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ALFRED WEBER

PRINZIPIEN DER GESCHICHTS- UND KULTURSOZIOLOGIE

ALFRED WEBER

PRINZIPIEN

DER GESCHICHTS- UND

KULTUR SOZIOLOGIE

HiV\|OH

W373

D

R. PIPER & CO. VERLAG

MÜNCHEN

20377.1

Einband und Schutzumschlag von Emil Preetorius

Satz und Druck: C. Brügel& Sohn, Ansbach

Copyright 1951 by R. Piper & Co. Verlag München

Printed in Germany

MEINEN SCHÜLERN

AUS DER ZEIT VOR UND NACH DEN BEIDEN WELTKRIEGEN

INHALTSÜBERSICHT

VORBEMERKUNG

9

ALLGEMEINPRINZIPIEN

A. Einführung aus Bekanntem, zugleich Ab-

grenzung

11

B.

Geschichts- und Kultursoziologie als in-

nere Strukturlehre der Geschichte .

21

I. Die kulturell orientierte, systematisch-strukturelle

Gliederung der Geschichte

21

II. Nähere Interpretation

24

III. Das Wesen der hier vertretenen Kultursoziologie 31

35

IV. Abgrenzungen und Eingliederungen

V. Auseinandersetzung mit der materialistischen Ge-

schichtsphilosophie

39

SPEZIELLE BELEUCHTUNG DER PRINZIPIEN

A. Gesellschaftsprozess, Zivilisations-

prozess und Kulturbewegung

B. Diskussion anderer Standpunkte

C. Gestalt- und Wesensanalyse, nicht Sinn-

deutung der Geschichte

44

93

111

DAS ALTE ÄGYPTEN UND BABYLONIEN. EIN BEISPIEL DER

ANWENDUNG DER METHODE

Einleitung: Der Typus der kulturellen Konstanz.

115

I. Geschichtsabriß; Gründe des zeitlichen Primats . 124

Die These

IL

Der Gesellschaftsprozess

132

III. Die soziologische Anfangskonstellation und ihre

 

Bedeutung

145

IV. Nähere Analyse

148

V. Konsequenzen für die intellektuelle Entwicklung

 

und Gesellschaftsformung

158

VI. Konsequenzen für den Gesamttyp: Echnaton; Alt-

werden; Konstanz und Produktivität; Zugang zum

VORBEMERKUNG

Die Geschichte ist vielgestaltig und doch eine Einheit.

Erst wenn man diese ihre beiden Seiten zusammenfügt, sagt

sie etwas Entscheidendes aus über das Schicksal des Menschen.

Es gibt alte Methoden der Geschichtsbetrachtung, die ihren Einheitszug zu begreifen suchen und andere neuere, die versuchen,

die Vielgestaltigkeit vor allem durch die Frage, ob diese Wieder-

holungen enthält, geistig zu beherrschen.

Eine anerkannte Methode, sie als vielgestaltige Einheit geistig

zu fassen, aber ist bisher nicht vorhanden.

In Ergänzung der vor kurzem erschienenen zweiten Auflage

meiner ,, Kulturgeschichte als Kultursoziologie 46 , die diesen Ver-

such in einer Gesamtdarstellung der Geschichte unternimmt,

scheint es daher zweckmäßig, hier in diesem kleinen Buch das von

mir zur prinzipiellen Unterbauung dieses dritten Wegs Vertretene

so zusammenzustellen, daß gewissermaßen die exakt behauenen

Steine sichtbar werden, die diesen Weg zu festigen vermögen, der

in der genannten Gesamtdarstellung nur als ein im ganzen un- sichtbarer Untergrund fungiert. (Damit seine Gangbarkeit im

einzelnen geprüft werden kann, ist die monographische An- wendung auf einen besonderen Geschichtsabschnitt, die Ge-

schichte des alten Ägypten und Babylonien nämlich, angefügt.)

Das erneut hier Mitgeteilte stellt eine innere Strukturlehre der Geschichte dar, den Teil der Gesamtsoziologie, der einer solchen

dient. Man kann aus dem Text der Schrift entnehmen, daß und

wie diese „Soziologie als innere Strukturlehre" der Geschichte die heute a potiori Soziologie genannte Strukturlehre der „Gesell- schaft" als ein Teilgebiet umfaßt, als ein in Wirtschaft, Politik,

Recht usw. sehr vielfältig gegliedertes Teilgebiet, in dessen im

Ganzen recht ausgebaute, auch ihrerseits sehr vielfältige prin-

zipielle Behandlung aber hier nicht eingetreten zu werden braucht.

VORBEMERKUNG

Auf der anderen Seite ist für die Analyse des geschichtlichen

Ganzen oder jedes seiner Teile als einer Gesamtstrukturgestaltung

die derart in ihren Prinzipien vorgeführte innere Strukturlehre

nur ein Teil. Sie ist zu ihrer Vervollständigung einzustellen in

den äußeren Strukturaufbau der Geschichte. Erst in diesem wird

sie voll real und erreicht sie ihren empirischen Vollzug.

Welche Faktoren hier zusätzlich entscheidend werden und daß es in einer Kombination von innerer und äußerer Strukturlehre der

Geschichte auch eine echte Lehre vom Aufbau der geschichtlichen

Gesamtstruktur gibt, davon wird in einer kleinen späteren Schrift zu handeln sein.

In ihr, in der die Schranken der rein soziologischen Betrachtung

zu sprengen sein werden und diese einzustellen sein wird in einen

größeren Rahmen, wird auch auf diejenigen Fragen erst eine zum

mindesten theoretisch ganz abgerundete Antwort gegeben werden

können, die als die zentralsten im Hintergrund der Kulturge-

schichte als Kultursoziologie und auch dieser hier mitgeteilten

Prinzipien stehen, - nämlich auf die Fragen nach dem geistigen

und dem Art- Schicksal des heutigen Menschen.

Die soziologische Analyse kann hier für sich allein zu keinem

vollen Abschluß kommen. Es müssen dafür anthropologie- und

transzendenzbezogene Deutungsmittel mitherangezogen werden.

Wo diese als Ergänzung einzugreifen haben, wird sich, wie ich

hoffe, aus den darauf hinweisenden Stellen dieser Schrift ergeben. Wie die Ergänzung zu geschehen hat, davon rede ich allerdings erst später.

ALLGEMEINPRINZIPIEN

A. Einführung aus Bekanntem, zugleich Abgrenzung

I

Unsere so zerklüftete und spannungsreiche Zeit ist voll von

Diagnosen ihres Zustands und Prognosen ihrer und der mensch-

lichen Zukunft. Das ist die Eigentümlichkeit aller großen Krisen-

zeiten der Geschichte. Es hat das beim Abendland schon in der

Zeit seiner Entstehung gewaltet, als es in einer riesigen Wan-

derungskrise aus der Antike hervorging und Augustin in seiner

Civitas Dei die erste große geschichtliche Diagnose und Prognose

vom christlichen Glauben her entwickelte.

Die augustinische Geschichtstheorie war daher theologisch. Alle

folgenden, vor allem diejenigen vor und nach der Französischen Revolution, waren philosophisch. Das will besagen: sie fragten

nach einem allgemeinen, für die Vernunft einsehbaren, im Ge-

schehen selber auffindbaren Sinn der menschlichen Geschichte.

Richtiger: sie suchten einen für die Interpretation vernunftmäßig

von vorneherein im Grunde feststehenden Sinn der Geschichte durch deren Analyse darzutun. So in Frankreich etwa Turgot und

Condorcet, in Deutschland vor allem Herder, Schiller und Hegel in verschiedener Weise.

Schiller war dabei anscheinend als erster sich darüber klar, daß

man bei jedem Versuch universalgeschichtlicher Betrachtung an

den unübersehbaren Stoff des menschlichen Geschehens heran-

tritt mit einer bestimmten Frage, eben etwa der Sinnfrage des Da- seins, und daß sich dann empirisch zu erweisen hat, ob dieser Sinn im Geschichtsverlauf wirklich auffindbar ist ; er selber zwei-

felt halb und halb daran, bejaht es aber für seine Deutung schließ-

lich doch 1 ).

Aber er wußte genau, daß es die Gegenwartslage und die Fragen,

die diese aufwirft, sind, die aus dem Bedürfnis der Diagnose und

*) In: „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?"

ALL GEMEINPRINZIPIEN

Prognose zum Herantreten an die Universalgeschichte führen und welche die ordnende und auswählende Analyse und Synthese des

an sich unendlichen geschichtlichen Materials bestimmen, ebenso

wie die Auswahl der behandelten Tatsachen aus diesem.

Also: hier Fragestellung, dort geschichtlicher Stoff, hier Aus-

wahl aus diesem, dort Methode der Analyse und Zusammen-

fassung. Indem Schiller zu dieser Art der universalgeschichtlich fun-

dierten Betrachtung der Gegenwart die Tore aufgestoßen hat,

steht er in Wahrheit am Anfang einer neuen Art der Geschichts-

theorie, derjenigen, die das 19. Jahrhundert dann weiter betrieben hat, nämlich der empirisch-soziologischen, als deren Glied auch wir uns fühlen. - Alle großen Geschichtssoziologien oder, wie man

sie meist (nur halbrichtig) heute noch nennt, Geschichtsphilosophien

des 19. Jahrhunderts und unserer Zeit behaupten von sich, daß sie rein empirisch durch unbefangene Tatsachenuntersuchung und

Zusammenfassung ihr durchgängig auf die Gegenwart und die Zu- kunft ausgerichtetes Bild des menschlichen Gesamtgeschehens er-

halten haben. Seien es nun die ältesten Geschichtssoziologien die-

ser Art, wie die St. Simons und Auguste Comtes, die bei Comte

auf das berühmte Dreistadiengesetz hinausliefen : auf die Behaup-

tung nämlich, daß die Menschheit eine religiöse, dann eine meta-

physisch-philosophische und am Schluß eine empirisch-wissen-

schaftliche Periode durchlaufe mit einer wissenschaftlich unter-

bauten Gesamtorganisation des Daseins am Ende. - Sei es die ge-

schichts-materialistische von Marx, die bekanntlich sagt, die

menschliche Geschichte sei eine auf der Entfaltung der Produktiv- kräfte ruhende Geschichte der Klassenkämpfe mit dem Endresul-

tat der Befreiung der Menschheit durch das Proletariat, und alle

Ideenbewegungen seien nur Abglanz oder Spiegelung dieser

Klassenkämpfe. - Sei es die von Spengler oder Toynbee, die - Spengler tut das radikal, Toynbee etwas inkonsequent abge- schwächter - in der menschlichen Geschichtsentwicklung über-

haupt keine klar zusammenhängende Einheit und vollends, so

wenigstens Spengler, keine irgend sinnvolle Einheit sehen; sondern nur die über eine bestimmte Anzahl von Einzelkulturen der Erde -bei Toynbee sind es 21 - verteilte, sich selbst wiederholende

EINFÜHRUNG UND ABGRENZUNG

Kreislaufbewegung von Barbarei über Kultur zur sogenannten

Zivilisation, die hier Erstarrung und Verfall der verschiedenen

Geschichtskörper bedeutet.

Ich behaupte nun: Alle diese Geschichtstheorien sind in der sachlichen Materialaufbereitung und in dem Reichtum der Ge-

danken wohl ein ungeheurer Fortschritt gegenüber dem Schiller-

schen Aufsatz über Universalgeschichte, der in dieser letztlich

einfach die Entwicklung zur Humanität sehen will. Aber sie sind

prinzipiell insofern ein Rückschritt, als sie sich nicht über einiges

klar sind, was Schiller wußte. Nämlich, alles, was sie behaupten und empirisch glauben belegen zu können, kann gewiß in größerem

oder kleinerem Umfang richtig sein, aber sie bemerken erstens

alle nicht : es ist in jedem Falle nur die Antwort auf eine bestimmte

Art zu fragen, mit der man an die als Ganzes unbewältigbare Masse des geschichtlichen Stoffs herangeht. Und zweitens ver-

gessen sie das aus dieser Erkenntnis zu folgernde weitere Postulat,

daß man bei dieser Art zu fragen nicht bloß unterscheiden muß

zwischen Frage, geschichtlich befragtem Stoff und Auswahl aus

demselben, sondern daß man sich auch methodisch unvorein-

genommen klarwerden muß darüber, was eigentlich die Zusammen-

fassung, die man dem ausgewählten Stoff gibt, in ihrem Wesen

darstellt.

Jede solche Zusammenfassung ist nämlich offenbar eine Struk-

turanalyse und -synthese des Aufbaues der Gesamtgeschichte

unter einem aus der Fragestellung sich ergebenden Gesichtspunkt.

Der eine fragt: wie verhält es sich mit der menschlichen Ge-

schichte unter dem Gesichtspunkt der Aufeinanderfolge und der Einwirkung von Religion, Philosophie und Wissenschaft auf die

geschichtliche Formation ? Der andere : wie verhält es sich mit

dem Schicksal der jeweils sozial Benachteiligten und Enterbten

und der ideologischen Verbrämung dieser Benachteiligung und

Enterbung ? Der dritte, der Kulturzykliker, endlich fragt : wie ver- hält es sich mit der Aufeinanderfolge von kulturellen Produktivi-

täts- und Unproduktivitätsperioden in der Geschichte ? Keiner ist

sich voll klar darüber, daß das alles ja nur partikulare Frage-

stellungen gegenüber dem ungeheuren Gesamtverlauf sind, und daß

ALL GEMEINPRINZIPIEN

sich für jede dieser Fragestellungen natürlich vermöge einer anderen Tatsachenauswahl ein anderes Strukturbild der Geschichte er-

geben muß, daß sie also alle bis zu einem gewissen Grade recht

haben können, ohne sich zu widersprechen. Aber daß sie damit

das Gesamtschicksal der Menschheit nur teilweise aufhellen.

Und nur eine Richtung, die von Marx, ist sich auch methodisch dessen bewußt, was sie tut, von welchen Prinzipien der Analyse

und Zusammenfassung des Geschichtsstoffs sie ausgeht. Sie sagt

nämlich, um das Strukturprinzip, nach dem sie analysiert und zu-

sammenfaßt, zu bestimmen: dieses ergebe sich aus der Tatsache,

daß sich die Geschichte in einer sog. Realdialektik, will sagen, in

der Form realistisch gedachter These, Antithese und Synthese

aller ihrer Elemente bewege. Es komme also nur darauf an, diese

Dialektik und ihre Umschwünge festzustellen, dann kenne man

den Gesamtverlauf der Geschichte in der Vergangenheit und auch

für die Zukunft.

Nun ! Das ist eine reine Behauptung philosophisch-theoretischen

Ursprungs, die bekanntlich aus der realistischen Umstülpung des

Hegeischen geistigen Panlogismus der Geschichte folgte. Ich gehe

darauf hier nicht ein. Denn ein unbefangen an den geschicht-

lichen Stoff Herantretender muß offenbar zunächst einmal ganz

unbefangen fragen: wie bewegt sich denn die Geschichte? Es

kann sich für ihn erst aus empirischer Feststellung ergeben, ob sie

sich dialektisch, d. h. in fortgesetzten Thesen und Antithesen und

Synthesen, bewegt oder anders. - Und so ist die erste Frage unserer

eigenen universalgeschichtlichen Betrachtung geworden : in welchen

Formen, ganz nüchtern festgestellt, bewegt sich die Geschichte ?

Dabei ist sich auch diese Betrachtung darüber klar, daß sie

sachlich inhaltlich an den universalgeschichtlichen Stoff mit einer

ganz bestimmten Frage herantreten muß, aus der dann die Glie-

derung und das Struktur- und Bewegungsprinzip des als wesent-

lich betrachteten geschichtlichen Stoffes sich ergibt. Allerdings

sucht sie die Frage, die sie stellt, so generell, so menschlich zentral zu fassen, daß sich aus ihr nicht nur eine Gliederung des Ge-

schichtsstoffs nach partikularen Gesichtspunkten, sondern eine möglichst allumfassende, alles ergreifende ergibt, weil eben die

Frage selber menschlich allumfassend und zentral ist.

EINFÜHRUNG UND ABGRENZUNG

Diese Frage oder dieser Fragenkomplex, mit dem unsere kul-

turell orientierte universalgeschichtliche Betrachtung an den hi-

storischen Stoff herantritt, lautet: wie steht es, ganz allgemein ge- sehen, mit dem seelisch-geistigen Wesen des Menschen und mit

seinen Wandlungen und Variationen im Geschichtsprozeß ? Ver-

möge welcher Bedingungsveränderungen gehen diese seelisch-

geistigen Wandlungen und aufeinanderfolgenden oder nebenein-

anderstehenden Verwandlungen oder Variationen vor sich, auf die wir treffen ? Und wie und in welcher Abfolge emanieren daraus die großen, von der Menschheit als geschichtsbedeutsam, ja viel-

leicht universell empfundenen Schöpfungen und Leistungen und

praktisch wesentlichen Gestaltungstendenzen ? Seien diese nun

verschiedene Sinndeutungen des menschlichen Gesamtdaseins in

seinen mannigfachen Religionen, Philosophien oder sonstigen ob-

jektivierten Stellungnahmen, seien es die natürlich oder ideell

fundierten Formungstendenzen des Gesamtdaseins, vor allem na-

türlich auch der Sozialstruktur, seien es die rein erkenntnismäßigen

Ergreifungen des Daseins, seien es zweckfreie, künstlerische Schöp-

fungen der Literatur, bildenden Kunst, Musik, sei es die Formung

des alltäglichen Lebens durch Sitte, Konvention und durch Ge-

wohnheit, seien es die subjektiv bleibenden Haltungen des kontem-

plativen Daseins und dergleichen weiter. Diese Fragen sind in

ihren Wurzeln allumfassend und sehr zentral. Und es zeigt sich,

daß der innere Strukturaufbau der Geschichte, die Innengliede-

rung, die sich aus ihnen ergibt, auch anwendbar ist für andere

Fragen, die man an den universalgeschichtlichen Stoff richten

kann und gerichtet hat, so etwa diejenigen, welche die bisher übliche

Historie an ihn stellte, die ganz vor allem nach den Machtgestal-

tungen der Völker, ihren Veränderungen und dem, was damit

zusammenhing, an innerer rechtlicher und sonstiger Organisiert- heit, gefragt hat, die seelisch-geistigen Haltungen und deren Aus-

druck im ganzen nur wie ein Sekundäres in engerer oder loserer

Verbindung damit Stehendes behandelnd, wodurch das wesens- mäßig menschlich Zentrale an die Peripherie geschoben wurde.

Geht man nun, dies korrigierend, mit den aus dem Zentralen des

Menschentums und seinen Auswirkungen folgenden „kultursozio-

ALL GEMEINPRINZIPIEN

logischen" Fragen an die Geschichte, genauer, an ihren universellen

Verlauf heran, so ergibt sich, daß sie, innerstrukturell gesehen,

drei in der Fortbewegungsart, aber auch dem Wesen nach prin-

zipiell ganz verschiedene Sphären in sich trägt, die zwar praktisch

untrennbar ineinander verwachsen sind, einander gegenseitig

mitgestalten und bedingen, die aber grundsätzlich zu trennen

sind.

Von diesen drei Sphären als den Faktoren des inneren Aufbaus und des inneren Ablaufs der Geschichte, den Grundbestimmt-

heiten, die sie von innen her strukturieren und gestalten, in prin-

zipiell möglichst eindringlich klärender Form zu sprechen, ist die

Aufgabe, die sich dies Büchlein durch die erneute Darbietung

von früher Vorgetragenem vor allem gestellt hat.

II

Es mag aber nützlich sein, dabei zuvor noch einiges klarzu-

stellen, was in der Vorbemerkung bereits angedeutet wurde.

Als solche innere Strukturlehre der Geschichte steht die Ge-

schichts- und Kultursoziologie in fortgesetzter dynamischer Korre-

spondenz zu allem, was die heute bereits so reich ausgebauten

Analysen der Gesellschaftssphäre" als eines Teils des geschicht-

lichen Gesamts ihr bieten. Sofern diese Analysen der Gesellschaft im engeren Sinne samt der Wirtschaftslehre, der Politik, der Sozial-

psychologie usw. bereit sind, sich als Teile der Analyse eines über-

greifenden großen Ganzen, nämlich des jeweiligen geschichtlichen

Gesamts zu verstehen, sind sie gewissermaßen die dem mehr

Besonderen zugewandten, in der praktischen Ausformung schon

älteren Geschwisterteile, an die sich die Strukturanalyse des ge- schichtlichen Gesamts selbst anzuschließen hat als Interpretation

des übergeordneten dynamischen Gehäuses, in dem sie sich be- wegen.

Diese Analyse selbst aber als solche der inneren Strukturie-

rung der Geschichte hat wieder ihre äußeren und, wenn sie auf ihr

zentrales Anliegen, nämlich die Deutung des historisch erkenn-

baren Wesens des Menschen und seiner Wandlungen nicht ver-

zichten will, auch inneren Grenzen.

EINFÜHRUNG UND ABGRENZUNG

Die äußeren Grenzen sind sehr klar. Sie wurden in der Vor-

bemerkung schon beinahe ausreichend bezeichnet. Denn der ge-

samtgeschichtliche Prozeß hat selbstverständlich nicht nur eine innere Strukturierung, sondern auch eine äußere. Er gewinnt erst in der Sicht des Zusammenwirkens beider Seiten volle Wirklich-

keit. Und es liegt so, daß nicht bloß in der inneren Strukturierung,

sondern auch in der äußeren sich Allgemeines und Prinzipielles niederschlägt, das, diesen äußeren Fortgang gliedernd, ihm, in an-

derer Weise als dem inneren, doch auch eine in generellen Linien

zu umreißende Artung und deren Wandlung aufprägt. Indem wir

dieses Generelle vorerst ganz allgemein bezeichnen als den ge-

schichtsbestimmenden Einfluß des Verhältnisses von Mensch und

Erde und seiner Wandlungen, überlassen wir die Konkretisierung

der darauf im Zusammenwirken mit der inneren Strukturierung

beruhenden Aufbaulinien der Gesamtgeschichte der Erörterung an dem genannten späteren Ort 1 ). Wesentlich ist hier nur, nicht zu

vergessen, daß zu voller, dem realen Geschichtsverlauf naher An-

schaulichkeit alles hier in dieser Schrift Gesagte erst heranwächst durch seine dort vorzunehmende Einfügung in den aus der inne-

ren und äußeren Strukturierung resultierenden gesamtgeschicht-

lichen Verlauf.

Die inneren Grenzen der Innenanalyse sind gegeben vor allem durch die Grenzen des Kompetenzbereichs jeder Art der

soziologischen Betrachtung. Das will sagen, durch das Sichheraus-

stellen soziologisch nicht zu deutender Phänomene, auf welche der

Soziologe in der Arbeit bei der Anwendung der Grundgedanken

und Methoden seiner Innenanalyse stößt. Diese inneren Grenzen

werden in den hier mitgeteilten Aufsätzen immer wieder sichtbar

werden, ohne daß sie stets überall ganz explicite genannt sind. Sie

liegen, wie in der Vorbemerkung bereits angedeutet wurde, nach

verschiedenen Richtungen, die doch innerlich zusammenhängen.

Die Grundtatsache des Geschehens, der der Soziologe für seine Arbeit sich gegenübersieht, ist immer wieder: hier menschliehe

x ) Hier wird auch Stellung zu nehmen sein zu dem in seinem ersten Band im Wesentlichen von der äußeren Strukturierung ausgehenden Werk von

Alexander Rüstow: „Ortsbestimmung der Gegenwart", Eugen Rensch Verlag,

Zürich, 1950.

ALLGEMEINPRINZIPIKN

Spontaneität, dort Umwelt, in der sie wirkt, auf die sie wirkt und die auf sie selbst zurückwirkt.

Es hat für ihn keine Schwierigkeit, bei der Analyse der Umwelt

die vom Menschen selbst geschaffenen Rayons derselben wenig-

stens grundsätzlich von den durch die Natur gegebenen zu tren-

nen und so, sagen wir einmal, ein soziologisches Bedingungsnetz

des inneren und äußeren Handelns als ein vom Menschen selbst

geschaffenes, gewissermaßen als ein „soziologisches Stratum" von

dem „natürlichen" zum mindesten im allgemeinen Umriß abzu- lösen. Diese grundlegende Operation, die sein besonderes Objekt,

eben die soziologische Struktur, erst klar herausstellt, ist ohne weiteres vollziehbar. Und es fällt auch nicht schwer, die verschie- denen Seiten dieser soziologischen Struktur auf verschiedene Seiten

der menschlichen Spontaneität zurückzuführen, oder wenigstens sie mit diesen in einleuchtenden Zusammenhang zu bringen. Aber schon bei dem Versuch, Struktur und Wesen derjenigen

geschichtlichen Sphäre zu bestimmen, die dabei der seelisch-gei-

stigen Spontaneität im Gegensatz zur direkt oder indirekt trieb- haften und nur vitalen zugeordnet ist, stößt er im Phänomen der

Überzweckmäßigkeit des hier angetroffenen inneren und äußeren

Handelns auf etwas, das jede vordergründige Art der Deutung

aus einem durch simple Rationalität umreißbaren Kräftespiel durchbricht. - Er hat zu konstatieren, daß er hier wie im Rücken

des Menschen wirkende Mächte antrifft, die auf eine rational nicht

zu deutende Synthese zwischen „Person und Welt" hindrängen, sei

es in Gestalt zweckloser Schöpfung, sei es mit der Tendenz der

Weltdeutung und Weltveränderung, sei es in der Form der Welt-

abkehr. Das Geheimnis alles aus seelisch-geistiger Spontaneität erwachsenen derart Schöpferischen an Haltung und Gestaltung hat

er einfach festzustellen. Wobei er sich bald klar wird: er stößt dabei

in Wahrheit hier nur auf ein sehr konkretes Sichtbarwerden des Durchwirktsein6 des Daseins von Faktoren, die wir, ihre nähere

Umreißung jenen späteren Versuchen vorbehaltend, in den fol-

genden Aufsätzen vorerst ganz allgemein als solche unmittelbar

erfahrbarer, immanenter Transzendenz bezeichnen wollen. Im vollen Bewußtsein, daß mit dieser Bezeichnung ein natürlich durch-

aus metasoziologisches Faktum herangezogen wird, herangezogen

EINFÜHRUNG UND ABGRENZUNG

aber, da ohne seine Heranziehung die soziologische Analyse in sich

unvollziehbar bliebe.

Allgemein gesehen erweist sich dann beim weiteren Arbeiten

jene hier in diesen Phänomenen unübergehbar gewesene Transzen-

denzdurchflochtenheit des Daseins als Äußerung eines Absoluten,

das sowohl in der Gestalt starker dynamischer Potenzen positiver

oder negativer Art, wie in der Form der Ausstrahlung von diesen

ausgehender ebenfalls vielgesichtiger Gültigkeiten überall auf-

taucht, überall vorhanden ist und das als Gegenstand unmittel-

barer Erfahrung aufzudecken und, so weit es geht, faßbar zu

machen, abzugrenzen und einzugliedern, offenbar eine Aufgabe

ist, die vorbehalten bleiben muß.

So die wohl wesentlichste innere Grenze der vorzunehmenden

Betrachtungsart. Die andere scheinbar ganz verschiedene, doch, wie später sich

ergeben wird, im letzten konvergierende Richtung, nach der die

soziologische Innenanalyse, soll sie ganz vollzogen werden, über

sich selbst hinausweist, Hegt auf der Ebene der Rückwirkung des soziologischen und natürlichen Stratums auf den Menschen,

also des Beeinflußtwerdens der menschlichen Wesensqualitäten von daher und ihrer Veränderung unter diesem Einfluß. Sie liegt

damit auf einer Ebene, für welche die Deutung der soziologischen

Strukturformung als Produkt des Menschen samt den in ihr

eingeschlossenen Daseinsgehalten und Emanationen, sowie For-

men und Gestalten des Selbst- und Daseinsverständnisses bei

allem großen eigenen Wert, den sie besitzen, doch gleichsam nur

Materialaufbereitung für die umgekehrte Frage sind: inwiefern

der spontan produzierende und zugleich das Dasein und sich selbst

interpretierende Mensch in der Art und Gestaltung seiner Spon-

taneität und der ihr zugrunde liegenden Wesensformung selbst historisch wandelbares Produkt ist, sei es des Wandels der von ihm

selbst geschaffenen Existenzgehäuse und -gehalte, sei es des na-

türlichen Milieus und seiner Wandlung. Fixierung und Verände-

rung des menschlichen Typs als Tatsachen und deren Zusammen-

hang mit der natürlichen oder soziologischen Umwelt sind Dinge,

die dabei ohne weiteres soziologisch konstatierbar und deutbar

sind. Ja, deren Konstatierung und Deutung ist offenbar ein we-

ALL GEMEINPRINZIPIEN

sentlicher Teil der Anwendung der historisch-soziologischen Innen-

analyse auf die Geschichte. Wie aber das Wesen der am und im

Menschen selber bei seinen Fixierungen, Fixierungswandlungen

und Fixierungsauflösungen sich vollziehenden Vorgänge zu ver-

stehen ist, was, anders gesagt, bei alledem an ihm als Menschen

wesenhaft vor sich geht, darauf kann der Soziologe als Soziologe

nicht antworten, da dafür biologisch-anthropologische Vorstel-

lungen herangezogen werden müssen. Diese sind hier die not-

wendigen Ergänzungen; und alles Reden von Fixierung eines

menschlichen Typs, Auflösung der Fixierung usw. ist ohne diese

Ergänzung unvollständig.

Auch diese Ergänzung kann hier in dieser soziologischen Prin-

zipienschrift nicht gegeben werden. Vor allem deshalb unter an-

derem nicht, weil sie nicht nur eine durchaus eigene biologisch-

anthropologische Thematik hat, sondern zugleich eine solche, die

sich auch erst wieder für die uns interessierenden Probleme voll-

endet durch Heranziehung der künftig zu besprechenden Tran-

szendenzverflochtenheit des Menschen.

Es besteht also ein großer Rahmen zusammenhängender Fragen- komplexe und Phänomene, innerhalb deren die hier gebotene

Lehre des soziologischen Innenaufbaus der Geschichte, die eine Prinzipienlehre darstellt, teils erst ihre Realität, teils auch erst

ihre nicht zu entbehrende Abrundung erfährt. - Die Absteckung

dieses Rahmens konnte nur in Hinweisen auf an anderer Stelle Auszuführendes erfolgen, durfte jedoch als Ergänzung der folgen-

den Aufsätze offenbar nicht fehlen.

B. Geschichts- und Kultursoziologie

ALS INNERE STRUKTURLEHRE DER GESCHICHTE 1

)

I. Die kulturell orientierte, systematisch-strukturelle Gliederung der Geschichte

Tritt man mit der Fragestellung nach dem Kulturschicksal der

Menschheit an die Historie heran, so stellt sich - für welchen Kul-

turhegriff immer - der geschichtliche Prozeß dar als eine Abfolge,

ein Nebeneinanderbestehen und ein teilweises Aufeinander-Auf-

gebautsein verschiedener großer Kulturen (der ägyptischen, baby-

lonischen, indischen, chinesischen, persisch-jüdischen, griechisch-

römischen, byzantinischen, islamitischen, abendländischen, um einige der wichtigsten zu nennen), welche alle ihr eigenes Wesen, ihre eigene Daseinshaltung, ihre eigene Ausdrucksform und Ge-

samtphysiognomie, ihre eigenen Vollendungshöhen und Abfälle,

ihren eigenen Rhythmus der Bewegung besitzen, und welche die

Totalität der bisher erreichten Kulturvollendungen der Mensch-