Sie sind auf Seite 1von 22

,.

6 Inhalt

ULRICH VON WILAMOWITZ-MOELLENDORFF Die philologische Frage


Geschichte der Philologie (1921) . 169
Kulrurwissenschaftliche Perspektiven auf die
ERICH AUERBACH Theoriegeschichte der Philologie
Philologie der Weltliteratur (1952) 179
,
PETER SZONDI
Was ist Philologie? Diese Frage soll mittels der in dieser An-
Über philologische Erkenntnis (1962) 198
thologie versammelten Texte beantwortet werden, die, ab-
PAULDE MAN gesehen von zwei >Prologen<, alle aus dem 19. und 20.Jahr-
Die Rückkehr zur Philologie (1982) 216 hundert stammen: aus einer Zeit also, in der sich ein mo-
dernes, disziplinenspezifisches Verständnis herausbildet,
KARLSTACKMANN
was das Geschäft der Philologie ist und wie es zu betreiben
Aufgaben der Deutschen Philologie sei. Die Ansichten namhafter Gelehrter der vergangenen
des Mittelalters (1985) . . . . . . .. 227 200 Jahre darüber, worin die philologische Tätigkeit be-
GUNTER MARTENS steht, werden den Leserinnen und Lesern die Möglichkeit
»Historisch«, »kritisch« und die Rolle geben, sich selbst eine Meinung über die Plausibilität und
des Herausgebers bei der Textkonstitution (1991) 243 Aktualität der gegebenen Antworten bilden zu können.
Indirekt liefert der Sammelband damit einen Beitrag zur
JOACHIM BUMKE
philologischen Wissenschaftsgeschichte, die nicht mehr
Der unfeste Text. Überlegungen nur Forschungs-, sondern auch Lehrgegenstand ist. Die
zur Überlieferungsgeschichte und Textkritik Beschäftigung mit der Fachgeschichte hat, ähnlich wie
der höfischen Epik im 13. Jahrhundert (1996) . .. 269 etwa die Vermittlung von Techniken der Erzähltext-, Ly-
ALMUTH GRESILLON rik- oder Dramenanalyse; inzwischen ihren Platz im lite~
»Critique genhique«. Gedanken zu ihrer raturWissenschaftlichen Elementarunterricht, wie jüngere
Entstehung, Methode und Theorie (1996) .... 287 Einführungen in die Literaturwissenschaft belegen.1 Für
den Universitätsunterricht fehlen derzeit leicht zugängli-
STEPHEN G. NICHOLS che Textausgaben. Die Anthologie möchte diesen Mangel
»Material Philology«: Warum? (1997) . . . . . .. 308 abstellen - auch wenn uns bewusst ist, dass unsere Aus-
HANS .ULRICH GUMBRECHT wahl immer Ausdruck unserer Interessen und themati-
Die Macht der Philologie. Über einen verborgenen schen Schwerpunktsetzungen bleibt.
Impuls im Umgang mit Texten (2003) . . . . . .. 323 WIr möchten im folgenden den Versuch unternehmen,
das zu skizzieren, was wir die >philologische Frage< nennen.1

1 Vgl. etwa Alo AlJkemper / N orben Otto Eke, Literatur'<Jjissenschaft, Mün-


ehen 2004.
2 Nachdem dieses Vorwort abgeschlossen war,. erschien der von Jürgen Paul
Schwindt herausgegebene Sammelband Was ist eine philologische Frage? Bei-
8 Die philologische Frage Die philologische Frage 9

Darunter verstehen wir die Frage nach dem epistemischen es die Philologie mit geschriebenen Worten zu tun, die als
Status philologischer Theorie und der daraus resultierenden zusammenhängende Buchstabenfolge Vorstellungen res-
Praxis: Auf welche philologischen Traditionen und theore- pektive Sinn übermitteln. Im Gegensatz zur Philosophie,
tischen Prämissen nehmen die hier versammelten Texte Be- deren Aufgabe die systematische >Arbeit am Begriff< als ein
zug, in welchem Kontext stehen sie? Auf welche Ziele wird Erkenntnismittel des menschlichen Geistes ist, versteht
die philologische Tätigkeit hin ausgerichtet - wie wird das Boeckh die »eigentliche Aufgabe« der Philologie als »das
>Erkenntnisinteresse< der Philologie definiert? Welches Au- Erkennen des vom menschlichen Geist Producirten, d. h.
torschaftskonzept und welches Textverständnis werden zu- des Erkannten«.5 Die Philologie setzt also nicht de re bei
grunde gelegt? der systematischen Erkenntnis der Sache mit Hilfe des Be-
Der Ausgangspunkt all dieser Fragen ist die etymologi- griffs an, sondern de dictu bei den Worten, mit denen die
sche Bedeutung des Begriffs philologia, gefasst als >Liebe begriffliche Erkenntnis der Sache zum Ausdruck gebracht
zum WOrt<.3 Der Philologe ist demgemäß ein Wort-Lieb- wird. Dabei setzt die Philologie notwendig die Kenntnis
haber. Doch was heißt hier >Liebe<? Und was ist über- der Sprache, der die zu untersuchenden Worte entstam-
haupt ein Wort? men, voraus. Doch bleibt die philologische Erkenntnis
nicht bei einer linguistischen respektive sprachhistorischen
Analyse des in der Sprache enthaltenen Wissens stehen.
1. Systematische Verortung der Philologie Vielmehr geht es darum, individuelle Sprachereignisse in
Relation zu ihrem historischen Äußerungskontext zu ver-
Ein Wort ist eine sinntragende Einheit, mit der eine Vor- stehen. Diese historische Aufgabenbestirmnung der Philo-
stellung, also ein semantischer Gehalti vermittelt werden logie kann dahingehend zugespitzt werden, dass sich das
soll. Ein Wort ist aber auch ein lautlich oder graphisch rea- philologische Erkenntnisinteresse auf die Beschreibung
lisiertes physikalisches Ereignis, das aufgrund seiner mate- und Beurteilung des sprachlich Tradierten richtet, nämlich
rialen Qualität sinnlich wahrnehmbar ist. Da nun, wie Au- auf äußerlich wahrnehmbare (sprich: geäußerte) Zeichen-
gust Boeckh in seiner Encyclopädie und Methodologie der folgen und deren Beziehung zu den - zum Zeitpunkt der
Philologischen Wissenschaften schreibt, »die Hauptmasse Äußerung - vom menschlichen Geist produzierten Sinnzu-
der sprachlichen Tradition d,!rch die Schrift fixirt ist«,4 hat sarnmenhängen. Die Zeichen, mit denen es die Philologie
am häufigsten zu tun hat, sind Schriftzeichen, die Worte
träge zur Erkundung einer theoretischen Einstellung (Frankfurt a. M. 2009). verkörpern.
Schwindrs Buch präsentiert Einzelbeiträge zu dieser Frage, nicht aber die Das erste philologische Erkenntnisproblem besteht dar-
hier präsentierten Gnlndlagentexte. Auf dillerente Einschätzungen im De- in, dass sich der Sinn eines Wortes während des Zeitenab-
tail weisen wir im folgenden hin.
3 VgL Karl Stackmann, »Lemma ,Philologie'«, in: Reallexikon der deutschen stands, der zwischen der schriftlichen Fixierung und der
Literaturwissenschaft, Bd. 3, htsg. von Jan-Dirk Müller, Berlin I New York philologischen Re-Lektüre liegt, geändert haben kann. Es
2003, S. 74. nützt also nichts, einfach in einem Wörterbuch nachzu-
4 August Boeckh, Encyclopädie und Methodologie der Philologischen Wissen-
schaften, hrsg. von Ernst Braruscheck, Leipzig 1877, S. 81; vgL dazu auch
schlagen, man muss ein historisches Wörterbuch konsul-
Chtistian Benne, »Philologie und Skepsis«, in: Was ist eine philologische
Frage? (5. Anm. 2), S. 192-210. 5 Boeckh, Enqclopädie (5. Anm.4), S. 10.
10 Die philologische Frage Die philologische Frage 11

tieren - und sich mit dessen Hilfe den historischen Sinn Fall zwischen seinem Status, ein individuelles >Sprach-
des Wortes erschließen. Philologie muss historisieren.6 denkmal< zu sein, und seinem Status, als Quelle für ein all-
Der Philologe ist also immer auch ein Historiker, der sich gemeineres Wissen über die historische Verwendung einer
mit der Sprachgeschichte von Worten sowie den durch Sprache zu fungieren. 9
Worte vermittelten historischen Vorstellungswelten, also Das zweite philologische Erkeuntnisproblem besteht in
mit kulturell geprägten Ideen, zu befassen hat? Das erste der Art und Weise, wie der »Gegenstand der kritischen
Erkenntnisproblem betrifft deswegen den Umstand, dass Thätigkeit«, nämlich der Text, gegeben ist: Der Sinn eines
der Philologe nicht nur ein grammatisches Wissen über Wortes - auch dies ist eine triviale Einsicht - ergibt sich
eine andere Sprache haben muss, um ein Wort und eine zumeist erst aus dem Satz- bzw. dem Textzusammenhang.
Wortfolge innerhalb eines Textes auf ihre semantische und Dies Setzt voraus, dass ein Text vollständig überliefert
syntaktische An,gemessenheit respektive >Richtigkeit< hin wurd,e, was aber, insbesondere bei antiken, aber auch bei
überprüfen zu können, sondern auch über ein kulturelles mittelalterlichen Texten häufig nicht der Fall ist: Man hat
Wissen verfugen muss, um sich die durch das Wort be- es vielmehr mit Fragmenten ZU tun, also mit unvollständi-
zeichnete historische Vorstellungswelt erschließen zu kön- gen Texten, oder aber mit fehlerhaften Abschriften von
nen. Diese vermeintlich triviale Einsicht wird freilich in Originalen, also Unzuverlässigen Texten. Wenn Worte feh-
dem Moment problematisch, in dem man es - wie in der len oder der Verdacht aufkommt, ein schriftlich fixiertes
Altphilologie oder in der Mediävistik - mit Sprachen zu Wort sei fehlerhaft, dann versucht der Philologe, das >rich-
tun hat, die nicht mehr gesprochen oder nicht mehr so ge- tige< Wort zu erschließen, durch das ein sinnvoller Satzzu-
sprochen werden wie =
Zeit der Textentstehung. In die-
sem Moment wird nämlich der Text womöglich zugleich
sammenhang hergestellt werden kaun. Als »Wortkritik«10
fragt die Philologie nach der Richtigkeit des Wortes in
eine der Quellen sein, aus denen der Philologe sein histo- grammatischer Hinsicht, wobei der Maßstab der Richtig"
risches Wissen über die Sprache einer anderen Zeit be- keit aus dem sprachhistorischen Kontext abgeleitet wird,
zieht. Mit anderen Worten; Schon auf dieser grundlegen- in dem der Text entstand. Allerdings gibt es häufig mehre-
den Ebene befindet sich der Philologe möglicherweise in re Möglichkeiten, ein falsches Wort zu verbessern oder ein
einem sprachhermeneutischen Zirkel, weil das sprachliche fehlendes zu ersetzen. Die sich daran anschließende Frage,
Wissen - die Sprachkunde - zum Teil erworben worden waun und in welcher Weise es zulässig ist, ein fehlerhaftes
ist »durch den Umgang mit eben den Urkunden, welche oder fehlendes Wort zu >emendieren<, also eine Verbesse-
der Gegenstand der kritischen Thätigkeit sind«.8 Der Er- rung vorzunehmen, ist für die Philologie von zentraler
keuntnisgegenstand der Philologie changiert in diesem Bedeutung: Mit jeder Verbesserung durch den Editions-
philologen kommt es zu einer Vermischung dessen, was
6 Vgl. u. a. Friedrich Schlegel, »Philosophie der Philologie«, vorliegende
als vorn Autor oder vom Kopisten Geschriebenes >gege-
Ausg., S. 93 f.; sowie Hans Ulrich Gumbrecht, Die Macht der Philologie, ben< ist, und dem, was vom Philologen im Zuge seiner
ebd, S. 328.
7 Giambattista Vico, »Die neue WISsenschaft über die gemeinschaftliche Na-
tur der Völker, ebd, S. 54. 9 VgL Karl Stackmann, »Aufgaben der Deutschen Philologie des Mittelal-
8 Friedrich Schleiermacher, »über Begriff und Einthei1ung der philologi- ters«, ebd., S. 234-236.
schen Kritik«, ebd., S. 131. 10 Friedrich A,:,gust Wolf, »Encyclopädie der Philologie«, ebd., S. 76.
12 Die philologische Frage Die philologische Frage 13

Deutung des Geschriebenen nachträglich als Ergebnis ei- liche Auffinden der wahren Konklusion ohne Hilfe eines
nes Schlussfolgerungsprozesses ,dazugeschrieben< wur- beweisenden Mittels,13 es handelt sich also um eine Ver-
deY Erfolgt dieses intervenierende ,Dazuschreiben< ohne mutung, die ein hohes Maß an logischer Ungewissheit im-
Markierung direkt in den edierten Text, so bedeutet dies pliziert. Im Kontext der Philologie bezeichnet die Kon-
nicht nur eine Vermischung des ,Gegebenen< und des ,Ge- jektur eine »plausible Vermutung [...] zur Verbesserung
folgerten<, sonderu eine verfälschende Kontamination des des Textes«,14 deren logische Ungewissheit durch ein Netz
Textes als Erkenntnisgegenstand. Ebendeshalb ist es not- historischen Hintergrundwissens - über den Autor, seinen
wendig, im Ralnnen einer theoretischen Reflexion erstens persönlichen Stil, die Zeit, in der er lebte, die Ideen, die zu
die Editionsprinzipien zu formulieren, unter denen philo- dieser Zeit prägend waren, etc. - ausgeglichen werden soll.
logische Interventionen gerechtfertigt sind, und zweitens Für Schleiermacher - aber auch für Boeckh - bezeichnet
Darstellungskonventioneri festzulegen, mit denen die phi- die Konjektur eine bestimmte Form des kausalen Rück-
lologischen Interventionen transparent gemacht werden schlusses, mit dessen Hilfe sich bei einer »schwierigen
köunen - etwa in Form eines ,kritischen Apparats<, der als Stelle«· - etwa einer fehlerhaften Stelle oder aber einer
Fußnote oder als Endnote einen Raum für editionsphilo- Leerstelle - ermitteln lässt, was sie ursprünglich bedeuten
logische Kommentare schafft, sich aber vom zu edieren- sollteY ,Ursprünglichkeit< wird hierbei zu einem Syno-
den Text abhebt und dadurch die Differenz zwischen dem nym für ,Echtheit< respektive ,Authentizität<: Echt ist nur
Gegebenen und dem durch hermeneutische Operationen das, was der Autor entweder ursprünglich so geschrieben
Gefolgerten sichtbar macht. U Man köunte also sagen: Das oder ursprünglich so gemeint hat. Ebendeshalb geht es
zweite philologische Erkeuntnisproblem betrifft die expli- der philologischen Textkritik im Anschluss an Schleierma-
zite Differenzierung zwischen der Beobachtungsebene cher primär um die Frage der »Echtheit oder Unechtheit
und der Beurteilungsebene eines Textes. der einzelnen Buchstaben und Worte«16 respektive ganzer
Das dritte philologische Erkeuntnisproblem hat mit Schriften und Schriftteile im Hinblick darauf, ob sie tat-
dem Schlussfolgerungsverfahren selbst zu tun. Obwohl sächlich vom Autor stammen oder nachträglich von einem
das Erschließen von fehlenden oder fehlerhaften Worten Abschreiber verändert wurden. Allerdings berieht sich die
ein gravierender Eingriff in das ,Gegebene< ist, wurde Frage der Echtheit nicht nur auf den Punkt, ob das über-
(und wird) er von Editionsphilologen im Zuge der Rekon- lieferte Manuskript vom Autor selbst geschrieben wurde -
struktion eines Textes insbesondere dann vorgenommen, das würde im Falle VOn antiken oder mittelalterlichen Tex-
wenn eine verdorbene TextsteIle andernfalls unlesbar oder
unverständlich bliebe. Für diese Form der inferentiellen 13 VgL Gert König, [Art.] »Konjekturalsätze«, in: Historisches Wörterbuch
Intervention hat sich in der Editionsphilologie der termi- der Philosophie, Bd.4, hrsg. von Joa<::bim Ritter [u. a.], Basel 1971-2007,
sowie Uwe Wrrrh, »Die Konjektur als blinder Fleck einer Geschichte be-
nus technicu5 der Konjektur eingebürgert: Die Konjektur dingten WISsens«, in: Interesse für bedingtes Wissen, hrsg. von Caroline
bezeichnet im philosophischen Sprachgebrauch das glück- Welsh und Stefan Willer, München 2008, S. 269-294.
14 Anne Bohnenkamp, »Textkritik und Textedition«, in: Grundzüge der Li-
11 Vgl. Schleiermacher, Ȇber Begriff und Einrheilung der philologischen teratur- und Sprachwissenschaft, hrsg. von Heinz Ludwig Arnold und
Kritik«, ebd., S, 137. Heinrich Deteting, München 2001, S. 179-203, hiet S. 183.
12 Friedrich Schleierma<::her; Hermeneutik und Kritik (1838), hrsg. von Man" 15 Schleiermacher, Hermeneutik und Kritik (s. Amn.. 12), S. 283.
fred Frank, Frankfnn a. M. 1977, S. 286. 16 Ebd., S. 24L
14 Die philologische Frage Die philologische Frage 15

ten, bei denen die Originale verloren gegangen sind, ja kann man auch die »komparative Methode«20 anwenden
auch keinen Sinn machen. Vielmehr ist zu untersuchen, ob und eine diplomatische Kritik aufgrund von Textbeobach-
die Vorlage, deren Abschrift das überlieferte Manuskript tungen vornehmen, im Rahmen derer mehrere Urkunden
ist, originalgetreu kopiert wurde. Es geht also auch um die (sprich: mehrere Abschriften) Wort für Wort, Buchstabe
Treue der Abschrift und nicht nur um die Eigenhändigkeit für Buchstabe »zeichengenau« miteinander verglichen
der UrschriftF Aus den mannigfachen Möglichkeiten der werden.21 Alle Fehler, aber auch alle anderen Abweichun-
Untreue gegenüber dem Original- etwa fehlerhaftes oder gen wie etwa Auslassungen oder Hinzufügungen sind im
unvollständiges Abschreiben, aber auch eigenmächtiges Zuge dieser >kritischen Sichtung<, der Recensio, sorgfältig
Dazuschreiben - resultiert eine grundsätzliche Unsicher- als Varianten respektive Lesarten zu verzeichnen. Die
heit bei der Beurteilung des Überlieferungsträgers. Die komparative Methode beruht also auf einer scharfen Be-
Editionsphilologie sieht sich insofern immer schon mit obachtung von >schwierigen Stellen< unter dem Vorzei-
zwei Unsicherheitsfaktoren konfrontiert: der Unsicherheit chen der Differenz des buchstäblich >Gegebenen<; das
dessen, was als überlieferung gegeben ist, und der Unsi- divinatorische Verfahren hingegen zielt auf das rück-
cherheit der Schlussfolgerungen, mit denen der Philologe schlüssige Herstellen eines Zusammenhangs zwischen
aus dem Gegebenen das Ursprüngliche zu rekonstruieren >schwierigen Stellen< und deren Ursachen. Die Konjektur
versucht. Die Philologie reagiert auf diese doppelte Unsi- fungiert gewissermaßen als nicht überlieferte, sondern er-
cherheit zunächst mit einem komplementären Verfahren, schlossene Lesart.22
bei dem konjekturale Texrverbesserung und kritische Die philologische Kritik ist, wie Schleiermacher und
Textbeobachtung so aufeinander bezogen werden, dass sie Boeckh immer wieder betonen,23 dadurch gekennzeichnet,
sich wechselseitig unterstützen. Ebenhierin besteht der dass sich das erschließende, divinatorisch-konjekturale
texthertneneutische Zirkel einer Editionsphilologie, die als und das beobachtende, diplomatisch-komparative Verfah-
»konjekturale Disziplin«18 agiert. ren wechselseitig stützen. Auch wenn man zwischen bei-
Die Konjektur ist für Schleiermacher und Boeckh der den Verfahrensweisen unterscheiden muss, so gehen sie in
modus operandi des sogenannten »divinatorischen Verfah- der philologischen Praxis doch Hand in Hand: Das, was
rens«> das aus »inneren Gründen«19 eine plausible Vertnu- als geschriebener oder abgeschriebener Textzeuge überlie-
tung aufstellt. Dies wird immer dann notwendig, wenn es fert wurde, besitzt als positiv Gegebenes insofern den Sta-
keine hinreichenden >äußeren< Beweisgründe, also einen tus eines Objekts, als es durch Wahrnehmungsakte befragt
anderen schriftlichen Textzeugen (etwa eine zweite Ab- und geprüft werden kann. Zu einer Texttatsache wird die-
schrift) gibt. Gibt es einen weiteren Textzeugen, dann
20 Schleiermacher, Hermeneutik und Kritik (s. Anm. 12), S. 169.
21 Rüdiger Nurr-Kofoth, [Art.] "Textkritik«, in: Reallexikon der deutschen
17 Schleiennacher, .Über Begriff und Eintheilung der philologischen Kri- LiteratUrwissenschaft (s. Anm. 3), Bd. 3, S. 602-607, hier S. 603.
tik«, vorliegende Ausg., S. 130 f. 22 Vgl. Henning Boetius, "Textkritik und Editionstechnik«, in: Grundzüge
18 Carlo Ginzburg, »Indizien: Morel1i, Freud uud Sherlock Hohnes«, in: der Literatur- und Sprachwissenschaft, Bd. 1, hrsg. von Heinz Ludwig Ar-
Der Zirkel oder im Zeichen der Drei, hrsg. von Umbetto Eco uud Tho- nold und Volker Sinemus, München 1983, S. 73-88, hier S. 74.
mas E. Sebeok, München 1985, S. 125-179, hier S. 142. 23 Vgl. in der vorliegenden Ausg. Schleiermacher, "Über Begriff uud Ein-
19 Schleiennacher, • Über Begriff uud Eintheilung der philologischen Kri- theiluug der philologischen Kritik«, S. 130-132, sowie Boeckb, "Encyclo-
tik«, vorliegende Ausg., S. 131. pädie«, S. 1'15-150.
I 16 Die philologische Frage

ses Objekt jedoch erst durch die kontextualisierenden


Die philologische Frage

Text wird der Erkenntnisgegenstand durch den Philologen


17

Schlussfolgerungen des Editionsphilologen, die aufgrund >kontaminiert<. Ebendeshalb ist die Frage nach der Zuläs-
ihres konjekturalen Charakters sehr stark von subjektiven sigkeit von Konjekturen bis heute in der Editionsphilolo-
Faktoren wie Gelehrsamkeit in Bezug auf das historische gie ein epistemologisches Politikum ersten Ranges: Darf
Hintergrundwissen, aber auch Talent mit Bezug auf die man einzelne Worte eines Textes im Namen eines auf
scharfsinnige Verarbeitung dieses Hintergrundwissens ab- Sinnstiftung abzielenden >Verstehensinteresses< verändern,
hängen: Für eine derartige »Konjekturalkritik« gibt es kei- oder muss man nicht vielmehr - im Interesse der konser-
ne generell gültigen Verfahrensregeln, die auf alle Texte in vierenden Dokumentation - den Text so bewahren, wie er
gleicher Weise anwendbar wären - vielmehr ist die Kon- >schwarz auf weiß< überliefert wurde?27 Die Konjektur
jekturalkritik eine »Sache des durch Übung gebildeten Ta- steht also gewissermaßen an der Schnittstelle zwischen
lents«.24 Insofern wird die philologische Praxis bei Wolf, zwei Hauptzielen der Philologie: der Bewahrung von Tex-
Schleiermacher und Schlegel immer wieder als Kunst be- ten und dem Lesbarmachen von Texten.
zeichnet/5 die nur zum Teil den Geltungsanspruch auf In diesem Zusammenhang stellt sich eine weitere Fra-
strenge Wissenschaftlichkeit erheben kann. Das heißt zu- ge Was ist überhaupt ein Text?28 Sind es die gegebenen,
gleich, dass die Verfahren der Philologie aus der Praxis der also die überlieferten Schriftzeichen, oder sind es die
philologischen Tätigkeit abgeleitet und durch den Um- durch die Schriftzeichen überlieferten Worte, Sätze, Ab-
gang mit den Texten gerechtfertigt werden: Es handelt sätze, die durch ihre spezifische Kombination auf indivi-
sich um ein hochkomplexes Erfahrungswissen, das häufig duelle Weise einen Sinnzusammenhang zum Ausdruck
nicht explizit formuliert werden kann, sondern als »tacit bringen? Dieser auf individuelle Weise zum Ausdruck ge-
knowledge« die Grundlage für »tacit inferences«26 bildet. brachte Sinnzusammenhang ist das Resultat eines absicht-
Theoretisch sind die diplomatischen und die divinatori- lich produzierenden Geistes - sprich: einer Autorinten-
schen »Methoden« zwar zu unterscheiden,· in der Praxis tion. 29 Während man seit der Einführung des Buchdrucks
sind sie indes nicht voneinander zu trennen. davon ausgehen kann, dass der Autor seinen Text vor der
Hier tritt eine eigentümliche Spannung zwischen der Drucklegung noch einmal kritisch selbst geprüft hat und
Praxis und der Theorie der Editionsphilologie zu Tage: anschließend die Vervielfältigung und Veröffentlichung
Das divinatorische Verfahren - und mit ihm die Konjek- durch einen intentionalen Akt, nämlich das Imprimatur,
tur - erscheint epistemologisch betrachtet als Unsicher-
heitsfaktor, weil dem Erkenntnisobjekt (dem tradierten, 27 Vgl. u. a. Wrnfried Woeslet, [Art.] »Textkritik (Edition)«, in: Handlexikon
>gegebenen< Text) etwas Subjektives (die gefolgerte Deu- zur Literaturwissenschaft, hrsg. von Diether K.rywalski, Reinbek 1978, S.
tung des Philologen) beigemischt wird: mit der Ergänzung 471--475, S, 472; sowie Roland Reuß, »Gerafft. Notiz zur Geschichte einer
Konjektut in Kleists Erzählung Das Bette[;""eib von Locamo (1811)«, in:
oder Veränderung eines Wortes in einem überlieferten Brandenburger Kleist"Blätter 10 (1997), S. 3-8.
28 Vgl. hierzu Guntet Martens, »Wbat is a Text? Atternpts at Defining a
24 Schleiennacher; Hermeneutik und Kritik (s. Anm. 12), S. 283. Central Concept in Editorial Theory«, in: Contemporary German Edito-
25 Ebd.; Schlegel, »Philosophie der Philologie«, wo es heißt: »Das Ganze ist rial Theory, hrsg. von Hans Waltet Gabler [u. a.], Ann Arbor 1995,
also eine Kunst und keine WlSsenschaft« (vorliegende AT,ISg., S. 100). S.209-231.
26 Michael Polanyi, »Tacit inference (1964)«, in: M. P., Knowing and Being, 29 Fons Jannidis, »Autor, Aurorbild und Autorintention«, in: editio 16
Chicago 1969, S. 138-158, hiet S. 143 f. (2002), S. 26-:-35, hier S. 29.
iI'
I

L
18 Die philologische Frage Die philologische Frage 19

autorisiert/o stellt sich für die Altphilologie und die Medi- heit der Unvollständigkeit infiziert ~ ein Mangel, den der
ävistik immer wieder die Frage: Wie kann die Autorinten- Philologe durch seine verbessernden und vervollständigen-
tion erkannt und bewahrt werden, wenn der gegebene den konjekturalen Eingriffe emendierend heilt. In all den
Text fast nie vom Autor oder unvollständig oder unzuver- Fällen, in denen ein Text nicht in seiner ursprünglichen
lässig überliefert wurde? Die Philologie des 19.Jahrhun- Form als Original, sondern nur als Abschrift überliefert
derts ging davon aus, dass der hermeneutisch geübte Phi- wurde, soll auf der Grundlage eines kritischen Vergleichs
lologe - unter der Voraussetzung einer genauen Ke=tnis der überlieferten Textzeugen rückschlüssig durch ein »Ka-
des Stils und der Vorstellungswelt seines Autors - »ganz russell von Konjekturen<2 5 zunächst die Beziehung zwi-
durchdrungen von dem Geiste des Schriftstellers« mit schen den verschiedenen überlieferten Abschriften (das
Hilfe divinatorischer Konjekturen, in der Lage sei zu er- sogenannteStemma) und daraufhin der Archetypus - ein hy-
ke=en, »was der Autor gemeint hat, sogar wenn jener pothetischer >Urtext< - rekonstruiert werden. Diese nachc
selbst schuld an dem unrichtigen Ausdruck ist«.31 Dahin- produzierende Operation gehörte lange Zeit zum >Kernge-
ter stand die Auffassung, dass sich der Philologe gleichsam schäft< des Editionsphilologen: Danach heißt seine Aufgabe
in den produzierenden Geist des anderen hineinversetzen Textkonstitution, die, auf der Grundlage der vergleichen-
kö=e - auch Karl Lachmann war dieser Auffassung, den Textkritik, immer auch produktive Urtexterschließung
wenn er fordert, man solle dem »Verfasser 4"1. seine geistige mit Hilfe von Konjekturen ist. Das kann so weit gehen, dass
Werkstatt schauen und ganz die ursprüngliche Thätigkeit der Editor die Rolle eines Co-Autors übernimmt,36 der
desselben reproduciren«.32 nicht nur Fehler und Fehlendes verbessert, sondern auch
Diese Auffassung impliziert einen Textbegriff, wonach dem einheitsstiftenden Konzept, das seiner Meinung nach
der sichtbare, gegebene, aber womöglich unvollständige dem Werk zugrunde liegt, zum Leben verhilft.
Text der Ausdruck eines idealen, unsichtbaren, vollständi- Gegen diese Zielsetzung, die sich nicht damit begnügt,
gen und vollkommenen Werks ist, das dem Text als ein- mit Hilfe von »kritischen Conjecturen«/7 also auf der
heitsstiftendes Konzept zugrunde liegt." Erst aufgrund von Grundlage von Textbeobachtungen, die Emendation von
diversen Störfaktoren und >Unglücksfällen</4 die sich im Worten vorzunehmen, sondern die sich anmaßt, durch
Kontext der Textentstehung, vor allem aber bei der Text- >kreative Konjekturen< sinnstiftend auf der konzeptuellen
überlieferung ereignet haben, wird der Text von der Krank- Ebene eines Textes einzugreifen, hat sich in neueren editi-
onstheoretischen überlegungen eine große Zurückhaltung
gegenüber allen Formen der Konjektur durchgesetzt.38
30 VgL hierzu Miroslav Cervenka, »Textologie und Semiotik«, in: Texte und
Vaerianten. Probleme ihrer Edition und Interpretation, hrsg. von Gunter
Nicht zuletzt im Zuge ihrer Verwissenschaftlichung will
Martens und Hans Zeller, München 1971, S. 143-163, hier S. 145.
31 Boeckh,»Encyclopädie«, nach der vorliegenden Ausg., S. 152.
35 ]öm Stückrath, »Textüberliefemng und Textkritik«, in: Literaeturwissen-
32 Karl Lacbmann, »Zum Lessing«, in: K. L., Kleinere Schriften zur deut-
sI:haft, Bd. 1: Grundkurs 1, hrsg. von Helmut Bracken und ]öm Stück-
schen Philologie, hrsg. von Karl Müllenhoff, Berlin 1876 (Nachdr. der
ratb, Reinbek 1981, S. 41-66, hier S. 54.
Ausg. Berlin 1969), S. 548-576, hier S. 566.
36 Lachmann, »Zum Lessing« (s. Aum. 32), S. 567.
33 ScWeiermachel:, Hermeneutik und Kritik (s. Aum. 12), S. 241.
37 Boeckh, »Encyclopädie«, nach der vorliegenden Ausg., S, 155.
34 VgL hierzu Ludwig lägel:, »Störung und Transparenz. Skizze zur perfor-
38 VgL Roland Reuß, »Text, Werk, EntwUrf«, in: Text. Kritische Beiträge 10
mauven Logik des Medialen«, in: Peiformaetivität u11d Medialität, hrsg.
(2005), S. 1-12, hier S. 5.
von Sybille Krämer, München 2004, S. 35-74, hier S. 42.
~ -'-

20 Die philologische Frage Die philologische Frage 21

sich die Philologie nicht mehr auf schwer zu rechtferti- zeichen und Trägermaterialien, die nicht nur einen vom
gende spekulative Deutungen, sondern allein auf nach- Autor intentional zum Ausdruck gebrachten Sinnzusam-
prüfbare Befunde stützen.39 Dabei wurden insbesondere menhang verkörpern, sondern ihre eigene Geschichte er-
die Verfahren des kritischen Vergleichs von Urkunden zählen: zunächst einmal die Geschichte vielfältiger Prakti-
systematisch weiterentwickelt, was maßgeblich zur Aus- ken des Schreibens, Abschreibens und U mschreibens; dann
differenzierung der Philologie als einer wissenschaftlichen aber auch die Geschichte vielfältiger Techniken, Geschrie-
Disziplin, die sich lehr- und lernbarer Methoden der Text- benes zu vervielfältigen und zu veröffentlichen - allen vor-
kritik bedient, beitrug:o So gehört_es seit dem Ende des an der Buchdruck. Dabei kommt der Transformation von
19.Jahrhunderts zum guten Ton, immer wieder auf die Handschrift in Druckschrift mit Blick auf die Frage der
"feste und sichere leitung durch die strengste methode« Autorisierung des Geschriebenen (Stichwort: Imprimatur)
hinzuweisen.41 Das Motto lautet: »Besser methodisch ir- eine entscheidende Bedeutung zu, da der Druck eines Tex-
ren, als unmethodisch d. h. zufällig das Wahre finden«.42 tes den Prozess der Textgenese abschließt, indem er eine
Möglicherweise ist dies aber nicht nur Indiz eines ge- Fassung als ,endgültigen< Text festhält. Danach hat der Au-
schärften Methodenbewusstseins, sondern auch ein Symp- tor zunächst keine Möglichkeit mehr, korrigierend einzu-
tom für die nach wie vor bestehenden Unsicherheitsfakto- greifen - das kann er erst bei einem von ihm autorisierten
ren des philologischen Geschäfts: die grundlegende Unsi- Neudruck. Das zentrale Aufgabengebiet der neueren Phi-
cherheit der Überlieferungslage und das epistemologische lologien ist daher nur noch in Ausnahmefällen die Texter-
Risiko konjekturaler Fehlschlüsse. schließung durch den Vergleich von handschriftlichen
Ein zweiter Einwand gegenüber einer allein auf Sinnstif- Überlieferungsvarianten, sondern der Vergleich, durch den
tung abzielenden Edition~philologie richtet sich gegen die unterschiedliche Druckvarianten daraufhin befragt wer-
Tendenz, die materialen Uberlieferungsträger lediglich als den, ob der Druck vom Autor aktiv oder passiv autorisiert
Vehikel der Sinnübermittlung aufzufassen, deren einziger wurde. Zugleich existieren bei vielen Texten, die in den
Erkenntniswert darin liegt, dass man aus ihnen Indizien für Druck gegangen sind, auch noch die vom Autor selbst ver-
die Rekonstruktion eines Archetypus gewinnen kann. Nun fassten (autographen) Vorlagen, ja mitunter sogar diverse
ist jede Urkunde - sei sie ein Originalmanuskript, sei sie Entwurfsfassungen (Entstehungsvarianten), sodass sich die
eine Abschrift - immer auch ein Konglomerat von Schrift- Genese eines Textes rekonstruieren lässt. Mit anderen Wor-
ten: Die Arbeit der neueren Philologien ist maßgeblich
39 VgL hierzu: Hans Zeller, »Befund und Deutung. Interpretation und Do-
durch die mediale Differenz von Handschrift und Druck-
kwnentation als Ziel und Methode der Edition", in: Texte und Varianten schrift (gefasst als »typographisches Dispositiv«)43 sowie
(s. Anm. 3D), S. 45-89. durch die Druckvarianten eines Textes determiniert.44 Die-
40 Reiner Kolk, "Wahrheit - Methode - Charakter. Zur wissenschaftlichen se mediale Differenz markiert zugleich einen wichtigen
Ethik der Germanistik im 19. Jahrhunden«, in: Internationales Archiv für
Sozialgeschichte der deutschen Literatur 14 (1989), S. 50--71, hier S. 53.
41 Julius Zacher, »Moriz Haupt«, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 5 43 Susanne Wehde, Typographische Kultur. Eine zeichentheoretische Studie
(1874), S. 445-456, hier S. 454. ZUr Typographie und ihrer Entwicklung, Tübingen 2000, S. 14.
42 FnedUch RitscW, »Zur Methode des philologischen Studiums«, in: F. R., 44 Vgl. hierzu Roland Reuß, "Schicksal der Handschrift, Schicksal der
Kleine philologische Schriften (Opuscula Philologica), Bd.5: Vermischtes, Druckschrift. Notizen zur >Textgenese«<, in: Text. Kritische Beiträge 5
Leipzig 1879, S. 19-39, hier S. 26. (1999), S. 1-25.
22 Die philologische Frage Die philologische Frage 23

Unterschied mit Blick auf den Textbegriff: Handschriftlich Als Reaktion auf diese reduktionistische >Vergeisti-
überlieferte Texte haben nämlich im Gegensatz zu Druck- gung< des Textbegriffs nutzt die Philologie verstärkt die
fassungen zumeist einen unabgeschlossenen Charakter - es Möglichkeit, Manuskripte als Faksimile abzudrucken -
handelt sich UIn einzelne, nicht publizierte Schriftstücke, begleitet von einer kritisch kommentierenden >diplomati-
die als Entwürfe oder Abschriften potentiell offen bleiben schen Umschrift<.48 In den letzten Jahrzehnten haben sich
für eine »transkriptive Weiterverarbeitung«:5 Dies hat sich gleich zwei Richtungen herausgebildet, die die Materiali-
erst mit der Verbreitung der computergestützten digitalen tät der Schrift respektive die Materialität des Schreibpro-
Schrift verändert, da diese die Möglichkeit einer permanen- zesses verschärft in den Blick nehmen: die Material Phi-
ten Überarbeitung - bei gleichzeitiger Speicherbarkeit - er- lology und die Schreibprozessforschung im Anschluss an
öffnet.46 die Critique ginetique. Die Material Philology wendet
Die genannten Aspekte haben in den letzten Jahrzehnten sich vom >klassischen< Erkenntnisinteresse der Editions-
zu einem Umdenken in vielen Bereichen der Philologie ge- philologie ab - es geht nicht mehr darum, mit Hilfe von
führt Im Zuge einer durch postmoderne Theorien ausge- Uberlieferungsträgern einen abstrakten Urtext zu rekon-
lösten Aufmerksamkeitsverschiebung auf die Schrift als struieren; vielmehr schenkt sie dem überlieferungsträger
Zeichensystem ist vielen Philologen bewusst geworden, selbst - etwa dem Manuskript eines anonymen Kopis-
dass sie es nicht nur mit Worten zu tun haben, die Sinn ver- ten - ihre Aufmerksamkeit, um anhand dieses Konkre-
mitteln, sondern dass Worte als sinnlich wahrnehmbare tums die Verkörperungs- und Überlieferungsbedingungen
Schriftspuren überliefert werden. Die Geringschätzung der von Schriftstücken zu erkunden. Ziel ist es, im Rahmen
physischen, materialen Qualität handgeschriebener und einer theoretisch und historisch geschulten Beobachtung
gedruckter Texte - das Papier, auf dem sie geschrieben des »manuscript space«49 Rückschlüsse auf den sprachli-
wurden, die Schreibwerkzeuge, die bei ihrer Verfassung chen und kulturellen Kontext, dem diese Schriftstücke
Einsatz gefunden haben, die räumliche Anordnung von entstammen, zu ziehen. Die Manuskripte werden also zu
Schriftspuren im Rahmen von Manuskripten, aber auch in Indizien für bestimmte kulturelle Prägungen und Phäno-
gedruckten Texten etc. -, diese Geringschätzung ist, glaubt mene. Damit leistet die Material Philology zugleich einen
man dem Kulturwissenschaftler Carlo Ginzburg, ein Erbe Brückenschlag zwischen Philologie und Kulturwissen-
der primär an Sinnerschließung und Wortverstehen inte- schaft.
ressierten, hermeneutisch orientierten Geisteswissenschaf- Die Critique ginetique versucht - vor dem Hintergrund
ten. Das Ergebnis war »die zunehmende Entmaterialisie- der medialen Differenz von Hand- und Druckschrift - an-
rung oder Vergeistigung von Texten« zu einem Abstrak- hand der überlieferten Schreibspuren eines Autors, »den
tum, dessen Identität »weder von seiner physischen Form
noch von einer bestimmten Ausgabe« abhängig ist.47 48 Vgl. hierzu etwa Franz Kafka, Der Process, hist.-krit. Ausg" hrsg. von Ro-
land Reuß in Zs.-Arb. mit Beter Staengle, sechzehn Faksimilebünde (mit
typographischer Umschrift) und ein Beiheft im Schuber mit CD-ROM,
45 Jäger, "Störung und T=sparenz« (s. Anm. 34), S. 46. BasellFrankfurt a.M.1997.
46 Jay Bolter, »Das Internet in der Geschichte der Technologien des Schrei- 49 Stephen G. Nichols, »Why Material Philology? Some Thoughts«,in: Zeit-
bens«, in: Mythos Internet, hrsg. von Alexander Roesler und Stefan Mün- schrift für Deutsche Philologie 116 (1997), Sonderh.: Philologie als Text-
kor; Frankfurt a. M. 1997, S. 37-55, hier S. 43. wissenschaft. Alte und Neue Horizonte, hrsg. von Helmut Tervooren und
47 Ginzburg, »Indizien« (s. Anm. 18), S. 142. Horst Wenzel, S. 10-30, hier S. 14.
24 Die philologische Frage Die philologische Frage 25
schriftlichen Entstehungsprozess literarischer Werke zu re- sehe Analyse von >Schreibkulturen<, zum anderen unter
konstruieren<2°. Sie will gewissermaßen wie Lachmann die den Vorzeichen eines erweiterten Textbegriffs. Viele kul-
»ursprüngliche Thätigkeit« des Autors rekonstruieren - al- turwissenschaftliche Ansätze folgen dem Konzept, Kultur
lerdings nicht durch einen Blick in dessen »geistige Werke als Text aufzufassen: ein Konzept, das sich gleichermaßen
statt«, sondern durch einen Blick in dessen Schreibwerk- aus poststrukturalistischen und ethnographischen Prämis-
statt. Untersuchungsgegenstand sind die verschiedenen sen speist. Text wird im Anschluss an poststrukturalisti-
Akte der »Scription«,51 die als materielle Schreibspuren zu sche Theorien, als intertextuelles »Gewebe«54 oder als
Papier gebracht wurden: Entwürfe und Überarbeitungen »Gewebe von Spuren«55 gefasst, das von einer überindivi-
des Autors vor der Drucklegung seines Textes. Die Unter- duellen »productivite«56 gesponnen wird. Da nun aber
suchung dieser avant-textes soll indes nicht mehr dazu die- auch die Kultur als vom Menschen »selbstgesponnenes
nen, den >ursprünglichen Gedanken< des Autors oder die Bedeutungsgewebe«57 begriffen wird, stehen Text und
ideale Gestalt seines Werks zu rekonstruieren; vielmehr Kultur qua definitionem in Analogie. Gleiches gilt für die
will man die durch Schreibakte verkörperten Etappen der Analysemethode von Kulturen und die Analysemethode
Textentstehung nachvollziehen, die »zwischen dem Beginn von Texten. So behauptet Geertz:
eines Pr~jekts im Kopf oder im Unbewussten eines Autors
und der Ubergabe des fertigen Textes an den Drucker statt- Ethnographie betreiben gleicht dem Versuch> ein Manu-
gefunden haben«.52 Philologie wird hier zur >Schreibpro- skript zu lesen (im Sinne von >eine Lesart entwickeln<),
zessforschung<, die sich den Dynamiken der Textgenese das fremdartig, verblaßt, unvollständig, voll von Wider-
und nicht mehr der Aufgabe der Textkonstitution widmet. sprüchen, fragwürdigen Verbesserungen und tendenziö-
Das Erkenntnisinteresse zielt darauf ab, die »Textwer- sen Kommentaren ist, aber nicht in konventionellen
dung«53 darzustellen, wobei aber der gedruckte, publizierte Lautzeichen, sondern in vergänglichen Beispielen ge-
Text nur noch ein Knotenpunkt in einem ganzen Geflecht formten Verhaltens geschrieben ist [...].58
von Schreibspuren ist. Dies impliziert einen offenen und
dynamischen Textbegriff, ohne dass deswegen die Instanz Anhand dieser Stelle, aus der das Schlagwort >Kultur als
des Autors ausgeblendet würde. Text< abgeleitet wurde, lassen sich drei Feststellungen tref-
Wie die Material Philology, so bietet auch die Critique fen: Erstens setzt Geertz hier die Lektüre eines Manu-
genitique Anknüpfungspunkte zwischen Philologie und
Kulturwissenschaft - zum einen mit Blick auf eine histori-
54 Roland Barthes, Die Lust am Text, aus dem Franz. von Traugott König,
Frankfurt a. M. 1986, S. %
50 A1muth Gresillon, »Critique genetique«, vorliegende Ausg., S. 290. 55 Jacques Derrida, "Überleben«, in: J. D., Gestade, hrsg. von Peter Engel-
51 VgL Roland Barthes, »Variation sur l'ecrirure (non pubM) (1973)«, in: mann, Wien 1994, S. 119-218, hier S. 130.
R.B~ CEuvres completes, Bd.2: 1966-1973, hrsg. von Eric Marty, Paris 56 Julia Kristeva, "Der geschlossene Text«, in: Textsemiotik und Ideologiekri-
1994, S. 1535-74, hier S. 1535, sowie Martin StingeIin, »>Unser Schreib- tik, hrsg. von Peter V. Zima, Frankfurt a. M., S. 194-229, hier S. 194.
zeug arbeitet mit an unseren Gedanken<. Die poetologische Reflexion der 57 Clifförd Geertz, »Dichte Beschreibung, Bemerkungen zu einer deutenden
Schreibwerkzeuge bei Georg Christoph Lichtenberg und Friedrich Nietz- Theorie von Kultur«, in: C. G., Dichte Beschreibung. Beiträge zum Ver-
sche«, in: Licht:enherg-Jahrhuch (1999), S. 81-98. stehen kultureller Systeme, übers. von Brigitte Luchesi und Rolf Binde-
52 Gresillon, »Critique generique«:o vorliegende Ausg., S. 292. mann, Frankfurt a. M. 1983, S. 9.
53 Ebd., S. 304. 58 Ebd., S. 15.
1'.

26 Die philologische Frage Die philologische Frage 27

skripts in Analogie mit kulturellen Praktiken, die nicht in den philologischen Fächern liegen, und einer Kultur-
»durch die Schrift fixiert« (Boeckh) sind, ja womöglich wissenschaft, die die traditionellen Fächergrenzen (Stich-
gar nicht sprachlich, sondern als ritualisierte Verhaltens- wort: Interdisziplinarität) überwinden will, macht sich an
formen tradiert wurden. Zweitens handelt es sich bei die- der Definition der Gegenstandsbereiche und der Metho-
sem >Manuskript< offensichtlich um einen Überlieferungs- den fest - ist aber; sobald es die institutionelle Situierung
träger, der bereits von einer tradierenden Instanz durch im Kontext der Universität betrifft, keineswegs nur wis-
»fragwürdige Verbesserungen« (im Original: emendations) senschaftstheoretisch, sondern vor allem forschungspoli-
kontaminiert und durch ;>tendenziöse Kommentare« un- tisch motiviert.
angemessen gedeutet wurde. Diese tradierende Instanz Die Arena, in der diese Auseinandersetzung geführt
köunte, um im Bild der Philologie zu bleiben, wahlweise wird, ist der Textbegriff: Als Reaktion auf die Engführung
ein >Kopist< oder ein >Philologe< gewesen sein. Die ethno- von >Kultur< und >Text< kann man entweder die Differenz
graphische Methode der Kulturanalyse zielt mithin neben zwischen dem sehr weiten Textbegriff der Kulturwissen-
einer >dichten Beschreibung< nichtsprachlicher Verhaltens- schaften und dem engeren Textbegriff der Philologie beto-
formen auch auf eine Kritik der Kontaminationen und nen, also eine >Rephilologisierung< des Textbegriffs for-
Fehldeutungen, die sich bereits in >dichte Beschreibungen< dern,60 und zwar in dem Siune, dass man einen Text als
eingeschlichen haben. Sie ist eine Art Metaphilologie. Bei- sinnstiftende Konfiguration aus Worten respektive Buch-
nahe wichtiger als die zum Schlagwort geronnene Analo- staben definiert. Man kann aber auch die Philologie, gera-
gie zwischen den Untersuchungsgegenständen >Text< und de was das ausdifferenzierte Text- und Methodenver-
>Kultur< scheint uns aber zu sein - und damit sind wir ständnis beim zeichengenauen Lesen von Manuskripten
beim dritten Punkt -, dass Geertz mit der Verwendung und beim Entwickeln von Lesarten betrifft, als Avantgar-
des philologischen terminus technicus >Lesart< eine metho- de einer literaturwissenschaftlieh informierten Kulturwis_
dologische Analogie herstellt, die implizit die Konjektur sensehaft propagieren und diese gewissermaßen im Rück-
ins Spiel bringt. Eine Lesart entwickeln (im Original: griff auf die philologische Methode betreiben.61 Schließ-
construct a reading of) heißt, auf der Grundlage dessen, lich kann man behaupten, dass Philologie schon immer
was wahrnehmbar (aber verblasst, unvollständig, wider- eine Form der Kulturwissenschaft war: Zwar stehen für
sprüchlich) überliefert wurde, mit Hilfe von Konjekturen den Philologen Wort und Text im Zentrum des Erkeunt-
eine Lesart zu erschließen. 59 Damit stehen Philologie und nisinteresses, aber um einen Text in seiner ursprünglichen
Kulturwissenschaft vor demselben Problem: der angemes- Gestalt zu rekonstruieren oder seine Genese nachzuvoll-
senen >dichten Beschreibung< von schriftlichen und nicht- ziehen, ist der Philologe auf sprach- und kulturgeschicht-
schriftlichen überlieferungen, um diese lesbar und ver- 60 Vgl. hierzu die unterSchiedlichen Vorschläge in: Grenzen der Germanis-
stehbar zu machen. tik. Rephilologisierung oder Erweiterung? DFG-Symposium 2003, hrsg.
Die gegenwärtig geführte Diskussion über das Verhält- von Walter Erhan, Stuttgart 2004; vgl. dazn auch Steffen Martns, "philo-
nis zwischen einer Literaturwissenschaft, deren Wurzeln Logik. Zur kulturwissenschaftlichen Begründung von Literaturwissen-
schaft«, in: Logiken und Praktiken der Kulturforschung, hrsg. von Uwe
Wrrth, Berlin 2008, S. 125-147.
59 Vgl. noch einmal die Definition von Boetius, »Textkritik und Editions- 61 Sigrid Weigel, Literatur als Voraussetzung der Kulturgeschichte. Schau-
technik« (s. Anm. 22), S. 74. plätze von Shakespeare bis Benjamin, München 2004, S. 12.
28 Die philologische Frage Die philologische Frage 29

liches Hintergrundwissen angewiesen. So besehen bedient resse bestimmen soll, ist eine im weitesten Sinne des Wor-
sich die Philologie (und mit ihr die LiteratUrwissenschaft) tes politische: im Zuge der Professionalisierungsschübe
immer schon aus dem Fundus einer historisch orientierten der Editionsphilologie im 19., aber auch im la.Jahrhun-
Kulturwissenschaft, die ihre Erkenntnisse allerdings nur dert kann man die Tendenz erkennen - weg von einer
aus jenen Texten gewinnen kann, die zUVOr von Philolo- überaus konjekturfreudigen, deutungsbezogenen Begriff-
gen erschlossen und lesbar gemacht wurden. Hier offen- lichkeit, hin zu einer eher konjekturskeptischen, material-
bart sich - neben den oben bereits erwähnten sprach- und bezogenen Begrifflichkeit.
texthermeneutischen Zirkeln innerhalb der Philologie - Deutungsbezogene Konjekturen findet man im Rahmen
ein zirkuläres Abhängigkeitsverhältnis von Philologie und all jener Auslegung~bemühungen,die den Text als willent-
Kulturwissenschaft. liche, individuelle Außerung eines Autors begreifen. Hier-
bei richtet sich das hermeneutische Interesse in erster Li-
Kommen wir - unter dem Vorzeichen dieses Abhängig- nie auf den vom Autor gemeinten Wortsinn und manifes-
keitsverhältnisses - noch einmal auf die eingangs gestellte tiert sich in einer Achtung vor dem Autorwillen, die in
Frage zurück, was es mit der philologischen >Liebe< zum mancher Hinsicht etwas mit dem Respekt vor einem testa-
Wort auf sich hat. Wodurch zeichnet sich die Philologie mentarischen Letzten Willen zu tun hat. Das heißt, der
als Methode ihrem eigenen Selbstverständnis nach aus? Philologe nimmt die Position eines Notars oder eines Tes-
Neben der gelehrten Leidenschaft für überlieferte Worte tamentsvollstreckers ein - mitunter tritt er sogar als >Ho-
und dem durch diese Worte überlieferten Wissen lässt sich hepriester des Wortes< auf. Dies kann als Echo auf die
die philologische Liebe als respektvolles Interesse fassen: Wurzeln der Philologie verstanden werden, die in der phi-
als AchtUng vor dem Wort, wie es ursprünglich vom Au- lologia sacra liegen - einer Bibelphilologie also, die sich
tor gemeint war, und als Achtsamkeit für das überlieferte darum bemühte, das Wort Gottes in seiner ursprünglichen
WortY Dieses doppelte Interesse für das Wort oszilliert Form wiederherzustellen und zu bewahren. Die Hoch-
zwischen einem eher positivistischen >Interesse am Buch- achtung vor dem Willen des Höchsten wurde im Zuge der
staben<, das sich durch eine geschulte WortWahrnehmung Genieästhetik auf die Instanz des Autors als gottgleichen
auszeichnet, die an überlieferten Texttatsachen detaillierte zweiten Schöpfer übertragen. Im. Verein mit der romanti-
>Befunde< feststellt, und einem eher >hermeneutischen In- schen.. Wertschätzung des Individuums mündete dies in
teresse< am Wortverstehen, das auf die Herstellung von eine Ubertragung der Maximen der philologica sacra auf
Sinnzusammenhängen, also auf>Dentung< abzielt. Infolge- die Edition profaner Texte - insofern steht am Anfang der
dessen hat die Editionsphilologie eine, wie Gunter Mar- philologia moderna der Grundsatz der »philologischen
tens es nennt, »>materialbezogene«< und eine »>deutungs- Gleichbehandlung aller Schriften«.64 Die HochachtUng des
bezogene Begrifflichkeit«< entwickelt.63 Die Entscheidung, Autorwillens war aber zugleich immer auch rückgebun-
welche dieser beiden Begrifflichkeiten das Erkenntnisinte- den an eine Hochachtung des Autorworts - hier scheint
62 Vgl. Richard F. Thomas, "Past and Future iu Classical Philology«, in: On
Philology, hrsg. vonJan Ziolkowski, London 1990, S. 66-74, hier S. 69. 64 Lutz Danneberg, »Altphilologie, Theologie und die Genealogie der Lite-
63 Gunter Martens, »>Historisch<, ,kritisch< und die Rolle des Herausgebers rarurwissenschaft«, in: Handbuch Literaturwissenschaft, Bd.3, hrsg. von
bei der Textkonstitution«, vorliegende Ausg., S. 258. Thomas Anz, Stuttgart 2007, S. 3-25, hier S. 4.

~
30 Die philologische Frage Die philologische Frage 31

die biblische Warnung nachgewirkt zu haben, dass all den- stehen im Zentrum des Interesses, sondern die auf diffe-
jenigen ewige Verdammnis droht, die auch nur einen renzierte Wortwahrnehmung abzielenden materialbezoge-
Buchstaben am Wort Gottes verändern. 6> Insofern ist das nen Konjekturen: Konjekturen, die sich durch ein semio-
philologische >Interesse am Buchstaben< getragen von ei- tisch und schrifttheoretisch geschultes >Interesse am ver-
ner Hochachtung vor dem Prinzip der Buchstabentreue - körperten Buchstaben< auszeichnen. Doch selbst dann
hinzu kommt eine positivistische Skepsis gegeniiber Ver- iiben sich heutige Editionsphilologen in größter Zuriick-
stehensbemiihungen, die nicht objektivierbar sind. Hier haltung: Wenn die verdorbene Stelle »ohne Riickgriff auf
scheint der Rekurs auf das Material und auf eine material- eine Spekulation nicht zu heilen ist«,67 dann wählen sie lie-
bezogene Begrifflichkeit der Königsweg der Philologie zu ber die Option, die Stelle durch eine Crux zu markieren.
sein. Die Konjekturskepsis der materialbezogenen Begriff- Mit dieser Markierung wird ein Verzicht auf >kiihne Kon-
lichkeit bedeutet indes nicht, dass die Philologie ganz auf jekturen< zum Ausdruck gebracht. Insofern steht die Crux
Konjekturen verzichten kann, denn selbst die Datierung für eine bestimmte Editionspolitik: eine materialbezogene
eines Überlieferungsträgers ist häufig nichts anderes als Absage an die Konjektur.
eine >plausible Vermutung<. Der entscheidende Unter-
schied ist vielmehr, dass sehr viel vorsichtiger konjiziert
wird - nicht mehr mit dem Ziel, das >Große und Ganze< 2. Kurzer Abriss der philologischen Theoriegeschichte
als Einheit (als Archetypus) zu konstituieren, sondern eher
mit dem Ziel, im Zuge einer textgenetischen Kritik die Die bisher skizzierten Problemstellungen der Philologie,
verschiedenen Schichten der Textentstehung zu rekonstru- aber auch ihr Verhältnis zu den Sprach- und Kulturwis-
ieren. Das heißt: Konjekturen sind nicht mehr der divina- senschaften haben deutlich gemacht, dass >Philologie< kein
torische Zauberschliissel zum sinnstiftenden Wort- und stabiler Begriff war und ist. Wir wollen daher im folgen-
Textverstehen, sondern finden nur noch als epistemische den versuchen, endang unserer Textauswahl die Dynami-
Hilfsmittel einer Textkritik Einsatz, der es um die diffe- ken des Philologie-Begriffs nachzuzeichnen.
reuzierte Beschreibung von Überlieferungs- und Entste'- Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit friihneuzeidicher
hungsvarianten auf der Ebene der Wortwahrnehmung Philologen stand die Rekonstruktion und Erschließung
geht, also um >Befunde< im Rahmen des philologischen antiker Texte aus verschiedenen Zeugnissen und durch
»Indizien-Paradigmas«.66 ' Vergleich. Die >Verbesserung< des durch die überlieferung
Man könnte mit Blick auf die Wissenschaftsgeschichte verdorbenen Textes war das Anliegen, im Sinne einer Re-
der Philologie in den letzten 200 Jahren von einer Akzent- konstruktion eines urspriinglichen Zustands.68 Hinzu trat
verschiebung des Erkenntnisinteresses sprechen - nicht die Kommentierung, die sich nicht auf Worterläuterungen
mehr die sinnstiftenden, deutungsbezogenen Konjekturen beschränkte, sondern sich produktiv mit dem textkritisch
65 Vgl. Offb 22,18. 67 Nutt-Kofoth, »Textkritik« (s. Anm. 21), S. 603 f.
66 Carlo Ginzburg, "Spurensicherung. Der Jäger entziffert die Fährte, Sher- 68 Philologie und Erkenntnis. Beiträge zu Begriffund Problem frühneuzeitli~
lock Holmes nimmt die Lupe, Freud liest Morelli - Die WISsenschaft auf eher ,Philologie', hrsg. von Ralf Häfner, Tübingen 2001; Klara Vanek, ,Ars
der Suche nach sich selbst« (1979), in: C. Go Spurensicherung. Die Wissen- corrigendi, in der frühen Neuzei~ Studiert zur Geschichte der Textkritik,
schaft auf der Suche nach sich selbst, Berlin 1995, S. 7-44, hier S. 18. Berlin 2007.
32 Die philologische Frage Die philologisc:he Frage 33

erschlossenen Text auseinandersetzte - bis hin zu eigen- Chladenius als Ausgangspunkt gewählt. Noch Peter Szon-
ständigen Nach- bzw. Weiterdichtungen.69 Dieses Philolo- di nimmt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Bezug
gie-Verständnis war in der Friihen Neuzeit weitgehend auf ihn. 70
etabliert, auch wenn es immer wieder Auseinandersetzun- Neben dem breiten, facettenreichen Philologie-Begriff,
gen um die Praxis gab. Insgesamt waren die Philologen der eng mit Techniken des Textverstehens verbunden ist,
von der Renaissance bis zur Aufklärung >konjekturfreu- etablierte der italienische Philosoph Giovanni BatUsta
dig<: Sie waren sich sicher, unleserliche oder defekte Über- Vico (1668-1744) ein zweites Verständnis von Philologie,
lieferungen >richtig< ergänzen zu können. Auch scheuten das lange Zeit peripher bleiben sollte (und es bis heute
sie nicht davor zurück, vermeintliche >Fehler< in den zum Teil ist). Für Vico ist die Philologie keine Textwissen-
Quellen zu korrigieren - etwa Abweichungen vom durch schaft im engeren Sinne, sonderu eine kulturhistorische
Cicero, Vergil oder Horaz geprägten >Leitlatein<. Dement- Verstehenswissenschaft, die in Opposition zur Philoso-
sprechend waren ergänzend sprachhistorische Untersu- phie steht »Die Philosophie betrachtet die Vernunft, und
chungen ein wichtiges Betätigungsfeld der Philologie. Ge- daraus entsteht die Wissenschaft des Wahren; die Philolo-
genstand der Philologie waren in der Frühen Ne=eit aus- gie beobachtet, was die menschliche Willkür als GesetZ
schließlich antike Texte, wobei biblische Texte besondere aufgestellt hat, und daraus entsteht das Bewußtsein von
Aufmerksamkeit genossen. dem, was gewiß ist.«71 Vicos Ansatz stieß zwar im
Durch ihre Orientierung auf das einzelne Wort und auf 19. Jahrhundert, in dem die textkritische Methodik ihre
den Überlieferungszusammenhang kam der Textkritik moderue Ausgestaltung erfahren hat,72 auf geringes Inte-
schon früh eine Elementarfunktion zu, die als Vorausset- resse, doch wurde er in der ersten Hälfte des 20.Jahrhun-
zung für die weitergehende Beschäftigung mit Texten Ver- derts von namhaften Philologen aufgegriffen - allen voran
standen wurde. Das zeigt das zweite Beispiel der vorliegen- von Erich Auerbach, der 1924 eine Übersetzung von Vi-
den Anthologie aus der Einleitung zur richtigen Auslegung cos Die neue Wissenschaft über die gemeinschaftliche Na-
vernünftiger Reden und Schriften von Martin Chladenius tur der Völker vorlegte.
(1710-1752), erschienen im Jahr 1742. Diese Schrift ist eine Der doppelte Auftakt mit Chladenius' Unterordnung
hermeneutische Verstehenslehre, die im von der Rhetorik I der Textkritik unter die Hermeneutik und Vicos kultur-
I
geprägten Wissenschaftsverständnis der Friihaufklärung I wissenschaftlicher Programmatik macht deutlich, wie we-
verankert ist. Innerhalb der Hermeneutik nimmt bei Chla- I nig >Philologie< in der Aufklärung ein in sich gefestigter
denius die Textkritik eine vorbereitende Funktion ein, die Begriff war. Ihr neuzeitliches Verständnis bildete sich erst
dem Verstehen vorausgeht. Philologie und Hermeneutik um 1800 heraus. Deutlich wird dies in Friedrich August
sind dementsprechend hier zwei eng beieinanderstehende Wolfs Enzyklopiidie der Philologie, die auf Vorlesungsmit-
Verfahren, die aber deutlich hierarchisiert sind. Da die Fra-
ge nach dem Verhältnis von Textverstehen und Textkritik 70 VgL peter Szondi, Einführung in die literarische Hermeneutik, hrsg. von
eine Kardinalfrage der Philologie bleiben wird, haben wir Jean Bollack und Helen Snerlin, Frankfurt a. M. 1975, S. 61-78.
71 Giovanni Battista Vico, »Die neue WisseIiSchaft«, vorliegende Ausg., S.
54.
69 Der Kommentar in der Frühen Neuzeit, hrsg. von Ralf Häfner und Mar- 72 VgL Wissenschaftsgeschichte der Germanistik im 19Jahrhundert, hrsg.
kus Välkel, Tübingen 2006. von Jürgen I'ohrmann und Wtlhelm Voßkamp, Stuttgart 1994.

~
J(

34 Die philologische Frage Die philologische Frage 35

schriften aus den Jahren 1798/99 zurückgeht. Wolf (1759 kritik und Hermeneutik vereint: »Die historische Keunt-
bis 1824) gilt, einem Diktum Nierzsches folgend, als der niß des Alterthums erfordert eigentlich, daß die Kritik
erste >richtige< Philologe. Dieses Urteil gebührt ihm zum schon vollendet sey und die Hermeneutik. Diese beyden
einen wegen seiner herausragenden Keuntnisse der anti- Arten der Philologie sind also in Wechselwirkung. Es ist
ken Literatur und seiner textkritischen Argumentations- wichtig, daß die Gränzen nicht verwirrt werden [...].«76
weise bei der Klärung der Frage, ob Homer tatsächlich Da nach Meinung Wolfs und Schlegels das Kerngebiet
der Autor der Ilias und der Odyssee war. 73 Zum anderen der Philologie die antiken Sprachen und Kulturen waren,
steht Wolf für die weitgehende Ausgrenzung der Bibel- dürften nach ihrer Einschätzung Jacob und Wilhelm
philologie aus dem Kompetenzbereich der >eigentlichen< Grimm (1785-1863 bzw. 1786-1859) nicht als Philologen
Philologie, die für ihn gleichbedeutend mit >Altphilologie< gegolten haben. Und auch wenn die beiden heute zusam-
war. Friedrich Schlegel (1772-1829), der heute als wichti- men mit Karl Lachmaun als die Begründer der deutschen
ger Wegbereiter der Hermeneutik Schleiermachers gilt, Philologie betrachtet werden, zeigen ihre frühen' Arbeiten
stützte den antitheologischen Impuls Wolfs: »Über die so- doch, dass sie um eine methodisch fundierte >Philologie<
genaunte philologia sacra. Gründe warum die classische offensichtlich einen Bogen machen. Dass andererseits die
Alterthumskunde der Sitz und das Vaterland der Philolo- Zuschreibung der Grimms oder Lachmauns als Philologen
gie.«74 Der stichwortartige Stil dieses Zitats deutet aller- aus heutiger Sicht, da die Begrenzung auf die Antike
dings schon an, dass Schlegel seine überlegungen nie in längst nicht mehr gilt, angemessen ist, belegt die Vorrede
einer Schrift zusammengefasst hat. Es existieren von ihm zu Deutsche Sagen (1816). Darin äußern sich die Grimms
lediglich Notizen zum Thema, von denen wir eine Aus- nicht nur über ihre Absichten und das ihrem Vorhaben
wahl bieten. Diese Notizen sind zwischen 1797 und 1804 zugrunde liegende Dichtungsverständnis, sondern auch
in verschiedenen Etappen angelegt worden. Neben dem über ihre Editionsprinzipien: ,>übrigens braucht [...]
Beharren auf dem >klassischen< Kern der Philologie ist kaum eriunert zu werden, daß die bloße Ergänzung einer
Schlegels dezidierte Unterscheidung von Textkritik und und derselben Sage aus mehrern Erzählungen, das heißt,
Philologie von entscheidender Bedeutung. Vico nicht un- die Beseitigung aller nichts bedeutenden Abweichungen,
ähnlich - aber anders als Chladenius - ist Philologie für einem ziemlich untrüglichen critischen Gefühl, das sich
Schlegel eine historische Wissenschaft, was er auch mar- von selbst einfindet, überlassen worden ist.<?7 Jacob und
kiert und wodurch er zugleich die Differenz zu Wolf be- WUhelm Grimm bekeunen sich hier zur Konjekturalkri-
neunt: ,>Wolf fängt ein wenig an zu historisieren. Doch tik, also zur mutmaßenden Rekonstruktion von Texten.
lange nicht genug. Der Zweck der Philologie ist die Histo- Ausgehend vom Selbstbewusstsein, durch die Beschäfti-
rie.<?5 Diesem bereits erwähnten Zweck kaun die Philolo- gung mit den Sagen über das richtige >Gefühl< zu verfü-
gie ausschließlich deswegen dienen, weil sie in sich Text- gen, legitimieren sie sich selbst, die Sagen von allen ver-
meintlich nichtbedeutenden Elementen befreit zu haben.
73 Vgl. Friedrich August Wolf, Prolegomena zu Homer, ins Dt. üb=. von
Hennann Muchau, Leipzig [1908].
74 Schlegel, "Philosophie der Philologie«, vorliegende Ausg., S. 91; vgl. dazu 76 Ebd., S. 96.
auch Benne, "Philologie und Skepsis« (s. Anm. 4). 77 Jacob Grimm / WJ1hehn Grimm, "Deutsche Sagen«, vorliegende Ausg.,
75 Schlegel,,,Philosophie der Philologie«, vorliegende Ausg~ S. 93 f. S.108.

~
.~ ..

36 Die philologische Frage Die philologische Frage 37

Wie sehr dieses konjekturale Selbstbewusstsein für das Entstehung des Philologen (1774/75), der Encyclopädie
19. Jahrhundert insgesamt (und zum Teil auch noch heute) und Methodenlehre der philologischen Wissenschaften
prägend war, belegt die Rezension von Karl Lachmann (postum publiziert 1877) von August Boeckh (1785-1867)
(1793-1851), der die auf Konjektutalkritik basierende und der Geschichte der Philologie (1921) von Ulrich von
Textrekonstruktion zur Kemaufgabe der Philologie Wilamowitz-Moellendorff (1841-1931) drei Altphilologen
macht. Mit den Grimms und Lachmann sind zugleich zu Wort kommen zu lassen, die zu ihrem Gegenstand al-
auch zwei bzw. drei namhafte Vertreter angeführt, die für lerdings recht unterschiedliche Positionen einnehmen.
die Ausweitung der Philologie auf die nichtantiken Spra- Während Nietzsche nur mehr Spott und Polemik für die
chen stehen (allerdings meist in ihren historischen Er- weihevolle Verehrung des klassischen Altertums hatte, in-
scheinungsformen). Gemeinsam ist den Überlegungen von sofern diese zugleich eine Selbststilisierung der Altphilo-
Schlegel, Grimm und Lachmann ein romantischer Impuls, logie als hohepriesterliche Hüterin der Bildung darstellte,
der um die Rekonstruktion des vermeintlich Ursprüngli- waren die beiden anderen Gelehrten von ihrem Tun voll
chen, Volkstümlichen kreist. und ganz überzeugt. Boeckhs Encyclopädie belegt das, in-
Der Romantik nicht fern stand auch Friedrich Schleier- dem er vor dem Hintergrund konkreter philologischer
macher (1768-1834), der einer der wichtigsten Theoretiker Entscheidungen und methodischer Festlegungen einen
der Hermeneutik ist. Das Zentrum der Schleiermacher- umfassenden Abriss lieferte, was philologische Praxis
Forschung ist bis heute Hermeneutik und Kritik. Dass kennzeichne. Von Wilamowitz-Moellendorff machte sich
dabei der Begriff der >Philologie< ebenfalls wesentlich ist, an die Historisierung seiner eigenen Profession, lieferte
belegt die von uns ausgewählte Rede. Schleiermacher ent- gewissermaßeJ;! eine erste wesentliche Wissenschaftsge-
wickelte seine Überlegungen primär durch Auseinander- schichte der Altphilologie. Im Unterschied zur gegenwär-
setzung mit dem Neuen Testament - indirekt können sei- tigen Wissenschaftsgeschichte integriert er die philologi-
ne philologischen Überlegungen also auch als ein Wider- sche bzw. textkritische Methodenlehre nicht in die Dar-
spruch gegen all die Philologen verstanden werden, die stellung der historischen Entwicklung, sondern verankert
versuchten, die Bibelkritik aus dem Kompetenzbereich sie - wie unser Ausschnitt belegt - als ein überzeitlich gül-
der Philologie auszugrenzen. tiges Prinzip. Dabei bekennt er sich entschieden zur Kon-
Lachmann und Schleiermacher stehen für eine entschie- jekturalkritik und stärkt auf diese Weise die starke Stel-
dene Professionalisierung der Philologie - der erste mehr lung des Philologen im Überlieferungsprozess.
in der Praxis, der zweite stärker in der Theorie. Das hatte Einen Kontrapunkt zu dieser Position setzte der Roma-
Folgen für die >Altphilologie<, die zwar zunehmend aner- nist Erich Auerbach (1892-1957) mit seinem nach dem
kennen musste, dass sie nicht die einzige Philologie war, Zweiten Weltkrieg erschienenen Aufsatz Philologie der
die andererseits aber weiterhin reklamierte, zumindest pri- Weltliteratur. Ohne Rücksicht auf die Ansprüche der Alt-
mus inter pares zu sein. Das lag auch an der herausragen- philologie zu nehmen, begründete Auerbach die ffmwen-
den Stellung, die sie innerhalb des gymnasialen Unter- dung zu den verschiedenen Literatuten der Welt mit dem
richts im 19. Jahrhundert einnahm. Angesichts dessen Verlust der Zentralstellung des Lateinischen in der abend-
schien es uns nur konsequent zu sein, mit Friedrich ländischen Kultut: »Etwa fünf Jahrhunderte ist es her, seit
Nietzsches (1844-1900) polemischen Fragmenten über die die europäischen Nationalliteraturen Vorrang vor dem La-
I'
i
~
38 Die philologische Frage Die philologische Frage 39

teinischen und Selbstbewußtsein gewannen [...].«78 Auffäl- nung der philologischen Erkenntnis als »perpetuierte Er-
lig an Auerbachs überlegungen ist sein Interesse an der kenntnis«.8o Szondi begreift >Philologie< als eine Praxis
Geschichtlichkeit literarischer Texte, das als Widerhall sei~ fortwährenden Interpretierens, >Philologie< hat dement-
ner Auseinandersetzungen mit Vico begriffen werden sprechend für ihn einen hermeneutischen Kern. Vom Ges-
darf. Auerbach thematisiert die Schwierigkeiten und die tus her steht Paul de Man Szondi deswegen durchaus
sich a.bzeichnenden Tende=en des philologischen Metho- nahe. Auch wenn de Mans harter Dekonstruktivismus
denpluralismus sowie den zunehmenden Verlust alteuro- dem hermeneutischen Anliegen Szondis diametral gegen-
päischer, gelehrter Wissensbestände, was ihm, da er aus übersteht, so ist er ihm doch insoweit nahe, als er die
Deutschland emigrieren musste und deswegen in der Tür- präzise, ganz auf Wörtlichkeit zielende Annäherung an
kei und den USA lehrte, besonders deutlich vor Augen den Text als Erkeuntnisinteresse einer literaturwissen-
gestanden haben dürfte. Mit Auerbach kündigen sich zu- schaftlich orientierten Philologie markiert. Wie nahe sich
dem gleich zwei Tende=en an, die die weitere Begriffsge- Szondi und de Man sind, wird ferner deutlich, wenn man
schichte von >Philologie< prägen werden. Zum einen meint sich klarmacht, dass sie beide entschieden in Opposition
bei ihm >Philologie< in etwa das, was vielleicht besser un- zu einer Literaturwissenschaft treten, die vor allem auf
ter dem Begriff >Literaturwissenschaft< zusammengefasst Kontextualisierungen und geistesgeschichtliche Einbet-
werden sollte. 79 Zum anderen fordert er eine vehemen- tung setzt.
te Entna.tionalisierung der Philologien. Dadurch wurde Insbesondere de Mans Polemik verfolgt zudem ein de-
Auerba.ch zu einem wichtigen Wegbereiter der verglei- zidiert politisches Anliegen, indem sie den Begriff >philo-
chenden Literaturwissenschaft. In ebendieser Tradition logie< für eine Position reklamiert, der vielfach ihr fehlen-
stehen auch Peter Szondi (1929-1971) und Paul de Man des Traditionsbewusstsein vorgeworfen wurde. Mit sei-
(1919-1983). Für Szondi, der einer der ersten Literatur- nem Appell, zur Philologie zurückzukehren, propagiert
wissenschaftier war, der sich intensiv mit dem Poststruk- de Man eine Achtung vor dem Buchstaben - und stellt
turalismus auseinandersetzte, gewinnt das Moment der sich damit bewusst in eine philologische Tradition, die das
aufmerksamen Lektüre zentrale Bedeutung. Nicht mehr >Interesse am Buchstaben< stark macht.
die Kritik ist bei ihm entscheidend, sondern seine Beto- Traditionsbewusstsein kennzeichnet auch den Text Karl
Stackmauns (geb. 1922), der sich nicht nur auf die Grün-
78 VgL vorliegende Ausg., S. 181. dungsväter der Philologie des 19. Jahrhunderts bezieht,
79 Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch Hans Ulrich Gumbrecht (vgL
H. U. G., »Was Erich Auerbach für eine ,Philologische Frage< hielt«, in: sondern in Enunerung ruft, dass die deutsche Philologie
Was ist eine philologische Frage?, [so Arun. 2J, S. 275-287). Allerdings tei- ihren Ursprung in der Auseinandersetzung mit mittelalter-
len wir seine EinschätzUng, Auerbach sei im Hinblick auf philologische lichen Texten hat. Auch weun Stackmanns Anliegen auf ein
KODZepte »systematisch irrelevant« (S. 277) geblieben, nicht. Diese rigo-
rose Ausgrenzung übersieht nach UIlserem Dafürhalten, dass Auerbachs
konventionelleres Philologieverständnis zielt als das de
Philologie-Verständnis ebendort breite Resonanz gefunden hat und findet, Mans oder auch Szondis, so ist an seinem Beittag doch be-
wo ein im Vergleich ZU Gumbrecht ,weicher< bzw. ,breiter< Philologie- merkenswert, dass er sich neueren Forschungsansätzen wie
Begriff gepflegt wird, der um den Ausgleich von Philologie und Kul- der Mentalitätsgeschichte nicht verschließt und so >Philo-
turwissenschaft bemüht ist; vgl. Erich Auerbach. Geschichte und Aktuali-
tät eines europäischen Philologen, hrsg. von Martin Treml und KarlheiDZ
Barck, Berlin 2008. 80 VgL vorliegende Ausg., S. 202.

l
1ft

40 Die philologische Frage Die philologische Frage 41

logie< Zu einem grundsätzlich offenen Konzept macht. Handschriften zu. Indes bekommt das Manuskript für
Stackmanns Ansatz hinterfragt damit indirekt die Position Nichols einen neuen epistemologischen Status - es ist
des Philologen als hermeneutischer Siunstifter. Noch deut- nicht mehr ein Textzeuge, mit dessen Hilfe ein verloren
licher wird diese Vorsicht vor Sinnstiftung im Beitrag von gegangener Urtext rekonstruiert werden soll; vielmehr
Gunter Martens (geb. 1934), der 1991 die Position des Edi- wird das Manuskript als eine Art >Kulturzeuge< bettach-
tionsphilologen als Herausgeber reflektiert. Hintergrund tet, es soll als materiales Geflecht aus Schreibspuren Indi-
seines Bemühens ist die Einsicht, dass sich Emendationen zien liefern, um dem Philologen einen Zugang zu dem his-
und Konjekturen in der Praxis der Editionsphilologie torischen kulturellen Kontext zu ermöglichen, in dem das
letztlich nicht vermeiden lassen. Der Grund hierfür liegt in Manuskript entstand. Dadurch wird das philologische Er-
dem Umstand, dass sich im Rahmen der philologischen keuntnisinteresse gewissermaßen in ein kulturwissen-
Textkritik die Ebene des Befunds und die Ebene der Deu- schaftliches Erkeuntnisinteresse moduliert - die Frage
tung häufig nicht streng voneinander trennen lassen. Da nach der Intention des Autors tritt dabei in den Hinter-
sich die Erkenntnisse der Editionsphilologie auf einen mal grund.
größeren, mal kleineren konjekturalen Kern stützen infu- Während Nichols also unter dem Schlagwort der Mate-
sen, bleiben diese immer vorläufig. rial Philology die Aufmerksamkeit der New Philology
Das Problembewusstsein von Stackmaun und Martens vom Text, vom literarischen Werk weg auf die einzelne
kann hier stellvertretend für eine größere Sensibilität in Handschrift lenkte (freilich ohne Wege aufzuzeigen, wie
etablierten Zweigen der Philologie stehen. Diese Sensibili~ man deun der dadurch explosionsartig vermehrten Unter-
tät resultiert aus den Erschütterungen der Postmoderne. suchungsgegenstände Herr werden könnte), hatte kurz
Doch steht insbesondere Stackmann für die Fortsetzung zuvor Joachim Bumke die wesentlichen Thesen und Er-
einer erfolgreichen konservativen philologischen Tradition. gebnisse der überwiegend US-amerikanischen New Philo-
Martens erkundet im Gegensatz dazu die Konsequenzen ·Zogy auf überraschend konkrete Weise mit der traditionel-
neuerer literaturtheoretischer Überlegungen im Hinblick len Textkritik vertnittelt. Zur Verbindung dieser scheinbar
auf den Textbegriff und das Autorverständnis mit dem auseinanderstrebenden Forschungsrichtungen bringt er
Ziel, diese für die Editionsphilologie produktiv zu machen. die überlieferungsgeschichte mittelalterlicher Literatur ins
In diese Richtung weisen auch die Ansätze der von Al- Spiel: Eben sie legt den Grund für eine Abkehr von spe-
muth Gresillon propagierten Critique genetique, die Aus- kulativen Urtext-Rekonstruktionen und für eine histo-
führungen zur Material bzw. New Philology von Stephen risch informierte Emendations- und Konjekturalpraxis,
G. Nichols (geb. 1936) und Joachim Bumkes (geb. 1929) die sich nicht mehr auf ein in der Überlieferungsrealität
Vermittlung von New Philology und philosophischer nicht existierendes >Original<, sondern auf mit textkriti-
Textkritik. Sie stehen - vor dem Hintergrund avancierter schen Methoden sicher etablierbare Fassungen bezieht.
Schrift- und Schreibtheorien - für einen grundlegend ver- Im Gegensatz dazu ist die Critique genetique in erster
änderten Umgang mit Handschriften. Ihnen gemeinsam Linie an Handschriften >großer< Autoren interessiert - als
ist - wir haben schon darauf hingewiesen -, dass in diesen Schreibprozessforschung untersucht sie, wie oben bereits
Ansätzen die Materialität des Geschriebenen im Mittel- erwähnt, die in Schreibspuren verkörperten Produktions-
punkt steht. Deswegen wenden sie sich in erster Linie prozesse, die den Weg zur >Textwerdung< markieren. Auch

~!
i
F'

42 Die philologische Frage Die philologische Frage 43

wenn für Gresillon der Autor immer noch eine zentrale gende »Umwandlung«84 des kommentierten Textes vor: er
Orientierungsfunktion hat, so wird er doch unter einem löst bei den Rezipienten einen quasi poetischen »Präse=-
ganz bestimmten Gesichtspunkt wahrgenommen: als ent- Effekt[J«85 aus. Ebenhierin sieht Gumbrecht - ähnlich wie
werfend schreibender und revidierend umschreibender Nietzsche - den didaktischen Vermittlungsauftrag der Phi-
,Papierarbeiter<.. Wie bei Nichols lässt sich bei Gresillon lologie: Sie soll Texte bewahren und lesbar machen, indem
eine Modulation des philologischen Erkenntnisinteresses sie sie wieder präsent werden lässt. Dies ist eine klare Ab-
feststellen: dieses richtet sich nicht mehr auf den 'endgülti- sage an jede Form von hermeneutischer Verstehensbemü-
gen Text< als Endprodukt, sondern auf die vorläufigen Tex- hung, die sich zurück in die Vergangenheit versetzen will.
te, die im Zuge des Produktionsprozesses entstanden sind. Gumbrecht propagiert die umgekehrte Richtung: Der Phi-
Den Abschluss dieser Anthologie bildet die Einleitung lologe hat die Kompetenz, Texte aus der Vergangenheit im
von Hans Ulrich Gumbrechts (geb. 1948) Die Macht der Präsentationsrahmen einer historisch-kritischen Edition
Philologie. Auch wenn es zunächst den Anschein hat, als mit Hilfe kommentierender Machtworte wieder heraufzu-
vertrete Gumbrecht, verglichen mit den theoretisch ver- beschwören.
sierten überlegungen von Mattens, Gresillon und Nichols,
einen im wahrsten Sinne des Wortes konservativen Ansatz,
insofern er Philologie als »historische Textpflege« defi- 3. Ausblick: Das politische Potential
niert, 81 so birgt seine Einleitung doch eine Überraschung:
der philologischen Frage
Die Macht der Philologie besteht in der Macht, Texte un-
serer kulturellen Vergangenheit wieder präsent werden zu
lassen. Die »philologischen Grundtätigkeiten«82 des Iden- Die Philologie erfreut sich seit einigen Jahren einer neuen
tifizierens, Wiederherstellens und Kommentierens von Beliebtheit. Monographien mit vielversprechenden Titeln
Texten schaffen dafür den Rahmen. Dabei steht der kom- belegen das. 86 Auch in der überregionalen Presse findet
mentierende, von Philologen ,dazugeschriebene< Rahmen- diese Aufmerksamkeit ihren WiderhalLS? Die Begeisterung
text in einem produktiven, ja nachgerade wirkmächtigen für die Philologie teilen nicht nur jene, die sie an Universi-
Spannungsverhältnis zum gerahmten, von ihm wiederher- täten unterrichten, sondern etwa auch Literaturkritiker.88
gestellten Text: Der Kommentar wird gewissermaßen ZUr Hintergrund dieser Entwicklung ist das Erstarken der
schriftkörperlichen Spur des philologischen Verlangens, Wissenschaftsgeschichte in den Philologien seit Ende der
den herausgegebenen Text als verkörperten Text ,herauf zu 1970er Jahre, insbesondere in der Germanistik und der
beschwören<.83 Durch die überbrückung der Wissenskluft 84 Ebd., S. 333.
zwischen dem längst vergangenen Kontext der Textentste- 85 Ebd., S. 334.
hung und dem gegenwärtigen Kontext der Textrezeption 86 Neben Gun1brechts Die Macht der Philologie seien erwähnt: Ottmar Ette,
ÜberLebenswissen. Die Aufgabe der Philologie, BerM 2004; Peter Andre
nimmt der historisierende Kommentar eine vergegenwärti- Alt, Die Verheißungen der Philologie, Göttingen 2007.
87 Dietet Borchmeyer, Vom Nutzen der Philologie. Zwei Liebeserklärungen
an eine bemitleidenswerte Wissenschaft, in: Die Zeit vom 24. Februar
81 Gumbrecht, »Die Macht der Philologie«, vorliegende Ausg., S. 326. 2005, Nt. 9.
82 Ebd., S. 327. 88 Thomas Steinfeld, Der leidenschaftliche Buchhalter. Philologie als Lebens-
83 Vgl. ebd., S. 332. form, München 2004.
11"---

44 Die philologische Frage Die philologische Frage 45

Romanistik. Zunächst ideologiekritisch motiviert, hat sich Philologie wird hier nicht nur als Wissenschaft begriffen,
die Wissenschaftsgeschichte der Philologien zu einem brei- sondern als Expertise im Umgang mit Schwierigkeiten, die
ten Forschungsgebiet entwickelt, in dem nicht mehr nur aus· dem material- und deutungsbezogenen Umgang mit
herausragende Wissenschaftspersönlichkeiten und For- schwierigen Textstellen gewonnen wird. Die im Rahmen
schungsthemen im Mittelpunkt stehen, sondern auch die der philologischen Praxis gewonnene Kompetenz, res-
Methodengeschichte. Zugleich ist die Rückbesinnung auf pektvoll mit fremden Vorstellungswelten und Kulturen
die >philologische Methode< zum Hoffnungsträger für all der Vergangenheit umzugehen, sie nicht gewaltsam in den
diejenigen geworden, die angesichts des unübersichtlichen eigenen Deutungsrahmen zu integrieren; die materialbe-
Angebots an Interpretationstheorien, das der Literaturwis- dingten Schwierigkeiten bei diesen Integrationsakten ernst
senschaft zur Verfügung steht, wieder stärker auf über- zu nehmen, bilden ebenjene Kernkompetenz aus, die ein
prüfbare, materialbezogene Befunde als auf abgehobene wechselseitiges Verständnis und einen respektvollen Um-
Deutungen setzen wollen. Angesichts dieser Entwicklung gang auch im europäischen transkulturellen Miteinander
verwundert es nicht, dass die Philologie als Grundlagen- der Gegenwart möglich machen soll. Ebenhierin besteht
technik der Literaturwissenschaften in den Fokus der Auf- das gesellschaftspolitische Potential der Philologie.
merksamkeit gerückt ist. Nun herrscht in der Geschichte der Philologien, wie die
Dabei mag es erstaunen, dass die Philologie nicht nur vorliegende Anthologie dokumentiert, alles andere als Ei-
aus forschungspolitischen, sondern auch aus gesellschafts- nigkeit darüber, mit welchen Methoden sich - angesichts
politischen Gründen eine neue Aktualität gewonnen hat. material- und deutungsbezogener Schwierigkeiten - ein
Offensichtlich wurde das auf der Tagung »Das Potential angemessenes Ver~ändnis erreichen lässt. Die Antworten
europäischer Philologien«, die vom 25. bis 28. April 2007 fallen höchst unterschiedlich aus, je nachdem, ob man ei-
an der Universität Osnabrück stattfand und die in eine nen engen oder einen weiten Philologie-Begriff wählt - im
von Christoph König verfasste Erklärung zum Potential Hinblick auf die Methodik einerseits und auf den Gegen-
europäischer Philologien mündete. Darin heißt es: standsbereich andererseits.
Das enge Verständnis mit Blick auf den Gegenstandsbe-
Die linguistisch-literarisch-kulturelle Vielfalt soll zum reich beschränkt die Philologie auf die archivalische und
Kern einer europäischen Identität werden. Diese Identität die rekonstruktive Dimension. Das Sichten, Erhalten,
setzt die Fähigkeit voraus, innerhalb eines selbst hetero- Historisieren und Vermitteln des Textes dominiert hier
genen ökonomisch-politischen Raums sich sprachlich zu das Verständnis. Das weite Verständnis versteht Philologie
verständigen. Eine gemeinsame Kultur gründet auf der als Kulturwissenschaft und erweitert dementsprechend ih-
kommunikativen Kompetenz der Sprecher. Sie muß aber ren Gegenstandsbereich. 9o Allerdings hat dieses Konzept
auch, wenn es um das Verständnis geht, über sie hinaus-
gehen: Die Philologien werden zum Anwalt der >Schwie- 90 Das Konzept einer Philologie als Kulturwissenschaft wäre noch weiter zu
differenziereu in einen weitgehend kulturgeschichtlichen Zweig, der etwa
rigkeiten<, die das wechselseitige Verständnis prägen [...].89 dokumentiert wird in: Philologie als Kulturwissenschaft. Studien zur Lite_
ratur und Geschichte des Mittela.lters. Kar! Stackmann zum 65. Geburts-
89 VgL http://www.europaeische-philologien.uni-osnabrueck.de/index. tag, htsg. von Ludger Grenzmann Cu. a.], Gättingen 1987. Für einen dezi-
php?n=Main.Osnabr%fcckerErkl% e4rung diert kulturwissenschaftlichen Ansatz stehen dagegen zum Beispiel die
Fe

46 Die philologische Frage Die philologische Frage 47


insges;p:nt bisher eher Schlagwortcharakter und ist auf der vor. Die Fronten scheinen verhärtet. An diesem Punkt
Gegenstandsebene nicht präzise umrissen (wenn dies denn setzt die Osnabrücker Erklärung an. Ihr ist die fehlende
iiberhaupt möglich ist).91 Vertreter der engen und gemä- Beriicksichtigung der »heute gängigen interdisziplinären
ßigten Philologie werfen diesem Ansatz vor, er erweitere und interkulturellen Kommunikationsformen« vorgewor-
insbesondere den Text-Begriff unangemessen. 92 Die Ver- fen worden. 95 Daraus ließe sich leicht der Vorwurf eines
treter eines kulturwissenschaftlichen Philologie-Begriffs eurozentristischen Hegemonialanspruchs der Philologie
halten ihren Kontrahenten im Gegenzug vor, sie be- ableiten. Doch legt die Erklärung mit der Betonung der
schränkten >Philologie< ahistorisch auf das Verständnis des >Schwierigkeit< ihren Akzent auf einen ganz anderen
19. Jahrhunderts, das ein Produkt der Disziplinenbildung Punkt, nämlich auf ein Verständnis von »Philologie als
sei - vom Versuch gekennzeichnet, größere Exaktheit in Verteidigung des Schwierigen«96 beim Umgang mit
die wissenschaftliche Beschäftigung mit Sprachen und Li- sprachlichen und literarischen Artefakten. Ebendiese Ver-
teraturen einzutragen. >Philologie< im engen Verständnis teidigung des Schwierigen macht im Kern das politische
sei eine Folge der Herausbildung der >zwei Kulturen<, von Potential der Philologie aus,97 indem sie sich den Heraus-
Geistes- und N aturWissenschaften,93 mithin ungeeignet forderungen von Vielsprachigkeit und Missverstehen stellt
für progressive Theorieangebote. Die Diskussion um den und immer wieder ansetzt zu material- oder deutungsbe-
Philologie-Begriff betrifft damit, wie wir im Vorangegan- zogenen Konjekturen an verdorbenen - sprich: schwieri-
genen bereits angedeutet haben, die Frage: Rephilologisie- gen Textstellen. In diesem Sinne bleibt die Philologie die
rang oder kulturwissenschaftliche Erweiterung?94 Wissenschaft, die sich zur genauen Lektiire jedes einzel-
Auf der methodologischen Ebene verhält sich die Sache nen Textes verpflichtet und im respektvollen Umgang mit
freilich anders. Die Methoden der Kulturwissenschaften schwierigen Textstellen geiibt hat. Dementsprechend ent-
werden von den >engen< Philologen gar nicht erst zur scheidet sich die philologische Frage auch nicht daran, ob
Kenntnis genommen, allein schon weil diese ja nicht als der Philologe eine Konjektur wagt oder eine Crux setzt.
>streng philologisch< gelten. Im Gegenzug halten die kul- Die Frage ist vielmehr, ob der Philologe als >Anwalt der
turwissenschaftlich orientierten >Philologen< ihren stren- Schwierigkeiten<, die ein Text allen einheitsstiftenden Ver-
gen Widersachern Engstirnigkeit und methodische Einfalt stehensbemiihungen nach einer genauen Lektüre entge-
Arbeiten von Sigrid Weigel in Fortsetzung der Ansätze etWa von Benja-
gensetzt, begriinden kann, warum er eine Crux gesetzt
min und Auerpach; vgL S. w., Literatur als Voraussetzung der Kulturge- oder eine Konjektur gewagt hat. 98
schichte (s. Anm. 61). Wie heterogen die Terminologie in diesem Feld ist,
deuten schon die Titel der beiden Bücher an. 95 Frank Trommler, »Kommentar zur >Osnabriicker Erklärung zum Poten-
91 VgL dazu Uwe WJrth, ,Vorüberlegungen zu einer Logik der Kulturfor- tial Europäischer Philologien«<, ire Geschichte der Germanistik (2008), H.
schung«, ire Kulturwisse'i/schcift. Eine Auswahl grundlegender Texte, hrsg. 33/34, S. 24 f.
von U. W, Frankfurt a. M. 2008, S. 9-67. 96 Carlos Spoerhase, ,Philologie als Verteidigung des Schwierigen«, ire ebd.,
92 VgL erwa Christoph König, »Präsenz ohne Text. Zur neUell Attraktivität S.23 f.
der ,Philologie< bei Hans Ulrich Gumbrecht«, ire Geschichte der Germa- 97 VgL dazu auch Wetner Hamacher, "Für - die Philologie«, in: Was ist eine
nistik (2003), H. 23/24, S. 5'--11- philologische Frage? (s. Arun. 2), S. 21-60.
93 Charles Percy Snow, The Two Cultures: and a Second Look, Cambridge 98 VgL Anne Bohnenkamp, Kai Bremer, Uwe Wrrth und Irmgard WlrtZ
1965. (Hrsg.), Konjektur und Krux. Zur Methodenpolitik der Philologie, Göttin-
94 Grenzen der Germanistik (s. Arun. 60). gen, 2010.
!'!
I

48 Die philologische Frage

Editorische Hinweise GIOVANNI BATTISTA VICO

Die in dieser Ausgabe abgedruckten Texte folgen grund- Die neue Wissenschaft über die gemeinschaftliche
sätzlich der Schreibweise der Originale, EingriHe in Or-
Natur der Völker
thographie und Interpunktion wurden nicht vorgenom-
men. Fußnoten der Vorlagentexte sind mit arabischen Zif-
fern versehen, solche der Herausgeber der vorliegenden Giovanni Battista Vico (1668-1744) bekleidete eine Pro-
Ausgabe mit Sternchen~·. Eingriffe in den Text, vor allem fessur für Rhetorik, war zugleich aber auch Philosoph und
Kürzungen und Übersetzungen, sind mit eckigen Klam~ Historiker. Er gilt als Begründer eines kulturWissenschaft-
mern markiert. Manche Verweise im Fließtext wurden al- lichen Konzepts, das die historische Dimension des Wis-
lerdings aus Gründen der besseren Lesbarkeit stillschwei- sens betont. Dem philosophischen Streben nach einer sys-
gend gestrichen; editionsphilologisch ist dieses Vorgehen tematischen, überzeitlichen Erkenntnis des Wahren stellte
nicht statthaft. Den Herausgebern schien es für eine Studi- er eine historische und das hieß für ihn zugleich >philolo-
enausgabe aber angebracht. gische< Form der Erkenntnis gegenüber.
Die Ordnung orientiert sich nicht am Erstdruck, son- Mit seinem Hauptwerk La scienza nuova (1725) grenzte
dern am Zeitpunkt, da die Texte, die wiederholt auf Reden er sich deutlich gegen die systematische Erke=tnistheorie
und Vorlesungen zurückgehen, erstmals einem Publikum von Rene Descartes ab - nach Vico kann der Mensch eine
präsentiert wurden. Texte aus dem Nachlass werden ent- klare und gewisse Erkenntnis nur über das gewinnen, was
sprechend dem Zeitpunkt ihrer mutmaßlichen Nieder- er selbst geschaffen hat. Dieses vom Menschen selbst Ge-
schrift eingeordnet. schaffene ist die Kultur, über deren Anfänge in mythi-
schen Erzählungen berichtet wird. Die Untersuchung die-
Kai Bremer und Uwe Wrrrh ser Mythen - bei den Brüdern Grimm werden es da= die
Sagen sein - ist der Hauptgegenstand einer Kulturge-
schichte, die zugleich eine hoch spekulative, also konjek-
turale Geschichte der menschlichen Einbildungskraft sein
will. Während der Philosoph fragt, wie man richtig zu
denken hat, fragt der Philologe, wie Menschen zu frühe-
ren Zeiten gedacht haben. Unter einem Philologen ver-
steht Vico »alle Grammatiker, Historiker, Kritiker, die
sich mit dem Studium der Sprachen und der Taten der
Völker befaßt haben: sowohl der inneren Taten, wie Sitten
Der Verlag Philipp Reclam jun. dankt den Rechteinhabern und Gesetze, als auch der äußeren, wie Krieg, Frieden,
für die Abdruckgenehmigung. In einigen Fällen ko=ten Verträge, Reisen, Handel« (vorliegende Ausg., S. 54). Der
die Rechteinhaber nicht ermittelt werden. Hier ist der Philologe ist also gleichermaßen historischer Sprachfor-
Verlag bereit, nach Anforderung rechtmäßige Ansprüche scher und Kulturhistoriker, der das gemeinsame »geistige
abzugelten. Wörterbuch« (ebd., S. 55) rekonstruieren wil~ das allen