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Hausmitteilung

Hausmitteilung

GREGOR SCHLAEGER / DER SPIEGEL

12. Dezember 2011

Betr.: Märkte, Koolhaas, Chronik, „Dein SPIEGEL“

D ie „Märkte“ sind das Wort des Jahres, aber was sind die Märkte? Wie funk- tionieren sie, warum werden sie „nervös“ oder „euphorisch“? Ein Team von

neun Reportern unter der Leitung von Cordt Schnibben, 59, und Ullrich Fichtner, 46, beschreibt am Beispiel von sechs Bankern, Devisenhändlern, Fondsverwaltern und Hedgefonds-Managern, wie die Finanzmärkte funktionieren und – in der Vor- bereitung auf den EU-Gipfel in Brüssel – die Politik vor sich her trieben. Was steht am Ende der Recherche? Schnibben hat ein Zitat parat: „Eigentlich ist es gut, dass die Menschen unser Bank- und Geldsystem nicht verstehen. Würden sie es nämlich, so hätten wir eine Revolution vor morgen früh.“ Der das sagte, verstand was vom Geldverdienen – der Auto-Milliardär Henry Ford (Seite 40).

A ls vor einigen Jahren bekannt wur- de, dass der SPIEGEL in ein neues

Verlagshaus ziehen wolle, da meldete der Stararchitekt Rem Koolhaas, 67, rasch In- teresse an. Am Ende ging der Auftrag jedoch an das dänische Büro Henning Larsen. Nun, einige Monate nach dem Umzug des SPIEGEL, luden die Redak- teure Philipp Oehmke, 37, und Tobias Rapp, 40, Koolhaas ein, das neue Ge-

bäude in der Hamburger HafenCity zu begutachten. Koolhaas stürmte durch die Etagen, schaute in die Büros, fragte, als passionierter Schwimmer, auch gleich nach dem legendären Hallenbad des Desi- gners Verner Panton, das sich im Keller des alten SPIEGEL-Gebäudes befunden hatte. Ob es im neuen Gebäude auch einen Pool gebe? Nein? Das sage alles über unsere Zeit. „Koolhaas hätte das Haus sicherlich anders gebaut“, sagt Oehmke, „seine Kritik war aber gentlemanlike“ (Seite 126).

„seine Kritik war aber gentlemanlike“ (Seite 126). Rapp, Oehmke, Koolhaas E s ist das Jahr der

Rapp, Oehmke, Koolhaas

aber gentlemanlike“ (Seite 126). Rapp, Oehmke, Koolhaas E s ist das Jahr der unerwarteten Ereignisse –

E s ist das Jahr der unerwarteten Ereignisse – der Revolutionen in Tunesien, Libyen, Ägypten, wo um Demokratie und Frei-

heit in der arabischen Welt gekämpft wurde; in Japan löste ein

Tsunami die Kernschmelze in den Reaktoren von Fukushima aus; und die Finanzkrise verursacht in der Euro-Zone schwere Turbulenzen, mindestens. Von diesen Zäsuren und mehr erzählt, in Analysen, Reportagen und Porträts, die SPIEGEL-Jahres- chronik 2011, jetzt auf dem Markt.

A uch Zehnjährige wollen wissen, was ein Broker ist oder ob ein Minister bei der Doktorarbeit geschummelt hat.

Seit zwei Jahren erscheint „Dein SPIEGEL“, das Nachrichten- Magazin für Kinder. Das Heft erklärt die Politik, die Finanzkrise,

den Klimawandel. Es erzählt von wissenschaftlichen Entde- ckungen, greift aber auch Themen auf wie Mobbing. Dem neuen Heft liegt nun erstmals eine DVD bei: „Auf der Suche nach versunkenen Welten“. Titelgeschichte und DVD beschreiben die Unterwassersuche nach Schätzen und Palästen.

die Unterwassersuche nach Schätzen und Palästen. Die nächste Ausgabe des SPIEGEL wird vorgezogen und

Die nächste Ausgabe des SPIEGEL wird vorgezogen und erscheint bereits am Samstag, dem 17. Dezember.

Im Internet: www.spiegel.de

DER

SPIEGEL

50/2011

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In diesem Heft

RADEK PIETRUSZKA / PICTURE ALLIANCE / DPA

Titel

Wie die Finanzmärkte funktionieren und die Politik vor sich her treiben

40

Deutschland

Panorama: Über hundert V-Leute des Verfassungsschutzes operieren in der NPD / CSU verliert Wähler / Bahn will Gewinne aus Schienennetz steigern Schuldenkrise: Angela Merkels Brüsseler Triumph ist teuer erkauft Englands Abschied von Europa

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Opposition: Wie Rot-Grün mit Steuererhöhungen

beim Wähler punkten will

Demokratie: Gegen alles und jeden – das streitbare

Erfolgsprinzip des Rebellen in der Politik Staatsoberhaupt: Wer ist die wahre Nummer

eins? Bundestagspräsident Norbert Lammert reizt

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Bundespräsident Christian Wulff Islamismus: Al-Qaida plant neue Anschläge in Deutschland Strafjustiz: Mord oder Unfall? Ein zu Lebenslang Verurteilter erhält eine zweite Chance Restitutionen: Die Nachkommen des Münchner Mäzens und Nazi-Opfers Alfred Pringsheim kämpfen um ihr Erbe Diskriminierung: Der Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer über eine auseinanderdriftende Gesellschaft Familien: Der Konflikt der Kohl-Söhne mit dem Biografen ihrer Mutter eskaliert Extremismus: Wie die Angehörigen der Mordopfer des Zwickauer Nazi-Trios von den deutschen Behörden verfolgt wurden Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu kritisiert die deutschen Ermittler und warnt vor neuem Fremdenhass Terrorismus: Die Verbindungen der Zwickauer Mörder in die braune Szene

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Wirtschaft

Trends: Schlecker hat Finanzprobleme / E.on setzt auf portugiesischen Wind / Siemens zahlt keine Weihnachtsprämie Konzerne: Daimler fühlt sich von der amerikanischen Börsenaufsicht drangsaliert Übernahme: Der hessische Wirtschaftsminister Dieter Posch will die Fusion der New Yorker mit der Frankfurter Börse erschweren Verbraucherschutz: Foodwatch schlägt wegen dioxinverseuchter Futtermittel Alarm Banken: Der Chef der Europäischen Bankenaufsicht, Andrea Enria, über den akuten Geldmangel vieler Kreditinstitute Affären: Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen vier Ex-Gesellschafter des Bankhauses Sal. Oppenheim Reichtum: Die Schwiegertochter des Milliarden-Betrügers Bernard Madoff rechnet mit dem Clan ab Kriminalität: Wie die Ukraine zum Paradies für organisierte Autoschieber werden konnte

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Ausland

Panorama: Syriens Oppositionsführer Ghalioun über die Angst vor der Anarchie / Korruptionsverdacht beim Bau von Frankreichs neuem Verteidigungsministerium

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Russland: Beginn einer Zeitenwende in Moskau?

102

WikiLeaks: Die Strategie der Verteidiger im Prozess gegen den angeblichen Informanten Bradley Manning

106

Ägypten: Was wollen die Salafisten?

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Das Ende des alten Europa

Seite 24

Der EU-Krisengipfel sollte die Wende bringen im Kampf um den Euro. Doch nun haben die Briten mit dem Rest Europas gebrochen; 2012 wird zum Jahr der Entscheidung für die Gemeinschaftswährung.

Die Robin-Hood-Koalition

Seite 28

Rot-Grün versucht sich an einem gewagten Experiment: SPD-Chef Sigmar Gabriel und führende Politiker der Grünen wollen mit Steuer- erhöhungsplänen für Betuchte die nächste Bundestagswahl gewinnen.

Das Netz der braunen Helfer

Seite 78

Stück für Stück rekonstruieren Fahnder das konspirative Leben und Töten der Zwickauer Terrorzelle – und nehmen neue Beschuldigte ins Visier. Die Rechtsextremisten wurden offenbar von einem braunen Netzwerk unterstützt.

Madoff, Schwiegertochter Mack
Madoff, Schwiegertochter Mack

DER

SPIEGEL

50/2011

Eine Witwe

rechnet ab

Seite 94

Sie ist die Schwiegertochter des größten Betrügers der Finanzgeschichte, Ber- nard Madoff. Nun rechnet Stephanie Mack, 37, mit dem New Yorker Clan ab, dessen Finanzaffäre ihr auch den Ehemann raubte:

Madoffs Sohn Mark erhäng- te sich aus Scham mit einer Hundeleine.

OLGA MALTSEVA / AFP RTL Facebook-Feldzug gegen Putin Seite 102 Ein neues Russland kämpft gegen

OLGA MALTSEVA / AFP

RTL

Facebook-Feldzug gegen Putin

Seite 102

Ein neues Russland kämpft gegen das alte. Nach der gefälschten Wahl rütteln Blogger am Unterdrückungsapparat des Kreml. Putins Präsidentschaftskandidatur stößt auf überraschenden Widerstand.

Durchmarsch der Frommen

Seite 108

Der Wahlerfolg radikaler Islamisten bedroht den politischen Neuanfang am Nil. Die Jugend vom Tahrir-Platz sieht sich um ihre Revolution betrogen, und die arabische Welt schaut mit Sorge nach Kairo.

Gefährliche Schmerzmittel

Seite 146

Magenblutungen und Leberversagen – Schmerzmittel wie Aspirin und Paracetamol bergen erhebliche Risiken. Vergiftungen durch Überdosierung sind gefürchtet. Jetzt soll die Größe der Packungen begrenzt werden.

Verlogenes

Fernsehen

S. 160

„Super Nanny“ Katharina Saalfrank will ihr Gesicht nicht mehr für inszenierte Erziehungsdramen her- geben. In solchen Pseudo- Dokus zeigen Privatsender mit Laiendarstellern ein Deutschland der Extreme. Mit der Realität haben die Sendungen wenig zu tun – sie garantieren nur gute Quoten.

Saalfrank
Saalfrank

DER

SPIEGEL

50/2011

USA: Comedian Jon Stewart und seine Rolle als Kommentator des US-Wahlkampfs Global Village: Wie Chinesen in Florenz einkaufen gehen, ohne ihr Land zu verlassen

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Sport

Szene: Finanzexperte Günter Schlösser über die Anleihe des FC St. Pauli / Deutsche Sportärzte verurteilen die Dopingforschung in der BRD vor der Wende Fußball: Die skurrilen Methoden des Gladbacher Trainers Lucien Favre Motorsport: Wunderkind aus Thüringen – der 17-jährige Ken Roczen ist Weltmeister im Motocross

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Kultur

Szene: Der Künstler Olafur Eliasson über sein Stipendium für Berliner Politiker / „Subs“, der neue Roman von Thor Kunkel Ideologie: Wie Rechtspopulisten in Ungarn nun auch die Macht an den Theatern übernehmen Bestseller Ausstellungen: Kasper Königs Abschiedsschau im Kölner Museum Ludwig Architektur: SPIEGEL-Gespräch mit Rem Kohlhaas über die Hamburger HafenCity und die Seele von Städten Theater: Der erstaunliche Aufstieg der Ex-Punkmusiker Schorsch Kamerun und Rocko Schamoni Buchkritik: Don Winslows rasanter Drogenthriller „Zeit des Zorns“

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Wissenschaft · Technik

Prisma: Künstliche Venusfliegenfalle / Schminkempfehlung vom Computer Medizin: Aspirin, Paracetamol, Ibuprofen die unterschätzte Gefahr durch freiverkäufliche Schmerzmittel Hirnforschung: SPIEGEL-Gespräch mit dem Neurowissenschaftler Michael Gazzaniga über den Massenmörder Anders Breivik und die Illusion des freien Willens Internet: Googles „Find My Face“ – Aufbruch in eine Ära der Totalüberwachung

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Medien

Trends: ZDF muss Millionen sparen / Niggemeiers Medienlexikon TV-Formate: Privatsender verzerren mit Doku-Illusionen die Realität

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Briefe Impressum, Leserservice Register Personalien Hohlspiegel / Rückspiegel

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Titelbild: Marionetten Gabi Dellinger, Bühne Wolfgang Merkel, Foto Axel Martens für den SPIEGEL

KÄPT’N MARINA Frau Weisband von der Pi- ratenpartei plaudert über Politik und Privates. Au- ßerdem
KÄPT’N MARINA
Frau Weisband von der Pi-
ratenpartei plaudert über
Politik und Privates. Au-
ßerdem im UniSPIEGEL:
krisenblinde Volkswirte,
studentische Hobbyritter
und ein Appell – Mädels,
werdet Professorinnen!

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Briefe

KAREN BLEIER / AFP

SPIEGEL-Titel 49/2011 „Microsoft wird beim Quadrumvirat nicht mal mehr erwähnt. Mal sehen, wer von den

SPIEGEL-Titel 49/2011

„Microsoft wird beim Quadrumvirat nicht mal mehr erwähnt. Mal sehen, wer von den vieren zuerst rausfällt und welcher Name folgen wird.“

MARKUS LEMBERGER, LUDWIGSHAFEN

Nr. 49/2011, Web-Kampf um die Zukunft – Wer beherrscht das Internet?

Gott aus Plastik und Silizium

Das scheinbar so hochkomplexe Netz funktioniert dennoch nach einem arche- typischen Muster der Natur: Ist die Beute erst einmal gefangen, ist sie unrettbar dem Netzbetreiber – gleich ob Spinne oder Web-Viererbande – ausgeliefert.

ROBERT WIESNER, BURSCHEID (NRW)

Ich gestehe: Ich fühle mich als freies Indi- viduum, weshalb ich zwar eingefleischter Amazon-Kunde und Google-User bin, mich aber aus den geschlossenen Univer- sen von Apple und Facebook bisher wei- testgehend herausgehalten habe. Viel- leicht ist das aber auch generationenspe- zifisch – ich bin 47! Mein Sohn ist 20 und intensiver Facebook-Nutzer, hat aber nach eigenen Aussagen die Fallstricke der Öffentlichmachung seiner Identität wei- testgehend im Griff.

DR. JAN BORCK, CHEMNITZ

Man stelle sich vor, Mercedes bietet ein überteures Auto an, dessen Besonderheit unter anderem darin besteht, dass der Käufer nicht mehr die Motorhaube öff- nen kann, Sprit nur an einer ausgesuch- ten Tankstelle zu beziehen ist und, weil der Vorsitzende von Daimler die Firma nicht mag, Zubehör und Ersatzteile von Bosch nicht funktionieren. Absurde Vor- stellung? Bei Apple & Co. Geschäftsprin- zip.

JÜRGEN LÖLL, NEUNKIRCHEN-VLUYN (NRW)

Es stimmt zuversichtlich, nur einmal im Bericht den Firmennamen Microsoft gele- sen zu haben. Auch die Googlefacebook- iphoneamazonmania wird nicht von Dau- er sein – oder brauchen wir wirklich noch Antworten auf Fragen, die noch gar nicht gestellt wurden?

MARTIN PRASCH, MÜNSTER (HESSEN)

Die Faszination, die von den Angeboten der „marvellous four“ ausgeht, entwi- ckelt zunehmend eine religiöse Dimen-

sion. Passend dazu liefern die Unterneh- men Führerpersönlichkeiten, deren Sen- dungsbewusstsein geradezu missionarisch ist. Der Homo technicus bekommt den Gott, den er verdient: aus Plastik und Si- lizium. Da suche ich mein Heil doch lie- ber in dem echten Gott, der mit offenen Karten spielt und beziehungsfähig ist.

DR. ROGER DIETZ, LENNESTADT (NRW)

Fünf Jahre lang habe ich in Facebook ge- lebt, hatte 200 Freunde weltweit. 2011 bin ich ausgewandert und empfinde Erleich- terung statt Trennungsschmerz.

CHRISTIAN MENSCHEL, KÖLN

terung statt Trennungsschmerz. CHRISTIAN MENSCHEL, KÖLN Weltkarte der Facebook-Freundschaften Ich bin schwer

Weltkarte der Facebook-Freundschaften

Ich bin schwer beeindruckt über Ihre her- vorragende Zusammenfassung der aktu- ellen Entwicklungen. Ich hätte nicht er- wartet, dass man auf so wenigen Seiten und in dieser Tiefe dieses komplexe Sys- tem so gut beschreiben kann.

STEPHAN WALTL, ZELL AM SEE (ÖSTERREICH)

Kaum jemand weiß heute, dass noch Ende der sechziger Jahre deutsche und europäische IT-Firmen in einigen Schlüs-

selbereichen technologisch weltweit ganz vorn mitspielten. Es gibt grundlegende Fehler in der Konzeption unserer For- schungs- und Technologiepolitik, die seit den siebziger Jahren oft das Gegenteil dessen bewirkt, was beabsichtigt ist. Viele unserer Unternehmen haben auf Technik- feldern die Kurve gekriegt – nicht wegen, sondern trotz einer staatlichen Politik, die Innovation eher behindert als fördert.

ULRICH KLOTZ, FRANKFURT AM MAIN

Mittlerweile haben alle meine Freunde ein iPhone, ich falle mit meinem Nokia als Freak auf. Genau das ist das Problem für Apple & Co.: Wenn alle das gleiche Handy haben, verkommt das Besondere zur Massenware. Es ist also immer nur eine Frage der Zeit, wann einen Giganten das Dinosaurier-Schicksal ereilt.

DIRK ZAHN, HENNIGSDORF (BRANDENBG.)

Nr. 48/2011, Guttenbergs verpatztes Comeback

Die Guttenberg-Bibel

Jetzt haben wir diesen aufgeblasenen Trickser also wieder. Er wollte doch was im Ausland machen – warum hat er nicht eine Copyshop-Kette in China eröffnet?

PETER HEINRICHS, GERMERING (BAYERN)

In der Marketingwelt gilt der Satz: „Gute Werbung für ein schlechtes Produkt fegt das Produkt noch schneller vom Markt.“ Man möchte hoffen, dass Herr di Lorenzo diese Erkenntnis mit seiner Guttenberg- Bibel im Hinterkopf hatte.

GREGOR ORTMEYER, MÖNCHENGLADBACH

Gehen wir den Schritt des Verzeihens und freuen uns über aktive, zielorientierte Politiker, denn nörgelnden Frühstücks- direktoren bezahlen wir schon genug.

THOMAS PORZNER, ZAPFENDORF (BAYERN)

Guttenberg sieht also Chancen für eine neue Partei. Werden das die „Piraten der Mitte“, mit der Forderung der Abschaf- fung des geistigen Eigentums? Es ist er- schreckend, dass bei einem so intelligen- ten Mann die Machtgeilheit so weit über Schamgefühl und Aufrichtigkeit geht.

CHRISTIANE KAUERAUF, HÖXTER

Diskutieren Sie im Internet

www.spiegel.de/forum und www.facebook.com/DerSpiegel

‣ Titel Lässt sich die Macht der Finanzmärkte brechen?

‣ Doku-Soaps Zeichnet das Fernsehen noch ein realistisches Bild der Gegenwart?

‣ Rechtsextremismus Sollte es eine zentrale Gedenk- veranstaltung für die Opfer des Neonazi-Terrors geben?

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DER

SPIEGEL

50/2011

Briefe

OLIVER LANG / DAPD

PAUL LANGROCK / ZENIT

Briefe OLIVER LANG / DAPD PAUL LANGROCK / ZENIT Affären-Politiker Guttenberg Guttenberg beleidigt die Intelligenz der

Affären-Politiker Guttenberg

Guttenberg beleidigt die Intelligenz der Allgemeinheit, wenn er meint, es klinge glaubhaft, dass ihm diese massiven Urhe- berrechtsverletzungen nicht vorsätzlich unterlaufen sind. Ich jedenfalls hoffe, ihn höchstens noch in einer Werbung für Ko- piergeräte oder Fensterglas im TV sehen zu müssen.

GIORGIO FORLIANO, BERLIN

Wenn ein Comeback denn unbedingt sein muss, täte Herr zu Guttenberg gut daran, sich als Nachfolger von Thomas Gott-

?“ ins Gespräch

schalk für „Wetten, dass zu bringen.

BORIS GROSS, MÜNSTER

Ob es Ihren Autoren gefällt oder nicht – die Mehrheit der Bürger wünscht Gutten- bergs Rückkehr.

DR. KARL HOFMANN, LINGUIZZETTA (KORSIKA)

Nr. 48/2011, Europa – Wie Nationalstaaten zu einem Wir-Gefühl finden könnten

Kostspielig hinken

Welchen irdischen Mächten möchten sich die Autoren verdingen, wenn sie uns Eu- ropäern einen Glauben an die unsichtba- re Hand der göttergleichen Märkte unter- jubeln und damit eine gigantische Um- verteilung der geschaffenen Werte von den produktiven Europäern zu gierigen Spekulanten legitimieren möchten? Die Einigung der Völker in Europa braucht Aufklärung statt Verklärung!

DR. WOLFGANG BEYER, MÜNCHEN

Ein schöner Abschluss Ihrer Trilogie zu Europa. Das europäische Projekt ist und bleibt das modernste und spannendste politische Unternehmen seit der Erfin- dung des Nationalstaats. Spannend ist auch die Frage nach der „Barriere der Sprache“. Falls wir eine mit der des ame- rikanischen Volkes vergleichbare Bevöl- kerungsmobilität erreichen wollen, führt an einer einheitlichen Zweitsprache kein Weg vorbei. Ziel Europas muss es sein, sich auf eine offizielle Amtssprache zu einigen und komplette Zweisprachigkeit in allen Lebensbereichen anzustreben.

PASCAL MICHELS, PRAG

Der Reichtum der nationalen Kulturen wird Europa immer von den USA unter- scheiden. Die wunderbaren Verschieden- heiten dürfen keinesfalls nivelliert, müs- sen vielmehr überbrückt werden durch die Gemeinsamkeit eines Grundwerte- Europa. Wenn wir alle endlich das undif- ferenzierte Entweder-oder-Denken unse- rer Fischers, Cohn-Bendits und Haber- mas’, das nivellierte Europäer- und Welt- bürgertum, hinter uns ließen, brauchten wir den Realitäten nicht so langwierig und kostspielig hinterherzuhinken!

PROF. DR. JOHANNES HEINRICHS, BERLIN

Nr. 48/2011, Gespräch mit Minister Norbert Röttgen über das Weltklima

Krokodilstränen in Durban

Das ganze Umweltgesülze unseres Um- weltministers lenkt nur davon ab, dass wir mit unserem massenhaften Autover- kehr weiterhin mit an der Spitze der glo- balen Umweltzerstörer stehen! Während Röttgen in Durban Krokodilstränen ver- gießt, baut sein Kabinettskollege, Ver- kehrsminister Ramsauer, weiter skrupel- los Betonpisten durch die Landschaft.

GERHARD STOLZ, KARLSRUHE

Ist Herr Röttgen in letzter Zeit mal in Berlin oder einer anderen deutschen Stadt auf der Straße gewesen oder im Su- permarkt? Dann müsste er wissen, dass seine Landsleute den Amis verschwen- dungstechnisch fleißig nacheifern. Viel-

Amis verschwen- dungstechnisch fleißig nacheifern. Viel- Offshore-Windpark Baltic 1 fliegerei, dicke Autos (SUVs),

Offshore-Windpark Baltic 1

fliegerei, dicke Autos (SUVs), Coffee to go, mobile Elektronik – das alles gibt es ebenso hier in irrsinnigem Maße. Und China wäre nicht einer der größten Emit- tenten, wenn es nicht Industriezentrum und Werkbank der Welt wäre. Das alles sind Folgen einer Systemkrise.

STEFANIE GROLL, BERLIN

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DER

SPIEGEL

50/2011

Briefe

OLIVER LANG / DAPD

PATRICK LIMBACH

Nr. 48/2011, Die Emotionen der Kanzlerin

Was ist an der Frau verkehrt?

Sie machen die fehlende Emotionalität von Angela Merkel für die „Dürrezeit“ der Demokratie mitverantwortlich. Ich mache eher solche Artikel verantwortlich. Es interessiert mich nicht die Bohne, was auf dem Kaffeebecher der Kanzlerin steht, ob sie die Stutenmilch probiert hat oder ob sie ihrem Mann morgens das Frühstück macht. Warum? Weil Klatsch nicht zur politischen Meinungs- und Wil- lensbildung beiträgt.

MARLENE VOS, FRANKFURT AM MAIN

Wil- lensbildung beiträgt. MARLENE VOS, FRANKFURT AM MAIN Bundeskanzlerin Merkel Ich danke Dirk Kurbjuweit für seinen

Bundeskanzlerin Merkel

Ich danke Dirk Kurbjuweit für seinen klu- gen, kritischen, respektvollen und sprach- künstlerischen Artikel. Im Übrigen danke ich auch Frau Merkel für ihre unaufge- regte, anscheinend emotionslose Art der Problemlösung. Nicht der Schein, son- dern Ziel und Resultat sind für sie wichtig. Kanzlermäßig war es in Deutschland schon schlimm, und es könnte auch wie- der schlimmer werden. Aber nicht bes- ser – höchstens amüsanter.

cONSTANZE VETTERMANN, MÖHRENDORF (BAYERN)

Angela Merkel hatte in der DDR das drin- gende Bedürfnis nach West-Jeans? Na ja, das wäre dann wirklich mal etwas Neues. Es ist nicht gerade von großer Bedeutung und so plätschert auch der ganze Artikel vor sich hin. Am Ende bleibt mehr als al- les andere der Eindruck: Sie ist ein ganz normaler Mensch. Genau das aber ist, ins- besondere bei Politikern, eigentlich eher ein Kompliment.

ULLRICH FEIERTAG, CHEMNITZ

Ich habe den Artikel zweimal gelesen und kapiere immer noch nicht, was an der Frau verkehrt sein soll. Sie ist hochintel-

Korrektur

zu Heft 48/2011 Seite 85, „Castro gegen Cholera“:

Der Erreger der Cholera ist ein Bak- terium und kein Virus.

ligent, besonnen, durchsetzungsfähig, ih- rem Amtseid treu und hat dazu Witz und Selbstironie. In Europa fallen die soge- nannten Charismatiker derweil reihen- weise vom Sockel. Auch wenn ich nicht jede ihrer Entscheidungen teile – ist doch gut, dass wir sie haben.

HELGA GLÄSENER, OLDENBURG

Nr. 48/2011, Das Behörden-Versagen bei der Fahndung nach dem Rechtsterror-Trio

Fruchtbarer Schoß

Diese Republik muss sich vorhalten las- sen, seit ihrer Gründung Störungen von rechts missachtet und verharmlost zu ha- ben. Das hat mit Adenauers Staatssekre- tär Globke begonnen und hört mit dem heutigen Rechtsextremismus nicht auf.

HANS-JÜRGEN BOCK, BAD KISSINGEN (BAYERN)

Linke gehen auf Politiker oder Bankma- nager, die Säulen unserer Gesellschaft, los. Rechte gehen auf den fremden kleinen Mann los. Beides ist verwerflich. Staatli- cherseits Unterschiede bei der Strafver- folgung zu machen, wie es offensichtlich geschieht, ist ebenfalls verwerflich.

GRETEL DÖBRICH, BERLIN

Wenn jetzt behauptet wird, das Land be- finde sich im Würgegriff der braunen Hor- den, ist das lächerlich. Die NPD sitzt nicht im Bundestag und spielt in den Länder- parlamenten eine untergeordnete Rolle. Auch im täglichen Leben in Berlin-Köpe- nick begegne ich keinen Nazis.

RÜDIGER BÖHRINGER, BERLIN

Allenthalben liest man von Pleiten und Pannen bei der Fahndung. Ich sehe ande- re Ursachen, die gern totgeschwiegen

Ich sehe ande- re Ursachen, die gern totgeschwiegen Neonazi-Demonstration in Dresden werden. Von deutschen

Neonazi-Demonstration in Dresden

werden. Von deutschen Stammtischen bis in höchste Kreise der Gesellschaft ist brau- nes Gedankengut immer noch vorhanden oder wieder auf dem Vormarsch. Der Schoß ist fruchtbar noch!

UDO KAPPLER, MÜNCHEN

Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit Anschrift und Telefonnummer – gekürzt und auch elek- tronisch zu veröffentlichen. Die E-Mail-Anschrift lautet:

leserbriefe@spiegel.de

DER

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Panorama

Deutschland

STEFFEN SCHELLHORN / IMAGO

MANDOGA MEDIA / ACTION PRESS

Neonazi-Demonstration in Halle (Saale) INNENPOLITIK Zählappell für V-Leute in der NPD In der NPD sind
Neonazi-Demonstration in Halle (Saale)
INNENPOLITIK
Zählappell für
V-Leute in der NPD
In der NPD sind derzeit mehr als 130 V-Leute aktiv. Das er-
gibt eine Auflistung aller Quellen, die die Behörden in den
vergangenen Wochen erstellt haben. Die Zahl umfasst sowohl
Funktionäre in den Landesvorständen und der Bundesfüh-
rung als auch einfache Mitglieder. Im Fall eines neuen NPD-
Verbotsverfahrens müssten sich die Verfassungsschutzämter
vermutlich von mehr als hundert dieser V-Leute trennen.
Dabei hatten die Dienste bereits als Konsequenz aus dem
ersten gescheiterten NPD-Verbotsverfahren 2003 die Anzahl
von hochrangigen Zuträgern reduziert, um sich nicht dem
Vorwurf auszusetzen, die Partei werde staatlich gesteuert.
Allerdings berichten immer noch mehr als zehn Informanten
aus den Führungsgremien der Partei. Bei mehr als der Hälfte
der V-Leute handelt es sich um Neonazis, die sowohl in
rechtsextremen Kameradschaften als auch in der NPD aktiv
sind. Sie abzuschalten gilt bei den Innenministern von Bund
und Ländern als besonders heikel, weil damit der Zugang in
die militante Neonazi-Szene extrem erschwert werde. Der
Umgang mit den staatlichen Zuträgern in der NPD ist wich-
tigster Streitpunkt unter den Innenministern. Während die
meisten SPD-geführten Bundesländer bereits ihre V-Leute
aus den Vorständen abgezogen haben und zumindest teil-
weise bereit wären, sämtliche Quellen abzuschalten, gibt es
in CDU-geführten Ländern wie Hessen, Niedersachsen und
Bayern erheblichen Widerstand. Nach dem Beschluss des
Bundesverfassungsgerichts im März 2003 würde ein erneuter
Verbotsantrag wohl nur dann erfolgreich sein, wenn sicher-
gestellt wäre, dass V-Leute weder Einfluss auf die Partei noch
auf das Verfahren hätten.

FDP

Brüderle darf nicht ran

FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle darf nicht auf dem traditionellen Drei- königstreffen der Liberalen Anfang kommenden Jahres in Stuttgart reden. Das hat Parteichef Philipp Rösler ent- schieden. Seit Ende der neunziger

Jahre hatte auf der Veranstaltung bis- lang stets auch der Vorsitzende der Bundestagsfraktion gesprochen. Rös- ler beobachtet Brüderle mit Argwohn, weil dieser in der Partei mittlerweile als der eigentliche starke Mann gilt. An Brüderles Stelle wird General- sekretär Christian Lindner auftreten. Das Dreikönigstreffen gilt als wichti- ges Stimmungsbarometer der Freien Demokraten.

Das Dreikönigstreffen gilt als wichti- ges Stimmungsbarometer der Freien Demokraten. Brüderle DER SPIEGEL 50/2011 1 9

Brüderle

DER

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ALEXANDRA BEIER / GETTY IMAGES

CLEMENS BILAN / DAPD

Panorama

Politische Stimmung „Welche Partei würden Sie wählen, wenn am kommenden Sonntag in Bayern Landtagswahl wäre?“
Politische Stimmung
„Welche Partei würden Sie wählen,
wenn am kommenden Sonntag in
Bayern Landtagswahl wäre?“
– 2,4
Veränderung
zum Wahl-
41
ergebnis 2008
+5,4
24
+0,6
– 1,2
– 5,0
10
9
6
3
CSU
SPD
Grüne
Freie
Piraten
FDP
Wähler
Ude, Seehofer
Forsa-Umfrage vom 26. Oktober bis zum 25. November;
1002 Befragte in Bayern; Angaben in Prozent; an 100
fehlende Prozent: Sonstige
UMFRAGEN
CSU im Tief
Wenn jetzt in Bayern die Landtagswahl wäre, könnte weder
die Koalition aus CSU und FDP noch ein Bündnis aus SPD,
Grünen und Freien Wählern eine Regierung bilden. Laut ei-
ner Forsa-Umfrage von Ende November kommt die CSU
nur auf 41 Prozent – das sind 2,4 Prozent weniger als bei der
desaströsen Landtagswahl Ende September 2008. Die FDP
würde auch in Bayern mit 3 Prozent an der Fünfprozenthürde
scheitern. SPD (24 Prozent), Grüne (10 Prozent) und Freie
Wähler (9 Prozent) überholen die CSU knapp und kommen
gemeinsam auf 43 Prozent. Damit könnte aber auch der de-
signierte Herausforderer von Ministerpräsident Horst See-
hofer (CSU), der Münchner Oberbürgermeister Christian
Ude (SPD), nicht regieren. Vor allem die Grünen mussten
heftige Verluste hinnehmen, Ende August waren sie bei einer
Umfrage im Freistaat noch auf 16 Prozent gekommen. Profi-
teure sind in Bayern offenbar die Piraten, die bei sechs Pro-
zent stehen. Der Auftraggeber der Umfrage, die Bayernpartei,
rangiert weit abgeschlagen bei einem Prozent.

AFFÄREN

Verstrickungen Brauns in sogenannte Schrottimmobiliengeschäfte berichtet hatte, bei denen Anleger offenbar über den Tisch gezogen worden wa- ren. Bereits 2010 hatte das Kammer- gericht Berlin die Immobilienfirma Grüezi Real Estate wegen eines Ge- schäfts mit solchen Immobilien zu 109000 Euro Schadensersatz verur- teilt, weil der Käufer falsch beraten worden war. Braun, der daran nicht beteiligt war, hatte in der Vergangenheit eine Reihe von Verkäufen beurkundet, die Immobilien aus dem Eigentum der Grüezi- Unternehmensgruppe be- trafen. Der Senator ließ ei- nen Sprecher erklären, er dürfe sich aus rechtlichen Gründen zu den Vor- gängen nicht äußern. Er habe sich aber als Notar

nichts vorzuwerfen.

„Sittenwidrige Verträge“

Der Berliner Justizsenator Michael

Braun (CDU) wusste vor seiner Amts- übernahme, dass er wegen dubioser Immobiliengeschäfte unter Druck kommen könnte. Im August war Braun über das Berliner Landgericht ein 32-seitiger Schriftsatz zugestellt worden, der detailliert drei Fälle von vermeintlich „sittenwidri- gen“ Geschäften auflistete, die Braun sowie dessen Sozius als Notare be- urkundet haben sollen. Der Senator steht seit An- fang Dezember in der Kritik, nachdem der Fi- nanzinformationsdienst

Gomopa über angebliche

der Fi- nanzinformationsdienst Gomopa über angebliche Braun ARBEITSMARKT Vorbild Ostdeutschland Frauen in den

Braun

ARBEITSMARKT

Vorbild Ostdeutschland

Frauen in den neuen Bundesländern wollen nach ihrer Elternzeit zu 80 Pro- zent wieder in eine Vollzeitstelle zu- rückkehren. Im Westen sind es weni- ger als 30 Prozent. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des In- stituts für Arbeitsmarkt- und Berufs- forschung (IAB). Die Unterschiede dürften unter anderem darauf zurück- zuführen sein, „dass das Betreuungs- angebot gerade für Kleinkinder in Ost- deutschland immer noch deutlich bes- ser ausgebaut ist als im Westen“, so die Autorinnen der IAB-Studie. Zu- dem hätten 31 Prozent aller erwerbstä- tigen Frauen in den alten Bundeslän- dern keine abgeschlossene Berufsaus- bildung. Im Osten seien es nur 19 Pro- zent.

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DER

SPIEGEL

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Deutschland

ABB / BREUEL-BILD

BUNDESPRÄSIDENT

„Erhebliche Zweifel“

Namhafte Verfassungsrechtler fordern Bundespräsident Christian Wulff dazu auf, das novellierte Stasi-Unterlagen- Gesetz nicht zu unterschreiben. Um- stritten ist vor allem ein neuer Para- graf, der eigens dafür geschaffen wur- de, 45 frühere Stasi-Mitarbeiter aus der Behörde zu entfernen. „Dieses Ge- setz ist rechtsstaatswidrig, der Bundes- präsident sollte es nicht unterzeich- nen“, so der Staatsrechtler Ulrich Bat- tis. „Es ist ein einmaliger Vorgang in der Bundesrepublik, jemanden rück- wirkend per Gesetz zu maßregeln für eine Tatsache, die bei seiner Einstel- lung bekannt war. Das Gesetz ist un- verhältnismäßig, es verstößt gegen mehrere Artikel des Grundgesetzes.“ Nach Überzeugung des Bremer Rechts- wissenschaftlers Wolfgang Däubler verletzt das Gesetz Artikel 33 des Grundgesetzes, wonach jeder nach sei- ner Eignung, Befähigung und fachli- chen Leistung gleichen Zugang zu je- dem öffentlichen Amt hat. „Außerdem wird ohne sachlichen Grund in die Be- rufsfreiheit des Betroffenen eingegrif-

fen.“ Auch der Staatsrechtler Heinrich Amadeus Wolff von der Europa-Uni- versität in Frankfurt (Oder) hat „er- hebliche Zweifel an der Verfassungs- mäßigkeit“ der Norm. Das umstrittene Stasi-Unterlagen-Gesetz liegt seit dem 29. November im Bundespräsidialamt zur Unterschrift vor.

29. November im Bundespräsidialamt zur Unterschrift vor. Wulff, Ehefrau Bettina DAMALS … „Wir werden uns

Wulff, Ehefrau Bettina

DAMALS …
DAMALS …

„Wir werden uns nicht missbrauchen lassen als Hilfstruppe für eine Linksregierung.“

Gerhard Papke, nordrhein-westfäli- scher FDP-Fraktionsvorsitzender, am 29. Juni 2010 zu seiner Weigerung, mit der geplanten rot-grünen Minder- heitsregierung in einzelnen Sachfra- gen zusammenzuarbeiten.

… UND HEUTE

„Wir haben nach harten Verhandlungen ein sehr gutes Ergebnis erzielt.“

Gerhard Papke über das am 9. De- zember 2011 von der FDP gemeinsam mit SPD und Grünen verabschiedete Hilfspaket für überschuldete Kommu- nen im Wert von rund 5,8 Milliarden Euro.

POLITISCHE

BEAMTE

Geld ohne Arbeit

Pläne der Bundesregierung, das Ruhe- gehalt für politische Beamte ab 2012 um mehrere hundert Euro im Monat zu erhöhen, stoßen auf Kritik. Bei der Berechnung der Altersbezüge können danach bis zu drei zusätzliche, fiktive Dienstjahre mitgezählt werden, was bei Staatssekretären um die 600 Euro monatlich mehr ausmachen würde. Eine ähnliche Regelung hatte schon früher einmal bestanden, war aber 1998 als unangemessene Begünstigung gestrichen worden. „Statt die Überver- sorgung politischer Beamter weiter ab- zubauen, wird nun im Schnellverfah- ren nochmals ein ordentlicher Batzen draufgesattelt“, rügt der Speyrer Ver- waltungsrechtsprofessor Hans Herbert von Arnim. Offenbar fürchte die Re- gierungskoalition, bald auseinanderzu- brechen, und wolle so „schnell die politischen Beamten aus dem eigenen Lager zusätzlich finanziell absichern“. Politische Beamte sind etwa Staats- sekretäre und Ministerialdirektoren, aber auch Behördenleiter wie der Ge- neralbundesanwalt.

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Deutschland

Panorama

KARGAR / PICTURE-ALLIANCE / DPA FRANK RUMPENHORST / PICTURE ALLIANCE / DPAJAWED

Hauptbahnhof Frankfurt am Main DEUTSCHE BAHN Schiene soll mehr Geld bringen Die Deutsche Bahn will
Hauptbahnhof Frankfurt am Main
DEUTSCHE
BAHN
Schiene soll mehr Geld bringen
Die Deutsche Bahn will verstärkt Gewinne aus dem steuer-
finanzierten Schienennetz ziehen. Laut einer internen Vor-
lage für den Aufsichtsrat soll der Reinerlös aus dem Betrieb
der Gleise von derzeit 320 Millionen Euro bis zum Jahr 2016
auf 848 Millionen Euro steigen. Das entspräche rund einem
Drittel jener 2,5 Milliarden Euro, die aus dem Bundeshaushalt
jährlich an die Bahn für den Erhalt von Gleisanlagen, Weichen
und Steuerungstechnik fließen. Ermutigt wurde Bahn-Chef
Rüdiger Grube aus Brüssel. Entgegen früherer Kritik an der-
artigen Finanztransaktionen hatte das europäische Parlament
erst vor wenigen Wochen ein geplantes Verbot solcher Ge-
winnabführungen fallengelassen.

ZAHL DER WOCHE

90 Millionen

Euro Abmahnforderungen

gegen Nutzer von Online-Tauschbör- sen will die Regensburger Rechtsan- waltskanzlei Urmann + Collegen an diesem Montag über eine eigens dafür eingerichtete Homepage an Inkasso- firmen versteigern. Die Millionen- summe ergibt sich aus 70000 noch nicht beglichenen Abmahnungen gegen Internetnutzer, die sich illegal Pornofilme aus dem Netz geladen und damit gegen Urheberrechte verstoßen haben sollen.

AFGHANISTAN

Miese Noten

Die Bundesregierung stellt den staatli- chen Institutionen in Afghanistan kein gutes Zeugnis aus. Ämter in Politik und Verwaltung würden oft willkür- lich vergeben, heißt es in dem Entwurf des Fortschrittsberichts Afghanistan, den das Kabinett am Mittwoch verab- schieden will. Eignung, Befähigung und Leistung spielten eine untergeord- nete Rolle. Der afghanischen Regie- rung gelinge es nicht ausreichend, die berechtigten Erwartungen der Bevöl- kerung zu erfüllen. Auch die Men- schenrechtslage verbessere sich nur langsam, so der Bericht. Dagegen habe sich die Sicherheitslage in diesem

Jahr konsolidiert. Das Land könne al- lerdings nur stabilisiert werden, wenn man die Taliban in den Friedenspro- zess mit einbeziehe. Die Bundesregie- rung betont, dass die internationale Gemeinschaft weit über 2014 hinaus in Afghanistan engagiert bleibe.

Gemeinschaft weit über 2014 hinaus in Afghanistan engagiert bleibe. Afghanische Polizisten 22 DER SPIEGEL 50/2011

Afghanische Polizisten

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Kanzlerin Merkel am 8. Dezember in Brüssel

Deutschland

SCHULDENKRISE

FRANCOIS LENOIR / REUTERS

Koalition der Widerwilligen

Der Euro-Gipfel hat Europa tief gespalten: Großbritannien steht abseits, der Rest fühlt sich von den Deutschen und Franzosen gegängelt. Und die Zukunft der Gemeinschaftswährung ist so ungewiss wie zuvor.

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VIRGINIA MAYO / AP

VIRGINIA MAYO / AP

MICHEL EULER / AP

N ach einer halben Stunde war alles gelaufen. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Gipfel, der ein histori-

scher werden sollte, noch gar nicht be- gonnen, ein gutes Ende aber konnte er schon da nicht mehr nehmen. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und der französische Staatspräsident Ni- colas Sarkozy hatten sich am vergange- nen Donnerstag um 19.30 Uhr mit dem britischen Premier David Cameron ge- troffen. Sie wollten ausloten, wie weit Großbritannien die deutsch-französi- schen Rettungspläne für den Euro mittra- gen würde. Nicht sehr weit, wie sich schnell zeigen

sollte. Cameron verlangte für den Fall, dass

die Europäischen Verträge geändert wer- den müssten, weitgehen- de Ausnahmeregelun- gen für sein Land. Vor allem wollte er, dass der britische Finanzsektor keiner europäischen Aufsicht unterworfen würde. Dann können wir es gleich bleibenlas- sen, gaben Merkel und Sarkozy dem Engländer zu verstehen. Und so kam es, dass der Gipfel, der die Wen- de im Kampf um den

Euro einleiten sollte, tat-

sächlich einen Wende- punkt brachte – einen Wendepunkt in der Geschichte der EU. Mitten in ihrer größ- ten Krise ist die Gemeinschaft gespalten, Großbritannien steht im Abseits, mögli- cherweise auf Dauer. Die restlichen Länder wollen der Euro- Gruppe auf dem Weg in eine Fiskalunion folgen, so wie er von Merkel und Sarkozy vorgezeichnet wurde. Es soll eine Stabili- tätsunion werden, mit Schuldenbremsen für die nationalen Haushalte und Sank- tionen für Haushaltssünder, eine Union,

so wie sie Merkel für unabdingbar hält. Viele folgen den Deutschen allenfalls widerwillig, die Einigung kam nur zustan- de, weil die Anleger die Anleihen der kränkelnden Euro-Länder meiden und selbst die starken Staaten mit einer Her- abstufung durch die Rating-Agenturen rechnen müssen. Andere wiederum, die schon seit langem für eine echte Wirt- schaftsregierung eintreten, fragen sich, warum sich die Deutschen so lange ge- ziert haben. Der Gipfel sollte den Kapitalmärkten beweisen, dass die Euro-Länder bereit sind, ihre Währung entschlossen zu ver- teidigen (siehe Titel Seite 40). Von ei- nem Endspiel um den Euro war die Rede, von Europas letzter Chance sprach Sarkozy. Gemessen daran, sind die Ergebnisse eher bescheiden, politisch sind sie höchst

gefährlich: Sie bedeuten das Ende der al- ten EU. Den Kern der neuen Union bilden die 17 Regierungen der Euro-Zone, die sich bis auf weiteres sogar einmal im Monat treffen wollen. Darum herum legt sich ein Ring von bis zu neun Staaten, die den Euro langfristig einführen wollen und sich, so es denn ihre nationalen Parlamen- te erlauben, ebenfalls zu den strengeren Haushaltsregeln der Euro-Zone beken- nen. Der Rest ist zur Drittklassigkeit ver- dammt, angeführt von Großbritannien. Herausgekommen ist eine Konstruk- tion, die den Vorstellungen der Franzosen am nächsten kommt. Paris wollte den Kreis der Entscheider immer möglichst klein halten und das Kontrollrecht der europäischen Institutionen einschränken.

Kontrollrecht der europäischen Institutionen einschränken. Ende der britischen EU-Mitgliedschaft (siehe Kasten Seite

Ende der britischen EU-Mitgliedschaft (siehe Kasten Seite 26). In der Bundesregierung sieht man das Problem. Merkel glaubt aber, dass es kei- ne Alternative gibt. „Die Frage ist ja nicht, ob wir die Schuldenkrise lieber mit der ganzen EU oder in der Euro-Gruppe lö- sen“, sagt ein Regierungsmitglied. „Die Frage ist, wie wir Europa überhaupt noch retten können.“ Und den Euro. Um das Überleben der Einheitswäh- rung zu sichern, will die erweiterte Euro- Gruppe bis März einen gemeinsamen Ver- trag aushandeln, der Schuldenbremsen für alle und (fast) automatische Sanktio- nen für Haushaltssünder vorsieht. Völlig ungeklärt ist allerdings, ob dieser intergouvernementale Vertrag nicht ge- gen EU-Recht verstößt. Selbst Elmar Brok, CDU-Abgeordne- ter im Europa-Parla- ment und Vertrauter Merkels, warnte die Kanzlerin in einem Brief vor einem Abkommen außerhalb des Lissabon- Vertrags. Dies sei „rechtswidrig“. Zweifel an der Kon- struktion äußerten in- tern auch die juristi- schen Dienste von EU- Kommission, Europäi- scher Zentralbank und

dem Ratssekretariat,

also der Vertretung der Mitgliedstaaten in Brüssel. Beim Treffen der sogenannten Sherpas, der vorberei- tenden Unterhändler der beteiligten Re- gierungen, am Vorabend des Gipfels kam es zu einem Wortgefecht zwischen Mer- kels Europa-Berater Nikolaus Meyer- Landrut und dem Chef des juristischen Dienstes des Rates. EU-Ratspräsident Herman Van Rom- puy hatte in den vergangenen Wochen die deutsche Regierungschefin bekniet, ihre Vertragsänderungspläne fallenzulas- sen oder zumindest zu verschieben. Van Rompuy warb stattdessen dafür, die Haus- haltsaufsicht mit Hilfe eines Protokolls des Lissabon-Vertrags zu verschärfen – und dadurch riskante Volksabstimmun- gen in den Ländern zu vermeiden. Mer- kel wies den Vorschlag jedoch brüsk zu- rück, inzwischen ist das Verhältnis der beiden nachhaltig gestört. Rompuy ist menschlich und politisch von Merkel „sehr enttäuscht“. EU-Kommissionspräsident José Manu- el Barroso sprach sogar von „kriegsähnli- chen Zuständen“. Merkel und Sarkozy würden versuchen, allen ihre Meinungen aufzudrücken, obwohl sie selbst sich in kaum einer Frage einig seien. Dass die meisten sich dem deutsch-französischen Duo am Ende beugten, zeigt, wie abhän- gig die EU von ihren beiden größten Geldgebern ist. Der zypriotische Präsi-

beiden größten Geldgebern ist. Der zypriotische Präsi- Gipfel-Teilnehmer Barroso, Van Rompuy, Sarkozy:
beiden größten Geldgebern ist. Der zypriotische Präsi- Gipfel-Teilnehmer Barroso, Van Rompuy, Sarkozy:

Gipfel-Teilnehmer Barroso, Van Rompuy, Sarkozy: „Kriegsähnliche Zustände“

Dadurch sollten Eingriffe in die nationale Souveränität verhindert und der deutsch- französische Motor unentbehrlich ge- macht werden. Großbritannien steht nun weitgehend isoliert da – und muss sich fragen, wel- chen Platz es in diesem Europa überhaupt noch hat. Merkel selbst will verhindern, dass Großbritannien und die Euro-Gruppe im- mer weiter auseinanderdriften. Sie sagte kürzlich im kleinen Kreis, man müsse den Briten das Gefühl geben, sie gehörten weiter zu Europa. Doch die Franzosen sehen das anders. Sie hoffen, dass sie in einer Union ohne Großbritannien mehr Gewicht haben. Deutschland hat die EU trotz aller Dif- ferenzen immer als politischen Partner der USA gesehen. Die Franzosen dage- gen wollen Europa als unabhängigen Machtblock in Konkurrenz zu den Ame- rikanern etablieren. Das ist bislang auch deshalb nicht geglückt, weil die Briten für eine enge transatlantische Bindung der EU gekämpft haben. Diese Auseinan- dersetzung wird nun neu entbrennen. Optimisten wie der frühere Außenmi- nister Joschka Fischer glauben, dass sich Großbritannien schon aus Eigeninteresse am Ende der Kerngruppe wieder anschlie- ßen wird. Doch in Großbritannien sehen viele in Camerons Veto den Anfang vom

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ZUMA PRESS / ACTION PRESS

Das Knurren der Kettenhunde

Trotz des Rückzugs in die Isolation droht Großbritannien den EU-Partnern.

I st das nun das Ende einer jahrzehn- telangen Mesalliance? Ist Großbri- tannien wieder auf bestem Weg zu

werden, was es geografisch und im Geiste immer schon war: eine Insel, politisch und kulturell weit entfernt von jenem Europa, das viele Einhei- mische hier mit leiser Verachtung nur „the continent“ nennen.

In der Nacht zum Freitag hatte sich Premier David Cameron, 45, für die „splendid isolation“ entschieden, war nach Ansicht des ehemaligen Außenministers David Miliband vom europäischen „Supertan- ker“ in das britische „Ruder- boot“ gesprungen. Dass Came- ron sein Veto gegen den Plan der meisten EU-Staaten einge- legt hat, die Euro-Schuldenkrise mittels einer Vertragsänderung innerhalb der Union zu lösen, hat in Wahrheit Großbritan- niens Schwäche gezeigt. Came- ron hat die Partner gezwungen, die Lösung nun außerhalb der Unionsverträge zu suchen, in ei- ner neuen Organisation, bei der die Briten höchstens über den Zaun lugen dürfen. Und was hat der Premier da- bei gewonnen? Nichts. Er hat künftig weniger Einfluss, dafür aber mehr Gegner in Europa. Und er hat viel zerstört. Die Vorstellung von der Ein-

heit Europas ist nun endgültig

dahin. Künftig gibt es den alten EU-Club der 27 – und dazu den Ver- ein der 17 Euro-Länder samt ihren Sympathisanten. Isoliert und paranoid will Großbritannien in Zukunft Heer- scharen von Anwälten beschäftigen, die wie Kettenhunde darüber wachen, dass die Institutionen der Brüsseler Union niemals aktiv werden für die Belange der Euro-Länder. Schon bisher haben die Briten viele Europäer genervt mit ihren ewigen Extrawürsten, Rabattwünschen und Blockaden, für die sie seit ihrem EU- Beitritt 1973 berüchtigt sind. Etwa für ihre einseitige Konzentration auf das möglichst reibungslose Funktionieren des europäischen Binnenmarkts und ihre Sabotage einer gemeinsamen Au- ßenpolitik. Gegen den Entwurf einer

europäischen Verfassung zeigten sie sich genauso allergisch wie gegenüber der europäischen Freizügigkeit. Für Großbritannien beginnt jetzt eine neue Zeitrechnung. Camerons Veto ist der Anfang vom Ende der britischen EU-Mitgliedschaft. Spätes- tens in zehn Jahren, so sagt Charles Grant, Direktor des europafreund- lichen Think-Tanks „Centre for Euro- pean Reform“, wird die Insel ihre

nicht: In Wahrheit ist der Brite ein Europaskeptiker der härteren Art. Sei- ne Abneigung gegen die EU wurde bisher nur von seinem Pragmatismus gedämpft und von seiner Koalitions- vereinbarung mit den eher europaphi- len Liberaldemokraten, von denen manche nun schäumen vor Wut. Doch im Parlament trieb ihn die ei-

gene Fraktion vor sich her mit der For- derung, endlich auf Distanz zum Kon- tinent zu gehen. So vehement, wie die Tories derzeit gegen das Projekt Europa zu Felde ziehen, haben sie das nicht einmal zu Maggie Thatchers Zeiten getan. Viele Briten sehen die EU als neostalinistische Machtmaschi- ne, die nur danach trachtet, ih- rer Demokratie und Wirtschaft den Garaus zu machen. Schril- les EU-Bashing war einst das Hobby politischer Exoten, inzwi- schen ist es mangels engagierter Fürsprecher so verbreitet wie das Rosenzüchten. Wenn der Hausgeistliche der Londoner Börse, Reverend Peter Mullen, behauptet, dass die EU „der Feind der Zivilisation“ sei, dann sagen viele dazu Amen und sonst nichts. Vor vier Jahren noch wollte eine klare Mehrheit der Briten in der EU bleiben – jetzt gilt das nicht mehr. 51 Prozent wollen

EU bleiben – jetzt gilt das nicht mehr. 51 Prozent wollen Premier Cameron in Brüssel: Sprung

Premier Cameron in Brüssel: Sprung ins Ruderboot

Bande mit Brüssel endgültig gekappt haben. Großbritannien wird dann stolz und frei sein wie die Schweiz, eine Schweiz immerhin mit Atomwaffen und einem ständigen Sitz im Welt- sicherheitsrat der Vereinten Nationen. In London war die dramatische Nacht von Brüssel nicht wirklich eine Überraschung. Cameron hatte ange- kündigt, was er tun werde, wenn die anderen Europäer nicht Abstand näh- men von ihrer Forderung nach einer Finanztransaktionsteuer. Der Brüsseler Bankenplan hätte die Briten tatsächlich überproportional viel Geld und Marktanteile gekostet. Am Ende konnte Cameron deshalb nicht anders – und wollte wohl auch

raus. Cameron hat ihnen den

Weg gewiesen. Vielleicht kommt Europa ja besser ohne die Briten aus – sicher ist das aller- dings nicht. Trotz allen Ärgers könnten sie schnell vermisst werden, ohne Groß- britannien fehlt eine auch außerhalb der EU-Grenzen gewichtige Stimme. Und gerade die Deutschen werden dem Vereinigten Königreich womög- lich noch nachtrauern. Londons Ein- satz für den freien Handel, für Rechts- staatlichkeit und den ordnungsgemä- ßen Ablauf der Dinge ist so leicht nicht zu ersetzen. Berlin verliert einen Partner, der ein verlässliches Gegen- gewicht war zum Club jener lockeren europäischen Südstaaten, deren Fi- nanzgebaren den strengen Deutschen schon immer ein Gräuel war.

MARCO EVERS

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THE DAILY TELEGRAPH

dent Dimitris Christofias brachte das Di- lemma auf den Punkt: „Eigentlich müsste man gegen Merkel und Sarkozy eine Re- volution anzetteln, aber jeder von uns braucht die beiden für irgendetwas.“ Trotz des deutschen Widerstandes wol- len Van Rompuy, Barroso und Euro-Grup- pen-Chef Jean-Claude Juncker aber ihre Pläne für gemeinsame Euro-Bonds nicht aufgeben. Bis März 2012, so beschlossen es die Staats- und Regierungschefs auf dem Gipfel, wird das Trio konkrete Vor- schläge zu ihrer Umsetzung machen. Der Euro-Bond-Vorstoß sei auch dazu da, die deutsch-französische Entente zu brechen, erklärte ein EU-Diplomat. Um eine Einigung zu ermöglichen, musste Deutschland noch weitere Zuge- ständnisse machen. Ein Klagerecht gegen Defizitsünder vor dem Europäischen Ge- richtshof, wie von Merkel über Wochen gefordert, wird es nicht geben. Der Kompromiss von Brüssel wird für die Deutschen zudem teurer als bisher geplant. Wird der Start des permanenten Rettungsschirms auf Mitte 2012 vorgezo- gen, muss Deutschland seine Bareinlage ein Jahr früher einzahlen. Das bedeutet eine Mehrbelastung von mindestens 4,3 Milliarden Euro für den Haushalt des kommenden Jahres. Zudem musste Ber- lin sich damit einverstanden erklären, die Deckelung des künftigen Rettungsschirms ESM auf 500 Milliarden Euro „zu über- prüfen“. Und die Euro-Länder wollen dem In- ternationalen Währungsfonds bis zu 200 Milliarden Kredit für Hilfen an Euro-Län- der geben. Das Geld soll von den Noten- banken der EU-Länder kommen, was auf den Widerstand der Bundesbank stößt. Sie sieht darin eine Umgehung der Vor- schrift, die der EZB die Staatsfinanzie- rung untersagt. Aber wie schnell lassen sich all die Er- gebnisse umsetzen? Wie entschlossen sind überhaupt die Regierungschefs, die sich nur ungern Merkel und Sarkozy ge- beugt haben, den Worten Taten folgen zu lassen? Und auf wie viel Widerstand stoßen die Pläne, einen Teil der Souverä- nität an Brüssel abzugeben, in ihren Hei- matländern? Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hält den Zeitplan für die geplanten Reformen für „sehr ambitioniert“, meint aber, dass sie am Bundestag nicht schei- tern werden. Er hat jedoch Bedenken, ob die geplanten Änderungen mit der Recht- sprechung des Bundesverfassungsgerichts in Einklang zu bringen sind. „Der Bundestag wird sorgfältig mögli- che verfassungsrechtliche Probleme prü- fen, die sich durch direkte Eingriffe der EU-Kommission oder eines europäischen Währungskommissars in die nationalen Haushalte und damit das parlamentari- sche Budgetrecht ergeben könnten“, so Lammert. „Der Bundestag wird sorg-

fältig darauf achten, dass solche ver- fassungsrechtlichen Risiken vermieden werden.“ Zunächst aber müssen die Anleger überzeugt werden, dass die beschlosse- nen Maßnahmen tatsächlich ausreichen, um den Euro zu retten. Der Chef des Rettungsfonds EFSF, der Deutsche Klaus Regling, stieß auf erhebliche Skepsis, als er noch in der Gipfelnacht mit Investoren telefonierte: Sie kündigten an, ihr En- gagement in der Euro-Zone zurück- zuführen. Schon im Januar werden die Krisen- länder Italien und Spanien wieder in gro- ßem Umfang Kapital aufnehmen müssen. Wenn die Käufer die Schuldenpapiere dann immer noch verschmähen, werden sofort wieder die Forderungen laut, jene Instrumente einzusetzen, die Merkel bis- her stets abgelehnt hat: Euro-Bonds und ein massives Eingreifen der EZB.

gegen Sicherheiten zur Verfügung stellen. Über die Anforderungen an die Qualität dieser Sicherheiten entscheide sie zu- dem noch selbst. Folglich sei es für die EZB ein Leichtes, den Rettungsschirmen auch ohne Banklizenz Mittel zur Ver- fügung zu stellen. Im Zweifel könne die Notenbank auch direkt auf den Märkten für Staatsanleihen auftreten und massen- haft Papiere aufkaufen, um den Euro zu retten. Ein solches Vorgehen liegt nach An- sicht von Regierungskreisen im eigenen Interesse der Notenbank. Die Geldhüter in Frankfurt würden niemals so weit ge- hen, ihre Prinzipien und Bedenken über die eigene Zukunft zu stellen, so die Ar- gumentation. Würde der Euro scheitern, weil sie Hilfe verweigerten, würden sie sich selbst überflüssig machen. Deshalb, so die Annahme in Berliner Ministerien, werden die EZB-Granden alles daranset-

Berliner Ministerien, werden die EZB-Granden alles daranset- Britische Gipfel-Karikatur: London war immer ein wichtiger

Britische Gipfel-Karikatur: London war immer ein wichtiger Mitstreiter Berlins

Die deutsche Kanzlerin weiß nur zu genau, dass Gemeinschaftsanleihen mit der FDP nicht zu machen sind. Ihre Ko- alition mit den Liberalen wäre dann zu Ende. Sie sei nicht bereit, diesen Schritt zu gehen, erklärte sie kürzlich Vertrauten. Wesentlich flexibler ist die Kanzlerin beim Thema EZB. Stillschweigend verlas- sen sich Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble bei der Euro-Rettung auf die Hilfe der Notenbanker. Die wür- den mit ihren unbegrenzten Mitteln dem Euro zur Hilfe eilen, wenn der Fortbe- stand der Währungsunion in Gefahr sei, so ihr Kalkül. Eine Banklizenz für den europäischen Rettungsschirm EFSF oder dessen permanenten Nachfolger ESM brauche es dafür nicht. In ihrer Unabhängigkeit könne die Zentralbank jeder Finanzinstitution Geld

zen, den Fortbestand des Euro – und da- mit ihre Jobs – zu sichern. Auch die Beamten von Finanzminister Schäuble gehen in ihrem Basisszenario weiter von einer Währungsunion mit 17 Mitgliedern aus. Ein weiteres Szenario mit geringer Eintrittswahrscheinlichkeit unterstellt den Austritt Griechenlands. Alle anderen Länder würden im Euro- Raum bleiben. Zur Not, heißt es im Finanzministeri- um, hätten die beiden Rettungsfonds noch Hunderte Milliarden an Euro im Angebot, mit denen selbst Italien noch für ein paar Monate über Wasser gehalten werden könnte. Und wenn die nicht reichen soll- ten, trete eben die EZB in Aktion.

ARMIN MAHLER, PETER MÜLLER, RALF NEUKIRCH, CHRISTIAN REIERMANN, CHRISTOPH SCHULT

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HENNING SCHACHT

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OPPOSITION

Alles auf links

SPD und Grüne wollen im Wahlkampf für massive Steuer- erhöhungen werben. Was befremdlich wirkt, macht die Union nervös. Sie ahnt: 2013 wird es um soziale Gerechtigkeit gehen.

zent. Vor dem SPD-Parteitag ließ er seine Genossen wissen, er halte Steuererhöhun- gen „für ganz falsch“. Die Mahnung lief ins Leere, ebenso wie die des baden-würt- tembergischen Ministerpräsidenten Win- fried Kretschmann, der seine Grünen mit dem Wort „Steuererhöhungsorgie“ vor dem Spitzensatz von 49 Prozent gewarnt hatte. Die scheidende Grünen-Abgeordnete Christine Scheel, lange Zeit Finanzexper- tin ihrer Fraktion, sagt: „Die Grünen ris-

V iel verheerender hätte das Echo kaum ausfallen können. Vom „rot- grünen Steuerirrsinn“ schrieb die

„Welt“, von einem „Anschlag auf die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands“. Das „Handelsblatt“ sah „die große Um- verteilung“, während die „Frankfurter Allgemeine“ fürchtete, die SPD wolle „dem Mittelstand in der Steuer- und Ar- beitsmarktpolitik eifrig Knüppel zwi- schen die Beine“ werfen. Der „Focus“ nahm sich die Grünen vor und warnte vor deren „Steuerspuk“. Was war passiert? SPD und Grüne mussten dem politi- schen Wahnsinn verfallen sein, zumindest sah es nach Lektüre der eher konservati-

ven Presse so aus. Sie hatten kurz hinter- einander Steuererhöhungen beschlossen, und zwar kräftige. Bis Dienstag vergangener Woche hatten die Sozialdemokraten bei ihrem Berliner Parteitag die Weichen für den Wahlkampf

2013 gestellt. Am Ende stand ein Katalog

an Zumutungen: Der Spitzensteuersatz soll von 42 auf 49 Prozent steigen, die Ab- geltungsteuer von 25 auf 32 Prozent, die Vermögensteuer soll wiederkommen, und reiche Erben sollen mehr zahlen, wenn die Sozialdemokraten regieren.

Noch ein paar Grausamkeiten mehr hatten eine Woche zuvor in Kiel die Grü- nen beschlossen. Geht es nach ihnen, soll der Spitzensteuersatz von 49 Prozent schon ab 80000 Euro Einkommen fällig werden – statt erst ab 100000 Euro, wie es die SPD plant. Kapitalerträge soll jeder wieder so versteuern wie sein Einkom- men – eine Forderung, mit der die SPD- Linke beim Parteitag gescheitert war. Den Ertrag aus der Erbschaftsteuer wollen die Grünen verdoppeln und die Reichsten zehn Jahre lang eine Vermögensabgabe

zahlen lassen, Ertrag: 100 Milliarden Euro. Sind beide Parteien also wieder dort angelangt, wo sie einst herkamen: bei der parlamentarischen Variante des Klassen- kampfs? Und ist ihnen ihr großes Ziel,

2013 wieder zu regieren, plötzlich doch

nicht mehr ganz so wichtig? So sieht es zunächst aus – zumindest verletzen ihre Programme eine politische Grundregel, die jeder Kampagnenplaner verinnerlicht hat: Mit Steuererhöhungen gewinnt man keine Wahl. Kaum jemand weiß das so gut wie Angela Merkel. Im

Wahl. Kaum jemand weiß das so gut wie Angela Merkel. Im SPD-Vorsitzender Gabriel: „Schlicht und einfach

SPD-Vorsitzender Gabriel: „Schlicht und einfach vernünftig“

Wahlkampf 2005 propagierte sie die Er- höhung der Mehrwertsteuer und rettete sich am Ende nur über die Große Koali- tion ins Kanzleramt. Auch Gerhard Schröder kennt das Ge- setz. Während seiner Kanzlerschaft sank der Spitzensteuersatz von 53 auf 42 Pro-

Rotes Umsteuern Steuererhöhungspläne der SPD (Auswahl) und erwartete Mehr- einnahmen für Bund und Länder
Rotes Umsteuern
Steuererhöhungspläne der SPD
(Auswahl) und erwartete Mehr-
einnahmen für Bund und Länder
Einkommensteuer
Anhebung des Spitzen-
steuersatzes auf 49 %
ca.5 Mrd. €
Abgeltungsteuer
Erhöhung auf 32%
ca.800 Mio. €
„Hoteliersgesetze“
Rücknahme der Steuererleichterungen
für Hoteliers, reiche Erben
und Konzerne
ca. 5 Mrd. €
Vermögensteuer
Wiedereinführung
ca. 10 Mrd. €

kieren, mit ihren Steuerplänen die Ak- zeptanz bei der Wirtschaft und in wichti- gen Schichten des bürgerlichen Lagers zu verlieren.“ Doch sind ihre Parteifreunde wirklich verrückt geworden, genauso die Sozial- demokraten, unter ihnen der ehemalige Finanzminister Peer Steinbrück und Frak- tionschef Frank-Walter Steinmeier, beide ausgewiesene Pragmatiker? Oder ist die Zeit vorbei, in der Steuererhöhungen di- rekt in die Niederlage führten? Bei der CDU jedenfalls hätten sie sich Anfang vergangener Woche entspannt zu- rücklehnen müssen. Taten sie aber nicht, stattdessen sind die Strategen im Konrad- Adenauer-Haus seither alarmiert. Bislang waren sie davon ausgegangen, der Wahl- kampf werde ganz im Zeichen der euro- päischen Krise stehen. Seit dem SPD-Par- teitag aber ist ihnen klar, dass da ein wei- teres Sujet auf die Agenda drängt. Sozialdemokraten und Grüne suchten schon länger nach einem Wahlkampfthe- ma, einem richtig großen. Der Kampf um die Atomkraft ist vorbei, beim Thema Europa fällt es ihnen schwer, Unterschie-

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MARKUS HIBBELER / DAPD

de zur Kanzlerin zu markieren. Also ver- fielen sie auf die Gerechtigkeit. Dort ha- ben sie die offene Flanke der schwarz- gelben Koalition erkannt, die schnell noch mal die Steuern um sechs Milliarden Euro senkt, während die Mehrheit der Bevölkerung Steuersenkungen bereits ab- lehnt. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe weiß, dass die soziale Gerechtigkeit 2013 als Thema gefährlich werden könnte. Ge- rade erst offenbarte eine OECD-Studie,

Wo in früheren Wahlkämpfen alle in die Mitte drängten, zeichnet sich für 2013 eine Linksdrift ab. SPD-Chef Sigmar Gabriel erklärt es so:

„Wer in diesen Zeiten für die Regulierung der Finanzmärkte ist, der ist doch nicht mehr links, sondern normal. Und wer es für richtig hält, den Reichtum in der Ge- sellschaft gerechter zu verteilen, der ist auch nicht links, sondern schlicht und ein- fach vernünftig.“ Das heißt, die Mitte ist jetzt links?

fach vernünftig.“ Das heißt, die Mitte ist jetzt links? Grünen-Fraktionschefin Künast: „Höhere Steuern sind

Grünen-Fraktionschefin Künast: „Höhere Steuern sind nötig“

dass hierzulande der Abstand zwischen den oberen und den unteren zehn Pro- zent der Einkommen deutlich stärker ge- wachsen ist als in den meisten anderen untersuchten Staaten. „Es gibt den verständlichen Wunsch in der Bevölkerung, dass es in schwierigen Zeiten gerecht zugeht“, sagt Gröhe. „Als christlich geprägte Partei stellen wir uns dieser Debatte.“ Merkels Generalsekretär ist klar, wie verbreitet der Wunsch in der eigenen Klientel ist – und sogar in der eigenen Partei. Beim CDU-Parteitag Mitte No- vember sah sich die Parteispitze daher genötigt, das Thema Mindestlohn auf die Agenda zu setzen. „Auch bei uns in der CDU waren die Leute nicht mehr überzeugt, im Wahl- kampf verteidigen zu müssen, dass Men- schen für 3,20 Euro die Stunde arbeiten sollten. Das geht gegen jedes Gerechtig- keitsempfinden“, sagt Bundesarbeitsmi- nisterin Ursula von der Leyen. Selbst standfeste Konservative wie Fraktionschef Volker Kauder reden neu- erdings daher wie Herz-Jesu-Sozialisten.

„Sag ich doch“, sagt Sigmar Gabriel. Damit ist er jetzt da, wohin er seit zwei Jahren wollte. Damals, beim Parteitag in Dresden, hielt er seine umjubelte Bewer- bungsrede. Deren zentraler Gedanke lau- tete, dass die SPD aufhören solle, der „Mitte“ hinterherzulaufen, diesem politi- schen Sehnsuchtsort, von dem keiner weiß, wo genau er eigentlich liegt. Statt- dessen müsse die SPD die Mitte definie- ren: Wo wir sind, ist die Mitte, hieß das. Sollte es so weit kommen, hat das we- niger mit Gabriel zu tun als mit der Krise eines ganzen Wirtschaftssystems. Hätten vor drei Jahren Menschen ihre Zelte vor Bankentürmen aufgeschlagen und be- hauptet, sie repräsentierten „die 99 Pro- zent“, hätte man sie erst als Spinner be- lächelt und dann weggetragen. Heute trifft der Protest auf Wohlwollen bis tief in die Mitte der Gesellschaft, selbst Banker bleiben vor den Zelten stehen, um den Besetzern ihre Sympathie zu zei- gen. Der Zweifel am Kapitalismus gehört mittlerweile zum urbanen Bürgertum wie der Latte macchiato und bis vor kurzem die Bionade.

Die früher als Kommunistin verfemte Sahra Wagenknecht darf im Feuilleton der „FAZ“ ganzseitig darlegen, warum der Staat private Großvermögen zur Kri- senbewältigung heranziehen soll. In der „Zeit“ zeigen sich deutsche Millionäre of- fen dafür, endlich höher besteuert zu wer- den. Und nicht einmal die FDP stellt sich noch einer Steuer auf Finanztransaktio- nen in den Weg. Links ist der neue Main- stream. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast sagt: „Vor zehn Jahren wehte ein neo- liberaler Wind durchs Land, heute sagen die Leute: Der Staat muss eine solide Ba- sis für ein funktionierendes Gemeinwesen bieten. Die Mittelschicht akzeptiert hof- fentlich, dass dafür auch höhere Steuern nötig sind.“ Parteichefin Claudia Roth ergänzt, die grünen Forderungen „folgen der Erkennt- nis, dass der Staat selbst trotz größter Sparanstrengungen seine grundlegenden Aufgaben kaum noch erfüllen kann“. Allerdings gibt es ein Problem. Die neu- en Steuerprogramme von SPD und Grü- nen liegen sehr nah beieinander. Zu nah. Um gemeinsam möglichst viele Wähler zu erreichen, müsste sich eigentlich jede der beiden Parteien auf ihre jeweiligen Stärken konzentrieren. Die Sozialdemokraten würden nach dieser Logik versuchen, die Facharbeiter zu gewinnen, den sogenannten kleinen Mann, die Gewerkschafter – während die Grünen das Bionade-Bürgertum bedie- nen müssten, postmaterialistische Stadt- bewohner, die sehr gut verdienen und da- von auch etwas abgeben wollen, aber eben nicht zu viel. Nun aber zielen sie mit ihren finanzpolitischen Beschlüssen auf die gleichen Wähler wie die SPD. Statt eines breiten rot-grünen Angebots gibt es eine Verengung. „SPD und Grüne sind sich nähergekommen“, räumt Roth ein, „aber bei weitem nicht identisch.“ Bereits jetzt aber ahnen manche in der Grünen-Spitze, dass sie Probleme haben dürften, mit ihrer neuen sozialdemokra- tischen Rhetorik in gehobenen bürgerli- chen Kreisen Sympathie zu gewinnen. Künast bemüht sich deshalb um eine dezidiert grüne Begründung für den Be- steuerungstrieb. „Wir Grüne wollen mit den öffentlichen Gütern genauso respekt- voll umgehen wie mit der Natur“, sagt sie. „Wir wollen weder die Schulen noch den Staatshaushalt in marodem Zustand an die folgende Generation übergeben.“ Die sensibilisierte Union reagiert bereits, die bayerische CSU macht ihrer Schwes- terpartei schon mal vor, wie man sich auf den Zeitgeist einstellt. Der Arbeitstitel für ihr Wahlprogramm lautet: „Chancen, Ge- rechtigkeit, Sicherheit“. In dieser Reihen- folge. Es könnte demnächst ganz schön eng werden in der linken Mitte.

RALF BESTE, CHRISTOPH HICKMANN, PETER MÜLLER

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GERHARD LEBER

DEMOKRATIE

Die große Verführung

Nichts verleiht in der deutschen Politik so schnell Prominenz wie der Status des Rebellen. Aber wie viel Wider- spruch verträgt die Demokratie? Eine Erkundung im Reich der Aufständischen und Neinsager. Von René Pfister

A m Ende eines langen Tages steht Frank Schäffler in einem Restau- rant am Rande Berlins und emp-

fängt den Lohn seiner Arbeit. Er ist er- mattet und froh zugleich, in seiner linken Hand hält er ein Pils, mit der rechten nimmt er die Glückwünsche seiner Ge- meinde entgegen. Eine Stunde hat Schäffler gesprochen, von der Berliner Regierung, die das Recht mit den Füßen trete, und von einem Europa, das mit seinen Schulden die bra- ven Sparer in den Ruin treibe. Es fiel das Wort „Hyperinflation“, der Schreckens- begriff der Deutschen. Schäffler liefert den Liberalen in Berlin-Mahlsdorf eine ziemlich präzise Vorstellung der Apoka- lypse. Nun wirken sie seltsam erregt. „Bleiben Sie hart, lassen Sie sich nicht kleinkriegen von den Kriechern im Bun- destag“, hatte ein Mann schon mitten in Schäfflers Rede gerufen. Jetzt packt eine Frau Schäfflers Hand und sagt: „Ich finde es ganz toll, dass wir so einen Querdenker in der Partei haben.“ „Ja, äh, danke, schönen Abend“, sagt Schäffler, es scheint, als sei er selbst über- rascht von dem Zuspruch, den er bei sei- nen Zuhörern findet. Vor nicht allzu lan- ger Zeit war Schäffler ein namenloser Ab- geordneter, dessen rundes Gesicht Ge- mütlichkeit ausstrahlte, Zufriedenheit mit sich und den Verhältnissen. Nun ist der ehemalige Finanzmakler aus Bünde in Ostwestfalen zum großen Aufständischen der deutschen Politik mutiert. In dieser Woche wird das Ergebnis des Mitgliederentscheids der FDP verkündet, das Schäffler zusammen mit Burkhard Hirsch gegen den dauerhaften Euro-Ret- tungsschirm ESM angeschoben hat. Soll- ten sie Erfolg haben, könnte das nicht nur den FDP-Vorsitzenden Philipp Rösler kippen, sondern auch die Berliner Regie- rungskoalition. Es geht um den Rebellen. Macht pro- voziert Widerstand, das gilt gerade für die Demokratie. Heiner Geißler wurde in den neunziger Jahren zum Kritiker des CDU-Dauerkanzlers Helmut Kohl, Ger- hard Schröder scheiterte auch deshalb, weil die Fraktion der Neinsager in der

SPD gegen seine Agenda-Politik zu groß wurde. Der Rebell braucht aber ein spezielles Klima, und im Moment ist es für ihn wieder günstig. Zwei Drittel der Deutschen lehnten die Erweiterung des vorläufigen Euro-Ret- tungsschirms ab, im Bundestag stimmten fünf von sechs Parteien dafür. Zudem miss- trauen die Bürger den etablierten Parteien. Der Rebell will verändern, das ist sein Verdienst, er bewahrt die Politik vor Er- starrung. Aber meistens treibt ihn mehr um, das Versprechen auf Prominenz, ein Bruch in der Biografie, eine Verletzung. Von drei Rebellen soll hier die Rede sein:

von Frank Schäffler, der die Griechen gern aus dem Euro befördern würde; von Peter Gauweiler, der von einer anderen Demokratie träumt; und von Paul Kirch- hof, der Deutschland ein neues, revolu- tionäres Steuerrecht verordnen will. Schäffler und Gauweiler haben sich entschieden, sich nicht mehr um die Linie der Partei zu scheren. Das macht sie nun zu kleinen Stars, zu Leuten, vor denen die Führung auf der Hut sein muss. Wie konnte das passieren? Schäffler hebt sein Bierglas. „Eins nehm ich noch“, sagt er, der Abend war zu schön. Seit der Mitgliederentscheid läuft, schläft er fast jede Nacht in einer anderen Stadt. Am Ende wird er in vier Wochen 45 Termine absolviert haben. Er ist ein Handlungsreisender seiner eigenen Revolte. „Es gibt eine Diskrepanz zwi- schen denen da oben und der Basis“, sagt Schäffler. Auf dieser Diskrepanz ruht nun seine politische Existenz. Schäffler sitzt seit 2005 im Bundestag, in den ersten Jahren war er ein stiller Ar- beiter, dessen spektakulärste Forderung die nach dem Rücktritt des Präsidenten der Bundesanstalt für Finanzdienstleis- tungsaufsicht war, von Jochen Sanio. Dann kam die Euro-Krise. Schäffler hatte es inzwischen zum Obmann seiner Partei im Finanzausschuss gebracht, die Liberalen saßen in der Regierung. Bald begannen sich die Dinge zu drehen, mit der Krise purzelten auch die Gewisshei- ten, aber Schäffler wackelte nicht, er be- harrte auf seinem Weltbild: Steuern sind

nicht, er be- harrte auf seinem Weltbild: Steuern sind Parlamentarier Schäffler, Gauweiler: Ihr Trotz

Parlamentarier Schäffler, Gauweiler: Ihr Trotz

Teufelszeug, für fremde Schulden zahlt Deutschland nicht. Mit einem Mal war er in der Fraktion in der Minderheit, doch Schäffler merkte, dass ihn die Einsamkeit auch interessant machte. Sein Trotz hob ihn heraus aus dem Meer der namenlosen Abgeordneten, er war plötzlich wertvoller als sein kleines Amt in der Fraktion. Am 18. Mai 2010 setzte f_schaeffler folgende Meldung ab: „Bin als Obmann der FDP-Fraktion im Finanz- ausschuss zurückgetreten“. Die damalige Fraktionsvorsitzende Birgit Homburger rief er nicht an, es reichte ihm, dass seine Fans über Twitter informiert wurden. „Es war ein befreiender Moment für mich“, sagt er, aber mit dem Amt streifte er die Hemmungen ab, mit Gefühlen Politik zu machen. Der brave Abgeordnete Schäffler verwandelte sich in den Populisten Schäff- ler. Er machte die Angst der Deutschen um ihr Sparkonto zu seiner Waffe.

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BERND KAMMERER / ACTION PRESS

MALTE OSSOWSKI / SVEN SIMON / PICTURE ALLIANCE / DPA

PRESS MALTE OSSOWSKI / SVEN SIMON / PICTURE ALLIANCE / DPA hebt sie heraus aus dem
PRESS MALTE OSSOWSKI / SVEN SIMON / PICTURE ALLIANCE / DPA hebt sie heraus aus dem

hebt sie heraus aus dem Meer der namenlosen Abgeordneten

Man könnte Schäffler den klassischen Rebellen nennen. Dessen Stunde ist ge- kommen, wenn sich die Mächtigen zu sehr vom Volk entfernen. Schäffler hat es als Euro-Rebell auch deshalb so leicht, weil es im Bundestag keine bürgerliche Kraft gibt, die die Skepsis der Bevöl- kerung aufnimmt. „90 Prozent der Deut- schen denken wie ich“, sagt er. Das ist sicher übertrieben, aber er trifft eine Stim- mung, und er hat sich dafür entschieden, aus ihr Profit zu schlagen. Schäffler lässt das Publikum gruseln, so versucht er es zu beeindrucken. Peter Gauweiler will den Zuhörern eher Spaß bereiten. Spannung liegt in der Halle, es wird Berührungen geben, Körperkontakt. Noch vor einer halben Stunde hatte sich Gauweiler ein bisschen geziert. „Eure ganze Umarmerei hat doch etwas Ge- künsteltes“, hatte er gesagt, aber jetzt

schlingt sich der Arm von Claudia Roth um seine Schultern, sie drückt und bus- selt. Die Menschen im Münchner Paula- ner Wirtshaus jauchzen. Gauweiler ist jetzt 62 Jahre alt, er war Schüler von Franz Josef Strauß und der Mann, der eine Meldepflicht für HIV-In- fizierte einführen wollte. Jetzt liegt er in einer Bierschwemme auf dem Nockher- berg am Busen der Grünen-Chefin, und wieder einmal hat er seinen Ruf gefestigt, der große Querkopf der deutschen Kon- servativen zu sein. Wie Schäffler lehnt sich Gauweiler ge- gen die Verhältnisse auf, aber seine Re- bellion geht tiefer, er wehrt sich nicht nur gegen Rettungsschirme und Griechen- land-Hilfen, er rebelliert gegen das Sys- tem an sich. Was Gauweiler will, ist eine andere Demokratie, eine Politik, die nicht länger von den Parteien und ihren Herr- schaftsritualen bestimmt wird.

EZB-Zentrale in Frankfurt am Main

Misstrauen gegen die Euro-Rettungsschirme

In der vergangenen Woche stellte er ei- nen Kolumnenband vor, den er zusam- men mit dem Münchner Oberbürgermeis- ter Christian Ude geschrieben hat. Ude ist der Mann, der die CSU in zwei Jahren aus der bayerischen Staatskanzlei verja- gen will. Gauweiler, der einmal das Kli- schee eines CSU-Politikers war, liebt jetzt nichts mehr, als dem Klischee zu entkom- men. Als er in München zusammen mit Claudia Roth auftritt, sagt er: „Ich begrü- ße auf unserer CSU-Veranstaltung unsere Starrednerin.“ Er dankt ganz herzlich al- len Grünen, die den Weg auf den Nock- herberg gefunden haben. Dann klingelt das Handy in seiner Hosentasche. Er zieht es heraus und drückt den Anruf weg. Er guckt ins Publikum und sagt:

„Das war der Seehofer.“ Riesengelächter. Es gibt kaum einen in der deutschen Politik, der sein Publikum so zu unter- halten weiß, aber zum Spaß gesellt sich bei Gauweiler auch eine Spur Dünkel. Viele seiner Kollegen sieht er als bedau- ernswerte Zwerge, die der Willkür der Fraktionsführung ausgeliefert sind. Ge- ben nicht fast alle Abgeordneten in ihren Lebensläufen das an, was sie ursprünglich gelernt haben? „Daran können Sie sehen, dass der Wähler es für richtig hält, dass die Politiker einen Beruf haben.“ Gauweiler sagt das bei einem Mittag- essen im China Club am Pariser Platz in Berlin. Seit ein paar Jahren ist er Partner der Münchner Kanzlei, die den verstor- benen Filmhändler Leo Kirch gegen die Deutsche Bank vertritt. Es geht dabei um eine der größten Schadensersatzsummen, die je vor einem deutschen Zivilgericht verhandelt wurde. Gauweiler hat viele Ideen, wie man die deutsche Demokratie umbauen könn- te. Er will künftig keine Listenabgeord- neten mehr in den Bundestag wählen lassen, weil er sie ohnehin nur für Be- fehlsempfänger ihrer Parteien hält. Er spricht sich für die Direktwahl des Bun- despräsidenten aus und möchte das Volk über Plebiszite die Politik mitbestimmen lassen. Auf wundersame Weise bedienen seine Vorschläge all jene Vorbehalte, die die Bürger gegen die Parteiendemokratie hegen. Das Kuriose am Gestus des Rebellen ist, dass er bis in die obersten Etagen der Politik vorgedrungen ist. Wer populär sein will, muss auch eine widerständige Seite zeigen. Als Horst Köhler noch Bun- despräsident war, gerierte er sich als Chef- kritiker jener Parteien, die ihn zuvor ins Amt gehievt hatten. Er erklärte nicht die Politik, er machte sie verächtlich. Karl- Theodor zu Guttenbergs Popularität grün- dete auch auf seinem Nein zu Hilfen für Opel, er drohte sogar mit Rücktritt. Dass die Hilfen für Opel trotzdem kamen und

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MAURICE WEISS / DER SPIEGEL

MAURICE WEISS / DER SPIEGEL Steuerrebell Kirchhof: „Die Menschen wollen den großen Wurf“ Guttenberg im Amt

Steuerrebell Kirchhof: „Die Menschen wollen den großen Wurf“

Guttenberg im Amt blieb, ging dann ir- gendwie unter. Natürlich wird die Politik durch Wider- spruch vorangetrieben, aber sie funktio- niert nur mit einem Mindestmaß an Loya- lität. Wenn Kritik nur dazu dient, sich selbst zu erhöhen, gerät das System ins Wanken. Irgendwann ist dann der Kanz- ler der Letzte, der sich nicht dauernd auf- lehnen kann. Rebellion ist im Moment die große Ver- führung der Politik. Wer der Unzufrie- denheit mit der Euro-Politik und der Par- teiendemokratie eine Stimme gibt, wird reich entlohnt. Ohne seinen Aufstand ge- gen die Euro-Politik hätte es Schäffler nicht in Talkshows geschafft, und Gau- weilers Popularität erklärt sich damit, dass er sich an der CSU reibt. Allerdings, man muss sich trauen. Die Freunde von gestern wenden sich ab, plötzlich sitzt man allein im Bundestags- restaurant. „Was man erlebt, ist Liebesent- zug“, sagt Schäffler. In der Fraktion schla- ge ihm manchmal eine „Atmosphäre der Aggressivität“ entgegen, sagt Gauweiler. Nicht jeder hat die Nerven dafür. Es braucht schon einen starken Antrieb. Schäffler hofft auf einen sicheren Listen- platz für die nächste Bundestagswahl, und die neugewonnene Popularität hilft ihm auf dem Weg dorthin. Bei Gauweiler ging es auch um den Kampf mit seiner Biografie. In seinem früheren Leben war er nicht Rebell, sondern Jünger, sein Vor- bild hieß Franz Josef Strauß. Auf dem Sims seines Büros in München steht noch ein Bild, das Strauß mit dem 35-jährigen Münchner Kreisverwaltungsreferenten Gauweiler zeigt. Als Strauß 1988 starb, brach für Gau- weiler eine Welt zusammen, plötzlich war sein Fixstern vom Himmel verschwunden.

In seiner Trauer verschickte er damals ein Gedicht von Walt Whitman, es trägt den Titel „O Captain! My Captain!“. Nach- dem sein Idol tot war, wollte er sich nie- mandem mehr unterordnen. „Ich hab das einmal gemacht beim Strauß“, sagt Gau- weiler. „Das reicht.“ Paul Kirchhof war nie Jünger, im Ge- genteil, er war immer ein Mann, der nur seinem eigenen Verstand vertraute. Er lehrt seit über 30 Jahren Steuerrecht, 12 Jahre lang war er Richter am Bundesver- fassungsgericht, aber seit jenen verhäng- nisvollen Monaten im Sommer 2005 ken- nen ihn die Deutschen als den herzlosen „Professor aus Heidelberg“. Er steht vor einem Mikrofon und schwärmt. Draußen liegt die Nacht über dem Berliner Wannsee, „aber bald kommt der sonnige Morgen“. Kirchhof meint das auch im übertragenen Sinn. Er ist auf die Insel Schwanenwerder gekommen, um in der feudalen Repräsentanz eines schwäbi- schen Schraubenherstellers sein Steuer- konzept vorzustellen. Kirchhof kämpft schon lange für ein anderes Steuerrecht. Aber nun geht es auch darum, gegen die Demütigungen der Politik zu rebellieren. Kirchhof ist kein Mann aus dem Sys- tem wie Gauweiler oder Schäffler, er ist zum Rebell geworden, weil er dem Sys- tem etwas beweisen will. Als ihn Angela Merkel zum Schatten-Finanzminister machte, scheiterte er unter anderem, weil er glaubte, die Politik würde nach den Regeln der Vernunft funktionieren. Sein Steuergesetzbuch war damals noch nicht fertig, aber er schlug vor, den Einkommensteuersatz zu senken und da- für zahlreiche Ausnahmen zu streichen, etwa die steuerfreien Nachtzuschläge. Es war ein vernünftiger Vorschlag, aber dar- um ging es im Wahlkampf nicht. Was der

damalige Kanzler Gerhard Schröder brauchte, war ein böser Bube, der den Krankenschwestern die Zulagen kürzt. Er könne kritische Fragen sehr gut be- antworten. „Aber im Wahlkampf verän- dert sich der Richtigkeitswert von Mel- dungen“, sagt Kirchhof. In seinem Haus in Heidelberg stehen noch die Leitz-Ord- ner mit den Schmähartikeln aus der schlimmen Zeit. Es ist eine Wunde, die nur langsam verheilt. Mit seinem Steuerkonzept will Kirch- hof auch seine Ehre retten. Seit Mai ist er jetzt fast jeden Abend unterwegs, er hat vor Gewerkschaftern gesprochen, vor Arbeitgebern und Steuerberatern, insge- samt waren es über 200 Veranstaltungen. Er glaubt, wenn er nur lange genug redet, dann erkennen die Bürger, wie zwingend seine Gedanken sind. „Die Menschen wollen den großen Wurf“, sagt er. Kirch- hof ist ein Rebell der Vernunft, ihm fehlen der populistische Eifer Schäfflers und die Entertainer-Qualitäten Gauweilers. Aber wie jeder Rebell will er die radi- kale Lösung. Das macht die Ideen des Re- bellen so attraktiv, sie heben sich ab vom öden Klein-Klein der Politik, die hier an einer Schraube dreht und dort einen Knopf drückt. Der Rebell gibt eine Vor- stellung davon, wie Politik ohne Angst aussehen könnte. Die Nachtseite des Rebellen heißt Ex- tremismus. Der macht ihn interessant, aber manchmal auch gefährlich. Wenn Schäffler sich mit seiner Forderung durch- setzte und Hilfen für Pleitestaaten gestri- chen würden, dann könnte nicht nur der Euro zerbrechen, sondern auch das glo- bale Bankensystem. Schäffler, der große Angstmacher, nennt das die Horrorvision seiner Gegner. Aber den Gegenbeweis kann er nicht antreten. Möglicherweise ist deswegen seine Un- terschriftenaktion ins Stocken geraten. Bis Mitte vergangener Woche waren erst 14800 Antwortbriefe in der Berliner FDP- Zentrale eingegangen, 21499 braucht er, damit überhaupt das Quorum für eine gültige Abstimmung erreicht ist. „Es wird eng“, sagt Schäffler. Die Frage ist, was ein gescheiterter Rebell macht. Gibt es einen Weg zurück? Anfang Oktober kandidierte Peter Gau- weiler für den stellvertretenden CSU-Vor- sitz. Der ewige Außenseiter wollte doch noch einmal ins Zentrum der Macht. In seiner Bewerbungsrede fand der Kandi- dat Gauweiler wieder Verständnis für die kleinen Kompromisse, die der Rebell Gauweiler gern kritisiert hatte. Das war nicht spaßig, das war anbiedernd. Er ver- lor, wenn auch sehr knapp. Am Ende stand Gauweiler mit gelo- ckertem Krawattenknoten in der Nürn- berger Messehalle und blickte traurig in die Kameras. „Das ist das politische Spiel“, sagte er. „Man nennt es Demo- kratie.“

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HENNING KAISER / DAPD

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feindete Staaten. Wulff setzt sich durch, das Protokoll über die Sitzung des Ältes- tenrats wird im Nachhinein um den Pas- sus ergänzt, dass der Termin für die Ge- denkfeier noch nicht feststehe. Es ist ein Punktsieg für Wulff, das kommt in diesem Duell selten vor. Bis- lang war es meist Lammert, der sich durchsetzte, wenn die beiden CDU-Poli- tiker aneinandergerieten. Schon bei den Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit im Oktober 2010 droh- te Lammert Wulff den Rang abzulaufen. Damals musste der Bundespräsident tur- nusgemäß in der Provinz reden, in Bre- men, und dem Bundestagspräsidenten die Bühne in der Hauptstadt überlassen. Der inszenierte eine große Einheitsshow in- klusive Helmut Kohl und Feuerwerk vor dem Berliner Reichstagsgebäude.

STAATSOBERHAUPT

Rivalität am Rednerpult

Die obersten Repräsentanten des Staates harmonieren nicht. In einem zähen Kleinkrieg ringen Christian Wulff und Norbert Lammert um die Frage, wer die Nummer eins im Land ist.

C hristian Wulff lernt schnell. Der Bundespräsident ist erst seit weni- gen Tagen unterwegs in Asien,

schon kann er mit asiatischer Ruhe lä-

cheln und ganz nebenbei Bosheiten aus- teilen. Wulff sitzt in einem Konferenz- raum eines Hotels in Dhaka, mit seiner Delegation und den mitreisenden Jour- nalisten will er eine Zwi-

schenbilanz seiner Gesprä- che in Bangladesch ziehen. Im Schlepptau des Präsi- denten reisen auch die Bun- destagsabgeordneten Holger Ortel und Sebastian Edathy. Beide stehen etwas verloren im Raum, bis Wulff sie nach vorn bittet. „Kommen Sie“, sagt der Präsident, „bei uns sitzt das Parlament in der ersten Reihe.“ Sein Mund verzieht sich zu einem mali- ziösen Lächeln. Ein paar Leute schauen sich verstoh- len an. Ihnen ist klar: Es geht nur vordergründig um gute Sitzplätze für Ortel und Eda- thy. Wulffs Worte sind vor allem eine Spitze gegen den deutschen Bundestagspräsi- denten Norbert Lammert. Die Nummer zwei der Re- publik nervt die Nummer eins derzeit gewaltig – auch in Bangladesch, in über 7000 Kilometer Entfernung von

Berlin. Seit Monaten führen die beiden höchsten Repräsentanten des Staats einen zähen Kleinkrieg darum, wer der wirklich bedeutendste Repräsentant des Staates ist, wer wann und wo die wichtigen Worte spricht. Ausgerechnet jetzt, da sich die Deut- schen nach klaren Worten gegen den Nazi-Terror sehnen und der Gemütshaus- halt des Landes lädiert ist wie lange nicht, erreicht die Rivalität zwischen Wulff und Lammert einen neuen Höhepunkt. Zu be- sichtigen ist ein wochenlanger, unwürdi- ger Zank um die Frage, wann und wo die Gedenkfeier für die Opfer stattfinden soll und wer sie ausrichten darf. Am vorletzten Donnerstag fällt im

dunklen Bürogebäude des Bundespräsi- denten, diesem schwarzen Ei direkt neben Schloss Bellevue, das Wort „Eskalation“. Normal geht es hier ruhig zu, wie schall-

gedämpft. Die Beamten genießen den Ton, kein Gebrüll wie unter Horst Köhler, keine Wutausbrüche. Wulff, seit 17 Mo- naten im Amt, ist ein beliebter Präsident, beim Volk und bei seinen Beamten. Doch jetzt jagt eine Meldung über die Nachrichtenticker, die die Ruhe jäh be- endet. Es geht um Lammert, mal wieder.

die Ruhe jäh be- endet. Es geht um Lammert, mal wieder. Christdemokraten Wulff, Lammert*: Unwürdiger Zank

Christdemokraten Wulff, Lammert*: Unwürdiger Zank um das Gedenken für die Neonazi-Opfer

Im Ältestenrat hat der Bundestagspräsi- dent unter dem Stichwort Sonstiges einen Termin für das Gedenken an die Opfer der Nazi-Terrorgruppe mitgeteilt. Der 23. Februar 2012 soll es sein. Das Problem ist: Die Gedenkfeier ist Wulffs Veranstaltung. Erst in der Woche zuvor hatte der Präsident Lammert ange- tragen, die Feierlichkeit im Parlament aus- zurichten. Doch der hatte abgewinkt. Jetzt plant Wulff, mit der Bundesregie- rung, ohne Lammert. Dass ausgerechnet Lammert den Termin im Ältestenrat be- kannt macht, versteht Wulff so, wie es gemeint ist: als wohldosierte Frechheit. Die Protokollabteilungen der beiden Häuser tauschen Depeschen aus wie ver-

* Mit Wulffs Ehefrau Bettina in der Kreuzkirche in Bonn beim Gottesdienst zum Tag der Deutschen Einheit 2011.

Lammert bestreitet jegliche Meinungs- verschiedenheit mit Wulff. „Ich nehme meine Rolle so ernst wie andere ihre auch und gebe mir dabei Mühe, nicht in die Schrebergärten anderer einzudringen.“ Im kleinen Kreis macht er aber kein Hehl dar- aus, dass er sich das Amt des Bundesprä- sidenten durchaus zutraut. Er wäre es auch gern geworden, als im Juni 2010 die Nachfolge Horst Köhlers anstand. Ironisch, mit intellektuellem Überbau und oft selbstverliebtem Wortgedrechsel führt Lammert seit 2005 als Bundestagspräsi- dent die Debatten im Plenum. So mancher Auftritt rutscht auch mal ins Clownhafte ab, etwa als Lammert einmal in der Berli- ner Philharmonie den Taktstock von Chef- dirigent Sir Simon Rattle übernahm. Als Köhler zurücktrat, fiel Lammerts Name als einer der ersten. Aber Merkel

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zog den pflegeleichteren Wulff vor. Der wird, anders als Lammert im Bundestag, nicht mit Rekordergebnis gewählt, son- dern erst im dritten Wahlgang. Selbstver- trauen kann da nicht entstehen. Jetzt betreibt Lammert das Geschäft des Ersatz-Präsidenten von seiner alten Bühne aus. Ihn kümmert wenig, wer un- ter ihm Staatsoberhaupt ist. Er und nicht Wulff ist der Erste, der bei der Euro-Ret- tung mehr Mitsprache des deutschen Bun- destags einfordert. Er und nicht Wulff ist der Erste, der sich im Namen der Bun- destagsabgeordneten bei den Opfern des Nazi-Terrors in aller Öffentlichkeit für das Versagen der Ermittler entschuldigt. Wulff dagegen zögert. Er will anders sein als sein Vorgänger, weiß aber nicht, wie. Vor allem will er nichts falsch ma- chen. Daher liefert er vor allem eines – Bilder. Die einzige Macht des Präsiden- ten, das Wort, nutzt er dagegen kaum. Eine „Berliner Rede“, das etablierte Fo- rum seiner Vorgänger zur politischen Standortbestimmung, hat er bislang nicht gehalten. Und aus der angekündigten Denkfabrik, einer Runde von Experten, die dem Präsidenten als Stichwortgeber dienen sollte, wird erst mal auch nichts. Wulff, das ist in der Öffentlichkeit vor allem der nette Mann mit der hübschen Frau. Zuletzt zeigte die Hochglanzpresse Fotos vom turtelnden Präsidentenpaar

Deutschland

auf dem Bundespresseball. Das ist erfri- schend, aber ein bisschen wenig, wenn das Land auf eine Wortmeldung seines Präsidenten zur rechten Gewalt wartet. Dabei ist es nicht so, dass Wulff das Thema nicht umtreibt. Im Gegenteil:

Wulff findet, dass Lammert, aber auch die Regierung nach dem Auffliegen der Zwickauer Zelle, nach dem Blick Deutschlands in seinen braunen Mörder- Sumpf nicht angemessen reagiert hat. Sei-

Wulff will etwas für seine „Bunte Republik Deutsch- land“ tun, die er sich bei Amtsantritt gewünscht hat.

ne Sorge gilt dem Ansehen Deutschlands, aber auch den Angehörigen der Ermor- deten, die er so schnell wie möglich im Schloss Bellevue zu Gast haben wollte. Er redet nicht von diesen Gesprächen, die er dort geführt hat. Aber es hat ihn mitgenommen, als diese Angehörigen ihm erzählt haben, wie sie in den Ver- nehmungen Unterstellungen über sich er- gehen lassen mussten, dass es doch Ver- strickungen in türkisch-mafiöse Struktu- ren geben müsse. Es hat ihn entsetzt zu erfahren, dass diese Frauen, Töchter und

Söhne oft in Hartz IV landeten, weil der Ernährer der Familie, der Vater und Ehe- mann, nicht mehr da war. Wulff sieht es als seine Aufgabe an, mit einer Trauerfeier etwas für seine „Bunte Republik Deutschland“ zu tun, die er sich in seiner Antrittsrede unmittelbar nach der Wahl zum Präsidenten im Sommer vergangenen Jahres gewünscht hat. Wulff weiß, dass er schon in der De- batte um die Islam-Thesen Thilo Sarrazins gepatzt hat – das sorgt nun zusätzlich für Druck. Im Herbst 2010 hatte Wulff Sym- pathie für einen Abgang Sarrazins aus der Bundesbank erkennen lassen, obwohl er am Ende selbst unbefangen über des- sen Entlassung zu entscheiden hatte. Jetzt will Wulff alles richtig machen. In seiner Weihnachtsansprache plant er dem rechten Terror großen Raum zu ge- ben. Und auch wenn die Einzelheiten für die Gedenkfeier Ende Februar im Kon- zerthaus am Berliner Gendarmenmarkt noch festgezurrt werden, soll die Rede des Präsidenten jedenfalls ein zentraler Bestandteil sein. Lammert dagegen wird, so die Pläne des Präsidialamts, keine grö- ßere Rolle spielen. Der Bundestagspräsi- dent wird zwar eingeladen, reden soll er aber wohl nicht. Einmal zumindest soll ganz klar sein, wer Nummer eins ist – und wer Nummer zwei.

PETER MÜLLER, CHRISTOPH SCHWENNICKE

ISLAMISMUS

Sieg oder Märtyrertum

Die jüngste Festnahme eines Terrorverdächtigen im Ruhrgebiet zeigt: Al-Qaida arbeitet trotz diverser Rückschläge an Plänen für Anschläge in Deutschland.

H alil S. ist ein Mann, der sich bes- tens mit Computern auskennt. Wenn er im Internet unterwegs

war, mietete er sich oft den verschlüssel- ten Zugang eines speziellen Anbieters, so dass die Ermittler nicht verfolgen konn- ten, was er online tat. Die auf ihn ange- setzten Beamten der GSG 9 mussten mit dem Zugriff deshalb warten, bis S. seinen Computer hochgefahren und die ver- schlüsselte Verbindung aufgebaut hatte. Der Moment kam am vergangenen Donnerstag um 12.05 Uhr. Halil S. war online, als ein GSG-9-Kommando die Tür des Bochumer Studentenwohnheims auf- brach, in dem S. unter falschem Namen wohnte. Die Polizisten warfen ihn zu Bo- den und sicherten den Computer. Der 27-Jährige soll die Nummer vier der „Düsseldorfer Zelle“ gewesen sein, die von der Bundesanwaltschaft im April ausgehoben wurde. Die Gruppe gilt als die aktuelle Filiale von al-Qaida in Deutschland, deren Aufgabe es gewesen sein soll, in Europa einen großen An- schlag zu verüben. Der Marokkaner Abdeladim el-K. und zwei seiner Gefolgsleute sitzen bereits in Haft, aber S. soll den Plan weiter voran- getrieben haben. Im Mai suchte er den direkten Kontakt zu Anwar al-Awlaki, dem Qaida-Vordenker auf der arabischen Halbinsel. „Abdullah“, wie sich S. nannte, schwärmte ihm gegenüber von automati- schen Schusswaffen und sprach über ei- nen Anschlag mit Sprengstoff. Er berich- tete auch, wie er Geld durch Betrügereien auftreiben wollte. Aus dem Jemen erhielt er Rat und Anweisungen. Monatelang schien Halil S. der gefähr- lichste Terrorverdächtige der Republik zu sein. Er hielt nicht nur Hunderte Ermittler auf Trab, sondern auch Kanzleramtschef Ronald Pofalla (CDU) und Bundesinnen- minister Hans-Peter Friedrich (CSU), die sich laufend informieren ließen. Die Er- mittler versuchten auch eine Online- Durchsuchung, scheiterten aber. Die Festnahme zeigt, dass al-Qaida nicht aufgeben will, trotz der schweren Rückschläge, die das Terrornetzwerk in den vergangenen Monaten erlitten hat. Osama Bin Laden ist tot, ebenso sein

DANIEL KOPATSCH / DAPD (L.)
DANIEL KOPATSCH / DAPD (L.)

Terrorverdächtige Halil S.*, Abdeladim el-K.: „Brüder, die die Arbeit fortführen“

Operativchef Atija Abd al-Rahman, der die deutsche Gruppe dirigiert haben soll und im August in Pakistan Opfer eines Raketenangriffs wurde – so wie Awlaki, den die CIA im September tötete. Halil S., der in Gelsenkirchen geboren wurde und Maschinenbau studierte, fiel den Ermittlern zum ersten Mal am 16. April auf, als er Abdeladim el-K. in Düs- seldorf besuchte. Auf einem Überwa- chungsvideo ist zu sehen, wie Halil S. eine Wohnung betritt, die sich später als das Hauptquartier der Islamisten heraus- stellte. Die Ermittler hörten in der ver- wanzten Wohnung mit, wie sich S. mit K. unterhielt. Sie hörten seine Stimme, aber sie kannten seinen Namen noch nicht. Für sie war er nur der Mann mit dem roten Pullover. Dass Halil S. eine besondere Rolle spie- len musste, war allerdings schnell klar. An jenem Tag übergab er K. eine Liste mit 45 Namen von Kreditkarteninhabern plus Adressen und Passwörtern – ein Fun- dus an Daten, um mit gefälschten Identi- täten zu operieren. In K.s Telefonbuch war die Nummer von S. eingetragen, spe- ziell codiert. Halil S., das vermuten die Ermittler, ge- hört zu einem Kreis von jungen Freiwil- ligen, die K. um sich geschart hatte. Auf einem USB-Stick fanden die Ermittler ei- nen Brief, den K. offenbar an Atija Abd al-Rahman geschrieben hatte. „Oh, unser Scheich, gepriesen sei Allah“, heißt es da, „deutsche Geheimdienste wa- ren über mich informiert.“ Er habe des- halb sein Aussehen verändert und den Auf-

* Nach seiner Festnahme am vergangenen Freitag in Karlsruhe.

enthaltsort gewechselt. „Ich trainiere eini- ge Jugendliche aus Europa, die in Sachen Sicherheit sauber sind“, schrieb K., er wol- le „Brüder hinterlassen, die die Arbeit fort- führen“. Der Brief wurde am 14. April ge- speichert, zwei Wochen vor K.s Festnah- me. War S. einer der „Brüder“, die angeb- lich noch nicht aufgefallen waren? Am 1. Mai, zwei Tage nach dem Zugriff von Düsseldorf, orderte S. jedenfalls im Internet ein Wanzenaufspürgerät und ei- nen „Spy-Wecker“ mit einer Kamera. Er bestellte mit einem gefälschten Pass auch einen Computer, den er an einer Pack- station der Post abholte, ohne zu zahlen. Von da an, so scheint es, wurde der Be- trug zum System. Mit den falschen Papie- ren eröffnete er Bankkonten und einen Zugang bei Ebay. Dann knüpfte er Kon- takte nach Norddeutschland, in das Mi- lieu der Organisierten Kriminalität. Seine Partner wussten aber wohl nichts von sei- nem islamistischen Hintergrund. Über Ebay bot S. hochwertige Spiegel- reflexkameras an, zu versenden gegen Vorkasse, nur geliefert wurde nicht. 5200 Euro sollen auf diese Weise als Gewinn geblieben sein. Die Ermittler vermuten, dass S. mit dem Geld auch Vorbereitun- gen für einen Anschlag finanzieren woll- te. Einen seiner Freunde bat er, in Ham- burg eine Pistole zu kaufen, und gab ihm dafür mehrere tausend Euro. Neben S. ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen fünf weitere Männer. „Wir halten noch unser Versprechen, Sieg oder Märtyrertum“, hatte Abdeladim el-K. der Qaida-Führung versprochen. Dass die Alternative auch eine graue Ge- fängniszelle sein könnte, erwähnte er nicht.

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JULIAN BAUMANN

Deutschland

STRAFJUSTIZ „Auf der falschen Fährte“ Ein Hausmeister wird als Mörder einer alten Frau verurteilt, die
STRAFJUSTIZ
„Auf der falschen Fährte“
Ein Hausmeister wird als Mörder einer alten Frau verurteilt,
die in der Badewanne ertrunken ist. Nur dank
eines Verfahrensfehlers erhält er eine zweite Chance.
Von Gisela Friedrichsen

M anfred Genditzki, 51, redet gern. Und viel, denn er ist ein „Küm- merer“, einer also, der sich um

alles kümmert. Als Hausmeister hielt er nicht nur eine Wohnanlage in Rottach- Egern instand, er ging auch den älteren Bewohnern bereitwillig zur Hand. Zu hel- fen mache ihm eben Freude, sagt er. Eine 87 Jahre alte gehbehinderte Dame etwa, mit der es seit dem Tod ihres Man- nes bergabging, fuhr er zum Friseur, zum Arzt, er kümmerte sich um ihre Wäsche und kaufte ein. Morgens frühstückte er mit ihr, nachmittags kam er oft mit seiner

Frau und dem kleinen Sohn vorbei. Er hörte geduldig zu, wenn sie über ihre Ver- wandtschaft, vor allem ihre Schwester, klagte. Er kannte ihre Eigenheiten. Ohne ihn hätte sie wohl bald ins Heim gemusst. Mitarbeiterinnen eines Pflegedienstes schauten zweimal am Tag vorbei, um die Medikamenteneinnahme der alten Dame zu kontrollieren. Mehr Hilfe wollte sie nicht. Denn ihre wichtigste Bezugsperson war der Hausmeister Genditzki, den sie monatlich mit 100 Euro entlohnte. Die resolute und geistig aktive Dame, eine ehemalige Geschäftsfrau, führte ak-

Angeklagter Genditzki, Verteidiger

„Wie soll man sich den Streit vorstellen?“

kurat Buch. Dem pflichtbewussten Gen- ditzki vertraute sie. Er besaß seit vielen Jahren als einziger einen Schlüssel zu ih- rer Wohnung und durfte über Konten und ihr Bankschließfach verfügen. Ab und zu steckte sie ihm Trinkgeld zu. Sie überließ ihm auch zwei Pelzmän- tel sowie das eine oder andere Schmuck- stück für seine Frau. „Gewollt habe ich das nicht“, sagt Genditzki, „denn meine Frau trägt solche Sachen nicht. Aber zu- rückweisen konnte ich die Geschenke auch nicht, sonst hätte ich die Frau ge- kränkt.“ Er bewahrte die Dinge auf für den Fall, dass die alte Dame anderen Sin- nes werden oder sich an die Schenkungen nicht mehr erinnern würde, wie es bei al- ten Leuten ja oft vorkommt. Am 28. Oktober 2008 ertrank die alte Dame in der Badewanne ihrer Wohnung. Voll bekleidet und mit dem Kopf am Ab- fluss lag sie unter Wasser, gerade so, als sei ihr beim Hantieren an der Armatur schwarz vor den Augen geworden. Der Unterschenkel ihres linken Beins hing aus der Wanne heraus. Die Tote wurde gegen 18.30 Uhr von einer Mitarbeiterin des Pflegedienstes ge- funden. Die Frau wunderte sich, dass an der Wohnungstür außen der Schlüssel steckte. Bald fragten sich die Ermittler, wieso denn Wasser in der Wanne war, denn die alte Dame war bekannt dafür, dass sie, aus Angst zu stürzen, weder zu baden noch zu duschen pflegte. Sie wusch sich am Waschbecken. Der Letzte, der die Frau lebend gese- hen hatte, war offenbar Genditzki. Denn er hatte sie an jenem Tag mittags aus der Klinik abgeholt, wohin sie fünf Tage zu- vor wegen schwerer Durchfälle gebracht worden war. Er hatte sie in die Wohnung begleitet, hatte ihr die Belege seiner Aus- lagen vorgelegt und Kaffee gekocht. Er sagt, gegen 15 Uhr sei er gegangen, um seine Mutter im Krankenhaus zu besu- chen. Die alte Dame sei deshalb ein we- nig eifersüchtig geworden. Als er abends zurückkehrte und über Notarzt und Polizei auf der Straße er- schrak, hieß es, der alten Dame sei etwas passiert. Möglicherweise erfuhr Genditzki da bereits, dass sie tot war. Ein Polizist erklärte nämlich, die Wohnung werde ver- siegelt, und fragte, was er nachmittags gemacht habe. Als Genditzki später noch einmal von der Polizei gerufen wurde, brachte er den Kassenbon eines Super- markts mit zum Beweis, dass er nach 15 Uhr dort einkaufen war, ehe er zu seiner Mutter fuhr. Und er brachte den Schmuck der alten Dame mit. Denn er wolle „kein Erbschleicher“ sein, sagte er. Hat er sich damit bereits verdächtig gemacht? Alte Leute beschenken oft jene, die sich um sie kümmern, mit Dingen, die

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RETO ZIMPEL

sie nicht mehr brauchen. In Deutschland gibt es mehr als zwei Millionen pflegebe- dürftige Menschen, fast drei Viertel davon werden von nahestehenden Personen ver- sorgt. Wenn etwas passiert: Müssen dann ausgerechnet die Helfenden damit rech- nen, als Erste verdächtigt zu werden? Genditzki erklärte die Sache mit dem Wohnungsschlüssel: Es habe eine Verab- redung bestanden für den Fall, dass die alte Dame nachmittags einschlafe und das Klingeln des Pflegedienstes nicht höre, wenn er, Genditzki, mal nicht da sei. Die Mitarbeiterinnen des Pflegediens- tes wussten von einer solchen Verabre- dung nichts. Also glaubte man Genditzki nicht. Die Verabredung habe doch nur zwischen ihm und der alten Frau bestan- den, beteuerte er. Und nur für den Fall seiner Abwesenheit. Denn wenn sie vom Nachmittagsschlaf rechtzeitig aufgewacht sei, habe sie den Schlüssel hereingeholt. Die Ermittler aber hatten ein anderes Bild im Kopf: Genditzki, in dem sie be- reits den Mörder sahen, habe sein Opfer am nächsten Morgen nicht selbst finden wollen; der Pflegedienst sollte eine töd- lich verunglückte Patientin entdecken. Die Beamten irritierte auch der „uner- klärliche Redeschwall“ des Hausmeisters. Und sie störten sich daran, dass er gleich mit einem Alibi aufwartete. Und so fort. Es wurde unterstellt, zwischen Genditz- ki und der alten Dame sei es nachmittags zum Streit gekommen, weil Geld in der Kasse fehlte, und daher habe der Täter zwei Mal mit einem unbekannten Gegen- stand zugeschlagen. Oder die alte Dame gegen irgendetwas gestoßen. Oder zu Fall gebracht. Denn bei der Obduktion fand man unter ihrer Kopfhaut zwei Hämato- me. Aus Angst vor Entdeckung dieser Körperverletzung habe der Täter sein Op- fer in die Wanne gewuchtet, Wasser ein- gelassen und die Frau ertränkt. Woher aber wusste man, dass Geld fehlte? Ganz einfach: Genditzki hatte an jenem Tag, als die alte Frau in die Klinik kam, 8000 Euro Schulden bei einem Freund zurückgezahlt. Das war doch das Motiv! Also Mord zur Verdeckung einer Unterschlagung. Siebzehn Verhandlungstage verwandte daraufhin die 1. Strafkammer des Land- gerichts München II auf die Frage, was die alte Dame wohl veranlasst haben könnte, Wasser in die Wanne zu lassen. Wollte sie doch baden? Dies erschien so unwahrscheinlich, dass sich die Kammer des Vorsitzenden Richters Ralph Alt, die immerhin das monströse Demjanjuk-Ver- fahren respektabel bewältigte, von der Mordvariante überzeugen ließ, obwohl sich das Motiv Habgier im Lauf der Hauptverhandlung wie eine Fata Morga- na verflüchtigte. Genditzki konnte die Herkunft der 8000 Euro erklären. Warum er die alte Dame plötzlich niedergeschla- gen haben sollte, blieb rätselhaft. Gleich-

wohl wurde er am 12. Mai 2010 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Die Alt-Kammer hatte, ohne die Ver- teidigung zu informieren, die Tat kurzer- hand ausgetauscht, die Genditzki angeb- lich hatte vertuschen wollen: Wenn es nicht die Unterschlagung war, dann habe er eben die alte Dame im Streit attackiert (warum eigentlich?). Der 1. Strafsenat des Bundesgerichtshofs (BGH) hob dieses Ur- teil mit entschiedenen Worten auf – ein wahres Geschenk für den Angeklagten. Und vielleicht auch für den Richter Alt, dem so die Last erspart blieb, einen Un- schuldigen lebenslang ins Gefängnis ge- bracht zu haben. Allerdings hätte dies niemand bemerkt, weil das Urteil unwi- derruflich Bestand gehabt hätte. So aber kommt es zum zweiten Prozess um den „Badewannenmord“, wie die Boulevardpresse den Fall voreilig nennt.

wie die Boulevardpresse den Fall voreilig nennt. Vorsitzender Richter Alt Geschenk aus Karlsruhe? Die jetzige

Vorsitzender Richter Alt

Geschenk aus Karlsruhe?

Die jetzige Kammer besteht aus drei Be- rufsrichterinnen und einer Schöffin sowie einem Schöffen. Finden sie einen lebens- näheren Zugang zu der Situation, die zum Tod der alten Dame führte? Der Staatsanwalt ist derselbe wie im ersten Prozess. Von ihm war nicht zu er- warten, dass er seine Idee von der Täter- schaft des Angeklagten in Frage stellen würde. Er versuchte erwartungsgemäß, das beschädigte Ansehen der Alt-Kam- mer, an dem er beteiligt war, aufzupolie-

ren, und plädierte, unbeeindruckt von ei- ner veränderten Beweislage, ein zweites Mal für Lebenslang. Doch seine Anklage ist und bleibt eine unbeweisbare Idee. Verteidigt aber wurde nun von Gunter Widmaier, auf dessen Revisionsantrag hin der BGH das Lebenslang gekippt hatte. Und so fand eine andere Hauptverhand- lung mit anderen Inhalten statt. Nicht nur, dass der Angeklagte nun dem Gericht Rede und Antwort stand, er redet ja gern und viel. Widmaier hält einen Sturz auf- grund der labilen Gesundheit der alten Frau für weitaus wahrscheinlicher, fiel sie doch in letzter Zeit öfter hin oder wurde kurzzeitig bewusstlos. „Wie hat man sich denn diesen ominösen Streit vorzustellen, der Herrn Genditzki zum Zuschlagen ver- anlasst haben soll?“, fragte er das Gericht. „Soll die feine 87 Jahre alte Dame ihn etwa so unflätig provoziert haben, dass er sich nicht anders als mit Gewalt gegen sie wehren konnte?“ Widmaier fielen auf Fotos der Woh- nung Plastiktüten auf, von denen Gen- ditzki sagt, die Frau habe sie aus der Kli- nik mit nach Hause gebracht. Eine Kran- kenschwester bestätigte dies. Nahe liegt, dass die Tüten verschmutzte Wäsche ent- hielten. „Der armen Frau lief der Kot ja richtig die Beine hinunter, als sie ankam“, erinnerte sich eine Zeugin. Die Polizei hatte die Tüten seinerzeit nicht beachtet. Als man die Tote fand, lagen in der Wohnung Wäschestücke herum, die sie offenbar gerade für die Maschinenwäsche sortiert hatte. Hätte die alte Dame verko- tete Unterwäsche dem Hausmeister über- geben, ohne sie vorher wenigstens einzu- weichen, um den gröbsten Schmutz zu entfernen? Widmaier hält dies für den Grund ihres Hantierens an der Wanne. Verteidigung verlangt Arbeit, Kreativi- tät und Einfühlungsvermögen. Widmaier ließ eine Stuntfrau das mögliche Sturzge- schehen nachspielen, er zog neue Sach- verständige hinzu und vertiefte sich in die Akten, wie es noch keiner getan hatte. Das Resultat war eine an Dramatik kaum zu überbietende Hauptverhandlung. Am Ende des Prozesses, als er noch einmal die Fotos der Wohnung ansah, fie- len Widmaier zwei Tassen in der Küchen- spüle auf. Er fragte Genditzki, wer denn den Kaffeetisch abgeräumt habe. „Meine Tasse habe ich hinausgetragen und abgewaschen“, sagte der Angeklagte spontan. „Aber die Frau wollte noch eine zweite Tasse trinken. Die ihre hat sie dann später wohl selbst in die Küche ge- bracht.“ Also muss sie noch gelebt haben, als der Hausmeister schon gegangen war. Die Münchner Gerichte stehen in gu- tem Ruf. Im Fall Genditzki aber wäre es fast zum GAU gekommen. Peter Huber, schon Verteidiger im ersten Prozess, fass- te das Versagen einer Justiz mit Tunnel- blick in einem Satz zusammen: „Wir alle waren auf der falschen Fährte.“

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ULLSTEIN BILD Deutschland Kunstsammler Pringsheim (r.), Familie 1932*: Überaus beliebter Gastgeber der Münchner

Kunstsammler Pringsheim (r.), Familie 1932*: Überaus beliebter Gastgeber der Münchner Gesellschaft

RESTITUTIONEN

Zerfleddertes Erbe

Der Mäzen Alfred Pringsheim musste 1939 seine Kunstsammlung weit unter Wert verkaufen. Heute kämpfen die Erben, darunter die Familie von Thomas Mann, um eine Entschädigung.

D ie Gestapo klingelte morgens um halb neun. Polizisten und Möbel- packer standen an jenem 21. No-

vember 1938 vor der Münchner Widen- mayerstraße 35, um einzupacken. Gemäl- de, Silber, Bronzen, Uhren. Fast acht Stunden hetzten die braunen Schergen durch die Wohnung. Einen Tag später schrieb die 83-jährige Hedwig Pringsheim hintersinnig an ihre Tochter Katia Mann:

„Bei der Diamantenen strahlte zum letz- ten Mal das silberne: es sah gut aus. Seit gestern ist es in sicherer Hut, und das be- ruhigt ja ungemein, denn nun kann es ja niemand mehr stibitzen.“ Zu stehlen gab es bei den Pringsheims nun nichts mehr. Schon 1933 mussten sie ihr prunkvolles Palais am Königsplatz an den Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterverein verkaufen. Nach dem Ab- riss ließ Hitler dort den Verwaltungsbau der NSDAP errichten – und gleich gegen- über den „Führerbau“. Alfred Pringsheim, Millionär, Kunstmä-

zen, hochgeschätzter Mathematikprofes-

sor an der Universität zu München, Alt- meister der Funktionstheorie, Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissen- schaften, Geheimrat und mit seiner Frau Hedwig überaus beliebter Gastgeber der Münchner Gesellschaft, war als Jude in der „Hauptstadt der Bewegung“ zur Per- sona non grata geworden. Per „Siche- rungsanordnung“ war bereits im Jahr 1938 auch die riesige Kunstsammlung Pringsheims festgesetzt worden. Pringsheims Kunstschätze waren Legen- de. Wenn im musikalischen Salon des Pa- lais Wagner-Stücke vor bis zu 150 Gästen dargeboten wurden, dann schritten Kunst- sinnige wie Richard Strauss und die Prin- zen des Hauses Wittelsbach vorbei an prächtigen Gobelins, am spektakulären Bildfries von Hans Thoma, an Gemälden von Franz von Lenbach, der immer wie- der die bildschöne Pringsheim-Gattin Hed- wig porträtiert hatte. Oder an der Silber-

* Enkelin Monika Mann, Ehefrau Hedwig Pringsheim, Schwiegersohn Thomas Mann, Tochter Katia Mann.

Sammlung der Renaissance, an Bronze- skulpturen und den Majoliken, jenen farbig bemalten zinnglasierten italienischen Ke- ramiken aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Der Schriftsteller Thomas Mann, der 1905 die Pringsheim-Tochter Katia heira- tete, schrieb damals seinem Bruder: „Ei- nes Tages fand ich mich im italienischen Renaissance-Salon mit den Gobelins, den Lenbachs, der Türumrahmung aus giallo antico und nahm eine Einladung zum gro- ßen Hausball entgegen. Kein Gedanke an Judentum kommt auf diesen Leuten ge- genüber; man spürt nichts als Kultur.“ Die Nachkommen der Manns und Pringsheims spüren dagegen heute oft nichts als Frust. Denn auch 66 Jahre nach dem Ende des Hitler-Reichs müssen sie vor allem in Übersee um ihr von den Na- zis zerfleddertes Erbe kämpfen. Sie wol- len nicht länger schweigen über ihren frustrierenden Kampf mit dem Kultur- Establishment, suchen jetzt erstmals die Öffentlichkeit. Es geht um 435 wertvolle Majoliken mit einem Wert im dreistelli- gen Millionenbereich. Die Sammlung musste 1939 versteigert werden, ihre Ein- zelteile lagern heute in angesehenen europäischen, amerikanischen und austra- lischen Museen. Große Namen sind dar- unter wie das Metropolitan Museum in New York, das Getty Museum in Toronto, der Louvre in Paris und das British Mu- seum in London. Seit Jahren kämpfen die teils verarmten Pringsheim-Erben nun schon darum, dass sie die Keramiken zurückbekommen oder

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MICHAEL WEBER / IMAGEBROKER / OKAPIA

FITZWILLIAM MUSEUM, CAMBRIDGE

dass sie zumindest angemessen entschä- digt werden. Weil die Familien Mann und Pringsheim in der ganzen Welt verstreut sind und die Abstimmung untereinander deshalb kompliziert ist, spielen die Mu- seen offenbar auf Zeit. Von einer „gerech- ten und fairen Lösung“, wie sie die für sol- che Fälle 1998 formulierte Washingtoner Erklärung vorsieht, sei man weit entfernt, beklagt der Berliner Anwalt der Erben, Gerhard Brand. In der Familie gibt es zahllose Erinne- rungen an die Sammlung. Enkel Klaus Mann schrieb, die Keramiken seien für die Kinder der „Inbegriff von kostbarer Zerbrechlichkeit“ gewesen. „Denn man hatte uns eingeschärft, dass jeder dieser bunten Teller, Schalen und Krüge ein Ver- mögen wert sei: Ein Kind, das einen sol- chen Wunderteller berühren oder gar zer- brechen sollte, machte sich eines unver- zeihlichen Verbrechens, einer wahren Todsünde schuldig, es wäre noch schlim- mer als Mord.“ Die Großeltern seien char- mante Leute gewesen, „solange man ihre Kostbarkeiten in Ruhe ließ“. Thomas Mann schrieb in seiner Erzäh- lung „Wälsungenblut“ ergriffen von ei- nem Zimmer, „mit edlem Holze getäfelt

schätzen um verfolgungsbedingten Ver- lust handle. Sie werden nach Klärung der Erbfragen restituiert. Doch auch die Versteigerung der Sammlung selbst hat Rückwirkungen in die heutige Zeit. Im Juni und im Juli 1939, wenige Wochen vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, kamen die Majoliken bei So- theby’s in der Londoner Bond Street un- ter den Hammer. Das Auktionshaus hatte per Vertrag zugesichert, dass 80 Prozent des Erlöses direkt an die Deutsche Gold- diskontbank abzuführen seien. Nur 20 Prozent seien dem mittlerweile 88-jähri- gen Pringsheim oder seinen Erben „zur freien Verfügung“ zu überlassen. Thomas Mann schrieb in einem Brief an seinen Freund Erich von Kahler 1939, man habe mit seinem Schwiegervater ei- nen „Gangstervertrag“ abgeschlossen:

„Ich knirsche, Gott verzeih es mir, etwas mit den Zähnen ob alledem.“ Erst wenn der Erlös der Ersteigerung auf dem nazi- deutschen Konto eingegangen sei, erhalte der alte Pringsheim seinen Pass, um ins sichere Schweizer Exil zu flüchten. Die Auktion war ein Desaster. Es gab kaum Werbung, nur wenigen Insidern war der kunsthistorische Wert der Samm-

nur wenigen Insidern war der kunsthistorische Wert der Samm- Louvre in Paris, Pringsheim-Majolika: Noch schlimmer als
nur wenigen Insidern war der kunsthistorische Wert der Samm- Louvre in Paris, Pringsheim-Majolika: Noch schlimmer als

Louvre in Paris, Pringsheim-Majolika: Noch schlimmer als Mord

bis hoch hinauf und geschmückt mit alten Tonwaren, die rings unter der Decke auf den Gesimsen schimmerten“. Die Nazis sahen in den Tellern vor allem Devisen. Beim Zwangsverkauf spielte der einstige Generaldirektor der Berliner Mu- seen und ausgewiesene Majolika-Experte Otto von Falke eine derart unglückliche Rolle, dass er postum der heutigen Stiftung Preußischer Kulturbesitz einen Millionen- verlust bescheren wird. Denn Falke wurde für seine Hilfe bei der erzwungenen Ver- steigerung mit drei von ihm selbst ausge- wählten, besonders wertvollen Majoliken und zwei äußerst seltenen Silberbechern aus dem 16. Jahrhundert belohnt, die in das Berliner Schlossmuseum kamen. Eine nicht freiwillige Schenkung, beklagen die Anwälte heute. Die Teller und Silberbecher stehen im Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Museen zu Berlin. Inzwischen erkannte die Stiftung an, dass es sich bei den Kunst-

lung bekannt. Knapp 20000 britische Pfund kamen für 394 Stücke zusammen. Ein lächerlicher Betrag von 2997 Pfund ging auf ein Konto Alfred Pringsheims. Anwalt Brand ist heute von der Sitten- widrigkeit des Auktionsvertrags von 1939 überzeugt. Er sei nach der Bücherver- brennung von 1933 erfolgt, nach Verab- schiedung der Rassengesetze von 1935 und nach der Reichspogromnacht 1938. Die Engländer hätten also wissen müssen, dass Juden zu dieser Zeit nicht freiwillig verkauften. Brand fand in der „Times“, im „Manchester Guardian“ und im „Dai- ly Telegraph“ von 1938 Texte über die Ju- denverfolgung in Deutschland, speziell in München. Die Erben sind inzwischen an Sothe- by’s herangetreten. Sie fordern Schadens- ersatz. Noch 1958 hatte einer der Auktio- natoren, der Sotheby’s-Direktor Charles Vere Pilkington, in der „Times“ geprahlt, dass es zwischen den Kriegen „eine Serie

schöner Verkäufe“ gegeben habe. Dar- unter die Versteigerung der pringsheim- schen Majoliken. Den Anwälten erklärte das Auktionshaus, es gebe keine Unter- lagen zu dem Vorgang Pringsheim. Der bisherige Versuch, Sotheby’s und die Mu- seen, in denen sich die meisten Majoliken heute befinden, zu einer gemeinsamen Zahlung zu bewegen, scheiterte. Es gebe offene Erbfragen. „Man hat sich bei So- theby’s bis heute nicht von dem Gangs- tervertrag distanziert“, klagt Brand. Und so sind die Majoliken weiterhin unerreichbar für die Erben in den Museen der Welt verstreut. In New York, Lyon, Cambridge, Melbourne, Cleveland, Min- neapolis, Toledo, Kansas, Toronto, Faen- za, Neapel, Genf, Paris, London, Rotter- dam, München und Frankfurt am Main. Einen Lichtblick gibt es in Deutschland:

Das Land Baden-Württemberg hat ein Apothekengefäß aus der umstrittenen Versteigerung, das im Badischen Landes- museum Karlsruhe steht, zur Restitution an die Pringsheim-Erben freigegeben. Allein 49 Stücke aber befinden sich in den USA, 38 davon im Metropolitan Mu- seum of Art in New York. Die Majoliken sind dort Teil der „Lehman-Collection“. Es gibt Schriftwechsel mit dem Muse- um. Die Amerikaner argumentieren, dass die Familie Pringsheim/Mann doch ent- schädigt worden sei. Tatsächlich wurden jene 80 Prozent aus London, die an die deutsche Bank gegangen waren, nach dem Krieg ausgezahlt. Doch das ändert nichts am Zwangsverkauf, nichts am ver- folgungsbedingten Verlust, nichts am lä- cherlichen Erlös von 20 000 britischen Pfund. Brand hat den New Yorkern mit Hilfe des Oxford-Experten Timothy Wil- son den heutigen Wert der 49 bisher in Amerika gefundenen Keramiken vorge- rechnet: 14,4 Millionen Euro. Letztendlich berufen sich die Amerika- ner auf offene Erbfragen. Die Verhand- lungen ruhen. Bis heute warten die Erben vergebens darauf, dass sie die in New York offensichtlich vorhandenen Origi- nalaufzeichnungen von Alfred Prings- heim einsehen können. „Haben Sie etwas zu verbergen?“, fragte Brand in einem seiner letzten Schreiben. Ende Oktober 1939 durften Alfred und Hedwig Pringsheim endlich in die Schweiz ausreisen, kurz bevor die Gren- zen dicht waren. Zwei Jahre bis zu sei- nem Tod lebte Pringsheim noch in seinem Zürcher Exil, es erging dem Ex-Millionär dabei nicht viel besser als vielen seiner Erben heute. Er verkaufte zum Überle- ben die wenigen Kunstwerke von den Wänden, die ihm nach der Flucht geblie- ben waren. Als ihn ein befreundeter Ma- thematiker in jener Zeit fragte, wie er denn lebe, antwortete der für seine sar- kastischen Bonmots berüchtigte Mäzen knapp: „Von der Wand in den Mund.“

STEFFEN WINTER

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Titel

Schlussverkauf

Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst der Märkte. Es verschlingt Milliarden, es kippt Regierungen, es erzeugt Gipfelzwist. Wie Finanzmärkte funktionieren und die Politik vor sich hertreiben – Geschichte einer täglichen Machtergreifung.

PHIL TOLEDANO

PHIL TOLEDANO D er texanische Hedgefonds-Mana- ger Kyle Bass ist ein Geisterfah- rer der Märkte, der

D er texanische Hedgefonds-Mana- ger Kyle Bass ist ein Geisterfah- rer der Märkte, der als Einziger

die richtige Richtung kennt, während der große Gegenverkehr mit Tempo 200 im- mer neuen Abgründen entgegenrast. Bass bog zum ersten Mal vor fünf Jahren vorsätzlich falsch ab, als alle Welt noch glaubte, mit faulen Immobilienkrediten Gewinne machen zu können. Er dagegen setzte ein paar hundert Millionen Dollar darauf, dass die Subprime-Blase platzen würde. Dann, Mitte 2008 schon, als noch als wahnsinnig galt, wer den Bankrott eines europäischen Staats für denkbar hielt, schwamm er wieder gegen den Strom, wettete lange vor der Zeit gegen Europas überschuldete Nationen und fand neuerlich die Quelle für sagenhafte Gewinne. Ist Kyle Bass ein Spekulant? Ein Schurke der verfluchten Märkte? Oder ein Genie?

Die Büroflucht seiner Firma Hayman Capital Partners liegt hoch in einem bläulich verglasten 14-Geschosser am Rand von Downtown Dallas, aus den Fenstern seines Eckbüros sieht Amerika aus, kitschig verziert, wie eine der neu- reichen Neustädte Chinas. Bass ist der formlose Typ, er trägt Cowboystiefel, bei der Begegnung knabbert er an einem Eis in der Waffel, auf Regalbrettern stehen Fotos, die ihn mit George W. Bush zei- gen. Er fühlt sich nicht sonderlich wohl in seiner Haut. „Die besten Jahre sind vorbei“, sagt er, „das waren die Zeiten, als wir alle gute Geschäfte gemacht ha- ben. Du willst nicht der Einzige sein, dem es gutgeht, wirklich nicht, es macht keinen Spaß.“ Er betreibt seine Geschäfte mit Ernst und Eifer, im Grunde wie ein Forscher der Finanzmärkte. Bass’ Tage vergehen im Wesentlichen damit, Statistiken zu ermitteln, zu lesen und zu verstehen, aus Zahlenkolonnen korrekte Schlüsse zu ziehen und dabei weitgehend zu igno- rieren, wie die Kollegen, wie die Politik und die Medien die Lage auf den ver- schiedenen Märkten beurteilen. „Es macht mich verrückt, wie die Wahrheit verkannt und verschleiert wird“, sagt Bass. „Die Wahrheit dient den Mäch- tigen nicht, aber es muss jemand auf- stehen und sie aussprechen: Wir haben da draußen den größten Schuldenberg, der in der gesamten Weltgeschichte zu Friedenszeiten je aufgehäuft worden ist. Es wird einen nie dagewesenen Erd- rutsch geben. Und der einzige Ausweg in Europa, in der Welt ist ein brutaler Schuldenschnitt.“ Bass blättert Mappen mit Schaubil- dern auf, vertrauliche Papiere, die sonst nur seine Investoren zu sehen bekom- men. Ihre Botschaft ist erschütternd. Ein Diagramm setzt, nach Ländern geglie- dert, die im jeweiligen Bankensektor vorhandenen Vermögenswerte und die

Staatsverschuldung ins Verhältnis zu den staatlichen Einnahmen. Es ist eine Art Gesamtrechnung der Verbindlichkeiten, die auf die Staaten zukämen, wenn sie alle ihre Banken retten müssten, ein Szenario für den äußersten Krisenfall. Bass’ Finger gleiten über die Grafik, eine Reihe blauer Säu- len: In Irland übersteigt die Summe der Bankvermögen, für die der Staat wo- möglich eintreten müsste, und der Staatsschulden die Einnahmen um das 40fache. In Japan um mehr als das 35fa- che. Im schlimmsten Fall 17fach über- schuldet wäre die Schweiz, die USA 16fach, Großbritannien 14fach, Spanien 11fach, Deutschland 9fach. „Irland und Japan liegen so weit jenseits aller Schmerzgrenzen“, sagt Bass, „da ist nichts mehr zu reparieren. Da hilft nur noch beten.“ Und seine Firma Hayman Capital sucht derweil nach Wegen, aus den Schieflagen Kapital zu schlagen, asymmetrische Geschäfte zu finden, das heißt: mit möglichst we- nig Einsatz möglichst viel Gewinn zu machen. „Warum soll es unmoralisch sein“, sagt Bass, mit Schärfe in der Stimme, „gegen Länder zu wetten, deren Regierungen jahrelang in geradezu idiotischer Weise Schulden gemacht haben? Und warum soll ich, ein kleiner Fondsmanager aus Dallas, Texas, daran schuld sein, dass Europa seine Billionenschulden nicht in den Griff kriegt? Das ist absurd! Es ist lächerlich! Die Regierungen haben in ganz großem Stil Mist gebaut, und nun zeigen sie mit dem Finger auf andere. Forget it. Die Politik versagt. Nicht die Märkte versagen.“ Die Märkte – keine Adresse wäre schwammiger als diese. Und doch wird sie ständig genannt, wenn Schuldige oder wenigstens Verantwortliche für die dramatische Lage des Augenblicks ding- fest gemacht werden sollen. In allen Zei- tungen steht es derzeit, in allen Sprachen wird es wiederholt: Die Märkte, „the markets“, „les marchés“ sind enttäuscht von Gipfeln, die Märkte hoffen, drohen, bestrafen. Es sind Schlagzeilen wie über eine große Schlacht, die über den Globus tobt, über einen Feldzug offenbar mon- ströser Mächte gegen Menschen, Länder und deren Regierungen. Ein Gespenst geht um in Europa, es ist das Gespenst der Märkte. Sie alle, jahrzehntelang gefeiert als eine sich selbst regulierende Wundermaschine, die Wohlstand produziert, als Ausdruck kol- lektiver Vernunft auch, stehen als un- heimliche Bedrohung da. Die Völker starren auf sie voller Angst und Zweifel, voller Fragen, die ihnen ihre Regierun- gen – ratlos wie sie selbst – nicht mehr beantworten. Wie kann es sein, dass die Staaten den Banken Milliarden leihen, nur um

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sich bei denselben Banken zu verschul- den? Wie kann es sein, dass ein einziger Finanzmarkt zehnmal so groß ist wie die Wirtschaftsleistung der gesamten Welt? Stimmt der Vorwurf der Politik, „die Märkte“ trieben mutwillige Spekulatio- nen mit Europa? Warum ist es den Regierungen nicht gelungen, die Macht der Finanzmärkte zu beschneiden? Schließlich: Wem gehört die Welt, wer regiert das Geld? Ein Team von neun SPIEGEL-Repor- tern ist diesen und anderen Fragen nach- gegangen und hat in den vergangenen drei Wochen sieben Akteure der Finanz- märkte durch deren Geschäftsalltag be- gleitet. Es waren wieder dramatische Wo- chen, in denen Regierungen stürzten und viel wütendes Volk auf der Straße war; Wochen, in denen die Märkte hysterische Bocksprünge vollführten, in denen die Zentralbanken der Welt nach Monaten des Zuwartens plötzlich den großen Hammer schwangen. Es waren Wochen, die zuliefen auf ein Datum: den 9. De- zember, den Freitag vergangener Woche. Für jenen Tag war in Brüssel neuerlich ein Befreiungsschlag angekündigt, ein weiterer Gipfel der Geldrettung, eine Konferenz der Staats- und Regierungs- chefs, die Kompromisse suchten, um dem vereinten Europa Zukunft zu geben. Dieses Unternehmen schlug fehl. Statt einer Einigung musste am Freitag die Spaltung der Union der 27 verkündet werden. Die Euro-Zone der 17 will sich nun neue Regeln geben und mit einigen weiteren EU-Ländern in Richtung einer „Fiskalunion“ gehen. Dafür sollen Ver- träge geändert werden, das wird dauern. Die Tünche des politischen Selbstlobs konnte deshalb nicht überdecken, dass Europas Führer am Freitag neuerlich damit scheiterten, den Märkten Klarheit darüber zu verschaffen, wie die Schul- denkrise zu bewältigen wäre. Stattdessen war eine 180-Grad-Wende zu bestaunen:

Was „Merkozy“ beim Strandspaziergang von Deauville vor gut einem Jahr verab- redet hatten – private Gläubiger im Fall von Staatsbankrotten einzubinden, keine automatische Strafen für Schuldenma- cher –, gilt nun nicht mehr. Den Banken wurde zugesichert, künftig nicht noch einmal einen Teilverlust ihrer Kredite an Staaten hinnehmen zu müssen, Banken sind die Gewinner des Gipfels. Wer in den drei Wochen bis zum Gipfel Akteure der Finanzmärkte bei der Arbeit begleitete, konnte die Unruhe über derlei politischen Wirrwarr spüren und das un- schlüssige Auf und Ab der Märkte in auf- gewühlten Zeiten erleben: Drei Wochen vor dem Gipfel ging es abwärts, zwei Wo- chen vor Brüssel dümpelten die Märkte, bis eine Intervention der Notenbanken – ähnlich einer Injektion ins Herz – die

Titel

DERIVATEMARKT Die Welt der Märkte DEVISENMARKT GLOBALE Auf dem größten Finanzmarkt der Welt werden Währungen
DERIVATEMARKT
Die Welt
der Märkte
DEVISENMARKT
GLOBALE
Auf dem größten Finanzmarkt der Welt werden
Währungen getauscht, Dollar gegen Euro etwa
oder britische Pfund gegen japanische Yen.
Am Wechselkurs lässt sich das Vertrauen in
eine Volkswirtschaft ablesen – und ihre Stärke.
Weltweiter Jahresumsatz 2010:
LEISTUNG
Quelle: IWF
1007 Billionen $
Quelle: BIZ; Hochrechnung auf Basis
eines im April 2010
erhobenen Tagesumsatzes
AKTIENMARKT
63 Billionen $
Quelle: World Federation of Exchanges

Auf dem Aktienmarkt werden Anteile von Unternehmen gehandelt; die Kurse zeigen an, was die Anleger künftig für die Wirtschaft erwarten. Umsatz an den Weltbörsen 2010:

Derivate sind Termingeschäfte, die zur Absicherung von Risiken dienen, die aber auch zu riskanten Spekulationsgeschäften genutzt werden können. Zu den Derivaten zählen auch die Credit Default Swaps (CDS) – Versicherungen auf Kreditausfälle.

zum Vergleich

WIRTSCHAFTS-

Kurse abrupt nach oben trieb und bald alles nur noch auf den Krisengipfel zulief. Die Reporter begleiteten einen Inves- tor, der für Versicherungsgesellschaften nach sicheren Anlagen sucht auf den Märkten für Staatsanleihen. Sie verfolg- ten die Tagesarbeit in einem großen Aktienfonds, dessen Chef mit Informa- tionen jongliert. Sie beschreiben die Ar- beit eines hochrangigen Derivate-Händ- lers, der an der New Yorker Wall Street jeden Tag Milliarden bewegt, und die Routine eines Bremer Devisen-Händlers, der Mittelständlern Dollar, Yen und Fran- ken besorgt.

In der Bundesbank wurden sie Zeugen, wie die Ökonomen alles dafür tun, damit die deutschen Banken aus ihrer Angst- starre erwachen. In der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht hat der Chef besonders die Schattenbanken im Visier. Hedgefonds-Manager Kyle Bass schließlich hat den bösen Part, er macht aus den Schulden der Staaten große Ge- winne. Wer mit diesen Insidern sprach, ihr Tun beobachtete, wurde Augenzeuge einer Wette, die Europa verändert: An den Märkten wird auf den Untergang der Euro-Zone gewettet.

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ANLEIHENMARKT Nominalwert außerbörslich gehandelter Derivate Mitte 2011: 708 Billionen $ IMMOBILIENMARKT Anleger
ANLEIHENMARKT
Nominalwert außerbörslich
gehandelter Derivate
Mitte 2011:
708 Billionen $
IMMOBILIENMARKT
Anleger leihen Schuldnern, z. B.
Staaten oder Unternehmen, Geld
auf Zeit zu einem festen Zins.
Umsatz im Anleihenhandel an
den Weltbörsen 2010:
Quelle: BIZ
Weltweiter Umsatz mit
Gewerbeimmobilien 2011:
24 Billionen $
0,4
Quelle: World Federation
of Exchanges
Billionen $
Schätzung: Jones
Lang Lasalle
ARBEITSMARKT
Wert aller weltweit
geschaffenen Güter und
Dienstleistungen 2011:
Weltweit gibt es rund
3,1 Milliarden Beschäftigte.
Sie verdienen im Jahr rund
55 Billionen $
70 Billionen $
ENERGIEMARKT
Wert der global
verbrauchten
fossilen Brennstoffe
(Öl, Gas, Kohle) 2010:
GELDMARKT
7 Billionen $
Quelle: BP,
eigene Berechnung
Auf dem Interbankenmarkt, Teil des Geldmarktes,
leihen sich die Banken untereinander kurzfristig
Geld. Wenn diese einander misstrauen, stockt
das Leihgeschäft. Zentralbanken müssen dann
die Finanzinstitute mit zusätzlichem Geld
versorgen.

Dahinter steckt kein Plan, keine Ver- schwörung, noch nicht einmal Absicht. Die Richtung ergibt sich vielmehr aus der Analyse der Situation und den Notwen- digkeiten täglicher, manchmal sekunden- schneller Entscheidungen, die die Ak- teure auf den Finanzmärkten fällen, um im Geschäft zu bleiben. Von diesen Entscheidungen, von ihren Bedingungen und ihren teils hochkomplexen Gegen- ständen erzählt die folgende Geschichte. Es geht um die Zukunft und vielleicht um das jähe Ende eines historischen Pro- jekts, es geht darum, wie Märkte Politik machen.

MONTAG, 21. NOVEMBER, NOCH 18 TAGE BIS ZUM EURO-GIPFEL

Peking, Bürogebäude in der Financial Street (Anleihemarkt) Eigentlich sitzt Reiner Back, Vermögens- verwalter bei der MEAG, im Münchener Bankenviertel, eigentlich ist der 51-Jäh- rige für Dutzende Versicherungen auf dem Markt für Staatsanleihen unter- wegs; an diesem besonderen Montag je- doch sitzt er in Peking und hält einen Vortrag. 25 chinesische Vermögensverwalter, Geschäftspartner der MEAG, wollen hö-

ren, was in Europa los ist, warum der Bond-Markt verrückt spielt. Der Bond-Markt hat Silvio Berlusconi verjagt. Er hat die Regierungschefs Georgios Papandreou und José Luis Rod- ríguez Zapatero aus den Ämtern getrie- ben. Der Bond-Markt ist der Böse, wenn Politiker zusammenkommen, um ihre Finanzen zu retten. Der Bond-Markt, so steht es dauernd in der Zeitung, so sagen sie es im Fernsehen, „schöpft Verdacht“, er „wird misstrauisch“, er lässt „sich nicht beruhigen“, er „weicht nach Asien aus“, er „flieht Europa“. Er ist der große Un- bekannte. Back leitet die Rentenmarktabteilung der MEAG. Das ist die Vermögensver- walterin der Ergo und des Versicherungs- konzerns Munich Re, des weltgrößten Rückversicherers. 170 Milliarden Euro hat Back im Portfolio, er ist der Spezialist für Bonds, zu Deutsch: Obligationen oder Rentenpapiere, in der deutschen Debatte heißen sie meistens Staatsanleihen. Staaten finanzieren sich, indem sie gro- ßen Investoren Anleihen verkaufen, ver- zinste Schuldpapiere. An der Höhe der Verzinsung lässt sich ablesen, wie es um die Kreditwürdigkeit eines Landes steht. Je höher der Zins, desto schlechter die Lage. Reiner Back ist in Peking, auch weil die Lage sehr schlecht ist. Seit dem Schul- denschnitt für Griechenland ist auf dem Anleihemarkt nichts mehr sicher. „Die gegenwärtige Krise ist eine Si- tuation, die eine Eigendynamik ent- wickelt …“, mit diesen Worten fängt er seinen Vortrag an. Er ist jetzt nicht mehr Deutscher, sondern Europäer. Es wäre gut, wenn chinesische Vermögensverwal- ter einen Teil ihres Kapitals in europäi- sche Staatsanleihen stecken würden. Aber kann Back ihnen dazu raten? Dieser Montag ist nicht irgendein Mon- tag. Genau vor einem Jahr beantragte Ir- land als erstes Euro-Land Hilfe aus dem Rettungsfonds. Es war der Beginn einer Abwehrschlacht der europäischen Regie- rungen gegen die Märkte, vor allem ge- gen den Bond-Markt. Irland konnte da- mals, im November vor einem Jahr, seine 8-jährigen Anleihen nur noch mit einem Zinssatz von sechs Prozent verkaufen, schlüpfte unter den Rettungsschirm, um den drohenden Bankrott zu verhindern. Seither eilen die Euro-Regierungen von einem Krisengipfel zum anderen, und nach draußen versichern sie den An- legern der Bond-Märkte, dass es sich lohnt, Staatsanleihen aus Europa zu kau- fen. Der Verkauf gelingt vielen nur noch, indem sie immer höhere Zinsen bieten, die die Schuldenlast so stark erhöhen, dass die Länder in Zukunft unregierbar werden. Seit aber Banken und andere Gläubiger zum angeblich freiwilligen Schuldenschnitt in Griechenland gezwun- gen wurden, seit die Hälfte ihrer etwa 200 in griechischen Staatsanleihen ange-

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GETTY IMAGES

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legten Milliarden Euro in Rauch aufge- gangen sind, sind sie in eine Art Käufer- streik getreten. Auch Backs Abteilung bei der MEAG hat die Order bekommen, sich bei Zukäufen vom Staatsanleihenmarkt Eu- ropas bis auf weiteres möglichst zurück- zuhalten. Die 25 Chinesen hören dem Gast aus Deutschland höflich zu. Es kommt nur eine einzige Nachfrage: „Mr. Back, wird die Europäische Zentralbank in größerem Maß die Papiere der Krisenstaaten auf- kaufen?“ Die Chinesen stellen die wich- tigste Frage dieser Tage. Sie haben alles verstanden. Back weiß keine Antwort.

Frankfurt, Zentrale der Vermögensverwaltung DWS (Aktienmarkt) Thomas Schüßler hat eigentlich Physik studiert und nur „neben- bei“ Volks- und Betriebswirt- schaft, trotzdem verwaltet er heute den Aktienfonds „DWS Top Dividende“, einen der größ- ten Fonds Europas. Er ist an diesem Montag gegen halb neun in seinem Büro, und alles deutet auf eine turbulente Woche hin, schon wieder. Die Rating-Agen- tur Moody’s warnt vor Risiken im französischen Finanzsystem, die Weltbank vor einer globalen Krise. Schüßler ist 45 und gleich für mehrere Fonds der DWS verant- wortlich. Die Tochter der Deut- schen Bank ist Deutschlands größte Fondsgesellschaft, und mit mehr als 250 Milliarden Euro an verwalteten Geldern zählt sie weltweit zu den zehn größten Anbietern am Markt. Schüßler, ein schlanker, langer Mann, hat den leicht nach vorn gekrümmten Gang von Leuten, die Probleme mit dem Rücken

haben, sein zehnköpfiges Team führt er von einem Schreibtisch aus, der rechts hinten in einer Ecke des Groß- raumbüros steht. An diesem Montagmorgen holt er sich zuerst die Bloomberg-Nachrichten auf den Schirm. Er hat am Wochenende nicht auf die Nachrichten geschaut, „aus Prin- zip“. „Die Strategie, die wir fahren, setzt auf Langsamkeit“, sagt er. Er zwingt sich, in großen Linien zu denken, er will sich nicht vom Tagesrauschen der Kurse und Meldungen verrückt machen lassen. „Schneller als der Markt sein zu wollen ist keine gute Strategie.“ Märkte, das sind zum einen die Han- delsplätze, auf denen Güter, Dienst-

leistungen, Rohstoffe, Immobilien und Arbeitskräfte gehandelt werden; zum an- deren sind es jene Märkte, auf denen De- visen, Aktien, Staatsanleihen und Deri-

vate gehandelt werden, die vielgesichti- gen strukturierten Finanzprodukte. Die längste Zeit hatten die Finanz- märkte die Aufgabe, den anderen Märk- ten zu dienen: Sie verkauften einem Un- ternehmer Devisen, der im Ausland eine Maschine kaufen wollte. Unternehmen ga- ben Aktien und Anleihen aus, um sich bei Anlegern Kapital für Investitionen zu be- sorgen, die Staaten ebenso. Aber seit den achtziger Jahren entwickelten die Finanz- märkte ein immer größeres Eigenleben. Zum einen suchten Investoren stets neue profitablere Anlagen jenseits der Warenproduktion, zum anderen ermög- lichten die Regierenden in den USA und

Die Regierungen verschuldeten sich bei den Banken in einem bisher ungekannten Maß, lockerten die gesetzlichen Bestim- mungen für die Akteure auf den Finanz- märkten, senkten die Besteuerung der Fi- nanzvermögen und mischten mit bei der Jagd nach neuen Finanzanlagen. So haben sich die Billionen, die auf den Finanzmärkten vagabundieren, ver- dreifacht, vervierfacht und werden durch Banken und Hedgefonds, durch Versiche- rungen und Pensionsfonds, durch Staats- fonds und staatliche Finanzagenturen von einem Markt zum anderen geschoben. Das ist die heutige Lage, in einer Welt, die jährlich reale Güter und Dienstleis- tungen im Wert von über 70 Bil- lionen Dollar produziert: Auf den weltweiten Aktienmärkten wird mit Aktien in jedem Jahr ein Umsatz von 63 Billionen Dollar erzielt, mit Unternehmensan- leihen und Staats-Bonds werden 24 Billionen Dollar umgeschla- gen. Auf den Devisenmärkten werden 1007 Billionen Dollar bewegt, und auf den Derivate- märkten – den dynamischsten und gefährlichsten aller Märkte – wurden 708 Billionen Dollar um- gesetzt. Wenn Politiker von den „Märkten“ sprechen, auf die man hören müsse, dann meinen sie in der Regel die Finanzmärkte. Sie meinen den mächtigen, ver- schlossenen Derivatemarkt, den mittlerweile hochpolitischen Markt für Staatsanleihen, und auch den zittrig volatilen Aktien- markt. Auf diesem Markt ist Thomas Schüßler für die DWS unterwegs, verheiratet, Vater von vier Kin- dern. Thomas Schüßler kam 2001 zur DWS, zuvor hatte er fünf Jahre für die Deutsche Bank ge- arbeitet, war auch Vorstands- assistent unter Josef Ackermann. Drei Fonds verantwortet er jetzt, der DWS Top Dividende hantiert allein mit sechs Milliarden Euro. Der Dax wird zur Eröffnung an diesem Montag ein Prozent schwächer erwartet, das deuten die Futures an, mit denen man auf Kurse der Zukunft wetten kann. Am Freitag hatte er bei 5800 Punkten geschlossen. „Sieht nicht gut aus“, sagt Schüßler.

Frankfurt, Gebäude der Bundesbank, Zentralbereich Märkte (Geldmarkt) Marc Resinek sitzt an diesem Montag in der Frankfurter Bundesbank-Zentrale ei- nem „segmentierten Geldmarkt“ gegen- über, andere Banker sagen: Der Markt ist tot. Frozen. Zugefroren. Resinek meint mit „segmentiert“, dass die Banken sich gegenseitig nichts mehr leihen, weil sie sich misstrauen – der Geldmarkt ist zu

leihen, weil sie sich misstrauen – der Geldmarkt ist zu Hedgefonds-Manager Bass: „Sagenhaft dumme Idee“

Hedgefonds-Manager Bass: „Sagenhaft dumme Idee“

Großbritannien, später auch in Deutsch- land und anderen Ländern, durch die De- regulierung der Finanzmärkte neue, ris- kantere Anlagestrategien. Zum dritten kamen die Banken über die Zentralban- ken an billiges Geld, konnten großzügig Kredite vergeben und Profite weit jen- seits der in der Warenproduktion übli- chen Gewinne bieten. Das globale Finanzvermögen hat sich von 1980 und 12 Billionen Dollar bis heute auf weit über 200 Billionen Dollar ver- vielfacht, das Finanzvermögen ist dreimal so hoch wie die reale Weltproduktion. Der Spekulant und Milliardär George So- ros sieht eine „Superblase“ im System lauern, eine bedrohliche Kreditexpan- sion, die durch die entfesselten Märkte und die stark gestiegene Verschuldung der Staaten in die Welt gesetzt wurde.

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GUIDO BERGMANN / AFP

einem Bild für die Verwundbarkeit der Banken geworden. Die Banken versorgen sich auf ihm kurz- fristig – sie leihen es sich bei anderen Ban- ken, finanzieren ihre Geschäfte über Nacht oder für einen Monat, aber kaum je für länger als ein Jahr. Im Augenblick aber horten sie ihr Geld, sie sitzen auf „Über- schussliquidität“, sagt Resinek – sie haben Geld, aber statt es zu verleihen, deponie- ren sie es lieber bei einer der 17 Zentral- banken, auch wenn der Zins mit 0,5 Pro- zent sehr niedrig ist. In dieser Woche be- trägt die Überschussliquidität 390 Milliar- den, in der Woche zuvor waren es 366 Mil- liarden, in der Vorvorwoche 221 Milliarden. Der Geldmarkt, heißt das, wur-

de immer frostiger mit der wach- senden Unsicherheit, die sich mit der europäischen Schuldenkrise über die Finanzmärkte legte. Und Resinek, 37 Jahre alt, groß, freundlich, hellblaues Hemd, rote Krawatte, soll das Schlimmste verhindern. Er lässt sich in seinen Drehstuhl fallen, wartet, bis der Computer hochgefahren ist. Re- sinek ist stellvertretender Haupt- gruppenleiter M10 im Zentral- bereich Märkte der Deutschen Bundesbank. Er ist seit fast zehn Jahren hier, auf diesem Flur mit dem blauen Nadelfilzteppich, Zimmer 650. Er ist zuständig für „Geldpoli- tische Instrumente im Wirkungs- zusammenhang, bilanzstruktu- relle Aspekte, Offenmarktge- schäfte und Geldmarktinfrastruk- tur“, ein Kopf im Think-Tank des Zentralbereichs – sie überlegen sich, was man machen kann, was sie noch nicht ausprobiert haben, hier, bei der Bundesbank: zehn Gebäudetrakte, ein eigenes Mu- seum, alles in Frankfurt-Bocken- heim, eingezäunt, abgeschottet, von bewaffneten Sicherheitsleu-

ten bewacht. Fast 4000 Personen arbeiten hier in der Zentrale, Banker, Wirtschaftswissen- schaftler, Informatiker, Mathematiker, ein Heer von Spezialisten, die beobachten, welche Zinsen gerade hinaufwandern oder absinken, die den Liquiditätsbedarf schätzen, Experten für Devisen, Port- folios, Sicherheiten. 6230 Banken gibt es in der Euro-Zone, und bei den 17 nationalen Notenbanken erfassen sie jeden Tag ein paar tausend

Daten, in denen unzählige Einzelentschei- dungen zusammengefasst sind, die einer Sparkasse in Fulda ebenso wie die einer französischen Großbank oder eines dar- benden Kreditinstituts in Thessaloniki. Sie sammeln, sammeln, sammeln, denn sie müssen sich etwas einfallen lassen. Das ist Marc Resineks Job, unter an- derem.

Und sie werden sich etwas einfallen lassen, etwas Großes.

Frankfurt, Zentrale der Vermögens- verwaltung DWS (Aktienmarkt) Fondsmanager Thomas Schüßler klickt sich durch eine Reihe von Indikatoren, als Erstes ruft er den Ölpreis auf. Öl, sagt Schüßler, ist ein Konjunkturanzeiger. Ein stabiler Ölpreis signalisiert, dass die Wirt- schaft gut läuft. Gleichzeitig ist ein hoher Ölpreis ein Risiko für die Aktienmärkte, weil dadurch die Produktionskosten stei- gen. Viele Firmen, die deutschen Che- mieunternehmen etwa, haben es dann schwerer, Geld zu verdienen.

den Euro-Kurs. Der Euro gilt vielen In- vestoren mittlerweile als Risikowährung. Spitzt sich die Krise in Europa zu, flüch- ten Anleger in den Dollar, entspannt sie sich, kehren sie zurück. Entspannung und Zuspitzung bilden sich auch im Aktien- markt ab, für Schüßler hat das einen positiven Nebeneffekt: Da er in seinem Fonds auch mehrere amerikanische Un- ternehmen hat, Euro- und Dollar-Werte also gemischt sind, gleichen sich Gewinne und Verluste je nach Entwicklung ein we- nig aus, steigen die einen, fallen die an- deren, so geht ein „Hedge“, eine Absi- cherung. Es ist kein Nullsummenspiel, aber es hält Verluste in Grenzen. Mit seinen Fonds verfolgt Schüßler, was er eine Value-Stra- tegie nennt, Value heißt Wert, er investiert in Unternehmen, die ein bewährtes Geschäftsmodell haben und eine überdurchschnittlich hohe Dividende, Unternehmen wie Nestlé, Roche, McDonald’s oder Intel. Kleinere Unternehmen können bei sechs Milliarden Euro Fondsvolumen keine Rolle spie- len, 80 Werte hat Schüßler im Portfolio. Weltweit gebe es nur etwa 2000 Unternehmen, die groß genug sind, damit ein Fonds von der Größe des DWS Top Dividen- de in sie investieren kann. Computer helfen Schüßler und seinen Leuten, eine Vorauswahl zu treffen, Modelle filtern heraus, welche Aktien gerade billig sind, die Maschinen werden immer mächtiger im Spiel der Investo- ren, manche Händler fürchten sich schon vor dem Angriff der Algorithmen. Bis auf weiteres aber entscheidet am Ende ein Mensch, was gekauft wird, bei der DWS ist das Thomas Schüß- ler. Sein Dividenden-Fonds hat die Krise heil überstanden, bisher

jedenfalls. Allein im September

haben deutsche Anleger 2,8 Mil- liarden Euro aus Fonds abgezogen, für die Fondsgesellschaften zeichnet sich das schlimmste Jahr seit 2008 ab. Bevor Schüßler zu einem „Morning Meeting“ aufbricht, schaut er noch ein- mal auf den Dax. „Das sieht auf den ers- ten Blick desaströs aus – und auf den zweiten wird’s noch schlimmer“, sagt er.

und auf den zweiten wird’s noch schlimmer“, sagt er. Euro-Politiker Sarkozy, Merkel: Schulden über die Welt

Euro-Politiker Sarkozy, Merkel: Schulden über die Welt verteilen

Es ist kurz nach neun, die Futures für den US-Markt, an denen sich ablesen lässt, wie die amerikanischen Märkte in den Handelstag starten werden, sind negativ. Schüßler war zweieinhalb Tage lang in New York, jetzt will er ein Gefühl für den Markt bekommen. Er wirft einen Blick aufs Gold. „Gold ist ein klassischer Fluchtpunkt“ , sagt er. „Der Goldpreis zeigt die Erwartungen des Marktes für die Geldpolitik.“ Würden die europäischen Politiker sich beispielsweise dafür entscheiden, die Schuldenkrise über die EZB zu lösen, wie es in diesen Tagen diskutiert wird, ginge sofort der Goldpreis hoch, sagt Schüßler – weil sie damit eine höhere Inflation in Kauf nähmen. Er checkt routinemäßig ein paar ande- re Indikatoren, Konjunkturanzeiger wie die Preise für Kupfer und Nickel, dann

New York, Wall Street, Devisenabteilung einer Großbank (Devisenmarkt) Um 6.30 Uhr morgens tritt Ben Koch aus der U-Bahn-Station World Trade Center, hinein in das Geknatter von über den Wolkenkratzern kreisenden Helikoptern und das Gedränge von sich formierenden Polizeistaffeln. Von hier ist es nicht weit zum Zucotti Park, dem Hauptquartier der Occupy-Wall-Street-Bewegung. Seit Ta- gen geht es hin und her, erst räumte die

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ARMIN BROSCH / DER SPIEGEL

Polizei den Park, dann schlugen die De- monstranten zurück, etliche wurden ver- letzt, mehr als 200 Menschen verhaftet. Viele Banker laufen inzwischen einen Umweg ins Büro, sie schleichen durch die Seitenstraßen mit ihren Aktenkoffern und Nadelstreifenanzügen, die sie aus- weisen als Zielobjekt der Protestierer. Ben Koch ist schon lange bei seiner Großbank angestellt, er hat in verschie- denen Investment-Bereichen gearbeitet, er war in Hongkong stationiert und in London. Heute handelt er mit Devisen- Derivaten an der Wall Street. Ben Koch heißt nicht Ben Koch, er möchte anonym bleiben, und sein Ar- beitgeber sieht es nicht gern, wenn Angestellte mit der Presse reden. Er macht nur Geschäfte mit großen Kunden, mit denen, die den Markt treiben. Den gro- ßen Hedgefonds, globalen Kon- zernen. 30 Millionen Dollar ist die kleinste Summe, die er abwi- ckelt. Am Tag gehen bis zu zwei Milliarden über seinen Tisch. Der Devisenhändler hat Ver- ständnis für die Demonstranten, er sagt, vieles laufe schief hier in Amerika. Er kommt aus einfa- chen Verhältnissen, hat früher am Fließband gearbeitet, um sich sein Studium zu finanzieren. Aber das Verständnis geht nicht so weit, um sich beschimpfen zu lassen und durch Menschenket- ten zu schlagen, um zum Eingang seiner Bank zu kommen. Die Währungsabteilung belegt ein hochgelegenes Stockwerk:

Auf der einen Seite der Ver- trieb, das Verkaufsteam, das Aufträge eintreibt von Unter- nehmen, Fonds, Spekulanten.

Auf der

Händler, aufgeteilt nach den Währungspaaren, die sie betreu- en: Euro / Dollar, Dollar / Yen,

Euro/Pfund. Der Devisenmarkt kennt viele Super- lative, er ist bei einem Umsatz von über tausend Billionen Dollar der größte Markt der Welt. Nur fünf Banken teilen sich die Hälfte des Markts, der mit Ab- stand größte Spieler von allen ist die Deutsche Bank. Mehr als ein Fünftel aller Devisengeschäfte laufen über sie. Auf den ersten Blick wirkt der Devi- senhandel zugänglicher als andere Fi- nanzgeschäfte, bestimmt vom Kaufen und Verkaufen von Währungen, mit dem die Kurse bestimmt werden. Aber es sind die Spezialgeschäfte, die den größten Teil des Markts ausmachen, die komplizier-

ten, verschachtelten und manchmal exo- tischen Deals: die Derivate. „Abgeleitet“ sind diese Derivate, da- her das lateinische Wort. Ihr Wert leitet sich ab von der künftigen Preisentwick-

lung bei Rohstoffen, Aktien, Zinsen oder Devisen. Es geht um Geschäfte, die in der Zukunft spielen, um Wetten und Er- wartungen. Es ist ein Markt, der alle Märkte wie ein Schatten begleitet und noch weiter miteinander verschränkt. Wer will, kann auf den Niedergang des New Yorker Dow-Jones-Index speku- lieren, auf die Zukunft der serbischen, mexikanischen oder vietnamesischen Industrie. Es werden Wetten angeboten auf das Wetter in Spanien, auf den Erd- ölpreis von morgen, die Weizenernte von übermorgen und den Output südame- rikanischer Silberminen von überüber- morgen.

asiatischen Märkte noch aktiv sind. Ab den Mittagsstunden halten die Wall-Street- Händler allein die Stellung, sie schauen auf ihre Bloomberg-Terminals und CNN, sie warten auf Ereignisse irgendwo in der Welt, die ihren Markt treiben könnten. „Im Kern ist unser Geschäft nichts anderes als ein Handel auf News“, sagt Koch. Das sei immer so, nur in diesen Zeiten der Kri- se sei die Sensibilität gegenüber jeder Art von Nachricht besonders hoch, „die Re- aktionen geradezu hysterisch“, die Aus- schläge „zu extrem“. An diesem Montag sollte eigentlich die wichtigste Nachricht sein, dass Frankreich sein Top-Rating verlieren könnte, so ver- melden es die Nachrichtenkanäle

rund um die Welt. Doch diese Spekulationen lassen die Wäh- rungshändler an der Wall Street kalt. „Das ist längst eingepreist“, sagt Koch. „Es glaubt doch so- wieso keiner mehr, dass die noch Triple-A sind.“ Erst am Nachmittag kommt bei den Devisenhändlern Bewegung auf: Der New Yorker Aktienin- dex verliert 2,7 Prozent, parallel steigt die Nachfrage nach Schwei- zer Franken. Das sei ein gutes Beispiel dafür, sagt Koch, wie eng Aktien- und Währungsmärkte oft zusammenhängen. „Raus aus Aktien wird oft gefolgt von rein in den Franken, das ist die Suche nach Sicherheit.“ Überhaupt sei alles eine ein- zige riesige Reaktionskette, ein endloses Dominospiel: Die Ak- tien beeinflussen die Währungen beeinflussen die Staatsanleihen beeinflussen die Aktien, „wo die Bewegung losgeht, ist oft nicht zu sehen und meistens auch nicht wichtig für uns“.