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WOLFGANG BLÜMEL

Die aiolischen Dialekte


Phonologie und Morphologie
der inschriftlichen Texte aus generativer Sicht

V~N D E H OEC K & RU PR EC HT IN GÖ ITI NG E N


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Ergänzungshefte zur Zeitschrift für vergleichend e Sprachfo rschung


Nr. 30

Herausgegeben von
Claus Haebler und Günter Neumann

Bayerische
Staatabib\iothek
Mond\en

Cl J>- Kun tttelau(nahme der Deutschett Bibliothek


8/üme/, Wol(gang:
Die aiolische Dialekte : Phonologie u. Morphologu~ d. m>Chnftl. Texte
aus generJuver Steht I Wolfgang Blume!.- Conmgcn :
Vandc:nhocck und Ruprecht, 1982.
( Ergänzungshc:fte zur Zenschrift fiir vergletchende Spr3chrorschung ;
Nr. 30)
ISBN 3·525·26218·3
NE: Zenschrift fiir vergletchendc Sprachforschung nuf dem Gcbtct
der tndogcrmanischcn Sprache I Ergänzungshefte

Als Habllitationsschrift
auf Empfehlung der Philosophischen Fakultät der Universität zu
Köln gedruckt mit Untersrünungder Deutschen Forschungsgemeinschaft

~ Vandenhoeck & Ruprecht in Görringen 1982 - Primt-d in Germany-


Ohne ausdrücklid1e Genehmigung des Verlages ist es nicht gestartet, das
Buch oder T eile daraus auf foro· oder akusromechanischem Wege zu
vervielfältigen. - Druck : Huberr & Co., Görtingen

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VORWORT

Im Herbst 1976 wurde von der Philosophischen Falrultät der Universität zu Köln
eine frühere Version des vorliegenden Buches als Habilitationsschrift angenommen.
Die damalige Fassung bestand aus einem analytischen Teil, der Phonologie, Mor·
phologie und Wortschatz der inschriftlichen Oberlieferung der aiolischen Dialekte
enthielt, und einem Materialteil, in dem die bis in Jüngste Zeit publizierten In-
schriften der aiolischen Dialekte gesammelt und durch Glossare und Konkordan-
zen erschlossen waren . Von einer Veröffentlichung des Inschriftenkorpus habe
ich Abstand genommen, teils aus Kostengründen, teils weil sich mir keine Mög-
lichkeit bot, die Verläßlichkeit der publizierten Lesungen durch eine Autopsie
zu überprüfen, nicht zuletzt aber auch, weil von Berufeneren , Epigraphikern des
Ln- und Auslands, Sammlungen der Inschriften ftir Teilbereiche der aiolischen
Dialekte angelegt und kontinuierlich durch Neufunde, Revision früherer Lesun-
gen und Diskussion unsicherer Lesungen ausgebaut werden. Das Fehlen einer um-
fassenden Neuedition der aiolischen Dialektinschriften kann allerdings durch bi-
bliographische Hinweise auf verbesserte Lesungen von in den lnscriptiones Grae-
cae publizierten Inschriften und eine Liste der in dem vorliegenden Buch zitier-
ten, nicht in den Inscriptiones Graecae enthaltenen Inschriften, wie ich sie im
Registerteil beigefügt habe, nur unvollkommen kompensiert werden. Die Glossare
jedoch, ein wichtiges Arbeitsinstrument flir die weitere
, Forschung, sollen dem-
nächst an anderer Stelle veröffentlicht werden .
Aus dem analytischen Teil der älteren Fassung habe ich die Untersuchung des
Wortschatzes der aiolischen Inschriften herausgenommen ; sie soll unter Einbe-
ziehung auch der literarischen und der lexikographischen Überlieferung zu einem
späteren Zeitpunkt publiziert werden. Hier wird nunmehr das Kernstück meiner ~
Untersuchungen, die Laut- und Formenlehre der aiolischen Dialektinschriften ,
der Öffentlichkeit vorgelegt. Die Drucklegung hat sich durch mancherlei Ums~n­
de, auf die ich teilweise keinen Einfluß hatte, stark verzögert, aber ich nahm die
Gelegenheit wahr, das Manuskript einer eingehenden Überarbeitung zu unterzie-
hen, bei der die bis Ende 1979 erschienene Literatur zu den hier zur Diskussion
stehenden sachlichen Problemen eingearbeitet werden konnte. Unverändert blieb
lediglich das in der Einleitung erläuterte methodisch-theoretische Konzept, das in
seinem Entwurf auf das Jahr 1975 zurückgeht. Jüngel'e Strömungen der Phono-
logie, etwa in der Abstraktheitsdebatte, Gegenströmungen wie die "natural pho-
nology" und Strömungen außerhalb des Modells der gene rativen Grammatik, auch
im Bereich der Morphologie, konnten nicht mehr beriiicksichtigt werden.
Für Ratschläge und fördernde Kritik in verschiedenem Stadien der Entstehung
dieses Buches habe ich meinem Lehrer, Jürgen Untermann, ferne r Marga Reis,
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Reinhold Merkelbach, Hansjakob Seiler und Heinz Vater zu danken. In beson-


derem Maße flihle ich mich verpflichtet Anna Morpurgo-Davies (Oxford), die m
eine Fülle wertvoller Hinweise und Anregungen zuteil kommen ließ, und Bruno
Helly (CNRS), der mir eine eingehende Konsultation der von ihm und C. Wol-
ters und V. von Graeve erstellten Dokumentation der thessalischen Inschriften
ermöglichte und mich auf zahlreiche revidierte Lesungen und eine Reihe unver·
öffentlichter Inschriften aufmerksam machte. Alle Informationen, die ich die-
sem Dossier verdanke,• sind durch die Abkürzung GHW kenntlich gemacht. Die
genannten Kolleginnen und Kollegen haben mich vor manchem Irrtum bewahrt
aber es ist überflüssig zu betonen, daß ich für alle verbleibenden Mängel, Ver-
säumnisse und Fehlinterpretationen allein die Verantwortung trage.
• Ich möchte nicht versäumen, an dieser Stelle auch der Deutschen Forschungs-
gemeinschaft, die mir Jahre unbeschwerter Forschungstätigkeit durch ein Stiper
dium ermöglichte und die Drucklegung dieses Buches durch einen Zuschuß unt•
stützte, meinen Dank auszusprechen.

Köln, im Dezember 1980 W. Blümel

PS. Es ist mir eine angenehme Pflicht, einen weiteren Dank auszusprechen: an.läß-
lich eines Besuches im Institut Femand-Courby, Lyon, im Frühjahr 1982 zeigte
sich Paul Roesch so großzügig, mir das Manuskript seines kurz vor der Veröffent-
lichung stehenden Buches "Etudes beotiennes" sowie weitere Ergebnisse seiner Fo
schungen über boiotische Inschriften zugänglich zu machen. Noch während der
Drucklegung dieses Buches konnte ich dadurch eine Anzahl von falschen Lesun·
gen eliminieren und revidierte Lesungen berücksichtigen.

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INHALTSVERZEICHNIS

A. EINLEITUNG

1. Gegenstand und Ziel der Untersuchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17


§ 1. Forschungsgeschichte. Neuer Ansatz. § 2. Materialbasis. § 3. Be-
schränkung auf Phonologie und Morphologie.

2. Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19

2.1 Theoretischer Rahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19


§ 4. Vorzüge der generativen Grammatik.

2.2! Das Problem der Abstraktheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20


§ 5. Abstraktheilsdebatte (Kiparsky). § 6. Beispiel aus dem Sanskrit.
§ 7. Überlegenheit der abstrakten Analyse. § 8. Historische Evidenz.

2.31 Synchrone und diachrone Regelfolge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22


§ 9. Beziehungen zwischen Geschichte und synchroner Grammatik. § 10.
Regelordnung und Geschichte. § 11. Regelordnung und neue Regeln.

2.4 Historische Evidenz und synchrone Grammatik . . . . . . . . . . . . 23


§ 12. Verwendung historischer Evidenz als hewistisches Prinzip. § 13.
Rechtfertigung.

2.5 Phonologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
§ 14. Repräsentationsebenen. § 15. Reihenfolge der (Anwendung der)
phonologischen Regeln. § 16. Generative Phonologie und Dialekto logie.
§ 17. Kritik. § 18. Neuansatz. § 19. Schwächen.§ 20. Anwendung auf
die Beschreibung der aiolischen Dialekte.

2.6 Morphologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
§ 21. Generative Morphologie.

B. PHONOLOGISCHER TEIL

3. Phonemsystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
3.1 Matrix der distinktiven Merkmale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
§ 22. Vokale und Gleitlaute. § 23. Konsonanten.

3.2 Probleme der graphischen Repräsentation . . . . . . . . . . . . . . . . 32


§ 24. Archaisches und ionisches Alphabet. Zeit der Einführung. § 25. Spu·
ren des archaischen Alphabets in Thessalien im 4. Jhdt . § 26. Schreibung
von Vokalen. Schreibung rt/ w statt et/ou in Thessalien. § 27. Schreibung

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von Diphthongen. § 28. Schreibung von Konsonantenfolgen: /ks/ , /ps/.


§ 29. s vor Konsonant im Thessalischen. § 30. s vor Konsonant im Boio-
tischen. § 31. Schreibung flir /zd/. § 32. Schreibung von geminierten
Gleitlauten. § 33. Schreibung von geminierten Konsonanten. § 34. t und
u statt 'Y und fJ im Boiotischen.

4. Phonologische Regeln : Vokale . . . . . . . . . . . . . . . 38


4.1 Hebung von Vokalen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . • • • • • • • • 38
§ 35. Hebung von Vokalen im Boiotischen und Thessalischen .

4 .1.1 Hebung von Vokalen im Boiotischen . . . . . . . . . . . . . . • 0 • 0 • 39


§ 36. Hebung /e:/-+ (~ : )im Boiotischen. § 37. Vokalsystem mit vier
Graden von Vokalhöhe. § 38. Phonologische Regel. § 39. Unsicherheiten
der Orthographie: et und 1'1· § 40. Hebung /~ :/ -+ (i: ). § 41. Hebung /e/ -+
1~1 = t vor Vokal. § 42. Schreibung e statt , im Südwesten Boiotiens.
§ 4 3. Beurteilung der graphischen Inkonsequenzen.

4 .1.2 Hebung von Vokalen im Thessalischen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43


§ 44. Hebung /e:/ -+ (~: ) , /o:/-+ (<?:)im Thessalischen. § 45. Hebung
/e/ -+ ( ~}vor Vokal in Teilbereichen des Thessalischen.

4.1.3 Hebungstendenzen im Lesbischen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44


§ 46. Tendenzen zur Hebung /e:/ -+ [«?:) = et. Sekundäres («?:)= inschr.
et. handschr. 1'1· § 47. Schreibung u statt o im Lesbischen.

4.2 Divergierende Vokalqualitäten • • 0 • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • 46


§ 48. Wandel (i > e) nach (r) im Thes.salischen der Pelasgiotis. § 49. Wech-
sel e/a nach (r) im Boiotischen. § 50. Kiarion/Kierion. § 51. Frontierung
(o > e) im Thessalischen der Histiaiotis. § 52. Gleitlauteinschub im Boiot i-
schen: cou statt ou. § 53. Wechsel u/o: ä.m.i, 'YiiiV!Aat, ÖIIV!J.a . § 54. Wechsel
u/o im Boiotischen von Lebadeia. § 55. Wechsel e/a: ''A.pre!Atr;., iep<k
§56. Wechsel o/a: öv/ä.va. §51. Wechsel o/a: Zahlwörter. §58. Wechsel
e/o: hrl/orr. § 59. Zusammenfassung und Beurteilung.

4 .3 Kürzung von Langvokalen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53


4.3. 1 Kürzung vor Sonorant + Obstruent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
§ 60. Kürzung von Langvokalen vor Sonorant + Obstruent (Osthoffs Ge-
setz). § 61. Anwendungsbeispiele.

4 .3.2 Kürzung vor einem Gleitlaut am Wortende . . . . . . . . . . . . . . . 54


§ 62. Kürzung von Langvokalen vor einem Gleitlaut am Wortende im
Boiotischen.

4 .4 Devokaljsierung von /i/ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55


§ 63. Devokalisierung von /i/ im Thesaalischen: Beschreibung. § 64. Ober-
sicht über die Beleglage im Thessalischen. § 65. Devokalisierung von / i/ im
Lesbischen. § 66. Vermeintliche Zeugnisse flir eine Devokalisierung von
/i/ im Lesbischen. § 66. Vermeintliche Zeugnisse flir eine Oevokalisierung
von /i/ im Boiotischen. § 67. Zusammenfassung: Verbreitung der Devoka-
lisierung von /i/ in den aiolischen Dialekten.

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4.5 Tilgung von kurzen Vokalen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59


§ 68. Verschiedene Tilgungen kurzer Vokale im Thessalischen.

4.6 Kontraktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
4.6.1 Kontraktion gleicher Vokale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
§ 69. Kontraktion gleicher Vokale.

4.6.2 Kontraktion ungleicher Vokale • 0 • 0 • 0 0 0 • 0 0 • 0 0 • • • • • • • • • 60


§ 70. Kontraktion /a:o :/, /a :o/ - (a: ) im Lesbischen und Thessalischen.
§ 71. Unregelmäßigkeiten der Kontraktion von /a:o :/, /a:o/. § 72. Un-
gleiche Vokale bleiben sonst unkontrahiert.

4.7 Monophthongierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
§ 73. Übersicht über Monophthongierungsprozesse in den aiolischen Dia-
lekten.
4.7 .1 Monophthongierung im Boiotischen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
§ 74. Monophthongierung /ey/ - (~ : )- [i: ). § 75. Monophthongierung
/ow/ - [u:1. § 76. Monophthongierung /oy/ - (ü:l. Delabialisiemng
(ü: I -t. (i: I in Lebadeia und Khaironeia. § 77. Monophthongierung /ay/
... I~: I· . .
4.7.2 Monophthongierung im Thessalischen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
§ 78. Monophthongierung /ey/ - (~ : ), /ow/ ... (q : ).

4.7.3 Fehlen von Monophthongierung im Lesbischen . . . . . . . . . . . .. 69


§ 79. Fehlen von Monophthongierung im Lesbischen.

4.8 Diphthongreduktion im Lesbischen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69


§ 80. Reduktion von i-Diphthongen vor /y/. § 81. Anwendungsbeispiele
/ey/ ... (~ : ). § 82. Anwendungsbeispiele /ay/ - (a: I· § 83. Anwendungs·
beispiele /oy/ - (o: I·

4.9 Bildung neuer Diphthonge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73


§ 84. Entstehung neuer Diphthonge durch phonologische und morpholo-
gische Prozesse. § 85. i-Epenthese im Lesbischen. § 86. Fälschliehe Schrei-
bung vo n i-Diphthongen im literarischen Lesbisch. § 87. i-Diphthonge vor
1 + Obstruent.

4.10 Metathese . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
§ 88. Metathese: Beschreibung. § 89. Diskussion.

5. Phonologische Regeln: Gleitlaute . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78


5.1 Gleitlautassimilation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
§ 90. Assimilation von /h/ . § 91. Assimilation von /w/. § 92. Anwendungs-
beispiele.
5.2 Gleitlauttilgung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
5.2.1 /w/ arn Wortanfang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
f 93. Befund der lesbischen Inschriften. § 94. Befund der lesbischen
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Lyrik. § 95. Entwicklung von /w/ am Wortanfang im Thessalischen und


Boiotischen. § 96. Reflex von /hw/ im Boiotischen.

5.2.2 IwI im Wortinnem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85


§ 97. Tilgung von /w/ im Wortinnem.

5.2.3 IYI im Wortinnern ............................... 86


§ 98. Tilgung von /y/ zwischen Vokalen.

5.2.4 IYI am Wortende . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87


§ 99. Tilgung von /y/ nach einem langen Vokal am Wortende im Les.
bischen und Thessalischen.

5.2.5 /hl am Wortanfang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88


§ 100. Uneinheitlicher Befund für /h / am Wortanfang im Thessalischen.
§ 101. Fehlen von /h/ am Wortanfang im Lesbischen. § 102. Existenz
von / h/ am Wortanfang im Boiotischen.
5.2.6 /hl im Wortinnem • • • • • • • • • • • • • • • • • • 0 • • • • • • 0 • 0 • • • 92
§ 103. Tilgung von /h/ zwischen Vokalen.

5.2.7 Anwendungsbeispiele flir Gleitlauttilgung • • • • 0 • 0 • 0 0 0 0 0 • • 0 92


§ 104. Anwendungsbeispiele flir Gleitlauttilgung.

6. Phonologische Regeln: Sonanten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93


6.1 Sonant plus ly I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
6.1.1 Palatalisierung und Gerninierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
§ 105. Palatalisierung und Geminierung von Konsonanten durch fyf.

6.1.2 Depalatalisierung im Lesbischen und Boiotischen ......... . 94


§ 106. Aufhebung der Opposition zwischen palatalisierten Nasalen. § 107.
Depalatalisierung von /11/. § 108. Kontextbedingte Depalatalisierung pala-
talisierter Sonanten. § 109. Anwendungsbeispiele. § 110. Anwendungsbei-
spiele aus dem literarischen Lesbisch. § 111. Spuren flir geminierte Sonan-
ten nach /a/ und /o/ im Lesbischen.
6.1.3 Palatalisierte Geminaten im Thessalischen . . . . . . . . . . . . . . . . 98
§ 112. Palatalisierte geminierte Sonanten nach /e/, /i/, /u/ im Thessa-
lischen. § 113. Palatalisierte geminierte Sonanten nach /a/, /o/ im Thessa-
lischen (zumindest) der Pelasgiotis.

6.2 Sonant plus lsl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101


6.2.1 Zugrundeliegende Folgen im Wortinnem . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
§ 114. Beschreibung der Regeln flir die Ableitung von zugrundeliegenden
Folgen von Sonant und /s/ im Wortinnem . § 115. Anwendungsbeispiele.
§ 116. Erhaltene Folgen von Sonant und fs/ in Reliktformen.

6.2.2 Zugrundeliegendes lnsl am Wortende und abgeleitetes lnsl . . . . 104


§ 117. Befund: Beschreibung der Vorkommensfalle von zugrundeliegen-
dem /ns/ am Wortende und der Entstehung von sekundärem /ns/. § 11 8.

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Bisherige Erklärungsversuche. § 119. Neuansatz. § 120. Anwendungsbei-


spiele. § 121. Diskussion des Lösungsversuchs.

6.3 /s/ plus Sonant . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109


§ 122. Entwicklung der zugrundeliegenden Folge von /s/ und Sonant.

6.4 Lexikalisierte Resultate aus Assimilationsprozessen . . . . . . . . . . 110


§ 123. Belege flir die Opposition lesb.thess. ,geminierter Sonant' : boiot.
,Langvokal + Sonant' als Resultat von Assimilationsprozessen.

7. Phonologische Regeln : Obstruenten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111

7.1 Obstruent plus /yI . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111


7 .1.1 Palatalisierung und Geminierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
§ 124. Palatalisierung und Geminierung von Obstruenten dwch fyf.

7 .1.2 DeiJalatalisierung im Lesbischen und Boiotischen . . . . . . . . . . . 112


§ 125. Depalatalisierung palatalisierter Labiale. § 126. Neutralisierung,
Transformation und Depalatalisierung palatalisierter Velare und Dentale.
§ 127. Schreibung t flir die Fortsetzung von /dy/, /gy/ auf lesbischen
lnschrüten. § 128. Schreibung a6 flir /zd/ und die Fortsetzung von /dy/,
/gyI in der Oberlieferung der literarischen Texte des Lesbischen. § 129.
Interpretation des Befundes: lesb. t = (zd) im Wortinnern, [dz) am Wort-
anfang. § 130. Anwendungsbeispiele.

7.1.3

Palatalisierte Geminaten im Thessalischen • • • • • • • • • • • • • • • • 118
§ 131. Diskussion der Beleglage. § 132. Indirekte Argumente flir die
Frage der Fortsetzung palatalisierter Verschlußlaute im Thessalischen.
§ 133. Zw Palatalliierung von /th/: der Name der Thessaler. § 134. Pala-
talis.ierte Sibilanten. § 135 . Zusammenfassung.

7.2 Assibilation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126


§ 136. Assibilation im Lesbischen. § 13 7. Dialektologische Interpretation .
§ 13 8. Anwendungsbeispiele. § 139. Assibilatio n vor /u/ .

7.3 Entwicklung von /s/ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128


§ 140. Sonorisation. § 141. Abschwächung. § 142. Anwendungsbeispiele.
7.4 Assimilationsprozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130
j 143. Stimmassimilation zwischen Obstruenten. § 144. Hauchassimila-
tion . § 145. Assimilation zwischen Verschlußlaut + Verschlußlaut.
~ 146. Assimilation zwischen dentalem Verschlußlaut und dentalem
Dauerlaut § 147. Assimilation (st -+ tt) im Boiotischen? § 148. Assimi-
h tion zwischen Verschlußlaut + Nasal.

7.5 Dissimilationsprozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134

7.5.1 Hauchdissimilation . . . . . . . . . . . . . .. ..... . . . ........ 134


l 149. Hauchdissimilation : Beschreibung. § 150. Datierung. § 151. An-
vendungsbeispiele.

11
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7.5.2 Dissimilation von dentalen Verschlußlauten ..... . ......... .11 37


§ 152. Dissimilation von dentalen Verschlußlauten.

7.6 Tilgungsprozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .J.3 8


§ 153. Tilgung in Konsonantengruppen: /Cts .... Cs/. § 154. Tilgung in
sonstigen Konsonantengruppen. § 155. Tilgung an der Wortgrenze: Ver-
schlußlaute am Wartende. § 156. Tilgung an der Wortgrenze: Geminaten.
§ 157. Tilgung an der Wortgrenze: Sonant + /s/.

8. Akzentregel: Akzentverschiebung im Lesbischen . . . . . . . . . . . 139


§ 158. Akzentverschiebung im Lesbischen.

C. MORPHOLOGISCHER TEIL

9. Methodische Vorbemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141


9.1 Morphologische Kategorien und ihre Merkmale . . . . . . . . . . . . 141
§ 159. Aufstellung der für die Beschreibung der aiolischen Dialekte rele-
vanten morphologischen Kategorien. Kategorie Dual nur im Boiotischen
belegt.

9.2 Morphologische Klassen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142


§ 160. Verbalklassen. § 161. Nominalklassen.

10. Flexion des Verbums . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143


10.1 Morphologische Regeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
10.1.1 Tempusstämme • • • • • 0 0 • • 0 • 0 • • • • • • • • • • 0 • • • • • • • • • 143
§ 162. Lexikalisch definierte Tempusstämme. § 163. Morphologische
Prozesse bei der Bildung der Tempusstämme: Reduplikation. Augmen-
tation. Themavo kal. § 164. Bildung von Tempusstämmen durch Suff1Xe.

10.1.2 Bildung der Modusstämme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14e


§ 165. Bildung der Modusstämme. § 166. Der Ausgang der 3. Sg.Konj.
Kurzvokalische Konjunktive des s-Aorists im Lesbischen. § 167. Der
"aiolische" Optativ.

10.1.3 Genus . ............. .. ........................ l SJ


§ 168. Charakterisierung von Aktiv, Medium-Passiv und Passiv.

10.1.4 Endungen .................................... . 15:


§ 169. Endungsreihen. § 170. Bemerkungen zu einzelnen Endungen.
§ 171. Aspiriertes " in den Endungen der 3. PI. im Thessalischen und
Boiotischen: Hauchversetzung. § 172. Deaspirierte Endungen. § 173.
Kritik der Erklärung durch Hauchversetzung. Neuer Erklärungsversuch.
§ 174. -et, -ew statt -at in Verbalendungen im Thessalischen von Larisa:
Monophthongierung. § 175. Andere Erklärungsversuche. § 176. Offene
Fragen.§ 177. Imperativendungen der 3. PI. Befund.§ 178. Erklärungs-
versuch und Kritik.

12
00046245

..
10.2 Prasens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163
10.2.1 Verbalklasse I: Thematische Verben • • • • • • • • • • 0 • • • • • • • 0 163
§ 17 9. Beispiele flir die Ableitung einzelner Formen. § 180. Belege.

10.2.2 Verbalklasse II : Athematische Verben mit Stammauslaut -e,


·ä, -ö . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167
§ 181. Flexionstypen. § 182. Ableitungen: Flexionstyp opiATI~'· § 183.
Divergierende Formen. § 184. Flexionstyp Mcx?]w. § 185. Flexionstyp
op~ew im Boiotischen. § 186. Diskussion. Schwierigkeiten der Beurtei-
lung indirekter Zeugnisse über athematische Flexion im Boiotischen.
§ 187 . Belege: Athematische Flexionstypen: opiA11~1.. § 188. Athema·
tische Flexionstypen: T4t.ä~t. § 189. Athematische Flexionstypen : aTe·
opO.vw~ § 190. Thematische Flexionstypen: a6cx1]w. § 191. Thematische
Flexionstypen: op~ew, TIJ.law, aTeopa.vow.

10.2.3 Verbalklasse lll: Athematische Verben mit Präsensreduplikation . 178


§ 192. Stammbildung. § 193. Ableitungen. § 194. Belege.

10.2.4 Verbalklasse IV: Sonstige athematische Verben • • • • 0 • • 0 • • • • 182


§ 195. opä~J.r.. § 196. Übrige Verben.

10.2.5 Verbalklasse V: Verbum substantivum . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183


§ 197. Belege.

10.3 Imperfekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185


10.3.1 Verbalklasse I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
§ 198. Belege.

10.3.2 Verbalklasse ll .................................. 185


§ 199. Belege.

10.3.3 Verbalklasse V ...... ....... .. .. ................. 186


t 200. Belege.

10.4 Aorist . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186

10.4.1 Aorist 1: Verbalklassen 1- Il (s·Aorist) ... .. . ............ 186


i 201. Beschreibung. Morphophonematische Prozesse bei konsonantisch
tuslautenden Verbalstämmen der Verbalklasse I. § 202. Aorist de.r Ve.r ba
ruf -66w im Boiotischen. § 203. Aorist der entsprechenden Verba im
Thessalischen. § 204. Aorist der Verba auf -tw im Lesbischen . § 205.
Aorist der Verba auf lesb. -aaw, boiot. -TTw. § 206. Zusammenfassung.
! 207. Verbalklasse 11. Aoristbildungen mit /ss/ im Lesbischen und Boi-
mischen . § 208. Belege.

10.4.2 Aorist 1: Verbalklasse lU {k- und s-Aorist) . . . . . . . . . . . . . . . 194


§ 209. Stammbildung, Ablaut, SufflXe. § 210. Herausbildung der athema-
t:schen Sekundärendung /en/ im Thessalischen: Ausga.ng -aev/-ar.ev.
§ 211. Belege.

13
00046245

10.4.3 Aorist 1: SufflXloser, "alphathematischer" Aorist . . . . . . . . . . . 200


§ 212. Belege.

10 .4 .4 Aorist II . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200
§ 2 13. Athematische und thematische Aoriststämme. § 214. Belege für
Formen des thematischen Aorists.

10 .4 .5 Aorist Passiv . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202


§ 215. Stammbildung. § 216. Ableitungen. § 217. Belege.

10.5 Futur .......... : . . . : . ... . .. ·................ _ . 205



10.5.1 Verbalklassen 1- 111 • • • • • • • • • • 0 • • • • • 0 0 • • 0 • 0 • • • 0 • • • • 205
§ 218. Belege.

10. 5.2 Verbalklasse V . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207


§ 219. Belege.

10.5.3 Futur Passiv ...... .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207


§ 220. Belege.

10.6 Perfekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207


§ 221. Belege.

10.7 Plusquamperfekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208


§ 222. Belege.

10.8 Infinite Formen ... ...... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 208

10 .8. 1 Infmitiv . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ..... 208


§ 223. Infmitivendungen. Befund in den aiolischen Dialekten. § 224. Ver-
teilung der Endungen im Thessalischen. § 225. Endungen im literarischen
Boiotischen. § 226. Belege: Präsens. § 227. Aorist I. § 228. Aorist U.
§ 229. Aorist Passiv. § 230. Futur. § 231. Futur Passiv. § 232. Perfekt.
..
10.8.2 PartlZlp . . . 0 0 • • • 0 0 0 0 0 • • • 0 • • • • • • • • • 0 • 0 0 0 0 • • • • • • • 2 16
§ 233. Stammbildung. Ableitung von Formen des Nom.Sg. § 234. Diver-
genzen: Thematisch gebildete Partizipien von Verben mit Stammauslaut
-i im Thessalischen der Thessaliotis. Erhaltung von stammauslautendem
/e:/ in einigen Formen im Lesbischen und Thessalischen. Stämm e des
Partizips des Verbum substantivum. § 235. Diskussion: Thess. orpaTa·
-yeowrot:;, KowarJelvTovrJ, e'lvreoot.. § 236. Belege: Präsens. § 237. Aorist
I. § 238. Aorist ll. § 239. Aorist Passiv. § 240. Futur. § 241. Futur
Passiv. § 242. Perfekt.

11 . Flexion des Nomens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229


11 .1 Morphologische Regeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
§ 243. Endungen der Nominalklasse I (Vokalische Stämme). § 244. Endun·
gen der Nominalklasse U (Nicht-vokalische Stämme).

11.2 Nominalklasse I: Vokalische Stämme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230


14
00046245

11.2. 1 a-·Stä"mme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230


§ 245. Stammbildung. § 246. Analyse der Formen und Belege. § 247.
Diskussion: Nom.Sg. der mask. ä-Stämme. § 248. Gen.Sg. der mask.
ä -Stämme. § 249. Gen.Pl. der ä-Stämme.
11 .2.2 o -Stämme. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238
§ 250. Analyse der Formen und Belege. § 251. Herleitung des Ausgangs
des Gen.Sg. § 252. Verteilung der Ausgänge /-oyyo/ und /-o:/ im Thessa-
lischen. § 253. Der Ausgang des Dat.Sg.-§ 254. Der Ausgang des Dat.Pl.

11 .3 Nominalklasse II : Nicht-vokalische Stämme . . . . . . . . . . . . . . . 24 8


11.3.1 Stämme auf Verschlußlaut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248
§ 255. Analyse der Formen und Belege
11.3.2 Stämme auf /s/ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. .... 251
§ 256. Regeln zur Ableitung der Oberflächenformen. § 257. Neutrale
s-Stämme I Substantive. § 258. Adjektive.

11.3 .3 Stämme auf Sonant . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252


11.3.3.1 Stämme auf /r/ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252
§ 259. Stämme mit langem Sufflxvokal. § 260. Stämme mit kurzem
Suffocvokal.
11.3.3.2 Stämme auf /n/ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254
§ 261. Stämme mit langem Suffocvokal. § 262. Stämme mit kurzem
Suffocvokal.

11.3.4 Stämme auf /e: w/ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255


§ 263. Analyse der Formen und Belege. § 264. Wechsel zwischen langem
und kurzem Suffocvokal.

11 .3.5 Stämme auf /i/ und /u/ .... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ... .. 258


11.3.5.1 Stämme auf /i/ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258
§ 265. Analyse der Formen und Belege. § 266. Bemerkungen.

11.3.5.2 Stämme auf / u/ (Substantive und Adjektive) . . . . . . . . . . . . . . 259


§ 267. Analyse der Formen und Belege. § 268. Stamm auf /u:/.

11 .3.6 Stamm auf /o:/ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .... . 260


§ 269. Analyse der Formen und Belege.
11.3.7 Die Endung des Dat .Pl . der nicht-vokalischen Stämme ....... 260
§ 270. Formen auf -a~o § 27 1. Indirekte Zeugnisse ftlr die vorhistorische
Endung /si/. Der Ausgang des Dat.Pl. der s-Stämme.
12. Flexion des Pronomens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264
12.1 Demonstrativpronomen • 0 • • • 0 • • • • • • • • • • • • • 0 • 0 0 0 • • • • 264
12.1.1 Pronomen od ro . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264
§ 272. Lesbisch. § 273. Thes.salisch. § 274. T ot in Pharsalos: Nom.Pl.
oder Dat.Sg.? § 275. Boiotisch.

15
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12.1.2 Sonstige Demonstrativpronomina . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266


§ 276. Lesbisch. § 277. Thessalisch. § 278. Boiotisch.

12.2 Personalpronomina o a • o o o o o o o o o o o o o o o o o o o o o o o o 0 o • o 267


§ 279. Belege.

12.3 Reflexivpronomina . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267


§ 280. Lesbisch . § 281. Thessalisch. § 282. Boiotisch.

12.4 Possessivpronomina . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268


§ 283. Belege.

12.5 Interrogativ- und lndefl.nitpronomina . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268


§ 284. Lesbisch. § 285. Thessalisch. § 286. Boiotisch.

12.6 Relativpronomen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270


§ 287. Lesbisch und Thessalisch. § 288. Boiotisch.

13. Numeralia • • • • • • • • 0 • 0 0 • • • • • • • • • • • • • 0 • • • • • • • • • • 0 271

13.1 Kardinalia 0 • 0 0 • • 0 • • • 0 • 0 • • • 0 • • • • • • • 0 0 • • 0 • • • • • • 0 0 271


§ 289. Belege.

13.2 Ordinalia . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 274


§ 290. Belege.

D. REGISTER

I. Textmaterial . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276
1.1 Verbesserte Lesungen und Re-editionen von IG-Inschriften . . . . 276
1.1.1 Lesbische Inschriften. 1.1.2 Thessalische Inschriften. 1.1. 3 Boioti-
sche Inschr iften.

1.2 Nach den IG publizierte Inschriften • • • • • • • • • • • • 0 • • 0 • 0 • • 281


1.2. 1 Lesbische Inschriften. 1.2.2 Thessalische Inschriften. 1.2.3 Boiotische
Inschriften.

1.3 Verzeichnis der Abkürzungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 290


1.3.1 Inschriftliche Texte. 1.3.2 Literarische Texte.

II. Sekundärliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 292


Verzeichnis der Sekundärliteratur und ihrer Abkürzungen.

Ill. Indices . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 302


111.1 Verzeichnis der diskutierten Textstellen . . . . . . . . . . . . . . . . . 302
111.2 Verzeichnis der zitierten Wortformen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 304

16
00046245

A. EINLEITUNG

I. Gegenstand und Ziel der Untersuchung

§ l. Altgriechische Dialekte sind in der Neuzeit bereits seit der Mitte des vorigen
Jahrhunderts Gegenstand zahlreicher und umfangreicher Untersuchungen gewesen.
Die Beschreibung dieser Dialekte, wie sie sich etwa in den Standardwerken von
Bechtel und Thumb-Scherer niederschlägt, hat sich jedoch stets darauf beschränkt,
die charakteristischen Merkmale eines jeden Dialekts aufzuzählen und auf Grund
von historischen, geographischen, sprachvergleichenden und sprachhistorischen
Oberlegungen eine Gliederung in drei oder vier Hauptgruppen zu versuchen.
Bei dem Vergleich der altgriechischen Dialekte untereinander mit dem Ziel, ihre
Gemeinsamkeiten und Unterschiede festzustellen, hat man jeweils einzelne, flir
besonders charakteristisch gehaltene Erscheinungen (Vorkommen und Entwick-
lung einzelner Laute oder Lautgruppen, Vorhandensein oder Fehlen morpho·
logischer Elemente, Verbreitung lexikalischer Einheiten) gegenübergestellt und
ihre Verteilung oder Entwicklung zum Kriterium der Klassifikation gemacht.
Auch die jüngeren, an sprachgeographischen Methoden orientierten Arbeiten sind
noch nicht so weit fortgeschritten, daß sie in größerem Stil diese auf isolierte
Merkmale ausgericMete Betrachtungsweise verlassen und sich die Erkenntnisse
der strukturalistischen Sprachwis.senschaft zu eigen gemacht haben, die ,Sprache'
als ein in sich geschlossenes System defmiert und den Vergleich isolierter Eie·
mente aus verschiedenen sprachlichen Systemen ohne Berücksichtigung der Stel·
lung dieser Elemente in dem zugehörigen System als methodisch unzulässig ver-
wirft. Nun trifft es ohne Zweifel zu, daß die mangelhafte Überlieferung der grie·
chischen Dialekte ihrer vollständigen und systematischen Beschreibung beträcht-
liche Hindernisse in den Weg legt, aber es erscheint doch der Versuch legitim,
zwei oder mehr Dialekte so umfassend wie möglich zu beschreiben und anschlie-
ßend zu vergleichen, indem den Elementen des einen Systems die entsprechen·
den Elemente des anderen Systems gegenübergestellt werden. Erst dadurch wird
es möglich, die die Dialektforschung interessierenden Fragen, wie z.B. die nach
dem Umfang der Gemeinsamkeiten, dem Ausmaß und der Natur der Divergen-
zen zwischen verwandten Dialekten oder die nach dem Grad der Verstehbarkeit
von Dialekten untereinander, zu beantworten.
In der vorliegenden Untersuchung soll nun erneut versucht werden, die Gruppe
der aiolischen Dialekte grammatisch zu beschreiben und die übereinstimmungen
und Unterschiede zwischen den Einzeldialekten festzustellen. Im Rahmen dieser
Zielsetzung wurden hinsichtlich des zu berücksichtigenden Materials und des Um-

2 Bliimel, Die aiolischen Dialekte 17


00046245

fangs der grammatischen Beschreibung bestimmte Einschränkungen getroffen , die


im folgenden näher begründet werden sollen.

§ 2. Das sprachliche Material, das die Grundlage flir die vorliegende Untersuchung
bildet, bleibt in der Regel auf die durch Inschriften überlieferten Texte beschränk
weil unter den Quellen, die flir eine Untersuchung der altgriechischen Dialekte in
Betracht kommen, die epigraphischen Dokumente noch am ehesten verläßliche In·
formation bieten. Der Wert nicht-epigraphischen Materials (literarische Texte,
Kompendien antiker Grammatiker, Glossare, Zitate und Anspielungen antiker
Dichter) wird durch verschiedene Faktoren - Probleme der Überlieferung, Zwei-
fel an der Authentizität, Schwierigkeiten der chronologischen Einordnung - be-
trächtlich gemindert. Daher kann nur nach einer gründlichen Untersuchung der
inschriftlichen Texte und einer umfassenden Beschreibung des sprachlichen Mate-
rials, das sie bieten, beurteilt werden, ob bestimmte grammatische oder lexika-
lische Erscheinungen, die an literarischen Texten beobachtet werden, einem Dia-
lekt zugewiesen werden können oder nicht. Das Interesse gilt hier also vornehm-
lich den Inschriften, andere Quellen werden nur zur Ergänzung herangezogen.
lm Sinne dieser Einschränkung wird nicht der Anspruch erhoben, die Standard-
werke der griechischen Dialektologie in Bezug auf das Aiolische entbehrlich ge-
macht zu haben; nach wie vor sind aus ihnen vor allem ftir die Diskussion um
die historische Einordnung einzelner lexikalischer Einheiten aus der nicht-epi-
graphischen Oberlieferung aufschlußreiche Informationen zu gewinnen. Die Re-
levanz der hier vorgenommenen grammatischen Darstellung wird jedoch von
dem nicht-berücksichtigten Material nicht beeinträchtigt.
Unter den aiolischen Dialekten werden, in Obereinstimmung mit der bereits auf
die Antike zurückgehenden Tradition und als Arbeitshypothese, die Dialekte Les-
bisch, Thessalisch und Boiotisch verstanden. Inschriften dieser Dialekte sind über-
liefert flir das Lesbische auf den Inseln Lesbos, Nasos und Tenedos, in der klein-
asiatischen Aiolis sowie in einigen Städten Kleinasiens außerhalb der Aiolis, flir
das Thessalische in Thessalien in den Gebieten Pelasgiotis, Perrhaibia, Thessaliotis,
Histiaiotis, Tetras Phthiotis, Magnesia und - in geringer Anzahl - Achaia Phthiotis,
für das Boiotische in Boiotien und in Oropos. Die geographische und die chrono-
logische Einordnung dieser Inschriften stützt sich zunächst auf extralinguistische
(epigraphische, archäologische, historische, kunsthistorische) Evidenz ; gegebenen-
falls werden linguistische Argumente in die Diskussion eingebracht.

§ 3. Die sprachwissenschaftliche Arbeit an einer toten Sprache unterscheidet sich


insofern von der Arbeit an einer lebenden Sprache, als das zur VerfUgung stehende
Korpus beschränkt, mit Überlieferungsproblemen belastet und hinsichtlich sainer
Grammatikalität unbewertet ist. Die Problematik, die sich aus dieser besonderen
Situation für den Linguisten ergibt, ist bereits von verschiedener Seite diskutiert
und beurteilt worden 1 ; im vorliegenden Fall wird die Schwierigkeit, eine vdJstän-
1 Cf. Seiler (1971 : 89), Lakoff (1968 : 2ff.), lsenberg (1965 : 160ff.), Egli (1973: 2lf.).

18
00046245

dige Grammatik zu erstellen, noch dadurch vergrößert, daß das Korpus aus einer
rel;ativ kleinen Anzahl von Texten teilweise geringen Umfangs besteht, die dar-
übcer hinaus auch noch von häufig wiederkehrenden, formelhaften Satzmustern
geprägt sind. Im Hinblick auf diese besondere Situation habe ich mich entschlos-
sen, die Beschreibung der aiolischen Dialekte auf den phonologischen und mor-
ph10logischen Bereich zu beschränken und den syntaktischen Teil vorläufig aus-
zuklammern.

2. Methode
2.1 Theoretischer Rahmen
§ 4. Für die grammatische Beschreibung der aiolischen Dialekte wird die Theo-
rie der generativen Grammatik zugrunde gelegt, die die Ansprüche, die heute vor
allem innerhalb der deskriptiv-synchronen Sprachwissenschaft an eine linguistische
Theorie gestellt werden, am adäquatesten erflillt. Gegenüber der sogenannten tra·
ditionellen Grammatik liegen die Vorzüge der generativen Grammatik nicht etwa
in einer neuen Technik der Beschreibung sprachlicher Fakten, sondern vielmehr
in ihrer Fähigkeit, die innere Struktur einer Sprache und ihr Funktionieren ex-
plizit zu machen. Ausgehend von einer breiten theoretischen Basis ist sie in der
Lage, sprachliche Phänomene zutreffend und umfassend zu beschreiben und zu
erklären . Durch die formalisierte Darstellungsweise wird ein höherer Grad an
Klarheit und Präzision erreicht. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint eine neue
Darstellung von zum Teil wohlbekannten Fakten gerechtfertigt.
Der Anspruch der generativen Grarnmatiktheorie, herkömmlichen Sprachtheorien
wissenschaftstheoretisch und methodisch überlegen zu sein, ist von verschiedener
Seite diskutiert und begründet worden und soll hier nicht weiter theoretisch aus-
gefUhrt werden ; vielmehr soll versucht werden, durch praktische Erprobung eine
Rechtfertigung zu liefern. Die vorliegende Untersuchung versteht sich nicht als
Exemplifizierung der generativen Grarnmatiktheorie, vielmehr dient ihr das Mo-
dell der generativen Grammatik als Instrument zur Beschreibung eines gegebenen
sprachlichen Materials. Damit soll nicht ausgeschlossen werden, daß gewisse sprach-
liche Fakten, die hier erörtert werden , ihre Rückwirkung auf die Theorie haben
können, aber das primäre Interesse gilt der Erstellung einer Grammatik, nicht
der Darstellung der ihr zugrunde liegenden Theorie. Daher will ich mich im fol-
genden darauf beschränken, zunächst zwei Fragenkomplexe aus dem Bereich der
generativen Phonologie zu diskutieren, die für die vorliegende Arbeit von beson-
derer Bedeutung sind, nämlich das Problem der Abstraktheit zugrundeliegender
Repräsentationen und das Verhältnis zwischen synchroner und diachroner Regel-
folge, und dann das methodische Konzept der generativen Grammatik in den hier
relevanten Teilbereichen der Sprachbeschreibung (Phonologie und Morphologie)
skizzieren.
19
00046245

2.2 Das Problem der Abstraktheit


§ S. P. Kiparsky hat 1968 zum ersten Mal die Frage gestellt, wie abstrakt zu-
grundeliegende phonologische Repräsentationen sein dürfen, und damit eine Dis-
kussion innerhalb der generativen Linguistik 2 in Gang gesetzt, die bis heute ruoch
nicht abgeschlossen ist. Das entscheidende Problem, zu dem immer wieder ne ue
Argumente und Gegenargumente vorgebracht werden, ist die Frage nach der Na-
tur der abstrakten phonologischen Einheiten und der Art der Beziehungen zwi-
schen der Ebene der systematischen phonologischen Repräsentation und der Ebe-
ne der systematischen phonetischen Repräsentation.
Es ist ein fester Bestandteil der sprachwissenschaftlichen Methodik und braucht
hier nicht weiter ausgeführt zu werden, daß im Falle einer regelmäßigen, d.h.
durch Regeln bestimmten, Alternation in der Oberflächenebene die Alternanten
auf einer abstrakter.en Ebene der Analyse als verschiedene Realisierungen eines
systematischen Segments angesehen und durch eine zugrundeliegende Form re-
präsentiert werden, von der sie durch phonologische Regeln abgeleitet werden.
Auf diese Weise werden die Bedingungen für die Alternation explizit gemacht
und bestimmte Phänomene, die in der Oberflächenebene als irregulär und anomal
erscheinen, dadurch einer Erklärung zugeführt, daß ihre Regelmäßigkeit auf einer
abstrakteren Ebene aufgezeigt wird .
Bei der Bestimmung der abstrakten zugrundeliegenden Repräsentation sind allein
Einfachheits- und Plausibilitätsüberlegungen entscheidend, d.h. es muß die Form
als zugrundeliegend ausgezeichnet werden, die eine einfache und plausible Ablei-
tung der Alternanten ermöglicht. Wenn das erreicht wird, ist die Wahl eines be-
stimmten, genau defmierten abstrakten Segments nicht willkürlich und trickreich,
sondern durch die Wirkungen, die es in der abgeleiteten Repräsentation, also der
Oberflächenebene, zeigt, hinreichend motiviert.
In den meisten Fällen wird die Analyse ergeben, daß eine solche Form als zu-
grundeliegend ausgewählt wird, die sich nicht von einer der Alternanten unter-
scheidet. Ob es jedoch methodisch auch zulässig ist, die Alternanten von einer
zugrundeliegenden Form abzuleiten, die mit keiner von ihnen identisch ist oder
kein phonetisches Äquivalent auf der Oberflächenebene hat, ist in den letzten
Jahren ausführlich diskutiert worden, ohne daß ein Konsensus erreicht worden
wäre. Die Positionen, die von den verschiedenen Linguisten eingenommen wer-
den, unterscheiden sich nach dem Grad der als zulässig erachteten Abstraktheit,
also der Abweichung der abstrakten zugrundeliegenden Repräsentation von der
korrespondierenden phonetischen. Während auf der einen Seite die Möglichkeit
offengelassen wird, bei einer grammatischen Beschreibung in der zugrundeliegen-
den Repräsentation phonologische Elemente anzusetzen , die in keiner direkten
Weise auf der phonetischen Ebene realisiert werden, wird auf der anderen Seite

2 Kiparsky (1968b, 1971, 1973b), Kisseberth (1969), Hyman (1970), Brame (1972), Vago
(1973), Schane (197 3: 78ff.), Mayerthaler (197 4: 5 3ff., 78ff.).

20
00046245

eine solche Annahme als unnötig und durch die Theorie der generativen Gram-
matik nicht zu rechtfertigen kritisiert und daher verworfen. Ein vielzitiertes Bei-
spiel aus dem Sanskrit mag die Kontroverse verdeutlichen.

§ 6. Von einem synchronischen Standpunkt aus gesehen wird im Sanskrit [k] vor
einigen [ a1zu [~1 palatalisiert, vor anderen nicht. Eine mögliche und plausible
Lösung, die der [k] "' [c] Alternation Rechnung trägt, bestünde darin, zugrunde-
liegendes /e/ anzusetzen und durch eine phonologische Regel zugrundeliegendes
/k/ vor /e/ in [c] überzuführen. Durch eine spätere Regel würden sämtliche /e/
unabhängig vom Kontext in [a) verwandelt, da phonetisches [e] im Sanskrit
nicht vorkommt {abstrakte Lösung). Kiparsky lehnt die Möglichkeit einer sol-
chen absoluten Neutralisation ab und schlägt stattdessen vor, fli.r alle phonetischen
[a] zugrundeliegendes /a/ anzusetzen. Er stellt dann eine allgemeine Regel auf,
durch die [k) vor [a] zu ( c] palatalisiert wird, und weist allen (k], die nicht pala-
talisiert werden, ein diakritisches Merkmal zu, das sie als Ausnahme von der Pala-
talisations-Regel kennzeichnet (konkrete Lösung).
ln der Beurteilung dieser beiden in Bezug auf ihre deskriptive Adäquatheit gleich-
wertigen Analysen ist die konkrete Lösung Kiparskys jedoch deshalb geringer zu
bewerten als die abstrakte,
( 1) weil sie unnatürlich ist: Palatalisierung vor [a) ist kein natürlicher Prozeß ;
(2) weil sie ad hoc und arbiträr ist; es ist keine eindeutige Entscheidung darüber
zu erzielen, ob die lexikalischen Einheiten mit einem Merkmal zu versehen
sind, die die Palatalisations-Regel durchlaufen, oder eher die, die von ihrer
Anwendung ausgeschlossen bleiben sollen;
(3) weil sie nicht so einfach wie möglich ist: zur Ableitung der Oberflächenfor-
men sind mehr Regeln erforderlich als bei der abstrakten Lösung;
(4) weil sie explanativ inadäquat ist : sie versäumt es, die Bedingungen, unter
denen es zu einer Oberflächenalternation kommt, explizit zu machen.

§ 7. In der Diskussion um die Abstraktheil der zugrundeliegenden Repräsentation


hat man sich jedoch nicht darauf beschränkt, die Unzulänglichkeit konkreter
Lösungen zu kritisieren, sondern auch neue Beispiele herangezogen, die eine ab-
strakte Analyse rechtfertigen und ihre Überlegenheit deutlich machen 3 . So hat
z.B. Brame ( 1972) in einer Untersuchung des Maltesischen gezeigt, daß erst durch
die Aufstellung eines abstrakten Segments in der zugrundeliegenden Repräsenta-
tion eine Erklärung verschiedener Ausnahmeerscheinungen in der Oberflächen-
ebene möglich wird . Darüber hinaus ist es ihm gelungen, die lautlichen Merkmale
dieses abstrakten Segments, das in der Oberflächenebene keine phonetische Ent-
sprechung hat, exakt zu bestimmen und damit den Nachweis dafür zu erbringen,
daß abstrakte Segmente nicht lediglich den Status von arbiträren, diakritischen
Symbolen haben, sondern in ihren phonologischen Eigenschaften genau definier-
3 Cf. u.a. Kisseberth (1969), Hyman (1970), Schane (1973).

21
00046245

bar sind. Die Argumentation gipfelt in der Forderung, daß abstrakte, d.h. sich in
der Oberflächenebene nicht manifestierende, Segmente und absolute Neutrali-
sierung in die Theorie der generativen Grammatik mit einbezogen werden müssen,
weil nur dann bestimmte Lösungen der Forderung nach Natürlichkeit, Plausibili·
tät, Erklärungsadäquatheit und psychischer Realität gerecht werden können.

§ 8. Ein weiterer Gesichtspunkt der Abstraktheilsdebatte gewinnt für die vorlie-


gende Untersuchung besondere Bedeutung. Brame hat darauf hingewiesen, daß
alle Argumente für die Auffmdung und nähere Bestimmung seines abstrakten
Segments "X" sich auf synchrone phonetische Daten stützen, aber nachträglich
aus der Geschichte des Maltesischen zusätzliche Unterstützung gewinnen. Es fallt
nämlich sofort auf, daß "X" in einem Element aus einem chronologisch früheren
Stadium der Sprache sein direktes Korrelat fmdet. Eine solche Beobachtung ist
weder überraschend - wenn man bedenkt, daß synchrone Alternationen in einer
Sprache häufig Spuren historischer konditionierter Lautwandel sind - noch neu,
aber je mehr diese Korrespondenzbeziehung zwischen synchroner und diachroner
Evidenz durch Beispiele belegt wird, desto häufiger wird sie als weiteres Argu·
ment für die höhere Bewertung und schließlich auch flir die Realität der abstrak-
ten Lösung herangezogen.

2.3 Synchrone und diachrone Regelfolge


§ 9. Die Grundanschauungen der generativen Grammatik über die Art der Bezie-
hungen zwischen der Geschichte einer Sprache und ihrer synchronen Grammatik
sind schon in Halles grundlegendem Aufsatz formulie rt worden :
..It has been proposed here that the prirruzry mecltanism of phonological change is the addi-
tion o[ ru/es to the grammar with specißl (a/though not exclusive) preference for the addi-
tion of single ru/es at the ends of different SUbdivisions of the grammar. Jf we now assume
that ru/es are added always singly and always at a given spot in the grammar, then it follows
that the synchronic order of the rules will reflect the relative chronology of their appearance
in the longuage. Moreover, under this condition the proposed simplicity criterlon can be used
as a tool for inferrlng the history of the longuage, for it al/ows us to reconstruct various
stages of a language even in the absence of external evidence such as is provided by written
records or by bo"owings in or from other languages." (HaUe 1962: 347).

§ 10. Diese Annahme ist seitdem von verschiedenen Seiten 4 modiftZiert und prä-
zisiert worden, aber auch heute noch von einer sicheren Fundierung weit entfernt.
Bislang scheint festzustehen, daß die Regeln in der synchronen Grammatik einer
Sprache dann die relative Chronologie historischer Prozesse in dieser Sprache re-
kapitulieren, wenn sie geordnet sind und wenn keine Veränderungen des Regel-
umfangs, der Regelordnung (durch Umordnung), der Anzahl der Regeln (durch
Zusammenfall oder Verlust von Regeln) oder der zugrundeliegenden Repräsen-
4 Cf. Kiparsky (1965 , 1968a, 1970, 1971 ), Schane (1973: 83, 9lf.), King (1969).

22
00046245

tation (durch Restrukturierung) eingetreten sind. Die hinzugefügten neuen Regeln


werden in der Grammatik nämlich nur so lange beibehalten, wie eine synchrone
Notwendigkeit für sie besteht, denn andernfalls würde eine Grammatik durch
die Anhäufung neuer Regeln immer umfangreicher und komplizierter und die
betreffende Sprache immer weniger für die Kornmunikation geeignet werden. So-
bald eine Regel keine synchrone Motivation mehr hat, führt sie zu einer Restruk·
turierung, indem entweder die Veränd erungen, die sie bewirkt, in die zugrunde-
liegende Repräsentation inkorporiert werden und die Regel verschwindet oder in·
dem die Regel mit anderen Regeln zusammenfallt und die Grammatik dadurch
vereinfacht wird 5 .

§ 11. Wie staik die Diskussion in diesem Bereich aber noch zwischen extremen
Positionen schwankt, wird daian deutlich, daß auch eines der wesentlichen Kon-
zepte der generativen Grammatik, durch das der Isomorphismus zwischen der
chronologischen Abfolge von Lautwandeln und der sequentiellen Ordnung von
Regeln der Grammatik gestört werden konnte, in Zweifel gezogen worden ist.
Während man früher davon ausgegangen war, daß im Falle einer sprachlichen
Veränderung die neue Regel prinzipiell an jeder Stelle der Grammatik, also auch
vor bereits bestehende Regeln , eingefUgt werden konnte, hat King (1973) zu zei-
gen versucht, daß sämtliche Beispiele, die bisher für einen Regeleinschub in der
Mitte der Grammatik herangezogen wurden, u.a. auf falschen Analysen beruhen
und von falschen Annahmen über die Prinzipien, die die Richtung von Regelum-
ordnungen bestimmen, ausgehen. Er kommt zu dem Schluß, daß neue phono-
logische Regeln nur an einer Stelle der Grammatik hinzugefügt werden können :
am Ende der Folge der phonologischen Regeln, aber vor den phonetischen Re-
geln.

2.4 Historische Evidenz und synchrone Grammatik


§ 12. In der Diskussion über das Problem der Abstraktheil der systematischen
phonologischen Repräsentation und die Ordnung von phonologischen Regeln in
einer generativen Grammatik hat sich in zunehmendem Maße gezeigt, daß histo-
rische Evidenz als Prüfstein für die Natürlichkeit und Plausibilität aufgestellter
Regeln und Regelfolgen, als Kriterium für die Entscheidung zwischen alternativen
Beschreibungen synchroner Fakten und als Maßstab für die Bewertung der psy-
chischen Realität und Adäquatheil einer Grammatik herangezogen wird und da-
mit zum Bestandteil des heuristischen Verfahrens der deskriptiv-synchronen
Sprachwissenschaft geworden ist 6 • Unter historischer Evidenz werden dabei Da-
5 Es ist zu beachten, daß Restrukturierung sich insofern von einer Vereinfachung der Spra·
ehe unterscheidet, daß sie keine Veränderung der Sprache involviert, sonde.m lediglich die
Substitution einer unnötig komplizierten Grammatik durch eine einfachere, die dieselbe
Sprache erzeugt.
6 Cf. Kiparsky (1968n, 1970), Hock (1974), Andersen (1969), Dressler-Grosu (1972: 21),
Wurzel (1975 : 261f.).

23
00046245

ten verstanden, die der Grammatik eines früheren Stadiums der Sprache entnom-
men sind 7, sei es, daß diese Grammatik auf direkten Zeugnissen basiert, sei es,
daß sie durch Rekonstruktion erschlossen ist. Zwar scheint die Verwendung histo-
rischer Evidenz in einer synchronen Grammatik mit der Forderung nach metho-
discher Konsistenz nicht vereinbar zu sein, aber wenn es vorkommt, daß Regeln,
Regelordnung und Repräsentationsebenen einer strikt nach synchronen Prinzi-
pien aufgestellten Grammatik historische Prozesse, die chronologische Abfolge
dieser Prozesse und die Elemente, die an diesen Prozessen beteiligt sind, mit einer
Genauigkeit reflektieren, die nicht mehr nur auf Zufall beruhen kann, dann er-
scheint es legitim, in einer Umkehrung des von Halle vorgeschlagenen Einfach-
heitskriteriums historische Daten als heuristisches Prinzip bei der synchronen Be-
schreibung toter und unvollständig überlieferter Sprachen zu verwenden , für die
kein native speaker als Infonnant zur Verfugung steht. In diesem Sinne werden
in der vorliegenden Untersuchung Konstrukte der historisch-vergleichenden Sprach
wissenschaft, nämlich systematisch-phonologische Segmente und Merkmale der
rekonstruierten indogennanischen Grundsprache, als Kriterium ftir die Angemes-
senheit der systematisch erschlossenen Fonnen und für die Bewertung alterna-
tiver Möglichkeiten der Beschreibung, schließlich auch als zusätzliche lnfonna-
tion bei mangelnder synchroner Evidenz herangezogen. Sie ennöglichen damit
im Hinblick auf eine möglichst umfassende Grammatik der aiolischen Dialekte
Generalisierungen und Einsichten in Regularitäten, die ohne sie auf Grund des
unvollständigen Materials nicht zu erzielen gewesen wären.

§ 13. Die Verwendung von Forschungsergebnissen der historisch-vergleichenden


(indogennanischen) Sprachwissenschaft in einer Untersuchung, in der die Theorie
der generativen Grammatik zugrunde gelegt werden soll, mag den Einwand her-
vorrufen, es würden verschiedene Methoden und Ziele der Sprachbeschreibung
in unzulässiger Weise vennengt. Aber die Diskussion über das Problem der Ab-
straktheit von phonologischen Repräsentationen und den häufig beobachteten
Parallelismus zwischen synchroner und diachroner Regelordnung hat die engen
Beziehungen zwischen der Geschichte einer Sprache und ihrer synchronen Gram-
matik zu einem gegebenen Zeitpunkt deutlich hervortreten lassen . Die Zusam-
menhänge zwischen Grammatik und Sprachveränderung, zwischen der logisch-

7 Eine solche Präzisierung ist gegenüber Einwänden wichtig, wie sie z.B. Mayerthaler (I 974 :
56) vorgebracht hat : eine Identität von historisch belegten und zugrundeliegenden For-
men dürfe schon aus methodischen Gründen nicht gefordert werden, denn historisch be-
legte Formen stellten grundsätzlich Oberflächenformen dar, zugrundeliegende Formen
aber abstrakte Einheiten der phonologischen Tiefenstruktur. Aber erstens wird eine solche
Identitätsforderung überhaupt nicht erhoben, sondern es werden lediglich Übereinstim-
mungen festgestellt, und zweitens werden diese Übereinstimmungen nicht zwischen histo-
risch belegten und zugrundeliegenden Formen, sondern zwischen den phonologischtn Re-
präsentationen historisch belegter Formen und zugrundeliegenden Formen festgeste[t. Die
fllr die Gegenüberstellung herangezogenen Elemente haben also denselben Grad an ,\b-
straktheit.

24
00046245

strukturellen und der historischen Seite des Sprachsystems hat z.B. Wurzel {1975 :
26 2) folgendermaßen formuliert :
,.Jede stattfindende Sprach veränderung setzt eine ganz bestimmte Konstellation von syn·
chron·grammatischen Regularitäten voraus, so dilß man von einer eingetretenen Veränderung
auf eine ganz bestimmte Form dieser Regularitäten vor der Veränderung schließen kann.
Diese Form der Regularitäten ist durch ein unabhängiges Kriterium, den Verlauf der Sprach·
geschichte, als die Form ausgewiesen, in der die Grammatiken der SprecherjHörer, in denen
sich ja die Sprachveränderungsprozesse vollziehen, tatsächlich gespeichert sind. Die so er·
mirreiten grammatischen Regular/täten haben also ,.psychologische Realität". Andere mög-
liche Formen der Regularitäten, bei deren Voraussetzung die eingetretenen Sprachverände·
run.gen nicht erk/iirbar sind, werden ®mit ausgeschlossen. "

2.5 Phonologie
§ 14. In der vollständigen generativen Grammatik einer gegebenen Sprache ist es
Aufgabe der phonologischen Komponente, den in der syntaktischen Komponente
erzeugten Oberflächenstrukturen eine phonetische Repräsentation zuzuweisen.
Zwischen diesen beiden Komponenten liegt die morphologische Komponente,
in der, wie weiter unten ausführlicher erläutert wird, den Wörtern eines Satzes
die richtige Flexionsform zugewiesen wird.
Der Aufbau der phonologischen Komponente und die mit der phonologischen
Analyse verknüpften Probleme sind von anderer Seite (z.B. Schane 1973, Mayer-
thaler 1974, Hyman 1975) ausführlich dargestellt worden und sollen hier nicht
rekapituliert werden. Im Hinblick auf die Ziele, die in der vorliegenden Unter·
suchung verfolgt werden, soll nur fUr drei Fragenkomplexe eine Standortbestim-
mung vorgenommen werden : die Aufstellung zugrundeliegender Repräsentationen,
die Ordnung der phonologischen Regeln und die Anwendung der generativen Pho-
nologie auf die Dialektologie.
Zugrundeliegende phonologische Repräsentationen sind eine Abstraktion aus syn-
chron beobachtbaren, regelmäßigen phonologischen Alternationen auf der Oberflä-
chenebene (cf. § Sff.). Falls keine Alternation vorliegt, ist die zugrundeliegende
Repräsentation mit ihrer Oberflächenform identisch. Für die Erstellung der zu-
grundetiegenden Repräsentation gelten die Kriterien der Einfachheit und der ex-
planativen Stärke: es wird jeweils die Form als zugrundeliegend ausgezeichnet,
die eine Erklärung der auf der Oberflächenebene alternierenden Formen durch
Regularitäten auf der abstrakten Ebene, eine einfache Ableitung der alternieren-
den Formen durch phonologische Regeln und die Beschreibung signiflkanter Pro-
zesse durch diese Regeln ermöglicht. Als zusätzliches Hilfsmittel werden mit ge-
wissen Einschränkungen (cf. § 12ff.) auch diachrone Evidenzen herangezogen.

§ lS. Die phonologischen Regeln, durch die die Oberflächenformen von ihrer
zugrundeliegenden Repräsentation abgeleitet werden, sind in der Reihenfolge
ihrer Beschreibung im phonologischen Teil dieser Arbeit geordnet nach dem Typ
25
00046245

der involvierten phonologischen Prozesse. Hinsichtlich der Reihenf<?lge ihrer An-


wendung gilt das Prinzip der intrinsischen Regelordnung (Koutsoudas/Sanders/
Noll 1974): phonologische Regeln sind ungeordnet. Die relative Reihenfolge ihrer
Anwendung unterliegt entweder keinen Restriktionen Qede Regel muß auf jede
Repräsentation angewendet werden, die ihre strukturelle Beschreibung erfüllt)
oder sie ergibt sich aus der Form der Regeln gemäß dem universellen Prinzip der
proper inclusion precedence:
.,For any representation R, which meets the structural descriptions of each of two rules
A and B, A takes applicational precedence over B with respect to R if and only if the struc·
tural description of A properly includes the structural descriprion of B. "

§ 16. Die Prinzipien für die Anwendung der generativen Phonologie auf die Dia-
lektologie wurden im wesentlichen bereits von Halle (I 962: 343) bestimmt :
.,Since grammars consist of ordered sets of Statements, differences among grammars are due
to one or both of the fo/lowing: (a) different grammars may contain different rules; (b) dif
ferent grammors may have differently ordered rules. "
Seitdem haben sich zwei verschiedene Methoden der Erforschung von Dialekten
herausgebildet:
(I) Man geht davon aus, daß die Grammatiken der zu beschreibenden Dialekte
dieselben zugrundeliegenden Formen haben. Die Grammatik ein es Dialekts
wird als Ausgangspunkt genommen, um die Grammatik eines verwandten
Dialekts durch Hinzuftigung, Tilgung oder Umordnung einer im Verhältnis
zur Gesamtgrammatik kleinen Anzahl von Regeln zu beschreiben. Der Grad
der Verschiedenheit von Dialekten stellt sich dar in der Anzahl u nd der Art
solcher Regelveränderungen (Saporta 1965, Vasiliu 1966, Saltarelli 1966,
Kiparsky 1971).
(2) Für jeden Dialekt werden unabhängig vollständige Grammatiken aufgestellt
und erst anschließend einem Vergleich im Hinblick auf Gemeinsamkeiten
und Unterschiede unterzogen. Gemeinsamkeiten sind daran erkennbar, daß
die verglichenen Grammatiken einige Regeln gemeinsam haben; Unterschiede
manifestieren sich darin, daß die verglichenen Grammatiken dieselben Regeln
in verschiedener Ordnung haben, daß eine Grammatik zusätzlich e Regeln hat
oder daß beide Grammatiken völlig verschiedene Regeln haben (Becker 1967,
King 1969).

§ 17. Beide Methoden sind fli.r eine adäquate Beschreibung von Dialekten unzu-
länglich: die erste, weil sie in unzulässiger Weise voraussetzt, daß Dialekte sich
nicht in den zugrundeliegenden Formen unterscheiden , und nicht nur ausschließt,
äaß in einem der Dialekte gegenüber dem anderen eine Restrukturierung der zu-
grundeliegenden Repräsentation eintritt, sondern offensichtlich auch, daß ein Dia-
lekt allein nicht ohne Rekurs auf einen anderen beschrieben werden kann, die
zweite, weil es innerhalb der gegenwärtigen Theorie der generativen Grammatik

26
00046245

keine Basis gibt, die es ermöglichte, unabhängig voneinander aufgestellte Gram-


matiken verschiedener Dialekte zu vergleichen . Weiterhin wurde mehrfach (Camp-
bell 1971 , Campbell 1972, Markey 1973, Green 1974, Luelsdorff 1975) gezeigt,
daß in den frühen Arbeiten zur generativen Dialektologie die Mannigfaltigkeit der
dialektalen Variation und der ihr zugrundeliegenden generativen Prozesse weit
unterschätzt wird. Mit dem engen formalen Rahmen von einheitlichen zugrunde-
liegenden Repräsentationen und bestimmten wenigen Typen von Veränderungen
gemeinsamer Regeln kann eine ganze Reihe von dialektologischen Erscheinungen
nicht adäquat beschrieben werden. Die Kritik an den Konzepten der sechziger
Jahre hat aber zunächst nur auf die Problematik der Untersuchungen von sprach-
licher Variation und ihre theoretischen lmplikationen aufmerksam gemacht, aber
noch keine Methodik flir praktische Untersuchungen bereitgestellt. 1m Rahmen
der noch nicht abgeschlossenen Diskussion will ich im folgenden die Position dar-
legen, auf Grund deren ich die Beschreibung der aiolischen Dialekte vornehmen
will. ln einer Reihe von entscheidenden Punkten befmde ich mich dabei in Ober-
einstimmung mit dem Deskriptionsmodell, das Newton {1972) seiner Untersu-
chung neugriechischer Dialekte zugrunde gelegt hat; weitere Hinweise habe ich
Saltarelli (1966), Thomas {1967) und Green (1974) entnommen.

§ 18. Dialektvielfalt entsteht durch die ungleichmäßige räumliche Ausbreitung


von sprachlichen Veränderungen in einem ursprünglich mehr oder weniger ein-
heitlichen Sprachgebiet. Ziel einer Untersuchung dieser Dialektvielfalt zu einem
bestimmten Zeitpunkt ist darm nach der Feststellung der aus der ursprünglichen
Einheitlichkeit verbliebenen Gemeinsamkeiten die Rekonstruktion des Ausgangs-
punkts der Veränderung und die Beschreibung der Veränderungen selbst. Die Re-
konstruktion geschieht auf Grund von intradialektalen und interdialektalen Evi-
denzen und kann nur so weit gehen, wie es diese Evidenzen zulassen und wie es
zur Beschreibung dieser Evidenzen notwendig ist. Der rekonstruierte Ausgangs-
punkt - im vorliegenden Fall das "Proto-Aiolische" - wird als die zugrundelie-
gende Repräsentation bezeichnet. Sie ist den untersuchten Dialekten gemeinsam,
sofern nicht in einem oder mehreren Dialekten Restrukturierungen eingetreten
sind. Der Verlauf der Veränderungen, die zu der dialektalen Variation geführt
haben, wird durch phonologische und morphologische Regeln spezifiZiert, die
auf der zugrundeliegenden Repräsentation operieren und sie in dialektspezifische
Oberflächenformen überfUhren. Innerhalb einer Ableitung von einer einheitlichen
zugrundeliegenden Repräsentation sind die beteiligten Regeln den einzelnen Dia-
lekten gemeinsam, bis ein Punkt erreicht ist, an dem eine Verzweigung in dia-
lektspezifische Regeln eintritt. Art und Umfang der Gemeinsamkeiten der Dia-
lekte sind auf diese Weise an dem gemeinsamen Regelsystem vor der Verzwei-
gung erkennbar; die divergierenden Eigenschaften einzelner Dialekte und ihre
Richtung werden durch die Regeln nach der Verzweigung beschrieben. Gleichzei-
tig wird der Grad der Verwandtschaft durch die Position der Verzweigung in der
Ableitungsgeschichte definiert. Ein höherer Grad an Divergenz wird entweder

27
00046245

dadurch bestimmt, daß die phonetische Gestalt eines gemeinsamen lexikalischen


Eintrags in einzelnen Dialekten durch eine verschiedene oder eine größere oder
geringere Anzahl unterschiedlicher Regeln abgeleitet wird, oder dadurch, daß
identische oder verschiedene Regeln auf dialektspezifischen zugrundeliegenden
Repräsentationen operieren.

§ 19. Im Hinblick auf die erwähnten theoretischen Schwierigkeiten ist es offen-


kundig, daß dieses Verfahren Schwächen hat und eine Reihe von Fragen offen-
läßt. Die Interpretation von Dialektvielfalt als Resultat von Veränderungen einer
ursprünglich einheitlichen Sprache ist eine historische Interpretation, die zwar
intuitiven Annahmen über die Natur von Dialekten entspricht, aber von metho·
disch anfechtbaren Voraussetzungen ausgeht. Die Annahme, daß die Grammati-
ken aller Dialekte einer Sprache dieselben oder fast dieselben zugrundeliegenden
Repräsentationen gemeinsam haben, ermöglicht zwar ihre Vergleichung, gerät abe1
im Falle von Restrukturierungen in Widerspruch zu der Forderung nach Einfach-
heit und psychologischer Realität. Das umgekehrte Verfahren, unabhängige, in
sich geschlossene Grammatiken mit eigenen zugrundeliegenden Formen und einem
eigenen Regelsystem für jeden der Dialekte aufzustellen, entspricht den Kriterien
der Einfachheit und psychologischen Realität, ist aber nicht mehr in der Lage,
eine adäquate Beschreibung der Beziehungen zwischen den Dialekten zu geben.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt es in der generativen Grammatiktheorie kei·
nen Weg, der aus diesem Dilemma zwischen Vergleichbarkeit und Systemimma-
nenz, zwischen Vergleichung und methodisch konsistenter Beschreibung heraus-
fUhrt. Es fehlt an einem Formalismus, der in die Lage versetzt, Regelkonfigura-
tionen aus verschiedenen Grammatiken hinsichtlich der Art ihrer Beziehungen
und Unterschiede zu vergleichen und die Vergleichbarkeit in Form von d.iskreten
Einheiten und Strukturen zu beschreiben. Wenn ein solcher Formalismus, der
von einigen Forschern auch als Metagrammatik bezeichnet wird , einmal gegeben
ist, werden unabhängig aufgestellte Grammatiken mit psychologisch realen zu-
grundeliegenden Formen vergleichbar sein in Termen rekurrenter Korresponden-
zen zwischen semantisch verwandten lexikalischen Einheiten und anderen Ein-
heiten der Grammatik. Die Adäquatheil der Sprachbeschreibung ist gewährleistet
unabhängig von der Vergleichung und die Vergleichung findet ihre Basis in einer
expliziten Formalisierung. In einen solchen Rahmen sind dann auch Begriffe wie
Verwandtschaft, gegenseitige Verstehbarkeil oder Natur und Ausbreitung von
Lautprozessen einzuordnen.

§ 20. Abschließend sollen einige Aspekte des hier zugrundegelegten Verfahrens,


die die praktische Anwendung auf die aiolischen Dialekte betreffen, kurz gestreift
werden. Die Forderung, die Grundlage und den Bereich der Rekonstruktion der
zugrundeliegenden Repräsentatio n auf dialektinterne Evidenzen zu beschränken,
bringt es mit sich , daß nur Eigenschaften beschrieben werden, die den aiolischen
Dialekten zukommen oder die sich in Unterschieden innerhalb der a.iolischen Dia·

28
00046245

lekte manifestieren. Merkmale, die flir die aiolischen Dialekte als spezifisch und
charakteristisch angesehen werden, sich aber nur auf Grund von Vergleichung mit
anderen griechischen Dialekten oder indogermanischen Sprachen spezifizieren las-
sen, können nicht berücksichtigt werden. So lassen sich auf der Basis des Aioli-
schen allein keine Argumente fli.r die Erschließung von Sonantischen Liquiden
und Nasalen oder von Labiovelaren im Proto-Aiolischen gewinnen. Auch eine
Reihe von lexikalischen Einheiten, denen das Prädikat aiolisch auf Grund exter-
ner Evidenz (Aiolismen bei Horner, Grammatikerberichte, literarische Belege) zu-
gewiesen wird, ist hier nicht behandelt. Auf der anderen Seite jedoch kann eine
erschöpfende Beschreibung von Dialekten nicht auf die Feststellung der Gemein-
samkeiten dieser Dialekte verzichten. Dazu gehören dann auch Erscheinungen wie
die Hauchrnetathese, die Vokalkünung nach Osthoffs Gesetz oder morphologische
Prozesse wie die Reduplikation, auch wenn sich ihre Verbreitung nicht auf die
aiolischen Dialekte beschränkt.

2.6 Morphologie
§ 21. Bei der Beschreibung der Morphologie einer Sprache wird unterschieden
zwischen der Wortbildungsmorphologie, die Regeln flir die Kornposition und
Derivation neuer Wörter enthält, und der Flexionsrnorphologie, die den Wörtern
eines Satzes die richtige Flexionsform zuweist und sie fli.r die phonologische Inter-
pretation vorbereitet. Die Darstellung beschränkt sich im folgenden auf die Fle-
~onsrnorphologie; die Diskussion der semantischen und syntaktischen Probleme,
ohne deren Klärung eine umfassende Beschreibung der Wortbildungsmorphologie
einer gegebenen Sprache nicht möglich ist, soll einer späteren Untersuchung vor-
behalten bleiben.
Die Regeln der morphologischen Komponente operieren auf voll spezifizierten
syntaktischen Strukturen; ihre Resultate dienen als Eingabe zu den phonologischen
Regeln. Daraus ergibt sich, daß die morphologische Komponente einer Grammatik
im Prinzip nur im Zusammenhang mit der syntaktischen und phonologischen Kom-
ponente adäquat beschrieben werden kann. Soweit mir bekannt ist, ist die syn-
taktische Komponente weder für die aiolischen Dialekte noch überhaupt flir das
Standard-Altgriechische bisher umfassend beschrieben worden. Dieses Versäumnis
soll auch an dieser Stelle nicht behoben werden ; ich gehe im folgenden von der
Voraussetzung aus, daß eine syntaktische Oberflächenstruktur vorliegt, die die
lexikalischen Einheiten in Form von phonologischen Merkmalmatrizen und sämt-
liche für die Satzstruktur und damit auch für die korrekte morphologische Form
'
der Wörter relevanten Informationen in Form von nicht-phonologischen Merkmal-
spezifikationen enthält.

In diesen Merkmalspezifikationen sind verschiedene Typen von Merkmalen für die


Kennzeichnung der grammatischen Kategorien vertreten : (1) Basisregeln inhärente
Merkmale für Numerus der Nomina oder Tempus und Modus der Verben, (2)

29
00046245

durch Kasuszuweisungs- und Kongruenztransformationen eingeführte Merkmale


für Kasus bei Nomina und Adjektiven, Numerus bei Verben und Adjektiven, Ge-
nus bei Adjektiven oder Person bei Verben, (3) lexikalisch-inhärente Merkmale
fiir die Zugehörigkeit eines Verbums oder Nomens zu einer bestimmten Flexions-
klasse, das grammatische Genus eines Nomens oder die Diathese eines Verbums.
Merkmale der ersten beiden Typen ergeben sich aus der semantisch-syntaktischen
Struktur, in der das betreffende Wort erscheint, während Merkmale des Typs (3)
im Lexikon spezifiziert werden.
In der morphologischen Komponente werden nun die Merkmale aus den Merk-
malbündeln in der syntaktischen Oberflächenstruktur extrahiert und durch morph
logische Regeln in Suffixe oder Endungen überführt. Die morphologischen Regeln
sind zu Regelgruppen mit disjunktiv geordneten Subregeln zusammengefaßt, und
zwar in der Verbalflexion nach Kategoriemerkmalen, in der Nominalflexion je-
doch nach Flexionsklassenmerk.malen. Diesem Prinzip wurde in der Nominalfle-
xion deshalb Priorität vor der Gruppierung nach Kategoriemerkmalen gegeben,
weil, wie unten näher ausgeführt wird, Wechselbeziehungen und Ausgleichsten-
denzen innerhalb einer Flexionsklasse und innerhalb von bestinunten Flexions-
klassen eine größere Rolle spielen als Vereinfachungsprozesse innerhalb bestimm-
ter Kategorien. Jede morphologische Regel wird innerhalb der Ableitung einer
Flexionsform nur einmal angewendet. Hinsichtlich der Reihenfolge der Anwen-
dung gelten folgende Bedingungen: die Ordnung zwischen den morphologischen
Regeln flir die einzelnen Wortarten (Nomina und Verben) und Flexionsklassen
ist arbiträr; unter den Regeln flir die einzelnen Kategorien gilt, entsprechend dem
Links-Rechts-Prinzip beim Aufbau morphologischer Formen, die Reihenfolge
Stammbildungsregeln, Tempusregeln, Modusregeln, Endungsregeln.

Diese summarische und auf den Rahmen der vorliegenden Arbeit zugeschnittene Darstel-
lung soll lediglich die hier eingenommene Position verdeutlichen und enthält sich der Stel-
lungnahme zu offenen oder strittigen Problemen. Für eine eingehende Erörterung und Dis-
kussion der mit dem Aufbau der morphologischen Komponente in einer generativen Gram-
matik verknüpften Fragen sei auf folgende Arbeiten verwiesen: Bierwisch (1967), Wurzel
(1970), Wurzel (1975), Kastovsky (1972), Kastovsky (1973), Kiefer (1973), Kiefer (1975b).

30
00046245

B. PHONOLOGISCHER TEIL
3. Phonemsystem
3.1 Matrix der distinktiven Merkmale
§ 22. Vokale und Gleitlaute
Vokale Gleitl.
.
1 I: e e: a a: 0 o: u u: y w h
silbisch silb + + + + +
+ + + + + - - -
konsonantisch kons - - - - - - -
- - - - - -
sonantisch son + + + + +
+ + + + + + + +
lang lang - + - - + - +
+ - + - - -
hoch hoch + + - - - - - - + + + +- -
tief tief - - - - + + - - - - - - +
hinten hint - - - - + + + + + + - + -
rund rund - - - - - - + + + + - + -
nasal nas - - - - - - - - - - - -
aspiriert asp - - +
§ 23. Konsonanten
Sonanten Obstruenten
1 r mn p b ph t d th k g kh s z
silbisch silb - - - - - - - - - - - - - - -
konsonantisch kons + + + + + + + + + + + + + + +
sonantisch son + + + + - - - - - - - - - - -
hoch hoch - - - - - - - - - - + + + - -
tief tief - - - - - - - - - - - - - - -
hinten hint - - - - - - - - - - + + + - -
rund rund - - - - - - - - - - - - - - -
nasal nas - - + + - - - - - - - - - - -
koronal kor + + - + - - - + + + - - - + +
anterior ant + - + + + + + + + + - - - + +
lateral lat + - - - - - - - - - - - - - -
stimmhaft sth + + + + - + - - + - - + - - +
dauernd dau + + - - - - - - - - - - - + +
aspiriert asp - - - - - - + - - + - - + - -
Die Spezifikation der distinktiven Merkmale in obiger Matrix entspricht der Standardtheorie
(Chomsky-Halle 1968). Spezifische Probleme, die sich aus der phonologischen Strukt ur des
Altgriechischen ergeben, sind bei Sommerstein (1973) und Aitchison (1976) diskutiert.

31
00046245

3.2 Probleme der graphischen Repräsentation

§ 24. Inschriften der aiolischen Dialekte sind in zwei verschiedenen Schriftsyste-


men aufgezeichnet, einem älteren einheimischen - im folgenden archaisch ge-
nannten - Alphabet und dem jüngeren ionischen Alphabet. Der Zeitpunkt ftir die
Einflihrung des ionischen Alphabets ist bisher nur ftir Boiotien mit einiger Sicher-
heit bestimmt worden: 395/4 v .Chr. (Taillardat-Roesch 1966 an Hand der In-
schrift SEG 24 :36 1 aus Khorsiai) ; flir Thessalien, Lesbos und die kleinasiatische
Aiolis stehen genaue Untersuchungen noch aus. Es ist aber damit zu rechnen, daß
zumindest in Thessalien das ionische Alphabet früher als in Boiotien, bereits in
der zweiten Hälfte des 5 . Jahrhunderts, das epichorische Alphabet abzulösen be-
ginnt.

§ 25. In Randgebieten Thessaliens hat das archaische Alphabet sich jedoch noch
weit in das 4. Jahrhundert hinein behauptet. So werden in der Inschrift Helly
1979b aus Olosson (Perrhaibia) ftir [e :] und [ o: ) Schriftzeichen des archaischen
(€ resp. o) und des ionischen Alphabets (et resp . w) verwendet:
[e :] 'EA.XavoKpciT€\ Z. 6/7 , AaJ,loa{)€ve\ Z . 8/ 9 gegenüber 'Efet{)iO[a)\ Z. 13/ 14,
'Ep€U<W€LWV Z. 12 8
[o:) row€iöv Z. 16, <l>aA.avvaiöv Z. 6 (o unsicher) gegenüber MvA.aiwv Z. 9, ßap-
J.!Evwv Z. 10 etc.
In ähnlicher Weise treten in Pharsalos (Tetras Phthiotis) im 4. Jhdt. flir (e :] und
[o: ] noch e und o des archaischen Alphabets neben rt/et und w /ov des ionischen
Alphabets auf:
le :] vU<aae neben av€{)rtKev McD 168 (Mitte 4 . Jhdt.) 9
[o :) Eöa[av]öpö 'Aaavöpö neben apxoJJTwv IG 9 ,2:24 1 (4. Jhdt.).
Im folgenden werden nunmehr einige Probleme der graphischen Repräsentation,
die sich aus dem Verhältnis zwischen archaischem u nd ionischem Alphabet und
aus der Schreibung bestimmter Lautverbindungen ergeben, diskutiert.

§ 26. Schreibung von Vokalen


/e :/ Thess.: arch . Alph. e, ion. Alph. et (§ 44)
Lesb .: arch. Alph . € , ion. Alph. rt 10
Boiot.: arch. Alph. e, ion. Alph. €L 11 ( § 36)

8 Die Gen.PI.-Formen ' EpetKwelwv und r ovvelöv Z. 16 werden von Helly (1979 b: 175 ) zu
einem hypothetischen Nom. auf ·ew~ ('Epeudvew~ resp. rovvew~ ) gestellt, können aber
auch zu einem Stamm auf -eu ~ gehören (§ 263), wi.e er von Helly selbst al.s belegt zitiert
wird : ' Epeucwru.; resp. r ovvn k .
9 Auffallend ist jedoch ny ephe/kystikon in avt""'KEV.
10 Zu et vgl. § 46.
11 Zu Tl = I ~: I < Iay ) vgl. § 77, zu zwischen et und Tl schwankenden S"chreibungen vgl. § 39.

32
00046245

fo :f Thess.: arch. Alph . o, ion. Alph. ou (§ 44)


Lesb. : arch. Alph. o, ion. Alph. w
Boiot.: arch. Alph . o, ion. Alph. w
/u/ .fu: I Thess.: arch. Alph. u, ion. Alph. u
Lesb.: arch. Alph. u, ion . Alph. u
Boiot.: arch. Alph. u, ion. Alph. u, im 4. Jhdt. durch ou ersetzt 12 (wäh·
rend u ftir [ü:] < [oy) verwendet wird). Die Schreibung u seit
Ende des 3. Jhdt.s ist auf den Einfluß der Koine zurückzuführen.
In Thessalien sind die Digraphe et und ou des ionischen Alphabets in den Gebie-
ten Pelasgiotis, Perrhaibia, Histiaiotis, Thessaliotis und Tetras Phthiotis (Pharsalos)
vertreten. In der Magnesia - wo allerdings die Hauptmasse der überlieferten Texte
aus archaischen und hellenistischen Inschriften besteht - sind et und ou in der
Umgebung von Demetrias (ovei}euce, AwKXew, 'AI/Ieuöouva IG 9,2: 1127, Mt"Atxioo
SEG 27:197) neben w in Meliboia ( no-reiöwvt AE 1932 Xpov. 19 Nr. 3) nachweis-
bar; in der Achaia Phthiotis wird thessalische Orthographie nur auf zwei Inschrif-
ten des 5. Jhdt.s verwendet:
IG 9,2: 199 Me~iora<: n ti}ouvetO\ 'f\1TAOUVL Eretria
IG 9,2: 151 'Av~poU?TuXa 8e[X]o[uveia?] 13 Thebai Phthiotidos.
Abweichend von dieser Verteilung weisen aber einige Dialektinschriften des
5.- 2. Jhdt.s die Schreibung 'Yl und w statt et und ou auf:
IG 9,2: 1346 (Larisa, 4./3. Jhdt.)
trrcmoe
Der Text der Weihung ist authentisch ([.)et>..e. npollaxie(wc;J ove~tKe); die Signatur
0 0

des Künstlers ist in Sprachcharakter ('A1roXXo6 ( • • ·)) und Orthographie (e1ro'1ue) nicht·
thessalisch.
McD 330 (Larisa, 1. H. 2. Jhdt.)
JJ.Tt Z. 12. 1m übrigen ist regelmäßig et geschrieben.
McD 347 (Larisa, Anf. 2. Jhdt.)
EÖfl Z. 27 ,33. lm übrigen ist regelmäßig et geschrieben.
McD 357 (Larisa, Anf. 4. Jhdt.)
nQTeiöwvt Kpavaiwt nuXaiwt
McD 1179 (Museum Larisa, Fundort unbekannt, Ende 2. Jhdt.)
EOfl Z. 44, öucaoritpwv Z. 46. Im übrigen ist regelmäßig et geschrieben.
AD 1960 Xpov . I 82 (Krannon)
Ati Noriwt
McD 311 (Krannon , 2. H. 3. Jhdt.)
rop-ywt ~L}J.OU cf>apoaAiWt Z. 2/3
Der Text, ein Proxenie-Dekret, ist in Orthographie und Sprachcharakter (pelasgiotisch·)
thessalisch, lediglich der Name des Proxenos weist die orthographischen und grammati·
sehen Merkmale seiner Heimatstadt Pharsalos auf.
12 In IG 7:2418 (Thebai, Mitte 4. Jhdt.) und IG 7 : 3055 ( Lebadeia, 4. Jhdt.) schwankt die
Schreibung noch zwischen u und oo (cf. § 75).
13 Lesung nach Lejeune (1941 : 58ff.).

3 Bilmel, Oie alolischen Dialekte 33


00046245

McD 1177 (gefunden in Peiraieus, aber wohl aus der Pelasgiotis; 4. Jhdt.)
eöwKruev, ®rwt, rrpoararev6vrwv etc.
SEG 2:264 (gefunden in Delphoi, aber wohl aus der Pelasgiotis; 1. H. 3. Jhdt.)
'A-yr]aavö[, aber et in €ßöeJ,J.eiKovra, 'Avrt-y€vetc; etc.
GHW 4545 (Atrax, Ende 4./Anf. 3. Jhdt.)
'J\rrXwvt 'EröoJ,J.aiw
GHW 4784 (Atrax, 3. Jhdt.) 14
Lli Tptrooiw
IG 9,2:426a (Pherai, 3. V. 5. Jhdt.)
cJ>paat.p:flöac;
Möglicherweise stammt die Inschrift - wie die Stele selbst (Jeffery 1961 :98) - von einen
nicht-thessalischen Künstler und scheidet d.a nn für die vorliegende Problemstellung aus.
McD 213 (Pherai, 4. Jhdt.)
€5wKa~v. E>flßalwt, 'Axaiwt
Unter den Inschriften aus Pherai, die von Bequignon (1964: 400ff.) publiziert worden
sind, finden sich zahlreiche Belege ftir Tl und w, aber die hier zitierte Inschrift Nr. 8 ist
die einzige im ionischen Alphabet , die keine dem Thessa.lischen fremde grammatische
Merkmale aufweist.
IG 9,2:417 (Pherai, 3. Jhdt.)
ÖWpOV, TfKVWV etc. (aber €t in OVf~tK€)
IG 9,2:405 (Anf. 4. Jhdt.)
'A~PtJov€rw Mavtx€w
Diese Inschrift wurde in der Nähe von Skotussa (Pelasgiotis) gefunden, wird aber von Lejeuc
(1941 : 63ff.) wegen des Genetivausgangs /'{):/ und der Schreibung w Pharsalos zugeschrie·
ben.
IG 9,2:234 (Pharsalos, 3. Jhdt.)
Nucr]parewc; Z. 18, · l aJJ.1]Via.wc; Z. 57, ·HpaKA.eiöac; Z. 72. Im übrigen wird
regelmäßig et, ou geschrieben.
IG 9,2:240 (Pharsalos)
avet'J1]Ke, 'AaKA1]1rtWt
IG 9,2:244 (Pharsalos, 4. Jhdt.)
cJ>opJ,J.iwv (aber €t in ovetJelKaev)
McD 167 (Pharsalos, Anf. 4. Jhdt.)
Lrpw[t'A.oc;] (aber et in [ovetJ]eiKaev)
McD 168 (Pharsalos, Mitte 4. Jhdt.)
äpxwv, avet'J1]K€V (neben f, Cf. § 25)
IG 9,2:1228 (Phalanna, 3. Jhdt.)
ITapJ,J.evlwv OapJJ.evlwvoc; Z. 2 (aber OapJ,J.evioov Z. 87), ' HpaKXewaiat Z. 10.
Im übrigen wird regelmäßig et, ou geschrieben.
Helly 1979b (Olosson, 1. H. 4. Jhdt.)
flapJ,J.evwv etc. (aber et für [e:]), § 25
DGE 607a (K.hyretiai, 5. Jhdt.)
G.vt1t'h7K11 etc. (mit Ausnahme von f/rroliae durchweg 11 ftir [e] und [e: D

14 Die beiden Belege aus Atrax verdanke ich dem freundlichen Hinweis von B. Helly.

34
00046245

Aus diesem Material ergibt sich folgendes Bild: in verschiedenen Städten der Pelas·
giotis und der Perrhaibia treten seit dem 5. Jhdt. bis zum Ende der Aufzeichnung
von Inschriften im Dialekt sporadisch die Schreibungen Tl und w statt et und ov
für [e :] und [o :] auf. Eine signifikante Häufigkeit dieser Schreibungen ist nur in
Pharsalos (Phthiotis) zu verzeichnen; ein lndiz dafür, daß die Häufigkeit nicht
auf den Zufällen der Überlieferung beruht, kann darin gesehen werden, daß -
wie bereits oben an Hand von McD 311 angedeutet - für die Schreibung des Na·
rnens eines Bürgers aus Pharsalos diese Konvention auch in der Pelasgiotis berück·
sichtigt wird.

§ 27. Schreibung von Diphthongen


Im Boiotischen tritt seit dem Ende des 6. Jhdt.s die Schreibung ae statt <U und
seit dem 5. Jhdt. die Schreibung oe statt Ot auf und erweist damit den Beginn der
Monophthongierungsprozesse /ay/-+ [~:] (§ 77) und /oy/-+ [ü:] (§ 76). Im Les-
bischen bleiben Diphthonge in der Regel erhalten; gleichwohl sind in der klein·
asiatischen Aiolis vereinzelt Schreibungen für [a~J < [ay] und [~] < [oy] be·
zeugt, die sich mit denen in Boiotien unmittelbar vergleichen lassen:
ae 'A~<iva.e Myrina Nr. 5
CU? 'A~ava?iaTJ rKyme 101c,d (Larisa, 7. Jhdt.) 15
OTJ €1To?i[€oe] (nicht E1TOTJ[oe]) IKyme lOlb (Larisa, 7. Jhdt.).

§ 28. Schreibung von Konsonantenfolgen: jksj, jpsj


/ks/
Thess.: arch. Alphabet.
+,X (Xei) in iUtaro IG 9,2:575 (Larisa), noAvtevaia IG 9,2:663 (Larisa),
€rev~e McD 1023.3 (Methone, Magnesia)
++in i!~tOt McD 326.4,9 (Argura), €~~cwCU<M€v IG 9,2:257.8/9 (Thetonion)
X ·~ in [11ap )~~oi IG 9,2:1202.3 (Korope , Magnesia)
+
9 in 'JAq~ivö McD 318 (Krannon)
Z (samekh) in [<l>]tAo~evö McD 722.4/5 (Pelion, Magnesia), tJYY~[aro]
IG 9,2:602 (Larisa) (vgl. § 203)
Thess.: ion. Alphabet : Z
Boiot. : arch. Alphabet
'f~ in favax~ DGE 538.4, [f]EIMxc; IG 7:1690, [e]l)xo<i#J[evoc;] E.77:57,
~Aaxoo DGE 5~8.4, 1TAarvr6xoöt SEG 22:404
X ~ in ap-yvp076~oöt DGE ad 538
Boiot.: ion . Alphabet: :::
/ps/
Boiot.: arch. Alphabet
<l> ~ in K6KKV~p<; IG 7: 1888.a 12, (!?TEJ.IIPOCW DGE 538.2
ßoiot. : ion. Alphabet : ~
Zur Interpretation der Schreibungen H, ~o vgl. § 30.
15 Zu TJ für (e) vgl. 91)0S6po~ IKyme IOta.

35
00046245

§ 29. s vor Konsonant im Thessalischen


Im Thessalischen wird s vor einem Konsonanten gelegentlich durch aa bezeich-
net : Ka'A'Aiaarparo<: IG 9,2:234.20 (Pharsalos), 'AaaK'AamiJ.l>a<: ibid. Z. 26,
?Tou:iaaaa~a[t] McD 310.24 (Krannon), "Aaarapxo<: McD 325.8 (Atrax), e?TLa·
aKEVdv McD 330.12 (Larisa), faaarov IG 9,2: 1226.3 (Phalanna), fa'A[l]aaKira[t.
ibid. Z. 4/ 5, eEJ.LWan IG 9,2:1236 (Phalanna).

§ 30. s vor Konsonant im Boiotischen


Häufiger als im Thessalischen (aber auch nicht durchgehend) begegnet aa für s
vor einem Konsonanten im Boiotischen: aaa!p(i"'Au:w IG 7:283.4 , 'E1rapp6aarw
IG 7:393.2, ooaarepw IG 7:522 .2, 'Aptaaro~oevo<: IG 7:585 .a7, Mtaa~löa<: IG.
7:585.b2, 1rpoaarardwv IG 7: 1739.8, 4>pvviaaKO<: IG 7: 1888.f2, 'Exeaa~evi<:
IG 7: 1888.f8, ö(3e'AiaaKWV SEG 24 :361.5/6 (öße'AiaKWII z. 26), eeaamewv ibid.
Z. 2/3, Te'Aeaacp<)pö IG 7:2452, eaarpor€Va~ IG 7:3 179.6, 'Apwarooixät IG
7:3228.
Die Doppelschreibung von s vor (aaK, aCTT) oder nach (~~ . ~a. § 28) einem Kon-
sonanten im Thessalischen und Boiotischen wird so erklärt, daß zwischen [s]
und dem Konsonanten eine Silbengrenze liege und [s] auf das Ende der einen
und den Anfang der nächsten Silbe verteilt werde (Schwyzer 1959: 237f., Buck
1968: 75).
In 9€o1rui~ E. 80:25.2 (Orkhomenos, Anf. 5 . Jhdt., arch. Alph.) ist das erste Sigma sechs-
strichig, das zweite vierstrichig. Falls die singuläre Schreibung von Bedeutung ist und in Be-
ziehung zu der Schreibung uu (vgl. 8euu1rl€wv) gesetzt werden kann, wird man sich fragen
müssen , ob sie nicht auch als Bezeichnung einer Stellungsvariante von /s/ interpretiert wer-
den kann.

§ 31. Schreibung für jzdj


Lesb. : ~ (in der handschriftlichen Überlieferung auch ao) § 127ff.
Thess.: ~ in der Pelasgiotis, po in Pharsalos (und Matropolis?, vgl . Anm. 16):
8€~dr€LO<: IG 9,2:5 17.7 1 (Larisa), 9eo~6row IG 9,2:4 59. 12, McD 3 11.1
(K.rannon), 9wt6rot IG 9,2:414.a10 (Pherai); SfopMrew<: IG 9,2:234.9~
[9]eopooro<: McD 167.4 (Pharsalos) 16•
Boiot.: ao, at. t: E>ewa&no<: IG 7:2733 (7./6. Jhdt.), 8eoatoro<: IG 7:1072,
Bvatavrwt IG 7:2418.20 neben Bvtdvrwt Z. 9 (4 . Jhdt.), Atdator[o<:]
IG 7:538.2 1 (4./3. Jhdt.), Awtoro<: IG 7:2718.8, 9wtoro<: IG 7:27 17. 14
etc.
9dJu6oTo~/ tlt.du6crro~
und 9€66crro~ (im Thess. IG 9,2:5 17.52, McD 330.5/6, im
Bolot. JG 7: 1755.33 etc.) sind zwei verschiedene Bildungen . Im Lesbischen ist
nur 9€66oTo~ belegt: eeo66Tew~ IG 12,2:96.8. Nach Solmsen (1904: 498ff.) sind
nur die Komposita ohne -s· aiolisch, die mit -s- hingegen ein westgriechisches Ele-
ment im Boiotischen und Thessalischen.
-16 ln
-IG-9,2:28 1.9 (Matropolis) interpretiert Kern OPOPAOTTO als (9t)op60T(et)o(( ).
36
00046245

§ 32. Schreibung von geminierten Gleitlauten


ln der Folge ,Diphthong + Vokal' ist der Gleitlaut, der das zweite Element des
Diphthongs bildet, geminiert ([-VyyV-], [-VwwV-D. Als Indiz daflir können ver-
einzelte Schreibungen im Thessalischen und Boiotischen gewertet werden, in de-
nen der antevokalische Gleitlaut [y] durch' und der antevokalische Gleitlaut [w]
durch f bezeichnet werden. Belege flir f im Thessalischen reichen vom 6. Jahr-
hundert bis zum Ende der '/ erwendung dieses Buchstabens im 4. Jahrhundert.
Thess. 8U<aoTop€Vföv McD 1023.2 (Magnesia, 6 . Jhdt.) 17
'AA.alfa~ SEG 25:667 {Atrax, 5. Jhdt.) gegenüber 'AA.rua~ SEG 25 :
664.B28 (Pherai, Ende 3. Jhdt.)
'Eff11~Wat DGE 607a {Khyretiai, 5. Jhdt.), 'Efet~w(a]\ Helly 1979b ~)
Z. 13/ 14 (Olosson, 1. H. 4. Jhdt:) gegenüber EV77~ic5a IG 9,2:216.20
(Thaumakoi, 3. Jhdt.)
eifep"(hav IG 9,2:257.5 (Thetonion, 5. Jhdt.) gegenüber eiEp"fETat
McD 1177. 1 (Pelasgiotis, 4. Jhdt.)
Boiot. Evfcipxa E. 76:64 (Gefäß, 6. Jhdt.)
Evfa"(öv Ptoion 1971 Nr. 240 (6. Jhdt.)

Evfaev[e]Ta IG 7:3510 (arch. Alph.)
KA.evfE(8pa\] SEG 22:432.12 (Kopai, 2. Jhdt.) neben KA.ev€8(pa~] z.
10
nTwiwL IG 7:4157.1
JJ.a~~Tdtav IG 7:4157.2, IG 7:3207.2
01POT€00WII E. 78: 12.9

§ 33. Schreibung von geminierten Konsonanten


1m Thessali~hen werden geminierte stimmhafte Verschlußlau~e gelegentlich gra-
phisch durch die Folge ,stimmloser + stimmhafter Verschlußlaut' repräsentiert.
Nach Lejeune {1972: 71) wird dadurch der .,caractere fort ... de l'implosion"
bezeichnet.
lrc5UlP McD 310.17 (aber 'tUtav IG 9,2:46l.bl3 , U>[c5)tav McD 337.36/37)
(§ 132)
'E II1T€76wu~~<X IG 9,2:51 1.12, 'EJJTTET8WVII<X McD 311.9/ 10 {§ 132)
erc5EJJelKoiiTa SEG 26:672.34 {§ 145)
K07Tßi&uo~ IG 9,2: 517.59
K.aTTßoA.aia McD 347. 19
TTOK"fpal/laJJEVOL~ IG 9,2: 1228.18 (§ 145)

Gleichfalls aus dem Thessalischen liegen einige Belege flir die Genlinierung von
[m) sowohl nach langen wie nach kurzen Vokalen vor. Schwyzer (1959: 237f.)

17 Aber ö.pwuti611 auf der poetischen Inschrift IG 9,2:270 (5. Jhdt.).

37
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sieht darin einen Reflex der Tendenz zur Bildung geschlossener Silben im Tnessa-
lischen.
Ao.II.J'aTepa<; McD 347. 16, tlfli1Jl6..Tept IG 9,2: 1235. 1, McD 346.2 , McD 361.4,
Clflii.JlaTpeiac; IG 9,2: 572.3
IJJJOilJLEjov IG 9,2 :427.3 (Jwä.pa McD 318, SEG 25:667, V/-LÖ4Ja ZPE 1974 :28
im archaischen Alphabet 18)
Oav<4l.J,Lot IG 9 ,2: 517 .1 0
[XP]Ei/-L/-LaTa McD 330.13 (aber XP€4J.0..Tovv McD 310.31/32, XP€4J.CLT€00t IG

912:5 13.6; X[P]€1-LaTa IG 9,2: 1226.6/7 im arch . Alphabet)
~AMv IG 9,2:1229.20 (gegenüber boiot. oßeMv IG 7:1739.8)
KaTt'U/-L/-LEV IG 9,2:517.44 (aber KaT~E/-LEV Z. 21)

§ 34. t und v statt -y und ß im Boiotischen


Im Boiotischen wird seit Beginn der Oberlieferung vereinzelt t an Stelle von -y
und v an Stelle von ß geschrieben:
iw(v) in iwv-ya Kodnna PMG 664 a2, lwvet PMG 664 b 1
AeiLc; DGE 445 B (4. Jhdt.) 19
~VAAEiö Ptoion 1971 Nr. 252 Z. 1 (5. Jhdt.)
~OOOJ.I-OV IG 7:3170.17, aber: eßOo/-Lov DGE 485.23, SEG 23:273.3 ;
tßOo!-LeiKoVTa S~G 3:356.4, SEG 3:357.3 20, IG 7: 3055. 19.
In DGE ad 538 ist mit Heuheck (1979: 120) ä~o~ot(Pdv) , nicht ä~o~oc.F{dv), zu lesen.
Man hat in diesen Belegen frühe Spuren der {im Neugriechischen abgeschlossenen)
Spirantisierung von Verschlußlauten G-s > .& > y] , [b > b > w)) sehen wollen
(Teyssier 1940, Lejeune 1972: 54ff.). Die geringe Zahl der Zeugnisse läßt eine
solche Schlußfolgerung voreilig erscheinen; solange nicht umfangreicheres Beleg-
material zur VerfUgung steht, wird man eher mit orthographischen Inkonsequen-
zen rechnen müssen (Chadwick 1972: 32ff.), zumal auch umgekehrt Schreibun-
gen mit ß an Stelle von f nachweisbar sind:
Bpav[l]öac; IG 7: 3068.8 (3. Jhdt.)
Bpdi-tcc; IG 7: 1888.a1 (5. Jhdt.).

4. Phonologische Regeln: Vokale


4.1 Hebung von Vokalen
§ 35. lm Boiotischen und Thessalischen ist eine Hebung von Vokalen zu beob-
achten, die - mit Bartonek ( 1961, 1962, 1966) - nicht auf gemeinsamer Ent-
18 Ln Peek 1974 Nr. 16 segmentiert Peek (~o~vä )s.l~o~a Fao6vöp, Helly (1978: 127f.) lr<il~o~
~· /J. faoav •...
19 Zur Lesung >..eU.~ cf. Teyssier (1940 : 136).
20 Hier hat der Steinmetz zunächst ev geschrieben, unkorrigiert gelassen und von neuem be-
gonnen: {eu} ~IJOO~o~elKDvra.

38
00046245

wic klung beruht, sondern in jedem der beiden Dialekte unabhängig und aus ver-
schiedenen Gründen eingetreten ist. Bartonek fUhrt u.a. folgende Argumente an :

(1) die betroffenen Phoneme haben eine verschiedene Herkunft und eine ver-
schiedene Stellung im Vokalsystem des jeweiligen Dialekts;
(2) Ursachen und Dauer der Vokalhebungsprozesse in beiden Dialekten sind ver-
schieden ;
(3) im Thessalischen unterliegen die mittleren (langen) Vokale /e :/ und fo:f dem
Hebungsprozeß, im Boiotischen nur /e:/.

4.1.1 Hebung von Vokalen im Boiotischen

§ 36. Zugrundeliegendes /e:/ und /e :/ als Resultat der h-Assimilation (sog. Er-
satzdehnung, § 90) und der Kontraktion (§ 69) werden nach der Einführung des
ionischen Alphabets zu Beginn des 4. Jhdt.s nach einer kurzen Periode des
Schwankens (cf. IG 7:2418, Mitte 4. Jhdt.) et geschrieben:

rrpuryeü:c; IG 7:2418.18 (neben rrpuryiec; Z . 6)


<l>aewoc; IG 7:3287.2 {<l>ci.€110\ IG 7:1751.8 im archaischen Alph.)
&~wv IG 7: 2405 . 14 (9€ßaüx{c;} DGE 440,11 im archaischen Alph.)
p.ewoc; IG 7:505.1
rrapJJ.eivavra IG 7:3083. 10
eaaeiJJ.ev DGE 462.a18

Die neue Orthographie weist auf eine Hebung

/e:/ -+ [<::],
deren erste Anzeichen bereits zwei Jahrhunderte früher durch die Schreibung I-
statt e ('A-y ~ J.f.OvOa\ IG 7 :2456) greifbar sind.

§ 37. Im Verlauf der Vokalhebungs- und Monophthongierungs-Prozesse (§ 74ff.)


sind im Boiotischen - und Thessalischen - lange Vokale mit Höhenmerkmalen
entstanden, die in dem zugrundeliegenden System noch nicht vertreten waren :
[~ : )aus /e:/ und /ey/, [~ : ]aus /ay/, [q:) aus fo:/ und [ü:] aus /oy/ , so daß für
einen begrenzten Zeitraum vier Grade von Vokalhöhe auf der lautlichen Ebene
unterschieden und in der Schrift auch bezeichnet wurden. Mit dem binären
Merkmalsystem des Standardmodells der generativen Phonologie, das die Höhen-
grade von Vokalen durch zwei phonologische Merkmale {[ahoch). [atief]), unter-
scheidet , kö nnen aber nicht mehr als drei Vokalhöhen spezifiziert werden. Mit
Aitchison ( 1976) soll dieser Schwierigkeit durch Einführung eines zusätzlichen
Merkmals [amitt] begegnet werden ; ein Vokalsystem, in dem mehrere Vokal-
höhen unterschieden werden, stellt sich dann folgendennaßen dar :
39
00046245

. .
I I: ~ ~: e e: ~ ~: a a: 0 o: 0• o:

u u: u u:

hoch + + + + - - - - - - + + + + + +
tief - - + + + + - - - -
mitt + + + + + + - - + + + + - -
hint - - + + + + + + + +
rund - - + + + + + + + +
lang + - + + + + + - + - + +

§ 38. PR (1) Vokalhebung im Boiotischen


+silb
-hoch
-tief
-+- (+hoch]
+mitt
-hint
+lang

/e:/ -+- (~ :) = EL
Im Gegensatz zum Thessalischen bleibt zugrundeliegendes und aus phonologischen
Prozessen entstandenes /o: / = w unverändert.

§ 39. Seit dem Abschluß der Vokalhebung (Mitte 4. Jhdt.) werden im Boioti-
schen zwei e-Qualitäten unterschieden,[~:] aus /e:/ (§ 36) und[~:] aus / ay/
(§ 77), die in der Orthographie durch EL resp. Ti bezeichnet werden. Auf einer
Reihe von Inschriften ist eine Vertauschung dieser Schreibungen zu beobachten,
die von Buttenwieser (1911 : 31) und Thumb-Scherer ( 1959: 21) attischem oder
hellenistischem Einfluß zugeschrieben wird. Diese Interpretation muß sich aber
mit den Einwänden auseinandersetzen, daß der früheste Beleg, r1J.LEV SEG 25:553.
6,8, bereits in das 4. Jhdt. datiert wird und daß in einer Reihe von Fällen schwan-
kende Schreibungen auf jeweils derselben Inschrift bezeugt sind; es trifft aller-
dings zu, daß die Hauptmasse der Belege aus der 2. Hälfte des 3. Jhdt.s stammt.
Ti statt €L
fiJ.Lev SEG 25:553.6,8, IG 7:523.3 statt ELJ.I.EV IG 7:523.6
tfl DGE 462.a30 statt tEL Z. a1 5
VJflvr(t11 DGE 462.a 10 statt rpT,vetTTl Z. a22
KO.TaaKevaa.Jel.,., DGE 462.a8/9 statt KaraaK.evaa!Jeiet Z. a 17/18
rroral)LKftTW SEG ! :358.15 statt rroral)LKeirw
ne~~avria SEG 25:553.4/5 statt ne~Xaveia
ä.~v~e IG 7:1737.12 statt ä.rreiv~e (eiv~av JG 7:2418.24)
ötare~il IG 7:2383.17 statt 5tare~ei (vgl. ötare[~]i IG 7:280.2)

40
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eL statt f1
eipeßevra<: IG 7:1719.9, BCH 1936 :177ff. Z. 31/32 statt flpeßevra<: (cf. flpeßet
DGE 462.a38, flpeßdUTl Z. alO, flpeße'iaav Z. a13, 7ipeow IG 7:2383.11)
Secl3e'iv Kabirenheiligtum 1940 Nr. 4.1 statt 9etßilu (9etß1iwv IG 7:2405.14)
1TpOTetvi E. 78:12.9 statt 1TP01T1Vl IG 7:1739.14
Twa-ypelwv IG 7:522.10/11 statt Tava-ypfiwv IG 7:519.5

§ 40. Im Rahmen einer erneuten Hebung wird um die Mitte des 3. Jhdt.s das
aus /e:/ entstandene[«::](§ 36) (wie bereits in der I. Hälfte des 4. Jhdt.s («: :)
aus /ey/, § 73) zu [i:].
PR (2) Vokalhebung im Boiotischen
+silb
+hoch
~ief
-+ [-mitt]
+mitt
- hint
+lang
[c::] -+ [i:)=t
Belege:
1Tape'i<: DGE 485.40

1Tapt<; ibid. z. 48
NwJ,.Letviw IG 7:3081.1 : NwJ,.Lwiw ibid. Z. 1
avn-1TOL€'i1'T/ IG 7:3080.4 : €K·1Touwvßt DGE 462.a24
d-ytp€J.L€V IG 7:4136.4
A.etrwp-yip.ev IG 7:3083.24

§ 41. Parallel zu der Hebung von je:/ zu [«::] ist in Boiotien auch eine Hebung
von kurzem /e/ zu (~]oder [i] vor Vokal zu beobachten: im archaischen Alpha-
bet wird an Stelle von € häufig €L oder r, im ionischen Alphabet überwiegend L
geschrieben (cf. Thumb-Scherer 1959: 19f.).
Archaisches Alphabet:
ßew'i<: E. 75:63 (Gefaß), 9ewa6oro<; IG 7:2733 (Akraiphia), &~€<:
SEG 24:368 (Thebai), 9eW')'ira IG 7:2565 (Thebai)
ave"eLW Ptoion 1971 Nr. 245, Nr. 249, Ptoion 1943 Nr. 5, IG 7:1671
(Plataiai), AD 1930/31 :106 (Thebai), BCH 1926 :390 Nr. 4 (Thespiai)
(gegenüber aveßeav IG 7:2455 Thebai, Ptoion 1943 Nr. 1)
'Ap~LK'Ar€<: IG 7: 1888.a5 (Thespiai), OpoK'Ar€<: ibid. Z. f7

Ionisches Alphabet:
ßw<: IG 7:552.4 (Tanagra)
ave"LW IG 7:2723.1, 4158 (Akraiphia), IG 7:3087.1 (Lebadeia)
€will IG 7:3193.5 (Orkhomenos)
41
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f€rw. :rx;E 462.a12 (Tanagra)


VWJ.l.EWifl IG 7:505.1 (Tanagra)
Me"'lvpwl SEG 22:416.2 (Thebai)
1Taperrtf>Q,J.l.lt..Jv IG 7:2849.4 (Haliartos)
~w.re'Aiwv~L IG 7:2405.13 (Thebai)
bro'A€J.!.Wv IG 7:2418.23 (Thebai)
lWv AD 1916:220f. Z. 67 (Koroneia)
lWoa<; IG 7:504.4 (Tanagra), IG 7:3172.56 (Orkhomenos)
ftwnoc; IG 7:3170.3 (Orkhomenos)
*
§ 42. Im Südwesten Boiotiens (Thespiai, Khorsiai, Thisbai und Plataiai) wird -
im Gegensatz zu den übrigen Städten Boiotiens - e und nicht L geschrieben (cf.
Buttenwieser 1911: 4ff.):
~ۆc; BCH 1926:396 Nr. 16.14 (Thespiai)
ave~eav IG 7: 1831 .2 (Thespiai)
ewea IG 7: 1737.5 (Thespiai)
f€rea FS Navarre 1935 :353 Z. 16 (Thespiai)
V€OJ..I.[€]Wl17 BCH 1937:2 17ff. Z. 1 (Thespiai)
Me'Jvpe6c; DGE 485 .46 (Thespiai)
arxpewrewv IG 7:2383.16 (Khorsiai)
ewv IG 7:2383.3 (Khorsiai)
ewoac: IG 7:2224.7 (Thisbai), IG 7:1664.5 (Plataiai)
Eine Zwischenstellung hinsichtlich der Notierung von [~]nimmt die nördlich von
Thespiai gelegene Stadt Onkhestos ein, in der beide Schreibungen, e und t , ver-
wendet werden:
ßoc.wrapxeoVTwv SEG 25:5 53.13/14: i.apapxioVToc: E. 76:26.4, [1To'AeJ..Lap ]XWVTwv
SEG 3:361.3
[~]e6c; BCH 1946: 478f. Z. 1: ~u:k E. 76:24.1
FU<anf€reec; BCH 1970: 146ff. Z. 3: (cf. fU<anf€nec; IG 7:3068.2 Lebadeia).

§ 43. Da aber bereits auf Inschriften im archaischen Alphabet auch in Thespiai


€L und r '(= [tt]) an Stelle von e geschrieben werden(§ 41 ) und auf Inschriften
im ionischen Alphabet schwankende Schreibungen festzustellen sind:
e statt L
-&upeOJ.p(Jpwc; IG 7:27 16.6 statt ~upi1J.A(Jdpwc: (Akraiphia)
ave~eUJ,JJ IG 7:2724 .2 statt ave~w.v (so IG 7:2723.1) (Akraiphia)
ave~eav IG 7:2463 .1 statt t.we~LaV (Thebai)

L statt e
vw.vloKwc: Roesch 197 1 Z. 13 statt veavioKwc; (cf. veavloKwv Z. 18,2 1) (Thespiai:
i.a€rw SEG 22:407 .2 1 statt €a€rw (Thisbai),

42
00046245

wird man - gegen Buttenwiesec - annehmen müssen, daß die Verteilung der
Schreibungen e und L eher verschiedene graphische Konventionen als die unvoll-
ständige Ausbreitung eines Lautwandels reflektiert: das im gesamten Boiotischen
durch die Hebung von /e/ vor Vokal entstandene[~]. flir das im ionischen Alpha-
bet kein eigenes Zeichen vorhanden war, wird in der Regel im Südwesten durch
e, in den übrigen Gebieten durch L bezeichnet.
Die Hebung /e/ --+ [ ~] in Teilbereichen des Thessalischen (§ 45) stellt nicht eine
boiotisch-thessalische Gemeinsamkeit dar, sondern beruht auf unabhängiger Ent-
wicklung.

4.1.2 Hebung von Vokalen im Thessalischen


§ 44. Zugrundeliegende und aus Kontraktion (§ 69) resultierende /e:/ und /o:/
nehmen im Thessalischen eine hohe Qualität an. Dieser Wandel wird durch die
Verwendung der Digraphe et, ou im ionischen Alphabet (§ 26) indirekt erwiesen
und hinsichtlich des tenninus ante quem (spätestens Wende des 5. zum 4. Jhdt.)
bestimmt. Vereinzelte Zeugnisse mit der Schreibung oo im archaischen Alphabet
legen jedoch die Vermutung nahe, daß die Hebung von fo:f (und - wegen der
neuen Verwendung der bislang [ow] repräsentierenden Schreibung ou - die Mo-
nophthongierung von /ow/ zu [<;>:]) bereits im 7. Jhdt. eingesetzt hat (Lejeune
1941 : 58ff., 1945, 1972: 237; cf. auch Morpurgo Davies 1965: 242ff.): 'Arr"'Aoov
auf einer in Italien gefundenen, von einem thessalischen Künstler bemalten proto-
korinthischen Vase aus der 1. Hälfte des 7. Jhdt.s, ':Arr"'Aouvt IG 9,2:199 aus Ere-
tria (Achaia Phthiotis, Anf. 5. Jhdt.), ferner ':Arr"'Aouvt McD 638 aus Tempe
(Pelasgiotis, 5. Jhdt.).
PR (3) Vokalhebung im Thessalischen
+silb
-hoch
-tief --+ [+hoch]
+mitt
+lang
fe:f --+ [~:] = eL
/o:/ --+ [<;> :] = oo
Belege:
arch. Alphabet ion. Alphabet
fa"'A[i]ooK€ra[t] IG 9,2:1 226.4/ 5 {3€"'A"'AetreL IG 9,2:517.20
öve!Jei<.e IG 9,2:1236 öve!JeLKe IG 9,2:1234.3
erroiioe DGE 607a erroteioaro McD 337.19
5LKaoropa.Jföv McD 1023.2 tx,ouv McD 337.3&
':ArrAövt IG 9,2:1027 ':Arr"'Aoovt IG 9,2: 1034.1
1:öo[avJopö IG 9,2: 241.2/3 1:ouativ5pew<: IG 9,2:517.81 /82
43
00046245

§ 4S. Wie im Boiotischen (§ 4lff.) wird auch im Thessalischen durch die gele-
gentliche Schreibung' für e eine Hebung von [e] zu[~] vor nicht-hohem Vokal
belegt. Diese Aussprachevariante , deren früheste Belege bis in das 4. Jahrhundert
reichen, bleibt auf die Histiaiotis, Kierion und den gebirgigen Teil der Pelasgiotis
beschränkt.
Beispiele:
~t.Oc: IG 9,2:458.1 (Krannon, 3. Jhdt.), BCH 1970: 16lff. Z. 1 (Matropolis, 3.
Jhdt.), aber ~eoi IG 9,2:1229.37 (Pha1anna), ~eoic: IG 9,2:581 (Larisa),
E>eO"(eivet IG 9,2:504.6 (Larisa)
"f€11Wvll BCH 1970: 161ff. Z. 3 (Matropolis), "f€11Wt ibid. Z. 4/5, aber "f€11eäc:
DGE 606.3 (Mopsion, Pelasgiotis)
Ntwra IG 9,2:461.15 (Krannon), Arovreim IG 9,2:414.a9 (Pherai)
'Epax'N.o<: IG 9,2: 258.12 (Kierion), K'Aiavöpec: BCH 1970: 16lff. Z. 11 (Matro-
polis), Kf..w11[11lO]awc: IG 9,2:281.12/ 13 (Matropolis), Kf..WJ.Laxoc: IG 9,2:416.1
(Pherai)

4.1.3 Hebungstendenzen im Lesbischen


§ 44. Im Lesbischen werden die Zeichen 11 und w des ionischen Alphabets für
zugrundeliegende und aus Kontraktion entstandene /e:/ und /o: / verwendet. Da
die Zeichen et und ou in der Regel den Diphthongen /ey/ und' /ow/ vorbehalten
bleiben, haben die langen Vokale wahrscheinlich eine mittlere Qualität gehabt.
Abweichungen sind im 3. Jhdt. in Formen von ew-Stämmen (ßaat'Aetec: IG 12,2:
646.a45 neben af..l71i', "fllc1tJr1i' auf der gleichen Inschrift, § 263) und in einigen
Formen von e-Verben mit eL statt 11 im kleinasiatischen Aiolisch (rroeiJ.L€110<;'
IErythrai 121.8 statt '[rOLilJ.L€110<: IErythrai 122.28, KaA.ew~at IG 12,2 S:140.13
statt KaA.71a~at 1G 12,2:645.a35) zu beobachten und weisen auf eine Tendenz
zur Hebung /e:/ ~ [~:] (cf. Bechtel 1909:29f., 4lf., 192 1:9, Hoffmann 1893 :
424).
Durch die Dehnung von /e/ bei der Diphthongreduktion entstandenes[~ : ] wird
in der literarischen Überlieferung 71, in der inschriftlichen Überlieferung meist et
(neben 71, 11L) geschrieben (vgl. § 80f.):
Patronymika: lit. -110<: (lle11~lA.71o<:), inschr. -ewc:l -11o<: ('AvrwvtJJ,Lewc: , Tepi{>€LOc:/
T EP'{1110<:)
Feminina: lit. -11a ("fAVK11a) , inschr. -Eta (Lpeta)
e-Verben: lit. .lfJW (reMw), inschr. -eLW (reA.elw , §§ 184,190)
Durch Kontraktion (§ 69) entstandenes [e:] wird 11 geschrieben (z.B. li:yrw,
§ 226).

§ 47. Auf den Inschriften und in der literarischen Überlieferung des Lesbischen
schwankt die Schreibung für [o] vor [m] am Wortanfang zwischen o und u:
44
00046245

Inschriftliche Belege:
OJ.LO"Acrrflp.eva IG 12,2:6.35 (4. Jhdt.)
OJ.LO[Xo-yewwt] ibid. z. 32/33
blJ..L]a. IG 12,2:526.b3 1 (4. Jhdt.)
op.Ovoc.cw IG 12,2 S: 136.b33 (Delos 2. Jhdt.)
VJ.LOAO"'tia<:: DGE 644.13/14 (Aigai Mitte 3. Jhdt.)
iJJ.,ta IG 12,2:32.11 (archais.)
iJJ..t[a] IG 12,2:29.10 (archais.)
VIJI)iw<: IG 12,2:69.a6 (archais.)
Literarische Belege:
OJ..ta'YlJ[ Alk 115.al4
OJ..Ltr\A.H Alk 117 .b29 (cf. ÖJ..Lt'AA.o<: Etym.m. 658.55)
VJ..LaALK[ Sa 30.7, Sa 103.8
VIJIJt Sa 94.13
ÜJ.,tw<: Sa 58.21
VJ..LW[ Alk 1.14
ÜJ.LOt BalbiUa (Memnon Nr. 31.3)
Nach Bechtel (1921: 27) gehört "die Verdumpfung des o vor J..t" ,,zu den sicher
bezeugten Tatsachen der Lautgeschichte". In der Alexanderzeit sei o noch erhal-
ten und vom 3. Jhdt. an zu v geworden; in den Handschriften und Papyri der
Lyriker habe die Aussprache des Alexandrinischen Zeitalters ihren Niederschlag
gefunden. Die sichere Bezeugung eines manifesten Lautwandels [o] ~ [u] vor [m]
am Wortanfang wird jedoch in Frage gestellt
(1) durch die literarischen Belege OJ..La'YtJ[ , oJ.,ti'AA.et, die Bechtel noch nicht bekannt
sein konnten:
(2) durch den Beleg OJ..LOVOtav im 2. Jhdt., an dessen Stelle nach Bechtel VJ..LOVOc.cw
zu erwarten wäre;
(3) durch den Umstand, daß v an Stelle von obislang überhaupt nur in Formen,
Ableitungen oder Komposita von ÖJ.LO<:: belegt ist.
Möglicherweise verbirgt sich hinter der schwankenden Schreibung lediglich eine
Hebung [o] -+ [ 9 ], ftir die verschiedene graphische Repräsentationen gewählt wur-
den, wenn nicht überhaupt der größte Teil der Schreibungen mit v auf den Ein-
fluß von Grammatikerberichten über "aiolisches" v statt o zurückgeht : für die
archaisierenden inschriftlichen Belege iJJ.,ta, iJJ.,toiw<: und flir den Balbilla-Beleg ist ein
solcher Einfluß sehr wahrscheinlich, und flir die literarischen Belege (die sämtlich
der Papyrus-Oberliefe rung entstammen) zumindest in die Oberlegungen einzube-
ziehen.21 Zu bedenken ist schließlich noch, daß der einzige inschriftliche Beleg,
der auf Grund seines Alters eine Entscheidung über die Glaubwürdigkeit der Gram-
21 Wie hoch der Einfluß der Lehrmeinung antiker Grammatiker auf die Oberlieferung ver-
anschlagt werden muß, hat Niekau (1974) an Hand von 1Ja6o~ (1Ja6wv Sa 2.5, lla6w Sa
lOS .al codd. , 1Ja6wt L- P, V.) statt Öa6oc; gezeigt .

45
00046245

mati.kerberichte über lesb . [u] flir [ o] herbeifUhren könnte, OfJOAO'Yiac; aus Aigai,
von einer Inschrift stammt, die neben (kleinasiatisch-)aiolischen auch dialekt-
fremde Merkmale (iJK.oaoov, Dat.Pl. -OL\) enthält.

4.2 Divergierende Vokalqualitäten


§ 48. Wandel [i > e] nach [r] im Thessalischen der Pelasgiotis
Im Thessalischen der Pelasgiotis ist seit dem Ende des 3. Jhdt.s eine Senkung von
[i] zu [e] nach [r] zu beobachten:
K.p€WEJ.l.€V IG 9,2:517.14 (Larisa, Ende 3. Jhdt.), KPEOL\ SEG 27:226.9 (Pelas-
giotis, 2. H. 2. Jhdt.) gegenüber lesb. Kpi.ww (§ 109)
rrerpoerec.p€00. McD 346.21 (Larisa, 1. Jhdt.), aber häufiger 7T€TPO€T€L{)l&. ibid.
'Tßpeorac; IG 9,2:517.71, IG 9,2:934.a1 (Larisa, 3. Jhdt.), aber ]vßplora ZPE
1974:28 (Atrax, 6. Jhdt.), 'Tßpiorac; IG 9,2:234.96 (Pharsalos)
arreA.evt'fepeo~ec;, arreA.ev~epeo~€voa IG 9,2:414 passim {Pherai, 2. Jhdt.).
Nach geläuf~ger Auffassung (vgl. u.a. Bechtell921: 148) ist auch in rraTpoveav IG 9,2:234.4
aus Pharsalos (iJ nach (rJ über (o:J hinweg zu (e) gesenkt.

§ 49. Wechselefanach [r] im Boiotischen


rp€rre5f>a.L SEG 24:36 1.24 (K.horsiai 4. Jhdt .)
Tp€1T€Mac; IG 7:3172.38 (Orkhomenos 3. Jhdt .)
rparreö5ac; ibid. z. 170
rperreö5irac; IG 7:2420.34 (Thebai 3. Jhdt.)
'{XlP€Tpt1'T/ SEG 3:354.2 (Koroneia 3. Jhdt.)
!fJO.P€TPLTawv BCH 1926: 396 Nr. 16.11 (Thespiai 3. Jhdt.), IG 7:27 14.2 (Akrai-
phia 3. Jhdt.)
lfJO.P€Tpl1'T/c; SEG 23:27 1.25 {Thespiai 3. Jhdt.)
'{Xlparp'i1'T/ DGE 463,3.5 (Tanagra 2. Jhdt.)
Wegen der Hesychglosse Tplrreta· rrw Tpcirretav. BotW1'0i geht man im allgemeinen davon aus,
daß im Boiotischen - wie im Thessalischen - (i) nach (r) zu (e) gesenkt worden sei (rplrreta
TJ)erre66a). Diese Hypothese hat mehrere Schwächen: (1) sie läßt den Wechsel ej a unberück-
sichtigt; (2) sie erklärt nicht, warum Tpt- in Tp{To<; (§ 290) und in verschiedenen Komposita
(rpurAdcu SEG 24:361.17, Tplrro6a IG 7:2724 .2, IG 7:3207.1, IG 7:4157.2, rplxaAKDV IG 7 :
2420.9 etc.) erhalten geblieben ist; (3) sie operiert mit einer Etymologie des Wortes filr
"Tisch" , die auf schwachen Füßen steht (cf. Frisk GEW s.v. rpcirreta); (4) sie geht nicht auf
das Verhältnis zwischen -t- der Glosse und -66- im Boiotischen ein.

§ SO. KiarionfKierion
Kiarion lautet der Name der Stadt auf lokalen Inschriften des 2. Jhdt.s {ältere
Belege fehlen):
Kw.pioL IG 9,2:258.2
Kw.p,[ IG 9,2:260.b 1
46
00046245

gegenüber Kierion andernorts (Kc.epioo IG 9,2:528.7, Kc.epc.ak IG 9,2:66.bl,3).


Weitere Belege für einen mutmaßlichen Wandel [e > a] (vor [r]?) in der Thessa-
liotis liegen nicht vor. 22

§ S1. Frontierung [o -+ e] im Thessalischen der Histiaiotis

Im Thessalischen der Histiaiotis wird [o1 in Endsilben an vordere Laute assimi-


liert (cf. Helly 1970b): nach [i), [y], [~] . [t), [n] und [r] tritt eine Frontierung
(Vorverlagerung) [o-+ e], [<;>:-+ ~:), [oy-+ ey] ein.23
[o -+ e 1
o-Stämme:
Nom.Sg. K'AiaJJopec: BCH 1970: 161ff. Z. 11 (Matropolis, 2. H. 3. Jhdt.), [lle1o-
oiac.ec: ibid. Z. 16, ['Aa]TOKp<hec.ec: ibid. z. 19, Sapiaec: (aus 9aJL~)
Helly i.V.24 Z. 15, 'Ovaaec.ec: BCH 1973: 341 (Pelinna, 2. Jhdt.)
Aldc.Sg. rev )(POVev BCH 1970: 161ff. Z. 4, ra'Aa.vTev ibid. Z. 9, 'EKaroJ.Ißc.ev
ibid. Z. 20, 'A(p.evev Helly i.V. Z. 6, 1rerpc.rev ibid. Z. 10, [oLKaaret']Ppev
ibid. z. 14
Akk.Pl. roJbPfteC: Helly i.V. Z. 8, am€c: ibid. Z. 16
s-Stamm:
Akk.Sg. frec: Helly i.V. Z. 10
n-Stamm:
Gen.Sg. Mevovvec: BCH 1970: 161ff. Z. 14
[<;>: -+ ~:1
o-Stamm
Dat.Sg. rei Helly i.V. Z. 2, )(POV€L ibid. Z. 2025

[oy-+ ey1
o-Stämme
Dat.Pl. rei<: BCH 1970: 161 ff. Z. 2, wrei<: ibid. Z. 4, n5rec.c: ibid. Z. 8, OLKaareip-
pec.c: Helly i.V. Z. 12, reic: lU}reic: ibid. Z. 13.

22 Thumb-Scherer (1959: 52) halten " das a d es Stadtnamens" flir westgriechisch.


23 A. Morpurgo Davies (197 6: 191 A31 ) deutet an, daß sie diesen Wandel erörtern wird
und argumentieren wird, "that -e· is simply a spelliog for a schwa.lilce vowel in unstressed
position".
24 Sympolitie zwischen Go mphoi und Tha.miai (Fundort Philia), Ende 3. Jhdt.
25 HeUy (i.V.) nimmt an, daß d er aitolische Dativausgang 1-<>YI wie in Kierion (§ 253) auch
in die Histiaiotis eingedrungen sei und dort - parallel zu I -oys -+ -eysl - zu 1-eYI ge-
worden sei. Das Digraph -et in Te'i, XPO~' läßt sich aber auch als Sclueibung für I~: I auf·
fassen, das - wie Ie 1 aus [o 1 - aus ( ~: 1, de m regulären Dativausgang in der Histiaiotis,
hergeleitet werden kann.

47
00046245

In Matropolis kann zugrundeliegendes oder durch Frontierung entstandenes [ e j


nach [Vyy) getilgt werden:
öoi.v (aus öo'iev) BCH 1970 : 161ff. Z. 7
'E1TU<pariöru.c; ibid . z. 11 , [napJ..Lovl}5ru.c; ibid. z. 18. 26
Die Inschriften, die die Belege flir die Frontierung von [o ) liefern , sind in die 2.
Hälfte des 3. Jahrhunderts und in das 2. Jahrhundert zu datieren. Auf einer älte·
ren Inschrift ist [ o] noch erhalten :
[~)aJ..Lru.v€rewc; , EVKAe[iö)awc;, [Mti)wwc; IG 9,2:281 (Matropolis, 4./3. Jhdt.)
PR (4) Frontierung im Thessalischen der Histiaiotis
+silb
-hoch -+ [- hint) I [-hint) (C) ##
+hint
[o] -+ [e) nach vorderen Segmenten (nur in Endsilben)
Die BelegJage für die Spezifikation [-hint) der Umgebung, in der Frontierung ein
tritt, ist nicht frei von Inkonsequenzen: (1) nach[~:) ist Frontierung in 'Ovaaeu:
eingetreten, aber in ~wc; BCH 1970: 161ff. Z. 1 (wo L für[~] steht, § 45) unter-
blieben ; (2) nach [t) iSt Frontierung in 1TfTPLT€11 Helly i.V. Z. 10 eingetreten, abe
in €wtCWro[v] ibid. Z. 9 unterblieben ; (3) das Merkmal [-hint) hat auch [m] , abe
in vOJ..LOL<: Helly i.V. Z. 12 ist [oy] erhalten ; (4) für eine Frontierung nach [1),
nach Labialen oder nach [s) liegen bislang keine Belege vor.
In der Umgebung [+hint) bleibt [o] erhalten : a1T6Aaoc; BCH 1970: 16lff. Z. 8 ,
['A)aroAaoc; ibid . Z. 17.

§ 52. Gleitlauteinschub im Boiotischen: wv statt oo


Seit der Mitte des 3. Jhdt.s wird auf boiotischen Inschriften an Stelle von oo
nach den dentalen Verschlußlauten , [s] , (I) und [n] auch too geschrieben:
owtlo IG 7:3172.63 , SEG 3:356.7, owvvarov E. 78:06.14/ 15, faöwuAd-yw
IG 7:2788.3/4 {cf. [a]Ot.IAo-yo, Sa 73a.4)
rwvxa SEG 22: 432.1 , IG 7:2809.1 , avnrwvvxa11011Tec; IG 7:3080.6,
faaTWVAA€L IG 7:3 180.54
9wuiw AD 19 16: 2 18f. Z. 23 , avem~wt.lvwc; BCH 1895 : 157ff. Z. b8, Eu~wv
J,.Liöac; IG 7:3 179.27, ni~LOOA0Voc; IG 7:2820.10
---
26 -a,~ aus -c.u~ (cf. (fle)c56lau~) aus -awc: (cf. Gen. fle66 ,a.lou). 'E1rU<parl6a'~ und nap-
IJ()Vl6atc: sind patronymische Adjektive zu 'EmKparl6ac: Z. 11 / 12 und nap1Jovl6a~ Z. 18.
A. Morpurgo Davies macht mich (brieflich) darauf aufmerksam, daß die Matropolls-ln-
schrift im großen und ganzen Genitive des Vate.rsnamens an SteUe von patronymischen
Adjektiven hat. Soweit das dürftige Material Beobachtungen zuläßt, könnte die Vertei-
lung von Genitiv und Adjektiv aber auch morphologisch bedingt sein: Genitive sind von
(}- und n-Stämmen belegt, patronymische Adjektive von ä- und s-Stärnmen (('Ao)mKpa-
retec:).

48
00046245

:Ewtlveat~ IG 7: 1390
Al.oUawv IG 7 :2820.9, 'O'AwVIJ1TLX<X IG 7:2786.13, erx.{'AJ.OOoc; BCH 1936 :
27ff. z. b31, no'AwvaTpOTW IG 7:557.4
vuiiv DGE 462.a5, livWVIJO. lG 7:3352.4, ~twvwvaaa7'71 IG 7:686.3
Einmal ist auch wv statt ov arn Wortanfang belegt: wuu,;i IG 7:3377.6.

Die zwar nicht konsistente, aber häufige neue Schreibweise läßt darauf schließen,
daß sich zwischen koronalen Konsonanten {[-hoch], [-hint]) und [u] ((+hoch],
(+hint]) der palatale Gleitlaut [y] ([+hoch], (- hint]) als Obergangslaut gebildet
hat (vgl. auch § 139).

PR (5) Gleitlauteinschub im Boiotischen

-silb +kons
+silb
-kons -hoch
+hoch
0 ~ +hoch I -hint - +hint
-hint +kor
+rund
-rund +ant
0 ~ [y] zwischen koronalen Kons. und [u]

Buck (1968:24) zieht, wohl mit Recht, als Parallele die Aussprache von engl. u
in cube heran {obgleich ein Beispiel wie duke angemessener wäre). Abzulehnen
ist die Interpretation von wv als (ü] (Shipp 1965: 308f., Ruipchez 1972: 161);
für die Schreibung von [ü) wird im Boiotischen bereits seit dem 4. Jhdt. der Buch-
stabe v verwendet.

§ 53. Wechsel ujo

(1) aml:
Thess. Sofern nicht die apokopierte Form ä.1T verwendet wird, lautet die Präpo-
sition im Thessalischen der Pelasgiotis Q.mj (aw IG 9,2:594.2,3. Jhdt.,
Ö.1TVaT{>\'Aavro~ IG 9,2 :517.23, Ende 3. Jhdt.); im 2. Jhdt. ist a1Tv durch
amS ersetzt (IG 9,2:414 passim, Pherai).
Lesb. Im literarischen Lesbisch wird ausnahmslos ä.mj verwendet (vgl. Index
bei Voigt). Auf der ältesten Prosainschrift steht Q.mj (ä.~L IG 12,2:
1.15, 5. Jhdt.) ; im 4. Jhdt. wird aw noch in ä.1TVMIJ€llat IG 12,2: 6.45
verwendet, ist aber in IG 12,2:526 (Eresos) bereits durch ä.1To ersetzt
(a1Toß<ivJ7v Z. a19/20, a1TOÖoawc; Z. a22 , ä.1T<ryovwv Z. d21 etc.). Danach
wird ausschließlich ä.1To verwendet, bis in nachchristlicher Zeit in archai-
sierenden Inschriften Q.mj wiederbelebt wird (aw IG 12,2:67.10, ä.1TIJooxa,
0.1TIJoeooaßat IKyme 19, awrovov IG 12,2:244.8/9 , '1TV Balbilla Memnon
Nr. 28.2, 31.1 ).
Boiot. 0.11'6 (ohne Ausnahme)

4 Bl:lmel, Die aiollschen Dialekte 49


00046245

(2) -y{IIVJ.lCU:
Thess. 'YWvJ.lCU. in -yWtletret IG 9 ,2: 517.22/ 23, SEG 27:202.26/ 27 (Ende 3. Jhd1
-yWtlet(r}€t IG 9,2 :5 15.12 (2. Jhdt.), 'YUIIJJ.lEvaviG 9,2: 51 7.45 (Ende 3.
Jhdt .) (alle aus Larisa), 'YUIIJJ.lEvat BCH 1970 : 161 ff. Z. 5 (Matropolis,
3. Jhdt.),jünger -yivoJ.lcu. in ['Ytlvetret IG 9,2:5 12.20/2 1 (2. Jhdt.), McD
337.32 (1. H. 2. Jhdt.), 1TQ{J'YWOJ.lEVOt\ ibid. z. 35/36, OVJ.l1TOfYW€tTet27
ibid. Z. 36, 'YWOJ.lEVO\ IG 9,2:553 passim (1. Jhdt.).
Lesb. -ylvoJJru. in -ywe[r]a[t] Alk 117b.29, -yliiTJTCU. IG 12,2:528.6
Boiot. -yivovJ.lTI in z.B. -yivovarh} BCH 1936: 177ff. Z. 29, -yiwrr] IG 7: 1737.5,
rrap-yWtlwvrh} IG 7:207. 11 / 12, 'YWwVJ.l€VOV (§ 52) IG 7:3303.6 28.
(3) ÖWJ.la:
Thess. iWvJ.La (OvtiJ.laTa IG 9,2:517.21, BCH 1970: 16lff. Z. 10, 'OvtiJJapxcx:
IG 9,2:234.30) und ÖVOJ.la in 'OvoJJax'Ae"ir; AD 1973/74 Xpov. 571 Z . lC
(Larisa, 2. H. 3. Jhdt.).
Lesb. Im literarischen Lesbisch ÖIIVJ.la (cf. WvVJ,laoa[a]v Alk 129.8, errwvVJ.LaO·
aav Alk 129.5). Auf den Inschriften ÖVOJ.la (OvOJ.laror; IG 12,2:15.30,
Ende 3 . Jhdt.) und ÖWJ.la (IG 12,2 :68.7, rrpoaowJJao6eatJcu. IKyme
19.7, beide nachchristlich).
Boiot. ÖVOVJ.la (ohne Ausnahme).

§ S4. Wechsel ujo im Boiotischen von Lebadeia


lm Boiotischen von Lebadeia wird vereinzelt o statt u, ou geschrieben :
ho1r1?p BCH 1940/41 :42 Z. 4 (4. Jhdt.) gegenüber urrep IG 7:3055.9 (4. Jhdt.j
örrepfnxwvtJw IG 7:3081.5 (2. Jhdt.) gegenüber oorrep6U<t.Ov'~Jw IG 7:1737.5,
(2. Jhdt.)
örrepaJJEpi.ar; IG 7:3054.10 (4. Jhdt.) (vgl . oorrepap.eplcw SEG 22:407.25,
Thisbai 3. Jhdt.)
.,Joo{flr; IG 7:3083.25 (Anf. 2. Jhdt.) (vgl. tJoualcw IG 7:2410.14, Thespiai
3. Jhdt., 'IJtOUotla]r; AD 1916: 218f. Z. 36/ 37, Ko roneia Anf. 2. Jhdt.)

§ SS. Wechsel efa


( 1) "ApT€J.lt\ :
Thess. "ApreJ.lt\ vorherrschend; 'Aprdp.wt in IG 9,2:239.2/3 (Pharsalos), lG
9,2:417.2 (Pherai)
Lesb. "ApreJ.lt\, kein Beleg fdr "Aprap.tr;
Boiot. 'ÄpTllJ.lt\, kein Beleg fdr ''ApreJ.lt\.

27 Oie Form ist entweder fwch gelesen oder verschrieben; zu erwarten wäre uu1JnortlwTtl
(Lejeune 1941 : 79).
28 Zur Bildung vgL auch M660UIJTJ (ou1roM66oU11"'1 SEG 1:132.12, M66ouu~ IG 7: 3054.6).

50
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(2) i.Epck
Thess. iep6<:, ißp- nur in ißpOV'Toic: IG 9,2:46l.b25 (Krannon, 2. Jhdt.)
Lesb. lpoc;
Boiot. lapoc; durch zahlreiche Belege bereits seit Beginn der Überlieferung ver-
treten ; die Formen mit iep-29 können aber nicht ausschließlich dem Ein-
fluß der Koine zugeschrieben werden (wie es bei Buttenwieser 1911 : 33
und Buck 1968: 24 geschieht). In Bezug auf die älteren wird man sich
fragen müssen, ob sie als Entlehnungen (aus dem Attisch-Ionischen?)
oder als Relikte der thessalisch-boiotischen Gemeinsamkeit aufgefaßt
werden müssen.
§ 56. Wechsel ofa: Oll/dlla
Thess. Pelasgiotis: Qll 30
Perrhaibia: in Phalanna auf Grund des Einflusses aus der Pelasgiotis Oll
(z.B. Olle~eKe IG 9,2:1236, Olle~eu<ew IG 9,2: 1233) neben ava (z.B.
twe~eU<e DGE 616a), in IG 9,2:1229 auf der gleichen Inschrift wech-
selnd (oryprupdll Z. 40/41, oryp(J){)€1l Z. 31, aber all'Te~ei Z. 32); in Mylai
Olle~eix.aell Biesantz (1965: 32) Nr. 56; in Khyretiai ä.vil~ICTl DGE 607a.
Histiaiotis: nur ein Beleg: t.we~KEil IG 9,2:299 (4. Jhdt.)
Thessaliotis : twa (ayypal/Jat IG 9,2:258.11, ä[lla-yp ]a(cp€ijuev IG 9,2: 260.a3)
Phthiotis (Pharsalos: Oll (olle!JeiKaell IG 9,2:244.4) neben dvd (z.B. twe-
IJeiKaell IG 9,2:237.1, dv€1J(e]Kav IG 9,2:241.1/2)
Magnesia: Oll (61l€19eKe IG 9,2: 1098 Alifak/ar, OlleiJeU<e IG 9,2: 1127
Demetrias 31) neben ava (~e~[ IG 9,2:1203 Korope)
Lesb. Im literarischen Lesbisch Oll; auf älteren Inschriften Oll (0-yK<ipv~at IG
12,2 S:2.6, OlleiJeKe DGE 639, ovaAiaKovrac; IG 12,2:7.4/5), seit dem
4. Jhdt. durch äva verdrängt (in IG 12,2:645 0-yKapvaaerw Z. a37 ne-
ben alla-ypal/Jru. Z. a44/45 , avaXwJ.LQ. Z. b65; t.w€X[w]ll IG 12,2:526.a25).
Ln archaisierenden Inschriften ist Oll wiedereingeführt (ovre~ll IKyme
19.8 etc., ovre[~]Kovtec: IG 12,2: 108.8/9, Ollara~eiaac; IG 12,2:255.8).
Boiot. ava (ausschließlich)

29 h(,)~pov BCH 1926:387 Nr. 2 (Thespiai, 5. Jhdt.), hupa SEG 24:361.2 (Khorsiai, Anf.
4. Jhdt.), !Epapxcu DGE 482.1 (Thespiai, um 300); an Stelle von le(P)apxlovro~ in BCH
1926:401 Nr. 18.1 ist la(p)-zu lesen (Hinweis von P. Roesch), Lepew~ IG 7:352.1 (Oro-
pos) ist keine boiotische Form. Die Herkunft der Votivstatuette AJA 1962:381 mit hupc5,
Ko.IJ~/p6' (6./5. Jhdt.) ist nicht bekannt, ihre Zuweisung zum Boiotischen daher nicht zwin-
gend.
30 IG 9,2:575 (Larisa, 5. Jhdt.) mit llve~iK~ kann wegen ro6e statt TOllE von der poetischen
Sprache beeinflußt sein; in IG 9,2 :5 97 (Larisa, 3. Jhdt.) ist llve""'Ke" wegen ny ephelkysti·
kon nicht authentisch; in IG 9,2 :598 (Larisa, 3. Jhdt.) steht llve""'K~ neben der thessaü-
schen Form ove "~'Ke.
31 In dem Gebiet um Demetrias ist der Verlauf der Grenze zwischen der Pelasgiotis und
Magnesia umstritten ; eine eindeutige Zuweisung von lJ.ve~iKe der Inschrift AAA 1974:74 -
fli.r die als Fundort Pagasai angegeben wird - ist daher nicht möglich.

51
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§ 51. Wechsel ofa: Zahlwörter 32


Lesb. Thopn<; : Lesb. rerpanx
Thess. trETpc>-(·ETEf.PE5a) : Thess. trerpa{-Kovra, ·'YOU~)
Boiot. trETpa{-KaTIOL, ·Jl€~)
Thess. ~~OJlEWVO<; 33
Lesb. €voro<; : ßoiot. flla.TO<;
Lesb. Thess. 5€KOTO<; : Lesb. Thess. 5€Ka (vgl. § 289)
ßoiot. 5€Ka, 5eKaTO<;
Lesb. ELKOOt : Thess. ücan, Boiot. fixan
Thess. ixoar6<: Boiot. fu<aaro<:
Lesb. •
€1XOLOTO<;

Lesb. ·KOaWt : Thess. Boiot. -Karwt

§ 58. Wechsel ejo: €trl/ Ö1T


Thess. Neben zahlreichen Belegen flir Etr(i), etrell}ei auch tmei34 McD 337.26,43
(Larisa, 1. H. 2. Jhdt.), otrewei ibid. Z. 12,34, SEG 27:202.8, AD
1973/74:57 1 Z. 10 (La.risa, Ende 3. Jhdt.).
Lesb. €tri, kei, EtrE~ (ausschließlich)
Boiot. €tri, €tri < etrei, etrewei I f.trll}ei. An Stelle von otr SEG 25:556.12 ist ev
zu lesen (Hinweis von P. Roesch).

§ 59. Zusammenfassung und Beurteilung


In den vorangehenden Paragraphen sind Phänomene sehr disparater Natur zusam-
mengefaßt: phonetische Schreibungen flir lokal begrenzte Aussprachevarianten,
Lautwandel in Teilbereichen der aiolischen Dialekte und Differenzierungen, die
sich zwar teilweise als Resultate divergierender historischer Entwicklungen er-
klären lassen, aber flir die durch Texte belegte Periode der aiolischen Dialekte
lexikalisch defmiert werden müssen.
Eine Senkung (in der traditionellen Tenninologie: Öffnung) von Vokalen in der
Umgebung von [r] tritt im Bereich der aiolischen Dialekte sporadisch auf (cf.
Schwyzer 1959: 274f.), wird aber erst seit dem 3. Jhdt. und nur in der Pelas-
giotis mit einer gewissen Häufigkeit belegt. Selbst wenn man noch [a] aus [e] in
den beiden Beispielen aus dem Boiotischen und möglicherweise die Lautform
"Kiarion" als eine durch [r] hervorgerufene Senkung betrachtet, wird man hierin
noch kein signifikantes Merkmal des Aiolischen sehen können.
Als einen regulären Lautwandel wird man die Frontierung [o ~ e] nach vorderen
Lauten im Thessalischen der Histiaiotis interpretieren können . GleichfalJs nach
32 Belege sind, wenn nicht anders angegeben , in §§ 289- 290 aufgeführt.
33 ~to~o~e, [ vll)()v IG 9,2 :506.4, ~(o~o~~o~etl)()ll ibid . Z. 5 gegenüber gemeingr. ~(cil-'111)()~.
34 Cf. Lejeune (1941 : 79).

52
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vorderen Lauten - aber nur nach Konsonanten - wird etwa zur gleichen Zeit
im Boiotischen vor [u) der Gleitlaut [y] eingefügt. Beide Prozesse weisen in eini·
gen Aspekten Oberemstimmungen auf, aber es erscheint fraglich, ob eine Bezie·
hung im Sinne einer Gemeinsamkeit hergestellt werden kann.
Entgegen der herkömmlichen Meinung werden durch die übrigen Wechsel von
Vokalqualitäten keine Lautwandel [o > u), [a > o) , [e > o) dokumentiert:
(1) ami (im Thessalischen und im älteren Lesbischen) und cl1TO sind zwei ver-
schiedene Lexeme (vgl. zuletzt Garcia-Ram6n 1975: 50 mit weiterer Litera-
tur, gegen Panagl 1975: 425ff.). Das gleiche gilt ftir öv neben ava und 01r
neben €1ri.
(2) -yiJJUJ.I.CU. im Thessalischen und Boiotischen gegenüber -yivoJ.I.CU. im Lesbischen
ist eine Neubildung nach bekannten Mustern (Schwyzer 1959: 698).
(3) ÖJJUJ.I.a neben ÖJJOJJ.a beruht nicht auf einer inneraiolischen Entwicklung, son-
dern geht auf eine im Griechischen weiter verbreitete (aber unerklärte: Le-
jeune 1972: 190 Anrn . 3), voreinzelsprachliche Bildung zurück.
(4) "ApTap.Lc:, ia.poc: im Boiotischen und vereinzelt im Thessalischen beruhen
auf westgriechischem Einfluß.
( 5) Der Wechsel zwischen [o] und [a] in Zahlwörtern reflektiert verschiedene
Varianten teils der Vertretung idg. silbischer Sonanten, teils bestimmter
Kompositionstypen; die Einzelheiten der Abgrenzung zwischen phonologi·
sehen und morphologischen Ursachen sind noch nicht übereinstimmend ge-
klärt.

4.3 Kürzung von Langvokalen


4.3.1 Kürzung vor Sanorant + Obstruent
§ 60. Lange Vokale vor einem Sonoranten (= Sonant oder Gleitlaut) werden ge-
kürzt, wenn ein Obstruent folgt.
PR (6) Kürzung von Langvokalen vor einem Sonoranten

[+silb ] ~ [-lang) I _ [ ~~~] [: : s]


Die Regel Kürzung von Langvokalen vor einem Sonoranten ist nach den Regeln
für die Entwicklung von Sonant plus s (§ 114f.) anzuordnen: /me:nsos/ wird im
Lesbischen als [me:nnos] realisiert ; der lange Vokal vor der Folge von Sonant
und Sonant bleibt erhalten.
Auf den älteren Inschriften des Lesbischen {IG 12,2: 1, 2. H. 5. Jhdt. ; IG 12,2:
645, 4. Jhdt.) ist in Formen der 3. Pl.Konj. ein langer Vokal vor der Folge von
Sonorant und Obstruent erhalten (-ypiJJpwwL § 166). Dieser Tatsache kann durch
eine - morphologisch detenninierte - Ausnahrnebedingung, der zufolge lange
Vokale als Kennzeichen des Konjunktivs auf Grund ihrer morphologischen Be·
53
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lastung von der Anwendung der Kürzungsregel ausgenommen sind, oder durch
Regelordnung Rechnung getragen werden: die Regelfolge, durch die lesb. /-o:nti/
in /-o:ysi/ überfUhrt wird (vgl. §§ 117ff., 179), ist nach der Kürzungsregel an-
zuordnen .
In der Folge von einem langen Vokal und einem Gleitlaut vor der Wortgrenze
wird im Lesbischen und Thessalischen der Gleitlaut getilgt (§ 99), im Boiotischer:
der lange Vokal gekürzt (§ 62).

§ 61 . Anwendungsbeispiele
( 1) Part. Präs. der e-Verben
/phile:+nt+/ -+ /philent+/ lesb. aiep"(erevreaat IG 12,2: 527.40
thess. KaroiXevreaat IG 9,2:5 17.14
(2) 3. Pl.Med. der e-Verben
/phile:+ntay/ -+ (philentay] lesb. 1Tw'Aevr·at Alk 130.b18
thess. elj>(i.vype~ew IG 9,2:5 17.4 1
Zu Formen des Part.Präs. und der 3. Pl.Med. der e-Verben mit langem Vokal vor der
Folge von Sonant und Obstruent (lesb. 6ivvr)~~Tt~;, KaTotKT!~~Twv, thess. KOwavtl~~Touv {?),
lesb. ~PfiiiTCll , 11poil0f!IITC11 etc.) vgl. § 234.
(3) Imp.Pl. der e-Verben
/kale :+nton/ -+ (kalenton] lesb. KaA.evrov (§ 187)
(4) Akk.Pl. der ä-Stämme (§ 246)
/ tukha:+ns/ -+ / tukhans/
(5) 2. Sg. und 3. Sg. der e-Verben (§ 182)
/ phile:ys/ -+ /phileys/
/phile:yt/ -+ /phileyt/
(6) Dat.Pl. der ä- und o-Stärnme
/tuk.ha :ys/ -+ / tukhays/ (§ 246)
/nomo:ys/ -+ / nomoys/ (§ 250)
(7) Nom .Sg. der ew-Stämme (§ 263)
/ basile: ws/ -+ (basilews]
(8) /a:wso:s/ -+ /awso :s/ (§ 92)

4.3.2 Kürzung vor einem Gleitlaut am Wortende


§ 62. Im Boiotischen werden lange Vokale vor dem Gleitlaut /y/ arn Wortende
gekürzt, wenn zwischen dem langen Vokal und dem Gleitlaut keine Silbengrenze
liegt.
PR (7) Kürzung von Langvokalen vor /y/ am Wortende im Boiot.
-silb
-kons
(+siJb) -+ [-lang] I _ ##
+hoch
-hint

54
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Anwendungsbeispiele:
Dat .Sg. der vokalischen Stämme
/ tukha:y/ --? boiot. / tukhayl (§ 246)
/ nomo:y/ --? boiot. /nomoyl (§ 253)
Im Dat.Sg. des Stammes auf /o:/ (§ 269) bleibt der lange Vokal erhalten, weil zwischen
Stammauslaut und Endung eine Silbengrenze liegt; vgl. [e)lpwl' nTwlot DGE 541.1. Zum
Ausgang der 3. Sg.Konj. vgl. § 166.
Da im Ausgang des Dat.Sg. der o-Stämme auch nach der Einführung des ionischen
Alphabets zu Beginn des 4. Jhdt.s noch gelegentlich -w' geschrieben wird (§ 253),
muß der KUrzungsprozeß etwa in diese Zeit oder frühestens in die 2. Hälfte des
5. Jhdt.s datiert werden. Damit ergibt sich zwischen dem Boiotischen einerseits
und dem Thessalischen und Lesbischen andererseits eine zwar nicht inhaltliche,
aber doch chronologische Obereinstimmung der Prozesse, durch die auslautende
Langdiphthonge eliminiert werden.

4.4 Devokalisierung von lil


§ 63. Im Thessalischen verliert /il zwischen einem Konsonanten und einem Vo-
kal seine vokalische (und damit auch seine silbenbildende) Qualität und wird zum
Gleitlaut IYI.
PR (8) i-Devokalisierung im Thessalischen
+silb
-kons
--? (-silb] I [+kons] _ [+silb]
+hoch
-hint
lil --? lyl IC_V
Dieser Wandel ist vor allem wegen der palatalisierenden Wirkung, die /y/ auf den
vorangehenden Konsonanten ausübt, von Bedeutung und wird im Zusammenhang
mit der Palatalisierung durch zugrundeliegendes fyl (§§ 112f., 13lff.) durch Bei·
spiele belegt. Im folgenden sollen lediglich die prägnantesten Beispiele aus dem
Thessalischen referiert, einige bisher verkannte Fälle von Palatalisierung im Thes-
salischen behandelt und die Spuren einer i-Devokalisierung im Lesbischen und
Boiotischen diskutiert werden.

§ 64. Im Thessalischen wird du rch sekundäres (durch i-Devokalisierung abgeleite-


tes) /yl jeder vorangehende Konsonant palatalisiert und geminiert. Zwischen Vo-
kalen bleiben palatalisierte Geminaten erhalten.
( 1) /-VRyV-/ --? /-VRRV-/ (R = Sonant)
errayye'A'Aw., KiJppcx;, rrpo~eww.,
Tr€pp- (§ 112)
Oavaciww.w~, 1ro'A'Aw~, 1rpooppa (§ 113)

55
00046245

{2) /-VTyV-/ -. /-vttv~; (T = Obstruent)


~ . t~eCKarrux (§ 132)
EK.KAe{oow., )'I}J.LVaaoov ( § 134)
Nach einem Konsonanten werden palatalisierte Geminaten vereinfacht.
(3) /-TRyV-/ -. /-TRV-/
rpa {aus rpia) SEG 26:675.9, rptu<ovra SEG 26:672.10, rpOJ<.cwt IG 9,2 :
1229.6; tre'Ae.Jpaitx; McD 347 passim, SEG 26:672 passim, SEG 26:674
passim neben tre'Ae.,Jpw.it><; SEG 26:676 passim; ~ajtparpeia<:: IG 9,2:572.3
neben ~aJI.Jtarpteiac: IG 9,2:553.33; ~altl'firpewc: IG 9,2:517.79 neben ~ap.­
par(p]teiot IG 9,2:553.11/12; "Atppot McD 337.32 neben 'Atppiou IG 9,2:452
Durch eine Erweiterung der oben formulierten Regel kann auch vor /s/ in der
Folge /-Vri-/ Devokalisierung von /i/ eintreten. Nach der Palatalisierung / -Vri-/ -.
1-Vfi-/ wird der Sonant an /s/ assimiliert (Aaaoaitx;) oder getilgt(§ 154).
{4) /-Vrys-/ -. /-Vtfs-/ -. / -Vss-/, /-Vs-/ vor Konsonant
Aaaoaioc: aus 1\apt..oaüx; (1\aaoaiot.. McD 310.3, mit Einfachschreibung 1\a-
oaiotc: IG 9,2:517.19, Koine-Form A.apwaiwv ibid. Z. 3/4, 26); vgl. Aaoav ·
niv Aapwav Hesych .
'Aoro- aus 'Apwro- in Personennamen ('Aooropaxoc: IG 9,2: 234.13 Pharsa-
los, 'Aorovoeiov IG 9,2:237.6 Pharsalos, 'Aoropaxoc: IG 9,2:28 1.3 Matropo-
lis, 'AoroK'Aet..aio[t..) IG 9,2:414.a5 Pherai, 'Aorooap.eiot McD 310.9 Krannon)
neben 'Apwro- (cf. Leumann 1930)
1reoravrac: McD 310.11 aus trepwravrac:
aorepäc: McD 347.27 neben apwrepäc: Z. 20.
Der Schwund von (i) nach (r) ist teils durch die besonderen Bedingungen einer " SchneU
sprechform" (Leumann 1930), teils als Synkope auf Grund einer starken exspiratorische
Betonung (Fränkel 1956: 82ff.) erklärt worden, aber bereits Vendryes (1936) hatte den
Zusammenhang mit der "Schwächung" von (i) zu (y) und den dadurch ausgelösten Pro-
zessen herausgestellt.

§ 6S. Der Befund flir eine Devokalisierung von /i/ im Lesbischen ist uneinheitlich
und widersprüchlich. Aus dem literarischen Lesbisch können als Belege herangezo-
gen werden (§ 110):
tr€pp, ew vor Vokal gegenüber trepi, evi vor Konsonant
n€ppap.o<:; neben npiap.o<:;.
Sonst ist [ri] vor Vokal erhalten: fitepiac;, trOT'I'ipwv etc. (cf. Harnrn 1957: 25f.).
In anderen Fällen wird i nach r nicht geschrieben: trdpt.pVpoc; (mehrere Belege)
neben troptpvpto<:: , llpyvpoc; statt *ap"(vpto<:;, und es gibt keine Möglichkeit zu ent-
scheiden, ob [i) hier spurlos geschwunden ist oder devokalisiert wurde, und, falls
letzteres zutrifft, ob eine Palatalisierung und Geminierung (wie etwa in ä"(KUppa
Alk., thess. ap"fvppoc) eingetreten ist und wodurch dann die augenscheinliche
Depalatalisierung und Degeminierung bedingt ist. Verschiedene Aspekte einer
Erklärung aus metrischen Gegebenheiten werden von Harnrn ( l.c.) diskutiert ;
56
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Garcia-Ram6n {1978b: 413) hegt zwar keinen Zweifel, daß in rrop..pvpo<;, äp-yu-
po<; palatalisierte (geminierte) Sonanten vorliegen, läßt aber die Frage, wann die
Vereinfachung (zu -p-) eingetreten ist, offen.
An Stelle der Lautfolge [di-] am Wortanfang steht im literarischen Lesbisch einige
Male [dz-] (~a, ~aA.e~cu etc., § 128) gegenüber 8t.tiJJ.etrrrov, St.tix17TCU etc. Auch hier
werden metrische Erfordernisse eine Rolle gespielt haben; der Erklärungsversuch
Hamms (1957: 26), daß 8t- erhalten sei, wo das -a von 8td elidiert wurde, kommt
nicht ohne die Annahme von unmotivierten Ausnahmen aus und bleibt daher
unbefriedigend.
Aus der inschriftlichen Oberlieferung des Lesbischen stehen nur zwei Belege zur
Verfligung: 'A-yeppavwr; und rrepp aürwv (§ 110). Für zwei weitere Beispiele aus
hellenistischer Zeit, die Hooker (1977: 87f.) im Anschluß an Bechtel (1909: 31)
wieder in die Diskussion gebracht hat, ..üwvuoo<; statt ..üwvt5oto<; aus Myrina und
b.p-yvpa statt b.p-yvpw. aus Aigai, stellen sich die gleichen - ungelösten - Proble-
me wie flir rropcpupor;, l:J.p-yupor; bei den Lyrikern.35

§ 66. Aus dem Boiotischen werden gewöhnlich (Bechtel 1921: 234, Thumb-
Scherer 1959: 20) ..üaJJ.arpor; IG 7:890, 'A!ppoöioa IG 7:854, (K)a.pioa DGE
462.a68 etc. als Belege fUr eine Devokalisierung von /i/ (und anschließenden
Schwund von /y/) herangezogen. Dagegen hat sich bereits Salmsen ( 1904: 491f.)
skeptisch geäußert: ..ÜaJJ.arpor; und Ka.pioa können mit den Suffixen -o-, -ä- aus
den zugehörigen Götternamen gebildet sein, und 'A!ppoöloa kann entweder auf
einen Fehler des Steinmetzen oder den Einfluß der Koine zurückgehen. 'A!ppoöloa
und die häufiger belegte Form 'A!ppoöwia gegenüber 'A!ppoötrla IG 7:3303.3 sind
auch schon auf Grund der Assibilation nicht echt boiotisch.

§ 67. Als Fazit dieser Übersicht ergibt sich, daß die Devokalisierung von /i/ zwi-
schen einem Konsonanten und einem Vokal im Thessalischen regelmäßig durch-
geführt ist, im Lesbischen nur in einigen Fällen und nur nach einem Sonanten
auftritt und im Boiotischen fehlt. Die Beurteilung dieses Befundes bereitet
Schwierigkeiten. Man wird sich fragen müssen, (1) ob eine den aiolischen Dia-
lekten ursprünglich gemeinsame i-Devokalisierungsregel aufgestellt werden kann,
(2) wie deren Anwendungsbereich zu definieren ist und (3) wie die Befunde in
den bezeugten Stadien der aiolischen Dialekte zu beurteilen sind: hat der Anwen-
dungsbereich eine Extension im Thessalischen oder eine Restriktion im Lesbischen
erfahren? Garcia-Ram6n (1975: 81f.) tendiert im Rahmen seiner historischen
Untersuchung zu der Auffassung, daß erst nach der Ab.wanderung der zukünfti-
gen Boioter im Thessalo-Lesbischen sekundäres /y/ zunächst nur nach /r/ und
/d/ eine Palatalisierung bewirkt habe und daß nach der Ausgliederung des späte-
ren Lesbischen aus dem Thessalo-Lesbischen im Thessalischen neue palatalisierte

35 Zu einer Diskussion dieser Formen vgl. auch Morpurgo Davies (1978b).

57
00046245

Geminaten aus /yI nach /1, n, s, t/ entstanden seien. Soweit es das Boiotische
betrifft, wird man sich dieser Beurteilung anschließen können. In der Grammatik
des Boiotischen hat es eine i-Devokalisierungsregel nicht gegeben. Gegen die An-
nahme einer Palatalisierung nur von /r/ und /d/ durch sekundäres /y/ im Thessalo
Lesbischen sprechen aber folgende Argumente :

{1) Die Beispiele für die Devokalisierung von /i/ nach /d/ am Wortanfang im
Lesbischen entstammen der Sprache der Lyrik und sind vermutlich metrisch
bedingt. Die Bedingungen für das Auftreten von i-Devokalisierung nach ei-
nem Sonanten (nicht nur nach /r/) sind noch nicht erforscht; möglicher-
weise trifft zu, daß die Lyriker "von der Reduzierung des - L- in der leben-
digen Sprache gelegentlich aus metrischen Rücksichten Gebrauch (machen)"
(Hamm 1957: 26). In der durch Inschriften belegten Periode des Lesbischen
aber hat die i-Devokalisierungsregel wahrscheinlich nicht mehr bestanden:
der Monatsname 'A-yeppavt.O<; kann eine Reliktform sein, und das hellenisti-
sche rr€pp aiJrwv ist in Anbetracht von rrepi 'ArpoJ.Jilrw IG 12,2 S:2. 19
(Mytilena, Ende 4. Jhdt.) wohl eine archaisierende Bildung.
(2) Falls es zutrifft, daß im älteren Lesbischen durch Devokalisierung /y/ nach
einem Sonanten entsteht, wird man doch die Unterschiede in der Palatali-
sierung durch sekundäres /y/ zwischen dem Thessalischen und Lesbischen
nicht übersehen können. Im Thessalischen wird die Folge /TRyV/ in /TRV/
überführt, während im Lesbischen zwischen dem Konsonanten und dem So-
nanten /e/ eingefügt wird: thess. rpia > rpa gegenüber lesb. IIpla- > IIeppa-.
In ähnlicher Weise divergiert die Realisierung der zugrundeliegenden Folge
/-trya/: dem thess. -rappa (Aaiio]rappa § 113) steht lesb. -reppa (Mreppa)
0

gegenüber.36
{3) Die Phoneme / r/ und /d/ bilden keine natürliche Klasse. Es ist daher schwer
zu rechtfertigen, daß die Palatalisierung in beiden Dialekten ursprünglich auf
diese beiden Konsonanten beschränkt geblieben sein soll.
Dieser Befund läßt neben der geradlinigen und vereinfachenden Deutung Garcia-
Ram6ns weitere Interpretationen zu: die Entstehung von sekundärem /y/ und
die anschließende Palatalisierung kann ( 1) im Thessalischen und Lesbischen un-
abhängig voneinander ("einzeldialektisch" Schwyzer 1959: 274) erfolgt sein oder
{2) in der Periode der thessalo-lesbischen Gemeinsamkeit bereits in gewissem
Umfang eingetreten sein und nach der Trennung der beiden Dialekte im Thessa-
lischen ausgedehnt, im Lesbischen - wie im Falle der Assibilation / {i/ -+ /si/
(§ 136f.) oder im Falle der Entwicklung palatalisierter geminierter Sonanten
(/mofta/ -+ /moyra/, § 111) - durch Transformation und Depalatalisierung zum
Abschluß gebracht worden sein.

36 HeUy (1970a: 263 A3) versucht, thess. --ro.ppo. aus ·reppa herzuleiten. Ein Wandelfe > a)
ist innerhalb des Thessalischen aber nur für Kierion (§ 50) bezeugt.

58
00046245

4.5 Tilgung von kurzen Vokalen


§ 68. lm Thessalischen sind - unter noch nicht hinreichend geklärten Bedingun-
gen - /e/ und /o/ getilgt
(1) im Ausgang des Gen.Sg. der o-Stämme (1-oy/ aus /-oyyo/, § 251);
(2) sporadisch in unbetonten Silben im Thessalischen der Histiaiotis: -ru.~ <
·<UE~ <·®X, ~oiv < ~oiEv (§ 51), ~EVOOIW' (BCH 1970: 16lff. Z. 19) <
~EvoOOKO';
(3) möglicherweise in dem Götternamen "A:rr'Aovv. 'J\1T'Aovv (Belege § 261) wird
häufig im Anschluß an Fränkel (1956: 82ff.) als Beispiel flir Synkope im
Thessalischen angeflihrt. Bislang ist aber völlig unklar, warum in dem Namen
Apollons - und nur diesem - überhaupt eine Synkope eingetreten sein soll,
welcher Vokal, /e/ oder /o/ (cf. dor. 'A1Te'A'Awv, kypr. 'A1reO..wv, myk.
[a-]pe-rorl)~ (apeiio:ney) 3) ,synkopiert sei und warum die mutmaßliche Syn-
kope nicht dem geläufigen Schema (cf. Schwyzer 1959: 269) entspricht,
nach dem der zweite von gleichen Vokalen beiderseits einer Liquida getilgt
wird. Vorläufig scheint es angebracht einzugestehen, daß mit dem heutigen
Forschungsstand das Verhältnis von thess. ':.c\1T'Aovv zu sonstigem 'A1T€'A'A.wv/
'A1To'A'Awv (oder umgekehrt?) nicht zu erklären ist.

4.6 Kontraktion

4.6.1 Kontraktion gleicher Vokale


§ 69. Qualitativ gleiche Vokale werden zu dem entsprechenden langen Vokal
kontrahiert.
PR (9) Kontraktion gleicher Vokale
+silb +silb
ahoch a.hoch [ 1
ßtief ßtief ~ +lang]
-yhint -yhint
~rund ~rund
1 2

Anwendungsbeispiele:
lnf.Präs.Akt. im Lesbischen (§§ 223, 226}
/ag+e+en/ ~ /age:n/ li:yrw
/kaJe:+en/ -+ /ble:n/ Ka'Arw
Präs.Med. 3. Sg.Konj. der e-Verben
/phile:+e:+tay/ ~ /phile:tay/ im Lesbischen(§ 187)
37 Vgl. Heubeck
. (1979a: 246 mit weiterer Literatur).


59
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Aor.Pass. 3. Sg.Konj.
/ti:ma:+the:+e:+/ -+ / ti :ma:the::tf im Lesbischen, Thessalischen (nicht im
Boiotischen), § 217
Gen.Sg.
/nomoo/ -+ /nomo: / im Lesbischen, Boiotischen
Dat. Sg.
/poli+i/ -+ /poli: / im Lesbischen, Thessalischen, Boiotischen

4.6.2 Kontraktion ungleicher Vokale

§ 70. In der Folge von /a:/ und jo:f oder /o/ in zugrundeliegenden oder (duJch
Gleitlauttilgung) abgeleiteten Formen tritt im Lesbischen und Thessalischen -
aber nicht im Boiotischen - meist Kontraktion zu [a:] ein.
PR (10) Kontraktion von /a:o:/, /a:o/ im Lesb. und Thess.
+silb +silb
+tief -hoch
-+ [ 1]
+hint -tief
+lang +hint
1 2
fa:f /o: / -+ [ a:]
ja:/ /.o/ -+ [ a:]

Die deutlichsten Belege ftir die Kontraktion /a:o:/, fa:of -+ lesb. thess. [a:] stam-
men aus der Flexion der ä-Stämme (§ 245ff.):
Gen .Pl. /poli:ta:+o: n/ -+ lesb.thess. [poli:ta :n]
lesb. rroA..irw IG 12,2: 15.30, tl1ess. rro'A.Lräv McD 337.36
gegenüber boiot. 1TOALrd.wv IG 7:3 169.7
Gen.Sg.mask. /tamia:+o/ -+ lesb.thess. [tamia:]
lesb. rap.ia IG 12,2 5:115. 18, thess. 'AA.etla IG 9,2:517.2
gegenüber boiot. rapiao IG 7:3 172.25.
Im Boiotischen tritt in den Folgen /a:o:/, fa:of keine Kontraktion ein. Vgl.
Nom.Dual. [tukha:o :], ferner rrepiaaor; (-a BCH 1936: 18lff. Z. 22, -wv SEG
15:332. 1), la.Ovrvr; DGE 462.a5 , KaA..A..tlp<iöv IG 7: 1888.c2, 'A-yA..atJfJwpw IG 7:
27 19.6, 'A-yA.awvor; IG 7:3068.3, D17awvia BCH 1940/41 : 42 Z. 3.

§ 71. In einigen Appellativa und Eigennamen erscheint die Folge /a:o/ teils kon-
trahiert, teils unkontrahiert:
(1) A..äor; bleibt als Appellativum und als zweites Kompositionsglied in Eigenna-
men unkontrahiert, als erstes Kompositionsglied wird es im Laufe der durch
Belege überschaubaren Zeit kontrahiert.
60
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lesb. "Aäov Alk 364.2; Kptr6"Aao~ IG 12,2:553.1, llpa~tMw IG 12,2:554.1/2


1\.aoKpeovro~ IG 12,2:646.c49, 1\.doK~ ibid. Z. c5 1, 1\.civth]~ (aus l\.a-
civ~17~) lAssos 9
thess. 'A-yeXci€w~ (zu 'A-y€Xao~) IG 9,2:234.152, Nuw"Adot IG 9,2:515.1,
Kptro"Aciewdzu Kptr6Xao~) IG 9,2:517.75, K"Aeo"Adot IG 9,2:1228.9
1\.aKpartTTTTelot IG 9,2:1228.8, l\.a.,..Le56vrew~ IG 9,2:517.76, 1\.ao{Uvet~
ibid. z. 52
boiot. 'kyewiXao~ IG 7:3 180.40, 'Apwr6Xao~ BCH 1926: 396 Nr. 16.9,
<I>1.06"Aao~ SEG 3:353.9, Tt~-L6"Aao~ IG 7:3 180.5 1 (aber auch 'Apwor6-
Aa~ ibid. Z. 55, 9wöe~i"Aa~ IG 7:3206.11/12)
l\.af6oofo~ BCH 1908: 445ff. Z. l , 1\.aovixw~ IG 7:3206. 15, i\aK6wv
BCH 1901: 359ff. Z. 20, l\.av6JJ.w IG 7:2724c.S
(2) In dem Namen des Gottes Poseidon ist die Folge /a:o/ im Lesbischen (no-
oeiMv Alk. 334.1) zu [a:] kontrahiert und im Boiotischen (llorec.Odoi«
AE_1899: 64, ~orec.Oaovt_IG 7:24§5, E. 76}5 , n~wdovt E. ]6:26) erhal-
ten. Nach der Kontraktionsregel und nach dem Vorbild des Lesbischen wä-
ren im Thessalischen Formen auf -Oäv zu erwarten. Der älteste Beleg für den
Namen des Gottes Poseidon in Thessalien lautet tatsächlich llorc.Oäv (llort-
oävt ä.v€1J€Ke ... AAA 1974:74, Fundort Pagasai, 6./5. Jhdt.), aber wegen
ä.v- in ä.v€1J€Ke (cf. § 56) wird man die Sprache dieser Inschrift schwerlich
als repräsentativ flir den thessalischen Dialekt der Pelasgiotis anerkennen kön-
nen. Die Form noreiOouv auf Inschriften aus Thessalien (lloreiMvt McD 193,
McD 195, lloreiOovvt IG 9,2:585.4/5, IG 9,2:586) wird in der Forschung
teils als Kurzform zu *llorewäöv 38 , teils als nicht echt thessalisch 39 beur-
teilt.
Der Name des Gottes Hermes lautet im Lesbischen "EpJJ.ä~ (Gen. "EpJJ.a
IG 12,2:73.4, IG 12,2:96.3, Dat. "EpJJ.at IG 12,2:97.2). Aus dem Thessali-
schen liegen zahlreiche Belege für einen Dativ 'EpJJ.<iov 40 vor, der offensicht-

38 Cf. Hoffmann (1893: 296), Schulze (1897: 202), Bechtel (1921: 174f.).
39 Porzig (1954: 154): "westgriechisch" , Buck (1968): "IWunl form with dialectal colouring"
(39), ,.Thess. lloTe!Öoüv' with native T but -oü~ from Att. -w111" (58). Die Interpretation
von -ouvt als Koine-Einfluß kommt aber ftir die älteren Belege (-övl im arch. Alphabet,
5. Jhd t.) nicht in Betracht.
40 Z.B. IG 9,2:307.2 (Histiaiotis), IG 9,2:638.7 (Pelasgiotls), McD 636, IG 9,2:1266 (Per·
rhaibia). 'Ep#-ldo Xl?ovlou IG 9,2 :471 und GHW 3579 (Museum Larisa) ist wohl in 'Ep·
~do<u> X{)ovlou zu ergänzen. - Die Annahme einer Form ,.thess. Ep~auo~" (Hoffmann
1893: 587, Lejeune 1972: 182) stützt sich lediglich auf IG 9,2:716, wo Lolling und Hoff-
mann (NI. 36) 'Ep~atiou lesen, Kern hingegen ' Ep~alou , und IG 9,2:695 'Ep~dou (Kern),
EPMAIOT = · Ep~a(u)ou (Hoffmann Nr. 35). Sonst ist die Form ' Ep~dou durch eine Viel-
zahl von Belegen gesichert. - hep~a IG 9,2 :356 stammt, wie mir B. Helly (GHW 4076)
freundlicherweise mitteilt, wohl nicht aus Amphanai in der Pelasgiotis, sondern aus Pagasai,
und bleibt fli.r eine Beurteilung des Thessalischen der Pelasgiotis außer Betracht. Zu prüfen
wäre auch, ob es sich dabei um eine vollständige Wortform handelt: in McD 194 ist Ar·
vanitopoulos' Vorschlag einer Ergänzung in · Ep~d[ ou (lies: hewd(61) X"ovlou) zitie.r t.

61
00046245

lieh auf einem Nominativ ''EpJ.LäcK weist, wie er auch flir das Boiotische 41
vorausgesetzt werden muß 42•
(3) Die Entsprechung von ..~ewp6c;" ist ftir keinen der aiolischen Dialekte aus
dem Gebiet und der Zeit des jeweiligen Dialekts nachweisbar. Aus Magnesia
am Maiandros werden die Formen ~ewpot, ~ewpowt, ~ewpotc; IG 12,2 S:
138 = IMagnesia 52 dem Lesbischen zugerechnet, ~eovp6c;, ~eovpo'ic;, ~eovpa
ö6K.ov IMagnesia 26 dem Thessalischen und ~14P~ !Magnesia 25. 1 (9IBP[
der Stein, cf. Feyel 1942: 9f.) dem Boiotischen. Hinzu kommen ~ewp- in
etrtre~ewpilK.rW IKyme 19.18/ 19 {röm. Zeit) flir das Lesbische, möglicher-
weise auch tMapot IPergamon 4.1 (von Hoffmann 1893 Nr. 146 unter den
lesbischen Inschriften abgedruckt), und schließlich ~w.wp6c;, vorausgesetzt
durch !Jw.wpl.av SEG 1:115.6 (Oropos, um 200 v.Chr.) flir das Boiotische.
Bader (1972: 226) zieht für die Rekonstruktion einer aiolischen Grundform *t)f4fwpd
nur boiot. {Jw.wplav, thess. t)foupc:k und lesb. frrtrft)fwP.fJ~<rw heran. Sofern die oben
zitierten Belege nicht überhaupt nur versch.iedene Ausprägungen einer Angleichung der
aus dem Ionischen oder Attischen entlehnten Form l)ewpoc; darstellen (Frisk GEW s.v.)
wäre nach der Kontraktionsregel für das Lesbische {Jeäpoc; als authentisch anzuerken-
nen (und l)ewpoc; zu verwerfen), für das Thessalische gleichfalls t)fdpoc; zu erwarten
(und t)foupoc; a.ls hybride Bildung zu interpretieren) und für das Boiotische ßw.wpoc;
der restituierten Form ßtapoc; vorzuziehen. Sämtliche Belege aus Magnesia wären dann
als nicht repräsentativ für den jeweiligen Dialekt anzusehen.
(4) Als Entsprechung von boiot. oav-, wie es - neben einmaligem oao- - häufig
in Personennamen auftritt (Thumb-Scherer 1959: 27), ist auf lesbischen In-
schriften ow-, auf thessalischen nur oov- belegt: owrilpw., OWTTlPI.av, ow~ev
roc; IG 12,2:645 (Ende 4. Jhdt.), OWT'flpl.av IG 12,2: 15.37, OWT'flpa lG 12,2
202.2, r.woi5~oc; IG 12,2:532.2 etc. neben einmaligem oav- in l;avMw
IG 12,2 S:125.5,14 (Eresos, 2. Jhdt .) und der Kunstform oawT'flpla auf
archaisierenden Inschriften aus der Zeit nach Christi Geburt (IG 12,2:67.12,
IG 12,2 S:124.12) im Bereich des Lesbischen, oovreipac; IG 9,2:515.5 (2.
Jhdt.), r.ovreipt IG 9,2:237.2 (3. Jhdt.), l;ovoU<paret IG 9,2: 628.3 (3. Jhdt.

41 Personennamen wie 'Ep~o~awc; IG 7:3180.60, ' Ep~o~dtxoc: ('Ep~o~alxw IG 7:3207. 11 ) legen


den Schluß nahe, daß im Boiotischen der Name des Gottes wie im Thessalischen gelautet
hat: "Ep~o~aoc: (Bechtel 1921 : 266). Erst in jüngerer Zeit (seit dem 3. Jhdt.) ist auf
boiotischen Inschriften die Form 'EpJJä.c: anzutreffen: Gen. ' EpJJdo BCH 1936: 177ff.
Z. 36, Dat. 'EpJJTJ IG 7:3093, DGE 488.5, BCH 1926: 421f. Nr. 40. Die Inschrift BCH
1926: 421 Nr. 39 weist zwar die Form hp~o~ai mit der in Boiotien häufiger anzutreffende!
Schreibung H für (he} (§ 102) auf, enthält aber auch dialektfremde Merkmale (loldrf!p,
lwe~~<e). Bei Korinna ist ' Ep~o~ä.c: (PMG 654a i.24, ill.18, 666.1) einer literarischen Tra-
dition entlehnt und nicht dialektecht (Page 1953: 49). 1n der gleichen Weise könnte auch
die inschrütliche Form 'EpJJä.c: entlehnt sein und damit als Zeugnis für eine Kontraktion
ausfallen. Wie der Dativ hew.a ( IG 7: 1793.3 (5. Jhdt.) zu ergänzen ist, muß offen bleiben
üblicherweise wird in hepJJä(t) (zu ' EpJJä.c:) vervollständigt, aber hepJJd(otl (zu "E.o~aoc;)
wäre auch denkbar.
42 Als Ursache für das Unterbleiben der Kontraktion in thess.-boiot. " EpJJa.oc: könnte eine
Rolle gespielt haben, daß eine Umbildung aus der - auf Grund von myk. e-ma-a 1 er-
schlossenen - Grundform • ' Ep~o~cihäc; vorliegt (Hinweis von A. Morpurgo Davies).

62
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etc. im Bereich des Thessalischen. Im Boiotischen beruht ow- wie etwa in


I'-wrepL IG 7:3206.3 (2. H. 4 . Jhdt.), I'.worp&rw IG 7:2716.23 (um 300
v.Chr.) etc. nach Thumb-Scherer auf fremdem Einfluß.
(5) In thess. -yaop-yei.p.ev IG 9,2:1229.16 (Phalanna, 2. Jhdt.) ist die Kontraktion
unterblieben, weil - worauf auch die Erhaltung von f in boiot. "(afep-yeioL
(§ 97) hindeutet - zwischen [a:] und [o] eine Morphemgrenze liegt.
(6) Im Boiotischen zeigt cl~ "bis" IG 7: 1780.9, IG 7:3314.3 und öfter 43 (cf.
Jesb. a<: Sa 9.6 ; gegen Sechtel 1921 : 23 unsicher in IKyme 11.10) aus
/ha:wos/ Kontraktion und erweist sich dadurch nach Thumb-Scherer (1959:
27) als dorisches oder hellenistisches Lehnwort.
(7) Die Alternanz [o:]: [a:) in lesb.rrpW7o<: (rrpW,w IPergamon 159.4), thess.
1rpoüro<: (rrpoorov McD 310.36): boiot. 1rpär~ (rrpärov IG 7:3 179.6) resul-
tiert nicht aus verschiedenen Kontraktionen von /oa/ einer mutmaßlichen
Grundform *rrp6-ar~ (cf. Frisk GEW s.v. rrpwr~). sondern muß lexikalisch
defmiert werden.
(8) Möglicherweise auf Grund von Proklise (Thumb-Scherer 1959: 27) ist in der
Artikelform Gen.Pl. boiot. räv (gegenüber demonstrativem r ar.Jv bei Korin-
na, § 27 5) Kontraktion eingetreten.

§ 72. Im übrigen bleiben aufeinanderfolgende Vokale in der Regel getrennt. Es


lassen sich zwar aus allen drei Dialekten vereinzelte Fälle anführen, die als Bei-
spiele für eine Kontraktion reklamiert werden können (Bechtel 192I : 19ff.,
142ff., 235ff.), aber ihr sporadischer und inkonsistenter Charakter erlaubt es
nicht, Regelmäßigkeiten oder auch nur Tendenzen herauszustellen.

4.7 Monophthongierung
§ 73. Innerhalb der aiolischen Dialekte werden nur im Boiotischen sämtliche
Diphthonge der Monophthongierung unterzogen. Im Thessalisthen werden nur
/ey/ und /ow/ monophthongiert; im Lesbischen werden Diphthonge vor /y/ re-
duziert, bleiben aber in anderen Umgehungen erhalten.

4. 7.1 Monophthongierung im Boiotischen


§ 74. /ey/-+ [~: ] -+ [i :] (arch.Alph.) eL-+ f--+ (ion.Alph.) L

Im Laufe des 5. Jahrhunderts begegnen auf Inschriften drei verschiedene Schrei-


bungen ftir zugrundeliegendes /ey/:
EL [ 'A )J.tewoKXeiäe IG 7: 590

n eu?övöa<: IG 7: 1941
~ T f- oq.teve~ IG 7: 1888.b9 (Thespiai)
t 'AJ..LWOKXU<: IG 7: 585.c8
nlt9apxo<: IG 7: 585 .a13

43 Die hybride Form llw~; ist aus boiot. d~; und att.-ion. ew~; kontaminiert.
63
00046245

Aus diesen Belegen läßt sich entnehmen, daß /ey/ seit dem 5. Jahrhundert über
(~ : 1 , das durch die Schreibung t- im archaischen Alphabet repräsentiert wird , zu
[i:1 monophthongiert wurde. Dieser Prozeß ist in der 1. Hälfte des 4. Jhdt.s ab·
geschlossen (cf. 'AJ.«pa&lo, ('Apt)arortrdv~ IG 7: 2427); Schreibungen mit et
an Stelle von t nach dieser Zeit sind nicht mehr phonetisch:
~a-ypO.!JJet FS Navarre 1935 : 353 Z. 11 statt ea-ypaljlt IG 7: 1739.11
~J.lßd.aet ibid. Z. 10 statt €J.lß<iat IG 7:1739.10
Ka.ra(Xi'Aet ibid. Z. 5 statt Karaßa'At BCH 1936: 181ff. Z. 13
[ aa!p(i.1'Aeta.V IG 7: 1729.11 statt aa!p(i.'Ata.V IG 7: 1727.8
<i1Te'Aeta.Vapei)a IG 7: 1737.11 statt Ö.1T€Ata.V0.J.L€tJa {cf. 6ta'Atdva.a[ ~]
IG 7:3172.57)
f wOTe'Aeta.V IG 7:2409.5 {neben ao!p(l.Ata.V) statt fwOTe'Ata.V IG 7:1726.6/7

§ 75. /ow/ ~ (u: J (ov - oo)


Die Monophthongierung von /ow/ wird nur durch indirekte Evidenz erwiesen:
da auf Inschriften im ionischen Alphabet die Schreibung ov fiir zugrundeliegen-
des /ow/ und für zugrundeliegende /u:/ und /u/ verwendet wird, muß vor dem
Zusammenfall der Schreibungen /ow/ zu [u:] monophthongiert worden sein. Der
früheste Beleg fur oo = (u:) oder [u1 stammt von der Inschrift SEG 24:361 , die
in der Zeit des Überganges vom archaischen zum ionischen Alphabet aufgezeich-
net wurde. Die Inschriften IG 7: 2418 und lG 7:3055 dokumentieren, daß sich
die Schreibung oo erst im Laufe des 4. Jhdt.s durchsetzte.
1Tovpav1J.a SEG 24:361.19 neben v in 6vo Z. 19, u6pia.t Z. 8 etc.
[fl1ovtJiw IG 7:2418.7
x.povaiw ibid. Z. 9 neben x.pvawv Z. 12
flovtJovU<~ IG 7:3055.26 neben flvtJovU<~ Z. 25.

Schreibungen mit v für [u] vom Ende des 3. Jahrhunderts und aus dem 2. Jahr-
hundert sind dem Einfluß der Koine zuzuschreiben.
PR {11) Monophthongierung von /ey/, fow/ im Boiotischen
+silb -silb 1
-hoch -kons +hoch
- tief +hoch ahint
ahint ahint +lang
1 2
/ey/ ~ [i:]
/ow/ ~
[u:1

§ 76. /oy/ ~ [ü: ) {ot ~ v)

Zugrundeliegendes und aus /o:y/ abgeleitetes (§ 62) /oy/ wird vor Konsonanten
und vor der Wortgrenze zu [ü:) monophthongiert.
64
00046245

In der Stellung vor Vokal bleibt /oy/ erhalten (cf. BotwTo~, 1rOUDjltva IG 7: 3337.10) oder
wird reduziert (e1roltaf E. 76:63 neben e1rolaf IG 7:1873, 1rouwallfVO~ IG 7:2849.5 neben
hoEwf BCH 1926: 428 Nr. 54.4).

Der Monophthongierungsprozeß hat sich über einen Zeitraum von fast zwei Jahr-
hunderten erstreckt. Parallel zu der Schreibung ae für / ay/ und /a:y/ (§ 77) ist
seit dem Beginn des 5. Jhdt.s flir /oy/ und /o:y/ die Schreibung oe (neben ot),
die wohl eine offenere Aussprache des zweiten Elements des Diphthongs bezeich-
nen soll, nachweisbar. Belege sind besonders häufig in Tanagra, treten abe..r auch
in allen übrigen Städten, aus denen Inschriften im archaischen Alphabet überlie-
fert sind, auf:
'Apwaro{)oevoc:. IG 7:585 .a7 (Tanagra, 5. Jhdt.)
Koepavoc:. ibid. Z. dl
ßwvuaöe IG 7 :550 (Tanagra, 5. Jhdt.)
röe Kaßipöt IG 7:3917 (Thebai, 5. Jhdt.)
Kaßipöe IG 7:3962 (Thebai, 5. Jhdt.)
ßaJ.Uleveröe IG 7: 1689 (Plataiai, 5. Jhdt.)
röe ßrö[tit] Ptoion 197 1 Nr. 246 (Akraiphia, Anf. 5. Jhdt.)
Die häufigere Schreibung ot bleibt auch im ionischen Alphabet vorerst noch be-
stehen ; daneben tritt gelegentlich die Schreibung v = [ü:] auf (z.B. IG 7: 552,
4. Jhdt.), die in der 2. Hälfte des 3. Jahrhunderts zur Regel wird (Bechtel 1921 :
223). Im Ausgang des Dat.Sg. der o-Stämme ist -v für -ot (= [-oy] aus [-o:y] -wt,
§ 253) nach einer Periode des Schwankens (cf. IG 7:3172, IG 7 :4136, DGE
485 mit Schreibung -ot/· v nebeneinander) erst zu Beginn des 2. Jahrhunderts
regelmäßig durchgeflihrt.

PR (12) Monophthongierung von /oy/ im Boiotischen

+silb 1
-silb
-hoch +hoch
-ko ns e+konsJl
-tief -mitt
+mitt
+hoch
-hint
I _ ## J
-hint
+hint +lang
1 2
/oy/ -+ [ü:] vor Konsonant oder Wortgrenze
Im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung (zuletzt Rix 1976: 47) interpretiert Buck
(1968: 32) die Schreibung v als [ ö: ).

Anwendungsbeispiele:
ßwJJtlaöe IG 7: 550 (arch.Alph.)-+ ßtwvtiawt BCH 1974 : 175ff. Z. 4 (ion.Alph.,
Ende 4. Jhdt.)-+ ßtwvooaot BCH 1974 : 180ff. Z. 2 (Mitte 3. Jhdt.) -+ ßtwvat5av
BCH 1974: 189f. Z. 3 (2. H. 3. Jhdt.)
Kaßlpöt IG 7:2457 -+ Kaßlpöe IG 7: 3962 -+ Kaß{pv IG 7:3583.1/2
S Blümel, Die aiolischen Dialekle 65
00046245

fou<i.ac; Roesch 1971 Z. 5 ~ fuKia.c; IG 7: 1727.7/8


~wie; IG 7:558.3 ~ ~wc; SEG 25:540.2
dot BCH 1937: 217ff. Z. 13 ~ ÜOL BCH 1936: 181ff. Z. 27
KDUJW lG 7:352.4 ~ KUVW IG 7:393.5
ut in ruic; SEG 1:104.7, aiJru{ IMagnesia 25.4 , uixutrara ibid. Z. 18 läßt sich als
hyperkorrekte Schreibung für u aus ot interpretieren (vgl. auch f1L statt Tl aus at
§ 77).
ln den boiotischen Städten Lebadeia und K.haironeia ist im 2. Jhdt. eine - in
der Schreibung nicht regelmäßig durchgeflihrte - Delabialisierung des aus /oy/
entstandenen [ü:] ([ü:] ~ [i:] u ~ et) zu beobachten:
avrei IG 7:3080.3, li'A'Aet IG 7:3080.3, IG 3081.4
TpecpwvleLIG 7:3080 .2 (aber Tpe[~P]wviu IG 7:3081.2), ~vapxet IG 7:3081.6,
1TOWVJ.Levet IG 7:3352.7, 1TOLWJ.Levet E. 78:03.7/8
aiJreic; IG 7:3315 .5, IG 7:3352.5/6 (aber UA'Auc; IG 7:3287.9)
eioL IG 7:3083.14 (gegenüber iJoL in Thespiai, s.o.)
Weiterhin ist auch in Koroneia eL statt u aus ot belegt in [fjeuchav AD 1916:
220f. Z. 57/58, AD 1916: 222f. Z. 19, rei ßeLMJ.Levet ibid. Z. 3 1/ 32.
PR ( 13) Delabialisierung von [ü:)
+silb
+hoch
-tief
-mitt ~ [-rund)
-hint
+rund
+lang
[ü:) ~ [i:]

§ 77. /ay/ ~ [~:] (at ~ ae ~ 17)


Zugrundeliegendes und aus /a:y/ abgeleitetes(§ 62) /ay/ wird zu [((:]mono-
phthongiert. Im Gegensatz zu der Monophthongierung von /oy/ (§ 76) unterliegt
dieser Wandel keinen Restriktionen.
Die Schreibung aL für /ay/ und /a:y/ liegt z.B. vor in:
-yuvauc{ IG 7:3467.1 /2 (5. Jhdt.)
heoUü E. 77:60 (6. Jhdt.)
'Apworoolxä.J. IG 7:3228
BaKelifcü IG 7:3229.1
Seit dem Ende des 6. Jhdt.s tritt - parallel zu oe fur /oy/ und /o:y/- die Schrei
bung ae für /ay/ und /a:y/ auf. Damit wird der Beginn der Monophthongierung
erwiesen; wann allerdings /a:y/ zu [ay) gekürzt (und dann wie /ay/ zu [~ :] mo-
66
00046245

nophthongiert) wurde, läßt sich nicht feststellen, weil die Quantitäten von a gra-
phisch rticht unterschieden werden .

Ataxpövf>a~ IG 7:550.1 (Tanagra, 5. Jhdt.)
'Aßacooopo<: IG 7:612 (Tanagra, 5. Jhdt.)
Maqvrata DGE 440,2 (Tanagra, 6. Jhdt.)
['A}#.t€WOKA€iä€ IG 7:590 (Tanagra, 5. Jhdt.)
räc ~dp.arpL IG 7:1671 (Plataiai, 6./ 5. Jhdt.)
Eine Münzaufschrift aus dem letzten Viertel des 5. Jahrhunderts mit Ti= ( ~:)
für älteres at (9EBH(ON) ftir älteres 9EBAION) liefert den frühesten Beleg ftir
das Resultat der Monophthongierung von /ay/ (und gleichzeitig den Beleg ftir die
Verwendung des Buchstabens H ftir [ ~ : ) bereits einige Zeit vor der Einführung
der anderen Buchstaben des ionischen Alphabets, cf. Head 1891 : 37). Im 4.
Jhdt. ist noch ein Schwanken der Schreibung zu beobachten ([T)eXeoTij<><; IG
7:2427.5, 1. H. 4. Jhdt.; IG 7:2418: 'AXu~ijOt Z. 5, aber 'AXu~alwv Z. 18, Mitte
4. Jhdt.), aber man wird davon ausgehen können, daß die Monophthongierung
von /ay/ - auch am Wortende: Me-yaXfl BCH 1940/41 :42 Z. 2, Mitte 4. Jhdt. -
abgeschlossen war und konservative Schreibungen mit at wie in lepapxat DGE
482.1 (4./3. Jhdt.), roep-yerat<: IG 7:4261.12 neben a>ep-yeTfl~ IG 7:4260.11
(beide 2. H. 3. Jhdt.) nicht mehr den aktuellen Lautstand wiedergeben.
fiLin Kfll SEG 1: 104.7, eV€P'YETfiL~ IG 7:4259.14/ 15 stellt - wie VL statt v aus
Ot (§ 76) - einen Kompromiß zwischen den Schreibungen Tl und at dar.

PR (\4) Monophthongierung von /ay/ im Boiotischen


+silb
--silb 1
-hoch
-kons +mitt
+tief
+hoch -hint
-mitt
-hint +lang
+hint
1 2
/ay/ -+ [ ~ : l

4. 7.2 Monophthongierung im Th essalischen


§ 78. /ey/ -+ [c:: ] (arch.Alph.) €L -+ e -+ (ion.Alph.) €L
/ow/ -+ [<;>:) (arch.Alph.) oo -+ (ion.Alph.) oo
Vereinzelte Zeugnisse legen die Vermutung nahe, daß im Thessalischen die He-
bung von /o:/ zu [q:1 = oo bereits im 7. Jahrhundert eingesetzt hat(§ 44). Wenn
man nicht die wenig wahrscheinliche Möglichkeit in Betracht zieht, daß von die-
ser Zeit an der Diphthong [ow1von dem langen Vokal [Q: 1graphisch nicht ge-
schieden wurde, muß der Eintritt der Monophthongierung /ow/ -+ [ <;> :) gleich-
falls in das 7. Jahrhundert datiert werden.
67
00046245

Spätestens für das 5. Jahrhundert 44 ist auch der Beginn einer Monophthongierur
/eyI -+ [ ~:] durch die Schreibung E statt E' im archaischen Alphabet nachweis-
bar:
' McD 1048 (Phalanna, 5. Jhdt.)
l[ .]E[PO'Y]Ev€a
MvXioeCK IG 9,2:250 (Pharsalos, 5. Jhdt.)
'
[n]E[,]t9öv€CK IG 9,2: 1240 (Phalanna, 5. Jhdt.)
Auf der im archaischen Alphabet aufgezeichneten Inschrift IG 9,2:1202 (6./5.
Jhdt.) aus Korope (Magnesia) begegnen folgende Schreibungen:
E für [e:] in 1TEVTEqovra, J.tE, 0Ap€XETCU, t9EXE

E für [ey] oder [e' ] in [1rap ]~~GE
t für [ey] in a1TÜ1CU?

Schwyzer (DGE 603) ergänzt [1ra.p ]~~GE des Steins in [1ra.p ]~~GE(c.} und stellt da-
mit eine Endung /-ey/ wieder her, wie sie ursprünglich auch zu erwarten ist; da
aber [e:] konsequent E geschrieben ist, besteht kein zwingender Anlaß, in
[1rap]~~GE (falls hier tatsächlich die 3. Sg.Fut. von ,,€xw" vorliegt 4 5) eine Korrek
tur vorzunehmen. Die Schreibung E kann vielmehr als Beleg für die Monophthon
gierung /ey/ -+ [~: ]herangezogen werden. a1Ti:Gcu (cf. a1TEtGCU McD 326.11,
Argura 6. Jhdt.) ist nach Kern (ad IG 9,2: 1202) möglicherweise schon auf dem
Stein in a1T[ E]iGcu korrigiert 46•
Seit der Einführung des ionischen Alphabets wird nicht mehr zwischen [e:] und
[ey] und zwischen [o:] und [ow] unterschieden . Der fehlenden Differenzierung
in der neuen Orthographie muß also der Abschluß der Monophthongierungspro-
.
zesse vorangegangen sem.
PR (15) Monophthongierung von /ey/, /ow/ im Thessalischen
+silb -silb 1
-hoch -kons +hoch
-tief '+hoch ahint
ahint ahint +lang
1 2
/ey/ -+ [~:]
/Qw/ -+ [q:]
44 Cf. Morpurgo Davies (1965 : 242ff., 1968a: 100), dort auch über Zeugnisse, die eine noch
frühere Datieru.ng als möglich erscheinen lassen.
45 A. Morpurgo Davies weist mich (brieflich) darauf hin, daß man aus Gründen des syntak-
tischen Parallelismus einen Infinitiv erwarten müßte, in Anbetracht von -aa.t in chioat elti
Ausgang -ae aber doch sonderbar wäre. Jeffery (1961 : 402) liest ohne nähere Diskussion
· · · Iex~ t.
46 Die bislang publizae.r ten Abbildungen der Inschrift lassen eine unzweüelhafte Beurteilung
des epigraphischen Befundes nicht zu. Falls Kerns Beobachtung nicht zutrüft, könnte eiJ!
Vorschlag vo n A. Morpurgo Davies in Betracht kommen, wonach t monophthongiertes
(ey) in einer Zeit wiedergibt, in der die Schreibung noch nicht festgelegt war und der Zu
sammenfall mit zugrundeliegendem /e:/ noch nicht eingetreten war.

68
00046245

4. 7.3 Fehlen von Monophthongierung im Lesbischen


§ 79. Im Lesbischen sind mit einiger Wahrscheinlichkeit Diphthonge im wesent-
lichen erhalten geblieben, zumindest kommt eine Monophthongierung in der
Orthographie nicht zum Ausdruck (zur Diphthongreduktion vgl. § 80ff.). Eine
schlüssige, durch Belege gesicherte Beweisflihrung ist zwar weder fur die Annahme
einer Erhaltung von Diphthongen noch für die eines Wandels zu erbringen 47, aber
bestimmte Argumente, die sich aus einer strukturellen Typologie der Mono-
phthongierung und Ersatzdehnung in griechischen Dialekten gewinnen lassen 48,
legen den Schluß nahe, daß Diphthonge im Lesbischen bewahrt geblieben sind.49

4.8 Diphthongreduktion im Lesbischen


§ 80. Im Lesbischen werden i-Diphthonge vor dem Gleitlaut /y/ so reduziert, daß
das vokalische Element des Diphthongs gedehnt und das zweite Element getilgt
wird.
Im Unterschied zur Monophthongierung bleibt bei der Diphthongreduktion das vok.alische
Element des Diphthongs in seiner Qualität unverändert.
PR (16) Diphthongreduktion im Lesbischen
-silb -silb
+silb
~
+son +son
-hoch
+hoch [ +l:ng] I- +hoch
-lang
-rund · -hint
1 2
/ey/ ~ [~: ]
/ay/ ~ [a:] vor [y] .
/~y/ ~ [o:]
Das durch die Dehnung von /e/ ent stand ene [~:] wird auf den Inschriften et ge-
schrieben (im Gegensatz zu zugrundeliegendem /e: / und durch Kontraktion ent-
standenem [e:] = 17), in den Handschriften der literarischen Texte jedoch 11· 50
Die Diphthongreduktion tritt vornehmlich auf in Molionsfeminina und in Adjek-
tiven, die mit dem Sufftx -{i)yo-f-(i)ya:- abgeleitet sind: /bollayyos/ zu /bolla: /,
/mu tile: nayyos/ zu / mutile:na: /, /glukewya/ zu /glukus/, etc. In diesen Adjektiven
wird die zugrundeliegende oder durch phonologische Prozesse (Gleitlautassimila-

47 Der isolierte Beleg <1>e6lö DGE 637 (5 . J hdt .) aus der kleinasiati.schen Aiolis reicht nicht
aus, eine genereUe Monophthongierung fey/ - (e: 1zu beweisen.
48 Ba.rtonek (1961 : 138, 1966: 82f.) ruhrt folgende Argumente an : (i) Fehlen von Ersatzdeh·
nung auf Grund phonologischer Prozesse, (ü) Fehlen einer Schließung langer Vokale,
(üi) Entstehung neuer Diphthonge durch phonologische Prozesse.
49 Zu (a~l und Io~ 1 in der kleinasiatischen Aiolis vgl. § 27 .
50 Zu "(evelw Alk 298.10 (aber "'ftlll')ov Alk 120.9) aus /genewyon/ vgl. zuletzt Slings
(1979 passim).

69
00046245

tion) abgeleitete Lautfolge /-VyyV-/ durch die Diphthongreduktion zunächst in


/-V:yV-/ und anschließend durch die Gleitlauttilgung (§ 98) in [-V:V-] überführt.
An wend u ngsbeisp iele:
§ 81. /ey/ ~ [~ :)
Die Beispiele aus der literarischen Oberlieferung des Lesbischen hat Forssman
(1975) zusammengestellt und diskutiert; eine Auswahl repräsentativer Belege soll
hier zitiert werden .
Patronymika: /penthileyyos/ (zu /penthilos/) _. /penthile:yos/ ~ (penthile :os]
ITe~t'Xn~ (ITevt?tMäv Sa 71.3)
Fernin.ine Adjektive zu u-Stämmen
/ewrewya/ _. /ewreyya/ (§ 91f.) _. /ewre :ya/ ~ [ewre:a] eilf)17a (eiiP'Tlav
Alk 34.5)
/glukewya/ ~ (gluke:a) 'YAVK71a Sa 102.1
/o:kewya/ _. [o:ke:a] wKna (wK'fiatot Alk 7.10)
/genewyon/ _. [gene:on) -yevnov Alk 120.9
Feminine Adjektive zu s-Stämmen
/genesya/ ~ /geneyya/ (§ 92) ~ /gene:ya/ ~ (gene:a) --y€vJ?a (KlJ1Tpo-
'Y€v'fia~ Alk 380)

Nach Forssman steht der Befund der Inschriften in Widerspruch zu dem der alt-
lesbischen Lyrik: für das aus /ey/ vor Sonant entstandene [e:], das in den Texten
der Lyriker 11 geschrieben wird, finde sich als Entsprechung in den älteren In-
schriften so gut wie regelmäßig et, das offensichtlich flir [ey] stehe. Die Schrei-
bung der mehrere Jahrhunderte jüngeren Inschriften gebe offenbar eine geschieht·
lieh ältere, die der Lyriker eine geschichtlich jüngere

Lautung wieder ; daher müss(
die Lautung [e:] auf einen kleinen Kreis (eben den der Dichter Sappho und Al·
kaios) beschränkt gewesen und bei der nächsten sozialen Umschichtung zugrunde
gegangen sein. 51 Demgegenüber hat aber Hodot ( 1977) gezeigt, daß auf lnschrifteJ
im lesbischen Dialekt aus der Troas bereits vor der allgemeinen Einführung des
ionischen Alphabets -EO- (aus /-eyyo-/) im Ausgang des patronymischen Adjek-
tivs geschrieben wird:
in 'A1ToAMvW<u{at} ~JJ.I.I.t [rö] '11T1TOKAEÖ' SEG 27:795
'11r1TOKAEÖt
npot?o€ö in AIJP'AÖ ITpot?oeö KeßPflviö SEG 27 :793
Diesen Belegen wäre hinzuzufügen
'Epp.~a~ DGE 639.2 (Neandreia, Anf. 5. Jhdt.).

Damit ist der Nachweis erbracht, daß et in der Schreibung des Ausgangs der
Patronymika im ionischen Alphabet (-e~) keinen Diphthong repräsentiert, son-
5 1 Jm Anschluß an Forssman interpretiert auch Hooker (1977: 5lf.) "'TJ· statt "ft· - das eine
in der Geschichte der griechischen Dialekte völlig anomale lautliche Entwicklung darstel-
le - als Element einer künstlichen LiteratW'sprache, das von den ,Normen' des Griechi·
sehen, soweit sie aus den Inschriften deutlich würden, zu trennen sei.

70
00046245

dem einen Monophthong, dessen genaue Bestimmung Hodot allerdings offenge-


lassen hat.
Sechtel ( 1909: 5, 16f., 1921: 18) hatte die unterschiedliche Schreibung von Patronymika von
ä-Stämmen (-ao~ aus /-ayyos/) und o-Stämmen (-eco~ aus /-eyyos/ auf älteren Inschriften) so
interpretiert, daß ·ft· der Reduktion länger widerstanden habe als -cu-. Forssmans Untersu-
chungen haben jedoch ergeben, daß auch /ey/ schon zur Zeit der lesbischen Lyriker zu
(e . ) reduziert worden war.
Belege aus den Inschriften:
/-esya/ ~ [-e:a] in Abstrakta aus s-Stärnrnen
ar€}\ec.a: <iTeAet[av] IG 12,2:645.a29 (Nasos, 4. Jhdt.)
tm.p.€}\ec.a: €mp.e}l.eW.IG 12,2:498.1 0 (Mathymna, 3. Jhdt.)
a>aeßec.a: a>aeßeW.c: IG 12,2:527.31 (Eresos, 3. Jhdt.)
aaiUvec.a: aaJJeveL(W lG 12,2 S:692.5 (Eresos, 2. Jhdt.)
ä.acp<i}l.ec.a: aatpd.}l.eL(W JG 12,2 S:136.b l3 (Delos, 2. Jhdt.)
/-esyo-/ ~ [-e:o-]
TEAeiw (cf. lit. reMw) (§§ 184, 190)
/-e: wya/ ~ [-e:a] in Feminina zu ew-Stärnrnen Sl
lpec.a: lpeitu.c: lG 12,2:6.43 (Mytilena, 4. Jhdt. ; vgl. zugrundeliegendes /e: / = 11
in iP77aC: Z. 42) (§ 92)
/-eyyo-/ ~ [-e:o-] in Patronymika (cf. lit. -170 -: nevJJt'AT/OC:)
'A}I.e~av5peicuc; IG 12,2:15.36
'AIITWIIUJJ.€10<; IG 12,2:74.b21
Marpoowpewv IG 12,2:646.c37
Ein weiteres Indiz daftir, daß et den Lautwert [~:](und nicht [eyD repräsentiert,
ist darin zu sehen, daß vereinzelt im 4. und 3. Jhdt., häufig in hellenistischer Zeit
17 und fl' an Stelle von et geschrieben wird:
Schreibung 17
li.p1117a<: (Q.pVJia5ec: DGE 644.15/ 16, ap1117Mwv Z. 18, Aigai 3. Jhdt.) (Motions-
fernininum zu äp1117oc;)
äocpa}l.~a IG 12,2:59.16
ar€Af1W IG 12,2 S: l25.10, <iT€AEL(W Z. 18 (Hodot 1976: 59)
a>ae~ac; IG 12,2 S:62.2, a>ae~a IG 12,2:59.15
1TOAt~ac; I Lesbos 6.b 12
1rpea~av IG 12,2 S:692.14
EUKTLJJ.fllT/a IG 12,2 S:24.1
[T]€pcp77oc; IG 12,2:3 5.bl5 ([Te]pcpelw{t} IG 12,2 S: 138.38)
l}yt~ac; IG 12,2 S:36.3

52 Ande.rs Ruijgh (1977: 257): nicht aus /-e:wya/ , sondern mit dem (nicht-idg.) Suffix
f-eyyo-1 gebildet.

71
00046245

Schreibung 'lL
brq..te>..nta~IG 12,2:243.5
JJO:yetPflta~ IG 12,2 S:125.10/ ll
olK1iLW~ IG 12,2 S:3.15, olK17Wra~ IG 12,2:15.25 (Ende 3. Jhdt.)
1Tpo7avTJWV IG 12,2:527.37 (3. Jhdt.)
ICaV!?ta IG 12,2:13.1
ip1)wv IG 12,2:73.5, lp11ta IG 12,2:645.b6

§ 82. /ay/ ~ [a:]


Die Schreibung ist nicht einheitlich: gelegentlich fmdet sich at statt a geschrieber
/-ayyos/ ~ [-a:os] 53
{36A.>..ao~: ßoA.M.av IG 12,2:208. 1/2, ßoA.Mm~ IG 12,2:68.8 (aber ßoA.A.aiw,
ßoA.A.aia Hoffmann 1893 Nr. 152)
6lx~: öuca~ IG 12,2:645.a44, öucao[ IG 12,2:23.a5
߀ßa,cx: ߀ßaov IG 12,2:30.9
"vp~ : "vpaoL[~] IG 12,2: 14.3
'A.,avao~: 'A.,avaov IG 12,2:18.12
MvnM~: Mvn>..nvaoL IG 12,2:1.18/19 (5. Jhdt.), IG 12,2:12.3 (3. Jhdt.),
Mvn'A17V<iwv 1G 12,2:1 5.18,23 (3. Jhdt.), IG 12,2 S:3.20 (2. Jhdt.) (aber
'
MvnA.€vaw~ Hoffmann 1893 Nr. 164, Naukratis 6. Jhdt.)
AWKA€W~ IG 12,2:96.5
np WTa-yopao~ IG 12,2:74.b17 (aber n oaewaiw Z. b6)
'1-Jpao<;: 'Hpaw IPergamon 5.15
/-ayyV-/ ~ (-a:V-]
<l>wKa (durch Kontraktion aus <l>wKaa < <l>wKaia): <l>wKa.t IG 12,2:1.9
JWä (durch Kontraktion aus ,uvaa): ,uväv IErythrai 122.28
Al-ydev<; : Al-yaiwv lAssos 10, Al-yaieaat DGE 644.12
/aywi/ ~ /ayyi/ (§ 92) ~ [a:i] lit. IG 12,2:18. 15, IG 12,2 S:114.18, IG 12,2:
500. 19 (vgl. auch thess. [a:in] liw IG 9,2:461.b13 aus /aywin/ § 92 gegenüber
boiot. fll DGE 462.a25 mit [ ~:]aus [ay])
/elaywa:/ ~ [e1a:a: ] (§ 92) €Xäa: ' €Mat~ Alk 296.b2

§ 83. /oy/ ~ (o: ]


Gen.Sg. der o-Stämme: /tosyo/ ~ / tohyo/ ~ Jesb.thess. / toyyo/ (§ 92) ~
Jesb . / to :yo/ ~ / to:o/ (§ 98) ~ [to:] rw
In oTww. IG 12,2: 14 passim gegenüber att. oToLa, oToa ist /o:/ nach Frisk (GEW s.v.
oToa mit weiterer Literatur), Lejeune (1972: 249) ursprünglich.

Die Reduktion des Diphthongs /ay/ war bereits von Bechtel ( 1921: 17f.) fest-
gestellt worden , die Reduktion von /ey/ ist von Forssman-Hodot genauer unter-
53 Literarische Belege: dpxaw{ Alk 67 .5 , tiiJJ}vaov Sa 111.2, dll'l'(aov Alk 129.5, "A~Ka.O~
Alk 401 Ba, " Tppaov Alk 129.13.

72
00046245

sucht worden. Hier wird erstmals auch eine Reduktion von /oy/ in der Entwick-
lung des Ausgangs des Gen.Sg. der o-Stämme im Lesbischen vorausgesetzt. Ohne
Zweifel würde umfangreicheres Belegmaterial dieser Hypothese mehr Gewicht ver-
leihen; da aber auch keine Gegenbeispiele vorliegen, wird - wie in § 251 ausführ-
licher gezeigt wird- flir die Entwicklung /-oyyo/ ~ [-o:] eine neue Erklärungs-
möglichkeit eröffnet.

4.9 Bildung neuer Diphthonge


§ 84. Neue Diphthonge entstehen, ( 1) wenn auf Grund phonologischer oder
morphologischer Prozesse /i/ oder /u/ in postvokalische Position gelangen und
dann automatisch zum entsprechenden Gleitlaut werden; (2) wenn auf Grund
phonologischer Prozesse geminierte Gleitlaute entstehen (der erste bildet dann
automatisch mit dem vorangehenden Vokal einen Diphthong).
Beispiele:
/arkh+e+ti/ -+ / arkheyt/ (Metathese, § 88f.)
/arkh+o+i:+en/ -+ / arkhoyen/ (Optativ, § 165)
/tukha:+i/ -+ /tukha:y/ (Dat.Sg. der ä-Stämme, § 246)
/naswos/ ~ /nawwos/ -+ [nawos] vaüoc; § 92

§ 85. Im Lesbischen entstehen neue Diphthonge als Resultat verschiedener Pala-


talisierungsprozesse (§§ 108, ll7). Darüber hinaus wird an Stelle von a = [a:]
und w = [ o:] in einer Reihe von Fällen vor /s/ oder /m/ der entsprechende i-
Diphthong (at resp. ot) geschrieben, wenn auf /s/ bzw. /m/ ein /i/ folgt (cf.
Schulze 1897: 904f., Lobel 1927: xlii, Braun 1950, Schwyzer 1959: 185, 274).
Folgende Belege kommen flir eine solche i-Epenthese in Betracht:
(1) aip.t- in a1JJ.LOU~ (a4J,w€wv IG 12,2: 1.9,11 , Mytilena 5., spätestens Anf. 4
Jhdt.) und seinen Komposita (a[l]JJ.L~aLOL Sa 96.21 , al.p.t!?Ewv Alk 42.13, ai.p.W-
vot~ Sa 44.14, al.p.trlißwv 54 Sa 119) gegenüber thess.boi~t. elp.t· = [he:rni·] (§ 139).
Gleichgeartet ist "aiol." AioiOOo~ (Herodian . II 521.8, Etym.m. 452.37) flir ' HolD·
oo~ (= boiot. Elat- in Mwoc:iwv Eiotooeiwv IG 7: 1785, 2. Jhdt.).

(2) 1. Sg. ~L neben I(JÖ.p.L, 3. Sg. r.päuJL neben lpÖ.OL (§ 195); lpäot ist auch auf
einer Inschrift des 5. Jhdt.s (IG 12,2:268) bezeugt.
(3) Für die 1. Sg. von ä- und ö-Verben werden Formen wie -y{Aatp.L und ooK.{p.OIIJ.l.
von Grammatikern bezeugt (§ 182).
In Anbetracht der uneinheitlichen Beleglage könnte man geneigt sein, das gesamte
Phänomen der i-Epenthese als ein Problem der Textüberlieferung und der Glaub-
würdigkeit antiker Grammatiker zu betrachten, wenn ihm nicht der Beleg ai.p.L-
oewv von einer der ältesten lesbischen Inschriften eine gewisse Authentizität
verliehe. Die Lautform von alp.to~ (sofern at tatsächlich einen Diphthong be·

54 coni: f!~Jmjßwv cod.

73
00046245

zeichnet) stellt aber selbst ein Problem dar: erstens wird die Relevanz von a(JJ.t·
in Mytilena durch ilJ.U· in Assos (il~I.IJ.El>I.IJ.VOL, il~ieKra, fl~ixoov lAssos 3, 4 ./3.
Jhdt.) und Aigai (rpt17~ta[ DGE 644.7, 3. Jhdt.) 55 in Frage gestellt, und zwei·
tens setzt die Annahme einer Diphthongierung von [(h)e:mi-1 zu [aymi· 1 einen
Wandel [e: > a: 1 voraus, der im Lesbischen ohne Parallele ist (vielmehr bleibt
f,at ,sagt' Sa 109 erhalten). Die Vermutung Schulzes (1897: 904f.), daß [e:1
am Wortanfang zu [a:1 geöffnet wurde oder auf Grund seiner offenen Artikula-
tion mit [a: 1 zusammenfiel, bleibt unbeweisbar. Somit läßt sich auch über Alai·
OOO<; kein sicheres Urteil fallen: der gemeingr. Name 'HaiOOO<; könnte im Lesbi·
sehen zu Aiolo&x geworden sein und die Grammatiker könnten ihre Kenntnis
von der Form AlaiOOo~ aus - uns verlorenen - Texten der lesbischen Lyriker
gewonnen haben, aber alp.t· ist nur in Mytilena bezeugt, während flir die klein·
asiatische Aiolis, woher auch der Vater des prominentesten Vertreters dieses Na-
mens stammt, wohl n~t· angenommen werden muß.56
Für die übrigen Beispiele aus der Konjugation athematischer Verben wird man
eine Erklärung durch paradigmatischen Ausgleich ('y€'Ant.~J.t statt -ye'AäJ..Lt nach 2.
Sg. 'YfAat~, 3. Sg. -y€'Aat etc.) nicht ausschließen können. Falls man nun - trotz
alledem - nach einer Erklärung der i·Epenthese durch einen manifesten Laut·
wandel sucht, wird man Zusammenhänge mit Palatalisierungsprozessen nicht
übersehen können. Auffallend ist nämlich, daß i-Epenthese nur bei den hinteren
Vokalen /a/ und /o/ auftritt, nicht aber bei /e/: KUA€1./J.t kommt nicht nicht vor.
Andererseits bietet die indirekte Oberlieferung der literarischen Texte -'TlJ..I.J..I.' statt
-'TlJ..I.' (KdA17J..I.J..I.L, tp/.'A17J..I.J..I.t § 187 Anm. 168); somit spiegeln die - von der Norm
abweichenden - Ausgänge der 1. Sg. athematischer Verben "'17J..I.J..I.L, -ai.IJ.t, ·OI.IJ.t
exakt die Verteilung Gemination/ Diphthongierung als Resultat der Depalatali·
sierung palatalisierter Sonanten(§ 108) wider (vgl. auch§ 121).

§ 86. Ober die in § 85 aufgeftihrten Fälle von i·Epenthese hinaus wird in den
Papyri der literarischen Texte und von den Grammatikern at statt ä (und 17 ?)
überliefert (cf. Braun 1950, Page 1955: 23f., 84f., Hamm 1957: 24f.)
(1) im Nom.Sg. mask. ä-Stämme , z.B. Alo'Aooat~ Alk 38a.5, Kpovil>at~ Alk
38a.9, 'Arpeibat~ Herodian. I 239,
(2) in Formen des s-Aorists, z.B. E.rr€patoe Alk 38a.8, liJ..LVatOat Sa 94.10.
Da in diesen Fällen die Schreibung at statt ä weder regelmäßig bezeugt wird
(cf. E.rrr6äoev Sa 31.6 cod. , E.rrroataev pap. und E.rrrdata'e Sa 22. 14 pap.) noch

55 Vgl. auch fillvuv IKyme 11 .5 (3. Jhdt.) mit einer (flir das Ionische charakteristischen)
Assimilation t-v > v-v.
56 Abzulehnen ist Hoffmanns (1893: 420f.) Vermutung, daß nach der Übersiedlung der
Familie Hesiods von dem aiolischen Kyme nach Boiotien am Anfang des 7. Jhdt.s aus
der aiol. Lautform Al<JlOOo~; nach boiotischem Lautgesetz "Holoöoc; und durch Volks·
etymologie 'HulOOoc; geworden sei. Im Boiotischen ist der Eintritt der Monophthongie·
rung von /ay/ erst seit dem Ende des 6. J hdt.s nachweisbar (§ 77).

74
00046245

sich durch phonologische Prozesse und insch.riftliche Evidenz rechtfertigen läßt,


ist sie von verschiedenen Forschern (Buck 1915, Braun, Hamm, Hooker 1977:
30ff.) mit Recht als auf einer falschen grammatischen Tradition beruhend er-
kannt worden. Die Beobachtung gerechtfertigter Entsprechungen zwischen lesb.
-cu- und Koine -ä- wurde fälschlich so verallgemeinert, daß die Aioler immer
-cu- flir -ä- hätten. Wie A. Braun nachgewiesen hat, gehen die Schreibungen mit
-cu- auch nicht weiter zurück als bis zum 1. Jhdt. n.Ch.r. und können so als
postalexandrinische Neuerung in den Texten der lesbischen Lyriker interpretiert
werden. In diesen Texten fand schließlich auch Balbilla die Vorbilder für ih.re
Formen KaJ.IßVocu<: Memnon Nr. 29.8, -yevercu<: ibid. Z. 15. (Vgl. auch § 121).

§ 87. Nach geläufiger Auffassung (Thumb-Scherer 1959: 33, 96, Schwyzer 1959:
276, Lejeune 1972: 227 Anm.) entstehen in den aiolischen Dialekten i-Diphthon-
ge vor der Folge ,s + Obstruent'. Folgende Belege kommen in Betracht:
Lesb.: rraA.aiora: [rra"A]aiora[v]lG 12,2:14.2
-K.OWTO<: in Ordinalzahlen (§ 290)
Thess.: rrpewßeia: rrpeto{3eia<: IG 9,2:517.12 (Larisa Ende 3. Jhdt.)
Boiot.: rrpw-yai<;: Nom.Pl. rrpto-yee<: IG 7:2418.6, -eie<: ibid. Z. 18, rrpw-yei[e<:)
BCH 1901 : 135ff. Z. 5 , Akk.Pl. rrpto-yeia<: SEG 1:132.5, SEG 25:
556.3/4, rrpto-yet[ IG 7:1720.6; vgl. auch trpw-yovrepv<: SEG 23:271.30
alorea BCH 1900: 70ff. Z. 16
1T€1TOWJJT€WOL DGE 485.7
. 9u).p€tOTO<; IG 7:3172.167/168, 169
Keiner dieser Belege ist geeignet, eine auch nur sporadische Diphthongierung eines
Vokals vor der Folge von s und Obstruenten in den aiolischen Dialekten plausibel
zu machen.
rra'Aalara (falls richtig ergänzt) aus dem 3. Jhdt. braucht keine lesbische Ent-
wicklung zu sein; -cu- ist auch andernorts und literarisch bezeugt (cf. LSJ, Frisk
GEW s.v. rraA.aom). In der literarischen Überlieferung des Lesbischen bieten die
Codices rraA.aorav und rraA.cuorav (Alk 350.6); eine eindeutige Klärung der Fra-
ge, welche von beiden Formen die authentische ist und welche durch den Ein-
fluß einer fal schen Grammatikerdoktrin in die Oberlieferung eingedrungen ist,
steht noch aus.
-K.owro<; in lesbischen Ordinalzahlen ist nicht restlos geklärt. Nach einer plausib-
len und weithin akzeptierten Hypothese geht -K.owro<: auf *-K.ovoro<: , eine Um-
bildung von - zu erwartendem - -K.ooro<: nach -Kovra, zurück (Buck 1968: 96f.,
Lejeune 1972: 139).
rrpew{3eia (Ende 3. Jhdt.) stehen zwei Belege mit rrpeo- gegenüber (rrpeo{3eiovv
IG 9,2:506.22 2. Jhdt., rrpeoßevrav McD 1179.47 Ende 2. Jhdt.), und es ist
schwer zu entscheiden, welche von beiden Schreibungen die authentische ist. Für
rrpeo- spricht allenfalls die größere Häufigkeit - was in Anbetracht der geringen
75
00046245

Zahl an Belegen nicht stark ins Gewicht fällt - und das Argument, daß die Sehre:
bung 1TP€La- durch -EL- der folgenden Silbe beeinflußt sein könnte. Im übrigen
ist die Etymologie der Sippe von "1Tpeaßuc;/1Tp€aßaic;" und das Verhältnis der in
den griechischen Dialekten bezeugten Formen zueinander noch nicht in allen
Einzelheiten geklärt und daher auch keine definitive Entscheidung über die Quant
tät von L in boiot. 1TPW"feVC: möglich. Wahrscheinlicher aber als die Hypothese
einer Entstehung von sekundärem [ey] vor ,s + Obstruent' im Thessalischen und
Boiotischen (auf lesbischen Inschriften ist ausnahmslos 1Tpeaßeuc; belegt) ist d ie
Annahme von zugrundeliegendem /ey/ (wie im Dorischen und Nordwestgriechi-
schen) zumindest für das Boiotische (so Buck 1968: 73, Lejeune l.c.); sämtliche
Belege sind jünger als die Monophtho ngierung /ey/ ~ [i:]. Falls man auch für
das Thessalische einen zugrundeliegenden Diphthong annehmen will, böte sich
die Möglichkeit, 1TP€La- = [pr~:s-) als authentisch anzuerkennen und die jüngere
Form 1rpea- als von der Koine beeinflußt zu interpretieren.
Olarea stammt von einer poetischen, nicht im Dialekt abgefaßten Inschrift . Im
Boiotischen steht faar- (fciarwc; IG 7:3170 .3, faarouK.plrw IG 7:2246 , faariac;
AD 1966: 145f.). *
1T€1ToWVT€WOL neben 1T€1TLT€U6VTeaat in der gleichen Zeile ist entweder Schreib-
fehler oder enthält die Schreibung et flir [~ J(so Bechtel1 921: 2 17, Buck 1968: 22).
~Laroc;: neben ...pEwroc; steht auf der gleichen Inschrift (Z. 27 , 36/37) ~earoc;
ferner -I{!Tlar oc; in E>t.&rnlaroc; SEG 3:361.9 und llrwt.&rnlaroc; ibid. Z. 17 und
-I{J€OT· in E>t[o]I{J€ar[i0ac;] IG 7:3192.4 3 u nd ~eariao IG 7: 1752.5 . Wie auch im-
mer der Wechsel der Quantitäten (et/fl - e) bedingt sein mag, ftir eine Interpreta-
tion von Et als Diphthong [ey] bleibt kein Raum.

4.10 Metathese
§ 88. In zugrundeliegenden Formen wird eine Folge von Dental und /i/ vor der
Wortgrenze umgekehrt.
Die Entdeckung dieser Regel geht auf Kiparsky (1966) zurück : ,.I ... propose that an early
sound change took place in Greek whose effect was to invert word-final i with preceding
dental consonants (which were presumably palatalized in this position." {p. 1 12). - Eine
Andeutung in dieser Richtung hatte offensichtlich auch schon W. Schulze gemacht (Schwy-
zer 1959: 842 ad661).
Mit der Umstellung wird / i/ devokalisiert und bildet mit dem Vokal der vorletz·
ten Silbe einen Diphthong(§ 84 ).
PR (17) Metathese
strukturelle Beschreibung:
+kons +silb
[+silb] +ant +hoch ##
+kor -hint
1 2 3 4
76
00046245

struktureller Wandel: 1 2 3 4 ~ I 324


/Vti/ ~ /Vyt/
/ Vsi/ ~ /Vys/
Innerhalb der aiolischen Dialekte sind von der Anwendung der Metathesenregel
ausgenommen
(I ) die 2. und 3. Sg. der athematischen Verben mit Präsensreduplikation (Typ
rli!etn) im Boiotischen (§ 193);
(2) die 2. und 3. Sg. des Paradigmas athematischer einsilbiger Stämme (z.B.
I{Jä-, § 195) im Lesbischen;
(3) die 2. Sg. des Verbum substantivum (/esi/) im Boiotischen (§ 197).
A. Morpurgo-Davies weist per litteras darauf hin, daß die Rechtfertigung der Metathesen-
regel durch die Existenz von Ausnahmen ihrer Anwendung erheblich in Frage gestellt wird.
Man wird diesem Einwand nur begegnen können, indem man die Bedingungen fl.ir die Nicht-
anwendung zu präzisieren sucht. Im Falle der e insilbigen athematischen Stämme !pd· und
eo- könnte man argumentieren, daß Wurzelsilben - im gesamten Aiolischen - von der Meta·
these ausgenommen waren, und zur Unterstützung dieser Hypothese darauf verweisen, daß
gerade die Bildung neuer Formen (eool neben el, .pa.io"a neben .pä.t, §§ 195 , 197 ) aus der
Tendenz zur eindeutigen Charakterisierung in diesen Paradigmen resultiert. Was das Fehlen
der Metathese in der Flexion athematischer reduplizierter Stämme im Boiotischen angeht,
wird man möglicherweise einen Zusammenhang mit dem Fehlen oder dem Verlust der athe-
matischen Flexion der sog. verba contracta (§ 186) herstellen können: falls die athematische
Flexionsweise im Boiotischen - als dem einzigen der aiolischen Dialekte - in ihrem An-
wendungsbereich eingeengt wurde, könnte die Metathesenregel bei der Restrukturierung ver-
loren gegangen sein.

Im Dat.Sg. von Konsonantstämmen (Typ if;ro.piaf.Jan) wird die Metathesenregel


nicht angewendet, um die Einheitlichkeit des Paradigmas zu erhalten.

§ 89. Gegen die Metathesenregel könnte eingewendet werden, daß sie nicht plau-
sibel sei und ein umstrittenes Problem der griechischen Morphologie auf mecha-
nische Weise durch ein ad hoc formuliertes Lautgesetz zu lösen versuche. Solchen
Einwänden könnten folgende Argumente entgegengehalten werden:
(I) Metathesen sind in der griechischen Lautgeschichte relativ häufig (cf. Schwy-
zer 1959: 265ff., Lejeune 1972 passim).
(2) Ein Indiz flir die prinzipielle Möglichkeit einer Erscheinung wie der oben
formulierten Metathese ist die I-Epenthese, durch die möglicherweise vor
einem /i/ der Folgesilbe ein I-Diphthong geschaffen wird (§ 85).
(3) Kiparsky erklärt durch die Metathesenregel nicht nur die Entwicklung pri·
märer Personalendungen in thematischen und athematischen Paradigmen,
sondern auch den Ausgang des Dat.Pl. der ä-Stärnrne, die Akzentuierung
des Typs Lok.Sg. oücot vs. Nom.Pl. olKOL und Kai aus Kari.
(4) Kiparsky deutet an , daß die Metathese möglicherweise in Zusammenhang
mit Palatalisierungsprozessen gesehen werden müsse: eine Form wie legeti
könne die Satzsandhi-Alternanten legeti##C und legety##V gehabt haben.
77
00046245

Auf legety könne dann die gleiche Regel operiert haben wie auf m orya,
banyo: etc. und Metathese zu /egeyt hervorgerufen haben.
Einer der wesentlichen Vorzüge der Metathesenregelliegt darin, daß sich mit
ihrer Hilfe die Endungen der 2. und 3. Sg. Präsens nicht nur der thematischen ,
sondern auch der athematischen Verben (sog. aiolische Flexion) unter Verzicht
auf fragwürdige Zusatzhypothesen auf einfache Weise ableiten lassen (§ 182ff.):
them. /leg+e+ti/ _.. /legeyt/ (--.. [legey])
athem. /phile:+ti/ _.. /phile:yt/ c-.. [philey])
Es soll jedoch nicht bestritten werden, daß es ftir diese Regel keine direkten Be-
lege gibt. Die zugrundeliegenden Formen, die ihr als Eingabe dienen, sind durch-
aus plausibel, lassen sich aber nicht aus dem überlieferten Material erschließen.
Solange keine unabhängige Evidenz hinzukommt, erfilllt die Metathesenregel
nicht den von Kiparsky erhobenen Anspruch, einen realen historischen Prozeß
zu beschreiben, sondern bleibt abstrakt.

5. Phonologische Regeln: Gleitlaute


S.l Gleitlautassimilation
§ 90. Assimilation von /h/
Der Hauchlaut /h/ wird an einen folgenden oder vorangehenden Sonoranten
(Gleitlaut oder Sonanten) so assimiliert , daß im Lesbischen und Thessalischen
- durch regressive Assimilation - geminierte Sonoranten entstehen und im Boi-
atischen - durch progressive Assimilation - der vorangehende Vokal gedehnt wird .
PR ( 18) h- Assimilation
strukturelle Beschreibung:
-silb
-kons
[+silb] [+son]
+son
+asp
1 2 3
struktureller Wandel:
23 3}2 ~ [I1 31 3]
3
Lesb. Thess.
Boiot.
/ Vhy/ _.. lesb. thess. /Vyy/, boiot. /V:y/
/ Vyh/ _.. lesb. thess. /Vyy/, boiot. / V:y/
/Vhw/ -+ lesb. thess. /Vww/, boiot. fV:w/
/Vwh/ -+ lesb. thess. /Vww/, boiot. / V:w/
/VhR/ -+ lesb. thess. /VRR/, boiot. /V: R/
/VRh/ _.. lesb. thess. /VRR/, boiot. /V:R/
78
00046245

Der Tatsache, daß die Assimilation zwischen /h/ und einem Sonoranten unabhängig von der
Reihenfolge dieser Segmente im Lesbischen und Thessalischen immer in einer Gemination des
Sonoranten (und im Boiotischen in einer Dehnung des vorangehenden Vokals} resultiert, wird
bei Dressler-Grosu (1972: 27) durch Formulierung einer Spiegelbildregel Rechnung getragen.
Lejeune (1972: 129) und Kiparsky (1967) setzen eine Metathese (/Rh/ -+ /h R/ etc.) ·vor·
aus, so daß die Assimilation im Lesbischen und Thessalischen immer regressiv, im Solotischen
immer progressiv verläuft.

§ 9 1. Assimilation von fwf


Der Gleitlaut /w/ wird an folgendes oder vorangehendes / y/ so assimiliert, daß
im Lesbischen und Thessalischen geminiertes /yy/ entsteht und im Boiotischen
der vorangehende Vokal gedehnt wird.
PR (19) w-Assimilation
strukturelle Beschreibung:
-silb -silb
+kons - kons
[+silb ] +son +son
+hoch +hoch
+rund - rund
1 2 3
struktureller Wandel:
g~ ~} ~ [~ ~ ;] ~~:~.Thess.
/Vwy/ ~ lesb. thess. /Vyy/, boiot. /V:y/
/Vyw/ ~ lesb. thess. /Vyy/, boiot. /V:y/
Eine Palatalisierung von /w/ (wie etwa eine Palatalisierung eines Sonanten durch fy/, § 105)
ist phonetisch nicht möglich (Brixhe 1978: 71).

§ 92. Anwendungsbeispiele:
(1) /Vhy/ ~ / Vyy/
/genesya/ ~ /genehya/ (§ 140f.) ~ /geneyya/ ~ lesb. [gene:a] (§ 81)
/telesyo: / ~ lesb. [tele:o: ] re"Aei.w/re"AT,w (§ 81)
/tosyo/ ~ / tohyo/ ~ /toyyo/ (§ 83, 251)
Die Assimilation /o hy/ ... foyyf wurde begünstigt durch die Existenz von palatalisierten
geminierten Sonanten auch nach /o/ im Thessalo·Lesbischen (lesb. !JOppa § 111 , thess.
Kdppo~ § 11 3}.

(2) /Vhw/ ~ / Vww/


/naswos/ ~ / nahwos/ (§ 140f.) ~ lesb. / nawwos/ ~ [nawo s] (§ 97) vaüoc;
(vai;ov IG 12,2 S: 126.15, Hoffmann 1893 Nr. 153.13)57
~ boiot. /na:wos/ ~ [na:o:s] (§ 97) vcuk
DGE 462.a18
57 VgJ. auch NATrON (= vaiifov) auf dem Ostrakon (3. Jhdt.) Sa 2.1 mit Sctueibung des
Obergangslauts an der Silbengrenze (§ 32). - Im Thessa.lischen wäre gleichfalls va.vO~ zu
erwarten; vaov IG 9,2:517.44 (Larisa , Ende 3. Jhdt.) ist daher keine authentische Form.

79
00046245

(3) / Vwh/ -+ /Vww/


/a:wso:s/ -+ /awso:s/ (§ 60) -+ /awho:s/ (§ 140f.) -+ 1esb. fawwo :s/ -+
[awo:s] aiJwc; Sa 103.10
/dewso: / -+ /dewho: / -+ 1esb. thess. /dewwo: / -+ [dewo:] 5Etlw (lesb. öalet
IG 12,2:526.a19, €v5am IG 12,2:6.37, 5ah?Ta.tiG 12,2:18.16 etc.; thess.
5EI.let McD 337.27 ,43)
-+ boiot. /de:wo :/ -+ [de:o:] 5el.w (5ei.et DGE 462.a36
IG 7: 1739.16, 5eliJ.LEV SEG 1: 132.12 etc.)
/parawsa: / 58 -+ aiol. [parawa:] rrapa.Ua Herodian. II 563.25, Theokr. 30.4
(rrapa.va[tc;] pap., rrapa.v'A.atc: cod.); vgl. auch [J.LaX]o1T(ipa.ve inc. auct. 35.5.59
( 4) / VhR/ -+ /VRR/
/ager+yo:/ -+ /agehro:/ lesb. [agerro:] a:yeppw (§ 109)
-+
-+ boiot. [age: ro : 1a:yeipw
/es+men/ -+ /ehmen/ -+ lesb. theSS. (emmen) lesb. #JJi..L€VaL, theSS. eJ.I+l€V (§ 12
-+ boiot. [e:men) e[J.Lev

(5) /VRh/ -+ /VRR/


/stel+s+a+/ -+ /stelha+/ -+ lesb. thess. /stella+/ (§ 114f.)
-+ boiot. /ste:la+/
(6) /Vwy/ /Vyy/
-+
/glukewya/ -+ lesb. /glukeyya/ -+ [gluke:a] (§ 81 mit weiteren Beisp.)
/i:re:wya/ -+ lesb. /i:re:yya: -+ /i:reyya/ -+ [i:re :a] (§ 81)
(7) /Vyw/ -+ /Vyy/
/elaywa: / -+ lesb. /elayya: / -+ [ela:a:) (§ 82)
/aywi(n)/ -+ 1esb. thess. /ayyi(n)/ -+ [a:i(n)] (§ 82)

5.2 Gleitlauttilgung
5.2.1 fwf am Wortanfang
§ 93. Aus der inschriftlichen Oberlieferung des Lesbischen , die mit einigen spär-
lichen Fragmenten bis in das 6. Jahrhundert v.Chr. zuriickreicht, lassen sich keim
Argumente fll.r die Entwicklung von /w/ am Wortanfang gewinnen: auf lnschrifte:
im archaischen Alphabet sind Belege weder flir die Schreibung noch fUr die Ver-
nachlässigung von [w] = f nachweisbar und auf Inschriften im ionischen Alpha-
bet kommt f (oder ein Ersatz flir f) nicht vor (f ist aber auch im ionischen
Alphabet nicht vorgesehen). Die Inkonsequenzen in Schreibung und prosodischer

58 /parawsa:/ Kiparsky (1967: 623f.), Ruiperez (1972: 159), nicht mit Frisk (GEW s.v.
rrapewl) / parawsya/ , denn f-y-1 hätte Spuren hinterlassen müssen.
59 e'xwa (belegt in den Formen e'xeu'e Sa 96.27, xeuarw Alk 362.3) ist, wie Hettrich (1976
gegen Kiparsky (1967 : 627ff.) nachgewiesen hat, nicht ein s-Aorist (aus • je-khew+s+/},
sondern ein alter Wurzelaorist.

80
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Ausnutzung in den Texten der lesbischen Lyriker lassen die Vermutung zu, daß
[w1 auch schon im 7. Jhdt. kein lebendiger Laut mehr gewesen ist (Thumb-Scherer
1959: 92f., Buck 1968: 46).

§ 94. Wie die Untersuchungen von Parry (1932: 30ff., 1934: 140ff.) und Hooker
(1973, 1977: 23ff.) ergeben haben, muß aber in der Sprache der lesbischen Lyri·
ker die Kenntnis von historischem, in der lebenden Sprache ihrer Zeit bereits ge-
schwundenem [w] noch vorhanden gewesen sein. Sowohl Sappho als auch Alkaios
nutzen die prosodischen Eigenschaften von anlautendem [w] (Hiatvermeidung, Po·
sitionsbildung) entsprechend den metrischen Erfordernissen aus: 31 Fällen der
Vernachlässigung von Digamma stehen nur 5 Fälle von Digamma-Wirkung gegen-
über. Die lesbischen Dichter verwenden hierbei, wie Homer, Elemente einer -
mündlichen - Tradition poetischer Diktion, in der bestimmte Formeln und
Phrasen noch die Spur des historischen Digamma bewahrten. Die genauen Vor-
bilder lassen sich jedoch nicht nachweisen, nicht nur weil zu wenige Texte der
lesbischen Lyriker erhalten sind, sondern auch weil sie einer von der Homers
unabhängigen poetischen Tradition entstammen können.
In den Papyri und Codices der lesbischen Lyriker werden - authentische und
erfundene - Spuren von historischem [w1 graphisch auf verschiedene Weise be-
zeichnet:
(1) ß vor [ r1 am Wortanfang
Oie Schreibung ß für historisches [w) vor [r) am Wortanfang (z.B. in ßpooov, ßpaowo<:,
ßp<iKoc;) ist erst in der Oberlieferungsgeschichte (nicht später als im 3. Jhdt.
v.Chr.) in die Texte der lesbischen Lyriker eingeführt worden, zunächst, um die
metrische Dehnung der vorangehenden Silbe zu kennzeichnen, dann aber auch
in Analogie zu dem ,prosodischen' ßp· in Kontexten, in denen keine metrische
Dehnung vorlag (Hooker). Es handelt sich dabei um eine rein graphische Konven-
tion, die weder zu dem Schluß berechtigt, im Lesbischen (der Lyriker) sei [w]
vor [r1 spirantisch geworden 60, noch darüber Aufschluß gibt, was im 7. Jhdt.
im Lesbischen gesprochen (und geschrieben) wurde. Vorbilder für diese neue
Orthographie sind in Dialekten zu suchen, die nach der Einführung des ionischen
Alphabets älteres f durch ß fortsetzen (vgl. Chadwick 1972), möglicherweise so-
gar im Boiotischen, wo [w] am Wortanfang erhalten ist und f vor Vokal, aber ß
vor [r1 geschrieben wird (BpaJ.Uc; IG 7:1888.al gegenüber fapp.lxw lG 7:2809.3,
Bpa.v[i1<Sac; IG 7:3068.8 gegenüber fdpvwv IG 7:3171.14, cf. Solmsen 1898).
Die Frage allerdings, ob die antiken Grammatiker und Philologen das Boioti·
sehe als einen Vertreter des Aiolischen ansahen und ihre Beobachtungen am
Boiotischen auf die aiolischen Dichter übertrugen, und woher es kommt, daß f

60 Diese Auffassung wird etwa von Schwyzer (1959: 225), Buck (1968: 51), Rix (1976: 62)
vertreten.

6 Bllilnel, Oie aio llsche n Dialekte 81


00046245

und seine graphischen Stellvertreter in die Texte von Sappho und Alkaios 61 ein-
gefUhrt wurden , aber nur in verschwindend geringem Umfang in die Homers, be-
darf einer eigenen Untersuchung.

(2) f
Die Schreibung f fmdet sich in Formen des Personalpronomens und des Posses-
sivadjektivs der 3. Person (f€, fUJev, foi, foiat, fov). Die meisten Belege stam-
men aus einem Traktat des Grammatikers Apollonios Dyskolos (vgl. dazu auch
Gallavotti 1942), die übrigen (Sa 5.6, Alk 358.5; rot und re mit der Schreibung
r fti.r f bei Balbilla, Memnon Nr. 28) sind von ihm beeinflußt (Parry). Weiter-
hin wird von dem Grammatiker Tryphon fPit~e'' fti.r Alkaios bezeugt (cf. Alk
410 Voigt, zu der Schreibung ~oupf1~e'' der Handschriften Morocho Gayo 1979:

(3) V
Nach einem Vokal wird, nach dem Vorbild von (auch inschriftlich belegtem)
OaJW aus /dewso:/, VaV~ aus /naswos/ (§ 92), V geschrieben: avara (nicht a.Uarc
Alk 70 .12 (cf. Hiersehe 1978), ropfl~€ (Pap., €ÜPf/~€ V.) Alk 179.2, EVtO€ Balbill:
(Merrmon Nr. 28. 11 ) 62•

(4) 0
Außer in Formen des Personalpronomens ist in den Fällen, für die nach Parry
Digamma-Wirkung angenommen werden muß, Digamma am Wortanfang vor einer
Vokal nicht geschrieben.
1TA.€VfJ.Ova
(f)olvwt Alk 347.1
V7ro (f)Ep-yov Alk 140.15
rA.waaa {f)E(f)are Sa 31.9 (dazu auch Hiersehe 1966).

§ 95. In den aiolischen Dialekten des Mutterlands läßt sich die Entwicklung von
/w/ im Anlaut vor Vokal noch auf den Inschriften verfolgen.
Im Thessalischen wird f bis zum 4. Jhdt. ohne Ausnahme 63 geschrieben:
faaruclu IG 9 ,2: 575 .3 (Larisa)
feKe&lp~ IG 9 ,2 :662 {Larisa)
61 Auffallend ist allerdings die Tatsache, daß in den erhaltenen Texten für Sappho fast aus-
schließlich (Jp- überliefert wird (a bweichend nur das - auch vo n Grammatikern als aioliscl
bezeichnete - pe~oc; Sa 22.3, cf. Frisk GEW s.v., Voigt ad Sa 22 mit weiterer Literatur),
bei Alkaios hingegen p- auch in Wörtern geschrieben wird , die historisch (w) im Anlaut
haben: p&nac; Alk 141.4, pf)a Alk 34.7 (al>er ßpü. Herodian. 11 2 14 , (Jpail>lw~ Alk 129.
22).
62 Probleme bereitet allerdings der Name Evpual'Aao~ IG 12,2:526d passim (Eresos 4. Jhd t.)
gegenüber boiot. I'Ep )u(a )l'Aaoc; IG 7:2560. 1. Liegt in dem (nicht nur im Lesbischen be-
legten) Element eupv- eine Umbildung nach evpvc;, eine Metathese aus fepu- oder eine
Fortsetzung von - durch Prothese entstandenem - e-fpu- vor? (Cf. Frisk GEW s.v. epu~Ja
Bader 1978, bes. p. 170).

63 Zu iP'Ya~aro cf. § 203.

82
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faot.wöp (?)64 Peek 1974 Nr. 16 Z. 1 (Larisa)


faoroKp<iT( €<:] Peek 1974 Nr. 15 Z. 1 (bei Larisa)
favJJeiaP SEG 27: 183.4 (Atrax)
.feKarro( McD 326.11 (Argura)
faoavf>pew<: McD 260 (Pherai)
fpa.f>ta[ 65 GHW 4443 (Museum Larisa)
-
r aoorov- IG 9,2:1226.3 (Phalanna)
fa)..[ l ]ooK€ra[']
ibid. Z. 4/5
faowf>poo[ aLa] IG 9,2:1227.10 (Phalanna)
faoif>ap.o<; 1G 9,2: 1240.2 (Phalanna)
faowv Helly 1979b Z. 18 (Oiosson)
- .
raoLKpareL<: AD 1961/62 Xpov . 178 66 (Homolion)
fOU<uiTat<; IG 9,2:257.3/4 (Thetonion)
Die meisten Belege stammen von Inschriften des 6. und 5. Jhdt.s im archaischen
Alphabet; die Inschriften McD 260, GHW 4443, IG 9,2:1227, Helly 1979b und
AD 1961 /62 Xpov. 178 dagegen stammen aus dem 4. Jhdt. und sind im ionischen
Alphabet geschrieben. Damit wird der Nachweis erbracht, daß im Thessalischen
auch nach der Übernahme des ionischen Alphabets noch ein Schriftzeichen für
[w] existierte und erst im Laufe des 4. Jhdt.s, wohl mit dem Laut selbst, aufge-
geben wurde.
lm Boiotischen wird (w] am Wortanfang vor Vokal bis zum Ende der Aufzeich-
nung von Texten im Dialekt im 2. Jahrhundert geschrieben und wohl auch ge-
sprochen. 67
PR (20) G1eitlauttilgung: /w/ am Wortanfang im Lesbischen und Thessalischen
-silb
-kons _. 0 / ##_
+rund
/w/ _. 0 am Wortanfang.

§ 96. lm Boiotischen wechselt bei einigen lexikalischen Einheiten die Schreibung


am Wortanfang zwischen f h, f, h und 0 im archaischen Alphabet und zwischen
f und 0 im ionischen Alphabet:
feKa-: arch. Alph. f heKaMJ.tö€ lG 7:593 (vgl. thess. feKef>~e<: IG 9,2;662,
5. Jhdt.); feKaß6AötDGE ad 538 Z. 1, heKaßO[Aöt] Ptoion 1971 Nr. 255
ion. Alph. feKaorw FS Navarre 1935: 357 Z. 6, feKaoorw FS Navarre 1935:
354 Z. 5/6, (Ka~) ~Kaorov AD 1916: 224 Z. b8 68
..
64 (j,ivö.IJJ"'a faoall6p (6p)"6o(e Peek, (TciliJ "'' IJ.faoav lip"öo( Helly (1978: 127).
65 Auf diesen Beleg hat mich freundlicherweise B. Helly aufmerksam gemacht.
66 Die Lesung Theocharis' ist von B. Helly (GHW 1449) korrigiert.
67 Eine umfangreiche Belegsammlung für die inschrütlichen Zeugnisse findet sich bei Arena
(1971: 43ff.)
68 Weitere Belege für boiot. ~KaOTo~ : IG 7 :1739.6, SEG 22:407.12, DGE 462.a30.

83
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fal>-: lit. fdoo[J.l17] Korinna PMG 654. iv7, fli&vY, iv23 69


ion. Alph. fal>wv!.lryw IG 7:2788.3/4 , faöwvoc; IG 7:2781.6 (vgl. thess. faai-
&lp.oc; IG 9,2: 1240.2 etc., § 95)
fEA.txwv: arch. Alph. EA.tqöv[iö] BCH 1926: 385 Nr. 1
lit. fEA.t[K]wv Korinna PMG 654.i30
ion. Alph. 'EA.txwvuroEaat IG 7: 1788.6/7
fil>Loc;: lit. fww[ Korinna PMG 655 .1.10
ion. Alph . überwiegend fwwc; (IG 7:3083.7, 3200.7, 3302.3, 3348.3, SEG
3:356.14), einmal auch iOwc; (ßorwv w{wv SEG 22:432.17), vgl. thess. '{M)wc;
(Kai? r&Stav IG 9 ,2:461.b1 3, McD 31 0.16/ 17, McD 337.36/37).
Für das Zahlwort "sechs" ist im Boiotischen nicht (w] , sondern nur (h) im Anlaut bezeugt:
~ SEG 24:361.11 (Anf. 4. Jhdt.), cf. flKaTt et IG 7:3 193.4. Die Etymologie des Wortes
fiir " Herd" ist umstritten (Frisk GEW s.v. taTla); es erscheint daher fraglich, ob hwanal6ac;
IG 7 :585.c14 für diese Betrachtung herangezogen werden kann.

Die historisch-vergleichende Grammatik hat längst für die - meisten der - oben
zitierten lexikalischen Einheiten die Folge */sw/ im Anlaut rekonstruiert ; /s/ vor
dem Gleitlaut wurde dann über /z/ zu /h/ (§ 140f.). Noch nicht eindeutig geklärt
ist allerdings die Frage, wie die weitere Entwicklung von /hw/ verlaufen sei. Die
bündige Regel Teyssiers ( 1940: 141 f.) , daß altes af- im archaischen Alphabet
durch f h , f oder h (für "f sourd" ), im ionischen Alphabet durch einfache Aspi-
ration bezeichnet werde, geht nicht auf: im archaischen Alphabet ist auch EA.t-
qöv[iö] bezeugt, im ionischen Alphabet stehen fEKaaroc; und EKaaroc;, fi.Owc; und
iOwc; nebeneinander. Daher sind auch Erklärungsversuche , die einen Schwund
von /w/ nach /h/ (Rix 1976: 62 , 76) oder eine Transposition /hw/ > /wh/ (mit
stimmlosem /w/) und - durch Nachlassen der Artikulation - eine Entwicklung
zu einem stimmlosen Hauchlaut (Lejeune 1972: 133f.) annehmen, für das Boia-
tische revisionsbedürftig. Wenn zugrundeliegendes /w/ arn Wortanfang im Boioti-
schen erhalten bleibt und regelmäßig f geschrieben wird, die Schreibung flir den
Reflex von /hw/ im ionischen Alphabet aber zwischen f und 0 schwankt, kann
daraus nicht mit Thumb-Scherer (1959: 29) oder Buck ( 1968 : 48) der Schluß
gezogen werden, daß aspinertes f durch h abgelöst worden sei oder früher als
anderes f geschwunden sei, sondern lediglich, daß ein mit zugrundeliegendem
/w/ nicht identischer, aber vergleichbarer Laut entstanden ist. Dieser Laut läßt
sich, wie es bereits von Schwyzer {1959 : 226f.) und Buck mit dem Hinweis auf
engl. which angedeutet wurde, als gerundetes oder labialisiertes (h] ([h]) beschrei-
w
ben. Die Frage allerdings, ob die Schreibungen in den beiden Alphabeten (fh,
f, h, 0 bis zum 5. Jhdt ., f , 0 seit dem 4. Jhdt.) als Zeugnisse der Entwicklungs-
stufen [hw] und [h] interpretiert werden müssen, läßt sich nicht mit Bestimmt-
w
heit beantworten ; es ist nicht auszuschließen, daß der Lautstand [ßj bereits zu
Beginn der Oberlieferu ng erreicht war.

69 Für fa6elav PMG 654.iv24 ist die Lesung nicht gesichert (Page 1953 : 47).

84
00046245

5.2.2 j wj im Wortinnern
§ 97 . Im Wortinnern wird /w/ in allen drei aiolischen Dialekten - zu verschiede·
nen Zeiten - ohne kompensatorische Veränderungen getilgt, wenn davor eine
Silbengrenze liegt; /w/ als Bestandteil eines Diphthongs bleibt erhalten (zur For-
mulierung der Regel vgl . § 103).
Das Wort ftir " Mädchen" lautet auf boio tischen Inschriften stets 1<6pa (IG 7:587 arch. Alph.,
IG 7:7 10- 7 12 ion. Alph., und öfter) 70 • Daher kann Kwpa im Korinnatext (PMG 654.a i49,
iii2 1, cf. aber auch KOPTJ PMG 692 (2)a1 ) nicht authentisch sein, sondern ist entweder in der
Oberlieferung ftir Ktlpfo. eingesetzt (so Nachrnanson 1910: 143ff., Bechtel 1921: 229f.) oder
einer literarischen Tradition entlehnt (so Page 195 3: 49).
Lesb . 7 1 eveKO. geht wegen myk. e-ne-ka nicht auf •evfeKa zurück; die Schreibungen evveKa
in literarischen (z.B. Sa 67 .a5, aber eveK( o.l AIJc 306 i col. ll.22) und inschriftlichen (z.B.
IG 12,2 S:7.8 neben häuf~gerem eveKa, z.B. IG 12 ,2 :645.a38) Texten des Lesbischen sind
dahe.r keine Spuren der Erhaltung von -vf- (wie Bechtel1921 :14f. vorschlägt), sondern
Hyperaiolismen nach metrisch gedehntem hom. eÜieKo. (Lejeune 1972: 159 A3). ln der glei-
chen Weise ist Looo- (looo ~owt IKyme 19.15 , 1. Jhdt. n.Chr.) aus /wiswo+/ (cf. boiot.
fwfOli LQo<; DGE 440,12A) eine aiolisierende Bildufl8 nach dem Vorbild von hom. wo<; (Le·
jeune 1972: 136 A2). Im Lesbischen ist sonst nur !oo- belegt: tow<; IErythrai 122.35, !oo-
1Tv&ov IG 12,2 S: 138. 14, 'loo<; Sa 31.1, toav Sa 68.a3 (roo<; Sa 111.5 aus metrischen Grün-
den, cf. Hooker 1977: 46).
ln AIJc 283.5 erfordert das Metrum ftir t(e .lvo.1TaTo.<t> Länge der ersten Silbe (Hinweis von
A. Morpurgo-Davies). Weitere Belege liegen weder aus der literarischen noch der inschrift-
lichen Überlieferung vor (et evtoe IG 12,2:528.13, tevlo"eu v IErythrai 122.7, tevto. IG
12,2 S: 138 .33 können nicht als maßgeblich angesehen werden), so daß nicht zu entschei-
den ist, ob auf dem Papyrus tevv- oder tew- geschrieben war. Solange überzeugende Bele-
ge für kompensatorische Wandel auf Grund der TilguiJ8 von /w/ ausstehen, wird man auf
die Erkläruf18 durch metrische DehnUIJ8 zurückgreifen müssen.
Oie einzige Ausnahme bildet , wenn die Herleitung von HeUy (1973: I 61ff.) zutrifft, im
Thessalischen der Ortsname Gonnos/ Gonnoi ("Je mamelon, les mamelons" ) aus •rovfo<;;
r ovvo<; ist im 5. Jhdt. bei Herodotos (VII, 128 , 173) und seit dem 4. Jhdt. auf Inschriften
belegt (vgl. auch rouvev<; < • r ovf(!l)<; im homerischen Schiffskatalog, (1 7 48). Es erscheint
problematisch, angesichts von lesb. 'Yovo. AIJc 347.5 und der Vielzahl sonstiger widerspre·
ehender Belege (cf. Sechtel 1921 : 14f., 138f., 228f., Lejeune 1972: 158f., 222f.) eine aio-
llsche Entwicklung " -vf- > -w -" auf diese eine Etymologie zu stützen.
Auf lesbischen Inschriften kommt f im Wortinnem nicht 72 und auf thessalischen
nur selten ('Afi.Oa.v McD 375.2, 6dföv IG 9,2 :236. 1, 5. Jhdt.) vor; auf boioti-
70 Vgl. auch Kopin <; IG 7 :3643 (5. Jhdt.) und öfter, ll.w oKOp{iJ(U) IG 7: 3193.10 und öfter
(weitere Belege bei Thumb-Scherer 1959:30). ll.t.DoKOupU TJ <; IG 7: 2444.[b10, ll.woKOup l-
6a<; IG 7 : 3525 sind nicht authentisch, aUein schon weil ersatzgedehntes 1o:] im Boioti·
sehen w geschrieben werden müßte. - ln dem in Thebai gefundenen Epigramm IG 7:
2533 aus der 2. Hälfte des 4. Jhdt .s ist nach Ebert (1972 : 147ff.) in Z. 4 Kop{Jt•
U o.<;
(nicht Kop feUo.<; ) geschrieben. Da der Text keine Merkmale des boiotiscben Dialekts auf-
weist und aus älterer Zeit auf boiot ischen lnschrüten keine Form oder Ableitung von
• K6pfa nachweisbar ist, kann Kopße{l!a<; nur als Fortsetzung einer dialektfremden Form
Kop fe{l!o.<; interpretiert werden.
7 1 Aus thessalischen und boiotischen Dialektinschriften liegt kein Beleg vor.
72 Arena (1971 : 47) zitiert aus Caskey-Beazley (1954: li 15) die Inschrift " Af6<; eines in
Smyrna gefundenen ,.ostgriechischen (aioUschen)" Geflißes aus dem 6. Jhdt. als Beleg

85
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sehen lnschriften wird es im 7. und 6. Jahrhundert regelmäßig (Käp11K€flö DGE


440,10, Tirötift DGE 538.3, Ka'Afov ibid. Z. 1' xapifETTOJJ DGE ad 538, eTroif€
IG 7:2729.3), im 5. Jahrhundert nur noch sporadisch 73, danach - wohl nach de1
Vorbild von f am Wortanfang - nur noch in der Kompositionsfuge (rrpofaoril>a.•
DGE 462.a7, ftKanf€T~e~ IG 7:3068.2, 9eoftprw IG 7:1739.4, rafepreiot BCl
1936: 18lff. Z. 11 , fefuKOVOJJ.€WVTwv IG 7:3172.24, fefu[Ket]oVTwv DGE 485.
2/3) geschrieben.
Zur Schreibung von f zwischen einem u-Diphthong und einem Vokal vgl. § 32.

5.2.3 fyf im Wortinnem


§ 98. Im Wortionern wird /y/ zu / h/, wenn es nach einer Silbengrenze steht (d.h.
wenn es nicht mit einem homosyllabischen Vokal einen Diphthong bildet).
Der Wandel von fyf zu /h/ am Silbenanfang läßt sich mit dem in vorhistorischer Zeit - unte:
gewissen Bedingungen - erfolgten Wandel von fy/ zu /h/ am Wortanfang vergleichen.
PR (21) y-Abschwächung
-silb
-kons
~ [-hoch] nach einer Silbengrenze
+hoch
-rund
fy/ ~ /h/
/h/ aus /y/ unterliegt der Tilgungsregel § 103.
Die meisten Eingaben für Abschwächung und Tilgung von /y/ nach einer Silben-
grenze liefern die Monophthongierungs- und Diphthongreduktionsregeln: eine zu-
grundeliegende Folge /-VyyV-/ (mit einer Silbengrenze zwischen den beiden Gleit·
lauten) wird im Thessalischen und Boiotischen durch Monophthongierung, im
Lesbischen durch Diphthongreduktion in die Folge /-V:yV-/ überfUhrt , auf die
die y-Abschwächungsregel angewendet wird.
Thess. /-eyyos/ ~ / ~:yos/ ~ [ -~ : os ) arch. Alph. -€o<: (Mu'AiSEo~ § 78),
ion. Alph. -ew~
Boiot. /-ayyos/ ~ /~ : yos/ ~ [~ : os ) ' loJJ.ewtil~ IG 7:2430.8
/-oyyo/ ~ /-o:yo/ ~ /-o:o/ § 251
Im Boiotischen ftndet sich, auch auf archaischen Inschriften, fUr patronymische Adjektive
und Adjektive der Zugehörigkeit der Ausgang -co(. Für die Annahme, daß auch im Soloti-
schen ein ,,Ableitungselement" ~w~ existiert und sich durch Monophthongierung zu -io(
entwickelt habe (Bechtel 1921 : 221), steht der Nachweis von Belegen noch aus (vgl. auch
Morpurgo·Davies l968a: 93 Anm. 4).
fUr Dlgamrruz im Lesbischen. ln den Addenda (1963 : 111 92) nehmen Caskey-Beazley je-
doch eine Korrektur vor: das Gefaß ist korinthisch.
73 Auf der Inschrift IG 7 : 1888 (424 v.Chr.) wird F im Anlaut geschrieben, im Inlaut jedoch
nicht mehr.

86
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Lesb. /-eyyos/ -+ /-~ : yos/ -+ [~ : os] arch. Alph. -€0<:, ion. Alph. -ew~ § 81
/-ayyos/ -+ /-a:yos/ -+ [-a:os] § 82
/-oyyo/ -+ /-o:yo/ -+ /-o:o/ § 83
Im Lesbischen ist in Ausgängen von Flexionsformen d~s Optativs wie 3 . PI.
[-oyyen] in €J,JJJ.evO«:v IG 12,2:6.19 die Anwendung der Diphthongreduktions-
regel durch die funktional e Belastung {/oy/ als Kennzeichen des Optativs) blok-
kiert.
Im Nominativ des Zahlworts "drei" ist als zugrundeliegende Form / trey+es/ an-
zusetzen. Da im Lesbischen die Oberflächenform [tre:s] rpei.~ (Belege § 289) mit
dem Digraph e' ftir [c:: :] geschrieben wird, kann die Ableitung nicht durch Til-
gung von /y/ zwischen Vokalen erfolgt sein - weil die entstehende Lautfolge
/ee/ zu [e:] hätte kontrahiert und dieses [e:] mit dem Buchstaben Tl hätte ge-
schrieben werden müssen - , sondern nur durch Diphthongreduktion von /ey/ -+
[c:: :]. sei es in /treyes/, sei es in / treyyes/ mit einer sekundären Gemination von
/y/. In der handschriftlichen Oberlieferung von Grammatikerberichten (Herodian.
ll 416.9, Choirob. An. Ox. ll 267.10) wird die Schreibung rpii~ verwendet (vgl.
§ 80). Die entsprechenden Formen im Thessalischen (rp€i.~) und im Boiotischen
(rpi.~) lassen sich durch Monophthongierung ableiten: thess. /ey/ -+ [c:::] (§ 78),
boiot. /ey/ -+ [~ : ] -+ [i:] (§ 74).

5. 2.4 fyf am Wortende


§ 99. Am Wortende wird /y/ nach einem langen Vokal im Lesbischen und Thessa-
lischen getilgt (im Boiotischen wird der lange Vokal vor /y/ am Wortende ge-
kürzt, § 62).
PR (22) Gleitlauttilgung: /y/ am Wortende im Lesb. und Thess.
-silb
- kons -+ 0 I [+silb] ##
+hoch +lang -
- rund
/y/ -+ 0 nach einem langen Vokal am Wortende

Die frühesten Belege flir die Wirkung dieser Regel sind im 5. Jhdt. in den Dativ-
ausgängen der vokalischen Stämme, sowohl in Formen des Nomens wie in sol-
chen des Artikels, und in Konjunktivausgängen der 3. Person Singular nachweis-
bar. Am Ende des 4. Jhdt.s sind alle auslautenden Langdiphthonge reduziert"';
von dieser Zeit an geben Schreibungen mit _, nicht mehr den aktuellen Lautstand
wieder.

74 Auf den lesbischen Inschriften IG 12,2:1 (2 . Hälfte des 5. Jhdt.s) und IG 12,2:645
(4. Jhd t.) stehen noch ungekürzte und gekii.rzte Formen nebeneinander.

87
00046245

In dem lesbischen Ausgang der 3. Pl.Präs.Konj . war durch die Entwicklung von
/ns/ sekundär die Folge von einem langen Vokal und einem Gleitlaut entstanden
{1-o:+nti/ ~ /-o:nsi/ ~ [-o:ysi]), die entweder auf Grund der morphologischen
Belastung {lange Vokale als charakteristisches Merkmal des Konjunktivs) oder
auf Grund der Regelordnung nicht die Vokalkürzungsregel (§ 60) durchlief, wo-
durch der Konjunktivausgang mit dem des Indikativs identisch geworden wäre,
sondern durch die in ihrem Anwendungsbereich auf das Wortinnere erweiterte
Gleitlauttilgungsregel reduziert wurde ([-o:ysi] ~ [-o:si] § 166). Eine weitere
Anwendung der Gleitlauttilgungsregel an Stelle der Vokalkürzungsregel wird bei
der Behandlung von Formen der 2. und 3. Sg. der e-Verben im Lesbischen dis·
kutiert (§ 183).

5.2.5 /h/ am Wortanfang


§ 100. Im Bereich des Thessalischen sind folgende Belege für die Schreibung von
h am Wortanfang zu verzeichnen :
h= B
h6\ IG 9,2:270.1 (Kierion)
h= H
he[.]' 5 IG 9,2:250.2 (Pharsalos)
hviCK, hvA.öpeovro\ IG 9,2:257 (Thetonion)

}upeva\ McD 204.7 (Pherai)
hepJ.La(? IG 9,2:356 (Pagasai)

hiJ.LLOOv, h€J,Lt.eKra.u.8wv IG 9,2: 1222 (Magnesia)
ha.t'q[a]o, heJ,tep[a] McD 72 1 (Magnesia)
HeV6uco~ IG 9,2:271 {vgl. EU{6)uco~ {?) SEG 27 :184.7 , Atrax 6./5. Jhdt.) hat mit Kierion
nichts zu tun; der Fundort, Khoirinokastro , liegt lm Pindos.
Alle Belege sind in das 5. Jahrhundert zu datieren.
Damit scheint der Nachweis erbracht, daß im archaischen Alphabet des Thessa·
üschen der Hauchlaut am Wortanfang noch bezeichnet wurde, aber die meisten
der zitierten Belege werfen Probleme auf: neben he[.] enthält IG 9,2:250, eine
Inschrift im epischen Dialekt, auch die Form o ohne h (s.u.); h6\ entstammt
einer poetischen Inschrift ; das Verhältnis von hepJ,La[? aus Pagasai zu den viel
häufigeren Formen 'EpJ,Lciov aus der Pelasgiotis, Histiaiotis und Perrhaibia ist nicht
geklärt (§ 71 Anm. 40); hvtO\ als Vatersangabe statt des Patronymikons ist im
Thessalischen ungewöhnlich, hvA.öp€ovro\ ist wegen der thematischen Bildung

fragwürdig(§ 235); an Stelle von ·O· in h€J,LLOOV wäre im Thessalischen ·T1 · zu
erwarten (§ 139); in ha.t'§[a]o ist sowohl der Ausgang -ao statt -a (§ 248) wie

die Form selbst (cf. 'Afil>av McD 375.2 aus Argura) auffallend; htPEVa\ mit [e:]
hat zwar in ipeiva IG 9,2:513.5 aus Larisa (gegenüber ipciv[a\] IG 9,2:511.5,
75 Die gängige Lesung heci ist nicht gerechtfertigt; ein A ist nicht erkennbar (GHW 738).

88
00046245

McD 311.8) eine Parallele, entstammt aber einer Inschrift im Mischdialekt (§ 251 ).
Somit sind diese Belege nicht geeignet, eindeutig nachzuweisen, daß im Thessa-
lischen - oder zumindest im Kerngebiet des Thessalischen - [h) arn Wortanfang
auch in der Schrift bezeichnet wurde. Dieser Befund wäre in Anbetracht der ge-
ringen Zahl überlieferter archaischer Inschriften nicht bemerkenswert, gäbe es
nicht auch Belege für das Fehlen der Schreibung h auf Inschriften im archaischen
Alphabet:
o IG 9,2:250.1 (Pharsalos); SEG 25:661.2 (Pelasgiotis); IG 9,2: 1098.4,
McD 1023.3 (Magnesia)
SEG 27:183.2, 3 (Pelasgiotis)
KOt 76 IG 9,2: 1027 .a2 (Pelasgiotis)
-EpaKX€i" SEG 25:661.1 (Pelasgiotis)
ApJ.J.OViat McD 356 (Pelasgiotis)
-
Ot • DGE 607a.2 (Perrhaibia)
a DGE 605.2 (Magnesia)
Wenn man auch Texte, die durchweg von literarischer Tradition geprägt und daher nicht un-
bedingt repräsentativ fllr den thessalischen Dialekt sind, in die Betrachtung einbezöge, wäre
die Liste um u.a. IG 9,2:255 (a, 01'', ooa, oa'), McD 1121 (eßac;, tK.OJJav, T11epavopoc;), McD
722 (o[a)c;) zu erweitern.
Der Stein, der die lnschrüt ZPE 1974: 28 (Atrax, 6. Jhdt.) trägt, ist vor T von TBPll:TA ab-
gebrochen. Ob die Ergänzung Peeks zu [h)ußplCTTa gerechtfertigt ist, läßt sich nicht mit Sicher-
heit entscheiden.

Die Existenz von [h] am Wortanfang, erkennbar an dem Eintreten von Assimila·
tionsprozessen, wird erst seit dem Ende des 3. Jahrhunderts durch Belege nach-
gew1esen:
0

li:yypel.f.J.t: ecp<iv-yp€v~ew IG 9,2:517.41, ~peq.J..evav McD 347.14


evro,: 1r[o]~ evrci.' McD 337.17/ 18
IMw': K<i~ 'iö&av IG 9,2:46l.b13, McD 310.16/ 17, McD 337.36/37
oV<;: Ka~ov' McD 310.34
oc56,: 1TO~Oc5ov[v] IG 9,2:460.9, IG 9,2:517.46, IG 9,2:1229.41

Keines dieser Wörter ist auf einer Inschrift im archaischen Alphabet belegt.
Ein eindeutiges Fazit aus dieser Obersicht über die Schreibung von h im Thessa-
lischen zu ziehen ist nicht möglich, vielmehr kommen verschiedene Interpreta-
tionen in Betracht:
(1) Im Thessalischen existierte der Hauchlaut am Wortanfang, wurde aber im
archaischen Alphabet nicht regelmäßig geschrieben (aber dagegen spricht
..
er'- an Stelle von e!J' - ۧa.' in McD 1121).
(2) Der Hauchlaut fehlte nur in Formen des Demonstrativpronomens (o, a, ol,
ai., vgl. auchKOtIG 9,2:458.6 , 3. Jhdt.). In DGE 607a aus Khyretiai kann
76 Auf dem Stein ist K.OI geschrieben. Der Punkt deutet darauf hin, daß hier Elision (KoL)
und nicht Krasi.s vorliegt.

89
00046245

das Fehlen der Schreibung von [h] darin begründet sein, daß der Buchstabe
H zur Bezeichnung von [e) und [e:) diente (§ 26), aber die Erklärung für
das Fehlen von h in Epax:\Et und Ap1Jovicu bleibt im Rahmen dieser Hypo-
these offen.
(3) Alle Inschriften mit der Schreibung von h sind nicht thessalisch im engeren
Sinne, sondern stammen aus Randgebieten oder zeigen dialektfremde Ein-
flüsse. Die Nichtbezeichnung des Hauchlautes auf Dialektinschriften aus der
Pelasgiotis und der Perrhaibia ist (a) rein graphischer Natur oder (b) der
Nachweis dafür, daß [h1 am Wortanfang - wie im Lesbischen - nicht exi-
stierte (die Belege fti.r Assimilationsprozesse durch [h-1 müssen dann dem
Einfluß der Koine zugeschrieben werden).

§ 101. Im Lesbischen wird der Hauchlaut am Wortanfang nicht bezeichnet, wie


es auf einer Inschrift im archaischen Alphabet deutlich wird
Ep1Jea~ DGE 639.2 (Anf. 5. Jhdt.)
Ö-yEiJdX( €1.0\ 1 ibid. Z. 3
und auf Inschriften im ionischen Alphabet durch die Schreibung mit Tenuis an
Stelle der Aspirata in der Kompositionsfuge erkennbar ist:
Kana[ra11Jevcuc; IG 12,2:18.15/ 16 (nicht authentisch KailtaTaiJEVat~ IG 12,2:
15.24)
KarEarax6VTwv IG 12,2:645.a21 (Ende 4. Jhdt.)
/JET . Hpax:\Eirw ibid. Z. a45/46
KarEtpwaw~ IKyme 19.16 (um Christi Geburt)
KarwpvaEt ibid. z. 7
Obwohl die Belege auf drei Inschriften beschränkt bleiben und eine Erklärung
als rein graphische Konvention nicht auszuschließen ist, scheint mir die Nicht·
Bezeichnung der Aspiration flir eine Tilgung von / h/ arn Wortanfang im Lesbi-
schen zu sprechen.
PR (23) Gleitlauttilgung: /h/ arn Wortanfang im Lesbischen
-silb
-kons -+ 0 I ## _
+asp
/h/ -+ 0 arn Wortanfang
Die Auffassung, daß der Hauchlaut im Lesbischen arn Wortanfang nicht gespro-
chen wurde (sogenannte Psilose) 77 fmdet Rückhalt in dem übereinstimmenden
Zeugnis antiker Grammatiker und in der Papyrusüberlieferung und alexandrini-

77 Ein weiteres Argument fllr die Psilose tlihrt Paton ad IG 12,2:82 an: "~KMov propter
psilosin Aeolicam per E non H redditur" (vgJ. auch Schmitt 1977 : 82). Es sei angemerkt,
daß das Zahlwort fllr ,hundert' auf lesbischen Inschriften nur als lKarov auf einer In-
schrift des 2. Jhdt.s aus Miletos belegt ist (§ 289).

90
00046245

sehen Redaktion der Texte der lesbischen Lyriker; inwieweit jedoch inschrift·
liehe Belege, die nur bis in das 5. Jhdt. zuriickreichen, die Nachrichten der Gram·
rnatiker und die Editionspraxis der Alexandriner Rückschlüsse auf die Sprache
der lesbischen Lyriker selbst zulassen 78 , kann an dieser Stelle nicht untersucht
werden.

§ 102. Im Boiotischen wird (h] am Wortanfang bis in die 1. Hälfte des 4. Jahr-
hunderts in der Regel bezeichnet.

h =§
ruapov DGE 440,12A (1. V. 7. Jhdt.?)
h= 8
hw.pov IX;E 440,10 (4. V. 7. Jhdt.)
he(? IG 7:605
he[PJ.L ]ia.~ IG 7:626
ht1Tapxa IG 7:635
htOJ.Lflliöt IG 7:2455 (6./5. Jhdt.)
hw.po' IG 7:3585, 3942, 3944, 4014ff. 79
h€aiä.t. E. 77:60 (6. Jhdt.)
ho IG 7:2731, Ptoion 1971 Nr. 232 (2. H. 6. Jhdt.)
h=H
hm1rapxia IG 7:636

hlPLXO~ IG 7:1888.g6 (2. H. 5. Jhdt.)

ha')'eawöpo~ IG 7:2547

Mpöt IG 7:2734
hepiJ.ala IG 7:2889
htpJ.Löv IG 7: 3233
htpciva Wilhelm Urkunden 246
ruepa, h<iJ.La SEG 24:361 (Anf. 4. Jhdt.)
ho1T11P BCH 1940/41 :42 Z. 4 (Mitte 4. Jhdt.)
Weitere Belege sind bei Sechtel ( 1921 : 225) zitiert.
Der Buchstabe H wird im ionischen Alphabet zur Bezeichnung von [he] und
[he:] am Wortanfang beibehalten und bis zum Ende des 3. Jhdt.s in von Göt·
ternamen abgelei teten Personennamen (cf. Knoepfler 1974: 243f.) weiterverwendet
ht hvöeKa SEG 24:361 (Anf. 4. Jhdt.)
hp/).!li BCH 1926:421 Nr. 39
hJ,Itrra SEG 24:36 1.15/ 16
hpOK:>.iOao IG 7:2468 (1. H. 4. Jhdt.)
78 VgJ. zu dieser Frage zuletzt Hooker (1977 : 13ff.).
79 Sämtliche Belege stammen aus dem Kabirenheiligtum bei Thebai. Die Schreibung flir
(h) wechselt zwischen 8 und H.

91
00046245

hpax>..ewao IG 7:2429
hpoowpw IG 7:2724b (Ende 4 . Jhdt.)
hpOOOTO~ 80 BCH 1946: 476f. Z. 13 (Mitte 3. Jhdt.)
hpaxAi&.JJ BCH 1974 : 193 Z. 3
hpax>..eio~ AD 1916: 218f. Z. 13, 74 (ca. 200 v.Chr.)
hpwt BCH 1905: 102 Nr. 3
hpax >..wa~ E. 77:59.1
Nach Sechtel (1921: 225) konnte der Hauch in der Elision und in der Krasis ignoriert wer-
den : err' 'A"'(eo{fa IG 7:2883, err ' ' A"'(lTopl~L IG 7 :2884.
Die lnscluift SEG 24:361 enthält mehrere Belege für die Sclueibung H (s.o.), aber in VÖPUlL
Z. 8 ist wider Erwarten der Hauchlaut nicht bezeichnet. Sollte die Erklärung darin zu su-
chen sein, daß nicht (hu-), sondern (yu-) (cf. wvU:, § 52) gesprochen wurde?

5.2.6 /h/ im Wortinnern

§ 103. Im Wortionern wird /hl zwischen Vokalen getilgt.


PR (24) Gleitlauttilgung: Gleitlaute im Wortionern

~ons
ilb ] ... 0 I [+son L [+silb]
[
lwl -+ 0 zwischen einem Vokal , Gleitlaut oder Sonanten und
lhl ... 0 einem Vokal
Die Kontext bedingung "nach einer Silbengrenze" ist mit den Notationskonventionen der ge-
nerativen Phonologie nicht formalisierbar.
Oie Tilgungsregel flir Gleitlaute im Wortionern ist nach der h-Assimilationsregel
(§ 90) anzuordnen .

5.2. 7 Anwendungsbeispiele für Gleitlauttilgung

§ 104. (1) lwl am Wortanfang


lwoyk-1 -+ lesb. [oyk-J oixflocxat IG 12,2:6.29 (4 . Jhdt.)
thess. [woyk-] foucuiTat~ IG 9,2:257.314 (5. Jhdt.)
-+ [oyk-] oiKovoJ.J.eia!Jew McD 337.28 (2. Jhdt.)
boiot. [woyk-] foucia~ IG 7:2409.4 (3 . Jhdt.)
(2) IwI im Wortionern
lkalwosl -+ lesb. [kalos) Ka>..o~ IG 12,2:268.2 (5. Jhdt.)
-+ thess. [kalos) KaAOÜ McD 337.21
boiot. (kalwos] Ka>..fov DGE 538.1 - [kalos) KaMv IG 7:3598

80 Für diesen Namen schwanken die Schreibungen im ionischen Alphabet zwischen hp66o·
TO~ und Elp660To~ (cf. IG 7 Index s.v.).

92
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/poywe:-1 lesb. [poye:-] rroi17o~at IG 12,2 S: 114.17 81


-+
--+ thess. [poye:-] erroteioaro McD 337.19
boiot. [poywe:-] €rroif€ae IG 7:2729.3 --+ [po(y)e:-] €rr6€ae
IG 7:1873
avappflOtC: ( avappflOW IG 12,2:500.11 , Mathymna Anf. 2. Jhdt.) und Kara
ppuatov IG 12,2:15.19 (Mytilena, Ende 3. Jhdt.) sind hellenistisch. Im Lesbi-
schen wäre einfaches [ r] aus lwrl zu erwarten.
(3) lyl im Wortinnern
Anwendungsbeispiele werden in § 98 diskutiert.
(4) lyl am Wortende
l tukha:yl --+ lesb. thess. [tukha:y) -+ [tukha:]
(5) lhl am Wortanfang
/hekastosl --+ lesb. (ekastos) KaT eKaarav lKyme 12.14 (cf. boiot. Ka~ eKaoTOV
AD 1916: 224 Z. b8)
(6) lhl im Wortinnern
/genehosl --+ [geneos] (§ 256)

6. Phonologische Regeln: Sonanten


6.1 Sonant plus lyI
6.1.1 Pa/atalisierung und Geminierung
§ 105. In einer Folge von einem Sonanten und dem Gleitlaut ly/ wird der So-
nant palatalisiert und geminiert 82, wobei der Gleitlaut schwindet.
Die Entwicklung von Folgen aus einem Sonanten und lyl stimmt in ihrem ersten
Schritt (Palatalisierung und Geminierung) mit der von Folgen aus einem Obstruen-
ten und lyl (§ 124) überein und wird in einer Regel zusammengefaßt.
PR (25) Palatalisierung und Geminierung
-silb
1 1
- kons
[+kons] +hoch +hoch
+hoch
-hint -hint
-hint
I 2
/Cl lyl ;cc1
81 In dem Fragment ~11'0TJ[ IKyme lOlb (Larisa, 7. Jhdt.) ist OTJ Schreibung fli.r einen
Diphthong (§ 27), so daß aus diesem Beleg kein Aufschluß über Schreibung oder Fehlen
von Digami7Ul zu gewinnen ist.
82 Geminierung kann auch mit Brixhe (1978: 66f.) als der graphische Ausdruck fli.r durch
die Palatalisierung entstehende Länge des Phonems interpretiert werden.

93
00046245

Die Entwicklung von Konsonanten- und Gleitlautverbindungen mit fyf und /s/ gehört zu den
meistdiskutierten Problemen der griechischen Phonologie (vgl. an neuerer Literatur u.a. Allen
1957/58, Diver 1958, Hamp 1959, Kiparsky 1967, Hart 1968, Cowgill1969, Nagy 1970:
101ff., Ruiperez 1972, Adams 1972, Lejeune 1972: 79f., lOOff., 155f., L6pez Eire 1977,
Brixhe 1978, Risch 1979). Es würde über den Rahmen der vorliegenden Arbeit hinausgehen,
sämtliche - teils nur geringfligig divergierende, teils kontroverse - Standpunkte zu diskutie-
ren. Die folgende Analyse deckt sich in Teilbereichen mit bereits bekannten Lösungsversu-
chen, auch wenn dies nicht eigens vermerkt ist; im übrigen wird versucht, die einzelnen Pha-
sen der Entwiclc.lung zu begründen und ihren Zusammenhang mit anderen, weniger umstritte-
nen Prozessen aufzuzeigen.

Die Beschreibung der weiteren Entwicklung von palatalisierten Konsonanten-


gruppen im Thessalischen wirft auf Grund einer vom Lesbischen und Boiotischen
abweichenden Regelordnung und auf Grund der umstrittenen Beleglage besondere
Probleme auf und wird getrennt behandelt.

6.1.2 Depalata/isierung im Lesbischen und Boiotischen


§ 106. Die Opposition zwischen dem palatalisierten labialen Nasal und dem pala-
talisierten dentalen Nasal wird aufgehoben.
PR {26) +kons +kons
+son +son
+hoch +hoch
-hint -hint _. [+~orJ [_h~ch]
+nas +nas
- kor -kor
1 2
/inin/ _. /nnt
Die Regel hat eine Parallele in der Aufhebung der Opposition zwischen palatali-
sierten velaren Okklusiven und palatalisierten dentalen Okklusiven: in beiden Fäl-
len wird die Opposition zugunsten der palatalisierten Dentale ([+kor]) aufgeho-
ben.

§ I 07. Der palatalisierte geminierte Lateral {/ü/) wird von dem nichtpalatalisier-
ten Lateral graphisch nicht geschieden, aber es ist zu vermuten, daß eine Depala-
talisierung (ohne kompensatorische Veränderungen) eingetreten ist:
PR (27) +kons +kons
+son +son
+hoch +hoch
-hint -hint
+lat +lat
1 2
/ü/ / 11 /
94
00046245

§ I 08. Die übrigen palatalisierten geminierten Sonanten werden depalatalisiert, in·


dem das erste Element seine konsonantische Qualität verliert und zum Gleitlaut
wird und das zweite Element seine palatale Qualität verliert. Die Art des entste·
henden Gleitlauts ist abhängig von der Qualität des vorangehenden Vokals: nach
den Vokalen /a/ und /o/ entsteht der Gleitlaut /y/, nach den Vokalen /i/, /e/
und / u/ der Gleitlaut /h/.83
PR (28)
1 +silb
-silb -silb -silb I -hoch
+kons +kons -kons +hint
+son +son +hoch
+hoch
-hint
+hoch
-hint
-hint
1
[-h~h]
+kor +kor -silb
-lat -lat -kons
1 2 -hoch

laff/ ~
/ayr/ /aMt/ -+ /ayn/
/off/ -+ /oyr/ /onit/ -+ /oyn/
/iff/ -+ /ihr/ /inft/ -+ /ihn/
fett/ -+ /ehr/ /eftlt/ -+ /ehn/
/uff/ -+ /uhr/ /unn/ -+ /uhn/
Die Depalatalisierung von palatalisierten Sonanten stellt somit eine progressive
Dissimilation dar: nach den Vokalen /i/, /e/, /u/ wird der durch die Depalatali·
sierung entstandene Gleitlaut zu einem nicht-palatalen Segment (das im folgen·
den an benachbarte Segmente assimiliert wird), nach den Vokalen /a/, /o/ behält
der Gleitlaut das palatale Merkmal (und bildet mit dem vorangehenden Vokal
einen Diphthong). Die Merkmalstheorie der generativen Phonologie bietet aller·
dingskeine Möglichkeit, diesen Sachverhalt adäquat zu beschreiben: /i/ ((+hoch]
[-hint ]), /e/ ([-hoch] [-hint]) und /u/ ([+hoch] [ +hint]) bilden keine natürliche
Klasse, obwohl sie, wie /y/ ([+hoch) [-hint]), palatalisierende Wirkung haben84•
Der durch die Depalatalisierung entstandene Gleitlaut /h/ assimiliert im Lesbi·
sehen an den folgenden Sonanten (Geminierung), im Boiotischen an den voran-
gehenden Vokal (Ersatzdehnung) (§ 90).

83 Zur Annahme eines Zwischenstadiums / h/ in der Entwiclclung von Sonantengruppen mit


Jy/ cf. Kiparsky (1967), zu ParaUelen aus der historischen Phonologie des Griechischen
Lejeune (1972: 168).
84 /i/ palat.alisiert einen vorangehenden Dental (§ 136ff.), / u/ palatalisiert einen vorangehen·
den Dental im Lesbischen (§ 139) und möglicherweise auch im Bo iotischen (§ 52), die
palatalisierende Wirkung von /e/ spielt bei der Eliminierung der Labiovelare eine RoUe
(Lejeune 1972: 47ff.).

95
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h-Assimilation
/ihr/ -+ lesb. /irr/ boiot. /i:r/
/ehr/ -+ /err/ /e:r/
/uhr/ -+ /urr/ /u: r/
/ihn/ -+ /inn/ /i: n/
/ehn/ -+ /enn/ /e :n/
/uhn/ -+ /unn/ /u:n/

§ 109. Anwendungsbeispiele:
(1} zugrundeliegende Repr. /alyos/
Pala talisierung /aüos/
Depalatalisierung [ allos]
Oberflächenform lesb. äA.A.oc; (äXA.ov Sa 129.b}
boiot. äA.A.oc; (äA.A.T/ BCH 1936: 177ff. Z. 13)
(2) zugrundeliegende Repr. /krin+yo: /
Palatalisierung /krifrfl o :I
Depalatalisierung / krihno: /
h-Assimilation lesb. [krinno:]
boiot. [kri:no:]
Oberflächenform lesb. KpiPvw (KPWVOJ.l€Vat Alk 130.b 17)

boiot. Kpivw (kein Beleg)
Formen mit einfachem -v- von lesbischen Inschriften (oWJ<.pLVOJ.l€VOt IErythrai
122. 15, EKpwov IG 12,2: 19 .3) sind nicht authentisch.
(3) zugrundeliegende Repr. /ager+yo: /
Pa1atalisierung /ageifo: /
Depalatalisierung I agehro :I
h-Assimilation lesb. [agerro:]
boiot. [age:ro:]
Oberflächenform lesb. a:yeppw (a:yeppw Etym . m. 8. 13}
boiot. a:yeipw (a:yEipw Korinna PMG 654a iii. 25,
a:y"tpEJ.l€V IG 7: 4136.4, § 40)
(4} zugrundeliegende Repr. /phan+yo: /
Palatalisierung / phaMto: /
Depalatalisierung [phayno: ]
Oberflächenform lesb. I{Xlivw (I{XliVflrat IG 12,2 S:l38.22)
boiot. I{Xlivw ('Pf1v€tTf/ DGE 462.a22, § 77)

§ 110. Im literarischen Lesbisch ferne r mit geminierten Sonanten aus Sonant plus
zugrundeliegendem /y/
96


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äi.ppeL Alk 363.2, f:yepprw Alk 48.12, ip.eppeL Sa 1.27, KAwvo[ Alk 117b.40a,
Mre(p )pav Alk 298.23, J.I.Ereppa inc. auct. 2 85 , Xeppwvoc; Alk 42.9
und mit geminierten Sonanten aus Sonant plus sekundärem /y/ (§ 64ff.)
lleppaJJ.w(L) Alk 42 .2, flepaJJ.OW Sa 44. 16 (metrisch gekürzt nach West 1973)
gegenüber flpL<iJJ.W Alk 298.8, trepp( Alk 44.5, trep(p)€x,ow'a Sa 96.9, treppox.cx;
e
Sa 106, €vv 'Ax.ep( Sa 65.10 (gegenüber (v )t lJuJJ.L<iJJ.evot [At ]ßavwrw (L) Sa
2.3/4).
Aus den Inschriften ist 'kyeppaviw IG 12,2:527.27 (gegenüber boiot. 'A-yptw-
viw IG 7:3348.1 ), tr€pp aiJrwv lKyme 102.8 hierherzustellen.
Die Realisierung von Sonant plus zugrundeliegendem /yI nach [ u] ist in der lite-
rarischen Überlieferung des Lesbischen nicht einheitlich (inschriftliche Belege
fehlen), aber die Gemination überwiegt 86:
a-yKuppa( Alk 297.2 (pap.; li-yKupat Alk 208.9 cod.), 6rpuvv[ Alk 149.3, J.I.E'Ya-
Mweo inc. auct. 5.1 (-uvveo L-P, -uveo Voigt), ~üvov Alk 129.3, Karatax.vvw-
p.ev Alk 6.13, o}I.Olpllppw Herodian. li 949.2.
Von O.ßupw (O.ßupet Alk 70.3) ist die Etymologie nicht gesichert.

§ 111. Die Realisierung von zugrundeliegendem /aRy/ und /oRy/ als [ayR] resp.
[oyR] ist durch die literarische Oberlieferung des Lesbischen gut gesichert, cf.
u.a.
ßaivw: €tr( €)ßa.we Sa 44.14
eratpa: eratpat Sa 142; eraipatc; Sa 160.1
J,l.atVOJ.I.aL: (J.I. )aWOJ.1.€VOV Alk 10.6
JJ.<iKatpa: JJ.<iKatpav Sa 95.9; JJ.<iKatpa Sa 1.13 etc.
J.I.EAawa: J.I.EAaivac; Sa 1.10 etc.
J.I.Oipa: J.l.(ipa Alk 112.12 etc.
/)voLpoc;: 6votpe Sa 63.1
cpai.vw: I{XJi.voJ.I. 'at Sa 31.16 etc.
x.aipw: x.aipw Sa 22.14 etc.,
aber vereinzelte Belege widersprechen:
JJ.6ppav Sa S 261 A fr. 2 i. 10 (in einem Zitat aus Sappho innerhalb eines
Sapphokommentars, cf. Gronewald 1974). Die Bedeutung dieses Beleges wird
durch die Tatsache unterstrichen, daß JJ.Oipa bisher nur für Alkaios sicher be-
zeugt ist. 87
<l>avv-88 in <l>avva-y6pa IKyme 66.3 (gegenüber gemeingr. <l>awa-yo-yac;),
<l>avvo1JeJ.I..(Öcx; IErythrai 81.15, 20 l.c49, 418.
85 Cavallini (197 5/77: 6lf.) verteidigt die Lesung lltTeppo. gegen Voigt, die wegen )lleTPta.Ko.(
Sa 29a.2 die u.a. in Etym.m. 587,12ff. überlieferte Form lltTeppo. flir pseudoaiolisch hält.
86 a.
Lejeune (1972: 155f.), Rix (1976: 61 ), gegen Arena (1965 ), Ruiperez (1972: 151).
87 In Sa 64.14 kann /-«lt[ in 1-Wiloo. oder 1-WilPo. ergänzt werden, und )1-«lipo.v S 276(2) col.
i. 45 stammt wohl aus einem Kommentar zu Sappho.
88 Gegen Bechtel (1921: 37), Thumb-Scherer (1959 : 95) zu trennen von ~o.tvVT}~.

7 Blümd, Oie aiolischen Dialekte 97

Bayorlsche
Staatsbibliothek
München
00046245

Wie in § 131 gezeigt wird, besteht einige Wahrscheinlichkeit, daß im Kerngebiet


des Thessalischen keine Depalatalisierung eingetreten ist. Die Formen llOPPa und
~a.vv- im Lesbischen können dann als Relikte aus der Zeit vor Eintritt der De-
palatalisierung aufgefaßt werden.

6.1.3 Palatalisierte Geminaten im Thessalischen


§ 112. Im Thessalischen werden palatalisierte Sonanten nach /i/, /e/, /u/ wie im
Lesbischen graphisch durch Geminaten repräsentiert.
Folgen von Sonant und zugrundeliegendem /y/:
/krin+yo: /: Kpiww > Kpeww (§ 48), Kpevv€JJev IG 9.2:5 17.14 {Larisa)
/perya:+/: rreppareL IG 9,2:512.15 (Larisa), erreppa~ete[v] SEG 27:226.6
{vgl. auch rreppa, aiol. nach Choirob. An. Ox. 2.252)
Folgen von Sonant und sekundärem /y/ (§ 64):
€rrayy€XXta\ McD 310.32 (K.rannon)
rreppotKoo[ Oll€4JE ]vov McD 347.26/27 (Larisa), rreppeaKarrerEVIlE[ v ]ov ibid.
Z. 18, ßeppavSpov BCH 1970: 161ff. Z. 16 (Matropolis), lleppa, IG 9,2:
234.151 {Pharsalos)
StKaareippeL\ Helly i.V. Z. 12 (Thamiai)
rrpo~€vvtw IG 9,2:258.9 {Kierion), McD 225.2 {Pherai)
€Wta1JTO(v) Helly i.V. Z. 9 {Tharniai)
KÜppov IG 9,2:517.20 ,4689
(ap]'yvppo' DGE 617,1 Z. 2 (Mondaia)90

§ 113. Im Gegensatz zum Lesbischen (und Boiotischen) stehen aber im Thessa-


lischen auch nach /a/, /o/ flir palatalisierte Sonanten nicht Diphthonge und ein-
fache Sonanten, sondern gleichfalls Geminaten.91 Die Belege reichen hinauf bis
in das 6. Jhdt., als noch das archaische Alphabet verwendet wurde.
Folgen von Sonant und zugrundeliegendem /y/:
Xaf[a]rappa 92 McD 347 .10/ 11 (Larisa) enthält die feminine Form des Suffixes
des nomen agentis, gebildet aus der - im Femininum zu erwartenden -
Schwundstufe (·tx·) und dem Motionssufflx -ya: /+t'[la/ -+ / +tarya/ -+
/+taifa/.

89ln IG 9,2 :514.5 gibt Kern in der Majuskel-Abschrift KTPION an und korrigiert in Kiip{p)o
In McD 337 stehen sich #CVpwv Z. 29 und KVPf!'! Z. 45 gegenüber. SEG 27:202.22 schließ-
lich bietet #CVpwv, IG 9,2 :512.5 (K)upwv. Alle Belege stammen aus Larisa und sind in das
ausgehende 3. und das 2. Jahrhundert zu datieren.
90 Die Inschrift wurde iu Dodona gefunden, stammt aber wohl aus Mondaia: e1ftKO(var a.t
Mov(6Ja.ta.räv ro KOwdv ... . Mondaia war im 3. Jahrhundert vermutlich noch eine perrhai-
bische Stadt (Helly l979b: 179ff.).
91 Vgl. jetzt auch Heubeck (1978b).
92 Xai·( o Jrappa Salviat-Vatln (1971 : 26,33), Xa'Y( el )rappa Helly (1970a).

98
00046245

oovppavra McD 310.22 (Krannon) läßt sich als Part.Präs. eines denaminati-
ven Verbums /do:r+ya:+/ -+ / do:ffa:+/ erklären. 93
Koppo~ (Koppov SEG 27: 183.3, Atrax 6./ 5. Jhdt., cf. Kopp4Jd.XOt IG 9,2:
513.13 Larisa, Gen. MeveK6ppov McD 174.1 Pharsalos 4. Jhdt., NtK6ppa~
IG 9,2:517.62 Larisa)94 gegenüber boiot. Kotpa- in Koipavo~ IG 7:639,
Kotpard.OaolG 7:537.a2 (aber Koppwaoa[<;) IG 7:1793. 1) ist aus /koryos/
abzuleiten. 95
Xoppwvve~ IG 9,2:234.69 (Pharsalos) setzt, wie Heuheck (1978b : 97) ge-
zeigt hat, einen Personennamen *Xoppiovv, dieser ein Appellativum *xop-
po~ aus /khoryos/ voraus.
'Apxawou McD 347.38 (Larisa) interpretiert Helly (l970a: 279) als Dat.Sg. eines Femini-
nums auf (Nom.) -ww ([-r]oü t.ti -roii CS>ovlou Ka.l -rä 'Apxa.vvou "pour Zeus Phonios et pour
Archann6"); ein Nomen auf -vwv > -vvov (Dat. -vvou) sei aber in gleicher Weise möglich.
Salviat- Vatin (1971: 9- 34) lesen (. )ou t.cl -roii CS>ovlou Kci-r -rci 'Apxcivvou und übersetzen:
"a Zeus Phonios, le long du doTTUZine d 'Archannos"; der Gen.Sg. eines o.Stamrnes kann aber
in Larisa nicht den Ausgang -ou haben. Für den Deutungsversuch, dem Helly den Vorzug
gibt, ließe sich möglicherweise auch thess. a ö.vvw (A.kk. avvwv IG 9,2:877.2 Larisa) heran-
ziehen.
SEG 27 :183.4, Atrax 6./5. Jhdt.) ist wohl eher zu dem (ausschließlich)
favve lac; (favvelav
in Thessalien und Boiotien vorkommenden Namenselement fapvo- (boiot. (f)apvelac; IG
7: 4199, fapvwv IG 7:3171.14) zu stellen als zu Alvelac; , Alvlac;.
Folgen von Sonant und sekundärem /y/ (§ 64):
IIavacivvw.w~ IG 9,2: 580.12 (Larisa), IIavaavvtcio[t] IG 9,2:414.a7 (Pherai)
Kpavovvvo~ (zu Kpavvovv): Kpavovvvovv 96 IG 9,2:458 .2/3, [Kp ]avvovvwt

ibid. Z. 7, Kpavvovvwvv IG 9,2:460.11 , Kpavovvvwt~ IG 9,2:46l.a7,
__ Kpavvovvwt lG 9,2: 517.48, Kpavovvwvv McD 311.2
_..:._

93 Durch die Gleichsetzung von 6wpaw mit 6wpew (Buck 1968: 125f.) wird -pp-nicht
erklärt; die Form eines Aorists /do:r+s+/, die ebenfalls vorgeschlagen wurde (Fränkel
195 6: 91f.), paßt nicht in den Kontext. Falls 6ouppav -ra zu lesen und 6ooppav sei es
als Infinitiv zu interpretieren ist (was höchst zweifelhaft erscheint, weil als Form des
Infinitivs 6ovppa}lev zu erwarten wäre), sei es als Nomen 6wpeav .,Geschenk", bleibt
die Möglichkeit einer Herleitung von -pp- aus fryf u.nberührt . Zur Erklärung von 6ovp-
paJ.Ct vgl. im übrigen Lejeune (1941 : 74f.).
94 Den von Solmsen (1909: 76 Al ) unter Vorbehalten zitierten Beleg Koipoc; aus Larisa
habe ich nicht verifizieren können.
95 Heuheck (1978b) zieht wegen NtKoppac;, Kolpavoc; , Ko1"0a-ra6ac; und außerhalb des
Boiotischen und Thessalischen belegter Namen mit dem Element Koppa· einen Ansatz
•kor!a als Form des Appellativums für ,Heer' im Urgriechischen vor; zu dem Gen.
Mevei<Oppou gehöre ein Nom. MeveKoppac;, und das Auftreten von ·i· statt ·a- als Korn·
positionsvokal in Koppl,Jaxoc; lasse sich durch Parallelen wie MOfPw~eJII'lc; stützen. Dem
steht aber der Beleg Koppov entgegen, den Heubeck nicht herangezogen hat; unter der
Annahme ein.es o-stämmigen Koppoc; bereiten der Kompositionsvokal in K.opp{JJ.axoc;
und der Genitivausgang in Mevei<Oppou weniger Probleme (der Gen. eines mask. 4-Stam-
mes müßte im Thessalischen den Ausgang -a, allenfalls -ao aufweisen, § 248). MeveKJJppoc;
in auch auf einer Inschrift vom 4. oder Anf. des 3. Jhdt.s aus Atrax (AD 1973/74
Xpov. 584) belegt.
96 KPANOTNNOIN Iapis.

99
00046245

1T6AAW\ McD 310.14/15 (Krannon), IG 9,2:258.13 (Kierion), flo;\.;\.uiOt McD


326.12 (Argura, 6. Jhdt.), ro;\.;\.tapxevrovv McD 311.15/16 (Krannon)
Derd;\.AtaW\ SEG 25:664.B25 (Pherai), Dera;\.;\.taia McD 234.1 (Pherai)
1rpovppa Ntr. Pl. Helly i.V. Z. 3 (Thamiai)
Die Belege flir geminierte Sonanten nach /a/, /o/ aus einer Folge von einem
Sonanten und zugrundeliegendem oder sekundärem /y/ konzentrieren sich im
wesentlichen auf die Pelasgiotis; vereinzelte Fälle liegen aus Pharsalos, Kierion
und der Histiaiotis vor. In Phalanna scheint vor t keine Gemination eingetreten
zu sein, vgl.
Davoaviaw\ IG 9,2:1233.7, 1228.7 gegenüber Davoavvtata\ in der Pelasgiotis,
Do;\.uiOt, rro;\.iapxot IG 9,2:1233 gegenüber Do;\.;\.td&, ro;\.;\.tapxevrovv in der
Pelasgiotis.
Dieser Befund läßt zwar klassische Fälle wie die Entsprechung von xaipw, cpaivw,
J.Wipa etc. im Thessalischen vermissen, aber da auch gesicherte Gegenbeispiele 97
fehlen, läßt sich die Vermutung nicht ausschließen, daß im Thessalischen (zumin·
dest) der Pelasgiotis keine Depalatalisierung von durch zugrundeliegendes /y/
palatalisierten und geminierten Sonanten eingetreten ist. Die Erhaltung von
palatalisierten geminierten Sonanten ist zwar unter den - in Alphabetschrift be-
zeugten - griechischen Dialekten singulär, könnte aber durch das Aufkommen
neuer (durch sekundäres /y/ palatalisierter) geminierter Sonanten begünstigt wor-
den sein. Diese Annahme würde erklären:
(1) warum im Thessalischen keine kompensatorischen Veränderungen auf Grund
einer möglichen Depalatalisierung (Diphthongierung oder Vokaldehnung)
nachweisbar sind;
(2) warum im Thessalischen nach durch - vornehmlich sekundäre - Palatalisie-
rung geminierten Sonanten häufig L geschrieben wird.
Die alternative Annahme, daß das Thessalische eine Depalatalisierungsregel wie das Lesbische
und Boiotische, aber ohne Kontextbedingung, gehabt habe, ist weniger wahrscheinlich: in
keinem anderen griechischen Dialekt werden nach Brixhe (1978) palatalisierte Sonanten
ohne kompensatorische Veränderungen depalatalisiert.
Wenn man die Erhaltung von palatalisierten Sonanten flir das Thessalische aner-
kennt, kann die Depalatalisierung im Lesbischen erst nach der Trennung vom
Thessalischen eingetreten sein. Die in § 111 diskutierten lesbischen Formen
IJ/Jppa und ct>avv- ließen sich dann als Relikte aus der gemeinsamen Periode vor
dieser Trennung interpretieren.
97 KOwO~ ist im Thessalischen gut vertreten (in Larisa z.B. McD 337.36, in Krannon z.B.
McD 310.14, in Phalanna z.B. IG 9,2 :1226.6, in der Histiaiotis Helly i.V. Z. 9,12), aber
die Herleitung aus *komyos ist nicht unbestritten (Lejeune 1972: 156, Frisk GEW lll
s.v.).

100
00046245

6.2 Sonant plus /s/

6.2.1 Zugrundeliegende Folgen im Wortinnem

§ 114. Ln zugrundeliegenden Folgen von einem Sonanten und /s/ zwischen Vo-
kalen wird, wenn eine der folgenden Silben den Wortakzent trägt und wenn kei·
ne Morphemgrenze zwischen dem Sonanten und /s/ liegt, /s/ sonorisiert und so
assimiliert, daß im Lesbischen und Thessalischen der Sonant geminiert wird und
im Boiotischen der vorangehende Vokal gedehnt wird . Die Morphemgrenzen· und
die Akzentsitzbedingung sind für Formen des s-Aorists aufgehoben (für das s-Fu·
tur liegen keine Belege vor).
Diese Beschreibung repräsentiert in ihren Grundzügen den jüngsten Forschungsstand (soweit
er das Aiolische betrifft), wie ihn Miller (1976) - für Liquide plus / s/ - dargestellt hat. Nach
einer kritischen Diskussion der Forschungsgeschichte kommt Miller zu dem Ergebnis, daß die
bereits 1888 von Wackernagel und Solmsen erkannten Lösungen im wesentlichen richtig
waren.

s-Sonorisation (§ 140)
/s/ ~ /z/ zwischen einem Sonanten und einem Vokal
In der generativen Phonologie stehen bislang keine Notationskonventionen für Morphemgren-
zen· und Akzentsitzbedingungen und für morphologisch bedingte Ausnahmen von diesen Be-
dingungen zur Verfügung.

z-Abschwächung (§ 141)
/z/ ~ /h/
h-Assimilation (§ 90)
/VRh/ -+ lesb. thess. /VRR/, boiot. / V:R/
Die Assimilationsregel ist im Lesbischen vor der Akzentverschiebungsregel (§ 158)
anzuwenden.

§ 115. Anwendungsbeispiele:

(1) zugrundeliegende Repr. /stel+s+a+/ (Aorist)


s-Sonorisation /stelza+/
z-Abschwächung /stelha+/
lesb. /stella+/
h-Assimilation thess. /stella+/
boiot. /ste :la+/
lesb. GT€AAa· ä:rr€ar€>..>..w IErythrai 122.22
Oberflächenform thess. GT€AAa· tta1r€ar€'A'A€ McD 1179.49
boiot. GT€t'Aa- [a.]7r€0"T€{AC11J€V IG 7: 1737.16
101
00046245

vgl. ferner /angel+s+a+/ (Ao rist) -+ lesb. thess. /angella+/ , boiot. / ange:Ba+/
lesb. dyyeAAa- €travyeAAa[~.u:vo~) IG 12,2:528.16
Oberflächenform thess. ayyeAAa- €tra"("(€AA<l1J€VO~ McD 310.26
boiot. ayyetAa- €trav[ "f]€tAa[IJ ]€vw~ SEG 3:358.4/ 5

{2) zugrundeliegende Repr. /orsan6s/ 98


s-Sonorisation /orzan6s/
z-Abschwächung /orhan6s/
lesb. /o rran6s/
h-Assimilation thess. /orran6s/
boiot. / o :ran6s/
Akzentregel lesb. /6rranos/
lesb. öppavo~ 99
Oberflächenfo rm thess. öppavo~
boiot. wpavo~ wpw[6)v Korinna PMG 654a üi40
vgl. ferner /aer+s+a+/ (Aorist) -+ lesb. /aerra+/
Oberflächenfo nn lesb. aeppa- aeppare Sa 111.3 100

(3) zugrundeliegende Repr. /me :ns+6s/ (Gen.Sg.)


s-Sonorisation /me :nz6s/

98 Vgl. ferner lesb. et{XJa Sa 96.12, Sa 73.a9. Eine Grundform /worsanos/ (Frisk GEW s.v.
oopa.&JO~ : •(f)op aa&JO~) läßt sich aus dem aiolischen Material nicht erschließen.
99 Überliefert sind oppa.vo~e11
• •
auf dem Ostrakon •
(Sa 2.la) nach <ier Lesung von Norsa,
wpci11w Sa 1.11 , Alk 355 , Sa (oder Alk) S 286 coL ii. 6 und öpd.11w Sa 52, Sa 54,
Alk 338.1. Oie Varianten wpcillw und öpci11w sind an ihren jeweiligen Belegstellen me-
trisch gesichert. Boiot. wJ)(lJid.;, att. otipa&.oci.;: lesb. 1Jppa110~ passen ohne Schwierigkeit
in die ausreichend gesicherte Opposition nicht-aiol. ,langer Vokal +einfacher Sonant':
aiol. ,kurzer Vokal+ geminierter Sonant', so daß gegen die Lesung oppa110~11, die von
den meisten Editoren nur im kritischen Apparat gewürdigt wird, aus linguistischer Sicht
kein Einwand besteht . Oie Form öpavo~ läßt sich durch weitere Belege für - metrisch
bedingte - Geminatenvereinfachung rechtfertigen: nepd,.ioco Sa 44.16 neben neppas.tw<t>
Alk 42.2, 6 wxeli.ID1~ Alk 69.2 neben inschr. xeli.X- (xeli.Moru<; IG 12,2: 498.9). Um-
stritten ist allerdings die Erklärung von wpa.vo.; : die Hypothese Wackernagels (1916:
136), daß wp· nur irrtümliche Schreibung für opp· sei, um die Länge de.r ersten Silbe
zu bezeichnen, hat weithin Anerkennung gefunden, enthält aber, worauf Hooker (1977 :
84ff.) mit Recht aufmerksam gemacht hat, eine ent scheidende Schwierigkeit : gemi·
nierte Sonanten sind in der antiken Tradition immer als so typisch aiolisch angesehen
worden, daß sie gelegentlich sogar eingeführt wurden, wo sie nicht gerechtfertigt waren;
der umgekehrte Fall jedoch, daß sie durch einen langen Vokal und einfachen Sonanten
ersetzt wurden, ist bisla.ng nicht bekannt. Eine überzeugende Erklärung für wpa.vo<:
steht also noch aus; ob nämlich der Vorschlag Hookers, wpavo~ könne eine aus dem
Solotischen entlehnte Form sein, das Richtige trifft, mag dahingestellt bleiben.
100 O.elpne (ex -are), b.e/ptrra,, O.e{pan, Mpare codd., Lobet-Page und Voigt lesen aeppere.
O.eppa1e wohl versehentlich bei Rix (1976: 79).

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z-Abschwächung /me :nh6s/


lesb. /me :nn6s/
h- Assimilation thess. [me :nn6s]
boiot. [me:n6s]
Akzentregel lesb. [m~:nnos]
-
lesb. SJ11WO<; IG 12,2:6.39 101
Oberflächenform thess. SJ€(])vo c: IG 9,2:258.5
boiot. SJ€WOC: IG 7:524.1
vgl. ferner / men+s+a+/ (Aorist) -+ lesb. thess. /menna+/, boiot. /me:na+/
lesb. f.l€Wa- (kein Beleg)
Oberflächenform thess. SJ€VVa- IG 9,2: 517.15
OVVSJ€1)1J(i.JJTOUV
boiot. SJ€Wa- 1Tap}.Lewd:rw E. 78:04.13
Schwierig zu beurteilen ist boiot. evvexvpov (FS Navarre 1935: 353 Z. 7, BCH 1936:
181ff. z. 16 Thespiai), ein Kompositum aus ev und t)(IJPO~ zu exw aus /~kh+/; mangels
weiterer einschlägiger Evidenz im Boiotischen wird man sich schwerlich dazu entschlie-
ßen können , darin ein Zeugnis fli.r die aiollsche Entwicklung von Konsonantenfolgen von
einem Sonanten und /s/ zu geminierten Sonanten zu sehen. Eher wird m~tn eine Gemi-
nation in der Kompositionsfuge wie etwa in oovll€wwvt>vdVTwv IG 7:3386. 16/ 18 (auf
Grund der Tendenz zur Bildung geschlossener Silben, § 33) in Betracht ziehen müssen.

(4) Ein Beispiel flir die Realisierung der zugrundeliegenden Folge /ms/ ist nur
bei einem Grammatiker belegt: €v€SJS.taro lo. Gramm. II. 10.

§ 116. Entgegen der s-Sonorisationsregel sind im Bereich der aiolischen Dialekte


Belege zu verzeichnen, in denen die Folge Sonant plus s erhalten geblieben ist.
Es handelt sich dabei um Reliktformen, deren historisch rekonstruierbare Vor-
formen nicht die Akzent- und Morphemgrenzenbedingungen der s-Sonorisations-
regel erfiillten und damit die Anwendung der Regel blockierten, und um Eigen-
namen, die teils von solchen Appellativen gebildet sind, teils Trägem nicht-aioll-
scher Herkunft angehören .
lesb. xepot (Dat.Pl.) Sa 96.29
li"Aooc: (li"Aooc: Sa 2.2)
Upoa (Upoa<; Sa 73.a9)
€p017v (€poev IG 12,2:73.6)
Mpooc: (!Jtpaoc; Alk 206.2, Bepo- in PN: 8epot1T1TOC: IG 12,2:645)
tJvpooc: (tJupoOL IG 12,2:499.14)
K6poa (Kopoat Alk 338.7)
Mupot"Xoc: (Mvpot"Xoc: Alk 332.2)
xepooc; (xepaw Sa 20.1 0)
- - -
101 Weitere Belege: lG 12,2:500.1, IG 12,2:527.27 (daneben ~o~fjJ)()~ Z. 44), IPergamon S.l S,
IKyme 5.18 (cf. auch Dat.Sg. ~o~flvv(tl i G 12,2 5 :114.22, Dat . Pl~o~nvvt>o(o>t IG 12,2 : 1.12/
13). Formen mit einfachem ·v- (z.B. ~o~iiJ)()~ IG 12,2 :502.1 ,12) gehen auf den Einfluß der
Koine zurück.

103
00046245

thess. 'Apail>w. McD 347.5


8epa- in PN: 8epa€ac; IG 9,2:5 17.60, 8€pavoc; McD 347.24, 8 €paotJv
IG 9,2:517.55, SEG 25:664.A27, [8]epaouvi8ao SEG 2:264.3,
8epaoMxewc; IG 9,2:7 12.2
MapaOO.c; IG 9,2:460.12
'Opaia.c; IG 9,2:244.1
lf.>epaei/)Ova (lf.>epaei/)Ovac; IG 9,2: 1229.33/34, GHW 1342)
boiot. E>epa- in PN: [E>e]paixa IG 7:229 1, 9epaav8pixw IG 7:3207.7
'Opa- in PN: 'Opa€'A.aoc; 1cn IG 7:2062, IG 7:2063, 'Opai'A.oxoc; BCH 1905
102 Nr. 1, 'Opae'A.aia. BCH 1926: 414 Nr. 27.2
Xepa- in PN: X€pawv IG 7: 3149, Xep awap.O<; IG 7:1957
E>upaoc; IG 7: 1099
Mupawvoc; IG 7:2435.12

6.2.2 Zugrundeliegendes fnsf am Wortende und abgeleitetes fnsf


§ 117. Zugrundeliegendes /ns/ arn Wortende in
(I) dem Ausgang des Akk.Pl. der vokalischen Stämme / nomo+ns/, / tukha :+ns/,
(2) dem Nom.Sg. der Wörter für " Monat" /me:ns+s/, "schwarz" /melan+s/ und
"eins" /en+s/,
(3) der - nur im Lesbischen in dieser Form vertretenen - Präposit ion /ens/
und die durch
(4) die Tilgung von / t/ in Konsonantengruppen (§ 153) in dem Nom.Sg.Mask.
von nt-Stämmen (z.B. /pants/ -+- /pans/ , /arksants/ -+- /arksans/),
(5) die Ableitung von /nsa/ aus /ntya/ (s.u.) in den femininen nt-Stämmen
(/pantya/ -+- / pansa/),
(6) die Assibilation (§ 136) in der primären Endung der 3. Pl.Akt. im Lesbischen
entstehenden sekundären Folgen von /ns/ werden in den aiolischen Dialekten -
abweichend von der Entwicklung von zugrundeliegendem /ns/ im Wortionern -
folgendermaßen fortgesetzt:
im Thessalischen durch Erhaltung von / ns/ ;
im Lesbischen durch Diphthongierung des vorangehenden Vokals
(/Vns/ -+- / Vys/);
im Boiotischen durch Tilgung von /n/ und Dehnung des vorangehenden Vokals
(/Vns/ -+- /V:s/).
Der Bewahrung von / ns/ im Thessalischen steht also im Lesbischen und Boioti-
schen die Beseitigung von /ns/ gegenüber, allerdings mit einem markanten Unter-
102 In dem boiot. Namen 'Opae>..ao~: ist das erst e Ko mpositionselement Aoriststamm (op-a-)
zu ÖPIIUil' (Schwyzer 1959: 442) und wurde, als erstarrtes Relikt mit verlorengegange-
ner Beziehung zum Verbalsystem, von der s-Sonorisatio nsregel nicht erfaßt (vgl. auch
Miller 1976: 167 ).

104
00046245

schied in den kompensatorischen Veränderungen: Ersatzdehnung wie im Boioti-


schen ist unter den griechischen Dialekten eine geläufige Erscheinung, während
eine Diphthongierung wie im Lesbischen nur noch in dem dorischen Dialekt von
Kyrene, in der Chorlyrik und als literarische Entlehnung aus dem Lesbischen in
der gelehrten Dichtung der alexandrinischen Epoche (Kallirnachos, Theokritos)Hl3
begegnet.

§ 118. Die herkömmliche Erklärung geht davon aus, daß sowohl die Diphthongie-
rung im Lesbischen wie auch die Ersatzdehnung im Boiotischen verschiedene Aus-
prägungen der Spirantisierung von /n/ (Lejeune 1972: 129, ähnlich Meillet 1899)
oder der Nasalierung des vorangehenden Vokals (Schwyzer 1959: 287f.) seien.
Diese Erklärungen, vor allem die sogenannte " Vokalisierung von v zu , .. (Schwy-
zer), und die Parallelen aus anderen Sprachen, die für den als ungewöhnlich er-
achteten lesbischen Wandel [n > y] herangezogen werden, sind jedoch höchst
unbefriedigend .

Unter einem ganz anderen Gesichtspunkt hat Safarewicz (1939) - und in ähn-
licher Weise auch Ruiperez (1968) - das Problem der Entwicklung von lesb. /ns/
diskutiert: Es sind zwei verschiedene Fälle zu unterscheiden, /ns/ im Wortinnem
und /ns/ arn Wortende . Mit dieser Unterscheidung geht Hand in Hand die Her-
kunft von /s/: im Wortionern resultiert /s/ aus der Assibilation von / t/ vor /y/
und / i/ und ist folglich höchstwahrscheinlich palatal (/§/), am Wortende (z.B. in
der Endung des Akk.Pl. uhd im Nom.Sg. maskuliner Partizipien) ist es ursprüng-
lich. Der dem .palatalen /§/ vorangehende Nasal wurde gleichfalls palatalisiert; da-
durch entstand eine Opposition /-M/ : / ns/, die im Lesbischen durch Generalisie-
rung der palatalen Dublette (und in allen anderen Dialekten durch Generalisie-
rung der nicht-palatalen Dublette) beseitigt wurde. Schließlich verlor /n/ seine
konsonantische Qualität und wurde zum Gleitlaut / y/, der mit dem vorangehen.
den Vokal einen Diphthong bildete (/pa-Ma/ -+ / paysa/ wie /phafrito:/ -+
/phayno :/).

§ 119. Auf der Grundlage dieses Erklärungsversuchs läßt sich die Entwicklung
von abgeleitetem und wortschließendem /ns/ in den aiolischen Dialekten folgen-
dermaßen beschreiben:
(1) Im Boiotischen wird /n/ durch den Verlust der Okklusion vor /s/ und /§/ +-
fty/ zum Gleitlaut /h/ (cf. (4}}, der an den vorangehenden Vokal assimiliert
(§ 90); /§/ wird depalatalisiert (§ 126).
(2) Im Thessalischen und Lesbischen wird /n/ vor /§/ +- /ty/ palatalisiert.

103 Cf. Braun (1932), Lejeune (1933a), Pavese (1967), speziell zur Verteilung und Ober-
lieferung dieser Aiolismen bei Pindar: Verdier (1972).

105
00046245

PR (29) Palatalitätsassimilation im Lesb. und Thess.

+h h] +kons
[+kons] -+
[ _.;ct. I _ +hoch
n 4Unt

(3) Die Opposition zwischen /ns/ im Wortinnern und / ns/ am Wortende wird neu-
tralisiert, indem /ns/ palatalisiert wird.
(4) In der Fortsetzung von /ns/ divergieren Thessalisch und Lesbisch:
Im Thessalischen bleibt /ns/ - wie durch lyl palatalisierte Konsonanten - erhal-
ten ; die Palatalität dieser Folge wird graphisch nicht bezeichnet.
Auf die Erhaltung der Palatalität von /fts/ weist möglicherweise die Schreibung oo statt vo
in dem Part.Aor.Fem. hrtveßeuoaooa GHW 4742 (Atrax). Eine Assimilation (ns > ss) wäre
im Griechischen ohne Parallele, während eine Int erpretation von oo als (s(s)) als Resul-
tat einer Assimilation oder Tilgung von (nj in der palatalen Folge (ns) plausibler erscheint.
In /ns/ vor der Wortgrenze wird lfl/ getilgt (§ 157).
Im Lesbischen wird / fl/ durch den Verlust der Okklusion vor /s/ zum Gleitlaut
/yI und /SI wird depalatalisiert. Abweichend von der Depalatalisierung palatali-
sierter geminierter Sonanten (§ 108) wird aber hier der Gleitlaut nicht gegen
den vorangehenden Vokal dissimiliert, sondern bildet, auch mit le/, einen Di-
phthong (Jens/ -+ /eys/ gegenüber /enfl/ -+ /enn/).
PR (30) n-Abschwächung
+kons +kons

+son ~on
-kons
ahoch ahoch
4Unt
ahoch I - +kor
-nas
+nas +ant
+kor +dau
/ft/ ... ly/ vor ls/ im Lesbischen
/n/ ... /h/ vor ls/ im Boiotischen

§ 120. Anwendungsbeispie/e:

( 1) Fern. der nt-Stämme


Fern. zu /pant+l:
zugrundeliegende Repräsentation /pant+ya/
Palatalisierung /paniia/
Transformation § 126 /panl~/
Tilgung § 153 /pansa/
106
00046245

lesb. /paM.a/
Assimilation
thess. [paMa)
lesb. /pay§a/
n-Abschwächung
boiot. /pahSa./
h-Assimilation boiot. /pa:Sa./
lesb. [paysa)
Depalatalisierung
boiot. [pa:sa)
lesb. 1Tatua muuav IG 12,2:498.6
Oberflächenform thess. mivua mivua~ McD 337.37
boiot. 1räua 11'äuav IG 7:4136.5
Part.Präs.Fem. /arkhont+ya/ -+ lesb. /arkhoysa/ iipxOt.ua, thess. /arkhonSa./
iipxovoa, boiot. /arkho:sa/ iipxwua § 233
Part.Aor .Fern. /arksant+ya/ -+ lesb. /arksaysa/ /ip~a.t.oa, thess. /arksaßSa./
/ip~avoa, boiot. /arksa:sa/ /ip~aua
Nom.Sg. "Muse" /mont+ya/ -+ lesb. /moysa/ Moioa (Sa 127), thess. /moߧa/
Movua (kein Beleg), boiot. /mo:sa/ Mwoa (Mwoawv BCH 1936:
181ff. z. 14)

(2) Nom.Sg.Mask. der nt-Stämme


Mask. zu /pant+/:
zugrundeliegende Repräsentation /pant+s/
Tilgung § 153 /pans/
lesb. /paM/
Neutralisierung
thess. /pan§/
lesb. /pay§/
n-Abschwächung
boiot. /pahs/
Tilgung § 157 thess. /pa§/
lesb. [pays]
Depalatalisierung
thess. [pas)
h-Assimilation boiot. [pa:s)
lesb. rrai~ (Sa 2.6)
Oberflächenform thess. 1rd~ (kein Beleg)
boiot. rrä~ (kein Beleg)
Part.Aor.Mask. /arksant+s/ -+ lesb. /arksays/ /ip~cu~. thess. /arksas/ /ip~a~ .
boiot. /arksa:s/ /ip~a~

(3) Akk.PI. der vokalischen Stämme


zugrundeliegende Repräsentation /nomo+ns/
107
00046245

lesb. /nomon~/
Neu tralisierung
thess. /nomon~/

lesb. /nomoy~/
n-Abschwächung
boiot. /nomohs/
Tilgung thess. /nomo~/

lesb. [nomoys]
Depalatalisierung
thess. [nomos]
h·Assimilation boiot. [nomo:s]
lesb . VOJ.lOL'
Oberflächenform thess. VOJ.laf; § 250
boiot. vOJ.lW'

(4) Endung der 3. Pl.Akt.


zugrundeliegende Repräsentation /arkho+nti/
Assibilation lesb. /arkhonfi/
Transformation lesb. /arkhonsi/
Assimilation lesb. /arkho!Hi/
n-Abschwächung lesb. /arkhoy~i/
Depala talisierung lesb. [arkhoysi]
Oberflächenform lesb. ti.pxowt
Zur Frage einer möglichen Assibilation im Thessalischen und Boiotischen vgl § 17 3.

§ 121. Einige Punkte dieses Lösungsversuchs bedürfen der Diskussion.


In einer umfangreichen Untersuchung postuliert Garcia-Ram6n {1978b) flir das
Thessalo-Lesbische ein eigenständiges Phonem /fl./. Mit einiger Wahrscheinlichkeit
ist seine Analyse in diesem Punkt zutreffend (zur weiteren Diskussion vgl. § 235);
die Regel für die Palatalitätsassimilation wäre somit entbehrlich.
In der Papyrusüberlieferung literarischer Texte des Lesbischen wird 1rawa aus
/pantya/ einmal mit Zirkumflex (11aiaa Alk 357 .2), aber zweimal mit Akut (1T<4aa
Sa 60.2, 1rdw · Alk 303A c 13) notiert. Falls die Akzentuierungspraxis in den Papy1
Vertrauen verdient, wird man sich fragen müssen , ob · at· in 1rawa wirklich einen
Diphthong [ay) bezeichnet oder ob nicht eher ·LU· Schreibung für palatalisiertes
s ([~]) ist. {West 1970: 196, der auf diesen Befund aufmerksam gemacht hat, ver-
mutet, daß " the w in what was written 1rawa retained the consonantal character
of the VT! that generated it".) Diese Frage stellt sich natürlich nicht nur für at in
1Tataa, sondern fur sämtliche "unechten" i-Diphthonge (aus /ns/ am Wortende,
durch i-Epenthese § 85 und in at statt ä § 86) im Lesbischen. Möglicherweise
wird eine eingehende Untersuchung der Papyrustexte zu einer Aufhellung dieses
Problems führen ; aber während man bisher davon ausgegangen war, daß die
Schreibung t vor der Fortsetzung palatalisierter Konsonanten im Lesbischen eine
108
00046245

Diphthongieru ng als Resultat der Depalatalisierung bezeichne, scheint es nunmehr


nicht ausgeschlossen , daß im Gegenteil durch die Schreibung t die (Erhaltung der)
Palatalität markiert werden soll. Unter der noch weitergehenden Hypothese, daß
[s] arn Wortende gleichfalls palatal war, würde dann auch die Annahme einer
Neutralisierung der Opposition /nM : /ns/ überflüssig.

6.3 /s/ plus Sonant


§ 122. In Formen des Verbalstammes /es+/ "sein" liegt in der zugrundeliegenden
Repräsentation eine Folge von /s/ und Sonant vor:
lesb. [emrni] EWJ.t DGE 638
Präs. l.Sg. /es+rni/ -+ thess. [emmi] €WJ.i IG 9,2:663
boiot. [e:mi] fiJ.i IG 7:593, 595, 599, DGE 440,2-4
etc. 104
lesb. [emmenay] EWJ.€Vat IG 12,2: 1.11
Präs. lnf. /es+men(ay}/ -+ thess. [emmen] EWJ.€V McD 310.15
boiot. [e:men] eip.ev IG 7:504.2
Diese Formen sind die einzigen, in denen sich durch synchrone Analyse die inter-
dialektale Alternanz [VRR] :[V:R) in der Oberflächenstruktur auf die zugrunde-
liegende Folge von /s/ und Sonant zurückfuhren läßt:
zugrundeliegende Repräsentation /es+mi/
s-Sonorisation § 140 /ezrni/
z-Abschwächung § 141 /ehmi/
lesb. [emmi]
h-Assimilation § 90 thess. [emmi]
boiot. [e:rni]
In einer Reihe von weiteren Belegen ist die Alternanz lesb. thess. [VRR] : boiot.
[V: R] nur durch komparative Rekonstruktion (indogermanische Etymologie) oder
innere Rekonstruktion (Segmentierung von nicht mehr produktiven Derivations-
typen) auf eine zugrundeliegende Folge von /s/ und Sonant zurückführbar (§ 123}.
Der Anwendungsbereich der Regelfolge, durch die zugrundeliegendes /s/ plus So-
nant assimiliert wird, ist somit in dem Zeitraum der aiolischen Dialekte, der durch
Oberlieferung belegt wird , auf Repräsentationen beschränkt, die durch morpho-
logische Regeln erzeugt werden ; alle anderen Formen, auf die sich ihr Anwendungs-
bereich in einem früheren Zeitraum erstreckte, sind lexikalisiert.

104 Die Form e4Jl auf Inschriften aus Bo iotien (IG 7:3969 arch. Alphabet; IG P :402- 403
- cf. Jeffery 1961 : 91 , 94 Nr. 3c - , ein auf der Athener Akropolis gefundener boiot.
Lebes vom Ende des 7. Jhdt.s) mit et = (eyJ ist ungeklärt.

109
00046245

6.4 Lexikalisierte Resultate aus Assimilationsprozeaen

§ 123. Die Resultate aus den Assimilationsprozessen Sonant plus s und s plus
Sonant im Wortionern werden durch den Kontrast ,Kurzvokal plus geminierter
Sonant' im Lesbischen und Thessalischen und ,Langvokal plus Sonant' im Boioti·
sehen gekennzeichnet. Für eine Reihe von lexikalischen Einheiten läßt sich ein
ebensolcher Kontrast konstatieren, ohne daß es möglich wäre, synchron eine ge-
meinsame zugrundeliegende Repräsentation anzusetzen. Nur durch historisch·
vergleichende Analyse lassen sich einige dieser lexikalischen Einheiten auf eine ur-
sprüngliche Folge ,/s/ plus Sonant' zurückführen (Beispiele 1- 5); für die übrigen
hat man verschiedene Folgen von einem Sonanten und einem weiteren Element
/ln/, /ls/. /sn/) zu rekonstruieren versucht, ist aber noch zu keinem abschließen·
den, allgemein anerkannten Ergebnis gelangt.
(1) *ghesl- ,.tausend"
lesb. xeXX- in xeXMar~ IG 12,2:498.9, cf. xtXXwt Herodian. II 604.31 ,
605.8 105
thess. xeXXwt (xeXXia~ IG 9,2: 1229.29) 105
boiot. xeO...wt (xeiXL17 IG 7 :3172.74)
(2) •asmes ,.wir"
lesb. liJJJJe~ Sa 24 .a3

boiot. äJ,J.e~ (aJJ.ewv IG 7:2383.9)
.
(3) *ghesr-106 Hand"
lesb. xepp a Alk 58.21 107
thess. xeppo~ McD 347.17
boiot. xetpt·1Teöa~ IG 7:2420 .28
(4) •wosnä (cf. ai. vasna-, lat. venum) 108 ,.Kaur•
lesb. l>vva (övvat~ lG 12,2 S:136.bl7)
boiot. wva (ev-wvdv IG 7:3287.7, VOJ,J.C.:.>Vav IG 7: 3171.43, f1TWVWV FS
Navarre 1935: 353 Z. 8)
(5) *phawes-no· (zu *phawos, lesb. boiot. ~ " Licht") "leuchtend"
lesb. ~wo~ (~vvov Sa 34.2)
boiot. cpd.ec.vo~ (4>divo~ BCH 1946: 476f. Z. 11 , IG 7: 1751.8, <I>aec.v~
IG 7:3287.2, SEG 23:271.17)

105 TfHUXlAW4~ IG 12,2 :526.a10 (4. Jhdt.) aus dem lesbischen Eresos und (rp)aKwxiA.a SEG
26:672.27 (2. Jhd t.) aus dem thes~lischen Larisa sind keine authentischen Formtn des
jeweiligen Dialekts. Zu (xe )A.lo'~ Alk 63.7, 6wxe>Jo,~ Alk 69.2 vgl. Hamm (1957:20,42).
106 Cf. Rix (1976:78).
107 Cf. ferner xep;>eo{ Sa 90a c:ol. 11.21 , x~oiJaiCfpa Sa 101.1; sämtliche inschriftlitten
Belege (z. B. xe{pwJJO~ IG 12,2 S: 139.11/ 12, xelPOTOVTJV IG 12,2 S: 136.b7, (x )eqo·
rov{a~; IG 12,2:526.b25 Eresos, 4. Jhdt.) sind keine authentischen Formen des Oll·
lekts.
108 Cf. Lejeune ( 1972 : 123); Zweifel am Anlaut / w/ bei Chadwick (1972 : 29).

110
00046245

(6) "Säule"
lesb. or<iA.A.a (ord.A.A.av IG 12,2: 15.33)
109
thess. ord.A.A.a
, (ord.A.A.a<: IG 9,2:517.21)
boiot. oräA.a (ord.A-17 BCH 1901: 359ff. Z. 8)
(7) Rat"
"
lesb. (36A.A.a ({36A.A.a IErythrai 122.1)
thess. (36AA.a 110
boiot. ßwM. (ßwA.a IG 7:529.1)
(8) ,,Mond"
lesb. a€A.avva (o€A.d.vva Sa 168B.1)

boiot. o€AäJJa (o€Mva<: PMG 690.9)
(9) Quelle"
"
lesb. Kpd.vva (Kpd.vvav IG 12,2: 103.1)
thess. Kpavva (Kpavvovv)
(10) "schulden"
lesb. ()p€A.A.w (Cxp€AA17" IG 12,2:67.7)
boiot. (;.p€iA.w ((;.p€iA.t IG 7: 1738.4)
(11) .,wollen"
lesb. (36A.A.op.cu ([ß]6A.A.op.a[t] Sa 22.19)
thess. ߀A.A.op.cu (߀AA€tT€t IG 9,2:5 17.20)
boiot. ßdA.op.17 (߀iA€tT17 DGE 485.2)

7. Phonologische Regeln: Obstruenten

7.1 Obstruent plus /y/


7.1. 1 Palatalisierung und Geminierung
§ 124. In einer. Folge von einem Obstruenten und dem Gleitlaut /y/ wird der
Obstruent palatalisiert und geminiert, wobei der Gleitlaut schwindet. Zugrunde-
Hegende aspirierte Okklusive werden vor Eintritt der Palatalisierung deaspiriert
(§ 144).
Zur Formulierung der Regel und weiteren Diskussion vgl. § 105.

109 In aTciAa. DGE 605.2 (5. Jhdt.) im archaischen Alphabet kann Einfachschreibung der
Doppelkonsonanz vorliegen.
110 Kein direkter Beleg aus dem Thessalischen. Slings (1975: !Off.) hält wegen (JouA· in
Auro(Jot.IAew~ IG 9,2:234.101 (3. Jhdt.) und IG 9,2:536.1 (1. J hdt.), BouAI.Otlvew~
IG 9,2:517.60 (3. Jhdt.), A!Yrd(JouAo~ IG 9,2:517.73 einen Wandel von •[In) nach [o)
zu [o:l) für möglich. Solange aber die Entsprechu.ng von lesb. {JoAAa, boiot. {JwM im
Thessalischen nicht belegt ist, vermag die Annahme eines solchen, durch keine unab-
hängige Evidenz gestützten Wandels nicht zu überzeugen.

111
00046245

Die Palatalisierungsregel ist nach den Regeln flir die Entwicklung von /s/ anzu-
wenden: /s/ wird vor /y/ über /z/ zu /h/ (§ 140f.) und unterliegt nicht der Pala-
talisierung.
Die Entwicklung von palatalisierten Obstruenten im Thessalischen wird wegen
der besonderen Problematik der Beleglage getrennt behandelt (§ 13lff.).

7.1.2 Depalatalisierung im Lesbischen und Boiotischen


§ 125. Palatalisierte stimmlose Labiale (für palatalisierte stimmhafte Labiale lie-
gen keine Belege vor) werden zu [pt1depalatalisiert.
Brixhe (1978: 67f.) und Risch (1979: 268) bestreiten die Möglichkeit einer Palatalisierung
von Labialen; Brixhe sieht in der Entwicklung /py/ > (pt) mit Lejeune .,un renforcement de
Ia serni-voyelle en position appuyee", während Risch die Entwicklung von /py 1 mit Hilfe
der Einfügung eines consonne d'appui beschreibt: / py/ > / pty/ > /pt/ > [pt).

PR (3 1) Depalatalisierung (Labiale)
+kons +kons
-son -son
+hoch +hoch 2
-hint -hint -+ -hoch
- kor [-h!ch]
-kor +kor
+ant +ant
+sth +sth
1 2
/pp/ -+ [pt1

§ 126. Die Opposition zwischen palatalisierten Velaren und palatalisierten Denta-


len wird aufgehoben.

PR (32) Neutralisierung
+kons +kons
-son -son
1 2
+hoch +hoch
+kor +kor
-hint -hint
+ant +ant
-kor -kor
- ant -ant
1 2
lW -+ ;dd;
/kk/ -+ /H/
Palatalisierte stimmlose Dentale werden zu /H/, palatalisierte stimmhafte Dentale
zu /dz/ transformiert. 111
111 Zum Konzept der Transformation in PaJatalisierungsprozessen vgJ. Risch (1979).

112



00046245

PR (33) Transfonnation
+kons +kons
-son ~n

+hoch +hoch
..-hint 4lint
+kor +kor
+ant +ant
asth asth
-dau -dau
1 2
/dd/ ~ /dt/
lffl ~ lU!
Eine alternative Lösuna. die ohne die Annahme einer Transformation im Boiotischen lU'
kommt, wird in I 135 diskutiert.

Palatalisierte (Folgen von) Obstruenten werden depalatalisiert.

PR {34) Depalatalisierung
+kons
-son
-+ [4loch]
+hoch •
-hint
ldt/ ~ /dz/
/H/ ~ /ts/
Die durch die Depalatalisierung entstandenen Konsonantenfolgen /dz/ und /ts/
werden im Lesbischen regressiv, im Boiotischen progreuiv assimiliert (§ 146):
/dz/ -+ lesb. /zz/, boiot. [dd)
/ts/ -+ lesb. [ss ), boiot. [ tt)

§ 127. Auf den im authentischen lesbischen Dialekt abgefaßten Inschriften wird


das Resultat der Palatalisierung von /dy/, /gy/ regelmäßig und unabhingig von
der Umgebung durch den Buchstaben t bezeichnet: ·
ätOJIW' IG 12,2: 1.18 (5. Jhdt.)
6uuitovn IG 12,2:526.a27 (4. Jhdt.)
[rp)a11"ftwo-'w IG 12,2:72.2 (3 . Jhdt.)
t~wo-'w IG 12,2:1.14/ 15 (5. Jhdt.)
tWw<1L IG 12,2:498.18 (3 . Jhdt.)

Eine einzige Variante ist bislang zu verzeichnen: 6piotowL Belleten 1966: S2Sff.
Z. 8 (Aigai 4./3. Jhdt.). Andere Verwendungen des Buchstabens t - etwa für [zd)
aus der Assimilation von /s/ an / d/ (§ 31, § 143, Typ 9f6tor<X) wie im Thessa-
lischen und Boiotischen - sind auf lesbischen Inschriften nicht belegt.
I llllnwl. D1t aloluchcn Daalcktc 113
00046245

§ 128. Nach dem Zeugnis antiker Grammatiker (vgl . Meister 1882: 129f.) wurde
r im Aiolischen o6 = [zd I gesprochen . ln Obereinstimmung mit dieser Lehre wird
in der Oberlieferung der literarischen Texte des Lesbischen o6 für die - historisch
als ursprünglich rekonstruierte - Folge /zd/ in öo6oc: (geschrieben iJo6oc: in Sa 2.5, vgl
§ 4 7 Anm. 21) und ioM.vet (Sa 31 .3 , vgl. auch Kano6C.We[ t I Sa 43 .7, ETTio60JIOv Alk
75.8) sowie für das Resultat der Palatalisierung von / dy/, /gy/ geschrieben: VOIJi00€1
Sa 58.23, !ppovrio6rw Sa 130.4; daneben tritt aber auch tauf: E1TUrAatovra Sa
37.2, imoteu~aoa Sa 1.9 (cod ., imao6e[u~cuoa] pap.), t1rratcw inc. auct. 10.1. 112
In den Textausgaben sind überlieferte Schreibungen mit t in o6 konjiziert, wie
etwa in
Sa 31.3 loMvet L-P, V.: tavH, itwet cod.
Sa 111.7 1Jio6wv V. : IJEtwv L-P, IJEitwv cod.
Alk 72.5 TTa..pAtio6et L-P, V.: TTa..pMtet pap. sscr. o6
Alk 347.6 li..o6et L-P, V.: ätet cod.
Alk 374 KW1Jtio6ovra L-P, V. : KWIJtitovra cod.
Von der Lehre der Grammatiker oder dem Vorbild zeitgenössischer Textausga-
ben der lesbischen Lyriker beeinflußt wird auch auf aiolisierenden Inschriften
o6 geschrieben:
1TpooOIIVSJtio6eo!Jcu IKyme 19.7/8 (Kaiserzeit) neben t in VOIJitwv z. 17/ 18,
äoSJEJJttoioa Z. 20 u.ö.
aoTTtio6e( 0I Memnon Nr. 29.5 (Balbilla)
x!Jio6ov Memnon Nr. 30.1
Am Wortanfang hingegen wird - entgegen der Lehre der Grammatiker, die als
Beispiele nur die Formen 1;6eü~, o6tiyov, o6&yoc: anführen - regelmäßig t ge·
schrieben:
Zeü~ Alk 200. 10 , Zeü Alk 69.1
ZE!pUPWt Alk 327.3
tW<w Alk 130b.2, tw11v Alk 148.7.
Ferner tritt - ausschließlich in den literarischen Texten - t· für 6t- auf, wem
(i] zwischen (d] am Wortanfang 113 und einem Vokal aus metrischen Gründel
seine silbische Qualität verlier~ ; der entstehende Gleitlaut [y I führt - wie zu-
grundeliegendes /y/ - zu einer Palatalisierung:
ta Sa 63.4 , Alk 45.3
tdßcu[ ~] Alk 38.a3
112 Das Zahlenverhältnis zwischen d iesen beiden Schreibußien wild gelegentlich (Thunb-
Scherer 1959: 96, Hoffmann 1893: Sll) !0 angedeutet, daß t gegenüber o6 häufger
sei, aber genaue Untersuchungen liegen nicht vor.
113 Zu 6' im Wortinnern vgl. Au6u:w • )lu:dya:nJ Sa 132.3 (Paae 19SS : 132 Anm. 2) In
Alk 333 oli'O( -yap bl)pc.:nro'( 61D1r-rpo" lesen L-P und V. b~pw"w (Jegen Bechtll
1921 : 16: b~W1f<HD,), 10 daß die Notwendi&keit einer zweisilblaen Meuuna 'Ol
6lonpc111 entfallt; val. auch Paae (19SS : 312).

114
00046245

tcUe~(USa 27.6 •

ZOwooo<W Alk 129.9.


Die - naturgemäß nicht metrisch gebundenen - Prosatexte der lnsc:hriften schrei·
ben, soweit sie im authentischen Dialekt abgefaßt sind, durchweg 114 6t· und nicht
t·; erst in römischer Zeit finden sich auf aiolisierenden Inschriften tti IG 12,2:
484.3, Zovvtiow IG 12,2:69.a5. Für sekundäres t- aus 6t- wird die Schreibung o6
auch von den Grammatikern nicht bezeugt.

§ 129. Die bisherige Forschung hat diesen Befund häufig ( vgl. z.B. Schwyzer
1959: 331, Lejeune 1972: 113) so interpretiert, daß durch die Palatalisierung
von /dy/, /gy/ im Lesbischen eine Folge /dz/ entstanden sei, die durch Metathese
zu [zd] geworden und so mit ursprünglichem /zd/ zusammengefaU.!n sei. 115 Diese
Hypothese ist anfechtbar, weil sie mit einem Lautwandel operiert, der eigens ftir
diese Hypothese postuliert wird , aber sonst keine Parallele hat (/ts/ wird zu ( tt)
oder [ss] assimiliert, fällt aber nie mit [st] zusammen). Ein anderer Lösungsver-
such scheint daher gerechtfertigt : im Lesbischen wird / dz/ aus /dy/, /gy/ - durch
regressive Assimilation wie in / ts/ ~ [ss] - in /zz/ überführt. An der Silben-
grenze wird ein Verschluß gebildet , so daß /zz/ im Wortionern als [zd) (mit einer
Silbengrenze zwischen (z] und (d]), am Wortanfang als (dz] (mit einer Silbengren-
ze vor [d]) realisiert wird . Für beide Varianten wird als graphische Repräsentation
t auf den Inschriften (t- und -of>-/- t· in der später als die Inschriften entstande-
nen handschriftlichen Überlieferung) verwendet.
Man mag gegen diese Interpretation einwenden , daß bei einer biphonematischen
Analyse des Graphems t ein breiteres Spektrum graphischer Variatio n auch auf
den Inschriften - wie etwa of> pf> ot im Thessalischen und Boiotischen - zu er-
warten wäre. Aus dem Lesbischen sind aber nur wenige Inschriften im archai-

schen Alphabet oder aus der Zeit kurz nach der Einführung des ionischen Alpha·
bets überliefert, so daß das Fehlen von orthographischen Varianten auch in dem
geringen Umfang des zur VerfUgung stehenden Korpus begründet sein kann . Auf
der anderen Seite hat diese Interpretation folgende Vorzüge :

114 Trotz des häuf~gen Vorkommens von 6w.(·), AID· fuhren Hoffmann (1893 : 514) und
Schwyzer (1959 : 330) Zcu"wlltiD( IG 12.2:96.5 (4., möglicherweise

auch 3. Jhdt., cl.
Hodot 1976: 32 Anm. 5S) als Beleg flir t- aus 6,- auf den Inschriften an. ZIDw(aiD()
DGE 70S (ca. SOO v.Chr.) aus dem ionischen Phokai.a flihrt Garcla-Ram6n (197S : 89)
auf aiolisches Substrat zurück.
liS Teodorssons (1979) Vorschlag, daß im Proto<Jriechischen der Reflex der Palatalisie·
rur~g von /dy/ , /gy/ und di.e ursprür~gliche Folge /zd/ zu der Zeit der EinfUhrurig des
Alphabets vorübergehend in ein clusttr J3d3) = t zusammengefallen seien und eine di·
vergierende Entwicklung zu Jd : ), Jdz J und (zdJ in den versch.iedenen Dialekten eilige-
treten sei, versucht zwischen den verschiedenen Positionen zu vermitteln, berücksichtist
aber weder die besondere Problematik von t am Wortanfar~g im Lesbischen noch die
Tatsache, daß [zdJ Im Thessalischen und Boiotischen nicht mit [ddJ zusammer~gefallen
ist(§ 31).

115

00046245

( 1) Sie vermeidet die Schwierigkei t - die Sechtel ( 192 1: 34f.) nicht beseitigen
konnte - ,daß (dz) aus zugrundeliegendem /dy/ bereits zu [zd ) oder [z) gewor-
den sei, als unter bestimmten metrischen Bedingungen in der poetischen Sprache
von neuem (dz] durch die Devokalisierung von (i] zwischen (d] und Vokal ent-
stand. Beide Palatalisierungen liegen vor Beginn der Überlieferung, so daß eine
chronologische Trennung hypothetisch bleibt. Wie ferner das Thessalische lehrt,
ist es nicht zwingend anzunehmen, daß die primären und die sekundären Palatali-
sierungen zu verschiedenen Resultaten fUhren .
(2) Sie vermeidet die Ungereimtheit, die bereits Hoffmann (1 893: 512) kritisierte,
neuerdings aber wieder Hooker (1977: 18) in Kauf nimmt, daß die Graphem-
kombination o6 den Laut [z], das Graphem t aber die Lautfolge (dz) bezeichne.
{3) Sie steht im wesentlichen mit der Lehre der Grammatiker in Einklang, die
einen Anlaß sahen, den Unterschied zwischen dem Lautwert von t im Lesbischen
und dem in allen anderen griechischen Dialekten hervorzuheben. Lediglich zu den
Nachrichten der Grammatiker über o6 am Wortanfang steht sie in Widerspruch,
aber da diese Leh.re auch in den Texten der Lyriker weder Bestätigung noch Reso-
nanz findet, steht zu vermuten, daß sie nicht mehr als eine falsche Verallgemeine-
rung von Beobachtungen über o6 im Wortionern darstellt.

§ 130. Anwendungsbeispie/e:

{1) zugrundeliegende Repräsentation /megyo:n/


Palatalisierung /megt,o:n/
••
Neutralisierung /meddo:n/
Transformation /medto:n/
Depalatalisierung /medzo:n/
lesb. /mezzo:n/
Assimilation
boiot. [meddo:n]
Dissimilation lesb. [mezdo: n]
lesb. J.!Etwv (J.'Etovwv IG 12,2 S:692.16)
Oberflächenform boiot. 1-1€Mwv (J.I€66ovCK BCH 1936: 27ff.
• Z. a21)
(2) lesb. /psa:phing+yo:/ -+ (psa:phizdo: ] 116 t/IOA{>itw
boiot. / psa: phid+yo:/ -+ [psa:phiddo:) 117 t/la.tpiMw (t1ret/16.Apc.Ue IG. 7 504. 1)

116 Zum Nominalstamm / psa:phing+/ vgl. Dat. Sg. .Pd.ptnt IG 12,2:526.a16. /n/ der Suffix·
silbe muß in der Entwicklungsstufe /·inzd·/ geschwunden sein.
117 Fllr einen Nominalstamm / psa:phins+/ wie im Lesbischen gibt es im Boiotischen l~inen
Anhaltspunkt; der Schwund von / n/ wäre auch im Boiotischen - wo es keine Entviclt-
lunautufe /-invJ-/ gibt - schwer zu rechtfertißen.

116 •

-
00046245

( 3) zugrundeliesende Repr. /pra:k+yo :/


Palatalisieruna /pra:llo:/
Neu tralisieruna /pra:Ho:/
Transformation /pra:Ho:/
Depala talisierung /pra: tso:/
lesb. (pra:sso:]
Assimilation
boiot. [pra: tto: ]
lesb. rrpdoow (rrpdnoeL IG 12,2:645.&28)
Oberflächenform
boiot. rrpdrrw (rrpdrrwoa SEG 25:556.13)

( 4) zugrundeliegende Repr. /dye :ws/


Palatalisierung /dde :ws/
Transformation /dte :ws/
Depalatalisierung /dze:ws/
lesb. /zze:ws/
Assimilation
boiot. /dde :ws/
Dissimilation lesb. /dze:ws/
Degeminierung § 156 boiot. /de :ws/
'1esb. [dzews)
Vokalkürzung § 60
boiot. [dews)
lesb. Zeik Alk 112.14
Oberflächenform
boiot. Aetk Korinna PMG 645a. iii. 13
Die Divergenz lesb. [dz.] : boiot. [d-] und lesb. [-zd-] : boiot. {-dd-] liest
ferner vor in:
tww/f>ww : lesb. twwoL IG 12,2:498.18, boiot. f>Wet AD 1916: 218f. Z. 30
ta~Jia/f>ap.io.. : 1esb. tap.icw IG 12,2:646.a35, boiot. 6Q~Jio.. Ptoion 1971 Nr.
252
tv'Y·/f>vy-: lesb. roo6(&y)w11 Alk 34.9,1P{ep]eo6vyoll Alk 249.3, boiot. rrep~
6vya.DGE 462.b54, vgl . ferner 61}yaorp011 SEG 24:361.23, 6vyiX Choirob.
in Theod. 2.390
ta-/f>a- : 1esb. tat)e[ Alk 306a.c5 (weitere Belege aus dem literarischen Les·
bisch bei Hamm 1957: 26), boiot. f>at)w[ Korinna PMG 654.il3 ..tdt)e~..
(5) /ped+yo+s/ -+ lesb. (pezdos] rreo&x ('rrio6w11 Sa 16.1)
-+ boiot. [peddos) rreMO~ (rreMu BCH 1926: 396 Nr. 16.13)
(6) /yot+yo+s/ -+ lesb. /hossos/ -+ [ossos) liooa<: (liooa IG 12,2:6.32, DGE
644.11/ 12, öoo(o]~ Alk 119.10, iJooo11 Sa 30.8; aus
metrischen Gründen auch öoa<:)
117
00046245

~ boiot. (hottos) örro<: (kein Beleg, vgJ. aber 6-1TOrr<X in t:rm&r·


ro11 DGE 462.a28 aus /pot+yo+s/)
(7) /khari+wet+ya/ ~ lesb. /khariwessa/ ~ [khariessa) x_ap~ooa Sa 108
~ boiot. [khariwetta] x_apiffrra (x.apiff1To.P DGE ad
538 z. 3)

(8) zugrundeliegende Repr. /meth+yo+s/


Deaspiration /metyos/
Palatalisierung /meHos/
Transformation /meHos/
Depalatalisierung /metsos/
lesb. [messos)
Assimilation
boiot. [mettos)
lesb. J.Liooo<: (Mioow IG 12,2 S: 136.a5)
Oberflächenform
boiot. J.Lirro<: (J.lirrw IG 7:2420.20)
Im Lesbischen ferner M€ooo11 IG 12,2 S: 139.c79, J.Lioocw Sa 96.20, JJEOOW
Sa 1.12 (aus metrischen Gründen auch J..lfO<X).

(9) zugrundeliegende Repr. / kop+yo:/


Palatalisierung /koppo :/
Depalatalisierung [kopto:)
Oberflächenform lesb. K01TTW (K01TT171J IG 12,2: 1.19)

7.1.3 Palatalisierte Geminaten im Thessalischen


§ 131. In den Handbüchern werden im allgemeinen Formen wie öoo<X (vgl . lesb.
ooo<X, boiot. örro<: § 130) und 1rpaoow {vgJ. lesb. 1rpaoow, boiot. 1rparrw §
130) als Belege dafür angefllhrt , daß palatalisierte Verschlußlaute im Thessalischen
auf die gleiche Weise depalatalisiert worden seien wie im Lesbischen (/ty/, / ky/ ~
Iss/; /dy/, /gy/ ~ /dz/). Die BelegJage ist jedoch keineswegs unproblematisch
und verdient genauere Betrachtung.
(1) Formen von öooo<: und 1rpaoow als Repräsentan ten der Fortsetzung von /ty/
und / ky/ im Thessalischen sind auf einer Inschrift vom Ende des 3. Jhdt.s (IG
9,2: 517) belegt, die einen in Koine abgefaßten Brief des Königs Phitipp V. von
Makedonien und eine Dialektversion dieses Briefes enthält. Bei der Übertragung
des Koine-Textes in das Thessalische haben sich Inkorrektheilen eingeschlichen:
rrorfÖÜro z.12/ 13 statt der im Thessalischen zu erwartenden Form 1TOrt:öftiero 111,
118 Rui~rez (1972b) wendet sich nach einer Diskussion der frllheren Forschung gegen die
Auffassung, tron6trro sei nur eine ,,thessalisierte" (Fränkel) Version der KoiM·Form
wpoa~6flTO . Vielmehr enthalte der Brief des Königs Phllipp die Form (Präs.) f(poa6ti·

118
00046245

1rvrEWTECJI Z. 16 statt 1rE1rEio!)eCJI (§ 172}. Daher ist die Möglichkeit nicht au•
zuschließen, daß auch -oo- in tiooa1rep Z. 19, tiooovv Z. 41 und 1rpaoot~J& Z.
17 nicht authentisch fUr den thessalischen Dialekt ist 119• Alle übrigen Belege für
&ocx sind jünger oder nicht dialektecht 120• Von anderen Korrespondenzen wie
lesb. Kapvoow (tryKapuooerw JG 12,2:64S.a37) : boiot. Kapoorrw (cf. Kapovt<i-
1/l}w BCH 1892: 458ff. z. S},lesb.!puXaoow (6ta~Xciooet IG 12,2 5:121.25) :
boiot. 4p00Mrrw (6~Xcirn IG 7:207.9, cf. re-'#lopov~ SEG 23:271.66) ist
das thessalische Äquivalent nicht belegt.
(2) Von Fortsetzungen von /dy/, /gy/, insbesondere von der Gruppe der Verben
auf lesb. -~w/boiot. .Uw, sind aus Gebieten, die flir die Betrachtung des Thessa-
lischen in Frage kommen, bezeugt:
Pelasgiotis
EVEI{J(WioooeviG 9,2:517.12 (Ende 3. Jhdt.)
Thessaliotis
eU(W(ll(a6iv IG 9,2:257.8/9 (arch. Alph., S. Jhdt.)
Tc:u; die Tatsache, daß bei du Umsetzung in den thessalischen Dialekt das tmperfectum
ob/iquum in der indirekten Rede verwendet werde, gewährleiste die Authentizitit von
JtOT'f6ÜTo als syntaktisches Merkmal des Thessalischen. Das Auftreten von parallelen
Konstruktionen in der Sprache Homers sei somit als .,Aiolismus" zu Interpretieren. Aber
wie sind die lautlichen Probleme zu lösen? Ruiperez bestreitet, daß im Thessalischen
entsprechend einer ,,aiolischen·· Lautentwicklung •~ron6ttl~To zu erwarten sei, da man
als Zeugnis aus d em Thessalischen nur über Personennamen ('A~~ua~. K~~ua~) verfl)ge.
Et verweist dabei auf Thumb·Scherer (1959 : 59), geht aber nicht darauf ein, daß dort
auch 6w~t als fllr das Thessalische wie fllr das Lesbische bezeugt zitiert wird. Zur Ab·
leitung von 6etlet dur ch eine für das Thessalische und Lesbische gemeinsame Gleitlaut-
assimilation - wodurch •~roTe6~ti~o als die lautlich authentische Form wahrscheinlich
gemacht wird - vgl. im übrigen § 90ff. - Hock (1971 : 23Sff.) hii.lt •or~6Ü'J'o wegen
des Fehlens der Kontraktion fllr sekundäl. Neben einem Stamm 6ev- wie in 6ttlt, habe
lieh ein Stamm 6t· herausgebildet, JO daß eine Thcssalisierung von 11pooe6~iro einfach
•~rort6~iro ergeben haben müßte. Der Stamm 6t· k ö nne auch vorliegen in 6ev,.a~110~
McD 310.21 (Akk.PI.), faUs tv aus to entstanden sei. Hock beruft sich dabeiauf Thumb·
Scherer (1959 : SS ), wo Formen wie K~~v~ra.,.pav, K~~v6 a,.atla etc. aus K>.~o- zitiert
werden, es aber fllr zweifelhaft gehalten wird, ob 6~ti,.atll0~ dazu gehörig sei. Für die
Erklälung von 6tu,.a~vo~ (statt ·6~oo,.a~110~) geeigneter scheint eine andere Parallele zu
sein : wie im Thessalischen zum Stamm 6tv- ein Partizip 6ev,.atll0~, wird im Boiotischen
zum entsprechenden Stamm 6,,. ein Partizip 6tiJJ1110~ gebildet. Diese Obereinstimmung
legt auch eine Oberprüfung der herkömmlichen Auffassung nahe, boiot. 6~ij,tll0~ sei nach
dem Muster nordwestgriechischer Partizipien von vtrba contracta (Typ ~eCl>.,ij,ta.oo() ac-
bildet (vgl § 181).
119 Auf der mit IG 9 ,2 :517 etwa gleichzeitigen Inschrift SEG 27 :202 ist Jtpaoovv z. 14
schon wegen des einfachen ·o· verdächtig. Von weiteren dialektfremden Formen die·
ser Inschrift ließen sich a.nfllhren 6t6oor~w Z. 16 statt 6t6oo"tw, ICilpwv Z. 22 statt
rtiJppov, ord~av >.' "lC111 Z. 24/ 25 statt o'J'd>.~Clll N."iwlv.
UO öooa IG 9 ,2: 258. 10, IG 9,2 :460.5, McD 337.26, alle 2. Jhdt. Die Inschrift McD 209
mit öoo( a~ J Z. 6 wird zwar in das 4. Jhdt. datiert , ist aber n icht im reinen (ost·)the..
allsdien Dialekt abgefaßt (XPfl,.aaow statt XP~~cinoot, ffpo(~vicw statt "PO(tllllr.Clll).

119
00046245

Histiaiotis
OU<a~erou Helly i.V . Z . 14 (Ende 3. Jhdt.)
1T€~0Ü ibid. z. 7
Zu dem Imperfekt iv€t.pa.vioooEv (dem ivE~Vt~ov Z . 5 des in Koine abgefaßten
Paralleltextes entspricht) müßte ein Präsensstamm •c(XJJ'wo- gehören, der sich
aber nur als sekundäre Neubildung rechtfertigen läßt 121 ; gleichfalls eine Neubil
dung - nach dem thessalischen Aoristausgang -aEv ( § 21 0) - ist der Ausgang
·O€V, über dessen Authentizität vorläufig kein sicheres Urteil möglich ist, so daß
mindestens ein Indiz darauf hinweist, daß ivE.pa.vioooEv, wie andere Formen die-
ser Inschrift (s.o.), keine authentische Form des thessalischen Dialekts ist.
Durch i~~avaxaMv wird - unter der Voraussetzung der Einfachschreibung von
Doppelkonsonanz im archaischen Alphabet - oo
wie im Boiotischen als Ent-
sprechung der "-~w"- Verben zumindest für den thessalischen Dialekt der Thessa-
liotis belegt. In Anbetracht der zahlreichen nicht-( ost)thessalischen Elemente in

der Sotairos-Inschrift (c'wyupta statt l:ipyuppa, x.p€paow statt X,Piparwot, Gen .
Sg. -ö statt -ow, lnf. -iv in i~~avaxdMv statt ·EPEV, nc: statt KtC:, raüra statt r<iiJf)
wird man wohl zögern, diesen Befund als repräsentativ flir das gesamte Thessa·
lische ansehen zu wollen (wie etwa Buck 1968: 71 es tut : "there is no evidence
against its-being general Thessalian"). Belegmaterial aus der Pelasgiotis oder der
Perrhaibia liegt aber - wenn man von der oben diskutierten Form iVEc(XJJ't000€11
absieht - nicht vor ; daher entbehrt auch eine Scheidung in Ostthessalisch mit
einer Metathese ldzl (aus ldyl, lgyl) _. [zd] gegenüber Westthessalisch mit einer
progressiven Assimilation ldzl _. [dd), wie sie Garcia-Rarn6n (1975: 88f.) vor-
nimmt, jeder Grundlage .
Auf der in Philia gefundenen, aber im Dialekt der Histiaiotis abgefaßten Inschrift
ist ~ offensichtlich als Entsprechung von boiot. oo
und lesb. ~/ oo (boiot. 1TEO·
o~ § 130, lesb. lnschr. oU<ci~ovn IG 12,2: 526.a27) aufzufassen. Die Graphemfolge
tc5 ist aber sonst auf thessalischen Insch riften nicht belegt, so daß ihre lautliche
Interpretation Schwierigkeiten bereitet. Für [zd ] aus ls+d/ wird in der 2. Hälfte
des 3. Jhdt.s in der Pelasgiotis ~. im 4. und 3. Jhdt. in Pharsalos po und m ögli·
eherweise auf einer Inschrift des 4 . oder 3. Jhdt.s aus Matropolis (IG 9 ,2:281)
gleichfallspogeschrieben (§ 3 1); man kann daher nur vermuten, daß to
[zd) re-
präsentieren solL Unter diesen Umständen würde, ftir das Ende des 3. Jhdt.s und
nur für die Histiaio tis, [zd] als Realisierung von ldy I, /gy I vorauszusetzen sein.
121 Bechtel ( 1921 : 189) und Buck (1968 : 72) ziehen eine Wechselbeziehung thess. iJA.po.llio·
ow = att. tJA.pavltw in Betracht, wie sie auch in att. o.pdrrw = boiot . oopci66\.o1 (PMG
690. 3), boiot. oppcirrw (Gramm., cf. PMG 687) = att. oppcitw, kret. rrpti66w = rrpcioaw/
rrptirrw vorliege. Auch auf boiot. rcirrw (lrarrov Korinna PMG 654a i20) neben rti66w
(rti66eo"f) Roesch 1971 Z. 15 , lrrtra66ÖJAella E. 78 :06.13/ 14) wäre in diesem Zusam·
menhang hinzuweisen. Ausgangspunkt flir die Neubildung der Präsensstimme waren
Aoriste auf -t·, die aber im Thessalischen gleichfalls nicht authentisch sind (§ 203).
Der von Bechtel fUr die Rechtfertigung von .pavl.oow geforderte Aorist i".,dV&tG4 ist
f\ir das Thessalische somit ebensowenig beweiskräftig wie I~Mtd~~TW IG 12,2 S:
120.17 (Eresos, 2. Jhdt.) fUr das Lesbische.

120
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§ l3l. Entgegen der herkömmlichen Meinung deuten verschiedene indirekte Ar·


gumente darauf hin, daß das Thessalische hinsichtlich der Fortsetzung palatali-
sierter Vorschlußlaute eher mit dem Boiotischen übereinstimmt als mit dem Les-
bischen.
(I) Im Thessalischen und Boiotischen wird - im Gegensatz zum Lesbischen - vor
/i/ palatalisiertes / t/ nicht zu /s/ transformiert (§ 136).
(2) Im Thessalischen und Boiotischen wird - im Gegensatz zum Lesbischen - das
Resultat der Palatalisierung in der zugrundeliegenden Folge /tw/ nicht durch [ss],
sondern durch [tt] rept:äsentiert (1rhrape<: § 139).
(3) Von Grammatikern wird mit den Beispielen ~d.Aarra, 1rirra etc. ·TT· flir das
Thessalische bezeugt (vgl. Meister 1882: 265 Al)m. Das Wort flir .,Meer" ist
auf thessalischen Inschriften nicht vertreten (IG 9,2:60 aus Lamia und IG 9,2:
107 aus Halos mit ~d.Aaooa können nicht dem Thessalischen zugerechnet werden); •
aus dem Boiotischen liegen mehrere Belege flir ~d.Aarra (z.B. IG 7:504.4, IG
7:1721.9, DGE 546.13,1G 7:3166.7) gegenüber ~d.Aaooa im Lesbischen {IG
12,2:202.7) vor.
(4) Im Thessalischen - vornehmlich der Pelasgiotis - werden dentale Verschluß.
laute vor sekundärem /y/ (§ 63) palatalisiert und geminiert:
CUtall IG 9,2: 46l.b13, w[<5]WP McD 337.36/37
'EJ.mir<5tauvO<: McD 311.9/ 10, 'EV1fir6tauVO<: IG 9,2:511.12 (§ 33)
' ApJJ.6015teUK SEG 25:664.A66
neMtetk SEG 25:664.A29
neMtaiou BCH 1970: 161ff. Z. 15
' EmKP<ij.tc:OÖtOVv SEG 2:264.9
tteLKd.rrux SEG 2:264.4
!.rparrteiow McD 311.12/ 13 (gegenüber !.rpa.roKAei z. 16)
Otr~ivatO<: IG 9,2:517.53 (gegenüber Ot~ovveUK Z. 55)
Otr~i6a.tO<: IG 9,2:234.94 (gegenüber Ot~oVVEUK Z. 140)
Die Schreibung tur durch sekundäres /y/ palatalisierte Verschlußlaute ist nicht
einheitlich (vgl. auch SeheHer 195 1: I 08ff., Morpurgo Davies 1968a: 103): in
den meisten Fällen steht ein geminierter Konsonant und ' als Zeichen der Pala-
talität zur Unterscheidung von nicht-palatalisierten Geminaten; gelegentlich ist
aber auch ' weggelassen. Da t nicht flir einen silbenbildenden Vokal steht, hat
es ~einen Einfluß auf die P1azierung des Wortakzents; es ist also z.B. «><5taP und
nitht iMiav zu lesen (Nagy 1970: 11 0).

§ 133. Zur Palatalisierung von j th j: der Name der Theualer



Dtr Name der Thessaler ist auf Dialektinschriften der Pe1asgiotis und Thessalio-
tis in der Form Oer~aAoi (z.B. IG 9,2:258.1, IG 9,2:461.14, IG 9,2:517.14/15,
122 Zu weiteren Zeugnissen fUr thess. "aeaenllber aa anderswo vgl. Schulze (1897: 900ff.).

121
00046245

McD 11 77 .2), in nicht zu Thessalien - im engeren Sinne - gehorigen Gebietern


als SfooaXoi (9eooaXöv McD 156, Angeia 5. Jhdt.) bezeugt; im Boiotischen
lautet er <1>€rraXoi (<l>hraX~ IG 7:2430.8) und im Lesbischen 8€ooaXot (IG
12,2 S:3 passim, Mytilena Anf. 2. Jhdt.). Außerhalb des Aiolischen sind die For-
men 8€rraXoi (att.) und 9€ooaXoi (ion .) vertreten.
Auf Münzen des 5. Jahrhunderts aus der südl.ichen Pelasgiotis sind die Legenden
<I>E- TA, <I>E- 9A, nE- 9A belegt; Franke (1970), der diese Münzen zuletzt
besprochen hat, hat darin die boiotische Dialektform des Stammesnamens der
Thessaler (<I>E(T)TA[AO'l'N], "graphische Variante": <I>E(T)8A[i\O'l'N]) gese-
hen, muß aber eingestehen, daß "es überrascht, daß gerade diese Schreibweise
als offiZielle auf den ersten Münzen der Thessaler verwendet wird und nicht das
oft inschriftlich bezeugte, gleichfalls aiolische n ETE>AAflN der thessalischen
Einwanderer" (89).
Die geläufige Erklärung des Namens der Thessaler geht davon aus, daß thess.
nHt'JaX<k durch Hauchversetzung, wie sie auch in thess. boiot. /henti/ -.
[enthi) (§ 171) vorliege , aus ursprünglichem thess. boiot. (und im Boiotischen
noch erhaltenem) <l>€rraM~ entstanden sei. Dieser Erklärungsversuch läßt jedoch
die Frage offen, warum die - dem Thessalischen und Boiotischen gemeinsame
- Hauchversetzung nur im Thessalischen eingetreten sein soll und nicht auch im
Boiotischen. Eine einfachere Lösung des Problems liegt auf der Hand : die Münz-
aufschrift <I>E- 9A repräsentiert eine ältere Form des Namens der Thessaler,
<l>€rt'JaXoi, aus der n€rt'JaXoi - in der 2. Hälfte des 5. Jhdt.s (§ 150) - dissimi-
liert ist. Im Boiotischen (-rr-) und in den anderen Dialekten (-rr-/-oo-) waren die
Voraussetzungen flir die Hauchdissimilation nicht gegeben.
Die Beobachtung der Korrespondenzen n Ht'Ja Xoi - <1>€rraXoi - 9€rraXoi -
SfooaXoi hat noch nicht zu einer gesicherten Herleitung des Namens der Thessa-
ler geflihrt: wenn man von der bisher nicht durch Argumente abgesicherten Hypo-
these absieht, daß die verschiedenen Vertretungen dieses Namens in den einzelnen
griechischen Dialekten eine sukzessive Umbildung aus der boiot. Lautform <l>fr-
roXoi sind (Schwyzer 1959: 90 Al , Szemer~nyi 1966: SOff.), läßt sich die Alter-
nation aiol. Labial : nicht-aiol. Dental im Anlaut nur durch einen historisch zu-
grundeliegenden Labiovelar erklären , und die Alternation aiol. [tth/ tt) : nicht-aiol.
[tt/ss ) am einfachsten durch eine zugrundeliegende Folge von einem stimmlosen
Dental und einem weiteren Element. Eine Erklärungsmöglichkeit, die nicht nur
der Alternation boiot. [tt) : lesb. (ss}, sondern auch der geminierten Aspirata 123

123 Arena {1969 : 12f.) nimmt an, daß die archaische Schreibunge der Münzlegende ~E-eA
einen von lt h) verschiedenen Laut repräsentiere. Die Hauchdissimilation könne dann,
nachdem drr unprungliche Lautwert nicht mehr bewußt gewesen sei, dwch falsche
Interpretation der Schreibung entstanden sein. Es fallt schwer, sich vorzustellen, daß
es fUr den Stammesnamen der Thessaler im Thessalischen selbst keine ltontinu.ierlic:he
Tradition gegeben haben sollte und daß ein Lautwandel auf Grund eines Mißverständ-
nisses der Orthographie eingeueten sei.

122
00046245

thess. (tth] Rechnung trägt; besteht in dem Ansatz einer zugrundeliegenden Folge
/thy/, die sich im Thessalischen unter Beibehaltung der Aspiration zu der Gemina-
ta [tth), in den übrigen Dialekten einschließlich des Boiotischen zunächst unter
Verlust der Aspiration zu /ty/ und weiter zu boiot. [tt], lesb. ion. [ss] entwickel-
te. Die Hypothese, daß die Aspirata /th/ im Thessalischen noch - wie im Myke-
nischen (Lejeune 1969} - weniger empfanglieh für eine Palatalisierung gewesen
sei, findet zwar weder in den beiden anderen aiolischen Dialekten (/meth+yo+s/
-+ boiot. [ mettos ], lesb. [ messos] § 130}, noch in einem anderen griechischen
Dialekt des I. Jahrtausends eine Parallele, ermöglicht aber eine einfache Ablei·
tung der belegten Formen:
thess. boiot. lesb. u.a.
zugrundeliegende Repr .tl4 /phethyalos/ /phethyalos/ / thethyalos/
Deaspiration /phetyalos/ /thetyalos/
Palatalis./Geminierung /phetthalos/ /pheffalos/ /thetfalos/
Transformation /phefSalos/ /thefSalos/
Depalatalisierung /phetsalos/ / thetsalos/
... Assimilation /phettalos/ / thessalos/
Hauchdissimilation /petthalos/
Oberflächenform llert?aM~ 4>erraM~ 8eaaaM~

Die Hauchdissimilationsregel ist nach der Palatalisierungsregel anzuordnen, vgl.


l:i1rrw aus /haph+yo:/ (§ 1S 1}.
Der hier vorgetragene Erklärungsversuch mag insbesondere in bezug auf die Zusatzhypothete,
daß trotz der Palatalisierung die Aspiration in thess. (tthJ erhalten geblieben sei, anfechtbar
sein. Einen ganz anderen Weg zur Deutung des Namens der Thessaler hat jUngst Heubeck
(1980) eingeschlagen: da die reguläre Entwicklung der - aus • -k(h)y·, • ·t(h)y·, •·tw· - ent·
standeneo Affrik.ata ·ts- im Thessalischen zu ·JS· führe, könne die des öfteren vermutete Rüclt·
fiihrung vo n 4>ena·, e~oaa- auf ein vorurgr. •gwhedhya- nicht aufrechterhalten werden;
vielmehr sei von urgr. •qwhetth· auszugehen, das im Thessalischen regelgerecht zu 4>n"· und
dann durch Hauchdissimilation zu n~T" ·· im Boiotischen - durch eine andere Form der
Hauchdissimilation - zu 4>en · geworden sei. Das Wort sei noch in der Form mit erhaltenem
Labiovelar durch die Boioter den Attikern bekannt geworden und durch diese wiederum
den Ioniern, die nach bekannten Mustern att. · TT· durch ·oo- ersetzten. Eine Herleitung des
VN aus •qwhet (h)yalo· sei lautlich geradezu unmöglich, ganz abgesehen davon, daß eine
nominale -y· bzw. -yalo·Ableitung von einer Verbalwurzel (hier •gwhedh-) völlig singulär da·
stilnde. Hingegen wäre eine •alo·Ableitung von verbalem •gWhedh· > •qwheth· mit einer
bei Eigennamen geläufigen Geminieru ng (hier ·th· > ·tth· ) durchaus denkbar. Heuhecks Ein-
wände gegen frühere Hypot hesen und sein eigener l ösungsversuch - soweit es den lautlichen
und morphologischen Komplex angeht - erscheinen jedoch auch nicht ganz unproblema·

124 Es wird schon seit langem vermutet (Hoffmann 1893: 499, Sechtel 1921 : 154f., van
der Velde 1924:67), daß neT.,aAo(' und seine Entsprechungen in anderen Dialekten
möglicherweise zu der Wurzel idg. •gWhedh· zu stellen ist, die im Boiotischen durch
~oTot; (in euloptoTo<;, § 87 ) aus /pheth+to+/, sonst im Griechischen durch "foo~o"0-4
(Hesych.) aus /theth+ye+/, ~ooao"a' (Hesiod. u.a.) aus /theth+sa+/ vertreten ist (an·
ders Cuny 1910/ 11). Zum SuffiX ·alo· vgl. Schwyzer (1959 : 483), Arena (1969 : 13),
Sechtel (1921 : 154), Risch (1974 : llO).

123
00046245

tisch: (1) Für die von der regelgerechten Entwicklung ·ts· > ·ss· im Thessalischen abweichten·
den Belege verweist Heubeck auf Garela-Ramon (1975 : 83), wo · rr- in 1rirrapH, als analo•·
gisch zu 1fETPOtntp ll; a , 1fETp a-youvou erklärt wird und Eigennamen wie Barrapaxtw , Ko~ .
~aVTTot nicht in Betracht gezogen werden, weil itue Etymologie unklar sei. Eine Ersetzurng
von ·oo · in der für das Thessalischc postulierten Form •1ftooaptt durch -rr- in Analogie
zu 1rnpo- leuchtet aber nicht unmittelbar ein. (2) Die Begründung, warum die Hauchdissi-
milation im Boiotischen in anderer Form verlaufen sei, bleibt offen. (3) Eine nominale
-yalo·Ableitung von einer Verbalwurzel wäre singulär, aber eine nominale -alo·Ableitung von
einem mit -y- suffigierten Verbalstamm fände möglicherweise in ll'aaaaMt zu lMSaaw (?, WJI.
Chaotraine 1979: 245) eine Parallele.

§ 134. Palatalisierte Sibilanten


Sibilanten vor sekundärem /y/ werden wie Verschlußlaute palatalisiert und gemi-
niert.
IG 9,2:234 .36

"YlJJJ.VaooapxetoCWTa IG 9,2:620.3
'}'VJJ.Vd.OOOL McD 330.9
€KK X.eiootat McD 310.21
NtKooraooeiOL IG 9,2:513.11
netooape(TOV] IG 9 ,2:258.1
~WVvVOO€W\ SEG 25:664.850
Somit ist bei Sibilanten zwischen primärer und sekundärer Palatalisierung zu un-
terscheiden: in der zugrundeliegenden Folge /sy/ unterliegt /s/ der Sonorisation
und Abschwächung(§ § 140- 141), so daß die Palatalisierungsregel keine Anwen-
dung findet.

§ I 3S. Zusammenfassung
Die herkömmliche Au ffassung, daß im Thessalischen palatalisierte Verschlußlaute
wie im Lesbischen durch [ss] bzw. [zd] vertreten seien, ist .nicht haltbar. Wenn
man davon ausgeht , daß bei anderen Palatalisierungsprozessen wie der Assibila-
tion oder der Entwicklung von /tw/ im Thessalischen die Okklusivität der be-
troffenen Verschlußlaute bewahrt bleibt und daß durch sekundäre Palatalisierung
palatalisierte Verschlußlaute entstehen, ist es konsequent anzunehmen, daß auch
durch zugrundeliegendes /y/ palatalisierte Verschlußlaute im Thessalischen (zwi-
schen Vokalen) erhalten geblieben sind. Formen, die eine Transformation zu
Sibilanten und Depalatalisierung aufweisen , müssen dann als rezent oder nicht
authentisch interpretiert werden : tiooo<:, rrpdoow und '(XJJ'ioow auf der mit
Koine-Elementen durchsetzten Inschrift IG 9 ,2:517, weil gerade in der Pelasgiotis
sekundäre Palatalisierung stark ausgeprägt ist , und auch rr€~0Ü , c5tKa~€rov, weil
in der Histiaiotis auch /tw/ -. /tt/ in rr€rrap€\ und sekundäre Palatalisierung in
n€c50ca.ioo vertreten sind. Für die Perrhaibia, wo keine Assibilation zu verzeichnen
ist, die Thessaliotis, wo €~~av(JJ(d6iv belegt ist, und die Tetras Phthiotia, wo se-
124
00046245

iJcundäre Palatalisierung nachweisbar ist, kann prinzipiell der gleiche Befund wie
in der Pelasgiotis vorausgesetzt werden; denkbar wäre allerdings auch, daß in An·
betracht des Fehlens von sekundärer Palatalisierung (vgl. Ö.fYYvpc.a statt liiY'{Vppa)
auf der Sotairos-Inschrift aus Thetonion (Südrand der Thessaliotis) -cS(cS} in
E~~avaxaötv bereits flir die depalatalisierte Geminata [dd] wie im Boiotischen
steht.
Die für die Ableitung einer zugrundeliegenden Folge von Obstruent und /y/ er-
forderlichen Regeln und ihre Verteilung unter den aiolischen Dialekten sollen
an dem Beispiel von / ty/ demonstriert werden:

zugrundeliegende Repräsentation: / ty/


thess. boiot. lesb.
Palatalisierung /ff/ !ff/ /tf/
Transformation - !Hf lU!
Depalatalisierung /ts/ / ts/
Assimilation /tt/ /ss/
Gegen diese Analyse können die Einwände erhoben werden, daß
(1) auch im Thessalischen nach / n/ eine Transformation von /ft/ zu /H/ ein·
tritt,
(2) es flir das Boiotische einfacher wäre, flir die Ableitung von palatalisierten
Verschlußlauten zwischen Vokalen auf die Transformations- und die Assi·
milationsregel zu verzichten und eine direkte Depalatalisierung /H/ ~ /tt/
anzunehmen (vgl. Risch 1979: 270).
Zwar wird die Assimilationsregel /ts/ -+ /tt/ im Boiotischen auch für die Ab·
Ieitung von Aoristformen benötigt (§ 146) und ist dadurch unabhängig moti·
viert, aber da - wie in der Diskussion über die Assibiliation in / nti/ (§ 173) ge·
zeigt wird - nach / n/ eine stärkere Palatalisierung als zwischen Vokalen ange·
nommen werden kann, ist es deskriptiv ökonomischer, in der Ableitung pala·
talisierter Verschlußlaute zwischen diesen beiden Positionen zu unterscheiden:
nur nach /n/ tritt im Thessalischen und Boiotischen wie im Lesbischen eine
Transformation /ff/ ~ /H/ ein (vgl. § 120), zwischen Vokalen bleibt /ff/
im Thessalischen erhalten und wird im Boiotischen, ohne die Transformations-
regel zu durchlaufen, zu /tt/ depalatalisiert. Die Ableitungen in §§ 120, 130,
133 sind dann entsprechend zu modiftzieren.

zugrundeliegende Repräsentation: /ty/


thess. boiot. lesb.
Palatalisierung /ff/ /H! f{{J
Transformation !H!
Depalatalisierung - /tt/ /ts/
Assimilation - - /ss/
125
00046245

7.2 Assibilation
§ 136. Im Lesbischen wird ein auf einen Vokal oder einen Sonanten folgendes
/t/ vor /i/ palatalisiert, zu /§/ transformiert und als [s1realisiert. ·
PR {35) Palatalisierung von /t/ vor /i/
+kons
-hoch
+silb
--hint
-+ {+hoch1I [ +son] _ +hoch
+kor
-hint
+ant
-sth
/t/ -+ /f/ zwischen Vokal oder Sonant und /i/
PR (36) Transformation (cf. PR 33) im Lesbischen
+kons
+hoch
-hint
+kor -+ [ +dau]
+ant
-sth
-<lau
/f/ -+ /SI
Depalatalisierung (PR 34)
/§/ -+ [s]
Im Dativ Singular der nt-und !-Stämme steht (t] unassibiliert vor (i] (cf. lesb.
61Xd~ovn lG 12,2:526.a27 , 1/JCl.o(Jia}Jan IG 12,2 S: l38.20). Die Wirkung der Assi-
bilationsregeln ist hier entweder durch analogjsche Prozesse wieder rückgängig
gemacht worden (das den Stamm charakterisierende /t/ ist in Analogie zu den
übrigen Formen des Paradigmas wiedereingeflihrt worden), oder die Anwendung
der Assibilationsregeln ist blockiert, wenn zwischen / t/ und /i/ eine Morphem-
grenze liegt:
/psa:phismat+i/ -+ [psa:phismati).
Als SufflX der femin inen nomina actionis wird auch im Thessalischen und Boioti-
schen /si/ verwendet {thess. tiyypEOL~ McD 337.40, 6dat~ McD 310.31 ; boiot.
ijpEOL~ IG 7:2383. 11, tiviJEOL~ E. 78:04.9, €vKo'Aal/lt~ BCH 1936: 177ff. Z. 32);
/si/ ist hier jedoch nicht aus älterem /ti/ entwickelt (cf. boiot. EihpELTL~ in EVrp{-
rLip(!wrö IG 7:3467 , 5. Jhdt., EV1pELTLh~iE~ BCH 1904: 430 Nr. I , 2. Jhdt.), son-
dern beruht möglicherweise - vor allem in weitverbreiteten Termini der Wirt-
schafts- und Rechtssprache (cf. ti'Atxn~ IG 7:2420.21, ä.'Aoowv DGE 462.bS 1,
ä.tr66oot~ IG 7:3172.5, ä-yopaoot~ DGE 462.a21) - auf Substrateinfluß (Ruijgh
1977: 261f.).
126
00046245

§ 137. Du Eintreten der Palatalisierung von /t/ vor /i/ und die Beschränkung
innerhalb der aiolischen Dialekte auf das Lesbische werden häufig (zuletzt Rix
1976: 89) als Einfluß des Ionischen erklärt, aber die Parallelen zu den Resul·
taten anderer Palatalisierungsprozesse müssen in die Überlegungen einbezogen
werden: die Fortsetzung von / ty/ und / tw/ bzw. /tu/ unterliegt im Lesbischen
einer Transformation und Assimilation zu einem (geminierten) Sibilanten, wäh·
rend im Thessalischen und Boiotischen die Okklusivität erhalten bleibt (§ 135,
139). Vor / i/ palatalisiertes /t/ müßte also im Thessalischen als [f], im Boiotischen
mit Depalatalisierung als [ t] repräsentiert werden, so daß die Palatalisierung selbst
als eine allen aiolischen Dialekten gemeinsame Erscheinung aufgefaßt werden
kann und das Lesbische nur in der Transformation eine von den beiden ande-
ren Dialekten abweichende Entwicklung eingeschlagen hat.

§ 138. Anwendungsbeispiele (zum Vergleich werden den assibilierten lesbischen


Formen entsprechende boiotische und thessalische Formen gegenübergestellt):
/pla:tion/ -+ (pla:sion] lesb . nM.oc.ov Sa 17.1
thess. n'Aariov McD 347.21
• boiot. [n]Xar~ BCH 1895 : 379ff. z. 20
/kati+/ -+ (kasi· ] lesb . Kaot-yvilrwv IG 12,2: S26.d19
thess. Kari-yv(etroc;JlG 9,2:894.3
/pha:ti/ -+ (pha:si] lesb . ..piiot (§ 195)
Nach /s/ ist /ti/ auch im Lesbischen erhalten: /es+ti/ -+ [esti] tori. Zur Assibi·
lation _in dem Ausgang der 3. Pl.Akt. vgl. § 179.
Weiterhin wird die Opposition lesb. [si] : thess. boiot. [ ti] in einer Reihe von
lexikalischen Einheiten deutlich, z.B. in:
lesb. e'CKoot : thess. ücan, boiot. Fi.Kan (§ 289)
lesb. f~W<OOLOL : thess. f~eLKUTTLOL, boiot. f~W<dTC.Ot (§ 289)
lesb . Mtipot'A~: thess. Mupn'Aoc; IG 9,2: 1315.

§ 139. Eine hinsichtlich des Resultats und der Verbreitung vergleichbare Assibi·
lation von / t/ ist auch vor /u/ zu beobachten :
/he :mitu+/ -+ Jesb. /he :misu+/ c$tov<: (zu ai· statt f/· vgl . § 85)
/petur+/ -+ lesb . /pesur+/ neovpe<; .
Dem lesb. alp.tov<: entspricht im Boiotischen efsurr~ (e!J,ur[rov] BCH 1936:
181ff. Z. 13, hp.trra mit h für [he:] SEG 24:361.15/ 16), das Äquivalent im
Thessalischen ist nicht belegt.
hllüOoll IG 9,2: 1222. 1/ 2 (es wäre zu prüfen, ob die Ergänzuns Kerns in h"wfa)ov Ober·
halpt gerecht fertigt Ist ) von der geographisch Magnesia zugerechneten Insel Tri.keron kann
in Anbeu acht der Divergenze n zwischen dem Dialekt vo n Magnesia und dem Thessalischen
nicht als zweifelsfreies Zeugnis für das Thessalische (und eine Entwicklung / tw/ - fss) im
'Th:ssalischen) herangezogen werden.

127
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Dem lesb. rr€oupt:<: (rreoupa Memnon Nr. 31.7 Balbilla) entspricht im Boiottsch.en
und Thessalischen rrer-rap€<: (Belege§ 289). Die Opposition (s] : (tt] in a"ip.tav<:/
€tJ.ltTTO<:, rreoupt:<:/rrirrap€<: resultiert aus verschiedenen phonologischen Prozes-
sen, die auf verschiedenen zugrundeliegenden Repräsentationen operieren: im
Lesbischen wird der zugrundeliegende Konsonant / t/ vor /u/ zu [s] assibiliert,
während im Thessalischen und Boiotischen die zugrundeliegende Konsonanten-
folge / tw/ in dem geminierten Konsonanten (tt] überführt wird 115 :
lesb. /he:mitu+/ -+ /he :misu+/
thess. boiot. /he: mitwo+/ -+ /he:mitto+/ '
Jesb. /petur+/ -+ /pesur+/
thess . boiot. /petwar+/ -+ /pettar+/ 126
Abweichend von dieser Analyse wird von manchen Forschern 127 für das Lesbische
eine Form rr€oaup€<: 128 angenommen , die sich jedoch auf keine direkten Zeugnisse
stützen kann : in IG 12,2:82.3 ist in der Lücke vor ]upt:<: nicht genügend Raum
für vier Buchstaben (Bechtel 1921: 72, gegen Wyatt 1975: 255), so daß in Ober-
einstimmung mit dem Beleg aus dem Balbilla-Epigramm [ rr€a Jupt:<: zu lesen ist.
Das in einer Hesych-Glosse als aiolisch bezeichnete rr€aaupt:<: ließe sich dann als
eine Form interpretieren , die in Analogie zu gemeingr. r€aoap€<; aus dem ur-
sprünglichen lesb . rreaup€<; gebildet wurde.
Mit der Assibilation von /t/ vor /u/ hat das Lesbische einen Prozeß fortgesetzt,
der im Boiotischen in späterer Zeit durch den Gleitlauteinschub (§ 52) nur ein-
geleitet wurde. Es läßt sich allerdings nicht entscheiden, ob im Boiotischen die
Schreibung t zwischen einem koronalen Konsonanten und [u] wie etwa in rc00xa
den Gleitlaut [y) selbst bezeichnet ([ tyu-]) oder die Palatalisierung des Konso-
nanten ([fu-) aus (tYu-], vgl. thess. rn für [H]).

7.3 Entwic.klung von /s/


§ 140. Sonorisation
Zugrundeliegendes /s/ wird stimmhaft
(1) am Wortanfang vor Vokalen , Sonanten und Gleitlauten
125 PerpiHou (1974: 400) bestreitet die Möglichkeit einer Assibilation von /t / vor / u/; in
rrioupe<; liege nicht notwendigerweise eine SiJbe TU, sondern eine Form mit einer voydl~
d'oppui •111Tf 0 pH vor, und in tiJ.11ou~ sei der Einfluß der thematischen Dublette ~J.I'"
Tfo· entscheidend gewesen. Diese Analyse erklärt aber nicht die Opposition zwischen
dem einfachen Sibilanten im Lesbischen und dem geminierten Verschlußlaut im Thessa·
fischen und Boiotischen.
126 Eine historisch-vergleichende Analyse, die über den aus den aiolischen Dialekten erschließ..
baren Befund hinausgeht, zeigt, daß die Oppositionen zwischen dem Lesbischen einer·
seits und dem Thessalischen und Boiotischen andererseits auf verschiedenen Weiterbil-
dungen und Ablautstufen gemeinsamer Vorformen zurückgehen: •semitu·/ semit'!o-, Nom.
•k ~etur·/ Akk. •k~etllf··
127 Wathelet (1970: 69f., 97), Seelees (1973 : 388, mit weiterer Literatw).
128 rrtooaptt; ist nirgends belegt.

128
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(2) zwischen Vokalen


(3) zwischen einem Vokal und einem Gleitlaut
(4) zwischen einem Gleitlaut und einem Vokal(§ 92)
(5) zwischen einem Vokal und einem Sonanten(§ 122)
(6) zwischen einem Sonanten und einem Vokal , wenn zwischen dem Sonanten
und /s/ keine Morphemgrenze liegt und wenn die akzenttragende Silbe
folgt (§ 114).

PR (37) s-Sonorisation
+kons
+kor
+ant
+dau
L-sth
/s/ ... /z/

§ 141. Abschwächung
Zwischen einem Vokal und einem Vokal , Gleitlaut oder Sonanten und am Wort-
anfang vor einem Vokal , Gleitlaut oder Sonanten wird /z/ zum Hauchlaut /h/.

PR (38) z-Abschwächung
+kons -kons
-son +son
- tief +tief
+kor
+ant
-kor
-ant
I {[;~b]} _ [+son]
+sth -sth
+dau -<lau
- asp +asp
/z/ ... /h/
In der Formalliierung mit dem Me.rkmalsystem der generativen Phonologie erscheint de.r
Wandel von (z) zu (h) a.ls ein außerordentlich komplexer - und daher unnatürlicher - Pro-
zeß. Wenn (h] statt als Gleitlaut als ein Konsonant spezifiziert würde (cf. § 149), ergäbe
sich eine beträchtliche Vereinfachung (Sommerstein 1973: 95 , Aitchison 1976 : 186, 190).

1Jlgung

Zwischen Vokalen wird /h/ getilgt.


Gleitlauttilgung § 103
/h/ ... 0 I [+silb ]_ [+silb]
9 Blümel, Die aiolischen Dialekte 129
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§ 142. Anwendungsbeispiele:

/s/ zwischen Vokalen


(1) zugrundeliegende Repr. Gen. Sg. /genes+os/ § 256
s-Sonorisation /genezos/
z-Abschwächung /genehos/
Gleitlauttilgung [geneos]
Oberflächenform lesb. 'Yfll€0~ 1G 12,2: 102.2
(2) zugrundeliegende Repr. Imp. Med. 2. Sg. /erkll+e+so/
s-Sonorisation /erkhezo/
z-Abschwächung /erklleho/
Gleitlauttilgung [erklleo]
Oberflächenform lesb. €px€o Sa 94.7
/s/ am Wortanfang
(3) zugrundeliegende Repr. /sekll+/
s-Sonorisation /zekh+/
z-Abschwächung /hekh+/

/s/ vor einem Gleitlaut


(4) Gen . Sg. der o-Stämme: / tosyo/ ,.. /tozyo/ ,.. / tohyo/ § 92

Die Fälle, in denen entgegen den oben genannten Regeln [s] zwischen Vokalen
auftritt, sind durch analogische morphologische Prozesse und durch Regelordnun!
zu erklären:
(I) Suffucanlautendes [s] ist in Kontexten, in denen ihm eine morphologisch
relevante Funktion zukam - so z.B. in den s-Tempora (Aorist und Futur)
der Verben mit vokalischem Stammauslaut - , wiedereingeführt worden
(vgl. auch Risch 1956).
(2) Oie Assibilationsregeln § 136 sind nach den Regeln für die Entwicklung von
zugrundeliegendem /s/ anzuordnen.

7.4 Assimilationsprozesse

§ 143. Stimmassimilation zwischen Obstruenten


Obstruenten assimilieren hinsichtlich des Stimmwertes an den folgenden Kon-
sonanten.
PR (39) Stimmassimilation

r+konsl ,.. [asth] I [+kons]


l~on J - asth

130
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Anwendungsbeispiele:
/e-leg+sa+/ --. [eleksa-] thess. X€~avro<: IG 9,2:512.24
boiot. €f...e~av DGE 546.3
/theos#dotos/ --. [theozdotos] (§ 31) lesb.
thess. 9eo~6row IG 9,2:459.12
boiot. E>w~6rw IG 7:2718.7
/e-komid+sa+/ --. /ekomitsa+/ § 146

§ 144. Hauchassimilation
Aspirierte Verschlußlaute werden vor Nicht-Aspiraten deaspiriert, nicht-aspirierte
Verschlußlaute werden vor aspirierten Verschlußlauten und /h/ aspiriert.
PR ( 40) Hauchassimilation

[::~:s] --. [aasp] I_ [:~:]


Anwendungsbeispiele:
/e-graph+sa+/ --. [egrapsa·] lesb. €-ypalJ!e IG 12,2:15.37
thess. €-ypalJ!e IG 9,2:517.18
boiot. €-ypal/lav IG 7:3172.38
/ge-graph+tay/ --. [gegraptay] lesb. -y€-ypa1rrru. IG 12,2 S: 138.35
boiot. -y€-ypa1TTfl IG 7:529.5
/e-ag+the:+/ --. [a:khthe:-] lesb. 81.€~<iX~17" IG 12,2 S:l39.25
boiot. aouvax~eioa<: IG 7:1719.6
Oie Frage, ob im Thessalischen die Aspiration von /th/ vor fyf erhalten blieb, wird in § 133
diskutiert.

§ 145. Assimilation zwischen Verschlußlaut + Verschlußlaut


Im Thessalischen unterliegen Folgen von Verschlußlauten einer optionalen Assi-
milation ; die Assimilation verläuft im Vorkommensfall regressiv.
[pt -+ tt]
Thess. ol rroXiapxOf. IG 9,2:1233.1, dpxtrroXtapx€vro<: ibid. Z. 2, roXXwpxevrovv
McD 3 11.15/ 16, e1ri TrvXixva<: BCH 1970: 161ff. Z. 2 1, €rrci SEG 26:672.10,
1\errivaw<: IG 9,2:5 17.79, /\€1'Tiva<: SEG 27:205.4 129, er TOV IG 9,2:512.7, är
räv JG 9,2: 460.9
[phth ... tth]
Thess. 'Ar~6vetro<: IG 9,2:517.89, ' AT~ovetTeia IG 9,2:581 (gegenüber boiot.
'Atp~ovetro<: IG 7:27 16.11), -yXVT~oii McD 347.6

129 In den Namen von Fremden ist (pt) erhalten: 'Apxa.pera 1\emwala. Ka.hu6ou11la. IG
9,2:458.3/5, 1\e!I'[Tllla.)~ 'A(XKl]#U>U ' T1ra.ra.io~ IG 9,2:6.6.

131
00046245

[bd ~ dd]
Thess. €r~€J.L€ixovra (§ 33) SEG 26:672.34 neben €~€J.L€ixovra SEG 2:264.77
[tk ~ kk]
Thess. tr6KKt130 IG 9,2:5 17.12
Vgl. boiot. trOK Kar6trra~ DGE 485.10
[dg -+ gg]
Thess. UVJ.Ltroyyiv€LT€t McD 337.36, n-owypal/IUJ.L€vot~ (§ 33) IG 9,2: 1228. 18
Vgl. boiot. Ka -yäv IG 7:524.7 (mit Einfachschreibung der Geminata)
[tp ~ pp]
Thess. Katr n-avr6~ IG 9 ,2:5 17.20 {mit Einfachschreibung Katravr6~ McD 337.
29)
[kt ~ tt]
Thess. OTTov SEG 26:672.13
Vgl.lesb. ÖTn 131 IG 12,2: 1.16
(gd ~ dd]
Thess. oMOa. GHW 5346
[kp -+ pp]
Vgl. lesb. Ö1rtrw~ IG 12,2:67.4, ö1ma IG 12,2:645.ä47, Ö1rtrat IG 12,2 S:2.30,
Ö1rtrOL IG 12,2: 14.11

§ 146. A ssimilation zwischen dentalem Verschluß laut +dentalem Dauerlaut

Durch die Stimrnassirnilations· (§ 143) und die Transformations· und Depalatali·


sierungsregel (§ 126) abgeleitete Folgen von einem dentalen Verschlußlaut und
einem dentalen Dauerlaut werden zwischen Vokalen und am Wortanfang im Les·
bischen regressiv, im Boiotischen progressiv assimiliert.
PR (41) Assimilation ,dent. Verschlußlaut + dent. Dauerlaut'
+kons +kons im Lesb.
2
+kor +kor [+dau]
+ant +ant I [;~b]_ [+silb]
[-d~u]
-<lau +dau
1
asth asth im Boiot.

lesb. [ss]
/ts/ ~

boiot. [tt]

/dz/ -+
lesb . /zz/
boiot. [dd]

130 lfO'T·~« aus lfOÖ·~« nach § 143, zu lfo6 vgl. JJio-rroo-t IG 9,2 :5 17.13.
131 •ot·kwi > •ok-kwi > •ok·ti > otti (Ruijgh 1977 : 261 gegen Lejeune 1972: 31 1).

132
00046245

Anwendungsbeispiele:
(1) s-Aorist (§ 201ff.)
zugrundeliegende Repräsentation /komid+sa+/
Stimmassimilation /komitsa+/
lesb. [komissa-]
Assimilation
boiot. [komitta-]
lesb. KO~-ttCJaa- (-a~aL IG 12,2:29.9)
Oberflächenform
boiot. KO~-ttrra- (-~-tevot IG 7:2405.12)
(2) Depalatalisierung (§ 130)
/ pra:k+yo :/ -+ / pra:tso:/ -+ lesb. [pra:sso: ], boiot. [pra:tto:]
/ped+yo+s/ -+ /pedzos/ -+ lesb. [pezdos], boiot. [peddos]
Wenn man darauf verzichtet, im Boiotischen eine Transformation /H! -+ /ts/, /dd/ -+
/di/ anzunehmen (§ 135), we.rden durch die Depalatalisierung keine Eingaben flir die
Assimilationsregel erzeugt.
Aus dem Thessalischen liegen keine sicheren Belege für Assimilation von /ts/,
fdz/ vor (zu Aoristformen vgl. § 203, zu l:Jaao<:, rrpaaaw, cpavlaaw vgl. § 13lff.).
§ 147. Assimilation [st -+ tt] im Boiotischen?
Für eine regressive Assimilation [st -+ tt} im Boiotischen werden u.a. von
Schwyzer (1959: 216) die Formen
€rre IG 7:3054.7, IG 7:3170.13, AD 1916: 218f. Z. 32
lrrw Aristoph. Ach. 911, Platon Phaidon 62a
ömr~ortA.a Strattis Phoinissai 3
'At-yl(~)~ow IG 7:2852 (nach Perpillou 1974: 400)
angefUhrt. Sämtliche Belege sind problematisch.
Was €rre (Präposition und Konjunktion) angeht, ist eine Herleitung aus •eva-re
> •ea-re keineswegs gesichert (Frisk GEW s.v. lare) - zumal auch nicht *e~X: >
ei<:, sondern ev, im Boiotischen vertreten ist; auf jeden Fall müßte €rrav Ka IG
7:3172.49, E. 77:04.20/21 und erri. Ka IG 7: 1778.4, DGE 462.a11, AD 1916:
220f. Z. 43, E. 77: 04.8 etc. in die Überlegungen einbezogen werden. lrrw aus
• fw-rw wird durch die inschriftliche Überlieferung nicht bestätigt, aber auch
nicht widerlegt: das aus dem gleichen Stamm gebildete nomen agentis flarwp
(flarwp JG 7:3 172.64, fiarope<: IG 7:1779.7, AD 1916: 218f. Z. 48) ist nicht
echt boiotisch, sondern ein aus dem Ionischen stammendes Kulturwort (Thumb-
Scherer 1959: 29 gegen Bechtel 1921 : 306). Im Gegensatz zu Ö1Ttr~onf...a aus
dem Komikerfragment ist -a~- in Karoma~e SEG 22:404, ·oa~O..o<: IG 7:1880.4
erhalten, und 'At-yl.~ow steht in einer poetischen, nicht im boiotischen Dialekt
abgefaßten Grabinschrift. Gegen die Annahme einer Assimilation [st -+ tt] im
Boiotischen spricht auch die Erhaltung von [zd:] 9eoaoor<K und 9€60or<K sind
verschiedene Bildungen (§ 31 ).
133
00046245

§ 148. Assimilation zwischen Verschlußlaut +Nasal


[bm ~ mm] ([bm] durch Hauch· und Stimmassimilation aus / phm/, /pm/)
Lesb. "fE"fpaJJ1..1.€vw lKyme 12.7, ["fE"fpa)lll..t€vwv IG 12,2:6.16
Boiot. "fE"fPa!J.IJ.€vov IG 7:3083.16, XäJJI..I.a DGE 462.a23
Für das Lesbische wird eine progressive Assimilation Uphm/ ~) /pm/ ~ (pJP]
(vor Anwendung der Stirnmassirnilationsregel) belegt durch &maTa Sa 112.3,
ä.rra1r1r€va Alk 298.10, "fE"fparr[ trEV· ]? Alk 129.27 etc. in der lesbischen Lyrik,
"fp6rmaTa Mernnon Nr. 28.11 bei Balbilla und li.Xtrrrra Etym. m. 64.40 bei den
Grammatikern. Slings ( 1979), der diesem Material jüngst eine ausfuhrliehe Un ter-
suchung gewidmet hat, sieht progressive Assimilation als typisch für alle aioli-
schen Dialekte an; die seit dem letzten Viertel des 4. Jhdt.s auf den Inschrift en
des Lesbischen nachweisbare regressive Assimilation ('YE"fP<iJJI..I.EVOc;) sei, nach
einer Re-interpretation von [pp] als /-p+m·/, als Entlehnung - etwa aus dem
Ionischen - zu beurteilen. Da in dem Material, das die lesbischen - und thessa-
lischen - Inschriften bieten, nur regressive Assimilation zu verzeichnen ist, soll
dieses Problem hier nicht weiter verfolgt werden.

7.5 Dissimilationsprozesse

Z5.1 Hauchdissimilation
§ 149. Innerhalb eines Wortes werden zwei durch das Merkmal [+asp] spezifi·
zierte Segmente {d.h. die aspirierten Verschlußlaute /ph/, /th/, /kh/ und der Gleit
laut /h/) dergestalt dissimiliert, daß das erste seine Aspiration verliert (der Ver-
lust der Aspiration ist bei /h/ gleichbedeutend mit Schwund) und das zweite un-
verändert bestehen bleibt.
Die umständliche Formulierung .,durch das Merkmal (+asp) spezifizierte Segmente" rührt
daher, daß in dem Merkmalsystem der generativen Phonologie aspirierte Verschlußlaute und
der Gleitlaut [h) nicht unter einer Merkmalspezifikation zusammengefaßt werden können.
Als weitere Schwierigkeit kommt hinzu, daß Deaspirierung eines Verschlußlauts lediglich
Verlust eines Merkmals bedeutet, Deaspirierung des Gleitlauts (h) aber mit seiner Tilgung
gleichzusetzen ist. Die Merkmalstheorie müßte also so erweitert werden, daß der offenkun·
dige Zusammenhang zwischen diesen beiden Deaspirierungsprozessen auch in der formalen
Darstellung zum Ausdruck kommt und sie dadurch vereinfacht (vgl. auch Lightner 197 3,
Miller 1974: 217 ); Aitchison (1976) schlägt daher eine SpezifiZierung von (h) als Konso·
nanten ([+kons), [+dau), [+asp)) vor.
Dabei müssen folgende Bedingungen gegeben sein:
(1) Die Aspiraten dürfen durch nur ein syllabisches Segment voneinander ge·
trennt sein.
Eine adäquate Behandlung dieser Kontextbedingung müßte mit dem Begriff der Silbe
arbeiten ("die Aspiraten müssen in aufeinanderfo lgenden Silben stehen"). Dieser Be·
griff ist aber in der generativen Phonologie bisher nicht eingeflihrt und mit ihren No-
tationskonventionen nicht darstellbar.

134
00046245

(2) Die Aspiraten müssen dem Wortstamm angehören; Aspiraten in Flexiven und
Kompositionsmorphemen haben keine di~imilatorische Wirkung auf Aspira·
ten im Stamm.
Miller (197 4) hat unter Hinwei.s auf das Postulat von Cho msky-Halle (1968: 364)
(.,processes operating within formatives normally also apply across a formative bound·
ary " ) die theoretischen Implikationen einer Restringierung von Regeln auf bestimmte
Formative diskutiert, aber auf eine Formalisierung verzichtet. Die unten verwendete
Spezifikation mag als ein Versuch betrachtet werden, die Tatsache, daß die Dissimila·
tio nsregel nicht über die Gre nzen einer Wurzel (Grenzsymbol +)oder eines Stammes
(Gre nzsymbol =) hinaus operiert, formal darzustellen und steht zur Diskussion, bis
in der Theorie de.r generativen Pho nologie eine Einigung in dieser umstrittenen Frage
erzielt ist. Zuletzt hat Dressler (1976) die Probleme diskutiert, die sich aus der Frage
der Relevanz von Morphemgrenzen flir phonologische Prozesse und der m öglichen Kon·
sequenzen flir die Notationskonventionen der generativen Phonologie ergeben.

PR ( 42) Hauchdissimilation
PR (42.1) Deaspirierung von Verschlußlauten
+kons] {+)
[+kons] -+ [- asp] I+ _ CoV1Co (+) [+asp X = J

PR ( 42.2) Schwund von /h/ durch Dissimilation


-silb
-kons -+ 0 I _ V1 [+asp]
+asp
Miller (1974) hat den Anwend ungsbereich der Hauchdissimilationsregel auf Wurzeln
beschränkt m, wobei er Reduplikationssilben in gewissem Sinn als Teil der Wurzel be·
trachtet, und den Dissimilationen in Formen des Aorists Passiv durch eine Spiegelbild·
lieh operierende Ausnahmeregel Rechnung getragen, in der zwei Bedingungen gestellt
werden: d ie beiden Aspiraten müssen Dentale sein und dürfen nur durch ein syllabisches
Segment voneinander getrennt sein. Ich habe mich dieser Lösung nicht anschließen kön·
nen, weil in ihr lesb. uKe..,rw 133 (/skh+e+the+en/ zur Wurzel / sekh+/ ) nicht berücksich·
tigt wird und dissimilierte Formen des Imperat ivs Aorist Passiv (Typ ).u..,rm / lu:+the:+
thi/ ) sich leichter durch paradigmatischen Ausgleich erklären lassen : ·n statt • ..,, in
Analogie zu 3. Sg. ""Tw, 2. PI. ""Te (cf. Lejeune 1972: 58). Ein weiterer Vorzug de.r Ein·
schränkung des Anwendungsbereichs auf Stämme statt Wurzeln kann darin gesehen
werden, daß die Schwierigkeit umgangen wird, Reduplika tionssilben als Teil der Wurzel
betrachten zu müssen und nur flir den Imperativ Aorist Passiv eine progressive Dissimila·
tio n im Gegensatz zu der sonst regressiven annehmen zu müssen.

Die in synchron isolierten Reliktformen wie €Kf'X.Etpia (lesb. fKfX.Etplav IG 12,2


S: 138.13, boiot. EKflXEtplav IMagnesia 25.11) aus /ekhe#khe:ria/ und 0+1.1Tf'X.·
(boiot. [ä.}Jmey_6vwv DGE 462.b 11 gegenüber ~i~wupov IG 7:2876.9/ 10) aus
132 So auch Anderson (1970) und Kiparsky (1973a) mit Einführung des ad hoe>Symbols
(+ROOTI in der Me.r kmalspezifücation.
13 3 (ülrroud..,.,.," IG 12,2:526.a40, cf. CJKI..,oiiT'tC: Alk 129.10, napeuu~ ·e Alk 119.3, un·
sicher KaTtC11C{e<tEl Alk 11 2.12, ntpOKt~owa Sa 16.6; auf einer jungen, nicht rein im
Dialekt abgefaßte n Inschrift oxt"'l'l" IG 12,2 S:692.18 (2. Jhdt.).

135
00046245

/amphi~kh+/ eingetretene Dissimilation weist nach, daß die Anwendung der


Hauchdissimilationsregel ursprünglich nicht durch Wort- oder Morphemgrenze:n
blockiert war. Der Bereich der Regel ist synchron eingeengt, und Formen, düe
die frühere, kontextfreie Dissimilationsregel durchlaufen haben, sind lexikalisüert
{Miller 1974, 1977: 148).

§ 1SO. Die Hauchdissirnilationsrege1 wurde in historischer Zeit in die Gramm:atik


der aiolischen Dialekte aufgenommen. Eine Reihe boiotischer und thessalischler
Belege mit noch nicht dissimilierten Aspiraten aus dem 6. und 5. Jahrhundert
weisen auf eine Datierung in die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts (cf. auch Mil-
ler 1977: 144):
boiot. <l>it9öv IG 7:3682, IG 7: 195 1, IG 7:665
<l>tt9döa~ D(}E 440,9
<l> it9e Glotta 1930: 1ff.
<l>tt9[ AD 1970: 137 Nr. 17

9p~v6a~ SEG 2: 192
<l>dp..pöv IG 7:3584, IG 7:3679, IG 7:3680
]hexe[ Ptoion 1971 Nr. 50a
!p€r.pvA.axao DGE 538.4
Xtxwat IG 12 :401
thess. t9et9plJ~McD 326.1
<1>E-9A (Abkürzung flir <I>ET9AAON, § 133)
dvt9et9[ IG 9,2: 1203
Die entgegengesetzte Auffassung, daß nämlich Belege wie l)el)~o<: eine ,,Aufhebung" der
Hauchdissimilationsregel dokumentierten (Garcla-Ram6n 197 5 : 30), beinhaltet die - ab-
wegige - Voraussetzung, daß sämtliche oben zitierten lexikalischen Einheiten mit zwei
Aspiraten erst nach dem Verlust der Dissirnilationsregel in die Grammatik des Thessalischen
und Boiotischen aufgenommen worden seien.
Aus dem Lesbischen liegt ausreichendes Inschriftenmaterial aus so früher Zeit
nicht vor, so daß eine Bestimmung des Zeitraumes, in dem die Hauchdissirnila-
tion eingetreten ist, nicht möglich ist.

§ 1S l. A nwendungsbeispiele:
( I) Präsensstamm zu der Wurzel / the:+/
zugrundeliegende Repr. /thi-the :+/
Hauchdissimilation / tithe:+/
lesb. [tithe:-] rit9et (§ 193)
Oberflächenfonn
boiot. [tithe :-] rit9em (§ 193)

(2) Aorist Passiv zu der Wurzel / the :+/


zugrundeliegende Repr. / the+the:+/
136
00046245

Oberflächenform thess. [thethe :-] dVI?et)[


Hauchdissimilation [tethe :-]
lesb. re~- (war€~ IErythrai 122.54)
Oberflächen form thess. ret)e,- (dVTet)ei IG 9,2: 1229 .32)
boiot. ret)e,- (ret)€VTo<; IG 7: 3172.36)

(3) Perfekt
zugrundeliegende Repr. '/khe-khre:+/
Hauchdissimilation [kekhre:-]
Oberflächenform boiot. K€Xfl€'· (tc€XPE'[J.l]€11ci.WII SEG 22:432.10)

(4) Präsens der Wurzel /sekh+/


zugrundeliegende Repr. /sekh+/
s-Sonorisation /zekh+/
z-Abschwächung /hekh+/
Oberflächenform boiot. [hekh-) hexe[
Hauchdissimilation [ekh-]
lesb. tx· (exe' IErythrai 122.32)
Oberflächenform thess. tx· (exouv McD 337 .38)
boiot. ex· (EX' IG 7:3 172.58)
(5) Wurzel /haph+/
zugrundeliegende Repr. /haph+/
Hauchdissimilation [aph+)
Oberflächenform boiot. dcp- in dv(€]rr~v IG 7: 1778.7/8
Die PalataHsierung geht der Hauchdissimilation voraus: / haph+yo:/ ~ [hap-
to:) €cpci.1Treot)[17) BCH 1970: 157ff. Z. 14

7.5.2 Dissimilation von dentalen Verschlußlauten

§ 152. Ein dentaler Verschlußlaut wird vor einem dentalen Verschlußlaut zum
Dauerlaut dissimiliert.
PR (43) Dissimilation von dentalen Verschlußlauten
+kons
+kons
-son
-son
~ [+dau] /_ +kor
~-kor
+ant
+ant
-dau
137
00046245

Die Regel flir die Dissimilation von dentalen Verschlußlauten ist vor den Assi- ·
milationsregeln anzuwenden: durch die Assimilation / ts/ --. [tt] (§ 146) und
die Verschlußlautassimilation (§ 145) abgeleitetes [tt] bleibt erhalten.
Anwendungsbeispiele:
le-dikad+the:+/ --. [edikasthe:-] lesb €8cxciaiht IG 12,2:526.a30
/de-dikad+tayl __. [dedikastay] lesb. 8ta8e8ixaarat IG 12,2 S: 139.20
/e-psa:phid+tayl --. [epsa:phiste:] thess . €1/J~aret IG 9,2:517.17
/ke-kornid+tay I --. [kekorniste: ] boiot. K€KO/J.LOTT/ IG 7:3171.29

7.6 Tilgungsprozesse
§ 153. Tilgung in Konsonantengruppen: fCts __. Csf
In der Folge lts/ wird nach einem Konsonanten lt/ getilgt.
/nts --. nsl
/phile:+nt+sl __. /philentsl --. /philensl (§ 120, 235)
/pant+s/ --. lpansl (§ 120)
lphile:+nt+ya/ --. lphilenf§al --. /philen§al (§ 120, 235)
/kts --. ksl
/wanakt+sl --. [wanaks] boiot. fcivax' (§ 28) DGE 538.4

§ 154. Tilgung in sonstigen Konsonantengruppen


lkskl --. lesb. [kk], thess. boiot. [sk]
lesb. eKKaWEKOTO' IG 12,2:82.7
thess. eaKru.OeK&ra SEG 27:202.6/7
boiot. eaKT/8€KaTOV DGE 485.37
/Rst/ --. [st]
thess. öarpo.{Xi McD 337.20,23, boiot. clarpecpeTT/ IG 7:2849.7
thess. 1TearciVTa,, clarepä,, 'Aaro- (§ 64)

§ 155. Tilgung an der Wortgrenze: Verschlußlaute am Wortende


Verschlußlaute am Wortende werden getilgt.
PR (44) Verschlußlauttilgung am Wortende
+kons
-son __. 0 I ##
-dau
Präpositionen und die Negation ovK sind, wie es durch das Eintreten von Assimi-
lationsprozessen deutlich wird , von dem folgenden Wort nicht durch eine Pause
138
00046245

getrennt und bleiben daher von der Anwendung der Verschlußlauttilgungsregel


ausgeschlossen.

Anwendungsbeispiele:
Nom. Sg. /psa:phismat+0/ -+ [psa:phisma]
lesb. 1/Jdcpc.opa IG 12,2: 15.32
thess. 1/Jdcpc.opa IG 9,2:258.11
boiot. 1/JCI.Apwpa DGE 462.a 11
Präs. 1nd. 3. Sg. /ark.h+e+ti/ -+ /arkheyt/ -+ [arkhey] (§ 179)
1esb. ti,pxet IG 12,2:1.19
thess. mrapxet McD 310.10
boiot. lipxt IG 7:317 1.40
Impf. 3. Sg. /e-ekh+e+t/ -+ [e:khe]
lesb. ilxe IG 12,2:529.13
thess. ELXE McD 337.40
boiot. ELXE
Nom. Sg. Part. Ntr. /ekh+o+nt+0/ -+ [ekhon] (§ 234)
lesb. exov lAssos 3.7
..
thess. exov
boiot. exov IG 7:2421.4

§ 156. Tilgung an der Wortgrenze: Geminaten


Geminaten an der Wortgrenze werden vereinfacht.
/me:ns+s/ -+ /me:ns/(§ 11 7)
/dye:ws/ -+ boiot. /dde:ws/ -+ [dews] (§ 130)
/ptoli+/ -+ thess. /ttoü+/ -+ / toli+/ ro'A'Ampxevrow (aber wegen fehlender
Pause zwischen Artikel und Nomen oi no'Aiapxot) (§ 145)

§ 157. Tilgung an der Wortgrenze: Sonant + fs/


Im Thessalischen wird in einer Folge von einem Sonanten und /s/ am Wortende
der Sonant getilgt.
Akk. PI. /nomo+ns/ -+ thess. [nomos] (§ 120)
Part. /philents/ -+ / philens/ (§ 153) -+ thess. [philes] (§ 235)

8. Akzentregel: Akzentverschiebung im Lesbischen

§ 158. Inschriftliche Texte sind nicht mit Akzentzeichen versehen und können
daher keinen Aufschluß über den Wortakzent der gesprochenen Sprache geben.
Nach der übereinstimmenden Aussage antiker Grammatiker wurde aber im ,,Aioü-
139


00046245

sehen" in allen Wörtern außer den Präpositionen und Konjunktionen der Wort-
akzent so weit wie möglich vom Wortende zurückgezogen, nämlich auf die vor-
letzte Silbe, wenn die letzte lang war, sonst auf die drittletzte (Barytonese). Der
größte Teil der Papyrusüberlieferung literarischer Texte steht in Einklang mit die-
ser Doktrin, während die ältesten, von den Granunatikern noch nicht beeinfluß-
ten Dokumente der Überlieferung, das Ostrakon aus dem 3. Jahrhundert v.Chr.
(Sa 2) und der P. Haun. 301 (Sa 98a) keine Akzentzeichen tragen. 134
Wie in der Frage der Beurteilung der lesbischen Psilose liegen also auch hinsicht-
lich der lesbischen Barytonese keine direkten Zeugnisse vor, die die Nachrichten
der antiken Grammatiker bestätigen könnten. Es gibt jedoch ein phonologisches
Argument, das ftir die Beurteilung der Akzentverhältnisse in den aiolischen Dia-
lekten und damit auch im Lesbischen herangezogen werden kann: zugrundelie-
gendes /s/ wird zwischen einem Sonanten und einem Vokal stimmhaft, wenn
die akzenttragende Silbe folgt (§ 140). Formen wie lesb. JJ.rwvoc; aus zugrunde-
liegendem /me:ns+6s/ setzen voraus, daß der Akzent nicht vom Wortende zurück-
gezogen war, weil sonst die s-Sonorisations-Regel nicht hätte angewendet werden
können. Wenn es also im Lesbischen eine Regel gegeben hat, durch die der Akzen
zum Wortanfang hin verlagert wurde, kann sie nur eine low-leve/ rule gewesen
sein, die nach den phonologischen Regeln angewendet wurde. Unter diesem Vor-
behalt wird hier - entsprechend der weithin üblichen Praxis in der Edition lesbi-
scher Texte - in der Lesung lesbischer Wörter Barytonese durchgeflihrt und da-
ftir folgende Akzentverschiebungsregel aufgestellt 135 :
Akzentverschiebung im Lesbischen
V -+- [ +akzent)

I (1) _ Co { ~! C 1 V} Co #
(2) # C0 _ X#

134 Zu dem gesamten Komplex der Barytonese im Lesbischen vgl. Hamm (1957 : 42ff.),
West (1970), Hooker (1977 : 18ff.).
135 Die Formalisierung der Regel ist vo n Voyles (1974 : 70 ) übernommen.

140

0
00046245

C. MORPHOLOGISCHER TEIL

... 9. Methodische Vorbemerkungen


9.1 Morphologische Kategorien und ihre Merkmale

§ 159. Der morphologische Aufbau eines flektierten Wortes in den aiolischen


Dialekten läßt sich schematisch darstellen als
Stamm + (Sekundärsuffix +) Flexionssuffix
Eine noch weitergehende Segmentierung des Stammes in eine Wurzel und Affixe
(Präfixe , Infixe, Primärsufftxe) gehört in den Bereich der Wortbildungsmorpholo-
gie und bleibt hier außer Betracht. In der Flexion des Verbums bringen Sekundär-
sufftxe die Kategorien Tempus und Modus zum Ausdruck, das FlexionssuffiX
die Kategorien Diathese, Numerus und Person. In der Flexion des Nomens wer·
den die Kategorien Kasus, Genus und Numerus im FlexionssuffiX ausgedrückt.
In den einleitenden Kapiteln wurde bereits dargelegt, daß grammatische Katego-
rien bei der Aufstellung morphologischer Regeln durch Merkmale repräsentiert
werden. Die Frage der Markiertheit der Merkmale wirft weitreichende, zum Teil
noch nicht befriedigend gelöste Probleme auf. Für die Kategorien Numerus und
Genus der Nomina sind hier, dem Konsensus verschiedener Autoren folgend,
binäre Merkmale benutzt. Eine adäquate Markierung der Kategorien Kasus, Tem·
pus, Modus und Diathese müßte sich auf eine eingehende Erörterung der syn·
taktischen bzw. semantischen Motivierung der Markiertheit stützen; im Hinblick
auf die Formulierung morphologischer Regeln genügt es jedoch, für jedes der
Elemente in den genannten Kategorien je ein Merkmal zu benutzen und anzu-
nehmen, daß Redundanzregeln die Formative für verschiedene Merkmale negativ
spezifizieren. Im folgenden sollen nun die flir die Beschreibung der aiolischen
Dialekte relevanten Kategorien und die ihren Elementen zugeordneten Merkmale
aufgefti.hrt werden.

Kategorie Tempus: Präsens [+Präs]


Futur (+Fut]
Imperfekt (+Impf]
Aorist (+Aor]
Perfekt (+Perf]
Kategorie Modus: Indikativ [- Konj]
Konjunktiv [+Konj]
Optativ (+Opt]
Imperativ (+lmp]
141
00046245

Kategorie Diathese: Aktiv (+Akt )


Medium (+Med)
Passiv [+Pass]
Kategorie Numerus: Singular [-PI]
Plural [+Pl]
Dual [+Dual)
Kategorie Person: 1. Person (+ 1. Pers]
2. Person (+2. Pers]
3. Person [+3. Pers]
Kategorie Kasus: Nominativ [+Nom]
Genitiv (+Gen]
Dativ [+Dat]
Akkusativ [+Akk)
Kategorie Genus: Maskulinum [+Mask]
Femininum [+Fern]
Neutrum [- Mask]
- Fern

Die Kategorie Dual ist in der Zeit, die durch inschriftliche Texte dokumentiert
wird, innerhalb der aiolischen Dialekte sicher nur im Boiotischen belegt: €rroiaa-
Täv (§ 208) 5. Jhdt., ave~eTäv (§ 2 11) 5.- 3. Jhdt., 5apX)J.Ctw, OKrupCLW (§ 246)
4. Jhdt., Se{3ai6, fa-yavw , AwaKopow (§ 250) 5.-4. Jhdt., 'A€{3€-r€, xopa-yeiaaVT€
(§ 255) 4.- 3. Jhdt. Nach Hoffmann (1893 : 537) sollen auch auf einer fragmen-
tarischen Inschrift des 6. Jhdt.s aus Neandreia Dualformen belegt sein (§ 246) -
wogegen sich Bechtel ( 1921 : 65) skeptisch äußert - und damit den Fortbestand
des Duals in der kleinasiatischen Aiolis nachweisen.

9.2 Morphologische Klassen


§ 160. Verbalklassen
Verben werden nach der Art ihrer Flexion unterteilt in thematische und athema-
tische. Thematische Verben sind dadurch gekennzeichnet, daß in ihren Indikativ-,
Infinitiv-, Partizipial- und Imperativformen des Präsens ein vokalisches Segment,
der sogenannte Themavokal, zwischen Stamm und Endung eingeführt wird . Sie
sind mit dem inhärenten Merkmal (+them] versehen und bilden die Verbalklasse I.
Verbalklasse I: V1 Thematische Verben
In der Gruppe der athemat ischen Verben ([-them]) sind vertreten Verben mit
langvokalischem Stammauslaut (-e, -ä, -ö), Verben mit Präsensreduplikation, athe-
matische Verben, die keiner dieser beiden Klassen angehören, und das verbum
SUbstantivum.
142
00046245

Verbalklasse ri : V11 Athematische Verben mit langvokalischem Stammauslaut


Verbalklasse fll: Vm Athematische Verben mit Präsensreduplikation
Verbalklasse IV: VIV sonstige athematische Verben
Verbalklasse V: Vv verbum substantivum

§ 161. Nominalklassen
Nomina werden nach Flexionsmerkmalen in zwei Klassen unterteilt:
Nominalklasse I: Vokalische Stämme
Nominalklasse 11: Nicht-vokalische Stämme
Nominalklasse I umfaßt
(1) die femininen und die (weniger häufigen) maskulinen Nomina mit Stammaus-
laut fa: / und die mit dem stammbildenden Suffix /ya/ abgeleiteten Nomina,
(2) die maskulinen und neutralen Nomina mit Stammauslaut /o/.
Die Zusammenfassung von ä- und o-Stämmen in eine Klasse wird durch die weit-
gehende - teilweise auch durch analogische Prozesse bedingte - Identität der
Endungen gerechtfertigt.
Nominalklasse 11 umfaßt Nomina aller drei Genera, die mit einem einheitlichen,
von dem in Nominalklasse I verschiedenen Satz von Endungen flektiert werden.
Nach der Art ihres Stammauslauts werden sie unterteilt in
(1) Stämme auf Verschlußlaut
(2) Stämme auf /s/
(3) Stämme auf Sonant
(4) Stämme auf /e:w/
(S) Stämme auf /i/ und fu/
(6) Stamm auf /o: /
Die Zugehörigkeit der Stämme auf /i/ und /u/ zu der Klasse der ,Nicht-vokalischen Stämme'
läßt sich n'lr mit Hilfe der historischen Grammatik begründen: in einer vorgeschichtlichen
Periode des Griechischen endete der Stamm auf Grund des Ablautwechsels /ey/i/, /ew/u/ an
einigen Pandigmastellen auf einen Gleitlaut.

10. Flexion des Verbums


10.1 Motphologische Regeln
10.1.1 Tenpusstämme
§ 162. Dif Mehrzahl der Verben verwendet zur Bildung der Tempusstämme einen
einzigen S'<llmßl S1 und ein charakterisierendes SuffiX (§ 164). In einer Gruppe
von hinsieltlieh der Stammbildung besonders markierten Verben existieren jedoch
für versehedene Kategorien bis zu ftinf Stämme: S1 ftir Präsens, Imperfekt und
143
00046245

Futur, Sn für Aorist I, Sm flir Aorist U, SIV für Aorist Passiv und Sy für Per fekt
Das Verhältnis zwischen diesen Stämmen ist meist phonologisch oder morpho lo-
gisch bestimmbar, zum großen Teil jedoch nur unter Heranziehung diachrone r
oder komparativer Evidenzen; in einigen Fällen ergänzen sich Stämme ohne er-
kennbare Beziehung zueinander zu einem Paradigma (Suppletivismus). Da die
vorliegende Darstellung auf das Material , das in den aiolischen Dialekten belegt
ist, beschränkt bleibt, wird wegen der Unvollständigkeit der vorliegenden Quellen
auf eine Analyse, die über die lexikalische Auflistung der einzelnen Stämme hin-
ausgeht, verzichtet.

§ 163. Morphologische Prozesse bei der Bildung der Tempusstämme


Reduplikation ist ein Prozeß zur Bildung von - einigen (§ 192} - Präsens- und -
fast allen - Perfektstämmen, der bei mit einem einfachen Konsonanten anlauten-
den Stämmen angewendet wird. Dabei tritt der stammanlautende Konsonant plus
einem vokalischen Element vor den Stamm. Das vokalische Element lautet bei de
Präsensreduplikation /i/, bei der Perfektreduplikation Iei. Bei stammanlautenden
Aspiraten unterliegt das Resultat der Reduplikation der Hauchdissimilation
(§§ 149- 151).

MR ( 1) Reduplikation
SB ## [+kons] [+siJb] X
SV 1 2 3 4 -+ 1 2 [iJ 2 3 4 I [ [+Präs Jl
e [+Perf]j
Der Stamm des lmperfekt, Aorist, nicht-reduplizierten Perfekt und Plusquam-
perfekt Indikativs besteht aus dem jeweiligen Tempusstamm und einem präfi-
gierten Element, dem Augment ([Aug]). Das Augment wird bei konsonantisch
anlautenden Stämmen durch Iei, bei vokalisch anlautenden Stämmen durch Deh-
nung des Vokals lexikalisiert.

MR (2} Augmentation
I [- [+kons ]]
[Aug] -+ [[ +l:ng]] [+silb]
In bestimmten Formen des Präsens von Verben der Verbalklasse I in allen drei
Dialekten und von den Verben der Verbalklasse II im Boiotischen tritt ein vo-
kalisches Segment, der Th emavokal , zwischen Stamm und Endung. Diese Eigen-
schaft wird im Lexikon durch das inhärente Merkmal [+them] bezeichnet. Wei-
terhin fmdet sich der Themavokal zwischen dem charakterisierten Stamm und
der Endung in bestimmten Formen des lmperfekts, Futurs, Aorists und Perfe kts
von Verben aller Verbalklassen.
Folgende Formen werden mit Themavokal ("thematisch"} gebildet: im Prä>ens,
Futur und Aorist II der Indikativ, lmperativ und - soweit vertreten - der Opta-
144
00046245

tiv sowie die infmiten Formen, im Imperfekt der Indikativ und im Perfekt die
infmiten Formen. Der Themavokallautet Iei in der 2. Sg., 3. Sg., 2. Pl. und im
Infmitiv, sonst lol.

MR (3) Themavokal
(+3 . Pers.] [- Pl]
e I (+2.Pers.]
(+them] -+ (+lnf]

§ 164. Bildung von Tempusstämmen durch Suffzxe


( 1} Präsens
Das Präsens wird durch Abwesenheit eines Tempuskennzeichens charakterisiert.

MR (4} Präsensbildung
[+Präs] -+ 0 I _]81
(2} Futur
Das Futur wird durch das Sufftx l s/ repräsentiert, das bei Verben der Verbalklas-
sen I, Ilund V an den Stamm S 1, bei Verben der Verbalklassen 111 und IV an
den Stamm Sm antritt.

MR (5} Futurbildung
(+Fut] -+ s I _]8
(3} Imperfekt
Das Imperfekt wird durch das Augment gekennzeichnet, das dem Stamm S1 präfi-
giert wird.

MR (6} Imperfektbildung
[+Impf] -+ [ Aug) I s1 [ _
(4} Aorist
Im Aorist sind mehrere, sich größtenteils gegenseitig ausschließende , lexikalisch
determinierte Bildungsmöglichkeiten zu unterscheiden: Verben der Verbalklas-
sen 1, 11 und IV, die über keinen besonderen Stamm S111 verfügen, bilden den
Aorist aus dem Stamm S1 oder S11 und dem SuffiX lsl (Aorist I oder s-Aorist).
Verben, die einen Stamm s111 haben, bilden den Aorist aus diesem Stamm, der
mit dem inhärenten Merkmal [+them) versehen ist (Aorist 11 oder starker Aorist).
Verben der Verbalklasse Ill verwenden zur Bildung des Aorists drei Möglichkei-

I 0 Blhnel, Die aiolischen Dialekte 145


00046245

ten: (1) den Stamm Sm und das TemporalsuffiX lkl, (2) den Stamm Sm und
das TemporalsuffiX lsl, (3) den Stamm Sm ohne TemporalsufflX.
Die TemporalsuffiXe lsl und lkl werden in den Formen des Indikativs, des Im-
perativs, des Optativs Medium und im Partizipialstamm um ein vokalisches Ele-
ment, Iai, erweitert. 136
Die Formen des Aorist Indikativs sind mit dem Augment(§ 163) versehen.

MR (7) Aoristbildung
MR (7 .1) Aorist der Verbalklassen I, ll und IV

[+Aor) -+ [Aug) ...


s I _) g!I}
0 I __ ) Sm
MR (7 .2) Aorist der Verbalklasse lii

[+Aor) ~ (Aug} .. . {~} I _ )Sm

(S) Perfekt
Verben, die über keinen besonderen Perfektstamm (Sy) verfügen, bilden das Per-
fekt aus dem Stamm S1, der im Aktiv um das SufflX lkl erweitert wird, wenn
der Stamm nicht auf einen Obstruenten auslautet. Im Boiotischen sind Formen
des Partizips Aktiv, teilweise auch fmite Formen, unsuffigiert.
Das SufflX lkl wird - wie im Aorist - um das vokalische Element Iai erweitert.
Finite und infinite Formen des Perfektstammes sind durch Reduplikation oder
Augmentation charakterisiert.
MR (8) Perfektbildung

[+Perf) -+ u~~:n {~}... I _ [- Med)

10.1.2 Bildung der Modusstämme


§ 165. (I) Indikativ
Der Indikativ wird formal nicht bezeichnet.
MR (9) Indikativbildung
[-Konj) -+ 0
136 Mit /a/ ve.rsehene Stämme werden auch als ,,alphathernatisch" bezeichnet (~l. Rix
1976: 207).

146
00046245

(2) Konjunktiv
Dei Konjunktiv wird in der 2. Sg., 3. Sg. und 2. Pl. durch das Sufftx le:l, in allen
anderen Personen durch das Sufftx lo:l repräsentiert.
MR ( 10) Konjunktivbildung
e: I {[+3. Pers.] [-Pl]}
[+Konj] _. o: [+2. Pers.]

Im Lesbischen stehen sich im Konjunktiv des s-Aorists Bildungen mit langvoka-


lischen und kurzvokalischen SufflXen gegenüber, ohne daß sich eine in einer Re-
gel faßba re Verteilung erkennen ließe (vgl. § 166).
(3) Optativ
Der Optativ wird bei athematischen Stämmen durch das ablautende Sufftx lye:li:l
(/ye:l im Singular Aktiv, li:l im Plural Aktiv und im gesamten Medium), bei the-
matischen Stämmen durch die (schwundstufige) Altemante li:l repräsentiert. Die
Optativsufftxe bilden mit einem vorangehenden Vokal (bei athematischen Stäm-
men dem stammauslautenden Vokal, bei thematischen Stämmen dem Themavokal,
der hier in allen Personen lol lautet) einen Diphthong; in Formen mit vokalisch
anlautender Endung unterliegt lyl nicht der Gleitlauttilgung {cf. § 98).
MR ( 11) Optativbildung

[+Opt] -. { ~e: I
t:
[- Pl][+Akt]} I [-them]

§ 166. Die Formen der 3. Sg. Konjunktiv in den einzelnen Dialekten und die
mit kurzen Vokalen gebildete Konjunktive im Lesbischen werfen besondere Pro-
bleme auf, die im folgenden genauer untersucht werden sollen.
Kiparsky ( 1966) hat zu zeigen versucht , daß bei den thematischen Verben der
Ausgang der 3. Sg. Konjunktiv im Aiolischen le:yl (und nach Eintritt der Glei~­
lauttilgung § 99 le:l) laute und sich durch die Metathesenregel (§ 88) von zu-
grundeliegendem l+e:+ti/ ableiten lasse.
1m Lesbischen ist der Ausgang /e:y/ möglicherweise in der literarischen Oberlie-
ferung ( .?t;>.:ru[ Alk 98.2), sicher aber auf den Inschriften IG 12,2: 1 und IG
12,2: 4, die aus der zweiten Hälfte des 5. und der ersten Hälfte des 4. Jhdt.s
stammen und damit zu den ältesten lesbischen lnschriften gehören, nachweis-
bar: Konj. Präs. 8Erit IG 12,2:4.11 , !?t''Artt ibid. Z. 15, Konj. Aor. li €~€'A~t
IG 12,2: 1.12, a~t ibid. Z. 15. Von der zweiten Hälfte des 4 . Jhdt.s an
tritt gemäß der Gleitlauttilgungsregel an seine Stelle der Ausgang /e:/: .?€'Art
IG 12,2:73.2, €J.II.L€V77 IG 12,2:6.3, KaTci'YTf lG 12,2: 526.a2 1, der durch die Haupt-
masse der Belege nachgewiesen wird. Der regelgerechten Entwicklung des Aus-
147
00046245

gangsder 3. Sg., /e:y/ __. /e./ , läuft die des Ausgangs der 3. Pl. parallel: in frü-
her Zeit entspricht der 3. Sg. /e:y/ im Plural /o:ysi/ : rPd.tpwLOL lG 12,2: 1.3, [ tK-
KoXa?T]rwwt ibid. Z. 3/4 , rwwoKWWL IG 12,2:645.a39 (vgl. auch dvardJ€ww t
lPergamon 159 .6). Nach dem Eintritt der Gleitlauttilgung lautet der Ausgang der
3. PI. /o:si/ : dvarpa'(J€wot IG 12,2 S: 121.22, avaropEut1€wot IErythrai 122.53,
?Totiwot IG 12,2:529. 15, €wot IErythrai 122.20, €1Tan€XXwot IG 12,2 S: 138 .36,
rwwot IG 12,2:498.18. Nach der Vokalkürzungsregel (§ 60) hätte der Ausgang
/o:ysi/ in /oysi/ überführt werden können, wäre dann aber von dem Ausgang der
3. PI. Indikativ nicht mehr zu unterscheiden gewesen. Um die Opposition· Indi-
kativ: Konjunktiv zu bewahren, wurde /o:ysi/ zu /o:si/ wie fe:y/ zu /e: / gekürzt
(§ 99).
Im Thessalischen sind in der 3. Sg. Konjunktiv thematischer Stämme ausschließ-
lich Formen auf /e: / belegt: t1€X€ IG 9,2:1202.4/ 5 (6./5. Jhdt.), EXEL SEG 27:
202 .12/ 13 (Ende 3. Jhdt.), KaTEVEKEL McD 337:27,43 ( I. H. 2. Jhdt.), KaTE1Tfi-yEL
McD 330.10 (Anf. 2. Jhdt.). In der Zeit, in die der Beleg tJ€M datiert wird , sind
in Flexionsausgängen des Nomens (Dat. Sg. der ä- und o-Stämme) Langdiphthonge
in der Regel noch erhalten. Wenn man also zur Erklärung der Konjunktivausgänge
den Beginn der Gleitlauttilgung nicht - wie Kiparsky es tut - wesentlich früher
ansetzen will , als er in den Dativausgängen der vokalischen Stämme belegt wird,
muß man im Thessalischen auf eine Herleitung des Ausgangs /e: / aus /e:y/ ver-
zichten.
Im Boiotischen endet die 3. Sg. Konjunktiv durchweg auf /e:f, geschrieben -€t
(ä"fEL SEG 22:407.1 7, OWEL AD 1916: 218f. Z. 30) und -17 (z.T. auf derselben
Inschrift neben -€t: KaraoKEuaot1€i17 DGE 462.a8/9, KaraOKEvaotJEiEL Z. a17/ 18,
vgl . § 39) 137• Für eine Anwendung der Gleitlauttilgungsregel gibt es- was Kiparsk)
übersehen hat - im Boiotischen keine Belege, vielmehr werden Langdiphthonge
am Wortende gekürzt(§ 62). Das bedeutet, daß /e :/ nicht aus / e:y/ abgeleitet
werden kann. Als weitere Schwierigkeit kommt hiilzu , daß bereits im 5. Jhdt.
ein Konjunktiv auf /e:/ belegt ist: ?Ti€ lG 7: 3467.4. Es spricht somit alle Wahr-
scheinlichkeit daftir, daß in den aiolischen Dialekten in der ältesten durch in-
schriftliche Texte belegten Zeit zwei verschiedene Ausgänge in der 3 . Sg. Konj.
existiert haben , /e :y/ im Lesbischen und fe: / im Thessalischen und Boiotischen .
Der thessalisch-boiotische Ausgang der 3. Sg. Konj. läßt sich nur auf eine zugrun-
deliegende Form /+e :+t/ (Konjunktivzeichen + Sekundärendung) zurückführen 138
und steht damit in Gegensatz zu der entsprechenden Form im Lesbischen (l+e:
+ti/, Konjunktivzeichen + Prirnärendung). In der 3. PI. wird der Konjunktiv in

137 In IG 7:3172.145 (Z. 45 der Nummerierung in IG) aus Orkhomenos (Ende 3. J hd t.)
liest Dittenbezger (so auch Bechtel 1921: 224) liOK!Sld6bl-. P. Roesch gibt nach einer
Oberprüfung des Steins (cf. E. 76:85) die Lesung lioK!Sl<ilili (eL) an ; der Buchstabe 1-
ist sonst auch nur auf lnschrüten im archaischen Alphabet vertreten.
138 Cf. Schwyzer (1959 : 661, 791 ), Szemerenyi (1970 : 239), Buck (1968: 119), Bader
(1976: 33), Watkins (ablehnend 1969: 60f., 124f., zustimmend 1976: 26).

148
00046245

allen dtei Dialekten mit der Primärendung gebildet: /+o :+nti/ (lesb. -yp{hpwwt,
thess. KaTOU<€iOUVth IG 9,2:514.3, boiot. exwv-&t IG 7:3169.6/7).
Nach Hamm (1957: 166) ist in der Papyrusüberlieferung literarischer Texte des Lesbischen
., von..,..,,, dem Ausgang der 3. Sg. Konj., mehrfach getilgt (z.B. in Elx11 Alk 5.6, Alk 249.7,
MI!TI Alk 6.10); ..,.., sei als die alte Form mit Sekundärendung zu interpretieren. "Die For·
~n mit .,.. (nämlich auf den Inschriften) ,,müßten also, falls das ..,.., der Pap.-Oberlieferung
nicht nur auf d ie Schreiber zwückgeht, Angleichung an den allgemeinen Sprachgebrauch
darstellen." In der Tat hat der älteste Papyrus, Pap. Haun. 301 (3./2. Jhdt. v.Chr.), -TJ ohne
Tilgung des ., (exfl Sa 98.a3). Falls die Papyri hier ein authentisches Merkmal des lesbischen
Dialekts der Zeit der Lyriker überliefern, könnte die Bildung der 3. Sg. Konj . mit Sekundär-
endung als eine Eigenschaft aller aiolischen Dialekte interpretiert werden; im Lesbischen
müßte dann in der Zeit zwischen den Lyrikern und der Niederschrift der ältesten überlie-
ferten Inschriften (5.- 4. Jhdt.) eine Restrukturierung eingetreten sein.
Bei athematischen Stämmen wird im Thessalischen und Boiotischen der Konjunk-
tiv durch /e:/ in der 3. Sg. gekennzeichnet:
' McD 326.2 (6. Jhdt.), ouv<i€r[a]t
thess. a:rri€ IG 9,2:1222.3 (5. Jhdt.), olbö€
IG 9,2:1226.9 (5. Jhdt.), vU<<ia€ McD 168.4 (4. Jhdt.), -ywtiEtTEL IG
9 ,2:517.22/23, SEG 27:202.26/27 (Ende 3. Jhdt.), -ytvti€t(T}€t 139 IG 9,2:
515.12 (2. Jhdt.), Kara07raaEt IG 9,2:1229.27 (2. Jhdt.).
boiot. Ka-&wT<iEt IG 7: 1739.10, drroow€t IG 7:3 172.154.
Die thessalischen Belege äm~, 6lliot:, 6uvat:T(a)t stammen von Inschriften im archaischen
Alphabet, das Vokalquantitäten nicht unterscheidet; in der Inschrift McD 168 wird (e: ) in
b.ve\}rjKt:ll durch 1), in vtKaue aber durch e bezeichnet. Wenn die Form -ywtietut gegenüber
-yivetut (Belege § 53) athematisch gebildet ist und in ihrer Authentizität wegen der späten
Bezeugung nicht angezweifelt wird, gibt es keinen triftigen Gru.nd, nicht auch das Konjunk-
tivzeichen E des archaischen Alphabets als (e:) zu interpretieren. In !Magnesia 26.24 ergibt
dann die Korrektur von t1rwTeaTat des Steins in t1rwTdeTat noch immer keine grammatische
Form.
Im Lesbischen wird die 3. Sg. Konj. Akt. der e-Verben mit dem Suffix /e:/ ge-
bildet (vgl. Ind . TTOEL : Konj. 1T0'71 § 187), im Medium ist in der 3. Sg. die Fonn
des Konjunktivs mit der des Indikativs auf Grund der Kontraktion /e: e:/ -+ / e:/
identisch (Ind. ß6P11Tat : Konj . cl:mTat § 187). Bei den ä-Verben stimmen die Form
der 3. Sg. lnd. und Konj. im Medium gleichfalls überein (lnd. ci.J..IIptTTOTäTat : Konj .
epärat § 188). Abweichend vom Thessalischen (vgl. ouvd€T(a]t) wird bei anderen
athematischen Verben mit Stammauslaut /-a: / die Opposition zwischen Indikativ
und Konjunktiv durch die Opposition der Vokalquantität bezeichnet (lnd. OtivaTat :

Konj. ouvärat § 196), und die Pluralfo nnen ow<itJ.LE-&a (flir owäp.e-&a ?, cf. § 196
Anm. 203) und OVVä[VTUL] scheinen darauf hinzuweisen, daß die Länge des .
stammauslautenden Vokals nicht auf einer Kontraktion mit einem Konjunktiv-
suffiX beruht, sondern als Konjunktivzeichen morphologisiert ist.
Im Konjunktiv des s-Aorists stehen im Lesbischen zwei verschiedene Bildungen
nebeneinander, ohne daß sich eine chronologische oder morphologische Vertei-
lung erkennen ließe:
139 rJNTEIEI lapis, 'YIWet[T)Et Kern.

149
00046245

(1) langvokalisch 3. Sg. /+e :+ti/ V1TciP~11t IErythrai 122.38


(2) kurzvokalisch 3 . Sg. /+e+ti/ KwAiiaet IG 12,2:4.10, ci7T01Tepciaaet lK.yme
5. 13/ 14, ci7TOTeiaet IKyme 11.10, <i7Tayy€AA€t ibid. Z. 8, IG 12,2 S:3.11
kurzvokalisch 3. Pl. I +o+n ti/ TEKOtat DGE 644.17 140
Zu dem gleichen Bild kommt man bei der Untersuchung des literarischen Le$-
bisch: neben der vorherrschenden Bildung mit langem Vokal kommen bei SaJPpho
und Alkaios gelegentlich auch Konjunktive des s-Aorists mit kurzem Vokal v10r
(z.B. XaAciaOOJ.1.€V Alk 70.1 0, epvaaOJ.1.€V Alk 167.20 ).
Drei der vier oben angeführten inschriftlichen Belege für den kurzvokalischem Kon
junktiv des s-Aorists werden von Ke begleitet und dadurch eindeutig als Konjunk-
tive erwiesen (für KwMoet ist der Kontext nicht überliefert). Einer dieser Bel ege
schließlich steht in einem allgemeinen Relativsatz :
I.Kyme 5 .12ff.: lhn KE n' 1Tpio.Tat . .. +1 b:rr01repaaaet.
In einer Reihe von weiteren Belegen für einen allgemeinen Relativsatz fehlt "e:
IG 12,2 S:143.32ff.: öan' . .. d.1roowaet Kai d~tciaet
IG 12,2 S: 139.5 1: öan' ... 1TapaKa)..€aet
IG 12,2 S:140.15ff.: öan' . . . d.7Toowoet Kai ... 1TapaKaA€aaet
IG 12,2:526.b29ff.: olnve['] ... a[uva-y]opf1aotoL
In diesen parallel gebauten Sätzen könnten, da das Fehlen von Ke in allgemeinen
Relativsätzen nicht ungewöhnlich ist ( Bechtel 1921: 113f.), d7TOOWaet, ~tcioet,
1TapaKaA€o(a)€t, avva-yopf1aotat als Formen des kurzvokalischen Konjunktivs
Aorist aufgefaßt werden, wenn nicht der Beleg
lErythrai 121.5: (Öan)' a~tciaet . .. (Kai) 1TapKciAet
auf eine andere Interpretation wiese: die Form 1TapKciAet ist - gegen Thumb·
Scherer (1959: 103, § 256. 16b und § 256.18) - eine hybride Bildung nach dem
Vorbild des hellenistischen Futurs KaAei (die authentische lesbische Form müßte
KaA€aoet lauten). Man wird also eher bereit sein anzunehmen, daß auch die im
gleichen Kontext stehenden Formen auf -a-et, -o-atat Futura sind als daß For·
men des Konjunktivs Aorist als Futura interpretiert und dann durch eine dialekt·
fremde Form ersetzt worden seien.

§ 167. Der von antiken Grammatikern (Choirob. in Theod 87.30ff. , 265 .22ff. ,
Greg. Cor. 1repi AloAi.öo' 26) als aioUsch bezeichnete und bei Homer gut bezeugte
Optativ des s-Aorists auf / ·ey·/ ist innerhal.b der aiolischen Dialekte nur im Lesbi·
sehen und nur mit wenigen Formen belegt:
140 In Z. 9 dieser Inschrift liest Moretti (1966 : 293) [~r)w110w' und interpretiert diese Form
als 3. PI. eines Konjunktivs zu ~rwvw .,trinken". Als 3. PI. eines Konj.Präs. wäre jedoch
•rrwvww1/~rwvwa' zu e.r warten ; im Aorist ist - wie aus aV#-1-rrw-& Alle 40lb hervorgeht
- ein athematischer Wurzelaorist •e-rrw·v anzusetzen, zu dem die 3. PI. eines kunvoka·
Uschen Konjunktivs *rrwou11 lauten müßte (falls nicht überhaupt der Stamm rr1-o· ver·
wendet wurde, cf. Frisk GEW s.v. nwvw).

150
00046245

3. Sg. [ö ]LCU5€~€te
IG 12,2: 527.57 {3. Jhdt.)
[rE]A.€a€te Sa 76.2
3. PI. [KaA.eaa]EWJJ IG 12,2 S: 114.26 {3./2. Jhdt.)
Das Problem der Herleitung dieser Formen ist seit langem umstritten und kann
auch heute noch nicht als gelöst betrachtet werden.141 Wahrscheinlich ist von
einem mit /s/ suffigierten Stamm auszugehen, der - analog zu /-oy-/ der thema-
tischen Stämme - um ein Optativsufft.x /-ey-/ erweitert ist und mit sekundären
Personalendungen versehen wird, die den gleichen Umformungs· und Ausgleichs·
prozessen unterliegen wie im Aorist Indikativ (3. Sg. Opt. /deyksey-t/ ersetzt
durch /deyksey-e/ wie lnd . /edeyks·t/ durch /edeyks-e/).
Im übrigen sind im Optativ des s-Aorists lediglich belegt ßo'A'A€Vaatro auf einer
relativ jungen Inschrift aus Milet (IG 12,2 S:139.9) und €~-t[~-t]Evat auf einer In-
schrift des 3. Ihdt.s aus Matropolis (BCH 1970: 161 ff. Z. 8). ßo'A'AEvaatro könn·
te , da mit dem sog. aiolischen Optativ nur Aktivformen gebildet werden, dem les-
bischen Dialekt zugerechnet werden , aber solange keine eindeutigen Belege vor-
liegen, ist nicht auszuschließen, daß es sich um eine Koine-Form handelt. €~-t[~-t]E·
Vat wird von Helly (1970b : 170f., 174) als eine Form der 3. Sg. Opt. Aor. (mit
Geminatenvereinfachung für *€IJI..I.€ vvat) interpretiert, aber man wird sich dann
mit der Frage auseinandersetzen müssen , ob Bildungen auf /-s-ey-/ wie die gleich·
falls im 3. Jhdt. belegte lesb. 3. Sg. öLCU5€~€t€ im Thessalischen nicht oder nicht
mehr vertreten waren.

10. 1.3 Genus

§ 168. Die Kategorie Genus wird formal durch je zwei verschiedene Reihen von
Personalendungen für Aktiv und Medium-Passiv zum Ausdruck gebracht. Medium
und Passiv werden nur in den Tempora Ao rist und Futur differenziert: im Aorist
wird das Passiv entweder durch das Sufftx / the :/ , das an den Stamm S1 tritt, oder
durch die Verwendung des Stammes $yv charakterisiert, im Futur tritt an den
charakterisierten Passivstamm das Futursufftx /s/ .
Die Verteilung von je zwei Personalendungsreihen für Aktiv und Medium-Passiv
wird in zwei Fällen durchbrochen : die Formen des Aorists Passiv haben aktive
Endungen, die Futurformen des verbum substantivum haben mediale Endungen.
MR ( 12) Passivbildung
[+Pass] -. { ~/-1 Stv} I [+Aor]

141 Eine Übersicht über die umfangreiche Literatur bis 1966 enthält der Forschungsbericht
von CaJboli (1966 : 190- 196) (wo Thomas 1961 nachzutragen ist). An seitdem erschie-
nenen Stellungnahmen sind zu nennen Taillardat (1967}, der ·Hy·e als DesiderativsuffJx
(dessen Nullstufe in ai. · S·Y -D vorliege) deutet , Wathelet (1970: 310f.) und Rix (1976:
233).

151
00046245

I 0.1. 4 Endungen

§ 169. Personalendungen werden hinsichtlich ihrer Verwendung in den einzelnen


Tempus-, Genus- und Moduskategorien in verschiedene, sich überschneidende Gru
pen unterteilt: Primärendungen werden im Indikativ des Präsens, im Futur und
Perfekt und im Konjunktiv 142 aller Tempora verwendet, Sekundärendungen im lr
dikativ des Imperfekts und Aorists und im Optativ. Thematische und athematisct
Bildungen unterscheiden sich nur in der primären Endung der 1. Sg. In der Kate-
gorie Genus stehen sich jeweils primäre und sekundäre Endungsreihen ftir Aktiv
und Medium-Passiv gegenüber.

MR (13) Primäre Personalendungen des Aktivs

rmi
If [+them]}
[-them] I [+ 1. Pers.]
f(stha) I [- them]\ I [ p ]
l Si J + . ers. I [-PI]
2 +Akt
+Präs
0 -+- {eti I [+Perf]} I [+3 . p ers.] I +Fut
+Perf
men I (+1. Pers. ] -Opt
te I [+2. Pers.] I [+PI]
{nti
enti} I (+3. Pers.]

MR (14) Sekundäre Personalendungen des Aktivs

n I [+1 . Pers.]

{~a I _] Yv} I [+2. Pers.]


I [-P1]
{; I[+Aor]} I [+3. Pers.] +Akt
( +lrnpf
0 -+-
men I [+ 1. Pers. ] +Aor
te I [+2. Pers.] I [+Pl] +Opt
nt I [+3. Pers.]
ta :n I [+3. Pers.] I (+Dual)

142 Zur Frage der Verwendung der Sekundärendung in der 3. Sg.Konj. im ThessalisClen,
Boiotischen (und Lesbischen?) vgl. § 166.

152
00046245

MR {15) Primäre Personalendungen des Medium-Passivs


may I [+ 1. Pers.]
say I [+2. Pers.] I [-PI] - Akt
tay I [+3. Pers.] +Präs
0 -+ I +Fut
metha I [ +1. Pers.] +Perf
sthe I [ +2. Pers.] I [+PI] -Opt
ntay I [ +3. Pers.]

MR ( 16) Sekundäre Personalendungen des Medium-Passivs


rna:n I [+1. Pers.]
so I [+2. Pers.] I [-PI]
to I [+3. Pers.} - Akt
metha I [+ 1. Pers.] I +lmpf
+Aor
sthe I [+2. Pers.} I [+PP] +Opt
nto I [ +3. Pers.}

MR ( 17) Imperativendungen des Aktivs

thi
{0
I [+Aor 11}\.1 I [+2 . Pers.l
I [-PI] [ +Akt ]
to: I [+3 . Pers.} I +lmp
lesb. nton 1
boiot. { nto: f
I (+3. Pers.] I [+PI]

MR ( 18) Imperativendungen des Medium-Passivs


so I [+2. Pers.}
I [-PI] - Akt

sthon I [+3. Pers.] I [+PI]

MR {19) Infinitivendungen
thess. boiot. men
lesb. {thess.) en I [+them] [+Präs ]
I +Aor II I (+Akt]
0 -+ Iesb. rn } I [- them] I (+lnf]
menay
ay I [+Aor I]
sthay I [- Akt]
153
00046245

§ 170. Bemerkungen zu ei~e/nen Endungen:


( 1) Im Thessalischen und im Boiotischen wird an Stelle von r = / t/ in den Endun-
gen /nti/ , /ntay/, /nto/, / nto:/ die Aspirata tJ geschrieben: -v!Jt, -v!Jat, -v!Jo, -v&J
(§ § 171- 173).
(2) Im Boiotischen unterliegen die auf /ay I ausgehenden Endungen der Monophthon
gierung (§ 77): /may/ ~ /m~ :/ ·J.L17, /tay/ -+ /t~ :/ -r17, /ntay/ ~ /nt~ :/ -v~11.
/ay/ -+ /t;:/ -17, /sthay/ ~ /sth~ : / - o~. Im Thessalischen von Larisa steht in
Verbalendungen -et(v) an Stelle von -at (§§ 174- 176).
(3) In der 1. PI. Akt. ist die Endung / men/ belegt im Lesbischen auf einer In-
schrift der 1. Hälfte des 3. Jhdt.s aus Mathymna (ovvreMoJ.Lev IG 12,2 S: 115.6)
und bei den Lyrikern (Belege bei Hamm 1957 : 16lff.), im Boiotischen auf zwei
hn Dialekt abgefaßten Inschriften vom Ende des 3. Jhdt.s aus Thespiai ([ d ]veypa-
1/laJ.Lev, d1r€6oJ.Lev IG 7 :1737, eXd.ßoJ.L[ev] IG 7: 1738), im Thessalischen nur auf
der mit nicht authentischen Formen durchsetzten Inschrift IG 9 ,2:5 17 (e1Tt-
VO€ioouJ,Lev Z. 13) und der Inschrift McD 347 aus Larisa vom Anfang des 2. Jhdt.s
(eiJpaJ,Lev 143 Z. 29). Die Endung /men/ kann somit flir das Lesbische und wohl auch
für das Boiotische als hinreichend gesichert gelten ; flir das Thessalische steht ein
eindeutiger Beleg noch aus.
{4) Die Primärendung der 3.PL Akt. lautet in der Regel /nti/, lediglich im Prä-
sens des verbum substantivum wird die Variante /enti/ verwendet.
(5) Die Sekundärendung der 3.Pl. Akt. unterliegt der Verschlußlauttilgung (§ 155)
/nt/ -+ /n/ . Die Endung /n/ wird in verschiedenen Tc;mpuskategorien um ein
vokalisches Element erweitert :
zu /an/ (nach dem Vorbild der alphathematischen Vergangenheitstempora) im
Boiotischen im 1mperfekt des verbum Substantivum und in sufftxJosen
Aoristformen der Verbalklasse Ill;
zu /on/ (nach dem Vorbild der thematischen Vergangenheitstempora) im Les-
bischen im Imperfekt des verbum substantivum.
In allen drei Dialekten hat sich im Optativ, im Thessalischen (der Pelasgiotis. der
Phthiotis und teilweise der südlichen Perrhaibia) nach dem Vorbild des Optativs
im Indikativ Aorist(§ 210) /en/ als Sekundärendung der 3 . PI . herausgebildet.
Im Lesbischen wird in suffooosen Aoristformen der Verbalklasse lii die (vom
s-Aorist abgeleitete) Endung /san/ verwendet. Sonstige Formen mit /san/ (r}oav
Sa 142, 6teMx~oav IG 12,2 S: 138.19 Magnesia; e6wKaoav DGE 4 62 .a42 Ta-
nagra, evlxwoav IG 7:3195.4 Orkhomenos, dveorp€1{>€taav SEC 1: 132.7 Thrspiai)
sirld nicht dialektspezifisch: bei Sappho sind sie durch homerische Vorbilder be-
dingt (Schulze 1897 : 89 1) , in den inschriftlichen Texten gehen sie auf Koine-
Einfluß zurück.
143 Wegen des FehJens des Augments und der Umbildung zu einem alphathematischer.
Aorist muß die Form der Koine entstammen und kann nicht dem authentischen thes-
salischen Dialekt zugerechnet werden.

154
00046245

(6) lm Boiotischen ist die postkonsonantische Variante /atay/ (~ /at~ :/ -a~)


von / ntay/, der primären Endung der 3.Pl. Med. , im Perfekt auch bei vokalisch
auslautenden Stämmen eingeführt (neben €rrU<€KOJ.Liöat}f1 auch eorporevat}fl, J.L€J.Lt·
at}Wa.~, § 221).

(7) In der 3.Sg. Aor. wäre auf Grund des allgemeinen Bildungsschemas (sekun-
däre Endungen in den Vergangenheitstempora) die Endung / t/ zu erwarten und
hätte folgende Ausgänge ergeben: / +s+a+t/, /+k+a+t/ . Nach§ 155 muß jedoch
der auslautende Verschlußlaut und damit das Personenkennzeichen getilgt wer-
den; zur eindeutigen Charakterisierung wird daher der "Themavokal" /a/ durch /e/
ersetzt.
....

§ 171. Aspiriertes I} in den Endungen der 3.Pl.


lm Boiotischen sind die zugrundeliegenden Endungen der 3.Pl., /nti/, /ntay/,
/nto/, /nto:/ , in der Oberflächenrepräsentation durch -vt},, -~. -vt1o, -vt}w ver-
treten (zu -vn, -vro vgl. § 172).
lm Thessalischen sind folgende Endungen belegt:
-vt}, in V1rapxovt}, McD 337.42 (Larisa 1. H. 2. Jhdt.), KarOU<eiouvt}, IG 9,2:
514.3 (Larisa), evt}i McD 347.22,40 (Larisa, Anf. 2. Jhdt.)
-vrt in cpaoouvn, evotKOOOJ.Leioouvr[t] IG 9,2:1229 (Phalanna, 2. Jhdt.), lipxovn
McD 209.7 (Pherai, 4. Jhdt.), einer Inschrift mit dialektfremden Merkma-
len 144
-vot in uTr<ipxovot IG 9,2:506.38 (Larisa 1. H. 2. Jhdt.), ohne Kontext, in einer
stark zerstörten Inschrift 145 • In IG 9,2:258.10 (Kierion, 1. H. 2. Jhdt.)
liest Kern V1rdpxov( t}]t. Foug~res, der die lnschrift als erster veröffentlicht
hat (BCH 1889: 400ff.), hält V1rapxovot oder V1rapxovrt ftir möglich (vgl .
auch Hoffmann 1893 Nr. 63)
-v{Xu./-vt}ew in €Ncovt}a.t 146, ßi'A'Aouvt}ew etc. (§ 174)
-v~o in er'Aovt}o IG 9,2 :513.8 (Larisa, 3. Jhdt.), E"'(ivov~o IG 9,2:517.12 (Larisa,
Ende 3. Jhdt.)
-vro in €~€t}evro SEG 27:226.8, [errot]etoavro ibid. Z. 13 (Pe1asgiotis, 2. H. 2.
Jhdt .)
In der (nicht zu Thessalien im engeren Sinne gehörenden) Achaia Phthiotis ist
nur -vrt belegt (vrrapxovn IG 9 ,2:218.6, li"'(ovrt, eJ.II.I.eivwvrt FD 111,4,4 Nr. 355 =
IG 9,2 p. X Nr. I).

144 XP~11aaw, Gen.Pl. -wv (vgl. § 131 Anm. 120).


145 Lejeune (1941: 69,7 1) mißtraut, bis zum Beweis des Gegenteils, der Lesung uncipxovot
u.nd diskutiert verschiedene Möglichkeiten der Interpretation: U1rcipxo(v)ot (?), utrcip·
xov( ")' (?), u1rcipxovo(a) (!?).
146 Wenn durch e~KOII"a' die Endung ·ll"a' als charakteristisch flir Krannon belegt wird ,
muß in IG 9,2 :459.3 ~Mvv(.,at l (nicht e'Mw(Tat)) ergänzt werden.

155
00046245

Die Endungen -vn, -vat, -li'To werden am Ende von § 173 diskutiert. Was ctie En-
dungen -v"t, -v"w.f-v"ew, -v"o angeht, so hat der Erklärungsversuch Schulzes
(1933: 399), die Aspiration(" statt r) in den boiotischen und thessalischen
Endungen der 3. PI. sei in Analogie zu der 3. Pl. des verbum substantivum, €v-
"i147, eingeftihrt worden, Eingang in die verschiedenen Handbücher gefunden.
€v"i selbst sei durch eine Hauchversetzung aus /henti/ 148 abzuleiten; die ent-
sprechende Regel muß, da sichere Parallelen außerhalb des Paradigmas des ver-
bum substantivum fehlen , ad hoc formuliert werden:
Hauchversetzung im Thessalischen und Boiotischen:
+kons
-silb +kor
5
## - kons V C +ant V-+134[+asp] 6
+asp -dau
-sth
1 2 3 4 5 6
/hen ti/ -+ [en thi 1
Im Thessalischen und Boiotischen muß dann eine Restrukturierung eingetreten
sein: [-nth- 1der abgeleiteten Form [enthi] wurde zum charakteristischen Merkma
aller Endungen der 3. Person Plural und ersetzte /nt/ der zugrundeliegenden For-
men.
Schmidt (1968 : 2f. , 1975: 4lf.) fuhrt Belege an, die darauf hinzuweisen scheinen, daß im
Thessalischen Hauchversetzung in umgekehrter Richtung (vom Wortionern zum Wortanfang)
ver laufen ist : ha~ (a)o McD 72 1 (Magnesia, 5. Jhdt.) und rrpovpdr: .. 'I'Poup&r: aus *rrpo-
hopo~ (mit Bader 1972 gegen Schmidt nicht aus *rrpo- fopo~. sondern aus *rrpo-aopd~ ).
hawao als eine authentische Form des thessalischen Dialekts anzuerkennen weckt jedoch
Bedenken, (1) weil der Beleg nicht aus dem eigentlichen Thessalien stammt, sondern aus
Magnesia, (2) weiJ im Thessalischen der Ausga.ng des Gen. Sg. de.r mask. ä-5tämme -a, nicht
-ao, (§ 248) lautet, (3) weiJ im Kerngebiet des Thessalischen h vermutlich nicht geschrieben
wird (§ 100). Der Name "Hades" hat wahrscheinlich im Thessalischen, wie die gleichzeitig
belegte Form 'A f~av McD 375 .2 aus Argura zeigt, übe.r haupt keine Hauchversetzung er-
fahren. Die Belege flir npovp&~ und Verwandte sind älter - und daher eher dem authenti-
schen Thessalischen zuzurechnen - als die flir .ppovpd~ : im 3. Jhdt. oö~rrpovpoc, ö.pxcwpovpel·
oa~ IG 9,2: 1058a, ö.pxlrrpovpor:, npovpo{ DGE 600, im 2. und 1. Jhdt . .ppovpol, oo~.ppovpoc,
ö.px~~.ppovp eloa~ IG 9,2 :1059, 1060, 1061 , 1064, McD 559 , 652 .

§ 172. Die seit dem 3. Jhdt. vereinzelt auftretenden Endungen -vn, -IITO statt
-vt9t, -vt9o im Boiotischen, z.B. in
twrit9eli'Tt IG 7: 3198.3,11 (Orkhomenos), AD 1916 : 220f. Z. 28 (Koroneia),
IG 7:3352.3 (aber -v"t E. 78:03.3, cf. § 194 Anm. 193) (Khaironeia)

147 Diese Form war von Schulze zunächst nur vermutet worden, ist aber inzwischen im
Thessalischen (s.o.) und Boiotischen (PMG 692 (rr. 3,4.9) tatsächlich belegt.
148 Zugrundeliegende Form /s+enti/ - /zenti/ -+ / henti/ (§ 140 - 14 1).

156
00046245

~mre"Aeoowvn IG 7:2410.8 (Thespiai)


nra\?wvn E. 78:04.10 (Khaironeia)
e'TTaw..uo\?woovn BCH 1936 : 18 1ff. Z. 22 (aber -vt?t BCH 1937: 2 17ff. Z. 16)
(Thespiai)
Ö.1T€'""fpatjlaJJTo IG 7:3068.2 (Lebadeia), IG 7:2781.2 (aber -vt?o IG 7:2786.8)
(Kopai)
EIJLO\? woavro DGE 485 .15 (aber -vt?o Z. 14) (Thespiai)
und die gleichfalls seit dem 3. Jhdt. belegte Endung ·OTfl statt -o\?fl im Boiotischen
(nur in Orkhomenos), z.B . in
ecpd.1TT€0Tfl IG 7:3 198.5 (aber €cpci1Tr€o\?[fl) BCH 1970: 157ff. Z. 14)
Ö.'TTo"AcryirraoTfl IG 7:3172.39 (aber -ot?ri DGE 462.a23)
sowie die Endung -orew statt -ot?etv in drei Belegen aus dem Thessalischen (nur
in Larisa)
e"Aeorew IG 9,2: 513.7 (aber e'CA.ovt?o Z. 8)
11€1r€t0T€W IG 9 ,2:517.16 (neben eooeo\?ew in der gleichen Zeile)
oe060T€W SEG 27:202.16
sind nicht durch Hauchdissimilation bedingt, (I) weil Hauchdissimilation auf den
Wortstamm begrenzt ist und daher Endungen nicht deaspiriert werden, (2) weil
nicht in allen Formen mit deaspirierter Endung eine Aspirata im Wortstamm
steht, (3) weil das Auftreten von deaspirierten Endungen nicht regelmäßig ist.
Eher wird man mit fremdem Einfluß - sei es eines benachbarten nicht-aiolischen
Dialekts, sei es der Koine - rechnen müssen (Schulze 1897: 895 , Buttenwiesec
191 1: 33, Schwyzer 1959: 809, Garcia-Ram6n 1975: 95).

§ 173. Die Erklärung von t? (statt r) in den Endungen der 3. Pl. des Aktivs und
des Mediums aller Verben als Aspirata, die auf Grund einer analogischen Aus-
breitung von der - durch Hauchversetzung entstandenen - Form der 3. PI. des
verbum sobstantivum ihren Ausgang genommen habe, enthält eine gravierende
Schwäche: anlautendes /h/ (aus der ursprünglichen Wurzelgestalt *s·) in verschie·
denen Formen des verbum substantivum wird sonst im Griechischen getilgt, hier
aber zur Grundlage eines Lautwandels gemacht, dessen Wirkung in keinem weite-
ren Fall sicher nachgewiesen werden kann. So hat auch Garcia-Ram6n ( 1975:
65 mit Anm. 4) an den mit dieser Hypothese verbundenen Schwierigkeiten An-
stoß genommen und -vt?at, -vt?o, -vt?t "selon toute vraisemblance" als Analogie-
bildungen zu ·IJ€\?a, -o\?e erklärt. Aber auch wenn man von dem Manko absieht,
daß ·IJ€~a und -o~e für das Thessalische zwar mit einiger Zuversicht postuliert
werden können , aber nicht tatsächlich belegt sind, wird nicht deutlich, nach wel·
chem Muster die Aktivendung -v~L gebildet ist; das prinzipielle Problem, mit wie
hoher Wahrscheinlichkeit eine Analogiewirkung der Endungen der 1. und 2. Per·
son Plural auf die der 3. Person Plural im Aiolischen - als der einzigen unter den
altgriechischen Dialektgruppen - angenommen werden kann, wird überhaupt
157
00046245

nicht diskutiert. Da somit die bisherigen Erklärungen unbefriedigend bleiben,


erscheint es gerechtfertigt, einen neuen Lösungsversuch zur Diskussion zu stellen.
Im Thessalischen und Boiotischen wird / t/ vor /y/ und wahrscheinlich auch vor
/i/ palatalisiert (§ 135, 137); lediglich nach / n/ tritt eine Transformation /f/ _.
/s/ ein. Diese Beobachtung legt den Schluß nahe, daß /f/ nach / n/ im Bereich
der aiolischen Dialekte einer stärkeren Palatalisierung unterliegt, sei es, weil / n/
durch Palatalitätsassimilation selbst palatalisiert wurde(§ 119), sei es, weil ein autc
nomes Phonem /0/ existierte (§ 121 , 235). Es erscheint daher nicht ausgeschlos-
sen, daß /t/ vor /i/ in der Endung /nti/ palatal wird 149 und dieses [!} - we-
gen der phonetischen Ähnlichkeit mit [th} - {)geschrieben wird. Weitere Beispie.
für eine Palatalisierung von /t/ zwischen /n/ und /i/ könnten vorliegen in Me}..dv-
{)w<: IG 9,2:5 17.69, IG 9,2 :580.11 etc. gegenüber MeA<iVTa<: IG 9,2: 1228.35,
SEG 25:661.2 und in dem hapax Kov{)wapxeiJ.I.L (Kov{)wapxevr[ou]v McD 325.2),
falls es zu Kovr<k "Speer" gestellt werden kann (zur Bildung und Bedeutung vgl.
[ r }apaVTwapxouvro<: IG 9,2:509.5 und boiot. rapaVTiva.pxo<: SEG 23: 271. 19).
Im Rahmen dieser Hypothese ließe sich - falls Lesung und Interpretation be-
stätigt werden - die Endung -vot in Larisa und möglicherweise in Kierion durch
eine Transformation /n!i/ _. / nsi/ erklären; -vrt auf der Inschrift aus Phalanna
und -VTO auf der noch nicht lokalisierten Inschrift SEG 27:226 müßten als rezent
oder wie im Boiotischen (§ 172) als durch fremden Einfluß bedingt interpretiert
werden.

§ 174. -et, -ew statt -at in Verbalendungen im Thessalischen


Im Thessalischen (ausschließlich) von Larisa wird in Verbalendungen -et, -etv an
Stelle von -at geschrieben 150 • Die frühesten Belege stammen vom Ende des 3.
Jhdt.s; aus älterer Zeit liegt keine Evidenz (auch nicht ftir andere Schreibungen)
vor:
Med. 3. Sg. (3€AA€LT€LIG 9,2:517.20, 'YwVELTEL SEG 27:202.26/27 etc., gegen-
über fa}..[l}ooK€Ta(t} lG 9,2: 1226.4/5 (Phalanna), dAp€Mrat 1G
9,2: 1202.1 (Magnesia), (3€AAetrat GHW 3363 (Skotussa)
Med. 3. Pl. ßlXXouv{)ew IG 9,2: 513.7/8, ti{Xivypev{)ew IG 9,2: 51 7.41 , gegen-
über €Mov{)at McD 310.12 (Krannon), 1TPOKM€öv{)at McO 326.6
(Argura)
lnf. Aor. Akt. €1raweiaew IG 9,2: 504.5, McD 337.39, ovypd!Jiew IG 9,2:517.21 ,
gegenüber €1raweioat McD 310.26 (K.rannon), <i1Teioat McD 326.11
(Argura), anpd!Jiat IG 9,2:258.11 (Kierion)
149 Mit der Möglichkeit einer Assibilation - allerdings zu •agont 5i - in thess. boioL "~~"'
rechnet auch Risch (1979: 274 A24).
150 Die einzige Ausnahme in der geographischen Verteilung von -et bildet fJ~>.:A.etTet NcD
310.22 aus Kiannon (die Lesung ist laut Auskunft von B. Helly gesichert); ·at ist aber
auch auf dieser Inschrift mehrfach durch Formen der 3. PI. auf -v"a' und des ln!. auf
-a"a' verueten.
158
00046245

Inf. Med. oiKOVOJ.LEiot'Jew McD 337.28, oeMot'Jew IG 9,2:517.18, gegenüber


erra-y-y{A."'A.aot'Jat McD 310.20 (Krannon), oeMot'Jat IG 9,2:46l.a5
(Krannon), IG 9,2:258.9 (K.ierion) (weitere Belege § 226ff.)
Unter der Annahme, daß der Dialekt von Matropolis (Histiaiotis) auch die meisten der Merk-
male des Thessalischen aufweise, interpretiert Helly (1970b) die Form 1roSetauTa BCH 1970 :
161ff. Z. 5/6 als lnf. Aor. Med. "1rpoulietac"a'" und bringt den Ausgang -uTa in Zusam-
menhang mit -u-re' in Larisa: die Schreibung -a repräsentiere (lÖ ); flir den Übergang von
[~ ) = et, wie es in Larisa belegt sei, in [re) = a biete die Negation Jla in Matropolis eine
Parallele. In Larisa ist die reguläre Form der Endung des lnf. Med. -u"ew, aus der Histiaiotis
liegen keine Belege vor. Problematisch bleibt daher, ob flir Matropolis überhaupt eine der
larisäischen vergleichbare Endung vorausgesetzt werden kann, und wenn ja, ob diese Endu.ng
nicht auch um -v erweitert war. Weiterhin müßte flir --r- statt -\)- wie in Larisa (e>..euu w etc.,
§ 172) fremder Einfluß vorausgesetzt werden. Eine gewisse Schwierigkeit ist schließlich auch
darin zu sehen, daß -s- in 1roSetauTa statt -ss- als Einfachschreibung der Geminata interpre-
tiert werden muß.
Es läßt sich zwar nicht mit letzter Sicherheit bestimmen, wie at in thessalischen
Gebieten außerhalb Larisas gesprochen wurde, aber es gibt auch keine Veranlas-
sung, an dem Lautwert [ay] zu zweifeln. Wenn nun in Larisa ausschließlich in
Verbalendungen, aber nicht in Nominalendungen (cf. Fern. Pl. 1TeA.et'Jpaiat McD
347.7, x.UJ..Lai. ibid. Z. 22) regelmäßiget statt at geschrieben wird und dieser Schrei-
bung in anderen Fällen der Lautwert [~:]entspricht, bleibt flir eine andere Inter-
pretation als die einer Entwicklung [ay] ~ [~:] in einem morphologisch be-
grenzten Kontext wenig Raum.
Bechtel (1921: 135) sieht in dem Namenelement e1,.tovv in E~ovvew(~) IG 9,2:517.54,
"Avpliflp.ovv ibid. Z. 64 den ,.thessalischen Nachkommen des homerischen ai'Jlwv (kundig)";
an dem Wandel (ai) zu (ei) sei daher auch die Wurzelsilbe beteiligt. Solange nicht umfang-
reicheres Belegmaterial vorliegt, bleibt diese Behauptung ohne gesicherte Stütze.

Monophthongierung von [ay] im Thessalischen von Larisa


·1
+silb
-silb +hoch
-hoch
-kons - tief
+tief
+hoch +mitt
- mitt
-hint -hint
+hint
+lang
1 2
[a] [y] ~ (~: ] in Verbalendungen
Eire solche Regel ist jedoch wegen der Kontextbeschränkung und der Anzahl der
an fhr beteiligten Merkmale höchst unnatürlich; Zweifel an ihrer Rechtfertigung
sind also angebracht. Es hat daher nicht an Versuchen gefehlt, andere Wege zur
Erklärung einzuschlagen.

§ 175. Buck (1968: 21) sieht einen Zusammenhang zwischen - €t = -at und dem
War;del von a zu e am Wortende in thess. oti = oui. Die Präposition oti ist aber
159
00046245

wohl in der gesamten Pelasgiotis und in Phalanna vertreten (cf. ~Ii McD 310.
10/ 11 Krannon, IG 517.12 Larisa, McD 330.12 Larisa, ~c.er€XEt IG 9,2:46l.a4
Krannon, 5c.eoOJpEip.Eva IG 9,2: 122?.38/39 Phalanna) ; weder die geographische Be·
schränkung von EL statt at (auf Larisa) noch die morphologische (auf Verbale n-
dungen) finden durch die Annahme eines thessalischen Lautwandels (a > e] eine
hinreichende Erklärung.
Nach Thumb-Scherer {1959:7 1) ist in Larisa der lnf. Aor. Akt . auf ·Oat und der
mediale lnfmitiv auf -ol'Jat nach dem Infmitiv auf -Ew in -oEw bzw. ·OiJEw um·
gestaltet worden ; der thematische Ausgang ·EW müsse daher auch in der· Petasgioti:
einmal vorhanden gewesen sein. Diese Hypothese trägt weder der Beschränkung von
EL auf Larisa noch dem Auftreten von ELin nicht-infmitivischen Endungen Rech-
nung; sie wird auch dadurch nicht wahrscheinlicher, daß sie mit einer Form als
Muster des analogischen Wandels operiert, flir die nicht die geringste Evidenz an-
geflihrt werden kann (§ 223).
Schwyzer {1959), der p. 194 EI an Stelle von at vor J.1. und in einigen Verbal·
endungen noch als unerk.lärt bezeichnet, trägt p. 809 Anm. 2 folgende Erklärung
vo r: Ausgangspunkt sei kaum ein alter Dativ *-(o)l'JEt gewesen, sondern wo hl der
nicht belegte Inf. Aor. Pass. auf *·(o)iJEw = -sth f n {vgl. lesb. -l'J1w); danach sei
analog -oiJEw in den medialen Infinitiven, -OEW im Inf. Aor. Akt, -viJEw und ·TEL
im Ind . Präs. Med . eingeflihrt worden. Diese Erklärung setze voraus, daß -<U in
Larisa etwa ~gesprochen werden konnte. Wie Schwyzer selbst bemerkt, ist der
Ausgangspunkt, ein lnf. Aor. Pass. auf -(o)iJEw, im Thessalischen von Larisa nicht
belegt (sondern nur -iJEt·J.I.EV § 229), und die Voraussetzung, daß ·at in Larisa den
Lautwert [ ~:)hatte, läßt sich durch keine Evidenz plausibel machen.
Haudry {1975: 136) sieht in ·Et des Infinitivausgangs -oiJEt-v die Fortsetzung
einer alten, aus dem Indogermanischen ererbten Dativendung (als Dublette von
-<:u in -ol'Jat). Damit würde ausschließlich der Dialekt von Larisa eine hochalter-
tümliche lnfmitivbildu ng bewahren , die aus komparatistischen Gründen wohl
vermutet werden kann, aber sonst im Griechischen nicht nachweisbar ist. Gegen
den Erklärungsversuch spricht auch, daß -EL der finiten Endungen nicht berilck·
sichtigt wird.

§ 176. Solange nicht neues Material oder neue Gesichtspunkte in der Beurteilung
des vorliegenden Materials beigebracht werden kö nnen, ist wohl kein Fortsdlritt
in der Lösung des Problems möglich . Vorläufig ist völlig unklar,
(1) ob den larisäischen Endungen die gleichen Vorformen zugrundeliegen wie den
entsprechenden Endungen in anderen Teilen Thessaliens oder ob die D.ver·
genz bereits in der zugrundeliegenden Repräsentation vorausgesetzt weiden
muß;
{2) falls identische zugrundeliegende Formen angenommen werden können, wie
alt der Wandel ist, der hinter der Schreibung €t an Stelle von at vermu:et
werden kann ;

160
00046245

(3} ob dieser Wandel tatsächlich auf Larisa beschränkt ist (aus der Histiaiotis
und der Phthiotis liegen keine Belege vor);
(4} in welchem chronologischen und/oder ursächlichen Zusammenhang die Er-
weiterung der Plural- und Infinitivendungen um -v mit dem vermuteten Wan-
del steht: ob in diesen Endungen -at durch -ew ersetzt ist oder ob die An-
fUgung von -v unabhängig von dem Wandel des vorangehenden Diphthongs
erfolgte, und , wenn letzteres der Fall sein sollte - obwohl ny ephelkystikon
dem Thessalischen fremd ist - , ob die Anfügung von -v vor dem vokalischen
Wandel erfolgte (und ihn möglicherweise auslöste) oder danach ;
(S) aus welchen Gründen die Erweiterung um -v überhaupt erfolgte und, damit
verknüpft, ob diese Erweiterung von einer der Endungen ihren Ausgang ge-
nommen hat und wie die analogische Ausbreitung verlaufen ist.

§ 177. Imperativendungen der 3. PI.


Folgende Imperativendungen der 3. Person Plural sind in den aiolischen Dialekten
belegt:
Akt . -VTov im Lesbischen
-v{Jw im Boiotischen
Med . -a{Jov im Lesbischen
Aus dem Thessalischen liegen keine Belege vor.
Die Endung "'Twoav, die seit ca. 300 v.Ctu. im Lesbischen (ä.va-y-ye>..>..eTwoav IG 12,2:527.29,
l<ll>-eoociTwoav IG 12,2 5:139.15/ 16), später auch im Thessalischen (eoTouoav IG 9,2:1229.43)
- und Boiotischen (ä.1ro6oTWOU1' IG 7: 3172.100) nachweisbar ist, ist dem Einfluß der Koine
zuzuschreiben (Schwyzer 1959: 802).
Oie aktive Endung -v{Jw des Boiotischen läßt sich als eine Pluralisierung von
3. Sg. -rw erldären:
-n : -v{J, = ·TW : X
x = -v{Jw
Noch nicht endgültig geldärt ist, wie die entsprechende mediale Endung im Boioti-
schen gelautet hat. Möglicherweise wurde die aktive Endung auch im Medium
verwendet; eine neue Inschrift aus Koroneia (3. Jhdt.} weist folgende Formen
auf: <i1TOAO'}'trrciv{Jw E. 77: 04 . l 5, eXXo-ytrrciv{Jw Z. 25 151 , 1Tap1J.€TP€,aciv{Jw
Z. 17.
Die Entstehung der lesbischen Endungen -vrov und -a{Jov ist in ihren Einzelheiten
noch nicht übereinstimmend erldärt. Wenn man davon ausgeht, daß die Impera-
tivendungen der 3. PI. durch bestimmte Formantien aus den Endungen der 3. Sg.
(-rw und -a{Jw} gebildet werden, ergibt eine - zynächst nur approximative -
Analyse, daß in -VTov eine doppelte Pluralisierung in Form einer Erweiterung

15 1 Der Aorist von (ä.1ro-, iv-) >..o-yi66oJJrt müßte in Koroneia mit + .nicht "'TT·, gebildet sein
(§ 202).

II BlUme! , Oie a.iolischen Dialeieie 161


00046245

von -rw durch-v-zu -vrw (wie im Boiotischen) und einer Ersetzung des Aus-
gangs -w durch -ov vorliegt, und daß flir -a~ov eine einfache Pluralisiemng durch
letztere der beiden Verfahrensweisen angenommen werden kann. Die Begründung
fiir die unterschiedliche Behandlung der beiden Endungen und die Ersetzung von
-w durch -ov bleiben dabei offen.

§ 178. Den jüngsten Versuch, Ursprung und Chronologie der zur Diskussion ste-
henden Endungen zu klären, hat Garcia-Ram6n (1978a) unternommen. . . Nach
. .
einer kritischen Diskussion einiger frühere r Lösungsversuche rekonstruiert er die
Entstehung von -vrov, -a~ov folgendermaßen : die proto-aioüschen Endungen
-vrw, -va~w, die zu den Singularendungen ·TW , -a!Jw neugebildet sind, werden,
bedingt durch den Iautgesetzlichen Schwund des Pluralmorphems - v- in der Me-
dialendung -va~w, in einer zweiten, äußeren n-Erweiterung zu -vrwv, -a~wv um-
geformt. Diese Neuerung ist nach der (räumlichen) Trennung des Boiotischen von
Aiolischen eingetreten, also dem Thessalischen und Lesbischen gemeinsam oder
- da Belege aus dem Thessalischen fehlen - vielleicht nur flir das Lesbische cha-
rakteristisch. Im Sandhi treten flir die neugeschaffenen Endungen zwei Varianten
auf, -vrwv, -a~wv vor Vokal, -vrov, -a~ov vor Konsonant nach Osthoffs Gesetz,
von denen nach einem Zeitraum der Koexistenz im Lesbischen die Formen mit
kurzem Vokal verallgemeinert werden .

Einige Aspekte dieses Erklärungsversuchs bedürfen der Diskussion .

(1) Aus der Akzentuierung der Formen Imp. 3. Pl. ~a'AA.eu6vrov Alk. 5.10 (L- P),
a:yovrov Alk 30.3 (L-P) in der Papyrusüberlieferung zieht West (1970: 195) den
Schluß, daß die Endung -vrov im Lesbischen gebildet wurde, als die Barytonese-
Regel (§ 158) nicht mehr wirksam war. Das Alter und die genaue Lokalisierung
der Zurückziehung des Akzents im Aiolischen, von der antike Grammatiker beriet
ten, sind bislang umstritten, aber wenn es sich dabei um ein Merkmal des Les-
bischen handeln sollte - woflir manche Argumente sprechen - , wäre auch -vrov
eine spezifisch lesbische Bildung. Diese Interpretation empfiehlt sich ohnehin so
lange, wie der thessalische Befund nicht bekannt ist.

(2) Nach Garcia-Ram6ns Analyse wäre im Boiotischen die Endung 3. PI. Med.
*-a~w < *-va~w zu erwarten. An ihrer Stelle ist die - formal mit der entspre-
chenden aktiven übereinstimmende - Endung -v~w belegt (s.o .).

(3) Der Themavokal in lesb. 3. PI. Med. -e · a~ov bereitet Schwierigkeiten. Wenn
-a~ov auf eine Pluralisierung von 3. Sg. - a~w zurückgeht, wäre, analog zu Akt.
-E·Tw : -o-vrov, als Themavokal -o- zu erwarten (·e-a~w : *-o-{v)a~ov).

162
00046245

10.2 Präsens
10.2.1 Verbalklasse 1: Thematische Verben
§ 179. Folgende Ableitungen sollen die geläufigsten Formen verdeutlichen:
(1) Ind. Akt. 3. Sg.
lesb.
zugrundeliegende Repräsentation thess. /arkh+e+ti/
boiot.
Metathese /arkheyt/
Verschlußlauttilgung /arkhey/
thess.
Monophthongierung . t /arkhe:/
b010 •
Vokalhebung boiot. /arkhi:/
lesb. li.pxet
Oberflächenform thess. li.pxet
boiot. li.pxt
(2) Ind. Akt. 3. PI .
lesb.
zugrundeliegende Repräsentation thess. /arkh+o+nti/
boiot.
Assibilation(§ 120, 171ff.) /arkhonÜ/
Transformation lesb. /arkhon~i/

Assimilation lesb. /arkhon§i/


n-Abschwächung lesb. /a rkhoy~i/
Depalatalisierung lesb. /arkhoysi/
lesb. li.pxowt
Oberflächenform thess. li.pxov~'
boiot. ll.pxovih
(3) Lnd. Med . 3. Sg.
lesb.
zugrundeliegende Repräsentation thess. /arkh+e+tay/
boiot.
Monophthongierung boiot. /arkhet~ :/
lesb. li.pxerat
Oberflächenform thess. li.pxerat
boiot. li.pxeTfl
Zu -Tet im Thessalischen von Larisa vgl . § 174- 176.
163
00046245

(4) lnd. Med. 3. PI.


zugrundeliegende Repräsentation lesb. /arkh+o+ntay/
Oberflächenform lesb. äpxov-rat
thess.
zugrundeliegende Repräsentation . t /arkh+o+nfay/ (§ 17lff.)
b010 0

Monophthongierung boiot. /arkhonf~ :/


thess. äpxov.Jat
Oberflächenform
boiot. äpxovt'h]
Zu -v.Jt:w im Thessalischen von Larisa vgl. § 174- 176.
{5) Konj . Akt. 3. Sg.
zugrundeliegende Repräsentation lesb . /arkh+e :+ti/
Metathese /arkhe:yt/
Verschlußlauttilgung /arkhe :y/
Oberflächenform lesb. liPXf/L
Gleitlauttilgung [arkhe: ]
Oberflächenform lesb. äpxfi

zugrundeliegende Repräsentation tbh~ss. /arkh+e :+t/ (§ 166)


OlOt.
Verschlußlau ttilgung /arkhe :/
thess. liPXEL
Oberflächenform
boiot. liPXEL
{6) Konj . Akt. 3. PI.
lesb.
zugrundeliegende Repräsentation thess. /arkh+o :+ntil
boiot.
Assibilation larkho:nfil
Transformation lesb. larkho :n§il
Assimilation lesb. I arkho: ft§il
n-Abschwächung lesb. I arkho: y§i/
Depalatalisierung lesb. / arkho :ysi/
lesb. liPXWLOL
Oberflächenform thess. äpxouv.Jt
boiot. äpxwv.Jt
Gleitlauttilgung (§ 166) lesb. [arkho:si]
Oberflächen form lesb. lipxwat

164
00046245

§ 180. Belege:
lnd . Akt. 3. Sg. /+e+ti/ ~ lesb. thess. boiot. /+ey/ ~ thess. boiot. /+e:/ -+ boiot.
/+i :/
lesb. /ey/ lipxet IG 12,2:1. 19
thess. /e:/ 5evet McD 337.27, €7TßdaKet McD 347.8,
imapxet McD 310.10
boiot. /i:/ lipxt IG 7:3171.40, EXL DGE 462 .b39,
tJ,.petN. IG 7:1738.4
lnd . Akt. 3. Pl. / +o+nti/ ~ lesb. / +oysi/, thess. boiot. /+onfi/
lesb . /oysi/ [d]7Tayy€XXotat IG 12,2:15.15, €xotat
ibid . z. 22
thess. / onfi/ imapxovt'Jt McD 337.42
boiot. /onfi/ [li]Pxovt'Jt BCH 1937:217ff. Z. 34, [dva·
J.LCJ.LVci]aKovt'Jt IG 7:2405 .9

Ind . Med. 3. Sg. /+e+tay/-+ lesb. /+etay/, boiot. /+etrr:/


lesb. /etay/ d7Tcrypf1perat IG 12,2:74 .b7, [d7T]Oip(live-
rat SEG 17 :540.23
boiot. /etrr:/ tJ,.peiXert1 IG 7:3171.33

Konj . Akt. 3. Sg. /+e:+ti/ ~ lesb. /+e:y/ ~ f+e:f


lesb. /e: y/ t'JeA.rtt IG 12,2: 4.15
/e:/ t'J €Xrt IG 12,2:645.a49, t'JU,., IG 12,2:
72.8, e~J.J..L€"17 IG 12,2:6.3
/+e:+t/ ~ thess. boiot. /+e:/
thess. /e:/ t'J€X€ IG 9,2: 1202 .4/5, Ex_et SEG 27:202.
12/ 13
boiot. /e:/ li-yet SEG 22: 407. 17, lipxet BCH 1936:
18lff. Z. 12, 5eiet DGE 462.a36, 5weL
IG 7: 1778. 1

Konj . Akt. 3. PI. / +o:+nti/ -+ lesb. / +o:ysi/, boiot. / +o :nfi/ ~ lesb . / +o:si/
1esb. / o:ysi/ -ywwaKwtat IG 12,2:645 .a39, 'YP~WL
IG 12,2:1.3
/o:si/ [d]7Toar€XXwaL IG 12,2 S: 136.b50,
e7Tayy€A.Xwat IG 12,2 S: 138.36
boiot. /o:nfi/ €xwvt'JL IG 7:3 169.6/7 , 5wwvt'JL IG
7:2228.5, 0.J.L~7TWVt'JL E. 78:06.18/ 19

Konj. Med. 3. Sg. /+e:+tay/ ~ lesb. thess. /+e :tay/, boiot . / +e:trr:/
lesb. /e :tay/ 5eliqrat IG 12,2: 18.16, li"(T1rat IG
12,2:4.9
165
00046245

thess. /e: tay/ f<lA[t1aaK€ra[t] IG 9,2: 1226.4/ 5, fjt:>..-


>..etrat GHW 3363
߀>..>..etret IG 9,2: 51 7.20, [-yi]vetret nc
9,2:512.20/21 Larisa (§ 174)
boiot. /e:tt; :/ ßd"A€t111 DGE 485.2, €1/1(17TT€LT'f1 IG
7:3200.9, 1/)'flvetrTl DGE 462.a22
Konj . Med. 3. PI. /+o:+ntay/ ~ lesb. /+o :ntay/
lesb. /o: ntay/ c5euwVTat IG 12,2: 15.26
/+o:+nfay/ ~ thess. boiot . /+o:n{ay/ ~ boiot. /+o:nft;: /
thess. ߀A>..ouv.,ew IG 9,2:513.7/8 Larisa
(§ 174)
boiot. /o:nft; :/ ße{XwvtJ17 E. 78: 06 .25
Opt. Akt. 3. Sg.152 /+o+i :+t/ ~ thess. boiot. /+oy/
thess . /oy/ 7Tapßaivot IG 9,2:257 .7
boiot . /oy/ c5ai~o' IG 7:207.12

Opt. Akt. 3. Pl. / +o+i :+en/ ~ lesb . /+oyen/


lesb. /oyen/ EIJI.lEIIOt€11 IG 12,2:6.19
Opt. Med. 3. Sg. /+o+i :+to/ ~ lesb . /+oyto/
lesb. /oyto/ [7Tpo]aa-yotro IG 12,2:29.5
lmp. Akt . 3. Sg. / +e+to:/ ~ lesb. thess. boiot. /+eto:/
1esb. /eto:/ ßo>..Aeuer w IG 12,2: 6.34, "uerw IG
12,2:73.4, tr(KapiJOOfTW IG 12,2:
645 .a37
thess. /eto: / imapxerov IG 9,2: 1229.44
boiot. /eto:/ a1rorpexerw BCH 1901 : 359ff. z. 15,
E7Tti<WAIJETW SEG 22:407.25
lmp . Akt. 3. Pl./ +o+nton/ ~ lesb. /+onton/
1esb. /onton/ [a]TeixoVTov IG 12,2:6.6, I{)U"AaaaovTOII
IG 12,2 S: 136.b8
lmp. Med. 2. Sg. / +e+so/ ~ boiot . /+o:/
boiot . /o :/ ~u>..>..ew Ptoion 197 1 Nr. 252 Z. 1 (§ 34)
lmp. Med. 3. Sg. / +e+stho:/ ~ lesb. boiot. / +estho: /
lesb. / estho:/ J~~ea"w IG 12,2:6.4 153
boiot. /estho:/ aTTo-ypOA{>€a"w IG 7:3 17 1.47
152 t'xuH auf einer Inschrift vom Ende des 3. Jhdt.s aus der Histiaiotis (Helly i.V. Z. 4) ist
eine aus dem Stamm, dem Themavokal und einer Optativendung -ot gebildete Koine·
Form (~~o' > ~wt, vgl. auch tfot in Gonnoi, § 197 Anm. 208) und kann nicht dem
thessalischen Dialekt zugerechnet werden.
153 Alle Herausgeber lesen (#oplttio<Jw, obwohl das vermutete Verbum E'to~o~at im Lesbi·
sehen kein (h) im Anlaut hat (vgl. auch mTw6cillt(t) Sa 43.7). Problematisch ist auch
die Ergänzung von IG 12,2: 645.b54/ 55 tll( .. )toTw in ~ ~~~ ex )eoTw (Schwyzer DGE 634):
als Endung der 3. Sg.lmp.Med. wäre -o<Jw zu erwarten.

166
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lmp. Med . 3. PI. /+e+sthon/ -+ lesb . /+esthon/


lesb. /esthon/ €tr4J.€'Aea{jov IG 12,2: 6.23

10.2.2 Verbalklasse 11: Athematische Verben mit Stammauslaut -e, -ä, -ö


§ 181. Verben der Verbalklasse U, die sog. verba contracta, zeigen in den aioli·
schen Dialekten folgende Flexionstypen :
(1) mit langem stammauslautendem Vokal und athematischer Flexion, Typ
I(X.ATf·J.I.L, r{J.Lä·f.J.L , arfcpaVW·J.LL ;
(2) mit langem stammauslautendem Vokal und thematischer Flexion, Typ
dOIXilw;
(3) mit kurzem stammauslautendem Vokal und thematischer Flexion, Typ
'{)LAE-W, TIJ.I.a·W, OTft(XJJIO·W.

Im literarischen Lesbisch flektieren die Verben der Verbalklasse II in der Regel


nach dem Typ (I); daneben treten vereinzelte Spuren des Typs (2) und - in
den von der Sprache des Epos beeinflußten Gedichten und in der indirekten
Oberlieferung - des Typs (3} auf. Im Lesbischen der Inschriften überwiegt in
älterer Zeit die athematische Flexion; seit dem Ende des 4 . Jhdt.s sind auch
thematische Bildungen nachweisbar, die sämtlich dem Einfluß der Koine zuzu-
schreiben sind.
Im Bereich des Thessalischen werden Verben der Verbalklasse II in der Pelas-
giotis und der Perrhaibia ausschließlich athematisch flektiert. In den edierten In·
schriften der Histiaiotis liegt bislang nur die Form KOUJaJJfWrOVIJ (§ 234) vor,
durch die - unabhängig von der Frage der Interpretation der Schreibung fL -
athematische Flexionsweise wahrscheinlich gemacht wird. In der J'hessaliotis
sind nur thematische Bildungen belegt (hu'Aöpeovr~ IG 9,2:257.1 in Thetonion
und [arparar]eot.VTO\ IG 9,2:258.1 in Kierion). Zu welchem Flexionstyp Ver-
ben der Verbalklasse 11 in der Tetras Phthiotis (Pharsalos) gehören, läßt sich
mangels einschlägiger Evidenz vorläufig nicht entscheiden.
Ausgehend von den Belegen auf den ältesten Inschriften , huMpeovro~ (5. Jhdt.) und wpo-
KaAeov.)a( McD 326.6 (6. Jhdt., im archaischen Alphabet) aus Argura (Pelasgiotis) 15• argu·
mentiert Hock (1971) (poce van der Velde 1924: 114), daß in den beiden großen Dialekt·
gebieten des Thessalischen die thematische Flexion der verba Contraeta (oder zumindest der
e-Verben) die ursprüngliche sei und zwischen dem 5. und dem 3. J hdt. in der Pelasgiotis
und der Perrhaibia durch die athematische "aiolische" Flexion ersetzt worden seL Diese
Hypothese wird durch folgende Einwände entscheidend geschwächt : Die Ersetzung der
thematischen durch die aiolische Flexion zwischen dem 5. und dem 3. Jhdt. läuft dem
auch von Hock anerkann ten allgemeinen Trend zur thematischen Flexion in den griechi·
sehen Dialekten (spätestens) des l. Jahrtausends entgegen. Von der Inschrift McD 326 ist
nur ein Bruchteil erhalten; in diesem Bruchteil ist etwa die Hälfte der Textmasse entschlüs·
seit. Grammatische Aussagen Uber Buchstabenfolgen, die als Wörter abgetrennt werden kön-
nen, sind vorläufig spekulativ. Hock Interprethut wpoKaAeov.)a, als Lndilcativ, ohne die

154 Die Lesung des Belegs und Oatieru~ und Lokalisierung der Inschrift sind von B. HeUy
korrigiert.

167
00046245

Möglichkeit in Betracht zu ziehen, daß auch eine Form des langvokalischen Konjunktivs
(wie KClTOtK~:iov""') vorliegen kö nnte. Ein Indiz kö nnte zugunsten einer Interpretation als
Konjunktivform angeführt werden: in einem arebaisehen Gesetzestext wäre eine Folge von
Ko nditionalsätzen durchaus zu erwarten. Die syntaktische Struktur könnte dann aus Kon-
junktiven in den Nebensätzen und Infinitiven in den Hau ptsätzen bestanden haben. Eine
Konjunktivform liegt in 6wÜ Z. 2 vor, Infinitivformen treten mehrfach auf: f !J.IJ.EII Z. 2, 3,
7, 13, a'll'e'Wat Z. 11. Wenn somit wahrscheinlich gemacht werden kann (oder sich bestätigen
sollte), daß 'll'poKa')...eov-'a' qua Konjunktiv nicht no twendigerweise thematisch gebildet ist,
entfaJlt Hocks einziger Beleg flir thematische Flexion der i-Verben und damit auch ftir den
sekundären Ursprung de.r athematischen Flexion im Thessalischen der Pelasgiotis.
Im Boiotischen der inschriftlichen Überlieferung werden die Entsprechungen der
lesbischen und thessalischen athematischen Verben mit Stammauslaut -e, -ä, -ö
thematisch nach Typ (3) flektiert ; athematische Flexion ist nicht sicher nachweis>
bar .
Nach Garcia-Ram6n (1975 : 71) können die Partizipien auf -EliJ.EIIO~ im Boiotischen entwe-
der der Kontraktion aus -e·€1J.EIIO~ wie in den nordwestgriechischen Dialekten oder der Be-
wahrung des ursprünglichen athematischen Typs ·e!J.el/0~ wie im Thessalischen ode.r Lesbi-
schen zugeschrieben werden. ,,Die Partizipien auf -EI-,.,.evo~ im Boiotischen" sind zwei For-
men: ö.6 uce~ei/OtC: Aristoph. Ach. 9 14 und 6 e~ell0 t<; lG 7:2858.3/4 (Koroneia, 3. Jhdt.).
Das Zeugnis des Aristophanes flir das Boiotische ist kaum beweiskräftig; in Anbetracht der
zahlreichen Belege flir thematische F lexion von 6elw (6 ~:l~:t IG 1: 1739. 16, DGE 462.a36,
BCH 1936: 18lff. Z. 26, ( 6 J~: lTJ DGE 462.a26, ö ~:( lTJ J ibid. Z. a21 , 6~:li1J.€" SEG 1: 132.12,
6~:w11Twc: ibid. Z. 15) bleibt die Annahme, daß allein das Partizip 6~:/JJevoc: ein Relikt der
athemat ischen Flexionsweise, die das Boiotische einst auch gekannt haben müsse, repräsen-
tiere, mit dem Vorwurf der Spekulation behaftet. Nach der communis opinio (Bechtel
192 1: 283, Thumb-Scherer 1959: 18, Buck 1968: 124) liegt Einfluß des ftir die nordwest-
griechischen Dialek1e charakteristischen medialen Partizips auf -~:/JJ~:vo~ (delph. Ka')...~:/JJevoc:)
vor (vgl. aber § 131 Anm. 11 8 zu thess. 6€UIJ.€1/0C: ) ; Hock (197 1: 188f.) hingegen hält eine
besondere Entwicklung • -eo- > • -e- in offenen Silben hier ftir wahrscheinlicher. ln öo11ele'
(3. Sg. Konj.) gegenüber gleichzeitigem 6oKlet, öoKet ist die Länge des stammauslautenden
Vokals singulär(§ 191 Anm. 185).

§ 182. Zur Verdeutlichung der athematischen Flexionsweise der sog. verba con-
cracta im Aiolischen sollen die Ableitungen der wichtigsten Formen des Präsens
Indikativ Aktivs vorgestellt werden.
Flexionstyp vx.t..ru.u: Präs. lnd . Akt.
1. Sg. 2. Sg. 3. Sg.
zugrundeliegende Repr. /phile: +mi/ /phile:+si/ /phile: +ti/
Metathese § 88 /phile:ys/ /phile:yt/
Vokalkürzung § 60 /phileys/ /phileyt/
Verschlußlau ttilgung /philey/
Monophthongierung thess. /phile:s/ / phile:/
Vokalhebung thess. /philtpni/ /phil<;~ :s/ /phil~ :/
Oberflächenform lesb. '{XATUJ.L vxf...etc: !(Jt.AEL
thess. f{X.A €t+J.L f{X.A €LC: f{XAEL

168
00046245

3.Pl. (cf. § 120, 173)


zugrundeliegende Repr. /phile :+nti/
Vokalkürzung /philenti/
Assi bilation /philen{i/
Tra:nsformation lesb. /philen§i/
Asslimila tion lesb. /phileMi/
n-A bschwächung lesb. /philey§i/
Depalatalisierung lesb. /phileysi/
lesb. I{JC.A€WL
Oberflächenform
thess. I{JC.A€V~L

Die Paradigmen der ä- und ö-Verben werden durch dieselben Regeln abgeleitet.
Präs. lnd. Akt. 1. Sg. 2. Sg. 3. Sg. 3. Pl.
lesb. I{JC.A17J.H I{JC.AEtc; I{JC.AH I{JC.A€LOL
lesb. TiJ,J.Ü/J.L riJ,J.atc; T{IID.t TiJ,J.atOL
lesb. OTEI{J(iVWJ.I.L OTE!p(iVOtc; OTE<f/(ivOL OT€!p(iVOWL

Diese Paradigmen werden auch von antiken Grammatikern 155 den Alo'Aeic; zuge-
schrieben:
1T617JJ..L 1TO€tc; 1TO€L 156
-y€ AatJ,I.L157 -y€A.atc; -y€A.at
158 ÖOK{pot 159.
OOKiJ,J.WJ,J.L OOKiJ,J.OLc;

§ 183. Vereinzelte Formen im Lesbischen wie


2. Sg. M1mc; Sa 3.4; 1r6~ Alk 306A.bl9, Theokr. 30.12; SJ.CiT17c; Theokr.
29.15
3. Sg.l.p(Jp17 Theokr. 29.29 160; tip17 Theokr. 30.12 161
werden durch Anwendung der Gleitlauttilgungsregel (§ 99) an Stelle der Vokal-
kürzungsregel (§ 60) erzeugt:
2. Sg. 3. Sg.
zugrundeliegende Repr. /poye:+si/ /poye:+ti/
Metathese / poye:ys/ /poye:yt/
Gleitlauttilgung /poye:s/ /poye:t/
Verschlußlauttilgung /poye:/

Oberflächenform 1TOL11

155 Belege fUr die Paradigmen von ä- und ö-Verben bei Grammatikern sind zitiert bei Meister
(1882: 175ff.), Hoffma.n n (1893: 574ff.), Lobe! (1927: xxviü und xlli).
15 6 P. Bouriant 8 IV.22 {cf. Lobe! 1932), möglicherweise aus einer Grammatik der grie-
chischen Dialekte, mit mehreren Zitaten aus Sappho und Alkaios.
157 ~~und -o~t {vgl. Anm. 158) durch i-Epenthese (§ 85 ).
158 6oK/slw~Jt He.rodian. II 825.4 und ö fter (cf. auch Sa 52), Memnon Nr. 29.11 (Balbilla);
159 cf. P. Oxy. 469 12ff. [ 6oK~ I#It Sa 56.1 cod. , 6oKillw~Jt Voigt (coni. Letronne).
160 opOPfl pap., .p&pet Gow; .pdpet Theok.r. 30.32.
161 nolf! in IErythrai 122.21 ist nach Boüüaert (1954: 365 A3) eine ,quasihaplographie' flir
noif!(Tat>. Eine Medialform hatte auch schon Sechtel (1909: 9 ) gefordert.

169
00046245

Diese Ableitung setzt voraus, daß der Anwendungsbereich der Gleitlauttilgungs-


regel auf das Wortinnere erweitert wird. Eine Parallele flir die Möglichkeit einer
solchen Generalisierung dieser Regel liefert die Ableitung von Formen der 3. Pl.
Konj . thematischer Verben (cf. § 99, 166), ist dort aber durch funktionale Be-
lastung motiviert. Eine Alternativlösung für die Ableitung von Formen des Typs
1r0i17 bestünde darin, einen optionalen Verlust der Vokalkürzungsregel anzuneh-
men. Die durch die Verschlußlauttilgung erzeugten Formen unterliegen dann
der - nicht modifiZierten - Gleitlauttilgungsregel:
zugrundeliegende Repr. I poye :+ti/
Metathese /poye:yt/
Verschlußlauttilgung /poye:y/
Gleitlauttilgung /poye:/
Oberflächenform 1roi17
Ein optionaler Verlust der Vokalkürzungsregel muß auch flir Formen wie 1Tpo-
v617VTa~., ÖllLat1prwrat (§ 234) vorausgesetzt werden.

§ 184. Der im Lesbischen vertretene Flexionstyp äöucf7w beruht auf einer ana-
logischen Übertragung, die von lit. •reMw inschr. re"Aeiw 162 ihren Ausgang ge-
nommen haben muß 163 : in •re"Af7w ist der Ausgang [-e:e/o-] lautgesetzlich aus
/-es+ye-/-es+yo-/ entstanden Uteles+yo-/ -+ /telehyo-/ -+ / teleyyo-/ -+ / tele :yo-/
(§ 80f.) -+ /tele:o-1) und zum Muster flir - soweit aus der Oberlieferung bekannt
ist - Ka"Af7w/K.a.Aeiw 164, äöuc7iw, 1rot}qw geworden . Eine Stütze für diese Erklä-
rung ist in der Tatsache zu sehen, daß der Stamm te/es- auch im Aorist als Vor-
bild flir analogische Neubildungen gedient hat (Kd"Aeaaa,, f1TalV€UUal. nach re"Aea-
aa' 165, cf. § 207).
Garcla-Ram6n (1975 : 7lf.) sieht in thess. KarolKelouvl'), und boiot. 6Cllo&lWeJJev, irrtare.pavwe·
,uv Belege für den thematischen Flexlonstyp, der somit gemein- (und proto-)aiolisch sei.
Thess. Karoucelouvl'), kann aber auch als athematische Bildung mit Konjunktivzeiche.n jo: f
aufgefaßt werden (kurzvokalische Konjunktive sind im Thessalischen nicht belegt), so daß
e.in wichtiges Bindeglied für die Annahme eines den aiolischen Dialekten gemeinsamen Bil·
dungstyps entfällt und die herkömmliche Erklärung der boiotlschen Formen mit langvoka-
lischem Stammauslaut durch Einfluß der aitolischen Kanzleisprache (§ 191 ) nicht erschüt-
tert wird.

§ 185. Wie bereits in § 181 erläutert wurde, fmdet sich in den inschriftlich über-
lieferten Zeugnissen des Boiotischen bei den e-Verben ausschließlich der Fle-
xionstyp .pi>..ew; erttsprechend weisen die spärlich belegten ä- und ö-Verben kur-
162 Zur Schreibung von (e: ) (Ut. 1'!. inschr. et) vgl. § 46.
163 So auch Bechtel (1909: 62f., 1921 : 89), Forssman (1975 : 22f.).
164 Forssmans (1975 : 23) Zweifel an der Echtheit der vo n antiken Grammatikern über·
lieferten Form l«lA~w sind unbegründet : auf den Inschriften finden sieb mehrere, die
Oberlieferung der Grammatiker bestätigende Belege (§ 190).
165 Als lnf.Aor. von ~~w wäre demnach nicht mit Forssman (1975 : 23) die von Jo.
Gramm. m. 6 überlieferte Form ~waat zu erwarten, sondern ~luaaat.

170
00046245

zen Stammvokal und thematische Flexion auf. Die Ableitung der wichtigsten
Formen wird im folgenden beschrieben.
Flexionstyp cp.:Aew im Boiotischen: Präs. Akt. 3. Sg.
Ind. Konj .
zugrundeliegende Repr. /kale+e+ti/ /kale+e:+t/
Metathese /kaleeyt/
Verschlußlauttilgung /kaleey/ /kalee:/
Kontraktion /kale:y/ /kale: /
Vokalkürzung § 62 /kaley/
Monophthongierung § 74 /kale:/
Vokalhebung /kale• :/ /kale• :/
Oberflächenform KaA€t m'Ae'i
Vokalhebung /kali:/ /kali :/
Oberflächenform KaAt
In der 3. Sg. Präs. der e-Verben ist also die Opposition zwischen Indikativ und
Konjunktiv durch mehrere Lautwandel und Kontraktionen zu der Zeit, aus der
die Belege stammen (Ende 3. und 2. Jhdt.), aufgehoben, bei den thematischen
Verben und im Aorist Passiv jedoch erhalten geblieben (them. Verben Präs. 3.
Sg. lnd. (-i:] : Konj. [-e:], Aor. Pass. 3. Sg. Ind. [-e:] : Konj . [-e:e:]).

§ 186. Die Flexion der sog. verba contracta im Aiolischen stellt ein seit langem
umstrittenes Problem dar. Die hier vorgeschlagene Lösung, die mit Hilfe der Meta-
thesenregel, die von Kiparsky ( 1966) aufgestellt, aber weder von ihm selbst noch
von Hock ( 1971) auf diesen Bereich angewendet wurde, die aiolische Flexion als
eine athematische Bildung mit Primärendungen erklärt, scheint mir den gesamten
Komplex am einfachsten und umfassendsten zu beschreiben. Ihr besonderer Vor-
zug liegt darin , daß sie ohne Zusatzhypothesen auskommt, wie z.B. die Annah-
me von Kontraktionen , deren Fehlen oder Eintreten im Lesbischen noch weit-
gehend unklar ist (Hamrn 1957: 29ff.), oder die Annahme von sekundären Endun-
gen (Maniet 1969), die im Griechischen nicht zur Bildung von Formen des Prä-
sens Indikativ herangezogen werden.
Einige Fragen bleiben allerdings noch offen. So ist nicht mit Sicherheit zu ent-
scheiden, ob es im Boiotischen - als einem der drei aiolischen Dialekte - die für
das Aiolische charakteristische athematische Flexion der sog. verba contracta vor
Beginn der inschriftlichen Oberlieferung gegeben hat oder nicht. Die Beurteilung
von Spuren athematischer Flexion in den Texten boiotischer Dichter (Hesiodos,
Korinna) 166 ist schwierig, weil nicht klar ist, ob Boiotismen - Entlehnungen aus
dem gesprochenen Dialekt - oder Aiolismen - Entlehnungen aus einer literari-
schen Kunstsprache mit aiolischen Elementen - vorliegen. Ebenso problematisch

166 Vgl dazu Hock (1971: 163ff.).

171
00046245

ist das Zeugnis antiker Grammatiker 167, die auch dem Boiotischen athematische
Fo rmen (rapßEf.l.lt, 1TOl€t!Jt, cp(A€4Jt, OÜCEvn, cp(A€VTt) zuschreiben, weil eine siclhere
Basis zur Prüfung seines Wahrheitsgehalts fehlt. Wenn man sich - vomehmlicih
aus dialektologischen Erwägungen - dazu entschließt, ftir ein vorhistorisches
Stadium des Boiotischen athematische " aiolische" Flexion anzunehmen, muß
man auch eine Erklärung daftir fmden , warum dieses Merkmal wesentlich frülher
als in den beiden anderen aiolischen Dialekten verlorenging.

§ 187. Belege
In den zugrundeliegenden Repräsentationen sind der Stammauslaut und die je-
weiligen Suffixe angegeben.
Athematische F/exionstypen: CfJtAT//Jt

Ind. Akt. l. Sg. /-e:+mi/ -+ lesb. /-e:mi/


lesb . /-e: mi/ KciAT//Jt Sa 60.4 , OLKT/!Jt Alk 130.b l6 , ..p(-
AT//JIJ:, 168 Sa 58.25
2. Sg. /-e:+si/ -+ lesb. /-eys/
lesb. /-eys/ kein direkter Beleg
/-e:+si/ -+ lesb . /-e:s/ (§ 183)
lesb . /-e:s/ AV1TT/<: 169 Sa 3.4, rrO.,.,c: Alk 306A.b19
/-e: +stha/ -+ lesb. /-e:stha/
lesb. /-e:stha/ cptAT/O~a 170 Sa 129 b

167 Zitate bei Meister (1882: 276f.), Hoffmann (1893: 468, 574).
168 Die Papyrus-Texte bieten in der Regel ·!Jt (in Alk 302c.1 ist rd.pßfl!J' auf dem Papyrus
vo n einer secunda manus in r d.pßfl!JIJ' korrigiert), in der Codex-Oberlieferung kommt
nur bei i-Verben - auch die Endung ·IJIJ' vor : Kd.AfJIJIJ' Sa 1.16, lipfliJIJ 't Sa 31.11. Wei-
tere Beispiele für ·IJIJ· sind ~1rOfliJIJ.ev Sa 24.a4 (Pap.), rrerrOT)iJ!Jtvcw; Sa 94.1 7 L- P, rre-
rrOT)iJtvatc; Voigt (Pap.) gegenüber zahlreichen Belegen für -,.,.evo.; (rro~,.,_evo.; Alk 11 7b.
21). In einem Beleg für die Endung der 1. Pl.Med. Uest Voigt tpOpf!!Je ~a Alk 208.a4,
L- P tpOPiliJ.!Je~a (= Alk 326.4). Thumb-Scherer (1959 : 8lf.) interpret ieren ·ll!J· in Ver-
balendungen (und abgeleiteten Nomina wie lidJ)IJIJa, XPiliJ!Ja) als HyperaioUsmus: ,.So
galt "'"' rur "' anderer Dialekte (f·,.,.,.,.,, lill~JH) als ,a.ioUsch' und wurde deswegen nach
langem Vokal geschrieben, wo es metrisch nicht st örte." Damit wird aber die Beschrän-

kung von ·IJIJ.· auf Verben und ihre Ableitungen nicht erklärt; eine Hypothese, die die
phonologischen Bedingungen für das Auftreten von ·IJ!Jt statt ·!Jt nach [e:) berücksich-
tigt, wird in Zusammenhang mit der i-Epent hese (§ 85) erörtert.
169 AVll'fJ<; auf dem Papyrus, von L- P >..tlrrfJt<; gelesen. Die Einsetzung von langen i-Diphthon-
gen in den Endungen der 2. Sg.Ind. ("'Jt<; , ·flw~a. ·at<;, ·wt<;) geht auf Lobet (1927 :
xxviii) zurück, der auf Grund des übertieferlen e'l(f)t<; (in den Codices lx ·fJt <;, 2x · fJ <;,
1x ·et <;) Sa 112.2 die Form AVll'fJ<; in AVll'fJt<; und die übrigen Belege entsprechend gegen
die OberUeferu ng verbesserte. Aull'fJ<; kann aber, wie oben gezeigt wurde, zu einem eigen-
ständigen Paradigma gehören; eine Korrektur der belegten analogen Formen ist nicht
erforderUch.
170 vXAflta"a L- P; cf. auch rrdf)o~a P. Bouriant 8.7 3.

172
00046245

3. Sg. /-e:+ti/ -+ lesb. /-ey/, thess. /-e:/


lesb. /-ey/ tp~.?\€t Sa 1.23, Kci.Aet Sa 164, ti:ypet Sa 31. 14,
1TO€t Sa 44A.b6, ÖLCLrEA€t IG 12,2: 18.6,
OVVTEA€t 171 1G 12,2 S:139.87
thess. /-e:/ ötereAet IG 9,2:46l.a4, McD 337.38 172
3. PI. /-e:+nti/ -+ lesb. /-eysi/
lesb. /-eysi/ e?Ttpp6JJ.ßewt 173 Sa 31. 11, l{lt?l.tot {flir
•vn?l.ewt) Memnon Nr. 28. 12

lndl. Med . 3. Sg. /-e:+tay/ -+ lesb. /-e:tay/


lesb. /-e:tay/ ßOprrrw. Sa 96.17, ä-yprrrat IPergamon
245.68 174 •••

1. PI. /-e:+metha/ -+ lesb. /-e:metha/


lesb. /-e:metha/ I{IOPilP.efJa Alk 208.a4
3. PI. /-e:+ntay/-+ lesb. /-entay/, thess. /-enfay/
1esb. /-entay/ 1TWAevr'at Alk 130.b18 175 , ?Tpovorwrat
IErythrai 122.19, [öt]aocicprrvrat IPerga-
mon 245.50 (cf. § 234)
thess. etp<iv-ypevfJew lG 9,2:517.4 1 {Larisa)

Konj . Akt. 3. Sg. /-e:+e:+ti/ -+ lesb. /-e:/


lesb. /-e:/ €U€P'YETT7 1G 12,2:645.a5 1/52, OVVTEA'Tl
IG 12,2:528.36, 1TO'f1 lG 12,2:67.6
3. PI. /-e:+o:+nti/ -+ thess. /-e:o:nfi/
thess. /-e:o:nfi/ KaroLKeiovvtJt lG 9,2:5 14.3

Konj. Med. 3. Sg. /-e:+e: +tay/-+ lesb. /-e:tay/


lesb. /-e:tay/ ä'Y'f1rat lG 12,2:6.34, lpo1TO'f1Tat IG 12,2:
645.a33
3. PI. /-e:+o: +ntay/ -+ thess. /-e:o: nfay/
'
thess. /-e:o:nfay/ 1TPOKaA€övtJat McD 326.6 (§ 181)

Opt. Akt. 1. Sg. /-e:+ye:+n/ -+ lesb. /-eye:n/


lesb. I-eye: n/ 1TO€L'f1V Sa 58. 17

17 1 1TapKal..et IErythrai 121.5 ist keine lesbische Form der 3. Sg.Präs., sondern eine helle-
nistische Form der 3. Sg.Futur (§ 166).
172 Zur Präposition thess. 61i vgl. § 17 5.
17 3 t1TtpOSJ/Jeiol cod., emppOSJ/JeWl L- P. Page (1955: 25 ), e1TI/3POJJ~Wt ci. Voigt.
17 4 li'YPflTa,, ohne Kontext, kann eine Form des Indikativs oder des Konjunktivs sein.
175 1rw>..~VTat ist der einzige literarische Beleg für die 3. PI.Präs.lnd.Med. Das thematisch
gebildete 1rofioVTcu Alk 322 ist eine Entlehnung aus Homer: das Lesbische kennt sonst
nur 1TOTaSJa' in dSJ.pt1fOTaTa' Sa 22.12, tK1Tt1fOTap.ella Sa 55.4 (cf. Lobe11927 : li f.). In
Sa 130.4 , wo die Oberlieferung 1TOT1), 1TOTt bietet, lesen Lobel-Page (= 131.2) 1TOTO.t,
Voigt aUerdings 1TOTfl(u unter Hinweis auf rroreoVTa' und 1TOTTlJJtlla Theok.r. 29.30.

173
00046245

Imp. Akt. 2. Sg. /-e:+0/ -+ lesb. /-e: /


lesb . /-e:/ Kivr] Sa 145
3. Sg. /-e: +to:/ -+ lesb. /-e:to:/
lesb. /-e:to:/ w!Jirrw Alk 346.6, XELPOTOvr'Jrw IG 12,2
S: 138.37
3. PI. /-e:+nton/ -+ lesb. /-enton/
lesb . /-enton/ Ka'A.Evrov IG 12,2 :529.13/ 14, Kara:ypEvrov
IG 12,2: 6 .15
Imp . Med. 3. Sg. /-e:+stho:/ -+ lesb. /-e:stho :/
lesb. /-e: stho: / €11'~EA:77a[t9]w IG 12,2:499.9, 1TOtitat9w
IKyme 13.9
3. PI. /-e:+sthon/ -+ lesb. /-e :sthon/
lesb. /-e:sthon/ 1TC)'T]Ot9ov IG 12,2 S: 136.b28

§ 188. Athenuztische Flexionstypen: r{J.IiiiJ.L

Ind. Akt. 2. Sg. /-a:+si/ -+ lesb. /-ays/ 176


3. Sg. /-a:+ti/ -+ lesb . /-ay/ 177
lesb. /-ay/ ril:t[at] IG 12,2 :645.a41 178
3. PI. /-a:+nti/ -+ lesb. /-aysi/
lesb . /-aysi/ xoA.rum Alk 208.a9 179, 5il/lata't Alk 347.2,
a~iatat IG 12,2 8:121.31
lnd. Med. l. Sg. /-a:+may/ -+ lesb. /-a:may/
lesb . /-a:may/ äpaiJ.a[t] Sa 22.17
3. Sg. /-a:+tay/ -+ lesb. thess. /-a:tay/
lesb . /-a:tay/ 1T(A.]avarat Sa 21.15, UIJ.'{X1T6rarat Sa 22.12
thess. /-a:tay/ E1TLKoivarat DGE 617,1.2 180
1TepparEL IG 9,2:512.15 (Larisa)
Konj. Med. 3. Sg. /-a:+tay/ -+ lesb . /-a:tay/
lesb. /-a:tay/ epäraL Sa 16.4 (§ 166)
Opt. Akt. 3. Sg. /-a:+ye :+t/ -+ lesb . /-aye:/
lesb. /-aye: / t9ftpaiTJ IKyme 35.7

176 Keine sicheren Belege überliefert: Ö1rTQ4<; Sa 38, opo{T0.4<; Alk 143.11 , ovdpTa.t<; Alk 58.21
können auch Partizipien sein.
177 Zu thess. (?) epoU1'a4 vgl. § 191 Arun. 188.
178 ln der Majuskel-Abschrift ist nur Tll.. erkennbar. In Z. 44liest Boüüaert (1954: 369 A3),
syntaktisch korrekt, r{J.lara,. Aus der literarischen Oberlieferung liegt kein Beleg vor:
~aopolraw ' = ~aopolraw'a Sa 96.15 ist Partizip (Page 1955 : 9lf.).
179 xo>..aw' L- P mit der Überlieferung, xci>..aw' Voigt.
180 Die in Dodona gefundene Bleitafel stammt wohl aus Mondaia (Perrhaibia), vgJ. § 112
Anm. 90.

174
00046245

Opt. Med. 2. Sg. /-a:+i:+so/ -+ lesb . /-ayo/


lesb. /-ayo/ äaaw Sa 3.7
Imp. Akt. 3. Sg. /-a:+to: / ~ lesb. thess. /-a:to:/
lesb . /-a:to:/ Tf.IJ.drw IG 12,2: 1.16
thess. /-a:to:/ tdrov IG 9,2:1229.26/27

§ 189. Athematische Flexionstypen: are..p{wwJ.lt


lnd. Akt. 1. Sg. /-o:+rni/ ~ lesb. /-o:mi/
lesb. /-o:mi/ öoK{JJ.WJ.LL Memnon Nr. 29.11 (§ 182)
2. Sg. /-o:+si/ -+ lesb . /-oys/
lesb. /-oys/ xavVOL\ 181 Alk 359.4, ÖOK[J.LOL\ 182 Alk
303.5
3. Sg. /-o:+ti/ -+ lesb . /-oy/
lesb. /-oy/ are'{Xivo' IG 12,2: 18.11, öoK{JJ.o' Theokr.
30.25
3. PI. /-o:+nti/ -+ lesb . /-oysi/
lesb. /-oysi/ a~iotaL IG 12,2 S: 138.31
Opt. Med. 3. PI. /-o :+i:+nto/ -+ lesb . / -oynto/
lesb. /-oynto/ are!p(ivowro IG 12,2 S: 114.13
Imp. Akt. 3. Sg. /-o:+to:/ ~ lesb. /-o:to:/
lesb. /-o:to:/ [are]cpa.vwrw IG 12,2:645.a36
Imp. Med. 3. Sg. /-o:+stho: / -+ lesb. /-o:stho :/
lesb. /-o :stho:/ ~Q.J.LtwatJw IG 12,2:1.1 4/ 15, [rp]a1Te~W-
atJw IG 12,2:72.2

§ 190. Thematische Flexionstypen: döLKi/w


lnd. Akt. 1. Sg. /-e:+o+o/ ~ lesb . /-e:o:/
lesb. /-e:o:/ 1TO!Ji/w Sa 36, Ka.Mw Gramm. (Herodian.
fi 332.2, Etyrn. m. 485.45)
3. Sg. /-e :+e+ti/ -+ lesb. /-e:ey/
lesb. /-e :ey/ döLKi/EL 183 Sa 1.20
3. Pl. /-e :+o+nti/ -+ lesb. / -e:oysi/
lesb. /-e:oysi/ 1Tapa.Ka"Aeiow' 184 IG 12,2 S: 138.16,
ömre"Aeiocm IG 12,2 S:3.21
Weitc:re Formen dieses Flexionstyps sind belegt im Impf. (ötere"Aete, ötere"Aewv,
§ 199), Inf. Akt. (avvre"Aeirw, § 226), Part. Med. (avvre"Aeu5J.L€VO\, § 236).
181 XcWI.'Ot~
cod., xativwt( L- P, xativw~ Voigt; aciw( Alk 313 ka.nn wie op{Xf)<; (statt .p{Xet<;)
gebildet sein (§ 183).
182 Kein sicherer Beleg: 6oK4,wt.; kann auch Akk.PI. von 66'"J.Io<; sein.
183 aooo'let L- P, Page (1974: 158), Forssman (1975 : 22f.) mit der Überlieferung; aoiKf)at
Meillet {19 31: 200), Voigt.
184 Zur Schreibung von (e:] {lit. !'), inschr. et) vgl. § 46.

175
00046245

§ 191. Thematische F/exionstypen: <.p~."A..ew, np.dw, arecpavow

Flexionstyp <pt"A..ew
lnd. Akt. 3. Sg. /-e+e+ti/ -+ boiot. /-i:/
boiot. /-i: / otare["A..]i" IG 7:280.2 (otan:"A..ii § 39), ICa"A..i
IG 7:207.4
1. Pl. /·e+o+men/ -+ 1esb . /-eomen/
1esb. /-eomen/ [avv]re"A..eoJ,.Lev IG 12,2 S: 115.6
3. Pl. /·e+o+nti/ -+ 1esb . /-eoysi/, boiot. /-eonfi/
1esb. /-eoysi/ KaAiow[t] IG 12,2:528.35
boiot. /-eonfi/ Ka"A..eov!Jt IG 7:207 .7
Ko nj. Akt. 3. Sg. /·e+e:+ti/ -+ 1esb. /·ee:y/ -+ /·ee:/
1esb. /·ee:y/ auvre"A..e'T]L IG 12,2 S:l40.15
1esb . /-ee: / avvre"A..e'T] lG 12,2:498.14
/·e+e:+t/ -+ boiot. /-ee:f -+ /-ie: /, /-e:/ -+ /-i: / 185
boiot . /-ie: / ooKiEL
/'-e:I ooKei, ciSLKi
1. Pl. /-e+o:+men/ -+ 1esb. /-eo:men/
1esb. /-eo:men/ Ka"A..ewJ,.Lev IG 12,2 S: 139.88
3. PI. /-e+o:+nti/ -+ lesb. /-eo:si/, boiot. /-io:nfi/
1esb. /-eo:si/ 1TOLEWCJL IG 12,2:529 .15, [oJ..LO'Yv]wJ..LovewaL
IG 12,2 S: 136.b40
boiot. /-io:nfi/ otare"A..iwv!JL IG 7:2405. 13, EKTToLiwv!JL DGl
462.a24
Konj . Med. 3. Sg. /-e+e:+tay/ -+ lesb . /-e:tay/ , boiot. /-e:ttr: /
lesb. /-e:tay/ TTapaKdAT1TaL 186 IG 12,2: 528.7
boiot. /-e : t~: / civrt1ToteiTT1 1G 7:3080.4, E1TLTe"A..ieLT'Tl
E. 77 :04 .6
185 Folgende Formen sind belegt:
IG 7: 3169.11 ~OKIEIKAAJ\JI:TO( Orkhomenos 3. Jhdt.
BCH 1937 : 217ff. z. 6 tirrov Ka 60Kt'l ev KaAAWTOt els.iev Thespiai 3. Jhdt.
E. 77:04. 11 ~Te Ka 6oKelet Koroneia 3. Jhdt.
IG 7:3081.5 eL 6t Ka n~ ö.vnrroteiTTI .•• ef . .. ö.6tKi Lebadeia 2. J hdt.
In der Inschrift aus Orkhomenos hatte Meister (1882 : 278) 6oKlH abgetrennt; Thumb-
Scherer (1959: 23,40) und Buck (1968 : 39f.) fUhren ohne Referenz eine solche Form
als boiot. 3. Sg.Konj. an. Dittenberger (1G) jedoch restitutiert , indem er I vor K in N

korrigie.rt, die Formel [el Ka ) 6oKi e(vJ KaAAW70[t d #lt'll ), obgleich eine Form 6oKlet
(mit (i) aus (e), § 41 ) durchaus denkbar wäre (vgl. auch Konj.Med. errtTfAletTTI und tet
§ 197). In Thespiai (6oKei) ist (e J nk ht zu (i) gehoben, sondern mit dem folgenden (e: )
kontrahiert. In der Inschrift des 2. Jhdt.s aus Lebadeia (M lKi) ist (e: J weite.r zu [i: ) ge·
worden. Rätselhaft ist die Länge des Stammauslauts in 6oKel et , analog zu errtre>..letTTI
Z. 6 wäre 6oKlet zu erwarten.
186 Diese Form muß, obwohl sie auch auf eine athematische Bildung zurückgeflihrt wer-
den könnte, wegen Ka >..towt auf der gleichen Inschrift {Z. 35 ) als thematisch interpre·
tiert werden .

176
00046245

3. PI. /-e+o:+ntay/ ~ lesb . /-eo:ntay/, boiot. /-io: nff(:/


lesb. /-eo:ntay/ avvre"AewVTat IG 12,2:499.12
boiot. /-io:nk / cMU<i.wvihl IG 7:3392.6/7
lmp. Akt. 3. Sg. /-e+e+to:/ ~ lesb . boiot. /-e:to:/ ~ boiot. /-i:to:/
lesb . /-e:to:/ rrapOJ<.aMrw IG 12,2 S: 139.96 187
boiot. /-e:to:/ rrora.OU<ftrw (§ 39) SEG 3:358.15
/-i :to:/ "Aetrwp[-y]{rw AD 1916 : 218f. z. 35/36
3. PI. /-e+o+nto:/ ~ boiot. /-eonfo:/ ~ /-ionfo:/
boiot. /-eonfo:/ rraprrwA.eov'IJw E. 77:04.19
/-ionfo: / oorrep5U<t6v'IJw IG 7:3080.5

Flexionstyp rtJ.ltiw
lnd . Akt. 3. Sg. /-a+e+ti/ ~ /-a:y/
thess. /-a:y/ f.povrat (?) DGE 617,2.a1 188
Imp. Akt. 3. Sg. /-a+e+to :/ ~ boiot. /-aeto:/
boiot. /-aeto:/ iabw SEG 22:407.21
Von ä-Verben sind im Boiotischen belegt die Formen ia€rw und laOVTv<: (§ 236),
beide 3. Jhdt. 189 Aus Inschriften des 2. und 1. Jhdt.s liegen die Formen
aov"Aei.rw AD 1916: 218f. Z. 11 , aov"Ad.rwv AD 1916: 220f. Z. 39, aov"Awv.,Jw
IG 7:3198.14, aov"Awaa AD 1916: 218f. Z. 79, AD 1916: 220f. Z. 9 etc.,
aov"AwVTec: IG 7:3198.6, IG 7:3200.13 etc., aovAELJ.lEV BCH 1895 : 157ff.
z. b7
TI.J.lwaa SEG 1: 132.16, ri.J.l€waa IG 7:2383.18
VU<WVreaat IG 7:2410.6, vU<wVTa E. 77:56, f.viKwv IG 7:3197.1, f.viKwaav
(§ 170) IG 7:3195.4
187 Thematisch wie ~ea>..ewJ,~ev Z. 88 .
188 Die in Dodona gefundene Bleitafel unbekannter Herkunft (Zeit : etwa 3. Jhdt.) wird
für thessalisch gehalten (1) wegen der zweimaligen Schreibung ou für [o:) (aber zwei-
mal ist auch w geschrieben), (2) wegen der Apokope in rrep (die aber auch in einer
Reihe anderer griechischer Dialekte belegt ist) und (3) wegen der eingetretenen Kon-
traktion in tpouTat (das Eintreten von Kontraktionen im Thessalischen könnte aber
erst durch die Interpretation von Formen wie epouTat bewiesen werden). Wegen des
Dativs auf foyf (in a&roi) stamme die Inscluüt aus Kierion. Wenn man sich auf den
Standpunkt stellt, die Sprache dieser Inschrift sei trotz der Inkonsequenzen thessa-
lisch, so bestehen zwei Möglichkeiten, epouTat zu analysieren: entweder man setzt
eine thematische Bildung /ero:ta+e+ti/ voraus und nimmt für die weitere Ableitung
eine Kontraktion an: /ero:ta+e+ti/-. /ero:taeyt/-+ /ero:ta:y/ epoUTät, oder man geht
von einer athematischen Bildung aus: /ero:ta :+ti/ --+ /ero:ta:yt/-+ fero:tayt/ .... /ero:tay/
epooTat. Die bisherigen Kenntnisse vom Thessalischen sprechen eher für die erste Lö-
sung: thematische Bildungen von Verben der Verbalklasse 11 sind in Kierion (Tbessa-
liotis) tatsächlich belegt (§ 181 ).
189 In IG 7:1670.3 (Plataiai, Ende 6. Jhdt.) ist nunmehr zu lesen [e)wop<iovn (E. 80:45).
Das Epigramm ist aber wegen ".&o', ew-, [<1)aJ.~arpo[~) statt <1~arepo~ (§ 260) nicht
dialektecht.

12 Blllmel, Oie aiowchen Dialekte 177


00046245

vor, die als kontrahiert den oben zitierten unkontrahierten teils kommentarlos
(Bechtel 1921: 236), teils als nicht dialektal (Thumb - Scherer 1959: 41) ge-
genübergestellt werden. Hock ( 1971 : 190ff.) hingegen hält es für sicher, daß das
Boiotische eine thematische kontrahierende ä-Flexion gehabt habe; Kontraktion
sei in den abseits gelegenen Bergdialekten (Thisbai, Tanagra, Plataiai mit OPAON
TI, lairw, ia6V"Tv~) noch nicht eingetreten. Dem ist entgegenzuhalten, daß die-
se Interpretation (I) die chronologischen Verhaltnisse auf den Kopf stellt (un-
kontrahierte Formen sind früher belegt als die kontrahierten), (2) das regelmä-
ßige Fehlen von Kontraktion in Nominalendungen (-a.o, -awv § 70) nicht berück-
sichtigt, (3) das Auftreten junger Entwicklungen (Schreibung ' statt e in iaerw,
ia.iwrv~. Endung -v~ statt -ot~ in ia6V"Tv~) in den vermeintlich abseits gelegenen
Bergdialekten nicht in Betracht zieht . Für das vorliegende Belegmaterial ist die
Auffassung, daß die kontrahierten Formen nicht authentisch seien, mit gerin-
geren Schwierigkeiten behaftet.

Flexionstyp arei(XLvow

Imp. Akt. 3. Sg. / -o+e+to: / -+ boiot. f-oeto:/


boiot. /-oeto:/ K~apohw E. 78:12.24

Formen mit langem Stanunauslaut


oa{. uwvi}w IG 7:3198.7 (auf der gleichen Inschrift neben oa,.uwovre~ , oai.Ltwe-
Jl€V), OQ.[JtWoVT€~ IG 7:3200.14 etc., OQ.[J.tWEJl€V BCH 1895: 157ff. Z. b7
ETfWT€1(XLVWEJl€V DGE 491.8/9
Kaiftapw[aif11] E. 77:04.1
sind nicht authentisch, sondern gehen auf den Einfluß der aitolischen Kanzlei-
sprache zurück (Bechtel 192 1: 281, Thumb - Scherer 1959: 40).

10.2.3 Verbalklasse 111: Athematische Verben mit Präsensreduplikation

§ 192. Stammbildung

Verben der Verbalklasse III haben als Stanun s1 flir Präsens und Imperfekt den
reduplizierten Stamm Sm (zur Reduplikation vgl. § 163).
Sm s.
/the:+/ -+ / thithe:+/-+ / tithe:+/
/do :+/ -+ / dido:+/
/sta:+/ -+ /sista:+/ -+ /hista:+/
Aus der historischen Grammatik des Griechischen ist bekannt, daß die beiden
Stämme Sm und S1 ursprünglich Ablaut zeigten, dessen Fortsetzung sich in
einem Kontrast der Quantität des Stanunvokals manifestiert: Länge in den Fle-
xionsformen des Aktiv Singular Indikativs und des Konjunktivs, Kürze in den
178
00046245

Rexionsformen des Aktiv Plural Indikativs und des Mediums. Diese Abstufungs-
verhältnisse sind möglicherweise bewahrt in Präs. 3. Sg. [tithe:ti] : 3 . PI. [tithen-
ti] - der Stammvokal kann jedoch auch nach § 60 gekürzt sein - , sonst aber in
den einzelnen Dialekten in der Zeit, aus der die inschriftlichen Belege stammen,
in verschiedenem Ausmaß ausgeglichen und nicht mehr in einer Regel faßbar:
l:>oiot. [didomen] , aber thess. (dido :men], lesb . (dido :n]
boiot. [didosthay] , aber lesb. [dido:sthay].

§ 193. Folgende in entsprechender Weise für alle Verben dieser Klasse geltenden
Ableitungen sollen einige Formen verdeutlichen:
(1) Ind . Akt. 3. Sg.
zugrundeliegende Repräsentation /thithe :+ti/
Hauchdissimilation /tithe :ti/
Oberflächenform boiot. ri~em

Bei der Ableitung der Form / tithe : ti/ aus zugrundeliegendem / thithe :ti/ wird
die Metathesenregel § 88 im Boiotischen nicht angewendet. Um dieser Ausnahme
Rechnung zu tragen, stellt Kiparsky ( 1966) eine modifizierte Metathesenregel
auf, in der der auslautende Vokal erhalten bleibt:
zugrundeliegende Repräsentation / thithe :+ti/
Hauchdissimilation /tithe :ti/
modiftZierte Metathese /tithe :yti/
Vokalkürzung /titheyti/
Dieser Lösungsvorschlag ist unbefriedigend, weil die modifizierte Metathese nur
zur Ableitung von Formen der 3. Sg. athematischer Verben im Boiotischen be-
nötigt wird und sich sonst in der Grammatik der aiolischen Dialekte nicht recht-
fertigen läßt. Im Lesbischen nämlich (aus dem Thessalischen liegen keine Belege
vo r) läßt sich die zu erwartende Form *ri~et 190 (vgl . let in trpoiet Alk 74 .7) ana-
log zu den (gleichfalls athematisch gebildeten) Formen der Verbalklasse D (§ 182)
und ohne Zusatzhypothesen ableiten :
zugrundeliegende Repräsentation / thithe :+ti/
Metathese / thithe:yt/
Vokalkürzung / thitheyt/
Verschlußlau ttilgung / thitheyI
Hauchdissimilation /ti they I
Die Annahme von lesb. *ri~et wird durch eine weitere Parallele zu der Verbal-
klasse li unterstützt: von einem Grarnrnatiker (Herodian. 11 832.37) wird für
das Lesbische eine Form ri~ bezeugt, die sich zu *ri~et verhält wie troin zu
dem häufigeren Typus cpl"Aet (§ 183):

190 Tl~aw Alk 58.23 ist wegen des ny ephelkystikon keine Dialektform.

179
00046245

zugrundeliegende Repräsentation / thithe:+ti/


Metathese / thithe:yt/
Gleitlauttilgung /thithe:t/
Verschlußlauttilgung / thithe: /
Hauchdissimilation /tithe: /
Damit ergeben sich analog zu Verbalklasse II flir das Lesbische zwei Paradignnen:
111 ll lll II
1. Sg. rißrl#J.t (vgl. tTJIJ.t) r.plf..11#).t rißrl#J.t
2. Sg. rit9et<; r.pt.'A.e'c; rißrlc; (vgl. (TJ<;)
3. Sg. rit9et (vgl . iet) 'Pf.A€t rit911
3. Pl. rit9ewt (belegt) r.ptA€LO'

(2) lnd. Akt. 3. PI.


zugrundeliegende Repräsentation /thithe+nti/ (oder /thithe:+nti/, § 19
(Vokalkürzung) /thithenti/
Assibilation /thithenfi/
Transformation lesb. /thithen~i/
Assimilation lesb. /thitherHi/
n-Abschwächung lesb. /thithey~i/
Depalatalisierung lesb. /thitheysi/
lesb. /titheysi/
Hauchdissimilation
boiot. /tithenfi/
lesb. rit9etat
Oberflächenform
boiot. rißevt9t

§ 194. Belege

lnd. Akt. 1. Sg. /ie:+rni/ .-. lesb. /ie:rni/


lesb. /mi/ avviTJIJ.[t Sa 3 .11 , ÖiöoiJ.ft Grarnm. 191
2 . Sg. / ie :+si/ .-. lesb. / ie:s/
lesb. / s/ e~iTJ<; Sa 94.23 , tmiTJ<; Alk 11 7b.6
/dido :+si/ .-. lesb . /didoys/
lesb. öiöotc; Grarrun. (Herodian. II 1 11.18)
/ thithe :+stha/ -. Jesb. / tithe:stha/
lesb. /stha/ rit9TJat9a Alk 58.28
3. Sg. / thithe :+ti/ .-. boiot. / tithe:ti/
boiot. /ti/ avrit9etn IG 7:3200.6 192, öiöön JG 7: 3467,
4iem DGE 491.2

191 Herodian. [I 111.1 7; zw Bildung vgl. 6o~LJJt § 182.


192 Weitere Belege (jeweils ein Beleg ausjedem der Fundorte) : AD 1916: 218f. Z. 24
(Koroneia), IG 7:3083.6 (Lebadeia), IG 7:3203.4 (Orkhomenos), IG 7:3303.2 (K.hairo·

180
00046245

/ ie: +ti/ -+ lesb. / ieyI


lesb . rrpo{€L Alk 74 .7

Ind . Akt. 3. Pl. / thithe+nti/ -+ Jesb. / titheysi/, boiot. / tithenfi/


lesb. rrpori!J€LOL IG 12,2: 15.13, L€LOL Sa 42 .2
boiot. /nfi/ avr{IJ€VIJL 193 E. 78:03.3, avr{IJ€VTL (§ 172)

lnd . Med. 3. Sg. /dido+tay/ -+ Jesb. /didotay/


lesb. / tay/ Swor~ IG 12,2:528.40

Konj. Akt. 3. Sg. /dido :+e:+t/ -+ thess. boiot. / dido:e: / 194



thess. /e: / öwö€ McD 326.6
boiot. fe:/ Ka!JwTci€L IG 7 : 1739.10, BCH 1936: 18lff.
z. 17
lmp. Akt. 2. Sg. boiot. 8i00t DGE 538 , DGE ad 538 Z. 2 195
3. Pl. / thithe+nton/ -+ Jesb. /tithenton/
Jesb. /nton/ [e]KTi!J€VTov IG 12,2 S:l36.b12, SwovTov
ibid. Z. b36
/ hista+nto:/ -+ boiot. / histanfo:/
boiot . /nto: / rrpotaniv!Jw IG 7:3080.5

lmp. Med. 3. Pl. / thithe:+sthon/ -+ lesb . / tithe:sthon/


Jesb. /sthon/ rrpoaTit'h/a!Jov IG 12,2:6.1,9/ 10

neia) (alle Belege aus dem 3. oder 2. Jhdt.). c'J.VTi"e'Tfl IG 7: 3082.3 (Lebadeia, 2. Jhdt.)
ist wohl eher Verschreibung (flir c'J.VTl.,etn) als eine Form der 3. Sg.Präs.Med., weil Me-
d ialformen sonst in diesem Kontext in den stereotypen Formeln der Freilassungsur-
kunden nicht belegt sind und weil die 3. Sg.Med. möglicherweise wie im Lesb. und
Thess. (cf. 6l6o1'aL) mit kurzem Stammvokal (• c'J.VT{!)eTfl) gebildet wwde. Das letzte
Argument allein ist jedoch nicht ausschlaggebend : einerseits ist die Verteilung d er Vo-
kaJquantitäten in der Stammsilbe von athematischen Verben mit Präsensreduplikation
nicht regelmäßig (cf. § 192), andererseits kannetauch flir kurzes (e) stehen (cf. a~­
"eWJI statt c'J.ve.,ea.v, O. vel'jmv, § 43).
193 In der Erstpublikation (ZPE 1978: 125f.) und in E. 78:03.3 ist versehentlich Ö.VTMe'"'
gedruckt. Auf dem beigefUgten Photo (Tafel VII) ist N vor 91 deutlich zu erkennen.
194 Die Formen des Konj.A.kt. 3. Sg. 6l6w lG 12,2 S: 136.b22 und ö.va1'i"" IG 12,2 S:
139.99 (beide Belege aus der 1. Hälfte des 2 . Jhdt.s) gehören d er Koine an und sind
fUr die Betrachtung des Lesbischen nicht relevant.
195 Beide Belege stammen von archaischen Weihinschriften aus dem 7./6. Jhdt. Nach
Strunk (1961) enthalten diese Weiltinschriften alte poetische Formeln, die wohl eher
einer vom Aiolischen beeinflußten Tradition als dem bodenständigen Boiotischen ent-
stammen. Damit erklärt sich auch die - aus dem Boiotischen selbst nicht verständ-
liche - Bildung der Form 6l6ot: entsprechend einem gut nachweisbaren Must er ist die
2. Sg.Imp. 6l6ot zu der 2. Sg. Indikativ 6l6ot~ hinzligebildet, die für das Lesbische an-
zunehmen ist und auch von Grammatikern (Herodian. 11 111.18) als aiolisch au!gewie-
sen wird. Damit verwirft Strunk eine auf Brugrnann zurückgehende, auch heute noch
(zuletzt Bader 1976: 66ff.) vertretene Erklärung, nach der 6l6ot als 6L6o+t (Stamm +
deiktische Partikel) zu analysieren ist .

181
00046245

10.2.4 Verbalklasse IV: Sonstige athematische Verben

§ 195. cpii~L
lnd . Akt. l. Sg. /pha:+mi/ ~ lesb. /pha:mi/
cpii~' Sa 147 196, cpiitp.'t 197 (§ 85) Sa 88.17
2. Sg. /pha:+si/ ~ lesb. /pha:hi/ 198 ~ /pha:y/
cpiiL Alk 340 199
3. Sg. /pha :+ti/ ~ lesb . /pha:si/ 198
cpiiot IG 12,2:268.3 (5. Jhdt.), cpiito 't 197 (§ 85) Alk 73.5
3. Pl. / pha+nti/ ~ lesb . /phaysi/
'P(liot Sa 166.1 , 'P(lio't Sa 16.2

§ 196. Übrige Verben


lnd. Akt. 3. Sg. lesb. *Mpvcu 200 Alk 364 .2, ]rrepvcu (?) lAssos 6.7
Ind. Med. l. Sg. lesb. MvaJ.Lat Sa 102 .I
2. Sg. lesb . Mvcu 201 Alk 119.8
3. Sg. lesb. m'AvaTat Sa 44A.al1
boiot. [~.i-y]vOUT11 PMG 692 fr. 9.2
3. PI. lesb. VrrOK€WTa[t] IG 12,2:8.4202
boiot. oorroAd05ovvl9n SEG 1: 132.12
Konj. Akt. 3. Sg. thess. tirri€ IG 9,2: 1222.3 (§ 166)
196 '(XJ.IJ' cod., '(XJ.'IJ' Lobel-Page, .po.<t>IJ' Voigt.
197 Alczentuierung mit der Papyrusüberlieferung gegen Lobel-Page und Voigt.
198 Die Metathesenregel wird n icht angewendet (vgl. § 88).
199 Cf. Schwyzer (1930, 1959: 659), Rix (1976: 250). Nach Schwyzer ist .pat enklitisch,
Lobel-Page lesen .peiL<~>. Parallel zu Formen des Dat.Sg. der ä- und o-Stämme oder der
3. Sg.Konj. wäre im Lesbischen - gegen Schwyzer - f'lir / pha:y/ eher eine Kürzung
zu / pha:/ (§ 99) ab zu / phay/ zu erwarten . .parol)'a Alk 50.6 setzt eine - sekundär ge-
bildete - 2. Sg. •.par~ voraus.
200 6ci.IJVa' L- P, 66.J.wa Voigt. In den Codices überliefert ist MIJV110L, dessen ·fl· im Lesbi-
schen aber keine Berechtigung hat : es gibt im Griechischen nur -V<i-, keine •· J171· und
• -11w·Präsentien (Strunk 1967: 56,59f.). Wahrscheinlich ist - mit Lobei-Page, Page
(1955: 314) - eine Form 6ci1JIIat herzustellen (eine zweisilbige Form wird auch vom
Metrum gefordert) , die aber weder thematisch (aus •6cijJ11a.et) noch mit Sekundären·
dunggebildet ist, 90ndern athematisch mit Primärendung Udamna:+ti/- /damnay/
wie / ti:ma:+ti/ - / ti:may/ ). Horn. 6Q~J119, >. 221 ist dementsprechend als eine aiolische
athematische Bildung M IJIIaL aufzufassen (cf. Chaotraine DELG s.v. in Widerspruch zu
1958: 30lf.); Heubeck 1978a: 74f. hat diese Möglichkeit nicht in Betracht gezogen,
obwohl sie sich nahtlos in seine Analyse vermeintlicher Langdiphthonge bei Ho mer
einfligt.
201 6011a' kann Indikativ Uduoa+say/) oder Konjunktiv Ud una:+say/) sein.
202 Wenn die fragmentarische lnscluüt IG 12,2:8 jung ist und Einflüsse der Koine zeigt
(vgl. (or)dAall z. 8 statt oraAAall), wird durch KervraL die .,äol." (Schwyzer 1959 :
671,679, Rix 1976: 255) Form Ktarat nicht widerlegt. Zur weiteren Diskussion um
lesb. dar' Alk 383.2 vgl. Hoffmann (1893: 570), Wackernagel (19 16: 96ff.), Lobet
(1927: lv), Hamm (1957: 167).

182
00046245

Konj. Med. 1. Sg. lesb. öUvä~Lat. Sa 4.3


3. Sg. lesb. öUvärcu Alk 249.7, rrpiärcu IK.yme 5.12 (§ 166)
thess. c5uva€rcu IG 9,2:1226.9, -ytvUetT€t IG 9,2:517.23 (§ 166)
1. Pl. 1esb. cSvvtitpeiJ'a 203 Alk 69.3
3. Pl. lesb. cSuvä[vrcu] lG 12,2:526.b33 204
boiot. -yc.vouwv~ E. 77:04.4, rrap-yc.vvwv~ IG 7:207. 11 / 12
lmp. Akt. 2. Sg. lesb. MLJWa Sa 1.3
3. Sg. thess. arrirov IG 9,2:1229.22

10.2.5 Verbalklasse V: Verbum substantivum

§ 197.

lnd. 1. Sg. /es+mi/ -+ lesb. thess. /emmi/, boiot. /e:mi/ (§ 122)


lesb. enuru €J.I.P.t DGE 638, Sa 31 .15
thess. emmi €J.I+I.i IG 9,2:663

boiot. e:mi €JJ], IG 7:593
2. Sg. /esi/ 205 -+ boiot. /ey/
boiot. ey el IG 7:4122 (arch.Alph.)
3. Sg. /es+ti/ -+ lesb. thess. boiot. /esti/
lesb. esti €on IG 12,2 5:2.23, Sa 132.1
thess. esti eori IG 9,2:1229.35
boiot. esti eori IG 7:207.2, Roesch 1971 Z. 10
3. PI. /s+enti/ -+ thess. boiot. /enfi/ (§ 171)
lesb.206
thess. en{i ev!Ji McD 347.22
boiot. en{i ev!Ji PMG 692 frr. 3,4.9
203 6wci~~o~e ß' Pap., 6uval11eß'a Voigt , 6uv~eßa L- P. Der Kontext erfordert einen Kon-
junktiv. Die Schreibung a' statt a {für (a : J) kann nicht durch /-Epenthese (§ 8S) be-
dingt sein; man wird wohl eher - wie es auch durch die Akzentuierung auf dem Papy-
rus nahegelegt wird - einen Zusammenhang mit der falschliehen Schreibung von I-
Diphthongen (§ 86) suchen müssen.
204 Cf. Bechtel {1921: 93); zur Beurteilung der Chronologie vgl. aber Rix (1976: 231).
20S Die überlieferte Fprm boiot. el kann nur aus /esi/ abgeleitet werden, nicht aus der
systematisch zu erschließenden Form /es+si/ (Verbalstarnm /es/ + Endung /si/); flir
eine lautliche Entwicklung, durch die /essi/ in /esi/ überfUhrt werden könnte, gibt es
im Aiolischen keinen Anhaltspunkt {zu einer Dbkussion der indogermanischen Vorge-
geschichtevon /esi/ und ihrem Verhältnis zu /essi/ vgl. zuletzt Bader 1976: 62ff., 84ff.).
Die bei Homer (z.B. A 176) vorkommende und als Aiolismus interpretierte (Chantraine
1958: 286) Form lool ist im Aiolischen nicht belegt.
206 In der gesamten Oberlieferung des Lesbischen, sowohl in der inschriftlichen wie in
der literarischen, fmdet sich kein Beleg flir eine eigene Form der 3. Pl. des verbum
substantivum. An ihrer Stelle steht in inschriftlichen Belegen seit dem Ende des 4.
J hdt.s die Form der 3. Sg., ron {d . auch 6w.l>e6lxaoTat al-6b<ru. IG 12,2 S:139.20
Milet, 2. J hdt.): lTO~S-~ol Ion IG 12,2 :S26.a39 (Eresos, Ende 4. Jhdt.), lt/la..plolleiiO(
~on IG 12,2 S: 3.17 (Mytilena, Anfang 2. Jhdt.). In der gleichlautenden FormelltJ!a-
oplalleiiO( evn auf der in Magnesia gefundenen, aber wahrscheinlich aus Mytilena starn-

183
00046245

Konj. 3. Sg. /es+e:+ti/ -+ lesb. /ee:y/ -+ /e:y/ -+ /e:/


lesb. e:y 'lit IErythrai 122.27
lesb. e: 'Ii IG 12,2:500.7, Sa 4.5 , Alk 39.a9
/es+e:+ti/ -+ lesb. /ee:y/ -+ /ee: /
lesb. ee: en IKyme 11.7
/es+e:+t/ -+ boiot. /ee: / -+ / ie :/ (§ 41)
boiot. ie: tct DGE462.a 15
/es+e:+t/ -+ thess. /ee:/ -+ /e: f 207
thess. e: d McD 310.27, IG 9,2:1229.36
3. Pl. /es+o:+nti/ -+ lesb. /eo :ysi/ -+ /eo:si/
-+ boiot. /eo:n{if-+ / io :nfi/

lesb. eo :'si ewat IErythrai 122.20
boiot. io :nfi fwvt?t DGE 485.9

Opt. 1. Sg. /es+ye:+n/ -+ lesb. /eye:n/


lesb. eye:n dnv Sa S 279.7
3. Sg. /es+ye:+t/ -+ lesb. /eye: /
lesb. eye: Etfl Alk 58.20
thess?08
Imp. 3. Sg. /es+to :/-+ lesb. thess. boiot. /esto: /
• lesb. esto: earw lG1 2,2:1.4
thess. esto: €arov BCH 1970: 16lff. Z. 5
boiot. esto: €arw IG 7:3200. 12
3. Pl. /ento:/ -+ boiot. /enfo: / 209
boiot. enfo: evt?w lG 7:3172.165

menden Inschrift IG 12,2 S:l38.10/ ll (= !Magnesia 52.10/ 11) aus dem 2. Jhdt. ist
evn wohl für ean verschrieben (Bechtel 1909: 62, Boüüaert 1954: 372 A2) und in
IT)Ct uuueci eC1C1L lAssos 3.1 ist gleichfalls Verschreibung für eun anzunehmen (Bechtel
1909:8, Boüüaert 1954: 373 A4; anders Hoffmann 1893: 475,5 69 : traut mit Formen-
ausgleichung an ~u-at, ~a-n, ea-p.ev, ea--re angelehnt). Als ursprüngliche Form de.r 3. PL
ist im Lesbischen, analog zum Thessalischen und Boiotischen, eine Ableitung aus /s+en-
ti/ zu erwarten: /s+enti/ - /henti/ -+ jenii/ -+ /ensi/ - fey si/ (cf. auch Strunk 1959);
der verbale Synkretismus, der sich in der Verwendung der Form der 3. Sg. für die 3. PI.
manifestiert, geht auf den Einfluß der Koine zurück (vgl. auch Morpurgo-Davies 1964:
144 mit weiterer Literatur).
207 Im Lesbischen stehen somit kontrahierte und unkontrahlerte Formen nebeneinander;
im Thessalischen sind nur kontrahierte, im Boiotischen nur unkontrahierte Formen be-
legt.
208 etot McD 450.11 und ewwav McD 419 .20 (Gonnoi, 2. Jhdt.) sind Koine-Formen (Som-
mer 1977: 18lf.: Umformung aus el11uav mit der der späteren Koine angehörenden
thematis.chen 3. Pl.Opt. auf -owav) und bleiben für die Betrachtung des thessalischen
Dialekts außer Betracht.
209 Zur Bildung von ev~w vgl. § 177. Daneben ist auch eine thematische Form belegt:
l.c:l(v)~w BCH 1970: 157ff. Z. 18/ 19 (Orkhomenos, 2_ Jhdt.).

184
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10.3 Imperfekt

10.3. 1 Verbalklasse I

§ 198.
lnd . Akt. 3. Sg. /+e+t/ -+ lesb. thess . boiot. /+e/ (§ 155)
lesb. /e/ 17xe IG 12,2:529.13, eoixa~e IG 12,2 S:
143.14
thess. /e/ eixe McD 337.40, erreßaXXe ibid. Z. 20
boiot. /e/ €rre"Pc1pc.Ooe IG 7 :504. 1, w.pe,xe SEG 3:
356.2
3. PI. /+o+n/ -+ lesb . /+on/ 210
lesb. /on/ eoixa~ov IG 12,2 S: 139.34, #rrpa(a)aov
IG 12,2: 15.3 1
Ind. Med. 3. Sg. /+e+to/ -+ lesb . / +eto/
lesb. /eto/ €Xai~er[o ] IG 12,2:526 .a4, Kar[e]"Pevoero
ibid. Z. a14/15

10.3.2 Verbalklasse 11

§ 199. Athematische Flexionstypen

lnd . Akt. 3. Sg. /+t/ -+ lesb . / +0/


lesb. /0 / €K<iAT1 Alk 44.6, eßa~OT] IG 12,2:645.a2 1,
fKUKa Alk 298 .27
1. Pl. / +men/ -+ lesb. /+men/
lesb. /men/ ~rr61]p.p.ev Sa 24.a4 (§ 187 Anm. 168)
3. PI. /+n/ -+ lesb. / +n/
lesb. /n/ -yeAav Alk 349c

Thematische Flexionstypen

lnd . Akt. 3. Sg. / -e :+e+t/ -+ lesb . /-e :e/


lesb. /-e :e/ oter€Aete IG 12,2:529. 11
/ -e+e+t/-+ boiot. /-e:/ -+ /-i:/
boiot. /-i :/ oter€Xt SEG 25:540.3
3. Pt. /-e:+o+n/ -+ lesb. /-e:on/
lesb. /-e:on/ oter€Aewv IG 12,2 $:3. 15
/-e+o+n/ -+ boiot. / -eon/ -+ / -ion/
boiot. / -ion/ erroXe~IWV lG 7:2418.23 2 11

210 Zu thess. evttpa.V{oooev vgl § 131, 210.


211 Zu boiot. evll<wv, lvll<woav vgl. § 191.

185
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10.3.3 Verbalklasse V
§ 200.
Ind. 3. Sg. /e-es+t/ -+ lesb. boiot. fe:s/ -+ boiot. /i:s/
lesb. e:s r}c; Sa 44.28, Alk 67.1
boiot. e:s rrapeic; IG 7:3 198.8, IG 7:3379.11, DGE
485.40,43 ,45 (aber -ic; Z. 48) , elc; Korinna
PMG 654 IV 40212
3.Pl. lesb. eon €ov DGE 644.12213
/e-es+an/ -+ boiot. /e:an/
boiot. e:an rrape'iav IG 7: 3173.4/5, DGE 485.22

10.4 Aorist
10.4.1 A orist/: Verbalklassen 1- 11 (s-Aorist}
§ 201. Verben der Verbalklassen I und li bilden den Aorist mit dem Suffix /s+a/
Bei konsonantisch auslautenden Stämmen der Verbalklasse I unterliegen die aus
der Suffigierung von /s+a/ resultierenden Konsonantenfolgen Assimilationsprozes-
sen, die im Phonologischen Teil dieser Arbeit beschrieben sind:
Stämme auf Sonant (§ 114- 115)
/e-stel+s+a+/ -+ lesb. thess. /estella+/, boiot. /este :la+/
/e-men+s+a+/ -+ lesb. thess. /emenna+/ , boiot. /eme:na+/
Stämme auf Verschlußlaut
/e-leg+s+a+/ -+ lesb. thess. boiot. /eleksa+/ (§ 143)
/e-graph+s+a+/ -+ lesb. thess. boiot. /egrapsa+/ (§ 144)
Zur Schreibung der Konsonantenfolgen [ks ], [ps] im archaischen Alphabet vgl.
§ 28.
Besondere Probleme wirft die Klasse der Verba auf lesb. -tw, boiot. (und thess.?)
-ööw auf, in der primäre yo-Ableitungen von Nominalstämmen auf /g/ und /d/
(von denen in den aiolischen Dialekten nur wenige Beispiele zu finden sind) und
zahlreiche sekundäre analogische Bildungen vereinigt sind. Zu den nach ihrer Her-
kunft verschiedenen Stämmen sind Aoriste auf [-ks-] (Präs. /harpag+yo+/, Aor.
/ha:rpag+sa+/ -+ / ha:rpaksa+/) und [-ss-/-tt-] (Präs. /elpid+yo+/, Aor. /e:lpid+sa+/
212 Nach Maoon (1978 : 125); vgl. aber auch fjoo)a Korinna PMG 657.
213 Nach Morpurgo-Oavies (1964: 142f.) kann die Form eov DGE 644.12 aus Aigai (Mitte
3. Jhdt.) nicht als sicherer Beleg flir die 3. PI. des verbum substantivum im Lesbischen
gewertet werden, (1) weil die Sprache der Inschrift ionische Einflüsse zeigt, (2) weil
das Subjekt vo n eov, eine Form im Neutrum Plural, auch eine Interpretation der Verb-
form als 3. Sg. zuläßt und (3) weil eov sich auch als analoge Neubildung nach dem
Must er anderer Imperfekta erklären läßt. Für das ä.lte.re Aiolisch (Sapphos und Alkaios')
sei eine Form fiv in Betracht zu ziehen. Zweifel an der Authentizität der literarischen
Belege für eov (Sa 63.7 , Alk 405) erhebt auch Sommer (1977: 226ff.). Die Form f)oav
in einem de.r .,abnormal" (Lobel) Gedichte Sapphos (Sa 142) ist eine Entlehnung aus
der Sprache des Epos (vgl. § 170).

186
00046245

~ /e:1pitsa+/ ~ lesb. /e:lpissa+/, boiot. /e: lpitta+/) zu erwarten, aber wegen der
Ambiguität des Stammauslauts -~-/.fJö- im Präsens und begünstigt durch sekundäre
analogische Bildungen ist das Nebeneinander dieser verschiedenen Aoristbildungen
in allen griechischen Dialekten in der einen oder anderen Richtung vereinheitlicht
worden.

§ 202. Im Boiotischen bilden die Verben auf .fJöw den Aorist auf [-tt-] (zur
Assimilation /-ds-/ ~ /-ts-1 ~ [-tt-] vgl. §§ 143, 146, zu den Belegen § 208). Ab-
weichend davon treten im Südwesten Boiotiens (Thespiai und Koroneia) Aoriste
auf [-ks-] auf, vgl .:
(!1roXcryirraolhl DGE 462.a23 (Tanagra), IG 7:3 172.39 (Orkhomenos) :
a:rroXcry~aolhl SEG 1:132.22 (Thespiai)114
iapwirraoa BCH 1940/41 :41 Z. 2 (Lebadeia) : iape~aoa IG 7:2876.3/4
(Koroneia), IG 7: 1816.2 (Thespiai)
KaraoKeu<irr17IG 7: 3169.9 (Orkhomenos) : erreoK~e IG 7:2876.8/9
(Koroneia)
Kop.trrap.evot IG 7:2405.1 2 (Thebai) : €KOJJ.L~cip.et?[ a) IG 7: 1737.23 (Thespiai)
€1}1~11a[:ro] IG 7:3054.8 (Lebadeia) : lji~Cij.t[ €]vw E. 78: 18.8 (Thespiai?)
Abweichend von dieser Verteilung bietet die Inschrift E. 77:04 aus Koroneia ö:rro'NYytr·
raii"W z. 15 und e>..M-ytrr<iii"W z. 25 mit --rr-. Nicht als Ausnahme anzuerkennen ist
elliP~e auf einer in Akraiphla gefundenen Weihinschrüt (IG 7:4137) eines Bürgers aus
l.arymna an der Grenze zu Lokris, einem Gebiet, in dem Aoriste auf+ üblich waren.

Die Aoriste auf [-ks-] in einem Teilgebiet Boiotiens sind dem Einfluß benachbar-
ter - westgriechischer - Dialekte zuzuschreiben .

§ 203. Im Thessalischen läßt sich der Stammauslaut der Entsprechungen von lesb.
-~w/boiot. .fJöw nicht mit Sicherheit bestimmen (§ 135). Folgende Aoristformen
sind belegt:
cppovrioat McD 310.29/ 30 (Kran non, 2. Jhdt.), cppo111loew McD 337.28 (Larisa,
2. Jhdt.)liS "
ln~[aro] IG 9,2:602 (Larisa, 5. Jhdt.), lp-ya~aro IG 9 ,2: 1027b (aus Atrax?,
5. Jhdt.)l l6
ljl~~a,.,.€vac; IG 9 ,2:517.9 (Larisa, Ende 3. Jhdt.), ljla[cp] l~aot?et[v] ibid. Z.14

214 IJ.tro>..o"(loa!)J1 DGE 485.10 (Thespiai, 3. Jhdt.) ist eine künstliche Bildung aus einem
Koine-Stamm auf -o- und einer boiotischen Endung.
21 5 Nach dem Ausweis dieser Formen ist in der etwa gleichzeitigen Inschrift IG 9 ,2 :512.12
wohl auch .ppo11(rl )oew zu lesen; für .ppo11(rlo)oew (Bechtel1921 : 154,190, Thumb-
Scherer 1959 : 70, Lejeune 1972: 103) bietet d ie Lücke auf dem Stein auch nicht ge-
aügend Platz.
216 Lesung und Lokalisierung dieser Inschrift sind von B. Helly (GHW 4154) korrigiert.

187


00046245

Alle Formen stammen aus der Pelasgiotis, aus anderen Gebieten liegen keine Be-
lege vor.
Neben den Aoristen auf (ks] und [s] sind Formen des Aorist, Futur und Per-
fekt Passivs belegt, in denen der Stammauslaut vor einem mit Dental anlauten-
den Suffix zu [s] assimiliert ist. Diese Assimilation läßt zwar auf einen dentalen
Stammauslaut schließen, aber eine genauere Bestimmung dieses Dentals ist nicht
möglich.
O.:rre'AeutJepeotJ€voa IG 9,2:414 passim (Pherai, 2. Jhdt.)
5oKq..LaotJ€vreoot IG 9,2:1228.19 {Phalanna, 3. Jhdt.)
e~ep-yaotJdoeotJew IG 9,2:5 17. 17 (Larisa, Ende 3. Jhdt.)
€1jlc1pt.oret ibid. z. 17, SEG 27:20 2. 15/ 16
Nach vorherrschender Auffassung bilden die Verben auf "- ~w" im Thessalischen
- wie in den westgriechischen Dialekten - den Aorist auf-~- (van der Velde 1924:
116, Thumb-Scherer 1959: 70, Buck 1968: 115f.). Die schon zu Beginn der
Oberlieferung nachweisbare Form {p-ya~aro scheint diese These zu unterstützen ,
aber die mit beiden Belegen verbundenen Schriftprobleme sind bisher nicht aus-
reichend gewürdigt worden :

(1) In €p-ya~aro ist f nicht geschrieben, obwohl dieser Buchstabe noch bis in
das 4 . Jhdt. in Thessalien verwendet wurde .
Es erscheint problematisch, mit u.a. Hock (197 1: 235) eine Tilgung von [w) in der Laut-
folge Iewe) und Kontraktion von Iee 1 zu (e: 1 anzunehmen. Im Thessalischen ist F zwischen
Vokalen bis zum 5. Jhdt. (§ 97), im Anlaut bis zum 4. J hdt. (§ 95), als Bestandteil eines
Diphthongs vor einem Vokal der Folgesilbe (vgl. evfwyhav IG 9,2:257.5, 5. Jhdt.) gleich-
falls bis zum 4. Jhdt. (§ 32) erhalten.
(2) In ep-ya.~aro wird flir die Schreibung von [ks] das Zeichen :::: (sämekh) ver-
wendet, obwohl sonst auf Inschriften der Pelasgiotis im archaischen Alphabet
andere Zeichen oder Zeichenkombinationen verwendet wurden (§ 28).
B. Helly hält es - gegen J effery (1961: 98) - nach einer Überprüfung an Hand einer neuen
Photographie für wahrscheinlich, daß in IG 9,2: 1027b das Zeichen xei und nicht das Zei-
chen sömekh geschrieben war. Damit wäre flir einen der beiden Belege eines der beiden Argu-
mente hinfällig.
Die Verwendung des Zeichens sämekh läßt drei Hypothesen zu:
( 1) Das Zeichen :::: (sämekh) wurde schon ein halbes Jahrhundert vor der generel-
len Obernahme des ionischen Alphabets in der Pelasgiotis für den Lautwert [ks]
eingeführt (so Jeffery 1961: 98).
(2) Das Zeichen :::: steht nicht flir [ks], sondern flir eine andere, noch zu bestim-
mende Lautfolge.
(3) Die Form ep-y~aro ist wegen ihrer graphischen Besonderheiten nicht thessa-
lisch.
Die erste Hypothese ist anfechtbar, weil sie die Singularität der Verwendung von
sämekh unter einer Reihe andersartiger Belege nicht in Betracht zieht und sich da-

188
00046245

mit der Notwendigkeit entledigt, Gründe für das Auftreten der Ausnahme auf-
zuzeigen. Für die zweite Hypothese gibt es nur vereinzelte Parallelen in Inschrif-
ten aus Korinth, Thera und Kreta, wo ::: statt I meist für die Fortsetzung von
/dy/ in /dyews/ verwendet wird (Guarducci 1967: 78,92). Die größte Wahr-
scheinlichkeit hat Hypothese (3) für sich: in beiden Fällen ist F in /e-werg-/
nicht berücksichtigt, und zumindest in einem der beiden Fälle hat ein nicht-
thessalischer Künstler in seiner Signatur ein in Thessallen zu jener Zeit noch nicht
geläufiges Zeichen für [ks] benutzt. Beide Belege sind somit mit solch starken
Zweifeln an ihrer Authentizität behaftet, daß sie als Dokumente des Thessalischen
nicht verwertbar sind.2 17 Die verbleibenden relativ spät bezeugten Formen sind gleich-
falls für das Thessalische nicht repräsentativ : 1/la;p~- im Aorist neben 1/la;pw- (statt
1/ICllpU(-) im Perfekt kann auf den (rezenten) Einfluß nordwestgriechischer Dialekte
zurückgehen (Bechtel 1921: 190). Die Formen von !ppovna- mit einfachem a ent-
stammen wohl der Koine, kommen aber der Lautgestalt, die für das Thessallsche
vermutet werden kann, am nächsten: unabhängig davon, wie der Stammauslaut
' '
der Verben auf "-~w" im Präsens beschaffen war ([dd], [dd] oder [zd]), müßte
die für das Thessalische charakteristische regressive Assimilation mit /s/ - wie
im Lesbischen - [ss] ergeben.

§ 204. lm Lesbischen der inschriftlichen Überlieferung bilden die Verben auf


-~w den Aorist regelmäßig auf [ss] 218 :
eoi.Kaaae IG 12,2 S:143.12, eoi.Kaoaav IG 12,2 S:139.32, Kareoi.Kaaaav IG
12,2:526.a3l/32, OU<.aaaavra IG 12,2 S: 143.24 , [o]U<.aaaaa~at IPergamon
245.80, [Ko]J.tiaaaa~at IG 12,2:29 .9, €Ko[v]~PtaG€ IG 12,2:645.a13/ 14, VOJ.lta·
adln-eaat IG 12,2 S:138.9, KareaKevaaae IG 12,2:645.a19, 1/IQA{)iaafiTat Chi-
ron 1979: 73ff. Z. 15.
Belege mit einfachem a
e-yA.VKtae IG 12,2:528.28, [€]oi.Kaae IErythrai 121.11 , €oi.K[a]aav IG 12,2
8:121.29, OtK<iaaa~a[t] IG 12,2 S:136.b49, ~uat<iaat' IG 12,2 S:122.10,
€~E.vtae IG 12,2:528.13, errtaKe<iaavra IK.yme 19.41 /42, €!pp6vnaav IErythrai
122.24, €1/IQA{)iaaro IErythrai 121.12
stammen sämtlich vom Ende des 3. Jhdt.s oder aus einer noch späteren Zeit und
sind dem Einfluß der Koine zuzuschreiben. O({l.prraaat' IG 12,2:526.a12 und
bl0/ 11 (Eresos, Ende 4 . Jhdt .) neben Kareoi.Kaoaav Z. a31/32 muß, wenn nicht
ein Schreibfehler vorliegt, zu einem athematisch flektierenden Verbum otdprrap.t
gehören 219•
217 Vgl. auch IG 9,2:1346 mit dem T ext der Weihung im thessalischen Dialekt und der
Künstlersignatur mit dialektfremden Merkmalen ("A1TO~[---) statt 'A1TAOV·, e1TI)fla•
statt enoewe).
218 Lm literarischen Lesbisch überwiegt gleichfalls (ss), vgl. S echtel (1921: 91), Hamm
(1957: 120f.).
219 Für athematisches lip1ra~t bietet die Form llp1Ta~e110c: (cf. Liddell-Scott-Jones s.v.
lJ.pd~w) eine - allerdings recht spät belegte - Parallele.

189
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§ 205. Die von Nominalstämmen auf /k/ (von Stämmen auf /t/ liegen keine Be-
lege vor) abgeleiteten Verben auf lesb. -aaw, boiot. -nw (Kapvaaw/Kaporirrw ,
rrpdaaw/rrparrw, cpvXaaow/!/)OVMrrw)220 bilden entsprechend ihrer Derivations-
geschichte den Aorist ausnahmslos auf [-ks-]: lesb. &yKdpv~cu. IG 12,2 S:2.6,
Kapv~d.vrwv IG 12,2:646.a46 , boiot. Kapov~dv~w BCH 1892: 458ff. Z. 5 (Akrai·
phia); lesb. €rrp~e IG 12,2:645 .al4, boiot. €rrp~e IG 7:2420.36 (Thebai); lesb.
cpvX~11 lG 12,2:59.9. Auf Grund sekundärer analogischer Prozesse gehört auch
lesb. rdoaw (/tag+yo+/ hätte zu / tazdo+/ werden mlissen), boiot. rdMw/rdrrw 2:
mit dem Aorist lesb. Kardr~cu. IG 12,2: 529 .8, boiot. rrorera~e lG 7:3083 . I 3
(Lebadeia) (cf. auch thess. €rd~atv 222 IG 9,2:1229.19 Phalanna, 2. Jhdt.) in
die Klasse der Verben mit lautgesetzlichem -oow/-rrw.

§ 206. Zusammenfassend ergibt sich somit folgendes Bild: Verben mit Präsens-
stamm auf (dd] im Boiotischen, [zd] im Lesbischen bilden den Sigmatischen
Aorist - unabhängig von der Ableitungsgeschichte von [dd ]/Lzd] - den Laut-
gesetzen entsprechend auf [tt] im Boiotischen, [ss] im Lesbischen (nur in einem
Teilgebiet des Solotischen auf Grund fremden Einflusses auf [ks ]). Diese Ver-
teilung entspricht der Verteilung der Resultate aus der Dentalassimilation (§ 146)
im Thessalischen, wo die bisher vorliegenden Zeugnisse starken Zweifeln an ihrer
Authentizität unterliegen, ist - unter der Voraussetzung, daß die Assimilation
regelmäßig regressiv verläuft - der gleiche Befu nd wie im Lesbischen zu erwar-
ten . Verben mit Präsensstamm auf (tt] im Boiotischen, [ss] im Lesbischen bil-
den - soweit das beschränkte Material die Feststellung von Regelmäßigkelten
zuläßt - den sigmatischen Aorist entsprechend ihrer Ableitungsgeschichte in
beiden Dialekten auf [ks ); flir das Thessalische ist der gleiche Befund zu erwar-
ten .

§ 207. Im Aorist weisen Verben der Verbalklasse 11 auch im Boiotischen Länge


des stammauslautenden Vokals auf.
Abweichend von dem regulären Schema der Aoristbildung haben lesb. rtXm.u/
boiot. reX€w und lesb. Ka"Am.tt/boiot. Ka"Aew im Aorist - und im Futur - /ss/
und kurzen Stammvokal. Es wird allgemein angenommen, daß das Doppel-s in
einer Aoristbildung / teles+s+a+/ statt / tele:+s+a+/ von einem Stamm / teles+/ -
der synchron als Verbalstamm nicht mehr nachweisbar ist, sondern sich nur noch
als Nominalstamm in Komposita (cf. boiot. T eXeoa.pOpö IG 7:2452) und Ablei-
tungen erschließen läßt - seinen Ausgang genommen hat und von dort analo-
gisch auf K6..A11J.U./KaXew übertragen worden ist. 223
220 Im Thessalischen ist nur die Form rrpaooiJJev belegt, an deren Authentizität schon
oben (§ 131 ) Bedenken erhoben wurden.
221 cr.
§ 131 Anm. 121.
222 Die Inschrift IG 9,2:487 (Phayttos, 3./2. Jhdt.) mit eniTaootv Z. 39 (von van der
Velde 1924: 69 als Beleg angefUhrt) ist nicht im thessalischen Dialekt verfaßt.
223 0'. zuletzt Risch (1956).

190
00046245

Belege :
lesb. reA.eaaatc: IG 12,2:134.8, e1rereA.eaae IG 12,2:69.b4, IG 12,2:528.22,
emreA.€aaavra IG 12,2:242.9, OVV€TEA€00€ IG 12,2 S:17.3,.QlJIJT€AEO-
aavra IG 12,2 :498.22, IG 12,2:500.14224
225 226
T€AE001'/ Alk 36 1 , r€A.eaaat Sa 1.26, eKreA.eaaavrec: Sa 17.5
boiot. emreA.€aawvn IG 7:2410.8, TeA.eaaiar[poroc:] IG 7:2378 .
lesb. elae{e}KaA.eaae !Lesbos 11 8.5/6 (5. Jhdt.), 1rapaKaA.€aaet IG 12,2 S:
140.18, 1rapaKaA.eaaat IKyme 13.16 227; KaA.eaaat Alk 368.1
boiot. aovvKaMaaavrec: DGE 462.a15/16228
Aoristbildungen mit /ss/ haben sich im Anschluß an das Muster reA.eaaat -+
KaA.eaaat im Lesbischen und Boiotischen, aber nicht im Thessalischen, auf Ver-
balstämme mit kurzem auslautendem Vokal ausgedehnt und konstituieren eine
charakteristische Neuerung dieser Dialekte 229:
a:ya- boiot. 'A-yaaat"'(irovoc: IG 7:2718.1, 'A"'(aaatf><ip.ov IG 7:2446.3 230
aive- lesb. e1raiveaaat IG 12,2 S: 143.15 231
€pv- lesb. €pvaaoJlev Alk 167.20
A.oe· lesb. A.oeaacip.evov IG 12,2 S:126.4
6JlO· lesb. [ö]s.L<Saaavrec: IG 12,2:526.b30, OJl6aaavrac: ibid. Z. a16 232
boiot. eaawJlo[ a ]aav SEG 23:27 1.61 (aber thess. 233 OJloaavrec: IG
9,2: 1229.25)
224 Aber (avvre]>.eaavra IG 12,2 5:115 .9/10. ere>.eaev IG 12,2 5:692.14 ist nicht diar
lektecht.
225 re>.eaaTJ cod., re>-eae~ L- P, re>.eaTJ Voigt.
226 rfAeaov Sa 1.27 ist metrisch bedingt. Die Fragmente ]>.eaeu Sa 76.2 und ]>.eaov Sa
60.3 können für die Argumentation nicht herangezogen werden. Morpurgo Davies
(1976) interpretiert das Schwanken zwischen -ss- und -s- im Rahmen eines auch für
die Dative auf -essi/-esi (§ 270f.) postulierten protoaiolischen Lautwandels -ss- > -s-
mit einer späteren Wiederherstellung von Formen mit -ss-.
227 Ka>.eaaarwaav IPergamon 245.86, IG 12,2 S:139.15/16,100 (neben trapatca>.eae~
Z. 51) ist eine hybride Form mit der hellenistischen Endung -rw-aav (§ 177).
228 lai>.eaat IErythrai 122.46, TrapaKa>.eaat IKyme 12.2, (uv)veKa>.eae IG 12,2 S:17.1 und
rraped>.eaav ]Magnesia 25.10 sind nicht authentisch für den jeweiligen Dialekt.
229 Schulze (1 933: 355) konnte den boiotischen Beleg eaaw~o~o(a )aav noch nicht kennen
und hat wohl deshalb den Aoristtyp mit Doppel-s für "eine auf asiatischem Boden voll-
zogene Neuerung der ausgewanderten Äoler" gehalten. Dagegen hat zwar Bechtel
(1921: 91) betont, daß dieses Merkmal "der Zeit vor der Besiedlung der kleinasiati-
schen Küste durch die Äoler" angehört, aber die Frage offengelassen, warum das
Thessalische daran keinen Anteil hat.
230 So mit Sechtel (1921: 285), Thumb-Scherer (1959: 42).
2j1 Aber e1raiveaat IG Ü,2: 18.7, lErythrai 122.34; Fut. etraweaow[t) LAssos 4.2. Lesb.
l traiVTJaat IG 12,2:15.21, IG 12,2:529.9, IErythrai 122.31, boiot. lm'jvewav SEG
1:132.11 können regelge.recht aus dem Stamm mit langem auslautendem Vokal und dem
Aoristkennzeichen /s/ gebildet sein.
232 Dagegen b:rrw~o~Dae Sa 44A.a4.
233 Da auf der gleichen Inschrüt auch (ss) in eaao~o~evav Z. 39/40 vorkommt, gibt es keinen
Grund anzunehmen, daß nicht auch •o,.WaaaVTe~ geschrieben worden wäre, wenn es

191
00046245

rrepa- lesb. arrotrepaooet IKyme 5. 13 I 14


xaA.a- lesb. xaM.ooop.ev Alk 70.10

§ 208. Belege
lnd. Akt . 2. Sg. /+sa+s/ ~ lesb. /+sas/
lesb. /sas/ (II) err617oa<: Sa 48. 1
3. Sg. /+s+e/ ~ lesb . thess. boiot . / +se/
lesb. /se/ (I) eoixaooe IG 12,2 S: 143.1 2, erreKptJJve
IG 12,2:6.28, arrerrep.l/Je IG 12,2:526.a35,
o[v]'yKareKavoe ibid. Z. a13
(ll) f7T€T€A€00€ IG 12,2:528.22, exetpOT6-
. S: 125.20, otWtK170€ IG 12,2:
Il'J70€ IG 12,2
645 .a24
thess. /se/ (I) €-ypal/Je IG 9,2:5 17.1 8, €oo~e McD
310. 14, e~arreoreA.A.e McD 1179.49
(li) flrroieoe DGE 607a.3
boiot. /se/ (I) €'A.e~e IG 7:283.1 , evefjaae DGE 4 85. 12
avci.ryetA.e IG 7: 41 36.2, am]vt~e (§ 39) IG
7: 1737. 12
(II) erroieoe E. 76:63, err6ewe BCH 1926:
428 Nr. 54 .4, a~iwoe SEG 22:407.3
1. PI. /+sa+men/ ~ boiot. /+samen/
boiot. /samen/ (I) [a]rreor et'A.ap.ev IG 7: 1737.16, [a ]ve-ypa
1/Ja.p.ev ibid. Z. 19
3. PI. / +sa+n/ ~ lesb. thess. boiot. /+san/
lesb. /san/ (I) Kareoixaooav IG 12,2:526.a31 /32,
a?Te"Avoav ibid. Z .a3 1, a(p]~av IG 12,2 S:
114. 12, avci.A.woav IG 12,2: 15.35
(II) rrapexwp'J7oav IG 12,2:6.5
thess. /san/ (II) erroi€oav IG 9,2:257.5/6 (Thessaliotis)
boiot. /san/ (I) eypal/Jav IG 7:3 172.38, e~aljlav IG 7:
685.2/3, wptnav SEG 23:297.3, eiv~av
IG 7:241 8.24
(II) em'wewav SEG 1: 132.11 , ETLIJO.Oall
ibid. Z . 11, ep.io~woav BCH 1937: 2 17ff.
Z.3
diese Form im Thessalischen einmal gegeben hätte (Schulze 1933: 352ff.). Demgegen-
über Jassen sich Vermutungen wie die Strunks (,,Daß das Thessalische als einzige äolisch
Mundart -aa· niemals besessen haben soll, wird man angesichts der Belege im Lesbisch-
Böotischen nicht gern glauben wollen" 1957 : 109) oder Garcia-Ram6ns (,.11 peut ...
s'agir de deux developpements independants, du beotien d 'un cöte et du lesbien de
l'autre, mais l'origine proto-thessalienne de l'innovation est plus VTaisemblable" 1975:
68) nicht durch Belege stützen.

192
00046245

/+sa+enl ~ thess. l+sayenl {Pelasgiotis) ~ / +saynl (§ 2 10)


thess. lsayenl (I) St.a.Kouoatev SEG 27 :226.8
lsaynl (1) €Td~aw IG 9 ,2: 1229 .19
3. Dual l +sa+ta :nl ~ boiot. /+sata:n/
boiot. lsata: n/ (11) €rro€odTäv DGE 443.4
lndl . Med. 3. Sg. l+sa+tol ~ lesb. thess. boiot. / +sato/
lesb. /satol (I) av€Se~aTO IG 12,2:528.2 1' EV€S€il;aTO
IG 12,2:529 .1 2
(11) €rron7oaTo IG 12,2:498.7
thess. lsatol (I) €iJ~aTo IG 9,2:575.2, [€]rr€J,LI/IaTo McD
1179 .46
(li) €rrol.€ioaTo McD 337. 19
boiot. lsatol (I) aveypal/laTO IG 7: 1737.6, ETr€1/!a;piTTaTO
IG 7:3 172.11112
(11) EJ.Lt·o~woaTo BCH 1936: I8lff. Z. 29
1. Pl. l+sa+methal ~ lesb. boiot. l +samethal
lesb. Isamethai (I) J.L€T€Tr€J.LI/Id.J.LE~a IG 12,2 S: 139.2 1
boiot. Isamethai (I) €KOJ.L~dJ.L€~[a] IG 7: 1737.23 (Thespiai),
drr€A€t.a.VdJl€~a ibid. Z. 11
3. Pl. /+sa+nto/ ~ lesb . l+santol, thess. boiot . /+san{o/
lesb . lsanto/ (11) errod}oavTo IG 12,2 S:114. 11 , l'AVTpW-
oavTo IG 12,2:15.31
thess. lsan{ol (II) [errot]€ioaVTo SEG 27:226 .13 (vgl. §
171)
boiot. lsanfol (I) arreypal/lav~o IG 7 :2786.8, [errav]'yEl-
A.[a]v~o SEG 3:358.5
(li) erro€ioav~o IG 7 :3172.5 , €J,LtoiJwoaVTo
DGE 485.15

Konj . Akt. 3. Sg. /+s+e:+ti/ ~ lesb. / +se :yl ~ l+se:l


1esb. lse:yf (I) inrap~17' IErythrai 122.38
/se:l (I) ö6~17 IG 12,2:527.20
( II) T€ A€VTa017 lKyme 13 .11
I +s+e+til ~ lesb. IseyI ( § 166)
1esb. lseyl (I) arra-y-y€AA€L IKyme 11.8, KWAUO€L IG
12,2:4.10, arroT€LO€L IKyme 11.10
/ +s+e:+tl -+ thess. boiot . /+se:l (§ 166)
thess. /se:l (I) KaTaorraOEL IG 9,2: 1229.27
(II) vucaolf McD 168.4
boiot. lse:l (I) Sw.-ypai/I€L IG 7 :3173.2, Sw.p.€iV€L SEG
25:556.12
(li) -y€vvao€' IG 7 :3377. 11 / 12, [T]€A€1J1'ao€t
IG 7: 1778.5, ETrLXELPOTOVELOEL E. 77:04.23
13 BIUmel, Die 1.iolischen Dia.lekte 193
00046245

1. PI. / +s+o :+men/ -+ thess. / +so :men/


thess. /so:men/ {II) E1TIPoeiaov#JeV IG 9,2:517 .13
3. PI. / +s+o :+nti/-+ lesb. /+so:si/, thess. boiot. / +so:nfi/
lesb. /so:si/ (I) 'YPd.l/lwat IG 12,2:59.6
thess. /so:nfi/ (11) fiiOU(OOOSJeiaovvr[t] IG 9,2:1229.11 (§
boiot. /so:nfi/ (I) ava>..waw~L DGE 485.10, fVKOVOJJ.ei·
awvilt E. 77:04.13/14
Konj. Med. 3. Sg. / +s+e :+tay/ -+ lesb. /+se :tay/, boiot. /+se:t~;: /
lesb . /se: tay/ {I) la1Tp~rrrat IG 12,2:67.9, 1/ID.I{>iaarrrat
Chiron 1979 : 73ff. Z. 15
boiot. /se : t~: / {I) €mfO<K~[e]LT11 BCH 1936: 18lff. z. 25
{Thespiai)
3. PI. / +s+o:+ntay/ -+ lesb . / +so: ntay/, thess. /+so:nfay/
lesb . /so:ntay/ {II) 1TOt1}awvrat IErythrai 122.8
thess. /so:nfay/ {I) €1Ta"f'Ye>..>..ovvilat McD 310.35
Opt. Med. 3. Sg. / +s+ay+to/ -+ lesb. /+sayto/ (§ 167)
lesb . /sayto/ (I) ßo>..>..evaatro IG 12,2 S: 139.9
Imp . Akt. 3. Sg. /+sa+to:/-+ lesb . thess. boiot. /+sato:/
lesb. /sato: I (I) [a]lla"f"feAMrw lAssos 4 .12
{II) arer.pavwaarw IKyme 13.5
thess. /sato: / (I) d.1T1Tetad.rov IG 9,2:1229.28
boiot. /sato:/ (I) 1TapJ,Leuxirw AD 1916: 218f. Z. 31,
a1romaarw SEG 22:407.33
3. PI. /+sa+nto :/ -+ boiot. /+sanfo:/
boiot. /sanfo: / {I) arypal/lwe?w IG 7:207. 15, ilal/Jav!?[w]
AD 1916: 224 Z. b5, Kapov~avilw BCH
1892 : 458ff. 5z.
{II) 1Tap#J€TP€Ww!?w E. 77:04.17

10.4.2 Aorist/: Verbalklasse //1 (k· und s-Aorist)

§ 209 . Verben der Verbalklasse IIJ zeigen in den Flexionsformen des Aorists -
wie in denen des Präsens (§ 192) - kontrastierende Quantitäten des Stamm·
vokals: im Aktiv Singular Indikativ und im Konjunktiv erscheint Länge des
Stammvokals, sonst Kürze : boiot. Sg. Ind. ~ÖWK.€ : PI. €5oSJeV.
Aus der Geschichte des Griechischen ist bekannt, daß die Verben ri"""SJL, OWW#JL
und 'l77SJL im Aorist ursprünglich nur in den Formen des Sg. Ind. Akt. das SuffiX
/k+a/ aufwiesen ; in boiot. Sg. €1?€K.e : PI. €t?eav (5. Jhdt.), lesb . ~5wK.e : €ooaav
{4 . Jhdt.) könnte diese Verteilung repräsentiert sein.234 Im Boiotischen sind je-
doch etwa zur gleichen Zeit und arn gleichen Ort auch zwei Belege flir eine 3. Sg.
234 Eine andere Interpretation von boiot. ~6ea.v wird von Sommer (1977: 26lff.) vertre·
ten.

194
00046245

€.J€ (dve.J€ IG 7:3682, AD 1917 : 367 Z . 4 Thebai) überliefert, die als eine ohne
SufflX gebildete Form /e-the:+t/ -+ /ethe:/ interpretiert werden kann.l 35
Das Muster der Stammbildung im Singular Aktiv (langer Stammvokal + SufflX
/k+a/) ist auf die Form der 3. Pl. übertragen worden; soweit die vorliegenden
Belege Rückschlüsse ermöglichen, muß diese Neubildung im Thessalischen be-
reits bei Beginn der Überlieferung vertreten gewesen sein (s.u.). Im Lesbischen
sind bereits bei den Lyrikern und auf einer Inschrift des 6 . Jhdt.s k-Formen
anzutreffen (~t'h/Kav Alk 129.4, ~öwKw Alk 69.3 ; [o)v€1J€Ka[v] Hoffmann
1893 Nr. 179), daneben aber auch noch Formen ohne /k/: eöoow Alk 50.4,
€ooow IG 12,2:3.2 ( 4. Jhdt.). Im Boiotischen schließlich sind Formen der 3.
P\. Aor. von Verben der Verbalklasse III ohne k-SufflX (Typ tive!J€av) vom 6 .
bis zum 3. Jhdt. - im gesamten Gebiet des Boiotischen - nachweisbar, k-For-
men hingegen (Typ dv€1J€ucav) nur zweimal in archaischen Weihinschriften aus
dem Ptoion (Akraiphia), danach erst wieder seit dem 3. Jhdt. und nur in
Orkhomenos (Belege hierzu § 211). Es hat den Anschein, daß diese Verteilung
nicht lediglich auf den Zuflillen der Überlieferung beruht, sondern daß eher die
beiden archaischen Belege als nicht repräsentativ anzusehen sind und somit die
Übertragung des k-Sufflxes auf die Form der 3. Pl. im Boiotischen erst relativ
spät und in einem lokal begrenzten Raum erfolgte.
tweß{Kcw ist belegt auf der Inschrift Ptoion 1971 Nr. 261 (A)vel)l~ec:w T ..A"dvcu (hO)~ i6ae
oo.pio.v wapci wa(Tpo~). die wegen des FehJens der Apokope in wapci und der poetischen
Diktion nicht authentisch zu sein braucht , und in E. 80:02 ... Ot jJf avei){KCW 1'{---J, der
Inschrift einer Vase. In den gleichzeitigen Weihungen von Einheimischen wird sonst immer
die Form lJ.vel)eav verwendet (z.B. Ptoion 1971 Nr.260 ·AKP<lf.IPlie~ avil)eav). In der frag-
mentarischen Inschrift Ptoion 1971 Nr. 248 kann fa)vei){K.ev auch 3. Sg. sein.
Das vierte der Verben der Verbalklasse 111, 'iora.p.t, bildet den Aorist ausschließ-
lich mit dem SuffiX /s/.

§ 210. Als Endung der 3. Pl. wird im Lesbischen bei denk-losen Formen / san/,
bei den k-Formen /an/ verwendet, im Boiotischen bei beiden Bildungstypen
/an/ . Die Verhältnisse im Thessalischen bedürfen einer ausführlicheren Erörte-
rung. Folgende Formen sind belegt:
( 1) Pelasgiotis
ov€t'UKev SEG 27:183 .2 (Atrax, ca. 500 v.Chr.)
öveth:ixaev McD 325.2 (Atrax 236, 4. Jhdt.)
235 So mit Schwyzer (1921 : 78, 1959: 741), Thumb-Scherer (1959: 41), Rix (1976: 201).
Dagegen verwirft Fonsman (1968) nach einer ausfUhrliehen Diskussion die Möglichkeit,
in der - im gesamten Griechischen singulären - Form ANE9E eine dem ai. tidhit ent-
sprechende, nicht mit dem Suffix k gebildete Aoristform zu sehen, und spricht sich für
eine Erklärung als fehlerhafte Schreibu03 (Silben-Haplographie für ANE9EKE) aus.
Eine fehlerhafte Schreibu03 für avUU~ee ist belegt : ANE9KE IG 7 :3575,3576 = K.a-
birenheiligtum 1980 Nr. 203, Nr. 341.
236 Oie Herkunft dieser Inschrift ist umstritten: aus Atrax nach dem Herausgeber und zu-
letzt Helly (1979: 243f.), aus Krannon nach u.a. Robert Bull. 1972. 233.

195
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ove~eu<ae[v]
, McD 643.3 (Mopsion 237, 4. Jhdt.)
[€]c5ö[K)atev McD 205.1/2 (Pherai, 2. H. 5. Jhdt.)
€8wKcuev McD 2 13.3 (Pherai238, 4. Jhdt.)
€8WKcuev McD 1177 .2 239 (4. Jhdt.)
eoraoru.ev McD 347.32 (Larisa, Anf. 2. Jhdt.)
eooraoaev GHW 4546 (Atrax)
Endungen dieser Art sind wahrscheinlich zu ergänzen in:
ove~eu<a[ McD 322 (Krannon)
ä.?Te8ouKa[ IG 9,2:506.25 (Larisa, 2. Jhdt .)
(2) Perrhaibia
ove~eiKaev Biesantz ( 1965 :32) Nr. 56240 (Mylai, 2. H. 4. Jhdt.)
ove~et.Kav IG 9,2:1233.1 / 2 (Phalanna, 3. Jhdt .241 )
(3) Phthiotis (Pharsalos)
ove~dKaev IG 9 ,2:244.4 (4. Jhdt.)
[ove~]eiKaev McD 167.1 (4. Jhdt.)
ä.ve~eiKaev 242 IG 9,2:237.1 (3 . Jhdt.)
€8ouKaeJ.L 243 IG 9 ,2:234.3 (3. Jhdt.)
ave~[€]Kav IG 9 ,2: 241.1 / 2 (4. Jhdt.)

(4) Thessaliotis
IG 9,2:257.2 (Thetonion, 5. Jhdt.)
Aus dieser Aufstellung geht hervor, daß der Ausgang der 3. PI. Aor. bei den
Verben der Verbalklasse 111 in der Pelasgiotis in dem frühesten Zeugnis (um die
Wende des 6. zum 5. Jhdt.) -ev, seit dem 5. Jhdt . - mit einiger Wahrscheinlich-
keit regelmäßig - -a-ev/-atev lautete. Ln Pharsalos ist mehrfach -a-ev vertreten ;
mit ä.v€~[ {]Kav ist ein Gegenbeispiel zu verzeichnen, dessen Gewicht aber durch
weitere Besonderheiten der Inschrift IG 9,2:241 (&hreibung ö/w § 25, rot Dat.
Sg. oder Nom. P1.? § 274) gemildert wird. In der Perrhaibia treten zwei verschie-
dene Ausgänge, -a-ev und -a.-v, auf. In der Thessaliotis lautet der Ausgang -a-v,
über die Histiaiotis ist mangels Belegen keine Aussage möglich.
237 Aus einem Grab am Nordabhang des Ossa, abe.r noch innerhalb der Pelasgiotis.
238 Formen wie ~6wKav oder ~6ooav aus Pherai (McD 208.3, McD 210.2, McD 214.1) stam
men von Inschriften, die n.icht im thessalischen Dialekt abgefaßt sind (Verwendung von
v!dc; an Stelle des Patronymikons, Dat.PI. XP~S'ClOI(v) statt XPE'IJ.areool, Gen.Sg. -ö/-ov
statt -o' etc.). Die Herkunft von McD 206, eines Proxeniedelaets der Pheraier für Bür-
ger aus Opus, ist unbekannt; die Sprache der Inschrift ist nicht eindeutig thessalisch.
Die Form ~6wKaS~ Z. 4/ 5 (mit Assimilation vor $epawc;) wird daher hier nicht berück-
sichtigt.
239 Proxeniedekret der Thessaler, in Peiraieus gefunden, aber wohl aus der Pelasgiotis.
240 Die Lesung dieser Form ist durch GHW 4581 korrigiert.
241 Eine Datierung in das 3. Jhdt. wird von Schwyzer (DGE 613) angegeben; nach Sommer
(1977: 259) ist die Inschrift älter.
242 Vgl. IG 9,2 Add. p. XU.
243 ·S~ durch Assimilation vor S~d..

196
00046245

Die ausflihrlichste und die gesamte ältere Forschung berücksichtigende Untersu-


chung des problematischen und viel diskutierten Ausgangs -a-e11/-a.u:11 hat A.
Morpurgo-Davies (1965) vorgelegt. Ihr Erklärungsversuch läßt sich folgender-
rnaßen zusammenfassen: nach Abschluß der Entwicklung /ey/-+ [e:) hat sich
möglicherweise unabhängig voneinander in verschiedenen Städten Thessaliens
aus Korrespondenzen zwischen Aorist-Indikativ- und Aorist-Optativ-Paradigmen
/en/ als die normale athematische Sekundärendung für die 3. PI. herausgebildet
und ist an die Stelle von /n/ in dem vorauszusetzenden Ausgang /-a-n/ getreten.
Wiederum auf Grund von Korrespondenzen zwischen Optativ- und Indikativ-
Paradigmen konnte, begünstigt durch die geringe Häufigkeit der Folge / ae/ und
das Bedürfnis, sie durch eine geläufigere Folge von Vokalen zu ersetzen, /-ayen/
an die Stelle von /-aen/ treten.
Dieser in seiner Grundannahme überzeugende Erklärungsversuch läßt sich auf
Grund des seit dem Erscheinen der Untersuchung von A. Morpurgo-Davies be-
kanntgewordenen Belegmaterials teils bestätigen, teils weiter ausbauen 244: die
Endung /en/ wird durch öveiJeK€11 bereits ftir die Zeit um 500 v.Chr. belegt.
Die Herausbildung von /en/läßt sich, da die Monophthongierung /ey/-+ [e:)
zu dieser Zeit bereits begonnen hat (§ 78), innerhalb des Modells von A. Mor-
purgo-Davies nach dem Vorbild der Optativ-Endungen erklären. Neben €1J€K€11
muß aber auch eine Form *eiJ€Ka.JJ existiert haben, die wie #!JeK€11 mit dem
Sufftx / k/ nach dem Vorbild des Singulars, aber mit dem "Themavokal" / a/
und einer Endung / n/ gebildet ist 245 . Das Nebeneinander zweier Aoristausgän-
ge wurde durch Generalisierung der alphathematischen Bildung und der Endung
/en/ (/+a+n/ -+ / +a+en/) beseitigt. Diese Umgestaltung ist in der Pelasgiotis und
in Pharsalos eingetreten und hat sich wohl auch in der südlichen Perrhaibia
durchgesetzt. Bereits in früher Zeit wurde in der Pelasgiotis nach dem Muster
des Optativausgangs auch /-ayen/ zu /-aen/ hinzugebildet.
Die Entstehung und Entwicklung der athematischen Sekundärendung /en/
wurde an Hand (vornehmlich) des k-Aorists von Verben der VerbalJdasse IIl
erörtert, weil von Verben anderer Verbalklassen Formen des Aor. lnd. aus dem
gleichen Zeitraum in der Pelasgiotis, Perrhaibia oder Phthiotis nicht belegt sind.
Erst auf Inschriften jüngeren Datums wird deutlich, daß der Ausgang -G.€11/-<U€11
(I) wie es sich bereits in eaardaae11, eardacu€11 andeutete, auch im s-Aorist
thematischer Verben vertreten war : €rd~cu11 IG 9,2:1229.19 (Phalanna,
2. Jhdt.) 246, ör.axouaat.ev SEG 27:226.8 (Pelasgiotis, 2. H. 2. Jhdt .);

244 FUr freundliche Hinweise, die zur Präzisierung der folgenden Argumentation beitrugen,
bin ich A. Morpurgo-Davies zu Dank verpflichtet.
245 Ein Repräsentant für den Ausgang -av könnte nach Sommer (1977: 259) in ov~~u<a.v
aus Phalanna vorliegen (zur Datierung dieses Belegs vgl. oben Anm. 24 1).
246 Da der Ausgang -<1uv bisher nur in der Pela.sgiotis nachweisbar ist, wird man -<1w als
eine Fortsetzung von -a.ev (wie in ove~eiKo.ev aus Mylai) unter der Annahme einer Ent·
wiclclung [-aen 1-+ ( -ayn 1 interpretieren müssen.

197
00046245

(2) als Muster auf thematische Präteritalbildungen übertragen wurde: evecpcwia-


aoev IG 9,2: 51 7. 12 (Larisa, Ende 3. Jhdt .).
Für €'A'Adßoc.ev SEG 2:264.6 (Pelasgiotis, 1. H. 3. Jhdt.) liegt eine Interpretation
als Optativ (§ 2 14) zu dem Kompositum ev-'Aaß- nahe. Es ist aber nicht auszu-
schließen, daß wie ~.a€Kav -+ e.a€KQ.t€11 der Indikativ des thematischen Wurzel-
aorists •rua.ßov zu e'AM.ßoc.ev umgebildet wurde (zu -'A'A- in präfigierten For-
men von 'Aaß- vgl . äv-rc>..'Aaßea.acu. McD 31 0.17).
Die Endung /en/ ist schließlich auch, wie es nach dem von A. Morpurgo-Davies
entworfenen Modell analogischer Neubildungen zu erwarten war, im Indikativ
des the-Aorists vertreten: €1Teppa.aet~[v] SEG 27:226.6, und man wird sich
fragen müssen, ob ]ou.aetev SEG 2:264.5 (auf der gleichen Inschrift wie €A.M-
ßot,ev} nicht auch in der gleichen Weise interpretierbar ist.

§ 211. Belege
ln Anbetracht der divergierenden Bildungen werden die Belege ftir die einzelnen
Dialekte getrennt aufgeführt.

Lesbisch: rit'htJJ.t, öif>wJ,J.t


lnd . Akt. 3. Sg. / +k+e/ -+ / +ke/
ov€-a€Ke DGE 639.1/2, EÖWKE IG 12,2:645.a19
3. Pl. /+k+a+n/ -+ / +kan/
av€t'htKav IG 12,2:96.3, ~ÖwKall IG 12,2:12.3
/+san/
€öoaav IG 12,2:3.2
lnd. Med. 3. PI. /+nto/
€1TfÖOIITO lKyme 5.9
Konj . Akt. 3. Sg. /+e:+ti/ -+ /+e:/
1Tp6t'ht IG 12,2: 526.a21 (Kontraktion)

Thessalisch: TilJetJ,J.t, öif>ouJ,J.t


lnd . Akt. 3. Sg. /+k+e/ -+ /+ke/
ov€-a€Ke IG 9,2: l027 .a2, ove.aetKe IG 9,2:585.3, ~ÖOUKE
IG 9,2:458.3, IG 9,2:1056.4, IG 9,2: 1228.13/1 4
3. PI. /+k+en/ -+ /+ken/
ovet'J€KEII SEG 27: 183 .2
/ +k+a+en/ -+ / +kaen/
ove.aeixaev, eöovKaev (§ 210) Pelasgiotis, Pharsalos
/+k+a+n/ -+ / +kan/
~ÖÖKav (§ 21 0) Thessaliotis

lnd . Med . 3. PI. / +nto/


e~et'JeVTo SEG 27 :226.8 (§§ 17 1, 173)
198
00046245

Thessalisch : lorQ.JJt
Ind. Akt. 3. Sg. / +s+e/ ~
/+se/
f1TEOTM€ IG 9,2 :250.1
3. PI. /+s+a+en/ ~ /+saen/
eooraoaev, eorciOQ.L€11 (§ 210)
Konj. Akt . 3. Sg. /+s+e:+t/ ~ / +se: /
orcioet Helly i.V. Z. 3
Opt . Akt. 3. PI. /+i:+en/ ~ /+ien/
oow 247 BCH 1970 : 161ff. Z . 7
Boiotisch : ri!Jeq.u, oif>wiJ.L, letJ.lt
lnd. Akt. 3. Sg. /+t/ ~ /+0/
ave!J€ IG 7:3682, AD 1917: 367 Z. 4
/+k+e/ ~ /+ke/
dv€.,j€K€ IG 7:3575, ave!JeU<e BCH 1936: 177ff. Z . 24, €oÖI<e
IG 7:3468, EOWK€ SEG 3:356.12, lilpeÜ<€ IG 7:2383.14
1. PI. /+men/
d7T€OOJ.l€11 IG 7: 1737.14
3. Pl. /+an/
ave!Jea.v IG 7 :2455 , ave!JtaV, dve.,jetaJ.I (§§ 41-43)
/+k+an/
ave!JeU<a.v IG 7:3207.1, IG 7:3210.3, €owKa.v IG 7:3 172.19
(Orkhomenos)
3. Dual /+ta:n/
ave!Jeräv IG 7:2229.2, IG 7:3211.2, IG 7 :4160.3 248
Konj. Akt. 3. Sg. /+e :+t/ ~ / +e:/
d1ToOW€t IG 7:3172.154
lmp. Akt. 3. Sg. /+to:/
d1To66rw IG 7:31 72.152/ 153

Boiotisch: lorQ.JJt
lnd . Akt. 3. Sg. /+s+e/ ~ / +se/
mreoraoe IG 7:2383.7
KonJ. Akt. 3. Sg. /+s+e :+t/ ~ /+se :/
Karaordoet FS Navarre 1935 : 353 Z . 6

247 Die Lautfolge (oyen) in de.r zu erwartenden Form 6oüv entwiclcelte sich in Matropolis
Histiaiotis) zu (oyn) wie (ayos) über (ayes) zu (ays) (§ 51 , 68).
248 An Stelle der 3. Dual. wird aber auch die 3. PI. verwendet : lwHtav IG 7 : 2455 (um
500 v.Chr.).

199
00046245

Imp. Akt. 3. Pl. /+s+a+nto:/ --. / +san{o: /


araaav"w DGE 462.a16

I 0.4.3 Aorist 1: Suffzxloser, "alphathematischer" Aorist

§ 212.

Ind. Akt. 3. Sg. /+e/


lesb. /e/ e[1TelG12,2 S:l14.1
3. Pl. /+a+n/ --. /+an/
lesb. /an/ t1vtKaviG 12,2: 15.15
Konj. Akt. 3. Sg. /+e:+ti/ -.lesb. /+e:y/ -+ /+e: /
lesb. /e: / ea[ev]iK17 IG 12,2:645.b43/44, el1r17 ibid.
Z. b41
Die sufflxlose, "alphathematische" Bildung der lesb. Aoriststämme elrr·a· und
evtK-{1.· tritt in den lnfinitivformen e[1Tat, [e]aevi.Kat (§ 227) deutlich zutage.
Falls die thessalische Form Karev€Ket McD 337.27 (Larisa, 2. Jhdt.) aus einem
mit lesb. €vi.K· verwandten Stamm gebildet ist, läßt sich nicht entscheiden, ob
der lndikativ nach dem alphathematischen Aorist I oder nach dem thematischen
Aorist li gebildet war. Im Boiotischen wird der entsprechende Stamm sigrnatisch
gebildet (eiv~av § 208).
Der Stamm evpa- in ei}paJ.J.ev auf einer Inschrift vom Anfang des 2. Jhdt.s aus
Larisa (McD 347.29) ist eine Umbildung aus dem Stamm des thematischen
("starken") Aorists evp·o- und eher der Koine als dem authentischen thessali·
sehen Dialekt zuzurechnen (vgl. auch § 170 Anm. 143).

10.4.4 Aorist II

§ 213. Der Aorist II wird aus dem - nicht mit dem Präsensstamm identischen
- Stamm Sm gebildet (zum Verhältnis zwischen Aorist- und Präsensstamm vgl .
§ 162). Es sind zwei Stämme zu unterscheiden: athematische und thematische .
Von athematischen Stämmen sind auf Inschriften der aiolischen Dialekte ledig·
lieh belegt:
-yvw- in lesb. €-yvw IG 12,2:526.a33, IErythrai 122.1, Kara-yvw IG 12,2:526.
c18
ßä· in boiot. eveßa DGE 485.29 249 .
In der folgenden Aufstellung der Belege sind nur noch thematische Stämme be·
rücksichtigt.

249 Neben dem Aoriststamm /Jd· tritt im Boiotischen auch ein sigmatischer Stamm ßa·u·
auf: ev€ßauf Z. 12 der gleichen Inschrift wie eveßa, Fut. eJJ.ßO.ut IG 7: 17 39.1 0.

200
00046245

§ 2ll4. Belege

lnd .. Akt. 3. Sg. /+e+t/ -+ lesb. thess. boiot. /+e/


lesb . /e/ avva:ya-ye IG 12,2:526.d24, T}A"e IG
12,2 : 18.2, evweMemnon Nr. 28. 11
thess. /e/ e"ave IG 9,2:270.3
boiot. Je/ Kareßa,Ae IG 7:3303.5, ef...aße IG 7:
24 20.35, WcpA€ SEG 22:407.5, Karl>u:rre
DGE 491. 18
1. Pl. /+o+men/ -+ boiot . /+omen/
boiot. /omen/ €Acißo#.L[ e11] IG 7: 1738.3
3 . Pl. /+o+n/ -+ lesb. boiot. /+on/
lesb. /on/ €rrf1A"OJ.I IG 12,2 S: 114.8, rrapeAa,ßov
IG 12,2: 645.a6
boio t . /o n/ 8tE~a-ya-yov SEG 1:132.9 , eoo€A.,ov BCH
1946 : 4 7 6f. Z. 1 , arreif....,ov AE 1936: 38
z. 2

Ind .. Med. 3 . Sg. /+e+to/ -+ lesb. thess. boiot. /+eto/


lesb. /eto/ [ rrap ]'liAero IG 12,2: 526.b 1
thess. /eto/ eO..ero IG 9 ,2:458.9
boiot. /eto/ rro.,etf...ero IG 7:3172.2 1
3. PI. /+o+nto/ -+ thess. boiot. /+onfo/
thess. /onfo/ eO..ov.,o IG 9,2 :513.8, e-yevo""o lG 9,2 :
517.12
boiot. /onfo/ [ov]lleßd,Aov.,o IG 7:3 191.2

Koruj. Akt. 3. Sg. /+e :+ti/ -+ lesb. /+e :y/-+ /+e :/


lesb. /e :y/ e~eA~t IG 12,2: 1. 12, amJ~pvyflt ibid.
z. 15
je:/ [€o]a-yd'Yf1 IG 12,2:645 .b42, €-yAirr11 IG
12,2 S:24.6
/+e :+t/ -+ boiot. / +e :/
boiot. /e :/ rrii IG 7:3467 .4, 8[t]eoo€A.,et BCH 1936:
18 1ff. Z. 25 , Kara(JdAet ibid. Z. 12, rrd.,et
IG 7: 1780.10, eöpet IG 7: 1739. 14
3. PI. /+o+nti/ -+ lesb . / +oysi/
lesb. /oysi/ r€Kotot DGE 644.17 (§ 166)
/+o:+nti/ -+ lesb. / +o :si/, boiot. / +o :nfi/
lesb. /o:si/ roxwot IErythrai 122.25
boiot. /o :nfi/ M,ßwv"t E.78: 12.29, rra.,WVTt E.78:
04. 10 (§ 172)

201
00046245

Konj. Med. 3. Sg. /+e:+tay/ -. lesb. thess. /+e:tay/, boiot. /+e:tt;:/


lesb. /e:tay/ -yivrrrat IG 12,2:498.10, Xdßrlrat IPer-
gamon 245.54
thess. /e:tay/ tbp€X€rat IG 9,2:1202. 1
boiot. /e:tt; :/ -yevetTTI DGE 462.a17
3. Pl. /+o:+ntay/ -.lesb. /+o:ntay/, thess. /+o:n{ay/
lesb. /o:ntay/ [-y]evwvra[t] IPergamon 245.87
thess. /o:nfay/ f'Xovv[t'Jat] IG 9,2:459.3 (§ 171 Anm. 146)
Opt. Akt. 3. PI. /+o+i:+en/ -+ thess. /+oyen/
thess. /oyen/ eMcißotev SEG 2:264.5 (?, vgl. § 210)
Imp. Akt. 3. Sg. /+e+to: / -. thess. /+eto: /
thess. /eto:/ o.pXerov BCH 1970: I6Iff. Z. 10
Imp. Med. 3. Sg. /+e+stho :/ -. thess. /+estho:/
thess. /estho:/ -yeviot'Jov IG 9,2 :1229.29

10.4.5 Aorist Passiv

§ 21S. Eigene Formen für die Kategorie Passiv werden nur im Aorist und inn
Futur (§ 220) von einem besonderen Stamm gebildet, der sich in der Regel ;aus
dem Präsensstamm und dem Suffix / the :/ oder /e:/ zusammensetzt. Die nacln
der Suffigierung von /the :/ eintretenden Assimilations- und Dissimilationsprm-
zesse sind in § § 143- 144 beschrieben. Einige Verben haben zur Bildung des;
Passivs einen eigenen , vom Präsensstamm abweichenden Stamm Stv.

§ 216. Folgende Ableitungen sollen die wichtigsten Formen verdeutlichen:

(1) Indikativ 3. Sg.


zugrundeliegende Repräsentation /e-ti:ma:+the: +t/
Verschlußlau ttilgung /eti:ma:the :/
lesb. er(J.IIJ.~
Oberflächenform thess. tr~J.Lat'Jet
boiot. er~J.Ltit'Jet

(2) Indikativ 3. Pl.


zugrundeliegende Repräsentation /e-ti:ma: +the: +nt/
Vokalkürzung § 60 /eti:ma:thent/
Verschlußlau ttilgung /eti:ma:then/
lesb. er(JJat'Jev
Oberflächenform thess. (s.u.)
boiot. enp.at'Jev

202
00046245

Die historische Grammatik des Griechischen lehrt, daß die SuffiXe / tbe:/ und
/e:/ ursprünglich Ablaut zeigten. Die Küne des SuffiXvokals in dem Ausgang
der 3. PI. Ind. kann auch durch den - diachron rekonstruierten - Ablaut be-
dingt sein; die Aufstellung einer - synchronen - Ablautregelläßt sich aber aus
dem vorliegenden Korpus nicht rechtfertigen. Andererseits ist jedoch nicht aus-
zuschließen, daß die Länge des Suffixvokals im Indikativ Plural analogisch wie-
dereingeflihrt wurde; die jüngst publizierte thessalische Form €1reppa-'eL~[v]
SEG 27:226.6 aus einem unbekannten Ort der Pelasgiotis (2. H. 2. Jhdt.) ist
eine Neubildung mit dem Aoristsuffix /the :/ und der Sekundärendung /en/
(§ 210).

(3) Konjunktiv 3. Sg.


zugrundeliegende Repräsentation /ti:ma:+the: +e :+ti/
Metathese /ti:ma:the:e:yt/
Kontraktion /ti :ma:the:yt /
Verschlußlauttilgung /ti:ma:tbe:y/
Oberflächen[orm lesb. rf.I.Ui~t
Gleitlauttilgung lesb. / ti :ma:the:/
Oberflächenform lesb. rcp.d~

zugrundeliegende Repräsentation /ti:ma:+the :+e:+t/


Kontraktion thess. /ti :ma:the :t/
thess. /ti:ma:the :/
Verschlußlau ttilgung
boiot. /ti :ma:the :e:/
thess. rcp.d.-'e'
Oberflächenform
boiot. rcp.a-'eiet
Die Divergenz zwischen Lesbisch und Thessalisch einerseits und Boiotisch ande-
rerseits hinsichtlich der Kontraktion zwischen SuffiXvokal und Konjunktivzeichen
ist auffallend. Mehreren Belegen für das Ausbleiben der Kontraktion (vgl. § 217)
steht allerdings im Boiotischen zur gleichen Zeit der Beleg evevtx-'ei IG 7:3172.
49 {die Lesung wurde von Roesch in E. 76:85 als richtig bestätigt) gegenüber, und
es gJbt keine Möglichkeit zu entscheiden, ob eine Verschreibung (Haplographie)
fiir fvevtx-'ei(et} anzunehmen ist oder ob durch evevtx-'ei die zwischen gleichen
Vokalen zu erwartende Kontraktion belegt wird und in den übrigen Belegen
auf ·-'fiet eine Recharakterisierung der Konjunktivform vorliegt.

(4) Konjunktiv 3. PI.


zugr..mdeliegende Repräsentation /ti:ma :+the:+o: +nti/
Assibilation /ti:ma:the :o:n{i/
203
00046245

Transformation lesb. /ti:ma : the :o: n~i/


Assimilation lesb. /ti:ma : the :o:n~i/

n· Abschwächung lesb. /ti:ma:the:o : y~i/


Depalatalisierung lesb. /ti :ma: the: o :ysi/
Kürzung lesb. /ti: ma: theo :ysi/
lesb. TLJJ.alJEWLOL
Oberflächenform thess. TLJJ.at9e iouvt9'
boiot. TLJJ.at9 eiwvt9 t
Gleitlauttilgung § 99 lesb. / ti:ma:theo:si/
Oberflächenform lesb. TLJ.I.at9€wot
Die Kürzung des Sufftx.vokals {/+the:o:ysi/ -+- /+theo:ysi/) im Lesbischen läßt
sich als Kürzung im Hiat erklären und fmdet in dem kurzvokalischen Flexions·
typ der Stämme auf /e:w/ eine Parallele (§ 264).

§ 217. Belege
Ind. 3. Sg. /+the:+t/ -+- lesb. thess. boiot. /+the:/
lesb. /the :/ hevilih? lKyme 30.6, €ou((iot9Tl IG 12,2:
526.a30
thess. /the :I öveJ,LerpeitJe[t] McD 347.34, €-yeveit9et
SEG 27 :226.11
boiot. /the:/ flp€t9et DGE 462.a38, €Koupwt9et E.78:
05.9
3. PI. /+the:+nt/ -+- lesb. boiot. /+then/
lesb. / then/ €[~€)7T€J.Lcpt9ev lG 12,2: 15.31/32
boiot. /then/ tooe-ypr1pev IG 7:2390.3 , €oorporevt9ev
E.78: 12.31
/+the:+en/ -+- thess. /+the:en/
thess. /the :en/ €1Teppdt9et~[v] SEG 27:226.6 (§ 216)250
Konj . 3. Sg. /+the:+e:+ti/ -+- 1esb. /+the:y/ -+- / +the:/
lesb. /the:y/ Kara-y[p)€ih7t IG 12,2: 1.1 3
/the:/ <i1Tooeixt911 LKyme 12. 15, ava-ypt1{m IG
12,2 S: 114.19, KaraljJOA{Jiot91] IG 12,2:
526.a 17, arecpcwwt9Tl IG 12,2 S: 139.63,
06ih7 IG 12,2 S: 114.22
/+the:+e:+t/ -+- thess. /+the:/, boiot. /+the:e:/
thess. / the :/ OIJ'YPD.A{J€i IG 9,2: 46l.a10, -yevett9ei McD
310.3 1, <ivret9et IG 9,2: 1229.32, oot9et
McD 337.28
250 Vgl. auch )ov"euv SEG 2:264.5 (§ 210).

204
00046245

boiot. /the:e :/ KaraoKei.XWlJet€L DGE 462.a17 / 18251 , KOtr


pwtJ€iet ibid. Z. all , errt.p.e"AettJeiet IG 7:
4136.7 , 5tarrw"AettJeiet E. 77:04.21 (ev-
evtxtJei § 216)
3. PI. /+the:+o:+nti/ -+ lesb. /+theo:ysi/, boiot. /+the :o:nfi/ -+
lesb. /+theo:si/ 252
lesb. /theo:ysi/ ä.vare.Jewwt IPergarnon 159.6
/ theo :si/ 5te~axtJ€wot IErythrai 122.43/44, ä.va-
-ypa;p€wot IG 12,2 5: 121.22, ä.va-yopev-
!Jewot IErythrai 122.53
boiot. /the:o:nfi/ [orp]oreu.Jeiwv!Jt E.78: 12.24
Opt. 3. 5g. /+the:+ye :+t/ -+ lesb. /+theye :/
lesb. / theye :I €rrawetJei17 IErythrai 122.4, d.vare!Jei17
IG 12,2 5:114.20, 5o.Jei17 IG 12,2 5:
139.65
3. Pl. /+the:+i:+en/-+ lesb. /+theyen/
lesb. /theyen/ ouvreMo!Jetev IG 12,2:498.8/9, ~evio­
!Jetev IErythrai 122.7, €rratv€!J€t€11 ibid .
z. 6253
lmp. 3. PI. /+the:+nton/ -+ lesb. / +thenton/
lesb. /thenton/ €(1Tt.p.E"A7i].Jevrov IG 12,2:5.49/ 50

10.5 Futur

10.5.1 Verbalklassen 1- J//

§ 218.
Akt. l. 5g. /+s+o+o/ -+ lesb . / +so:/
lesb. /so:/ (1) 5tKaoow lG 12,2:526.c12
(II) rt.p.a(o]w lG 12,2:526.cl7/18, rro7iow
IG 12,2: 526.c19
3. 5g. /+s+e+ti/ -+ lesb. thess. boiot. /+sey/ -+ thess. /+se: /, boiot.
/+si :/
lesb . /sey / (1) Karwpvoet IKyme 19.7
(11) d~tcioet IErythrai 121.5, rrapaKaAEO·
O€t 254 lG 12,2 5:1 40.1 8
251 Zu KO.To.o~eeuo.o.,eirr vgl. § 39.
252 b.vo.KOI'W.,wot IG 12,2 S: 139. 13 und ouXXti .,wo~ IErythrai 122.24/25 sind Koine-For-
men.
253 In IG 12,2 S:139.64 ist b.rroKo.To.oT<i.,etev (nicht -rrev) zu lesen (Boüüaert 1954: 368 A2).
254 Zum Stamm ~eo.Xeo-o· vgl. § 207, zur Interpretation von rro.po.~eo.Xeooe' - und rro.p~eaXe'
- vgl. § 166.

205 •
00046245

(III) d:rroowoet IG 12,2 S: 143.33, d.PafH/-


OEL IG 12,2: 14. 11 / 12
thess. /se:/ (I) (1rap ]~~o€ IG 9,2:1202.2 (§ 78)
boiot . /si:/ (I) eo-ypatjJL IG 7: 1739.11 ' €s.tßdot ibid .
z. 10, OtOL BCH 1937: 2 17ff. z. 13,
K.ara'Aitjlt BCH 1936: 18 lff. Z. 27
(11) €1TO/l/1LOßWOL BCH 1936: 18 1ff. z. 18,
-yafep-ye{ot ibid . Z. 11
(III) owot BCH 1936: 181 ff. Z. 17, 1<.arao1
OL ibid. Z. 15

Akt. 3. PI. / +s+o+nti/ _. lesb. / +soysi/, boiot. / +sonfi/


lesb. /soysi/ (1)255 [v]?r[a]p~otat IPergamon 245 .73
(11) oixflaotat IG 12,2:6.29 , ara'AwaOt.m
IPergamon 245.74
boiot. /sonfi/ (I) oiaovßt IG 7: 1739.15, ea-ypatjlovrh
BCH 1936: 18 lff. Z. 23, owd~ovßt
Roesch 197 1 Z. 12
(11) 1rol"aovßt E.78:06.21 , [€7ra}l.ts.tta[ß]w-
aovßt256 BCH 1937: 217ff. Z. 16

Med. 3. Sg. / +s+e+tay/ -.Iesb. /+setay/ , boiot. /+setty:/


lesb. /setay/ (II) VTr71PEri!aerat IG 12,2 S:2 .15
boiot. /setty:/ (I) iJaeT77 IG 7:4136.8, Xdtjler77257 IG
7:3054.10, d(1r]iaET77 BCH 1936: 18lff.
z.25
3. PI. / +s+o+ntay/ _. lesb. /+sontay/
lesb. /sontay/ (I) ßoXXeuaoVTat IG 12,2 S: 136.b29, xapia
aovrat 2 ss IErythrai 122.55

255 Die Futura von lll"w, 6Ullltvtt IG 12,2 :15.26 undlllllt"towt IG 12,2 :6.29, sind keine
dia.lektspezifuchen Bildungen, sondern folgen einem im Gemeingriechischen weit ver-
breiteten Typ der Futurbildung auf ~w (Schwyzer 1959:784f., Chaotraine 1967:248ff.)
Vgl. auch rraPilt"i auf einer Inschrift aus Boiotien (IG 7: 3083.17/ 18 Lebadeia).
256 Zu hallllW.,waovn vgl. § 172.
257 Vgl. lesb. xd{~!} tVtTat Aßt 36.9 mit in der Oberlieferung eingedrungenem Nasal (Hamm
1957: 131 ); aus den Inschriften sind die nicht mehr dialektspezifuchen Formen 6 ta~~­
illfl IKyme 19.28 (Anf. 1. Jhdt. n.Chr.), (ü)woA<illWIO( IG 12,2 :28. 5/6 hierherzustellen.
258 Neben d ieser Dialektform ist xaplrti'Tat IG 12,2 S: l39.56 (2. Jhdt.) eine aiotisierende
Bildung aus dem Paradigma von hellenist. xaptw . Das Vorbild, nach dem Schwyzer
(1959: 785) fragt, gaben die i-Verben ab (cf. Thumb-Scherer 1959: 103):
heUenist . wowiii'Tat : xapwtii'Tat = lesb. rrolrti'Tat : X
X = xap lfiPTat

206
00046245

10.5.2 Verbalklasse V
§ 219. In allen drei Dialekten wird das Futurparadigma von /es+/ mit Medial·
endungen gebildet.
lnd. 1. Sg. /es+s+o+may/ -+ lesb. /essomay/
lesb. eooOIJCU Sa 44A.a5
2. Sg. /es+s+e+say/ -+ lesb. /esse:y/
lesb. eooflt 259 Alk 396
3. Sg. /es+s+e+tay/-+ lesb. /essetay/, boiot. /esset~: /
lesb . eooercu Sa 98 b2 260
boiot. eoo€T1l DGE 462.a5
3. Pl. /es+s+o+ntay/-+ lesb. /essontay/ , boiot. /essonff( :/
lesb . eooovrcu IG 12,2:6.27
boiot. eooov~ Korinna PMG 654 a iü24
lmp. 2. Sg. /es+s+so/ -+ lesb . /esso/
lesb. eooo Sa 1.28

10.5.3 Futur Passiv

§ 220. Das Futur Passiv wird aus dem Passivstamm (§ 215), dem Tempuskenn·
zeichen /s/, dem Themavokal und medialen Primärendungen gebildet.
lnd. 3. Sg. /+the :+s+e+tay/-+ lesb. /+the:setay/, boiot. /+the:set~ :/
lesb. /the:setay/ [äv]a-yparpfloercu IG 12,2:5.50/5 1
boiot. /the:sett; :/ eo-ypQA(J€loeTfl BCH 1936: 181ff. Z. 19
3. Pl. /+the:+s+o+ntay/-+ lesb. /+the :sontay/, boiot. /+the :son{~ :/
lesb . /the :sontay/ öta'Aul}floovrat. IG 12,2:6.27
boiot. /the: son{e:/ eo-yprup€{OOV~ BCH 1936: 177ff. z. 9

10.6 Perfekt

§ 221 . Belege '

lnd. Akt. 3. Sg. /( +k)+e/ -+ lesb. boiot. /+(k)e/


lesb. /(k)e/ €'}'8eöiJwxe IKyme 1.3, evep-yeTflK€ IG
12,2: 18.3, T€TfA€K€ IG 12,2 S:692.13,
-ye-yove IG 12,2:64S .a9
259 eoof'l, i!of) codd.; Lobet-Page und Voigt lesen tfaaf)l. Die in den Codices überlieferte
Form kann auch durch die Gleitlauttilgungsregel § 99 aus toof)l abgeleitet sein.
260 Auf den lnschrüten ist einrnall!a-rcu überliefert (IG 12,2:15.27, 3. Jhdt.); Hodot (1976:
22) ergänzt ea[TCU) in IG 12,2:6.23/24. Ob beide Formen, eooeTal und i!aTCU, als authen-
tische Formen des Dialekts anzusehen sind und sich gegebenenfalls auch in ihrer Funk-
tion unterscheiden lassen (im Sinne von Sommer 1977: 154ff.), kann nach dem dürfti-
gen Material nicht beurteilt werden.

207
00046245

boiot. /{k}e/ oteaaet'AlJeU<e DGE 485.2 , 1rapKEKA€LK€


IG 7:2405.16, -yf.-yprupe BCH 1901:
359ff. Z. 8, OJ.LWJ.LOK€ ibid. Z. 12, dvritJeLX.
IG 7:3055.5
3. PI. /{+k)+a+nti/ ~ lesb . /+{k)aysi/ , boiot. /+{k)anfi/
lesb . /{k)aysi/ aTTeaniN<atat SEG 17:540.21
boiot. /{k)anfi/ €KretJ11KavlJt261 IG 7:207.6, d1ToOeö6avtJc
IG 7:3171.35
• • •
lnd. Med. 3. Sg. /+tay/ ~ lesb. thess. {?) / +tay/, boiot. /+tf( :/
lesb. /tay/ -yf.-ypa1rrat IG 12,2 S: 138.35, ow.OeoiKaora
IG 12,2 S: 139.20, [1T]e1Tobrrat IG 12,2
S:115.1
thess. €1/lc1ptaret IG 9,2:517.17, SEG 27 :202.
15/ 16
boiot. / tf(:/ -yf.-ypa1Tr1'/ IG 7:529.5, K€KOJ.LLOTT/ IG 7:
3171.29, 1T€1TO€tTT/ BCH 1936: 177ff.
Z. 30, -ye-yf.vetTT/ E.77 :04.8/9
3. PI. / +atay/ ~ boiot. /+ak / (§ 170)
boiot. /aff(:/ E1TIX€[K]OJ.Lwa~ SEG 22:432.18, €orpo-
r€Va~ IG 7:3174.27, J.L€J.LtalJWalJfl DGE
485.6
Imp. Med . 2. Sg. /+so/
boiot. /so/ I(J€cpv'A.axoo DGE 538.4 (§ 28, 150)

10.7 Plusquamperfekt

§ 222. Die einzige belegte Form des Plusquamperfekts, lesb . €1Tilara~<e IKyrne
5.16/ 17, lKyme 7.9 , ist gebildet aus dem mit dem Augment versehenen Per-
fektstamm (€-eorä-K-) und der Sekundärendung (-€, wie im Perfekt) (vgl.
Schwyzer 1959: 650, 777).

10.8 Infinite Formen

10.8.1 lnfiniiiv
§ 223. Die Infinitivendungen in den aiolischen Dialekten lauten
im Aktiv
/men/ im Thessalischen und Boiotischen bei thematischen und athemati-
schen Stämmen
261 Schreibung Tl statt et-

208
00046245

/,e n/ im Lesbischen bei thematischen und athematischen Stämmen 262, mit


Ausnahme der einsilbigen athematischen Stämme mit kurzem Stamm-
vokal, bei denen die Endung / menay/ verwendet wird
/ay/ in allen drei Dialekten im s-Aorist
im Medium
/sthay I in allen drei Dialekten,
1m Boiotischen unterliegt /ay/ in /ay/ und /sthay/ der Monophthongierung
(§ 77, 170), im Thessalischen von Larisa wird -ew, -a~ew an S'telle von -at,
-a~at geschrieben(§ 174- 176). Im Lesbischen geht die Endung /en/ mit dem
Themavokal und /e:/ im Stammauslaut der e-Verben und des Aorist-Passiv-
Stammes Kontraktion ein: /ag+e+en/-+ /age:n/, /kale:+en/-+ /kale:n/, /+the:+
en/ -+ /+the:n/. Da Kontraktionen nur für Vokale gleicher Qualität sicher nach-
weisbar sind, werden die Infinitive athematischer Stämme mit anderen Vokalen
als /e:/ im Stammauslaut wohl nicht mit /en/ (*rq.J.ä-ev, *l>t8o-ev, *Kepva-ev, so
Taillardat 1960), sondern eher mit einer aus der Proportion kale: mi : kale: n
sekundär abgeleiteten und analogisch übertragenen Endung /n/ gebildet: ri#Jä-J.LL :
ri.IJä-v, oww-J,lt: oww-v, KEpvä-J,lt : Kepvä-v (Schwyzer 1959: 807f., gegen
Garcia -Ram6n 1977: 185).

§ 224. Im Bereich des Thessalischen ist in der Pelasgiotis und der Perrhaibia
ausschließlich 263 die Endung /men/ vertreten.
In der Thessaliotis zeigen die einzigen Belege für Infinitivformen den Ausgang
/e:n/: tpe1Ty€v IG 9,2:270.2 (Kierion, 5. Jhdt.), e~~avaKaO€v IG 9,2:257.8/9
(Thetonion, 5. Jhdt.). Beide Belege stammen von Inschriften, die nicht oder
nicht einheitlich im thessalischen Dialekt abgefaßt sind: das Grabgedicht aus
Kierion ist von poetischer Diktion geprägt und die im Kanzleistil abgefaßte
Sotairos-lnschrift enthält, wie schon mehrfach gezeigt wurde, eine Reihe von
nicht-thessalischen Elementen.
In der Phthiotis ist gleichfalls nur ein Beleg nachweisbar: exew IG 9,2:234.4
(Pharsalos, 3. Jhdt.).
Aus der Histiaiotis lag bislang kein Beleg vor. Auf dem in Philia gefundenen,
überwiegend im Dialekt der Histiaiotis abgefaßten Sympolitie-Vertrag zwischen
Gomphoi und Thamiai vom Ende des 3. Jhdt.s (Helly i.V.) sind aber nunmehr
zwei Infinitivformen zu tage getreten: e[vat Z. 2 und J,lia-ye[ ']v Z. 6264. ewat
wird man ohne Zweifel fremdem Einfluß zuschreiben können, aber man wird
262 Die Lesung -y[11W)11a' IG 12,2:526.d21 /22 (ebenso DGE 632) mit einer im Lesbischen
sonst nicht belegten Infinitivendung -11a4 bedarf einer Überprüfung. Hoffmann (1893
Nr. 119) liest K statt 'Y und restituiert eine grammatisch korrekte Form K(pl)11w (cf.
Kp[lla(L) Z. alS, (K)p{waL Z. b15).
263 rrpoo1.6e11 DGE 607a auf einem Grabgedicht des 5. Jhdt.s aus Khyretiai ist schon wegen
~rp6~ statt 1rcwl nicht thessalisch.
264 Nach Auskunft von B. Helly ist eine Ergänzung in ~w')'c!(~.e)11 schwierig.

14 Blilmel, Oie aiolischen Dialekte 209


00046245

sich fragen müssen, ob durch ~-tia-ye[t]v der Infinitivausgang /e:n/ für die Histiaio-
tis bezeugt wird oder ob diese Form gleichfalls auf dialektfremden Einfluß w-
rückgeflihrt werden muß.
Ein einhelliges Fazit zu ziehen ist nicht möglich. Sicher ist nur, daß in der Pelas-
giotis und in der Perrhaibia (zumindest in Phalanna) /men/ als Infinitivendung
der athematischen und der thematischen Stämme verwendet wurde. In Pharsalos
ist die Endung /en/ bei einem thematischen Stamm gesichert; in den übrigen Ge-
bieten Thessaliens läßt sich die Authentizität der belegten Formen mit Argumen-
ten verschiedener Art in Frage stellen , aber es ist auch nicht auszuschließen, daß
die thematische Endung /en/ ein weiteres der Merkmale konstituiert, durch die
sich die Dialekte der Gebiete Thessaliotis, Histiaiotis und Pharsalos von dem
der Pelasgiotis und Perrhaibia unterscheiden .
In den griechischen Dialekten sind die Endungen / men/ und /en/ größtenteils auf athema-
tische resp. thematische Stämme verteilt, so daß die Ausdehnung der Endung /men/ auch
auf thematische Stämme als eine fll.r die aiolischen Dialekte charakteristische Neuerung an-
gesehen wird. lm lesbischen Zweig des Aiolischen könnte dann die ursprünglich gemein-
same Endung /men/ nach der Trennung vom Festland unter ionischem Einfluß zu /hen/
(aus /sen/) umgestaltet und zu /en/ weiterentwickelt (Garcia-Ram6n 197 5: 67, 1977: 184f.)
lediglich bei den athematischen Stämmen mit kurzem Stammvokal beibehalten und zu /men
ay/ erweitert worden sein.

§ 225. In der literarischen Oberlieferung des Boiotischen sind folgende Infmitiv-


formen belegt: cpepeJ.Lfv Korinna PMG 654 i20, evbretv ibid. iü34, fwew PMG
655 l.b20. Nachmansan (1910: 139ff.) hat in evbreLV und Aristoph. Ach. 947
-JepiMew einen möglichen Beweis daflir sehen wollen, daß im Boiotischen die
Endungen / men/ und /en/ nebeneinander existierten, wobei die Vielheit der ln-
finitivbildungen den ursprünglichen Zustand des Aiolischen reflektiere. Dagegen
hat Page {1953: 56f.) mit Recht geltend gemacht, daß Aristophanes' Boiotisch
genügend Attizismen enthalte, die sein Zeugnis grundsätzlich in Frage stellten,
und daß evbrew eine aus einem literarischen Dialekt entlehnte Form sei und
nicht Korinnas Muttersprache angehöre. Somit wird auch fwew als nicht-boio-
tisch anzusehen sein.

§ 226. Belege:

Präsens
Verbalklasse /: Thematische Verben
lnf. Akt. /+e+en/ -+ lesb. /+e :n/
lesb. /e:n/ ti:yrw IG 12,2: 4.6, ~th?v IG 12,2:73.2, Korrrw
IG 12,2: 1.19
/+e+men/ -+ thess. boiot. / +emen/
thess. /emen/ KP€VVEJ.L€V lG 9,2:5 17.1 4, J.J.EVEJ.LEV IG 9,2 1229.
27, imapx€~-tev IG 9 ,2:46 l.b20
210
00046245

boiot. fernen/ a:ytpeJJ.€11 IG 7:4136.4, apxeJJ.€11 SEG 22:407.19,


-ypebpiJJ.€11 IG 7:3055.6/7

Inf. Med. /+e+sthay/ -+ 1esb. /+esthay/, boiot. /+estht;:/


lesb. /esthay/ ep-ya[neo~a.t DGE 644.10/11, ava-ywwoK€0~0-t
IKyme 12.14
boiot. /esthr::/ titr[o)'Yp6Apeo~17 lG 7:3171.41 /42, 5€Ke0~17 DGE
462 .a7, €ip(itrreo~[17] BCH 1970: 157ff. Z. 14,
~veo~11 BCH 1936: 177ff. Z. 26

Verbalklasse 11: Athematische Verben mit Stammauslaut -e, -ä, -ö

Stammauslaut -e: Flexionstyp I{J01.17Jl.t (athematisch)


Inf. Akt. /-e:+en/ -+ lesb . /-e:n/
lesb. /e:n/ Ka"A1711 Alk 7 1.1; Ka"A1711 IKyme 19.29, ßovtjliT1711
IG 12,2:7.9/ 10, I{JWil1'/ll Memnon Nr. 28.2
/-e:+men/-+ thess. /-e:men/
thess. /e:men/ -yaop-yeiJJ.€11 IG 9,2: 1229.16, AELJJ.€11 ibid. Z. 10
Inf. Med. /-e:+sthay/ -+ lesb. thess. /-e:sthay/
lesb . /e:sthay/ 116r7o~a.t Alk 48.16, tr617o~a.t Sa 5.9; etrai1117o.Ja.t
II..esbos 6.b6, Ka"A11o~a.t IG 12,2:645.a35 (Ka"Aew-
~<u § 46)
thess. oiKoiiOJJ.e'io~ew McD 337.28 (Larisa)

Stammauslaut -e: Flexionstyp ti5tKflw (thematisch)


Inf. Akt. /-e:+e+en/ -+ lesb. /-e:e:n/
lesb. ;e·:e:n/ ovvre"Ael1711 IG 12,2 S:I38.11

Stammauslaut -e: Flexionstyp I{Jt'Aew {thematisch)


Inf. Akt. /-e+e+men/ -+ boiot. /-e:men/ -+ /-i:men/
boiot. /e: men/ trpoorareip.ell IG 7:1780.15 (oov"AeiJJ.€11 § 191)
/i:men/ ti5tKip.€11 IG 7:4136.4, "Aetrwp-yip.€11 IG 7:3083 .24

lnf. Med. /-e+e+sthay/ -+ boiot. /-e:sth~ :/ -+ /-i:sth~ :/


boiot. /e : sth~: / XP€teto~ IG 7:3 169.8
/i : sth~ :/ otrw11'io~ E.77:04.2

Stammauslaut -ä: Flexionstyp r{Jw~u (athematisch)


lnf. Akt. /-a :+n/ -+ lesb . /-a:nt
lesb. /a:n/ I(JOiTall Alk 143.7, €av IKyme 5.8

211
00046245

Inf. Med. /-a:+sthay/ -+ lesb. /-a:sthay/


1esb. /a:sthay/ ci7T<ivmo~<U IKyme 13.64

Stammauslaut -ö: Flexionstyp orei{XivwJJ.L (athematisch)


Inf. Akt. /-o:+n/ -+ lesb. /-o:n/ •

lesb. /o:n/ orei{Xivwv IKyme 19.29


Inf. Med. /-o:+sthay/-+ lesb. /-o:sthay/
lesb. /o:sthay/ [orecp]civwo~at IG 12,2:5.8/9
Stammauslaut -o: Flexionstyp orecpcw6w (thematisch)
Zu boiot. 8aJJ.LWEJ.I.€V, €morecpcww€JJ.ev, Ka~tapw[ 0~11] vgl. § 191.

Verbalklasse 111: Athematische Verben mit Präsensreduplikation


Inf. Akt. /dido:+n/ -+ lesb. /dido:n/
lesb. /n/ owwv IG 12,2: 498.15
/dido:+men/ -+ thess. /dido:men/
thess. /men/ [ci?Toot]ooüJJ.ev 265 IG 9,2:512.16
/dido+men/ -+ boiot. /didomen/
boiot. /men/ 8L86JJ.ev DGE 462.a25
Inf. Med. /dido:+sthay/-+ lesb. /dido:sthay/
1esb. /sthay/ owwo~<U IG 12,2:7.11 / 12, IG 12,2: 527.40,
IG 12,2 S:138.31
/dido+sthay/ -+ boiot. /didosth~ :/
boiot. /sth~:/ owoo~11 SEG 25:556.22, ri~eo~TJ E.78: 12.26

Verbalklasse IV: sonstige athematische Verben


lnf. Akt. /+n/
lesb. /n/ Kepvav IG 12,2: 1.13/14, ÖJJ.vvv IG 12,2:526.
c9/10
/+men/
thess. /men/ €oKLXPEJ.I.EV DGE 617,1.4266
Inf. Med. /+sthay/ -+ boiot. /+sth~: /
boiot. /sth~ :/ A.ci88ovo~11 IG 7:3054.6, ci?Tooi[K]vovo~ IG
7:2383.10

265 Die Form ( luroli,)lioü~-'~" wirft Probleme auf. Wenn Lesung und Ergänzung gesichert sind
könnte die Länge des Stammvokals durch Ausgleichsprozesse nach der Aufgabe des histt
rischen Ablauts bedingt sein (§ 192) (im Lesbischen ist die Länge des Stammvokals
gleichfalls Resultat einer analogischen Neubildung, § 223), fmdet aber Gegenbeispiele in
thess. ~aK,XPeiJev (s.u.) und boiot. 6tli61Jev.
266 Vgl. Schwyzer (1959: 689).

212
00046245

Verbalklasse V: Verbum substantivum

lnf. /es+menayl --+- 1esb. lemmenay/


1esb. emmenay EWJEVaL IG 12,2: 1.11 , Sa 98.a5
les+menl --+- thess. lemrnenl, boiot. le:menl
thess. emmen €WJEV IG 9,2:5 12.17, McD 310. 15, McD 326.7
boiot. e:men eiiJEV IG 7:504.2

§ 227. A orist I

Verbalklassen 1- 11 (s·Aorist)

Inf. Akt. /+s+ay/ -+-1esb. thess. l+say/, boiot. /+st; :/


1esb. lsayl (I) dva-yopevaat IG 12,2 S: 121.30, [K}pivvat 267
IG 12,2:526.b15, dva-ypal/lat IG 12,2:645.a44/
45
( II) €rraivrlaat 268 1G 12,2:15.21, rtjJaaa[L]
lEryth.rai 121.12, OTEcptWWOaL lG 12,2: 15.29
thess. /say I (I) dnpcil/lat IG 9,2:258.11
(II) errawe'iaat McD 310.26, Kara-yopeiaat SEG
2:264.7
thess. (0 ov-ypcil/lew lG 9,2:5 17.2 1
(II) errawe'iaew IG 9,2:504.5 (Larisa)
boiot. lst;:l (I) dv-ypcii/ITl DGE 462.a29, KaraaKevciTT'fl ibid .
Z. al3, drroareiA11 SEG 1:132.6, rrapJJ.E'ivrl
E.78: 04.11
(II) dOLKE'iO'fl IG 7:2228.718, OLTWVtO'fl E.77: 04.9,
JJ.LOt'JWOf'l DGE 485 .5

lnf. Med. l+s+a+sthayl --+- 1esb . thess. /+sasthay/ , boiot. /+sastht;:/


lesb. lsasthayl (I) [<5 ]LK6.aaaat'JaL IPergarnon 245 .80
(II) rrm?aaat'Jat IG 12,2:526.al9
lhess. lsasthay I (I) erra-y-y{'A.'A.aat'Jat McD 3 10.20
(II) rroLeiaaaat'Ja[L] McD 310.24
thess. (I) 1/la(cp]~aat'Jet(v] IG 9,2:517.14 (Larisa)
boiot. /sasth~ :/ (I) -ypdl/laat911 IG 7:3 172. 143, irravyei'A.aat'J11
DGE 462 .a19

267 Auf der gleichen Inschrift auch mit einfachem -v- geschrieben: ~epwa['J Z. alS , ~eplva&
z.
d 11.
268 Zu twalveooa& vgl. § 207.

2 13
00046245

Verbalklasse 111

lnf. Akt. l+menayI


lesb. lmenayl !J€J.l€Va.t IG 12,2: 15.33, ö0JJ€Va.t ibid . Z. 34135
l+nl
lesb. lnl rrpoarä.vu9 1Erythrai 122.35
l+menl
thess. lmenl !J€J.l€V IG 9,2 :512.19, ö6J.l€V ibid. z. 21 l'70
boiot. l menl av!J€J.l€V IG 7: 4136.2, ö6J.l€V IG 7: 3 172.4 7,
DGE 462 .a19

lnf. Med . l +sthayl --. lesb . l+sthayl, boiot. l+stht;:l


lesb. lsthayl U7ro!J€a!Ja[t] IG 12,2:529.415
boiot. lstht; :/ IJ€a~J1? IG 7:3172. 146, drroooa~J17 SEG 2 5:
556.16

Suffixloser ,.alphathematischer" Aorist

lnf. Akt. l+ay I


lesb. layl [e]aevtKa.t IG 12,2:645.b39 , E[rra.t ibid. z. b37

§ 228. Aorist Il

lnf. Akt. l+e+enl --. lesb . l+e:nl


1esb. le: nl drro!Jdvrw IG 12,2:526 .a19120, dp.ßporrw IG
12,2: 1.15116, rrd!J17v ibid. Z. 17
l+e+menl --. thess. l+e:nenl
thess. lemenl d"fa"{€J.l€V SEG 27:226.7
lnf. Med. l +e+sthay I --. 1esb. thess. l+esthayI, boiot. l+estht;:l
lesb. lesthayl "{eVEa!Ja.t IG 12,2: 6.41 , "X.dßEa!Ja.t IG 12,2: 526.
b27
thess. lesthayl avn"X."X.aßea!Ja.t McD 3 10.17
thess. "f€V€a!J[€t}v McD 330. 11 (Larisa) (€"X.€ar€UJ
§ 172)
boiot. lestht; :l e"X.ea~J1? DGE 462 .a1 1

269 Daneben auch sigmatisch oTciocu IG 12,2:645.a31 , IG 12,2 S:121.37; ebenso im Thessa·
lischen (oTcioat IG 9,2 :258.12) und Boiotischen (oTdOTJ BCH 1937: 217ff. Z. 6).
270 In 6146u,u~o~ IG 9 ,2: 1202.4 (Korope, 6./ 5. Jhdt.) liegt nach Schwy7.er (DGE ad 603)
und Thumb· Scherer (1959: 57 ) eine Ersetzung von o durch u (wie in ÖIIIJJJa, cf. § 53,
59) vor.

2 14
00046245

§ 229. Aorist Passiv

lnf. /+the:+en/ -+ lesb. /+the:n/


lesb. /the:n/ voJ.Lio{hw IG 12,2:30.8, [v]nooKe~v IG 12,2:
526.a40 (§ 149 Anrn. 133), "f€vft~v IKyme
1 9.l 1 ,0T€cpavW~V ibid. Z. 46 , ovre~v ibid.
Z. 8, t:iot:vex~v ibid. z. 49
/ +the :+men/ -+ thess. boiot. / +the:men/
thess. / the :men/ oot'Jt:ip.t:v McD 337.40, orat'Jt:ip.t:v McD 310.38,
OV"fPQ.IIJ€iJ.L€V ibid. z. 32
boiot. / the:men/ orport:vt'Jei~J,ev E.78 : 12.15

§ 230. Futur
Verbalklassen 1- Il/
Inf. Akt. /+s+e+en/ -+ lesb. /+se :n/
lesb. /se:n/ (11) xpvoworw Hoffmann ( 1893) Nr. 153.5/6
(III) avt'Jflorw 211 Hoffmann ( 1893) Nr. 153.6

Verbalklasse V
Inf. /es+s+e+sthay/ -+ lesb . /essesthay/
lesb. essesthay €ooeot'Jru. Sa 56.2
thess. eooeot'Jew IG 9,2:517.16 (Larisa)

§ 231. Futur Passiv


lnf. /+the : +s+e+sthay I
thess. €~t:p"faot'Jeioeot'Jetv IG 9,2: 517.1 7 (Larisa)

§ 232. Perfekt
Der Infmitiv Perfekt Aktiv wird im Lesbischen und Thessalischen thematisch
gebildet, aus dem Boiotischen liegt kein Beleg vor.
ln f. Akt. /+k+e+en/ -+ lesb. / +ke :n/
lesb. /ke:n/ re[t'J]vd.Krw IG 12,2: 526.d15, emret'JewpflKrW
IKyme 19.18/ 19
/+k+e+men/ -+ thess. / +kernen/
thess. /kernen/ et aXovKEIJ.€V McD 337.24
27 1 Hoffmann liest auf dem Abklatsch KAI N8Hl;HN und schwankt in seiner Interpreta-
tion zwischen dv~crrw und K~vM!OTJv . Boüila.e rt (1954: 372 A4) schlägt die Lesung
Kai <6>vl)tiu11" vor. Gegen die Interpretation Hoffmanns spricht, daß 4v6. als Präftx vor
einem Konsonanten nicht apokopiert auftritt, also *Ava.M!OTJv zu erwarten wäre, und
der Vorschlag BoUilaerts muß sich mit dem Einwand auseinandersetzen, daß die - nicht
dialektechte - Variante c\vci statt lfv auf der gleichen Inschrift durch 4v~""'l«lll in Z. 11
belegt ist.

215
00046245

Inf. Med. /+sthay/ ~ lesb. thess. /+sthay/ , boiot. /+sth~ : /


lesb. /sthay/ €1/Jdcpwl}Q.{. IG 12,2:498.13, ~w.MA.uolJat DGE
644.14/ 15, ~€~oxlJQ.{. IG 12,2: 15.20 , ~€öoo1Jcu.
IG 12,2:645 .a29 , [tr]brpaolJQ.{. IG 12,2: 526.d1 7
thess. /sthay/ ~eMolJat IG 9 ,2:46l.a5
thess. tretroteiolJEw IG 9,2:5 17.7/8, ~eMolJcw IG
9,2:517 .18 (Larisa)
boiot. /sth~: / ~cMxlJri IG 7:504 .2, [tr]rnol"olJ[17] IG 7:4145.7

10.8.2 Partizip

§ 233. Der Stamm des aktiven Partizips besteht aus dem charakterisierten Tem·
pusstamm und dem Suffix / nt+/ , der Stamm der medialen und passiven Parti·
zipien aus dem charakterisierten Tempusstamm und dem Suffix /meno+/ .
In den aiolischen Dialekten werden infinite Formen des Perfekts (zum Infrnitiv
vgl. § 232) aus dem mit dem Themavokal versehenen Perfektstamm gebildet ;
im Gegensatz zu den übrigen griechischen Dialekten wird das Suffix /nt+/ auch
zur Bildung des aktiven Partizips Perfekt verwendet. 272
Bei Partizipien werden wie bei Adjektiven drei grammatische Genera unterschie-
den; Formen mit maskulinem und neutralem Genus werden durch verschiedene
Reihen von Endungen charakterisiert , Formen mit femininem Genus zusätzlich
durch SuffiXe: Stämme auf / nt+/ werden durch /ya+/ erweitert, in Stämmen auf
/meno+/ wird der Stammauslaut durch /a: / ersetzt. Die Deklination der Parti-
zipialstämme stimmt mit der der Nominalstämme überein und wird in den ent·
sprechenden Kapiteln der Nominalflexion behandelt ; lediglich die Ableitung von
aktiven Formen des Nominativs Singular soll hier veranschaulicht werden.

Thematische Stämme

Part.Präs.Mask. Nom.Sg.
zugrundeliegende Repräsentation /arkh+o:+nt/ (§ 244)
Verschlußlauttilgung /arkho:n/
lesb . ti.pxwv
Oberflächenform thess . tipxouv
boiot. tipxwv
Part.Präs.Fem. Nom .Sg.
zugrundeliegende Repräsentation /arkh+o+nt+ya/ (§ 120)
272 Für das Aiolische in Kleinasien bringt Lehmann (1977: 27) diese Eigentümlichke:t mit
Sprachbund-Einflüssen durch anatolische Sprachen in Verbindung, ohne auf ihre \{eitere
Verbreitung auf Lesbos und dem griechischen Festland einzugehen.

216
00046245

Palatalisierung /arkhonffa/
Transformation /arkhonHa/
Tilgung /arkhon§a/
lesb. /arkhonsa/
Assimilation
thess. /arkhonsa/
lesb. /arkhoy§a/
n-Abschwächung
boiot. /arkhoh§a/
h- Assimilation boiot. /arkho :§a/
lesb. /arkhoysa/
Depalatalisierung
boiot. /arkho:sa/
lesb. äpxowa
Oberflächenform thess. äpxovoa
boiot. äpxw'oa
Part.Präs.Ntr. Nom.Sg.
zugrundeliegende Repräsentation /arkh+o+nt+0/
Verschlußlauttilgung /arkhon/
lesb. äpxov
Oberflächenform thess. li.pxov
boiot. äpxov

Athematische Stämme
Part.Präs.Mask. Nom .Sg.
zugrundeliegende Repräsentation / phile:+nt+s/ (vgl. § 170)
Vokalkürzung /philents/
Tilgung /philens/
Neutralisierung /philetH/
n-Abschwächung lesb. /philey§/
Tilgung thess. /phile§/
lesb. /phileys/
Depalatalisierung
thess. /philes/
lesb. '{XAetc:
Oberflächenform
thess. '{XA€C:
Part.Präs.Fem. Nom.Sg.
zugrundeliegende Repräsentation /phile:+nt+ya/
Vokalkürzung /philentya/
217
00046245

Palatalisierung /philenHa/
Transformation /philenf~/
Tilgung /philen~a/
Assimilation /philetHa/
n-Abschwächung lesb. /philey~a/
Depalatalisierung lesb. /phileysa/
lesb. cpc./..etaa
Oberflächenform
thess. cpc./..evaa

Part.Präs.Ntr. Nom.Sg.
zugrundeliegende Repräsentation /phile:+nt+0/
Vokalkürzung /philent/
Verschlußlau ttilgung /philen/
lesb. I{)LAEV
Oberflächenform
thess. cpc./..ev

§ 234. Das Partizip Präsens von Verben der Verbalklasse II mit Stammauslaut
/e:/ wird im Thessalischen der Thessaliotis (im Gegensatz zum Thessalischen
der Pelasgiotis, Perrhaibia und Histiaiotis) thematisch gebildet: huA.öpeovro<" IG
9,2:257.1 (Thetonion, 5. Jhdt.), [arpara-y]eowro<" IG 9,2:258.1 (Kierion, 2.
Jhdt.).
Zur Diskussion von ' vor VT in [orp ara-yJeotVTo~ vgl. § 235.

Im Lesbischen und Thessalischen ist bei einigen Partizipien von Verben der Ver-
ballelasse li Länge des stammauslautenden Vokals vor der Folge von Sonant
und Obstruent erhalten :
lesb. Karoudwrwv IG 12,2:15 .18 (Mytilena, 4. V. 3. Jhdt.), -yuJ.Lvaatdpxrwra
IKyme 102.3 gegenüber KaTOIXeVTT w ]v IG 12,2 S:692.23 (Eresos, 2. Jhdt.)
(o)J.Lov6eVTe<" IG 12,2:6.30 (4. V. 4. Jhdt.), ßat'J6evn IG 12,2:526.a27,
c2/3 (Ende 4. Jhdt.), evep-yer€VTeaat IG 12,2:527.40
l>ivii'T/VT€<" Sa 1.11 , [t'Jeoa ]!i~TWT<;t Alk 298.5 gegenüber cp6pev[ T]e<" Alk 41.1
(1Teal>oJ.L]axevra<" Sa 16.20, )er€VTwv Alk 302.a8 273
thess. KatvavdVTovv BCH 1970: 16lff. Z. 3/4 (Matropolis, 3. Jhdt.)
Eine abweichende Interpretation dieser Form wird in § 235 diskutiert.

Gleichfalls Vokallänge vor der zugrundeliegenden Folge von Sonant und Obstrueli
zeigen die finiten Formen
27 3 Die literarischen Belege, ihre Oberlieferung und die Editionspraxis in den Standardaus-
gaben wurden jüngst ausführlich von Slings (1979 : 263ff.) diskutiert.

218
00046245

lesb. 1Tpov6rwrat IErythrai 122.19 (2. Jhdt.), [c5t]aoa~wrat IPergamon 245.50


(2. Jhdt.)
~Pf6)PT1vr<:u Alk 208.a15, Impf. iJp.vrw Sa 44.34, "(e"Aav Alk 349c (? a in
anceps)
und ein Beleg fl.ir das Partizip Präsens des Verbum substantivum aus dem Thessa-
lischen der Histiaiotis
thess. eivreoat BCH 1970: 16lff. Z. 2 (Matropolis, 3. Jhdt.)
gegenüber sonstigem eovr- (belegt in Larisa, § 236).
Die langvokalischen Formen der Verbalklasse IIlassen sich am einfachsten durch
eine - sich im Laufe der sprachlichen Entwicklung immer weiter ausbreitende -
Tendenz erklären, durch Tilgung der Vokalkürzungsregel (§ 60) die im Paradigma
vorherrschende Länge des stammauslautenden Vokals zu erhalten . Die Form
elvreoot steht, wie A. Morpurgo-Davies (1978a) argumentiert hat, am Ende
einer Reihe von analogischen Neuerungen: zu dem u.rsprünglichen (und auch
mehrfach belegten) Partizip e6vrec; wu.rde im Thessalischen analog zu der 3. Pl.
evri - entsprechend einem in griechischen Dialekten geläufigen Parallelismus
zwischen Formen der 3 . Pl. und dem zugehörigen Präsenspartizip - ein neues
Partizip *€vrec; gebildet. In einem weiteren Schritt entstand, nunmehr in Ana·
logie zu den neugeschaffenen Partizipien mit langem Stammvokal (wie KowaveiP-
rec; in der Matropolis-Inschrift), eine weitere Form elvrec; (die gleichfalls auf
dt:r Matropolis-Inschrift belegt ist) .
Das Partizip Präsens des Verbum substantivum wird in allen drei aiolischen Dia-
lekten mit dem Suffix /ont+/ gebildet: mask. /es+ont+/, fern. /es+ont+ya+/ 274•
Ferner ist im Thessalischen - wie A. Morpurgo-Davies gezeigt hat (s.o.) - ein
analogisch gebildeter Stamm /ent+/ vertreten, der durch die langvokalische
Form e(vreoot vorausgesetzt wird und eine Parallele in dem fern. Stamm /ent+
ya+/ -t- /ensa+/ fmdet.

§ 235. Garcia-Ram6n (1978b) interpretiert die Schreibung t vor vr in


[orpara'Y]€otvroc; IG 9,2:258.1 (Kierion, 2. Jhdt.)
Kowaveivrovv BCH 1970: 161ff. Z. 3/4, eCvreoot ibid . Z. 2
als phonetische Schreibung: t bezeichne den palatalen Charakter von / n/, otvr,
ewr stehe also fl.ir [oflt ), [eflt]. 275 Die orthographischen {nicht-palatalen) Schrei-
bungen ONT, ENT seien im übrigen zwar in der Überzahl, aber da auch bei den
eindeutig palatalen (oder palatalisierten) Sonanten - aus zugrundeliegendem
/ny/- die Schreibungen zwischen NNl und NN, N (in der Stellung zwischen
Vokalen, nach einem Konsonanten und am Wortanfang) schwankten, dokumen-
274 Die Ablautgestalt /o nt/ des Suffixes im fern. Partizip ist in Analogie zum mask. Partizip
eingeflihrt und ersetzt die (historisch zugrundeliegende) schwundstufage Form des Suf-
faxes (*es-nt-ya-).
0
275 Zu diesem Schluß war auch schon Arena (1965 : 441 A4) gelangt.

219
00046245

tierten sie lediglich eine Konvention, die die Palatalität von Sonanten oder Kon-
sonanten graphisch nicht zum Ausdruck bringe. Eine Palatalisierung von / n/
vor / t/ sei nach allgemeinen phonetischen Erwägungen nicht möglich, daher
müsse [6] in der Folge [VntV] als authentisches palatales Phonem /6./ interpr e-
tiert werden. Die Existenz eines Phonems /ß/ im Thessalischen habe ihre Paral·
lele im Lesbischen, wo sie bereits von Ruiperez auf Grund von z.B. rraiaa <
paftsa < pantya nachgewiesen sei (cf. § 118); die Übereinstimmung könne als
gemeinsame Neuerung des Thessalo-Lesbischen in die Zeit vor der Trennung
der beiden Dialekte zurückverlegt werden.
Damit stehen sich im Hinblick auf die beiden (einzigen bisher belegten) irregu-
lären Partizipien im Thessalischen, Kowaveivrovv und elvreoot, zwei Deutungen
gegenüber: die eine (A. Morpurgo-Davies), die et - wie es zunächst auch nahe·
liegt- als Schreibung ftir [~:]interpretiert und den langen Vokal als Resultat
analogischer Prozesse rechtfertigt, die im Lesbischen gesicherte Parallelen ha-
ben, und die andere (Garcia-Rarn6n), die L von et unter Heranziehung einer
fragmentarisch überlieferten Form ([orpara1]€ot.VToc;-) als Zeichen für Palatali-
tät interpretiert. Garcia- Ram6n verteidigt seine Position gegen A. Morpurgo-
Davies, sieht sich aber selbst gravierenden Einwänden ausgesetzt :
(l) Garcia-Ram6n diskutiert und interpretiert die auf thessalischen Inschriften
belegten Schreibungen flir palatalisierte Sonanten in verschiedenen Umgehungen
(zwischen Vokalen, nach einem Konsonanten und am Wortanfang), geht aber
auf die Frage, die im vorliegenden Zusammenhang im Vordergrund steht, nicht
ein: welche Schreibung wäre ftir einen palatalisierten oder palatalen Sonanten in
der Stellung vor einem Konsonanten anzunehmen? Es ist nämlich nicht zu über-
sehen, daß im Thessalischen L als Zeichen der Palatalität - wenn es geschrieben
wird - immer nach dem palatalisierten Sonanten gesetzt wird, aber niemals da·
vor (wohingegen im Lesbischen für Schreibungen von L vor einem Sonanten oder
s eine Interpretation als Zeichen ftir Palatalität nicht auszuschließen ist, vgl.
§ 12 1).
(2) Garcia-Ram6n rechtfertigt das Fehlen weiterer Belege für die Schreibung
OINT, EINT mit dem Hinweis auf die Variationsbreite der Schreibung palatali-
sierter Sonanten im (gesamten) Thessalischen. Es verdient aber hervorgehoben
zu werden, daß weitere Belege nicht nur auf den diskutierten Inschriften fehlen
(vgl . ra-yev6vrovv, V'Trapxovn, rrpo.,€vrow, rrdvra in IG 9 ,2 :258 , rrdvra, rdA.avrev
in BCH 1970: 16lff.), sondern auch ausnahmslos in der beträchtlichen Anzahl
von Belegen ftir Partizipien athematischer und thematischer Verben aus der Pelas-
giotis, der Perrhaibia und der Phthiotis. Falls man Garcia-Ram6ns Hypothese ,
daß die Schreibung OINT, EINT auf die Existenz von /ft/ weise, zu akzeptieren
bereit ist, wird man die Verbreitung seiner graphischen Repräsentation auf die
Thessaliotis und die Histiaiotis beschränken müssen .
(3) Es ist schwer nachzuvollziehen, warum Garcia-Ram6n lN als Schreibung ftir
ein authentisches Phonem /ft/ interpretiert, das Fehlen der Schreibung IN aber

220
00046245

dort, wo mit viel höherer Wahrscheinlichkeit palatales oder palatalisiertes /ft/


angenommen werden kann - wie etwa in /paflsa/ 1Hivoa - nicht überraschend
findet.
(4) Garcia·Ram6n unterschätzt die Häufigkeit, mit der im Lesbischen ein lan-
ger Vokal vor / nt/ - nicht nur in Partizipien, sondern auch in finiten Formen -
belegt ist.
Fassen wir zusammen. In Anbetracht des Fehlens hinreichenden Belegmaterials
fur die Schreibung von IN für /ft/ im Thessalischen und in Anbetracht eindeuti-
ger Parallelen im Lesbischen ist EI der Zeichenfolge EINT in KOCJia.veivrovv
und elvreoot als [ ~:] zu interpretieren. Die Existenz von /ft/ im Thessalischen
ist sehr wahrscheinlich ; die graphischen Repräsentationen NN, NNI für intervo-
kalisches [ful] und N für nicht-intervokalisches [6.] sind ohne Gegenbeispiel in
der Pelasgiotis, der Histiaiotis, der Phthiotis und (nur für primäres [fl}) in der
Perrhaibia. Der fragmentarische Beleg [ orpara"( ]€owr~ aus Kierion steht vor-
läufig isoliert; möglicherweise trifft zu, daß - falls die Lesung als gesichert gel-
ten kann - [n ] vor einem Konsonanten nur in Kierion und nur sporadisch
durch IN bezeichnet werden konnte .

§ 236. Belege

Präsens
Verbalklasse I
Part. Akt. mask. /+o+nt+/ -+ / +ont+/
lesb . /ont-/ -&€Xwv IG 12,2: 1.14, ötardaowv IG 12,2
S:6.4
thess. / ont-/ ÖtKaoropevföv McD 1023.2, Xetropeliovv
McD 651.2, Xetropeoovro~ IG 9,2:1228.3/4
boiot. /ont-/ exwv SEG 25:540.2, 'YPaJ.I.I.lardxwroc; IG
7:3207.13
Part. Akt. fern . /+o+nt+ya+/ -+ lesb . /+oysa+/, thess. /+onsa+/, boiot. / +o:sa+/
lesb. /oysa-/ V1rapxowa IG 12,2: 15 .25, apJJ.CJtoioatc;
IG 12,2: 14.7/8
thess. /onsa-/ l€petr€Vovoa DGE 616a.3, Xetropeoovoa
McD 346.6
boiot. /o:sa-/ exwoa.v IG 7:2420.19
Part. Akt. ntr. /+o+nt+/ -+ /+ont+/
lesb. /ont-/ fx.ov lAssos 3. 7
boiot. /ont-/ #xov IG 7:2421.4
Pa.rl Med. mask. /+o+meno+/ -+ / +omeno+/
boiot. /omeno-/ ßeU...oJ,J.ev~ AD 1916: 2 18f. Z. 47/48
221
00046245

Verbalklasse 1/

Stammauslaut -e: Flexionstyp I()(Af/J.I.L (athematisch)


Part. Akt. mask. /-e:+nt+/ ~ /-ent+/
lesb. /-ent-/ olKet' Alk 328, 1TPOOJ.t.€rpw; lKyme
19.13/ 14, [1Tea8oJ.t.]axevra' Sa 16.20,
[ o ]J.t.ovoevre' IG 12,2:6.30, evKaXev[ re<\ ]
IG 12,2 S: 136.b34, €V€P"'f€TEVT€00L IG
12,2:527.40
thess. /-ent-/ evep"'(erec; IG 9,2 :46l.b 10, "'(VJ.t.VaOtap-
xevr~ IG 9,2:517 .2, KaTOLKEVT€00L ibiid.
z. 14
Part. Akt. fern. /-e: +nt+ya+/ ~ lesb. /-eysa+/
lesb. /-eysa-/ KaraKoXoth~etaa IK.yme 13.60

Part. Med . mask. /-e:+meno+/ ~ /-e :meno+/


lesb. /-e:meno-/ 1TOLi1J.t.evoc; IErythrai 122.28, €-yKaAfiJ.I.EVwv
IG 12,2:526.a40
thess. / -e :meno-/ KaAeLJ.t.evov McD 347.21
Part. Med. fern. /-e:+mena:+/ ~ /-e:mena:+/
thess. /-e:mena:·/ Cb.pcwypeLJ.t.€vav McD 347.14
Part. Med. ntr. /-e:+meno+/ ~ / ·e:meno+/
lesb. /·e: meno·/ OJ.t.OACY'fi1J.t.eva IG 12,2 :6.35
thess. /-e: meno·/ l>teaal()eiJ.t.eva IG 9,2 :1229.38/ 39

Stammauslaut -e: Flexionstyp d:OLKilw (thematisch)


Part. Med. mask. /-e:+o+meno+/ ~ /-e:omeno+/
lesb. /-e: omeno·/ avvreXewJ.t.[€]vw IPergamon 159.4

Stammauslaut -e: Flexionstyp I()LAEW (thematisch)


Part. Akt. mask. /·e+o+nt+/ ~ lesb . boiot . /-eont+/ -+ boiot. /·iont+/
lesb. /-eont·/ ovKaXeovrec; Sa 44.33 276 , E1TLTeX€wv IG
12,2 8 :692.24, [l>ta~<]oveovrec; IG 12,2 :
499.4
boiot. /·eont·/ eiJx[p)ewrewv IG 7: 2383 . 16
/·iont·/ trape1Ttlia,.tiwv IG 7 :2849.4, auXiovro' IG
7:3210.3

276 Das Gedicht Sa 44 enthält epische Elemente (Page 1955 : 65ff.); die Form ÖIIKa:>o.eo"n~
braucht daher nicht authentisch lesbisch zu sein. Die Codexüberlieferung bietet zwei
weitere thematisch gebildete Partizipien: t1ra.weo11Te~ Alk 348.3, llOX "EoiiT'e~ (llox l'Je üll-
re~ , JJI)"feOIITe~ codd.) Alk 208.a5, die von den Herausgebern (Lobel-Page, Voigt) in
athematische Formen (twa.llleiiTe~ , ,.Wxl'JeiJTe ~) korrigiert werden.

222
00046245

Part. Akt. fern . /·e+o+nt+ya+/ -+ boiot. /-eo:sa+/


boiot. /-eo:sa·/ rcp.ewaa 277 IG 7:2383.18
Part . Med. mask. /-e+o+meno+/ -+ lesb. boiot. /-eomeno+/ -+ boiot. /·iomeno+/
lesb. /·eomeno·/ a:ypeOJ.L€VOt lAssos 5.6
boiot. /·eomeno·/ a:yeoJ.Levoc; BCH 1926: 396 Nr. 16.2
/-iomeno-/ a')'WJ.I.EVWV E. 78: 12.4

Stammauslaut -ä: Flexionstyp r{J.tap.t (athematisch)


Part. Akt. mask. /-a:+nt+/ -+ lesb. thess. / ·ant+/
lesb. /·ant·/ avvdvratc; lErythrai 122.28, cpoiravrec; Alk
150.6278
thess. /·ant-/ f>ovppavra McD 310.22 (§ 113)
Part. Akt. fern. /-a:+nt+ya+/ -+ lesb. /-aysa+/
lesb. /·aysa·/ ')'et..aiaac; Sa 31.5, cpwvaiaac; Sa 31.3 279
Part. Med . mask. /-a:+meno+/ -+ lesb . /-a:meno+/
lesb . /-a:meno·/ airtdJ.Levoc; Alk 358.5, öpJ.LdJ.Levoc; IG 12,2:
15.19, reyyap.evw IG 12,2:6.10

Stammauslaut -a: Flexionstyp rcp.dw (thematisch)


Part. Akt. mask . /-a+o+nt+/ -+ boiot. /-aont+/ 281:)
boiot. /-aont·/ ia6vrvc; DGE 462.a5

Stammauslaut -ö: Flexionstyp arecpdvwJ.Lt (athematisch)


Part. Akt. fern . /-o :+nt+ya+/ -+ lesb . /-oysa+/
lesb. /·oysa·/ arecpdvotaav IKyme 13 .3
Part. Med. mask. /·o:+meno+/ -+ lesb . /-o: meno+/
lesb. /-o :meno·/ arecpc.wwJ.Levot[ Alk 296 .b8
Part. Med. fe rn. /-o:+mena:+/-+ lesb. /-o :mena:+/
lesb. /-o :mena :-/ arecpc.wwJ.Levac; IKyme 13.69
Part. Med. ntr. /·o:+meno+/ -+ thess. /-o:meno+/
thess. /-o :meno·/ ~[t]ovJ.Leva IG 9,2: 506.45

277 Falls in npewoa. keine Verschreibung vorliegt - wie sie etwa durch das vorausgebende
~ woa. hervorgerufen sein könnte - ist wohl eher ein (auch in anderen griechischen Dia·
lekten geläufrger) Übergang vom Flexionstyp -a.w (cf. eT~O.OO.II SEG 1:132.11) in -ew
utZunebmen (Buck 1968: 125, Chaotraine 1967: 239) als ein lautlicher Prozeß ((a > e)
vor (o), Bechtel 1921: 231 , Schwyzer 1959: 728 Al ), fUr den es keine Parallele gibt.
Die kontrahierten Formen npwoa., oouXwoa., oouXwVTel; sind nicht authentisch (§ 191).
278 Zu lhrTO.ll; , .polTa.tl;, övdpTa.tl; cf. § 188 Anm. 176.
279 So mit Forssman (1966: 81); Lobel-Page und Voigt lesen tpwveloa.l;.
280 Vgl. § 191, dort auch zu der kontrahierten Form "'KwVTeoo,.

223
00046245

Verbalklasse Ill

Part. Akt. rnask. /+nt+/


lesb. /nt-/ ri!Jet~ Alk 338.5, öiOOl.~ Alk 70.13 , e~iet~
Alk 7.11, LOTQ.(.~ Alk 206.3, UVV€1T~WCX~
IG 12,2 5:692.12, cirroöiOoJJT€~ IG 12,2
5:138.15
boiot. /nt-/ ÖApl,eVTa IG 7: 1780.23
Part. Akt. fern. /dido+nt+ya+/ _. lesb. /didoysa+/
lesb. [ö]wotoa IG 12,2 5:2. 18
Part. Med. rnask. /+meno+/
boiot. /rneno-/ inrap.ivw IG 7:507.1
Part. Med. fern. /+rnena:+/
lesb. /rnena :-/ Kano[ra]s.tevat~ IG 12,2:18. 15/ 16

Verbalklasse IV

Part. Akt. mask. lesb. rraparripva.t~


IG 12,2 S: 125.7
thess. eiOJJTouv McD 347.20

Verbalklasse V

Part. mask. /es+ont+/ _. lesb. thess. boiot. /eont+/ ...., boiot. /iont+/
lesb . eont- ewv IG 12,2:645.a6, 5a 121.1, €ovn IG
12,2:6.10
thess. eont- €otiv 5EG 27:202 .10, €oJJTo~ IG 9,2:506.6
boiot. eont- ewv IG 7:2383.3, iwv AD 1916: 220f.
Z. 67 (§ 41 , 42)
/ent+/
thess. ent- etJJTeoot BCH 1970: 161ff. Z. 2 (§ 234)
Part. fern. /es+ont+ya+/ _. lesb. /eoysa+/ , thess. /eonsa+/, boiot. /eo:sa+/
_. boiot. /io:sa+/
lesb . eoysa- eoioa~ IG 12,2:27 .4, (Ol.oav Sa 29.h6
thess. eonsa- €6voa~ McD 335.9, AD 1973/74 Xpov .
571 Z. 8
boiot. eo:sa· twoa IG 7:2383.18, iwoa~ IG 7 :3172.56
/entya+/ ...., thess. /ensa+/ (§ 234)
thess. ensa· (€]voa\ IG 9,2:512.22, IG 9,2:515.3,7

224
00046245

§ 2.37. Aorist I

Aorist /: s-Aorist

Partt . Akt. mask. /+sa+nt+/ __. lesb . thess. boiot. /+sant+/


lesb . /sant-/ (I) 'YPcil/latc: IG 12,2:268.4, d.Kouaruc; IG
12,2 :526.d23, €m.Oe~ruc; IG 12,2 S:122.
21
(II} 1Tot-r?aruc; IG 12,2 S: 122.23/24
(Ill) (a]1ToKaraoraaruc; IG 12,2:29.3
thess. /sant-/ (I) ov-ypal/lwrac; IG 9,2:512.29, OVVJ.l€VIlW-
TOVV IG 9,2:517. 15, d1TVOT€AAaJITOC: ibid.
z. 23
(II) 1TapemÖC1.JJ.ei{a]ac; McD 337.13/ 14281 ,
oiKovoJJ.eiaav[ r ]ec; IG 9,2: 1229.37/38
boiot. /sant-/ (I) tip~ac; IG 7 :3215. 1, ap~avrwv DGE
541.1, 1TapC1.JJ.eivaJITac; IG 7:3314.3
(111} Karaaraaac; FS Navarre 1935: 353
z. 12
Part . Akt. fern. /+sa+nt+ya+/ __. lesb. /+saysa+/, thess. /+sansa+/ , boiot.
/+sa:sa+/
lesb . /saysa-/ (111) a1TOKaraar~}OatOQJI IG 12,2:222.4/5
thess. /sansa-/ (I) äp~waa McD 346.11 , A.etropet)aavaa
IG 9 ,2 : 1035.3, veßevaavaac; 282 McD
360.2
Part . Med. mask. /+sa+meno+/ __. lesb. thess. boiot. / +sameno+/
lesb . /sameno-/ (li) avnr[t]JJ.aoaJJ.[e]vw IG 12,2:526.a17
(lll) avvaraaaJJ.€vwv IG 12,2 S:7 .6
thess. /sameno-/ (I) €1Ta')'')'€AACl.J.l.€vouv McD 310.30
(II} 1TotewaJJ.€vovv McD 330.7 /8
boiot. /sameno-/ (II} 1TotetaciJJ.evoc; IG 7 :2849.5, JJ.W"waa-
JJ.€Voc; BCH 1937: 217ff. Z. 11

Aorist/: Verbalklasse 1//

Part. Akt . mask. /+nt+/


lesb. /nt-/ öv"evra IKyme 19.39, dvciöotc; IG 12,2
5 : 139.95 , ö6vrec; IG 12,2 S: 136.b8, 1Tpo-
arcivrwv IE.rythrai 122.30

281 ln Z. 37 der gleichen lnschrüt ist 7I'Otaa[ a~l verscluieben oder falsch gelesen; zu erwar-
ten ist 7I'Oeia[ a~ J.
282 Zu e7rweßeuuauua vgl. § 119.

15 Blilmel, Die aioUschen Dialekte 225


00046245

thess. /nt-/ rrpotUvrovv IG 9,2:258.6 , Mvrec: IG 9.,2:


1229.41 , rrearavrac; McD 310.11
boiot. /nt-/ civat'Uvroc: IG 7:1786.4/5, oovrac; SEG 3:
358.5
fern . /+nt+ya+/ -+ lesb. /-ysa+/, boiot. /-:sa+/
lesb. /-ysa-/ 8oiacu. Sa 32.2
boiot. / -:sa-/ ovvt?eoa283 FS Navarre 1935: 353 Z. 11
Part. Med. mask. /+meno+/ -+ lesb. thess. boiot. /+rneno+/
lesb. /meno-/ rrept?€J..Levov Sa 54
thess. /rneno-/ t?€J.Levot IG 9 ,2: 1229.42
boiot. /meno-/ emt?EJ.LEVW IG 7:2405 .5

Aorist 1: SufFzxloser "alphathematischer" Aorist

Part. Med. mask. /+a+rneno+/ -+ lesb. /+ameno+/


lesb. /ameno-/ €~e[vtK]ciJ.Levoc; IG 12,2 :526.a5

§ 238. Aorist II

Part. Akt. mask. /+o+nt+/ -+ lesb. thess. boiot. /+ont+/


lesb. /ont-/ av'A'Atißwv IG 12,2:526.a9, €rr€'At?wv SEG
17:540.27, [Kar]e'At?ovreaat IG 12,2:6.24
thess. /ont-/ 'Aa(Jovv IG 9,2: 1229.22, t?av6vrt SEG 25:
667
boiot. /ont-/ 'Aaßwv BCH 1936: 181ff. Z. 25, [8t)eoo-
e'At?ovroc: BCH 1937: 217ff. Z. 26,
mt?ovrwv IG 7:2383.14
fern. /+o+nt+ya+/ -+ lesb. /+oysa+/ , boiot. /+o:sa+/
lesb. /oysa-/ 'A.axoiaav IG 12,2 S:136.b42
boiot. /o:sa-/ ftcSwoa SEG 18: 166.4, 'A.aßwoav DGE
462.a20
Part. Med. mask. /+o+meno+/ -+ lesb . thess. boiot. / +omeno+/
lesb . /omeno-/ rrapeMJ.Levoc; IG 12,2:526.a7 , rrapaaxo-
J.L[evoc:] IG 12,2:528.10
thess. /omeno-/ -yevOJ.LEvov IG 9,2:517.43, €'AoJ.L€VOtC: ibid.
z. 19/20
boiot. /omeno-/ civeMJ.Levoc; IG 7:317 1.6
fern. /+o+mena:+/ -+ 1esb. / +omena:+/
lesb. /omena:-/ 'YEVOJ.Levav IG 12,2 S:24.5

283 Für ovv1)eioa; e statt et auch in KC11)wTde , at wXPeeac; auf der gleichen Inschrift.

226


00046245

§ 239. Aorist Passiv

Part . mask. /+the:+nt+/ -+ lesb . thess. boiot. /+thent+/


lesb. /thent-/ l5eix!Jetc: IG 12,2:498.5, ÖAp€1Jetc: IG 12,2
S: 143 .14, dtroaraXevrec: IG 12,2: 15.14,
trpoavaXw!Je(vrwv] IG 12,2:5.5
thess. /thent-/ dtreXeU1'Jepeo!J€c: IG 9,2:414.a 10284, €~atro­
oraX€vr[ec:] SEG 27: 226.4 285, ovvre Xeo!Jev-
roc: IG 9,2:517.15
boiot. /thent-/ dtrooretXevrec; SEG 1: 132.7, ei.pe!Jevrac;
(§ 39) IG 7: 1719.9, re!Jevroc; IG 7:3172.
36
Part. fern. /+the :+nt+ya+/-+ Jesb . /+theysa+/ , thess. /+thensa+/ , boiot.
/+the :sa+/
1esb. /theysa-/ övara!Jeioac: IG 12,2:255.8, dtro-ypa...peioav
IG 12,2 S: 136.b41
thess. /thensa-/ dtreXev!Jepea!Jevoa IG 9,2:414.all
boiot. / the :sa-/ T,pe!Jeiaav DGE 462.a13, re!Jeioac; IG 7:
3171.31, ora!Jeioa IG 7:3170. 11 €KKOTrei-
oav BCH 1895: 157ff. Z. a2
Part. ntr. /+the:+nt+/ -+ lesb. thess. boiot. /+thent+/
lesb. /thent-/ Stcirax~Jev IG 12,2:527.53 I ava"(pa...pev
IG 12,2 8:139.98/99
thess. /thent-/ öryp(J){J€v IG 9 12: 1229.31
boiot. /thent-/ oovvxwpet!Jev IG 7:3 172.174/ 1751 re!Jev
ibid. z. 27

§ 240. Futur

Verbalklassen 1- l/1

Part. Akt. mask. /+s+o+nt+/ -+ thess. boiot. / +sont+/


thess. /sont-/ (II) KarotJ<eto6vrovv IG 9 12:5 17. 13
boiot. /sont-/ n:
~ovoovra E.78: 18.9

Verbalklasse V

Part. mask. /es+s+o+meno+/ -+ 1esb. /essomeno+/


lesb. essomeno- eooop.evoc: IKvme

13.11/ 12
fern . /es+s+o+mena:+/ -+ thess. /essomena:+/
thess. essomena:- eaaop.e(v]av IG 9 12: 1229.39/40
284 lure'heu.,epou.,el<: IG 9,2:594 (Larisa, 3. Jhdt.) ist wegen Stammbildung und --'El<: statt
·"e<: keine authentische Form des Dialekts.
285 Daneben mit o-Vokalismus uwanooTo'ht<: ibid. Z. 9.

227
00046245

§ 241. Futur Passiv


Part. rnask. /+the:+s+o+meno+/ -+ lesb. /+the :sorneno+/
lesb. /the :sorneno-/ öetx~ooiJ.evwv IG 12,2 S: 114.24
eioax~ooiJ.evwv IG 12,2 S: 136.b32

§ 242. Perfekt

Part. Akt. mask. /{ +k)+o+nt+/ -+ lesb. thess. boiot. /+{k)ont+/


lesb. /{k)ont-/ TTETrcn?Kwv IG 12,2: 134.11 , €mrereX€Kovra
IG 12,2:484.6, eveoreuwvra 286 IG 12 ,2:
527.34, -yq6vovra IG 12,2 :527.38, Kare-
A11M~ovro<: IG 12,2 :6.9
.
thess. /{k)ont-/ evotKOÖOiJ.EtKOvreoot IG 9,2: 1229.45/46,
1TEip€f.PdKOVT€<; IG 9,2:536.4/ 5, E1T€0Tti-
KOVTa IG 9,2:257.8
boiot . /ont-/287 Tremrev6vreoot DGE 485 .7, dTretX~eiovre<:
BCH 1946: 477ff. Z. 2/3, evKaraßeßtiwv
IG 7:3055.5 , TreTrowvretaot (§ 87) DGE
485.7 , fefuKovoiJ.eu)vrwv IG 7:3172 .24,
dvre~eovre<: BCH 1936: 177ff. Z. 33,
dvre~ewvra E.77:04.13

Part. Akt. fern. /{+k)+o+nt+ya+/ -+ lesb. / +{k)oysa+/, boiot. /+o :sa+/


lesb . /{k)oysa-/ €V€P'Y€TflKOtOav IG 12,2:516.2, eordKotaaiJ
IKyrne 13 .70, [re)r6Kotaav IG 12,2 S:126.
boiot. /o:sa-/ Ka[ra(3e)(3Xetwoa<; SEG 22:407.30/3 1, öeöe
woa DGE 462.a30, dcpetwoa<: SEG 22:43;
12

Part. Med. mask . /+meno+/


lesb. /rneno-/ €1/la.ptOiJ.EVWIJ IG 12,2 S:3.1l , 'Y€/'PQiliJ.fVC..
IKyme 12.7, öeöei-yiJ.eVot IG 12,2 S: 136.b I
1TpOO€V€1J11V€'YiJ.EVWIJ IG 12,2 S: 139 .23 ,
tivare~€1./J.EVW IKyme 13.71
boiot. /rneno-/ €Travye>..p€vot SEG 3:3 57.1 /2, TTOTt&ÖOiJ.E·
vov IG 7 :3 17 1.36/37

Part. Med. fern. /+rnena :+/


thess. /rnena:-/ -ye-yeve(./J.eva.<: IG 9,2:515 .10

286 h'euTciKOT(otJIKyme 12.17/ 18 ist keine authentische Dialektform.


287 Im Boiotischen wird das Partizip Perfekt ohne das SufflX /k/ gebildet (vgl. § 164
(5)).

228
00046245

Partt. Med. ntr. /+meno+/


lesb. /meno-/ WOIIOIJ.fliJ.€Va ffirythrai 122.51
boiot. /meno-/ 'Yf'YPOIIIJ.evov IG 7:3083.16, 1Tpoßeßw'Aev-
IJ.fiJOII SEG 1: 115 .2, Ka~tapw1J.eJJOv SEG
23:271.33

II. Flexion des Nomens

ll .l Morphologische Regeln

§ 243. MR {20) Endungen der Nominalklasse I (Vokalische Stämme)

s /[+mask]
0 /[+fern] /[+Nom]
n /[+ntr]

syo t{[ +mask ]}


l+ntr1 /(+Gen]
/ (-PI]
s 1 [+fern]
.
:1 I [+Dat]

n /[+Akk]
0 -+

i /[+mask ]}
{ a /[+ntr] / (+Nom]

o: n/[+Gen]
:~s) t{[+mask)}/(+Dat]
{ SI J (+ntr] /[+PI]
[+maskJl

a I [+ntr]
: I [+mask] I [+Nom]
( in I [ +mask] I [ +Dat] } /[+Dual]

229
00046245

§ 244. MR (21) Endungen der Nominalklasse 11 (Nicht-vokalische Stämme)

{~} ~n:~:n 1 (+Nom]


0 I (+ntr]
os I (+Gen]
i I (+Dat]
I [- PI]

n I{[[+fern]
+mask]}
I [+Akk1
0 I [+ntr]
0 -+
es ~n:~:~l} I [+Nom]
a I (+ntr]
o:n I [+Gen]
I [+PI]
essi I [+Dat 1

ns I n:~~~1}
a I [+ntr]
I [+Akk1

e I [+Nom]
I [+Dual]

Die Stämme auf lontl (darunter besonders die thematisch gebildeten Partizipien,
z.B. larkh+o+nt+l), die Stämme auf Sonant (z.B. l pater+/) und die nicht-neutra-
len Stämme auf lsl (z.B. l ateles+l, ldiogenes+l) haben im Nominativ Singular
Maskulinum an Stelle einer Endung als Flexionsmerkmal Länge des SuffiXvokals
Uarkho :ntl -+ [arkho:n], [pate:r], [atele:s], [diogene:s]).
Die Endungen lnl und lnsl im Akkusativ Singular und Plural werden nach Kon-
sonant oder Gleitlaut als Iai resp. lasl realisiert.

11.2 Nominalklasse 1: Vokalische Stämme

11. 2.1 ä-Stämme


§ 245. Die mit dem SufflX lyal abgeleiteten Stämme (aktive feminine Partizipien,
feminine Adjektive und Abstrakta zu s-Stämmen) haben nur im Nom.Sg. und
Ak.k.Sg. den Stammauslaut Iai, in den übrigen Paradigmastellen la:l.
Im Nom . PI. wird der Ausgang in Analogie zu der entsprechenden Form der o-
Stämme durch layl ersetzt. Im Dat. PI. sind die Ausgänge laysl und laysil ana-
logisch zu den entsprechenden Ausgängen der o-Stämme gebildet (§ 254).
230
00046245

§ 2W6. Analyse der Formen und Belege


Norm. Sg. / tukha :+0/ -+ [tukha:)
lesb. lipxa IG 12,2:6.12
thess. K6pa IG 9,2:1035.2, -&eiKa IG 9,2:426b
boiot. cipxd. IG 7:1739.7, rotixa IG 7:3083.1
/ tamia:+s/ -+ [tamia:s) (§ 247)
lesb. raj.J.iaC: IG 12,2:5.17
thess. evep-yerac: SEG 27:202.11 , Kwed.Sac: Peek 1974 Nr.
15 Z. 3
boiot. raj.J.iac: SEG 23:27 1.32
Gern. Sg. /tukha:+s/ -+ [tukha:s)
lesb. ß6A.A.ac: IG 12,2:96.2
thess. K6pac; McD 322
boiot. dj.J.epac: IG 7: 3080.3
/ tarnia:+o/ -+ lesb. thess. [tamia:), boiot. [tamia:o) (§ 248)
lesb. Taj.J.{a IG 12,2 S: 115.18
thess. 'AA.eVa. IG 9,2:5 17.2•
boiot. raJJ.iao IG 7:3172.25, iapd.pxao IG 7:3377.4
Dat.. Sg. / tukha:+:i/ -+ / tukha :y/ -+ lesb. thess. [tukha:]
-+ boiot. [tukhay) (§ 62) -+ [tukh~: ) (§ 77)
Im Lesbischen und Thessalischen sind im 5. Jhdt. erste Anzei-
chen der Gleitlauttilgung (§ 99) [a:y) -+ [a:) (cf. thess. 'A'P{po]-
{)ircu rä ... IG 9,2:236, ra-yä neben ciTa-yicu JG 9,2:257.6)
nachweisbar. Dieser Prozeß ist am Ende des 4. Jhdt.s abge-
scWossen; seit dieser Zeit stehen -a und -at mit nur in der
Orthographie beibehaltenem _, nebeneinander.
Wie in § 25 3 gezeigt wird, hat es im Boiotischen bei den o-Stämmen
im Dat. Sg. einmal den Ausgang jo:yj gegeben. Damit ertibrigt sich die
Annahme (Rix 1976: 133), bei den i-Stärnrnen sei, analog zu den o-
Stämmen, als Dat. Sg. die Form des idg. Lok. Sg., jay/, verwendet worden.

lesb. ß6AA.cu JG 12,2:6.38, äpxa IG 12,2: 528.26, rtixa


IG 12,2: 73. 1
thess. faonKät. IG 9,2:575.3, oorpo-.pii McD 337.23, rtixa
IG 9,2: 1228.3
boiot. 'I rövU:ü E.79:03 (6. Jhdt.), [ 'A]J.I.ewoK'Aeiä€ IG 7:590
(5 . Jhdt.), apxft DGE 462.a10 (3 . Jhdt.), r tix11 IG 7:
3287.1
Akk. Sg. /tukha :+n/ -+ [tukha :n]
lesb. äpxav IG 12,2 5:114.12
thess. roxav IG 9,2:458.1 , €rran€X'Aw.v McD 3 10.24
boiot. rovxav IG 7:3 166.1, rcp.d.v SEG 22: 404
231
00046245

Nom. PI. / tukhay/ ~ lesb. thess. boiot. [tukhay] ~ boiot. [tukh~:]


(§ 77)
lesb. l?tiaw.t IG 12,2:498.8
thess. l?eiKcu. IG 9,2:428.4
boiot. rpbre08cu. SEG 24:361.24, rrpo~evin iG 7:513.1

Gen. PI. / tukha:+o:n/ ~ lesb. thess. [tukha:n], boiot. [tukha:o:n] (§ 249
lesb. l?uaiav IG 12,2 S: 138.18
thess. oLKäv SEG 27:226.6, rroll.träv McD 337.36
boiot. a,.tepawv BCH 1936: 181ff. Z. 16, arporeuawv E.
78:12.9, tpaperptrawv BCH 1926: 396 Nr. 16.11
Dat. PI. /tukhaysi/ ~ lesb. [tukhaysi] (zum Ausgang [-ays] vgl. § 254)
/ tukha:ys/ ~ thess. boiot. [tukhays] (§ 60) ~ boiot.
[tukh~:s] (§ 77)
Im Lesbischen kann -ataL seit dem 4. Jhdt. um -v erweitert
werden. Der Ausgang -at' in inschriftlichen Texten (z.B. in
evep"(hcu.' IKyme 13.14) ist hellenistisch.
lesb. rroll.ircu.at IG 12,2:645.a22
thess. rroll.iratc: McD 310.16, vVJJtpaLC: McD 645.2
boiot. K6pcu.' SEG 22 :404, aJJePfl' DGE 462.a20
Akk. PI. /tukha:+ns/ ~ lesb. thess. boiot. /tukhans/ (§ 60) ~ lesb.
[tukhays], thess. [tukhas], boiot. [tukha:s] (§ I17ff.)
lesb. äpxatc: IG 12,2: 1.8, dJJepcu.' IG 12,2:645 .a42
thess. €rra"("(eii.II.La' McD 310.32, m)/...ac: McD 34 7.11
boiot. rLJJac: IG 7:1719.6, f{ll.ac: E.78:12.26
Nom . Dual. /tukha:+o: / ~ boiot. [tukha:o:]
boiot. oapXJJaw SEG 24:361.28 {Khorsiai, 4. Jhdt.)
aKQJ(Xiw E.76:46.5 (Thespiai, 1. H. 4. Jhdt.)
Die Endung /o:/ im Nom . Dual. ist von dem entsprechenden
Ausgang bei den crStämmen übernommen .
In der fragmentarisch erhaltenen Inschrift Hoffmann Nr. 179 (Neandieia, 6. Jhdt.)
(O)N E E>EKANT O Enii:TATAOKAIK EM EN-- - interpretiert Hoffmann (1893 : 537) n.:,
imwr(ha als Formen des Duals (ablehnend Bechtel 1921 :65 ). Falls die Lesung als gesichert
gelten kann und falls man mit Hoffmann von der Annahme ausgehen kann, daß der Dual in
de.r Umgangssprache der kleinasiatischen Aiolis fortbestand (wofür keine weitere Evidenz

vorliegt), wäre zu fragen, ob nach Ausweis der boiotischen Formen auf -a w nicht eher n 'J
ewW T (lTM abzutrennen ist.

§ 247. Nom . Sg. der mask. ä-Stämme

Im Nom. Sg. wurde bei den maskulinen ä-Stämmen die Endung /s/ in Analogie
zum Nom. Sg. der - gleichfalls maskulinen - o-Stämme eingeführt.
232
00046245

lm Boiotischen sind - neben zahlreichen Formen mit NominativsuffiX /s/ - fast


ausschließlich bei Eigennamen auch endungslose Formen vertreten. Die Belege
reichen bis zum Beginn der Überlieferung hinauf; vgl. z.B.
rrv~wvixa IG 7: 1888.b9 (5. Jhdt.? 88
l:a')'V~wiöa IG 7:585.d3, BvAia ibid . Z. d15
Mo-yea IG 7:3467 .I (6./5. Jhdt.)
KaAAEa IG 7: 1889.9
QAiOa IG 7: 41 24
NeariOa IG 7:4209
E!Yytroviöa IG 7: 3508 289
Die Interpretation dieses Befundes ist umstritten: nach Rix (1976: 130) stellt
der Ausgang /a: / der mask. ä-Stämme im Boiotischen ein Relikt des ursprüng-
lichen Flexionstyps dar; Solmsen (1904: 494ff.) - vgl. auch Szemerenyi (1956:
196) - sieht in den endungslosen Formen entlehnte oder bewahrte Spuren des
nicht-aiolischen (nordwestgriechischen) Elements; Sechtel ( 192 1: 268) schließt
sich dem Urteil seiner Vorgänger an, daß der Verzicht auf das Nominativzeichen
in Eigennamen mit dem Charakter der Namen als Kosenamen in Verbindung
stehe. Aber eine Deutung als Archaismus erscheint wenig plausibel, weil Paral-
lelen aus dem Thessalischen 290 und Lesbischen fehlen; im Nordwestgriechischen
sind Nominative auf -a weniger häufig und weiter verstreut als im Boiotischen291 ,
so daß die Annahme eines Sub- oder Superstrats kaum glaubWÜrdig ist, und die
Hypothese der Entstehung von endungslosen Nominativen in Kosenamen muß
eine wenig wahrscheinliche analogische Ausbreitung auf Vollnamen und Appella-
tiva einräumen. Mit dem Hinweis auf gleichfalls sufftxlose Eigennamen auf -€,
-et 292 allerdings hat Sechtel eine seitdem wenig beachtete Parallele aufgezeigt;
solange für die asigmatischen Nominative des Boiotischen nicht der überzeugende
Nachweis der Bewahrung einer altertümlichen Flexion oder der Entlehnung er-
bracht werden kann, bleibt nur die Möglichkeit, sie als Neuerung zu konstatie·
ren .

§ 248. Gen. Sg. der mask. ii-Stämme


Im Gen. Sg. wurde bei den maskulinen ä-Stämmen die Endung /s/ nach dem
Vorbild des entsprechenden Ausgangs bei den o-Stämmen in allen drei aiolischen
Dialekten durch /o/ ersetzt. Dadurch wurde der ursprüngliche , einsilbige Aus-
288 11lKa in Kpir611 vlKa E. 7 8: 13 ist Imperativ (Hinweis von P. Roesch).
289 Eine ausflihrlichere Aufstellung der Belege findet sich bei Morpurgo (1961 : 105f.).
290 l:qcSrra DGE 359 stammt aus Halai in Lokris und kann nicht, wie es gelegentlich
(Szemerenyi 1956: 195 , Schwyzer 1959: 560) geschieht, dem Thessalischen zugerech-
net werden. Kwc!a in Kwc!a Kai Cl>paoijl~6a~ IG 9,2:426a (Pherai, 5 . Jhdt.), der Grab-
inschrift eines Mannes und einer Frau, ist Genitiv.
291 Vgl. die Aufstellung bei Morpurgo (1961 : 156).
292 Sechtel (1921 : 268). Weitere - z.T. unedierte - Belege werden von Maffre ( 1975 : 423)
zitiert.

233
00046245

gang /-a:s/ zu zweisilbigem /-a:o/ umgeformt ; die Umformung muß also zu eimer
Zeit eingetreten sein, in der der Ausgang bei den o-Stämmen noch in allen dr-ei
aiolischen Dialekten einheitlich und zweisilbig war. Man wird daher in der ur -
sprünglichen Form /-osyo/ das Muster der Veränderung sehen müssen 293:
nomos : nomosyo = tarnia: :X
X = tamia:yo
Oie Beleglage für den Ausgang des Gen. Sg. der mask. ä-Stämme ist nur im Les-
bischen einheitlich: /-a:o/ ist regelmäßig zu /-a:/ kontrahiert. 294 lm Thessali-
schen ist gleichfalls Kontraktion eingetreten, während im Boiotischen /-a:o/ in
der Regel erhalten bleibt (zur Kontraktion vgl. § 70).
Folgende Belege liegen aus dem Thessalischen vor:
Ausgang -a:
Pelasgiotis ]vßpiara 295 ZPE 1974: 28 {Atrax, 6. Jhdt.)
Kwea IG 9,2:426a {Pherai, 5. Jhdt.) {cf. § 247 Anm. 290)
AivewacMa IG 9,2:513.12 {Larisa, 3. Jhdt.)
'Ap"'(ea IG 9,2:515.2/3 {Larisa, 2. Jhdt.)
'AA.e~ia Z. 2, 'AA.eoo Z. 2, Tcp.ouviöa Z. 25 IG 9,2:517 (Larisa,
Ende 3. Jhdt.)
'AA.eoo AD 1973/74 Xpov. 571 Z. 4 {Larisa, Ende 3. Jhdt.)
Aap.o{ra McD 330.6 (Larisa, Anf. 2. Jhdt.)
KA.evp.axwa Z. 1, noA.U<Uve(iO]a Z. 4, Aap.€a Z. 6 McD 335
(Larisa, Anf. 2. Jhdt.)
ffi.Haria McD 337.6 (Larisa, 1. H. 2. Jhdt.)
Mvaaia SEG 27:202.3 (Larisa, Ende 3. Jhdt.)
Perrhaibia Xeip.a IG 9,2: 1228.20 (Phalanna, 3. Jhdt.)
'Opeara[. ]a IG 9,2:1236 {Phalanna, 5. Jhdt.)
Lesung und Ergänzung von JI:OPE I:TA.AONE9EKE sind unsicher. 'Opeo-
Ta6a (so die weitgehend akzeptierte Lesung von Lolling) könnte Gen. Sg.
sein; A. Morpurgo-Davies (1968a: 87) hält - da im 5. Jhdt. noch nicht-
kontrahierte Endungen zu erwarten seien - eine Interpretation als asigma-
tischen Nominativ flir möglich, wie er häufig im Boiotischen belegt sei. In
diesem Falle könne der Name eines -yeiJO(O oder einer Phratrie vorliegen. Da-

293 Vgl. Morpurgo-Davies (1968b: 17 mit Anrn. 1); anders Szemerenyi (1956).
294 Vgl z.B. I:11wt)lva IG 12,2:6.36, "Ep11a IG 12,2 :73.4, 'Ep11a-yopa IG 12,2:74.b l5, I:f.#,I-
IJ.Wa IG 12,2 S:l14.8, 'Apxla IG 12,2 :498.4, ' Hpw~a IG 12,2 :526.a37, 'A1ro>..>o.wv~a
IG 12,2: 646.a23, ~awla IKyme 32.2/ 3, 1rpeo{Jewa IG 12,2 S: 143.38, [xopoJoTa'l'a IG
12,2:528.33/34.
295 Die Inschrift ZPE 1974:28 JTBPII:TA. EM1NMAMA weist zwischen A von TBPII:T A
und E von EMI einen senkrechten Strich auf. Die Deutung von TBPII:TA als Gen.Sg.
kann nur aufrechterhalten werden, wenn die Interpretation Peeks (1974: 28) (,,Da der
Dativ neben elp.l in einer Grabschrift schlechterdings unglaubhaft ist, wird die Senkrecht!
zwischen Alpha und Epsilon Trennur~gszeichen sein, obwohl daflir aus Thessalien nur :
und i •.. bekannt zu sein scheinen .... ") zutrifft.

234
00046245

gegen ist einzuwenden, daß Parallelen rur asigmatische Nominative im


Thessalischen bisher nicht nachweisbar sind. Hock (197 1: 214) interpretiert
OPEI: TA~A gleichfalls als Gen. Sg.; es könne aber eher eine Elision von 0
vor ON Ee E K E (wie in nupu:tc5a} vorliegen als eine frühe Kontraktion.
Thessaliotis llvpcaöa IG 9,2:270.1 (Kierion, 5. Jhdt.)
Nach Solrnsen (1903: 601) muß nupu:tc5a in n upu:tc5a(o) ergänzt werden, um
die fti.r einen vollständigen Hexameter erforderliche Silbenzahl zu erhalten.
Mvc:iooa Z. 3/4 , Maxara Z. 4, rew<U.Wa Z . 5 IG 9,2:258 (Kierion,
2. Jhdt.)
J\voaww RA 197 1: 15 Z. 5/6 (Kierion, 1. H. 2. Jhdt.)
Histiaiotis kein Beleg für eine Form des Gen. Sg. der mask. ä·Stämme
Phthiotis EvJ,LetAlöa IG 9,2:234.5 (Pharsalos, 3. Jhdt.)

Ausgang -a.o:
Pelasgiotis 91.(Jpovvihac McD 325.3 (Krannon/ Atrax, 4. Jhdt.}
MeveTTiao McD 3 11.20 (Krannon, 3. Jhdt.)
MapoUeu> IG 9,2 :511 .10 (Larisa, 3. Jhdt.)
J\VKihac Z . 1, (9)epoovvihac Z . 3 SEG 2:264 (unbekannter Ort
der Pelasgiotis, 1. H. 3. Jhdt.)
tovihac, 'AoroKMac GHW 3363 (Skotussa)
Perrhaibia Das Fragment ]oac in )0<19 'A-yeAaeiot IG 9,2: 1229 .5 (Phalanna,
2. Jhdt.} ist als Beleg für den Ausgang des Gen. Sg. der mask. ä·
Stämme nicht verwertbar, weil 0 nicht sicher gelesen ist.
Thessaliotis 'Opeorac IG 9,2:257.11 (Thetonion, 5. Jhdt.)
Magnesia ha.t9 [a ]o McD 72 1 (Demetrias, 5. Jhd t.)
In IG 9,2:5 11.11 ist n etßo>..ao eine Form von ne tßo>..ao~ (cf. netßo>..ao~ IG 9,2:472.9,
n etßo>..ciot IG 9,2: 1228.70), nicht von net ßo>..a~. wie Wackernagel (1916: 161 Anm.) und
Bechtel (1921: 144) vermuten : -M~ ist im Thessalischen - im Gegensatz zum Boiotischen
- nicht belegt. Wahrscheinlich liegt eine Verschreibung (Silbenhaplographie) flir n tttßo·
>..<io<w> (gegen van der Velde 1924: 50 mit der Endung -ow wie in Z. 5 rro>..i~J,ow , Z. 12/
13 Mv( ao4J Jaxeiow, Z. 16 )>..ateww) vor; Hock (1971: 212) zieht eine haplographische
Schreibung fti.r n etßo>..<io<u wegen , im Anlaut des folgenden Wortes in Betracht.

Ausgang -aoc;:
Phthiotis ]viac<; BALxavelov Z . 4, ]KA€acc; 'Aorovoewv Z. 6 IG 9,2:237
(Pharsalos, 3. Jhdt.)
Szemerenyi (1956: 196) und Garcia·Ram6n (1975 : 28) führen NtKla~ als (einzigen) Beleg
fti.r einen Gen. Sg. der mask. ä.Stämme auf /-a:s/ fti.r das Thessalische an. In IG 9,2 :1228
(Phalanna, 3. oder 2. Jhdt.) mit NtKla~ Z. 10 sind jedoch zahlreiche Nominativformen an
Stelle von Genitiv· und Dativformen gesetzt (cf. Schwyzer DGE ad 612, Morpurgo 1961:
99f., Masson 1965: 228). Die Deutung von Nudo.~ als Genitiv und die damit verbundenen
weitreichenden Schlußfolgerungen erscheinen daher höchst zweifelhaft.

235
00046245

In der Pelasgiotis wird auf den ältesten Inschriften aus dem 6. und 5. Jhdt.
(durch )ußp{ara - falls nicht )ußp{arat zu lesen ist - und Kwea - falls die
Inschrift tatsächlich thessalisch ist, cf. § 26 - ) der Ausgang /-a:/ belegt. Im 4 .
und 3. Jhdt. bestehen die Ausgänge / -a:o/ und / -a:/ nebeneinander, wobei ein
leichtes Obergewicht flir /-a:o/ zu verzeichnen ist. Seit dem 2. Jhdt. ist nur
noch der Ausgang /-a: / nachweisbar.
Die Verteilung von / -a:o/ und /-a:/ stimmt mit der Verteilung von /-oyyo/ und
/-oy/, den Varianten des Ausgangs des Gen. Sg. der o -Stämme, überein: der
Ausgang /-a:o/ kommt nur auf Inschriften vor, die auch /-oyyo/ haben, und um-
gekehrt tritt /-a:/ in Inschriften auf, die /-oy/ haben . Da, wie Lejeune gezeigt
hat (§ 252), die Verwendung des Ausgangs /-oyyo/ an Stelle von /-oy/ ein
Merkmal des gehobenen Stils ist , bleibt fUr das Verhältnis von /-a:o/ zu /-a:/
nur eine Erklärung: der nach dem Muster von /-osyo/ neugebildete Ausgang
/-a:yo/ ~ /-a:o/ ist im Thessalischen bereits vor Beginn der Oberlieferung zu
/-a:/ kontrahiert worden. In der Pelasgiotis ist in der Zeit, in der in einer be-
stimmten Sprachebene an Stelle des apokopierten Ausgangs /-oy/ der ältere
Ausgang /-oyyo/ weiterverwendet wird ( 4 .- 3. Jhdt .), auch eine Recharakteri-
sierung des Ausgangs /-a: / zu /-a:o/ zu beobachten. Als Stütze für diese Analyse
kann angeftihrt werden, (I) daß auch im älteren - literarischen - Lesbischen
die Kontraktion /-a:o/ ~ /-a:/ bereits vollzogen ist, {2) daß auch in Pharsalos
eine Neubildung des Ausgangs /-a:/ zu verzeichnen ist (s.u.), (3) daß auch im
Gen. PI. der ä-Stämme Kontraktion eingetreten ist.
Diesem Erklärungsversuch könnte eine alternative Lösung gegenübergestellt
werden : der Ausgang /-a :o/ ist bis in historische Zeit erhalten geblieben. Die
Wechselbeziehung zwischen den Ausgängen des Gen . Sg. der ä- und o-Stämme
ist lebendig geblieben und hat die Anwendung der Kontraktionsregel /-a:o/ ~
/-a: / bis zum 3. Jhdt. dann verhindert , wenn auch die Apokope von /-o/ in
/-oyyo/ nicht durchgeführt war. Diese Hypothese ist aber mit den ältesten Be-
legen auf /-a:/ schwer in Einklang zu bringen. Man müßte sich auf das argumen-
rum ex si/entio zurückziehen, daß neben /-a: / auch / -a:o/ existierte, eben nur
nicht belegt sei. Auch ßupc.aOa liefert keinen stichhaltigen Beweis: im 5. Jhdt.
ist die Apokope in /-oyyo/ bereits vollzogen; die Möglichkeit der optionalen
Recharakterisierung von /-a:/, wie sie von Solmsen gefordert wird, war also be-
reits gegeben. Weiterhin wird durch die Hypothese der Erhaltung vo n /-a:o/ im-
pliziert, daß die formale Parallelitä t zwischen dem Ausgang des Gen. Sg. der ä-
und dem der o-Stämme bis in historische Zeit erhalten bl.ieb ; wie aber das My-
kenische mit den Ausgängen -a-o und -o-jo zeigt, war diese Parallelität bereits
in früher Zeit durchbrachen.
Wenn man die These einer frühen Kontraktion von /-a:o/ im (Ost)Thessalischen
akzeptiert, muß man einräumen, daß 'Opeardöa in der Perrhaibia ohne Schwie-
rigkeiten als Gen. Sg. interpretiert werden kann, aber Formen auf -ao aus Gebie-
ten , in denen der Ausgang /-oyyo/ nicht vertreten war und damH kein Muster
236
00046245

fur die Neubildung von /-a:o/ bot , nicht authentisch sind. Diese Deutung wird
auch durch unabhängige Argumente nahegelegt: 'Opeorao ist mit den bekannten
Problemen der Interpretation der Sotairos-lnschrift belastet und möglicherweise
keine authentische Form des (thessalischen) Dialekts der Thessaliotis ; h~[aJo
kann Element einer poetischen Sprache sein.
ln Pharsalos ist der kontrahierte Ausgang / -a: / vertreten ; daneben ist auch ein
Ausgang /-a:os/ belegt, der aus /-a :/ und /-os/ , der Genitivendung der nicht-voka-
lischen Stämme, neugebildet ist. Für eine Wechselbeziehung zwischen den Gen.
Sg.-Formen der ä- und o-Stämme war in Pharsalos, wo der entsprechende Aus-
gang der o-Stämme / -o: / lautete , die Grundlage nicht gegeben.
lm Boiotischen ist keine Kontraktion eingetreten. Neben dem regulären und
häufig belegten Ausgang / -a:o/ (z.B. in "fPOILSlanorä.o E.76: 13.7, 'APXE'Aail>ao
IG 7 :290.2/3, 'Ap.ovviao IG 7 :504.2, NU<iao IG 7:518.1) sind vereinzelte For-
men auf -a nachweisbar: ~I.J.loviOa Ptoion 1943 Nr. 1 (Ende 6 . Jhdt.), fitoia
IG 7 :2420 (Thebai, 3. Jhdt.) Z. 32, Evpea Z. 34 (neben ~Qil{ao, 'Aili{Jiao etc.),
~wK'AEil>a IG 7:2787.4 (Kopai, 3. Jhdt .), Qu'Aoaria DGE 440,13A (Tanagra,
6. Jhdt.).

§ 249. Gen. PI. der ä-Stämme

lm Lesbischen und Thessalischen wird / -a:o:n/ zu / -a:n/ kontrahie-rt, im Lesbi-


schen unter Zurückziehung des Akzents : /poli:tci:o:n/ -+ [poli: ta :n] 296• Lesb.
llOtoawv Sa S 261A fr. 2il0 (cf. Gronewald 1974) und - wahrscheinlich - Sa
187 ist Gen . PI. zu lloi.oaoc; (aus llOloawc;) , nicht zu llOioa.
Im ThessaJischen wird der kontrahierte Ausgang /-a:n/ belegt durch
räv Kowäv 7Tol?Oöou[v] IG 9,2 :460.9 (Krannon, 2. Jhdt.)
Täv Kowäv 1T01?6öovv IG 9,2 :5 17.46 (Larisa, Ende 3. Jhdt .)
Toüv 1TOAträv McD 337.36 (Larisa, 1. H. 2. Jhdt.)
Toüv 1TOAträv IG 9,2 : 1229.7,24/25,46 (Phalanna, 2. Jhdt .)
z.
Täv Kowäv 1Tol?OöouJi ibid . 41
ötKäv SEG 27: 226 .6 (Pelasgiotis, 2 . H. 2 . Jhdt.)
Mar p01TOAtTW ibid. Z. 5
Mov[ö)ataräv DGE 617 ,1.2 (Mondaia?, 3. Jhdt.)
<l>a'Aawatäv IG 9,2:1228.17 (Phalanna, 3. Jhdt.),
Ma'A'AotaTäv Helly 1979b Z. 13 (01osson , l. H. 4 . Jhdt.)
Daneben tritt - offensichtlich nur in Krannon - der Ausgang /-a:o: n/ auf
T[äv) Kow<iovv 1Tol?Oöouv IG 9,2 :46l.al3 (2. Jhdt .)
) 1TOAtTMUIJ ibid . Z. b 17
TW I(JOp<iouv McD 311.5 (2 . H. 3 . Jhdt.),
296 Diese Akzentuierung ist durch die Papyrusüberlieferung literarischer Texte gesichert:
JJ.eplJJvav Sa 23.8, noAuiTa v Alk 39.a6 (cf. West 1970: 195 gegen Hamm 1957: 43).

237
00046245

der - wie Gen. Sg. /-a:o/ neben /-a:/ - als Neubildung aus dem Stammauslaut
und dem Ausgang /-o:n/ der o-Stämme interpretiert werden kann.
I;ou!6a.ou11 IG 9,2:580. 1 (Larisa, 4. Jhdt.) ist nicht sicher überüefe.r t (9TI~AOTN Kern IG ,
I;OTI~AOTN Lolling, E9TI ~AO TN oder -~~OTN oder -~AOTN Dürrbach, cf. Hoff-
mann 1893:29) und bleibt hier außer Betracht. Auf einem in Peiraieus gefundenen Pro-
xeniedekretder fiET"a>-o l aus dem 4. Jhdt. ist bezeugt I;opo,KIÖ<iwll (K)ai KwnAIÖciwll
McD 1177.5/ 6, aber die Schreibung w statt ou weckt Zweifel, ob diese Formen als authen-
tisch für das Thessalische (der Pelasgiotis) gewertet werden können.

In den Formen auf -oÜII (rrpo~EIIIIWÜII IG 9,2:258.6, ro#J.4()tTOÜII zu Nom. Sg.


roJ.LcP{ra<; auf Münzen des 3. Jhdt.s aus Gomphoi und Baaaiöou11 BCH 1970:
16lff. z. 2 zu Nom. PI. Baoai&u} ist nicht eine Kontraktion /a:o:/-+ /o: / zu
verzeichnen, sondern eine Substitution des in der Koine üblichen Ausgangs -w11
durch thess. -oü11 (Buck 1909, 1968: 39}; diese Formen bleiben für die Betrach-
tung des thessalischen Dialekts außer Betracht.
lm Boiotischen bleibt /-a:o:n/ beim Nomen und in Formen des Artikels in de-
monstrativer Funktion (§ 275} unkontrahiert: MuXXtxtcSdöll IG 7:547 (5. Jhdt.).

11.2.2 o-Stämme

§ 250. Im Dat. PI. sind zwei Stammausgänge, /-o-/ und /-oy-/, vertreten (§ 254}.
lm Nom./Akk. PI. Ntr. wird der stammauslautende Vokal durch die Endung er-
setzt.
Nom. Sg. /nomo+s/ -+ [ nomos]
lesb. öäJ,Jo<: IG 12,2:6.44
thess. IIOJJO<: IG 9,2:1226.1
boiot. öä.p.o<: SEG 25:540.1
Der Ausgang -e<: im Thessalischen der Histia.iotis ist in § 51 be-
handelt.
Gen. Sg. /nomo+syo/ -+ /nomosyo/
-+ lesb. / nomoyyo/ -+ / nomo:yo/ -+ [nomo:]
h [nomoyyo] -+ [nomoy] (Pelasgiotis, Perrha.ibia)
-+ t ess. /nomo:yo/ -+ [nomo:] {Hist., Thess., Phthiotis}
-+ boiot./nomo:yo/-+ [nomo:)
Zur Herleitung und Verteilung der Ausgänge vgl. §§ 251 - 252.
lesb. MJ,Jw IG 12,2 S: 121.18
thess. rroXeJ,Jow IG 9,2:511.5, XPOIIOL IG 9,2:512.18, "eoi
IG 9,2: 1229.14 (Pelasgiotis, Perrha.ibia)
AuKov IG 9,2:234.5, neöötaiou BCH 1970: 161ff. Z. 15,
EV<wöpeiov IG 9,2:258.4 (Phthiotis, Hist., Thess.}
boiot. öaJ,Jw IG 7:3 172.7
238
00046245

Datt. Sg. /nomo+:i/-+ [nomo:y]-+ lesb. thess. [nomo:], boiot. [nomoy]


~ boiot. [nomü:]-+ [nomi:] (§ 76)
Zur Herleitung und Verteilung der Ausgänge vgl. § 253.
lesb. öc4J,wt IG 12,2:4.8, öc4J,w IG 12,2:5.24 (beide 4. Jhdt.)
thess. [~]~ciröt IG 9,2 :1209.1/2, 1TOAEJlOV IG 9 ,2: 513.4/5
(Larisa), €Kaarov IG 9,2:234 .4 (Pha.rsalos), 1re~ü
HeUy i.V. Z. 7 (Histiaiotis)
boiot. öc4J,ot IG 7:505.3, öc4J,v IG 7: 504.2, ä'AA.et IG 7:3080.3

Aklk. Sg. /nomo+n/ -+ [nomon]


lesb. öäpov IG 12,2:4.5
thess. OO,p.ov IG 9,2: 504.12
boiot. öäJJov SEG 25:556 .3
Der Ausgang -ev im Thessalischen der Histiaio tis ist in § 51 be-
handelt.

Norm. PI. /nomo+i/-+ lesb. thess. boiot. [nomoy]-+ boiot. [nomü:]-+


[nomi:] (§ 76)
lesb. öt~<aaKO'TTot IG 12,2:6 .1 2
thess. ra-yoi IG 9,2: 1229.37, SEG 27:183.2, A.i~ot McD 347.40
boiot. oßo'Aoi IG 7:2420.9, 6ßoM DGE 462.b52, fvapxet IG
7:308 1.6

Gen .. PI. / nomo+o:n/ -+ [nomo: n]


lesb. ~ewv IG 12,2:498.2
thess. faaoröv IG 9,2 :1226.3, VOJJOW McD 337.27
boiot. oßo'Awv SEG 3:359.10

Dat. Pl . /nomoy+si/-+ lesb. [nomoysi] (zum Ausgang [-oys] vgl. § 254)


/nomo+ :is/ -+ thess. boiot. /nomo :ys/-+ [nomoys] -+ boiot.
[nomü:s] -+ [nomi:s] (§ 76)
lesb. €Ky6vowt IG 12,2:5.25
thess. ra-yoic; McD 326.8, €o-y6110t<; IG 9,2: 504.14
boiot. JJeoic; IG 7:2471, JJeik BCH 1926: 396 Nr. 16.14, aureic;
IG 7:33 15.5
Im Lesbischen kann -<>tat seit dem 4. Jhdt. um -v erweitert werden.
Der Ausgang -€t<; im Thessalischen der Histiaiotis. ist in § 51 be-
handelt.

Akk. PI. /nomo+ns/-+ lesb. thess. boiot. /nomons/-+ lesb. [nomoys], thess.
[nomos], boiot . [nomo :s] (§ 117ff.)
lesb. ÖtKaaK01Totc; IG 12,2:6. 14
thess. ra-yo<; IG 9,2:5 17.3, 1TOA€JJO<: McD 3 10.11
boiot. JJewc; BCH 1901: 3 59ff. z. 9

239
00046245

Nom. Dual. / nomo+ :/ __. boiot. [nomo:]


boiot. 9€ßa.iö DGE 443 .4 (Fundort Delphoi, 5. Jhdt.), fa-ycivw
SEG 24:361.19 (Khorsiai, 4 . Jhdt.)
Dat. Dual. /nomo+in/ __. boiot. [ nomoyn)
boiot. AwaKopow IG 7: 1792 {Thespiai , arch. Alph .)

§ 251. Herleitung des Ausgangs des Gen. Sg.


Im Ausgang des Genitivs Singular der o-Stämme lautet die den aiolischen Dia-
lekten gemeinsam zugrundeliegende Form /-osyo/ , die im Rahmen der Entwick-
lung von / s/ vor Gleitlauten (§ 140f.) zu / -ohyo/ und durch Gleitlautassimila-
tion (§ 90, 92) zu / -oyyo/ wird. ln §§ 111 , 113 wurde gezeigt, daß im Thessa-
lischen (der Pelasgiotis und Perrhaibia) und wahrscheinlich auch in dem Vor-
läufer des späteren Lesbischen keine kontextabhängige Depalatalisierung (Ent-
stehung von i-Diphthongen in der Umgebung von /a/ und /o/) wie in den übri-
gen griechischen Dialekten des ersten Jahrtausends eingetreten ist. Nur so ist zu
erklären, daß im Thessalischen und Lesbischen auch nach /o/ eine palatale
Geminata erhalten bleibt, im Boiotischen jedoch /-o: yo/ entsteht. Im Thessa-
lischen wird [-oyyo) = -ow bis in historische Zeit fortgesetzt; im Lesbischen er-
gibt sich durch die - fl.ir das Lesbische spezifische - Diphthongreduktion (/oy/
vor / y/ -+ /o:/, §§ 80, 83) zunächst / -o:yo/, das sich wie das auf anderem Wege
entstandene boiot . /-o:yo/ durch Gleitlautschwund (__. /-o:o/) und Kontraktion
zu [-o:) entwickelt.

Schematisch läßt sich somit die Entwicklung von / -osyo/ in den aiolischen Dia-
lekten wie folgt darstellen:

aiol. tosyo

aiol. tolyo

lesb. thess. toyyo boiot. to:yo


I
thess. toyyo/ toy lesb. to:yo
I
thess. toy
I
lesb . boiot. to:

Diese Lösung ist in Teilbereichen bereits von K.iparsky (1967) vorgetragen worden, steHt
aber insofern einen Fortschritt dar, als sie erstmals die Beschränkung der Assimilation von
/-ohyo/ zu /-oyyo/ auf das Thessalische und Lesbische begründet und die Entstehung von
/-o :/ im Lesbischen als eigenständige lautgesetzliche Entwicklung (und nicht als Entleh-
nung aus dem Ionischen) erklärt. Damit enthebt sie auch der Notwendigk eit, sämtliche
Genitive auf -oco in der lesbischen Lyrik als Entlehnungen aus Homer zu interpretieren
und erö ffnet die Möglichkeit, sie als Reliktformen aus einer älteren Stufe des Lesbischen

240
00046245

oder als Elemente einer aiolischen, von Homer unabhängigen literarischen TradiHon aufzu-
fa.ssen. Gegenüber anderen Lösungen hat die hier vorgeschlagene den Vorzug, daß sie nicht
- wie etwa die von Rix (1976: 138f.) - mit zwei verschiedenen zugrundeliegenden Endun·
gen (jsyo/ und / so/ ) innerhalb des Griechischen rechnen muß (was auch deshalb wenig über-
zeugend ist, weil in keiner indogermanischen Sprache beide Endungen, / syo/ und /so/, ne-
beneinander vertreten sind) oder - wie etwa die von Schwyzer (1959: 555) oder Chan·
traine (1967: 39) - in der Entwicklung einer einzigen Grundform eine Spaltung (j-osyo/-+
/-oyyo/ und /-oyo/) annehmen muß, ohne in der Lage zu sein, die Bedingungen f\ir die
Spaltung zu spezifiZieren. Ein weiteres Argument f\ir die Annahme einer den aiolischen
Dialekten gemeinsamen Endung kann darin gesehen werden, daß die Ersetzung des Aus·
gangs /-a:s/ im Genitiv Singular der maskulinen ä.Stämme durch /·a:o/ nach dem Vorbild
des entsprechenden Ausgangs der o.Stämme die Gemeinsamkeit und übereinstimmende
Struktur eben dieses Vorbilds voraussetzt.
Gegen eine solche Analyse, die mit der von Kiparsky ( 1967) aufgestellten Gleit·
Iautassimilations-Regel arbeitet , hat Ruip~rez mehrmals ( 1972: 1S2ff., 1979, vgl.
auch Garcia-Ram6n 1975: 70, 100) Einwände erhoben. Lm Mykenischen sei der
Ausgang -o-jo des thematischen Genitivs Singular durch mehr als hundert Belege
in Appellativen, Eigennamen , Adjektiven und Partizipien vertreten; bei Prono-
mina jedoch sei die Möglichkeit nicht auszuschließen, daß neben -o-jo auch -o-o
als Genitivausgang interpretiert werden könne. Ein ähnlicher Ausgang fmde sich
bei Homer und im Ostthessalischen in der Form -ow und sei auf idg. *-osyo zu-
rückzuflihren . Parallel zu der Entwicklung einer grundsprachlichen Folge von
/s/ und einem anderen Sonanten sei auch für die Fortsetzung von /sy/ eine Ge-
minata, /yy/ , in einem prähistorischen Stadium des gesamten Griechischen zu
erwarten. Damit erhebe sich die Frage, wie die Schreibung -o-jo im Mykenischen
lautlich zu interpretieren sei. Unter den prinzipiellen Möglichkeiten /-oyo/,
1-oyyo/ und /-ohyo/ scheide / -ohyo/ aus graphischen Gründen aus, so daß nur
noch zwischen /-oyo/ und /-oyyo/ eine Entscheidung zu treffen sei' In diesem
Zusammenhang sei hervorzuheben, daß als Resultat der Entwicklung von */sy/,
im Gegensatz zu dem der Entwicklung der Folge von / s/ und einem anderen
Sonanten, keine Ersatzdehnung auftritt. Die Erklärung für diese Divergenz liege
in der relativen Chronol~gie: in /yy/ aus /sy/ zwischen Vokalen sei das zweite
y durch die bereits in mykenischer Zeit abgeschlossene Tilgung von /y/ zwischen
Vokalen geschwunden (während andere Geminaten aus /s/ + Sonant noch erhal·
ten waren), / -oyyo/ somit in mykenischer Zeit zu / -oy-o/ geworden. Die Schrei-
bung -o-jo könne daher entweder als historische Schreibung flir /-oyyo/ oder als
lautgerechte Schreibung flir /-oy-o/ interpretiert werden. Neben dem Ausgang
1-oy-o/ habe ein Ausgang / -oyo/ (mit der Silbengrenze /-o-yo/) existiert, der pace
Lopez Eire durch eine vor allem in unbetonten Wörtern zu beobachtende Verein-
fachung von geminierten Sonanten in bestimmten Pronomina einschließlich dem
Artikel aus / -oyyo/ entstanden sei und durch die Tilgung von /y/ zwischen Voka-
len in /-oo/ überfUhrt worden sei. Eine Scheidung in eine nominale Flexion
U-oyo/) und eine pronominale Flexion (1-oo/ ) sei, wie statistische Untersuchun-
gen zeigten, noch deutlich ausgeprägt in dem homerischen Korpus und , wie es
eine Inschrift des S. Jhdt .s aus Pherai (McD 204) mit Kevo neben tro"Aep.ow be-
16 Blümel, Oie aiotischen Dialekte 241
00046245

lege, im Ostthessalischen, während alle übrigen griechischen Dialekte des 1. Jahr-


tausends die pronominale Flexion generalisiert hätten. Das Mykenische schließ-
lich könne, wenn sich die unsicheren Formen auf -o-o tatsächlich als Pronomina
erweisen sollten, gleichfalls zu dem ursprünglichen Typus mit nominaler und
pronominaler Flexion gehören.
Dieser Erklärungsversuch wird, insbesondere im Hinblick auf seine Implikationen
für das (Ost)Thessalische , durch folgende Argumente entscheidend geschwächt :
(1) In /-oyyo/ befindet sich das zweite /y/ in einer Position nicht zwischen zwei
Vokalen, sondern zwischen einem Gleitlaut und einem Vokal. Die Regel für die
Tilgung von intervokalischem /yI ist daher nicht anwendbar.
(2) Als Beispiele für das Fehlen von Ersatzdehnung in der Entwicklung von */sy,
führt Ruip~rez Formen wie vaiw (nicht *väw) < *vaayw, a.WoW<; (nicht aH>~
JJU"ia etc. an. Insbesondere Ableitungen von s-Stämmen zeichnen sich aber durch
einen Wechsel zwischen i-Diphthong und einfachem Vokal (vaiw/vaw, re'Aeiw/
re'Aew, Kepaiw/Kepaw, JJUia/J.lixl) und zwischen i-Diphthong + i und i·Diphthong
('ye'Aou:o<:/'ye'Ao'io<;) aus, den u .a. Chaotraine (1958: 165ff.) mit den Suffixvarian-
ten /·iyo-/-yo-/ in Zusammenhang bringt. Es wäre zu untersuchen, ob nicht der
Wechsel 1-Vy-/-V-/-Vyi·/ in der präsuffLXalen Silbe Grundformen mit verschiede·
nen Sufflxen (/y/i/iy/) fortsetzt.
(3) Pronomina sind nicht unbetont (der Artikel war in archaischer Zeit noch
nicht ausgeprägt); die Annahme einer Sonderentwicklung /-oyyo/ -+ /·oyo/ ist
daher nicht gerechtfertigt.
(4) Im Thessalischen der Pelasgiotis ist der Pronominalausgang / -o:/ singulär.
Ruiperez versucht zwar, roi (aus roio) in roi öc4J.ow dadurch zu rechtfertigen,
daß der Artikel als proklitisches Wort die Endung des Nomens angenommen ha·
be, aber andere Wörter der Pronominalklasse haben nicht, wie Ruip ~rez behaup-
tet, ihre alte Flexion auf /-o: / bewahrt, sondern zeigen gleichfalls /·oy/ :
ecwroi IG 9,2: 46l.b1 2 (K.rannon)
euroi IG 9,2:504.4 (Larisa)
roiveoc: IG 9,2:5 17. 15 (Larisa)
Schließlich kann auch bezweifelt werden, ob die Inschrift McD 204 repräsenta·
tiv für den (ost)thessalischen Dialekt ist. Keivoc: ist sonst nicht belegt, in Proxe·
nieformein steht nicht xcwrot Kat ro(l.}c; Kevo, sondern Kai a.Vroü Kai €o-yOJIO(.C:,
nicht htp€vac:, sondern ipavac: (vgl. IG 9,2:511, McD 3 11 ; § 100).

§ 252. Verteilung der Ausgänge j-oyyof und f-o:f im Thessalischen

Die Ausgänge /·oyyo/ und / -o:/ im Thessalischen zeigen folgende geographische


Verteilung und chronologische Entwicklung (cf. Lejeune 1941 : 176ff.):
ln der Pelasgiotis und der Pe rrhaibia lautet der Ausgang /·oyyo/ . Diese Form ist
zwischen dem 6. Jhdt. (MJJOW McD 326.1) und dem 3. Jhdt. in verschiedenen
242
00046245

Städten der Pelasgiotis 297 und einmal auch in der Perrhaibia 298 bezeugt. Dane-
ben steht der Ausgang /-oy/, der schon im 5. Jhdt. (<l>t.Aop.porot DGE 607
Argura) und in den folgenden drei Jahrhunderten auch in der Perrhaibia
durch zahlreiche Belege nachweisbar ist. Der Ausgang /-oy/ ist aus /-oyyo/ ver-
kürzt. Diese Entwicklung ist zuerst beim Artikel eingetreten, wie sich aus {Je{}.
J)iK roi M.~ow McD 326.1 (6. Jhdt.) ablesen läßt, und über das Adjektiv (<I>IA-
a:ypow Meveoraiot IG 9,2 :1036.3, Gyrton Anf. 3. Jhdt.) bis zum Nomen
fortgeschritten. Noch etwa zwei Jahrhunderte bestanden die Ausgänge /-oyyo/
und / -oy/ nebeneinander, wobei jedoch /-oyyo/ nur in der gehobenen Sprache
erhalten blieb und im 3. Jhdt. völlig aufgegeben wurde.
ln den übrigen Gebieten Thessaliens lautet der Ausgang seit der Zeit der frü-
hesten Belege /-o:/
Thessaliotis <l>tAoviKö IG 9,2:257.1 (5. Jhdt.)
Histiaiotis ne&Sta.iou BCH 1970: 161ff. Z. 15 (2. H. 3. Jhdt.)
Tetras Phthlotis !:öo[civ]opö 'Aoav5pö IG 9,2:241.2/3 (4. Jhdt.)
Magnesia MtAtxiou SEG 27:197 (3. Jhdt.)
lm 4. Jhdt. wird [o:] durch die Vokalhebung (§ 44) zu [q:] = ou (9avAiou DGE
566,3 Pharsalos, Ende 4. Jhdt.).
Durch ' IXqtivö McD 318 (Fundort Krannon, 2. H. 5 . Jhdt.) und 'A'/)<Jovirw Mav1xiw IG
9,2:405 (Fundort Skotussa, 4. Jhdt.) wird die oben skizzierte Verteilung nicht in Frage ge--
stellt. Für die Ilxinos-Stele ist die Herkunft nicht gesichert; nach Biesantz (1965: 146) ge-
hört sie einer krannonisch-ostthessalischen Gruppe an, die durch Reliefs aus Krannon und
aus Peirasia am Ostrand der Thessaliotis gebildet wird. Die Grabinschrift IG 9 ,2:405 wird
von Lejeune - auch mit graphischen Argumenten - Pharsalos zugeschrieben (§ 26) .

§ 253. Der Ausgang des Dat. Sg.

Im Lesbischen wird /-o:y/ nach der Gleitlauttilgungsregel (§ 99) zu 1-o:/ ge-


kürzt. Diese Entwicklung ist erstmals im 5. Jhdt. und zwar zuerst beim Artikel
(rö Nuw:z.iöt DGE 638) nachweisbar und ist im 4. Jhdt. abgeschlossen ; spätere
Schreibungen mit -wt entsprechen nicht mehr der aktuellen Sprachforrn.
lm Thessalischen ist folgende Entwicklung zu beobachten (vgl. Lejeune 1941 :
191ff.):

297 Lejeunes Aufstellung der Inschriften, die einen Genitiv auf -ow aufweisen OG 9,2 :458,
459, 511, 1036, McD 238, 325) ist nunmehr wie folgt zu erweitern: McD 204 JroXtJUJw
(Pherai, 5. Jhdt., neben dialektfremden Merkmalen in teiv6, XCWTÖt, tuplvat), McD 213
rroXEIJ.OW (Pherai, 4. Jhdt.), McD 244 Jooow , EU6uctlow, ' AIJ'Pialow (Pherai), McD 311
;oAtiJ.OW etc. (Krannon, 3. Jhdt.), SEG 2:264 )o1rr1rtlow (3. Jhdt.), SEG 25 :664 'AXetciv-
6pow (Pherai, Ende 3. Jhdt.), AD 1960 Xpov. 182 roi npoupvlow (Krannon), GHW 3363
::.evoopb.vrow etc. (Skotussa), unsicher in McD 347 .3 )1010 (Larisa, Anf. 2. Jhdt., neben
·"' in t:J.e'Npo.lo, Z. 13, l1rffapxt.o.. Z. 26 etc.).
298 l!ielow McD 588.2 (Gonnoi, 1. H. 3. Jhdt.).

243
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Auf archaischen Inschriften im einheimischen Alphabet entspricht die Schrei-


bung -01 dem Ausgang /-o:y/ : [X]cißßöt SEG 25:667, [~]~a:röt IG 9,2:1209.
1/2 299; A~[op)öt IG 9,2: 1240.2/3, eh DGE 607a, [<Wr)öt McD 205.5.
Durch die im 5. Jhdt. einsetzende Gleitlauttilgung (§ 99) wird /-o:y/ zu /-o:/
(ßwvuaö Kaprriö McD 355 ~ gekürzt. Diese Entwicklung ist am Ende des
4. Jhdt.s abgeschlossen; nach dem Eintreten der Vokalhebung (§ 44) wird
[9:] im ionischen Alphabet mit ou bezeichnet. Damit fallt die Dativendung in
der Thessaliotis und der Histiaiotis mit der Genitivendung zusammen (in der
Pelasgiotis und der Perrhaibia lautet der Genitivausgang /-oyyo/·oy/).
Seit dem Ende des 3. Jhdt.s dringt der aitolische Ausgang /-oy/ im Südwesten
der Thessaliotis (Kierion) 301 ein (Ktapiat IG 9,2:258.2) und schafft eine neue
Differenzierung zum Genitiv auf /-o: / in diesem Gebiet. Ln Pharsalos und in
der Histiaiotis bleibt die Identität der Ausgänge flir Gen . Sg. und Dat. Sg. be-
stehen.
Die Dative auf -01 aus Thetonion ('I;OTatpot rot Koptv~Wt IG 9,2:257.2/3) las-
sen eine zweifache Deutung zu: entweder man interpretiert -01 als /-o:y/ und
postuliert damit eine einheitliche Endung flir das gesamte Thessalisch oder man
sieht in -01 einen Vorläufer des seit dem 3. Jhdt. in der Thessaliotis auftreten-
den Ausgangs /-oy/ und damit ein weiteres Indiz flir die auch in anderen Punk-
ten zu beobachtende mangelnde Einheitlichkeit des Thessalischen schon in frü-
her Zeit.
Im Boiotischen wird der Ausgang des Dativs Singular im einheimischen Alpha-
bet - in dem Quantitäten nicht unterschieden werden - ·01 (Km)A.ot IG 7:579,
rrA.aruroxaot SEG 22: 404, hta1J€viot IG 7:2455), im ionischen Alphabet - das zu
Beginn des 4. Jhdt.s eingeflihrt wurde - und in der literarischen Überlieferung
-ot geschrieben. Man hat diesen Sachverhalt lange Zeit übereinstimmend so inter-
pretiert, daß das Boiotische einen zugrundeliegenden Ausgang /-oy/ habe und sich
darin vom thessalischen und lesbischen I·O:y I unterscheide?02 Es lassen sich je·
doch einige Belege anführen , die zeigen, daß auch im Boiotischen ursprünglich
ein Ausgang /-o:y/ anzusetzen ist (vgl. Latte 1956: 61 Anm. 1, Knoepfler
1974):
cWTWt IG 7:2408.11 (Thebai, 4. Jhdt.) (neben a&ro'i Z. 5, ro'i Z. 1)
ßtwvuawt BCH 1974: 175ff. Z. 4 (Orkhomenos, 4./3. Jhdt.)
h€paiwt SEG 24:36 1.4 (Khorsiai, 4. Jhdt.)

299 Zur Lesung vgl. Jeffery (1961 : 97).


300 Mögliche.rweise ist auch in Moxa[l)61G 9,2 :1027a (Pelasgiotis, 5. J hdt.) ein früher
Beleg flir die Gleitlauttilgung zu sehen; für -1, das die Herausgeber übereinstimmend er-
gänzen, wäre auf dem Stein noch Platz gewesen.
301 HeUy (1970a: 257 ) glaubt auch in dem ohne eindeutigen Kontext überlieferten ionanot
McD 347.2 (Larisa, Anf. 2. Jhdt.) einen Dativ auf /-oy/ sehen zu kö nnen.
302 a.Lejeune (1933b), Schwyzer (1959: 556), Thumb-Scherer (1959: 35), Chantnine
(1967 : 39), Garcia-Ram6n (1975 : 73), Rix (1976: 139).

244
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Kapa[i]wt SEG 25:556.8 (Haliartos, 3. Jhdt.) (neben a.Vrü Z. 2)


7TOAEJ.l.Wt SEG 25:553. 10 (Onkhestos, 4. Jhdt.) (neben Katvoi Z. 2)
Tp(E]cpwviwt IG 7:3055.13 (Lebadeia, 4. Jhdt.)
Oie Belege für Appellativa auf -wt stammen aus der Zeit des Obergangs vom ein-
heimischen zum ionischen Alphabet; in Götternamen oder Beinamen von Göttern
ist -wt im Rahmen eines flir das Boiotische typischen Konservativismus in religiö-
sen Dingen vereinzelt auch noch in späterer Zeit anzutreffen.
Im Gegensatz zum Lesbischen und Thessalischen wird in boiot. /o:y/ nicht der
auslautende Gleitlaut getilgt, sondern der lange Vokal gekünt (§ 62). In der
weiteren Entwicklung wird /oy/ zu /ü:/ monophthongiert (§ 76); seit dem 3 .
Jhdt. ist in Lebadeia und Khaironeia auch / i:/ (geschrieben Et) aus /ü:/ nach-
weisbar.

§ 254. Der Ausgang des Dar. PI.

Im Dativ Plural der o-Stämme sind in der zugrundeliegenden Repräsentation zwei


Stammausgänge vorauszusetzen, /-o-/ und /-oy-/ . Nach Antritt der Endungen
/: is/ und /si/ ergeben sich die Flexionsausgänge /-o:ys/ und /-oysi/, deren Muster
analogisch auf die ä-Stämme übertragen wird :
Nom. PI. /-oy/ : Dat. PI. /-oysi/ = Nom. PI. /-ay/ : Dat. PI. x, x = /-aysi/
Nom. PI. /-oy/: Dat. PI. /-o:ys/ = Nom. PI. /-ay/ : Dat. PI. x, x = /-a:ys/
Oie Ausgänge /-o:ys/ und /-a:ys/ werden nach § 60 zu /-oys/ und /-ays/ ge-
kürzt.
In einigen griechischen Dialekten ist im Dat . PI. der ä.Stämme ein (auf den idg. Lokativ
zurückgehender) Ausgang /-a:si/ vertreten. Manche Forscher ziehen es vor, als Vo rläufer des
historisch bezeugte n Ausgangs -<uot eine aus /-a:si/ nach dem Vorbild von /-oysi/ gebilde te
Form /-a:ysi/ anzusetzen und neh men - wie etwa Schwyzer (1959: 559) und R ix (1976 :
134) - hinsichtlich der Quantitä t von a in lesb. -auH eine unentschiedene Position ein.
Wenn aber a lang gewesen wäre, hätte entweder eine Künung nach § 60 (Osthoffs Gesetz)
eintre ten müssen oder, falls der mutmaßüche Ausgang /-a:ysi/ entstand, als die Künungsre-
gel njch t mehr wirksam war, eine Tilgung von IYI (wie in 3. PI. Konj. (-o :ysi) -+ (-o :si) § 99)
eintreten müssen, Es ist aber o hnehin einfacher, in Bezug auf das Aiolische von eine m ana-
logisch gebildeten Ausgang /-aysi/ mit kurzem a auszugehen.

Das Nebeneinander von kurzen (1-oys/, /-ays/) und langen (1-oysi/, / -aysi/) Aus-
gängen und ihre Verteilung in den aiolischen Dialekten soll im folgenden näher
untersucht werden.
Der Dativ Plural der o- und ä-Stämme hat auf den Inschriften seit Beginn der
Oberlieferung im Boiotischen und Thessalischen die Ausgänge / -oys/, /-ays/
(boiot. Kopatc: SEG 22:404, Thespiai 5. Jhdt., SE1xuc: AJA 1942: 180, Thebai
5. Jhdt., und Ptoion 197 1 Nr. 124 , 6. Jhdt. - in lokativischer Funktion - ,
!9Ewic: E. 76: 63 , Gefäß 6. Jhdt. ; thess. ra-yoic: McD 326.8, Argura 6. Jhdt. ,
245


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'A-yvtd.rat~
McD 168.2, Pharsalos 4 . Jhdt.), im Lesbischen /-oysi/, /-aysi/ (i.Otw-
ratot IG 12,2 :4.13, Mytilena 4 . Jhdt. , EK')'OVOLOL IG 12,2 :5.25 , Mytilena 4. Jludt.)
mit Ausnahme von [Mvr1tA77vaiot~ IG 12,2 :3.1/2 (Mytilena 4 . Jhdt.) und OA.UJ..I·
m1vot~ DGE 644.12/ 13 (Aigai, Mitte 3. Jhdt.) 303•
Die literarische Oberlieferung bietet kein so einheitliches Bild wie die inschri!ft-
liche. Bei der boiotischen Dichterio Korinna, deren Sprache als sehr einfach rund
dialektgetreu gilt (Meillet 1910/ 11:46, Nachmanson 19 10: 13lf.), kommen so-
wohl Formen mit langem (·170L, -üot) wie auch solche mit kurzem (-17~ . -lk) Aus-
gang vor:
orEcp[a 1vvatv PMG 654 i 26
[Ao1V7r17at . . . [xa>.Err 111ow PMG 654 i 29/30
[a1~ava~ PMG 654 üi 44
J.IOU[ ..1MEOOL 304 Aa.ü~ PMG 654 i 34
T ava-ypwEaat AE[ vKorr€rr >.u~ 1 PMG 655 1.3 (-ot~ codd.)
>.c-youpOKw[ ri]Au[ ~ €11011'7)~ 1 PMG 655 1.5 (·Aat~ €1101Tai~ codd.)
cp{A17~ a-yKUA'f10' €AEO~ PMG 660
ln der Sprache der lesbischen Lyriker lauten die Ausgänge im Dativ Plural der
nominalen o- und ä-Stämme /-oysi/, /-aysi/ (-oLOt/atot, -OLow/-a.ww und -ow' /
-ata' vor Vokal). Neben diesen durch eine Vielzahl von Belegen gesicherten
Ausgängen fmden sich in den Handschriften auch Formen auf -ot~/-at~:
XPUOEat~ ev KUALKEOOIJI Sa 2. 14 (Ostrakon, XPUOLatOIJI ev LP., V.)
cpi>.ot~ Sa 44.12
rai~ KaAat~ iJJ.l.I.U. Sa 41 (rai~ KCÜI.ataw ÜJ.IJ.lt LP. , rai~ KaAato ' iJJ.IJ.IW V.)
l)KEAOL ~EOt( ~ Sa 44.21
€parat~ cp6ßcumv Sa 81.4 (€parot~ Aide. PI. LP., V.)
eraipat~ rai~ eJ.lat~ Sa 160
rravroM1rat~ J.IEJ.IELXJ.IEVa XPOio.tow Sa 152 ( rravroMrratat LP., 1Tavroc5a1Tato<t>
V.)
Acißpot~ Aaaaic<~ Sa 100 (5'ä(3pota' ... >.aaiow' LP., V.)
KEi~ 'Awa MJJot~ Sa 55.3 (Kav 'A{lja MJJwt LP., V.)
tw~w1TOL~ Alk 333 (tw~pwrrw LP., V.)
rrAEiorot~ . .. Aaot~ Alk 356 (1TAEiorow ' ... >.a.ata' LP., V.)

303 Die Inschriften IG J 2,2 S: 143 (Lampsakos, Ende 3. Jhdt.) (mJt e<Wrot~ Z. 34, (ot)ovv-
ulot~ Z. 34/ 35) und lErytluai 122 (2. Jhdt.) (mit owvuolot~ Z. 4 aber owvuulotut Z. 11,
XP<h'Ot~ Z. 9, lf.lV..ot~ Z. 18, e<Wrot~ Z. 53) sind nicht rein im lesbischen Dialekt ab ge-
faßt (cf. 1rauav Z. 9 statt 1rCÜuC1v, ü1rapxew Z. 28 statt üJrcipxT)v, #ltrci Z. 30 statt 1re6a,
Ka" Z. 14 statt Kcir, 1ro?..tt Z. 29 statt 1ro"-t in IG 12,2 S: l43; wpvr(a)vtlwt Z. 7/ 8 ge-
genüber 1rpvra~w Z. 12, 1r0Mt Z. 19 statt 1r0"-t, e.ppOIITWClll Z. 24 statt -ooClll, uv?..Ml-
"wu' Z. 24/ 25 statt -t)twu, Z. 43/44, e1lpiuw~ Z. 31 statt ll"(ptow ~ , ~tuClt Z. 46 statt
~< cf?..euuat in lErytluai 122); ilue Belege für Dative auf - ot~ können somit gleichfalls
fremden Einfluß zugesetuieben werden.
304 Die Lesung #'OV( Pt)ci6 toot ist problematisch, cf. Page (1953: 58), Latte (1956: 63).

246
00046245

KOp~a· fiJ aihcu.t:: Alk 308.2 (KOpiJip(ÜUIJI a-yvait:;, KOpV4pÖ.aiJI aUyait:: COdd.)
awOöowi p. ' aiJrcu.t:: Alk 130.b15
ln der Forschung 305 und in der Editionspraxis der Texte der lesbischen Lyriker
überwiegt die MeLiung, daß diese Formen an den meisten Belegstellen ohne
Schwierigkeit zu emendieren seien und im übrigen dort, wo sie durch die Ober-
lieferung gesichert sind, als episch aufzufassen (VJtAOtt::, ~eott::), durch Analogie-
wirkung zu erklären (-att:: vom Artikel auf das Pronominaladjektiv aörat:: über-
tragen) oder in ihrem Vorkommen genau abzugrenzen seien (wie bei Korinna
nur am Versende und nur zusammen mit Nomina auf -owt/-cu.m). Aber das letz-
te Argument ist eine Beschreibung, keine Erklärung, und die beiden anderen
Argumente sind nicht stichhaltig: in der epischen Sprache stellen Formen auf
-ott::/-att:: eine sich immer weiter ausbreitende Neuerung dar (Chantraine 1958:
194ff., West 1971: 176f.) - was eher dafür spricht, kurze Formen als Neue-
rungen auch in der lesbischen Lyrik als echt anzuerkennen. Die Auffassung,
kurze Formen seien vom Artikel auf Pronominaladjektive übertragen, läßt die
Frage offen, warum nicht auch andere Adjektive an diesem Prozeß teilhatten.
Da somit die Erklärungen für Formen auf -Of.t::/-att::, die sich nicht hinwegdisku-
tieren lassen, versagen, muß auch bezweifelt werden, daß sich das unbeküm-
merte Emendieren der übrigen Belege rechtfertigen läßt.
Grundsätzlich läßt die Verwendung von langen und kurzen Formen in den lite-
rarischen Texten der aiolischen Dialekte zwei verschiedene Interpretationen zu:
(1) die auf den Inschriften überlieferten Prosatexte sind als Zeugnis flir den
Dialekt höher einzustufen als die möglicherweise einer poetischen Tradi-
tion verpflichteten und in der Oberlieferung verfalschten literarischen Tex-
te ; daher sind nur die durch inschriftliche Belege gesicherten Formen als
echt für den jeweiligen Dialekt anzusehen (so Page 1953: 5lf.).
(2) der dichterische Sprachgebrauch weicht zwar durch seine größere Freiheit
im Gebrauch alternativer Formen von der durch inschriftliche Zeugnisse
überlieferten Umgangssprache ab, reflektiert aber darin einen früheren, in
der Umgangssprache bereits aufgegebenen Sprachzustand, in dem beide
Formen nebeneinander existierten (so Meillet 1910/ 11: 48ff.).
Die erste Hypothese läßt offen, wie es zu der innerhalb des Aiolischen unge-
wöhnlichen Gruppierung in Boiotisch-Thessalisch mit -<Xt::/ -att:: einerseits und
Lesb1sch mit -otat/ -cu.at andererseits kommt, und ist gezwungen, die abweichen-
den literarischen Belege als unecht zu verwerfen, während die zweite Hypothese
diese Fragen plausibel beantworten kann und ohne Zusatzannahmen auskommt:
das Aiolische besaß ursprünglich zur Bezeichnung der Funktionen des Dativs
und anderer Kasus zwei Ausgänge, -otat/-atat und -ott::/-att::.306 Die langen For-
305 Hoffmann ( 1893: 536, 539f.), Sechtel (1921 : 65f.), Lobet (1925: 38ff.), Page (1955:
67, 208), Hamm (1957: 147f., 149).
306 Zur Vorgeschichte und ursprünglichen Funktion diese.r Ausgänge cf. Rix (197 6: 134,
140f.).

247
00046245

men gaben das Vorbild flir die Bildung der Endung /essi/ in Nominalklasse Il
ab und werden im Sprachgebrauch Korinnas als bodenständiges (nicht von einer
allgemeinen Dichtersprache übernommenes) Element fortgesetzt. Mit der Ver-
einfachung des Kasussystems wurde, wie in anderen griechischen Dialektgrup-
pen, einer der beiden Ausgänge eliminiert, der andere zur Bezeichnung des Da-
tivs, in dem sich die ursprünglich auch formal unterschiedenen Kasusfunktio-
nen vereinigten, bewahrt: im Boiotischen und Thessalischen -otr::/-atr::, im Les-
bischen -atat/-atat, um die Unterscheidung vom Ausgang des Akkusativs Plural
(-<Xc:/-cuc:) aufrechtzuerhalten. In Verbindungen, in denen die Gefahr einer syn-
taktischen Ambiguität ausgeschlossen war und somit keine Notwendigkeit zur
Differenzierung von den Akkusativformen bestand, setzten sich die auch im
Boiotischen und Thessalischen üblichen kurzen Formen durch: so beim Arti-
kel307, der immer eng mit einem eindeutig gekennzeichneten Nomen verbunden
ist, und in gewissem Maße auch beim attributiven Adjektiv (vornehmlich bei den
Lyrikern, selten auf den Inschriften ~- Am Versende, einer der Stellen, an de-
nen besonders häufig Abweichungen von der sprachlichen Norm - seien es
Archaismen oder Neuerungen - anzutreffen sind , werden sogar Nomina mit
kurzen Ausgängen zugelassen. Damit brauchen die Formen des Artikels im Les-
bischen nicht (nach Rix 1976: 141) als aus den langen Formen gekürzt und die
Formen des Nomens nicht (nach Lazzeroni 1968) als Neuerungen unter dem
Einfluß des benachbarten Ionischen aufgefaßt zu werden ; sie sind vielmehr durch
innersprachliche Gegebenheiten bedingt.

11.3 Nominalklasse 0 : Nicht-vokalische Stämme

11.3.1 Stämme auf Verschlußlaut

§ 255.
Nom. Sg. /payd+s/ -.. /payts/ (§ 143)..., / payss/ ..., [pays]
/khre :mat+0/ -.. [khre:ma] (§ 155)
lesb. 1r<Ü~ Sa 27.4
1/l(icpta[J.t)a IG 12,2:5.52

307 Formen des Artikels haben immer den kurzen Ausgang -ot<;/ -o.t<;, während die vom glei·
chen Stamm gebildeten Formen in Funktion von Demonstrativpronomina den langen
Ausgang zeigen: T(ot]aw Alk 67.5 , Taiat Sa 42.1, 62.5 (cf. auch liTotot Sa 5.11 ). Diese
Verteilung (Toit;/ Tai<; fdr Formen in Verbindung mit durch lange Ausgänge geke~tn·
zeichneten Nomina, TOÜ11/Taiot fUr isoliert gebrauchte Formen) bestätigt die Anllahme
Wathelets (1970: 243ff.), daß in den Formen des Artikels archaische Bildungen mit
ursprünglich kurzen Ausgängen bewahrt sind.
308 Vgl. TOit; TrPWTOtt; Tropwa'!?TJOOIJtvOtot auf einer Inschrift des 2. Jhdt.s aus Kyme
(IKyme 12 .3) und ev Toi<; TrpwTot<; t.wvvalowt Chiton 1979 : 73ff. Z. 9 (Kyme 1. Jhdt.)

248
00046245

thess. rraic; SEG 25:66 1.2


1/JcLpc.oiJ.a IG 9,2: 517.9
boiot. rrci.i.~lG 7:690
1/JcLpc.oiJ.a DGE 462.a 11
Gen. Sg. /payd+os/ -+ [paydos]
lesb. rrawoc; DGE 639
1/JatpioiJ.aTO<; IG 12,2:6.37
thess. rra.t06<; IG 9,2:553.31
boiot. rrc:ii:c5o<; DGE 491.5
a:yEi~J.aro<; SEG 23:271.20

Dat. Sg. /payd+i/ -+ [paydi)


lesb. rraiOt IG 12,2 S:122.12, oapKt IG 12,2:498.21
1/JCllpioiJ.an IG 12,2 S:138.20
thess. 9€1J.toon IG 9,2: 1236
1/JCllpioiJ.an IG 9,2:1229.38
boiot. rrc:ii:& IG 7:3583, FavaKn DGE 538
Akk. Sg. /payd+a/ -+ [payda]
/khre :mat+0/ -+ [khre:ma]
lesb. öpvu?a IG 12,2:73.7, ocipKa IG 12,2:498.16
1/JcLpc.op.a IG 12,2: 15.32
thess. 11'ETPOETEtp€8a McD 346.2 1 (§ 48)
1/JcLpc.op.a IG 9,2:517.20
boiot. rrEpi.Mvya DGE 462.b54
1/JcLpc.op.a IG 7:207 .15
Stämme auf /-id-/ haben in hellenistischer Zeit im Lesbischen in Analogie zu
den Stämmen auf /i/ auch die Endung / n/, die an die Stelle des zu erwartenden
Ausgangs I-da/ tritt :
11'6~L<; : rrarptc; = 1r6~LV : X
x = rrcirptv {ftir rrcirpwa)
Belege: rrdrpw IG 12,2:242.1 4, EVEP"fETW IG 12,2:255.3, rrc:iw IG 12,2:244.6 ,
rravvvxw IG 12,2:499.8, "AprEJJ.LV IG 12,2 S:l38.8. 309
Nom. PI. /payd+es/ -+ [paydes]
/ khre:mat+a/-+ (khre:mata]
lesb. rraiOEc; IG 12,2:3. 1
thess. rr68E<; McD 34 7.8
[XP ]EiiJ.IJ.ara McD 330.13
boiot. rrc:iWEc; DGE 485.3 1, ~€~r€c; SEG 24 :361.4
1/JCllpiop.ara DGE 462.al
309 Der früheste Beleg, Trcivvuxw, wird in das Ende des 3. Jhdt.s datiert. Die späte Bezeu-
gung schwächt Schwyzers (1959 : 464) Vermutung, daß es sich hierbei vielleicht um
einen Rest der i-Flexion handeln könne.
249
00046245

Gen. PI. /payd+o :n/ ~ [paydo :n]


lesb . rrai!Jwv lG 12,2 S: 141.1 7
XPf/JJO:rwv lG 12,2:5.4
thess. XPEt.J.uirouv McD 310.3 1/32
boiot. rrai!Jwv Roesch 1971 Z. 17
XPTJJJcirwv DGE 426.a26
Dat. PI. /payd+essi/ ~ [paydessi]
lesb. rrai!Jeaot lKyme 4.2
[XPTJ]JJcireaat IG 12,2 :645 .a22, oixTJJJcireaot IG 12,2: ll4 .6
thess. Xapi.reoot McD 347.11, 11'ai.[6]eoot McD 205.5/6
XPEtJJcireoot IG 9,2: 513.6
boiot. 'EAuc(...>JJIOOeoot IG 7: 1788.6/7
Im Boiotischen tritt seit dem Ende des 3. Jhdt.s der Ausgang der o-Stämme,
/ü:s/ (aus /oys/), an Stelle von /essi/ auf:
fr'riJc; IG 7 :3 171.39 (Orkhomenos, 3. Jhdt.)
la.Ovrvc; DGE 462.a5 (Tanagra, 3. Jhdt.)
JJETOJpEPOVTIJ\ ibid. Z. a6
txovrvc; IG 7:2383.16 (Khorsiai, 2. Jhdt.)
-yovlvc; IG 7:3348.5 (Khaironeia, 2. Jhdt.)
Die Ersetzung von /essi/ durch /oys/ ist im Rahmen einer Tendenz zu sehen,
die sich in dieser Zeit in allen nordwestgriechischen Dialekten ausbreitete (cf.
auch Aivtcivotc;, Aapwo€01.c; in Hypata, evrv-yxavovrotc; , rrcivrotc; in Larnia).
Aide. PI. /payd+as/ ~ [paydas1
/khre:mat+a/-+ [khre:mata]
lesb. -yuvaucac; IG 12,2 :526.b4
XPftJJara IG 12,2:645 .a10
thess. V;a.piaJJara IG 9,2:517.43
boiot. 71'<idiac; Roesch 197 1 Z. 13
Seit der Mitte des 3. Jhdt.s treten im Lesbischen unter dem Einfluß der Ko ine
Formen mit Nom. Pl.-Endungen in syntaktischen Kontexten auf, die Akk. Pl.-
Endungen erforderten :
von Verschlußlaut-Stämmen
JJ'T'/Ö€ -yci»otc; JJ'T'/Ö€ [-yu]vaucec; IG 12,2 S: 126.11 / 12
von r-Stämmen
ci11'orcioof1v ... Mo orciTTJpEc; IG 12,2: 527.47/48
von i-Stämmen
reA€ooatc; . .. Kai rci~tec; Kai €Kl5uci.a.t.c; IG 12,2: 134.8/ 9
Nom. Dual. /payd+e/ ~ [payde1
boio t. Alßlre SEG 24 :361.27 (Khorsiai, 4 . Jhdt.), xopa"'(eioavre
BCH 1974: 175ff. z. 3 (Orkhomenos, 4 ./3. Jhdt.).
250
00046245

11.3.2 Stämme auf fs/


§ 256. In allen Formen des Paradigmas außer dem Nom./Akk.Sg. werden folgende
Regeln auf die zugrundeliegenden Formen angewendet:
Beispiel: Gen. Sg.
zugrundeliegende Repräsentation /genes+os/
s-Sonorisation § 140 /genezos/
z-Abschwächung § 141 /genehos/
Gleitlauttilgung § 103 /geneos/

§ 257. Neutrale s-StämmefSubstantive


Bei den neutralen s-Stämmen tritt das stammbildende Suffix in zwei Varianten
auf: /-os-/ im Nom./Akk. Sg., /-es-/ in den übrigen Formen des Paradigmas.
Nom. Sg. /genos+0/ ~ [genos]
lesb. J.LÖ.Ko<; IG 12,2:14.10
Gen. Sg. /genes+os/ ~ [geneos]
lesb. -y€veoc: IG 12,2: 102.2, Kaoeoc: IG 12,2 S: 126.2
boiot. Ti"Aeo<: SEG 3:354.3, 1/leooeo<; BCH 1936: 181ff. Z. 19
Dat. Sg. /genes+i/ ~ [geney]
lesb . €t)veL IG 12,2 S:3.19
thess. -y€veL IG 9.,2:257 .3
Akk. Sg. /genos+0/ ~ [genos]
lesb. -yiroc; IG 12,2:526.a23, iJI/Io<: IG 12,2:14.5
thess. TT"Aeit)oc; McD 310.37
boiot. Te"Aoc: BCH 1936: 181 ff. Z. 26
Nom. PI. /genes+a/ ~ [genea]
lesb. Krftvea IG 12,2 S:126.21 , OKeVea lAssos 3.1
boiot. fhea FS Navarre 1935 :353 Z. 16
Gen . PI. /genes+o:n/ ~ [geneo:n]
thess. -yeviovv BCH 1970: 161ff. Z. 3 (§ 45)
boiot. feTi wv DGE 485.4
Dat. PI. /genessi/ (§ 271)
Akk. PI. /genes+a/ ~ [genea]

§ 258. Adjektive
Nom Sg. mask. /atele:s/
ntr. /ateles+0/ ~ (ateles]
lesb . eTTip.eA.ec: IG 12,2:500.18, eTTcivaVKec; IG 12,2:67.8
thess. ETT~J.t€"A€c; IG 9,2: 1229.29, (]t)IJ.I(XIJ'EC: ibid. Z. 35/36
251
00046245

Aldc Sg. fern. /ateles+a/ ~ [atelea]


1esb. imepßdpea IKyme 19.15, 1raVT€"Xea ibid. Z. 22
ntr. /ateles+0/ ~ [ateles]
boiot. 'TI'epU<aM€<: Ptoion 1971 Nr. 238
Neben dem regulären Ausgang [ea] im Aide Sg. mask. ist in allen drei aiolischen
Dialekten auch der - zu dem Nominativ [e:s] analogisch gebildete - Ausgang
[e: n] vertreten:
1esb. 8aJ.I.(Yr€"Xrw IG 12,2:645.a44, €Krevrw IG 12,2: 528.4,
np~iK"X71v IG 12,2:498.20, tlwy€V77v IG 12,2:225.2
thess. llwK"Aeiv IG 9,2: 1127.2
boiot. tltcry€vetv IG 7: 1728.4, tlaJ.LOTe"Xetv IG 7:3 171.9/ 10,
El)ra-yetv BCH 1904: 431f. Z. 2, 4>tAOKP<irew SEG
22:41 6.3
Auf einer anderen Analogie zum Nominativ beruht lesb. ovrr€V77a IG 12,2
S: 138.1 7
Nom. PI. mask. /ate1es+es/ ~ [ate1ees] 310
1esb. ar€>-.ee<: DGE 644.16, ovyyevee<: IG 12,2 S:l39.30
boiot. ftKdnfhee<: BCH 1970: 146ff. Z. 3
ntr. /ate1es+a/ ~ [ate1ea]
lesb . ar€A.ea DGE 644. 19
Gen. PI. /ate1es+o:n/ ~ [ate1eo:n)
thess. [ovrr]eviouv BCH 1970: 16lff. Z. 11
Dat. PI. /atelessi/ (§ 27 1)
thess. ovyyev€oot BCH 1970: 161ff. Z. 10
Akk. Pl. mask. /ate1es+as/ ~ (ateleas)
lesb. a.Uihr€>-.ea<: IKyme 1.4, ovyy€vea<: IG 12,2 S: 139.52
boiot. a~wXPet.fa<: BCH 1936: 18lff. Z. 15

11.3.3 Stämme auf Sonant


11.3.3.1 Stämme auf jrj
§ 259. Stämme mit kmgem Suf)zxvokal
Nom. Sg. /state :r/ 3 11
310 Die abgeleitet e Form [atelees) müßte eigentlich zu (atele:s) kontrahiert werden (§ 69).
Da jedoch in den übrigen Formen des Paradigmas die Endungen deutlich vom Stamm
getrennt bleiben (und auch die Singularform bereits auf [e:s) endet ), wird die Kon-
traktionsregel nicht angewendet, um die einh eitliche Struktur des Paradigmas zu erhal-
ten.
311 'AelTopa<: BCH 1970: 16lff. Z. 20, GHW 1754 (Mus.Larisa), GHW 4519 (Pherai, 3. Jhdt
mit dem Ausgang -a<: an Stelle von *XelToup, das durch die Ableitung 'AetTop·ev · ('Aet·
TopeuoVTo<: lG 9,2:591.2) vorausgesetzt wird, belegt bereits im 3. Jhdt. im Thessllischen
einen Ansatz zur neugriechischen Deklinationsweise.

252


00046245

Dat. Sg. /state:r+i/ ~ [state :ri]


lesb. ar<i1TIPt IG 12,2:646.a58
thess. ~oureipt IG 9,2:237.2
Akk. Sg. /state: r+a/ ~ [state:ra] l
lesb. awrflpa IG 12,2:202.2
Nom. Pl. /state:r-tes/ ~ [state:res]
lesb. araT17pec; IG 12,2:527.48 (§ 255)
boiot. K'Awrepec; SEG 24:361 .22
Aide. Pl. /state:r+as/ ~ [state :ras]
lesb. ar<irflpac; IG 12,2:526.a3
thess. arareipac; IG 9,2:553.3, aovre'ipac; IG 9,2:515.5
boiot. arareipac; IG 7:2419.11

§ 260. Stämme mit kurzem SufFzxvokal

Im Lesbischen und Thessalischen ist im SufflX die Vollstufe des Vokals in allen
Formen des Paradigmas durchgefti.hrt; im Boiotischen lösen die e-stufigen Bil-
dungen (tlaJ,Jltrept) erst gegen Ende des 3. Jhdt.s die null-stufigen (tiaJ,J.arpt)
ab.
Nöm. Sg. /pate:r/
lesb. 1Tcl1T/P Memnon Nr. 29.16; ,bfrrw(p] IG 12,2:645.b40
thess. 1rar€p ' SEG 25:667 , 1rareip IG 9,2:427.1, J,J.dretp McD
376.4
boiot. rrareip BCH 1926: 428 Nr. 54.1 , J,J.dretp IG 7:2471.1 ,
,Jvyaretp DGE 485.42, flarwp DGE 491.18/ 19
Gen. Sg. /pater+os/ ~ [pateros]
lesb. rrarepoc; Mernnon Nr. 29. 16
thess. rra[r]€poc; IG 9,2:475.3/4, J,J.arepoc; IG 9,2:1030.2, tiQ.J.J.-
wirepoc; McD 34 7 .16
boiot. Marepoc; BCH 1970 : 157ff. Z. 10/ 11, tidJ,J.arpoc; DGE
462.a4
Dat. Sg. /pater+i/ ~ (pateri]
lesb . J,J.cirept Sa 104.a2; p(.q]ropt IG 12,2:645.b37
thess. J.J.arept IG 9,2:250.2, tial'pcirept McD 346.2
boiot. Mar€pt IG 7: 1811 , tiQ.J,J.cirept IG 7:3213.1
Marpi BCH 1940/41:41 Z. 2, AdJ.J.arpt IG 7:167 1
Akk. Sg. /pater+a/ ~ (patera]
lesb . ,Jvydrepa IG 12,2:547.2
boiot. rrarepa IG 7:4177.1, J,J.arepa IG 7:3083. 11 , ,Jwrryarepa
E.78:04.15
253
00046245

Nom. Pl. /pater+es/ -+ [pateres]


boiot. fioTopEc; IG 7: 1779.7
Gen . Pl. /pater+o:n/ -+ [patero:n]
lesb. 1TaT€pw[v] Alk 6.17
boiot. 1TaT€pwv Korinna PMG 655: 1b9
Akk. Pl. /pater+as/ -+ [pateras]
lesb. "lrfaTEpac; IG 12,2:526.a9

11.3.3.2 Stämme auf /n/

§ 261. Stämme mit langem Suffrxvoka/

Nom. Sg. /ago:n/


lesb. 'A1TOAAWV SEG 17:540.22
thess. 'A1TAOVv (§ 44 ; Plat. Krat. 405c)
boiot. 'A1TCSnwv DGE 462.a6/7
Gen. Sg. /ago:n+os/ -+ [ago:nos]
lesb. 'A1TOAAwvoc; IG 12,2:484.19, alwvoc; IKyme 102.7
thess. 'A1TAovvoc; IG 9,2:512.31 , IG 9,2:517.22
'
boiot. 'A1TOAAwvoc; BCH 1892: 458ff. Z. 4
Dat. Sg. /ago :n+i/-+ [ago:ni]
lesb. 'A1T6AAwvt Belleten 1966: 525f. Z. 3, lJ:ywv, IG 12,2:
645.a37
thess. 'A1TAOVVL IG 9,2:1034.1, ßowüvt McD 347.2i
boiot. 'A1TOAAWVt IG 7:2723. 1, <i')'c~:w[t] BCH 1892: 458fL Z. 6
Akk. Sg. /ago:n+a/ -+ [ago:na]
lesb. li.')'wva IG 12,2 S: 138.14, alwva IG 12,2:208.4
thess. Kpavvoüva McD 347.20
boiot. <i')'wva IG 7:4136.6, Kt"wva DGE 462.b6, rpißwva
ibid. Z. b32, XtTwva ibid. Z. b29
Dat. Pl. /ago:n+essi/ -+ [ago:nessi]
lesb. <i')'WVEOOt IG 12,2:527.25

§ 262. Stämme mit kurzem Suffzxvoka/

Nom. Sg. /lime:n/


thess. Kiovv McD 347.3
Gen. Sg. /limen+os/ -+ [limenos]
lesb. EÜ<ovoc; IG 12,2:500.25
boiot. apxtT€KTovoc: DGE 462.a 14, flOT€t.c5aovoc; AE 1899: 64
254
00046245

Dat. Sg. /limen+i/ __.. [limeni]


lesb. 1\iiJ.EVl IG 12,2 S: 124.22, eücovt IG 12,2:500.16
thess. ALIJEVl Helly i.V. Z. 2
boiot. llO'TetM.ovt IG 7:2465.2
Aide Sg. /limen+a/ __.. [limena]
lesb. eücova IG 12,2:645.a31
thess. ALIJ.EVa IG 9,2:517.42, Klova312 IG 9,2:258.12
boiot. owMva IG 7:2421.7
Nom. Pl. /limen+es/ __.. [limenes]
thess. Kiovec; McD 34 7.22
boiot. [a]'YEIJ.OVEc; SEG 23:271.21
Gen. PI. /limen+o:n/ __.. [limeno:n]
lesb. elK.ovwv IKyme 13.68
Dat. PI. /limen+essi/ __.. [limenessi)
thess. 1T'Aewveoot McD 310.10
boiot. AUL~J.6veoot DGE 482.3
Aide PI. /limen+as/ __.. [limenas)
lesb. a-y[i]/J.ovac; IG 12,2:67.3/4
thess. Kiovac; IG 9,2: 515 .1 0, 1TA.eiovac; McD 31 0.12
boiot. 1\L!J.evac; IG 7:2405.13

11.3.4 Stämme auf fe: wf

§ 263. In zugrundeliegenden Formen mit vokalisch anlautendem SuffiX wird die


Gleitlauttilgungsregel (§ 97) angewendet (z.B. /basile:w+os/ __.. (basile:os]),
in zugrundeliegenden Fonnen mit konsonantisch anlautendem SuffiX die Vokal-
kürzungsreget (§ 60) (/basile: w+s/ __.. [basilews]).
Nom. Sg. /basile:w+s/ __.. (basilews)
lesb. ßao{/l..evc; IG 12,2:6.28, -yvc1peuc; IG 12,2:646.a11 , '[peuc;
IG 12,2: 102.1, 1rp€oßevc; SEG 17:540.27
thess. ßaoL/I..euc; IG 9,2:517.17/18, Aio/l..ct.lc; McD 337.35
boiot. ßam/l..evc; BCH 1895 : 379ff. Z. 2, -ypall!J.arevc; IG 7:3172.
77, lapeuc; BCH 1936: 177ff. Z. 23
Gen. Sg. /basile:w+os/ __.. [basile:os]
lesb. ßaoO..floc; Alk 387 (inscbr. Belege fehlen)
thess. ßaot'A.eioc; IG 9,2:517.2, avn-ypa..peüx IG 9,2:506.6
boiot. Baot/l..eioc; IG 7:4136.7 , llrölioc; IG 7:2735, -ypa/lJlareüx
IG 7:3 172.33

312 Abweichend davon ist im 2. Jhdt. im Thessalischen die auch in der Koine weit verbrei-
tete Endung /an/ statt /a/ im Akk.Sg. belegt: KLovav IG 9,2 :1229.32,40 (Phalanna).

255


00046245

Dat. Sg. /basile:w+i/ ~ [basile:i)


lesb. rra#J(3a.m'A17t Alk 308.4, dAi17t IG 12,2 :646.a40
boiot. Baot.Xeit IG 7:4136.2, [nrö)fu1ft Ptoion 1971 Nr. 50a,
nrötet Ptoion 1971 Nr. 258
Akk. Sg. /basile:w+a/ ~ [basile:a)
lesb. ßaoi'A:qa IG 12,2:6.45
boiot. iapeia IG 7:3392.4, XaN<d>eia IG 7:393.6
Nom. PI. /basile:w+es/ ~ [basile:es]
Jesb . ßaotAfl€~ IG 12,2:6.9, ipfle~ Memnon Nr. 29.4
boiot. rrpto-yee~ IG 7:2418.6 (·eie~ Z. 18}, iapeie~ IG 7:3080.5,
'Al<Pf11PL€'ie~ DGE 541.1

Gen. PI. /basile:w+o:n/ ~ [basile:o:n)


lesb. {3aot'Aflwv IG 12,2:645.a27, I'vpvflwv DGE ad 647 3 13
(Münze)
thess. rrpeoßeiouv IG 9,2:506.22, tva-you-yelouv McD 1179.45
boiot. 9ewmeiwv IG 7:1726.3, 'AKpfl!()teiwv SEG 15 :33 1.1
Oat. PI. /basile:w+essi/ ~ [basile:essi]
lesb. [ßao)tAfleoot IG 12,2:645.a7
thess. Aio'Aeieoot McD 337.19
boiot. <l>t'X€Tf1P€ieoot IG 7: 1790.6
Akk. PI. /basile:w+as/ ~ [basile:as)
lesb. {3aot'A17ac; IG 12,2:645.al 3, lp17ac; IG 12,2:6.42
boiot. rrpw-ye'ia~ SEG 25:556.3/4, Xopoteiac; IG 7:2383. 11
Im Lesbischen kommt auch die Schreibung et statt 17 vor: Akk. Sg. rrp€oßeta
IG 12,2 8:143.31 (Lampsakos 3. Jhdt.}, Nom. PI. ßaot'Aetec; IG 12,2:646.a45
(Nasos}314. Wahrscheinlich geht die abweichende Orthographie auf eine Hebung
/e:/ ~ [~ : ) (§ 46) zurück. Von einer Änderung der Aussprache berichten auch
Herodian. ll. 647.5 und Choirob. in Theod. 213,25 mit dem Beispiel ßaat