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4 Elastische Eigenschaften

von Festkörpern
Wir betrachten in diesem Kapi-
tel die elastischen Eigenschaften
von Festkörpern. Im vorangegan-
genen Kapitel haben wir gese-
hen, dass aufgrund der verschie-
denen Bindungskräfte in Festkör-
pern die Atome einen Gleichge-
wichtsabstand R 0 einnehmen, für FEM Simulation: Biegebalken mit Torsionslast
Bild: Lothar Golla
den die gesamte potenzielle Ener-
gie U(R 0 ) ein Minimum besitzt.
Unsere Betrachtungen haben wir allerdings ohne das Einwirken einer äußeren Kraft ge-
macht. Wir wollen jetzt diskutieren, wie sich der mittlere Atomabstand in Festkörpern unter
Einwirkung einer äußeren Kraft verhält. Es ist einsichtig, dass auf ein Atom die Rückstellkraft

∂U
F=−
∂r
wirkt, falls es aus seiner Gleichgewichtslage ausweichen will. Wollen wir also einen Festkör-
per verformen, so müssen wir diese Rückstellkraft überwinden.
Bei der in diesem Kapitel vorgenommenen Betrachtung werden wir den Festkörper als ein
Kontinuum annehmen. Das heißt, wir werden die atomare Struktur des Festkörpers völ-
lig außer Acht lassen. Diese Kontinuumsnäherung ist angebracht, wenn wir nur Vorgän-
ge auf einer Längenskala λ beschreiben, die groß gegen den mittleren Atomabstand R 0 ist.
Da R 0 ∼ 1 Å, können wir mit der Kontinuumsnäherung nur Vorgänge auf der Längenskala
λ ≳ 100 Å betrachten. Als Beispiel diskutieren wir elastische Wellen in einem Festkörper. Da
die typische Schallgeschwindigkeit von Festkörpern im Bereich v = 103 –104 m/s liegt, erhal-
ten wir für λ > 100 Å die maximale Frequenz f = v/λ < 1011 –1012 Hz. Falls wir also Phäno-
mene im Frequenzbereich von Schall- oder Ultraschallfrequenzen (Hz- bis MHz-Bereich)
betrachten, ist die Kontinuumsnäherung sehr gut. Die Betrachtung eines Systems mit dis-
kreter Gitterstruktur erfolgt später in Kapitel 5, wo wir elastische Schwingungen mit sehr
kleinen Wellenlängen diskutieren werden, für die die atomare Struktur des Festkörpers na-
türlich eine entscheidende Rolle spielt.

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154 4 Elastische Eigenschaften

4.1 Grundlagen
Bei der Diskussion der elastischen Eigenschaften von Festkörpern unterscheidet man gene-
rell zwischen elastischen und plastischen Verformungen. Bei elastischen Verformungen han-
delt es sich um einen reversiblen Verformungsprozess, während eine plastische Verformung
einen irreversiblen Verformungsprozess darstellt. Wir werden uns hier nur mit elastischen
Verformungen befassen.
Dabei benutzen wir nur die Newtonschen Gesetze und das Hookesche Gesetz, das besagt,
dass bei einer elastischen Verformung eines Festkörpers die Dehnung e direkt proportional
zur Spannung σ ist:

σ = Ce . (4.1.1)

Hierbei ist
F Kraft
σ≡ = (4.1.2)
A Fläche
die Spannung (engl. stress) und
ΔV
e≡ (4.1.3)
V
die Dehnung (engl. strain), die sich z. B. in einer relativen Längenänderung manifestiert. Die
Proportionalitätskonstante C bezeichnen wir als Dehnungsmodul oder Elastizitätsmodul.
Gleichung (4.1.1) gilt natürlich nur für den Bereich kleiner Spannungen, in dem ein linearer
Zusammenhang (Hookesches Gesetz) zwischen Spannung und Dehnung besteht. Für große
Spannungen erhalten wir ein kompliziertes nichtlineares Verhalten.
Wir werden im Folgenden sehen, dass die Spannung und Dehnung im Allgemeinen durch
symmetrische Tensoren 2. Stufe und der Elastizitätsmodul durch einen Tensor 4. Stufe be-
schrieben werden müssen. Einige der nachfolgenden Zusammenhänge sehen deshalb kom-
pliziert aus, da die Beziehungen zwischen verschiedenen Größen nicht durch Skalare, son-
dern durch Tensoren gegeben sind, was unvermeidlich zu einer Vielzahl von Indizes führt.

4.2 Spannung und Dehnung


4.2.1 Der Spannungstensor
Unter einer Spannung verstehen wir eine innere Kraft in einem Festkörper. Wir können die-
se in einem Körper wirkenden Kräfte dadurch beschreiben, dass wir den Körper in kleine
Volumenelemente zerlegen, auf die diese Kräfte wirken. Die Volumenelemente erleiden un-
ter Einwirkung der Spannungen Deformationen. Betrachten wir ganz allgemein eine auf ein
Flächenelement ΔA wirkende Kraft ΔF, so können wir diese Kraft immer in eine Normal-
komponente ΔFn und zwei zueinander senkrechte Tangentialkomponenten ΔF t1 und ΔF t2

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4.2 Spannung und Dehnung 155

z
(a) (b) Vzz

Vxz Vyz
Vzx
' Fn Vzy Abb. 4.1: (a) Zerlegung
'F Vxx der an einem Flächenele-
Vxy ment ΔA angreifenden Kraft
'Ft2 Vyx Vyy in eine Normal- und zwei
x
Tangentialkomponenten.
'A
y (b) Zur Definition der Span-
'Ft1 nungskomponenten.

zerlegen (siehe Abb. 4.1a). Die mit der Normalkomponente verbundene Spannung ΔFn /ΔA
nennen wir Normalspannung, die beiden mit den Tangentialkomponenten verbundenen
Spannungen ΔF t1 /ΔA und ΔF t2 /ΔA nennen wir Schubspannungen.
Den Spannungszustand eines kleinen, würfelförmigen Volumenelements können wir allge-
mein durch Angabe von 9 Größen beschreiben (siehe Abb. 4.1b), wobei wir für jede Seite des
Würfels drei Kraftkomponenten angeben müssen. Ist der Würfel hinreichend klein, so wirkt
auf die gegenüberliegenden Seiten die gleiche Kraft. Wir können also den Spannungszustand
vollkommen durch die Elemente des Spannungstensors

⎛σ x x σ x y σ x z ⎞
̂
σ = ⎜σ yx σ y y σ yz ⎟ (4.2.1)
⎝ σzx σz y σzz ⎠

charakterisieren. Hierbei sind die Komponenten definiert als (siehe hierzu Abb. 4.1b)
Kraftkomponente in i-Richtung
σi j ≡ (4.2.2)
Fläche mit Normalkomponente in j-Richtung
Die Komponenten σx x , σ y y und σzz stellen also Normalspannungen und die Komponenten
σx y , σ yx , σ yz , σz y , σx z und σzx Schubspannungen dar. Aus der Definition (4.2.2) und Abb. 4.1b
erkennen wir, dass bei den Normalspannungen die Kraft senkrecht auf der betreffenden Flä-
che steht, während bei den Schubspannungen die Kraft parallel zur Fläche gerichtet ist.
Wir wollen uns nun überlegen, ob alle 9 Komponenten des Spannungstensors unabhängig
voneinander sind. Hierzu fordern wir, dass durch die wirkenden Spannungen keine Dreh-
oder Translationsbewegung erzeugt werden soll. Daraus erhalten wir sofort die Bedingung
(siehe hierzu Abb. 4.2), dass Folgendes gilt:

∎ Die auf entgegengesetzte Flächen (eines Würfels) wirkenden Spannungen müssen gleich
mit umgekehrtem Vorzeichen sein (dies ist immer erfüllt, wenn wir das betrachtete Wür-
felelement klein machen). Abb. 4.2 zeigt, dass die Kräfte in x- und y-Richtung verschwin-
den.
∎ Damit kein Drehmoment auftritt, muss
σ i j = σ ji (4.2.3)
gelten.

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156 4 Elastische Eigenschaften

y Vxy

Vyx
Abb. 4.2: Zur Veranschaulichung der Tatsache, dass für einen
Festkörper im statischen Gleichgewicht σ i j = σ ji gelten muss. Vyx x
Die Summe der Kräfte in x-Richtung verschwindet für σx y =
σ yx . Ebenso ist die Summe der Kräfte in y-Richtung null. Das
Gesamtdrehmoment verschwindet ebenfalls für σx y = σ yx . Vxy

Wir haben dadurch nur 6 unabhängige Spannungskomponenten, nämlich 3 Normal- und


3 Schubspannungskomponenten. Der Spannungstensor ist symmetrisch.

4.2.1.1 Zug, Biegung, Scherung, Torsion


V V
Die Bezeichnungen Zug, Biegung, Scherung und Torsion beschreiben elementare Belas-
tungsfälle:

∎ Zug bzw. Druck tritt auf, wenn die Schubspannungen verschwinden und die Kraft gleich-
mäßig am Körper angreift. Der Körper reagiert mit Dehnung und Querdehnung (siehe
Abb. 4.3a und b). Liegt isotroper Druck (hydrostatischer Druck) vor, so wirkt der gleiche
Druck auf alle Seiten des Körpers und der Körper reagiert mit einer Volumenänderung
(siehe Abb. 4.3c).

(a) F (b) F (c) F


'ℓ 'ℓ

ℓ F F

F
d F
½'d ½'d

(d) (e) (f)


F
F
J

F
D

F
Abb. 4.3: Zur Veranschaulichung einer Dehnung (a), einer Querdehnung (b), einer allseitigen Kom-
pression (c), einer Biegung (d), einer Scherung (e) und einer Torsion (f).

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4.2 Spannung und Dehnung 157

∎ Bei einer Biegung verschwinden die Schubspannungen, der Zug oder Druck greift
allerdings nicht gleichmäßig an und bewirkt eine ungleichmäßige Verformung (sie-
he Abb. 4.3d). An einigen Stellen des Körpers resultiert eine Zug-, an anderen eine
Druckbelastung.
∎ Eine Scherung tritt auf, wenn nur Schubspannungen wirken, die Kräfte also parallel zur
Oberfläche des Körpers angreifen. Der Körper reagiert mit einer Verformung, die als
Scherung bezeichnet wird. Hierbei ändern sich die Winkel zwischen den Kanten des
Körpers (siehe Abb. 4.3e).
∎ Bei einer Torsion treten wie bei einer Scherung nur Schubspannungen auf, die aber an
verschiedenen Stellen in verschiedene Richtungen zeigen und dadurch ein Drehmoment
erzeugen. Dies führt zu einer Verdrehung der Körperachsen (siehe Abb. 4.3f).

Alle in der Praxis vorkommenden Belastungsfälle lassen sich aus diesen elementaren Fällen
zusammensetzen.

4.2.2 Die Dehnungskomponenten


Wir wollen nun die Dehnungskomponenten allgemein für einen dreidimensionalen Fest-
körper definieren. Hierzu betrachten wir ein orthogonales System von Einheitsvektoren ̂ x,
y und ̂
̂ z, das in einen unverspannten Festkörper eingebaut ist (siehe hierzu Abb. 4.4a). Nach
einer gleichmäßigen Deformation1 des Festkörpers, haben wir auch die Orientierung und
die Länge dieser Einheitsvektoren geändert (siehe Abb. 4.4b). Das neue Koordinatensystem
x′ , y′ , z′ können wir auf der Basis des ursprünglichen Koordinatensystems schreiben als
x′ = (1 + є x x )̂ y + є x ẑ
x + є x ŷ z (4.2.4)

y′ = є yx ̂ y + є yẑ
x + (1 + є y y )̂ z (4.2.5)

z′ = є zx ̂
x + є z ŷ
y + (1 + є zz )̂
z. (4.2.6)
Die Koeffizienten є i j beschreiben dabei die Deformation, sie sind dimensionslos und haben
Werte ≪ 1, da wir nur kleine Deformationen im Hookeschen Bereich betrachten wollen. Die
Länge der neuen Achsen x′ , y′ , z′ ist nicht eins, wie wir sofort aus
x′ ⋅ x′ = 1 + 2є x x + є 2x x + є 2x y + є 2x z (4.2.7)

ẑ zʹ
Deformation
90° 90°
Abb. 4.4: Koordinatenachsen zur Be-
schreibung des Dehnungszustandes:

90°
ŷ xʹ yʹ die orthogonalen Achsen in (a) wer-
den im gedehnten Zustand (b) ver-
(a) (b) formt.
1
Bei einer gleichmäßigen Deformation wird jede Einheitszelle des Festkörpers in gleicher Weise
deformiert.

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158 4 Elastische Eigenschaften

erkennen. Da є i j ≪ 1, können wir in guter Näherung2


x′ ≃ 1 + єx x + . . . (4.2.8)
schreiben. Das heißt, in erster Ordnung sind die relativen Änderungen der Länge der Ein-
heitsvektoren ̂ y und ̂
x, ̂ z gerade є x x , є y y und є zz .
Wir betrachten nun die Auswirkung der Deformation (4.2.4) bis (4.2.6) auf die Position
r = x̂
x + ŷ
y + ẑ
z eines Atoms. Falls die Deformation gleichmäßig ist, wird die neue Position
durch r′ = xx′ + yy′ + zz′ gegeben sein. Wir können dann den Verschiebungsvektor R der
Deformation einführen:
R = r′ − r = x(x′ − ̂
x) + y(y′ − ̂
y) + z(z′ − ̂
z) . (4.2.9)
Benutzen wir (4.2.4) bis (4.2.6), so erhalten wir
R(r) = (xє x x + yє yx + zє zx )̂
x + (xє x y + yє y y + zє z y )̂
y
+ (xє x z + yє yz + zє zz )̂
z. (4.2.10)
Den Verschiebungsvektor können wir auch ganz allgemein schreiben als

R(r) = u(r)̂
x + v(r)̂
y + w(r)̂
z. (4.2.11)

Falls die Deformation ungleichmäßig sein sollte, müssen wir u, v und w in Bezug zu den
lokalen Dehnungen setzen. Entwickeln wir den Ausdruck für R in eine Taylor-Reihe um
r = 0 unter Benutzung von R(0) = 0, so erhalten wir in erster Näherung
∂u ∂u ∂u ∂v ∂v ∂v
R ≃ (x +y + z )̂x + (x +y + z )̂y
∂x ∂y ∂z ∂x ∂y ∂z
∂w ∂w ∂w
+ (x +y +z )̂
z. (4.2.12)
∂x ∂y ∂z
Durch Vergleich von (4.2.10) mit (4.2.12) erhalten wir die Beziehungen
∂u ∂u ∂u
xє x x ≃ x yє yx ≃ y zє zx ≃ z usw . (4.2.13)
∂x ∂y ∂z
Es ist allgemein üblich, mit den Dehnungskoeffizienten e α β anstatt mit den Koeffizienten є α β
zu arbeiten. Die Dehnungskoeffizienten e x x , e y y und e zz sind durch folgende Beziehungen
mit den Koeffizienten є x x , є y y und є zz verknüpft:

1 1 ∂u
e x x ≡ x′ ⋅ x′ − = є x x =
2 2 ∂x
1 1 ∂v
e y y ≡ y′ ⋅ y′ − = є y y =
2 2 ∂y
1 1 ∂w
e zz ≡ z′ ⋅ z′ − = є zz = . (4.2.14)
2 2 ∂z

2
Wir benutzen 1 + x ≃ 1 + x.

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4.3 Der Elastizitätstensor 159

Die weiteren Dehnungskoeffizienten werden durch die Änderungen der Winkel zwischen
den Achsen definiert. Mit (4.2.4) bis (4.2.6) erhalten wir

1 1 1 ∂u ∂v
e x y ≡ x′ ⋅ y′ = (є yx + є x y ) = ( + )
2 2 2 ∂y ∂x

1 1 1 ∂v ∂w
e yz ≡ y′ ⋅ z′ = (є z y + є yz ) = ( + )
2 2 2 ∂z ∂y
1 1 1 ∂u ∂w
e zx ≡ z′ ⋅ x′ = (є zx + є x z ) = ( + ). (4.2.15)
2 2 2 ∂z ∂x

Die Ausdrücke (4.2.14) und (4.2.15) zeigen, dass die dimensionslosen Dehnungskoeffizien-
ten durch die partiellen Ableitungen der Komponenten des Verschiebungsvektors R nach
den Koordinaten x, y, z gegeben sind. Sie bestimmen die Dehnung vollständig. Aus Sym-
metriegründen gilt e k l = e l k , d. h. der durch die Dehnungskoeffizienten gebildete Tensor 2.
Stufe ist ein symmetrischer Tensor:

⎛e x x e x y e x z ⎞
̂
e = ⎜ e yx e y y e yz ⎟ (4.2.16)
⎝ e zx e z y e zz ⎠

4.3 Der Elastizitätstensor


Wir haben bereits in Abschnitt 4.1 diskutiert, dass zwischen Spannung und Dehnung ein
linearer Zusammenhang besteht, solange wir uns im Hookeschen Bereich genügend kleiner
Deformationen befinden. In diesem Fall sind die Dehnungskoeffizienten lineare Funktionen
der Spannungkomponenten und umgekehrt und es gilt

σ i j = ∑ C i jk l e k l . (4.3.1)
kl

Hierbei sind C i jk l die Komponenten des Elastizitätstensors (engl. Young’s modulus). Sie wer-
den auch als elastische Moduln bezeichnet. Die Dimension der Koeffizienten ist Kraft/Fläche
oder äquivalent Energie/Volumen. Die Elastizitätsmoduln C i jk l bilden einen Tensor 4. Stufe,
die Spannungskomponenten σ i j und die Dehnungskoeffizienten e k l einen Tensor 2. Stufe.
Im Allgemeinen besitzt der Elastizitätstensor 81 Komponenten. Aufgrund der Symmetrie-
beziehungen σ i j = σ ji und e k l = e l k gilt aber C i jk l = C ji k l = C i jl k , wodurch sich die Zahl der
unabhängigen Komponenten auf 36 reduziert. Aus der quadratischen Abhängigkeit der elas-
tischen Energie von der Verformung folgt ferner C i jk l = C k l i j , wie wir in Abschnitt 4.3.1
zeigen werden. Somit verbleiben nur noch 21 unabhängige Komponenten. Eine weitere Re-
duktion erfolgt aufgrund der zugrunde liegenden Kristallsymmetrie.
In ähnlicher Weise könnten wir anstelle des Elastizitätstensors auch den inversen Tensor
benutzen. Seine Koeffizienten S i jk l werden als Elastizitätskoeffizienten oder elastische Kon-

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160 4 Elastische Eigenschaften

stanten bezeichnet. Sie sind durch


e i j = ∑ S i jk l σ k l (4.3.2)
kl

definiert.
Aufgrund der oben diskutierten Symmetriebeziehungen können wir eine verkürzte Notati-
on, die so genannte Voigt-Notation
xx → 1 , yy → 2 , zz → 3 ,
(4.3.3)
yz = z y → 4 , xz = zx → 5 , x y = yx → 6
verwenden. Mit diesen Bezeichnungen können wir (4.3.1) in folgender vereinfachter Form
schreiben:
6
σm = ∑ C mn e n . (4.3.4)
n=1

schreiben. Für die 6 unabhängigen Komponenten des Spannungstensors erhalten wir dann
folgende 6 Gleichungen mit 36 Koeffizienten
σ1 = C 11 e 1 + C 12 e 2 + C 13 e 3 + C 14 e 4 + C 15 e 5 + C 16 e 6
σ2 = C 21 e 1 + C 22 e 2 + C 23 e 3 + C 24 e 4 + C 25 e 5 + C 26 e 6
σ3 = C 31 e 1 + C 32 e 2 + C 33 e 3 + C 34 e 4 + C 35 e 5 + C 36 e 6
(4.3.5)
σ4 = C 41 e 1 + C 42 e 2 + C 43 e 3 + C 44 e 4 + C 45 e 5 + C 46 e 6
σ5 = C 51 e 1 + C 52 e 2 + C 53 e 3 + C 54 e 4 + C 55 e 5 + C 56 e 6
σ6 = C 61 e 1 + C 62 e 2 + C 63 e 3 + C 64 e 4 + C 65 e 5 + C 66 e 6 .

4.3.1 Elastische Energiedichte


Die elastische Energiedichte U ist eine quadratische Funktion der Dehnung und kann analog
zur elastischen Energie einer gedehnten Feder geschrieben werden als
1 6 6 ̃
U= ∑ ∑ C mn e m e n . (4.3.6)
2 m=1 n=1
Hierbei sind die Indizes 1 bis 6 durch die Voigt-Notation (4.3.3) definiert.
Wir müssen nun den Zusammenhang zwischen den Koeffizienten C ̃mn und C mn klären. Die
Spannungskoeffizienten sind durch die Ableitung von U nach dem zugehörigen Dehnungs-
koeffizienten gegeben:
∂U ∂U ̃ 1 6 ̃ ̃
σ x x = σ1 = = = C 11 e 1 + ∑ (C 1n + C n1 )e n
∂e x x ∂e 1 2 n=2
∂U ∂U ̃ 1 6 ̃2n + C
̃n2 )e n (4.3.7)
σ y y = σ2 = = = C 22 e 2 + ∑ (C
∂e y y ∂e 2 2 n=1,n≠2
usw .

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4.3 Der Elastizitätstensor 161

Wir sehen, dass in den Zusammenhang zwischen Spannung und Dehnung jeweils nur die
Kombinationen 12 (C̃mn + C
̃nm ) eingehen. Daraus können wir ablesen, dass die Elastizitäts-
moduln symmetrisch sind:
̃mn + C
C mn = 12 (C ̃nm ) = C nm . (4.3.8)

Von den 36 Koeffizienten des Elastizitätsmoduls bleiben also nur noch 21 übrig.

4.3.1.1 Beispiel: Volumenausdehnung


Die relative Änderung ΔV
V
des Volumens eines Festkörpers aufgrund einer Deformation be-
zeichnen wir als Volumenausdehnung δ. Für hydrostatischen Druck ist die Volumenausdeh-
nung negativ. Der Einheitswürfel mit den Achsen ̂ y und ̂
x, ̂ z hat nach der Deformation das
durch das Spatprodukt gegebene Volumen

V ′ = (x′ ⋅ y′ ) × z′ . (4.3.9)

Mit Hilfe von (4.2.4) bis (4.2.6) erhalten wir


XXX1 + є x x є x y є x z XXXX
X
(x′ ⋅ y′ ) × z′ = XXXXX є yx 1 + є y y є yz XXXX ≃ 1 + e x x + e y y + e zz .
X
(4.3.10)
XXX є є z y 1 + є zz XXXX
X zx
Hierbei haben wir Produkte von zwei Dehnungskoeffizienten vernachlässigt. Die Volumen-
ausdehnung ergibt sich damit zu

V′ − V
δ≡ ≃ e x x + e y y + e zz . (4.3.11)
V
Die Größe δ wird häufig einfach als Dilatation oder Ausdehnung bezeichnet.

4.3.2 Kristallsymmetrie und Elastizitätsmodul


Die Zahl der unabhängigen Komponenten des Elastizitätsmoduls wird weiter reduziert, falls
der betrachtete Kristall Symmetrieelemente besitzt. Wir wollen dies hier nicht ausführlich
ableiten, sondern nur in Tabelle 4.1 das Ergebnis festhalten.

Kristallsystem Punktgruppe elastische Konstanten Tabelle 4.1: Zahl der unabhän-


gigen elastischen Konstanten.
triklin alle 21
monoklin alle 13
orthorhombisch alle 9
tetragonal C 4 , C 4h , S 4 , 7
C 4v , D 4v , D 4h , D 2d 6
rhomboedrisch C3 , S6 , 7
C 3v , D 3 , D 3d 6
hexagonal alle 5
kubisch alle 3

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162 4 Elastische Eigenschaften

Für kubische Kristalle haben wir nur drei unabhängige Komponenten des Elastizitätsmo-
duls. Es sind dies
C 11 = C x x x x = C 22 = C y y y y = C 33 = C zzzz
C 12 = C x x y y = C 23 = C y yzz = C 32 = C zzx x (4.3.12)
C 44 = C yz yz = C 55 = C zx zx = C 66 = C x yx y .

Alle anderen Koeffizienten sind null und wir erhalten

⎛C 11 C 12 C 12 0 0 0 ⎞
⎜C 12 C 11 C 12 0 0 0 ⎟
⎜ ⎟
⎜C 12 C 12 C 11 0 0 0 ⎟
C=⎜
̂
⎜ 0
⎟. (4.3.13)
⎜ 0 0 C 44 0 0 ⎟ ⎟
⎜ 0 0 ⎟
⎜ 0 0 0 C 44 ⎟
⎝ 0 0 0 0 0 C 44 ⎠

4.3.2.1 Vertiefungsthema: Elastizitätstensor eines kubischen Kristalls


Falls (4.3.13) richtig ist, erhalten wir aus (4.3.6) die elastische Energiedichte eines kubischen
Kristalls zu
U = 12 C 11 (e x2 x + e 2y y + e zz
2
) + 12 C 44 (e 2yz + e x2 z + e x2 y )
+ 12 C 12 (e y y e zz + e zz e x x + e x x e y y ) . (4.3.14)

In der elastischen Energiedichte tauchen keine Terme der Form

ex x ex y + . . . e yz e x z + . . . e x x e yz + . . . (4.3.15)

auf. Wir wissen, dass wir für einen kubischen Kristall insgesamt 4 dreizählige Rotationsach-
sen haben, deren Richtungen in [111] und die dazu äquivalenten Richtungen zeigen. Drehen
wir einen Würfel, dessen Kanten entlang der x-, y- und z-Achse ausgerichtet sind, um 2π/3
um diese vier Rotationsachsen, so tauschen wir die x-, y- und z-Achsen gemäß folgenden
vier Schemata gegeneinander aus:

x→y→z→x − x → z → −y → −x
(4.3.16)
x → z → −y → x − x → y → z → −x .

Gemäß dem ersten Schema erhalten wir zum Beispiel für die Terme in (4.3.14)

e x2 x + e 2y y + e zz
2
→ e 2y y + e zz
2
+ e x2 x
e 2yz + e x2 z + e x2 y → e zx
2
+ e 2yx + e 2yz (4.3.17)
e y y e zz + e zz e x x + e x x e y y → e zz e x x + e x x e zz + e y y e zz .

Wir sehen sofort, dass (4.3.14) invariant unter der betrachteten Operation ist. Wir sehen
ferner, dass für die Terme aus (4.3.15) dagegen wir immer eine Transformation aus dem

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4.3 Der Elastizitätstensor 163

Satz (4.3.16) finden können, die das Vorzeichen eines Terms ändert, da z. B. e x y = −e x(−y) .
Das heißt, die Terme in (4.3.15) sind nicht invariant unter der für die kubische Symmetrie
notwendigen Operation. Diese Terme dürfen also in der Tat im Ausdruck für die elastische
Energiedichte nicht auftauchen.
Wir müssen jetzt noch zeigen, dass die Zahlenfaktoren in (4.3.14) richtig sind. Gemäß (4.3.6)
und (4.3.14) erhalten wir
∂U
= σx x = C 11 e x x + C 12 (e y y + e zz )
∂e x x
∂U (4.3.18)
= σ y y = C 11 e y y + C 12 (e x x + e zz )
∂e y y
... .
Vergleichen wir dies mit (4.3.5), so sehen wir, dass

C 11 = C 22 = C 33
C 12 = C 13 = C 21 = C 31
C 14 = C 41 = C 15 = C 51 = C 16 = C 61 = 0 (4.3.19)
C 24 = C 42 = C 25 = C 52 = C 26 = C 62 = 0
C 34 = C 43 = C 35 = C 53 = C 36 = C 63 = 0 .
Damit erhalten wir sofort den Elastizitätstensor (4.3.13).

4.3.2.2 Elastische Konstanten eines kubischen Kristalls


Die elastischen Konstanten S i k eines kubischen Kristalls hängen mit den Komponenten C i k
des Elastizitätsmoduls wie folgt zusammen:3
1
C 44 =
S 44
1
C 11 − C 12 = (4.3.20)
S 11 − S 12
1
C 11 + 2C 12 = .
S 11 + 2S 12

4.3.2.3 Beispiel: Bulk-Modul und Kompressibilität eines kubischen Kristalls


Für einen kubischen Kristall ist e x x = e y y = e zz und wir erhalten durch Anlegen von hydro-
statischem Druck eine gleichförmige Dehnung e x x = e y y = e zz = 13 δ. Hierbei gilt σ = −Δp.
Für diese Deformation erhalten wir aus (4.3.6) für einen kubischen Kristall somit die Ener-
giedichte

1 δ2 1
U = (3C 11 + 6C 12 ) = (C 11 + 2C 12 )δ 2 . (4.3.21)
2 9 6
3
Diesen Zusammenhang erhält man durch Invertieren der 6 × 6 Matrix der Elastizitätsmoduln.

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164 4 Elastische Eigenschaften

Der Kompressionsmodul ist durch

∂p ∂2 U
B = −V =V (4.3.22)
∂V ∂V 2
definiert (vergleiche Abschnitt 3.2.4). Äquivalent zu dieser Definition können wir mit δ =
ΔV /V den Kompressionsmodul auch durch die Beziehung

U = 21 Bδ 2 (4.3.23)

ausdrücken. Für einen kubischen Kristall erhalten wir deshalb

B = 13 (C 11 + 2C 12 ) . (4.3.24)

Die Kompressibilität κ ist durch den Kehrwert des Kompressionsmoduls B gegeben.


Aus obiger Definition des Kompressionsmoduls wird klar, dass wir durch eine experimen-
telle Bestimmung von B Informationen über die Bindungskräfte erhalten können. Wir be-
trachten als Beispiel einen NaCl-Ionenkristall (kubisch, fcc). Für einen kubischen Kristall
mit fcc-Struktur ist der Kompressionsmodul durch (vergleiche (3.3.15))

1 1 ZN N λ αq 2
B= = ( 2 e−R 0 /ρ − ) (4.3.25)
κ 18R 0 ρ 2πє 0 R 03

gegeben. Mit α = 1.7476, R 0 = 2.82 Å, λ = 1.74 × 10−16 J und ρ = 0.322 Å (vergleiche Tabel-
le 3.6) erhalten wir für NaCl den Kompressionsmodul B ≃ 2.7 × 1010 N/m2 . In der Praxis
geht man natürlich umgekehrt vor. Man bestimmt aus den gemessenen Werten für R 0 und
B die Parameter λ und ρ der Potenzialkurve der ionischen Bindung.

4.4 Vertiefungsthema: Verspannungseffekte


in epitaktischen Schichten
Dünne Schichten spielen in der heutigen Festkörperphysik und -technologie eine bedeu-
tende Rolle. In vielen Fällen werden diese Schichten epitaktisch auf einem einkristallinen
Substrat aufgewachsen. Epitaktisch bedeutet dabei, dass die kristallographischen Achsen
des Films und des Substrats eine wohldefinierte Orientierung zueinander haben. Falls Film
und Substratmaterial nicht gleich (Homoepitaxie) sondern unterschiedlich (Heteroepitaxie)
sind, können an der Grenzfläche zwischen Substrat und Film Verspannungseffekte auftreten,
da Film und Substrat unterschiedliche Gitterkonstaten haben können. Diese Verspannungs-
effekte sind von großer Bedeutung sowohl für das Filmwachstum als auch für die physikali-
schen Eigenschaften der Filme.
Als Beispiel wollen wir Halbleitermaterialien betrachten. In Abb. 4.5 sind die Werte der
Energielücke verschiedener Halbleitermaterialien gegen ihre Gitterkonstante aufgetragen.
In künstlichen Halbleiterheterostrukturen wird durch die Kombination von Halbleiterma-
terialien mit unterschiedlichen Energielückenwerten gezielt die Bandstruktur modifiziert,

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4.4 Vertiefungsthema: Verspannungseffekte in epitaktischen Schichten 165

4
ZnS

3 Zn0.5Mn0.5Se
Energielücke (eV)

AlP ZnSe CdS Cd0.5Mn0.5Se


AlAs ZnTe
2 GaP
CdSe
GaAs AlSb CdTe
InP
Si
1
Ge GaSb
InAs InSb Abb. 4.5: Energielücken und Gitter-
0 HgTe
HgS HgSe konstanten von einigen Halbleiter-
materialien. Familien mit ähnlichem
5.4 5.6 5.8 6.0 6.2 6.4 6.6
Gitterparametern sind mit gleichfarbi-
Gitterkonstante (Å) gen Symbolen eingezeichnet.

um zum Beispiel zweidimensionale Elektronengassysteme zu erzeugen. Dazu müssen diese


Halbleitermaterialien heteroepitaktisch in künstlichen Vielschichtstrukturen übereinander
aufgewachsen werden. Dies funktioniert meistens nur dann gut, wenn ihre Gitterkonstanten
gut zueinander passen. Obwohl die verwendeten Materialien leicht unterschiedliche Gitter-
konstanten besitzen, zeigen die Grenzflächen zwischen den verschiedenen Materialien keine
Defekte wie z. B. Stufenversetzungen. Wir werden im Folgenden sehen, dass dies nur dann
der Fall ist, wenn entweder die Gitterkonstanten der Materialien sehr ähnlich sind oder die
einzelnen Schichten sehr dünn sind.
Ein weiteres interessantes Materialsystem sind die supraleitenden Kuprate. Diese besitzen
als gemeinsames Strukturelement CuO2 -Ebenen. Dadurch haben unterschiedliche Kuprat-
supraleiter (z. B. YBa2 Cu3 O7 , La2−x Srx CuO4 oder Bi2 Sr2 CaCu2 O8 ) ähnliche Gitterkonstan-
ten parallel zu diesen Ebenen. Sie lassen sich deshalb gut heteroepitaktisch übereinander
wachsen. Wählt man gezielt zwei Kupratsupraleiter mit relativ großem Unterschied der Git-
terkonstanten, so kann man kontrolliert den Effekt von biaxialen Verspannungseffekten z. B.
auf die kritische Temperatur studieren.4 , 5 , 6
Wir wollen im Folgenden den einfachen Fall betrachten, dass wir einen epitaktischen Film
eines kubischen Materials auf einem sehr dicken Substrat aufwachsen. Das Filmmaterial soll
die Gitterkonstante a f und das Substrat den Gitterparameter a s besitzen. Man führt nun
üblicherweise die so genannte Gitterfehlanpassung
a f − as
f ≡ (4.4.1)
as
4
R. Gross, A. Gupta, E. Olsson, A. Segmüller, G. Koren, Critical current density of strained multilayer
thin films of Nd1.83 Ce0.17 CuOx /YBa2 Cu3 O7−δ , Appl. Phys. Lett. 57, 203 (1990).
5
A. Gupta, R. Gross, E. Olsson, A. Segmüller, G. Koren, C. C. Tsuei, Heteroepitaxial growth of strained
multilayer superconducting thin films of Nd1.83 Ce0.17 CuOx /YBa2 Cu3 O7−δ Phys. Rev. Lett. 64, 3191
(1990).
6
R. Gross, A. Gupta, E. Olsson, A. Segmüller, G. Koren, Heteroepitaxial Growth of Strained Multi-
layer Thin Films of High-Temperature Superconductors, in High Temperature Superconductors, Ma-
terial Aspects, H. C. Freyhardt, R. Flükiger, M. Peukert eds., DGM Verlag, p. 65, 1990.

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166 4 Elastische Eigenschaften

an der Grenzfläche ein. Durch diese Definition ist gewährleistet, dass für einen Film, der an
der Grenzfläche die Gitterkonstante a s des Substrates vollständig übernimmt, die Dehnung e
gerade durch die Gitterfehlanpassung f gegeben ist. Wird ein Teil der Gitterfehlanpassung
durch Versetzungen kompensiert, so ist
f ≡ e+γ, (4.4.2)
wobei γ gerade die durch Versetzungen kompensierte Gitterfehlanpassung ist.
Um den Dehnungszustand eines auf einem Substrat bei endlicher Gitterfehlanpassung ge-
wachsenen Films zu analysieren, müssen wir überlegen, welcher Zustand die Summe der
beiden Energien E e und E γ minimiert. Hierbei ist E e die elastische Energie aufgrund einer
biaxialen Dehnung (bzw. Kompression) des Films und E γ die Energie der Versetzungen.7 Um
die Diskussion sehr einfach zu halten, nehmen wir an, dass der Film aus einem kubischen
Material besteht, sich die Dehnung im Hookeschen Bereich bewegt und eine der kubischen
Achsen senkrecht zur Substratoberfläche steht. Zusätzlich nehmen wir an, dass sich nur Stu-
fenversetzungen (vergleiche hierzu Abschnitt 1.4.1) ausbilden, die in einem quadratischen
Gitter angeordnet sind und deren Burgers-Vektoren parallel zur Grenzfläche liegen. Durch
die biaxiale Dehnung/Kompression des Films ändert sich die Gitterkonstante des Films par-
allel zur Grenzfläche um e = Δa f /a f . Ist die Dicke des Films durch d gegeben und der Film
in seiner gesamten Dicke homogen gedehnt/komprimiert, so ist die mit der elastischen Ver-
formung des Films verbundene Energie pro Flächeneinheit durch8
U e = Be 2 d (4.4.3)
gegeben, wobei B der Kompressionsmodul des kubischen Filmmaterials ist.
Die mit der Bildung einer Stufenversetzung an der Grenzfläche zwischen zwei Kristallen mit
Schermoduln G s und G f verbundene Energie pro Längeneinheit ist näherungsweise durch9
1 Gs G f b
U V ≃ Db [ln(R/b) + 1] mit D= (4.4.4)
2 π(G s + G f )(1 − μ)
gegeben. Hierbei ist b die Länge des Burgers-Vektors der Stufenversetzung (siehe hierzu
Abb. 1.32), R der Abstand zur äußeren Grenze des mit der Versetzung verbundenen Span-
nungsfeldes und μ die Querzahl [vergleiche (4.5.2)] des Filmmaterials. Mit der obigen De-
finition von γ ist der Abstand s zwischen zwei Versetzungen durch
b
s= (4.4.5)
γ
gegeben. Mit b = sγ und der Tatsache, dass wir es mit zwei zueinander senkrechten Arrays
von Versetzungen mit Abstand s zu tun haben, erhalten wir die mit der Bildung von Verset-
zungen verbundene Energie pro Flächeneinheit zu
UV
Uγ = 2 = Dγ [ln(R/b) + 1] = D( f − e) [ln(R/b) + 1] . (4.4.6)
s
7
J. H. Van der Merve, in Single Crystal Films, M. H. Francombe, H. Sato eds., Pergamon Press, Oxford
(1964).
8
J. W. Cahn, On Spinodal Decomposition in Cubic Crystals, Acta Met. 10, 179–183 (1962).
9
J. W. Matthews, in Epitaxial Growth, Part B, J. W. Matthews ed., Academic Press, New York (1975).

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4.5 Technische Größen 167

Wir müssen jetzt noch eine vernünftige Annahme für R machen. Falls 2s < d, ist R ∼ s eine
vernünftige Annahme. Falls 2s > d, ist dagegen R ∼ d eine vernünftige Annahme. Letztere
Annahme trifft meistens bei kleiner Gitterfehlanpassung und nicht allzu dicken Filmen zu.
Um für diesen Fall die optimale Situation zu finden, müssen wir das Minimum der Gesamt-
energie U e + U γ bestimmen. Wie wir durch differenzieren der Gesamtenergie pro Flächen-
einheit leicht zeigen können, erhalten wir die energetisch günstigste Situation für

D
e∗ = [ln(d/b) + 1] . (4.4.7)
2Bd
Natürlich ist der größtmögliche Wert von e ∗ gerade die Gitterfehlanpassung f . Falls
der durch (4.4.7) vorhergesagte Wert größer oder gleich f ist, so wird der Film biaxi-
al gedehnt/komprimiert aufwachsen, um sich optimal der Gitterkonstante des Substrats
anzupassen. Ist dagegen e ∗ < f , so wird die Fehlanpassung teilweise durch Versetzungen
kompensiert werden, wobei dann e ∗ = f − γ. Die Dicke d c , bei der es gerade günstiger
wird, Versetzungen zu bilden, wird als kritische Schichtdicke bezeichnet. Setzen wir e ∗ = f
in (4.4.7) ein, so erhalten wir
D
dc = [ln(d c /b) + 1] . (4.4.8)
2B f

Wir sehen, dass die kritische Schichtdicke groß wird, falls die Gitterfehlanpassung klein
ist und außerdem der Kompressionsmodul des Filmmaterials klein ist, also der Film sich
leicht komprimieren oder dehnen lässt. Ferner ist d c groß, falls der Schermodul groß ist,
da es dann viel Energie kostet, Versetzungen zu bilden. Die durch (4.4.8) vorhergesagte kri-
tische Schichtdicke stimmt größenordnungsmäßig gut mit experimentellen Werten über-
ein.10 , 11 , 12 , 13

4.5 Technische Größen


In der Technik haben wir es häufig mit polykristallinen Materialien (z. B. metallische Werk-
stoffe) zu tun, die wir in guter Näherung durch ein völlig isotropes Medium beschreiben
können. Die Beschreibung des elastischen Verhaltens wird dann wesentlich einfacher. In
Anlehnung an die in Abb. 4.3 gezeigten elementaren Belastungsfälle werden in der Technik

10
J. H. Van der Merve, in Single Crystal Films, M. H. Francombe, H. Sato eds., Pergamon Press, Oxford
(1964).
11
J. H. Van der Merve, Structure of epitaxial crystal interfaces, Surface Sci. 31, 198–228 (1972).
12
J. H. Van der Merve, Misfit dislocation energy in epitaxial overgrowths of finite thickness, Surface
Sci. 32, 1–15 (1972).
13
C. A. B. Ball, J. H. Van der Merve, On Bonding and Structure of Epitaxial Bicrystals I. Semi-Infinite
Crystals, Phys. Sta. Sol. 38, 335–344 (1970).

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168 4 Elastische Eigenschaften

meistens folgende vier Größen zur Charakterisierung der elastischen Verformung im Hoo-
keschen Bereich verwendet:
1. Elastizitätsmodul oder Young-Modul E:
Die Größe E gibt den Zusammenhang zwischen einer Spannung σ und der daraus resul-
tierenden relativen Längenänderung Δℓ

in Richtung der Spannung an:
Δℓ
σ=E . (4.5.1)

Der Elastizitätsmodul ist für das isotrope Medium jetzt kein Tensor mehr, sondern ein
Skalar.
2. Poisson-Zahl ν und Querzahl μ:
Die Poisson-Zahl ν ist der Kehrwert der Querdehnungszahl μ. Sie gibt das Verhältnis
von Querkontraktion zu Dehnung an:
1 −Δd/d
ν= = . (4.5.2)
μ Δℓ/ℓ
Eine Spannung σ resultiert nicht nur in einer Längenänderung Δℓ in Richtung der Span-
nung, sondern auch in einer Kontraktion −Δd quer zur wirkenden Spannung.
3. Kompressionsmodul B:
Der Kompressionsmodul B gibt den Zusammenhang zwischen Volumenänderung und
einer gleichmäßig auf den Körper wirkenden Spannung, die z. B. durch hydrostatischen
Druck realisiert werden kann, an
ΔV
p = −σ = −B . (4.5.3)
V
4. Schub-, Scher- oder Gleitmodul G:
Der Schub-, Scher- oder Gleitmodul G gibt den Zusammenhang zwischen einer auf einen
Körper wirkenden Schubspannung und dem daraus resultierenden Scherwinkel α an
σ = Gα . (4.5.4)

Tatsächlich sind nur zwei dieser vier Größen unabhängig voneinander. Dies lässt sich für die
Volumenänderung aufgrund von gleichmäßigem Druck leicht zeigen: Betrachten wir einen
Quader mit Länge ℓ und Stirnfläche d 2 , so bewirkt die senkrecht zu den Stirnflächen wirken-
p
de Spannung −σ = p die relative Längenänderung Δℓ ℓ
= − E . Infolge der endlichen Querdeh-
nung erhalten wir allerdings auch eine Änderung der beiden Querdimensionen und zwar
p
um Δdd
= −ν Δℓ

= ν E . Wir können das so auffassen, dass der Anteil νp der auf die Stirnfläche
wirkenden Spannung nicht mehr vollkommen für die Längenänderung zur Verfügung steht,
da er für die Änderung der beiden Querrichtungen verbraucht wird. Insgesamt steht dann
für die Längenänderung nur noch die Spannung p − 2νp zur Verfügung und wir erhalten
Δℓ p(1 − 2ν)
=− . (4.5.5)
ℓ E
Das gleiche gilt für die Querdimension. Die auf die beiden Seitenflächen des Quaders wir-
p
kende Spannung −σ = p bewirkt die relative Breitenänderung Δd d
= − E . Aus der Querdeh-
p
nung resultiert auch eine Änderung der Längsdimension und zwar um Δℓ ℓ
= −2μ Δd
d
= 2μ E .

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4.5 Technische Größen 169

Insgesamt steht dann für die Längenänderung nur noch die Spannung p − 2μp zur Verfü-
gung und wir erhalten
Δd p(1 − 2μ)
=− . (4.5.6)
d E
Wir betrachten nun den Fall, dass eine Spannung nur auf die Stirnfläche des Quaders wirkt
und überlegen uns, ob sich dadurch das Gesamtvolumen ändert. Da sich der Quader in
Längsrichtung verkürzt und gleichzeitig in Querrichtung ausdehnt, ist nicht direkt einsich-
tig, ob das Volumen zu- oder abnimmt. Für die Volumenänderung gilt ΔV = V − V ′ = [(ℓ +
Δℓ)(d + Δd)2 ] − ℓd 2 ≃ 2dℓΔℓ + d 2 Δℓ. Da Δℓ/ℓ ≪ 1 und Δd/d ≪ 1, haben wir hier Terme
in 2. Ordnung vernachlässigt. Teilen wir durch V = ℓd 2 , so erhalten wir die relative Volu-
menänderung
ΔV Δℓ 2Δd
= + (4.5.7)
V ℓ d
und mit Δd
d
= −ν Δℓ

damit
ΔV Δℓ p
= (1 − 2ν) = − (1 − 2ν) . (4.5.8)
V ℓ E
Wir sehen, dass für eine Poisson-Zahl ν = 0.5 das Volumen gerade konstant bleibt.
Für den Fall, dass von allen Seiten die gleiche Druckkraft wirkt (allseitige Kompression),
müssen wir im Vergleich zu (4.5.8) einen Faktor 3 berücksichtigen, da jetzt ja drei Normal-
spannungen wirken. Wir erhalten dann
ΔV 3p
= − (1 − 2ν) . (4.5.9)
V E
Durch Vergleich mit (4.5.3) sehen wir ferner sofort, dass
1 3
= (1 − 2ν) . (4.5.10)
B E
In gleicher Weise kann gezeigt werden, dass14
E
G= . (4.5.11)
2(1 + ν)

Material E (1010 N/m2 ) G (1010 N/m2 ) B (1010 N/m2 ) ν Tabelle 4.2: Elas-
tische Konstanten
Al (rein, weich) 7.2 2.7 7.5 0.34
von polykristallinen
Al (hart) 7.7 2.7 7.5 0.34 Materialien.
α-Eisen 21.8 8.4 17.2 0.28
Edelstahl 19.5 8.0 17.0 0.28
Federstahl (CrV) 21.2 8.0 17.0 0.28
Gold 8.1 2.8 18.0 0.42
Kupfer, weich 12.0 4.0 14.0 0.35
Blei 1.7 0.6 4.4 0.44
Silizium 10.0 3.4 32.0 0.45
Quarzglas 7.6 3.3 3.8 0.17
Marmor 7.3 2.8 6.2 0.30

14
W. Weizel, Lehrbuch der Theoretischen Physik, Bd. 1, Springer Verlag, Berlin (1969).

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170 4 Elastische Eigenschaften

In Tabelle 4.2 sind einige Zahlenwerte zu den elastischen Konstanten von polykristallinen
Materialien zusammengestellt.

4.5.0.4 Kubische Kristalle


Natürlich können die technischen Größen für einen kristallinen Festkörper mit den Kom-
ponenten C nm des Elastizitätstensors in Verbindung gebracht werden. Wir wollen hier ohne
Beweis die Zusammenhänge für einen kubischen Kristall angeben:
(C 11 − C 12 )(C 11 + 2C 12 )
E= (4.5.12)
C 11 + C 12
C 12
μ= (4.5.13)
C 11 + C 12
G = C 44 (4.5.14)

B = 13 (C 11 + 2C 12 ) . (4.5.15)
Im Gegensatz zu isotropen Festkörpern gilt Gleichung (4.5.11) für einen kubischen Kristall
nicht, d. h. G ist eine von E und ν unabhängige Materialkonstante. Kubische Kristalle sind
also keineswegs elastisch isotrop.

4.6 Elastische Wellen


Lenken wir ein Federpendel mit der Kraftkonstante k aus seiner Ruhelage aus und lassen
√ es
dann los, so schwingt es um seine Ruhelage mit der charakteristischen Frequenz ω = k/m.
Die zugehörige Differentialgleichung lautet ẍ = (k/m)x. Wir können für ein eindimensio-
nales elastisches Medium eine entsprechende Differentialgleichung angeben. Da wir es mit
einem kontinuierlichen Medium zu tun haben, müssen wir die relevanten Größen pro Län-
geneinheit angeben. Mit der relativen Auslenkung u = x/L in x-Richtung, der Masse pro
Längeneinheit, ρ̃, und der Federkonstante pro Längeneinheit, C eff , erhalten wir die Diffe-
rentialgleichung
C eff
ü = u. (4.6.1)
ρ̃
Wir erwarten deshalb für ein elastisches Medium in ähnlicher Weise, dass es bei entspre-
chender Anregung Schwingungen mit einer charakteristischen Frequenz

C eff
ω= (4.6.2)
ρ̃
ausführt. Die Einheit der Kraftkonstante pro Längeneinkeit, C eff , ist Kraft/Fläche und ent-
spricht daher der Einheit des Elastizitätsmoduls. Wir haben hier einen effektiven Elastizi-
tätsmodul verwendet, der von der Richtung der Schwingung relativ zu den Kristallachsen
abhängt.

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4.6 Elastische Wellen 171

4.6.1 Elastische Wellen in kubischen Kristallen


Wir betrachten der Einfachheit halber zunächst ein isotropes Medium. Um die Differential-
gleichung für eine longitudinale elastische Welle in diesem Medium abzuleiten, betrachten
wir den in Abb. 4.6 gezeigten Würfel mit Volumen ΔxΔyΔz und Dichte ρ. Auf diesen Würfel
wirkt die Spannung σx x (x) auf der einen Seite bei x und σx x (x + Δx) auf der anderen Seite
bei x + Δx. Die resultierende Nettokraft ist dann
∂σx x
ΔFx = [σx x (x + Δx) − σx x (x)] ΔyΔz = ΔxΔyΔz . (4.6.3)
∂x
Sie führt zu einer Verschiebung s x des betrachteten Würfels in x-Richtung. Diese Kraft müs-
sen wir dem Produkt aus Masse des Würfels, ρΔxΔyΔz, und der Beschleunigungskompo-
nente in x-Richtung, ∂ 2 s x /∂t 2 , gleichsetzen (2. Newtonsches Gesetz) und erhalten somit die
Differentialgleichung

∂ 2 s x ∂σx x
ρ = . (4.6.4)
∂t 2 ∂x
Verwenden wir ferner die Beziehung σx x = C 11 e x x = C 11 (∂s x /∂x), so ergibt sich die einfache
Wellengleichung

∂2 s x ∂2 s x
ρ = C 11 . (4.6.5)
∂t 2 ∂x 2
Betrachten wir dagegen ein anisotropes Medium, so müssen wir neben der Spannungskom-
ponente σx x auch alle anderen auf das Volumenelement wirkenden Spannungskomponenten
berücksichtigen. Wir erhalten dann (i, j, k, l = x, y, z)

∂2 s i ∂σ i j ∂2 s l
ρ 2
=∑ = ∑ C i jk l . (4.6.6)
∂t j ∂j jk l ∂ j∂k

Dieses gekoppelte Differentialgleichungssystem ist relativ komplex, kann aber für Kristalle
mit hoher Symmetrie wesentlich vereinfacht werden. Wir werden im Folgenden den Fall
kubischer Kristalle näher betrachten.
z

'z

Vxx (x+'x)
Vxx (x)

y Abb. 4.6: Zur Ableitung der Kraftkomponenten in einem


'x kubischen Kristall.

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172 4 Elastische Eigenschaften

4.6.1.1 Schallwellen in kubischen Kristallen


Für kubische Kristalle hat der Elastizitätstensor nur die drei Komponenten C 11 , C 12 und C 44 .
Gleichung (4.6.6) vereinfacht sich damit stark und wir erhalten für die Auslenkung in x-
Richtung (wir benutzen im Folgenden s x = u, s y = v, s z = w)

∂2 u ∂σx x ∂σx y ∂σx z


ρ 2
=( + + ). (4.6.7)
∂t ∂x ∂y ∂z

Wir können nun (4.3.5) und den Elastizitätsmodul für ein kubisches Material benutzen und
erhalten damit
∂2 u ∂e x x ∂e y y ∂e zz ∂e x y ∂e x z
ρ = C 11 + C 12 ( + ) + C 44 ( + ). (4.6.8)
∂t 2 ∂x ∂x ∂x ∂y ∂z

Hierbei haben wir angenommen, dass die Richtungen x, y, z parallel zu den Würfelkanten
sind. Benutzen wir weiter die durch (4.2.14) und (4.2.15) gegebenen Zusammenhänge zwi-
schen den Dehnungskoeffizienten e k l und den Ableitungen der Auslenkungen, so erhalten
wir
∂2 u ∂2 u ∂2 u ∂2 u ∂2 v ∂2 w
ρ = C 11 + C 44 ( + ) + (C 12 + C 44 ) ( + ). (4.6.9)
∂t 2 ∂x 2 ∂y 2 ∂z 2 ∂x∂y ∂x∂z

Hierbei sind u, v, w die Komponenten des Verschiebungsvektors R, der durch (4.2.11) defi-
niert ist.
Die entsprechenden Ausdrücke für ∂ 2 v/∂t 2 und ∂ 2 w/∂t 2 erhalten wir durch zyklisches Ver-
tauschen der Indizes. Sie lauten:
∂2 v ∂2 v ∂2 v ∂2 v ∂2 u ∂2 w
ρ 2
= C 11 2 + C 44 ( 2 + 2 ) + (C 12 + C 44 ) ( + ), (4.6.10)
∂t ∂y ∂x ∂z ∂x∂y ∂y∂z

∂2 w ∂2 w ∂2 w ∂2 w ∂2 u ∂2 v
ρ = C 11 + C 44 ( + ) + (C 12 + C 44 ) ( + ). (4.6.11)
∂t 2 ∂z 2 ∂x 2 ∂y 2 ∂x∂z ∂y∂z

4.6.1.2 Elastische Wellen in [100] Richtung


Longitudinale Wellen: Als Beispiel für Lösungen der Bewegungsgleichungen (4.6.9)
bis (4.6.11) betrachten wir zuerst eine longitudinale Welle

u(x, t) = u 0 exp[ı(kx − ωt)] (4.6.12)

entlang der [100]-Richtung eines kubischen Kristalls, die mit der x-Achse zusammenfallen
soll. Sowohl der Wellenvektor k als auch die Auslenkung u sind parallel zur x-Achse. Setzen
wir den Lösungsansatz (4.6.12) in (4.6.9) ein, so erhalten wir

C 11
ω 2 ρ = C 11 k 2 oder ω= k. (4.6.13)
ρ

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4.6 Elastische Wellen 173

Der Zusammenhang zwischen Frequenz und Wellenvektor wird allgemein als Dispersions-
relation bezeichnet. Für den Fall der longitudinalen Welle erhalten wir also eine lineare Di-
spersionsrelation. Die Geschwindigkeit ω/k der longitudinalen Schallwelle in x-Richtung
ist15

ω ω C 11
vlong = = λ= . (4.6.14)
k 2π ρ
Das heißt, der effektive Elastizitätsmodul für diese Kristallrichtung ist C eff = C 11 .

Transversale Wellen: Als nächstes betrachten wir eine in x-Richtung (diese soll wieder
parallel zur [100]-Richtung sein) laufende transversale oder Scherwelle. Die Auslenkung soll
in y-Richtung erfolgen:
v(x, t) = v 0 exp[ı(kx − ωt)] . (4.6.15)
Setzen wir diesen Ansatz in (4.6.10) ein, so erhalten wir

C 44
ω ρ = C 44 k oder ω =
2 2
k (4.6.16)
ρ
und für die Wellengeschwindigkeit

ω ω C 44
vtrans = = λ= . (4.6.17)
k 2π ρ
Das heißt, der effektive Elastizitätsmodul für die transversale Welle in [100]-Richtung ist
jetzt C eff = C 44 . Einen äquivalenten Ausdruck erhalten wir, wenn die Auslenkung in die z-
Richtung erfolgt. Das heißt, für die Ausbreitung entlang der [001] Richtung sind die Ge-
schwindigkeiten der beiden transversalen Wellen für ein kubisches System identisch (ver-
gleiche Tabelle 4.3).

4.6.1.3 Elastische Wellen in [110] und [111] Richtung


Für Wellen, die sich in [110] oder [111]-Richtung ausbreiten, können wir eine zum Fall der
Ausbreitung in [100]-Richtung äquivalente Diskussion durchführen. Wir wollen dies hier
nicht explizit tun, sondern nur in Tabelle 4.3 die effektiven Elastizitätsmoduln auflisten.

Tabelle 4.3: Effektive Elastizitätsmoduln für die Wellenausbreitung in [100], [110] und [111] Richtung
in kubischen Medien.

Richtung [100] [110] [111]


longitudinal L C 11 1
C
2 11
+ C 12 + 2C 44 1
3
(C 11 + 2C 12 + 4C 44 )
(Kompressionswelle)
transversal T1 C 44 C 44 1
3
(C 11 − C 12 + C 44 )
(Torsionswelle) T2 C 44 1
2
(C 11 − C 12 ) 1
(C 11 − C 12 + C 44 )
3

15

Im Gegensatz zu Gleichung (4.6.2) ist C/ρ jetzt eine Geschwindigkeit statt einer Frequenz. Dies
liegt daran, dass bei der obigen eindimensionalen Betrachtung ̃
ρ die Einheit Masse/Länge hatte,
im jetzigen Fall aber Masse/Volumen.

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174 4 Elastische Eigenschaften

Für kubische Kristalle gibt es gerade drei Moden für eine vorgegebene Amplitude und Rich-
tung des Wellenvektors k. Durch Messung der Schallgeschwindigkeiten der drei Moden las-
sen sich die drei Elastizitätsmoduln C 11 , C 12 und C 44 bestimmen. Im Allgemeinen sind die
Polarisationen dieser drei Moden nicht exakt parallel oder senkrecht zu k. Nur für die spe-
ziellen Ausbreitungsrichtungen in [100], [110] und [111] Richtung trifft dies zu. Deshalb ist
die Analyse der Wellenausbreitung für diese Richtungen wesentlich einfacher als für eine
beliebige Ausbreitungsrichtung.

4.6.2 Experimentelle Methoden


Die Messung der Schallgeschwindigkeit von elastischen Wellen in Festkörpern erfolgt üb-
licherweise durch die Bestimmung der Laufzeit von Ultraschallimpulsen (siehe Abb. 4.7).
Dabei werden planparallel geschliffene Proben mit einem Ultraschallgeber und einem Ultra-
schallempfänger versehen. Ein elektrischer Hochfrequenzimpuls von typischerweise einigen
μs Dauer regt einen piezoelektrischen Ultraschallgeber zu Schwingungen an. Entsprechend
der Schnittlage des Piezokristalls entstehen longitudinale oder transversale Schwingungen
mit Frequenzen, die üblicherweise im MHz-Bereich liegen. Dies entspricht Wellenlängen
im mm-Bereich. Man erhält dadurch ebene Wellen, die durch die Probe laufen und dort von
einem Ultraschallempfänger detektiert werden. Alternativ kann man das an der Gegenseite
der Probe reflektierte Signal detektieren. Dieses verursacht im piezoelektrischen Ultraschall-
geber wiederum ein elektrisches Signal, das leicht gemessen werden kann.
Aus den Abmessungen der Probe und den gemessenen Laufzeiten kann direkt die Schallge-
schwindigkeit für die longitudinalen und transversalen Schwingungsmoden bestimmt wer-
den. Misst man z. B. für einen kubischen Kristall die Schallgeschwindigkeit der longitudi-
nalen und der beiden transversalen Moden, so können aus diesen drei Geschwindigkeiten
die drei Komponenten des Elastizitätsmoduls bestimmt werden. Einige Zahlenwerte sind in
Tabelle 4.4 zusammengefasst.

Piezoquarz Piezoquarz
Ultraschallgeber Ultraschalldetektor

Hoch-
Oszillo-
frequenz- Probe graph
generator

Ultraschallpuls
L T1 T2
Signal

Zeit

Abb. 4.7: Ultraschallmessverfahren zur Bestimmung der Schallgeschwindigkeit. Für die longitudi-
nale (L) und die beiden transversalen Moden (T1 und T2 ) werden unterschiedliche Laufzeiten ge-
messen.

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Literatur 175

Tabelle 4.4: Komponenten C 11 , C 12 und C 44 des Elastizitätsmoduls sowie Dichte ρ von kubischen Kris-
tallen bei Raumtemperatur.

Kristall C 11 (1011 N/m2 ) C 12 (1011 N/m2 ) C 44 (1011 N/m2 ) ρ (g/cm3 )


W 5.233 2.045 1.607 19.371
Ta 2.609 1.574 0.818 16.696
Cu 1.684 1.214 0.754 9.018
Ag 1.240 0.937 0.461 10.635
Au 1.923 1.631 0.420 19.488
Al 1.068 0.607 0.282 2.733
Pb 0.495 0.423 0.149 11.599
Ni 2.508 1.500 1.235 8.968

Zusätzlich zur Laufzeit der Ultraschallimpulse kann auch deren Abschwächung gemessen
werden. Aus der Ultraschallabsorption können Informationen über Streuprozesse und De-
fekte in der Probe gewonnen werden. Dies wird heute häufig für die zerstörungsfreie Werk-
stoffprüfung ausgenutzt (z. B. Prüfung der Laufräder des ICE).

Literatur
C. A. B. Ball, J. H. Van der Merve, On Bonding and Structure of Epitaxial Bicrystals I. Semi-
Infinite Crystals, Phys. Sta. Sol. 38, 335–344 (1970).
J. W. Cahn, On Spinodal Decomposition in Cubic Crystals, Acta Met. 10, 179–183 (1962).
R. Gross, A. Gupta, E. Olsson, A. Segmüller, G. Koren, Critical current density of strained
multilayer thin films of Nd1.83 Ce0.17 CuOx /YBa2 Cu3 O7−δ , Appl. Phys. Lett. 57, 203
(1990).
R. Gross, A. Gupta, E. Olsson, A. Segmüller, G. Koren, Heteroepitaxial Growth of Strained
Multilayer Thin Films of High-Temperature Superconductors, in High Temperature Super-
conductors, Material Aspects, H. C. Freyhardt, R. Flükiger, M. Peukert eds., DGM Ver-
lag, p. 65, 1990.
A. Gupta, R. Gross, E. Olsson, A. Segmüller, G. Koren, C. C. Tsuei, Heteroepitaxial growth of
strained multilayer superconducting thin films of Nd1.83 Ce0.17 CuOx /YBa2 Cu3 O7−δ Phys.
Rev. Lett. 64, 3191 (1990).
J. W. Matthews, in Epitaxial Growth, Part B, J. W. Matthews ed., Academic Press, New York
(1975).
J. H. Van der Merve, in Single Crystal Films, M. H. Francombe, H. Sato eds., Pergamon Press,
Oxford (1964).
J. H. Van der Merve, Structure of epitaxial crystal interfaces, Surface Sci. 31, 198–228 (1972).

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176 4 Elastische Eigenschaften

J. H. Van der Merve, Misfit dislocation energy in epitaxial overgrowths of finite thickness, Sur-
face Sci. 32, 1–15 (1972).
W. Weizel, Lehrbuch der Theoretischen Physik, Bd. 1, Springer Verlag, Berlin (1969).

Übungsaufgaben
A4.1 Elastizitätstensor und Poisson-Zahl
Ein kubischer Kristall wird einer Dehnung in [100]-Richtung unterworfen. Finden Sie Ausdrücke für
die Komponenten des Elastizitätstensors (engl. Young’s modulus) und der Poisson-Zahl.

A4.2 Schwingungen in einem Aluminium-Zylinder


Wir regen einen 50 cm langen polykristallinen Aluminium-Zylinder zu longitudinalen Schwingungen
an. Wir bestimmen für die Grundschwingung eine Resonanzfrequenz f 0 = 5.2 kHz. Aluminium besitzt
eine Dichte von ρ = 2.7 g/cm3 , ein Elastizitätsmodul E = 70.2 GPa und eine Poisson-Zahl ν = 0.33.

(a) Berechnen Sie die Schallgeschwindigkeit von Aluminium aus der gemessenen Resonanzfrequenz.
(b) Vergleichen Sie das Ergebnis mit dem Wert, den wir aus der Messung der longitudinalen Schallge-
schwindigkeit mit Hilfe von Ultraschall erhalten würden.

A4.3 Elastische Wellen in [111] Richtung eines kubischen Kristalls


Zeigen Sie, dass die Geschwindigkeit von tranversalen Gitterschwingungen in [111]-Richtung eines
kubischen Kristalls mit Massendichte ρ durch

1 C 11 − C 12 + C 44
vs =
3 ρ

gegeben ist. C 11 , C 12 und C 44 sind die drei Komponenten des Elastizitätstensors eines für kubischen
Kristalls.

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