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Modul 1.

5 Plusquamperfekt

Wir kommen jetzt zu einem Tempus, das in der deutschen Sprache eigentlich selten, dafür
aber oft falsch verwendet wird – vor allem von deutschen Muttersprachlern. Das
Plusquamperfekt. Ich zeige dir jetzt zwei Sätze, die meine deutschen Freunde oft verwenden,
die aber leider falsch sind. Also Achtung, SO funktioniert das Plusquamperfekt NICHT:

Am Wochenende war ich in der Stadt gewesen.*

Ich hatte dich gestern angerufen.*

Vorab: Die Vergangenheitszeit Plusquamperfekt besteht aus einem Hilfsverb im Präteritum


und dem Partizip II:
war (Präteritum) + gewesen (Partizip II)

hatte (Präteritum) + angerufen (Partizip II)

Du siehst, es ist im grammatischen Aufbau ähnlich wie das Perfekt, aber nicht in der
Bedeutung.

Also, warum sind diese beiden Sätze falsch? Die Antwort ist ganz einfach: Das
Plusquamperfekt steht nicht alleine, man kombiniert es mit einer anderen Zeit der
Vergangenheit und das ist entweder das Präteritum oder das Perfekt. Das siehst du jetzt an
einigen Beispielen:

Tim kaufte sich einen Porsche, nachdem er im Lotto gewonnen hatte.


Lisa war sehr traurig, weil ihre Katze weggelaufen war.

Die Schüler kamen zu spät zum Unterricht, da der Bus wegen eines Unfalls einen Umweg
gefahren war.
Wir sahen uns den Film an, den unsere Freunde uns empfohlen hatten.

Ich war so glücklich, weil ich endlich die Prüfung bestanden hatte.

Schau dir die Sätze einmal genau an und überlege, in welchen Situationen man das
Plusquamperfekt benutzt. Fällt dir schon etwas auf?
Fangen wir mal mit dem ersten Satz an: Er besteht aus dem Hauptsatz Tim kaufte sich einen
Porsche und dem Nebensatz nachdem er im Lotto gewonnen hatte. Wir machen zuerst eine
inhaltliche und dann eine grammatische Analyse: Es gibt zwei Aktionen, einmal den Kauf
eines Porsches und den Lottogewinn. Jetzt kommt die große Preisfrage: Welche Aktion ist
zuerst passiert? Natürlich der Lottogewinn, sonst könnte Tim sich keinen Porsche kaufen.
Aber! Welche Aktion wird im Satz zuerst genannt? der Kauf des Porsches. Das heißt, wir
berichten zuerst von einer Aktion in der Vergangenheit – also dem Kauf des Porsches und
danach erfahren wir, was VOR dem Kauf des Porsches war. Das ist sozusagen eine Zeit VOR
der Vergangenheit und genau dafür brauchen wir das Plusquamperfekt.

Deshalb nennt man es auch oft Vorvergangenheit und das ist auch der Grund, warum das
Plusquamperfekt nicht alleine steht. Es braucht eine Verbindung zur Vergangenheit, sonst ist
es nicht logisch.
Zweiter Satz: Lisa war sehr traurig, weil ihre Katze weggelaufen war.

Nochmal: Welche Aktion ist zuerst passiert? Die Katze ist weggelaufen. Denn erst dann war
Lisa sehr traurig. Sonst hätte sie keinen Grund, traurig zu sein, oder? Aber im Beispiel wird
zuerst erwähnt, dass Lisa traurig war, also Aktion 2 und erst dann Aktion 1, dass die Katze
weggelaufen war. Und weil die Aktion mit der Katze in der Zeit vor der Vergangenheit
stattfand, wird das Plusquamperfekt dafür verwendet.
Gleiches gilt für Satz Nr. 3: Was ist zuerst passiert? Der Bus ist einen Umweg gefahren und
erst dann sind die Kinder zu spät zum Unterricht gekommen. Aber im Satz erfahren wir
zuerst, dass die Kinder zu spät kamen und danach wird erzählt, was davor passierte, nämlich
dass der Bus einen Umweg fahren musste.

Ich möchte dir das mal an einem Schaubild verdeutlichen. Das ist die Zeit: hier haben wir das
Jetzt, die Zukunft und die Vergangenheit.

In den ersten drei Beispielen beginnt die Situation in der Vergangenheit, also im Präteritum
oder Perfekt. Tim kaufte sich einen Porsche, Lisa war traurig und die Schüler kamen zu spät
zum Unterricht. Erst danach wird berichtet, was vorher passiert ist, also quasi in der
Vorvergangenheit: Tim hatte im Lotto gewonnen, die Katze war weggelaufen und der Bus
war einen Umweg gefahren.

An diesem Schaubild kannst du gut erkennen, dass das Plusquamperfekt IMMER eine
Verbindung zur Vergangenheit braucht, sonst kann man es nicht benutzen. Und das heißt
gleichzeitig, dass man das Plusquamperfekt NICHT mit dem Präsens benutzt, sondern immer
nur mit einer Zeit der Vergangenheit, also entweder dem Präteritum oder dem Perfekt.
Damit du es noch besser verstehst, zeige ich dir, was passiert, wenn man die Beispiele mit
dem Präsens beginnt.

Tim kauft sich einen Porsche, weil er im Lotto gewonnen hat.


Siehst du, was passiert? Die Vergangenheitszeit kaufte (Präteritum) steht jetzt in der
Gegenwartsform kauft (Präsens). Und weil man nicht zwei Schritte in der Zeit zurück geht,
sondern immer nur einen Schritt, steht der zweite Teil nicht mehr im Plusquamperfekt,
sondern im Perfekt und das ist „gewonnen hat“.

Und das funktioniert im zweiten Satz genauso:


Lisa ist sehr traurig, weil ihre Katze weggelaufen ist. Also, im Hauptsatz Präsens, im
Nebensatz Perfekt. Oder: Im Hauptsatz Perfekt/Präteritum und im Nebensatz
Plusquamperfekt.
Dritter Satz:
Die Schüler kommen zu spät zum Unterricht, da der Bus wegen eines Unfalls einen Umweg
gefahren ist.

Ist dir das Thema schon ein bisschen klarer geworden? Schauen wir uns noch die letzten
beiden Sätze an:
Wir sahen uns den Film an, den unsere Freunde uns empfohlen hatten.

Wann sahen wir den Film? Vielleicht gestern, aber auf jeden Fall in der Vergangenheit, denn
dieser Hauptsatz steht im Präteritum. Und wann bekamen wir die Empfehlung von unseren
Freunden? Natürlich bevor wir den Film sahen. Also passierte diese Empfehlung in der
Vorvergangenheit und steht deshalb im Plusquamperfekt.
Kommen wir zum letzten Satz:

Ich war so glücklich, weil ich endlich die Prüfung bestanden hatte.

Der Hauptsatz steht in der Vergangenheitszeit Präteritum. Aber warum war ich glücklich?
Weil ich davor die Prüfung bestanden hatte, also in der Vorvergangenheit und das ist das
Plusquamperfekt.

Oft sieht man das Plusquamperfekt zusammen mit der Konjunktion „nachdem“, denn damit
kann man zeigen, dass eine Sache vor einer anderen Sache passiert ist:

Die Gastgeber eröffneten das Buffet, nachdem alle Gäste auf der Feier angekommen waren.
Die Dozentin begann ihren Vortrag, nachdem die Studenten sich auf ihre Plätze gesetzt
hatten.

Wir gingen direkt zum Flugzeug, nachdem wir am Flughafen eingecheckt hatten.
Wie du siehst, steht das Plusquamperfekt immer im Nebensatz, in diesem Fall zusammen mit
„nachdem“.

Achtung! Der Nebensatz kann natürlich auch vorne stehen, das heißt, dass auch das
Plusquamperfekt vorne stehen kann:
Nachdem alle Gäste auf der Feier angekommen waren, eröffneten die Gastgeber das Buffet.
Nachdem die Studenten sich auf ihre Plätze gesetzt hatten, begann die Dozentin ihren
Vortrag.
Nachdem wir am Flughafen eingecheckt hatten, gingen wir direkt zum Flugzeug.
Fassen wir mal zusammen:
Das Plusquamperfekt steht nicht alleine. Man benutzt es nur in Verbindung mit einer Zeit
der Vergangenheit, also entweder dem Perfekt oder dem Präteritum. In der gesprochen
Sprache verwendet man es eher selten und oft wird es leider falsch benutzt. Es funktioniert
im Prinzip wie das englische Past Perfect (I had done).

Präteritum + Plusquamperfekt Präsens + Perfekt

Tim kaufte sich einen Porsche, nachdem Tim kauft sich einen Porsche, nachdem
er im Lotto gewonnen hatte. er im Lotto gewonnen hat.

Lisa war sehr traurig, weil ihre Katze Lisa ist sehr traurig, weil ihre Katze
weggelaufen war. weggelaufen ist.

Die Schüler kamen zu spät zum Die Schüler kommen zu spät zum
Unterricht, weil der Bus wegen eines Unterricht, weil der Bus wegen eines
Unfalls einen Umweg gefahren war. Unfalls einen Umweg gefahren ist.

Wir sahen uns den Film an, den unsere Wir sehen uns den Film an, den unsere
Freunde uns empfohlen hatten. Freunde uns empfohlen haben.

Ich war so glücklich, weil ich endlich die Ich bin so glücklich, weil ich endlich die
Prüfung bestanden hatte. Prüfung bestanden habe.

Warum benutzt man das Plusquamperfekt so selten?

Wie du in dieser Lektion gelernt hast, braucht man es nur, wenn man über etwas erzählt, das
in der Vergangenheit passiert ist und man dann erzählen möchte, dass etwas noch früher
passiert ist. Das heißt ja, man erzählt etwas von vorne nach hinten in der Zeit, also
sozusagen rückwärts. Das ist aber normalerweise nicht üblich, denn wenn wir etwas
erzählen, beginnen wir ja am Anfang und erzählen dann, was danach passiert ist, oder?
Also, z.B.

Tim hat im Lotto gewonnen und sich dann einen Porsche gekauft.

Tim gewann im Lotto und kaufte sich dann einen Porsche.

Siehst du, wenn man in der normalen Reihenfolge erzählt, braucht man kein
Plusquamperfekt.
Zum besseren Verständnis noch das zweite Beispiel in der normalen Reihenfolge:

Als Lisas Katze weglief, war sie sehr traurig. /


Als Lisas Katze weggelaufen ist, ist sie sehr traurig gewesen.

In den folgenden Übungen kannst du dein Wissen direkt überprüfen. Wir sehen uns dann in
der nächsten Lektion, in der du das Futur I lernst. Bis dahin viel Erfolg, du schaffst das!