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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 20.10.2005 21. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤
www.antifaschistische-nachrichten.de

Verfassungsschutz-Affäre um
NPD-Bundesvize Peter Marx
NPD-Spitzenfunktionär soll Kameraden zur Kooperation mit dem Verfassungsschutz
gedrängt haben – Marx leitet Schiedsgerichtsverfahren gegen sich selbst ein
von Carsten Hübner

In der NPD tobt ein heftiger Streit Im rechtsextremen Spektrum sorgen auch im NPD-Landesverband Rhein-
um den stellvertretenden Bundes- die Anschuldigungen derweil für große land-Pfalz einen Spitzel geduldet haben
vorsitzenden Peter Marx. Laut Aufregung. Der NPD-Ortsverband Wup- soll. Quelle ist wiederum Jürgen
Vorwürfen aus den eigenen Reihen soll pertal verlangte deshalb in einem inter- Schwab, der sich in diesem Fall auf den
Marx in seiner Zeit als saarländischer nen Papier eine „umfassende Aufklärung früheren Landesvorsitzenden Martin
NPD-Landesvorsitzender zwei Partei- über den Fall Marx“. Es müsse geklärt Laus beruft. Danach sei die Parteifüh-
funktionäre dazu gedrängt haben, mit werden, ob „Marx die Tätigkeit von Ge- rung bereits 2001 über einen Polizeispit-
dem Verfassungsschutz zusammenzuar- heimdienstagenten in seinem Umfeld ge- zel in den eigenen Reihen aufmerksam
beiten. Die Hälfte des Spitzellohns in duldet“ und sich an der Geheimdiensttä- gemacht worden, habe aber seither nichts
Höhe von 250 Euro hätten die beiden tigkeit anderer bereichert habe. Zudem unternommen. Nun bekäme sie „eine al-
dann an Marx überweisen sollen, was in wurde die Frage aufgeworfen, ob „Marx lerletzte Nachfrist“, dann werde „diese
einem Fall bis heute auch geschehe. Das selbst für den Geheimdienst tätig“ sei. Person und das Umfeld der Mitwisser öf-
geht aus einem Schreiben hervor, das der Gesteigerten Klärungsbedarf meldet fentlich gemacht“. Schwab rief die NPD-
frühere NPD-Ideologe Jürgen Schwab auch die militante Kameradschaftsszene Parteibasis zu einem „Aufstand der An-
unlängst im Internet veröffentlicht hat. an. So habe sich die NPD bisher ledig- ständigen gegen die Parteiführung“ auf,
Er beruft sich dabei auf Angaben des lich in „oberflächlicher und pauschalisie- um dem Eindruck entgegenzutreten, bei
Völklinger Stadtrates Otfried Best, der render Weise“ zur Problematik geäußert, der Partei handele es sich um eine
bis vor kurzem der dortigen NPD-Stadt- heißt es etwa auf den Internet-Seiten des „Agentur des Verfassungsschutzes“.
ratsfraktion angehörte. Bei den Ange- Störtebeker-Netzes. Es falle auf, „dass Marx selbst hat nach Wochen des
worbenen soll es sich um den ehemali- sie nicht zu einem einzigen Vorwurf Stel- Schweigens nun ein Verfahren vor dem
gen stellvertretenden JN-Bundesvorsit- lung bezieht“ und „die gegenüber Marx saarländischen NPD-Schiedsgericht ge-
zenden Günter Prüm und das saarländi- und anderen Funktionären erhobenen gen sich selbst eingeleitet. In einer Stel-
sche NPD-Landesvorstandsmitglied Otto Vorwürfe nicht einfach für Unterstellung lungnahme forderte er Best auf, „die an-
Becker handeln. und Lüge erklärt“. Das mache „die Ver- geblichen Beweise“ vorzulegen. Zudem
Best zufolge, so Schwab, „habe sich wirrung noch größer als sie ohnehin erwäge er „außerparteiliche Klagen ge-
Peter Marx aktiv an Anwerbeversuchen schon ist und trägt zum Verdacht bei, gen die verleumderischen Vorwürfe von
des VS beteiligt“. Das habe Best Partei- dass man hier gerne etwas vertuschen Best und Co.“ Unterstützt wird er dabei
chef Udo Voigt bereits im Juli in einem möchte“. nicht zuletzt vom saarländischen NPD-
Brief mitgeteilt, der allerdings über Mo- Zusätzliche Brisanz bekommt die Af- Vorsitzenden Frank Franz, der „Herrn
nate ohne Antwort geblieben sei. Angeb- färe durch Informationen, wonach Marx Best“ als Querulant bezeichnete. Er sei
lich, so die Parteizentrale erst kürzlich, sich sicher, dass „dieser Spuk
ist das Schreiben dort nie angekommen. ein sehr rasches Ende finden
Marx gilt als Voigt-Intimus und Hoff- wird“.
nungsträger der NPD. In seiner Zeit als NPD-Kenner Schwab kann
Vorsitzender der NPD-Saar erreichte die sich jedoch auch einen anderen
Partei bei den Landtagswahlen 4 Prozent Ausgang der Affäre vorstellen:
der Stimmen. Marx ist derzeit Vorsitzen- „Sollte Best mit seiner Darstel-
der der NPD-Rheinland-Pfalz und Frak- lung über Marx recht haben,
tionsgeschäftsführer im Sächsischen dann wäre die Geschichte als
Landtag. Er leitete auch den NPD-Bun- Anschauungsunterricht zu be-
destagswahlkampf. greifen, wie ein gesamter Lan-
desverband vom VS korrum-
piert wird“. ■
Inhalt:
Die NS-Mörder sind noch Aufrüstung an Europas Gren-
unter uns! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 zen: Noch mehr Stacheldraht
Japan: Neubewertung und höhere Grenzpfeiler für
des Militarismus? . . . . . . . . . . . 8 die Abschottung der spanischen
Exklave Melilla in Marokko
siehe Artikel auf Seite 10
: meldungen, aktionen
Grewe aus Kiel die Festrede halten. Der
Vorsitzende des Bismarckbundes war je-
doch erkrankt. Statt dessen sprach nun
Hauptsache Deutsch ? 21. Oktober im Bremer Atlantic-Hotel ein Parteifreund und Pädagoge. Seine
Dortmund/Köln. Der sich im Kampf eine Arbeitstagung durch. Angekündigt „Thesen zur Erneuerung Deutschlands“
um die Reinerhaltung der deutschen werden u.a. Heinz Klaus Mertes, ehe- enthielten alle typischen Topoi einer
Sprache befindliche „Verein Deutsche mals stellvertretender Vorsitzender der klassischen rechts-konservativen Weltan-
Sprache“ (nach eigenen Angaben 24.000 „Deutschland-Stiftung“ und der General- schauung.
Mitglieder) hat einen Förderpreis für major a.D. Gerd Schultze-Rhonhof. Anschließend wurden neue Mitglieder
deutsch-sprachige Popmusik ausge- Schultze-Rhonhof, vor einigen Jahren in den Orden aufgenommen und mit
schrieben. Der internationale Musik- Festredner bei einer Veranstaltung des ebensolchen ausgezeichnet. Unter ihnen
preis, der deutschsprachige Popmusik Kameradschaftsverbandes des ehemali- befanden sich mehrere Unionspolitiker,
weltweit fördern will, soll gemeinsam gen 1. SS-Panzer-Korps, hatte in der Ver- so Dietrich Barske, Stellvertreter der
mit dem „Deutschen Musikexportbüro“ gangenheit mehrfach der „Jungen Frei- CDU-Fraktion in Storman, Stefan Ehm-
(Köln) und dem „Deutschen Pop- und heit“ Interviews gegeben und kürzlich ke, Ratsherr der CDU in Kiel, und der
Rockmusikerverband“ verliehen werden. auch der „Deutschen Nationalzeitung“ Hamburger Ulrich Winkel, Beisitzer der
Schirmherr des Preises ist der Berliner des DVU-Chefs Gerhard Frey. Mittelstands- und Wirtschaftsvereini-
Sänger Reinhard Mey, der sich schon in hma ■ gung der hanseatischen CDU. Aus der
der Vergangenheit für eine besondere gleichen Parteigliederung kommt auch
Förderung deutschsprachiger Musik ein- Bismarckbund e.V. feierte Roger Zörb, der für den Bismarckbund
gesetzt hatte. Deutsche Künstler seien die Ordensverleihung ankündigte.
immer nur langfristig erfolgreich, wenn Tag der Deutschen Einheit Für besondere Verdienste wurden
sie in ihrer Muttersprache singen, meint Hamburg. Der Bismarckbund e.V. rief dann noch Bundmitglieder mit dem Bis-
Björn Akstinat vom „Deutschen Musik- wie jedes Jahr am 3. Oktober „Deutsche marckorden in Gold ausgezeichnet. So
exportbüro“ und verweist u.a. auf die aus allen Teilen des Vaterlandes in den z.B. der Oberst a.D. Manfred Backerra,
sechs Millionen Platten der umstrittenen Sachsenwald ... um des Gründers des Leiter der Hamburger Staats- und Wirt-
Band „Rammstein“, die im Ausland ver- Deutschen Reiches zu gedenken.“ Ca. schaftspolitischen Gesellschaft (SWG),
kauft wurden. Akstinat war in der Ver- 150 Personen, darunter Vertriebene, Bur- die laut Hamburger Verfassungsschutz
gangenheit u.a. für die „Internationale schenschafter und Soldaten der Bundes- über rechtsextreme Kontakte verfügt.
Medienhilfe“ (IMH) tätig, die besonders
deutschsprachige Medien im Ausland
unterstützt. hma ■

Offiziell anerkannt
Rußland/Saratow. Fünf Mitglieder
einer rechten Skinhead-Gruppe wurden
in der Wolgastadt Saratow wegen Mor-
des an einem Kaukasier zu langjährigen
Haftstrafen verurteilt. Die beiden Haupt-
angeklagten müssen für jeweils 13 Jahre
ins Gefängnis. Dass die Tat aus Rassen-
hass begangen wurde, werteten die Rich-
ter als strafverschärfend. In der Region
war dies der erste Prozess gegen Neona-
zis, in dem der rassistische Hintergrund
einer Tat offiziell anerkannt wurde. Bei Einheitsfeier 2004
Wohnungsdurchsuchungen hatte die Po-
lizei bei Mitgliedern der Gruppe antise- wehr in Uniform waren gekommen. Die erwähnten Unionspolitiker befin-
mitische Plakate, Hakenkreuz-Fahnen „Seine Durchlaucht“ Ferdinand Fürst den sich auch sonst in illustrer Gesell-
und Anleitungen zum Bombenbau si- von Bismarck, Schirmherr der Vereini- schaft, letztes Jahr war Albrecht Jebens
chergestellt. hma ■ gung zwischen Konservatismus und Empfänger des Ordens in Gold. Jebens
Neofaschismus, hielt zuerst in seinem ist im Vorstand der Gesellschaft für Freie
Rechte WG in Gründung Schloss eine kleine Ansprache, in der er Publizistik (GfP), laut Verfassungsschutz
gegen MigrantInnen und einen mögli- die „bedeutendste rechtsextremistische
Miltenberg. In einer Anzeige in der chen EU-Beitritt der Türkei hetzte und Kulturvereinigung“ und bekannt für Het-
„Deutschen Nationalzeitung“ des DVU- vor den „Neomarxisten“ Lafontaine und ze gegen Juden und Verharmlosung des
Chefs Gerhard Frey werden Mitbewoh- Gysi warnte. Er redete Parallelen zur Re- Holocaust.
nerInnen für eine „nationalgesinnte WG“ volution 1918 herbei – ein Trauma, was Die gesamten Feierlichkeiten sowie
im Kreis Miltenberg gesucht. Angeboten man in fürstlichen Kreisen scheinbar im- die anschließende Kranzniederlegung
werden zwei unmöblierte und ein möb- mer noch nicht überwunden hat – und am „Schlachtschiff Bismarck“ wurden
liertes Zimmer. Besonders verwiesen schwadronierte munter weiter, dass 60 wie jedes Jahr durch die uniformierten
wird auf die „große ausbaufähige Scheu- Jahre nach dem „Untergang“ die Deut- „Lützower Jäger“ begleitet und musika-
ne!!!“. hma ■ schen nun endlich „frei von Schuld“ sein lisch unterlegt durch die Jagdhorn-Blä-
müssten. sergruppe Büchen.
Arbeitstagung in Bremen Im Bismarck-Mausoleum fand dann Der Bismarckbund, zu dessen Mitbe-
zunächst ein Gottesdienst, gehalten gründern der Altnazi Hugo Wellems ge-
Bremen. Die Arbeitsgemeinschaft durch Pastor i. R. Bruno-Hermann Vahl hörte, zeichnete in der Vergangenheit
„Stimme der Mehrheit“ des „Bund der aus Hamburg, statt. Anschließend sollte auch schon mal militante Neonazis für
Selbständigen“ in NRW führt am 20. und eigentlich der Unions-Rechtsaußen Uwe deren Verdienste aus. Auch ganz aktuell

2 : antifaschistische nachrichten 21-2005


beweisen die militanten Freien Kame- sich auf Nachfrage als nicht gemacht. Rechtsextremen vier Antifaschisten auf
radschaften Interesse am Gedenken an Bleibt unter dem Strich als Ablehnungs- offener Straße attackierte und kranken-
den alten Reichskanzler. In der Titelzeile grund nur die Sorge um: „möglicherwei- hausreif prügelte. Im offenen Brief wird
der Webseite „Holsteiner Widerstand“ ist se zu erwartende Gegenreaktionen“. in diesem Zusammenhang auch die Re-
momentan zu lesen: „Neu am 01.10.‘05 „Bitte haben Sie Verständnis für diese aktion der Behörden kritisiert. Stadt und
Bismack-Museum und Gruft in Fried- Entscheidung“, lautet der letzte Satz des Polizei versuchten diese Übergriffe zu
richsruh“ (Fehler im Original) Und städtischen Schreibens – die IG Metall verschweigen und sie, wider besseren
Schirmherr Ferdinand ist tief ins Netz- hat aber kein Verständnis. Auf der Funk- Wissens, als „unpolitische Kneipen-
werk der extremen Rechten verstrickt, tionärskonferenz am letzten Mittwoch, schlägereien“ abzutun.
pflegt z.B. gute Kontakte zum Rechtsex- ließ der 1. Bevollmächtigte Hans Jürgen Zu den Unterzeichnern des Briefes ge-
tremisten Dietmar Munier. Meier wissen, habe es „großes Unver- hören neben lokalen Antifa-Gruppen und
Der militaristische Mummenschanz ständnis“ gegeben. Die Konferenz be- der VVN, auch die DGB Jugend, mehre-
des revanchistischen Bismarckbundes, schloss eine Resolution, in der gegen die re Vereine, das Antagon Theater, die
welcher sich noch immer eher in einer Ablehnung der Ausstellung, die vom 18. Anti-Nazi-Koordination, sowie die größ-
adlig-preußischen Ständegesellschaft als bis 28. Oktober in Dortmund gezeigt te Fanvereinigung des Fußballclubs Ein-
im Jahr 2005 wähnt, mag auf Außenste- werden soll(te), protestiert wird. Unter- tracht Frankfurt, Ultras 97.
hende reichlich lächerlich und antiquiert zeichner auch: der Bundesvorsitzende In dem Brief werden die Wirte der be-
wirken. Andererseits ist Friedrichsruh im der IG Metall, Jürgen Peters. troffenen Kneipen abschließend dazu
Sachsenwald ein Ort, wo sich jedes Jahr Gestern nun bekam der Oberbürger- aufgerufen, Hausverbote gegen die Neo-
alte und neue Rechte, Konservative aus meister Post: Die Dortmunder IG Metall nazis zu verhängen und endlich deutlich
der Union und Rechtsextremisten unge- hat Dr. Gerhard Langemeyer (SPD und Stellung gegen Rechtsextremismus zu
stört treffen und austauschen können. Verdi-Mitglied) aufgefordert, „die ableh- beziehen.
Vielleicht sollte man Seine Durch- nende Haltung zu revidieren und die Die Sprecherin der autonomen antifa
laucht und die geladenen Damen und Ausstellung noch kurzfristig zu ermögli- [f], Sahra Brechtel, erklärte dazu: „Das
Herren nächstes Mal daran erinnern, dass chen“. Quelle: WAZ, 1.10.05 ■ Problem sind weniger die Nazis, sondern
der Adel schon 1918 endgültig abdanken ein vermeintlich ‚unpolitisches‘ Umfeld,
musste und dass Preußen dank der Alli- Treuhand das offenbar keinerlei Probleme damit
ierten 1945 aufgelöst wurde. erk ■ hat, mit bekennenden und erkennbaren
Berlin. Unmittelbar nach den Wahlen in Rassisten und Antisemiten zu ‚feiern‘. Es
IG Metall und Stadt im Deutschland und Polen sollen Forderun- ist dieses Klima der Ignoranz und Ak-
gen nach Entschädigung umgesiedelter zeptanz, in dem die Neonazis sich wie zu
Clinch Deutscher auch vor polnischen Gerich- Hause fühlen können.“
Dortmund. Wie die WAZ Dortmund am ten erhoben werden. Die „Preußische Außer Hausverbote gegen die rechten
1.10.05 berichtet, hängt zwischen der Treuhand“, ein deutsches Unternehmen, Schläger zu verhängen, bieten die Unter-
Dortmunder IG Metall und der Stadt der das von mehreren großen Verbänden der zeichner des Briefes in nächster Zeit da-
Haussegen mächtig schief: Die Stadt hat deutschen „Vertriebenen“ unterstützt her weitere Möglichkeiten an, sich gegen
die Gewerkschaft wissen lassen, dass für wird, kündigt an, eine ungenannte „nam- Rechts zu engagieren.
die von der IG Metall gemeinsam mit der hafte Anwaltskanzlei“ werde in Kürze Am Samstag, den 22.10. gibt es ab 19
Vereinigung der Verfolgten des Nazire- Klagen auf Rückgabe ehemals deutschen Uhr vom Südbahnhof Frankfurt aus un-
gimes ( VVN-BdA) erstellte Ausstellung Eigentums in Polen vor den dortigen Ge- ter dem Motto „Den rechten Konsens
„Neofaschismus in Deutschland“ in der richten vertreten. durchbrechen – Nazis bekämpfen!“ ei-
Berswordthalle kein Platz sei. Begrün- Die Organisation, die Entschädigungs- nen „antifaschistischen Abendspazier-
dung: eine mehrfache. In der Halle sollen klagen hunderter deutscher Umgesiedel- gang“.
a) keine „Veranstaltungen mit politi- ter vorbereitet, hatte zuvor bereits mit Pressemitteilung des Bündnisses ■
schen Themenstellungen“ stattfinden, Sammelklagen in den Vereinigten Staa-
weil es b) „negative Erfahrungen in der ten und Musterprozessen beim Europäi- Neues Bündnis gegen
Vergangenheit“ gegeben habe und man schen Gerichtshof in Luxemburg ge-
c) keine Veranstaltungen wolle, die „ei- droht. Rechts in Harburg
nen erhöhten Sicherheitsbedarf erwarten Quelle: Berliner Zeitung 30.9.2005 ■ Hamburg. Mehrmals in diesem Jahr –
lassen, z.B. wegen möglicherweise zu er- zuletzt am 28. September – traten in Har-
wartender Gegenreaktionen“. So heißt es Gegen Nazipräsenz burg Neonazis auf, um zu demonstrieren,
zumindest in einem offiziellen Schreiben Infostände durchzuführen oder Ver-
der Städtischen Immobilienwirtschaft – im Sachsenhäuser sammlungen zu stören. Dagegen hat sich
als „Vermieter“ der Halle – an die IG Kneipenviertel jetzt auf Initiative des Harburger SPD-
Metall. Frankfurt. Zahlreiche Initiativen aus Vorsitzenden Frank Richter ein „Bündnis
Auf Nachfrage der WAZ stellte sich Frankfurt protestieren mit einem offenen gegen Rechtsextremismus“ gebildet.
heraus, dass diese Argumentationskette Brief an die Wirte im Sachsenhäuser Vertreten sind dort Parteien, die VVN-
brüchig ist: Denn eigentlich, hieß es bei Kneipenviertel gegen die Duldung von BdA, die evangelische und katholische
der Städtischen Immobilienwirtschaft, gewaltbereiten Neonazis. In dem Brief Kirche, die Gewerkschaften und andere
meine man „parteipolitische Veranstal- heißt es, dass seit einigen Monaten, ins- gesellschaftliche Organisationen. Die
tungen“ – nun sind weder IG Metall besondere an Wochenenden, größere CDU blieb bisher fern, weil sich das
noch VVN/BdA Parteien. Auch wisse Gruppen von Neonazis aus dem Umfeld Bündnis nach ihrer Meinung auch gegen
man, „dass eigentlich alles politisch ist“ der sogenannten Freien Kameradschaf- „Linksextremismus“ richten müsse.
– so wie etwa die Ausstellung zum 60. ten in Kneipen um die kleine Rittergasse Das Bündnis will sich nicht nur Neo-
Jahrestag der Hiroshima-Bombe, die vor in Frankfurt-Sachsenhausen auftauchen. nazi-Aktionen entgegenstellen. Vor al-
kurzem in der Berswordthalle gezeigt Oft sei es dabei auch schon zu gewalttäti- lem in Schulen soll mit Filmvorführun-
wurde. Oder der Info-Tag zu „Hartz IV“ gen Übergriffen auf MigrantInnen und gen und anderen Veranstaltungen über
vor einigen Monaten. Andersdenkende gekommen. So z.B. im die neofaschistische Gefahr aufgeklärt
Auch die in dem Schreiben angeführ- April diesen Jahres als eine, u.a. mit und vor ihr gewarnt werden.
ten „negativen Erfahrungen“ entpuppen Zaunlatten bewaffnete, Gruppe von 15 Hans-Joachim Meyer ■

: antifaschistische nachrichten 21-2005 3


Die NS-Mörder sind noch unter uns
SS-Kriegsverbrecher Gerhard Sommer lebt bis heute unbehelligt in Hamburg.
Opfer entschädigen – die Täter bestrafen!
Am 12. August 1944 ermorde- am 29. Juni 1944 mindestens 245 Men- der Regel Kriegsverbrecher nicht aus.
ten 300 Angehörige der schen ermordete. Eine Verurteilung in Deutschland scheint
16. Panzergrenadier-Division Der Prozess zu dem Massaker in zudem nicht gewollt, denn die deutsche
„Reichsführer SS“ unter dem Vor- Sant’Anna, der im April 2004 eröffnet Justiz will keine Anklage erheben.
wand der Partisanenbekämpfung wurde, fand in Italien eine große öffentli- Ein Ankläger ohne Anklage
560 Einwohner des norditalienischen che Anteilnahme, da die juristische Be-
Dorfes Sant’Anna di Stazzema. Unter wertung für die gesellschaftliche Äch- Obwohl Deutschland bekannt war, dass
ihnen überwiegend Frauen, Alte, Kin- tung des Verbrechens von hoher Bedeu- bezüglich des Massakers von Sant’Anna
der. Dieses Massaker an der Zivilbe- tung war. Am 22. Juni 2005 wurden die in Italien seit 1995 ermittelt wurde, wur-
völkerung steht stellvertretend für Urteile gesprochen. 10 deutsche SS-Offi- den die Ermittlungen hier erst 7 Jahre
250 Ortschaften, an denen die zu „Eh- ziere wurden zu lebenslanger Haft und später, nämlich 2002, begonnen, und erst
ren“ des Reichsführer SS Heinrich Entschädigungszahlungen verurteilt, da in diesem Jahr wurde ein Ermittlungs-
Himmler benannte Division insge- ihnen die Verantwortung am Massaker team gebildet. Der Stuttgarter Staatsan-
samt über 2000 Zivilisten ermordete
und eine Blutspur durch Norditalien
zog.

Die in Westeuropa geplanten Massaker


an der Zivilbevölkerung unterlagen dabei
der gleichen Strategie von Wehrmacht-,
SS- und Polizeitruppen wie in dem Ver-
nichtungskrieg, der im Osten vor allem
gegen die Sowjetunion geführt wurde.
Ortsnamen wie Sant’Anna di Stazzema,
Marzabotto, Vallucciole (Italien), Ora-
dour-sur-Glane (Frankreich), Kragujevac
(Serbien), Distomo, Kommenco (Grie-
chenland) stehen hier für diese Politik
der verbrannten Erde.
Die wenigsten Täter wurden bis zum
heutigen Tage zur Rechenschaft gezo-
gen. In Italien wurden 700 italienische
Ermittlungsakten während des kalten
Krieges im Zuge der antikommunisti-
schen NATO-Politik und mit Rücksicht- Kirchplatz von Sant’Anna
nahme auf die BRD und ihre von Altna-
zis durchsetzte Bundeswehr aus dem von Sant’Anna nachgewiesen werden waltschaft liegen alle Fakten und Be-
Verkehr gezogen. Der Schrank mit den konnte. Sie wurden schuldig befunden weismittel vor, da sie im Zuge der euro-
Ermittlungsakten, der sich in der Gene- der Beteiligung am fortgesetzten Mord, päischen Übereinkunft bei Strafverfah-
ralstaatsanwaltschaft in Rom befand, begangen mit besonderer Grausamkeit. ren mit den italienischen Ermittlern zu-
wurde einfach umgedreht, so dass sich Mit diesem Urteil wurde erstmals aner- sammengearbeitet hat. Argumentierte die
die Schranktüren nicht mehr öffnen lie- kannt, dass es sich um keine militärische Staatsanwaltschaft noch vor dem Urteil,
ßen. Über 30 Jahre gingen Bedienstete Aktion oder eine Aktion gegen Partisa- sie wolle den Prozess abwarten, um dann
der Staatsanwaltschaft an diesem nen, sondern um ein Massaker an der Zi- schneller verhandeln zu können, erklärt
„Schrank der Schande“ vorbei. Erst 1994 vilbevölkerung handelte, und es wurden sie jetzt, dass die Fakten irrelevant seien,
wurde nachgeschaut, was sich in diesem die Täter beim Namen genannt. da es sich in Italien um Militärgerichts-
Schrank befindet. Zwei der zehn verurteilten NS-Verbre- barkeit handelte. Außerdem begründet
Dies erklärt den jetzigen Anstieg von cher wohnen in Hamburg, es handelt sich sie die Nichtanklage damit, dass die
Prozessen in Italien, die aufgrund der al- um Gerhard Sommer (Hamburg-Volks- Mordmerkmale (wie Mordlust, Heimtü-
ten/neu aufgetauchten Ermittlungsakten dorf) und Werner Bruß (Hamburg-Rein- cke, niedrige Beweggründe und Grau-
geführt werden konnten. Erwähnt sei der bek). Während sich Werner Bruß verant- samkeit) nicht erkennbar wären oder
Prozess des Hamburgers Friedrich En- wortlich für das Massaker fühlte und in dem Einzelnen nicht nachweisbar seien.
gel, der in Italien 1999 in Abwesenheit Italien schriftlich ausgesagt hat, bestrei- Zudem wurden die Mordmerkmale
wegen 246-fachen Mordes zu lebenslan- tet der damalige Ranghöchste Gerhard durch das Urteil des Bundesgerichtshofs
ger Haft verurteilt wurde. Sommer bis zum heutigen Tage seine (BGH) im Fall des NS-Verbrechers En-
Erich Priebke wurde 1998 zu lebens- Schuld. Dem Fernsehmagazin Kontraste gel deutlich heraufgesetzt.
langer Haft verurteilt, weil er an dem sagte er noch 2002, dass diese Zeit für Der Engel-Prozess – warum es für
Massaker an 335 Menschen, darunter 75 ihn erledigt sei „Ich habe mir keinerlei Mord lebenslang Freiheit gibt
Juden, 1944 in den Ardeatinischen Höh- Vorwürfe zu machen, ich habe ein abso-
len bei Rom beteiligt war. Im Juli 2005 lut reines Gewissen“. Der in Hamburg lebende SS-Offizier
wurde der Prozess wegen eines Massa- Die deutschen Mörder brauchen keine Friedrich Engel wurde im Jahr 1999 vom
kers von Civitella eröffnet, bei dem die Angst zu haben, dass das Urteil voll- Militärgericht La Spezia wegen 246-fa-
Luftwaffen-Division „Hermann Göring“ streckt wird, denn Deutschland liefert in chen Mordes zu einer lebenslangen Haft-
: antifaschistische nachrichten 21-2005
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strafe verurteilt. Durch diese Entschei- die Herausgabe der Akten zum Nachteil
dung genötigt, verurteilte das Hamburger für die Beschuldigten wäre.
Landgericht den ehemaligen SS-Chef Es scheint klar, dass nur politischer
von Genua für eines dieser Verbrechen, Druck zu einer Anklageerhebung führen
nämlich die Erschießung von 59 Geiseln wird.
am Turchino-Pass bei Genua, zu nur sie- Gerhard Sommer lebt seit Anfang des
ben Jahren Haft. Das Urteil des Landge- Jahres aufgrund der Pflegebedürftigkeit
richts wurde vom Bundesgerichtshof am seiner Frau in der Seniorenwohnanlage
17. Juni 2004 in der Revision aufgeho- CURA in Hamburg-Volksdorf, Lerchen-
ben, eine Wiederaufnahme ausgeschlos- berg 4. In diesem Altendomizil wohnen
sen. Wie das Hamburger Gericht urteil- auch Überlebende des Nationalsozialis-
ten auch die Bundesrichter, dass die Gei- mus, die sich aber aufgrund ihrer Pflege-
selerschießung eine rechtmäßige Repres- bedürftigkeit nicht mehr wehren können.
salie als Antwort auf einen Anschlag auf Sommer selber ist rüstig, rhetorisch ge-
ein Soldatenkino gewesen sei. Die Gei- schickt und bestreitet bis heute, Unrecht
selerschießungen seien nicht im juristi- begangen zu haben. Erst durch die Presse
schen Sinne als Mord anzusehen. Es sei erfuhren die Bewohner und Angestellten
„nur“ Totschlag gewesen, da die Tataus- der Seniorenresidenz die Wahrheit über
führung entgegen dem Hamburger Urteil Sommers verbrecherische Vergangen-
nicht als grausam zu bewerten sei. Tot- heit. Die sich daraus ergebenen Diskus-
schlag ist nach deutschem Recht jedoch sionen führten dazu, dass er an Gemein-
bereits verjährt. Bei einer Anklage we- schaftsveranstaltungen nicht mehr teil-
gen Mordes aus weitergehenden Grün- nehmen darf.
den – wie Rache, Mordlust etc. – hätten Am 12. August 2005, am Jahrestag des
die Nazis die Tat bereits verfolgen kön- Massakers von Sant’Anna, wurden dann
nen, so dass auch dieser Straftatbestand erstmalig Flugblätter in der Seniorenan-
verjährt sei. Wegen des hohen Alters des lage sowie am Bahnhof verteilt und die
ehemaligen SS-Offiziers und dieser Nachbarschaft darüber informiert, dass
möglichen Verjährung sei das Verfahren ein Mörder unter ihnen lebt und dass es
nicht mehr durchzuführen, da der NS- Gerhard Sommer zu einer Anklageerhebung kommen
Täter Engel sonst zum Opfer der Justiz muss. Bis zum heutigen Tag lehnt die
werden könne. ter zu verschleppen und zu verzögern, CURA-Leitung jedoch einen Auszug
Der Staatsanwaltschaft wird es dies- bis die Täter gestorben sind. Sommers ab und hält an seiner Unschuld
mal schwer fallen, Anklage zu erheben Dies würde auch das jetzige Verhalten fest, solange das italienische Urteil for-
mit einer Begründung, die vor dem BGH der Staatsanwaltschaft erklären. Der mell noch nicht rechtskräftig ist.
nicht standhält. In Sant’Anna wurden Hamburger Rechtsanwältin Gabriele Weitere Aktionen werden notwendig
Frauen und Kinder ermordet und mit Heinecke, die vom Verein der Opfer von sein, um eine Verurteilung Gerhard Som-
Benzin übergossen. Der Tatbestand der Sant’Anna beauftragt wurde, im Namen mers zu erreichen. Mittlerweile haben
niedrigen Beweggründe ist somit gege- des Vorsitzenden Enrico Pieri Nebenkla- sich verschiedene Antifa-Gruppen ver-
ben. Auch der Mangel an konkreter Tat- ge zu erheben, wurde die beantragte – netzt und planen für den November eine
beteiligung einzelner Verdächtiger ist und erst zugesicherte – Akteneinsicht Kundgebung vor Ort. bw ■
durch belastende Aussagen – und durch verweigert. Mittlerweile wird ihr sogar
das Urteil von La Spezia – widerlegt. Es die beschränkte Akteneinsicht verwei- weitere Informationen unter www. partigiani.de,
Terminankündigungen demnächst unter
liegt daher die Vermutung nahe, dass es gert, die den Beschuldigten bereits ge- www.antifainfo.de
gewolltes Ziel ist, die Ermittlungen wei- währt wurde, mit der Begründung, dass Kontaktaufnahme: ak-distomo@zeromail.org

Solidaritätsaufruf zen jedoch bereits seit mehreren Mona- Rote Hilfe weist darauf hin, dass in die-
ten in Beugehaft, da sie sich weigern, im sem Prozess „selbst Mindeststandards
Vor dem Oberlandesgericht in Naumburg jetzigen Prozess gegen Daniel W. auszu- von Rechtsstaatlichkeit nicht eingehalten
findet derzeit ein Revisionsprozess ge- sagen. Zudem wurden insgesamt 14 werden“. Hier sollen antifaschistische
gen den Magdeburger Antifaschisten Da- Freunde, Freundinnen und Verwandte Jugendliche kriminalisiert und mit hohen
niel W. statt. Ihm wird vorgeworfen, ge- des Angeklagten mit Beugehaft bedroht, Haftstrafen belegt werden, deren angeb-
meinsam mit anderen Mitgliedern des sollten sie ihr Recht auf Aussageverwei- liche „terroristische Taten“ sich einzig
„Autonomen Zusammenschlusses Mag- gerung wahrnehmen. auf leichte Sachbeschädigung beschrän-
deburg“, Brandanschläge unter anderem Schon die Ermittlungen des Bundes- ken. Aufgrund des bisherigen Verlaufs
auf das Landeskriminalamt (LKA) Sach- kriminalamtes (BKA) hatten mit demo- des Revisionsprozesses fordern wir
sen-Anhalt und ein Einsatzfahrzeug der kratischer Rechtsstaatlichkeit rein gar ● die Einhaltung der verfahrensrechtli-
Bundespolizei verübt zu haben. nichts zu tun. So erpressten die ermit- chen Mindeststandards
Bereits im Jahr 2003 war die Bundes- telnden Beamten die Aussage eines Anti- ● die Zulassung neutraler Gutachter und
anwaltschaft mit ihrem Konstrukt der faschisten, indem sie ihm drohten, ihn in Beobachter
„Bildung einer terroristischen Vereini- Fesseln seinem schwer herzkranken ● die Unterbindung der staatsanwalt-
gung“ nach §129a gescheitert. Der 1. Se- Großvater vorzuführen und diesem von schaftlichen Beeinflussung von Zeugen
nat des Oberlandesgerichts Naumburg seiner Homosexualität zu berichten. ● die Abschaffung der Beugehaft
musste Carsten S., den damaligen Mitan- In dem derzeit stattfindenden Revisi- und nicht zuletzt natürlich die Freiheit
geklagten von Daniel W., freisprechen. onsprozess gegen Daniel W. wirken zu- von Marco H., Carsten S. und Daniel W.!
Ein weiterer Angeklagter, Marco H., dem zwei Richter mit, die auch schon in Wer den Aufruf utnerstützen will,
wurde in einem Revisionsverfahren zu den früheren Prozessen tätig waren. Dies wende sich an:
zweieinhalb Jahren Haft ohne Bewäh- ist für uns nicht hinnehmbar. Die linke bundesvorstand@rotehilfe.de
rung verurteilt. Beide Antifaschisten sit- Rechtshilfe- und Solidaritätsorganisation www.soligruppe.de ■

: antifaschistische nachrichten 21-2005 5


Anfrage von Stadträtin
Wolf (Linkspartei.PDS) an
Keine Kriminalisierung
OB Christian Ude: antifaschistischer Proteste!
Neonazi-Aufmarsch am Ende März haben Antifaschisten fordert hätten. So einen kompletten Un-
9.11. angemeldet? in Düren gegen die Kandidatur der sinn zu glauben, setzt einen entsprechen-
neofaschistischen NPD zum Land- den politischen Willen voraus.
München. „… letztes Jahr hatten tag NRW protestiert. Solche Proteste hat Die Aachener Staatsanwaltschaft hat
Münchner Neonazis versucht, am 9. No- es auch in anderen Städten der Region, z.B sich bisher als auf dem rechten Auge blind
vember, dem Jahrestag der Reichspo- in Stolberg und Aachen gegeben, da neben erwiesen. Ihr bisher einziges Interesse gilt
gromnacht, eine Kundgebung auf dem der NPD auch die Reps auf Stimmenfang der Verfolgung von Linken in Stadt und
Marienplatz durchzuführen – parallel zur gingen. Die Behauptung einiger Wahlhel- Kreis. Dabei macht sie sich immer wieder
städtischen Gedenkveranstaltung im Al- fer der Reps, Unterstützung für die härtere zum Anwalt der organisierten Neonazis,
ten Rathaus. Damals wurde in den Me- Bestrafung von Kindermördern zu sam- sammelt für diese Adressen von Antifa-
dien auch über die Absicht der Neonazis meln, führte zu Strafanzeigen gegen die schistInnen, zeigt ihnen Fotos von Antifa-
berichtet, künftig jährlich am 9. Novem- rechten Stimmenfänger und wegen der schistInnen und späht linke Arbeitszu-
ber Präsenz zu zeigen und damit die Op- Häufung solcher Lügen zu Anfragen beim sammenhänge aus. Über zwei Jahre zieht
fer der Reichspogromnacht und der da- Landeswahlleiter. sich ein Prozess gegen einen anderen Anti-
rauf folgenden Vernichtung der Juden Die NPD hatte in der Stadt Düren ver- faschisten aus Aachen hin, dem vorgewor-
noch nachträglich symbolhaft zu demüti- sucht, Unterstützerunterschriften für die fen wurde, Leiter einer Busfahrt zu Neo-
gen. Beteiligung an den Landtagswahlen zu nazis der Region gewesen zu sein. Nach
Ich frage Sie deshalb: sammeln und so eine scheinlegale Basis mehreren Hausdurchsuchungen, Be-
1. Wurde für den 9. November 2005 am für ihre rassistische Hetze zu erhalten. Für schlagnahmungen von Computern und et-
Marienplatz bereits eine neonazistische uns steht fest: Es ist richtig, gegen die Be- lichen Verhandlungen musste die Staatsan-
Veranstaltung angemeldet? teiligung der NPD an Wahlen zu protestie- waltschaft selbst Freispruch beantragen,
2. Falls ja, handelt es sich bei dem/der ren. Es ist richtig, sich der rassistischen der auch erfolgte. Kurz danach legte die
Anmelder/in um den vorbestraften Nor- Propaganda dieser Partei entgegenzustel- gleiche Staatsanwaltschaft Berufung ge-
man Bordin oder jemandem aus seinem len. Die NPD vertritt faschistische Auffas- gen den von ihr selbst beantragten Frei-
Umfeld? sungen, die verboten sind. Faschismus ist spruch ein. In der gleichen Sache war zu-
3. Hat das Kreisverwaltungsreferat die keine Meinung, sondern ein Verbrechen! vor ein Antifaschist aus Eschweiler mit
Absicht, eine ggf. für den 9. November Die Existenz und das Wirken dieser Par- Hausdurchsuchungen und Vernehmungen
angemeldete neonazistische Veranstal- tei stehen im Widerspruch zu Artikel 139 traktiert worden, auch sein Computer wur-
tung zu genehmigen? Falls ja, mit wel- Grundgesetz. Danach gelten die Freiheiten de beschlagnahmt, nur um am Ende fest-
chen Auflagen? des Grundgesetzes für alle Parteien, außer zustellen, dass der Betreffende gar nicht an
4. Gibt es anhand der neuen Rechtslage für die Nachfolger der NSDAP und ihrer der Fahrt teilgenommen hatte.
Möglichkeiten, den Aufmarsch der Neo- Untergruppen. Wohlgemerkt sind das die gleichen
nazis zu unterbinden? Das Bundesverfassungsgericht hat das Staatsanwälte, die der Öffentlichkeit im-
Schließlich jährt sich am 9. November Verbotsverfahren gegen die NPD einge- mer aufs Neue erklären, sie seien überbe-
nicht nur die Reichspogromnacht, die im stellt, weil die Praxis der Bundes- und lastet. Wenn es aber gegen Linke geht, gibt
Alten Rathaus ihren Anfang nahm, son- Landesregierungen fragwürdig ist, Spitzel es für die Aachener Staatsanwaltschaft
dern auch der Marsch auf die Feldherrn- in den Reihen der Neonazis zu bezahlen keine Grenzen der Belastbarkeit. Der Aa-
halle 1923. Damals war die Machtergrei- und dann deren Aussagen zum Gegen- chener Staatsanwaltschaft fehlt jedes Ge-
fung Hitlers noch gescheitert. stand eines Verbotsverfahrens zu machen. spür für die Verhältnismäßigkeit der Mit-
Durch die Anknüpfung an diese Vorge- Gerichte, Regierungen und die Mehrheit tel. Die Justizministerin des Landes NRW
schichte bedrohen die heutigen Neonazis der demokratischen Parteien sind sich da- hat als erste Amtshandlung der neuen Re-
unausgesprochen nicht nur die jüdischen rin einig, dass die NPD eine antisemiti- gierung die Berichtspflicht der Staatsan-
Bürgerinnen und Bürger, sondern auch sche, rassistische und zu verbietende Par- waltschaften an die Ministerin abge-
die demokratische Gesellschaftsentwick- tei ist. Dem Anspruch führender Politiker schafft. Der ersten Erleichterung über eine
lung als Ganzes.“ aus den demokratischen Parteien, Zivil- „Entbürokratisierung“ folgt langsam die
eMail: info@pds-muenchen-stadtrat.de courage und demokratisches Rückgrat zu Ernüchterung, dass Staatsanwaltschaften
Homepage: zeigen, entsprechen gerade die beiden jetzt wie die in Aachen zum Staat im Staate
http://www.pds-muenchen-stadtrat.de ■ Angeklagten, die den Mut hatten, nicht werden, die dringend der gesetzlich vorge-
nur über Freiheit zu reden, sondern schriebenen Kontrolle des Landtags be-
Freispruch für Dürener auch für die Freiheit zu handeln. dürfen, damit sie im Kampf gegen Rechts
Zwei der beteiligten Antifaschis- zum Teil der Lösung werden und nicht
Antifaschisten ten werden stattdessen von der Aa- zum Teil des Problems.
Der Prozess, der am Montag 10.10. vorm Dü- chener Staatsanwaltschaft ange- Die beiden Dürener Antifaschisten
rener Amtsgericht stattfand, endete mit einem klagt, die Nazis in Wort und Tat be- brauchen und verdienen unsere Solidarität.
Freispruch für die Antifaschisten. Wie die Dü- hindert und beleidigt zu haben. Die Wir rufen alle, die Zeit haben auf, am
rener Zeitung berichtet, sagte René Laube, Anklage beruft sich allein auf die Montag, 10.10.2005 um 9.20 Uhr ins
stellvertretender Kreisvorsitzender der NPD Darstellung der angeblich beleidig- Amtsgericht Düren (Raum 230), August-
als Zeuge aus. Er habe die „Nazis raus“-Rufe ten Neonazis. Einer der beiden „Be- Klotz-Str. 14 in Düren zu kommen. Eine
als Beleidigung empfunden, so Laube. „Ich lastungszeugen“ wurde im Septem- mögliche Strafe werden wir gemeinsam
nehme es nicht hin, als Nazi beschimpft zu ber 2004 vom Amtsgericht Aachen tragen und rufen schon jetzt zu Spenden
werden. Ich hatte keine Funktion im Dritten wegen uneidlicher Falschaussage auf, um die nötigen Anwaltskosten finan-
Reich“. Laube musste aber einräumen, ein T- verurteilt. Die Staatsanwaltschaft zieren zu können:
Shirt mit der Aufschrift „Combat 18“ getragen Aachen übernimmt ungeprüft Be- VVN-BdA, Kt. 1026900100 bei der SEB Aachen
zu haben. Das stehe für „Kampfgruppe Adolf hauptungen, die Neonazis seien da- 39010111 Kennwort „Soli- Düren“
Hitler“. nach Dürener Zeitung, 10.10.05 durch beleidigt worden, dass die An- VVN-BdA
tifaschisten deren „Vergasung“ ge- Kreisvereinigung Aachen ■

6 : antifaschistische nachrichten 21-2005


Es brodelte im überfüllten
Pfarrsaal von St. Brictius im
kleinen Rheindorf Köln-Merke-
Der Zorn der Bürger
nich. Am Mittwoch, dem 28. Septem-
ber hatten die Bezirksfraktionen von
CDU, SPD und Grünen mit Bezirksvor-
von Köln-Merkenich
Oder: Nur ein ferner Flüchtling ist ein guter Flüchtling
steher Hans-Heinrich Lierenfeld an
der Spitze die Bürger und Bürgerin- strafbaren Handlungen in vergleichbaren wird, um weitere mögliche Übergriffe zu
nen von Merkenich zu einem Informa- Gemeinden im Bezirk im allgemeinen erschweren. Frau Bredehorst erläuterte
tionsabend über ein schon lange Tumult unter. Was nicht heißt, dass alle im übrigen, dass ein Schulprojekt für
schwelendes Thema gebeten: das Protestierer im Saal mit Pro Köln identi- Kinder des Heims in der Causemannstra-
Flüchtlingsheim in der Causemann- fiziert werden wollten, wie es eine T- ße dazu beigetragen habe, die Situation
straße des Ortes, von dem aus, wenn Shirtträgerin klarmachte und in einem zu verbessern, wies aber auch darauf hin,
man den Ausführungen einer großen am Wochenende ( 8./9.Oktober ) in Mer- dass angesichts von 3500 Flüchtlingen in
Zahl der Anwesenden folgen wollte, kenich verteilten Flugblatt noch einmal Köln eine völlige Schließung des Heims
eine nimmer endende Welle der Kri- deutlich unterstrichen wurde. zur Zeit nicht möglich sei.
minalität das Dorf überschwemmt Ebenso deutlich wurde in der Veran- Genau das aber wollten viele der laut-
und die Sicherheit der Einwohner auf staltung Polizeichef Freund, der beredt starken Zuhörer im Pfarrsaal nicht hören.
Dauer bedroht. darüber Klage führte, dass viele der an Und so bekam Manfred Rouhs von Pro
diesem Abend, auch von Kindern und Ju- Köln seine Chance, für die Veranstaltung
Auf dem Podium des Pfarrsaals hatten gendlichen vorgetragenen Übergriffe seiner Fraktion in einer Kneipe in Mer-
sich Fachleute der Stadt, unter ihnen So-
vom Fahrraddiebstahl bis zur sexuellen kenich am folgenden Donnerstagabend
zialdezernentin Marlies Bredehorst, der Belästigung zu keinem Zeitpunkt zur zu werben.
Leiter der Polizeiinspektion Nordwest Anzeige gebracht worden waren. Wobei Diese fand dann auch unter scharfen Si-
Robert Freund, Bezirksjugendamtsleiter im Übrigen der Eindruck entstand, dass cherheitsvorkehrungen der Polizei statt.
Rolf Kremers und Michael Schleicher, über die angezeigten Straftaten hinaus Ihrer Präsenz ist wohl zu verdanken, dass
Leiter der Wohnungsversorgungsbetrie- manche an diesem Abend von den Anwe- sich die Merkenicher Hardliner unter den
be eingefunden, um mit Lierenfeld als senden gemachten Vorwürfe variiert und schwarzen T-Shirts (ca. 10-20 Prozent der
Moderator den Versuch zu machen, die wiederholt wurden und so vieles dem Bürger, die am Vorabend dabei waren)
explosive Stimmung im Saal durch sach- nichtbefangenen Betrachter als äußerst aufs Zuhören beschränkten und nicht
liche Informationen über die Situation unkonkret erscheinen musste. etwa noch einen Zug zum Übergangsheim
der Flüchtlinge in Köln im allgemeinen Als Folge der unbestreitbaren Vorfälle in der Causemannstraße unternahmen.
und im Heim Causemannstraße im be- kündigte Freund aber an, dass in Merke- Zurück bleibt ein schaler Geschmack.
sonderen zu entschärfen. Dass dies gera-nich ab sofort verstärkt Streife gefahren Denn die von Pro Köln so vehement un-
de an diesem Abend terstützte Forderung
stattfand, hatte einen „Das Heim muß weg“ ist
erkennbaren Grund: nicht zurückgenommen
für den darauffolgen- – und damit auch nicht
den Donnerstag hatten der unausgesprochene
die rechtsextremen Wunsch vieler, die aus-
Rattenfänger von Pro ländischen Flüchtlinge
Köln die Merkenicher möglichst vollständig zu
in eine örtliche Kneipe entfernen. Wohin? – wen
gebeten, um ihnen kümmert es.
darzustellen, wie man Und so bleibt viel zu
mit allen „gesetzli- tun. Nicht nur Überzeu-
chen“ Mitteln (so gungsarbeit bei den Bür-
Pro Köln-Fraktionsge- gern von Merkenich,
schäftsführer Rouhs) sondern eben auch die
das Flüchtlingsheim große Aufgabe, human
beseitigen werde. zu handeln. Wenn sich
Aber einem Groß- dies zum Beispiel in de-
teil der Anwesenden, zentraler Unterbringung
darunter vor allem umsetzen lässt, dann
ln
eine Gruppe von
e it e vo n Pro Kö Köln
können Heime wie das
s
schwarzen T-Shirtträ-
Internet emen Gruppe in in der Merkenicher Cau-
gern mit weißem Auf- ex tr semannstraße tatsäch-
druck „Das Heim muß rechts lich verschwinden.
weg“ war nicht nach Übrigens – seit dem
Sachlichkeit und Dis- Weggang der vier auffäl-
kussion zumute. Und ligen Familien aus dem
so ging dann ein Groß- Heim tendiert die von
teil der Ausführungen dort ausgehende Krimi-
auf dem Podium, etwa nalität gegen Null.
zur Reduzierung der
Heimbewohnerzahl, Dieter Wernig,
zur Entfernung von Mitglied in der
vier kriminell auffälli- Bezirksvertretung
gen Familien und der Chorweiler für
eher höheren Zahl von DIE LINKE.PDS ■

: antifaschistische nachrichten 21-2005 7


Während in Europa der Krieg
am 8. Mai 1945 beendet war
und die Menschen auf eine
Japan: Neubewertung
friedliche Zukunft hofften, tobte der
Krieg im Südpazifik noch drei lange
Monate weiter, am 6. bzw. 9. August
des Militarismus?
1945 wurden Atombomben auf Hiro- Beispiel General Matsui, dessen Truppen nicht, schickte aber drei andere hochran-
shima und Nagasaki abgeworfen, im Winter 1937 in der chinesischen Stadt gige Politiker.
am 15. August folgte die offizielle Ka- Nanking ein Massaker verübten, bei dem Die LDP-Regierung arbeitet außer-
pitulation Japans. Alljährlich am 15. 300 000 Menschen getötet wurden. 1978 dem verstärkt an einem Stimmungswan-
August findet am Yasukuni-Schrein wurden diese Kriegsverbrecher ohne del, um die Zustimmung der japanischen
ein Totengedenken statt, zu dem Hun- Wissen der Menschen in Japan oder Bevölkerung für eine Verfassungsände-
derttausende kommen. Dagegen gab ohne Zustimmung des Parlaments in das rung zu erhalten. Die Konservativen
es in diesem Jahr Protestaktionen, „Seelenregister“ des Yasukin-Schreins üben inzwischen Druck auf die Schulen
die mit der Festnahme von 4 Aktivis- aufgenommen. aus, die Jugend zum Nationalstolz zu er-
ten endeten. ziehen. In Tokio beispielsweise wurden

Der Yasukuni-Schrein wurde


1869 errichtet, nachdem der
Meiji-Tenno in einem bluti-
gen Bürgerkrieg den moder-
nen japanischen Staat durch-
gesetzt hatte. Seither finden
dort die Seelen aller für Ja-
pan gefallenen Soldaten ihre
letzte Ruhestätte. Entgegen
der europäischen Aufffas-
sung werden die Toten nicht
im diesem Schrein beerdigt.
Der Yasukuni-Schrein ent-
hält vielmehr eine Liste, ein
„Seelenregister“ der Gefalle-
nen, die hier verehrt werden.
2,5 Millionen Kriegstote
sind in dieses Seelenregister
eingetragen. Diese Männer
starben in Kriegen, die von
Japan begonnen und außer-
halb Japans ausgetragen
wurden. In Feldzügen gegen
China und Russland, bei der
Besetzung Koreas und Tai-
wans, 1931 beim Einmarsch
in China und mehr als 2 Mil-
Links: Der Yasukuni-Schrein in Tokio Mitte: Ein Teilnehmer des Workshops zum Artikel
lionen im 2. Weltkrieg.
Dem Yasukuni-Schrein an-
geschlossen ist das Yushu-kann-Muse- Zum ersten Mal besuchte 1986 ein Mi- Schulen angewiesen, bei Schulab-
um. Dieses Museum ist auf private, erz- nisterpräsident den Yasukuni-Schrein. schlussfeiern die Staatsflagge zu hissen
konservative Initiative hin entstanden Dies rief den scharfen Protest der Nach- und die traditionelle „Kimigayo-Hymne“
und gibt nicht die offizielle staatliche barstaaten, insbesondere Chinas und Ko- zu singen, in der verfassungswidrig die
Meinung wieder. Nach einer erst kürz- reas hervor. 53% der Japaner lehnen die herausragende ewige Rolle des Kaisers
lich erfolgten Renovierung und Erweite- Besuche und diese Art von Geschichts- gepriesen wird.
rung zeigt dies Museum in 20 Sälen die bewältigung ab und fortschrittliche Kräf- Als Lehre aus dem 2. Weltkrieg legt
Kriege des modernen Japan ab 1866 und te in Japan fordern angesichts der Ver- die Japanische Verfassung als einzige
stellt diese Kriege in Zusammenhang zur brechen, die von Japan im Zweiten Welt- Verfassung weltweit den „Verzicht auf
Unabhängigkeit asiatischer Nationen, in- krieg begangen wurden, einen kritischen Krieg“ fest. Sie trat am 3. Mai 1947 in
dem es behauptet, dass diese ihre Unab- Umgang mit der eigenen Geschichte. Sie Kraft und wurde von den Menschen mit
hängigkeit den Kriegen Japans gegen fordern eine Abkehr vom Militarismus großer Mehrheit angenommen. Im Arti-
Amerikaner und Europäern verdankten. und kritisieren auch, dass neben den 14 kel 9 heißt es: „Im aufrichtigen Streben
Aggressionskriege werden für die kon- in den Kriegsverbrecherprozessen zum nach einem auf Gerechtigkeit und Ord-
servativen Eliten hier leicht zu Verteidi- Tode verurteilten Offiziere auch Angehö- nung gegründeten internationalen Frie-
gungskriegen gegen amerikanische und rige der berüchtigten Einheit 731, die im den verzichtet das japanische Volk für
europäische Interessen im Südpazifik. Krieg in der Mandschurei Experimente alle Zeiten auf den Krieg als ein souverä-
Für die konservativen Eliten in Japan mit biologischen Waffen an Kriegsgefan- nes Recht der Nation und auf die Andro-
gehörten auch die 14 Kriegsverbrecher, genen und chinesischen Zivilisten durch- hung oder Ausübung von Gewalt als Mit-
die 1945 als höchstbelastet, „Klasse A“, führte, dort verehrt werden. tel zur Beilegung internationaler Streitig-
eingestuft und vom internationalen Mili- Premier Jochiro. Koizumi hat seit sei- keiten. Um das Ziel des vorhergehenden
tärtribunal in Tokio zum Tode verteilt nem Amtsantritt 2000 den Schrein jedes Satzes zu erreichen, werden keine Land-,
und gehenkt wurden, zu den im Krieg Jahr besucht, jedoch niemals am 15. Au- See- und Luftstreitkräfte oder sonstige
Gefallenen. Unter ihnen befand sich zum gust. Auch in diesem Jahr erschien er Kriegsmittel unterhalten. Ein Recht des

8 : antifaschistische nachrichten 21-2005


Staates zur Kriegführung wird nicht an- Bomben in Hiroshima und Nagasaki, die eine friedliche Welt darzustellen und die
erkannt. „ von Gensuikyo, einem Dachverband der Menschen aufzuklären.
Doch schon seit Beginn des Kalten japanischen Atombombenopfer, organi- Insgesamt stellten 48 Gruppen und Ein-
Krieges unterhält Japan ein Heer von siert wurde, und an der 9 000 Friedenakti- zelpersonen in diesem Workshop ihre viel-
250.000 Mann. Die Verpflichtung zum visten aus ganz Japan teilnahmen, berich- fältigen Aktivitäten vor.
Frieden wurde dadurch umgangen, dass teten viele Teilnehmer über ihre Aktivitä- Japan erlebt in diesen Tagen insgesamt
man die neue Armee als „Selbstverteidi- ten. In den Betrieben haben sich gewerk- eine populistische Neubewertung des ja-
gungskräfte“ bezeichnete, die durch ein schaftliche Gruppen zum Schutz des Arti- panischen Militarismus. Umso bedeuten-
„Amt für Verteidigungsfragen“ befehligt kels zusammengefunden. Berufsverbände, der sind die vielfältigen und beeindrucken-
werden. Mit dem Einsatz rd. 700 soge- wie z.B. der Ärzte- oder Journalistenver- den Aktivitäten der japanischen Friedens-
nannter Aufbauhelfer im Irak hat sich der band, Studenten- und Jugendgruppen, und Bürgerbewegung gegen dieses Vorha-
Gegensatz zwischen Verfassung und Frauenorganisationen und Stadtteilgrup- ben. Umso wertvoller sind auch alle Be-
Wirklichkeit weiter verschärft. Premier pen organisieren Aktivitäten und Aktionen mühungen um eine andere Sicht auf die
Jochiro Koizumi möchte jetzt eine Ver- für Erhaltung des Artikels 9. Dabei sei Geschichte.
fassungsänderung durchsetzen. Für diese Aufklärungsarbeit ganz besonders wich- In Nagasaki besuchten wir das Peace-
Verfassungsänderung ist aber nicht nur tig, betonten viele Teilnehmer, die von ih- Museum. Dieses Museum ist auf private

l9 Rechts: Die Konferenz gegen A- und H-Bomben

eine Zweidrittelmehrheit beider Häuser rer Arbeit berichteten. Eine Frauengruppe Initiative hin entstanden und will an den
des Parlaments erforderlich, sondern verteilte 20.000 Flugblätter. In Tokio hat Japanischen Aggressionskrieg und die Op-
auch die Zustimmung der Mehrheit des eine Stadtteilgruppe 3000 Einladungen an fer dieses Krieges erinnern. Es zeigt das
Volkes in einem Referendum. Seit den Parlamentarier und Personen des öffentli- Schicksal der koreanischen und chinesi-
Neuwahlen am 11. September hat Pre- chen Lebens versandt. Im vergangenen schen Zwangsarbeiter, die zu Hunderttau-
mier Koizumi im Parlament die erforder- September hatte diese Gruppe 104 Mit- senden zur Zwangsarbeit nach Japan ver-
liche Mehrheit. Bisher spricht sich je- glieder im Dezember waren es schon 230. schleppt wurden und das Schicksal der
doch rd. 50 % der japanischen Bevölke- Andere Gruppen machen Informationen- sog. Trostfrauen, junge Frauen und Mäd-
rung gegen eine solche Verfassungsände- stände und laden Bürger zu Informations- chen aus Korea und Japan, die während
rung aus. Und es entwickelt sich Wider- vorträgen ein. des Krieges zur Prostitution in japanischen
stand gegen die geplante Änderung. Zwar stimmten nur 28% der Bevölke- Militärbordellen gezwungen wurden. Die
Zum Schutz des Artikels 9 gründeten rung dem Militäreinsatz im Irak zu, be- Museumsmacher in Nagasaki fordern seit
sich überall im Land Initiativen. Eine der richtete ein Teilnehmer, die Zustimmung langem eine Wiedergutmachung für die
bedeutendsten ist die Artikel-Neun-Verei- bei jungen Menschen sei aber höher. In- Opfer. Auch in Osaka gibt es ein Peace-
nigung, die im Frühjahr 2004 von neun be- zwischen hielten 50% der jungen Leute Museum, das sich mit dem japanischen
kannten Schriftstellern, darunter dem No- eine Verfassungsänderung für richtig. Dies Aggressionskrieg auseinandersetzt und
belpreisträger Kenzaburo Oe, ins Leben Ergebnis verwundere nicht, denn um im das Anliegen hat, ein anderes Geschichts-
gerufen wurde. Zusammen mit Gensuikyo Referendum das erforderliche Votum zu bild zu vermitteln. Auf drei Etagen setzt
und anderen Gruppen mobilisierte die Ver- erhalten, habe gerade unter jungen Men- sich dieses Museum mit den Kriegen ge-
einigung am letzten Julisamstag 10 000 schen eine massive Propaganda für die gen China und Russland zu Beginn des 20.
Demonstranten zur Verteidigung der Frie- Änderung des Artikel 9 eingesetzt. Die Jahrhunderts, der Besetzung Koreas und
densverfassung nach Tokio. meisten jungen Menschen wollen in einer Taiwans, dem Einmarsch nach China und
Während eines zweitägigen Workshops friedlichen Welt leben, deshalb sei es be- der Aggression im Südpazifik aus-einan-
auf der Weltkonferenz gegen A- und H- sonders wichtig die Voraussetzungen für der. Hanne Toelke, VVN-BdA ■

: antifaschistische nachrichten 21-2005 9


Recht auf Zuflucht!

Das Sterben an den Grenzen


Europas muss enden
In der Nacht vom 28. auf den neut den Weg nach Europa, manchmal
29. September kamen fünf wieder und wieder. Viele warten Wochen,
Menschen, darunter ein Säug- Monate illegal in marokkanischen Grenz-
ling, zu Tode, als mehr als 500 Flücht- städten oder in den Wäldern vor den
linge in einem einzigen Ansturm ver- Grenzanlagen darauf, dass sich eine Gele-
suchten, den an dieser Stelle 3 Meter genheit zur Flucht ergibt, eine Zeit, in der
hohen Grenzzaun, der die spanische sie stets in Gefahr sind, festgenommen, ih-
Kolonie Ceuta von Marokko trennt, rer wenigen Habseligkeiten beraubt und
mit selbst gezimmerten Holzleitern zu misshandelt zu werden. Fast alle verschul-
überwinden. Über 100 Flüchtlinge den sich und ihre Familien, in der Hoff-
wurden z.T. schwer verletzt. nung, in Europa Arbeit zu finden, von der
sie sich und die Zurückgebliebenen ernäh-
Weil sich Spanien und Marokko die Ver- ren können.
antwortung für die Toten gegenseitig zu- Die europäische Flüchtlingspolitik
schieben, wird die Todesursache vielleicht verwandelt das Mittelmeer in ein
niemals amtlich festgestellt; aus Kranken- Massengrab
häusern gibt es Meldungen, dass sie an tie-
fen Schnittwunden und infolge schwerer Die Tragödie von Ceuta wirft nicht nur ein
Verletzungen durch Gummigeschosse, Schlaglicht auf die verzweifelten, Tod und
wie sie die spanische Guardia Civil ver- Verderben in Kauf nehmenden Versuche
wendet, starben. Offiziell soll es 140 bis großer Menschenmengen, Zuflucht in
150 Flüchtlingen gelungen sein, Ceuta Europa zu finden. Sie beleuchtet zugleich
und damit spanisches Territorium zu errei- ein unsägliches Grenzregime1, mit dem Konzept der „virtuellen Seegrenze“; da-
chen. Angehörige von Unterstützergrup- die EU-Staaten die Flüchtlinge aufzuhal- hinter verbirgt sich das Bemühen, die
pen, die von Flüchtlingen per Handy er- ten versuchen und mit dem sie tatsächlich Grenzüberwachung auf die gegenüberlie-
reicht und die ganze Nacht bis in den Mor- nur ihr Risiko erhöhen, zugrunde zu ge- genden Küsten vorzuverlagern.
gen hinein laufend informiert wurden und hen. Auch jetzt reagierte Spanien vor al- Überhaupt kann man seither gezielte
die ihrerseits das Rote Kreuz und Journa- lem durch die Entsendung Hunderter zu- Bestrebungen feststellen, die nordafrikani-
listen mobilisierten, wurden indirekt Zeu- sätzlicher Soldaten, die, ausgerüstet mit schen Länder, allen voran Libyen, Marok-
gen, wie noch in derselben Nacht eine un- schusssicheren Westen und Maschinenpis- ko und Tunesien, zu Stützpunkten der EU-
bekannte Zahl von Flüchtlingen, die es tolen, die Grenzanlagen bewachen. Auch Abschottungspolitik auszubauen bzw. sie
nach Ceuta geschafft hatten, illegalerweise Marokko verstärkte die militärische Bewa- als solche zu missbrauchen. Mit dem
zurück nach Marokko abgeschoben wur- chung des Zauns. „Haager Programm“, Ende 2004 verab-
den. Die Verschärfung der Grenzüberwa- schiedet, hat sich die EU einen Fünfjahres-
Es war das erste Mal, dass sich ein solch chung setzte in der ersten Hälfte der 90er plan gegeben, mit dem die Transitstaaten
massenhafter Grenzübertritt bei Ceuta er- Jahre ein und dann vor allem in den letzten gänzlich in die Flüchtlings- und Migrati-
eignete. Eine solche Strategie der Grenz- Jahren. Seit 2002 hat Spanien an der ge- onspolitik eingebunden, ein „integriertes
überwindung hatte es bisher nur in der an- samten Südküste das Meerüberwachungs- Grenzschutzsystem“ errichtet, eine EU-
deren spanischen Exklave, Melilla, gege- system SIVE errichtet, mit denen das Grenzschutzagentur gegründet und so ge-
ben. Auch hier kamen dabei in den letzten Meer bis zu der marokkanischen Küste nannte „protection areas“ außerhalb der
Wochen drei Menschen zu Tode. Am frü- überwacht werden kann. Wird ein Flücht- EU für Flüchtlinge, die nicht nach Europa
hen Morgen des 3. Oktober versuchten er- lingsboot gesichtet, soll es innerhalb von gelangen sollen, eingerichtet werden sol-
neut rund 700 Menschen, ganz überwie- 20 Minuten per Hubschrauber oder len. In diesem Sinne ist das „Haager Pro-
gend Schwarzafrikaner, ihr Glück. Rund Schnellboot aufgebracht werden können. gramm“ Bestandteil der „Nachbarschafts-
300 von ihnen überwanden den Grenzzaun SIVE soll jetzt auch von Griechenland in- strategie“ mit ihren beiden Seiten, der An-
bei Melilla an einer Stelle, an der er 6 Me- stalliert werden, und auch Marokko soll bindung von benachbarten Staaten an die
ter hoch ist. erste Experimente mit der Installation ge- EU und der Option ihrer militärischen und
Am Wochenende fanden wahrschein- macht haben. Die Militärpräsenz ist im polizeilichen Kontrolle.
lich 17 Afrikaner vor den kanarischen In- ganzen Mittelmeergebiet hoch, vor allem Im letzten Jahr wurde bekannt, dass Ita-
seln den Tod, als ein mit 34 Flüchtlingen in der nur 14 km breiten, 50 km langen lien auf der Grundlage von Geheimab-
beladenes Boot vor Fuerteventura kenter- Meerenge von Gibraltar. Seit 2003 pa- kommen in großem Stil begonnen hat,
te. trouilliert im Rahmen von „Enduring Flüchtlinge, die als Boat People in Lampe-
Die Flüchtlinge, die den Weg nach Freedom“ hier die Nato mit zusätzlichen dusa gelandet waren, nach Libyen abzu-
Europa über Ceuta und Melilla, über das Schnellbooten (auch der Bundeswehr). schieben. Zuvor schon hatte die Regierung
Mittelmeer oder über den Atlantik und die 2003 führten verschiedene EU-Staaten ge- mehrere neue Großlager in Süditalien er-
Kanaren suchen, sind oft Monate, sogar meinsame Patrouillen durch, in deren Ver- richtet, die wie auf Lampedusa von den
Jahre unterwegs. Das St. Gallener Tagblatt lauf sie 11 Flüchtlingsschiffe aufbrachten; paramilitärischen Carabinieri bewacht
(1.10.) berichtet unter Berufung auf den zur gleichen Zeit begann die italienische werden und zu denen sogar der UNHCR
marokkanischen Ministerpräsidenten, dass Regierung mit dem regulären Einsatz von nur unter großen Schwierigkeiten Zugang
Marokko allein in diesem Jahr mehr als Marineeinheiten zur Flüchtlingsabwehr. In hat. Im Oktober 2004 schob Italien 1000
23.000 Flüchtlinge abgefangen, festge- einem ebenfalls 2003 verabschiedeten Flüchtlinge aus Lampedusa nach Libyen
nommen und nach Algerien deportiert Programm zur „Bekämpfung der illegalen ab, und das, obwohl Libyen nicht die Gen-
habe. Von dort aus suchen die meisten er- Einwanderung“ entwickelte die EU das fer Konvention unterschrieben hat und

10 : antifaschistische nachrichten 21-2005


: ausländer- und asylpolitik
Flüchtlingen elementarste Rechte vorent- ben. Die EU-Kommission ver-
hält. Wochen später wurde durch Berichte handelt derzeit mit Marokko über
von Flüchtlingen aus Niger und Ghana öf- ein Abkommen zur Rücküber-
fentlich, dass viele der Abgeschobenen in nahme illegaler Einwanderer und will nen, etwa aus dem Kongo, aus Sierra Leo-
der Sahara ausgesetzt wurden, eine unbe- noch vor Jahresende abschließen. (Stan- ne oder dem Sudan, hat die EU die Einrei-
kannte Zahl kam dabei um. Ebenfalls im dard, 30.9.05) serestriktionen so verschärft, dass eine le-
Herbst 2004 wurde bekannt, dass Italien Die Migration ist eine Tatsache und gale Einreise für die allermeisten Men-
Zelte und Decken nach Libyen liefert und muss legalisiert werden schen praktisch nicht möglich ist. Aber
zwei neue Abschiebelager im Süden Liby- Europa, das so maßgeblich beteiligt ist an
ens errichten lässt; ein Lager im Norden Die Aufrüstung an den Grenzen bringt den der Zerstörung der Lebensbedingungen in
war zuvor schon mit italienischen Geldern Migrationsstrom aus Afrika und aus ande- Afrika, kann sich vor den Folgen des eige-
errichtet worden. Im Dezember besuchte ren Regionen der Welt nicht zum Erliegen. nen Handelns nicht abschotten. Es ist er-
eine EU-Kommission libysche Abschiebe- Aber mit dieser seit der ersten Hälfte der wiesen, dass Menschen ihr Heimatdorf,
lager und berichtete von katastrophalen 90er Jahre betriebenen Aufrüstung beginnt ihre Stadt, ihr Herkunftsland nur ungern
Zuständen, Überfüllung, unzureichender das große Sterben im Mittelmeer. Wie vie- verlassen, wenn sie nicht durch Krieg, Ter-
Ernährung, mangelnder Gesundheitsver- le Menschen auf den Fluchtwegen von ror, Elend und Hoffnungslosigkeit ge-
sorgung, vollständiger Rechtlosigkeit der Afrika über die Meere nach Europa in den zwungen werden. Aber wenn ihre Lage
Inhaftierten und willkürlicher Abschie- letzten Jahren den Tod fanden, wird man aussichtslos ist, suchen sie ihr Überleben
bung. nie genau wissen. Helmut Dietrich befasst anderswo.
Auch in Spanien wird wie in Italien der sich in dem zitierten Aufsatz ausführlich Die EU-Kommission hat als Antwort
Großteil der Bootsflüchtlinge unmittelbar mit den verschiedenen Schätzungen und auf die Tragödie in Ceuta eine Änderung
vor oder nach ihrer Landung festgenom- kommt allein für die Meerenge von Gi- der Einwanderungspolitik gefordert und
men. Auf den kanarischen Inseln hat man braltar für den Zeitraum 1991 bis 2004 zu dafür plädiert, einen rechtlichen Rahmen
in den letzten Jahren vier große Abschie- dem Schluss: „Summiert man die Schät- für legale Einwanderung zu schaffen. Die
belager errichtet, die ebenfalls paramilitä- zungen für die verschiedenen Zeitspan- EU müsse, so EU-Justizkommissar Fratti-
risch bewacht werden und zu denen natio- nen, kommt man auf 12.–14.000 Tote. ni, „legale Zuwanderungskanäle“ stärken.
nale oder internationale humanitäre Orga- Ohne Zweifel handelt es sich bei der (Die Presse, 29.9.) Bei aller gebotenen
nisationen praktisch kaum Zugang haben. Meerenge von Gibraltar um das größte Skepsis liegt darin das Eingeständnis, dass
Über die dort herrschenden Haftbedingun- Massengrab Nachkriegseuropas.“ Pro die „illegale“ Immigration durch noch so
gen gibt ein Bericht von amnesty interna- Asyl schätzt, dass allein im letzten Jahr im hochgerüstete Grenzregimes nicht ge-
tional über das Lager El Matorral auf Mittelmeer insgesamt ca. 5.000 Flüchtlin- stoppt werden kann, nicht durch vorverla-
Fuerteventura Aufschluss. ge ertrunken sind. Jede weitere Aufrüstung gerte Abschottung und nicht durch Mili-
Ceuta und Melilla2 sind regelrechte – an den Grenzen drängt die Flüchtlinge auf tärinterventionen.
koloniale – Vorposten der Abschottung der noch gefährlichere Fluchtwege ab, zwingt In einer interdependenten Welt muss
EU. Parallel zum Beitritt Spaniens zu sie zu noch verwegeneren Fluchtmitteln, das Recht auf Flucht, auf Zuflucht erstrit-
Schengen und zur Einführung der Visa- verstärkt die Verzweifelung, die die ten werden. Das ist auch im Kampf gegen
pflicht für alle Magrheb-Staaten 1990 be- Flüchtlinge alle Gefahren in Kauf nehmen den Raubbau an den Reichtümern Afrikas,
gann der Bau der Grenzzäune mit ihren lässt. gegen die blutigen Ausbeutungsmethoden
messerscharfen Dornenkronen und High- Die schwarzafrikanischen Flüchtlinge europäischer und anderer Konzerne, gegen
Tech-Überwachungsanlagen. Nicht nur kommen meist aus Ländern, deren wirt- die imperialistische Interventionspolitik
Spanien, auch die EU lässt sich dieses Re- schaftliche Entwicklung nach der Entkolo- zunehmend auch der EU unverzichtbar.
gime viel kosten. Im Rahmen des so ge- nialisierung gescheitert ist, aus Staaten, scc ■
nannten Meda-Programms für die „Euro- die zerfallen sind und wo es weder infra-
mediterrane Zusammenarbeit“ stehen für
3 strukturelle Voraussetzungen wirtschaftli- 1 Eine ausführliche Darstellung gibt Helmut Die-
die „Sicherung der Grenze“ zwischen Spa- cher Entwicklung wie Straßen, Wasser- trich, Das Mittelmeer als neuer Raum der Ab-
schreckung, Flüchtlinge und MigrantInnen an der
nien und Marokko 40 Mio. Euro bereit, und Stromversorgung noch Bildung noch südlichen EU-Außengrenze.
die bisher nur zum Teil abgefordert wur- Gesundheitsdienste noch Sicherheit oder http://www.ffm-berlin.de/mittelmeer.html Die
den. Jetzt soll als wichtigste Konsequenz ein Rechtssystem gibt. Sie fliehen vor Re- folgenden Ausführungen stützen sich auf diesen
aus der Tragödie von Ceuta neben der mi- gimes, die durch Terror herrschen und umfangreichen Bericht der Forschungsgesell-
litärischen Verstärkung der Zaun auf 6 durch ausländische Mächte gestützt wer- schaft Flucht und Migration (FFM) in Berlin zur
Situation von Flüchtlingen und MigrantInnen an
Meter hochgezogen werden. den. Sie fliehen aus Regionen, in denen, der südlichen EU-Außengrenze.
In beiden Exklaven sind – inzwischen zum Teil jahrzehntelang, Bürgerkriege to- 2 Spanien eroberte 1496 Melilla im Zuge der Re-
völlig überfüllte – Auffanglager errichtet ben, Bürgerkriege, die ohne Finanzierung conquista, der Vertreibung der Mauren von der
worden. Die Flüchtlinge verbringen hier von außen, ohne Belieferung mit Waffen spanischen Halbinsel. Schon vorher, 1445, hatte
oft viele Monate. Um die Exklaven herum, aus Europa und den USA wohl längst ver- Portugal Ceuta genommen; Spanien übernahm
Ceuta 1580 mit der Annexion Portugals und be-
auf marokkanischem Territorium, liegt ein siegt wären. Bürgerkriege, deren Ursachen hielt es auch, nachdem Portugal 1640 die Unab-
Ring von Lagern, nicht nur staatlichen, bis in die Zeit der europäischen Kolonial- hängigkeit zurückeroberte. Beide Exklaven sind
auch solchen, die die Flüchtlinge selbst er- herrschaft zurückreichen, in die die alten heute spanische Militärstützpunkte. Marokko ver-
richtet haben. Aber immer häufiger führt Kolonialherren oder die USA und inzwi- langt ihre Rückgabe.
die marokkanische Polizei hier Razzien schen auch die EU immer wieder militä- 3 Das 1996 eingerichtete Meda-Programm umfasst
drei „Körbe“, die „Schaffung eines Raumes des
durch, die nicht nur zu Verhaftungen füh- risch intervenieren und in denen Interessen Friedens und der Stabilität, gestützt auf die funda-
ren, sondern auch dazu, dass die lokale ausländischer Konzerne eine wesentliche mentalen Grundsätze der Achtung der Menschen-
Bevölkerung an die Flüchtlinge nicht Rolle spielen; sei es im Kongo (Diaman- rechte und der Demokratie“, die „Schaffung ei-
mehr Wasser und Lebensmittel verteilen ten, Kupfer, Kobalt, Gold, seltene Erden, nes Raumes gemeinsamen Wohlstands durch die
oder verkaufen kann. Wie in der Nacht, in Edelhölzer, Tantal), in Sierra Leone (Dia- schrittweise Errichtung einer Freihandelszone
der fünf Flüchtlinge getötet wurden, wer- zwischen der EU und den Mittelmeerpartnern so-
manten), dem Sudan (Öl) oder anderen
wie zwischen diesen Partnern selbst“ und die
den Flüchtlinge, die im Grenzbereich auf von Bürgerkriegen heimgesuchten afrika- „Entwicklung der Humanressourcen, die Förde-
spanischer Seite festgenommen werden, nischen Ländern. rung des gegenseitigen Verständnisses der Völker
regelmäßig illegal und unter Missachtung Doch gerade für die Staatsangehörigen in der Europa-Mittelmeer-Region und den Auf-
ihrer Rechte nach Marokko zurückgescho- aus den Krisen- und Bürgerkriegsregio- bau freier und aktiver Zivilgesellschaften“.

: antifaschistische nachrichten 21-2005 11


„Solidarität mit Flüchtlingen –
Bleiberecht jetzt“
Kundgebung zum Tag des Flüchtlings am 30.09.2005 in Hannover

Hannover. Unter obigem Mot-


to hatte der Niedersächsische
Flüchtlingsrat zur Kundge-
bung aufgerufen. Ca. 300 Menschen
haben die Kundgebung unterstützt,
dies waren mehr als im letzten Jahr.
Unter den Kundgebungsteilnehmerin-
nen/-teilnehmern waren viele Roma,
vor allem Jugendliche und Kinder, die
gegen die zunehmenden Abschiebun-
gen aus Niedersachsen protestiert
haben.

Die Forderungen des Niedersächsischen


Flüchtlingsrates wurden auf der Kundge-
bung durch Redebeiträge vom DGB Re-
gion Niedersachsen Mitte, amnesty in-
ternational, dem Afghanischen Frauen-
netz, der Romaorganisation Romane
Aglonipe und von durch Abschiebung
bedrohte Menschen unterstützt.
Aus der Presseerklärung des Flücht-
lingsrates:

„Es gibt keinen Weg zurück ... Flücht-


lingsrat fordert Bleiberecht statt Ab-
schiebung für Altfälle. Trotz Zuwande-
rungsgesetzes Kettenduldungen für bun-
desweit über 200.000 Geduldete.
Als ‚Qualitätssprung in der Integrations-
förderung’ feierte Bundesinnenminister
Schily kürzlich die Erfahrungen aus den
ersten neuen Monaten seit Inkrafttreten
des Zuwanderungsgesetzes. Aus flücht-
lingspolitischer Sicht stellt sich die Si-
tuation jedoch ganz an-
ders dar: Die Anerken- nen generellen Abschiebe- ‚Besonders hart ist die Situation für
nungszahlen für Flücht- stopp in Krisengebiete. Kinder und Jugendliche, die in Deutsch-
linge stagnieren auf Die Kundgebung knüpft an land seit frühester Kindheit leben oder
niedrigstem Niveau. die Bleiberechtskampagne an, gar hier geboren wurden. Es werden z. B.
Trotz anhaltender mit der Flüchtlingsräte, Wohl- Jugendliche, gerade 18 Jahre alt gewor-
Kämpfe im Irak werden fahrtsverbände und pro Asyl den, in krisengeschüttelte Länder wie
massenhaft Asylwider- seit Jahren die Abschaffung Kongo oder in das Kosovo abgeschoben,
rufsverfahren gegen ira- sogenannter Kettenduldungen wo sie keinerlei soziale Anbindung ha-
kische Flüchtlinge ein- und ein Bleiberecht für die ben und deren Sprache sie oftmals nicht
geleitet. Selbst in Kri- betroffenen Flüchtlinge for- sprechen. Diese Menschen müssen end-
sengebiete wie das Ko- dern. Die beteiligten Organi- lich ein Aufenthaltsrecht bekommen‘,
sovo oder Afghanistan sationen kritisieren den un- fordert Anke Egblomassé vom Nieder-
werden Abschiebungen haltbaren Zustand, dass Men- sächsischen Flüchtlingsrat.
durchgeführt. Auch die schen, die hier seit etlichen Als unmenschlich und verantwor-
Praxis der Kettendul- Jahren leben, immer nur für tungslos kritisiert der Flüchtlingsrat da-
dungen wird – trotz an- einige Monate oder gar Wo- rüber hinaus die von den Innenministern
derslautender politischer Versprechen – chen eine Duldung erhalten und somit beschlossene schrittweise Abschiebung
weiterhin fortgesetzt. Nach wie vor be- kaum eine Chance haben, sich hier eine von Minderheiten aus dem Kosovo sowie
finden sich bundesweit mehr als 200.000 Zukunft aufzubauen. Über Jahre leben von Flüchtlingen aus Afghanistan. Für
Flüchtlinge in der unhaltbaren Situation, diese Menschen ständig mit der Angst diese Flüchtlingsgruppen müssten
dass ihr Aufenthalt nicht erlaubt, aber vor einer drohenden Abschiebung. In der grundsätzliche Abschiebestopps erlassen
‚geduldet‘ wird. Bundesrepublik hatten am 31. Dezember werden. Die Menschenrechte würden in
... Unter dem Titel „Solidarität mit 2004 knapp 203.000 Personen nur eine diesen Ländern weiter verletzt, und auch
Flüchtlingen – Bleiberecht jetzt!“ fordert Duldung statt eines sicheren Aufenthalts- ökonomisch hätten abgeschobene
der Flüchtlingsrat ein Bleiberecht für tatus, in Niedersachsen waren dies zu je- Flüchtlinge kaum eine Chance auf eine
langjährig geduldete Flüchtlinge und ei- nem Zeitpunkt 25.800 Menschen. Zukunft.“ bee ■

12 : antifaschistische nachrichten 21-2005


Das Bundesverteidigungsmi-
nisterium (BMVg) rechnet mit
einer drastischen Zunahme
Medizinische
von Kriegsverletzungen durch deut-
sche Militäreinsätze deutscher Solda-
ten und verstärkt die Kooperation zwi-
Kriegsvorbereitungen
schen Bundeswehrkrankenhäusern tik, Verwaltung, Ärzteschaft und Militär heirat“, sagte Dr. Michael Wuttke, Ärztli-
und zivilen Kliniken. Ein entsprechen- nahmen auf Einladung des Landkreises cher Direktor des Westersteder Kranken-
der Vertrag zwischen der Bundesrepu- Ammerland und der Bundeswehr an dem hauses.[2]
blik Deutschland, dem Landkreis Am- Zeremoniell in Westerstede teil. Wie Kein Einzelfall
merland und der Ammerland-Klinik Struck bei dieser Gelegenheit ausführte,
GmbH wurde kürzlich in Westerstede mache erst eine „hochwertige medizini- Die aktuelle Kooperation ist kein Einzel-
(Niedersachsen) unterzeichnet. sche Versorgung“ die „ausgezeichneten fall. Bereits während des Angriffs auf die
Leistungen unserer Soldatinnen und Sol- Bundesrepublik Jugoslawien im Jahr
Erklärtes Ziel ist die notfallmedizinische daten in den Einsatzgebieten“ möglich. 1999 schlossen das BMVg und die Deut-
und traumatologisch-operative Versor- Der Inspekteur des Sanitätsdienstes, Ad- sche Krankenhaus-Gesellschaft einen
gung der bei Kampfhandlungen verwun- miraloberstabsarzt Dr. Karsten Ocker, ver- „Rahmenvertrag“ über die Verwendung
deten Bundeswehrangehörigen, die Aus- wies auf die jetzt optimierten „ausgezeich- klinischen Personals „zum beiderseitigen
bildung des militärischen Sanitätsperso- nete(n) Möglichkeit(en)“ – das militäri- Vorteil“ und über die „gemeinsame Nut-
nals und dessen Vorbereitung auf Aus- sche Sanitätspersonal werde man „in den zung von Material und Gerät“. Der Über-
landseinsätze. Die Fähigkeit der Bundes- einsatzrelevanten medizinischen Fächern einkunft sollten „Partnerschaftsverträge“
wehr zur Führung von Kriegen wird damit gezielt ausbilden und auf die Auslandsein- mit zahlreichen zivilen Kliniken folgen.
weiter verbessert, die Heimatfront ver- sätze der Bundeswehr vorbereiten“[1]. Dies stieß auf den organisierten Wider-
stärkt. Liebesheirat stand der dort Beschäftigten. Brennpunkt
Ab 2008 soll das zur Zeit noch in Bad der damaligen Auseinandersetzungen war
Zwischenahn untergebrachte Bundes- Insbesondere die Unfallchirurgie hat es das Städtische Klinikum Karlsruhe (Ba-
wehrkrankenhaus auf das Gelände der der Bundeswehr angetan. Auf die Mili- den-Württemberg), dessen Betriebsrat
Ammerland-Klinik in Westerstede umzie- tärärzte kämen „neue Herausforderun- dem BMVg vorwarf, die Angestellten
hen und mit der zivilen Institution einen gen“ zu, da bei aktuellen und künftigen „zur Personalreserve der Bundeswehr
„Wirkverbund“ bilden. Geplant ist der Kriegseinsätzen verstärkt „mit Schwer- (zu) degradieren“, da diese „im Bedarfs-
Austausch von Patienten und Personal so- verletzten zu rechnen“ sei, erklärte Dr. fall an Bundeswehrkrankenhäuser abge-
wie die gemeinsame Führung der zentra- Georg Helff, Chefarzt des Bundeswehr- ordnet“ werden sollten.[3] Davon ist zur
len Aufnahme- und Intensivstation; die krankenhauses Bad Zwischenahn. Die Zeit zwar nicht mehr die Rede, eine „zi-
(nicht-militärische) Unfallrettung von Zi- entsprechende Ausbildung könne jetzt vil-militärische Kooperation“ kam den-
vilverletzten im Bezirk Westerwede wird durch die zivile Zusammenarbeit „drama- noch zustande. Wie der Betriebsratsvor-
die Bundeswehr sogar in Eigenregie über- tisch“ verbessert werden. Als kriegsrele- sitzende Willi Vollmer auf Nachfrage von
nehmen. Auf diese Weise wird en passant vant stuft Helff zudem die Rettung ziviler german-foreign-policy.com bestätigt,
auch der von deutschen Politikern seit lan- Unfallopfer ein; auch diese sei „Ausbil- können sich Bundeswehrangehörige in
gem geforderte Einsatz des Militärs im In- dung für den Einsatz“. Umgekehrt erhofft Karlsruhe zu „Operations-Technischen-
nern Realität. Die laut BMVg „bundes- sich die Ammerland-Klinik von der Zu- Assistenten“ ausbilden lassen, Militärärz-
weit erste und einzigartige zivil-militäri- sammenarbeit mit der Bundeswehr einen te können Weiterbildungsangebote wahr-
sche Krankenhaus-Kooperation“ wurde Zuwachs an medizinischer Kompetenz. nehmen. Im Gegenzug sei es für Klinik-
Anfang September im Beisein von Vertei- Bei der jetzt getroffenen Vereinbarung Beschäftigte, die sich für Kriegsverletzun-
digungsminister Peter Struck feierlich be- handele es sich deshalb nicht um eine gen interessieren, möglich, an Spezial-
siegelt. Mehr als hundert Gäste aus Poli- „Zweckehe“, sondern um eine „Liebes- schulungen der Bundeswehr teilzuneh-
men. Von diesem Angebot habe allerdings
Kundgebung vor dem Spanischen Konsulat bisher noch niemand Gebrauch gemacht,
räumt Vollmer ein.
Hannover. Am Samstag, den 15. Oktober 2005 beteiligten sich – trotz des kurzfristigen Auf-
Die sukzessive Eingliederung ziviler
rufs – über 100 Menschen vor dem spanischen Generalkonsulat in Hannover gegen die Ab-
Krankenhäuser in die militärische Logis-
schiebungen der nach Ceuta und Melilla geflohenen Flüchtlinge. Aufgerufen hatten Nieder-
tik trägt maßgeblich zur Verbesserung der
sächsischer Flüchtlingsrat, Flüchtlingshilfe Wolfsburg, Menschen für Menschen - Solidarität und
Kriegsführungsfähigkeit der Bundeswehr
Bleiberecht Hildesheim, Ökumenische Ausländerarbeit Bremen, Netzwerk Flüchtlingshilfe &
bei. Bei den primär betriebswirtschaftlich
Menschenrechte Hannover, AK Asyl Göttingen, Antirassismusplenum Göttingen, Kooperative
orientierten Klinikleitungen, die an Kos-
Flüchtlings-Solidarität Hannover, Freundeskreis Tambacounda e.V., Kargah e.V., Dritte Welt Fo-
teneinsparungen und der Nutzung ver-
rum in Hannover e.V“. Die Kundgebung war Teil der europaweiten Protestaktionen, die in vie-
meintlicher Synergieeffekte interessiert
len Städten der Bundesrepublik und in Europa. u.a. in Brüssel, Malaga, Madrid durchgeführt
sind, stößt die Kooperation zunehmend
wurden. Der Regionsvorsitzende der DGB-Region Niedersachsen-Mitte, Sebastian Wertmüller,
auf Zuspruch. Wie die Entwicklung in
sagte in seiner Rede, dass durch die Handlungsweise der spanischen Regierung die Ge-
Karlsruhe zeigt, ist eine schleichende Mi-
schichte der Abschiebung Gesichter bekommt. Er führte aus, dass die Festung Europa eine ge-
litarisierung des stationären Gesundheits-
meinsame Verabredung der europäischen Länder ist und die BRD zu der Festung beigetragen
wesens auch dort zu beobachten, wo sich
hat und in der Bundesrepublik inzwischen nur noch 1 % der Flüchtlinge Asyl erhält. Er führte
ein weit gehender „Wirkverbund“ à la
aus, dass unter der rot-grünen Regierung die Grenzen dichter gemacht wurden als je zuvor
Westerstede nicht realisieren lässt.
und dass nicht davon auszugehen ist, dass positive Änderungen unter einer rot-schwarzen Re-
www.german-foreign-policy.com ■
gierung zu erwarten sind. Er rief dazu auf, den Widerstand gegen diese Politik nicht aufzuge-
ben und gemeinsam gegen die mörderische Abschiebungspolitik zu kämpfen und das Thema [1] Klinikverbund in Westerstede geschaffen –
bundesweit die erste zivil-militärische Kooperati-
Zuwanderung nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. In dem Aufruf zu der Kundgebung wur- on dieser Art; www.bundeswehr.de
de gefordert: Wir fordern die spanische Regierung auf, die Abschiebungen unverzüglich ein- [2] „Liebesheirat“ unter Krankenhäusern;
zustellen und den Flüchtlingen ein Bleiberecht zu gewähren! Die Abschottung Europas muss www.bundeswehr.de
gestoppt werden! bee ■ [3] Krankenhaus im Kriegszustand; Junge Welt
16.12.1999

: antifaschistische nachrichten 21-2005 13


: neuerscheinungen, ankündigungen
dern der Flüchtlingsinitiative
„The Voice“ in Jena, die seit
über zehn Jahren aktiv gegen
Neues von der Staaten je zentralen Moderni- tail, sondern Ausdruck der Repressionen ankämpft – mit
Vergleicherei sierungsmaßnahmen, die von oberflächlichen Herangehens- Aktionen und Informations-
ihrer Propaganda in den Mittel- weise des Autors. Eine wissen- veranstaltungen für unbe-
Von „entfernte(r) Ver- punkt gestellt wurden. Im Falle schaftliche Untersuchung liegt schränkte Bewegungsfreiheit,
wandtschaft“ spricht Italiens handelt es sich um die hier nicht vor. Mit einigem gu- gegen die so genannte Resi-
Wolfgang Schivel- Erschließung des Agro Ponti- ten Willen könnte allenfalls denzpflicht und gegen das
busch bezüglich von National- no, eines Sumpfgebietes in der von einem fragmentarischen System der Abschiebung.
sozialismus, Faschismus und Nähe Roms, bei den USA um Essay gesprochen werden. Nach der erneuten Verschär-
US-amerikanischem New die Elektrifizierung und Indus- Komparatistik ist eine uner- fung der Lage für Flüchtlinge
Deal. Deutlicher noch ist der trialisierung entlang des Ten- lässliche Methode der Ge- in der Bundesrepublik und
Titel der US-Ausgabe „Three nessee Rivers sowie im deut- schichtswissenschaft. Der Ver- Enttäuschungen in der Zusam-
Types of Leadership in the schen Fall um die Reichsauto- gleich u.a. zwischen verschie- menarbeit mit deutschen anti-
Great Crisis“. Derartige Ver- bahnen, die „die Wunschphan- denen Staaten und Staatsfor- rassistischen Gruppen drängen
gleiche stoßen bei Linken auf tasien der Motorisierung“ ver- men kann Impulse für die wei- in der Arbeit der Aktivisten
nachvollziehbares Interesse, körperten und „ein National- tere Forschung geben und zu seit einiger Zeit Debatten über
waren und sind die USA doch monument neuen Typs“ wur- neuen Einsichten führen. Das die Möglichkeiten der Selbst-
eine imperialistische Welt- den. ist beim vorliegenden Buch al- organisation und Vernetzung
macht, deren Handeln durch Schivelbuschs Interesse an lerdings nicht der Fall. Es und die Notwendigkeit neuer
alles andere als das Ringen um einer Denunziation der seiner- bleibt die Frage, was der Autor Aktions- und Öffentlichkeits-
Weltfrieden und allgemeine zeitigen US-Politik überlagert mit seiner impliziten US-Kri- formen in den Vordergrund.
Wohlfahrt motiviert ist. Auf seine wissenschaftliche Analy- tik beabsichtigt. Auffällig ist, Eine Station dieser Reflexi-
der anderen Seite ist aber eine se, obwohl er gleich zu Beginn dass der Eingriff ins liberale on stellt die im Mai 2005 unter
gewisse Skepsis angebracht, darauf hinweist, „daß Vergleich Wirtschaftssystem als Kardi- dem Titel „Menschen unter
laufen solche Analysen doch nicht Gleichsetzung“ bedeute. nalproblem angesehen wird, Landkreisarrest“ veranstaltete
häufig auf eine geharnischte Es trifft sicherlich zu, dass die wenn z.B. „die Wirtschafts- Filmtour durch mehrere thü-
Kritik an den USA hinaus und US-Administration unter Roo- und Sozialplanung“ Roose- ringische Städte dar. Gezeigt
„vergessen“ dabei gar zu gern sevelt ihre Pläne autoritär velts als „ein trojanisches wurde „Forst“ von Ascan
das Wirken des deutschen Im- durchgesetzt hat. Es handelte Pferd“ beschrieben wird, das Breuer, Ursula Hansbauer und
perialismus zu erwähnen. sich schließlich um einen kapi- „in die liberale Bastion“ einge- Wolfgang Konrad, ein bedrü-
Durchaus unterschiedlich fal- talistischen Staat. Von Faschis- drungen sei. Staatliche Regu- ckendes Filmexperiment, das
len denn auch die Rezeptionen mus ist das aber noch weit ent- lierungsmaßnahmen werden in so abstrakten wie düsteren
entsprechender Abhandlungen fernt. Schivelbusch versucht, indirekt angegriffen und als Schwarzweißbildern und
aus. (Vgl. z.B. die Rezensio- aus Oberflächenphänomenen dem Faschismus entfernt ver- Klängen die forcierte Isolation
nen zu Jacques Pauwels, Der ein Gesellschaftssystem zu er- wandt denunziert. Insofern und Ausgrenzung von Flücht-
Mythos vom guten Krieg. Die klären. Was sollen denn Analo- greift Schivelbusch auch in lingen in Deutschland zeigt,
USA und der 2. Weltkrieg in gien zwischen USA und aktuelle Debatten ein. ohne sich auf die geläufigen
den Antifaschistischen Nach- Deutschland/Italien auf dünner F ■ dokumentarischen Inszenie-
richten 2/02 und 13/02.) Grundlage (z.B. charismati- rungen von Authentizität zu
Das Buch von Schivelbusch sche Führung und starke Stel- Wolfgang Schivelbusch, verlassen. Stattdessen sieht
hat zahlreiche Schwächen. Zu- lung des Staatsoberhauptes Entfernte Verwandtschaft. man langsame Fahrten, dunkle
nächst einmal bleibt es weitge- oder die Kriegsmetaphorik Faschismus, National- Nahaufnahmen von Stämmen
hend auf der ökonomischen beim Wirtschaftsaufbau) be- sozialismus, New Deal und Wurzeln, finstere Gänge.
Ebene stecken. Der Autor weist weisen? Mit dieser Methode 1933-1939, Carl Hanser Dazu aus dem Off eine O-Ton-
über lange Passagen nach, dass lässt sich eben nicht zum We- Vlg.., München/Wien 2005, Montage von Berichten über
die zeitgenössische Publizistik sen des jeweiligen Gesell- 223 S., 21,50 Euro. die Wirkung eines Systems,
vor Weltkrieg und Holocaust schaftssystems vordringen. das dazu angelegt ist, Men-
Franklin D. Roosevelts New Übrigens wird die ähnlich Film: Isolation als schen auf Essen und Trinken
Deal mit dem faschistischen strukturierte Totalitarismus- zu reduzieren, auf Schlaf und
Korporatismus gleichgesetzt theorie am Rande auch vertre- System. „Forst“ – die Erwartung der Abschie-
hat, weil es sich um staatliche ten, z.B. wenn vom „russischen ein Film über Aus- bung, eines Systems, das die
Eingriffe in die Wirtschaft han- National-Sozialismus“ die grenzung und Stagnation zum Normalzu-
delte. Deutlich wird, dass diese Rede ist. stand werden lässt.
Publizisten keinen näherungs- Antisemitismus und Rassis- Selbstorganisation Nach und nach lösen sich
weisen Begriff vom Faschis- mus – Kernideologeme des „Die Leute waren aus den Schatten Gestalten,
mus hatten und ihn wahllos NS-Faschismus – spielen kei- wirklich wütend, sie schemenhaft noch bringen sie
verwandten. Hier hätte die ne Rolle. Wichtige Autoren zur kamen mit roten Au- sich zur Geltung. Sie kommen
Analyse Schivelbuschs anset- nationalsozialistischen Wirt- gen aus dem Film“, erzählt näher, schlagen „Karawane“-
zen müssen, hier wären die da- schaftspolitik, wie z.B. Avra- Osaren Igbinoba: „Viele konn- Plakate an die Bäume, bespre-
maligen oberflächlichen Be- ham Barkai, finden sich nicht ten sich eine solche Situation chen sich gebeugt über eine
hauptungen mit Empirie und unter der verwendeten Litera- nicht vorstellen. Sie waren Landkarte: Erste Schritte der
theoretischen Grundlagen des tur. Mit Götz Aly wird behaup- schockiert.“ Igbinoba, der als Selbstorganisation. Erfolgrei-
faschistischen Staatswesens zu tet, dass deutscher und italieni- nigerianischer Flüchtling in che Selbstorganisation, berich-
konfrontieren gewesen. Das scher Faschismus „auch einen Jena lebt, engagiert sich in den tet der Film in einer exempla-
passiert jedoch nicht. sozial-egalitären Aspekt“ in Netzwerken „Karawane für die risch verdichteten Erzählung,
Ausführlicher behandelt der sich geborgen hätten. In den Rechte von Flüchtlingen und kann es immerhin möglich
Autor lediglich ein einziges Gesamtzusammenhang gestellt MigrantInnen“ und „Platafor- machen, sich einer drohenden
Thema, nämlich die für die drei sind dies keine Mängel im De- ma“. Er gehört zu den Grün-

14 : antifaschistische nachrichten 21-2005


: ostritt
Abschiebung durch Flucht in den Unter- Existenzialismus, sondern als politische
grund zu entziehen. Frage: Wollen wir wirklich in einer Ge-
Das ist auch Osaren Igbinobas Ge- sellschaft leben, die solche Dinge mit
schichte: Monatelang musste er sich ver- Menschen anstellt? Die Flüchtlinge er-
stecken, inzwischen hat er – nach drei
drohenden Abschiebungen – endlich po-
litisches Asyl erhalten. Doch die Darstel-
lung der gelungenen Flucht kontrastiert
scheinen dabei nirgends als sprechende
Gesichter, die Empathie erbeten – im Ge-
genteil, der Blick des Films geht, wie As-
can Breuer es nennt, „in präventive Ab-
D ie FAZ meldet als erste den Er-
folg. „Kroatien will den Deut-
schen, die aus dem kommunis-
tischen Jugoslawien nach Österreich
mit den Bildern der Isolation, schließlich wehrstellung gegen die mögliche repressi- geflüchtet sind, ihr Eigentum zurücker-
mit der Darstellung brutaler Vorbereitun- ve oder vereinnahmende, auf jeden Fall statten“, berichtet die Zeitung am 14.
gen für die Abschiebung oder Verlagerung ‚verstehende‘ Attitüde“ der Zuschauer. Oktober. Seit drei Jahren verhandeln
einer ganzen Gruppe von Flüchtlingen am Er vermittelt nicht, sondern konfrontiert. die Regierungen in Zagreb und Wien
Ende des Films. Wütend werden muss der Betrachter über die Rückerstattung von Eigentum,
Die Autoren sehen ihren Film in der schon selbst. das bei der Umsiedlung der Deutschen
Tradition dessen, was Bill Nichols als „Der Film zeigt die Isolation so deut- in Folge des Zweiten Weltkriegs kon-
„performativen Dokumentarfilm“ be- lich, dass manche Leute nicht in der Lage fisziert bzw. verstaatlicht worden ist.
zeichnet hat. Diese „verkörpern ein Para- sind, es auszuhalten. Sie weigern sich, zu Der endgültige Vertragstext liegt noch
dox“, schreibt der amerikanische Film- akzeptieren, dass dieses Problem tatsäch- nicht vor, das zentrale Ergebnis gilt in-
wissenschaftler in seinem vielbeachteten lich existiert“, erklärt Osaren Igbinoba. zwischen jedoch als sicher: Die Rück-
Aufsatz „Performing Documentary“: „Sie „Ich glaube, ,Forst‘ ist eine der wichtigs- erstattungen werden kommen, die ost-
erzeugen ein klares Spannungsfeld zwi- ten Referenzen für die Analyse der Situa- und südosteuropäische Verteidigungs-
schen szenischer Darstellung und Doku- tion und des Kampfes der Flüchtlinge. front gegen die Ansprüche der Umge-
ment, zwischen dem Persönlichen und Viele Aktivisten haben gesagt: Er ist zu siedelten hat die erste Bresche.
dem Typischen, dem Körperhaften und abstrakt. Sie können nichts damit anfan-
dem Körperlosen, kurz gesagt, zwischen gen. Aber wenn man sich hinsetzt und Bereits im Mai hat der Vorsitzende der
Geschichte und Wissenschaft. Das eine ist über den Film nachdenkt, fallen einem so Donauschwäbischen Arbeitsgemein-
poetisch und evozierend, das andere dient viele Dinge ein. Je öfter man ihn sieht, schaft in Österreich, Rudolf Reimann,
als Beweis und betont die Referenz.“ desto mehr verschiedene Schlüsse zieht begonnen, die zukünftig Anspruchsbe-
Schon der Titel des Films zeugt von man. Es ist ein besonderer Film. Ein Film, rechtigten auf das Eintreiben ihres ehe-
dieser paradoxen Ästhetik: „Forst“ ist zu- der uns in der letzten Zeit viel Motivation maligen Eigentums vorzubereiten. Da-
gleich der Name eines, inzwischen ge- gegeben hat. Eine Kritik lautete, dass der mals appellierte er an alle österrei-
schlossenen, berüchtigten Erstaufnahme- Film einem nicht die Kraft gibt, die Situa- chischen „Donauschwaben“, die von
lagers im Wald am Stadtrand Jenas, ab- tion zu verändern. Er hinterlässt einen de- heute kroatischem Territorium umge-
seits, abgeschnitten vom öffentlichen primiert. Aber wenn es so ist, dann ist das siedelt worden waren, „jetzt schon alle
Nahverkehr, und Metapher für die Strate- nicht die Schuld des Films.“ notwendigen Unterlagen und Doku-
gien der Ausgrenzung. Jan-Frederik Bandel mente zusammenzustellen“.
Der Titel benennt die Grenzen, hinter Der Autor ist Literaturwissenschaftler Sofort nach Inkrafttreten des Geset-
denen Menschen in der deutschen Gesell- und Publizist zes können dann die vorbereiteten
schaft unsichtbar werden, und die Arglo- http://www.iz3w.org/iz3w/ Rückerstattungsanträge eingereicht
sigkeit oder Gleichgültigkeit derer, die Rezensionen/288bandel.html werden. Und damit auch wirklich
von all dem nichts ahnen oder ahnen wol- nichts verloren geht, was irgendwie an
len. Ascan Breuer, Ursula Hansbauer, Wolf- die Umgesiedelten übertragen werden
Der Film stellt das System der Isolation gang Konrad: Forst. Österreich/ kann, hat das österreichische Außenmi-
jedoch nicht einfach als Lebensrealität ei- Deutschland 2005, 50 min. (Verleih: nisterium in den Verhandlungen Um-
ner kleinen Gruppe dar, er appelliert nicht sixpackfilm). Mehr dazu sicht walten lassen: Die Ansprüche ge-
an das Mitleid oder den Reformwillen der unter: www.forstfilm.com und hen mit dem Tod ihrer unmittelbaren
Verantwortlichen. „Diese Filme beziehen www.thevoiceforum.org Inhaber nicht verloren, sondern werden
sich auf uns“, schreibt Nichols. Und dies auf die Nachkommen übertragen.
nicht im Sinne eines unverbindlichen THE_VOICE_BERLIN@gmx.de ■
Verlockende Aussichten also für die
österreichischen Umgesiedelten, und
auch
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über:
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73. die italienischen Umgesiedelten kön-
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de nen sich Hoffnungen machen: „Italien
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach bemüht sich ebenfalls um eine Rege-
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, lung der noch offenen eigentumsrecht-
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach, lichen Fragen“, berichtet die FAZ. Und
GNN-Verlag Köln. Baden-Württemberg und Bayern über GNN-Süd, Stubaier Str. 2, 70327 Stuttgart,
Tel. 0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln. stänkert nebenbei gegen die Praxis des
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro. deutschen Staates, der „Restitutions-
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. Sonderbestellungen sind forderungen von deutschen Vertriebe-
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. nen grundsätzlich nicht unterstützt“.
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein- Dies hat Bundeskanzler Schröder zu-
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung letzt im August 2004 in der polnischen
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. Hauptstadt bekräftigt.
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie
Buntenbach (Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsgemein-
Welche Schlüsse die deutschen Ap-
schaften); Martin Dietzsch; Regina Girod (VVN - Bund der Antifaschisten); Dr. Christel Hartinger (Friedenszentrum e.V., parate aus den österreichischen Ver-
Leipzig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke; Jochen Koeniger (Arbeitsgrup- handlungserfolgen ziehen, wird man
pe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen (Mitglieder des Vorstandes der
Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschistische Nachrichten); Kreisvereini-
abwarten müssen.
gung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di jk ■
Thüringen); Kai Metzner (minuskel screen partner); Bernhard Strasdeit; Volkmar Wölk.

: antifaschistische nachrichten 21-2005 15


: aus der faschistischen presse
Überfall auf die Sowjetunion – fatal. Fa-
tal ist für Schönhuber und seine Anhän-
ger(innen) an den Nazis nur, dass sie be-
Schönhuber will es zünftig leicht 1000 Aktivisten läßt sich die Repu- siegt wurden.
blik beim besten Willen nicht aufrollen“. Was aber soll man von diesen Ideen
Nation & Europa Oktober 2005 Soweit zur Taktik. Die strategische Ori- halten: „Der erste Reformansatz müßte
„Jeder hat gewonnen – nur Deutschland entierung auf die Rechten als Protestpar- darin bestehen, die Masse wieder zu
nicht“ titelt die Redaktion von „Nation & tei wird dagegen nur angedeutet: „Auf strukturieren, ihr Gestalt zu geben und
Europa“ auf dem Umschlag ihres Okto- die Medien kann man bekanntlich nicht sie aus der anonymen Gleichgültigkeit
berheftes. Illustriert wird diese Einschät- hoffen. Sie haben mit sympathisieren- herauszuholen. Warum erinnern wir uns
zung des Bundestagswahlergebnisses dem Kalkül die Linkspartei in den Vor- nicht – abseits jedes Dünkels – der Stän-
mit den Bildern der Spitzenkandi- dergrund gerückt, um dem Sozialprotest de und Zünfte? Dem immer stärker wer-
dat(inn)en der fünf im neugewählten Par- diesmal auf der ,richtigen‘ Seite ein Ven- denden Pessimismus in unserer Gesell-
lament vertretenen Parteien, von denen, til anzubieten. Je mehr die Gysis und schaft ließe sich gruppendynamisch ent-
mit Ausnahme Joschka Fischers, ein je- Biskys auf Bundesebene hofiert werden, gegenwirken. Nicht umsonst bezeichnet
der zufriedener aussieht als die anderen. desto weniger nimmt sie der Wähler als das Attribut ,zünftig‘ eine fröhliche und
Wer im Heftinneren aber Resignation er- Knüppel gegen die Etablierten wahr. Da- lebensbejahende Einstellung bei Veran-
wartet, hat sich getäuscht. rin liegt ein gutes Stück Zukunft für pa- staltungen und Zusammenkünften. Wer
HARALD NEUBAUER überschreibt triotische Opposition“. Vermutlich hat seinen Stand, seine Zunft liebt, liebt die
sein Editorial sogar mit den Worten der N&E-Herausgeber mit seiner Prog- damit verbundenen Traditionen, liebt
„Kein Grund zur Resignation“ – viel- nose Recht. Antifaschist(inn)en sollten auch sein Land und findet Halt in den
leicht auch, um die Stimmung seiner Le- also dafür eintreten, dass die Linkspartei Fluten der Globalisierung. Er ist auch
ser(innen) aufzuhellen. Aber er sieht auch weiterhin als konsequente Opposi- weniger anfällig für marxistische Gleich-
auch real Grund für seine Haltung: „Die tionskraft agiert. macherei“. Schönhuber beruft sich dabei
deutsche Rechte hat nach diesen Bundes- FRANZ SCHÖNHUBER, der große auf die Ständestaatsidee des Österrei-
tagswahlen keinen Grund zum Jubel, alte Mann der Neofaschisten, wird tat- chers Othmar Franz Spann, eines Theo-
muß sich aber auch nicht wie ein geprü- sächlich alt und das ist seinen Kolumnen retikers, der in den zwanziger und frühen
gelter Hund verstecken. NPD und REP deutlich anzumerken. Damit ist nicht sei- dreißiger Jahren des vergangenen Jahr-
brachten es trotz Ausgrenzung, Hetze ne Bewunderung für den Nazifaschismus hunderts in den Umkreis der Jungkonser-
und den Schwierigkeiten einer zuge- gemeint, die geradezu euphorisch wirkt: vativen gehörte, die ideologische Steig-
spitzten Personenwahl zusammen auf „Im Gegensatz zu den meisten Politikern bügelhalter der Nazis waren.
über eine Million Zweitstimmen, wobei der Weimarer Republik, die das Volk mit Mit Demokratie, mit Menschenrech-
sich die Nationaldemokraten ... gegen- leeren Versprechungen enttäuscht hatten, ten für alle hat die Ständestaatsidee nicht
über der letzten Bundestagswahl vervier- hielten die Nationalsozialisten zunächst nur nichts zu tun, sie ist ihnen diametral
facht haben“. Zum Glück haben sich Wort. Nach ihrer Machtübernahme wur- entgegengesetzt. Und zum Thema
nicht die NPD-Mitglieder vervierfacht den Massenarbeitslosigkeit und soziale „Zunft“ wird im Grimmschen Wörter-
sondern „nur“ die Zahl ihrer Wähler(in- Not innerhalb weniger Jahre überwun- buch der Philosoph Herder zitiert, der
nen)stimmen, aber auch das ist bereits den“. Erst die spätere Entwicklung hält vor über 200 Jahren dazu bemerkte: „Nur
schlimm genug und unterstreicht die der ehemalige Republikaner-Chef für unter den Deutschen ... hat dieser Zunft-
Warnungen antifaschistischer Kreise. problematisch: „Um so fataler war es kram so lange dauern ... können: denn
Aber Neubauer bewertet nicht nur das später, daß rassistische und chauvinisti- der deutschen Art nach wird alles gern
Ergebnis, er macht auch Vorschläge zur sche Entwicklungen eskalierten und alles langweilig und zünftig“. Und diese Idee,
weiteren Taktik und Strategie: „Es bedarf wieder zunichte machten, was so hoff- die Herder schon damals als völlig reak-
nun einer weiteren Kräftekonzentration. nungsvoll begonnen hatte“. Die Eskalati- tionär charakterisierte, will Schönhuber
Denn obwohl die Nationaldemokraten on war es also: Nürnberger Gesetze – den N&E-Leser(inne)n im Jahr 2005 an-
von DVU und parteilosen Patrioten un- hoffnungsvoll, Auschwitz – fatal. Oder: dienen. tri ■
terstützt wurden, fehlte es an personeller, Überfall auf Polen, Belgien, die Nieder-
organisatorischer und propagandistischer lande, Frankreich, Dänemark, Norwe-
Flächendeckung. Mit insgesamt viel- gen, den Balkan – hoffnungsvoll, der „2000 Euro für die
Antifa-Nachrichten
bis Jahresende“
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