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Editorial

Editorial Fünf, zwei, drei, vier! S ollten Sie studierte Psychologen kennen, machen Sie einmal folgendes Experiment:

Fünf, zwei, drei, vier!

S ollten Sie studierte Psychologen kennen,

machen Sie einmal folgendes Experiment:

Fragen Sie sie nach den »Big Five«, den fünf gro­

ßen Persönlichkeitsdimensionen, und außer­

dem nach den Namen ihrer Großeltern. Wetten,

dass die meisten Ihrer Probanden die fünf Eigen­

schaften schneller aufzählen können?

Die Big Five – Extraversion, emotionale Stabi­

lität, Offenheit für neue Erfahrungen, Verträg­

lichkeit und Gewissenhaftigkeit – traten ihren

Siegeszug in den späten 1980er Jahren an und

beherrschen seither die Persönlichkeitsfor­

schung; jeder Psychologiestudierende lernt sie

früher oder später einmal auswendig. Doch in­

zwischen gibt es Konkurrenz. Zunächst redu­

zierten Forscher die fünf Faktoren auf zwei,

genannt »Alpha« (emotionale Stabilität, Verträg­

lichkeit und Gewissenhaftigkeit) und »Beta« (Ex­

traversion und Offenheit für neue Erfahrungen).

Jetzt verfolgen Psychologen einen weiteren An­

satz: Sie suchen nach jenen Eigenschaften, an­

hand derer wir andere Menschen beurteilen.

Das Ergebnis, das unsere Autorinnen Andrea

Abele­Brehm und Susanne Bruckmeier ab S. 30

vorstellen, sind die beiden Dimensionen »Agen­

cy« (in etwa: Zielstrebigkeit) und »Communion«

(Warmherzigkeit). Ihre Extremformen kennen

Christiane Gelitz

Redaktionsleiterin

gelitz@spektrum.de

wir aus Film und Fernsehen: Dort charakterisie­

ren sie die Rolle des Superhelden und die des

Heiligen.

Ihnen gegenüber stehen die Antihelden – und

ihre Waffen heißen Narzissmus, Machiavellis­

mus und Psychopathie (Artikel ab S. 36). Diese

drei Eigenschaften sollen die dunkle Seite un­

seres Charakters beschreiben. Zuletzt fügten

Psychologen als viertes Merkmal den Sadismus

hinzu und verwandelten so die »Dunkle Triade«

in eine »Tetrade«. Wer da noch durchblicken will,

findet in unserem Titelthema Orientierung.

E in Gegengewicht zu so viel Psychologie bil­

den zwei lange vernachlässigte Gegenstände

der Hirnforschung: das Claustrum (ab S. 48) und

die Blutgefäße (ab S. 58). Was wir auf Hirnscans

sehen, sind die Vorgänge in den Blutbahnen,

nicht die neuronalen Prozesse selbst. Und das

wenig beachtete Claustrum könnte sich laut

manchen Forschern sogar als Schlüssel zum Be­

wusstsein entpuppen.

Spannende Entdeckungen wünscht

Ihre

wusstsein entpuppen. Spannende Entdeckungen wünscht Ihre Unter den Wissenschaftlern dieser Ausgabe: Ab S. 20 erklärt

Unter den Wissenschaftlern dieser Ausgabe:

wünscht Ihre Unter den Wissenschaftlern dieser Ausgabe: Ab S. 20 erklärt die Psychologin thalma lobel von

Ab S. 20 erklärt die Psychologin thalma lobel von der Universität in Tel Aviv, wie Wärme unser Urteil über andere auf erstaunlich einfache Weise beeinflusst.

über andere auf erstaunlich einfache Weise beeinflusst. Der Hirnforscher david Poeppel ist neuer Direktor am

Der Hirnforscher david Poeppel ist neuer Direktor am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main. Er sucht nach den Baustei- nen unseres Schönheits- empfindens (S. 26).

den Baustei- nen unseres Schönheits- empfindens (S. 26). Die Biomedizinerin Elizabeth Hillman von der Columbia

Die Biomedizinerin Elizabeth Hillman von der Columbia University in New York erforscht die Rolle der Blutgefäße im Gehirn (S. 58).

fotolia / Sal Burciaga

iStock / iNok

fotolia / Vladimir NikuliN

inhalt

20
20

machtvoller sinn

Etwas Warmes in der Hand zu halten, hat verblüffende Folgen für unseren Um- gang mit anderen Menschen.

psychologie

58
58

rätselhafte Blutgefäße

Wie schaffen es die verästelten Äderchen im Gehirn, das Blut blitzschnell dort- hin zu bringen, wo es gebraucht wird?

hirnforschung

74

74

sensible ernährung

Warum berichten immer mehr Menschen von Nahrungsmittelunverträglichkeiten? Der Nocebo-Effekt könnte schuld sein.

medizin

 

HINTER DEN SCHLAGZEILEN

48

Dirigent

˘

66

High auf Rezept

˘

16

»G8 muss nicht

des Bewusstseins

Cannabis wirkt nachweislich

 

schlechter sein«

Das Claustrum, ein lange vernach-

schmerzlindernd, krampflösend

Ein Gespräch mit dem Bildungs-

lässigter Knotenpunkt in der Tiefe

und appetitanregend. Dennoch

forscher Klaus Hurrelmann über

des Gehirns, könnte eine ent-

erhalten es nur wenige Schwer-

Chancen und Risiken des Turbo-

scheidende Rolle im Orchester

kranke in Deutschland auf legalem

Abiturs.

der Neurone spielen.

Weg. Das soll sich ändern.

 

20

Warm ums Herz

˘

54 Eine Welt ohne freien

 

74

Die Angst vor dem Teller

 

Experimente von Psychologen

Willen?

 

Immer mehr Menschen glauben,

zeigen, dass Wärme unser Urteil

Hirnforscher nähren Zweifel an der

sie vertrügen Gluten, Laktose

über andere Menschen positiv

menschlichen Willensfreiheit. Doch

und andere Nahrungsbestandteile

beeinflusst – und sogar Einsamkeit

wie verhält sich eine Gesellschaft,

nicht. Mediziner stellen keinen

vertreiben kann.

die die Idee von Schuld und Verant-

Anstieg der Intoleranzen fest. Was

 

wortung ad acta gelegt hat? Psy-

steckt hinter den subjektiven

 

INTERvIEw

chologen gingen dieser Frage in

Beschwerden?

 

26

»Ich bin ein experimenteller Bastler«

Laborexperimenten nach.

 

David Poeppel, neuer Direktor am

˘

58

Verlangen nach Blut

Max-Planck-Institut für empirische

Ästhetik, erforscht unseren Sinn

fürs Schöne.

Um Nervenzellen optimal mit

Energie zu versorgen, müssen sich

die Blutgefäße im Kopf schnell

weiten und verengen. Das erfordert

eine fein austarierte Steuerung.

und verengen. Das erfordert eine fein austarierte Steuerung. gehirn und geist – das Magazin für Psychologie

gehirn und geist – das Magazin für Psychologie und Hirnforschung aus dem Verlag Spektrum der Wissenschaft

˘ Das sind unsere Coverthemen.

fotolia / SyNke dieterich

Wie psychologen die neu vermessen
Wie
psychologen die
neu vermessen

titelthema

30

Das A und C der Persönlichkeit

Zielstrebigkeit und Warmherzigkeit –

mehr Maßstäbe brauchen wir nicht,

um uns selbst und andere im Alltag

einzuordnen, erklären Psychologen.

Warum richten wir unser Augen-

merk gerade auf diese beiden Grund-

konstanten?

36

Die Dunkle Triade

Drei Persönlichkeitseigenschaften

stehen für das sprichwörtliche Böse:

Narzissmus, Machiavellismus und

Psychopathie. Forscher begaben sich

auf die Spur der drei Charaktermerk-

male und stießen auf viele unlieb-

same Verhaltensweisen – im Berufs-

alltag wie auch in Partnerschaften.

ruBriken

3

Editorial

15

6

Leserbriefe

8

Geistesblitze

u. a. mit diesen Themen:

>

Im Alter schwächelt die

44

Blut-Hirn-Schranke

>

Schlaf fördert das Lernen schon

46

im Babyalter

>

Stress hemmt das

72

Mitgefühl

9

Blickfang

Neurone auf Abwegen

10

Impressum

Hirschhausens

Hirnschmalz

Was macht Wissen

machtlos?

Die GuG-Infografik

Neurotransmitter

Profil

Mit Florian Holsboer

Gute Frage!

Können sich Menschen mit Tin-

nitus schlechter konzentrieren und

Dinge merken?

mit Tin- nitus schlechter konzentrieren und Dinge merken? 82 Bücher und mehr u. a. Nicola Steffen:

82

Bücher und mehr

u. a. Nicola Steffen: Porn Chic;

Rolf Göppel: Gehirn, Psyche,

Bildung; Thorsten Havener: Ohne

Worte

86

Kopfnuss

88

Tipps und Termine

90 Vorschau

Oliver Weiss

Leserbriefe

Zuletzt

erschienen:

Oliver Weiss Leserbriefe Zuletzt erschienen: GuG Nr. 3/2015 GuG Nr. 2/2015 GuG Nr. 1/2015 Nachbestellungen unter:

GuG Nr. 3/2015

Oliver Weiss Leserbriefe Zuletzt erschienen: GuG Nr. 3/2015 GuG Nr. 2/2015 GuG Nr. 1/2015 Nachbestellungen unter:

GuG Nr. 2/2015

Zuletzt erschienen: GuG Nr. 3/2015 GuG Nr. 2/2015 GuG Nr. 1/2015 Nachbestellungen unter: www.gehirn-und-geist.

GuG Nr. 1/2015

Nachbestellungen unter:

www.gehirn-und-geist. de/archiv oder telefonisch:

06221 9126-743

de/archiv oder telefonisch: 06221 9126-743 Nervennahrung Die Sprachwissenschaftlerin Mascha Elbers

Nervennahrung

Die Sprachwissenschaftlerin Mascha Elbers

erklärte, wie sich mit der richtigen Ernährung

die Neurogenese ankurbeln lässt (»Nahrung

für neue Nervenzellen«, Heft 2/2015, S. 58).

Thorsten Beyer, Duisburg: Endlich mal ein

Artikel, der nicht so reißerisch und populistisch

daherkommt wie leider so viele Artikel zum

Thema Ernährung (Stichwort »Superfood«,

»Schlemm dich schlau« etc.). Schön, stattdessen

mal eine ausgewogene und informative Darstel-

lung zu lesen, welche die Komplexität des For-

schungsfelds nicht auf ein paar Phrasen redu-

ziert. Interessant wäre jetzt, ob die gleichen Me-

chanismen auch die Neurogenese in anderen

Hirnbereichen wie etwa im Striatum befeuern.

Gewerbsmäßige Sterbehilfe

In seiner Rezension zum Buch »Letzte Hilfe« von

Uwe-Christian Arnold schrieb unser Autor Edgar

Dahl, dass Bundesgesundheitsminister Her-

mann Gröhe jede Form von Suizidhilfe verbieten

wolle (»Selbst entscheiden, wann Schluss ist«,

Heft 2/2015, S. 83).

Dazu schrieb uns das Bundesgesundheitsmi-

nisterium: Hermann Gröhe spricht sich aus-

Wohl bekomm’s

Fisch, Obst und Gemüse, Curry, ein wenig Schokolade sowie ab und zu ein Gläschen Wein tun den grauen Zellen gut.

schließlich für ein Verbot der gewerbsmäßigen

und organisierten Sterbehilfe aus. Herr Gröhe

begrüßt ausdrücklich das ärztliche Standes-

recht, wie es in den 2011 aktualisierten Grund-

sätzen der Bundesärztekammer zur ärztlichen

Sterbebegleitung zum Ausdruck kommt. Er tritt

zudem für einen Ausbau der Palliativmedizin

und der Hospizversorgung ein.

Wie Menschen ticken

Im Interview mit »Gehirn und Geist« erklärten

die Sozialpsychologen Oliver Lauenstein und

Gerhard Reese, wovon es abhängt, ob wir uns als

Europäer fühlen. Im gleichen Heft beschrieb

die Psychologin und Wissenschaftsjournalistin

Miriam Berger, was Prada, Porsche und Rolex

für Konsumenten so anziehend macht

(»Psychologie allein wird Europa nicht retten«,

Heft 3/2015, S. 14 und »Die Macht der Marken«,

S. 34).

Peer Hosenthien, Magdeburg: »Gehirn und

Geist« ist deutlich besser geworden. Statt patho-

logischer Themenstellungen steht die Alltags-

psychologie im Mittelpunkt. Die Frage, wie un-

sere Mitmenschen »ticken«, interessiert doch je-

den. Zum Beispiel das Europathema von Oliver

Lauenstein und Gerhard Reese. Die politischen

Parolen der Pegida-Demonstranten kennen in-

zwischen alle. Zeichnet die Demonstranten eine

bestimmte psychologische Konstitution aus?

Eine soziale Schicht oder Altersgruppe kann ich

unter ihnen nicht ausmachen.

Ein anderes Thema, an dem ich feststelle, dass

viele Menschen deutlich anders »ticken« als ich,

ist die »Macht der Marken«. Werbung hat fast im-

mer einen negativen Einfluss auf mein Kaufver-

halten, und zwar aus Gründen, die im Beitrag

nicht vorkommen. Mich spricht ein Produkt an,

das meine Individualität bestärkt oder hervor-

hebt. Wenn aber ein Produkt oder eine Marke

beworben wird, also meist Millionen von Men-

schen angeboten wird, geht diese Individualität

verloren, und das Produkt erscheint mir weniger

wertvoll als ohne Werbung. Noch übler wird es,

wenn ich eine Werbung als Bauernfängerei an-

sehe. Wenn der Nutzer des Produkts auf Wolke

sieben durch den Werbeclip schwebt, fühle ich

mich beim Kauf als Depp. Zwar spare ich so viel

Geld, aber als Konsument fühle ich mich durch

die Werbung wie ein Veganer im Metzgerladen,

der sich vor Fleischprodukten ekelt.

Ursache und Wirkung

Könnte ein langsamer Puls gewalttätiges Verhal-

ten begünstigen? Dieser Frage geht der Krimi-

nologe Adrian Raine in seinem Buch »Als Mörder

geboren« nach, aus dem wir einen Auszug

druckten (»Kaltherzig«, Heft 3/2015, S. 60).

Gerd Bangert, Hamburg: Die Unterscheidung

zwischen Herzfrequenz und Puls auf S. 62 kann

ich als Internist nicht nachvollziehen. Die dem

Puls zugeschriebenen zusätzlichen Eigenschaf-

ten gehören genauso zur Herzfrequenz. Puls-

frequenz und Herzfrequenz können sich aller-

dings unterscheiden, wenn bei bestimmten

Herzrhythmusstörungen einzelne Herzschläge

nicht zu einem tastbaren Puls führen, was sich

dann im so genannten Pulsdefizit bemerkbar

macht. Beim Puls kann man zusätzliche Eigen-

schaften wie Härte und Geschwindigkeit ausma-

chen, die zum Beispiel in der Pulsdiagnostik der

chinesischen oder der tibetischen Medizin beur-

teilt werden.

Briefe an die Redaktion

… sind willkommen! Schreiben Sie bitte mit Ihrer vollständigen Adresse an:

Gehirn und Geist Hanna Sigmann Postfach 10 48 40 69038 Heidelberg E-Mail: gehirn-und- geist@spektrum.de Fax: 06221 9126-779

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dreamstime / savo illic

geistesblitze

Autoren dieser Rubrik: Jan Dönges, Melanie Nees und Daniela Zeibig

Altern

Schwindender Schutz

Mit den Jahren wird die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger.

D ie so genannte Blut-Hirn-Schranke soll schädliche Sub-

stanzen aus dem Blutkreislauf vom Gehirn fernhalten. Das

klappt im Alter offenbar schlechter, berichten Forscher um

Berislav Zlokovic von der University of Southern California in

Los Angeles.

Die Wissenschaftler untersuchten die Gehirne von 64 Pro-

banden verschiedenen Alters im Magnetresonanztomografen.

Dabei stellten sie fest, dass die Schutzfunktion vor allem im

Hippocampus immer schwächer ausfiel, je älter die Versuchs-

teilnehmer waren. Der Hippocampus spielt eine Schlüsselrolle

bei Lern- und Gedächtnisprozessen – weshalb die Blut-Hirn-

Schranke in dieser Region normalerweise besonders zuverlässig

gegen Giftstoffe oder Krankheitserreger abschirmt. Am meis-

ten schwächelte die Blut-Hirn-Schranke bei Probanden, die

bereits an einer milden Demenz litten. Bei ihnen wiesen die

Forscher auch in der Hirnflüssigkeit höhere Werte bestimmter

Proteine nach, die sonst nur im Blut vorkommen. Das deutete

ebenfalls auf eine undichte Barriere zwischen Blutkreislauf und

Zentralnervensystem hin.

Laut Zlokovic und seinen Kollegen könnte die Blut-Hirn-

Schranke in Zukunft zu einem neuen Ansatzpunkt für die Alz-

heimertherapie werden. Die Forscher vermuten eine Wechsel-

wirkung zwischen dem geistigen Verfall und schädlichen Sub-

stanzen, die im Alter verstärkt ins Hirngewebe eindringen. Ge-

länge es, die Gifte besser fernzuhalten, würde das möglicher-

weise das Fortschreiten von neurodegenerativen Erkrankungen

verlangsamen.

Neuron 85, S. 296 – 302, 2015

empAthie

Eiskalt im Stress

Anspannung verringert das Mitgefühl.

M it fremden Menschen fühlt man

meist nicht so stark mit wie mit

Freunden. Ein Grund dafür ist womöglich

eine Stressreaktion, die die Begegnung

mit Fremden in uns auslöst. Das berichten

Psychologen um Loren Martin von der

McGill University in Montreal (Kanada).

Die Wissenschaftler baten Studenten,

zunächst allein und anschließend zeit-

gleich mit einem Freund oder mit einem

Fremden ihre Hand in einen Bottich voll

Eiswasser zu tauchen. Danach sollten die

Probanden die Stärke des empfundenen

Schmerzes einschätzen.

Es zeigte sich, dass die Versuchsper-

sonen von stärkerer Pein berichten, wenn

ein Freund den Test gleichzeitig mit

ihnen durchstand – sie spürten die

Test gleichzeitig mit ihnen durchstand – sie spürten die Schmerzen des anderen also offenbar zusätzlich zu

Schmerzen des anderen also offenbar

zusätzlich zu den eigenen, so die For-

scher. Kannten sich die Probanden noch

nicht, blieb diese Reaktion dagegen aus.

Martin und ihre Kollegen vermuteten,

dass das Zusammentreffen mit Fremden

grundsätzlich eine gewisse Anspannung

auslöst. Daher verabreichten sie einem

Teil ihrer Versuchspersonen ein Mittel,

das die Wirkung des Stresshormons

Cortisol hemmt. Nun berichteten die

Eistester auch dann von stärkeren

Schmerzen, wenn der Leidensgenosse ein

Unbekannter war. Mit dem Fremden

zusammen eine Viertelstunde lang das

Videospiel »Rock Band« zu spielen,

erwies sich übrigens als ebenso wirkungs-

voll wie das Antistressmittel.

Curr. Biol. 25, S. 1 – 7, 2015

Ohne Rücksicht

Stress macht unempfänglich für die Nöte unserer Mitmenschen.

mPi für Neurobiologie / gatto

blickfang

mPi für Neurobiologie / gatto blickfang neurone auf abwegen  4_2015 4_2015  Nicht nur Menschen

neurone auf abwegen

4_2015

4_2015

Nicht nur Menschen verlaufen sich manchmal, sondern auch sich entwickelnde Nervenzellen. Diese fluoreszenzmikroskopische Aufnahme zeigt Neurone aus dem Rückenmark eines Mäuseembryos. Durch die Injektion eines Farb- stoffs in Kombination mit Antikörpern nehmen die verschiedenen Zelltypen unterschiedliche Färbungen an – pink erscheinen hier etwa jene, die sich »verirrt« haben. Die Neurone sind nämlich gerade dabei, Fortsätze zu bestimm- ten Muskeln zu bilden; so können sie später Bewegungen feinjustieren. Die sprießenden Axone der Nervenzellen müssen dazu oft lange Strecken überbrücken. Auf diesem Weg wer-

den sie von Membranproteinen, den Ephrin-Len- kungsmolekülen, sowie entsprechenden Rezep- toren anderer Zellen navigiert. Ob diese Schilder für die Neurone sichtbar sind oder nicht, hängt von so genannten Proteasen ab, wie Wissen- schaftler des Max-Planck-Instituts für Neurobio- logie in Martinsried herausfanden. Diese neuen Erkenntnisse könnten dabei helfen, den Verlauf der bislang tödlichen Nervenkrankheit Amyo- trophe Lateralsklerose (ALS) zu beeinflussen. Bei ALS stellen solche verdeckten Schilder ein zentrales Problem dar.

Curr. Biol. 10.1016/j.cub.2014.08.028, 2014

www.neuro.mpg.de/3161040/news_publication_8709322?c=274

9 9

dreamstime / corePics vof

innere Uhr

Persönliche Bestzeit

Chronotypen beeinflussen die sportliche Leistungsfähigkeit.

Z u welcher Tageszeit Sportler besonders gut drauf sind,

hängt auch davon ab, ob sie eher Frühaufsteher oder Lang-

schläfer sind. Das berichten Roland Brandstaetter und Elise

Facer-Childs von der University of Birmingham. Bisher galt die

Leistungsfähigkeit von Athleten in den Abendstunden generell

als am höchsten. Brandstaetters und Facer-Childs’ Untersu-

chung mit mehr als 120 Athleten zieht dies nun in Zweifel.

Die Forscher analysierten zunächst das natürliche Schlafver-

halten ihrer Probanden und ordneten sie anschließend verschie-

denen Chronotypen zu: ausgeprägten »Lerchen«, die allmor-

denen Chronotypen zu: ausgeprägten »Lerchen«, die allmor- gendlich früh auf den Beinen sind, »Eulen«, die lieber

gendlich früh auf den Beinen sind, »Eulen«, die lieber spät ins

Bett gehen und lange schlafen, und all denen, die irgendwo da-

zwischen rangieren. Dann absolvierten 20 Teilnehmer aus den

drei Gruppen, die alle begeisterte Feldhockeyspieler waren, je

sechsmal einen Fitnesstest – immer zu einer anderen Tageszeit.

Die Leistungen der Sportler schwankten im Tagesverlauf um

bis zu 26 Prozent. Dabei bestand ein klarer Zusammenhang

zwischen den Ergebnissen des Fitnesstests und der natürlichen

Aufstehzeit der Versuchspersonen, also jener Uhrzeit, zu der sie

auch ohne Wecker aufgewacht wären. Frühaufsteher zeigten

ihre Leistungsspitzen am frühen Nachmittag, während Lang-

schläfer erst zu später Stunde richtig auf Touren kamen. Facer-

Childs glaubt, dass diese Erkenntnis nicht nur für Profisportler

und Trainer interessant sein könnte: »Jeder von uns will per-

sönliche Bestleistungen erbringen.« Dafür könnte es sich

lohnen, das Augenmerk von der Uhr an der Wand auf den

inneren Taktgeber zu lenken.

Curr. Biol. 10.1016/j.cub.2014.12.036, 2015

Jeder zu seiner zeit

Am frühen Nachmittag bringen Frühaufsteher im Sport Topleis- tungen. Athleten, die gerne lange schlafen, kommen dagegen erst am Abend auf Touren.

impRessum

Chefredakteur: Prof. dr. phil. dipl.-Phys. carsten Könneker m. a. (verantwortlich) Artdirector: Karsten Kramarczik Redaktionsleitung: dipl.-Psych. christiane gelitz Redaktion: dipl.-Psych. steve ayan (textchef), dr. Katja gaschler (Koordination sonderhefte), dr. anna von Hopffgarten, dr. andreas Jahn, dr. frank schubert Freie Mitarbeit: dipl.-Psych. liesa Klotzbücher, dipl.-Phys. ulrich Pontes, b. a. Wiss.-Journ. daniela Zeibig Schlussredaktion: christina meyberg (ltg.), sigrid spies, Katharina Werle Bildredaktion: alice Krüßmann (ltg.), anke lingg, gabriela rabe Layout: Karsten Kramarczik, sibylle franz, oliver gabriel, anke Heinzelmann, claus schäfer, Natalie schäfer Assistentin des Chefredakteurs: ann-Kristin ebert Redaktionsassistenz: Hanna sigmann Redaktionsanschrift: Postfach 10 48 40, 69038 Heidelberg tel.: 06221 9126-712, fax: 06221 9126-779 e-mail: gehirn-und-geist@spektrum.de Wissenschaftlicher Beirat:

Prof. dr. manfred cierpka, institut für Psychosomatische Koopera- tionsforschung und familientherapie, universität Heidelberg; Prof. dr. angela d. friederici, max-Planck-institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, leipzig; Prof. dr. Jürgen margraf, arbeitseinheit für klinische Psychologie und Psychotherapie, ruhr-universität bochum; Prof. dr. michael Pauen, institut für Philosophie der Humboldt-universität zu berlin; Prof. dr. frank rösler, institut für Psychologie, universität Hamburg; Prof. dr. gerhard roth, institut für Hirnforschung, universität bremen; Prof. dr. Henning scheich, leibniz-institut für Neurobiologie, magdeburg; Prof. dr. Wolf singer, max-Planck-institut für Hirnforschung, frankfurt/main; Prof. dr. elsbeth stern, institut für lehr- und lernforschung, etH Zürich Übersetzung: lia oberhauser, rabea rentschler, Hanna sigmann Herstellung: Natalie schäfer

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Marketing: annette baumbusch (ltg.), tel.: 06221 9126-741, e-mail: service@spektrum.de Einzelverkauf: anke Walter (ltg.), tel.: 06221 9126-744 Verlag: spektrum der Wissenschaft verlagsgesellschaft mbH, Postfach 10 48 40, 69038 Heidelberg, Hausanschrift:

slevogtstraße 3–5, 69126 Heidelberg, tel.: 06221 9126-600, fax: 06221 9126-751, amtsgericht mannheim, Hrb 338114 Geschäftsleitung: markus bossle, thomas bleck

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Bildnachweise: Wir haben uns bemüht, sämtliche rechteinhaber von abbildungen zu ermitteln. sollte dem verlag gegenüber dennoch der Nachweis der rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.

issN 1618-8519

Gehirn und Geist

Gehirn und Geist

dreamstime / craZy80frog

KindesentwicKlUnG

Quer gedacht

Ein Faible fürs Puzzeln zeugt von guter Raumvorstellung.

K inder, die viel puzzeln, mit Bauklötzen spielen oder sich

mit Brettspielen die Zeit vertreiben, haben auch beim

räumlichen Denken die Nase vorne. Das ergab eine Studie von

Jamie Jirout vom Rhodes College und Nora Newcombe von

der Temple University (USA). Die Forscher analysierten Daten

von mehr als 800 Kindern zwischen vier und sieben Jahren,

die einen Test zur Raumvorstellung absolviert hatten. Dabei

galt es, verschiedene zweidimensionale Gebilde mit farbigen

Würfeln nachzubilden. Die Leistungen der Kleinen glichen

Jirout und Newcombe dann mit den Angaben der Eltern über

das Spielverhalten ihrer Sprösslinge ab.

Demnach schnitten Kinder, die sich mehr als sechsmal pro

Woche mit Puzzles, Bauklötzen oder klassischen Brettspielen

beschäftigten, in dem Test deutlich besser ab. Beim Malen,

Radfahren oder bei Knobelspielen mit den Eltern zeigte sich

kein Zusammenhang mit dem räumlichen Vorstellungsvermö-

gen. Dagegen hatten die allgemeine Intelligenz, der sozioöko-

nomische Status und das Geschlecht durchaus einen Einfluss:

Jungen verfügten im Schnitt über etwas bessere räumliche

Fähigkeiten als Mädchen. Sie begeisterten sich aber auch mehr

fürs Puzzeln oder Klötzchenstapeln.

Psychol. Sci. 10.1177/0956797614563338, 2015

klappt spielend

Regelmäßiges Puzzeln ist ein Hinweis auf gute räumliche Intelligenz.

cHarles ZuKer lab, columbia uNiversity

Feuchte

Zunge

Sprachen, bei denen Wörter je nach Intona­ tion Unterschiedliches bedeuten, haben sich vor allem in Regionen mit hoher Luftfeuchtig­ keit entwickelt. Diese Umweltbedingung förderte vermutlich die korrekte Aussprache, glauben US­Forscher.

Proc. Natl. Acad. Sci. USA 112, S. 1322 – 1327, 2015

Kranker Duft

Mäuse können kranke Artgenossen am Körper­ geruch erkennen. Dazu nutzen sie dieselben Schaltkreise im Gehirn wie bei der Partnerwahl oder Reviermarkierung.

Curr. Biol. 25, S. 1 – 5, 2015

Extreme

Neigung

Laut niederländischen Psychologen neigen Menschen mit extremen politischen Ansichten eher zu Verschwörungs­ theorien. Die Betref­ fenden sind zum Beispiel stärker als gemäßigte Wähler davon überzeugt, Ölfirmen hätten den letzten Irakkrieg ange­ zettelt.

Soc. Psychol. Person. Sci. 10.1177/1948550614567356, 2015

Durstzentrale im mäusehirn CAMKII-Neurone (rot) und VGAT-Zellen (grün) schalten das Verlangen nach Wasser ein
Durstzentrale
im mäusehirn
CAMKII-Neurone (rot) und
VGAT-Zellen (grün) schalten
das Verlangen nach Wasser
ein beziehungsweise aus.

neUrowissenschAft

Wasser!

Zwei Gruppen von Nervenzellen tief im Gehirn steuern den Durst.

F orscher von der Columbia

University in New York

sind im Gehirn von Mäusen

auf zwei spezielle Populati-

onen von Nervenzellen gesto-

ßen, die das Verlangen nach

Wasser wecken und stillen

können. Auf der Suche nach

dem Sitz des Durstempfin-

dens richten die Wissenschaft-

ler ihr Augenmerk schon seit

geraumer Zeit auf das so

genannte Subfornikalorgan

im Hypothalamus. Mit Hilfe

der Optogenetik schleuste das

Team um Yuki Oka bei seinen

Versuchstieren lichtgesteu-

erte Moleküle in die Nerven-

zellen jener Region ein, so

dass sie einzelne Neurone

gezielt ein- und ausschalten

konnten.

Aktivierten sie eine be-

stimmte Gruppe erregender

Nervenzellen im Subfornikal-

organ, die so genannten

CAMKII-Neurone, begannen

die Mäuse im Versuch augen-

blicklich aus Wasserschalen zu

trinken. Dieses Verhalten

zeigte sich sowohl bei dehy-

drierten Nagern als auch bei

solchen, die genug zu trinken

bekommen hatten und gar

nicht durstig sein konnten.

Erhielten die Wissenschaftler

das Durstsignal aufrecht,

nahmen die Mäuse erstaun-

liche Mengen an Flüssigkeit

zu sich – bis zu acht Prozent

ihres Körpergewichts inner-

halb von 15 Minuten. Nach

anderem als Wasser gelüstete

es sie dagegen nicht: Das

Verlangen nach Futter, Zucker

oder Honig spornten die

CAMKII-Neurone nicht an.

Das entgegengesetzte

Phänomen zeigte sich, als die

Wissenschaftler eine benach-

barte Nervenzellpopulation,

die VGAT-Neurone, stimu-

lierten. Nun ließen die Ver-

suchstiere das Wasser links lie-

gen – selbst, wenn sie tagelang

nicht mehr getrunken hatten.

Nature 10.1038/nature14108, 2015

uNiversity of sHeffield

Gedächtnis

Lehrreiches Nickerchen

Schon eine halbe Stunde Schlaf genügt kleinen Kindern, um besser zu lernen.

B ei Kleinkindern sorgt ein Schläfchen nach dem Lernen

dafür, dass Inhalte besser im Gedächtnis haften bleiben.

Das ergab eine Studie von Forscherinnen um Sabine Seehagen

von der Universität Bochum.

Insgesamt 216 Säuglingen im Alter von sechs und zwölf Mo-

naten führten sie mit einer Handpuppe bestimmte Handlungen

vor – entweder bevor oder nachdem die Kinder gerade geschla-

fen hatten. Später schauten sie nach, welche der Handlungen die

Kinder nachahmten, als sie die Handpuppe erneut sahen.

Kinder, die innerhalb von vier Stunden nach Demonstration

der Handlungen mindestens eine halbe Stunde am Stück

geschlafen hatten, imitierten deutlich mehr Handlungen als

Altersgenossen, die das Puppenspiel zum ersten Mal sahen.

Anders sah es bei Kindern aus, die nicht mindestens eine halbe

Stunde gedöst hatten. Sie waren allem Anschein nach unbeein-

druckt davon, was die Forscherin mit der Handpuppe vorge-

druckt davon, was die Forscherin mit der Handpuppe vorge- nachmachen erlaubt Forscherin Jane Herbert spielt ihren

nachmachen erlaubt

Forscherin Jane Herbert spielt ihren kleinen Probanden mit einer Handpuppe verschiedene Handlungen vor.

macht hatte. Für die Psychologin Jane Herbert, die an der Studie

beteiligt war, legen die Ergebnisse nahe, »dass die beste Zeit für

Kleinkinder, um neue Informationen zu lernen, kurz vor dem

Schlafengehen ist«.

Proc. Natl. Acad. Sci. USA 10.1073/pnas.1414000112, 2015

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istocK / yvidal

forensiK

Immun gegen Strafe

Das Gehirn von Psychopathen reagiert schwächer auf Sanktionen.

P sychopathen sind furchtlos, impulsiv,

gefühlskalt und manipulativ (siehe

auch Artikel ab S. 36 in diesem Heft).

Warum selbst harte Strafen die Betrof-

fenen vergleichsweise kaltlassen, hat nun

ein Team um Sheilagh Hodgins von der

University of Montreal und Nigel Black-

wood vom King’s College London er-

forscht: Offenbar arbeitet bei straffäl-

ligen Psychopathen jener Teil des Ge-

hirns, der uns aus den Folgen unserer

Taten lernen lässt, nicht richtig.

Die Forscher rekrutierten für ihre

Studie insgesamt 50 Männer. 32 standen

unter Bewährungshilfe und hatten in der

Vergangenheit für Delikte wie Mord,

Vergewaltigung oder schwere Körperver-

letzung im Gefängnis gesessen. Zudem

war bei ihnen eine antisoziale Persönlich-

keitsstörung diagnostiziert worden, bei

zwölf davon zusätzlich eine Psychopa-

thie. Die übrigen Teilnehmer hatten

weder eine Straftat begangen noch litten

sie an einer psychischen Störung.

Im Hirnscanner sollten die Probanden

aus je zwei auf einem Bildschirm präsen-

tierten Bildern eines auswählen. Wählten

sie das »richtige«, bekamen sie Punkte

dafür gutgeschrieben, beim falschen

wurden ihnen welche abgezogen. Alle

Probanden erkannten relativ schnell das

zu Grunde liegende Schema und wählten

die Variante, die ihnen die Punkte ein-

brachte. Im Lauf des Versuchs änderten

die Forscher das System allerdings – die

Teilnehmer wurden nun für Entschei-

dungen, die zuvor richtig waren, bestraft

und mussten ihre Strategie anpassen.

Obwohl alle im Schnitt ähnlich gute

Werte erzielten, reagierten die Psycho-

pathen anders auf die plötzliche Bestra-

die Psycho- pathen anders auf die plötzliche Bestra- unbelehrbar? Aus Strafen werden Psychopathen oft nicht klug.

unbelehrbar?

Aus Strafen werden Psychopathen oft nicht klug. Schuld daran könnte ein Lernvorgang im Gehirn sein, der bei ihnen nicht richtig funktioniert.

fung: Bei ihnen waren Teile des zingu-

lären Kortex und der Inselrinde überak-

tiv. Die beiden Areale sind an der

Verarbeitung von Belohnungssignalen

beteiligt und drosseln üblicherweise ihre

Erregung, wenn auf eine Handlung

plötzlich Strafe folgt, damit eine Verhal-

tensänderung einsetzen kann. Bei den

Psychopathen funktioniert dieses Um-

schalten im Gehirn dagegen nicht – es

belohnt ebenso wie richtiges auch fal-

sches Verhalten weiterhin. Das könnte

ein Grund sein, warum die Betroffenen

sich zwar kurzfristig anpassen können,

langfristig aber nicht in der Lage sind, aus

schlechten Entscheidungen zu lernen,

vermuten die Autoren. Unter den Straftä-

tern, die lediglich an einer antisozialen

Persönlichkeitsstörung litten, sowie in

der Kontrollgruppe war das Phänomen

nicht zu beobachten.

Lancet Psychiatry 2, S.153 – 160, 2015

HirscHHausens HirnscHmalz

HirscHHausens HirnscHmalz Dr. med. Eckart von Hirschhausen ist Autor, Moderator und derzeit mit seinem Programm

Dr. med. Eckart von Hirschhausen ist Autor, Moderator und derzeit mit seinem Programm »Wunderheiler« auf Tour. Er ist geimpft und könnte das auch beweisen, wenn er nur wüsste, wo der Impfausweis

Was macht Wissen machtlos?

»U nglaublich – vor drei Wochen habe ich

mein Kind geimpft, und jetzt spricht es!«

Warum hört man so was nie? Impfen ist immer

fürs Nichtsprechen verantwortlich, und überstan­

dene Infekte für Entwicklungsschübe. Die Folgen

dieses verqueren Denkens sind gerade in Berlin

und den USA zu beobachten: Einzelne Maserner­

krankte können viele andere anstecken, weil der

Impfschutz fehlt. »Herdenimmunität« klingt ja

auch so unsexy, dabei geht es um Solidarität und

solide Information. Und um einen kleinen Stich.

Online warnt die Netzcommunity, sobald ir­

gendwo eine Lücke klafft, und alle aktualisieren

ihren Virenschutz. Wenn offline aber die Impf­

lücke immer größer wird und Kinder ohne Not

an Masern erkranken, einige bleibende Schäden

davontragen oder sogar sterben, passiert etwas

Verrücktes: Keinen regt das auf. Mich schon.

Weil ich früher in der Kinderneurologie gear­

beitet habe, weiß ich, wie hilflos man sich fühlt,

wenn eine virale Entzündung des Nervensystems

nicht ursächlich zu behandeln ist. Und was für

ein Segen es ist, dass wir vor Polio, Pocken und

Masern, Mumps und Röteln keine Angst mehr

haben müssten.

Nein, mich hat nicht die Pharmalobby ge­

kauft. Stattdessen gibt mir eine Studie zu den­

ken mit dem schönen Titel: »Mythen über die

Grippeimpfung korrigieren – funktioniert das?«

Vier von zehn US­Bürgern glauben, dass man

sich durch die Schutzimpfung eine Grippe ein­

fangen kann. In der Studie wurden 1000 Leute zu

ihren Vorbehalten befragt, dann »beeinflusst«.

Die erste Gruppe wurde darüber aufgeklärt, war­

um eine Schutzimpfung keine Grippe auslösen

kann. Die zweite über Nutzen und Risiken von

Grippe und Impfung. Und die dritte lief zur Kon­

trolle wie üblich nur so mit. Wer war anschlie­

ßend eher bereit, sich impfen zu lassen?

Freunde der Aufklärung können sich freuen:

Der Glaube an die Ansteckungsgefahr durch

Impfung ließ dank der Lektion nach. Das Brisan­

te steckt im Detail. Denn wer vorher skeptisch ge­

genüber Impfungen war, ließ sich zwar davon

überzeugen, dass das falsch war. Doch die Bereit­

schaft, sich impfen zu lassen, wurde dadurch

nicht etwa größer – sondern sank. Frei nach dem

Motto: Jetzt bin ich zwar schlauer, aber impfen

lass ich mich erst recht nicht! Ablehnung durch

Aufklärung? Oder trotz? Trotz trifft es wohl am

besten. Wer gezwungen wird, sich seinen diffu­

sen Ängsten argumentativ zu stellen, ist offen­

bar selten dankbar dafür, sondern anschließend

noch überzeugter von dem, was er vorher schon

für richtig hielt. Das erinnert an politischen

»Meinungsaustausch«, wo jeder mit der Mei­

nung nach Hause geht, mit der er kam.

Unter uns: Der aktuelle Grippeimpfstoff ist

nicht besonders gut. Doch die Masernimpfung

funktioniert und hat laut WHO schon Millionen

Leben gerettet. Aber es muss nur einer Daten fäl­

schen und behaupten, Impfen würde Autismus

verursachen, und noch Jahre nach dem Widerruf

hält das Gerücht Menschen davon ab, ihre Kinder

zu schützen. Verschwörungstheorien laden sich

an der Reibungsenergie auf, den ihre Widerle­

gung erzeugt. Wie ein Gespenst, dem mit jedem

abgeschlagenen Eierkopf drei neue wachsen.

Starrköpfe werden nicht durch Wissen weich. So

wenig wie Eier, die man extra lange kocht.

PSYCHOTEST Zu Risiken und Nebenwirkungen von Packungsbei­ lagen frage ich A) meinen Arzt B) meinen
PSYCHOTEST
Zu Risiken und
Nebenwirkungen
von Packungsbei­
lagen frage ich
A) meinen Arzt
B) meinen Apo­
theker
C) die Packungs­
beilage
D) mich

Quelle

Nyhan, B., Reifler, J.: Does Correcting Myths about the Flu Vaccine Work? An Experimental Evaluation of the Effects of Corrective Information. In: Vaccine 33, S. 459 – 464, 2015

PSYCHOLOGIE

HINTER DEN SCHLAGZEILEN

22.1. 2015 Mittelstufe plus: Schulleiter gegen G9-Alternative (augsburger-

»G8 muss nicht schlechter sein«

Ab 2001 verkürzten nach und nach fast alle Bundesländer die Gymnasial- zeit von neun auf acht Jahre (G8). Aber viele Schüler und Eltern wehrten sich gegen das »Turbo-Abi« – inzwischen bieten immer mehr Schulen wieder neunstufige Züge an. Soll G8 kein Auslaufmodell werden, muss man es anders umsetzen, fordert der Bildungsforscher Klaus Hurrelmann.

Professor Hurrelmann, seit einigen Jahren ru­ dern immer mehr Bundesländer zurück Rich­ tung neunstufiges Gymnasium (G9). Was sind die Gründe dafür? Mit Blick auf den internationalen Wettbewerb wollte man den jungen Leuten in Deutschland durch das G8 die Chance geben, früher mit Studi- um, Ausbildung und schließlich dem ersten Job zu beginnen. Aber gerade als die verkürzte Schul- zeit beschlossene Sache war, wurde dieses Haupt- argument für G8 hinfällig. Die Abschaffung des Wehr- und Zivildienstes und das neue Studien- system mit Bachelor- und Masterabschlüssen be- schleunigten den Berufseintritt bereits. Dagegen fehlten pädagogische Argumente für ein acht- stufiges Gymnasium. Vor allem aber fehlte eine vorangehende breite Diskussion mit den Haupt- beteiligten, den Lehrern, Schülern und Eltern. Deshalb blieb die erhoffte Zustimmung aus, und es formierten sich zahlreiche Gegeninitiativen. Warum stehen so viele Eltern dem G8 ableh­ nend gegenüber? In Deutschland liegt der Anteil der Abiturienten bei 50 Prozent, in unseren Nachbarländern sogar noch um 10 bis 20 Prozent höher. Ohne Abitur hat man heute auf dem Arbeitsmarkt eher

schlechte Chancen. Deshalb coachen viele Eltern ihre Kinder bis zur Hochschulreife regelrecht, und sie verübeln der Politik, dass sie dazu nun ein Jahr weniger Zeit haben. Außerdem befürch- ten sie, ihre Kinder würden zu sehr unter Druck geraten und einen schlechteren Abschluss ma- chen. Ob das die Zahlen auch belegen oder nicht, spielt für sie keine große Rolle. Sie vertrauen ih- rer eigenen Einschätzung. Tatsächlich fielen in den doppelten Abitur­ jahrgängen nicht mehr G8­Schüler durch als G9­Schüler. In den Jahren danach erreichten allerdings deutlich weniger G8ler das Abitur. Wie erklären Sie sich diesen Effekt? Die Umstellung kam für die Schulen von heute auf morgen. Folglich bündelten sie in diesem Ausnahmezustand alle Energien. Aber als die verkürzte Laufzeit zur Normalität wurde, merkte man, dass eben doch ein Jahr fehlt. Es wäre er- staunlich, wenn sich das nicht irgendwo nieder- schlagen würde. Ob diese Tendenz stabil ist, lässt sich jetzt aber noch nicht sagen. Welche Probleme hatte das alte G9 Ihrer Mei­ nung nach? Die 11. Jahrgangsstufe galt als Puffer, durch den Schüler, die aufs Gymnasium wechseln, auf ei-

allgemeine.de) + + + 19.1. 2015 Eltern wollen 13 Jahre Schule zurück (weser-kurier.de) + + + 9.10. 2014 G9-Streit in Hamburg: Initiative gegen Turbo-Abi

9.10. 2014 G9-Streit in Hamburg: Initiative gegen Turbo-Abi Hertie ScHool of Governance; mit frdl. Gen. von

Hertie ScHool of Governance; mit frdl. Gen. von KlauS Hurrelmann

nen Stand mit dem Rest der Klasse gebracht wer-

den sollten. Für gute Schüler ergab das ein halbes

Jahr Leerlauf. Die Politiker dachten, alle seien

sich einig darüber, dass die 11. Klasse sowieso

nicht effizient genutzt würde. Daher rechneten

sie auch nicht mit großen Protesten gegen G8.

Wird denn das 11. Schuljahr an jenen Schulen,

die zu G9 zurückkehrten, inzwischen besser

eingesetzt?

Das glaube ich nicht. Im Nachhinein wurde auch

klar, dass die Schüler von dem Freiraum in der

11. durchaus profitieren. 10 bis 15 Prozent nutzen

die Zeit für einen Auslandsaufenthalt und ma-

chen dabei wichtige Erfahrungen. Viele Schüler

empfinden die Zeit außerdem als Ventil, das den

Druck verringert.

Mareike Kühn von der Universität Duisburg­

Essen fand 2013 heraus, dass die G8ler psy­

chisch nicht stärker belastet sind als die gleich­

altrigen G9ler. Ist das ein Indiz dafür, dass der

gefühlte Stress nicht unbedingt etwas mit G8

oder G9 zu tun hat?

Ja, so schätze ich das auch ein. Der Stress war

bereits vorher da, aber erst das G8 hat eine Pro-

testwelle in Gang gesetzt. Heute wünschen sich

70 Prozent der Eltern, dass ihr Kind Abitur macht,

und setzen es schon in der 4. Klasse entspre-

chend unter Druck. Während des »Grundschul-

abiturs«, wie es oft spöttisch genannt wird,

bekommen die Kinder einen Vorgeschmack da-

rauf, was auf sie zukommt. Spätestens im Gym-

nasium wird ihnen klar: Die Zukunft steht dem

offen, der den besseren Abschluss hat. Diese

Wettbewerbssituation erzeugt eine hohe innere

Anspannung.

Ein großes Thema der G8­Gegner war auch,

dass für Hobbys nicht mehr genug Zeit bleibe.

Die Schüler sind durch den Nachmittagsunter-

richt zwar beschäftigter, verwenden aber laut

Studien genauso viel Zeit für Hobbys wie andere

Gymnasiasten. Doch entscheidend ist wiederum

die eigene Wahrnehmung: Finden die Schüler

selbst, dass sie zu wenig Freizeit haben, dann

handelt es sich um ein wichtiges Argument, das

sie nachdrücklich in die politische Debatte ein-

bringen.

Offenbar mit Erfolg.

Ja. Das Interessante ist, dass sich Eltern und Schü-

ler mit ihrem subjektiven Empfinden so viel

Gehör verschaffen konnten. Das Thema hat bei

den Landtagswahlen im Jahr 2013 breite Schich-

ten irritiert. Nach dem politischen Machtwechsel

Klaus Hurrelmann

wurde 1944 in Gdingen (Polen) geboren. Er stu- dierte Soziologie, Psycho- logie und Pädagogik in Münster, Freiburg und Berkeley (Kalifornien) und habilitierte 1975 an der Universität Bielefeld. Seither widmet er sich als Professor der Bildungs- und Jugendforschung und betreute jahrelang internationale und natio- nale Vergleichsuntersu- chungen wie die World Vision Kinderstudien, in der Mädchen und Jungen zu ihrer Lebenswelt befragt werden. 2003 erhielt er für sein Lebens- werk den Dr. Margrit Egnér-Preis. Seit März 2009 lehrt Hurrelmann an der Hertie School of Governance in Berlin.

Literaturtipp

Hurrelmann, K., Albrecht, E.:

die heimlichen revolutio- näre: Wie die Generation Y unsere Welt verändert. Beltz, Weinheim 2014 Interviews, Studien und Reportagen offenbaren, wie die heute 15- bis 30-Jährigen fühlen und denken.

an Gymnasien gescheitert (spiegel.de) + + + 28.9. 2014 Wir kämpfen für G9 im Saarland (bild.de) + + + 18.8. 2014 G8-Stress gibt es gar nicht

GeHirn und GeiSt / emde-GrafiK
GeHirn und GeiSt / emde-GrafiK

Abitur nach 8 Jahren (G8)G8-Stress gibt es gar nicht GeHirn und GeiSt / emde-GrafiK kehrt ab Schuljahr 2015/16 zu G9

kehrt ab Schuljahr 2015/16 zu G9 zurückGeHirn und GeiSt / emde-GrafiK Abitur nach 8 Jahren (G8) G9 optional an vielen Schulen; in

G9 optional an vielen Schulen; in Bayern gibt es ein Zusatzjahr in der Mittelstufe für ein Viertel der Schülernach 8 Jahren (G8) kehrt ab Schuljahr 2015/16 zu G9 zurück Abitur nach 9 oder 8,5

Abitur nach 9 oder 8,5 Jahren, G8 nur an wenigen GanztagsschulenZusatzjahr in der Mittelstufe für ein Viertel der Schüler Puzzle der Gymnasialzeit Die Entscheidung darü- ber,

Puzzle der

Gymnasialzeit

Die Entscheidung darü- ber, ob das Gymnasium acht oder neun Jahre dauert, ist Ländersache. In Thüringen und Sach- sen galt G8 schon seit Beginn der 1990er Jahre. Ab 2001 stellten sukzes- sive fast alle anderen Bundesländer flächende- ckend auf G8 um, zuletzt Schleswig-Holstein 2008. Die Kehrtwende zu G9 begann 2011. Niedersach- sen führt ab dem Schul- jahr 2015/16 als erstes Land wieder flächen- deckend die neunjährige Gymnasialzeit ein.

Ständige Konferenz der Kultus- minister der Länder in der Bundes- republik Deutschland (KMK) 2015

wird Niedersachsen nun als erstes Bundesland

flächendeckend zu G9 zurückkehren.

Dagegen bleibt Bayern offiziell bei G8, schlech­

te Schüler dürfen neuerdings aber einen Zug

wählen, der ihnen ein Jahr mehr Zeit gibt.

Das ist nur eines von vielen Beispielen, wie jetzt

herumexperimentiert wird. Ich finde das völlig

in Ordnung und sogar notwendig, wenn man

sich erneute fünf Jahre Umstellungszeit zurück

zu G9 sparen möchte. Wichtig ist, dass man sich

dieses Mal in aller Ruhe mit Schülern, Eltern und

Lehrern abstimmt und kein administrativer Al-

leingang stattfindet.

In Rheinland­Pfalz gibt es G8 zwar nur an man­

chen Schulen, es wird dort aber von Schülern

und Eltern akzeptiert. Was hat man hier richtig

gemacht?

Klugerweise gab es die verkürzte Schulzeit in

Rheinland-Pfalz von Anfang an nur an den Gym-

nasien, die ohnehin schon einen Ganztagsbe-

trieb anboten. Diese Schulen waren bereits auf

einen Arbeitsrhythmus aus Anspannungs- und

Entspannungsphasen eingespielt. In anderen

Bundesländern waren dagegen auch andere

Schulen gezwungen, den Unterricht ohne um-

fassendes Konzept in den Nachmittag zu legen.

Das Beispiel Rheinland-Pfalz zeigt: G8 muss

nicht schlechter sein. Es kommt auf die Umset-

zung an.

Was halten Sie von dem Argument, dass durch

das G8 die Schüler nicht mehr so lange von den

Eltern abhängig sind und schneller selbststän­

dig werden?

Pädagogisch gesehen erscheint das vernünftig.

Eltern und Kinder sehen das aber anders. Die

jungen Erwachsenen leben heute sehr lange und

gern in ihrer Familie. Im Schnitt sind das sogar

zwei bis drei Jahre länger im Vergleich zur letzten

Generation vor 30 Jahren. Die Eltern genießen es

ihrerseits, wenn ihre schon studierenden oder

berufstätigen Kinder noch bei ihnen wohnen.

Beide Seiten scheinen davon zu profitieren, und

damit zerschlägt sich die Annahme, dass die

frühe Selbstständigkeit so wertvoll ist. Der deut-

schen Wirtschaft hat das längere Verweilen im

Elternhaus bisher auch nicht geschadet.

2012 sagten Sie: »Das meiste wird sich in drei

Jahren eingespielt haben.« Wie stehen Sie heu­

te zu Ihrer Prognose?

Ich bin nach wie vor der Meinung, dass das Abi-

tur am achtstufigen Gymnasium ein erreich-

bares Ziel darstellt. Das verlangt jedoch eine voll-

ständige Umstellung des Unterrichts. Die Ganz-

tagsschule ist die Voraussetzung für den Erfolg

von G8. Außerdem müssen angeleiteter Unter-

richt und selbstständiges Arbeiten besser kombi-

niert werden. Lehrer sollten dabei eher zu Lern-

trainern werden, statt den Lernprozess zu diktie-

ren. Man kann auch mit einer verkürzten Laufzeit

zum Abitur hervorragende Pädagogik betreiben.

Unter dem Strich würde ich sagen: Das G8 war

eine überhastete Maßnahme. Aber jetzt haben

alle daraus gelernt, und ich sehe mit Neugier, wie

ein neuer Anlauf stattfindet. Vielleicht kriegen

wir noch die Kurve. Ÿ

Das Interview führte Anna Gojowsky, Wissenschafts- journalistin in Osnabrück.

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Aktuelle Beiträge zum Thema »Frauen in der Wissenschaft« Eine Initiative der Robert Bosch Stiftung in Zusammenarbeit
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fotolia / Vladimir NikuliN

psychologie

EmbodimEnt

Warm ums Herz

Balsam für die seele

Eine warme Tasse Kaffee in der Hand hebt die Stimmung.

fotolia / Vladimir NikuliN

Einen kühlen Kopf bewahren, mit jemandem warm werden, jemandem die kalte Schulter zeigen – unsere Sprache kennt viele Metaphern, die einen Zusammenhang zwischen Temperatur und Verhalten nahelegen. Das ist kein Zufall, denn Wärme verändert tatsächlich unser Denken, Fühlen und Handeln.

Von thalma lobEl

V or zehn Jahren beschlossen wir,

unsere kleine Wohnung in Tel

Aviv zu verkaufen. Es war eine

moderne und helle Wohnung in

der Innenstadt, doch wir waren

inzwischen ausgezogen und die Vermietung war

kompliziert geworden. Viele Kaufinteressenten

sahen sich die Wohnung an, und ein frisch ver­

heiratetes Pärchen kam immer wieder. Die bei­

den waren offensichtlich sehr interessiert.

Zur abschließenden Verhandlung trafen wir

uns in der Wohnung von gemeinsamen Freun­

den, um uns bei einer Tasse Tee zu verständigen.

Auf der Fahrt dorthin erklärte ich meinem Mann,

dass mir das Angebot der beiden zu niedrig er­

schien und dass ich auf jeden Fall mehr verlan­

gen wollte. Im Kopf ging ich meine Argumente

durch, zum Beispiel den Wert der Wohnung, die

hervorragende Lage und das Interesse anderer

Käufer. Nachdem wir uns an den Tisch gesetzt

hatten, schenkten uns die Gastgeber heißen Tee

ein, und nach zehn Minuten hatte ich dem Ange­

bot der beiden zugestimmt.

Warum hatten wir so einfach nachgegeben?

Natürlich – mein Mann war schuld! Warum hatte

er nicht auf einem höheren Preis bestanden? Wa­

rum hatte er einfach so eingelenkt? Vielleicht

waren wir das Gezerre ja einfach leid und wollten

den Verkauf hinter uns bringen. Vielleicht lag es

auch daran, dass uns das Pärchen sympathisch

war. Jahre später stellte ich fest, dass vermutlich

etwas ganz anderes schuld daran war: die warme

Tasse Tee.

Im Jahr 2008 luden Lawrence Williams und

John Bargh 41 Studenten zu einem psychologi­

schen Experiment ein. Einer nach dem anderen

betraten die Teilnehmer den Eingangsbereich

des Gebäudes, wurden dort von einer jungen

wissenschaftlichen Mitarbeiterin in Empfang ge­

nommen, zum Aufzug gebracht und in ein Labor

im vierten Stock des Gebäudes begleitet. Die Mit­

arbeiterin hatte die Hände voll, sie trug einen

Stapel Bücher, ein Klemmbrett und eine Tasse

Kaffee. Im Aufzug bat sie die Teilnehmer, kurz

ihre Tasse zu halten, damit sie den Namen auf

dem Klemmbrett notieren konnte. Diese schein­

bar harmlose Bitte war der entscheidende Teil

des Experiments. Der Hälfte der Teilnehmer

drückte sie eine warme Tasse Kaffee in die Hand,

Teilnehmer drückte sie eine warme Tasse Kaffee in die Hand, Dieser Text ist ein leicht gekürzter

Dieser Text ist ein leicht gekürzter Auszug aus »Du denkst nicht mit dem Kopf allein. Vom geheimen Eigenleben unserer Sinne« von Thalma Lobel, erschienen bei Campus, Frankfurt am Main 2015.

Auf einen Blick

Kaffee gefällig?

1 Die Embodiment- Forschung untersucht,

wie sich körperliche Erfahrungen auf unsere Gefühle, unsere Psyche und unser Verhalten auswirken. Wärme etwa färbt Gefühle und Urteile positiv ein.

2 Mit einem heißen Getränk in der Hand

empfinden wir unsere Freunde als warmher- ziger und halten die Beziehung zu ihnen für enger. Wir bringen ande- ren mehr Vertrauen entgegen und verhalten uns großzügiger.

3 Fühlen wir uns ausge- schlossen, sinkt die

Hauttemperatur. Wärme kann Gefühle der Ein- samkeit vertreiben.

der anderen Hälfte eine Tasse mit Eiskaffee. Da­

mit machten beide Gruppen unterschiedliche

Temperaturerfahrungen, ohne zu ahnen, wie

wichtig dies für das Experiment sein sollte.

Nach dem Verlassen des Aufzugs wurden die

Teilnehmer ins Labor geführt und dort von einer

anderen Mitarbeiterin in Empfang genommen,

die das Experiment durchführte. Sie sollten die

Beschreibung einer fiktiven Person A lesen, die

als begabt , intelligent , entschlossen , praktisch ,

tüchtig und vorsichtig beschrieben wurde. Dann

sollten sie diese Person nach zehn weiteren As­

pekten beurteilen, die nicht in der Beschreibung

enthalten waren. Bei der Hälfte handelte es sich

um Eigenschaften, die wir mit »warmen« oder

»kalten« Persönlichkeiten in Verbindung brin­

gen, zum Beispiel großzügig oder geizig , gut­

mütig oder jähzornig , gesellig oder abweisend ,

fürsorglich oder egoistisch . Die übrigen Eigen­

schaften hatten nichts mit der Wärme oder Käl­

te einer Persönlichkeit zu tun – es handelte sich

zum Beispiel um Gegensatzpaare wie redselig

oder wortkarg , stark oder schwach , ehrlich oder

unehrlich .

An diesem Punkt kommt die Tasse ins Spiel.

Teilnehmer, die im Aufzug einige Augenblicke

lang eine warme Tasse Kaffee in der Hand gehabt

hatten, bewerteten Person A deutlich öfter als

großzügig, gutmütig und fürsorglich als die an­

deren Teilnehmer, die eine kalte Tasse hatten hal­

ten sollen. In Fragen, die nichts mit der Wärme

oder Kälte einer Persönlichkeit zu tun hatten,

fällten sie jedoch mehr oder weniger dasselbe Ur­

teil, unabhängig von der Temperatur der Tasse.

Warme Hände, warme Gedanken

Könnte eine so unbedeutende Handlung wie das

Halten einer Kaffeetasse in einem Aufzug dafür

sorgen, dass wir die Menschen in unserer Umge­

bung positiver wahrnehmen? Was geht hier aus

psychologischer Sicht vor?

Die Erkenntnis, dass körperliche Wärme zwi­

schenmenschliche Wärme fördert, war derart

überraschend, dass viele Wissenschaftler Zweifel

anmeldeten. Doch wie wir gleich sehen werden,

beeinflusst die Temperatur nicht nur das Urteil

von Versuchsteilnehmern über eine fiktive Per­

son A in einem Text, sondern sie hat auch Aus­

wirkungen darauf, wie wir im wirklichen Leben

auf andere Menschen reagieren. Außerdem hat

die Temperatur einen Einfluss darauf, wie nah

uns ein Mensch erscheint und wie wir unsere Be­

ziehung zu ihm wahrnehmen.

Intimität gehört zu jeder Beziehung, auch

wenn jeder Mensch ein anderes Maß an Nähe

braucht und geben kann. Im Jahr 2009 unter­

suchten zwei niederländische Wissenschaftler,

ob die Temperatur etwas damit zu tun hat, wie

wir unsere Beziehung zu anderen Menschen

wahrnehmen. Wie im ersten Experiment mit der

Kaffeetasse sollten die Teilnehmer warme oder

kalte Getränke halten. In diesem Fall bat der

durchführende Wissenschaftler den Teilnehmer,

seine Tasse einige Minuten lang zu halten, wäh­

rend er so tat, als installiere er einen Fragebogen

auf dem Computer.

Dann nahm der Wissenschaftler die Tasse

wieder an sich und forderte den Teilnehmer auf,

an eine reale Person aus seinem persönlichen

Umfeld zu denken und die Nähe zu dieser Per­

son einzuschätzen. Versuchspersonen, die eine

warme Tasse gehalten hatten, schätzten diese Be­

ziehungen durchweg als emotional enger ein als

Versuchspersonen, die eine kalte Tasse gehalten

hatten. Das ist umso erstaunlicher, als wir unsere

engen Beziehungen meist für stabil halten – wir

würden nicht erwarten, dass unsere Einschät­

zung von der Temperatur eines Getränks ab­

hängt, das wir zufällig in der Hand halten.

Doch unsere Psyche existiert nicht im luft­

leeren Raum, weshalb unsere Gefühle und Werte

durch subtile Veränderungen in unserer Um­

gebung beeinflusst werden können. Scheinbar

irrelevante körperliche und sinnliche Wahrneh­

mungen schlagen sich auf unseren Gemütszu­

stand nieder, ohne dass wir uns dessen bewusst

werden. Die Theorie des Embodiment geht da­

von aus, dass unsere Entscheidungen, Verhal­

tensweisen, Urteile und Gefühle untrennbar mit

unseren sinnlich­motorischen Erfahrungen –

etwa dem Kontakt mit warmen oder kalten Ge­

genständen – zusammenhängen.

Vor allem in Situationen, in denen wir Leis­

tungen bringen sollen, etwa im Beruf, in einem

Vorstellungsgespräch, einer Prüfung oder einem

Sportwettkampf, entscheiden auch Faktoren

außerhalb unseres Kopfs – sprich: die Umwelt –

darüber, ob wir Erfolg haben oder nicht. Aus­

fotolia / drubig-Photo

gehend von der Embodiment­Theorie könnten

wir beispielsweise untersuchen, wie beim Vor­

sprechen im Theater scheinbar unbedeutende

Faktoren wie die Wärme der Scheinwerfer, die

Farbe des Vorhangs oder unscheinbare Logos die

Leistung der Schauspieler beeinflussen.

Die Embodiment­Forschung geht davon aus,

dass die menschliche Psyche nicht losgelöst von

der Umwelt betrachtet werden kann und dass die

Sinne eine Brücke zwischen der Umwelt und

bewussten beziehungsweise unbewussten Denk­

prozessen sind. Psychologen und Neurowissen­

schaftler, die auf diesem neuen Gebiet forschen,

versuchen zu zeigen, inwieweit Sinneseindrücke

unsere psychischen Zustände und Denkprozesse

beeinflussen.

Frösteln aus Einsamkeit

Im kanadischen Toronto liegt die Durchschnitts­

temperatur im Winter weit unter dem Gefrier­

punkt. Monatelang kämpfen die Einwohner der

Stadt mit Schnee, Eis, Matsch und eisigen Win­

den. Das perfekte Umfeld für zwei Wissenschaft­

ler von der University of Toronto, um den

Zusammenhang zwischen Einsamkeit und dem

Gefühl der Kälte zu untersuchen. In zwei Experi­

menten gingen sie der Frage nach, ob sich die

Temperatur auf unseren Gemütszustand nieder­

schlägt und ob umgekehrt unser Gemütszu­

stand einen Einfluss auf unsere Wahrnehmung

der Temperatur hat.

Im ersten Experiment sollten sich 32 Stu­

denten an eine Situation erinnern, in der sie sich

ausgeschlossen und einsam gefühlt hatten –

eine Party, zu der sie nicht eingeladen wurden,

ein Spiel, an dem sie nicht teilnehmen durften,

oder Ähnliches. Weitere 32 Studenten sollten sich

an eine Situation erinnern, in der sie Teil einer

Gruppe waren und zum Beispiel in einen Klub

aufgenommen wurden oder an einem Spiel teil­

nahmen. Dann wurde das Experiment scheinbar

unterbrochen, und die Wissenschaftler erklärten

den Teilnehmern, die Hausverwaltung frage, ob

die Raumtemperatur in Ordnung sei.

Die Studierenden sollten die Temperatur

schätzen. Dabei stellte sich heraus, dass die Teil­

nehmer, die sich an eine Situation des Ausge­

schlossenseins erinnerten, den Raum als kälter

wahrnahmen als diejenigen, die sich an eine

Situation des Dabeiseins erinnerten. Die erste

Gruppe schätzte die Raumtemperatur auf

durchschnittlich 21,5 Grad Celsius, die zweite auf

24 Grad Celsius. Dabei saßen alle in ein und dem­

selben Raum.

Die Erinnerung an bestimmte Emotionen

wirkt sich also auf körperliche Empfindungen im

Hier und Jetzt aus. Selbst wenn wir uns nur an ei­

nen Moment der Einsamkeit erinnern, nehmen

wir unsere Umgebung als kälter wahr.

Die Wissenschaftler wollten es jedoch nicht

bei der Erinnerung belassen und die Erfahrung

der Einsamkeit im Hier und Jetzt herstellen.

Dazu ließen sie Studenten an einem virtuellen

Ballspiel teilnehmen. Die Teilnehmer spielten

online mit drei anderen Spielern – sie ahnten

nicht, dass sich dahinter ein »grausames« Pro­

gramm verbarg, das so angelegt war, dass sich die

virtuellen Spieler den Ball zuwarfen und den

echten Spieler weit gehend ignorierten. Eine

zweite Gruppe spielte dasselbe Spiel, doch in die­

sem Fall war der Computer freundlicher und ließ

die realen Spieler mitspielen.

Nach diesem Spiel erhielten beide Gruppen

einen Marketing­Fragebogen, der scheinbar

nichts mit dem Ballspiel zu tun hatte. Auf einer

Skala von 1 bis 7 sollten sie bewerten, wie sehr sie

sich in diesem Moment einen heißen Kaffee,

eine warme Suppe, einen Apfel, ein Gebäckstück

oder eine kalte Limonade wünschten. Die Teil­

nehmer wussten nicht, dass in Wirklichkeit die

Auswirkungen der Ausgrenzung während des

Computerspiels ermittelt werden sollten. Die

Wissenschaftler stellten fest, dass sich die ausge­

schlossenen Teilnehmer deutlich häufiger für et­

was Warmes entschieden als die übrigen Teilneh­

mer. Daraus zogen sie den Schluss, dass Einsam­

keit als kalt empfunden wird und sich mit Wärme

kompensieren lässt.

Eine andere Gruppe von Wissenschaftlern

bohrte tiefer nach und untersuchte die Auswir­

kungen der Einsamkeit auf die Oberflächentem­

peratur der Haut. Sie benutzten dasselbe virtu­

elle Ballspiel wie im vorigen Experiment und

maßen währenddessen die Hauttemperatur der

Fingerspitzen. Dabei stellten sie fest, dass die

Hauttemperatur der Teilnehmer, die vom Com­

puter ausgegrenzt wurden, tatsächlich allmäh­

lich sank.

puter ausgegrenzt wurden, tatsächlich allmäh­ lich sank. Lektüre zum Einheizen Eine kurze Geschichte über

Lektüre zum

Einheizen

Eine kurze Geschichte über warmherzige Men- schen zu lesen, wärmt Körper und Seele: Proban- den schätzten die Raum- temperatur daraufhin um zwei Grad Celsius wär- mer ein als nach einer »temperaturneutralen« Geschichte über eine kompetente Person.

Soc. Psychol. 44, S. 167 – 176, 2013

Baden gegen

soziale Kälte

Einsame Menschen nehmen öfter ein heißes Bad oder eine warme Dusche, wie eine Befra- gung von Studierenden ergab. Sie versuchen so möglicherweise, soziale Kälte zu kompensieren.

Emotion 12, S. 154 – 162, 2012

Scheinbar irrele- vante körperliche und sinnliche Wahrnehmungen schlagen sich auf unseren Gemüts- zustand nieder, ohne dass wir uns dessen be- wusst werden

psychologischer Treibhauseffekt

b ei hohen temperaturen sitzt der Geldbeutel lockerer:

Wärme lässt positive Gefühle entstehen, die wiederum die Kaufbereitschaft fördern, zeig- ten israelische autoren in einer Reihe von Experimenten. Unter anderem befragten sie Studie- rende, welchen Preis sie für jedes von elf Produkten zahlen würden. in einem 26 Grad Celsi- us warmen Raum waren es zehn Prozent mehr als bei 18 Grad.

laut chinesischen Wissen- schaftlern orientieren wir uns bei warmen temperaturen eher an unseren mitmenschen. mit höherer Gradzahl stieg im Experiment auch die Wahr- scheinlichkeit, dass studen- tische Versuchspersonen ein Produkt wählten, das vermeint- lich von einer mehrheit bevor- zugt wurde. Ebenso neigten die Probanden dann eher zu grup- penkonformen Urteilen über

die Entwicklung von börsenkur- sen und etwaige Favoriten bei Pferderennen. Ein abgleich von Wetterdaten mit Pferdewetten in hongkong führte zum glei- chen Ergebnis: Je wärmer die temperatur am Renntag, desto eher setzten die menschen in der letzten Stunde vor dem Startschuss auf die Favoriten ihrer mitspieler.

J.

Consum. Psychol. 24, S. 241 – 250,

S.

251 – 259, 2014

In einem nächsten Schritt gingen einige Wis­ senschaftler der Frage nach, ob der Kontakt mit etwas Warmem die Stimmung der Ausgeschlos­ senen wieder hebt. Wieder teilten sie ihre Teil­ nehmer in zwei Gruppen ein und ließen sie das virtuelle Ballspiel spielen. Diesmal unterbrach der Computer das Spiel jedoch nach drei Minu­ ten mit einer Fehlermeldung. In diesem Moment kamen zufällig die Wissenschaftler vorbei und hatten eine Tasse mit kaltem oder heißem Tee in der Hand. Die Teilnehmer baten um Unterstüt­ zung, und die Wissenschaftler reichten ihnen die Tasse mit der Bitte, sie zu halten, während sie das Programm wieder zum Laufen brachten. Nach dem Spiel sollten die Teilnehmer auf einer Skala von 0 bis 5 angeben, ob sie sich »schlecht«, »an­ gespannt«, »traurig« oder »gestresst« gefühlt hatten. Wie zu erwarten, fühlten sich die aus­ geschlossenen Teilnehmer im Durchschnitt schlechter als die übrigen. Das Erstaunliche war jedoch, dass diejenigen Teilnehmer, die Kontakt mit der kalten Tasse hatten, mehr negative Ge­ fühle hatten. Wer eine warme Tasse in der Hand gehalten hatte, war offenbar auch innerlich ge­ wärmt worden und fühlte sich besser. Könnte es sein, dass die Temperatur nicht nur unsere Meinungen und Gefühle beeinflusst, son­ dern sich sogar auf unser Verhalten auswirkt? Könnten Sie beispielsweise nach Ihrer morgend­ lichen Tasse Kaffee eher bereit sein, einem Bettler am Eingang zur U­Bahn eine Münze zu geben?

Hilft Ihnen eine Tasse Tee am Morgen, den Tag offener und positiver zu beginnen und anderen mehr Vertrauen entgegenzubringen? Williams und Bargh, die das Experiment mit den Kaffee­ tassen durchgeführt hatten, entwickelten einen Versuch, um auch diese Frage zu beantworten. Sie erklärten ihren Studenten, sie führten eine Verbraucherbefragung durch und stellten ihnen als neues Produkt ein therapeutisches Kissen vor. Die Teilnehmer sollten das Kissen – das ent­ weder warm oder kalt war – eine gewisse Zeit lang in der Hand halten und danach seine Wirk­ samkeit bewerten und angeben, ob sie das Pro­ dukt Freunden, Angehörigen oder Fremden empfehlen würden. Der wichtigste Teil des Expe­ riments war jedoch nicht die Beurteilung des vermeintlichen Produkts, sondern eine Entschei­ dung, die die Teilnehmer danach treffen sollten. Als Dankeschön für die Teilnahme sollten sie sich nämlich zwischen einem Erfrischungsgetränk für sich selbst und einem kleinen Geschenk für eine befreundete Person ihrer Wahl entscheiden. Das Ergebnis war erstaunlich. Von den Teil­ nehmern, die das kalte Kissen in der Hand ge­ habt hatten, wollten 75 Prozent das Erfrischungs­ getränk für sich selbst, während von den Teilneh­ mern mit dem warmen Kissen 54 Prozent einen anderen Menschen beschenkten. Das ist ein ge­ waltiger Unterschied, der offenbar ausschließ­ lich durch die Temperatur des Kissens bewirkt wurde.

JoNathaN bloom

Dieses Experiment bestätigt, dass Schenken und Spenden eine emotionale Angelegenheit ist. Was nicht heißen soll, dass Geben ein rein emo­ tionales Bedürfnis ist, denn es hat natürlich auch einen rationalen Aspekt. Wir neigen nicht dazu, willkürlich große Summen für gute Zwecke zu geben, sondern wir spenden aus den unter­ schiedlichsten Gründen: Vielleicht wollen wir die Zuneigung und Anerkennung der Empfänger gewinnen, vielleicht wollen wir von unserer Um­ gebung als großzügig wahrgenommen werden oder vielleicht wollen wir einfach das Gefühl haben, gebraucht zu werden. Doch wie die meisten Experimente der Em­ bodiment­Forschung zeigt auch dieses, dass wir unsere Entscheidungen eben nicht nur im Kopf treffen, wie wir immer meinen, sondern dass der Körper ein gewichtiges Wörtchen mitzureden hat. Nicht nur unser Unbewusstes und unsere Emotionen können unser Verhalten beeinflus­ sen, sondern auch scheinbar unbedeutende Kräf­ te – in diesem Fall ein Kissen, das die Versuchs­ teilnehmer einige Sekunden lang in der Hand hielten.

Eisige Verhältnisse

Williams und Bargh führten ein weiteres Experi­ ment durch, um herauszufinden, ob der Kontakt mit einem warmen Gegenstand nicht nur groß­ zügiger, sondern auch vertrauensvoller macht. Vertrauen ist die Grundlage von Ehen, Freund­ schaften und Geschäftsbeziehungen, es muss oft hart erarbeitet werden, ist zerbrechlich und wird von vielen Faktoren bestimmt. Wir entscheiden oft in wenigen Augenblicken und aus dem Bauch heraus, ob wir einem anderen Menschen ver­ trauen oder nicht, doch ein bisschen Wärme kann nachhelfen. Wieder gaben die Wissenschaftler ihren Ver­ suchspersonen ein warmes oder kaltes Kissen in die Hand (15 oder 41 Grad Celsius). Dann sollten sie an einem Spiel teilnehmen, in dem die einen in die Rolle von Anlegern schlüpften und die an­ deren in die Rolle von Unternehmern. Die Anle­ ger mussten entscheiden, wie viel Geld sie einem Unternehmer geben wollten, der anonym im Nebenraum saß. Die Unternehmer erhielten das Dreifache dieser Summe und sollten entschei­ den, wie viel davon sie den Anlegern als Dividen­

de ausschütten wollten. In jeder Runde konnten die Anleger entscheiden, ob sie zwischen 0 und 1 Dollar investieren wollten. Je mehr sie gaben, umso größer war die Wahrscheinlichkeit, dass sie etwas zurückerhielten – doch ob sie tatsächlich etwas bekamen, hing von den Unternehmern ab. Die Teilnehmer glaubten, es handle sich um ein Anlagespiel, aber in Wirklichkeit sollte ihr Ver­ trauen gemessen werden. Je mehr ein Anleger einem Unternehmer vertraute, umso größer die Investition. Einmal mehr war das Ergebnis erstaunlich. Diejenigen Teilnehmer, die zuvor das kalte Kis­ sen in der Hand gehabt hatten, investierten we­ niger als die Teilnehmer mit dem warmen Kis­ sen. Sie vertrauten den Unternehmern weniger und waren sich weniger sicher, dass diese ihnen eine Dividende zahlen würden. Wer das warme Kissen in der Hand gehabt hatte, schien dagegen mehr Nähe und Vertrauen zu den Unternehmern zu spüren. Die Wärme scheint uns nur kurzfristig groß­ zügiger und vertrauensvoller zu machen. Der Einfluss unserer körperlichen Empfindungen auf unsere Psyche ist zeitlich begrenzt, doch das macht ihn nicht weniger wichtig. Beispielsweise können Sie den Verlauf eines Rendezvous oder Geschäftstreffens positiver gestalten, indem Sie Ihrem Gegenüber ein warmes Getränk geben. Sie könnten das Treffen auch in ein japanisches Restaurant verlegen, das vor dem Essen feuchte warme Tücher für die Hände reicht. Wann immer Sie von anderen als warm oder sympathisch wahrgenommen werden wollen, reichen Sie ih­ nen eine Tasse Kaffee oder Tee. Bei Gehalts­, Ver­ kaufs­ oder Scheidungsverhandlungen, in denen Sie die andere Seite zu Kompromissen oder Zu­ geständnissen bewegen wollen, sollten Sie kalte Getränke vermeiden und lieber einen Espresso oder einen Tee anbieten. Das könnte schon aus­ reichen, um die Situation zu Ihren Gunsten zu verändern. Ÿ

um die Situation zu Ihren Gunsten zu verändern. Ÿ Thalma Lobel ist Professorin für Psychologie an

Thalma Lobel ist Professorin für Psychologie an der Universität von Tel Aviv in Israel. Sie erforscht, wie die Sinne unser Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen.

Quellen

Ijzerman, H. et al.: Cold- blooded loneliness: Social Exclusion leads to lower Skin temperatures. in: acta

Psychologica 140, S. 283 – 288,

2012

Ijzerman, H., Semin, G.: the thermometer of Social relations. mapping Social Proximity on temperature.

in: Psychological Science 20,

S. 1214 – 1220, 2009

Kang, Y. et al.: Physical temperature Effects on trust

behavior: the role of insula. in: Social Cognitive and affective Neuroscience 6,

S. 507 – 515, 2011

Williams, L. E., Bargh, J. A.:

Experiencing Physical Warmth Promotes interper- sonal Warmth. in: Science 322, S. 606 – 607, 2008

Zhong, C.B., Leonardelli, G.J.:

Cold and lonely: does Social Exclusion literally feel Cold? in: Psychological Science 19,

S. 838 – 842, 2008

psychologie

ästhetik

»Ich bin ein experimenteller Bastler«

David Poeppel ist der jüngste Neuzugang als Direktor am 2013 gegründeten

Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main.

Hier will der Neuroforscher den Reiz des Schönen interdisziplinär ergründen.

seRie iM ÜBeRBlicK

Die Welt der schönen Dinge

Teil 1: Wie Werbung wirkt

• Die Macht der Marken

• »Unternehmen profi­

tieren von unserem Spiel­

trieb«

• Spuren im Unbewussten (GuG 3/2015)

Teil 2: »ich bin ein experi- menteller Bastler« Ein Gespräch mit David Poeppel über empirische Ästhetik

Teil 3: Das Auge isst mit Produktdesigner nutzen die Wechselwirkung der Sinne (GuG 5/2015)

E in Bürogebäude mitten in Frankfurt,

unweit der Alten Oper. Glänzende

Fassade, innen gewienerte Böden, ein

repräsentatives Foyer: So stellt man

sich ein Investmenthaus vor, und tat-

sächlich beherbergte der Bau vor dem jetzigen

Mieter ein großes Geldinstitut. Nun wird hier

Wissenschaft betrieben. Oder besser, soll betrie-

ben werden. Denn die Labore und Forscherteams

befinden sich teils noch im Aufbau. Das Max-

Planck-Institut für empirische Ästhetik wurde

im Herbst 2013 aus der Taufe gehoben und fand

im Grüneburgweg eine erste Bleibe, bis zum Um-

zug in einen geplanten Neubau auf dem Campus

Westend. Den dritten von insgesamt vier Direk-

torenposten trat im September 2014 der Kogni-

tionsforscher David Poeppel an.

Wir besichtigen ein zukünftiges Labor: einen

Bühnenraum, der einmal gut ein Dutzend ver-

kabelte Sitzplätze haben wird. Schon bald sollen

hier Probanden Lesungen oder Konzerten lau-

schen, während man an ihnen psychophysio-

logische Messwerte erhebt. So mag sich zeigen,

ob die Herzen und Hirne des Publikums beim

gemeinsamen Kunstgenuss synchron arbeiten

oder wie sich Unterschiede in der ästhetischen

Wahrnehmung körperlich niederschlagen. »Ich

würde gerne eine Riege von Musikkritikern hier-

her zum Konzert einladen«, sagt Poeppel. »Ob

sich deren Expertentum messen lässt?« Ein paar

Stockwerke höher, in Poeppels Büro, steht außer

einem Tisch, zwei Sesseln und einigen Bücher-

stapeln noch nicht viel.

Professor Poeppel, wann haben Sie zuerst

von den Plänen für dieses neue Max-Planck-

Institut erfahren?

Beim Abendessen nach einer Konferenz, glaube

ich. 2011 muss das gewesen sein. Bei der Max-

Planck-Gesellschaft gab es, wie ich heute weiß,

schon seit 2006 Diskussionen über ein solches

interdisziplinäres Institut. Mit Melanie Wald-

Fuhrmann und Winfried Menninghaus wurden

dann eine Musikwissenschaftlerin und ein Litera-

turwissenschaftler als erste Direktoren berufen.

Die Idee, Forscher verschiedener Disziplinen –

Geistes- und Sozialwissenschaftler, aber auch

Neurobiologen und Psychologen – gemeinsam

die Grundlage der Ästhetik erkunden zu lassen,

ist mutig. Das hat mich von Beginn an gereizt.

Peter Jülich Als das Institut 2013 gegründet wurde, monier- ten einige, das sei ein abseitiges

Peter Jülich

Als das Institut 2013 gegründet wurde, monier-

ten einige, das sei ein abseitiges Forschungs-

gebiet. Verstehen Sie diese Bedenken?

Sicher, man mag im ersten Moment denken:

»Empirische Ästhetik« – das klingt ja schräg!

Aber man muss schon etwa genauer hinsehen.

Ästhetisches Empfinden nimmt in unserem All-

tag extrem großen Raum ein: unser Konsum-

verhalten, die Medien, Mode, Werbung, Freizeit-

aktivitäten, all das ist stark davon getrieben, was

wir schön finden und was nicht. Es gibt eine lan-

ge philosophische Tradition, die sich bemühte,

die Gesetze des Schönen theoretisch herzuleiten.

Im 19. Jahrhundert begründete dann Gustav

Fechner eine empirische »Ästhetik von unten«

(siehe »Pionierarbeit«, S. 29). An diesen Versuch,

den Begriff des Schönen durch Beschreibung sei-

ner psychischen und physischen Komponenten

genauer zu fassen, wollen wir anknüpfen.

Ist Ästhetik nicht viel mehr als das Empfinden

von Schönheit? Gerade in der Kunst geht es

oft eher um Irritation und das Durchbrechen

von Wahrnehmungsgewohnheiten.

Richtig, man muss das nuancierter sehen. Ver-

fremdung, Irritation, sogar Ekel können viel wich-

tiger sein beim Betrachten eines Bilds oder beim

Hören von Musik oder Gedichten. Der Reflex

mancher Geisteswissenschaftler, auf all jene her-

abzublicken, die Schönheitsurteile mittels Hirn-

scans und anderer Techniken untersuchen, bringt

uns aber nicht weiter. Mir ist klar, dass Ästhetik

nicht mit dem Empfinden von Schönheit gleich-

zusetzen ist. Aber irgendwo muss man anfangen;

man muss ästhetische Urteile operationalisie-

ren. Wir wollen die Komplexität nicht abschaf-

fen, sondern überhaupt erst erforschbar machen.

Wie gehen Sie dabei vor?

Mein Hauptinteresse ist die Hörforschung, ge-

nauer gesagt die Verarbeitung von Klängen und

Sprachlauten im auditorischen Kortex. Ich arbei-

tete bislang zwar nicht explizit an ästhetischen

Fragen, indirekt jedoch schon. Die erste große

Herausforderung wird sein, die richtige »Körnig-

keit« zu finden: Wie komplex muss ein Reiz

sein, damit er uns berührt, uns ästhetisch packt?

Eine einzelne Silbe ist dafür sicher zu klein, eine

Ballade aber zu groß, um das sinnvoll zu unter-

suchen. Ein ferneres Ziel ist dann, eine Liste jener

Bausteine aufzustellen, die man braucht, um äs-

thetische Urteile wissenschaftlich zu erfassen.

David poeppel

wurde 1964 in Freiburg im Breisgau geboren und studierte Neuro- und Kognitionswissen- schaften sowie Linguistik am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge (USA). Er ist der Sohn des Hirnfor- schers Ernst Pöppel. Nach Aufenthalten als Postdoc an der University of California in San Fran- cisco sowie als Professor an der University of Maryland in College Park wurde er 2009 als Profes- sor für Psychologie und Neurowissenschaften an die New York University berufen, wo er heute noch lehrt und forscht. Poeppel ist derzeit im Nebenamt Direktor am Max-Planck-Institut und pendelt zwischen New York und Frankfurt am Main.

Das neueste

Max-Planck-

Institut

Das jüngste der zurzeit 83 Max­Planck­Institute in Deutschland nahm Ende 2013 den Betrieb auf. Erstberufene Direk­ toren sind der Literatur­ wissenschaftler Winfried Menninghaus und die Musikwissenschaftlerin Melanie Wald­Fuhrmann. Neben dem Neurowissen­ schaftler David Poeppel soll noch ein weiterer Direktor, voraussichtlich aus der Experimentalpsy­ chologie oder Soziologie, hinzukommen. Die vier Forschungsabteilungen werden einmal bis zu 150 Mitarbeiter und einen Jahresetat von zirka zehn Millionen Euro haben. Der Bund fördert Grün­ dung und Aufbau des Instituts mit rund 45 Millionen Euro. Bis zum Bezug des Neubaus in der Nähe des Campus Westend hat das Max­ Planck­Institut für empi­ rische Ästhetik seinen Sitz in der Innenstadt. In Zusammenarbeit mit der Goethe­Universität und dem Ernst­Strüngmann­ Institut entsteht derzeit auch ein neues Brain Imaging Center in Frankfurt­Niederrad.

Das klingt nach einem typisch naturwissen-

schaftlichen, reduktionistischen Ansatz.

Ich gebe zu, ich bin ein experimenteller Bastler.

Man kann die neuronalen Grundlagen der

Sprach- und Hörverarbeitung nicht »ganzheit-

lich« untersuchen, sondern muss schauen, wie

wir etwa Laute in Hirnaktivität übersetzen, sie

kategorisieren, Wörter und Sätze erkennen und

ihnen Bedeutung zuweisen.

Führt ein solches Zergliedern nicht notgedrun-

gen zu Konflikten mit Geisteswissenschaft-

lern, die eher theoriegetrieben arbeiten?

Klar ist: Wir bewegen uns auf unterschiedlichen

Ebenen. Ich will die Dinge biologisch aufdröseln,

und dafür brauche ich klare empirische Daten.

Ich stecke zum Beispiel Leute in die Röhre eines

Magnetresonanztomografen und messe ihre

Hirnströme. Dafür sind mir viele übergeordnete

Konzepte der ästhetischen Theorie sicher nicht

so detailliert präsent. Ich brauche die anderen

Kollegen daher, um die wirklich interessanten

Fragen zur Ästhetikforschung zu entwickeln.

Schönheit liegt im Auge des Betrachters, sagt

man. Inwiefern spielt diese Subjektivität in

Ihren Planungen eine Rolle?

In Sachen Ästhetik unterscheiden sich Menschen

dramatisch; unser Empfinden ist stark subjektiv

geprägt. Aber diese Variationen sind nicht belie-

big. Es gibt anthropologische Konstanten – mit

anderen Worten, wir besitzen einen Verarbei-

tungsapparat, der bei uns allen gleich funktio-

niert. Mit unserer Forschung suchen wir sozusa-

gen nach dem Punkt, wo das Subjektive beginnt.

Grammatikfehler oder Pointen in Sätzen lösen

typische elektrophysiologische Reaktionen im

wie emotionale, die sich noch dazu häufig

überlappen. Deshalb gibt es auch kein »Schön-

heitsareal« im Gehirn. Die Lokalisationslehre ist

überholt; inzwischen gehen wir von hochgradig

paralleler Verarbeitung aus, in der Fachsprache

»multiple streams« genannt. Sinnesdaten wer-

den auf vielen Pfaden gleichzeitig verrechnet.

Die große Frage lautet: Wo und wie laufen diese

Einzelprozesse zusammen? Und an welcher Stel-

le spielt das ästhetische Moment hinein?

Weshalb finden wir manche Dinge überhaupt

schöner als andere?

Ich vermute, das passiert schon auf einer sehr

frühen Stufe der Verarbeitung. Ästhetische Ur-

teile scheinen mir eine Art Filter zu sein, der

uns dabei hilft, Wichtiges von Unwichtigem zu

trennen. Das funktioniert nicht einfach passiv,

sondern wir tragen aktiv eine Menge dazu bei –

Wahrnehmung und Interpretation gehen flie-

ßend ineinander über.

Das heißt, Gewohnheiten und Erwartungen

spielen beim Schönheitsempfinden eine wich-

tige Rolle?

Genau. Experimente belegen, wie viel bei der

Ästhetik vom Kontext anhängt. Teurer Wein

schmeckt besser als billiger. Ein Kollege von mir

hat einmal den Weltklassegeiger Joshua Bell als

Straßenmusiker in der U-Bahn von Washington

D. C. spielen lassen. Bis auf eine alte Dame hat

niemand sein geniales Talent erkannt. Jeder von

uns sammelt im Leben zahllose Erfahrungen, die

das, was uns im Alltag begegnet, in ein immer

dichteres Netz von Bezügen einweben. Der

Kunsthistoriker Ernst Gombrich nannte das »the

beholder’s share«, zu Deutsch: »der Beitrag des

»Wie komplex muss ein Reiz sein, damit er uns berührt?«

Gehirn aus, so genannte evozierte Potenziale.

Gibt es einen vergleichbaren neuronalen Mar-

ker auch für ästhetische Urteile?

Nein, bislang nicht. Das hat möglicherweise da-

mit zu tun, dass sie von zahlreichen Kontext-

variablen abhängen. Schön oder hässlich sind

keine festen Kategorien, sondern je nach Situa-

tion sehr flexible Zuschreibungen. Außerdem

sind daran vermutlich ganz unterschiedliche

Netzwerke im Gehirn beteiligt, kognitive ebenso

Betrachters«. Wenn die Forschung einmal so weit

ist, dass wir diesen individuellen Anteil von der

universellen Reizverarbeitung trennen können,

hätten wir sehr viel erreicht.

Die Dinge sind also nicht einfach schön oder

hässlich, sondern wir machen sie erst dazu?

Rezeption und Produktion sind nicht so klar von-

einander zu trennen, wie man lange Zeit glaubte.

Das kann man ganz simpel demonstrieren: Das

Wort »Blicket« können Sie ohne Probleme sofort

PUblic domaiN

pionierarbeit: gustav Fechners »Ästhetik von unten«

M it seinem Buch »Vor­ schule der ästhetik« von

1876 begründete Gustav theo­ dor Fechner (1801 – 1887), der als Physiker und Philosoph an der Universität Leipzig wirkte, eine »ästhetik von unten«: er stellte die experimentelle Untersu­ chung des sinnesempfindens bewusst dem Philosophieren über die Gesetze des schönen (»ästhetik von oben«) zur seite. intensiv ergründete der For­ scher jene eigenschaften, die

ein Reiz haben muss, um als schön empfunden zu werden. Dazu zählte er neben einfachen physikalischen Faktoren wie Farbe und Proportion auch komplexe wie einheitlichkeit und Widerspruchsfreiheit. Fechner zeigte zudem, dass die kombination von Reizen (etwa Form und Farbe einer Frucht) mehr Gefallen auslöst als die einzelelemente. Damit bahnte er der Gestaltpsychologie des 20. Jahrhunderts den Weg.

er der Gestaltpsychologie des 20. Jahrhunderts den Weg. nachsprechen, obwohl es diesen Ausdruck gar nicht gibt.

nachsprechen, obwohl es diesen Ausdruck gar nicht gibt. Wie kommt das? Auch was nicht Teil unseres Wortschatzes ist, können wir spielend reproduzieren. Das geht nur, weil wir die Laut- folge in eine Art sensomotorisches Koordina- tensystem stellen, das sich blitzschnell von Emp- fangen auf Senden umschalten lässt. Ich könnte mir vorstellen, dass das Empfinden von Schön- heit etwas damit zu tun hat, wie reibungslos dieser Übergang gelingt. Könnten Spiegelneurone eine solche Um- schaltstation darstellen? Diese Zellen sind ja offenbar sowohl beim eigenen Handeln als auch beim Beobachten fremder Handlungen aktiv. Nein, um Spiegelneurone kümmere ich mich nicht. Es gibt bestimmt solche Zellen, aber was da alles hineininterpretiert wurde, geht mir viel zu weit. Spiegelneurone sind ja irgendwie für alles verantwortlich: Sprache, Empathie, Autismus, Haarausfall. Sicher besitzen wir neuronale Netz- werke, die Handlungspläne vorbereiten, und eine Art inneres Imitieren mag auch Teil des Ver- stehensprozesses sein. Aber wie das funktioniert, weiß bis heute niemand. Es klingt, als hätte man etwas erklärt, wenn man sagt, beim Verstehen feuern Spiegelneurone. Doch in Wahrheit erklärt das gar nichts. Hören, Sehen, Verstehen – das sind zeitlich ko- ordinierte Tätigkeiten. Welche Bedeutung hat

die Zeit, der richtige Moment, beim Schön- heitsempfinden? Vermutlich eine große, aber neurophysiologisch dingfest machen lässt sich das heute noch nicht. Fest steht: Die Welt um uns herum ist kontinu- ierlich, aber unser Sinnesapparat schneidet in bestimmten Abständen einzelne Stücke aus dem großen Kuchen des Wahrzunehmenden heraus. Das passiert im Schnitt etwa drei- bis fünfmal in der Sekunde. Dieser Verarbeitungsrhythmus ist durch die neuronale Hardware weit gehend fest- gelegt. Bei Musik ist er meist etwas langsamer als bei Sprache. Ist dieser Rhythmus bei allen Menschen gleich? Im Prinzip schon. Der Takt, in dem unser Gehirn die wahrzunehmende Welt »zerstückelt«, ist durch den neuronalen Apparat vorgegeben. Bei Experten wie ausgebildeten Orchestermusikern kann sich an der Feinabstimmung noch etwas ändern, das meiste ist anscheinend jedoch fix. Das ist übrigens eine weitere Frage, die wir hier am Institut vorab beantworten müssen: Wie eli- tär wollen wir eigentlich sein? Geht es uns um die »Hochästhetik« von Experten, die Musik und Sprache womöglich anders produzieren und re- zipieren? Ich finde, wir dürfen das Grundinven- tar der ästhetischen Wahrnehmung nicht aus dem Blick verlieren. Ÿ

Das Interview führte GuG-Redakteur Steve Ayan.

Webtipps

David Poeppels New Yorker Forschungslabor:

http://psych.nyu.edu/clash/ poeppellab Das MPIEA sucht Probanden für laufende und zukünftige Studien:

www.aesthetics.mpg.de/

28589/1-Unsere-Studien

literaturtipp

Poeppel, D. et al.: towards a New Neurobiology of language. in: Journal of Neuroscience 32, S. 14125 – 14131, 2012 Überblick zur aktuellen Forschung in Sachen Sprache und Gehirn

titelthema

BiG Two

Das A und C der Persönlichkeit

Wenn wir uns oder andere einschätzen sollen, tun wir das spontan anhand von zwei Dimensionen: »Agency« und »Communion«. Laut Psychologen spiegeln diese

so genannten Big

Two unsere Hauptinteressen im Umgang miteinander wider.

TexT: AndreA e. ABele-Brehm und SuSAnne Bruckmüller ] illuSTrATionen: oliver weiSS

Plaudertest

Auf einer Party zwischen Unbekannten erscheint diese Frage besonders drängend: Wer ist ein netter Typ – und wer eher ein »Macher«?

30

30

Gehirn und Geist

Gehirn und Geist

Oliver Weiss

4_2015

4_2015

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Oliver Weiss

auf einen Blick

Hart und

herzlich

1 Bei der Selbst- und Fremdbeurteilung

verwenden wir Psycholo- gen zufolge meist zwei grundlegende Katego- rien: Agency (Zielstrebig- keit) und Communion (menschliche Wärme).

2 Die Gewichtung der beiden Eigenschaften

hängt von der Situation

und unserer Beziehung zu anderen ab: Mit »netten« Menschen plaudert man gern, mit kompetenten arbeitet man lieber zusammen.

3 Auch Stereotype sind durch die jeweilige

Betonung von Zielstre- bigkeit (Manager) oder Warmherzigkeit (Frauen) geprägt.

S tellen Sie sich vor, Sie stehen auf einer

Party zwischen lauter Ihnen unbe-

kannten Leuten. Sie überlegen, wen

Sie ansprechen sollen, um ein wenig

Smalltalk zu halten und nicht so allein

mit Ihrem Glas in der Hand herumzustehen.

Also mustern Sie die Gesichter der Anwesenden

und entscheiden blitzschnell, ob Sie den Schritt

wagen wollen oder nicht. Was geht Ihnen dabei

durch den Kopf?

Laut Sozialpsychologen legen wir in solchen

Fällen meist zwei einfache Maßstäbe an: Wärme/

Sympathie auf der einen Seite und Zielstrebig-

keit/Kompetenz auf der anderen. Diese Theorie

formulierte der US-amerikanische Psychologe

David Bakan (1921 – 2004) in seinem Buch »The

Duality of Human Existence« bereits 1966. Ba-

kan sprach darin von Agency und Communion –

zwei Ausdrücke, die sich schwer ins Deutsche

übertragen lassen. Im wissenschaftlichen

Sprachgebrauch hat sich daher das englische

Begriffspaar eingebürgert. Zwar gibt es in der

Fachliteratur mitunter auch andere Bezeich-

nungen, zum Beispiel das Bedürfnis nach Leis-

tung versus Anschluss oder nach Autonomie

versus Bindung. Inhaltlich ähneln sich diese Kon-

zepte jedoch meist stark.

Agency bezieht sich auf den Menschen als

autonomes Individuum, Communion auf seine

den Menschen als autonomes Individuum, Communion auf seine Gruppenzugehörigkeit. Agency betont Kompe- tenz und

Gruppenzugehörigkeit. Agency betont Kompe-

tenz und Kontrolle, Communion Gemeinschaft

und Kooperation. Zu den »agentischen« Eigen-

schaften zählen folglich Selbstbewusstsein, Ziel-

strebigkeit und Einsatzwille. »Kommunale«, eher

sozialverträgliche Züge umfassen vor allem

Warmherzigkeit, Verlässlichkeit und Fairness.

Ein ähnliches Szenario wie das eingangs be-

schriebene setzten wir gemeinsam mit dem pol-

nischen Psychologen Bogdan Wojciszke in einem

psychologischen Experiment ein: 2014 baten wir

in einer Studie jeweils zwei einander unbekannte

Probanden, sich einige Minuten lang miteinan-

der zu unterhalten. Anschließend sollten die

Teilnehmer einschätzen, wie sie selbst und ihr

Gegenüber sich während des Gesprächs verhal-

ten hatten.

Auf die Beziehung kommt es an

Die andere Person wurde dabei meist im Hin-

blick auf ihre Offenheit und Freundlichkeit be-

schrieben; das eigene Verhalten hingegen schätz-

ten die Personen als deutlich zielstrebiger ein.

Beide Seiten waren also überzeugt, das Gegen-

über sei zwar nett gewesen, man selbst habe aber

den aktiven Part gespielt und das Gespräch ge-

lenkt. Dieser Unterschied zwischen Fremd- und

Selbstwahrnehmung erwies sich in weiteren Un-

tersuchungen als typisch.

In einem Experiment von 2013 demonstrierte

eine von uns (Abele-Brehm) gemeinsam mit

Susanne Brack, dass unser Augenmerk für sozia-

le Eigenschaften von der Art der Beziehung zu

anderen abhängt. »Nur« freundlich und warm-

herzig wünschen wir uns vor allem solche Men-

schen, mit denen wir eher lose verbunden sind –

ein neuer Nachbar etwa oder ein Mitreisender

bei einem Ausflug. Wenn wir ein gemeinsames

Ziel verfolgen und auf den anderen angewiesen

sind (zum Beispiel bei der Prüfungsvorbereitung

in einer Lerngruppe), achten wir dagegen zudem

verstärkt auf Fleiß oder Ehrgeiz.

Die beiden Grunddimensionen Agency und

Communion finden sich in vielen Bereichen des

Alltags wieder. Erstere ist überall dort gefragt, wo

es um das persönliche Vorankommen und die

Selbstbehauptung geht, denn dafür sind Durch-

setzungskraft und Zielstrebigkeit erforderlich.

Letztere zielt dagegen auf die Einbindung in eine

aus 5 mach 2: Die Big five und die Big two

G ewissenhaftigkeit, extra-

version, emotionale

Stabilität, offenheit für neue er-

fahrungen und verträglichkeit –

diese fünf dimensionen der

Persönlichkeit bilden nach dem

modell der Psychologen robert

mccrae und Paul costa die so

genannten Big Five. mit ihrer

hilfe lässt sich die Persönlich-

keit eines menschen hinrei-

chend genau beschreiben.

während diese eigenschaften

vielen Forschern heute dazu

dienen, den charakter von

menschen zu erfassen, sind die

Big Two, Agency und communi-

on, globalere kategorien, die

wir im Alltag anwenden.

es gibt jedoch klare Bezüge

zwischen beiden: So ist Agency

eng verknüpft mit emotionaler

Stabilität sowie mit extraver-

sion und Gewissenhaftigkeit –

mit anderen worten: »Agen-

tische« menschen wirft ge-

fühlsmäßig so schnell nichts

aus der Bahn, und sie verfolgen

zielstrebig den von ihnen

gewählten weg. communion

geht dagegen mit besonderer

verträglichkeit einher, in maßen

auch mit Gewissenhaftigkeit. in

puncto offenheit verhalten sich

die Big Two dagegen mehr oder

weniger neutral.

im Alltag haben wir meist

weder die Zeit noch genügend

informationen, um detaillierte

Persönlichkeitsprofile unserer

mitmenschen zu entwerfen.

Außerdem würde uns ein allzu

differenziertes Bild beim um-

gang mit anderen oft sogar im

weg stehen. daher bieten die

Big Two eine bessere Basis für

die charakterbeschreibung in

alltäglichen Situationen – und

zwar sowohl was andere Per-

sonen angeht als auch in Bezug

auf uns selbst.

Gemeinschaft: Hilfsbereite, einfühlsame Men-

schen etwa können Beziehungen meist besser

aufbauen und erhalten. Die Doppelperspektive

auf das Ich und auf die Gemeinschaft prägt unser

Handeln und unsere Wertvorstellungen ebenso

wie Führungsstile und Vorurteile.

Warum sind die beiden Dimensionen so

universell? Möglicherweise, weil sie mit grund-

legenden Anforderungen zu tun haben, die jeder

kennt. Einerseits brauchen wir soziale Unterstüt-

zung und vertrauensvolle Beziehungen, um zu

überleben, andererseits bedarf es individueller

Kompetenzen, um es im Leben zu etwas zu brin-

gen. Einschätzen zu können, ob mir jemand

freundlich oder feindselig gesinnt ist und wie

sehr er dazu neigt, seine Interessen auch gegen

meine durchzusetzen, ist folglich essenziell. So

haben sich die Big Two als feste Maßstäbe un-

serer sozialen Urteilsbildung etabliert.

Das beeinflusst nicht zuletzt die Art der Vor-

urteile gegenüber anderen. Nach einem Modell

der Psychologin Susan Fiske und ihrer Kollegen

von der Princeton University (USA) beinhalten

Stereotype stets Annahmen über die Warmher-

zigkeit und Kompetenz unserer Mitmenschen.

Dabei werden Gruppen oft in der einen Dimen-

sion positiv, in der anderen jedoch negativ be-

wertet: Als warmherzig und liebenswert, zu-

gleich jedoch schwach und inkompetent gelten

dem Klischee nach etwa Senioren oder die »typi-

sche« Hausfrau. Kaltherzig, aber durchsetzungs-

stark seien dagegen etwa Manager.

Auch Geschlechterstereotype sind so gekenn-

zeichnet: Frauen werden traditionell als gemein-

sinnig und weniger durchsetzungsfähig einge-

schätzt, Männer umgekehrt. Laut Fiske basiert

die Zuschreibung von Freundlichkeit vor allem

darauf, ob uns die jeweilige Gruppe als Konkur-

renz oder Bedrohung der eigenen erscheint;

Kompetenz dagegen bemisst sich vor allem am

sozialen Status. Freilich gibt es auch den Fall,

dass beide Dimensionen zugleich hoch oder

niedrig rangieren. Kompetente Altruisten wer-

den häufig zu Heiligen oder bewunderten Staats-

männern idealisiert, inkompetente Eigenbrötler

hingegen als »Loser« verachtet.

Freund oder Feind?

Während die Frage, ob jemand unser Freund

oder Feind ist, oft unmittelbare Auswirkungen

für uns hat, spielt dessen Zielstrebigkeit für

uns selbst zunächst meist keine so große Rolle.

Vermutlich hat Communion deshalb mehr Be-

deutung für unser Urteil über andere als Agency.

Geschlechter-

klischees in der

Werbung

Gemäß dem verbreiteten Stereotyp erscheinen Männer in der Werbung traditionell vor allem als kompetent, Frauen als ge- meinschaftlich orientiert. Im Zuge der Gleichbe- rechtigung hat sich dieses Bild jedoch gewan- delt, wie eine Untersu- chung der Psycholo- ginnen Martina Infanger und Sabine Sczesny von der Universität Bern ergab.

Infanger, M., Sczesny, S.: Commu- nion-over-Agency Effects on Advertising Effectiveness. In: Int. J. Advert. 10.1080/02650487. 2014.993794, online 15. Januar

2015

Oliver Weiss

Ob schulischer oder beruflicher Erfolg, selbstbe­ wusstes Auftreten oder Umgang mit Belastungen – hier sind Ehrgeiz und Kompetenz weit aussage- kräftiger als der Gemeinsinn einer Person

34

aussage- kräftiger als der Gemeinsinn einer Person 34  Betrachtet man etwa, welche Informationen über einen

Betrachtet man etwa, welche Informationen über einen Menschen wir am schnellsten verar- beiten, so betreffen diese meist seine Freundlich- keit und Vertrauenswürdigkeit. Das konnten wir mit einer Studie belegen, in der Probanden nur ganz kurz (einige hundert Millisekunden lang) verschiedene Buchstabenreihen sahen. Danach sollten sie beurteilen, ob es sich um ein bedeu- tungsvolles Wort oder um eine sinnlose Zeichen- folge handelte. Wörter, die kommunale Merk-

male beschrieben (zum Beispiel »verlässlich«), erkannten sie im Schnitt nicht nur zügiger als agentische (»ehrgeizig«), sondern sie reagieren auch emotionaler darauf: Ob uns jemand sym- pathisch ist oder nicht, hängt eben viel eher da- von ab, wie viel Wärme und Gemeinsinn wir demjenigen zuschreiben oder von ihm signali- siert bekommen. Das gleiche Resultat erhielten wir, als vorgegebene Adjektive möglichst rasch als positiv oder negativ kategorisiert werden sol- len. Hier sind Probanden für prosoziale Eigen- schaften ebenfalls empfänglicher.

Das Primat des Sozialen

Für unser Selbstbild spielen Agency und Com- munion ebenfalls eine wichtige Rolle. Bittet man Personen, sich anhand von Adjektiven oder in einem Aufsatz zu beschreiben, lässt sich ein Großteil der Selbstporträts diesen Dimensionen zuordnen. Menschen charakterisieren sich etwa als zuverlässig und hilfsbereit, als zielstrebig und durchsetzungsfähig. Die beiden Eigenschafts- klassen decken gut zwei Drittel der Selbstbe- schreibungen ab. Und auch hier tauchen kom- munale Merkmale vermehrt auf oder werden meist zuerst genannt. Salopp gesagt hält sich (beinah) jeder für liebenswert und sozial, in puncto Kompetenz schwanken die Selbstein- schätzungen hingegen stärker. Betrachtet man, welche Eigenschaften das konkrete Verhalten einer Person besser vorhersa-

Gehirn und Geist MarcO Finkenstein
Gehirn und Geist
MarcO Finkenstein

Oliver Weiss

gen, so handelt es sich eher um agentische As- pekte: Ob schulischer oder beruflicher Erfolg, selbstbewusstes Auftreten oder Umgang mit Be- lastungen – hier sind Ehrgeiz und Kompetenz weit aussagekräftiger als der Gemeinsinn einer Person. Wir beschreiben uns also lieber als warm- herzig, handeln aber eher gemäß unserer agen- tischen Eigenschaften. Warum ist das so? Die Forschung hat darauf noch keine klare Antwort. Denkbar wäre, dass wir unsere soziale Ader allgemein für so selbstverständlich halten (»Natürlich bin ich freundlich!«), dass sie wenig prognostischen Wert besitzt. Oder aber wir de- monstrieren nach außen hin einfach häufiger Gemeinsinn, um sympathisch und liebenswert zu erscheinen. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, ein Nachbar bittet Sie, ihm beim Beschneiden der Gartenhecke zu helfen. Willigen Sie ein, wird er Sie wohl in erster Linie als hilfsbereit wahrneh- men. Sie selbst aber dürften sich eher mit Ihrem Können brüsten: »Ich weiß halt, wie so was geht!« Doch egal ob Samariter oder Held – etwas über- trieben ist meist beides.

Lieber faul als egoistisch

Für unsere Selbstpräsentation, also die Art und Weise, wie wir uns anderen gegenüber darstellen, ist es wichtig, warmherzig und hilfsbereit zu erscheinen. Entsprechend zeigen Studien, dass es Menschen meist mehr stört, wenn ihre soziale Reputation beschädigt wird – andere ihnen etwa vorwerfen, sie seien abweisend und egoistisch –, als wenn man ihnen Faulheit unterstellt. Insofern haben die Big Two sogar Einfluss auf unser Wohlbefinden. In einer Studie wurden Deutsche und Russen zu ihrer Selbstwahrneh- mung befragt. Gleichzeitig sollten sie angeben, welche Werte ihnen wichtig und wie zufrieden sie mit ihrem Leben waren. Alle Teilnehmer, die ihre Kompetenz hoch einschätzten und zudem für Altruismus und Vertrauen eintraten, waren besonders zufrieden. Offenbar fördern Zielstre- bigkeit und Kompetenz – oder die Überzeugung, zielstrebig und kompetent zu sein – nur gepaart mit Gemeinsinn die Lebenszufriedenheit. Agen- tische Werte allein beeinflussen das Glückslevel dagegen kaum. Vielleicht sollten Führungskräfte, die vor al- lem auf Ansporn und Kontrolle ihrer Mitarbeiter

die vor al- lem auf Ansporn und Kontrolle ihrer Mitarbeiter setzen, auch einmal ihre Wertschätzung mit

setzen, auch einmal ihre Wertschätzung mit Lob oder sogar Boni zum Ausdruck bringen. In den Augen der Belegschaft werden sie so viele Plus- punkte sammeln und zur allgemeinen Arbeits- zufriedenheit beitragen. Im Alltag bilden zielori- entiertes und gemeinschaftsbildendes Verhalten ohnehin häufig keine Gegensätze, sondern er- gänzen einander. Es bleibt abzuwarten, in welchen Bereichen sich das Konzept der Big Two Agency und Com- munion noch als fruchtbar erweisen wird. Doch schon heute bietet es einen spannenden For- schungsansatz, um Persönlichkeit, Sozialverhal- ten und angewandte Psychologie miteinander zu verbinden. Ÿ

ten und angewandte Psychologie miteinander zu verbinden. Ÿ Andrea E. Abele-Brehm (links) ist Professorin für
ten und angewandte Psychologie miteinander zu verbinden. Ÿ Andrea E. Abele-Brehm (links) ist Professorin für

Andrea E. Abele-Brehm (links) ist Professorin für Sozialpsychologie an der Universität Erlangen-Nürn- berg und amtierende Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs). Susanne Bruck- müller ist Juniorprofessorin für Sozialpsychologie an der Universität Koblenz-Landau.

Quellen

Abele, A.E., Bruckmüller, S.:

the Bigger One of the »Big two«: Preferential Proces- sing of communal informa- tion. in: Journal of experi- mental social Psychology 47, s. 935 – 948, 2011 Abele, A.E., Wojciszke, B.:

communal and agentic content. a Dual Perspective Model. in: advances in experimental social Psycho- logy 50, s. 198 – 255, 2014

Weitere Quellen im internet:

www.spektrum.de/artikel/

1332065

titelthema

persönlichkeit

Die Dunkle Triade

Bei den unangenehmsten Zeitgenossen finden Forscher häufig drei

Eigenschaften: Narzissmus, Psychopathie oder Machiavellismus.

Wie äußern sich diese Charakterzüge im Privatleben und am Arbeitsplatz –

und was genau macht ihren Schrecken aus?

text: Frieder WolFsberGer ] illustrationen: oliver Weiss

D er Erste ist selbstgefällig und ar­

rogant, der Zweite aggressiv und

brutal, der Dritte hinterhältig

und machtgierig. Doch bei die­

sem Trio handelt es sich nicht

um eine Gangsterbande, sondern um die drei

Seiten des schlechten Charakters – Narzissmus,

Psychopathie und Machiavellismus.

Seit den 1970er Jahren stehen diese Merkmale

im Visier von Psychologen, die egoistisches und

rücksichtsloses Verhalten erforschen. Alles Fiese

und Schädliche lasse sich im Wesentlichen mit

diesen drei Eigenschaften erfassen, behaupteten

2002 die Psychologen Delroy Paulhus und Kevin

Williams von der University of British Columbia

in Vancouver (Kanada). Und sie gaben ihnen ei­

nen ebenso einprägsamen wie unheimlichen

Namen: die Dunkle Triade.

Nicht immer lassen sich Narzissmus, Psycho­

pathie und Machiavellismus klar voneinander

trennen. Viele Personen, bei denen eine dieser

Eigenschaften stark ausgebildet ist, neigen auch

zu den beiden anderen – zum Leidwesen ihrer

Mitmenschen.

Narzissmus ist wohl das bekannteste Mitglied

der Dunklen Triade. Sein Namensgeber aus der

griechischen Mythologie, Narziss, verliebte sich

in sein eigenes Spiegelbild. Aber nicht nur Eitel­

keit charakterisiert Personen mit stark ausge­

prägtem Narzissmus nach heutigem Verständ­

nis. Sie neigen auch dazu, sich selbst maßlos zu

überschätzen, und haben ein starkes Bedürfnis

nach Aufmerksamkeit und Bewunderung. Sie be­

handeln andere oft herablassend und reagieren

selbst auf sachliche Kritik uneinsichtig und ge­

reizt, manche auch aggressiv.

Die Bezeichnung Machiavellismus spielt auf

den italienischen Staatstheoretiker Niccolò Ma­

chiavelli an, der im 16. Jahrhundert das politische

Traktat »Der Fürst« verfasste. Ein idealtypischer

Machiavellist ist machthungrig, kalt und egois­

tisch. Er sucht stets den eigenen Vorteil, manipu­

liert seine Mitmenschen und nutzt sie aus, wo er

kann. Er zögert nicht, sich über Recht und Moral

hinwegzusetzen, versteht es dabei jedoch, sein

Gegenüber zu blenden und sich als harmlos oder

wohlwollend darzustellen. Der Persönlichkeits­

psychologe Delroy Paulhus bescheinigt Machia­

vellisten einen Hang zu geschickt geplanten und

wohlkalkulierten Betrügereien, etwa verdeckter

Wirtschaftskriminalität. Ihre Stärke: ein besonde­

res Talent dafür, sich nicht erwischen zu lassen.

Darin unterscheiden sie sich von Menschen

mit psychopathischen Persönlichkeitszügen.

Auch diese neigen zu Grenzüberschreitungen,

handeln in der Regel jedoch impulsiver. Sie den­

ken kaum über die Folgen ihres Handelns nach,

verhalten sich häufiger offen aggressiv und ge­

ben sich weniger Mühe, ihre gemeinschaftsschä­

digende Haltung zu verbergen. So geraten sie

auffallend oft mit dem Gesetz in Konflikt, betrei­

ben Mobbing oder konsumieren Drogen.

Ein egozentrisches, wenig sozialverträgliches

Verhalten – ist das die Essenz der Dunklen Triade,

auf einen Blick

Unheilige

Dreifaltigkeit

1 Als Dunkle Triade bezeichnen Psycholo­

gen ein Konstrukt aus narzisstischen, machia­ vellistischen und psycho­ pathischen Merkmalen. Menschen mit diesen Eigenschaften denken und handeln egozen­ trisch und setzen ihre Interessen rücksichtslos durch.

2 Die drei Persönlich­ keitszüge wirken

sich in Partnerschaften unterschiedlich aus. Psychopathische Charak­ tere etwa gehen beson­ ders häufig fremd.

3 Die Dunkle Triade fördert kontra­

produktives Verhalten am Arbeitsplatz, darunter häufige Verspätungen, Diebstahl und Mobbing.

Oliver Weiss

ungeheuer

Menschen mit »fiesen« Charakterzügen bezeich- nen wir umgangssprach- lich gerne als Schlangen oder Drachen.

kuRZ eRklÄRt

Als Big five fassen Psychologen fünf zentra­ le Persönlichkeitseigen­ schaften zusammen:

Extraversion, emotionale Labilität, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Offenheit für neue Erfahrungen. Zum Teil hängen sie mit der Dunklen Triade zusam­ men: Narzissmus, Machia­ vellismus und Psycho­ pathie finden sich häu­ figer bei unverträglichen Zeitgenossen; wenig gewissenhaft verhalten sich außerdem machia­ vellistische und psycho­ pathische Charaktere. Letztere sind auch weni­ ger labil und ängstlich.

Die Dunkle triade messen

i n der englischsprachigen Forschung verbreitet sind zwei Messinstrumente, die sich als hin­

reichend valide erwiesen haben: der Fragebogen »dirty dozen« (dd) erfasst die bewertung

von jeweils vier aussagen, die narzissmus, psychopathie und Machiavellismus repräsentieren,

auf einer neunstufigen skala von »stimme voll und ganz zu« bis »stimme gar nicht zu«. die

»short dark triad« (sd3) beinhaltet jeweils neun aussagen pro charaktereigenschaft auf einer

fünfstufigen skala. beispiele:

narzissmus

dd: »ich möchte bewundert

werden.«

sd3: »ich weiß, dass ich etwas

besonderes bin, denn das

bekomme ich oft gesagt.«

machiavellismus

dd: »ich habe andere ge­

täuscht oder belogen, um

meine interessen durch­

zusetzen.«

sd3: »Man sollte offene

konflikte mit anderen Men­

schen vermeiden, denn sie

könnten sich eines tages als

nützlich erweisen.«

Psychopathie

dd: »ich neige nicht zu

schuldgefühlen.«

sd3: »Wer es sich mit mir

verdirbt, wird es für immer

bereuen.«

Psychol. Assess. 22, S. 420 – 432, 2010; Psychol. Assess. 26, S. 326 – 331, 2014; Assessment 21, S. 28 – 41, 2014

»the core of evil«, wie Forscher sagen? In einer

2015 publizierten Studie suchten kanadische

Forscher nach jenem gängigen Persönlichkeits­

modell, das den Kern der Sache am besten er­

fasst. Das HEXACO­Modell ging als Sieger her­

vor, genauer gesagt eine seiner sechs Eigen­

schaften: »Ehrlichkeit/Bescheidenheit« (siehe

Randspalte rechts). Ein Mangel daran, also Hab­

gier und Verlogenheit, kennzeichnen demnach

die Schnittmenge der Dunklen Triade am besten.

Laut den kanadischen Forschern erwächst da­

raus die Bereitschaft, andere zum eigenen Vorteil

auszubeuten, auch wenn damit Risiken verbun­

den sind.

Für Psychopathen ist diese Eigenheit beson­

ders typisch. In einem 2014 veröffentlichten La­

borexperiment von Daniel Jones, ebenfalls an

der University of British Columbia, waren Pro­

banden mit psychopathischen Merkmalen –

mehr noch als narzisstische oder machiavellis­

tische Teilnehmer – willens, mit dem Geld ande­

rer zu zocken, selbst wenn sie dadurch Gefahr

liefen, die anderen und sich selbst finanziell zu

schädigen.

So unangenehm sie für ihre Mitmenschen

sein mögen: Menschen mit diesen Eigenschaften

sind nicht unbedingt ein Fall für den Therapeu­

ten. Die Bezeichnungen Narzissmus und Psycho­

pathie tauchen zwar auch als Persönlichkeits­

störungen in den diagnostischen Manualen auf,

doch die Dunkle Triade bezieht sich auf deren

mildere, »subklinische« Ausprägung. Hingegen

gilt Machiavellismus nicht einmal in seiner Ex­

tremform als psychische Störung.

Jeder trägt es in sich

Psychologen erfassen die jeweilige Ausprägung

der drei Charaktereigenschaften in der Regel mit

Fragebögen (siehe »Die Dunkle Triade messen«,

oben). Sie gehen davon aus, dass die dunklen We­

senszüge in uns allen liegen, nur in unterschied­

lichem Ausmaß. Demnach gibt es auch nicht den

Machiavellisten oder die Narzisstin, denn die

Grenzen sind fließend. Was den subklinischen

Narzissten oder Psychopathen von seinem pa­

thologischen Pendant unterscheidet, ist unter

anderem seine gute Alltagstauglichkeit. Wäh­

rend Menschen mit Persönlichkeitsstörungen