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Die Christengemeinschaft

Diese Zeitschrift dient der religiösen Erneuerung der Gegen-


wart aus dem Geist eines sakramentalen Christentums, das
durch die Christengemeinschaft vertreten wird. Sie erscheint am
Anfang jedes Monats in Stuttgart und wird herausgegeben von
Dr. Friedrich Rittelmeyer
14. Jahrgang 7 Oktober 1937

Michaelische Freiheit
Rudolf Meyer

Götter, die dein Traumland schügten,


Lassen einsam nun dich wallen.
Wirst du steigen, wirst du fallen
Und verleugnen, die dich stützten?

Seiner Freiheit überlassen,


Steht dein Geist im Urbeginne—
Wirst du, deiner Vollmacht inne,
Nach dem Götterspeere fassen?

Sieh, er blieb dir: einzig Erbe


Jener Welt, die dich geboren, —
Die du schreitend dann verloren,
Daß dein Mut sie neu erwerbe...

Schwing den Speer! er spendet Blitze,


Die die Nächte hell durchwittern;
Und ein Heer von goldnen Rittern
Strahlt vor seiner Flammenspitze.

Von der Verehrung


Impulse der Gegenwart

Friedrich Rittelmeyer

Wer die Gegenwart aufmerksam beobachtet, dem kann es nicht entgehen, daß in den letzten Jahren
das Verehrungsbedürfnis der Menschen und auch ihre Verehrungsfähigkeit augenfällig zugenommen
hat. Daß dies nicht etwas Zufälliges ist, vielleicht durch das Auftreten einzelner großer Persönlichkeiten
hervorgerufen, zeigt ein Blick auf Nietzsche. Für das Studium der innersten Zeitbewegungen und Zu-
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kunftsregungen wird ja Nietzsche noch für Jahrhunderte das lehrreichste Beispiel sein.

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Wenn etwa Nietzsche-Zarathustra von sich sagt, daß er sein verehrendes Herz zerbricht und „in
götterlose Wüsten‘ geht, so schildert er nicht nur sich selbst, sondern er stellt das Wesen der natur-
wissenschaftlichen Zeit dar, ja das Wesen der intellektualistischen Menschheitsperiode überhaupt. Sie
durfte nicht verehren, wie man früher verehrt hat. Sie mußte prüfen. Sie mußte zerlegen, zer-
pflücken. Und das Weltbild, das sich aus der verstandesmäßigen naturwissenschaftlichen Forschung
ergab: kann man es kürzer und treffender charakterisieren als mit den Worten: „götterlose Wüste“?
Ein verwickeltes Gewirr von Atomen und Strahlen, in dem kein Raum ist für irgendwelche Götter.
Aber gerade Nietzsche ist ein prophetisches Zeichen dafür, daß es der Meusch in dieser götterlosen
Wüste nicht aushalten kann. Nietzsche schuf sich selbst den Übermenschen. Logisch: indem er die
Naturwissenschaft vorwärts dachte in die Zukunft hinein. Psychologisch: indem er in die naturwissen-
schaftliche Welt den menschlichen Willen einführte. Das wußte und sagte Nietzsche ja auch selbst.
„Wir wollen, daß der Übermensch lebe!“ Heute kann man schon recht deutlich sehen, wie dieser
Wille einfach aus der naturwissenschaftlichen Zeit herausgeboren wird.
Man kann dies nicht nur an Nietzsche beobachten, sondern auch an ganz anderen Erscheinungen des
Lebens. Was steckt hinter der Freude an Rekorden? Hinter dem Jubel über „sportliche Leistungen“?
Doch auch— man kann es wirklich so ausdrücken —: der verzweifelte Drang, aus der naturwissenschaft-
lichen Gebundenheit herauszukommen — zum Menschen. Zum Menschen in seiner Kraft, Freiheit
und Größe.
Die Verehrungsfähigkeit des Menschen ist eine der köstlichsten und wertvollsten Gaben, die ihm
von der Vorsehung mitgegeben sind. Das Tier hat Angst und Scheu vor dem, was es dunkel über sich
fühlt. Verehrung aber ist eine Fähigkeit des Ich. Wir erblicken geradezu das Ich im
Innern der menschlichen Seele, wenn wir auf die Verehrung schauen. Von einer bestimmten Seite her
gesehen war es ein tödlicher Angriff auf den Menschen, als ihm das vergangene Jahrhundert die Ver-
ehrung wegnahm. Und jeder Lehrer zum Beispiel, der durch eine bissige oder spöttische Seiten-
bemerkung einem Kind den Gegenstand seiner Verehrung ohne Not zerstört, begeht ein größeres Ver-
brechen an ihm, als wenn er es körperlich verletzt hätte. Eine verehrte Gestalt ist wie ein Modell, nach
dem sich unsre Seele bildet. Und selbst eine ‚spätere Enttäuschung ist lange nicht so gefährlich wie eine
gewaltsame Ernüchterung.
Die Verehrungsfähigkeit ist die eigentliche Wachstumskraft der Seele. An dem, was wir ver-
ehren, rauken wir uns innerlich empor. Man kann geradezu sagen: ein Mensch ragt so hoch empor,
wenigstens mit einem Teil seiner Seele, wie seine Verehrungsfähigkeit greift. Durch die Verehrung
schafft er sich seinen Anteil an allem, was über ihm ist.
Einst hat Plato gesagt, daß das Bewundern, besser gesagt: die Verwunderung den Menschen zum
Philosophen macht. Eines der herrlichen Worte aus der Plato-Welt, die den ganzen Lebensduft des
großen Griechentums zu uns herübertragen. Man könnte danebenstellen das Wort Eduard von Hart-
manns: Wer nicht ohnmächtig an den Kerkerstäben des Nicht-Nicht-Seins gerüttelt hat, der hat keine
metaphysische Anlage. So entwickeln sich Worte gewissermaßen geschichtlich weiter.
Aber neben dieser Entwicklung ins Raffinierte und Spezialisierte hat das Wort Platos auch eine ge-
sunde und wesenskräftige Weiterentwicklung erfahren. Es kehrt wieder in der Anschauung Goethes,
daß der Mensch durch Ehrfurcht zum Menschen wird. Lehrreich ist es immer, solche Worte neben-
einander zu betrachten wie das Wort Platos und das Wort Goethes. Damals in Griechenland sollte
das Denken im eigentlichen Sinn, im umfassend philosophischen Sinn geboren werden. Darum ist
vom Philosophen die Rede. Heute wird der Mensch mehr in seinem ganzen Wesen ergriffen. Darum
wird bei Goethe vom Menschen gesprochen. Und gegenüber der geistig gedachten Verwunderung
wird jetzt gesprochen von der Ehrfurcht, die nicht nur im Geist, sondern im ganzen Wesen, im.
Ich des Menschen lebt. Es ist der Fortgang der Menschheitsgeschichte selbst, der an dem Vergleich
dieser beiden Worte beobachtet werden kann. Daß ähnliche Worte wie das Goethewort sich auch bei dem
Engländer Carlyle finden, zeigt noch deutlicher, daß wir hier einer wirklichen Geschichtsbewegung
gegenüberstehen. Im dunklen Vorgefühl einer kommenden Zeit hat Carlyle sein Buch geschrieben
üher _Helden, Heldenverehrung und das Heldentümliche in der Geschichte“.

3.0
Übrigens kann man über die Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts auch wertvolle Aufschlüsse ge-
winnen, wenn man nebeneinander betrachtet die Geisiesart Kants, der uns sagt, daß wir über das
„Ding an sich“ nichts wissen können, und die Geistesart Goethes, der „das Unerforschliche in Ruhe
verehren“ will. Das 19. Jahrhundert ist viel mehr den Weg Kants gegangen als den Weg Goethes,
dachte mehr an das Nicht-Erkennen, als an das Ahnen und Verehren.
Natürlich gibt es auch eine gefühlsschwülstige Verehrung. Es gibt auch eine verirrte Verehrung.
Alle Gefahren Luzifers und Ahrimans drohen hier wie überall. Aber ein Herz, das von Verehrung
erfüllt ist, das — blüht. Das entfaltet sich in der Strahlenmacht einer geheimen Sonne. Dies kann man
geradezu körperlich an sich selbst erfühlen, wenn man auf seine Seele achtet.
In der Verehrung wachen neue Organe in der Seele auf, die vieles wahrnehmen, was vorher gar
nicht beachtet worden ist. Man hat es Rudolf Steiner verdacht, daß er die „Devotion“, das heißt eben
die Verehrung, als eine unerläßliche Vorbedingung für höhere Entwicklung genannt hat. Als Ver-
nebelung des Menschen hat man es aufgefaßt oder gar selbstsüchtige Suggestion dahinter ver-
mutet. So geht es immer, wenn entgegen dem Geist einer bestimmten Zeit die Voraussetzungen aus-
gesprochen werden für eine neue Zeit. Und heute kommt ja diese neue Zeit schon viel offenbarer
herauf...
Ilervorgehoben sei noch besonders, daß es auch für unser Leben nach dem Tod und für alle zukünf-
tige Weiterentwicklung, die uns beschieden sein mag, von größter Bedeutung ist, welche Fähigkeit zur
Verehrung wir durchs Leben getragen haben — und durch den Tod.
Ein echter Volksfreund wird diese sich regenden Kräfte aufs sorgfältigste in acht nehmen und be-
wußt zu pflegen suchen. Wir reden hier natürlich nicht von der politischen Erziehung, sondern von
der religiösen Entwicklung des Menschen. Was mag es zum Beispiel für eine Zeit bedeutet haben, daß
in ihrer Mitte ein Mensch lebte wie Franz von Assisi, in dem ein ganzes Zeitalter in seinen edelsten
Idealen sich jubelnd anschaute. Die Schwäche des Protestantismus, dem etwas Ähnliches fehlt wie die
Heiligenverehrung, kommt uns von solchen Erwägungen aus erneut zum Bewußtsein. Freilich hat auch
der Katholizismus seine Heiligen weitaus vor allem in der Zeit gehabt, die dem Entstehen des Prote-
stantismus und überhaupt dem Aufgang der Neuzeit voranging.
Wie aber wird es in der Zukunft sein? Sind wir religiös für immer auf die „Heiligen“ vergangener
Jahrhunderte angewiesen? Werden in der Zukunft Menschen entstehen, zu denen die Menschheit auch
auf religiösem Gebiet ähnlich aufschaut wie die Menschen der Vergangenheit zu ihren Heiligen? Sind
diese Menschen vielleicht schon da oder da gewesen und werden nur heute verkannt und verleumdet?
Um welche Lebensschätze man ein Volk, eine Zeit, eine ganze Menschheit bringen kann, wenn man ihr
die Großen vorenthält, die in ihrer Mitte gelebt haben, mag man aus diesen Betrachtungen ermessen.
Vielleicht hat nie eine Zeit so gerufen nach großen Menschen auch auf dem Gebiet des innersten
Ringens und Lebens wie die unsrige. Und auch die Goethe-Verehrung, die für manche Menschen den
Platz ausfüllt, auf den wir bier hindeuten, kann für das eigene Streben und Kämpfen doch nicht alles
bringen, was wir brauchen.
Oder soll die Menschheit allmählich dazu übergehen, auf religiösem Gebiet unsichtbare Führer vor
sich zu haben? Den eignen Engel oder Genius, den Erzengel Michael,_den lebendig gegenwärtigen
Christus selbst? Wer eine Ahnung davon hat, welche unerhörten Lebensquellen aufspringen aus den
Eindrücken von einer übersinnlichen Welt, die den Menschen allmählich mehr und mehr zukommen
werden, der sieht vollkommen neue Zeiten heraufziehen. Und gerade dieser Aufstieg in die höhere
Welt: durch den eignen Genius zum Erzengel Michael und durch ihn zum lebendigen Christus, wird
gewiß für viele Menschen von der größten Lebensbedeutung werden.
In der Menschenweihehandlung ist eines der ersten Worte, die wir aussprechen, das Wort von der
„Verehrung Christi“. In solcher Gesinnung wollen wir die Menschenweihehandlung vollbringen — und
das Leben selbst. Aber nun kommt es auch darauf an, den Menschen Christus in einer solchen Weise
mahezubringen, daß sie ihn verehren können: Immer wieder ihn so nahezubringen: das ist eine
der größten Aufgaben für die, die es im Innersten gut meinen mit der Menschheit —, vielleicht die
größte.

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Ich, das höher ist als unser
Die Verehrung ist die Kraft, durch die unser Ich aufschant zu einem
dort ihre höchste Weihe
Ich. Wenn dies der Fall ist, dann empfängt die menschliche Verehrungskraft
des höchsten Weltenvaters
und Vollendung, wo ein Mensch die Lichtgestalt Christi, in der das Antlitz
Augenblick hinein-
selbst ihn anblickt, in sich und um sich trägt als das größere Ich, in das er in jedem
und stärkt und erhöht.
schauen kann, und dessen Nähe ihn immerfort, bewußt und unbewußt, speist

Spinnweben
Dorothea Letzsch

Spinnweben —
Zarte, schimmernde Gebilde —
Fein und leicht wie eines Atems Hauch,
Verwehend leis im stillen Abendduft...
Wenn es im Waldesdämmer
— Gesponnen Sonnengold —
Durch Zweige fimmert,
Als hätten Zauberhände
Der Sonne Bildnis selbst
Gemalt auf Äthergrund,
Daß es nun mitten überm Pfade
- . Leuchtend schwebe...
Oder wenn’s am Morgen, sternbetaut —
Ein funkelnd Lichtgeschmeide —
Hängt im Rosenstrauch...
O Wunderwerk, mit Worten nicht zu fassen —
Das Auge nur spricht des Entzückens Laut —
Und ahnend spürt das Herz
Des Geistes Weben — — —

Levjathan
Der Drachen-Mythos im Alten Testament

Rudolf Frieling

Sommers die Finsternis von neuem ihr


jeden Herbst erlebt die Seele, wie nach der Lichtfülle des
it herausgeformt hätte, steht vor
Haupt erhebt. Als ob es sich aus der hereindämmernden Dunkelhe
ihr das Bild des Drachen, jenes uralte Angst- und Schreck-Bild.der Menschheit, Ur-Bild menschlichen
andringenden Finsternis sieht die
Grauens und Erschauerns vor widergöttlichen Mächten. Aus. der
eine übersinnliche Sonne in diese
Seele den Drachen sich erheben; aus dem feinen Geistes-Licht, das
Herbstes-Dämmerung einstrahlt, gestaltet sich ihr das Bild dessen, der den Drachen überwindet.
und seinen Bezwinger hin-
Uraltes Menschheits-Erleben regt sich in der Seele, die auf den Drachen
tigen Weltenzeit darin, wenn
schaut. Dieses Hinschauen steht aber nur dann richtig in der gegenwär
wird. So wie es im letzten Buch des Neuen
das alte Bild im Lichte des Christus-Ereignisses gesehen
in den
Testamentes, in der Offenbarung des Johannes, der Fall ist. Da ist das Bild des Drachenkampfes
(im 12. Kapitel) und wird dadurch erst in seiner
Rahmen christlicher Apokalyptik hineingestellt
ganzen Bedeutsamkeit erkennbar.
*

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Die Bibel ist ein organisches Ganzes. Das zeigt sich auch darin, wie dieser Höhepunkt apokalyptischer
Bild-Gestaltung am Ende des Neuen Testamentes — Michaels Kampf mit dem Drachen — nicht un-
vorbereitet erscheint, sondern schon im Alten Testament seine Vorstufen hat.
Der Drachen-Mythos im Alten Testament? Das ist doch in seiner Bewußtseinshaltung eigentlich ein
„un-mythologisches“ Buch? Dieser Einwand wäre nicht unbegründet. Betrachten wir beispielsweise
die Welt-Schöpfung. Die Genesis des Moses schildert sie so, wie es einem Volke gegenüber angemessen
ist, das vom dämmernden Bilder-Traum zum wachen Gedanken geführt werden soll. Im Vergleich zu
den Schöpfungs-Berichten anderer Völker tritt das mythologish-Bildhafte stark zurück, zugunsten eines
mehr gedankenhaften Elementes. Wie das Denken als eine „Scheide-Kunst“ klare Grenzen zieht und
die Welt-Erscheinungen zunächst einmal auseinänderhält, so sehen wir bei der Schöpfungsgeschichte
der Genesis gleichsam ein göttliches, kosmisch wirkendes Denken am Werke, wie es, wogendes Chaos
bändigend, die verschiedenen Welt-Elemente „auseinanderdeukt“, damit ein geordneter Kosmos ent-
stehen kann. So scheidet Gott Licht und Finsternis, nennt das eine „Tag“, das andere „Nacht“. So
scheidet er das Wasser oben von dem Wasser unten, das Feste vom Flüssigen.
Abseits vom mosaischen Schöpfungsbericht, der so augenfällig von Gedanklichkeit durchwirkt ist,
gingen aber offenbar noch andere, andersartige Darstellungen der Welt-Entstehung um; noch von un-
gebrochener „heidnisch“-mythologischer Farbigkeit und Bildkraft, verwandt mit gewissen babyloni-
schen Überlieferungen.
Während wir in der Genesis sozusagen die „offizielle“ Linie der alttestamentlichen Geistigkeit vor
uns haben, finden wir das altertümlich-Mythische vor allem in den mehr poetischen Schriften, zwar
nicht als unversehrte Bilder, sondern in Bruchstücken, aus denen sich einiges rekonstruieren läßt. Es
sind Reste eines vergangenen, beim Heraufkommen der Gedankenkraft verdämmerten Bilderbewußt-
seins, dort auftauchend, wo die herrschende abstraktere Geistigkeit vorübergehend aufgelockert ist —
also in poetischen Zusammenhängen. So lebt ja oft altes „imaginatives“ Gut in der Dichtung weiter
und strahlt seine geheimnisvolle seelenwärmende Kraft aus, selbst da, wo es als „nur- dichterisch“
nicht ganz für voll genommen wird.
Solche „erratischen Blöcke“, Überbleibsel eines mythischen Bewußtseins, finden sich vor allem im
Buche Hiob. Es sei nur erinnert an das wunderbare Wort über den Welt-Beginn: „da mich die Morgen-
sterne miteinander lobten“. So haben wir es denn auch in erster Linie mit'dem Buch Hiob zu tun,
wenn wir nun im Besonderen einmal dem Drachen-Mythos nachgehen wollen. Gerade in unserer Zeit,
wo das menschliche Bewußtsein. über das Nur-Gedankliche hinaus in neuer Weise die Sphäre der
Bild-Schau erreichen: möchte, kann ein solches Aufsuchen des Mythischen seinen besonderen Reiz
und Wert haben.
*

Zwei Ungeheuer, Levjathan und Behemoth, werden am Schluß des Buches geschildert. (vergleiche
Bock, Urgeschichte). Typisch für intellektuelles Unverständnis dem Mythisch-Bildhaften gegenüber
ist die Erklärung, die in der revidierten Lutherbibel beigefügt ist. Da wird dem Leser bedeutet, daß
er sich unter dem Behemoth ein „Nilpferd“ und unter dem- Levjathan_ein_,„Krokodil“ vorzustellen
habe. Dadurch wird der Leser gegen jeden mythischen Schauer immun gemacht, er-fühlt sich beruhigt
und hat nun vor allem den Eindruck, wie ungenau man doch in alten unerleuchteten Zeiten die Natur
beobachtete. Er nimmt dann dieses Kapitel als eine reichlich unexakte poetische Phantasie über Tiere,
die man heute in aller Ruhe im Zoo betrachten kann, wo man denn freilich nie ein Krokodil Feuer
speien sieht, wie Hiob' solches vom Levjathan fabelt: „Sein Niesen glänzt wie ein Licht;
seine Augen sind wie die Wimpern der Morgenröte. Aus seinem Munde fah-
ren Fackeln, und feurige Flammen schießen heraus. Aus seiner Nase geht
Rauch wie von heißen Töpfen und Kesseln: Sein’ Odem ist wie lichte L’ohe,
und ausseinem Munde gehen Flammen“ (Hiob 41,10-—-13).
Der Levjatkan — ein Krokodil? Umgekehrt wird es richtig: das Krokodil — ein Levjathan! Das
soll heißen: im Krokodil lebt ein entfernter Nachklang, ragt noch, wie ehemals
in den Sauriern, eine

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Erinnerung der Natur in unsere Welten-Zeit herein, eine Erinnerung an den — Drachen. In der
Schreck-Gestalt des Krokodils wirkt noch für die aufgeschlossene Seele etwas nach vom Drachenschreck
ferner Weltalter. — Zugegeben, daß man zur Zeit Hiobs die Natur noch nicht exakt beobachten
konnte. Daran ist kein Zweifel. Aber es ist die Frage, ob nicht manche „Ungenauigkeit“ antiker
Fabulierer dadurch zu erklären wäre, daß unter Umständen altes dämmerhaftes Hellsehn „ausgelöst“
wurde und sich dann in das physisch Beobachtete unbewußt hineinverwob. Der Anblick des Krokodils
konnte das „zweite Gesicht‘ des Drachen auslösen, und die mythische Schau legte sich wie eine Wolke
vor das, was die Erdensinne sahen. So mag Hiob 41, als Krokodil-Beschreibung genommen, durchaus
mit „ungenügend“ zu bewerten sein — als dämonische Schau steht es gleichwohl tiefer in der Realität
darin als eine an der Oberfläche bleibende zoologische Bestandsaufnahme. Das Luziferische* des
Drachen sprüht uns aus der Hiob-Schilderung entgegen, die mit den Worten endet: „Er ist ein
König über alle Stolzen“ (Urtext).
Das Buch Hiob spricht nicht nur in seinem 40. und 41. Kapitel vom Drachen. Es erwähnt ihn auch
schon vorher, auf einen Mythos anspielend, den es als bekannt voraussetzt. Nur daß der Drache hier
nicht Levjathan, sondern im Hinblick auf sein ungestümes Toben „Rahab“ genannt wird. Wie im
babylonischen Mythos wird auch hier von den Helfern des Ungeheuers gesprochen.
Um ein Geschehn der Urzeit handelt es sich. Die Welt wäre nicht als geordneter Kosmos zustande
gekommen, wenn nicht schon in Vorzeiten der Gott des Ich-Bin die Mächte des Chaos in ihre Schranken
gewiesen und ihnen die Weltordnung abgerungen hätte.
„Erist Gott; seinen Zorn kann niemand stillen; unter ihnmußtensichbeu-
gen die Helfer Rahabs.“ (Hiob 9,13.)
Den gleichen Kampf meint eine spätere Stelle: „Vor seiner Kraft wird das Meer plötz-
lich ungestüm, und durch seinen Verstand zerschmettert er Rahab. Am
Himmel wirdesschön durch seinen Wind, seine Hand durchbohrt die flüch-
tige Schlange“ (26,13.14).
Der Gott des Ich-Bin (Hermann Beckh hat einmal „Jahwe“ in freier Weise wiedergegeben: „der
das Ich in mir spricht“) ist zugleich der Gott der Gedankenkraft, der Klarheit schaffend das Chaos
besiegt. Durch seinen „Verstand“ zerschmettert er Rahab. Die Reinigung der Atmosphäre, die in alten
Drachen-Zeiten ein brodelndes Gedünste war, die Ermöglichung eines klaren Himmels und eines
reinen, Geist-tragenden Lufthauches (im Hebräischen wie im Griechischen bedeutet dieselbe Vokabel
sowohl „Luft“ wie „Geist“) — natürliche Voraussetzungen dafür, daß der denkende Mensch auf der
Erde erscheinen kann — sie sind der Erfolg dieses vorzeitlichen Jahwe-Sieges über den Drachen.
Auch in den Psalmen klingt dieser Mythos an: „Du herrschest über das ‚ungestüme
Meer, du stillestseine Wellen, wenn sie sich erheben. Du schlägst Rahab zu
Tod.“ (Psalm 89, 10,11.) Ebenso ist im 74. Psalm das tobende Meer das Element des Drachen, dessen
vielköpfiges Schreck-Bild wie in der Apokalypse den Fluten enttaucht.
„Du zertrennst das Meer durch deine Kraft und zerbrichst die Köpfe
der Drachen im Wasser. Du zerschlägst die Köpfe Levjathans (Urtext) und
gibstsie zur Speisedem Volkin der Einöde“ (Psalm 74, 13, 14).
REIN.

Das Letztere erinnert an die tiefsinnige Weissagung apokrypher Tradition, daß einmal in der
Endzeit der Levjathan den Auserwählten zur Speise ‚dienen soll — die gewaltigen Energien, die im
nn

Widergöttlichen tätig sind, sollen einmal dem Guten zurückgewonnen, den Gott-Verbundenen „ein-
verleibt“ werden. So leuchtet in diesem merkwürdigen Satz von der kommenden Speisung des Volkes
un

in der Einöde etwas Zukünftiges herein, während im übrigen doch eben an ein weit zurückliegendes
Geschehen gedacht ist. Der Sänger des 74. Psalms steht vor der Frage: wie kommt es, daß der Wider-
sacher scheinbar die Erde an sich reißt? Er hat es miterleben müssen, wie der Tempel zerstört wurde.
Da erinnert er sich der großen Drachen-Besiegung in grauer Vorzeit; er muß sich fragen: wo ist diese

* Über den Zusammenhang des „Drachen“ mit den Sauriern einerseits und mit dem „Sündenfall-Geschehen*
der lemurischen Zeit andererseits vergleiche Poppelbaum, „Mensch und Tier“, auch Bock, Urgeschichte.

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Kraft heute? Er kann es ja noch nicht erkennen, daß diese Kraft sich auf einem langen Wege der
Umwandlung, der „Transformation“ befindet, daß sie künftig im Menschen und durch den Meuschen
den Drachen besiegen will.
Die Frage: „Wo ist diese Kraft heute?“ bedrückt auch die Seele des Propheten Jesaja, die Frage, die
neuzeitlich formuliert heißt: ist Gott tot? „Wohlauf, wohlauf, ziehe Machtan, duArm
des Herrn! Wohlauf, wie vor Zeiten, von alters her! Bist du es nicht, der
Rahab (Urtext) zerhauen, der den Drachen verwundet hat?“ (Jes. 51, 9.)
*

Damals hat diese Kraft den Drachen besiegt, aber der Kampf brachte noch keine endgiltige Ent-
scheidung. Der Drache ist „verwundet“, aber nicht tot. Das erinnert an eine Erzählung der Edda von
einem Kampfe Thors gegen die Midgardschlauge. Mit dem Riesen Hymir rudert Thor hinaus ins
Meer. Den Kopf eines schwarzen Stiers gebraucht er als Köder. Die Midgardschlange beißt an, Thor
zieht sie hoch, und wie ihr furchtbares Haupt aus dem Meer hervortaucht, schleudert er seinen Hammer
— aber der Wurf trifft nicht mit voller tödlicher Wucht: im letzten Augenblick hat Hymir verräterisch
die Angelschnur durchschnitten. Das getroffene Ungeheuer versinkt, aber nun besteht die Ungewißheit,
ob es tot ist, oder ob es noch lebt. Erholt es sich wieder? Wird noch ein weiterer Kampf nötig sein?
Auch jener durch das Alte Testament geisternde Mythos weiß von dem Drachen, der in Vorzeiten
überwunden, nun in der Meerestiefe verborgen liegt. Das ergibt sich aus einer gelegentlichen Wen-
dung im Buch des Propheten Amos: „Und wenn siesich vor meinen Augen verbärgen
im Grunde des Meeres, so willich doch der Schlange (ÜUrtext) befehlen, daß
sie daselbst stechen soll“ (Amos 9, 3.)
Auf dem Meeresgrund lauert die Schlange. Eine sehr rätselvolle Stelle bei Hiob zeigt, daß es sich
dabei nicht nur um Vorstellungen handelt, die im Äußerlichen bleiben; sie macht uns das ins Innerliche
hinüberspielende Wesen solcher Mythen deutlich. Das Meer ist zugleich etwas Seelisch-Inwendiges.
Und wie es im Meer die sogenannten „abyssischen“ Tiefen gibt, in die nie ein Sonnenstrahl fällt, in
deren lichtlos-schwarzer Finsternis eine höchst unheimliche, dämonisch anmutende Tierwelt ihr Wesen
treibt (man denke an die Bilder, die uns die Bathosphärenforschung vermittelt hat), so gibt es eben
auch die undurchlichteten abyssischen Tiefen des Seelen-Meeres, in denen sich dämonisch-furchtbare
Ungeheuer verbergen. Nicht immer werden sie „latent“ bleiben — der Seher Johannes sieht das zu-
künftige Emporsteigen. des Tieres aus dem Abgrund („abyssos‘, Apok. 17, 8), zu einer endgiltigen
Auseinandersetzung mit den Mächten des Lichtes.
In der Welten-Vergangenheit wurde der Drache besiegt, in der Welten-Gegenwart ist er in unheim-
lich-drohender Weise „latent“. Was in den Seelenäbgründen noch schlummert, kann geweckt werden.
Schiller hat das klassisch formuliert, wie die Magie des Gesanges in die tieferen Seelen-Schichten
eindringt und sie in Bewegung setzt:

„Und wecket der dunklen Gefühle Gewalt,


die im Herzen wunderbar schliefen.“

Da ist an Großes und Edles gedacht, das im Herzen schläft und der Erweckung harrt. Aber auch das
Böse ist in seiner furchtbarsten Gestalt noch verborgen. Diese Gewalten anzurufen und aufzuwecken,
ist ein Werk schwarzer Magie.
Davon eben spricht Hiob in einem, wie schon gesagt, sehr dunklen Wort. In seiner Verzweiflung
möchte er den Tag seiner Geburt verfluchen. Aber als antiker Mensch ist er sich darüber klar, daß
auch das Fluchen, wenn es „wirken“ soll, geradeso wie andererseits das Segnen, an innere Voraus-
setzungen gebunden ist und gelernt sein will. Ebensowenig wie ein momentan aufflackernder guter
Wille schon zum wirklichen Segnen:können genügt, ebensowenig hat eine zornige Aufwallung schon die
Potenz des wirklichen Fluches. Wenn nun schon der Tag seiner Geburt verflucht sein soll — Hiob

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Da steigt ein unheim-
schaut gewissermaßen aus, wo. er einen findet, der sich aufs Verfluchen versteht.
auf: die schwarzen Magier der ver-
lich-finsteres Bild der Vorzeit in seinem verdüsterten Gemüt
sunkenen Atlantis.
waren, daß sie täglich der aufgehenden
Herodot erzählt einmal von den „Atlanten“, die so verrucht
risierung des Schwarz-Magischen denken
Sonne fluchten. — Man könnte sich keine treffendere Charakte
entgegengeschleudert.
als diesen Fluch, allmorgendlich der aufgehenden Sonne
müssen sie (die Nacht seiner Empfängnis) verfluchen die Ver-
Die Hiob-Stelle lautet: „Es
zuerregen den Levjathan“ (3,8).
£lucher des Tages und die da bereit sind,
Die „Verflucher des Tages“, das sind doch die
Hier deckt sich griechische und hebräische Tradition.
Hasser der aufsteigenden Sonne. Sie stellen sich
verruchten „Atlanten“ des Herodot, die grimmigen
des Erdendaseins gnadevoll beleuchtet.
gegen das Christus-Prinzip des Sonnen-Tages, der den Sinn
Erden zu verfluchen. Eben darum sind sie
Sie sind dabei, wenn es gilt, die Menschengeburt auf
n und aufzuwecken, was drachenhaft im
auch imstande, „zu erregen den Levjathan“ — anzurufe
„abyssischen“ Abgrund des Seelenmeeres schläft.
daß vor dem Aufgang des Christus-Tages
Es gehört zu der großartigen Kontrapunktik der Bibel, er sah.
Abraham frohlockte, daß er Meinen Tag sehen sollte, und
(„Ich bin das Licht der Welt...
ihn und freute sich“ Joh. 8) diese Abgründe der Verneinung von einer gottsuchenden Seele innerlich
ausgemessen werden mußten.
*

dem Abgrund entsteigen. „Die Sonne bringt


Das Verborgene wird ans Licht kommen, das Tier wird
ls der Michael-Sieg ‘über den Drachen zu er-
es an den Tag.“ In neuer Weise wird zukünftig aberma
ringen sein.
ird der Herr heimsuchen mitseinem
Der Prophet Jesaja weissagt es: „Zuder Zeitw
Schwert den Levjathan, der eine flüchtige
harten, großen und starken
ndene Schlange ist, und wird den
Schlange, den Levjathan, der eine gewu
Drachen im Meer erwürgen“ (Jes. 27, 1).
des Menschen und nicht ohne den Menscher
Aber dieser apokalyptische Kampf wird nicht außerhalb
der deshalb nicht völlig zum Ende kommen
geführt werden können wie der Kampf der Vorzeit,
ungsmäßigen natürlichen Grundlagen seiner
konnte, der nur erst einmal dem Menschen die schöpf
Menschen-Existenz sicherstellen sollte.
im Alten Testament an. Der mit den
Auch dieses Dabei-Sein des Menschen klingt schon von fern
hieren. „Denn er hatseinen Engeln
Engeln verbundene Mensch soll über den Drachen triump
allen deinen Wegen, daß sie
befohlen über dir, daß sie dich behüten auf
Fuß nicht an einen Stein stoßest.
dichaufden Händentragenunddudeinen
treten auf junge Löwen und
Auf Löwen und Ottern wirst du gehn und
Drachen“ (Psalm 91, 11—13).
rwirken. Einmal trügerisch zitiert
Psalmworte, die bedeutungsvoll in das Neue Testament hinübe
Munde Christi: „Ich sah den Satanas vom.
vom Widersacher, bei der Versuchung. Das andre Mal im
gegeben, zu treten auf Schlangen und.
Himmel fallen als einen Blitz. Sehet, ich habe euch Gewalt
„Doch darin freuet euch nicht, daß:
Skorpione und über alle Gewalt des Feindes.“ Und er fügt hinzu:
euch aber, daß eure Namen im Himmel geschrieben sind.“
euch die Geister untertan sind. Freuet
(Luc. 10. 18—20.)
Der Mensch, der durch Christus wieder den Anschluß gewinnt an das Engel-Reich zu seinen Häupten,,
n seines.
wird dem Drachen gewachsen sein. Er findet seine Kraft im Aufblick zu den Sternen-Höhe
himmlischen Ursprunges.
dafür gegeben, daß dann am Schluß des Neuen Testamentes,
Damit ist die innere Voraussetzung
nkampf aufstrat!t. als ein uraltes Bild,
die gewaltige Schau des Apokalyptikers von Michaels Drache
alt verkündet
das aber nun einen neuen, menschlich-christlichen Zukunfts-Inh

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Nächtliches Gesicht
Meta Geschke

Es war Begegnen,
War kein blasser Traum .....

Geheimnisvoll, zu mitternächt’ger Stunde,


Nachdem ich dein gedacht, warst du mir nah
Und gabst, von jenen Welten zeugend, Kunde,
Die langersehnte Kunde. Und ich sah... .

Dein Antlitz grüßte schattend hingehaucht,


Nur deine Hände, deine lieben Hände,
Sie waren ganz in Licht und Glanz getaucht!
Sie schienen selbst gesponnen nur aus Licht.
Und überirdisch zart und ohne Ende
Umwoben schimmernd sie mir das Gesicht.

In tiefem Sinnen dies erkannt’ ich nun:


Ich steh’ an meines Lebens großer Wende;
Und deine nimmermüden, treuen Hände,
Sie werden auch im Geisterland nicht ruhn.

> Sie schaffen selig nun im reiusten Licht


Und wollen mir auf liebbewegten Schwingen
In meine Dunkelheiten Botschaft bringen:
„Ich bin im Frieden und verlaß dich nicht.“

Mission
Kurt von Wistinghausen

Das Wort „Mission treiben“ hat heutzutage einen peinlichen Beigeschmack. Auch wenn man sich
der Opfer und Leistungen christlicher Heidenmissionen wohl bewußt ist, muß man zugeben: Der
modern strebende Mensch hat zunächst kein Verhältnis mehr dazu. Das christliche Europa hat seit
dem Weltkrieg so offensichtlich vor seiner eignen Tür zu kehren, daß ihm ein Werben für seine
Religion bei fernen Völkern nicht wohl ansteht. Überdies ist es dem neueren Bewußtsein eine Frage,
ob und wie den heidnischen und primitiven Völkern ein Geistesleben übertragen werden darf, das
nicht aus ihrem Denken und Sinnen hervorwächst, sondern von ganz anderem Nährboden stammt.
In weiten Kreisen ist zum Problem geworden, ob denn religiöse Ideen überhaupt über die Grenze von
Volkskultur, Sprache und Rasse hinweg unter andern Völkern wirken können und sollen. Ja man
fragt: Kann der eine den andern überhaupt religiös überzeugen wollen? Jeder soll nach seiner Fasson
selig werden...
Das andre Wort hingegen: „Eine Mission haben“ besitzt einen guten Klang. Es besagt,
daß ein
Einzelner oder eine Gruppe von Menschen vom Geiste so stark durchdrungen ist, daß sein
oder ihr
Wirken für die geistigen Ziele voll berechtigt exscheint. Ja wir wissen: der wahre Mensch
kann gar
nicht leben, ohne für seine innerste Überzeugung zu kämpfen und in irgendeinem Sinne
eine Mission
zu haben. Ist nicht’ jede besondere Mission ein Abbild der immerwährenden
Aufgabe des Menschen,
sich als Gesandter der Geistwelt auf Erden zu fühlen und zu betätigen, der er entstammt?

177
An beiden Empfindungen ist Richtiges: an der guten für das Haben, an der mehr oder weniger pein-
lichen für das „Betreiben“ einer Mission. Mindestens das Wie ist ständig Frage und Aufgabe eines
jeden, der unter Menschen für geistige Ziele zu wirken hat.
Unsere Frage ist hier: wie darf im Sinne eines unverfälschten Christentums für religiöse Ziele ge-
wirkt und geworben werden — so, daß das Rechte getan und das Falsche vermieden wird; zunächst
ganz abgesehen von dem Problem der Heidenmission in andern Erdteilen.
Wir lassen dabei die naheliegenden Antworten aus der eigenen Idee eines geistgemäßen Wirkens
vorerst beiseite, wie sie von jedem für sich selbst und aus seiner Zeit heraus gefunden werden müssen.
Wir suchen die Antwort auch nicht bei einer äußeren Autorität — und sei es die dem Christen ge-
heiligte Bibel. Aber wir blicken mit besonderem Interesse auf den Ursprung des Christentums. Was
hat das Neue Testament hierzu zu sagen?
Als das Christentum sich erstmals auszubreiten begann, ist es ja durchaus missionierend aufgetreten.
Ohne alle Machtmittel und doch mit Erfolg. Davon berichtet ausführlich die Apostelgeschichte. Und:
das Christentum brachte durch sein Wesen selbst erst den Begriff, das Urbild der Mission in unserem
Sinne hervor. Denn es trat in eine Umwelt ein, in der es das — abgesehen höchstens von gewissen
Mysterienreligionen — nicht gab. Werbende Missionare für die griechische Götter-Religion können
wir uns in der damaligen Zeit mit Fug nicht vorstellen. Rom schickte zwar Eroberer aus, aber ganz
gewiß keine Apostel. Im Gegenteil: es breitete nicht seine Religion aus, sondern sammelte die Kulte
aller Völker in seinem Pantheon. Andere Völker der alten Welt mögen ihren Glauben mit Feuer und
Schwert ausgebreitet haben — was wir hier Mission nennen, ein kultisches und lehrendes Vermitteln
von Mensch zu Mensch, trieben sie nicht. Und vollends Israel wies jeden Gedanken an eine Mission
unter andern Völkern weit von sich, Hier hatte man in aller Konsequenz das Prinzip, daß Religion
an das Blut gebunden und daher unveräußerbarer Besitz des einen Volkes sei.
Als etwas unerhört Neues und Fremdes trat also für weiteste Kreise die Idee der Mission unter
Andersgläubigen in dieser nächsten Umwelt auf. Als Paulus, nach seinen ersten großen Reisen wieder
in Jerusalem angelangt, heftig angegriffen wird, hat er unter dem Schutz römischer Soldaten die Ge-
legenheit zum Volk zu sprechen. Man hört den Bericht seiner Christenverfolgung und Umkehr vor
Damaskus zunächst auch an; aber nur bis zu dem Satz von der Christusstimme, die zu ihm gesprochen
hat: „Gehe hin, ich will dich ferne unter die Heiden senden.“ „Sie hörten aber ihm#zu bis auf dies
Wort, und huben ihre Stimme auf und sprachen: Hinweg mit solchem von der Erde! Denn es ist nicht
billig, daß er leben soll.“ Ein ungeheurer Tumult entzündet sich an diesem Wort (Apostelgeschichte
22,22). Man läßt sich in Jerusalem manches Neue gefallen. Die Idee der Mission aber rüttelt am
Fundament. Paulus ist sich als gebildeter Jude und Geistesschüler vollkommen dessen bewußt, daß
er an diesem Punkt auf die erbitterte Ablehnung der Juden stoßen wird und auch bei den Römern
auf kein Verständnis rechnen kann. Aber er muß diesen Kampf auf sich nehmen. Denn er ist nicht
einer, der im Auftrag einer Organisation Mission treibt, sondern einer, der eine hat. Immer wieder
betont er es selbst: hinter seinem Wirken steht nicht eine Lehrmeinung oder ein Glaube, sondern ein
urgewaltiges Geist-Erleben. Was vor Damaskus geschah, ist so stark, daß es gar nicht bei ihm allein
bleiben kann. Ja es ist so geartet, daß es auch weit hinaus wirken will über ein bestimmtes Volk.
Das Licht, das dort geschaut wurde, leuchtet nicht einem Einzelnen oder einem Volk, sondern allem,
was Menschenantlitz trägt. Denn es ist das Antlitz des Menschensohnes selbst gewesen, das dort aus
dem Geist gestrahlt hat. Wer dies Erlebnis macht, der hat eine, der hat die Mission. Von diesem Ur-
quell aus ist das Christentum — was Paulus und seine Schüler anlangt — ausgebreitet worden. Ohne
Damaskus wäre es nie als Weltbewegung entstanden.
Anlaß der allerersten Ausbreitung des Christentums wurde übrigens Paulus bereits, ehe er Christ
war. Als Gegner schon wirkt er im Sinne seines späteren Schicksals. Die erste Christenverfolgung, die
er inszeniert und die dem Märtyrer Stephanus das Leben kostet, bewirkt eine Zerstreuung der
Christen in die umliegenden Gegenden. „Die nun zerstreut waren, gingen um und predigten das
Wort.“ Es ist ein bemerkenswerter Zug, daß bei echter Mission von Anfang an ein Stück Gefahr ist.
Der letzte Anlaß, Wille und Mut zum Hinaustragen des im engsten Kreise Erfahrenen würde wohl

178
fehlen, wenn nicht die Gegnermächte durch ihren Zwang ungewollt die Bewegung unterstützten.
Und zu dem geistigen Urquell gesellt sich‘ die ausstrahlende Kraft derjenigen, die ihr Leben dem
erlebten Licht geopfert haben. Sie wirken mit. An diesen Grundzügen ürsprünglicher Mission
wollen wir festhalten.
Darüber hinaus aber bringt die Apostelgeschichte im Verlauf ihres Berichtes über die Ausbreitung
und besonders die Missionsreisen des Paulus manchen Hinweis, der die Methode kennzeichnet, nach
der nun das Wirken von Mensch zu Mensch, Volk zu Volk anhob.
Es ist uns nicht schwer einzusehen, daß zur Mission in allererster Linie gehört das echte Durch-
drungensein von der Wahrheit und Kraft der eigenen Sache. Der Apostel fühlt sich als Vermittler
einer Religion, die ihm geworden, und eines bestimmten Weges zum Geist, wie er ihn selbst gegangen
ist. Zugleich aber gehört zur Mission die größte Behutsamkeit, dem andern nicht etwas aufzu-
drähgen, was er aus seinen eigenen Lebensbedingungen nicht 'gebrauchen kann. (Wir brauchen nur
an die fragwürdige Heidenmission der Neuzeit zu denken.) Hier handelt es sich nicht um Taktik,
sondern um Takt und Wahrung der Freiheit. Nur dasjenige darf dem andern gebracht werden, was
er in Freiheit aufnehmen kann.
Im 15. Kapitel berichtet die Apostelgeschichte vom sogenannten Apostelkonzil. Das junge Christen-
tum ist schnell über die jüdischen Kreise hinausgedrungen. Seine ersten Träger sind zwar Angehörige
der jüdischen Gesetzes-Tradition gewesen. Sollen nun auch die Menschen andrer Völker, die zum
Christentum finden, dieser Tradition beitreten? Sollen sie den gleichen Seelenweg gehen, den die
ersten gegangen sind? Diese Frage, die stürmisch diskutiert wurde, ist auf jenem Apostelkonzil im
Sinne der Freiheit für die Heidenchristen entschieden worden. Damit war ihnen der eigne Weg zum
Christus möglich gemacht. Etwas ganz Neues, aus neuen Schicksalsbedingungen war entstanden: das
Christentum als unabhängige Religion. Es entstand durch Verständnis der Apostel für die Seelen-
bedürfnisse der neuen Christen und durch Zurückhaltung in der Betonung des eigenen Weges. Ohne
diese Toleranz wäre das Urchristentum nicht erwachsen.
Gleich am Beginn des Apostelwirkens war die Frage laut geworden, ob das neue Geistesgut über-
haupt zu den andern Völkern zu tragen sei. Sie wurde jedesmal — nicht nur bei Paulus, sondern
auch bei Petrus — durch geistige Eindrücke und Weisungen entschieden. Der Geist des Christus fuhr
wie ein Sturmwind durch die Häuser, sprengte die engen Mauern und wies ins Weite. Als nun Paulus
auf seiner Missionsreise erstmalig an der Schwelle von Asien nach Europa stand, mußte er wiederum
innehalten und die innere Frage stellen, ob das, was er zu bringen habe, auch über den Erdteil hin-
aus seinen Weg nehmen solle, in dem es zuerst aufgetreten war. Nach Europa hin, dem Land anderer
Rassen und großer Kulturen, weltgroßer Macht, eigener Mysterien und Religionen? Die Antwort ist
wiederum ein geistiges Erlebnis, das dem Paulus die Sicherheit gibt, auf rechtem Wege zu sein: die
nächtliche Schau eines Mazedoniers, der ihn ruft: „Komm und hilf uns!“ Nur in dem Bewußtsein,
ein Ausgesandter, zugleich aber ein Herbeigerufener zu sein, wagt Paulus den ‚großen Schritt über
die Meerenge.
Ein Kapitel weiter erzählt die Apostelgeschichte vom Aufenthalt des Paulus in Athen. . Wird das,
was er zu bringen hat, Bestand haben vor dem Leben des geistigen Weltzentrums, vor hohen Philo-
sophenschulen und gewaltigen Kunstwerken, die damals noch .in ihrer ganzen Pracht unzerstört da-
standen? Paulus wandert zwischen den Tempeln, Plastiken und Altären hindurch — ein unbekannter
Einzelner aus einer abgelegenen Provinz. Darf er hier vom schmählich Gekreuzigten sprechen? Bedarf
der hohe Reichtum Griechenlands der neuen Kunde? Solche Fragen müssen ihn bewegt haben, bis
er den Altar gewahr wurde, der hier aus Erdenstoff erbaut war, damit der unbekannte Gott vom
Himmel auf ihn niedersteige. War nicht die ganze Erde zum Altar geworden, seit der nie geschaute
Gottessohn einen sichtbaren Leib angenommen hatte und unter uns gewandelt war? Der Altar des
unbekannten Gottes stand wie eine beredte Frage da: nun konnte Paulus an das Suchen des
griechischen Menschen anknüpfen, nun durfte er antworten.
In der Athener Predigt spricht Paulus auch den Satz: „in Ihm leben, weben und sind wir“. Durch
ihr gemeinsames göttliches Geschlecht, ihr Leben in Christus werden die Einzelnen zu dem großen Wir.

179
und Volk zu Volk zu wirken. —
Aus diesem Wir sucht Paulus bei seiner Mission von Mensch zu Mensch
Zug. Die Begleiter Silas und Thimothe us hatten
In diesem Zusammenhang ein einzelner bezeichnender
und waren in Mazedonien geblieben. In Korinth stoßen sie
sich auf der Reise von Paulus getrennt
drang Paulus der Geist, von
wieder zu ihm. Und die Apostelgeschichte sagt: als die beiden ankamen,
der Mitarbeit er inspiriert und impulsiert den
Jesus Christus zu zeugen (Kap.18). Die Ankunft
es nur im eigenen Namen erfolgt. Sein Missions-
Paulus. Denn sein Wirken hat keinen Sinn, wenn
eschichte ausdrücklich
wirken will aus der Gemeinsamkeit erfließen. Stellenweise geht die Apostelg
einer wirkt, sondern „wo zwei oder drei versammelt sind in
zum Wir-Stil der Erzählung über. Nicht
meinem Namen, da bin Ich mitten unter ihnen“.
will, ein deutliches
Diese wenigen Hinweise der Aposteigeschichte geben bereits dem, der sehen
nimmt ihren Ausgang nicht von
Bild von den ursprünglichen Grundsätzen christlicher Mission. Sie
Schau, die den Willen durchdringt.
erdachter Lehre oder gewollter Organisation, sondern von geistiger
Sie ist ihrer selbst unerschütter-
Sie wird verstärkt, nicht gelähmt, durch Feindschaft und Verfolgung.
aufdrängen, sondern Antwort sein
lich sicher, achtet aber behutsam die Freiheit. Sie will sich nicht
Sie beruht auf gemeinsamem Wirken bei allem Einsatz des
auf eine lautgewordene oder stille Frage.
persönlichen Kämpferwesens.
aus, die unserem eigenen mitteleuropäisch-gegenwärtigen Streben
Diese Züge drücken eine Haltung
wird. Vielmehr ist die Grund-
entspricht. Hier ist nichts Fremd-Asiatisches, wie es Paulus vorgeworfen
keine andere, als die, die Christus selbst in Vollendung dar-
haltung dieses ersten Missionswirkens
gelebt hatte. Es ist die Gesinnung des eigentlichen Ich — schenkend aus Sicherheit in sich selbst und
immer wir christlich im wahren Sinne zu wirken suchen, wir werden
Fülle, zugleich aber dienend. Wo
gehn können, als den, der im Urchristentum ursprünglich eingeschlagen wurde.
keinen andern Weg
trägt, gilt er keineswegs etwa nur für christliches Missionieren,
Und weil er urbildlichen Charakter
jeder schöpferische Menschen-
sondern überhaupt für vollmenschliches Sprechen und Handeln. Ist nicht
— dabei aber selbstlos hingegeb en an den Gegenstand,
gedanke herausgeboren aus geistiger Aktivität
unter Menschen über wesentlic he Fragen „eine Mission“.
den er begreift? So hat auch jedes Gespräch
so, daß es zurückha ltend auf die auftauchende Frage
Es will immer ein Geistiges vermitteln, aber
lauscht. Mission andrerseits ist richtig, wenn sie ein hohes Gespräch ist.

St. Patrik, Apostel der Iren


Vom „Heidentum“ zum Christentum

Cornelis Los

Diadem überstrahlt das altirische Sonnenkreuz* ein kleiner Kuppelbau, ge-


Wie ein leuchtendes
tragen von drei heiligen Gestalten:
Sehnsucht der keltischen Volksseele nach der wahren Geistessonne
St. Patrick, von der tiefsten
selbst über das Meer gerufen;
e;
St. Brigitte, die erhaben-leuchtende jungfräuliche Verkörperung dieser Volksseel
loderndes Gottesfeue r verwandelnd, Evan-
St. Columkille (Columba), der rauhen Kriegermut in
gelium und Sakrament über Seen und Länder hinaussendet.
Häupten des sonnenleuchtenden
Getragen von den Schwingen des heiligen Geistes stehen die. drei zu
Gekreuzigten. A

stimmung bei allen unterjochten


Der Zusammenbruch des Cäsarenreiches muß eine Weltuntergangs
eine alte Welt der römischen Lebensordnung
Völkern hervorgerufen haben. Es ging auch tatsächlich

* Man vergleiche die Abbildung in „Die Christengemeinschaft“ IX. Jahrgang, 8.1.

180
unter und ein neues Persönlichkeits-Bewußtsein wollte im Einzelmenschen aus dem Chaos hervor-
brechen. Die dazu besonders berufenen jungen, lebenstrotzenden Stämme der Kelten und Germanen
stürzten sich auf die preisgegebenen Provinzen des Imperiums. In übermütigem Tatendräng plün-
derten die Iren unter König Niall die Küsten Britanniens und führten die Einwohner als Sklaven
heim. Unter ihnen war auch der sechzehnjährige Patrick, losgerissen von den Eltern, die er so heiß
liebte. Aber wie dankte er später dem Schicksal, das ihn so gewalttätig „ans äußerste Ende der Welt“
(Irland) verschlug! x

'Mächtige Basaltkliffe lagern sich vor der Nordostküste Irlands, wie von Riesen heruntergeschmettert,
und der Ozean braust und donnert dagegen. Wie eiusam fühlt sich der Sobn des Calpurnius in der
öden Landschaft Antrims, wenn er für Miliuc, seinen Herrn, die Schweineherde über die düstern
Hänge treibt. Nur spärlich bewachsenes Moorland unterbricht die felsigen Hügel. Patrick betet in
seiner Gefangenschaft hundertmal Tag und Nacht die Anrufungen Gottes, die ihn sein frommer
Vater, der Diakon daheim in Britannien, gelehrt hat. Morgens früh, wenn er wieder in Frost und
Nebel hinaus soll, bringt nur das Gebet Trost und Kraft. In der Landschaft tröstet ihn der Anblick
der so mild gerundeten Kuppe des Slemish, der ihn väterlich beschützt.
Dort raunt und webt es im Gebüsch zu seinen Füßen oder am brodelnden Wasser der Braide. Hüte
dich vor den Feen, hat Miliuc ihn gewarnt: abends beim schwelenden Feuer erzählte er die Geschichte
Connla’s des Roten. Eine Wunderfrau, niemand sichtbar als ihm, ließ ihre lockende Melodie er-
tönen und bot ihm den verführerisch strahlenden Apfel vom Lebensbaum, wenn er ihr folgen wollte
nach Tir na n’ög, dem Land der ewigen Jugend. Trotz seines heldenmütigen Widerstandes verschwand
er auf immer.
Kalte Schauer überrieseln den jungen Schweinehirten, weun die Nebelschwaden die niedrigen Hütten
umbrauen, Regenschauer über die dunkelbraune Heide dahinjagen. Gewaltige Naturkräfte bedrängen
die kleinen Menschen; verlassen fühlen sie sich von ihren gütigen Weisen, den frommen Druiden-
priestern, die einst als erhabene Lehrer auch das Übermaß der Naturwirkungen in segensreicher Art
zu bändigen wußten. Ihr zauberwirkender Spruch, ihr lösendes Lied, ihre weise Güte war im Einklang
gewesen mit den harmonisch wirksamen Gotteskräften, die in allem Sein schaffend weben. Als Diener
des im Sonnenlicht waltenden Gottesgeistes hatten sie Vollmacht, die sonst ins Riesenhafte sich aus-
weitenden Naturmächte in Fruchtbarkeit spendendes Maß zu verwandeln. Die tobenden Sturmriesen,
die Frost- und Nebelriesen, welche sie als tätige Mächte hinter dem äußern Naturgeschehen noch
schauen konnten, lenkten sie harmonisierend durch wohltätige Sonnenwirkungen in ihre Bereiche ein.
So war esin uralten Zeiten gewesen. So erzählten es die Alten mit Dankbarkeit im Herzen. Aber diese
Kraft war durch die zunehmende Bosheit der Menschen, durch Verrat und Tücke sogar den weisen
Führern entfallen, und ikre Heilkraft vermochten sie nicht mehr in dem alten Ausmaß zu spenden.
Da toben schaurige Unholde über Berg und Moor; Dämonen machen die Führer der Sippen von
sich besessen und Scheusale stoßen ihre armen Untergebenen in Feuer und Tümpel. Namenlose Ängste
überfallen Patrick, wenn er allein auf den öden Hängen fröstelnd vor sich hinbrütet. Nur tief in
seinem Herzen ringt sich der rettende Glaube hoch an helfende Gottesboten und hält ihn aufrecht.
*

Nach sechs Jahren, in einer Nacht der bittersten Verzweiflung über sein Schicksal, klingt ihm die
erlösende Stimme: „Wohl hast du dich gehalten! Bald kehrst du in die Heimat zurück!“ Und wiederum
nach kurzer Zeit spricht der innere Führer: „Sieh, dein Schiff liegt bereit!“ Fort stürzt Patrick aus
seiner Hütte und nach langem Wandern findet er das Fahrzeug, das ihn hinüberführt in die Heimat.
*

Auf der mühevollen Flucht liegt Patrick in einer Nacht todmüde darnieder. Die Körperlast wälzt
sich im Traum wie ein ungeheurer Block heran, der ihn zu ersticken droht. Da entringt sich ihm der

181
ich schrie, über-
die Sonne im Himmel auf, und, während
Hilfeschrei: „Elias!“ „Und darauf ging
und nahm jede Last von mir fort.“
strahlte mich die Herrlichkeit der Sonne dieser herrliche, befreiende
aufzugehen. Nie konnte
Der Geist der Sonne fing an in seiner Seele enden und
en Volkes, dem die Stimme der alles beleb
Geistesblick ihn verlassen. Die Not des irisch k fühlte den
, war ihm zum Schicksal geworden. Patric
heilenden Geistessonne zu entsinken drohte Insel Eire in
diese Sonne, die auf der ganzen grünen
brennenden Ruf, ihnen zu verkündigen: daß gestie gen
eit in Christus Jesus auf die Erde nieder
tiefster Verehrung angebetet worden, in Wahrh der Elemen te, der da
König
hatte als der allbeherrschende
war und unter den Menschen gewandelt
Erneurer des Alls.
war, der da ist und der da sein wird der
*

zur Vor-
er theologischer Bildung unerfahrene Mann
Lange Jahre verbrachte der einfache, in äußer re, der sich
dem gallischen Bischof Germanus von Auxer
rd

bereitung auf seine gewaltige Aufgabe bei die innern Kämpf e,


m. Viel bedeutender aber waren für ihn
besonders der britischen Gemeinden annah en Schme rzen über Ver-
Amt zu erringen oder die verletzend
um sich die Würde zum geistlichen nachts im Traum der Trost
nach solche n Schic ksals prüfu ngen
leumdungen zu überwinden. Immer kam ten ermutigten.
at

Worten, die zu weiteren Schrit


in herrlichen Geistesschauungen, begleitet von herüberkommend. Er nannte
eine leuchtende Gestalt, wie aus Irland
In einer Nacht erschien ihm
Briefe. Einen übergab er ihm, der überschrieben war:
sich Vietoricus und zeigte Patrick unzählige
„Die Stimme der Iren.“ ten westlichen
Stimme derer zu hören, die im verlassens
In demselben Augenblick meinte er die einem Munde sprachen:
Connaught, nahe am Meer beim Walde Foclud wohnen, und die wie aus
wandle unter uns.“ So sehr war er im
komm herüber und
„Wir bitten dich, heiliger Jüngling,
konnte und darüber aufwachte.
Herzen ergriffen, daß er nicht weiterlesen ischen Volkes
hinzu: Wie Michael, der Engel des hebrä
Einer der alten irischen Biographen fügt
der Iren, seinen Diener.
war (Daniel 12), so rief Victor, der Engel als ein von Ger-
Chr.) wollte es das Schicksal, daß Patrick
Erst nach seinem 42. Lebensjahr (432 n. Geisteskräfte, seit
rn nach Irland auszog. Welche mächtigen
manus geweihter Bischof mit einigen Helfe Offenbarung des
Druiden als
und Mensch wirkend und von allmächtigen
Jahrtausenden in Natur
fingen Zwiesprache mit seiner Seele an!
göttlichen Wirkens dem Volke verkündet,
*

Dalaradia,
Irlands hinaufzufahren nach dem eisisamen
Es drängte Patrick zunächst an der Ostküste r jetzt die Bot-
hatte. Hoffte er etwa, seinem alten Meiste
wo er als Jüngling soviel Kummer erleht s eilte ihm voraus,Manne
Die Kunde von der Ankunft des wunderbaren
schaft vom Heil zu bringen? Geschehen
des Slemish stand, traf ein erschütterndes
und als er wiederum auf dem südlichen Hang ein Opfer feuer empor.
Gehöft des frühern Herrn wie
sein Auge. In hellen Flammen loderte das htet hatte, kam mit all
r seines ehemaligen Sklaven befürc
Miliuc, der einen unwiderstehlichen Zaube Stund en stand Patric k, er-
ündeten Feuer um. Mehre re
seinem Hab und Gut in dem selbst angez da. Sollte die
dieses selts amen Zeichens, in Betrachtung versunken
griffen von der herben Sprache innere Herze nsfla mme für den
Opferaltar nicht in eine
sichtbar lodernde Flamme auf dem keltischen
Auferstandenen sich wandeln? *

hin, die
an ihren Wendepunkten oft sprechende Bilder
Die Geistesgeschichte der Menschheit stellt solche s Bild ist die Begeg nung
Sinn zu offenbaren. Ein
bloß angeschaut sein wollen, um ihren tiefen wenn die Legen de hier manch es
mit König Loigaire. Auch
von St. Patrick im Hochsommer zu Tara Bild doch die Wahrh eit aus.
ehen ist, so spricht das
hinzugefügt haben sollte, was so nicht gesch Dublin, erhebt sich in der sanft
Küste Irlands, nordwestlich vom heutigen
Unweit der östlichen
von Tara. Hier versammelten seit Cormac mac Airt die
wellenden Landschaft der königliche Hügel

182
„Hochkönige“ von Irland alle drei Jahre die Könige von Ulster, Connaught, Leinster und Munster
mit ihren Stammesadligen zur Beratung der Gesetze. Nirgendwo scheint sich der feste Zusammen-
hang der Stammverbände so lange erhalten zu haben wie in Irland. Was nützte es hier, dem Einzelnen
die Botschaft des Evangeliums zu bringen, wenn man nicht die Führenden gewinnen konnte?
In Tara hatte König Loigaire mac Neill von Meath sich mit seinen Druiden-Poeten in der mächtigen
Halle zur nationalen Versammlung eingefunden. Dort wurde zu Sommersbeginn das heilige Feuer
zu Ehren der Sonne entzündet, der alle Fruchtbarkeit Spendenden. Kein anderes Feuer durfte dann
im Lande brennen, weil von dieser Stätte aus alle Feuer von neuem entzündet wurden. Dorthin wen-
dete Patrick seine Schritte. Die Legende verlegt seine Ankunft auf dem Hügel von Slane auf der
andern Seite der Boyne in die Osternacht, wo zur Taufe der neu Bekehrten im urchristlichen Sinne
das Osterfeuer aufflammte: ein inneres Licht leuchtete aus der Finsternis, das den Tod und die
Krankheit überwinden sollte. == :
Zu ihrem größten Erstaunen erblickten die Druiden ein Feuer in der Nacht, und sie sprachen zu
König Loigaire:
„O0, König, wenn dieses Feuer nicht in dieser Nacht gelöscht wird, wird es niemals erlöschen. Er
wird alle Feuer unserer Religion überwinden Und wer es entzündete, wird alle Völker deines Reiches
verführen und für immer regieren!“
Der König zog dann mit zwei Hauptdruiden zu Patrick hinüber. Aber nichts vermochten die Zauber-
sprüche Lochru’s gegen Patrick’s Wortkraft; der sang den Hymnus:

„Ich weihe mich heute einer starken Kraft,


der Anrufung der Dreieinigkeit.
„Ich glaube an die Dreieinigkeit und bekenne mich
zur Einigkeit im Schöpfer des Weltalls“...*

Das Licht ‘der Welt durchleuchtete die Finsternis, die der Druide über Patrick zu verhängen suchte,
und Patrick zerschlug alle ihre Künste. Der König sah ein, daß dieses innere Geistesfeuer so gewaltig
in einem Menschenherzen strahlte, daß es imstände war, die alten Naturkräfte zu besiegen. Er ließ
Patrick und seine Missionare gewähren. Des Königs Bruder Conall trat zum Glauben über. Er war
ein Vorfahre des Columba.

Eine irische Homilie von St. Patrick sagt:


Patrick und Brigitte kamen zu Conall in Ballyshannon. Da legte Patrick segnend seine Hände auf
dessen Sohnes Haupt und sprach:

Ein männliches Kind wird von ihm geboren.


Er wird ein Weiser, ein Prophet, ein Dichter sein:
Lieb dem Lichte, rein und strahlend,
Von ihm geht nichts Falsches aus.

Und Brigitte fügte hinzu:

Männliches Kind von Ethne, leuchtend weiß


Ist es wie eine Sonnenblüte,
Kleiner Columkille, ohne Fehl und Makel.
Es war nicht zu früh, das zu sehen.

* Vollständig abgedruckt in „Die Christengemeinschaft“ 11, S. 371. Professor Bury meint in seinem Buche:
„Life of St. Patrick“, er könne von Patrick selbst herrühren oder aus seiner Zeit stammen.

183
sie mit jedem Lobeswort ja ihr eigenes Todesurteil aus-
Und Gott schweigt? sprechen. Ihm genügte das Sichtbare nicht, es fehlte ihm
von jenem inneren Reich des Unsichtbaren: wie
Diese Frage stellt Dwinger seinem kürzlich er-
etwas
sieht es denn im Innern dieser Menschen aus? Deun
schienenen Buch über Rußland voraus, dem, wie er in
damit konnte doch nichts erreicht sein, daß jene paar
dem Vorwort besonders feststellt, ein Tatsachenbericht
Kommunistenarbeiter satt zu essen hatten.
eines aus Deutschland emigrierten Kommunisten zu-
Noch tröstet er sich damit, daß das, was aus dem
grunde liegt, der kein anderes Ziel mit diesem Bericht
Reich der Ideen herabgezerrt wird, eben sich doch nur so
verfolgt als sachlich über seine Erlebnisse zu berichten,
verwirklichen läßt, daß auch das Allzumenschliche pein-
um dem deutschen Volk damit gleichsam eine Waffe in Eindringen
Kampf, „den wir als den lich dabei sichtbar wird. Mit jedem weiteren
die Hand zu geben für jenen
in die kommunistischen Verhältnisse muß er sich aber
entscheidenden unseres Jahrhunderts erwarten müssen“.
gestehen, daß es nicht geht, den Menschen einfach in
Der deutsche Kommunist lernt zunächst das neue
Ideen einspannen zu wollen, denn eines hat man ja dabei
Rußland in seinen paar Großstädten kennen, wo es be-
nicht bedacht, daß der Mensch ein lebendiges Wesen ist.
reits gelungen ist, die neuen Ideen zu verwirklichen, wo
„Wie wird dieser Kampf zwischen Ideenwelt und Men-
die Arbeiter in vorbildlich eingerichteten Räumen arbei-
schenwelt enden? Wird man Stalin als den Verkünder
ten, wo sie ihren Erholungsurlaub in den ehemaligen dem Lebens-
einer neuen Lebensform, die nicht auf
Palästen auf der Krim verbringen, wo ihre Kinder in
modexnst eingerichteten Säuglingsheimen verpflegt wer- genuß, sondern auf dem Opfer aufgebaut ist, ein Pan-
theon bauen oder wird man ihn verfluchen?“
den. Aber bald muß er die Entdeckung machen, daß
Was ihm zunächst als Ideenkampf erschienen war,
dies alles.nur für den hundertprozentigen Kommunisten-
arbeiter in Frage kommt, denn der muß ja leben, damit offenbart sich ihm dann in einer Art von Vision in seiner
die Aufrüstungsindustrie ihre fehlenden Maschinen habe. realen geistigen Wesenheit. Denn hinter dem, der die
Da man zu dieser Aufrüstung Valuta braucht, so expor- Natur verlacht und die Herrschaft des Gehirns prokla-
tiert man auf jeden Fall Getreide, gleichviel ob diese miert hatte, sieht er nicht einen irre gewordenen Men-
stehen, „sondern der Teufel selbst war es, der in
Getreidewegnahme für Millionen das Ende bedeutet. schen
Durch seine guten Beziehungen gelingt es ihm, aus den dieser Gestalt aus der Hölle gekommen war“.
Städten hinaus auf das Land zu kommen, wo die Miß- Und wie sprechen die dem Kommunismus entsprosse-
stände am allerärgsten sind. Rücksichtslos nimmt man nen Umtriebe zu den heutigen noch gläubigen -Russen?
den Bauern ihr letztes Getreide fort, ja manche Mutter, Gott schweigt, dieser Satz ist es, der sich der gottes-
die auf den Feldern die Ähren für ihre hungernden fürchtigen russischen Seele entringt, in ihrem Gott-
Kinder nachlas, wurde ebenso rücksichtslos erschossen. ergebensein auch jede gesunde Gegenaktivität im Keime
erstickend. -
Verhungerte Menschen findet er überall an den Wegen
liegen, Kinder zu Gerippen abgemägert mit riesigen Anders erging es damit dem Deutschen, der diesen
Bäuchen sieht er in den verlassenen Gehöften umher- Satz auch immer wieder zu hören bekam. Ihm wird
kriechen, Hunger ist die große Marter, die allen Men- dieser Satz zur Frage, unter die er seinen ganzen Auf-
schen, denen er begegnet, auf dem Gesicht geschrieben enthalt in Rußland stellt, aber diese Frage muß er mit
,
steht: einem glatten Nein beantworten, für ihn, den Deutschen
Aber er, der ein echter Deutscher ist, kann es nun ist es nicht Gott; der schweigt, sondern die Menschen
andre
nicht wie der reiseride Amerikaner machen, der sich mit sind es, die schweigen. Denn Gott hat ja keine
„als sich in seinen Menschen zu mani-
logischen Erklärungen zufrieden gibt, auch nicht wie jene Möglichkeit,
biederen Deutschen, die dem Kommunistenarbeiter festieren“. Und das Bitterste für ihn ist die Feststellung;
freundlich auf die Schulter klopfen mit den Worten: daß auch gerade die Christen schweigen.
Margarete Stickdorn
„Macht nur so weiter“ und dabei nicht bedenken, daß

Italienreise Herbst 1935


LisadeBoor

seine Persönlichkeit entgegen“, auch dieser Mensch


protestantischen Friedhof
wird sich eines Tages eingestehen müssen, daß er der
Auf dem
in Rom
täglichen Fülle der Eindrücke, die Rom gerade in diesem
Auch derjenige, der seinen Aufenthalt in Rom ein- Herbst bietet, kaum noch gewachsen ist. Nicht nur, daß
richtet nach dem Rezept Wedderkops, das er in seinem Antike, Mittelalter und neue Zeit hier in einzigartiger
amüsanten Buch „Was nicht im Baedeker steht“, gibt, Weise vermischt sind, es ist die Spannung, die über ganz
nämlich: „man setze den Jahrtausenden unbekümmert Italien liegt, die man mitempfindet, der drohende Krieg

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