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Die Christengemeinschaft

Diese Zeitschrift dient der religiösen Erneuerung der Gegen-


wart aus dem Geist eines sakramentalen Christentums, das
durch die Christengemeinschaft vertreten wird. Sie erscheint am
Anfang jedes Monats in Stuttgart und wird herausgegeben von
Dr. Friedrich Rittelmeyer
1A. Jahrgang 9 Dezember 1937

Advent °
Ernst Karl Plachner

Nun ist die Erde aufgetan


dem Hauch der unsichtbaren Wesen,
die im Äther wandeln.

Vor ihrem Schritt beugt sich die Tanne


auf den Winterhöhen,
ihr klares Antlitz spiegelt sich im Fluß,
der kalt und keusch zu Tale bricht.
1
Urheiliges wird in der Kuppel der Sterne,
schon strahlt sie auf im Äonengesang:
die Erdenmutter im kristall’nen Haus
empfängt den Lichteskeim
aus Vaterhänden.

Wulfila *
Die erste Begegnung der Germanen mit dem Christentum

Gerhard Hardorp

Römisches und germanisches Geistesleben

In ganz verschiedener Weise breitet sich das Christentum aus in der römischen Welt und bei den
germanischen Völkern. Bei den Römern trifft es auf ein geistiges Leben, an dem im Grunde nur
die führenden Schichten Anteil haben, das sich entwickelt hat auf der Grundlage der Sklaverei.
„VvYolksfremd“ ist diese Bildung, gebunden an Besitz und soziale Stellung. Die breiten ‘Schichten der

* Innerhalb von zwei Stunden kamen zwei Aufsätze an, die mit fast wörtlich gleicher Überschrift dasselbe
Thema behandeln. Die beiden Verfasser wußten bei ihrer Arbeit nicht das geringste voneinander, treffen sich
und ergänzen sich aber in schönster Weise. Wir machen unseren Lesern die Freude, beide Aufsätze unverkürzt .
hier nacheinander abzudrucen, um so ein wichtigstes Adventsthema gegenwartsgemäß zu unterstreichen.

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Bevölkerung sind von ihr ausgeschlossen. Ein tiefer Riß ist zwischen „Gebildeten“ und „Ungebildeten“.
Seit dem 3.—4. Jahrhundert verbindet sich das Christentum in seiner römischen Gestalt mit dieser
Bildung einer untergebenden Kulturschicht und trägt sie so hinein in die kirchlich gefärbte Kultur
des Abendlandes. Die verhäugnisvolle Folge ist, daß nun auch in den nördlichen Ländern das
Wissen um die Tatsachen des Christentums Sache einer führenden „gebildeten“ Oberschicht wird,
zunächst des Klerus. Die Menge des Volkes hat an dieser kirchlichen Bildung, die noch dazu nur
in der lateinischen. Sprache lebt, fast überhaupt keinen Anteil. Alles, was „Buchweisheit“ ist, bleibt
geradezu „Geheimwissen‘“ bestimmter Kreise. „Lesen“ ist eine Kunst der Gelehrten, d.h. klerikaler
Kreise. „Ein Ritter so gelehret was, daß er in den Büchern las, was er darin geschrieben fand“,
so kann noch Hartmann von Aue seinen „Armen Heinrich“ beginnen um 1200. Dieser Riß zwischen
„Gebildeten“, die ihr Wissen aus Büchern beziehen dank der Gunst ihrer sozialen Stellung, und den
„Ungebildeten“, denen ein solches kopfmäßig aufgenommenes Buchwissen nicht zur Verfügung steht,
kommt auf diesem Wege bis in unsere Zeit hinein. Ein verhängnisvolles Erbe, das überwunden
werden will!
In derselben Zeit nun, in der das Christentum in seiner römischen Gestalt sich mit der intellek-
tuellen Kultur der untergehenden Antike verbindet, entstebt das dogmatische Christen-
tum. Das Urchristentum hatte noch nach der Art der griechischen Weisheit, wie sie in den Mysterien-
stätten gepflegt wurde, Wege zu zeigen versucht, auf denen die suchende Meuschenseele sich ver-
binden konnte mit der geistigen Welt, mit dem Christus selber; die Apostelgeschichte noch nennt das
Christentum einen „Weg“. Jetzt entstand überhaupt erst diejenige Strömung des Christentums, die
man dann die römische genannt hat, und die versuchte, ein für allemal die Wahrheit durch Mehr-
heitsbeschluß der Konzilien juristisch festzulegen. Welch Unglauben an die Wahrheit! So entstanden
„Dogmen“, die Glauben forderten auf die Autorität hin einer Institution, der Kirche („ich würde
dem Evangelium nicht glauben, wenn die Autorität der Kirche es mir nicht verbürgte“, sagt Augu-
stinus) — und die einen individuellen Erkenntnisweg ausschlossen. Damals eine Neuerung, heute
scheinbar vom Wesen des Christentums untrennbar. Aber doch nur scheinbar! In Wahrheit ist
Dogmatismus dem Wesen echten Christentums fremd!
Ein ganz anderes Christentum finden wir bei den Germanen vor. Rätselhaft genug taucht es
auf, schon zu einer Zeit, wo. das „römische Christentum“ erst beginnt, sich auszuprägen. Es ist völlig
unabhängig davon, ja im Kampf mit ihm. Es trifft bei den germanischen Stämmen auf ein Geistes-
leben, das dem des Mittelmeerkulturkreises schnurstracks zuwiderläuft. Es gibt bei ihnen gar keine
Buchweisheit, es gibt darum auch keine „Gebildeten“ und „Ungebildeten“. Wohl gibt es wie überall
Toren und Weise; aber das Geistesleben beruht nicht auf Sklaverei, nicht auf sozialer Spaltung,
sondern auf den natürlichen Kräften des Volkstums, die den Menschen noch unmittelbar mit den
geistigen Wirklichkeiten verbinden, die ihn Erfahrungen und Erlebnisse machen lassen, ohne daß
es irgendeiner Dogmatik bedarf. Ja, selbst der Begriff „Weltanschauung“ im üblichen abstrakten
Sinne ist diesen Völkern völlig fremd. Sie hatten keine „Weltanschauung“ — sie schauten die Welt
an. Ihr Geistesleben ging unmittelbar hervor aus den Tiefen der Menschenseele (wie auch die
Mysterien die Tiefen der Seele entzauberten). Bezeichnend dafür ist die folgende überlieferte
Anekdote: Als die Goten Athen erobert hatten, wollte einer der Krieger die Brandfackel in die
Bibliothek schleudern. Ein anderer Gote hielt ihn zurück mit den- Worten: „Tu es nicht, denn mit
dem Lesen dieser Bücher verbringen die Romäer ihre Zeit und werden dadurch untüchtig zum Kriege!“
Das ist nicht Barbarei, das ist elementares Geistesleben, das nicht erst auf dem Umweg über Bücher
sich an den Kopf wenden muß, das den ganzen Menschen noch elementar ergreift.
Auf diesen Boden traf die Christusbotschaft. Und sie nahm darum eine völlig andere Form an.

Warum wurden die Germanen Ärianer?

Die zermanischen Völker nehmen im 4.5. Jahrhundert, im ausdräclichen Gegensatz zu Rom,


£’s’snire Richtuns des damalisen Christentums an, die man gewöhnlich mit dem Zufallsnamen
mar
I
„Ariamismus“ bezeichnet. Alle! Dieser Gegensatz gegen Rom und sein Christentum zeigt deutlich,
daß keinerlei Nützlichkeitsgedanken bei dem Christwerden der Germanen mitspielten. Unzweck-
mäßiger ging es kaum. Ist doch dieser konfessionelle Gegensatz einer der wesentlichen Grände des
Unterganges der Ostgoten im 6. Jahrhundert! Der Streit zwischen Arianern und Athanasianern er-
schüttert im 4. Jahrhundert das Leben der Christenheit. Worum handelt es sich? Die „Athanasianer“
vertreten die Anschauung, der göttliche Sohn sei dem Vater wesensgleich (homousios) — die Arianer
meinen, er sei ihm unterzuorduen, er sei nur wesensähnlich (homoiusios). Es scheint im wahrsten
Sinne des Wortes ein Streit um ein Jota zu sein. Und doch drücken sich hierin ganze Welten religiösen
Erlebnisunterschiedes aus. Die dogmatische Seite, wer „recht“ hat, ist für uns in diesem Zusammen-
hange nebensächlich. Aber es fragt sich: Welche Empfindungen, welche religiösen Grunderlebnisse
verbanden sich damals mit der einen und der anderen Anschauung? Welche Folgerungen zogen
sie nach sich?
Der Athanasianismus schlug Wurzel bei den Völkern römischer Geistesart. Diese kannten
im sozialen und politischen Leben keine Freiheit mehr, der Kaiser war für sie „Gott und Herr“,
der ihnen seinen Willen aufzwang. „Der Sohn ist dem Vater weseusgleich“ bedeutete für sie: er ist
eine unbedingte, äußere Autorität, „ein Gott, der nur von außen stieße“, dem der Mensch als das
„ganz Andere“ gegenübersteht, durch einen Abgrund von ihm getrennt. Der Mensch hat an ihn
za glauben. Einen individuellen Weg der Menschenseele zu ihm gibt es nicht. Die Kirche als seine
Stellvertreterin vermittelt dem Menschen die Gnade, der ihr vorbehaltlos glaubt. Augustinus, der
Kirchenvater, meint, daß „das Gesetz der Kirche, das zu glauben, was sie nicht bewies, maßvoll und
ohne Arg sei“. Der einzelne Mensch spielt keine Rolle, sondern die Kirche als Institution und die
durch sie garantierten Dogmen und Vorstellungen.
Der Arianismus empfindet das Göttliche stufenweise geordnet. Der Christus ist zwar kein
bloßer Mensch, vielmehr für den Menschen im vollen Sinne ein Gott, aber doch ist er dem Vater
untergeordnet. „Christus ist für die Menschen Gott, aber der Vater ist für Christus Gott“ (Glaubens-
bekenntnis des Gotenbischofs Wulfila). Welche religiöse Bedeutung hat diese Anschauung? Sie rückt
den Christus dem Menschenherzen näher. Er ist nicht ein ferner unnahbarer tyrannischer Gott, er
wird der göttliche Held, der „unsterbliche Bruder der sterblichen Menschen“. Sein Menschsein wird
ernst genommen (im Sinne eines göttlichen Heros), ohne daß er zum „schlichten Mann“ herabgewürdigt
wird. Er kann erlebt werden als der, der dem einzelnen Menschen erst die volle Menschenwürde gibt.
Er ist der Gott, der in der Seele des einzelnen Menschen aufleben kann, der ihn durch innere Ent-
wicklung sucht. Ohne ihn sind wir keine wahren Menschen.
Franz Spunda läßt in seinem Roman „Wulfila“ den athanasianischen Bischof Hosios von Corduba
zum Kaiser Konstantin sprechen: „Durch den Sieg des Arius würde das Göttliche mitten unter uns
wohnen; ich will aber, daß es als Ahnung von etwas nie Erreichbarem jenseits unserer kleinen Wünsche
erhalten bleibe. Gottnähe ist Rückfall ins Heidentum und schafft wohl Befriedigung der Herzen.
Christentum aber ist Gottesferne und soll dauernde Unruhe zu Gott hervorrufen, deren Besänftigung
nur durch die Gnadenmittel der Kirche gewonnen werden kann.“
Solch ein Christentum, wie es durch den Arianismus möglich wurde, war der germanischen Seele
innerlichst verwandt. Ja, da konnte sie anknüpfen an das Edelste, was sie als ihr Gotteserleben
kannte. Sie brauchte nichts zu verleugnen von allem Hohen und Schönen, das als Keim und Anlage
in ihr schlummerte. Die edelsten Tugenden und Ideale des germanischen Volksgeistes: sein Freiheits-
trieb, sein Sinn für Menschengröße, sein elementares Geisteserleben, sein Verwandtschaftsgefühl
mit der Welt der göttlichen Wesenheiten, sein heldischer Rampfeswille für hohe Menschheitsziele:
hier wurden sie nicht nur unangetastet gelassen — hier fanden sie erst ihre Rechtfertigung, die
Möglichkeit ihrer Entfaltung, ihre Erfüllung.
Darum wurden die Germanen Arianer. Da gab es keinen Bruch mit der Geistesgeschichte des ger-
manisches Volkes, kein Aufnehmen fremdartiger Vorstellungen — nein, hineingegossen wurde in
das, was das religiöse Erleben und Erwarten des Germanentums dieser Jahrhunderte war, die Bot-
schaft von etwas noch Höherem, das bisher nur ahnend gesucht worden war, und ein lichter Weg

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gezeigt, der den Menschen von dem Punkte, wo er stand, hineinführte in die geistigen Reiche, ohne
daß er vorher erst etwa Jude oder Römer werden müßte. Das germanische Geistesleben war ein
Keim; dies Christentum war seine Blüte. So wie aus der Knospe unter dem Segen des Sonnen-
strahls die Blüte sich entfaltet, so entfaltete sich die germanische Seele unter dem Einfluß dieser
Christusbegegnung aus ihren eigenen Gesetzen.

Wulfila

Das Verdienst, den Goten als erstem ‚germanischen Volke. das Christentum gebracht zu haben,
der
gebührt fast ausschließlich Wulfila. In dem Augenblick, wo. die Goten. deutlicher in das Licht.
Geschichte treten, wo sie sich über die römische Reichsgrenze an der unteren. Donau hinüberkämpften,
sind sie im Begriff, Christen zu werden. Wulfila ist eine der großen Gestalten des Urchristentums.
Hätte er nicht das Unglück, eine von Rom abweichende Meinung zu haben, würde er „Sankt Wul-
fila” heißen.
Geboren wurde er um 311 in dem Gotenreich des Königs Ermanarich, das damals ganz Ost-Europa
„Wolfgang“.
beherrschte. Sein Name, „Wölflein“, ist vielleicht eine Abkürzung eines Namens wie
nicht, wie er Christ wurde. In jungen Jahren ist er Lektor,
Von seiner Jugend wissen wir nichts,
schon mit 30 Jahren wird er unter Überspringung der Grade des Diakons und des Presbyters zum
Bischof geweiht. Er ist der Bischof der Goten. Ja, als ein Teil des Volkes im Jahre 348 auswandern
dieser
muß, weil der Herzog Athanarich die Christen grausam verfolgt, wird er auch der Volksführer
eine Heimat bauen. Allverehrt von Freund und Feind,
„Kleingoten“, die sich im Balkangebirge
breitet er die Christusbotschaft aus. Sogar die kirchlichen Gegner (und das will etwas heißen!)
Katho-
versagen ihm nicht die Achtung. So schreibt der griechische Kirchenhistoriker Sozomenos, 'ein
Z
lik, über Wuläla:
der Goten und hatte sie zum Glauben und zu einem ruhigeren und geord-
„Er war der Lehrer
nichts
neteren Leben geführt, deshalb gehorchten sie ihm in allen Stücken. Sie waren überzeugt, daß
Hatte er
schlecht sei, was er sage oder tue, sondern nützlich sei für die Gemeinde der Gläubigen.
zahllose Gefahren
ihnen doch mannigfaltige Beweise seiner Tugend gegeben und für den Glauben
eine Schrift
bestanden, als die Masse der Goten noch heidnisch war. Auch erfand er ihnen zuerst
und übersetzte die heiligen Bücher in ihre Sprache. Und das ist nun die Ursache, daß die Barbaren
. .
an der Donau Arianer sind im ganzen.“
Im Jahre 383 berief Kaiser Theodosius ein Konzil nach Konstantinopel, um den Streit zwischen
Arianern und Athanasiern endgiltig zu entscheiden. Auch Wulfila wurde eingeladen. Dort, in Kon-
in
stantinopel, starb er, noch bevor das Konzil begann, etwa 72jährig. Der „Zufall“ wollte es, daß
Athanarich, in der Verbannung starb. So
denselben Wochen dort auch sein früherer Verfolger,
wurde das öffentliche Interesse der Weltstadt Byzanz im Sommer 383 in Anspruch genommen von
zwei großen Leichenbegäugnissen zweier großer Goten, des Christen und des Christenverfolgers.

Wulfilas Christusbotschaft

es oben
Das Christentum, das Wulfila seinem Volke bringt, ist arianischer Prägung, wie wir
charakterisierten. Wulfila knüpft mit dem Neuen organisch an an das Volkstum in seiner edelsten
ab)-— Christus ist ihm
Art. Darum eben ist er Arianer (diesen Parteinamen lehnte er übrigens
h“, Urbild des
nicht der ferne Gott, sondern wie die Asen, ja mehr noch als sie, Heros, „Übermensc
eller des Menschenwe sens, der zweite
Menschen, der ja doch ein kosmisches Wesen ist, Wiederherst
von einer „J esus-Mystik “, wenn man darunter ver-
Adam im Sinne des Paulus. Man könnte sprechen
gottmenschl ichen Gestalt, eine Verehrung, wie sie ähn-
steht die Liebe zum Menschentum in seiner
werden kann als
lich. lebte im Mithraskult: Mithras der Sonnenheld, der auch im Menschen belebt
überwindet — der Mensch selbst ein Mithras. Mit
das Sonnenhafte, das das Niedere, den Stier,
wohnenden Menschen sicher auch vom Mithras-
ähnlichen Empfindungen, den im Südosten Europas

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herrschaft, Reich als Ausdruck der Volksgemeinschaft. Das Wort „Friede“, das ihm wohl in den
Kampfzeiten für seine Goten zu sehr nach „Pazifismus“, nach faulem Frieden geklungen haben mag,
ersetzt er genial durch „gawairthi“, das bedeutet: Einswerden, also etwa „Harmonie“, „sich einen
mit dem Werden der Welt“.
Und wenn der Gote das Vaterunser in der Prägung Wulfilas sprach, das „Atta unsar“, dann waren
notwendig ganz andere Empfindungen damit verbunden, als sie der römische Christ seiner Tage mit
den lateinischen oder griechischen Wortbildern verband. Wenn der Gote etwa betete: „Dein ist das
Reich‘ (theina ist thiudangardi), dann empfand er, der im Begriff war, die altgewordene römische
Welt zu stürzen: Wir wollen auf Erden Ziele verwirklichen, die das Göttliche zur Herrschaft bringen,
die Ziele des Christus sollen auf der Erde bis in das Gemeinschaftsleben der Menschen hinein ihre
Verwirklichung finden. Dafür lohnte es sich zu kämpfen, das gab echte Begeisterung (das Wort kommt
von „Geist“!) — zum Sturmangriff der frischen germanischen Völker gegen das noch mächtige, aber
morsch gewordene irdische Römerreich.
Solch ein graudioses Christentum war einmal da! In dieser Gestalt nahmen es die Germanen ur-
sprünglich auf. Es hielt nicht stand in den geschichtlichen Stürmen. Das römische Christentum er-
wies sich als zunächst erdenmächtiger und erdenklüger. Doch immer wieder taucht solches Christen-
tum wie ein verborgener Strom an die Oberfläche: in der iroschottischen Kirche des Nordens, in den
Ketzerströmungen des Mittelalters, im Urimpuls der Kreuzzüge — bis heute. Wir fühlen uns ihm
verbunden. Und wenn wir in der Weihehandlung uns betend einen mit denen, die Christus in sich
belebend uns vorangingen, dann soll auch Wulfila dabei sein. Ein Christentum, das nicht Dogma ist,
das ein Weg ist zum Christus und zum Geistigen im Weltall und im Menschen, darf, weil es damit
auf Wirklichkeiten weist, sich zu eigen machen die Worte, die Mereschkowski dem sterbenden Kaiser
Julian, dem Sonnenbekenner, in den Mund legt: „Wir siegen doch — mit uns ist die Sonne!“

Wulfila
Vom Eintritt der Germanen in das Christentum

Erwin Schühle

Als der germanische Volksstamm der Goten auf seinen Völkerwanderungszügen etwa um das Jahr
250 in Kleinasien die Landgebiete von Kappadozien und Kleinasien durchzog, führte er Scharen von
kriegsgefangenen Galatern und Kappadoziern mit sich fort und machte sie zu seinen Sklaven. Eine
der seltsam schicksalhaften Fügungen der Weltgeschichte wollte es, daß unter diesen Kriegsgefangenen
auch Christen waren. Die Pfingstgeschichte und die Paulusbriefe nennen beide Völker. Jene kriegs-
gefangenen Knechte gewannen viele Goten für das Christentum. Daß dies geschehen konnte, ist ein
großes Rätsel. Was mag in den Goten vorgegangen sein, als sie im Bewußtsein ihrer Völkerjugend-
kraft, im Vollgefühle ihres siegreichen Vorwärtsdringens und im Freiheitsgefühle ihres königlichen
Menschtums die neue Religion des Christentums seltsamerweise aus den Händen ihrer Sklaven ent-
gegennahmen? Man würde wahrlich niedrig denken von den Germanen der Völkerwanderungszeit,
wenn man glauben wollte, daß schwache knechtische Empfindungen in ihren Seelen durchgebrochen
seien. Das Gegenteil ist wahr. Die Jugendkraft der Goten, ihr Siegeswille und ihr Freiheitsgefühl emp-
fand sich urverwandt mit dem, was ihnen aus der Seelenhaltung der gefangenen Christen entgegen-
kam. Wohl waren diese Christen dem äußeren Geschehen nach die Knechte. Aber dem Geiste nach
trugen sie unverkennbar den Adel eines freien Menschentums auf ihren Stirnen. Zwar waren sie
dem äußeren Bilde nach Besiegte, aber in Wahrheit fühlten sie im Hinblick auf ihr Christentum und
auf ihr Leben unbezwingbare Siegesgewißheit in ihrer Brust. Dies war es, was viele Goten für das
Christentum gewann. .
Man kann nicht stark genug auf das historische Faktum deuten, daß die Goten das Christentum
zu allererst von ihren kriegsgefangenen Sklaven entgegennahmen. Gerade darin liegt ein tiefer Sinn
verborgen. Die Geistbegegnung von Germanentum und Christentum sollte sich an dieser Stelle in

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völliger innerer Yreiheit vollziehen. Denn das allein entsprach dem Freihsitsärzuge der Germanen.
die auf dem Felde des Geistes Freiheit fühlen wollten. Auch nicht der letzte Schatten irzend eines
Machtgeschehens durfte wirken. Nicht ein Rest von Hoffnung auf änferen G’zrz ur Vorteil sollte
im Spiele sein. Einzig und allein die Wahrheit und der Geist des Christertu=s =Stsn entscheiden.
Anders wollte echtes Christentum nicht wirken. Machteinflüsse waren ihm wesszsfrerd, Und wo es
solche in der Geschichte aufnahm, hat es sich immer von seinem eigenen Ursprorz st zetrennt. Mögen
in späteren Jahrhunderten andere Germänenstämme durch Gewalt zum Christentum zekommen sein,
mag dadurch das reine Bild der Geistbegegnung von Germanentum und Christentum eine Verfäl-
schung erfahren haben, so darf dies doch den Blick dafür nicht trüben, daß die erste Aufrahme
des Christentums durch die Germanen sich in völligster Freiheit vollzogen hat. Es ist. als hahe sich
weltgeschichtlich das wiederholt, von dem Paulus im Hinblick auf das Christuswesen selber spricht:
„Bin jeglicher sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war, welcher, ob er wohl in göttlicher Gestalt war.
hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich sein, sondern entäußerte sich selbst undnahm Knechts-
gestaltan, ward gleich wie ein anderer Mensch und an Gebärden als ein Mensch erfunden.“
Wulfila, 318 geboren, wirkte 40 Jahre lang bis zu seinem Tod 388 als Bischof unter den Goten.
Er war der Sohn einer der kriegsgefangenen kappadozischen Familien. Vielleicht daß seine Mutter
kappadozische Christin und sein Vater Gote war; es kann jedoch auch sein, daß beide Eltern aus
Kappadozien stammten. Das eine ist gewiß, drei Hauptkräfte waren bei der Erziehung des Knaben
wirksam: gotisches Volkstum, christliche Religion und griechische Bildung. Wulfila wuchs unter den
Westgoten auf, beim Stamme der Thervingen, der damals an der unteren Donau saß und dessen
Führung der Heldenkönig Hermanrich dem Gotenherzog Athanarich übertragen hatte. Seine Wirk-
samkeit als Bischof war so mächtig, daß er immer mehr Goten für das Christentum gewann, bis
Athanarich die Christen unter seinen Stammesangehörigen verfolgte. Manche starben den Märtyrer-
tod. Andere gingen als Bekenner siegreich aus dem Glaubenskampf hervor. Als die Verfolgung
heftiger zu werden drohte, zog Wulfila mit einer großen Schar christlicher Goten aus der Heimat
fort. Auf römischem Gebiet, in Moesien, fanden sie neuen Wohnsitz. Mit ungebrochenem Mute missio-
nierte er von dort aus unter den zurückgebliebenen Goten jenseits der Donau weiter.
Wulfla krönte sein Lebenswerk mit der großen Kulturtat der Übersetzung der Bibel aus dem
Griechischen ins Gotische. Als kostbarer Schatz wird heute der Codex argenteus, auf purpur-rötlichem
Pergament mit silbernen Buchstaben gezeichnet, in Upsala in Schweden aufbewahrt. Um diese
Bibelübersetzung webt ein eigenartiges Geheimnis, auf das der geniale Jakob Grimm hindeutet
- durch die Bemerkung, daß es keine deutsche Mundart gibt, die so stark wie das Gotische sich dem
Griechischen anschließen könnte. Ja es wird sogar gesagt, daß es überhaupt keine andre Sprache gibt,
die so stark dem Griechischen verwandt gewesen sei wie die gotische. Griechischer und germanischer
Sprachgeist wirken da zusammen, um dem Christentum bei den germanischen Völkern einen Sprach-
leib zu bereiten.
Betrachtet man die Bibel Wulfilas mit dem Auge des Sprachforschers, wie dieses Jakob Grimm und
seine Freunde, vor allem der Bonner Theologe Krafft, getan, so entdeckt man darin die Urverwandt-
schaft des Christentums mit dem Germanentum. Es kann uns daun zumute sein, als schaue ‘uns an
vielen Stellen dieser Bibel die germanische Mythologie mit ihrem Götterhimmel aus verborgenen Tiefen
entgegen. Germanisches und Christliches erscheint in wunderbarer Art verschwistert.
Einige zentrale Worte der Bibelübersetzung Wulfilas sollen selber sprechen. Das Wort xtdorog der
Herr, mit dem das Neue Testament Christus benennt, ist mit frauja übersetzt. Das entspricht ethy-
mologisch dem Götternamen Freyr, der gotisch Fraus lauten sollte. Wulfila wählt dafür die vollere
Form. Man bedenke das Außerordentliche, daß in den Seelen der christlichen Goten, wenn sie im
Evangelium das Wort frauja, der Herr, vernahmen, die verblassenden Erinnerungen an den Lichtgott
Freyr, den Herrn des Lebens und des Friedens, mitgeschwungen haben müssen. Nur daß sie jetzt in
Christus den Herrn der Lebenskräfte und der Segnungen des Lichts erlebten. Noch im 6. Jahrhundert
finden wir in alten westgotisch-christlichen Hymnen den Nachklang dieser Empfindungswelt. So be-
ginnt ein wunderbarer Abendhymnus mit den Worten:

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Christus, Licht der Welt, unser Heilsherr mächtig,
Du erfüllst den Tag mit der Sonne Gleißen
sprenkelst gold die Nacht, wenn Du zündest ringsum
schimmernde Sterne.

Aber das ist nichts Vereinzeltes. Etwa nur ein sprachlicher Zufall. Die beiden griechischen Worte
für Lieben übersetzt Wulfla mit frijon. Ein Wort, das sprachlich mit Freya, der Göttin der Liebe,
verwandt ist. Die Götter Baldur und Nanna finden wir wieder in den Worten baldhs und nandhjan,
dort wo im Neuen Testament die Worte für wagen und freies mutiges Hervortreten stehen. Und
selbst die dunklen Regungen der Menschenseele, auf die die Bibel deutet, wenn sie vom Geize und
von der Habgier spricht, erinnern in den Worten geiro und frikei an die Namen der beiden Wölfe
Odhins Geri und Freki.
Viele Worte des Neuen Testaments, die im Sprachgebrauchder Christen in der Gegenwart abstrakt
und abgegriffen klingen, haben in der Sprache Wulfilas noch einen weiten, geisterfüllten Sinn. So
wenn heute vom Ratschluß Gottes oder von. der Welt gesprochen wird. Ratschluß Gottes ist in der
Gotenbibel mit regin oder ragineis übersetzt. Das ist der gleiche Ausdruck, den die Germanen für
die Götter insgesamt als die ratschlagenden, weltordnenden Gewalten gebrauchten. ‚Da gingen die
Berater (ragin) zu den Richterstühlen, hochheilige Götter hielten Rat, hießen Morgen und Mittag
des Tages Under und Abend die Zeiten zu ordnen’, verkündet die Edda. Das Wort Ratschluß Gottes
bekommt durch den Ausdruck regin den Hintergrund der Mitwirkung vieler mitratender göttlicher
Wesen. Die Vielheit der Engelwelten schließt sich au die Vielheit der germanischen Götter an. Und
das neutestamentliche #dowog die Welt, im Sinn des schuldhaft Vergänglichen, übersetzt Wulhla
mit dem rätselhaften Worte mana-seths, die Menschensaat. Die Welt wird als Ackerfeld erlebt, auf
dem die Menschheit als Saat von den Himmelsmächten ausgesät ist, in der Hoffnung Früchte zu be-
kommen und in der Sorge, daß die Saat verdirbt. Ganz offensichtlich ein uraltes, mysterienhaftes
Wort. Im Johannisgebet der Menschenweihehandlung ersteht es wieder. Dort wird auch von der
Menschensaat- gesprochen, die schuldbeladen und heilbedürftig ist.
Wenn Vieles von den Grundanschauungen des Christentums von den Goten. begriffen wurde aus
den eigenen Erfahrungen ihrer germanischen Frömmigkeit, so hat umgekehrt das Christentum Vieles
völlig neu belebt, was im Begriffe war, aus dem unmittelbaren echten Erleben des alten germanischen
Frommseins zu verschwinden. Die Götterdämmerung war hereingebrochen. Die einstmals starken
Geisterlebnisse der alten Religion waren endgiltig im Versinken. In neuen Formen, mit neuen
Kräften führte das Christentum das uralt Heilige wieder herauf. So konnte Wulfila das Wort uvorhgLov
Geheimnis im Neuen Testament mit runa, Rune wiedergeben. Die Geheimnisse des Reiches Gottes,
von denen zu wissen den Jüngern gegeben ist (Lucas 8, 10), sind die Runen Gottes. Die in Verfall
geratene Runenkunde wird durch neues Erleben der göttlichen Welt abgelöst. Ein neues Ruuenwissen
wird begründet. Der den Germanen eigentümliche Drang, die Zukunft durch das altgeübte sakrale
Werfen der Runenstäbe zu erforschen, wird umgewandelt in das christlich-apokalyptische Schauen,
das die Kraft des Logos, des göttlichen Wortes in den Seelen erweckt. An die Stelle der Göttermythen
tritt das Evangelium. Das Wort uödos Mythus wird übersetzt mit spill, Erzählung, magischer Spruch.
Spillon heißt Botschaft bringen, thiuth-spillon, gute, frohe Botschaft bringen, das Evangelium ver-
kündigen. Der alte Göttermythus ist zum Evangelium geworden. Das ist die große Wahrheit, welche
den Gang der Weltgeschichte mit eihem tiefen Sinn durchdringt.
Man könnte dergestalt die gauze Bibel Wulfilas Wort für Wort betrachten und mit Verwunderung
und Staunen die rätselvolle Alchemie der Sprachen und die innige Verschmelzung zweier Welten
erleben. Tief schaut man dabei hinein in die innersten Gründe der germanischen Seele. Niemals
konnten die Germanen das Christentum in festgeprägter Form als eine Welt von Offenbarungen un-
verändert von außen her entgegennehmen, wie dies die Völker des Südens ihrer Art entsprechend
taten. Die Geisteswissenschaft hat auf diese weltgeschichtlich hochbedeutsamen Gegensätze hin-
gewiesen. Die germanischen Völker empfanden alles, was das Christentum gebracht, aufs innigste

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verwandt mit dem, was in den eigenen Seelentiefen lebte. Von innen her, aus den eigensten Seelen-
gründen wurde das Christentum wie neu geboren. Es wurde ganz in das germanische Volkstum
aufgenommen und exrstand daraus gewissermaßen neu. Reines, unverfälschtes Christentum wurde
zum Kernstück des Germanentums, das seinen höchsten Zielen dabei die Treue hielt. Sich von diesen
zu lösen, würde bedeuten, sich von sich selber abzuwenden. Dies leuchtete in Wulfla und seiner
Bibelübersetzung auf wie ein erster heller Stern am Himmel der Geistbegegnung von Germanentum
und Christentum. Viele andere Sterne folgten bis in die Gegenwart herein. Mögen sie unvergessen
und in ungebrochenem Lichte leuchten!

Die heilige Elisabeth und die Frau Holle


Adolf Ammerschlaeger
Im „Tannkäuser“ hat Richard Wagner die Tannhäusersage in Verbindung gebracht mit der Gegend
um Eisenach und mit den Sagen, die sich an sie knüpfen. Frau Venus haust im Hörselberg; ihr
gegenüber auf der Wartburg wohnt Elisabeth. Im Kampf der Gegenmächte um Tannhäusers Seele
siegt die Reinheit und Opferkraft Elisabeths über die Kraft luziferischer Verlockung in Venus.
Wagner hat da mit seinem sicheren mythischen Instinkt Imaginationen gestaltet, denen eine tiefe
Wirklichkeit zukommt, die sich immer wieder in vielen sagenhaften Vorstellungen und Überliefe-
rungen durchzuringen versucht hat. -
„Frau Venus“ ist eine Bezeichnung, die mittelalterliche und spätere Gelehrsamkeit aus dem Latei-
nischen auf die Gestalt übertrug, die im Volke „Frau Holle“ heißt, und die uns durch das Grimmsche
Märchen vertraut ist. Daß es sich um sie handelt, geht daraus hervor, daß sie im Hörselberg haust,
der in den Volkssagen seit alters der Sitz der Frau Holle war. Und gerade das hessich-thüringische
Gebiet, in dem später die heilige Elisabeth als Landgräfin lebte, ist das Zentrum der Frau-Holle-
Sagen, die von da aus bis in die Maingegenden und nach Westfalen hineinreichen. Wenn man diese
Sagenbildungen vergleicht mit der Gestalt der heiligen Elisabeth, wie sie in den Vorstellungen des
deutschen Volkes weiterlebte, so findet man ‚merkwürdige Beziehungen. .
Oft sind ja altgermanische, vorchristliche Vorstellungen und Kultgebräuche in die Heiligen-
Verehrung eingegangen. Wo das im späteren Mittelalter — nach Elisabeths Zeit — geschah, handelt
es sich aber meist um nicht mehr verstandene abergläubische Dinge, die durch die äußerliche Ver-
christlichung nicht anders wurden und unerlöst blieben. In diesem Fall liegt es anders: Elisabeths
kurzes Leben war so, daß es gleichsam selbst zum Mythos werden konnte, und zwar zu einem
solchen, der die alten unverständlichen Vorstellungen erlöste.
Will man die ursprüngliche Gestalt der Frau Holle aus den Sagenüberlieferungen erfassen, so muß
man die Sagen unterscheiden nach den Bewußtseinszuständen, denen sie entstammen. Als Nieder-
schläge früheren mythischen Bewußtseins enthalten sie so viel von geistiger Wirklichkeit, von übersinn-
lichen Schauungen, wie der Bewußtseinszustand, aus dem sie hervorgingen, noch zu fassen oder zu
spiegeln vermochte. Je näher dieser Bewußtseinszustand dem heutigen Verstandesdenken steht, desto
weniger wird er uns verraten von der geistigen Wirklichkeit, mit der er sich beschäftigt *.
Einer sehr späten Bewußtseinsschicht mögen die Sagen entstammen, die Frau Holle als schwarzes
Weib mit gluhen Augen und feurigem Mund oder als scheußliche, bucklige Alte mit langer Nase oder
langen Zähnen schildern, wie sie auch Luther einmal beschreibt. Da ist der letzte Rest eines mythi-
schen Bewußtseins mit dekadenten Dämonen- und Teufelsvorstellungen durchsetzt worden. Auf älteste
Mysterien des keltisch-germanischen Kulturkreises dagegen weisen die Sagen, in denen Frau
Holle.
als Geburtsherrscherin, als Göttin der „ätherischen Welt“: des lebendigen Wassers erscheint.
Sie
* Die historisch jüngere isländische Sigurdsage der Edda entstammt z. B. einem entwicklungsgeschichtlich
„früheren“ Bewußtseinszustand als die historisch ältere fränkische Nibelungensage. Deshalb gibt sie uns
in
vielen Zügen den Mythos reiner, unverfälschter als die letztere. Das hat wiederum Wagner mit sicherem
Griff erfaßt.

233
unde verläßt; dann kann sie als
ist die Herrin von Seen und Quellen, die sie zuweilen in der Mittagsst
im See badet oder als weißer Wirbelwind dahin-
überaus schöne Frauengestalt gesehen werden, die
und die neugebor enen Kinder kommen aus ikrem Brunnen.
fliegt. Sie macht Regen, Nebel und Schnee,
macht sie fruchtbar. Sie zieht aber auch Kinder in ihren
Weiber, die in ihren Brunnen steigen,
zu Wechselbälgen. Und da
Brunnen hinein und macht die guten zu Glückskindern und die bösen
en wird. Das sind alles Züge,
drunten ist ihr Reich, wie es im Märchen von der Frau Holle beschrieb
die auf die alten Nerthus-Mysterien deuten. *
um die Mittwinter-
Alle diese Geburts- und Fruchtbarkeitsmytben gruppieren sich ganz besonders
zeit, die alte „Mütternacht‘“. Das ist die Zeit, in der nach uralter Weihesatzung die echt geborenen
Kinder zur Welt kamen. Das ist die Zeit, in der die Erde das Wachstum und die Fruchtbarkeit des
keit. Aus Thüringen
ganzen Jahres erhält. Da zieht Frau Holle um und verleiht den Äckern Fruchtbar
man in den „Zwölften“ im Garten die Obstbäume rüttelte und sagte:
ist der Brauch überliefert, daß
die allein Frau Holles
„Bäumchen schlaf nicht, Frau Holle kommt!“ Auch werden die guten Menschen,
Würzburg und Wertheim
Peitschenschlag in dieser Zeit vernehmen, von ihr mit Gaben beschenkt. In
daß in der Christnacht Frau Holle oder .„.die Hullefrau“ im weißen
am Main war es der Brauch,
Gaben spendete,
Mantel oder im weißen Kleid mit goldener Krone umherging und den guten Kindern
nd“, das in manchen Gegenden
besonders Äpfel und Nüsse aus ihren Sommergärten. Das „Christki
ist ursprünglich die Frau Holle gewesen. Im Westerwald galt der
heute in dieser Weise erscheint,
heiligen Nächte, die Nacht
Donnerstag vor Weihnachten als Holleabend, in Thüringen ist die letzte der
wieder in ihren Hörselber g zurückkehrt. Besonders
vor dem Dreikönigstag die Hollenacht, in der sie
rt, nach dem in der Weihnachtsnacht „der
bedeutungsvoll erscheint ein Bericht aus dem 13. Jahrhunde
Holda nennt“, der Tisch gedeckt wurde. In
Königin des Himmels, welche das Volk Frau
diese Himmelskönigin, sondern
vielen anderen Nachrichten und Sagen ist die Frau Holle nicht mehr
der „Wilden Jagd“, des Totenheer es, und von Hexen und
ein mehr elementarischer Geist, Führerin
späteren mythische n Bewußtsei nsschicht zu tun, die etwa
Zauberern. Da hat man es schon mit einer
schildern mehr eine Welt des
der Zeit der Wotansmysterien (und ihres Verfalls) entspricht. Sie
in die makrokosmischen Kräfte
Seelenhaften. Während die älteren Mysterien im Hineinverwobensein
Seelischen gesucht werden: Dem
erlebt werden, muß in der späteren Zeit schon stärker im eigenen
in aber auf dieser Stufe von seiner
entsprechend haust da Frau Holle im Berg. Löst sich das Bewußtse
ekstatisch und entspricht der wilden Jagd. Auch die Frau Vrene
Leibgebundenheit, so ist das Erlebnis
sch Free) weist auf die Wotans-
der Tannhäusersage gehört in diese Schicht; ihr Name (norddeut
zeß gemacht wurde, nannte sie „Frau
gattin Frigg. Diel Breull, ein Hesse, dem 1630 der Hexenpro
her wie ein hohler Baum von rauhen
Holt“ und beschrieb sie als „ein fein Weibsmensch, aber hinden
noch Niedrig-Elementarisches erfaßt,
Rinden“. Da sehen wir, wie das atavistische Bewußtsein nur
usw. Und doch lebt auch in diesen
ebenso wie in den Sagen von den wilden Hollen, Waldweiblein
gestalt, insofern diese gerade in den
dekadenten Resten noch eine Spur der ursprünglichen Mysterien
in der Frau Vrene, die schließ-
pflanzenhaften, zeugenden Kräften waltet. Diese Urgestalt schimmert
in der wilden Jägerin, in der Göttin
lich mit der südländischen Venus verschmolz, ebenso durch, wie
Maria Popula gemacht wurde und
der Jagd „Holla Poppa“ von Pottendorf bei Gera, die zur Heiligen
E

Auch in die Barbarossasage des Kyffhäuser,


im Volk als „Bornkindl“ und „Marienpuppe“ weiterlebt.
ist Frau Holle eingegangen, als „Königin
die ja manches vom Wotans-Mythos aufgenommen hat,
als alte Schaffner in dem Kaiser die Wirt-
Holle“, eine freventlich ermordete Königswitwe, die
:
schaft führt.
zum Flachsbau und zum Spinnen.
Eine besondere Beziehung hat der ganze Frau-Holle-Mythenkreis
die Perchta vertreten wird, heißt es, Hulda habe den Flachs-
In Tirol, wo die Frau Holle sonst durch
ngsgeschichte. 1926. — Daß Frau Holle mit
* Siehe Uehli: Nordisch-germanische Mythologie als Entwicklu
fährt, den ihr ein des Weges Kommender verkeilen muß, erinnert an
ihrem Wagen oder Pflug durchs Land
holt, erinnert an die keltischen Kessel-Mysterien
den Nerthus-Wagen. Daß sie in Eimern oder Kesseln Wasser
ein Bauer vor der Frau Gode, die dort der Frau
der Ceridwen. In einer mecklenburgischen Sage rettet sich
Holle entspricht, dadurch, daß er unter einen Kessel kriecht.

234
bau eingeführt. In Hessen und Thüringen gibt es eine Menge Sagen und Gebräuche rom Spinnen ir
der Zeit der Zwölften. Bald ist es ganz verboten und wird von Frau Holle bestraft, bald werden
die fleißigen Spinneriunen von ihr belohnt, müssen aber am Hollenabend den Rocken ganz ab-
gesponnen haben usw. \
In den Frau-Holle-Märchen (Frau Holle, Die Seidenspinnerin), die in ihrer größeren Bildhaftig-
keit oft mehr ausdrücken als die Sagen, ist das Bild des Spinnens stets ganz besonders wesentlich.
Es ist klar, daß es sich dabei um die überall verbreitete mythische Vorstellung vom Spinnen des
Lebensfadens handelt. Es ist ein Arbeiten mit den ätherischen Kräften, die zeitlicher, nicht räumlicher
Art sind. Das Abreißen des Fadens ist das Eingehen in die geistige Welt zur Frau Holle, der Brunnen
oder die Quelle ist in diesen Zusammenhängen die Schwelle zur oder aus der geistigen Welt. Je
nach Verdienst wird die Seele dann als Gold- oder Pechjungfrau wiedergeboren. *
Wenn die Sagen und Bräuche diese geistigen Wirklichkeiten auch nicht so unmittelbar anschauen
lassen, so leben sie doch auch in ihnen noch verborgen weiter. Die beschauliche, gemeinschafts-
getragene Spinnstubenstimmung der dunklen Jahreszeit mag in empfänglichen Gemütern manches
Urvergangene zum Erklingen gebracht haben. Der Fleiß der Spinnerin, der von Frau Holle belohnt
wird, ist ein Bild für das warme Interesse gegenüber dem Leben, seinen Schicksalsfügungen und
-pflichten. Es ist aber auch zuweilen, namentlich in Zeiten besonderer Erhebung, wie in der Weih-
nachiszeit, angebracht, von den Erdenpflichten aufzuschauen und die Seele den Einflüssen der gött-
lichen Welt zu öffnen. Diese Einsicht mag in Menschenherzen gelebt haben, wenn man erzählte, daß
in den heiligen Nächten nicht gesponnen werden darf, und daß Frau Holle der Spinnerin, die das
nicht beachtet, den Rocken verwirrt oder sie sonst bestraft. Das heißt, daß der Schicksalsablauf eines
Menschen, der die geistigen Gesetze außer acht läßt, sich zum Unheil verwirrt oder gar in Krankheit
und Tod führt. -
Natürlich entstammen alle diese Überlieferungen einem Bewußtsein, das längst nicht mehr dem
entsprach, aus dem sie ursprünglich als Anschauung hervorgegangen sind. So lange sie aber nicht ver-
gessen oder als Kuriositäten in Büchern gesammelt waren, muß wenigstens ein geringer Rest von
Empfindung der einstigen Wirklichkeit in den Menschen gewesen sein. Wenn der Verstand diesen
Empfindungsrest nicht zu fassen vermochte, wurden zuweilen Verbindungen mit den zeitgemäßeren
Bewußtseinsinhalten gesucht. So wird aus der Hullefrau ein „Christkind“, aus der Holla Poppa die
Maria Popula, aus der Frau-Hollen-Wiege (eine Vertiefung im „Wilden Stein“ bei Freiensteinan) eine
Christkindchens-Wiege. Das ist aber nur eine sehr äußerliche Verchristlichung, nicht eine innerliche
Verwandlung und Erlösung der alten, nicht mehr verstandenen Bewußtseinsinhalte. Und diese Ver-
wandlung und Erlösung wurde und wird auf dem Grunde der Seelen ersehnt.
In der Zeit der Elisabeth von Thüringen, d.h. im 13. Jahrhundert, waren die Geistes- und Gemüts-
kräfte, denen die alten mythischen Vorstellungen etwas geben konnten, zu Ende und die Sehnsucht
nach ihrer Verwandlung besonders lebendig. Die Seelenhaftigkeit, die sich bis dahin am Naturvor-
gängen entwickeln konnte, mußte sich jetzt am eigenen Seeleninnern entwickeln. Elisabeth selbst
gelangte zu einer für ihre Umgebung einzigartigen Verinnerlichung des Lebens. Und ihr Leben wurde
für das Volk ein Bild, ein Mythos im neuen Sinn, der die alten mythischen Vorstellungen verwandelte
und erlöste. Nur dadurch konnte sich ein so kurzes Meuschenleben von 24 Jahren so tief und un-
auslöschlich in das Gemüt des Volkes einschreiben. So wurde Elisabeth eine verchristlichte Frau Holle.
Es knüpfen sich Sagen an sie, daß sie in besonderen Augenblicken ihres Lebens verklärt erschien,
von überirdischem Glanz umflossen, und der Zauberer Klingsor liest ihre Geburt in den Sternen:
da leuchten die entschwindenden Anschauungen von der Himmelsherrin Frau Holle neu auf. So
gelten auch die Elisabeth-Brunnen als heilkräftig wie die Frau-Holle-Brunnen. Und die Legende vom
Rosenwunder: ist sie nicht ein imaginatives Bild für die Durchehristung und Verwandlung der Äther-
kräfte, über die einst Frau Holle waltete? Solche Dinge mögen erst nach Elisabeths Tod in Menschen-
gemütern als Bild aufgetaucht sein. Das konnte aber nur deshalb geschehen, weil in diesem Leben
* Vergleiche Emil Bock: Wiederholte Erdenleben, 1932, S. 20, und Rudolf Meyer: Vom Schicksal der
Toten, 1934, S. 107.

235
bescheiden und menschlich Dinge getan wurden, die im Volke in der Form von Vorstellungsresten
alter, kosmisch übermenschlicher Mysterien noch vorhanden waren. Aus menschlichem Mitleid ge-
schieht es, daß Elisabeth den Frauen in Kindesnöten hilft, die Kranken pflegt und heilt, Schick-
sale löst und lindert. Aber diese Menschlichkeit ist so rein, daß in ihr jene alten Vorstellungen
eine neue ‘Weihe finden und fortan mit ihr verbunden werden. Es heißt, daß Elisabeth durch ihr
Gebet der Seele ihrer verstorbenen Mutter helfen konnte, und ihr Schwager Konrad sieht sich in
einer Entrückung, die ihm in schwerer Krankheit zu Rom widerfährt, durch Elisabeth vom Fege-
feuer befreit und wird dann Deutschordensritter. Da werden auch Schicksalsfäden gesponnen in
‚christlicher Liebe. Ein frommer Mensch greift heilend und ordnend in Schicksale ein. Elisabeth als
Spinnerin unter ihren Mägden sitzend, wie sie der Holzschnitt von Hans Baldung Grien zeigt, war
eine Lebenswirklichkeit. Aber diese Lebenswirklichkeit entsprach einer Imagination, war ein Real-
symbol. Die alten Bildvorstellungen von Frau Holle waren luziferisch geworden und führten nur
noch ein abergläubisch gespensterndes Dasein. Hier wurden sie menschlich und erlöst. So wurde
Elisabeth eine Heilige des Volkes. Als Richard Wagner in ihr die heilende Gegenmacht gegen die
luziferisch gewordene Frau Holle-Venus sah, brachte er diesen geistigen Tatbestand ins künst-
lerische Bild.

Weihe-Nacht
Lisa de Boor

Der „Heilige Abend“: das ist ein geläufiger Ausdruck geworden für das Fest-Geschehen zur Winter-
sonnenwende, vertrauter jedenfalls als das feierliche Wort „Weihe-Nacht“. Man feiert ja auch dies
christliche Fest hauptsächlich am Abend, im Familienkreis, im Zimmer um den Christbaum geschart,
und kaum gehen Einzelne oder Gruppen von Menschen hinaus in die „Weihe-Nacht“. Aber wenn
wir uns an das Urgeschehen ‚vor 2000 Jahren erinnern, so war das ja ein Doppeltes. Drinnen im
Stall geschah die Geburt des göttlichen Kindes, draußen in der Natur öffneten sich die Himmel,
ertönten die Worte der himmlischen Heerscharen. Einen Abglanz solcher Herrlichkeit kann man auch
heute noch in der Weihe-Nacht erleben. Dichter haben dafür immer eine Empfindung gehabt. In
gemüthafter Weise schildert Theodor Storm diesen Abglanz, wenn er ein Weihnachtsgedicht beginnt:

Vom Himmel in die tiefsten Klüfte


Ein milder Stern herniederlaht — — —

Auch Eichendorff, der Romantiker, kommt der feierlichen Realität der Weihe-Nacht ganz nahe:

Und ich wandre aus den Mauern Sterne hoch die Kreise schlingen,
bis hinaus ins freie Feld. _ \ Aus des Schnees Einsamkeit
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern Steigt’s wie wunderbares Singen
Wie so weit und still die Welt. O, du gnadenreiche Zeit!

Am großartigsten wird uns aber der Eindruck der Weihe-Nacht vermittelt in der wunderbaren
Prosadichtung Adalbert Stifters, in „Bergkristall“. Da verlaufen sich die Schusterskinder am Heiligen
Abend auf dem Heimweg von einem Besuch im Nachbardorf. In einem ungeheuren Schneefall wandern
sie dahin, ohne Weg und Steg. Sie merken nicht, daß sie immer höher steigen, nach Stunden unauf-
haltsamen Gehens finden sie sich am Rand des Gletschers, im ewigen Eis. Es hörte auf zu schneien,
sie suchen Schutz in einer Eishöhle, stärken sich mit Lebkuchen und einem starken Kaffee-Extrakt,
den sie für die Mutter mitbekamen und schauen dann wachen Sinnes die Wunder der Weihe-Nacht:
„Die Schneewolken waren ringsum hinter die Berge hinabgesunken,
und ein ganz dunkelblaues,
fast schwarzes Gewölbe spannte sich um die Kinder, voll von dichten brennenden Sternen, und mitten
durch diese Sterne war ein schimmerndes, breites milchiges Band gewoben, das sie wohl auch im Tale,
aber nie so deutlich gesehen hatten. Die Nacht rückte vor. Die Kinder wußten nicht, daß die Sterne

236
gegen Westen rücken und weiterwandeln, sonst hätten sie an ihrem Yorschreiten den Stand der
Nacht erkennen können; aber es kamen neue, und es gingen die alten, sie aber glaubten es seien
immer dieselben. Es wurde von dem Schein der Sterne auch lichter um die Kinder; aber sie sahen
kein Tal, keine Gegend, sondern überall nur Weiß — lauter Weiß... Es war nun Mitternacht ge-
kommen. Weil-sie noch so jung waren und an jedem Heiligen Abend i im höchsten Drang der Freude
erst spät entschlummerten, wenn sie nämlich der körperliche Drang übermannt hatte, so hatten
sie nie das mitternächtliche Läuten der Glocken, nie die Orgel der Kirche gehört, wenn das Fest ge-
feiert wurde, obwohl sie nahe der Kirche wohnten. In diesem Augenblick der heutigen Nacht wurde
nun mit allen Glocken geläutet, es läuteten die Glocken in Millsdorf, es läuteten die Glocken in
Gschaid, und hinter dem Berge war noch ein Kirchlein mit drei hellen klingenden Glocken, die
läuteten. In den fernen Ländern draußen waren unzählige Kirchen und Glocken, und mit allen wurde
zu dieser Zeit geläutet, von Dorf zu Dorf ging die Tonwelle, ja man konnte wohl zuweilen von einem
Dorf zum anderen das Läuten hören: Nur zu den Kindern herauf kam kein Laut, hier wurde nichts
vernommen; denn hier war nichts zu verkündigen. In den Tälern gingen jetzt an Berghängen die
Lichter der Laternen hin, und von manchem Hofe tönte das Hausglöcklein, um die Leute zu erinnern;
aber dieses konnte um so weniger herauf gesehen und gehört werden, es glänzten nur die Sterne, und
sie leuchteten und funkelten ruhig fort.
In der ungeheuren Stille, die herrschte, in der Stille in der sich kein Schneespitzchen zu rühren
schien, hörten die Kinder dreimal das Krachen des Eises. Dreimal hörten sie den Schall, der entsetzlich
war, als ob die Erde eutzwei gesprungen wäre ..... Die Kinder blieben mit offenen Augen sitzen
und schauten in die Sterne hinans.
Auch für die Augen begann sich etwas zu entwickeln. Wie die Kinder so saßen, erblühte am Himmel
vor ihnen ein bleiches Licht mitten unter den Sternen und spannte einen schwachen Bogen durch
dieselben. Es hatte einen grünlichen Schimmer, der sich sachte nach unten zog. Aber der Bogen
wurde immer heller und heller, bis sich die Sterne vor ihm zurückzogen und erblaßten. Auch in andere
Gegenden des Himmels sandte er einen Schein, der schimmergrün sachte und lebendig unter die
Sterne floß. Dann standen Garben verschiedenen Lichtes auf der Höhe des Bogens wie Zacken einer
Krone und brannten. Es floß helle durch die benachbarten Himmelsgegenden, es sprühte leise und
ging in sanftem Zucken durch lauge Räume. Hatte sich nun der Gewitterstoff des Himmels durch
den unerhörten Schneefall so gespannt, daß er in diesen stummen herrlichen Strömen des Lichtes
ausfloß, oder war es eine andere Ursache der unergründlichen Natur. Nach und nach wurde es immer
schwächer und immer schwächer, die Garben erloschen zuerst, bis es allmählich und merklichi immer
geringer wurde, und wieder nichts am Himmel war als die tausend und tausend einfachen Sterne. —
Die Kinder sagten keines zu dem anderen ein Wort, sie blieben fort und fort sitzen und schauten
mit offenen Augen in den Himmel.“
Am Schlusse der Erzählung läßt Stifter die geretteten Kinder sagen: „Mutter, wir haben heut
Nacht auf dem Berge den Heiligen Christ gesehen.“ Da ist etwas ausgesprochen in kindlicher Un-
schuld, was uns immer bewußter alljährlich zur Erfahrung werden kann, seit uns der erneuerte Kultus
gegeben ist. Denn alljährlich, „wohl zu der halben Nacht“, verlassen wir die Stuben, wo der Christ-
baum steht und gehen hinaus „mitten im kalten Winter“ zur Mitternachts- und Weihnachts-
weihehandlung.
Dieser mitternächtliche Gang kann für die Menschenseele von Jahr zu Jahr mehr zur Prüfung
‘werden, sie kann gewahr werden, wieweit und wieviel sie transparent wurde für das Geschehen im
Jahreslauf, das sich in Wolke und Wind, in Sternen- und Mondengang .kundgibt. Auf dem mythischen
Weihnachtsbild vom Isenheimer Altar sieht man einen Abglanz des Weihnachtsgeschehens am
Himmel: unendlich still und ruheatmend sind die Wolkenbänke hingelagert, vor welchen die Engel
spielen; Licht von innen läßt alle Konturen aufglänzen.
Just im vergangenen Jahr war eben diese Himmelslandschaft, wie sie. Grünewald sah, über ‘unsrer
Heimat aufgebaut, und bei dem Gang über den Berg, der zum Weiheraum führt, hat man Muße,
das, was dort oben in ewig schöner, ewig giltiger Sprache spricht, auf die Seele wirken zu lassen.

237
Unter unsren Füßen knistert der Frost, mit weißen Salzkristallen ist die dunkle Erde überstreut,
und wenn man den Schritt hemmt und hinunterschaut, glaubt man tief im Innern der Erde das
Raunen der schaffenden Erdgeister zu vernehmen.
Wir gehen weiter, seltsam begnadet durch einen solchen Gang zur Mitternacht, und öffnen die Tür
zum Weiheraum, um dort von einer Menschenstimme dieselbe Botschaft vom Licht der Welt zu
hören, die wir eben vernahmen in der Sprache von Himmel und Erde.

Weihnachtsgruß
an den Angelus Silesius

Harry Frommelt

Die Nacht schmolz ganz dahin vor unerschöpftem Glanz:


ein himmlisch Kindlein krönt des Lichts verklärter Kranz.

Der Kerzen güldnes Spiel umleuchtet ihm den Thron,


durch alle Himmel weht ein süßer Harfenton.

Das Kindlein hält beglückt die Arme ausgespannt,


es ist sein göttlich Herz in Liebesglut entbrannt.

Die Kreatur begehrt in Sehnsucht Gottes Licht;


du, Weiser, tritt heran, vernimm und lächle nicht:

„Die Liebe geht zu Gott unangesagt hinein,


6%
Verstand und hoher Witz muß lang im Vorhof sein... :

Offener Brief über den „Zusammenschluß aller Christen“


Verehrter Herr Doktor, Sie schütten mir Ihr Herz aus längst gesehen, daß sie den Aufgaben unsrer Zeit nicht
über die religiöse Lage im heutigen Deutschland und mehr gewachsen sind, daß sie sich an eine Vergangen-
fragen mich, ob ich nicht bereit sei, mit andern Christen heitsform des Christentums klammern, die gerade über-
in kleinem Kreis darüber zu sprechen, „nicht was trennt, wunden werden muß, daß sie für die Zukunft des Chri-
sondern was im tiefsten Grund eint“. Einer solchen Zu- stentums, die uns gewaltig groß erscheint, gar nicht
sammenkunft, wenn sie „in heißem Bemühen, zu einem mehr wesentlich in Betracht kommen. Mir sind wahr-
positiven Ziel zu kommen“, vor sich gehe, werde gewiß haftig im Leben oft genug die sogenannten Heiden weit
der göttliche Segen nicht fehlen. zukunftsvoller erschienen. Denn sie lehnen das Christen-
Ähnliche Anfragen sind schon wiederholt an mich er- tum ab, das sie kennen, und darin haben sie recht. Und
gangen. Sie bringen mich immer in eine zwiespältige das Christentum, das ihnen selbst im höchsten und frei-
Lage. Auf der einen Seite möchte man alles tun, was sten Sinn wegweisend sein könnte, kennen sie nicht,
dem deutschen Volk das Christentum erhalten kann, Schließt man sich nun aber mit den Christen der Ver-
sieht auch ein, daß in dieser Aufgabe die alten Konfes- gangenheit zusammen, so ist die nächste Folge, daß in
sionskirchen noch ihre Mission haben, daß vieles in der solcher Verbindung diejenige Gruppe am meisten Ge-
Gegenwart sogar nur von ihnen geleistet werden kann, wicht hat, hinter der die größte Zahl steht. Und die
während unsre Arbeit, zunächst auf kleine Kreise be- weitere Folge, daß man selbst nun mehr betonen muß,
schränkt, Zukunftsarbeit ist. Auf der andern Seite weiß „was alle eint“, und nicht das, was vorwärts führen
man genau, ja häufig besser als die außenstehenden kann. Und die dritte Folge, daß man von außen her ver-
Gegner, daß die Kritik am kirchlichen Christentum, wechselt und mit den andern, alten Christentumsformen
wenn sie auch oft recht oberflächlich und unverständig zusammen abgetan wird. _
einherfährt, doch in recht vielem einem vollberechtigten Wir haben gewiß keine besondere Neigung, in dieser
Impuls entstammt. Warum haben wir denn selbst diese Stunde, wo das Konfessions-Christentum in schwere Be-
alten-Kirchen seit Jahren verlassen? Wir haben schon drängnis geraten ist, immer nur auf seine Mängel hinzu-

238
weisen, die wir schon durch unsre Trennongstat aufs in keirer Belse zei
nachdrüclichste betont haben. Vielleicht weisen wir, an- die kure Eraäieıer da Temeroesmosı
gesichts der menschlichen Unaufgewecktheit, sogar viel neuesten Schrifi van Alfreil Zr
zu wenig auf die Unterschiede hin und haben viel zu rade nicht zu Rom zarüäafthr, sımimm Im

\
ausschließlich nur unser Positives hervorgehoben. und allein aussichtsvollen Weg von Bcm= wer
So besteht nun für uns die andere Gefahr, daß wir das bisherige Konfessions-Christentum hirars
in unsrer Kleinheit und Alleinheit durch die Wucht der vermag.
Zeitereignisse irgendwann einmal nebenbei erdrückt wer- Wer in Erkenntnis der Mängel der bisherigen Kez==
den könnten. Aber die Wahrheit hat, wenn sie getötet und in Hoffnung auf Hilfe durch die Christenzezeiz-
worden ist, immer noch die unangenehme Eigenschaft schaft mit mir sprechen will, dem stehe ich immer gern
gehabt, wieder aufzuerstehen. Und da möchten wir dabei zur Verfügung. Von einer allgemeinen engeren „ver-
sein. Nicht aber im Masseugrab verwesen, weil wir einigung“ „derer, die sich Christen nennen“, erwarie ich
unsre Wahrheit, die Wahrheit, die hätte retten kön- aber eine Verschleierung unserer Einsichten und Ab-
nen, verleugnet haben. sichten und eine Hemmung des Werkes, das uns am
Unsre Freunde alle haben angesichts dieser Lage frei- allernotwendigsten erschienen ist: die Erneuerung des
lich die dringende Pflicht, immer und überall darauf Christentums selbst. So hoffe ich auch, daß „die sich
hinzuweisen, daß eine Gestalt des Christentums heute Christen nennen“ immer mehr einsehen: hier ist der
da ist, die von den üblichen und berechtigten Vorwürfen Kampf zu führen! Friedrich Rittelmeyer

„Sünde“ und „Selbstschöpfung“


Aus Anlaß von Alfred Rosenbergs Schrift „Protestantische Rompilger“

AugustPauli

In einer unter dem Titel: „Protestantische Rompilger“ einem Zerrbild zu machen und nur als eine Störung und
veröffentlichten Schrift, die er ausdrücklich nicht als Behinderung dessen, was die Jetztzeit sucht und worauf
Äußerung seiner Amtstätigkeit in der Bewegung be- sie Anspruch hat, erscheinen zu lassen, das kann einem
trachtet wissen will, also zur freien Diskussion stellt, dabei sehr deutlich werden. Es ist doch wirklich ein
setzt sich Alfred Rosenberg mit den Vertretern der Be- krasser Unverstand, von dem auch wir uns nur mit Ent-
kenntniskirche auseinander, die als Gegner seines rüstung abwenden können, wenn da etwa die Größen
„Mythus des 20. Jahrhunderts‘ hervorgetreten sind, und des deutschen Geisteslebens, u. a. auch Goethe, die „per-
die er des Verrates an Luther und der Hinneigung an manente Sünde des deutschen Menschen“ genannt wer-
Rom zeiht. | den. Und Aussprüche, wie der von Professor Sasse, den
Wir sind an dieser Kontroverse unbeteiligt, obwohl Rosenberg zitiert, daß die Lehre der evangelischen
uns Rosenberg mit dem Satz: „Organisatorisch ist die Kirche eine „vorsätzliche und permanente Beleidigung
Losung der ‚Wiedervereinigung‘ der Kirchen vorbereitet des Sittlichkeits- und Moralgefühls der germanischen
durch Rittelmeyers Christengemeinschaft“ selbst unter Rasse‘ sei, sind eine unsagbare Torbeit, weil das Be-
die „protestantischen Rompilger“ zu rechnen scheint. rechtigte, was er vom christlichen Standpunkt aus sagen
Dieser völlig unverständliche Satz entspringt ja aber nur könnte, in dieser Überspitzung so ins Gegenteil verkehrt
einem gründlichen Mißverstehen dessen, was die Chri- wird, daß daraus doch nur eine völlige Verkennung
stengemeinschaft ist und will. Wir sind wahrhaftig nicht dessen, was das Christentum eigentlich ist und will, ent-
auf dem Wege nach Rom, sondern noch um einen sehr springen kann. Kein Wunder, wenn die Zeitgenossen nun
entscheidenden Schritt über den Protestantismus hinaus in der christlichen Lehre von der menschlichen Sünd-
Rom fernergerückt. Das wissen alle unsre Mitglieder, haftigkeit nur noch moralische Minderwertigkeitskom-
und auch auf Seiten der römischen Rirche wird man dar- plexe sehen können. Einige Worte zur Klärung des Sach-
über nicht im Zweifel sein. verhalts mögen angebracht sein, obwohl ich mir bewußt
Wenn man nun als unbeteiligter Beobachter diese bin, damit für die meisten unsrer Leser nichts Neues zu
Kontroverse Rosenbergs wit den Vertretern der Be- sagen.
kennenden Kirche verfolgt, kann man nur aufs neue Zunäcst ein Bild. Weun ein heutiger Reisender
lebhaft empfinden, wie dringend notwendig eine Er- irgendwelche Stätten mit Denkmälern uralter ägypti-
neuerung des Christentums ist, wie sie die Christen- scher, babylonischer oder sonstiger Kultur besucht, ohne
gemeinschaft sich zum Ziel gesetzt hat. Denn wie die über deren Bedeutung unterrichtet zu sein, so betrachtet
dogmatische Enge, in der die Theologen der Bekenntnis- er sie wohl mit der bloßen Verwunderung darüber, was
kirche das Christentum vertreten, geeignet ist, es zu für kurioses Zeug doch diese alten, von der Höhe unsrer

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erieuchteten Kultur noch so weit entfernten Zeiten ge- Mensch hat es jetzt aufgegeben, sich nach diesen Höhen
schaffen haben. Ist er einsichtiger, so fühlt er, daß alles, zu strecken; er hat sich damit abgefunden, sein Leben
was er da sieht, das einheitliche Zeugnis ist des Geistes auf Erden ohne Verbindung mit dem Weltengeist zu
einer alten Kultur, der ihm jedoch völlig verschlossen führen.
ist, dessen Sprache er nicht versteht. Man darf durchaus sagen, daß die alten Mythologien
Wenn der heute geborene Mensch zum Bewußtsein der Völker in ihren bildhaften Formen noch von einer
seiner selbst erwacht und sich nun findet in dieser unsrer unmittelbareren Fühlung des Menschen mit dem Welten-
Welt mit ihren Sonnen und Gestirnen, Pflanzen und geist Zeugnis geben als das Alte Testament, dessen Ent-
Tieren, Menschenwesen und Menschenschicksalen, so geht stehung nicht mehr in die mythenbildende Zeit hinauf-
es ihm ganz ähnlich wie jenem Reisenden. Die meisten reicht, das schon einer Zeit entstammt, in der der wacher
machen es nun etwa wie Kinder, die ahnungslos und und bewußter werdende Mensch nicht mehr so sehr in
achtlos unter den alten Ruinenstätten ihre Spiele treiben, einem selbstverständlichen Haben, sondern mehr in

als ob jene nur dazu daständen; so gehen die Vielzu- einem Suchen und Streben nach dem sich ihm immer
vielen inmitten unserer seltsamen, wunderbaren Welt mehr entziehenden Göttlichen stand, aber gerade so in
ahnungslos nur ihren kleinen Tagesinteressen nach. einer unmittelbareren Vorbereitung dessen, was nun als
Andere. glauben die Welt erklären zu können etwa im die große Schicksalswende der Menschheit kommen
Sinn des vulgären Darwinismus als. das Produkt einer sollte. " "
von zufälligen Faktoren bewirkten Entwicklung. Wachere Was wir damit anzudeuten versuchten, das ist die Ent-
und aufgeschlossenere Seelen abnen dagegen, daß alles, wicklung der menschlichen „Sünde“, der Sonderung, der
was ihnen in der Welt entgegentritt, das Zeugnis ist immer völligeren Herauslösung des Menschen aus seinem
eines einheitlichen schaffenden Weltengeistes, von dem ursprünglichen Zusammenhang mit dem Göttlichen.
sie sich aber gestehen müssen, daß er ihnen fremd und „Sünde“, nun nicht als dogmatischer Begriff verstanden,
unzugänglich ist, und daß sie seine Sprache so wenig ver- sondern in seiner lebendigen Wirklichkeit angeschaut, ist
stehen wie der ununterrichtete Reisende die Sprache also nicht in erster Linie die unmoralische Haltung des
seiner alten kultischen Ruinenstätten. Das ist die innere Einzelnen, sondern jener geschichtliche Prozeß, in dessen
Situation des Menschen, so wie er sich zunächst in der Verlauf der Mensch als solcher seinem ursprünglichen
Welt, im Leben vorfindet; er ist dem Geist der Welt, Zusammenhang mit dem- Weltengeist immer mehr ent-
„Gott“, obgleich selbst sein Geschöpf, innerlich fern und wächst, sich von ihm emanzipiert und auf die eigenen
fremd, aus dem Zusammenhang mit seinem Ursprung Füße stellt. Das innere Gesetz seines Daseins, ursprüng-
herausgefallen. lich noch in gesunden Instinkten ihn sicher leitend, das
Nicht immer stand es so mit dem Menschen. In uralter in einem späteren Stadium ihm schon in abstrakten
Zeit, als die Menschheit sich noch gewissermaßen auf der Moralgeboten, in „Gesetzen“ vorgestellt werden muß,
Kindheitsstufe befand, fühlte sie sich noch in traum- von denen das mosaische nur eines unter vielen ist, ent-
haftem Instinkt mit dem Geist der Welt verbunden. Was schwindet ihm immer mehr, und die wachsende Verselb-
f sie traumhaft instinktiv empfand, sprach sie bildhaft ständigung wird für ihn, weil sie zunehmende Entfrem-
! zum
aus in ihren Mythen und Sagen. Je älter, wacher und dung von seinem inneren Daseinsgesetz bedeutet,
4
!
bewußter die Menschheit wurde, desto mehr entschwand Niedergang. Doch muß der Erdenmensch diesen Weg
ihr dieses traumhaft instinktive, sie mit dem Weltgeist gehen, da er nur auf diese Weise so wach, bewußt und
verbindende Fühlen. Der Mensch tritt nun der Welt frei werden kann, daß der heilbringende Umschwung
gegenüber, betrachtet immer aufmerksamer ihre äußere eintreten kann, der darin besteht, daß der nach außen
Erscheinung, aber der Geist der Welt wird ihm immer hin ihm entschwundene Gott in ihm selbst, in seinem
ferner und unverständlicher. Ursprünglich hatte ihn eine tiefsten Innern aufersteht.
göttliche Gegenwart noch wie eine Wolke dicht um- Grundlegend und urbildlich ist dieser Umschwung ver-
geben; aber die Wolke hebt sich, entschwindet ihm in wirklicht in der Person dessen, der nun in strahlender

unerreichbare Höhe. Vergeblich müht er sich, sie noch Leuchtkraft und nie fehlender Sicherheit den Gott in
irgendwie zu erreichen. Als ich jüngst im Inneren des sich und sich selbst als den „Sohn“ weiß, als solcher nicht
gewaltigen Ulmer Münsterbaues stand, sprach mich aus geschaffen, sondern geboren aus dem göttlichen Urgeist,
ihm dieses tragische Menschenschicksal an. Die bier ganz und der nun die Wahrheit des Menschen aussprechen
ungewöhnlich steilen und hohen gotischen Spitzbögen kann in den weltengroßen, unvergänglichen Worten: Ich
schienen von einem fast gewaltsamen sehnsüchtigen Sich- bin die Wahrheit, ich bin das Licht, ich bin das Leben.

emporstrecken der Menschenseele zu sprechen, die das Von nun an handelt es sich für die anderen Menschen
Göttliche wieder fassen möchte; umsonst, es zieht sich in darum, zu der in ihm urbildlich gegebenen Wahrheit des
anerreichbare Höhen zurück. Tritt man dann heraus aus Menschen durchzudringen, wenn nicht der weitere Ver-
dem hohen Bau der menschlichen Sehnsucht auf den lauf ihrer Erdenentwicklung ein endgiltiger verhängnis-
Markt des heutigen Lebens, so empfindet man: der voller Niedergang werden soll.

240
Das ist aber nicht so zu verstehen, als handle es sich erscheint, die gar nicht mehr zum wirklichen Inhalt ge-
bloß darum, den Menschen zu lehren, er sei ursprüng- lengen läßt. Wir müssen es also, um zu diesem Inhalt
"Ech aus dem Weltengeist, aus Gott geworden, was in zu kommen, mit diesen Verschalungen machen wie
dieser Form eine für das wirkliche Leben unfruchtbare, Maria von Bethanien mit dem Glas voll Nardenwasser,
unverbindliche Theorie bleibt. Erinnern wir hier einmal das sie zerbrechen mußte, um es aufs Haupt Jesu gie-
an die Gedanken einer Persönlichkeit, die gewiß nicht Ben zu können, worauf das ganze Haus mit dem Ge-
im Verdacht der Befangenheit in christlich dogmatischen ruch der Salbe erfüllt wurde.
Lehrformen stehen kann: Mathilde Ludendorff. In ihrer Die eigentliche Aufgabe der christlichen Verkündigung
Schrift über „Selbstschöpfung“ führt Mathilde Luden- kann nur darin bestehen, dahin zu wirken, daß wo-
dorff aus, wie die Menschen je nach ihrem rassischen möglich der Mensch im Menschen geboren werde, indem
und persönlichen Erbteil sozusagen. in verschiedenen das Göttliche in ihm ersteht. Die christlihe Verkündi-
Höhenlagen geboren werden, edelrassige und persönlich gung hat nicht unmittelbar eine nationale Aufgabe. Sie
edle Menschen in lichten Höhen, niederrassige gemeine wird damit nicht zum Gegner einer nationalen Be-
Menschen tief unten wie in einem finstern Schacht. Unter wegung. Es ist gar nicht richtig, was oft gesagt wird,
den guten oder unguten Einflüssen des Lebens steigen daß das Christentum die unterschiedslose Gleichheit
sie nun weiter empor oder sinken tiefer herab. Aber so- aller Rassen, Völker, Menschen behaupte, es hat nur
lange sie das nun mehr oder weniger passiv erleben, sein Absehen auf etwas gerichtet, was — wie Mathilde
bleiben sie die „Unvollkommenen“. Zum eigentlichen Ludendorff richtig erkennt — auch durch die unedelste
Ziel des Menschentums kommen nur die, die sich im Geburt nicht unbedingt verhindert, aber auch durch die
irgend einem Zeitpunkt ihres Lebens über den Boden edelste nicht überflüssig gemacht werden kann. Es ist
des rassischen oder persönlichen Erbgutes in bewußter vom christlichen Standpuukt aus nichts dagegen zu er-
freier Selbsterfassung empörschwingen und. damit die innern, wenn Rosenberg den Deutschen als seiner Rasse
„Selbstschöpfung des Vollkommenen“ vollbringen. Und nach „erbadelig“ nennen will, nur daß aber auch der
nachdrücklich betont Mathilde Ludendorff, daß das an- Erbadelige dem allgemeinen Menschenschicksal unter-
geborene Erbgüt diese Selbstschöpfung zwar erleichtern steht, kraft dessen der Mensch den Gott, den er außer
oder erschweren kann, daß aber auch das edelste Erbgut sich verlor, erst in sich erstehen lassen muß, wenn er
diese dem Menschen nicht ersparen, das übelste ihn sich selbst nicht in einer gottentleerten Welt verlieren
nicht absolut daran hindern kann. . soll. Eine unmittelbare politische Aufgabe kann die
Der Ausdruck „Selbstschöpfung“ ist natürlich anfecht- christliche Verkündigung unter keinen Umständen
bar; eine so unbedingte Macht, aus sich zu machen, was haben, denn die Aufgaben von Staat und Kirche liegen
er will, hat der Mensch nicht. Sein Leben untersteht auf verschiedenen Ebenen. Und wenn der Staat mit
einem bestimmten Schicksalsgesetz, das er aber, indem Recht Übergriffe der Kirche auf das politische Gebiet
er es selbst ergreift, ins Heilvolle umbiegen und in abwehrt, so darf den Vertretern derselben auch nicht
fruchtbare Tat verwandeln kann. Auch kann der Vor- der Vorwurf gemacht werden, den Rosenberg der Be-
gang, der hier nur als eigene Tat geschaut wird, auch von kenntniskirche und ihren Führern machen zu wollen
der anderen Seite als Erlebnis angeschaut werden, als scheint, daß sie in der Nachkriegszeit keine politische
ein Ergreifen, nachdem man ergriffen ist, als ein Er- Abwehrfront gegen den Bolschewismus errichtet haben;
kennen auf Grund dessen, daß man von Gott erkannt das war wirklich nicht ihres Amtes, und daß sie es nur
ist. Das aktive und passive Moment sind hier so in- nicht gewagt hätten, wie Rosenberg ihnen unterschiebt,
einander verwoben, daß wir es nicht denkend sondern aus Angst vor der blutigen Rache der einmal zur Herr-
können. Es handelt sich um ein Durchbrechen zu dem, schaft kommenden Bolschewisten, ist eine durch nichts
was der Mensch dann als seine in ibm liegende Bestim- hegründete Bezichtigung. Große politische oder natio-
mung erkennt; es ist ein Mysterium, für das es keinen nale Bewegungen können nur durch aufrüttelnde ge-
anderen Ausdruck gibt, als daß der Mensch darin nicht schichtliche Ereignisse einerseits, durch providentielle
mehr nur Geschöpf ist des Weltengeistes, sondern sein Persönlichkeiten andrerseits hervorgerufen werden.
Kind, geboren, nicht geschaffen, Bruder des Christus, Vom Staat kann die christliche Verkündigung nur sich
als solcher ein eigenständiges, wesenhaftes, unvergäng- wünschen, ihrer Aufgabe in Freiheit walten zu dürfen.
liches Sein in sich tragend. Denn nicht ein sentimenta- Diese Freiheit kann ihr der Staat umsomehr zugestehen,
ler Ausdruck ist es, wenn von „Kindern Gottes“ die als sie unter normalen Umständen den Staatszweck nie
Rede ist, sondern dieses Geschehen ist damit gemeint, gefährden, im Gegenteil unterstützen wird, da doch auch
das das Menschenleben im Innersten auf ‘einen neuen der Staat ein Interesse daran haben muß, nicht nur
Grund stellt, . Massenmenschen in sich zu vereinen, sondern unter
Das also ist es, in seiner lebendigen Wirklichkeit an- ihnen eine möglichst große Zahl solcher zu haben, in
geschaut, was das Christentum eigentlich meint, was denen Sinn und Ziel des menschlichen Daseins als sol-
aber in den kirchlichen Dogmen wie in einer Verschaluug chen vollbewußt lebendig ist, und in denen auch das

24]
Volk, das ja innerhalb der Erdeusphäre kein einheit- das traditionelle Kirchenchristentum an dem Aufkom-
liches, seiner selbst bewußtes Ich ist, erst zum wirk- men solcher Tendenzen insofern nicht unschuldig ist,
lichen Bewußtsein seiner selbst und seiner besonde- als es in seiner dogmatischen Gebundenheit, in seiner
ren Aufgabe inmitten der anderen Völker und der ge- pietistischen Enge, in seiner noch nicht überwundenen
schichtlichen Entwicklung kommen kann. Volksgemein- Weltabgewandtheit, in seiner konfessionellen Zerklüf-
schaft kann fruchtbar nicht aufgebaut werden durch tung, in seinem Zurückbleiben hinter dem geistigen
Anuslöschung der Individualität der Volksglieder, son- Fortgang der Zeit für den zielbewußten Aufbau der
dern fordert die bewußte freie Hingabe von fest in sich Volksgemeinschaft undienlich erscheinen muß. Die
selbst beruhenden und im ewigen Grund ihres Daseins Kirche hat schon die historische Schuld auf sich geladen,
wurzelnden Persönlichkeiten. Wenn es heute den An- die Wege zu einer zeitgemäßen Erneuerung und Ver-
schein hat, als ob bewußte Christen sich nicht vorbebalt- lebendigung des Christentums nicht rechtzeitig beschrit-
los in eine nationale Bewegung hineinstellen könnten, ten zu haben. Ein aus dem lebendigen Geist erneutes
so kommt das davon her, weil sie mit Recht oder Un- Christentum aber ist für alle berechtigten Staatszwecke
recht die Sorge haben, daß da auf manchen Seiten die keine Gefahr, sondern eine wenn auch indirekte Unter-
Tendenz walte, den Glauben an das Volk und seine Zu- stützung, gerade wenn es in Freiheit seine von der staat-
kunft zur deutschen Religion an Stelle des Christentums lichen verschiedene Aufgabe, den Menschen im Menschen
machen zu wollen. Freilich muß auch gesagt werden, daß zu wecken, erfüllt.

Religiöses Echo aus dem Protestantismus


Das vor einem Jahr erschienene Buch über „Chri- ganz neue Art auf, die Gestalt Christi zu schauen, eine
stus“ von Dr. Rittelmeyer hat in den protestantischen Art, bei der Christus aber nicht kleiner, sondern größer
(und katholischen) theologischen Zeitschriften so gut wie wird. Der blöde Intellektualismus, dieser Verwüster des
gar kein Echo gefunden. Heiligtums, muß das Feld räumen, die Gnosis, die doch.
Eine verhältnismäßig erfreuliche Besprechung erschien noch anderes als religiöse Mißbildungen erzeugt, fordert
in der von Johannes Lepsius begründeten, von Super- ihr Recht. Was über das Heldentum Jesu gesagt wird,
intendent Paul Fleischmann-Potsdam herausgegebenen über das Opfer als Prinzip der Schöpfung, über die Ver-
Missionszeitschrift „Der Orient“: wandtschaft von Schöpfung und Erlösung, wurde so
„Was den Verfasser bestimmte, seinem vor 25 Jah- überhaupt noch nicht gesagt. Der Tiefe und Gewalt die-
ren herausgekommenen Buch „Jesus“ eins unter dem ser neuen Schau wird sich auch der nicht entziehen kön-
Titel „Christus“ folgen zu lassen, war...die Überzeu- nen, der dem Verfasser nicht auf all seinen Gängen zu
gung, daß „in einem neuen Blick für Christus das tiefste folgen vermag. FL*—
Bedürfnis der Gegenwart bestekt — und die höchste Ein Gegenbeispiel ist die Rezension durch Pastor Lie.
Weltaufgabe des germanischen Geistes“. Dabei nimmt er L. Przybylski (Dortmund) im „Theologischen Literatur-
den Ausgang von der Jordantaufe, die ihm das Ur-Er- blatt“ 1937, Nr.12, die einzige theologisch-wissen-
eignis der Christusgeschichte ist und damit zugleich der schaftliche Besprechung, die uns zu Gesicht gekom-
Schlüssel zum Christusverständnis. Denn nur darauf men ist.
kommt es ihm an, nicht auf ein „Leben Jesu‘; einzig 39 +. Mit viel Belesenheit und wissenschaftlichem Fleiß
der Christusspur folgt er auf seinem Gang durch die sind die Fragen der Wissenschaft zu den einzelnen Ab-
4 Evangelien. Aber indem er das tut, gewinnen diese schnitten behandelt. Es ist nur die Frage, ob eben diese
auch als Geschichtsquelle an Glaubwürdigkeit. So wird wissenschaftlichen Thesen ihre letzte biblische Begrün-
ihm das Christentum zur wabren Naturreligion, zur dung erhalten oder eine geistesgeschichtliche Umdeutung
vollen Gegenwartsreligion, zur rechten Erdenreligion. erfahren. Die Taufe und Berufung Jesu ist zu wenig
Damit bört es auf, „eine Religion unter andern Reli- gewertet. An Sünde und Gnade muß sehr deutlich ange-
gionen zu sein“, wird vielmehr „die reinste höchste knüpft werden, wenn das kommende Gottesreich emp-
Offenbarung von Mensch und Leben“ und die Er- faugen werden soll. Idealistisches Denken verrät die
füllung alles dessen, was als heilige Sehnsucht in der Auffassung von dem Jordanerlebnis Jesu, das für ihn ein
nordisch-germanischen Seele lebt, nämlich hinter der Erlebnis reiner Harmonie mit der göttlichen Welt sein
sinnlichen Welt die übersinnliche zu erobern, nebst dem sollte. Mehr als gewagt aber ist es zu behaupten: Durch
Ringen um das starke Ich und dem Drang nach wahrem die Taufe wird man Mensch. Ist es nicht so, daß durch
Menschentum. Und das größte Verhängnis, ja der un- die natürliche Geburt das Kind zum Menschen wird, in
ermeßlichste Schade für die Menschheit würde es sein, der Taufe aber Gott dem Menschenkinde seine Gabe
wenn der zu seiner wahren Aufgabe hberufene deutsche und Verheißung anbietet? In der Taufe geht es um die
Geist jetzt versagen würde. Hier steigt in der Tat eine Gotteskindschaft.

242
ii
eiren Kampf cm Christus entbrenn om ei er
Die Frage, die Christus selbst den P&zr
z : nirımt,& weiß, daß (Matth. 22,42): ‚Was dünket euh um Christo: —
die Anschzrzerr von der Entwidlong und Emanation in der Welt seitdem nicht verstummt, und heste e--
ron vier Reiten des Lebens und vier Gliedern der wacht sie mehr denn je, und in ihr liegt der tiefste
menschlichen Wesenkeit redet. Zuletzt wird das Wer- Grund der heutigen Zeitwende.“
den der Welt und des Menschen im zweiten Stadium er- „Dazu hat nun Fr. Rittelmeyer in seinem neue-
örtert als das Weltalter der Sonne. Es klingen bier die sten Werk „Christus“ das Wort ergriffen. Es baut sich
Klänge an, die der Verfasser von dem Seelenleben des vor allem auf dem Johannes-Evangelium auf. Nun mag
Christus ertönen läßt. Christliche Metaphysik liegt vor, man von Rittelmeyers Stellung zu R. Steiner denken,
die die Begriffe des Lichtes und der Sonne rein sym- wie man will, wer seine Schriften kennt, muß zugeben,
bolisch wertet, mystisch deutet und nicht neutestament- daß er einer der klarsten und tiefstschauenden Theolo-
lich erklärt. Zum Teil geht es dem Leser so, daß er die gen der Jetztzeit ist, der dem Leser stets sehr viel gibt.
Kunst der Ausdeutung des neutestamentlichen Jesus- Das gilt auch von seinem neuen Buch, welches wir daher
bildes empfindet, die Jesus als schöpferischen Willen im Verfolg der oben genannten Artikel eingehend wür-
der Gottheit sieht. Jesus wird im Universum wie in digen wollen.“
einem Spiegel als Wesen der Gottheit gesehen. Es ist Es folgt nun eine auf mehrere Seiten sich erstreckende
daher auch kein Wunder, daß ein Streit um das Ver- Inhaltsangabe des Buches und dann das Schlußwort:
ständnis Christi und seines Wesens sein wird. Gerade „Es ist in der Tat ein neues Christusbild, das R. vor
beim 3. und. 4. Abschnitt des Buches setzt die Kritik uns entrollt..., neu, und doch uralt; denn es beruht
ein. Der Sinn der Gemeinschaft zwischen Gott und ganz auf dem Johannes-Evangelium. Sollte dies nicht
Mensch sowie die Frage des Abendmahls zeigen bei Vertrauen wirken? Ich unterschreibe nicht alles in R.s
Rittelmeyer, wie wenig das Christushandeln als Paradox, Buch. Das wird er selbst nicht verlangen; aber es hat
der Tod Jesu am Kreuz als der vollendete Ausdruck mir sehr viel und sehr Wertvolles gegeben.
des Paradox gewertet ist. An dem Punkt vornehmlich Wir stehen heute in unzweifelhafter, schwerer Krisis
wird das „Bekenntnis“ Rittelmeyers dem Christentum des Christentums, und das Buch von Steinbach, das
nicht gerecht. Es ist nicht genügend klar, wie der Meusch wir auch besprachen, hat uns die Wunden des bisherigen
von und durch Christus gerecht vor Gott ist.“ — Christentums aufgedeckt. Es muß ein neues kommen.
Im Gegensatz zu dieser vollkommen verständnislosen Hat Schelling nicht vielleicht recht, wenn er es an
und verworrenen Besprechung erschien eine dritte Be- das Johannes-Evangelium anknüpft? Rittelmeyer
sprechung in Form eines ausführlichen Aufsatzes „Das weist dazu den Weg. Bei dem Ernst der Lage muß die
neue Christus-Erlebnis“ durch zwei Nummern in der Christenheit auf jede Stimme hören, die eine neue
von Professor Dennert herausgegebenen Zeitschrift Christusbotschaft verkündet, um daraus zu lernen. In
„Leben und Weltanschauung“. diesem Sinne weise ich auf Rittelmeyers Buch ‚Christus‘
„So sehen wir denn also in der heutigen Zeitwende bin.“

Aus Briefen
Charlottenburg, den 16.10. 37, an, ich finde gutes Entgegenkommen überall und fühle
wich wohl... — Die Bevölkerung, die ja aus ganz ver-
Sehr verehrter lieber Herr Doktor!
schiedenen Elementen besteht, ist sympathisch. Auf-
Im August vergangenen Jahres kam ein Ingenieur zu fallend sind die alten, unbeschreiblich eindrucksvollen
wir, den Dr. Frieling s. Z. in Österreich in die Christen- Apostelköpfe der Greise. Wie selbstverständlich reifen
gemeinschaft aufgenommen und dann zwei seiner Kin- die Männer einer Art von Urweltweisheit entgegen und
der getauft hatte. Der Ingenieur ging dann nach Ägyp- werden von den jüngeren auch dementsprechend ge-
ten und, baute drei Jahre laug Riesenpumpwerke am ehrt. Ganz allgemein, es ist immer dasselbe Erlebnis:
Nil. Nun ist er abermals ins Ausland gegangen und Als Europäer überschreitet man irgendwo südlich oder
zwar nach Afghanistan, um dort eine Ingenieurschule östlich der Alpen eine Grenze und befindet sich unter
zu erbauen und zu leiten. Seinen ältesten, fünfjährigen menschlichen Wesen, die so Menschen sind, wie der Hase
Sohn hat er mitgenommen und schreibt mir am 3. Sep- Hase ist, oder der Fuchs Fuchs. Keine Zwiespältigkeit,
tember aus Kabul einen Brief, der nach vier Wochen keine Zerrissenheit und Zerfurchtheit, kein Abgekämpft-
kier eintraf. Ich denke mir, daß seine ersten Eindrücke sein. Einfach ein rundes Gewachsenes und wie selbst-
für unsere Leser Interesse haben könnten, und lasse verständlich Vollendetes. Für den, der gewohnt ist, sich
einen Teil des Briefes folgen: „Meine Arbeit geht vor- zu mühen, ist das recht merkwürdig, auch beschämend.

243
Nur spricht alles hier: Ich bin Teil eines großen heiligen durfte ich zum erstenmal Ihr Haus betreten. Viele
Ich, dessen Ruf ich folge. Spricht es nicht, schweige auch schöne Stunden durfte ich dort verbringen und habe
ich.- Spricht es, folge ich besinnungslos als sein Glied. das Engelringen um physishe Augen und Begriffe
Meine Weisheit ist seine Weisheit, mein Tun sein Tun.— erlebt...“
der Kampf. Soweit der Brief. Mit herzlichen Grüßen Ihr
Das hat man verloren bei uns, und deshalb
Jahre etwa Rudolf von Koschützki
Hoffentlih zum Lichteren! — Vor einem

Fragen und Antworten

Sie, daß die Christengemeinschaft unsrer Bewegung, 'wie er sich in. unsrem Kultus offen-
Glauben
je volkstümlich werden wird? bart, auch in der Rede durchbricht und den Weg zum
einfachsten Mann sucht und findet. Das ist entscheidend.
Was heißt auf diesem Gebiet „volkstümlich“? Ist Ist aber schwer.
überhaupt jemals eine Religion wirklich volkstümlich ge- Mir selbst hat von allen Einwänden, die meine Bücher
wesen? Man denkt beispielsweise an den Katholizismus. und Vorträge gefunden haben, am meisten Eindruck ge-
Wo er volkstümlich war und ist: wodurch ist er es? macht die Frage, ob sie nicht „zu viel seelische Kul-
Nicht durch das, worin man geschichtlich seine Wahrheit tur“ voraussetzen. Stimmt dies, so hoffe ich auf
und Größe sehen kann, sondern durch das, worin er andre. Jedenfalls steht vor. mir unverrückt ein hohes
dem gewöhnlichen Geschmack entgegenkam: glänzende Ideal von Volkstümlichkeit, das ich selbst nicht erreiche,
Feste und Aufzüge, Wundergeschehnisse und Wunder- aber an unsrem Kultus immer wieder erlebe. Dies Ideal
erzählungen, grobsinnliche Jenseitsbilder. Sogar von ka- hat sich darin bewährt, daß ganz einfache Menschen
tholischen Geistlichen kann man es hören: Das braucht und ganz gebildete Menschen diesen Kultus in gleicher
.
eben „das Volk“! Weise liebgewonnen haben. Nur muß die herbe Wahr-
Hätte die Christengemeinschaft solche Volkstümlich- haftigkeit und Größe eimes solchen Kultus, die auf
keit erstrebt, so hätte sie den Weg dazu schon gewußt. alle agitatorischen Reize völlig verzichtet, sich selbst
Einige große, grobe Wahrheiten, schlagworthaft immer erst ihren eignen Geschmack bilden. Und wir selbst
wieder den Massen eingeprägt; scharfe, überscharfe An- müssen von. unsrem Kultus immer mehr lernen.
griffe gegen die Mängel des Bisherigen, unermüdlich Friedrich Rittelmeyer
wiederholt; einige eindrucksvolle Bildhandlungen im
„Gottesdienst“ nach dem Geschmack der Menge. Ist dies Woran liegt es, daß die Christengemein-
der Weg für eine religiöse „Erneuerung“? schaft nicht schon vielmehr Anhänger. hat?
Es gibt aber auch eine ganz andere Vorstellung von
Natürlich denkt man bei einer solchen Frage als an-
„Volkstümlichkeit“. Da bringt man die Welt der Reli-
ständiger Mensch zunächst an seine eignen Mängel. Es
gion so an die Menschen heran, daß der einfachste Mann
ist hier nicht der Ort, darüber sich zu verbreiten.
einen Zugang zu ihr haben kann, und doch der Be-
gabteste unerschöpflichen Stoff findet für seinen Geist. Doch gibt es auch allgemeinere Gründe, über die sich
Da läßt man die letzten, größten Wahrheiten im Bild reden läßt.
zu den Menschen sprechen und kommt dem Anschau- Einer dieser Gründe ist gewiß unser Zusammenhang
ungsbedürfnis der Menschen entgegen, ohne aber ihrem wit einer heraufziehenden neuen Geistigkeit. Wir sind
Alltagsgeschmack zu verfallen. Da stellt man die Re- selbst aus der Geistesnot unsrer Zeit gerettet worden durch
ligion ganz in die Vollwirklichkeit hinein, für alle Rudolf Steiner und haben den Menschen oft weniger
menschlichen Sinne und Seelenfähigkeiten, aber läßt in den Segen unsrer persönlichen Kämpfe zu bringen ge-
ihr zugleich überall die höhere Wirklichkeit auf- wußt, als ihre Mühe. Der Weg zu allen Geisteshöhen
leuchten. soll den Menschen in der Christengemeinschaft immer frei:
Man prüfe einmal von solchen Vorstellungen aus den offen stehen. Aber drei Orientierungsgedanken erscheinen.
Kultus der Christengemeinschaft. Ja, solche Vorstel- mir für eine christliche Erneuerungsbewegung großen
lungen sind dem Kultus der Christengemeiuschaft un- Stils unerläßlich, und ich bemühe mich, ihnen gerecht
mittelbar abgelesen. zu werden: was gebracht wird, möchte in der Haupt-
Weniger allerdings unseren Vorträgen und Predigten. sache für alle zugänglich sein, wenigstens für alle wahr-
haft Suchenden; es möchte nicht als belehrende Mit-
Die. sind .oft selbst noch zu wenig dem Kultus abge-
lesen. Vielleicht ist es notwendig, daß eine religiöse Er- teilung, sondern immer als eigne Eroberungstat wir-
freilassend, aber überzeugend und zeugend; und
neuerungsbewegung sich zunächst auf einer gewissen ken,
Höhe in die Welt hereinarbeitet. Nur darf die Stunde es möchte immer seinen deutlichen Zusammenhang zei-
nicht verpaßt werden, wo der ursprüngliche Charakter gen mit dem Christusereignis.

244
Ein anderer der Gründe ist gewiß unser Dazwischen- über dem allen unsre eignen Märrz uTz =: DoZr F- ==
stehen zwischen den Konfessionen. Die Protestanten ver- nicht übersehen. Wir wollen aber auch nich? Eberser
er —
wechseln uns mit dem Katholizismus. Die Katholiken daß die Christengemeinschaft schon viel mehr E-7-5
unterscheiden uns nicht von ihrem alten Kircheniesen. hat, als sie selbst weiß. Es ist eben doch eine Tatsacte,
Die konfessionsfreien Menschen aber fürchten einen daß unsre Zeitschrift zu den allergelesensten religiösen
„Schleichweg zum alten Gott“ und können ihre Er- Zeitschriften gehört, trotz der großen Zahlenmassen, die
innerungen und Vorurteile nicht überwinden. hinter den Konfessionen stehen. Und es ist eine Tat-
Ein weiterer Grund ist die mangelnde Selbständigkeit sache, daß innerhalb des Protestantismus viele von un-
der Menschen, die nicht frei genug sind; sich einem seren Erkenntnissen und Eroberungen heute schon mit-
Neuen, das noch wenig Anerkennung gefunden hat, 'an- leben, oft ohne es zu wissen. Es ist auch eine Tatsache,
zuschließen; der mangelnde Ernst, der nicht unerbitt- daß viele von den Gegengründen, die wir angeführt
lich genug sucht und nicht lang genug prüft, der die haben, einfach: durch die Not der Zeit und durch die.
religiöse Not, in sich und in der Menschheit, nicht tief Weiterentwieklung der Menschheit zurücktreten werden.
genug empfindet; auch die mangelnde Kraft und Zeit, So ist gar kein Grund, hoffnungslos in die Zukunft zu
nach allen Lebensansprüchen sich noch gründlich mit schauen.
dem „Heil der Seele“ zu beschäftigen. Vielleicht wird es späterhin gar keine Massenkirchen
Wieder ein andrer Grund ist der immer noch recht mehr geben, sondern mehr Zentralkirchen, mit Sauer-
lebendige Zug der Zeit, sich dem Äußeren und Lebens- teigcharakter gegenüber dem Volksganzen. Und auf die-
praktischen zuzuwenden; ohne die Bedeutung der sem Weg sehen wir die Christengemeinschaft schon wei-
Innerlichkeit zu erkennen. ter fortgeschritten, als es äußerlich sichtbar ist.
So gibt es Gründe genug. Wir wollen, wie gesagt, Friedrich Rittelmeyer

„Vater und Sohn“


Ein Wort zur religiösen Erziehung

[Vorbemerkung der Schriftleitung: Die Christenge- genen und Geheimnisvollen, das allem Le-
weinschaft ‘bat nicht nur, wie andre religiöse Gemein- ben zugrunde liegt, das letzten Endes der Anlaß zu
schaften, die herrliche Aufgabe des Religionsunterrichts allem Lebenist. Das Kind erlebt, bewußt und un-
an Kindern, sondern sieht auch eine ihrer wichtigsten bewußt, wie der Vater des Morgens die Wohnung ver-
Aufgaben darin, den Religionsunterricht richtig in den läßt und hinausgeht in eine für das Kind unbekannte
Zusammenhang des ganzen Gemeindelebens hineinzu- Welt. Sicherlich verbinden sich für das Kind damit Vor-
stellen wid richtig mit der häuslichen Erziehung zu- stellungen von einer ihm unbekannten Sphäre, die ihm
sammenklingen zu lassen. Wir werden darum von un- wie etwas Geheimnisvolles vorkommt, in der das eigent-
sern Bestrebungen auf diesem Gebiet von nun ai öfters liche Leben der Welt vor sich geht, in der der Vater
Mitteilung machen.] : mit vielen anderen Menschen zusammentrifft, mit guten
Es sind nicht nur die in der ganzen Welt bekannten und bösen Menschen. Es erlebt, wenn der Vater des
Zeichnungen der „Berliner Illustrirten“, die das Thema Abends nach Hause kommt, auf seinem Gesicht, an sei-
„Vater und Sohn“ so unerschöpflich scheinen lassen, ner Stimmung, an dem, was er der Mutter erzählt,
es sind vielmehr die Beziehungen des Vaters selber zu Offenbarungen dieser ihm unbekannten und ihm doch so
seinem Sohn oder umgekehrt, die des Kindes zum Va- interessanten Welt. Mancher Keim zur Lebensver-
ter, die eine unendliche Fülle von Begebenheiten und neinung und Weltverachtung, auch Menschenverachtung,
Erlebnissen bringen, und hinter denen man geradezu ein mag durch Gespräche zwischen Vater und Mutter in die
religiöses Ur-Verhältnis erahnen kann. Seele des Kindes gelegt werden, wenn in Gegenwart des
In einem kleinen Aufsatz* von Thomas Kändler, Kindes über andere Menschen und über die „böse Welt“
Harburg, finden wir zu diesem Thema .:2.B. folgende da draußen gesprochen wird. Hier liegt ein wichtiger
Bemerkungen: Faktor der Selbsterziehung für die Eltern und die Er-
„Es ist keine Frage, daß das kleine Kind seinen wachsenen überhaupt. Denn überraschend aufmerksam
Vater etwa so erlebt, wie der Erwachsene den gött- nehmen die Kinder alles das wahr, was in dieser Be-
lichen Vater zumindest in früheren Zeiten erlebt hat. ziehung zwischen. den Erwachsenen geäußert wird.
Die .Welt, des göttlichen Vatergrundes war immer zu- Schön mag es für ein Kind sein, dessen Vater seine
gleich die Welt eines Unfaßbaren, Verbor- Wirkensstätte, vielleicht als Handwerker, im eigenen
Hause hat. Das Kind erlebt dann in besonders eindrucks-
* Aus: „Beiträge zu einer religiösen Erziehung im Elternhaus“,
herausgegeben von Arnold Goeb el, Stuttgart 13, Urachstr. 41 voller Weise an dem eigenen Vater das Bild des Welten-
(s. Anzeige). schöpfers. Wie der‘ Vater durch seiner Hände Arbeit

245
aus den Rohmaterialien Gegenstände formt, wie so eine Das ist für das Kind noch eine wunderbare
kreatürliche Welt unter seinen Händen entsteht. Sache . . .*
Und in mancher anderen Beziehung mag so in der Es ist wohl vielfach das Bedürfnis vorhanden, solche
Seele des Kindes durch die Anschaulichkeit eine Vor- praktischen Lebenstatsachen, wie das Verhältnis der
stellung von dem Weltenvater belebt werden. Hierhin Kinder zu ihren Eltern, oder den Einfluß dieser auf die
gehört auch, daß das Kind erfährt, wie durch die Arbeit Gesundheit und den Charakter der Kinder zu bespre-
des Vaters der Lebensunterhalt der Familie gewähr- chen und Gesichtspunkte dafür zu finden. Dazu gehören
leistet wird. Der Vater verdient das Geld. Alle Neu- auch Anregungen, in welcher Weise man mit kleinen
anschaffungen, Wohnungseinrichtungen, etwa auch Er- Kindern über Gott sprechen kann, Kindergebete und
weiterungen des väterlichen Hauses und Betriebes, — vieles andere.
Ereignisse, die auf das Kindesgemüt stets außerordent- Aus diesen Anforderungen sind die oben erwähnten
lichen Eindruck machen, sind nur möglich dadurch, daß Beiträge entstanden, von denen hier und da auch in
durch den Vater irgendwie Geld ins Haus kommt. dieser Zeitschrift zu hören sein wird. Arnold Goebel

Zeugnisse kommenden Christentums aus Vergangenheit und Gegenwart


[Wir bitten unsre Leser, uns durch Einsendung ähn- Wenn man von Loschwitz kommend die Mordgrund-
licher Äußerungen aus heutiger und früherer Literatur brücke überschritten hatte, zog sich die Bautzner Straße,
zu unterstützen. Genaueste Quellenangabe ist immer er- vom weißen Hirsch herabkommend, zwischen Kiefern-
forderlich. Die Christengemeinschaft hat auch ihre Pro- wald und hoher Weinbergsmauer hin, über welch letz-
pheten.] tere alte Linden und Akazien ragten. Es bot somit
dieser Teil des Weges dem Auge nichts, als ein gewisses
Aus: Ausruhen von den hohen Schönheiten der umliegenden
„Philosophie der Offenbarung“ Gegend. Aber ein Sonntagmorgen im Freien hat für
von Schelling, 37. Vorlesung dreizehnjährige Knaben seinen Reiz an sich. Ich atmete
Johanmnmeisches Christentum mit vollen Zügen die balsamische Luft der Kiefern, er-
freute mich am Gesang der Vögel und ließ es mir sehr
„Wäre Johannes auch nicht in der Aufzählung der wohl sein in meiner jungen Seele. Gesund und ohne Sor-
Apostel immer als der dritte genannt, er wäre durch gen trabte ich vergnügt den Weg entlang, dem geliebten
sich selbst, durch sein Leben wie durch seine Schriften, Vater entgegen, bis ich den sogenannten freundschaft-
. der dritte Apostel, der Apostel der Zukunft, der letzten lichen Weinberg erreichte... Das Haus mit vernagelten
Zeit, wo das Christentum Gegenstand allgemeiner Er- Fenstern und geschwärzten Wänden glich einem ver-
kenntnis geworden, wo es nicht mehr das enge, ver- wünschten Kastell; der Weinberg verwilderte, und der
schrobene, verkümmerte, verdürftigte der bisherigen Wald drang in den Garten. Hier, des Laufens müde,
dogmatischen Schulen, noch weniger das in arme, das übersprang ich den Chausseegraben, streckte mich ins
Licht scheuende Formeln notdürftig eingeschlossene, Heidekraut, und gedankenlos, aber zum Überfießen voll
ebensowenig das zu einem Privatchristentum zuge- von sonntäglicher Frühlingsseligkeit, träumte ich die
schnitzelte sein wird, sondern erst wahrhaft öffentliche hohen Gartenmauern des freundschaftlichen Weinbergs
Religion nicht als Staatsreligion, nicht als Hochkirche, an...
sondern als Religion des Menschengeschlechts, das in Mein inhaltloses Träumen ging allgemach in einen
ihm zugleich die höchste Wissenschaft besitzt. Anders ganz außergewöhnlichen Zustand über, den ich etwa dem
als so kann das Christentum nicht mehr des Deutschen des Hellsehenus vergleichen möchte. Es war, als würde
sein. Nach der Reformation können: wir es nur so oder irgendwo ein Schleier abgezogen, und mein Blick begann
gar nicht als unser achten.“ das Innere der Gegenstände zu durchdringen, die mich
Aus: umgaben. Der blaue Himmel über mir mit seinen
Sommerwölkchen, die Bäume, Büsche, Gräser, die Vögel
Ein Lebensbild in Briefen (Wilhelm von Kügelgen)
in den Zweigen, die kleinen Käfer, Ameisen und Spinnen
von Helene Marie von Kügelgen (S. 315 ££.):
am Boden, ja die anscheinend toten, an der Chaussee
Ein Tiefenblickin die Natur aufgehäuften -Steine, das alles erschien wir in einem
„Ich mochte dreizehn Jahre alt sein; wir lebten auf neuen, bis dahin nicht geahnten Werte. Die ganze Na-
dem Pencetschen Weinberge bei Loschwitz, und mein tur war durchsichtig geworden, sie hatte die Maske ab-
Vater, der auf einige Tage zur Stadt gegangen war, geworfen. Alles Dunkle, Tote, Materielle war verschwun-
wurde in der Frühe eines Sonntagmorgens zurückerwar- den, und die Dinge offenbarten ihren ewigen Gehalt,
tet. Ihm entgegenzugeben, machte ich mich auf den Weg. als lebendiges Licht und Leben, und zwar als ganz das-

246
tung, mit welcher die Berliner Gemeinde ihre neuen müttelbaren Belebung der Zeitschrift dienen soll, son-
Räume in Gebrauch nehmen will, vom 26. Dez., abends, dern vor allem auch einem regeren Zusammenwirken von
bis zum"2._Jan. einen Kursus hält über: „Die Geburt, Schriftleitung und Leserschaft.
Kindheit und Jugend Jesu“. Das Programm: dieser Ber-
Wir bitten:
liner Weihnachtsfeier kann leider erst festgesetzt wer-
1. um inhaltvolle, das gemeinsame Leben der Christen-
den, wenn klar ist, ob und in welchem Maße die bau-
gemeinschaft fördernde Briefe,
polizeilichen Vorschriften an Weihnachten schon die Be-
nutzung der neu hergerichteten Räume zulassen. Nöti- 2. um Fragen, besonders um solche, die sich auf "An-
stöße und Einwände beziehen,
'genfalls werden alle Veranstaltungen doppelt gehalten,
so daß auch auswärtige Gäste in unbeschränkter Zahl 3. um Hinweise auf Literaturerzeugnisse und: litera-
teilnehmen können. Wer nähere Auskunft und Zusen- rische Ausführungen in Vergangenheit und: Gegenwart,
dung des Programms wünscht, wende sich an Rudolf die für uns bedeutsam sind, mit genauer Quellenangabe,
Kliemand, Berlin N 4, Artilleriestraße 9, durch den die 4. um Beteiligung an der Arbeit am Religionsunter-
richt in Schule und Hans, .
endgiltige Benachrichtigung’ erfolgt.
* 5. um- unermüdliche Mitteilung von Zeitsymptomen
und markanten Zeitereignissen, \
Bitte_ 6. um verantwortungsbewußten Hinweis auf unsre
Den Lesern wird nicht.entgehen, daß wir mit dieser Zeitschrift und Bewegung, in nicht-agitatorischer Form,
Nummer einiges Neue versuchen, was nicht nur der un- bei jeder Gelegenheit. Friedrich Rittelmeyer

Die Christengemeinschaft iin der Zeitliteratur


Professor D. Dr. Eberhard Dennert; der Mit- In seiner soeben erschienenen Schrift „Der Bolsche-
begründer des Keplerbunds und langjährige Vorkämpfer wismus und seine Überwindung“ schreibt Professor
eines Christentums, das mit einer recht betriebenen Dr. Ernst von Hippel, Rechtslehrer an der Universi-
Naturwissenschaft versöhnt sein will, erwähnt in seiner tät Königsberg, im letzten Kapitel „Die Aufhebung des
Zeitschrift „Leben und Weltanschauung“ nicht selten Materialismus im durchchristeten Gedanken“:
die Arbeit der Christengemeinschaft in einem positiv „Besteht ein solches mit dem modernen Gedanken
würdigenden Sinn, von dem wir auch oben eine Probe verbundenes Christentum, und seine Grundlagen sind
brachten. ° heute durch die Geisteswissenschaft bereits gelegt, und
Sein Lebensbuch „Hindurch . zum Licht! Erinnerungen wird es wirklich gelebt wie es die ‚Christengemeinschaft‘
aus einem Leben der Arbeit und des Kampfes“ schließt anstrebt, dann wird mit dem Dogma der Erfahrung auch
wit einem Blick nach der Zukunft des Christen- der Bolschewismus von innen her überwunden... Zu-
tums. „Schelling hat einmal den Gedanken ausgespro- gleich aber bedeutet ein Christentum, welches das Be-
chen, daß der Katholizismus das Christentum des Petrus, wußtsein des Menschen frei durchdringt und nicht als
der. Protestantismus das Christentum des Paulus sei. bloßes Dogma nur über ihm hängt, die Befriedung der
Nun hätten wir noch ein drittes Christentum der Zu- großen Zerrissenheiten des modernen Lebens...“
kunft zu erwarten, nämlich das des Johannes. Friedrich (8. 43). *
Rittelmeyer hat dieses Wort wieder aufgegriffen
und in seiner geistvollen Weise weitergesponnen.... Und Die „Christliche Welt“, die fast als einzige Zeitschrift
wodurch wird das Johanneische Christentum des protestantischen Bereichs etwa jährlich einmal kurze
gekennzeichnet sein: Vor allem werden die gewaltigen Besprechungen einiger Bücher bringt — Besprechungen,
‚Ich bin“-Worte Christi im Johannesevangelium. seine in denen der gute Wille, uns zu verstehen, erkenntlich
Grundlage sein... Darüber- hinaus und höher wird die wird, freilich auch dessen Grenzen —, schreibt am
Gewißheit leuchten, daß der lebendige Christus in uns Schluß einer Anzeige von August Paulis Schrift „Was
ein.neues, ‚höheres ‚Leben wirken kann, wenn .wir.nur ist Kirche?“: „Ein klare und knappe Darstellung, be-
wollen ...“.(S. 286 f£.). sonders geeignet zur kurzen Orientierung über diese
* ‚dritte Konfession‘. -

Blicke in die Gegenwart


Aberglaube im Sport ein Stück Volkstum der Gegenwart, ein Stück Zeitgesche-
Unter dieser Überschrift ist, noch 1936, im Verlag hen, eine Erscheinung ‚primitiver Geistigkeit‘, die ‚der
Marcus, Breslau von Wehrmann ein außerordentlich zweifellos wichtigste und anregendste Gegenstand einer
lesenswertes Buch erschienen: „Der Sportaberglaube ist volkskundlichen Erforschung der Gegenwart‘ ist,“

248
Es wird
in dem Buche ausgeführt, was bestimmte Dax: Em rt = Trmıeıen ı rem Su man immer
Zahlen, bestimmte Hemdfarben, bestimmte Tiere, wieder men =5te 2er ie kosten Unfog der
Drahtstücke, Haare und was man überhanpt an besagen- Ca an een voriiemarr ir
den oder nichtsbesagenden Dingen auftreiben kann, s> vwälz WIIITIZE
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was sie alle für das „Glück“ bedeuten, und daß fest an einem s2!men Eım user sn wie ofız es heute
sie „geglaubt“ werden „müsse“. ist, daS alle Umszer Zorn = Dei Gründong
Menschen, Tiere, Tage, Zahlen, Figuren, Hufeisen, des Selhsthewcätssma Ze este werlen und
Pflanzen, Kleidung, Namen, Farben, bestimmte Hand- wirken kann, Zeil Mırtin
lungen, schlechthin alles kann in den Rang der Schick-
salsbedeutung erhoben werden von demjenigen, der an Der Mensch — cas mbeiarı-’» Tezzn
diese Dinge „glaubt“. Und das ist au dem in Rede Ein Ruf aus de=
stehenden Buch so eindringlich, daß hier gesammelt und
geordnet vor dem Auge erscheint, was man sonst nur
nach den unmittelbar praktishen Zrreimis:se Sie Sa
hier und da verstreut findet. Wir leben in einer Welt
hervorbringen kann, um in augen’! s"I= Sesam.
voll kleinsten Aberglaubens, und es ist doch seltsam, keiten zu helfen oder neue Lebkemerls2—r> m
daß gerade bekannten Sport-„Größen“ der „kleinlichste“ schaffen. Der großartige Aufschwung der Na:=a:r#*::-
Aberglaube dieser Art nachgewiesen werden kann. senschaft im 19. Jahrhundert endete =5 5

P
N
„Statt des religiösen Glaubens, der bei vielen ver- Technik, deren Bedürfnisse die Richtuxxr d=r Fcr-
loren gegangen ist, glüht trotzdem eine Sehnsucht nach
schung bestimmten. Deren Erfolge formten e’-= ===»
Halt und Hilfe, und sie findet ihn im Aberglauben, und
Umwelt. An diese haben wir uns so sehr gewährt dzo
abergläubische Vorstellungen beherrschen heute weite wir sie nicht mehr entbehren mögen.
Kreise.“ Nun kommt gerade von der Seite der Naturwisse=-
An dem Buche ist eines beachtlich und höchst bezeich- schaft in einem ihrer bedeutendsten Vertreter ein
nend für die Zeit als solche: daß nämlich der Verfasser energischer Warnruf: „In der von der Technik erschaf-
selbst den von ihm geschilderten Ereignissen nicht fenen Umwelt entwickeln sich gerade unsere wesent-
Siun gebend gegenübersteht. Ex ist selbst von der Fülle lichen Funktionen nur unvollkommen. So Wunderbares
des „Zaubexs“ in den Bann gezogen worden. Wie könnte
die wissenschaftliche Zivilisation vollbringt: die mensch-
er sonst sagen: „Vielleicht ist es des Aberglaubens
liche Persönlichkeit geht ihrer Auflösung entgegen.“
beste Seite, daß er den von ihm Besessenen furcht- Aber „... der Mensch ist der Gipfel des Geschaffenen;
los. werden läßt.“ — Früher hätte man der Kraft der
verkommt er, dann vergeht die Schönheit der Kultur,
Fürbitte vertraut, heute einem kleinen Äffchen, das dann schwindet das Erhabene aus der natürlichen Welt.“
einem eine gab, die für einen „bangt“! Einer etwas Warum besteht Gefahr, daß die Menschheit verkommt?
tieferen Menschenauffassung erscheint es gerade nicht Weil wir in einer Umwelt leben müssen, die wir in völ-
als Furchtlosigkeit, wenn man, um mutig zu sein, ein liger Unkenntnis gerade des eigentlichen Wesens des
nichtsbesagendes Ding braucht, an das man seinen Aber- Menschen geschaffen haben. So vieles wir erforscht
glauben heftet. haben — vom Menschen wissen wir noch fast gar nichts.
Der Sportaberglaube nährt nicht den Glauben an das „Der Mensch — das unbekannte Wesen“
göttliche Wesen, aus dem alle Menschlichkeit Würde (amerikanische Ausgabe: Man — the unknown) heißt
und Weihe, Kraft und Sinn erhält, sondern den Glauben der Titel des Buches, das der amerikanische Gelehrte
an undurchschaute und undurchschaubare unbewußte und Nobelpreisträger Alexis Carrel hat erscheinen las-
Regungen. sen. (Deutsche Ausgäbe übersetzt von W. E. Süskind,
Es erstaunt nicht, daß der Aberglaube im Sport ohne erschienen in der Deutschen Verlagsanstalt Stuttgart-
weiteres gleichgesetzt wird dem Aberglauben früherer Berlin, 320 Seiten, in Leinen RM. 6.—.)
Zeiten oder besser demjenigen in früheren Zeiten, was Es spricht in diesem Buche ein Mann, der durch die
dem heutigen Menschen als Aberglaube erscheint. Der einzigartige Arbeitsmethode am Rockefeller-Institut die
Aberglaube früherer Zeiten beruhte im Grunde auf ob- Möglichkeiten hat, die neuesten Forschungsresultate
jektiven Erfahrungen, die irgendwann einmal gemacht aller Einzelwissenschaften vom Menschen zu überblicken
worden sind, während der Sportaberglaube der ganz und zu einem Gesamtbilde zu verarbeiten; außerdem
subjektiven, sagen wir Zufälligkeit seinen Ursprung hat er durch seinen Schicksalsweg „so gut wie jede Form
verdankt. Es ist doch sehr zweierlei, ob Kreuzeszeichen, menschlicher Lebensäußerungen beobachtet“. Er betont
Bibelworte, Glockenläuten und Segensformeln für wir- in seiner Einleitung, daß fast jeder Satz die Frucht der
kungskräftig gehalten worden sind oder werden, oder Lebensarbeit eines Spezialisten enthält. Er möchte klar-
ob ein Püppchen, das Fräulein X dem Flieger Y ge- stellen, was man weiß, was wahrscheinlich ist, was
schenkt hat, für die Seele des Fliegers dieselbe Bedeu- wan nicht weiß,undwasmannichtwissenkann
tung erlangt. vom Menschen. Er hat den Mut zu einer gewissen

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vereinfachenden Darstellungsweise, weil er glaubt, daß Nun versucht -Alexis.Carrel von den wenigen Aus-
es wichtig ist, vielen Menschen Urteilsgrundlagen zu gangspunkten des bisher Erforschten die Richtung einer
vermitteln darüber, daß eine bessere Menschen- solchen neuen Menschenkunde zu weisen. Dabei kommt
kunde, als sie uns bisher gelungen ist, dringend not ihm zustatten, daß er vorurteilsfrei auch das Geistig-
tut. Die Glaubenssätze, die ihnen von der modernen Ge- Seelische zu beobachten und an den Menschen von vie-
sellschaft auferlegt sind, möchten viele Menschen ab- len Seiten heranzugehen bestrebt ist.
schütteln; für sie ist das Buch geschrieben. Es soll ein Er glaubt, daß „Phantasie im Fragestellen“ uotwen-
einfacher Bericht sein über Tatsachen aus dem „Leben dig sei; daß es keine „Lieblingsgebiete“ geben darf...
des Menschen“, wie die wissenschaftliche Beobachtung „eine Bewußtseinslage, ein Oberarmknochen, eine Wunde
sie lehrt. . sind gleich wichtige Dinge...“. Ja, er fordert, daß „un-
Viele sollten ernsthaft und gründlich dies Buch stu- sere Wißbegier das Physikalische und Physiologische ver-
dieren, denn es zeugt von ehrlicher Selbsterkenntnis lassen und sich dem Geistig-Seelischen zuwenden muß“.
moderner Wissenschaft und ist aus einem tiefen Er- ‘. Eine Schwierigkeit sieht er darin, daß es heute nur
kenntnisdrang eines modernen naturwissenschaftlichen wenige Gelehrte gibt, dagegen viele wissenschaftliche
Bewußtseins geschrieben. Der Verfasser beantwortet die Arbeiter. Aber es schafft ja auch keiner Lebens-
Frage, warum wir so wenig vom Menschen wissen, zu- bedingungen für den wahren Forscher: „...noch hat
erst dadurch, daß er aufzeigt, wie die Naturwissen- keiner den. Versuch gemacht, inmitten des Treibens
schaft einseitig sich der W elt eroberung zuwandte, und einer modernen Stadt Inseln der Einsamkeit zu schaf-
wie die am Leblosen leicht gewonnenen Methoden ver- fen, wo sich’s meditieren ließe“. Auch eine andere Mög-
sagen müssen, wenn es gilt das Leben zu begreifen. lichkeit sieht Carrel: „Der beste Weg, um die Verstan-
Aber das ist auch der Grund, warum die Welt, die deskraft der Wissenschaftler zu steigern, wäre die Ver-
durch diese Wissenschaft geformt wurde, .uur geeignet minderung ihrer Zahl.“
ist, den Menschen zu zerstören. Carrel spricht in seinem Bevor Carrel nun daran geht, in wenigen Kapiteln
Buche von dieser modernen Menschheit, die leichte, hy- — „Körper und physiologische Lebens-
gienisch geschützte Arbeit, angenehmes Wohnen, Leben äußerungen des Menschen“ — „Geistige
in großen Massen liebt, der Einsamkeit Strafe oder sel- Lebensäußerungen“
— „Dieinnere Zeit“
tener Luxus geworden ist, die statt natürlicher An- — „Anpassungsfunktionen“ — „Das In-
strengung — geregelten Sportbetrieb zur Gesunderhal- dividuum“ — unser jetziges Wissen vom Menschen
tung pflegt (wobei er nachweist, wie der Sport zwar zu umschreiben, betont er noch einmal, daß es „Erfah-
schöne Menschen hervorgebracht, wie aber die Wider- rungswissen ist, angenähert, abgedroschen, unvollstän-
standsfäbigkeit gegen Ermüdung und Gram abgenom- dig“ — aber so ist wenigstens festzustellen, was uns
men hat). „Vor den intellektuellen Siegen, die uns noch fehlt.
Reichtum und Behaglichkeit gebracht haben, konnten Diese Kapitel enthalten nun nicht nur eine Fülle wich-
sich die moralischen Werte nicht behaupten.“ Er zeigt, tiger Beobachtungsresultate, sondern auch eine be-
wie die Medizin den Infektionskrankheiten siegreich zu stimmte Methode, nach Möglichkeit Körperliches und
Leibe rückte, wie aber andererseits die Entartungs- Geistig-Seelisches zusammen zu schauen. Brechen auch
krankheiten ungeheuer anwachsen. Hygiene allein hilft immer wieder materialistische Denkgewohnheiten 'durch
da nicht: „Geistige und gefühlsmäßige Gesundheit, mo- (z.B. wenn Carrel meint, daß Ratten und Kaninchen
ralische Disziplin, spirituelle Aufwärtsentwicklung sind leider nur entfernte Ähnlichkeit mit dem Menschen
ebenso dringlich, wie Verhütung ansteckender Krank- haben, aber Hundeversuche, umfangreich genug ange-
heiten und körperliche Gesundheit.“ Er kennzeichnet stellt, bessere Ergebnisse erzielen würden u. ä.), so spürt
das moderne Durchschnittbewußtsein als ‚,... Unwissen- man doch den vorurteilsfreien Forscher, der über eine
heit, pfiffige Intelligenz und geistige Schwächlichkeit, die mechanistische Behandlungsweise vordringen möchte.
als große Beeinflußbarkeit sich zeigt“. So sind für ihn z.B. Hellsehen und mystische Ver-
Unser Leben ist bestimmt von Erfindungen, deren Fol- senkung ebenso wichtige Lebensäußerungen des Men-
gen man nicht überschaute, als man sie begeistert ein- schen, wie Verstandesdenken und Sinnesbeobachtung.
führte. Der Erfolg einer Erfindung war bei uns be- Sie zu erforschen, bedarf es seiner Ansicht nad, wie
stimmt durch „größte Bequemlichkeit bei geringster An- in jeder Forschung, bestimmter Voraussetzungen. So
strengung, Lust an Geschwindigkeit, Wechsel und Be- sagt er z.B. bei Beschreibung gewisser Phänomene der
hagen, Bedürfnis nach Flucht vor uns selber“. christlichen Mystik: „Nur wer selbst ein Leben im Gebet
Der riesige Vorsprung der toten Wissenschaften geführt hat, kann diese Eigenheiten verstehen.“
wurde uns zum Verhängnis — „der Mensch sollte das " Den Leser, dem die Geistgestalt Rudolf Steiners le-
Maß aller Dinge sein, — statt dessen ist er ein Fremd- bendig geworden ist, berührt besonders folgender Satz:
ling in der von ihm geschaffenen Welt“. Darum tut eine „Es müßte ja auch eine ganz ungewöhnliche Kraft gei-
neue Wissenschaft vom Menschen not. stigen Scharfsinns dabei herauskommen, wenn eine

250
disziplinierte Intelligenz und die Gabe der Telepathie in Gerade in diesem Zusammenhang mnS er rat z=—i?
einem Afenschen zusammen arbeiteten“, Schon für die oft betonen, daß man nichis weiß über das In--r-=--
gewöhnliche menschliche Intelligenz gibt Carrel die sel- wirken des Geistig-Seelischen und Körperlichen. Aber
ten eindringliche Definition: „.. ‚eine Energie, zusam- die wirklich ehrliche, voruxteilsfreie Forschung koz2
mengesetzt aus Vernunft, Urteilskraft, freiwilliger Auf- immer wenigstens zu den richtigen Fragestellungen und
merksamkeit, Intuition und vielleicht aus einigem Ver- vermeidet so voreilige, scheinbare Lösungen. Carrel be-
mögen zum Hellseben“. tont, wie jede Einteilung der Menschen zwecklos sei
Sucht ein solcher Forscher sich ein wirkliches Bild der gegenüber der Fülle der Individualitäten. Er kritisiert
geistig-seelischen Kräfte im Menschen zu machen, und unsere Geschäfts- und Erziehungsmethoden, die alle
hat ihn sein Weg trotz allen umfassenden Strebens nicht gleichmachen und -behandeln wollen, ebenso wie die
der wahrhaft neuzeitlichen „Geisteswissenschaft“* begeg- moderne Seelenkunde, die seiner Meinung nach noch
nen lassen, so ist es verständlich, daß er vor allem auf nicht den Namen einer Wissenschaft verdient; beide weil
Erscheinungen des katholischen Lebenskreises stößt, um sie dem Wesen des Individuellen nicht Rechnung tragen.
Beispiele zu geben. So spricht er z:B. davon, daß in Vor allem an die Medizin stellt er höchste Anforderun-
Lourdes „die objektive Bedeutung seelischer Energien gen; seiner Forschung nach ist jede Krankheit ein höchst
bewiesen ist“. persönliches Ereignis; es gibt so viele Krankheiten, als
Gerade das Kapitel über ‘geistige Lebensäußerungen es Kranke gibt. Ein Arzt müsse die unmögliche Leistung
enthält viele überraschende Einsichten. Ernst weist vollbringen, eine Wissenschaft der besonderen Fälle auf-
Carrel auf die Zunahme der Geisteskrankheiten hin, zubauen.
von denen er sagt, daß sie „vielleicht überhaupt nicht Ehrlich stellt Carrel fest, daß wir nie wissen, wie die
im Räumlichen lokalisiert sind“. angeborenen Anlagen des. Menschen beschaffen sind.
Es gelte festzustellen, wie das moderne Leben. auf das Auch kann die Eugenik, deren Bedeutung er durchaus
Bewußtsein wirkt. Er zeichnet ein furchtbares Bild der betont, „nur unter bestimmten. Entwicklungs- und Er-
modernen Seelenverfassung; die meisten heutigen Men- ziehungsbedingungen hochstehende Typen hervorbringen.
schen sind: „... weichlich, sentimental, lüstern, gewalt- Zauberkraft besitzt sie nicht, und ohne Nachhilfe ist ihr
tätig, die Intelligenz im allgemeinen beschränkt“. verbessernder Einfluß auf das Individuum gering.“ Des-
Es ist unmöglich, auch nur einen ungefähren Begriff halb mißt Carxel der Erziehung eine besondere Beden-
der Fülle des zusammengetragenen Materials zu geben. tung zu; er sieht in ihr eine „Angelegenheit unbeirrbarer
Allein was er über die Anpassung als Lebensfunk- Fürsorge und Führung, solche5 Fürsorge ist Sache der
tion sagt, eröffnet ganz neue Sicht auf viele Erschei- Eltern“,
nungen unseres Lebens. »»-. Um seine volle Kraft zu erreichen, braucht das
In dem Kapitel „Das Individuum“ befindet sich eine Individuum die relative Isolierung und die Aufmerksam-
besonders interessante Stelle, ‘wo die Naturforschung an keit, wie sie ihm in der verhältnismäßig kleinen sozialen
die Grenze der Geistesforschung stößt. Carrel schreibt Gruppe der Familie zuteil wird.“... An einer anderen
da: „Jeder von uns ist sicher weit größer und ausge- Stelle fragt er sich, wo denn die erworbenen Anlagen
dehnter als sein Körper... Wenn man all die immate- des Individuums, die sich bekanntlich "nicht vererben,
riellen Bindeglieder sichtbar machen könnte, würden bleiben beim Tode. Hier führt die reine Beobachtung
die Menschen einen neuen und seltsamen Anblick bieten. auf: die Frage nach dem Fortleben. Oft steht man vor
Einige würden sich kaum über ihre anatomische Grenze der Frage, sagt Carrel, ob es bei der Masse der moder-
kinaus erstrecken; andere würden wenigsteus bis zum nen Menschen eine geistige Individualität überhaupt
Safe in der nächsten Bank, zu den Geschlechtsorganen gibt. Er findet da nur einen Typ, „gemischt aus Ner-
eines anderen Menschen, zu ein paar Speisen und Ge- vosität und Reglosigkeit, aus Eitelkeit und mangelndem
tränken hinreichen, vielleicht auch bis zu einem Hund, Selbstvertrauen, aus Muskelkraft und leichter Ermid-
einem Schmuckstück, einem Kunstwerk. Andere würden barkeit, ‘einem hen, aber schwächlichen Ge-
beinahe grenzenlos wirken ... große Menschenfreunde schlechtstrieb unterworfen“
ünd Heilige würden aussehen wie die Riesen im Märchen Viele Menschen gerade in \ Mitteleuropa werden Carrel
und zahllose Arme über ein Land, einen Exrdteil oder heute zustimmen, wenn .er feststellt, daß „das demo-
die ganze Welt hinbreiten...“ kratische Prinzip den Zusammenbruch der Kultur mit-
Bei der Beschreibung des Individuellen stellt Carrel verschuldet hat, indem es sich der Ausbildung
einer
besonders auch auf Grund aller physiologischen Phäno- Elite entgegenstellt“... „wir haben Begriffe
wie Opfer,
mene fest: „Die Individualität ist nicht bloß eine be- moralisches ‘Leiden, Gedanke, Schönheit,
Frieden mit
liebige Ausdrucksform des Organismus, sondern sie Mißachtung behandelt...“
durchdringt das gesamte Wesen und macht aus dem be- „Wir haben blindlings alle Errungenschaften der
treffenden Ich ein einmaliges Ereignis in der Geschichte Wissenschaft arigenommen, und der einzelne Mensch ist
der Welt.“ dadurch eng, fachbeschränkt, unmoralisch, verstandes-

251
schwach, zur Ordnung seiner Person und seiner Einrich- Forderung eines neuen Menschentums, sondern da
tungen untauglich geworden.‘ Aber trotz dieser trau- erfüllt ein, Gemüt und Wille ergreifendes, klares Bild
rigen Diagnose ist der Arzt voller Hoffnungen, er glaubt, dieses neuen Menschen die Seele, das die Kraft zur
daß die moderne Menschheit durch Willensanstrengung Erneuerung schafft. Wir haben unser Los, nach Carrel,
ihren Untergang aufhalten kann. Wir müssen, wie die selbst in der Hand, weil zum erstenmal eine Menschheit
letzte Kapitelüberschrift sagt: weiß, warum sie vom Untergang bedroht ist. Die Welt
„Einen neuen Menschen schaffen“. der Materie ist uns zu klein geworden. „Der Glaube an
Mit dem Optimismus des Amerikaners fordert Carrel, ihre ausschließliche Wirklichkeit ist uns abhanden ge-
daß eine Führerschicht von Weisen herausgebildet werde, kommen; wir wissen, daß ihre Dimensionen uns nicht
die alle Wissenschaften zusammenfassend, selbst weder ganz umfassen, daß wir noch in andere Bereiche, außer-
Forscher noch Lehrer, in stiller Denkarbeit die Richt- halb des körperlichen Kontinuums, hineinragen. In ein
linien finde für den neuen Menschen. und derselben Zeit ist der Mensch ein materieller Gegen-
Man glaubt, alte Rosenkreuzerideen wieder aufleben stand, ein Lebewesen, ein Brennpunkt geistiger Energie.
zu sehen bei diesem „Orden der Gelehrten“, an die Sieht man ihn nur als das winzige Pünktchen im gren-
höchste Anforderungen von Selbstlosigkeit und Hingabe zenlosen leeren Raum, so verschwindet er freilich ganz.
gestellt werden. Er weist auf Wunder der Vergangenheit Aber er ist kein Fremdling im Reich des Unbelebten.
hin, z.B. wie die antike Kultur gerettet wurde durch Mit Hilfe mathematischer Abstraktionen erfaßt sein
Abweisen des „Schlafes des Islam“. Er wirbt begeistert Geist die Elektronen und erfaßt die Sterne. Gleichzeitig
für das Abenteuer, das lockt: Erneuerung des modernen ist er aber auch nach irdischen Maßen geschaffen, nach
Menschen. Als äußeres Ziel stellt er auf: „Kultur obne dem Maß von Bergen, Meeren und Strömen; er ist der
Komfort, Schönheit ohne Luxus, Maschinen obne skla- Erdoberfläche zugehörig, nicht anders als Bäume, Pflan-
venhaften Fabrikbetrieb, Naturwissenschaften obne Ver- zen und Tiere, und in ihrer Gesellschaft fühlt er sich
götterung der Materie“. daheim. Er kennt seine besonderen, innigeren Bindun-
Gerade wir können ihn verstehen, wenn er Änderung gen: an die Werke der Kunst, an Denkmäler, an die me-
bestehender Denkgewohnheiten fordert; wenn er z.B. chanischen Zauberkünste der modernen Großstadt,
davon spricht, daß wieder Siun für Qualitäten entstehen an die kleine Schaar seiner Freunde, an die Men-
müsse, der seit Galilei verloren ging. Wir glauben mit schen, die er liebt. Und doch gehört er gleichzeitig
ihm, daß das Erkennen des Gefühlslebens als ebenso einer anderen Welt an, einer Welt, die zwar in
wichtig angesehen werden muß, wie die Thermodynamik, ihm beschlossen liegt, die sich aber über Zeit und Raum
und stimmen mit ihm überein, wenn er sagt, daß hinaus erstreckt. Es ist eine zyklische Welt, und ist der
„unserDenken sich auf alleFälle sämt- Mensch umzähmbaren Willens, so wird es ihm vergönnt
licher Ausdrucksformen der Wirklich- sein, die ganze Unendlichkeit dieses Kreisbaues zu durch-
keit bemächtigen muß“. Zu diesen Ausdrucks- schweifen: den Kreis der Schönheit, wie ihn Wissen-
formen der Wirklichkeit gehört für uns aber auch eine schaftler, Künstler, Dichter schauen; den Kreis der
Geisteswissenschaft, die im Weiterbilden der exakten Liebe, aus dem Heldentum und Opfertat kommen; den
naturwissenschaftlichen Methoden vorgedrungen ist zur Kreis der Gnade, wohin zur Belohnung gelangt, wer mit
Erforschung der übersinnlichen Wesenheit des Menschen. Eifer den Grund der Dinge sucht. Dies ist unsere Welt!“
Hier in Mitteleuropa ist ein erweitertes neues Wissen Wir sind gewöhnt, vom Westen her vieles aufzuneh-
vom Menschen schon ausgebildet worden, wie es Carrel men. „Fast älle Länder folgen dem von Nordamerika ge-
fordert. Vieles von dem, was selbstlose Gelehrtenarbeit wiesenen Pfad... * sagt Carell am Beginn seines Buches
in bewunderungswürdiger Aufopferung als Lebenstat- in dem negativen Sinn, daß wir das mechanistische Welt-
sachen erforscht hat, wird von da aus neu begriffen und bild und die Technik übernehmen. Hier kommt einmal
zusammengefaßt werden können. ein anderer Ruf aus dem Westen. Gerade in Deutsch-
Da, wo der Wert der Seelenschulung, die Rudolf land sollte hierfür Verständnis vorhanden sein. Wir wol-
Steiner in wirklich zeitgemäßen Methoden ausgebildet len uns nicht über den Ernst der aufgezeigten Tatsachen
hat, erlebt wurde, wird Carrels Ausspruch Verständnis wegtäuschen damit, daß der Verfasser ja vorwiegend
finden: „Zwei wesentliche Voraussetzungen zur Höherent- amerikanische Verhältnisse als Beobachtungsgrundlage
wicklung desIndividuums sind Einsamkeit und Disziplin.“ habe—bestehen da nicht doch nur Gradunterschiede?—,
Da, wo in der Erneuerung des Christentums das Bild wir wollen uns auch nicht beirren lassen, wenn hie und da
des Menschen im auferstandenen Christus aufleuchtet noch materialistische Denkweisen durchbrechen. Es wäre
und die unendliche Wandlungsfähigkeit der mensch- wichtig, solch einen mutigen Warn- und Weckruf einfach
lichen Seele erlebt wird, da steht man nicht nur vor der ernst zu nehmen. : Gerhard Klein

kann (außer wenn Rück-


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