worte zur Bewertung dessen anzuführen, was ich bisher als lei- denschaftsloser Historiker beschrieben habe. Das Bild des stürmischen bacchantischen Aufstandes des Germanis- mus mit dem Ziel der Erfüllung des innersten nationalen Traums erscheint mir nicht nur erhaben und erschütternd, sondern auch tief tragisch und voll kosmischen Sinns. Im Schauspiel des heutigen Deutschland, auf das die un- sichtbare Hand bereits das Mene, Tekel, Upharsin geschrieben hat, erkennen wir nach Vjač. Ivanovs treffendem Vergleich alle Elemente der antiken Tragödie. Die Griechen fühlten mit unübertrefflicher Tiefe, dass dem trag i- schen Untergang eine verborgene, oft unbewusste Schuld zugrunde liegt, und eine der bevorzugten Lösungen, deren Klarheit und Natürlichkeit fast mit Händen zu greifen ist, war in der griechischen Tragödie die βρις, der Hochmut, die Überheblichkeit, die sich nicht gegen die Menschen, sondern gegen die Götter richtet. βρις bildet auch die Wurzel der germanischen Tragödie. Die metaphysische Überheblichkeit, die zuerst von Eckhart an den Tag gelegt wurde, durchdringt die originellsten Abschnitte der Kritik der reinen Vernunft. Bei Hegel entfaltet sie sich als genialer Brand: Im ausfließenden Blut Nietzsches geht sie in tragischen Wahnsinn über. Und dieser Wahn- sinn ist, wie ich vor vier Jahren dargelegt habe, gesetzmäßig, schicksalhaft. 6 Auf die βρις folgt unausweichlich die τη, d.h. die Verblendung der Vernunft, die tragische Verdunkelung der lichten Geisteskräfte. Dementspricht im germanischen Volk der Übergang zur umfassenden phänomenalistischen Selbstdeutung. Der germanische Wahnsinn durchläuft wissenschaftliche, methodologische, philosophische Formen und entlädt sich schließlich in einem rabiaten Militarismus. Die größten Mathematiker haben sich in allen Berechnungen verzählt und sind so direkt unter das Schwert der rächenden Nemesis gestürzt, nachdemsie eine Reihe »verrückter« diplomatischer und strategischer Fehlentscheidungen getroffen haben. Wir wollen nicht darüber urteilen, ob dieses Schwert langsam oder schnell niederfährt. Jedenfalls ist es erhoben, und das Auftreten Keres, d.h. des endgültigen Untergangs, der den dritten und letzten Teil der Tragödie bildet, ist - so glauben wir - nicht mehr fern. Und dieses erhabene tragische Schauspiel, an dem ein Hundertmillionen-Volk in corpore teilnimmt, das in sei- nem Rücken ein Jahrhundert angestrengter und intensiver Kulturarbeit hat, ist voll tiefsten kosmischen Sinns. Der Weg des deutschen Volkes, der zur unausweichlichen Katastrophe führt, ist ein Exempel und eine äußere Erfah- rung für die ganze Menschheit. Luziferische Energien haben sich vor allem im vergangenen Jahrhundert in äußers- ter Anspannung im deutschen Volk angesammelt - und jetzt, wo das Eitergeschwür aufbricht, fühlt die ganze Menschheit in einem ähnlichen Aufbruch eine global-historische Katharsis. Lasst uns deshalb einmütig um zwei Dinge zum großen Kriegsgott beten, der nun die Geschicke der ganzen Welt und unseres Volks in Seine mächtigen Hände genommen hat:

Darum, dass unsere ruhmreiche Armee mit ihrer geistigen Kraft und unter dem erhabenen Schutz der unbe- fleckten Gottesmutter die gepanzerten deutschen Streitkräfte besiegen und in die Flucht schlagen möge. Darum, dass die Katharsis der europäischen Tragödie von uns in ihrer ganzen Tiefe durchlebt wird und dass wir auf alle Zeit nicht nur die bestialischen Randerscheinungen der germanischen Kultur überwinden, sondern auch von ihren tiefsten Prinzipien befreit werden, die nun für jene, die Augen haben zu sehen und Ohren zu hören, ent- larvt worden sind.

6 Der Kampf um den Logos [Bor'ba za Logos]. Moskau 1911, S. 341-345.