Sie sind auf Seite 1von 9
»Bruckner singt seinen eigenen Gesang, er hat der Welt etwas mitzuteilen, was sein eigenstes Eigentum

»Bruckner singt seinen eigenen Gesang, er hat der Welt etwas

mitzuteilen, was sein eigenstes

Eigentum bildet

«

Der Rezensent Eduard Kremser zur Uraufführung von Bruckners Vierter im Februar 1881 in Wien

B10: Do, 14.06.2012, 20 Uhr | A10: So, 17.06.2012, 11 Uhr | Hamburg, Laeiszhalle L8: Fr, 15.06.2012, 19.30 Uhr | Lübeck, Musik- und Kongresshalle Esa-Pekka Salonen Dirigent | Thomas Zehetmair Violine Esa-Pekka Salonen Violinkonzert Anton Bruckner Sinfonie Nr. 4 Es-Dur „Romantische“

DAS ORCHESTER DER ELBPHILHARMONIE

Salonen Violinkonzert Anton Bruckner Sinfonie Nr. 4 Es-Dur „Romantische“ DAS ORCHESTER DER ELBPHILHARMONIE
Das Konzert am 17.06.2012 wird live auf NDR Kultur gesendet
Das Konzert am 17.06.2012 wird live
auf NDR Kultur gesendet

Donnerstag, 14. Juni 2012, 20 Uhr Sonntag, 17. Juni 2012, 11 Uhr Hamburg, Laeiszhalle, Großer Saal

Freitag, 15. Juni 2012, 19.30 Uhr Lübeck, Musik- und Kongresshalle

Dirigent:

Esa-Pekka Salonen

Solist:

Thomas Zehetmair Violine

Esa-Pekka Salonen

Konzert für Violine und Orchester

(*1958)

(2008/09)

I. Mirage

II. Pulse I

III. Pulse II

IV. Adieu

Pause

Anton Bruckner (1824 – 1896)

Sinfonie Nr. 4 Es-Dur „Romantische“ (Fassung von 1878 – 1880)

I. Bewegt, nicht zu schnell

II. Andante quasi Allegretto

III. Scherzo. Bewegt – Trio. Nicht zu schnell. Keinesfalls schleppend

IV. Finale. Bewegt, doch nicht zu schnell

Einführungsveranstaltung mit Habakuk Traber am 14.06.2012 um 19 Uhr im Großen Saal der Laeiszhalle.

Esa-Pekka Salonen

Dirigent

Mit der Spielzeit 2012/2013 beginnt der Kom- ponist und Dirigent Esa-Pekka Salonen seine fünfte Saison als Principal Conductor and Artistic Advisor des Philharmonia Orchestra London, mit dem er wegweisende, multidiszip- linäre Projekte entwickelt und in der neuen Saison in über 30 Städten gastieren wird. Zuvor war er 17 Jahre Music Director des Los Angeles Philharmonic Orchestra, dessen Ehren- dirigent er seit 2009 ist. Darüber hinaus ist Salonen Artistic Director und Mitbegründer des Baltic Sea Festivals, das jedes Jahr renommier- te Orchester, Dirigenten und Solisten einlädt. Neben seiner Tätigkeit als Dirigent steht Salonens Name auch für einen Komponisten, dessen Werke weltweit aufgeführt werden. Sein Violinkonzert gewann 2012 den Grawemeyer Award der University of Louisville. In drei großen Retrospektiven (Paris 2011, Stockholm 2004 und Helsinki 2003) wurden seine Werke mit großem Erfolg aufgeführt.

Salonens Engagement für den Einsatz von Technik, digitalen Plattformen und der An- sprache neuer Publikumsschichten fand seine Umsetzung in verschiedenen innovativen Projekten. Gemeinsam mit dem Digital-Team des Philharmonia Orchestra entwickelte er 2012 „Universe of Sound“, eine riesige, interaktive Installation, die im Juni im Science Museum London zu Gast sein wird. Die preisgekrönte Installation RE-RITE, die 2009 in London eröffnet wurde, wird im Frühjahr 2013 anlässlich des 100-jährigen Jubiläums von „Le Sacre du printemps“ u. a. in der Elbphilharmonie zu erleben sein.

NDR SINFONIEORCHESTER

der Elbphilharmonie zu erleben sein. NDR SINFONIEORCHESTER Im September 2010 begann Esa-Pekka Salonen seine

Im September 2010 begann Esa-Pekka Salonen seine dreijährige Residency am Konzerthaus Dortmund. Unter dem Titel „Expedition Salonen“ ist er als Exklusivkünstler in mehreren Kon- zerten und Veranstaltungen präsent. Während seiner Zeit als Music Director des Los Angeles Philharmonic (1992 – 2009) entwickelte Salonen einzigartige Festivals und Projekte unter seiner künstlerischen Leitung, darunter die Residency bei den Salzburger Festspielen mit „Saint François d’Assise“ (1992) und im Théâtre du Châtelet im Rahmen des Strawinsky-Festivals in Paris (1996). Gastdirigate führen Salonen regelmäßig zu den Wiener Philharmonikern, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem NDR Sinfonieorchester sowie zum Chicago Symphony und New York Philharmonic Orchestra.

Thomas Zehetmair

Violine

Thomas Zehetmair genießt als Geiger, Dirigent und Kammermusiker weltweit großes Ansehen. Seine internationale Karriere als Dirigent wird insbesondere von zwei Positionen bestimmt:

der des Chefdirigenten der Northern Sinfonia in England und des Artistic Partner des St. Paul Chamber Orchestra, USA. Ab der Spielzeit 2012/2013 wird Zehetmair auch das Orchestre de chambre de Paris als Chefdirigent leiten. Darüber hinaus verbindet ihn eine enge Zusam- menarbeit mit Orchestern wie dem National Philharmonic Orchestra Warschau, Hallé Or- chestra Manchester, der Camerata Salzburg und dem Rotterdam Philharmonic Orchestra. Als Geiger hat Zehetmair den größten Teil des Violinrepertoires eingespielt; zahlreiche seiner Veröffentlichungen sind vielfach ausgezeichnet. Zu den jüngst erschienenen Aufnahmen gehö- ren B. A. Zimmermanns Violinkonzert mit dem WDR Sinfonieorchester unter Heinz Holliger („Diapason d’Or“), die 24 Paganini-Capricen (Bestenliste „Preis der deutschen Schallplatten- kritik“, Midem Classic Award 2010), eine Ein- spielung von Elgars Violinkonzert mit dem Hallé Orchestra (Gramophone Award 2010) sowie Mozarts Violinkonzerte mit dem Orchestra of the Eighteenth Century unter Frans Brüggen. Im März 2011 ist die CD „Manto and Madrigals“ erschienen, auf der Zehetmair und seine Duo-Partnerin Ruth Killius eine Reise durch das moderne Repertoire für Violine und Viola unternehmen.

Im Sommer 2011 gab Thomas Zehetmair sein Debüt als Dirigent bei den Salzburger Fest- spielen, bei dem er im gleichen Jahr auch mit

Fest- spielen, bei dem er im gleichen Jahr auch mit dem 1994 von ihm gegründeten Zehetmair

dem 1994 von ihm gegründeten Zehetmair Quartett auftrat. Außerdem stand er in der Saison 2011/12 am Pult des Symphonieorches- ters des Bayerischen Rundfunks, des Orchestre National de Lyon, des Konzerthausorchesters Berlin, des Radio Symphony Orchestra Helsinki sowie des Orchestre de chambre de Paris auf einer Spanien-Tournee. Als Geiger war Zehetmair in den bekanntesten europäischen Musikzentren, etwa in der Londoner Royal Festival Hall, dem Wiener Konzerthaus und der Münchner Philharmonie zu hören.

Für seine vielseitige künstlerische Tätigkeit er- hielt Thomas Zehetmair u. a. die Ehrenurkunde des Preises der Deutschen Schallplattenkritik sowie den Karl-Böhm-Interpretationspreis des Landes Steiermark. Thomas Zehetmair ist Ehrendoktor der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar.

NDR SINFONIEORCHESTER

Rückblenden und Cliffhanger

Das Violinkonzert von Esa-Pekka Salonen

Der Dirigent und Komponist Esa-Pekka Salonen ist beim NDR Sinfonieorchester seit langem ein gern gesehener (und gehörter) Gast. Im Jahr 2002 dirigierte Christoph Eschenbach Salonens „L. A. Variations“; für „Insomnia“, das Eschen- bach 2003 präsentierte, hatte der NDR Salonen einen Kompositionsauftrag erteilt. Seit 2005 gab es den finnischen Maestro dann auch live zu erleben. Die Reihe NDR das neue Werk wid- mete Salonen 2005 ein Portraitkonzert, bei dem er erstmals das NDR Sinfonieorchester dirigier- te. Seither kommt der Chef des Philharmonia Orchestra London regelmäßig nach Hamburg und führt hier seine neusten Werke auf: 2005 war seine Raummusik „Wing on Wing“ in der Laeiszhalle zu erleben, 2008 folgte das Klavier- konzert. So erhielten hiesige Salonen-Fans im Verlaufe der letzten zehn Jahre einen guten Überblick über die Vorstellungswelt des Kom- ponisten und die Archetypen in seiner Musik.

Das Werk des heutigen Abends zieht die Summe aus den Entwicklungen der vergangenen Jahre. Im April 2009 gab Salonen nach 17 Jahren sein Amt als Chefdirigent des Los Angeles Philhar- monic Orchestra ab; auf dem Programm seines Abschiedskonzertes stand u. a. die Urauffüh- rung seines Violinkonzertes. Schon dieser Umstand weist das Konzert als Werk des Rück- blicks aus. Hinzu kam – so schilderte es der vitale Ex-Wahl-Kalifornier mit einem leichten Anflug von Koketterie –, dass er während der Arbeit an dem Konzert die „magische“ Alters- grenze von 50 überschritten hatte und alle „Halluzinationen, noch jung zu sein“, damit „brutal ausradiert“ worden seien. Positiv formu-

liert könnte man sagen: Hier schaut einer im „besten Mannesalter“ auf Erreichtes zurück, mit Stolz und gerade einmal so viel Nostalgie, wie sie jemand aufbringen kann, der noch eine Menge vorhat. – Die Kritik honorierte denn auch den Anspruch, den Salonen mit seinem Violinkonzert verband: Für sein Werk erhielt er den gerne als „Nobelpreis der Musik“ bezeichneten Grawemeyer Award for Music Composition 2012.

Schon die Tatsache, dass das Violinkonzert aus vier kontrastierenden Sätzen besteht, zeigt, dass Salonen eine möglichst große Spannbreite von Charakteren und Emotionen abdecken wollte. Am auffälligsten ist dabei seine Vorliebe für Virtuosität. Die ist für Salonen nie bloß eine Zurschaustellung technischer Fertigkeiten, sondern eine physische und emotionale Grenz- erfahrung; sein Cellokonzert hatte er so einst „Mania“ betitelt. Unmittelbar verbunden mit dem Typus des Virtuosen ist auch ein Grund- charakter in Salonens Musik: das Getriebene, Rastlose; er selbst spricht von „kinetischer Energie“. Ein Musterbeispiel für diese Synthese aus barocker Motorik und moderner Nervosität ist der erste Satz des Violinkonzerts mit dem Titel „Mirage“.

Schlaflosigkeit – oder genauer: das quälende Räderwerk der Gedanken in einer durchwach- ten Nacht – ist ein altes Salonen-Thema. In „Insomnia“ hatte er diese Erfahrung zu einem beängstigenden 20-Minuten-Orchesterstück ausgebreitet. Im zweiten Satz des Violinkon- zerts „Pulse I“ kehrt dieses Motiv nun wieder,

Esa-Pekka Salonen (2009) jedoch deutlich gemildert, beinahe verklärt. Salonens Beschreibung dieses Nocturne liest sich

Esa-Pekka Salonen (2009)

jedoch deutlich gemildert, beinahe verklärt. Salonens Beschreibung dieses Nocturne liest sich wie die Szene einer Ehe: „Alles ist ruhig, statisch […]: Alles was Du hörst, ist der Herz- schlag der Person neben Dir im Bett, tief schlafend. Du kannst nicht schlafen, aber da ist keine Angst, nur sanfte, diffuse Gedanken.“

Auch die Musik der Großstadt ist ein Lieblings- thema des Komponisten; in seinen „L. A. Vari- ations“ hatte er das hektische Treiben der Metropole portraitiert. Im Klavierkonzert war die Idee einer „synthetischen Volksmusik“ hin- zugekommen: „Ich denke dabei an eine Musik,

die die Einfachheit und Direktheit echter Volks- musik hat, ohne sich an einem konkreten eth- nologischen Vorbild zu orientieren“, erläuterte er damals. Der dritte Satz des Violinkonzerts, „Pulse II“, greift beide Typen auf; Salonen fühlt hier den Puls der Metropole und beschwört die rhythmischen Delirien in der Musik der Einge- borenen dieses Großstadt-Dschungels. „Bizarr, urban“ und „sehr kalifornisch“ nennt der Komponist diesen Satz.

Von einer ungewohnten Seite zeigt Salonen sich im letzten Satz „Adieu“. Er, der von sich sagt:

„Ich bin kein nostalgischer Typ“, schwelgt hier einmal in rückblickender Wehmut. Das Verhält- nis des Solisten zum Orchester hat sich dabei im Vergleich zum ersten Satz gründlich ge- wandelt. Beherrschte dort der Solist mit seinem manischen Schaulaufen das Feld, ist die Violine nun in kammermusikalischer Art mit den Solisten im Orchester verwoben. Besondere Aufmerksamkeit widmete Salonen dem letzten Akkord: „Warum klingt dieser letzte Akkord – und nur er – so völlig anders als alle anderen Harmonien des Stückes? Als würde er schon zu einem anderen Stück gehören. Jetzt kenne ich, so glaube ich, die Antwort: Der Akkord ist der Anfang von etwas ganz Neuem.“ Hier er- weist sich, was der finnische Maestro in den 17 Jahren in L. A. gelernt hat: Wie sonst sollte man sich in der Hauptstadt des Kinos verab- schieden, wenn nicht mit einem „Cliffhanger“, der die Spannung schürt und Lust auf eine Fortsetzung macht.

Ilja Stephan

Warum „romantisch“?

Zu Anton Bruckners Vierter Sinfonie

Als einzige seiner neun Sinfonien hat Anton Bruckner die Vierte mit einem charakterisie- renden Beinamen versehen: sowohl auf der handschriftlichen Partitur als auch im Brief- verkehr bezeichnete er sie als seine „Romanti- sche“. Der gleichermaßen bekenntnishafte wie auslegungsoffene Titel weckt dabei vielfältige Assoziationen. Im heutigen Sprachgebrauch gilt der „Romantiker“ als besonders gefühls- betonter, schwärmerischer, für pittoreske und phantastische Stimmungen empfänglicher Mensch – ein Charaktertyp, dem der sonder- bare Einzelgänger Bruckner mit seinem vielfach bezeugten „Zählzwang“, seinen kauzigen Angewohnheiten und seinem unbeholfenen, „rustikalen“ Auftreten zunächst kaum zu ent- sprechen scheint. Doch ist dies freilich nur die trivialisierte Bedeutung eines Wortes, mit dem man ursprünglich eine ganze kultur- und ideengeschichtliche Strömung des 19. Jahr- hunderts zu fassen versuchte. Eine Zeit, die nach einer Epoche der vernunftorientierten Selbstbestimmung des Subjekts, der Vorstel- lung vom rational Erklärbaren aller Dinge und der Entfremdung von der Natur während der Aufklärung wieder eine Sehnsucht nach Aus- tausch zwischen Mensch und Natur, nach dem Unbewussten und Unerklärlichen kennzeich- nete. Eine Zeit, in der man deshalb das weit zurück liegende, mithin rätselhafte und mythen- umwobene Mittelalter, die idyllisch im Einklang mit der Natur lebende Landbevölkerung sowie die Welt der Märchen idealisierte, wohin man aus der Realität des Industriezeitalters träu- merisch entfliehen konnte. Steht Bruckners Vierte also jener Romantik nahe, wie sie uns

NDR SINFONIEORCHESTER

in den Schriften Novalis’, Jean Pauls oder E. T. A. Hoffmanns, in den Gemälden Caspar David Friedrichs oder den Werken Schuberts, Schumanns oder Webers entgegen tritt? – Da sich der Komponist selbst fast nie über Literatur, Politik, Philosophie oder Ästhetik geäußert hat, bleibt das Bekenntnis zur Ro- mantik im Beinamen seiner Vierten Sinfonie ein merkwürdiger Einzelfall. Die Frage stellt sich umso dringlicher: Was ist an Bruckners „Romantischer“ eigentlich „romantisch“?

„Bruckner ist der Schubert unserer Zeit. Es ist ein solcher Strom von Empfindungen in seinem Werke, und eine Idee drängt so die andere, daß man den Reichtum seines Geistes wahr- haft bewundern muß“, lautete es in einer Re- zension nach der Uraufführung von Bruckners Vierter im Februar 1881 in Wien. Das Urteil liefert eine mögliche Antwort auf die Frage nach dem „Romantischen“: Als Nachfolger Schuberts, dem Inbegriff musikalischer Ro- mantik, wäre Bruckner insofern zunächst nach kompositorischen Kriterien als „Romantiker“ einzustufen. Der Vergleich zu Schubert taugt immer dann, wenn der Gegensatz zur klassi- schen, „aufklärerischen“ sinfonischen Tradition Haydns oder Beethovens aufgezeigt werden soll: breiter melodischer „Strom“ und Ideenfülle statt kompakter motivisch-thematischer Arbeit; räumliche Entwicklung in ausgedehnten klanglichen und dynamischen Feldern statt kontrastierender, konstruktivistischer Dichte; atmosphärische Stimmung statt plastischer Strukturen. Franz Schuberts „Große“ C-Dur- Sinfonie ist das Paradebeispiel für diese

„romantische“ Tendenz – und tatsächlich hat Bruckners Vierte mit ihr in punkto Dimension und Struktur einiges gemeinsam, ja, sogar das Instrument, mit dem beide Komponisten ihren sinfonischen Riesenbau eröffnen, ist identisch:

Es ist das Horn als Symbol für Natur und Jagd, mithin ein ausgesprochen „romantisches“ Ins- trument (man denke auch an den „Freischütz“ von Carl Maria von Weber oder an den Beginn

von Brahms’ Zweitem Klavierkonzert – beides

Werke, in denen zweifellos eine gewisse „ro-

mantische Stimmung“ vorherrscht

seine Kenntnis der Werke Schuberts, Webers, Berlioz’ und vor allem Wagners wurde Bruckner zweifellos von der romantischen Musiksprache geprägt. Die enthusiastische Verehrung Richard Wagners und die Orientierung an der chroma- tischen Harmonik, opulenten Klangfülle und

). Durch

tischen Harmonik, opulenten Klangfülle und ). Durch Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 4 Es-Dur, eigenhändige

Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 4 Es-Dur, eigenhändige Partiturseite (Beginn des 1. Satzes mit Ziffern zur periodischen Taktgliederung am unteren Ende)

Instrumentation, wie sie in dessen explizit als „romantisch“ gekennzeichneten Opern „Tann- häuser“ oder „Lohengrin“ erstmals voll zur Ausprägung kommt, weist in diese Richtung.

Überdies ist in der Vierten auch das Ideal einer romantischen Einheit verwirklicht, wie sie Robert Schumann postulierte: Alles ist irgend- wie mit allem verwandt, ein Motto-Thema durchzieht das gesamte Werk und die weiteren Themen und Motive lassen sich aus dieser Urzelle ableiten. In Bruckners Vierter Sinfonie ist es der einleitende Hornruf mit seinem cha- rakteristischen Quintfall und der „romantischen Beugung um eine sehnsüchtige Halbstufe nach aufwärts“ (August Göllerich). Er erscheint über typischem Bruckner-Tremolo zu Beginn des

1. Satzes und fungiert hier gleichsam als at-

mosphärischer Vorspann, bevor das eigentliche Hauptthema, ein Durchmessen des Oktavraums im Bruckner-Rhythmus (zweit Viertel + Triole),

formuliert wird. Dennoch prägt der Hornruf das weitere Geschehen stärker als das letztgenann- te Motiv: In der Durchführung mit diesem kom- biniert und später von den Bratschen umspielt, hören wir den Rhythmus des Hornrufs auch in den erhabenen Choralzeilen der Blechbläser, die den Höhepunkt dieser Durchführung bilden. Selbstverständlich wird auch die Coda mit dem Quint-Motiv beschlossen. Es ist zugleich die Initiale des weit gespannten Cello-Themas im

2. Satz, während das Scherzo mit seinen Hör-

nerklängen über Streichertremolo wiederum eindeutige Bezüge zur Sinfonie-Eröffnung herstellt. Im Finale kündigt sich dann über einem pochenden Orgelpunkt der Celli und

NDR SINFONIEORCHESTER

Bässe allmählich das dortige Hauptthema an, das wie eine Vergrößerung des Quintfalls zum Oktavfall anmutet und daher zugleich Bezüge zum Oktavthema des 1. Satzes herstellt. Außerdem erklingen hier Reminiszenzen an das Hornthema des 3. Satzes und der erste große Dur-Ausbruch fällt zusammen mit einem direkten Aufgriff des Hornrufs aus dem 1. Satz. Die Hinführung zum zweiten, gesanglichen Thema des Finales erinnert dagegen an den Trauermarsch-Duktus des 2. Satzes, während in der dritten Themengruppe wieder der Horn- ruf auszumachen ist, diesmal als ob „zu Kampf und Trutz“ (Göllerich) geblasen werde. In der Coda schließlich führen zuerst düstere, denn erhaben emporsteigende Akkorde zur letzten Apotheose des allgegenwärtigen Quint-Hornrufs.

Romantische Einheit, romantische Harmonik oder romantische Weiträumigkeit – dies sind freilich allenfalls musikalische Tendenzen. Weder gibt es eindeutig bestimmbare Kate- gorien einer spezifisch romantischen Musik- sprache, noch lässt sich behaupten, Bruckner habe in seiner Vierten grundsätzlich anders komponiert als beispielsweise in der voran- gegangenen Dritten. Bruckners singulärem Stil ist immer auch eine im besten Sinne konser- vative, strenge, intellektuelle und eben nicht ausschließlich schwärmerisch-romantische Grundhaltung eigen: Als Organist kam er vor allem mit älterer Kirchenmusik in Kontakt, studierte die Werke Palestrinas, machte endlos Kontrapunktübungen, lernte die Messen des Barock und der Frühklassik kennen und zeigte sich durch sein Interesse an formaler Konstruk-

10

tion, Periodenbildung und Sonatenstruktur nicht zuletzt auch als Jünger der Beethovenschen Tradition. Das Finale der dreimal revidierten Vierten Sinfonie erfuhr seine letzte Bearbei- tung bezeichnenderweise, nachdem Bruckner periodische Studien zu Schlussbildungen bei Beethoven unternommen und veröffentlicht hatte. Tatsächlich hielt auch der bereits zitierte Rezensent über Bruckner fest: „Der treffliche Organist, hervorgegangen aus der Schule der alten Kontrapunktisten, könnte sich sehr gerne ebenso gut in den herkömmlichen Formen bewegen und sich in diesen Formen ebenso präzise ausdrücken. […] Bruckner ist ein Wagner- ianer, allerdings genau so, wie Wagner ein Beethovianer, wie Beethoven ein Mozartianer ist“ (und man darf getrost fortsetzen: „wie Mozart ein Bachianer ist“…). In der Tat trifft bei Bruckner Vieles aufeinander und verschränkt sich zu seiner ganz eigenständigen Musik- sprache: barocke Kontrapunktik, klassische Motivarbeit und Struktur, romantische Stim- mung, Harmonik und Instrumentation; Einflüsse von Palestrina, Bach, Beethoven, Schubert und Wagner.

Die Spurensuche nach dem „Romantischen“ in Bruckners Vierter muss also über rein musi- kalische Kategorien hinausgehen. Wenn diese Sinfonie von den Zeitgenossen wie auch von nachfolgenden Exegeten mit schmückenden Titeln wie „Bergwelt“- oder „Waldsinfonie“, „Bild deutschen Mittelalters“ und „Hymnus an die Natur“ belegt wurde, dann scheint sie doch auch etwas mit jener eingangs beschriebenen Kunstströmung der Romantik gemein zu haben?

– Von Bruckners Freund Joseph Schalk sind dazu grundlegende Worte überliefert: Ein Cha- rakter „zarter Feierlichkeit“ kennzeichne das Werk. „Mag er sich in Stimmungen offenbaren, die mehr der großen äußeren Natur abgelauscht erscheinen, wie im ersten und dritten Satze, oder in solchen, die unmittelbarer Ausdruck inneren Seelenlebens sind, wie zumeist im Andante und Finale, er verkörpert das Bewußt- werden einer reinen Idealität und ihrer Über- einstimmung mit dem Unendlichen, Ewigen, das hinter den Erscheinungen waltet. In diesem Innewerden aber wurzelt das Grundgefühl der Romantik.“ Aus diesen Zeilen spricht freilich ganz der Geist romantischer (Natur-)Philoso- phie. Ob Bruckner solchen Denkfiguren geneigt war, bleibt fraglich. Aus seinem Munde nehmen sich die (nachträglichen) Kommentare über das „Romantische“ seiner Vierten ungleich pragmatischer aus: „I’ hab mir ’denkt, wia der Türmer in der Fruah ’s neue Deutsche Reich anblast“, soll er gegenüber dem Dirigenten Felix Mottl gesagt haben. Weniger auf National- romantik denn auf romantisches Naturempfin- den und die Begeisterung für ferne Zeiten und Landleben weisen dann jene Stichworte zum 1. Satz hin, die er einem weiteren Freund auf den Weg gab: „Mittelalterliche Stadt – Morgen- dämmerung – von den Stadttürmen ertönen Morgenweckrufe – die Tore öffnen sich – auf stolzen Rossen sprengen die Ritter hinaus ins Freie – der Zauber des Waldes umfängt sie – Waldesrauschen, Vogelgesang – und so ent- wickelt sich das romantische Bild weiter.“ Dass die Hornrufe zu Beginn romantische Assozi- ationen wecken, ist zwar plausibel, ob man

NDR SINFONIEORCHESTER

wecken, ist zwar plausibel, ob man NDR SINFONIEORCHESTER Caspar David Friedrich: „Der Morgen“ (1820/21) – eine

Caspar David Friedrich: „Der Morgen“ (1820/21) – eine romantische Naturstimmung wie sie auch in Bruckners Vierter zum Ausdruck kommt?

Bruckners Bild allerdings mit demjenigen aus dem 2. Akt von Wagners „Lohengrin“ (Antwerpen im Morgengrauen) vergleichen kann, wie es Constantin Floros tat, sei doch dahingestellt. Das Horn-Motiv fungiert bei Bruckner insgesamt mehr thematisch als tonmalerisch, zudem sind das Trompeten-Motiv in der Dritten Sinfonie oder die Signale in der Neunten nicht im Prin- zip verschieden – solche Eröffnungen gehören zu Bruckners sinfonischen Markenzeichen. Zusammen mit dem Seitenthema, dessen

„zirpendes“ Violin-Motiv der Waldmeise abge- lauscht ist („zizi-bee“), erschöpfen sich dann ohnehin die inhaltlich deutbaren Momente in diesem immerhin knapp 20-minütigen Satz!

Für das pizzicato begleitete Bratschenthema des 2. Satzes ist von Bruckner das Stichwort „Ständchen“ überliefert, das er in die Partitur der 1. Fassung von 1874 eintrug. Später er- klärte er, in diesem Andante werde die durch- aus romantische Vorstellung eines „verliebten

11

12

Bub, der Fensterln geht“ dargestellt. Den trauer- marschartigen Satz mit seinen gewaltigen Steigerungen vor Ohren, muss der Ernst solcher launigen Hinweise jedoch bezweifelt werden. Wenn sich hier der Mittelteil aus einer Art „Schreitmotiv“ entwickelt, das nicht wenig an einen Gedanken aus dem – freilich später entstandenen – „Parsifal“ von Wagner erinnert (Hinführung zur Gralszeremonie im 1. Akt), so scheint viel eher das von Schalk tradierte Bild „mittelalterlicher Askese der Lebenspilgerfahrt des Büßers“ zuzutreffen, wenn denn überhaupt eine außermusikalische Deutung im Sinne des Romantischen gefunden werden muss

Weniger spekulativ nehmen sich dagegen die romantischen Interpretationen zum Scherzo aus, das Bruckner für die 1878 – 80 revidierte und 1881 in Wien uraufgeführte 2. Fassung seiner Sinfonie eigens neu komponierte. Die signalhaften Horn-Triolen bezeichnete der Komponist selbst als „Jagd-Thema“ und ohne weiteres lässt sich in der dreifachen Steige- rung von Dynamik und Instrumentation das Herannahen eines Jagdtrosses hören. In einem Brief an Wilhelm Tappert, der sich für eine Berliner Aufführung der bearbeiteten Vierten einsetzen sollte, erläuterte Bruckner 1878 den Inhalt des neuen Scherzos, „welches die Jagd vorstellt, während das Trio eine Tanzweise bildet, welche den Jägern während der Mahlzeit aufgespielt wird.“ In der Tat sorgen im Mittel- teil volkstümliche Bordun-Quinten und eine Leierkasten-Melodie für den Eindruck einer „romantisch“ konnotierten Dorf-Idylle.

Mag man sich auch zu Beginn des 4. Satzes mit seinen Reminiszenzen an das Jagd-Thema die „Schauer der Nacht, die nach einem schön verlebten Tag hereinbrechen“ (Bruckner) vorstellen, mag es wirken, als ob die Jäger im Dunkel des nebligen, regnerischen Waldes nach Hause drängen, mag Bruckner den be- eindruckend feierlichen Schluss der Sinfonie als „Schwanenlied der Romantik“ bezeichnet haben – ernster als alle derartigen inhaltlichen Hinweise ist seine lapidare Äußerung zu nehmen: „Und im letzten Satz – ja da woaß i’ selber nimmer, was i’ mir dabei denkt hab!“. Anton Bruckners Vierte Sinfonie ist keine Pro- grammmusik im neudeutschen Sinne, keine musikalische Abbildung konkreter Szenen und Szenerien; allenfalls ist sie eine „romantische Sinfonie“ mit all der bewussten Assoziations- fülle, die ein solcher Begriff eröffnen kann, ein „musikalischer Ausnahmefall“ von großer „Originalität der Ideen“ – ganz so wie es weit- sichtige Rezensenten schon damals in Wien feststellten, als die Uraufführung der Vierten dem Komponisten einen der ersten größeren Erfolge in dieser Stadt bescherte. Bis heute gehört die „Romantische“ zu Bruckners popu- lärsten Sinfonien.

Julius Heile

NDR SINFONIEORCHESTER

Das NDR Sinfonieorchester bei den Salzburger Festspielen

Bei den Salzburger Festspielen ist im diesjähri- gen Sommer erstmals auch das NDR Sinfonie- orchester zu Gast. Im Rahmen der Reihe „Salzburg contemporary“ dirigiert Christoph Eschenbach, ehemaliger Chefdirigent des Orchesters, am 12. August 2012 in der Felsen- reitschule ein Programm mit Werken von Alban Berg, Bernd Alois Zimmermann sowie mit Orchesterbearbeitungen von Liedern Franz Schuberts. Als Solisten sind dabei der Bariton Matthias Goerne sowie als Sprecher in Zimmermanns „Ekklesiastischer Aktion“ Ullrich Matthes und Peter Stein zu erleben.

So, 12.08.2012 | 20 Uhr Salzburg, Felsenreitschule NDR Sinfonieorchester Christoph Eschenbach Dirigent Matthias Goerne Bariton Ullrich Matthes Sprecher Peter Stein Sprecher Alban Berg Drei Orchesterstücke op. 6 Franz Schubert Lieder für Bariton und Orchester Bernd Alois Zimmermann „Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne“ – Ekklesiastische Aktion für zwei Sprecher, Bariton und Orchester

geschah unter der Sonne“ – Ekklesiastische Aktion für zwei Sprecher, Bariton und Orchester Christoph Eschenbach 13

Christoph Eschenbach

13

14

Konzertvorschau

Das NDR Sinfonieorchester zu Gast auf Festivals im Sommer 2012

Sa, 23.06.2012 | 17 Uhr Ulrichshusen, Festspielscheune Im Rahmen der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern Krzysztof Urbański Dirigent Veronika Eberle Violine Dmitrij Schostakowitsch Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 a-Moll op. 77 Antonín Dvořák Sinfonie Nr. 9 e-Moll op. 95 „Aus der neuen Welt“

Sa, 07.07.2012 | 20 Uhr So, 08.07.2012 | 20 Uhr Lübeck, Musik- und Kongresshalle Eröffnungskonzerte des Schleswig-Holstein Musik Festivals Thomas Hengelbrock Dirigent Klaus Maria Brandauer Rezitation (Peer Gynt) und szenische Konzeption Christiane Karg Sopran (Solveigh) Adrineh Simonian Mezzosopran (Anitra) Estonian Philharmonic Chamber Choir NDR Chor Henrik Ibsen/Edvard Grieg Peer Gynt

Fr, 10.08.2012 | 20 Uhr Kiel, Schloss Im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals Christoph Eschenbach Dirigent Matthias Goerne Bariton Peter Stein Sprecher Ullrich Matthes Sprecher Alban Berg Drei Orchesterstücke op. 6 Franz Schubert Lieder für Bariton und Orchester Bernd Alois Zimmermann „Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne“ – Ekklesiastische Aktion

Sa, 18.08.2012 | 20 Uhr Hamburg So, 19.08.2012 | 20 Uhr Flensburg Im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals Tan Dun Dirigent Martin Grubinger Percussion Toru Takemitsu Three Film Scores Tan Dun Konzert für Schlagzeug und Orchester (UA, Auftragswerk des NDR) Sergej Prokofjew „Romeo und Julia“ – Auszüge aus den drei Orchestersuiten

Sa, 25.08.2012 | 20 Uhr Kiel, Sparkassen-Arena Abschlusskonzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals Christoph Eschenbach Dirigent Lang Lang Klavier Peter Tschaikowsky Sinfonie Nr. 3 D-Dur op. 29 Ludwig van Beethoven Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur

RADIO-TIPP

Sowohl das Eröffnungs- als auch das Abschluss- konzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals sind im Rahmen des ARD Radio-Festivals bundesweit im Radio zu hören.

Sendetermine:

Eröffnungskonzert: 13.08.2012 | 20 Uhr

Abschlusskonzert:

26.08.2012 | 20 Uhr

NDR SINFONIEORCHESTER

Impressum

Saison 2011 / 2012

Herausgegeben vom NORDDEUTSCHEN RUNDFUNK PROGRAMMDIREKTION HÖRFUNK BEREICH ORCHESTER UND CHOR Leitung: Rolf Beck

Redaktion Sinfonieorchester:

Achim Dobschall

Redaktion des Programmheftes:

Julius Heile

Die Einführungstexte von Dr. Ilja Stephan und Julius Heile sind Originalbeiträge für den NDR.

Fotos:

Clive Barda (S. 3) Keith Pattinson (S. 4) Sonja Werner (S. 6) culture-images/Lebrecht (S. 8) akg-images (S. 11) Eric Brissaud (S. 13)

NDR | Markendesign Gestaltung: Klasse 3b, Hamburg Litho: Otterbach Medien KG GmbH & Co. Druck: Nehr & Co. GmbH

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des NDR gestattet.

15