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MORAL

irkundungen über einen strapazierten Begriff

Herausgegeben von Ruthard Stäblein

Die französischen Beiträge wurden von Bernd Wilczel< übersetzt.

Elster Verlag

YALE

© der deutschen Originalbeiträge sowie der

soweit nicht anders vermerkt,

7580 Bühl-Moos, Engelstr. 6, 1993 Alle Rechte vorbehalten.

Übersetzungen,

by Elster Verlag Gmb H u. Co. KG,

Satz: Fotosatz Reinhard Amann , 7974 Aichstetten Druck: Pustet, Regensburg Einbandgestaliung: Ines Engelhardt

1SBN3-89151-400-X

M

UM

Inhalt

Vorwort

7

Paul Vinlio: Augen zu - Aufgepaßt! - Für eine Ethik der Wahrnehmung

17

Jean Baudrillard:

Unmögliche Moral. Gespräch mit

Nicole Czechowski

30

Hanna

Gekle: Geburt der Moral: Prometheus und

Ödipus

42

Wilhelm

Schmid: Wohin läufst du in die Irre? -

Der Essay als Lebensgestaltung bei Montaigne

67

Bernd Nitzschke: Von weiblichen und männlichen Tugenden und von dem, was der Auffassung wider- spricht, sie seien natürlich, gottgewollt oder guten Willens zu dekretieren

88

Mona Singer: Weibliches Sub-jekt und Gastfreund- schaft. Ende und Anfang einer Moral

125

Ebba Drolshagen:

Perfekt ist nicht genug. Zur Kon-

junktur der Körperbilder

156

Matthias

Rüb: Der kategorische Relativ. Selbstsorge

und Lebenskunst beim späten Michel Foucault

186

5

Rudolf

Herbert:

Das Mündel im Niemandsland.

Moralische Splitter aus Rumänien

202

Uwe Wesel: Recht, Natur, Moral; Gespräch mit

Ruthard Stäblein

218

Maurice Blanchot:

Die Intellektuellen im Kreuzfeuer . 232

Anmerkungen

260

Zu den Autoren

268

Vollkommen - Verkommen Moral heute

Die gewaltigen Ideologien unseres Jahrhunderts widersetz- ten sich der jeweils bestehenden Moral „kleiner Bürger" und

„pingeliger " Demokraten . Leni n prüft

die Wahrheit am Stein der Realität, das heißt am Nutzen für

die Partei; die Nazis dagegen wollten - auf Ehr und Verderb

- eine höhere, eine Herrenmoral errichten. gödie Auch die 68er und später die Postmodernen verabschiede- ten den Humanismus und mit ihm alle Normen. Als Pro- phet war Friedrich Nietzsche auserkoren. Der versuchte seine Absage an die christliche Moral von Gut und Böse, an eindeutige Werte, seine Suche nach asketischen Tugenden eines freien und einsamen Geistes mit dem Wahlspruch des orientalischen Assassinen-Ordens zu untermauern: „Nichts ist wahr, alles ist erlaubt." Das war die Grundlage seiner Per- spektivenlehre, die nicht nach dem allgemeinen Guten und Wahren, sondern danach fragte, wer etwas wie tut. Aber Nietzsche war kein Immoralist. Der Prophet des 20. Jahr- hunderts begrüßte noch die Anspannung und haßte das „laisser aller", auf das sich unsere Entspannungsgesellschaft seit den 60er Jahren gerade im Aufbegehren der jugendli- chen Revolte herabließ: Do what you like; wir wollen alles, aber subito; anything goes; alles ist erlaubt; lauteten die Pa- rolen der Zeit. Herbert Marcuse nannte die Erscheinung re- pressive Entsublimierung, Pier Paolo Pasolini Konsumis- mus. Das Subjekt ist nur eine Spur im Sand, sagte Michel Foucault in seinem Abgesang auf den Menschen als dem

„Was bedeutet, unter der Optik des Lebens - ^^^

rnedrich

,

Nietzsche:

^^/e Geburt der Tra-

e di e Mora l un d auch

„Sagen wir lieher, daß man die morali- sche Wahl mit der Gestaltung eines Kunstwerkes verglei- chen soll. " Jean-Paul Sartre: Ist der Existentialismus ein Humanismus f

RUTHARD STÄBLEIN

Maß aller Dinge. Derselbe Foucault, der am Ende seines Le- bens zu griechischen Werten, zur Tugend der Selbsterkennt- nis und zur „Sorge um das Selbst", zu einer „Ästhetik der Existenz" zurückfand. Die postmoderne Entzauberung al- ler gesellschaftlichen Utopien (Jean Baudrillard) war ge- prägt von einer Überschätzung der Technologie. Inzwischen zeigt sich, auch im Zeitalter der digitalen Kommunikation wird menschliches Fingerspitzengefühl nicht obsolet. Im Gegenteil.

Ideale Bilder von sich selbst sind nicht unbedingt narziß- tisch-gestylte Spiegelungen bei der Autoskopie mit der Vi- deokamera. Sie können auch ein notwendiges Korrektiv beim Umgang mit sich selbst, mit dem anderen und mit den Maschinen sein.

Die radikale Gesellschaftskritik verdrängte und verschob Bilder vom idealen oder auch nur besseren Menschen auf den Sankt-Nimmerleins-Tag oder denunzierte sie als Ideolo- gie.

Nicht die Vorstellung von einer idealen Gesellschaft oder vom guten Menschen, sondern die Erkenntnis, daß der Mensch durchaus schlecht, korrumpier bar, „fast ein Tier" ist, nötigt zu der Einsicht, daß es besser sei, im Umgang mit- einander „Handschuhe zu tragen" (La Rochefoucauld). Frü- here, „abendländische" Philosophen und selbst noch ihre entschiedensten Kritiker wie Heidegger, suchten den Men- schen vom Tier zu unterscheiden. Manchmal wurde der Uberhang „Seele" genannt, oder „Drang zum Höheren", oder auch „morahsches Wesen". Ökologisch verunsicherte und bewegte Generationen wissen sich mit der einfachen Kreatur viel näher verwandt. Aber die verzückten Anbeter einer Natur, die ohne den Menschen „humaner" wäre, über-

VORWORT

sehen dabei, daß Tiere beißen können. Wir sollten uns also

übe r Maulkörb e unterhalte n un d auch darüber , was der Ein - ^^^ zelne taugt oder taugen könnte, also über Tugenden, die ein- ^^^ lebend mal bedeuteten oder wieder bedeuten sollten, den Charakter

wie den Körper zu pflegen.

„Wozu lebst du,

ker aus der

ionne

Allein das Wort „Tugend" ist heute anrüchig, wird sofort auf die Kardinaltugenden der katholischen Moraltheologie oder ein abstraktes Römertum bezogen. Könnten dennoch antike oder christhche Lebensweisheiten und Tugendlehren, wie etwa die der Stoa, die ein asketisches Leben im Einklang mit der Natur forderte, so umgewertet werden, daß sie, mit pro- spektiver Rücksicht auf die Nachgeborenen, einen Ansporn für ein gelungenes Leben in der Gegenwart bieten? - Zu einer elastischen Normativität und einer „minimalen Mo- ral", die ihren Elan nicht mehr aus einer harmonischen Zu- kunftsvision, auch nicht aus konservativen Traditionalis- men, sondern aus dem Ungenügen an der aktuellen Lage ge- winnt? Können statt Abziehbildern und Neuauflagen des „perfekten Menschen" in der Nachfolge von Castighone heute noch Leitbilder aufgestellt werden, die relativierbar sein mögen, sich dennoch als Regulativ verstehen?

Es ist viel einfacher, die Schuld des Einzelnen auf die Schlechtigkeit der Welt und andere abstrakte Mechanismen abzuwälzen, anstatt an die Verantwortlichkeit des Einzelnen zu appeUieren und eine Ethik der Individualität einzukla- gen.

Das klingt naiv und idealistisch angesichts der Scherben, die eine Erfolgsmoral (Lenin und Hitler) hinterlassen hat, nach der alles richtig, akzeptabel, ja sogar im erkenntnistheoreti-

„Ich würde sagen,

der ,Anti-Ödipus' ist

Werk,

das erste Ethik- Buch, das in Frank- reich seit sehr langer Zeit geschrieben wor- den ist. " Michel Foucault: Der „Anti-Ödipus" (von Gilles Deleuze und Félix Guattari) - Eine Einführung in eine neue Lehens- kunst

ein ethisches

RUTHARD STÄBLEIN

sehen Sinn wahr war, was der Durchsetzung der Partei oder der Herrenrasse diente. Mit anderen Inhahen und Prinzi- pien gefüllt, ist dieses „Recht-hat-wer-Erfolg-hat" noch der Leitsatz des Kapitalismus geblieben, der Rationalität auf ein Zweck-Mittel-Verhältnis reduziert und die Natur in das Koordinatensystem von Preis und Profit zwängt.

Die Orte, an denen früher moralische Orientierungen, ja der Sinn des Lebens, verhandelt und ausgesprochen wurden, die Parteilokale, Kirchenbänke und Wohngemeinschaftskü- chen, sind heute leer. Dennoch bleibt das Bedürfnis nach Orientierung bestehen.

An dieses Bedürfnis will der Band „Moral" anschließen. Er nimmt eine Debatte auf, die in Frankreich bereits Mitte der achtziger Jahre begann und zunächst auf andere Weise als in Deutschland geführt wurde. Das liegt selbstverständ- lich an der unterschiedhchen jüngsten Geschichte. Die fran- zösischen Intellektuellen ließen sich mit dem Aufschwung der „résistance" und nach dem Modell Sartres umfassend politisieren. Der maoistische Tigersprung war Mitte der sechziger Jahre in Zeitschriften wie „telquel" waghalsig vor- geführt wurden. Aber auch zur ernüchternden Landung, zur Entpolitisierung und Verabschiedung der Projekte von Aufklärung und Moderne setzten die französischen Intellek- tuellen früher un d radikaler als die deutschen Genossen an, die es immerhin noch schafften, mit den „Grünen" eine po- litische Alternative zu finden. Auch in der Theoriebewegung fand bereits in den siebziger Jahren in der Bundesrepublik die Neuformulierung einer Ethik im Namen der Kommuni- kation statt, die aber mit ihrem Begründer Habermas weit- gehend auf den Diskurs der Universität beschränkt blieb.

Umgekehrt begann in Frankreich schon früher in öffentli-

10

VORWORT

chen Zirkeln eine „ethische Wende", eine Rückbesinnung

auf moralische Norme n und humanistisch bestimmte Werte,

die in der Tradition eines im französischen Denken wurzeln-

den Universalismus von Menschenrechten und der Revolu- tion von 1789 stehen. Der französische Verlag „autrement" griff mit der Reihe „série morales" diese „Kehre" auf und konnte seit Anfang 1991 neun Bände lancieren, die unter Tugendnamen wie Treue, Höfhchkeit, Verzeihen, Ehre, Bescheidenheit, Tole- ranz, Mut, Geduld publiziert wurden. Unter dem Patronat des jüdischen Philosophen Emmanuel Lévinas äußerten sich Historiker (Jean-Pierre Vernant), Soziologen Qean Baudril- lard), Linguisten (Tzvetan Todorov), Psychoanalytiker (Ju- lia Kristeva, Jacques Hassoun), aber auch Filmemacher (Marcel Ophüls), Schriftsteller (Pierre Desporges) und Schauspieler (Guy Bedos) für oder gegen diese Tugenden, historisierten, relativierten oder proklamierten sie aufs Neue.

Gesetz oder Regel werden in Frankreich nicht immer mit dem Wunsch nach Ausnahme und Übertreten assoziiert, sondern als Voraussetzung für ein zivihsiertes Leben be- trachtet.

Da in Deutschland andere Gesetze und Regeln herrschen, gab die französische „série morales" nur den Anstoß für ein mehrteiliges Buchprojekt des Elster-Verlages, die Diskus- sion auf unsere Geschichte und unsere Bedingungen ange- wendet fortzuführen.

Etwa die Hälfte der französischen Beiträge wurden von Bernd Wilczek übersetzt. Aber das moralische Urteil, nach der die jüngere und jüngste deutsche Geschichte und auch

11

„Die Seele, die die fröhliche Philosophie beherbergt, soll mit ihrer Gesundheit

auch den Körper an- stecken. Sie soll ihre Ruhe und Gelassen- heit nach außen aus- strahlen; soll nach ihrem Maß den Kör-

perprägen

und

trai-

nieren, so daß er an- mutig und stolz, leb- haft, zufrieden und nachsichtig auftreten kann. Das deutlich- ste Zeichen von Weis- heit ist stete Lust; ihr Zustand ist wie die Dinge über dem Mond: beständig hei- ter."

Michel de Mon- taigne: Von der Er- ziehung der Kinder

RUTHARD STÄBLEIN

die Gegenwart verlangt, wurde von deutschen Schriftstel- lern, Historikern, Analytikern, Journalisten, Juristen, Film- leuten, Philosophen, wenn nicht aufgestellt, so doch ge- prüft.

„Eine Moral als Sy- stem, mit Grund- und Folgesätzen, ei- serner Schlüssigkeit, sicherer Anwendbar- keit auf jedes morali- sche Dilemma ~ das ist es, was man von den Philosophen ver- langt. " Theodor W. Adorno/ Max Horkheimer:

Dialektik der Auf- klarung

Oder dürfen wir Deutschen überhaupt nicht von Tugend und Moral sprechen? Zu hoch wurden bestimmte Tugenden gehandelt, zu tief war der Absturz und die Desillusionie- rung. „Auf Treu und Ehr" stand auf dem Koppelschloß der SS. (Siehe die Beiträge der Historiker Han s Buchheim über die Kameraderie der SS im Band „Treue" und Peter Hartl, der im Band „Mut" fünfzig Gespräche mit ehemaligen Sol- daten über ihren Einsatz an der Ostfront historisch analy- siert und auswertet.) Im Namen von deutschen Tugenden wurden Völker mißhandelt, sollten sie „ausgerottet" wer- den. Das deutsche Wort „Tugend" kommt von „taugen". Was taugt ein Volk, ein Einzelner? Nach diesem Prinzip wur- den EUten gezüchtet, wurde „unwertes" Leben ausgeson- dert.

Wegen der eingeforderten Treue zum Staat und des Glau- bens an die sozialistische Zukunft wurden Millionen von Bürgern bespitzelt und katalogisiert. (Damit soll nicht sug- geriert werden, die Tugendwächter der SED und der NSDAP seien vergleichbar.) Kaiserreich, autoritärer Parla- mentarismus, Nazismus, Stalinismus und wieder parlamen- tarische Demokoratie: Schuld und Schande wechseln in Deutschland schnell die Opfer und Täter.

Die französischen Herausgeber von „autrement" stiegen mitten in den Tugendkatalog ein. Im ersten deutschen Band steht zunächst die Fragwürdigkeil und gleichzeitig die Not- wendigkeit von Tugend und Moral im Zentrum. Nur ein In-

10

VORWORT

terview wurde dabei aus den „séries morales" übernommen, in dem Jean Baudrillard jegliches moralische Ansinnen für die heutige durch Gleichgültigkeit und Ununterscheidbar- keit geprägte Weh („indifférence") verwirft. Paul Virilio wi- derspricht dem. Der Technologiekritiker rückt in einem Ori- ginalbeitrag für diesen Band erstmals mit seiner verborgenen „Ethik der Wahrnehmung" heraus: Aufmerksamkeit kann nur der bewahren, der sich der Bilderflut der neuen Medien verwehrt. „Attention les yeux" - gebt Acht auf eure Augen, ermahnt Virilio.

Ein anderer, ehemaliger Gegner von Einschränkungen der bürgerlichen Freiheit durch moralische Vorschriften, der Berliner Jurist Uwe Wesel, bekennt in einem Gespräch, daß die Bedrohung der Ökologie auch sein juridisches Denken verändert habe. Früher sei er in Anlehnung an Kant für eine strikte Trennung von Recht und Moral eingetreten. Gerade die Moralapostel hätten die Freiheit von Andersdenkenden und Minderheiten mit Paragraphen wie etwa dem 175er ein- geschränkt. Uwe Wesel fürchtet auch die Moralpredigten der Natur-Bewegten. Sie würden unseren Spielraum einen- gen. Aber Wesel ist sich des Ausmaßes der ökologischen Krise bewußt. Ein Ausweg könnte für ihn sein, Tiere und Pflanzen als juristische Personen anzuerkennen.

Zu keiner Zeit und nirgendwo anders wurden Werte so gründlich und häufig zerstört und umgewertet wie im Zen- trum von Europa während der letzten hundert Jahre. Die Extreme berühren sich, sagte Blaise Pascal und auch Fried- rich Schlegel. Der erste Band steht deshalb unter dem Ge- gensatzmotto: Vollkommen - Verkommen. Moral heute.

Rudolf Herbert, der vor kurzem aus Rumänien nach Deutschland gekommen ist, berichtet vom moralischen Pa-

13

„Er verglich sich seihst mit einem Hund, den alle lo- ben, mit dem aber niemand auf die ]agd zugehen wagt.'' Diogenes Laertius Uber den Kyniker Diogenes

„Gib dem den Vor- zug, was positiv ist und multipel, der Differenz vor der Uniformität, den Strömen vor den Ein- heiten, den mobilen Anordnungen vor den Systemen! Glaube daran, daß das Produktive nicht seßhaft ist, sondern nomadisch. " Michel Foucault: Der „Anti-Ödipus" (von Gilles Deleuze und Félix Gauttan) - Eine Einführung in eine neue Lebens- kunst

RUTHARD STÄBLEIN

thos unter Ceau§escu und von der moralischen Leere, vom Chaos, das zurückblieb. Ebba Drolshagen erkennt gerade in den Perfektionsan- sprüchen, die in den Illustrierten an den weiblichen Körper gestellt werden, die Verkommenheit unserer Gesellschaft.

Tendenziell könnte damit jede Köφerpflege, jede ästheti- sche Sorge u m sich selbst, in Verruf geraten. Dagegen wendet sich der zentrale Aufsatz dieses Bandes von Matthias Rüb über den späten Michel Foucault. Der französische Diskurs- analytiker hat, nachdem er hinter jedem Subjekt und Satz ein Gesetz und gar ein Gefängnis vermutet hatte, gegen Ende seines Lebens, möglicherweise nach dem Ausbruch einer Aids-Krankheit, in den Selbstbefragungstechniken der Spät- antike nicht mehr nur ein Mittel zur Selbstdisziplinierung, sondern zur Selbsterkenntnis und Befreiung ermittelt. Fou- caults Formel von der „Ästhetik der Existenz" verknüpft über das Medium antiker Modelle den Körper mit dem Geist, die Moral mit dem Spiegel der Schönheit. Von dieser folcaldensichen Kehre aus könnte Moral nicht mehr repres- siv, sondern subversiv gedacht werden. Das Körperfeind- liche der christlichen und bürgerlichen Moral, die Foucault in seinen Theorien der Sexualität ρerhorreszierte und zur Verneinung jeglicher Normsetzung verleitete, wird in sein Gegenteil verkehrt. Der späte Foucault bejaht die Notwen- digkeit von Normen und läßt in ersten Ansätzen eine neuan- tike „Kunst des Selbst" aufscheinen, in der mit asketischen Übungen nicht mehr nur Leibfeindliches, sondern die „volle Souveränität über sich selbst" angestrebt wird. Foucaults „Ästhetik der Existenz" wäre für mich gleichbedeutend mit ihrer Moral.

Sein Leben selbst in die Hand nehmen, es gestalten, wäre

10

VORWORT

danach eine moralische Übung: „Schaffe das eigene Leben, indem du ihm durch lange Übung und tägliche Arbeit STIL gibst", schrieb Friedrich Nietzsche. Für den französischen Essayisten Michel de Montaigne, den sich Wilhelm Schmid zum Vorbild nimmt, ist das Schreiben genauso ein „essai", ein Versuch, wie das Leben. Eine Moral in diesem Sinne wäre nicht ewig, nicht universell, wie die traditionelle, sondern stets überprüfbar, relativ, vorübergehend, eben „essayi- stisch".

Moral sollte einmal fü r alle gelten, ohne Rücksicht auf so- ziale Herkunft oder Geschlecht. Dabei richtete sich die Mo- ralerziehung mit besonderer Aufmerksamkeit dem weibli- chen Geschlecht, das zu Sittsamkeit und Sanftmut erzogen werden sollte. Der Psychoanalytiker Bernd Nitzschke hat den großen Unterschied zwischen weiblichen und männli- chen Tugenden in einem familiensoziologischen, histori- schen Psychogramm abgeleitet.

Die Wiener Philosophin Mona Singer versucht darauf auf- bauend eine feministische Kritik an den Grenzen der männ- lichen Moral und in ersten Andeutungen eine weibliche Mo- ral der Entgrenzung und Gastfreundschaft zu skizzieren. Die Frankfurter Psychoanalytikerin und Philosophin Hanna Gekle geht davon aus, daß die Freudsche Seelen- kunde selbst eine maskuline Moralprojektion ist. Doch zu Odipus findet sie das Gegenbild in Prometheus, einem sinn- lichen Künstler, der die olympischen, männlichen Götter stürzen wollte. Mit ihm und mit den Techniken der Psycho- analyse will die Autorin hinabsteigen ins Unbewußte, „zu den Müttern", sich dabei aber des Beistands der Vernunft und Apolls versichern.

15

„(

schen Norm nicht länger die Ruhe star-

rer Satzungen

hen, sondern ein be- wegliches Gleichge- wicht, das in jedem Augenblick Leistun- gen zu seiner Erneue- rung fordert. " Robert Musil: Der Mann ohne Eigen- schaften

)

in der

morali-

zu

se-

„Man sage mir nicht, ich solle das gleiche bleiben: das ist eine

Personen-

sie be-

Moral des

standes,

herrscht

unsere

Pa-

piere. "

Michel

Foucault:

Archäologie

des

Wissens.

„Nur wer sich wan- delt, bleibt mit mir verwandt." Friedrich Nietzsche:

Aus hohen Bergen. Nachgesang

RUTHARD STÄBLEIN

In diesem Band werden Regelsätze vergangener und auch noch gegenwärtiger Morallehren entregelt, eine „minima moraha" für ein richtiges Leben hier und erste elastische Normen für eine künftige Moral probeweise aufgestellt.

Die Sorge um sich selbst braucht danach nicht mehr des Narzißmus bezichtigt werden. Aber sie sollte die Sorge um den anderen mit einschließen. An sie erinnert in einem ab-

schheßenden Essay Maurice Blanchot, der an den Ursprung der Intellektuellen zurückdenkt. Das Wort, die Gattung ent-

stand, als der Jud e Dreyfus zu Unrecht verurteilt wurde

so unterschiedliche Schriftsteller wie Emile Zola und Marcel Proust sich für ihn engagierten. Darin bewährt sich der In- tellektuelle, daß er gewillt ist, aus seiner „schöpferischen Einsamkeit" (Blanchot) oder aus seinem Berufstrott auszu- brechen, um Verantwortung für den anderen zu überneh- men.

Ich danke dem Übersetzer Bernd Wilczek für die anregen-

den Diskussionen und Martina Kayser, der Lektorin des El-

und

ster

Verlages, fü r ihre Geduld.

 

Ruthard

Stählein

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Paul Virilio

Augen zu, aufgepaßt!

Für eine Ethik der Wahrnehmung

,Befehlen heißt in erster Linie, die Augen anzusprechen "

Napoleon

Früher mag es eine „Kunst des Sehens" gegeben haben, heute aber haben wir es mit einem „Unternehmen der wahr- nehmbaren Erscheinungen" zu tun, das die Form einer viel- leicht gefährlichen Industrialisierung des Sehens sein könnte.

Tatsächlich stellt sich die Frage, welcher der Bäume, die ich sehe, denn eigentlich der echte ist. Der, vor dem man ste- henbleibt und dessen einzelne Aste und Blätter man ganz deutlich sehen kann, der, den man beim Vorbeifahren durch die Windschutzscheibe des Autos sieht, oder der, den man auf dem Fernseh-Bildschirm sieht?

Die Antwort auf diese scheinbar unsinnige Frage hat in Wahrheit eine Reihe ganz konkreter Folgen für das tägliche Leben.

Die Tatsache, daß die Fotographie in der Art, wie Niepce oder Daguerre sie erfanden, nicht mehr existiert, sondern daß es nur noch Standbilder gibt und darum die fixierten Bil- der nichts anderes sind als „Stationen" auf dem Weg der ab- gespulten Filmsequenzen, deutet darauf hin, daß uns eine Leidenschaft des Blicks bevorsteht, bei dem die Kunst des Liebhaberblicks verschwinden und ersetzt werden wird

17

„Zum

ren,/

bestellt"

Linkeus der Türmer

im Faust, V.

Goethes Wahlspruch, aus einem anderen Zeitalter.

Sehen

zum

gebo-

Schauen

Akt;

„Ich stellte fest, daß bestimmte Photogra- phien in mir kleine Jubelschreie auslö- sten, als oh sie auf ein verschwiegenes Zen- trum, ein erotisches oder peinigendes, in mir selbst verborge- nes Gut verwiesen." Roland Barthes: Die helle Kammer. Be- merkungen zur Pho- tographie

Hanna

Gekle

Geburt der Moral:

Prometheus und Ödipus

„Unsere Sprache ist ohne Macht, wenn wir von ihr die Ent- hüllung einer wahren Welt erwarten: aber sie bietet uns Fülle, wenn wir in ihr zu leben einwilligen, in dieser ersten Welt, in der wir dem Leiden, der Wollust und der Wirrnis be- gegnen."

Michel de Montaigne

Keine Figur verdichtet so wie Ödipus das Neue der Psycho- analyse. Als Wissenschaft des Unbewußten erst um die Jahr- hundertwende entstanden, steht sie nicht nur chronologisch am Beginn der Moderne, ihre Entstehung bezeugt selbst die Zäsur, die das historische Bewußtsein des 19. Jahrhunderts von der Zerrissenheit der Moderne trennt.

Die Galionsfigur dieser neuen Theorie des Menschen ent- stammt noch nicht einmal der bürgerlichen Neuzeit, von de- ren wissenschaftlichem Fortschrittsglauben der Begründer dieser Wissenschaft noch getragen wurde; nicht ohne Ironie der Geschichte entspringt sie vielmehr in epochenübergrei- fender Ungleichzeitigkeit aus einer literarischen Gestalt der Antike: dem Ödipus des Sophokles. Der König Ödipus, der das Rätsel der Sphinx durch die Antwort: Es ist der Mensch! gelöst und damit Theben befreit hatte; Ödipus, das ausge-

42

HANNAGEKLEGEBURTDER MORAL: PROMETHEUS UN D

ÖDIPUS

setzte Kind mit den geschwollenen Fesseln, das glaubt, sei- ner Schicksalsprophezeiung entkommen zu können, wo- nach es seinen Vater töten und seine Mutter heiraten werde; Ödipus, der zornige Potentat, der den blinden Teiresias erst

„Nimmer, das glaubt mir, ! Erscheinen die Dotter, / Nimmer al- ργΐ^^^ι^-ΐ, Schiller-

bedrängt, dann bedroht und schließHch verflucht, als er ihm Dithyrambe

die Wahrheit sagt, die er ihm abverlangte; Ödipus, der tapfer und verzagt, ausweichend und zupackend, zweifelnd und schheßlich verzweifelt die Wahrheit sucht, die er ebensosehr an sich selber vollzieht wie er sich als ihr ausgeliefert erfährt, bis er schließlich in einem letzten Gewaltakt rebelliert, in- dem er sich selber blendet - diese Gestalt, so wie sie uns in der Tragödie des Sophokles entgegentritt, wird in den Augen Freuds zum tragischen Bild menschlicher Existenz schlecht- hin. Aufgerieben zwischen den Gewalten der Natur und den Gesetzen der Kultur, zwischen Anspruch und Verzicht, Wunsch und Verbot wird der zunächst ahnungslose Ödipus auf dem Weg des Wissens, den er geht, aus einer Selbsttäu- schung in die nächste getrieben, bis er am Schluß fassungslos seine Schuld erkennt - und sich bestraft.

In seiner individualpsychologischen Fassung ist der Ödi- puskomplex zum Untergang bestimmt: Das ambivalente Begehren des Kindes zerschellt sowohl an seiner eigenen Unfähigkeit wie an den es umstellenden Verboten der Er- wachsenen, von denen es existentiell abhängig ist. Das Kind rettet seine narzißtische Integrität durch einen ersten kultur- stiftenden Verzicht: Es entkommt der Kastrationsdrohung ebenso wie seiner Angst vor Kastration, indem es auf sein Begehren verzichtet. Die äußeren Autoritäten, die das Ver- bot durchsetzten, richtet es nun in sich selber auf: kurz, es wird moralisch.

De r Blick, den Freud auf die Moral wirft, ist zwieschläch-

43

„Rom wollte herr- schen. Als seine Le- gionen gefallen, schickte es Dogmen in die Provinzen. " Heinrich Heine: Zur Geschichte der Reli- gion und Philosophie in Deutschland

HANNA GEKLE

tig. Mag sie sich selber auch im Licht der Reinheit und Wahr- heit erscheinen, sie hat sich aus dunklen Ursprüngen empor- gearbeitet, die sie zwar zu verdrängen sucht, aber dennoch nicht überwinden kann: sie entstammt dem inzestuösen Be- gehren ebenso wie einem ersten Todeswunsch, der dem se- xuellen Rivalen gilt; eingesetzt wird sie schließlich mit der gewalttätigen Kraft der Angst vor dem Tode: der Verlust der elterlichen Liebe beschwört für das hilflose und abhängige Kind die Gefahr seiner körperlichen Vernichtung herauf. To- deswunsch und Todesangst stehen als Zeugen einer Her- kunft aus blutigen Anfängen an der Schwelle, die künftig bleibend Natur von Kultur trennen wird, indem sie sich eine eigene psychische Instanz schafft, die von nun an die Ge- setze der Kultur gegenüber den Ansprüchen des Begehrens wie dem ausgleichenden Bemühen des Ich vertreten wird:

das Über-Ich.O

Unbeirrt um die Kritik, die schon zu seinen Lebzeiten am Ödipuskomplex laut wurden, hielt Freud an ihm als dem Zentralkomplex der Psychoanalyse fest, bildete er doch als Scharnier zwischen Natur und Kultur nicht nur die zwie- spältige menschliche Existenz zwischen Körper und Geist nach, sondern garantierte zugleich, daß die scheinbar nur in- dividualpsychologischen Kategorien psychoanalytischer Therapie zugleich anthropologisch universell waren, Thera- pie und Kulturtheorie also untrennbar zusammen gehören.

Individualpsychologisch betrachtet, beendet der Unter- gang des Ödipuskomplexes die Zeit der Vorgeschichte und ihrer prägenitalen Triebschicksale. Diese frühen Erfahrun- gen fließen in den Ödipuskomplex ein und geben ihm ihre besondere Tönung; doch bestimmt erst die spätere Verarbei- tung im Lichte des Ödipuskomplexes und seiner Bewälti-

42

GEBURT DER MORAL: PROMETHEUS UN D ÖDIPUS

gung, welche Bedeutung diese prägenitalen Strebungen blei- bend erhalten werden. Neu eingetragen in das komplexe Gebilde der Jeweils doppelten, positiven wie negativen, homo- wie heterosexuellen Strebungen des Ödipuskomple- xes, verändert dieser im nachhinein die ihm voraus liegenden Strebungen, indem er sie in seinem Untergang neutralisiert, so wie umgekehrt diese Strebungen den Ödipuskomplex er- heblich komplizieren und affektiv aufladen können, wenn dieser nicht am herrischen Nein des gesellschaftlichen Ver- bots zerschellt. Auch wenn Freud selber niemals expressis verbis darüber sprach, mir scheint, er beharrte auf der kon- stitutiven Bedeutung des Ödipuskomplexes, weil er damit einer rein chronologisch orientierten Frage nach dem Ur- sprung entkam und statt dessen mit einem psychischen Ur- sprung begann, dem gleichwohl historische und psychische Anfänge vorauslagen, deren unbewußt bleibende Bedeut- samkeit sich jedoch erst im Kontext des Ödipuskomplexes

entschied.2)

Die Paradoxien des Ursprungs suchen immer wieder neu

nach einfacheren Lösungen. Bereits zu Freuds Zeiten be- „Es ist das Herz ein tonte man die Bedeutung der prähistorischen Anfänge und trotzig und verzagt

suchte gerade umgekehrt den Ödipuskomplex daraus ab- zuleiten. Zugleich verlegte man die Frühstadien des Ödi- puskomplexes immer weiter zurück. Statt des verbietenden Vaters trat eine androgyne Muttergestalt ins Zentrum der theoretischen Aufmerksamkeit. Bezogen auf die Moral be- deutete dies, sie verdankte sich nicht mehr primär der Strenge des väterlichen Gesetzes, das die beiden universellen Gesetze des Tötungs- und Inzesttabus durchsetzte: nun hatte sie bereits mütterliche Ursprünge. - Im folgenden ver- suche ich eine Reformulierung des Freudschen Anliegens

Ding; wer kann es er-

gründen

f

Jeremias

17,9

45

HANNA GEKLE

über den Rückgriff auf Nietzsches „Geburt der Tragödie", um schließlich die antiken Quellen selbst sprechen zu las- sen.

II

Treu seiner Grundüberzeugung in der „Geburt der Tragö- die"^), wonach das Dionysische und das Apollinische in immer neuen, aufeinanderfolgenden Geburten und sich ge- genseitig steigernd, das hellenische Wesen beherrscht haben, verfolgt Nietzsches Interpretation den Anspruch, den Gott Dionysos als Grundfigur in seinen sich wandelnden Gestal-

ten zu entdecken und sie nach einem Schema zunehmender Bedeutsamkeit rangmäßig zu ordnen. Dabei wird die näch- ste Gestalt immer zugleich die Wahrheit der vorherigen. „Es gibt kein lieb- Eine ganz besondere Verbindung von Dionysischem und

Apollinischem findet Nietzsche dabei in Prometheus.

Nicht die Überlieferung des Mythos jedoch wird zum ei- gentlichen Text, an dem sich Nietzsches Interpretation des Prometheus orientiert, er legt vielmehr den Text eines Dich- ters zugrunde: die als Tragödie gestaltete Form der Prome- theus-Sage durch Aischylos. Nach dem Text des Mythos indes ist Prometheus vor allem derjenige unter den Titanen, der den Menschen gegen den Willen der Götter das Feuer ge- bracht hat. Nietzsche spielt jedoch nach Belieben und Brauchbarkeit teils mit dem gestalteten Text der Dichtung, teils mit der mythischen Überlieferung, ohne sich oder dem Leser darüber methodische Rechenschaft abzulegen.

Der Vorrang indes liegt bei Aischylos. Dafür gibt es meh- rere Gründe. Nietzsche interpretiert Prometheus nicht als irgendeinen der Titanen, der neben anderen Taten unter an-

lieberes Opfer als Ty-

rannenblut. " Boccaccio: De casi- bus vivorum illu- strium

42 46

GEBURT DER MORAL: PROMETHEUS UN D ÖDIPUS

derem für die Menschen einstand und ihnen das Feuer brachte, Prometheus wird zum Kulturstifter überhaupt. Darin kann Nietzsche sich auf den griechischen Dichter der ersten Prometheus-Tragödie berufen. So hat ihn bereits Ai- schylos verstanden, der den im Mythos erzählten Akt des Feuerraubes symbolisch inteφretiert: Alles Wissen haben die Menschen nach ihm von Prometheus, nicht von Zeus.

Wie alle Titanen - so auch sein Bruder Atlas, der um die Geheimnisse der Tiefe des Meeres wußte - zeichnet sich Prometheus durch besondere Klugheit aus. Prometheus übertraf indes selbst noch seinen Bruder Atlas. So hatte er vorausgesehen, daß Zeus den Götterkampf gegen Kronos gewinnen würde und sich auf die Seite des künftigen siegrei- chen Zeus geschlagen. Und noch ein zweitesmal half er dem Bedrängten: diesmal bei der Geburt seiner Tochter Athene, die dem göttlichen Haupte nur mit Schmerzen und Mühen entsprang. Zum Dank hatte ihn die Tochter des Zeus in die Kenntnis der Künste eingewiesen. - So der Bericht des My- thos, den Aischylos jedoch nicht unverändert übernimmt. Bei ihm verfügt Prometheus über einen Vorsprung an Wis- sen auch noch Zeus gegenüber, dessen Ursprung zunächst unbekannt bleibt.

Geradezu grenzenlos ist die Liebe zu den Menschen, die Prometheus bei Aischylos zeigt; er beschenkt sie mit allen Gaben, deren er habhaft werden kann:

„Doch was die Menschen litten, tu ich kund. Die einst im Dunkel tappten, denen lieh Ich den Verstand, des Denkens Sicherheit.

doch sie sahen

(

Ohren und hörten nicht; wie Traumgestalt

Verwirrten alles sie ihr Lehen

)

Sie hatten

Augen,

nicht,

lang.

„Die Wahrheit trium-

nie, ihre

ner sterben nur aus. " Max Planck: Persön-

liche Erinnerungen aus alten Zeiten

phiert

Geg-

HANNA GEKLE

„Arbeit: Ein Vor-

Blindlings.

Sie wußten

nichts

vom

Ziegelhau

gang, durch den A

Und keiner

wußte,

wann

der Winter

kam,

Besitz

für

Β

wirbt.

er-

"

Ambrose

G. Bierce:

Aus dem

Wörterbuch

des Teufels

^^^

BlUtenfrühling

noch

des

Sommers

Frucht,

Ganz ohne klares Wissen war ihr Tun, Bis ich die schwere Kunde ihnen wies

Von der Gestirne Auf- und Niedergang.

Die höchste Weisheit lehrt

füge,

der

Bewahrenn,

ich sie, die Zahl,

der Schrift

Kunstreicher Mutter aller Wissenschaft.

Als erster spannt

ich wildes

Tier ins Joch;

Ge-

Und für die Meerflut hat kein anderer Das Fahrzeug mit dem Flügeltuch erdacht.

Aber damit noch nicht genug: Prometheus preist sich wei- ter, was er den Menschen für kluge Künste ausgedacht: er lehrte sie medizinische Kenntnisse, führte sie in die Seher- kunst ein und zeigte ihnen, wie man Träume deutet, die Op- ferung von Fleisch, den Umgang mit dem Feuer; kurz: „Pro- metheus hat sie jede Kunst gelehrt."^) - Warnend ruft die Chorführerin den sich versteigenden Prometheus zurück:

„Du halfst den Menschen über alles Ma ß / Denk an dein eig- nes Unglück! Ja, ich weiß: / Bist du einmal der schweren Ket- ten frei, / So steigst du bis zum Rang des Zeus empor."^)

Von Anfang an läßt die Tragödie keinen Zweifel daran, daß es die Maßlosigkeit seiner Liebe zu den Menschen war, die Zeus, selber ein Emporkömmling, gegen die Unbotmäßig- keit des Prometheus so aufbrachte, daß er ihm diese harte Strafe auferlegt. Noch in der Vorszene klagt Hephaistos, der sich höchst ungern zum Schergen des Zeus machen läßt und seinen Blutsverwandten Prometheus nur jammernd an den Kaukasus fesselt: „Das sind die Früchte deiner Menschlich- keit : / Ein Gott hat keiner Götter Zorn gescheut, / Hat Men-

42

GEBURT DER MORAL: PROMETHEUS UN D

ÖDIPUS

schen über alles Maß geehrt! / Nu n hütest du die Schrecken dieses Bergs/ Aufrecht und schlaflos, ungebeugten Knies/ Und viele Seufzer, viele Klagen stöhnst/ Du fruchtlos, denn das Her z des Zeus bleibt hart / Wie alle Herzen aller neuen Herrn."

Freiheit von Unterdrückung, Abstreifen der Ketten, die Prometheus in direktem wie in symbolischen Sinn leidend an den Kaukasus heften, Rebellion gegen despotische Herr- schaft, die die Menschen in den von ihr gesetzten Kreis einzwängt und für immer zu ihrem Untertan machen will - das wurde häufig genug als eigentlicher Inhalt dieser Tragö- die angesehen. So schien sie zum Ur - und Vorbild aller Revo- lutionsstücke überhaupt tauglich zu sein.

Freiheit ist auch das Fanal für diesen Akt von Kulturstif- tung: Sie macht die Menschen auf einen Schlag in doppelter Hinsicht frei: Frei von den Göttern und frei von den Zwän- gen der Natur. Prometheus bricht als erster in den heiligen Bezirk ein und stiehlt für die Menschen die bisher nur den Göttern vorbehaltenen Gaben, mit denen der Mensch seine Geschicke von nun an in die eigenen Hände nehmen kann, ohne weiterhin den Göttern dankbar und unterwürfig op- fern zu müssen, weil er sich in seiner irdischen No t gänzlich von ihrer Gunst abhängig glauben mußte. Als Lehrer des Handwerks und aller praktischen Künste wirkt Prometheus indes nicht nur als griechischer Titan, er erscheint bereits als der erste Homo faber.

Bei Aischylos wird Prometheus nur erst symbolisch zum Vater der Menschen: er verhindert, daß Zeus, eifersüchtig geworden auf die allzu gut lebenden Sterblichen, die seiner nicht achten, dieses Geschlecht ausrotten will. „Ich" - so Prometheus noch am Felsen in unbeugbarem Stolz - „Ich

49

„Alles geben die Göt- ter, die unendlichen/ Ihren Lieblingen ganz: / Alle Freuden, die unendlichen,/ Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz."

Johann

W.

von

Goethe: Alles geben die Götter

„Nationen, die man unterworfen hat, sollte man entweder glücklich machen oder vernichten." Nicolò Macchiavelli:

Discorsi I

HANNA GEKLE

habs gewagt, bewahrte sie davor, / Daß allesamt der Hades sie verschlang, / Un d dafür ward ich unters Joch gebeugt, / Qual- voll zu tragen, furchtbar anzuschaun. / Ich hatte mit den Men- schen Mitleid, selbst/ Erfuh r ich keins und grausam macht mich Zeus/ Zu einem Schauspiel, das ihn selbst entehrt."^) Erst in Darstellungen der Spätantike erscheint Prometheus als Zeugender: ein Lehmbildner, der Menschen schafft.^)

Dem Freiheitsstreben des Heros korrespondiert das ent- stellte Gesicht des Gottes. Nicht genug damit, daß die mäch- tigen Arme des Prometheus unverrückbar fest an den Kau- kasus genagelt werden. U m dem schlauen Titanen die Flucht unmöglich zu machen, bohrt man ihm Eisen um die Fesseln, legt einen Eisengurt um seinen Leib und treibt eine Säule wie einen Pfahl durch seine Brust bis in den Fels. Ursprünglich sollte die Bestrafung für alle Ewigkeit dauern, „auf daß die Menschen keinen so schlauen Helfer mehr gegen die Götter hätten."'^)

In der verlorenengegangenen Tragödie des Aischylos „Prometheus der Feuerbringer" sollte der Titan für dreißig- tausend Jahre festgebunden bleiben - so die Metapher für die damals längste Weltperiode. In der erhaltenen Tragödie, dem „Gefesselten Prometheus" wird die Befreiung bereits für die dreizehnte Generation prophezeit. Befreit hätte den Titan erneut sein großes Wissen; diesmal war der Vorsprung im Wissen den Quellen der Tiefe entsprungen: seine Mutter, keine Geringere als Themis-Gaia selber, hatte es ihm verra- ten. Die Erdmutter Gaia wird hier mit Themis, die die alte Satzung hütet, gleichgesetzt; sie ist die Trägerin eines pro- phetischen Wissens, von dessen Quellen die neuen, vater- rechtlichen Götter, die mit Zeus zur Herrschaft gelangten, abgeschnitten bleiben.

42

GEBURT DER MORAL: PROMETHEUS UN D ÖDIPUS

III

Entscheidend tritt damit in diese Tragödie ein mutterrechtli- ches Moment, dessen Verkörperung im Wissen des Prome- theus der neue Gott des Vaterrechts, Zeus, eifersüchtig ver- folgt. Auch die Tragödie des Aischylos wird so zum Zeugen des Kampfes zwischen dem alten Mutterrecht, das zum Un- tergang verdammt ist, und dem neuen vaterrechtlichen Prin- zip, das mit dem Mord von Zeus an seinem Vater Kronos vor

noch nicht allzu langer Zeit zur Herrschaft gekommen ist. Wie „alle neuen Herrn" glaubt auch Zeus, sich in seiner noch ungesicherten Herrschaft nur halten zu können, wenn er die unterworfenen Mächte gnadenlos verfolgt. Unterwer- fung, nicht Erbantritt ist das Gesetz solcher Herrschaft. Die Helligkeit des neuen apollinisch klaren Gesetzes verdankt sich einem rigiden Verdrängungs- und Ausgrenzungsprozeß alles Früheren, verbunden mit einer entschiedenen Weige- rung, sich an die blutige Herkunft seiner eigenen Herrschaft

zu erinnern. Sie würd e tern.

Das wirft ein neues Licht auf Prometheus: er ist nicht ein- fach der mutige Rebell gegen Zeus. Er ist eine Gestalt der Vermittlung: Als einziger könnte er die Extreme verbinden, die auf der einen Seite von dem alten chthonischen Wissen der Erdmächte mit ihren erbarmungslosen Blutsbindungen und auf der anderen Seite von der ausgrenzenden Aufklä- rung des neuen Vaterrechts, für dessen Ordnung Zeus steht, repräsentiert werden. Wissend, daß die historische Stunde für Zeus gekommen war, hatte Prometheus ihm einst zur Herrschaft verholfen. Aber als Repräsentant der alten Göt- ter ließ er sich von Zeus nicht vereinnahmen; unerbittlich

seine wacklige Legitimität erschüt-

51

„Eines Tages schwimmt die Wahr-

heit doch nach oben.

Ah

Wasserleiche."

W. Brudzinski:

Katzenjammer

HANNA GEKLE

trat er für die Redite derjenigen ein, die wie er noch aus die- ser untergegangenen Welt stammten.

So auch für die Menschen. Dieses Geschlecht der Sterbli- chen hatte neben den alten Erdgöttern dumpf dahingelebt; deshalb hatte Zeus seinen Untergang bestimmt. Ein neues, besseres Geschlecht sollte als das Werk des Zeus an die Stelle

dieser geistlosen Geschöpfe treten. Davor beschützt sie Pro- metheus, der ihre älteren Rechte vertritt und einklagt und sie mit all den Gaben ausstattet, die sie bisher nicht hatten und die Zeus selber ihnen vorenthalten wollte, um sie seinem ei- genen Geschlecht zu übergeben. Prometheus erhebt sich

„Wer lacht da? - Bei

zum

mächtigen

Gegenspieler des Zeus und

seiner

neuen

Gott, ich glaub' ich Herrschaft im Namen derer, die vor Zeus waren. Das be-

zeugt auch die Gestalt, die ihm Aischylos in seiner Tragödie verleiht.

In der Überlieferung des Mythos konnte er etwas Anrü- chiges, Hinterhältiges nie ganz abstreifen; er galt nicht so sehr als klug, er war verschlagen: ein Winkeltitan, dessen Wissen Züge von Durchtriebenheit, nicht von Weisheit trug. Dagegen verleiht ihm Aischylos Züge der Erhabenheit, einer unantastbaren Würde un d eines unbeugbaren Stolzes, die Prometheus nicht nur zum gefährlichsten, weil wissendsten Gegner des Zeus qualifizieren, sondern auch zu dem, der dem Gotte ebenbürtig ist. Der Wissendste jedoch ist Prome- theus, weil er nicht nur durch Athene in alle Kenntnisse des apollinischen Wissens des Vaterrechts, dessen erster Reprä- sentant Zeus selber ist, eingeweiht wurde; der Wissendste ist er, weil er über seine Mutter Themis die Verbindung zu den alten Erdmächten behalten hat; er kennt deren Weisheit wie ihre mutterrechtlichen Ansprüche und versucht sie noch un- ter dem harten Recht des Vatergottes zu vertreten. Wie Dio-

war es selbst. " Gotthold E. Lessing:

Emilia Galotti

42

GEBURT DER MORAL: PROMETHEUS UN D ÖDIPUS

nysos, dem auch Prometheus dient, erscheint seine Gestalt als Mittler zwischen dem untergegangenen, von den neuen Machthabern verpönten Reich des Mutterrechts und dem siegreichen, aber mit Herrschaftswissen alle anderen For- men des Wissens vertreibenden apollinischen Geist des Va- terrechts.

Nirgends kommt Nietzsche auf dieses Motiv des Mutter- rechts in der Tragödie zu sprechen. Das ist merkwürdig ge- nug, denn er hätte dieses Moment sehr gut in seine Theorie integrieren können. Hätte es doch nicht nur das Dionysi- sche in Prometheus neu und stärker beleuchtet, sondern Nietzsche hätte hier Material finden können, das seine Kri- tik der traditionellen Vernunft und Metaphysik zusätzlich untermauen hätte. Klagt nicht Aischylos in der Gestalt des Prometheus, diesem Titanen, der nicht mehr zu den alten Erdmächten, aber auch nicht zu den neuen Göttern gehört, die Versöhnung zwischen Natur und Vernunft ein? Steht Prometheus nicht ebensosehr für das alte Recht und seine Weisheit, die noch nicht untergegangen ist? Und zeugt er nicht für die völlige Unmöghchkeit, die von der Vernunft des Vaterrechts ausgegrenzten früheren Gewalten einfach zu un- terdrücken, weil das Verdrängte, nur als Verdrängtes, nicht aber als Aufgehobenes, unvermeidbar wiederkehren wird, weil diese Struktur das Gesetz seiner nunmehrigen Existenz beschreibt, eine Existenz in der Verbannung, die ihm die Ver- nunft zwar zuweisen konnte, gegen deren subversiven Um- gang sie aber letztlich ebenso hilflos bleibt wie gegen die Wiederkehr des gewaltsam Ausgeschlossenen?

Die Tragödie des Aischylos bezeugte demnach im Me- dium der Kunst einen Verdrängungsprozeß, in dessen Ver- lauf die Macht der Frauen wie des Dionysischen zugunsten

53

„Als Pythagoras sei- nen bekannten Lehr- satz entdeckte, brachte er den Göt- tern eine Hekatombe dar. Seitdem zittern die Ochsen, sooft eine neue Wahrheit entdeckt wird. " Ludwig Börne:

Aphorismen

„Keine Erfindung ist

wohl

Menschen

leichter geiaorden als die des Himmels. " Georg Christoph Lichtenberg: Bemer- kungen HI

dem

HANNA GEKLE

des patriarchalischen Vaterrechts überwunden wurde. J.J. Bachofen, der ja bekanntlich auch keine realgeschichtlichen Quellen hatte, auf die er sich stützen konnte, sondern sich mit hterarischen und religiösen Texten zufriedengab, hatte daraus den Schluß gezogen, daß diesem ideologischen Verdrängungsprozeß ein realer vorausgegangen sein mußte, kurz: daß es eine historische Phase gab, in der das Mut- terrecht herrschte, bis es schließlich durch eine vaterrecht- hch-patriarchahsche Ordnung ersetzt wurde. Spuren dieses gewaltigen Kampfes finden sich demnach noch in der My- thologie.

Trotz eines allzu persönlich getönten Interesses an seinem Stoff, eines theologischen Mystizismus, eines ambivalenten Schwankens zwischen der Vormacht der Frauen und der Überlegenheit des Vaterrechts und eines insgesamt idealisti- schen Grundkonzepts haben die Forschungen Bachofens eine bis dahin unbekannte Sphäre eröffnet. Die Entdeckung eines untergegangenen Mutterrechts und seiner realge- schichthchen Ordnung, dechiffriert aus mythologischen Texten, die unter der präsentierten vaterrechtlichen Gesamt- konstruktion immer wieder eine so ganz andere, frühere Ordnung durchschimmern ließ, mußte Staunen erregen. Eine bisher unbekannte Welt tauchte auf und denunzierte die bisherige mit ihrem Wahn, als die einzig scheinbar wirk- liche auch die einzig mögliche zu sein.

Prometheus ist unbeugsam, noch in Fesseln prahlt er da- mit, Zeus sei nicht nur durch ihn zum Herrscher geworden, er wisse auch, wer ihn stürzen werde. Weil er sein Wissen in dieser ersten Tragödie der Trilogie nicht preisgibt, erhöht Zeus die ihm auferlegten Qualen: Nun erst bekommt seine Strafe bei Aischylos jene Verschärfung, die den Prometheus-

42 54

GEBURT DER MORAL: PROMETHEUS UN D ÖDIPUS

mythos seither prägt. Nu n erst schickt Zeus Tag fü r Tag je- nen Adler, der an der unsterblichen Leber des Prometheus frißt. Was er jedoch am Tag verzehrt, wächst in der Nacht wieder nach, so daß beide, Prometheus wie der Adler, endlos in diesen Kreislauf von Qual, Wiederholung und Erneue- rung eingebunden bleiben.

Schmerz zeichnet das Gesicht des Titanen, Grausamkeit entstellt das Antlitz des Gottes. Im gleichen Atemzug for- muliert die Qual des Leidens den Triumph des Menschen über seinen Gott: noch in der scheinbaren Schwäche seines Schmerzes denunziert Prometheus seinen Gott als grausam; gegen die Liebe des Prometheus kommen Räch- und Herrschsucht des Zeus nicht auf. Wohl unterUegt Prome- theus der Macht des obersten Herrschers, aber die Unter- werfung, die Zeus erzwingen kann, ist nur die von außen auferlegte körperhche Züchtigung, nicht die geistige Unter- werfung des Titanen. Im Gegenteil: gerade die Verschärfung der köφerhchen Qualen bestärkt ihn in seinem Widerstand. Prometheus hängt ebensosehr als leibgewordene Anklage gegen seinen grausamen Gott wie als Triumph des Geistes über Gott und die eigene Natur in seinem unbeugbaren Pro- test gekreuzigt am Kaukasus. Niemals aber kriecht er zu Kreuze. Seine moralische Stärke, die sich über Schmerz und Not erhebt, stürzt endlich die Herrschaft des Zeus - nicht real, aber symbohsch ist sie überwunden, solange Prome- theus am Kaukasus leidet, ohne seinen Stolz nachgiebig un- ter die Bedingungen von Zeus zu beugen.

Die Rebellion des Prometheus gegen Zeus, eindrucksvoll dargestellt seinerzeit in der Tragödie des Aischylos, wo über alle Szenen hinweg der riesige Körper des Prometheus - eine fellbekleidete Puppe - im Hintergrund der Bühne seine leib-

„Der Sonne

und

dem

Tode kann

man

nicht

unverwandt

ins Auge

schauen."

La

Rochefoucauld:

Reflexionen

oder

Sentenzen undmora-

lische

Maximen.

 

„ Von Nichts kann man nichtleben, hört man oft, besonders vom Pfarrer. Und ge- rade die Pfarrer brin- gen es zuwege: das Christentum exi- stiert nicht,-aber sie leben davon. " Sören Kierkegaard:

Der Augenblick

HANNA GEKLE

gewordene Drohung gegen den Himmel warf, heißt nicht weniger als: Angriff auf den Gott und die Statik seiner ewi- gen Ordnung, im Namen der Menschen und um der Men-

schen willen. Der Mensch legt seine besten Gaben, seine größten Wünsche nicht mehr in einen jenseitigen Himmel, sondern erkennt sie als sein eigen Werk: In der Tat, alles Uto- pische an der Religion ist in dieser Tragödie des Aischylos auf der Seite des Prometheus versammelt, wohingegen das Moment von Herrschaft, Unfreiheit und mangelnder Auf- klärung, das in aller Religion immer auch mitbedeutet war, sich gänzlich in der Gestalt des Tyrannen Zeus verdichtet

hat. Prometheus

ebenso überflüssige wie schädliche Hypothese, von dem nur die Brutalität der Macht bleibt, wohingegen Prometheus einsteht für „ein kollisionsvolles Pathos insgesamt gegen den

bisher gewordenen Himmel.

fentlichen Gottesdienstes im Heiligtum des Dionysos aufge- führt zu werden, wird so die attische Tragödie, am sichersten bei Aischylos zur widerolympischen Prophetic."") So Ernst Bloch im „Prinzip Hoffnung" - prototypisch für eine männ- lich-aufklärerische Interpretations variante.

Bereits Nietzsche ist das praktisch Handelnde des Prome- theus nicht entgangen. Vor allem jedoch preist Nietzsche die „erhabene Ansicht" der Griechen von der „aktiven Sünde als der eigentlich prometheischen Tugend"'^). Aber daneben gibt es für Nietzsche mindestens ebensosehr die Würde der Passivität, die mit Grauen in den Abgrund des Dionysischen blickt und vor jeder Handlung erstarrt.

Verwunderlich indes bei jemandem wie Friedrich Nietz- sche, der gelernter Altphilologe war, ist seine Abkehr von der Antike: zum Vorbild wird für ihn diejenige Gestalt des

ist besser als sein

Gott . Zeus wird

eine

Dazu bestimmt, als Teil des öf-

42 56

GEBURT DER MORAL: PROMETHEUS UN D ÖDIPUS

Prometheus, die Goethe ihm verliehen hat. In kühnem Schritt über die Jahrhunderte hinweg läßt er Goethe die Wahrheit über den antiken Prometheus des Aischylos ver- künden. „Was uns hier der Denker Aschylus zu sagen hatte, was er aber als Dichter durch sein gleichnisartiges Bild uns nur ahnen läßt, das hat uns der jugendliche Goethe in den verwegenen Worten seines Prometheus zu enthüllen ge- wußt: ,Hier sitz ich, forme Menschen/ Nach meinem Bilde, / Ein Geschlecht, das mir gleich sei, / zu leiden, zu wei- nen, / Zu genießen und zu freuen sich, / Und dein nicht zu achten,/Wie ich!'"")

Prometheus wird hier in direktem, nicht in symbolischem Sinn als Vater der Menschheit dargestellt, als Bildner einer Menschheit, die - seinem Ebenbilde gleich - aus promethei- schen Gestalten bestehen würde. In Goethes Prometheus sah der Sturm und Drang seinen Titanismus verdichtet, wobei er die Züge der antiken Gestalt mit denjenigen des schaffenden Künstlers zusammenschmolz. Auch diese Eng- führung war von Goethe vorbereitet worden, der in seiner berühmten Rede über Shakespeare den Dichter mit dem Ti- tanen verglichen hatte. Diese Hybris trägt unübersehbar neuzeitliche Züge: sie ehminiert den göttlichen Ursprung und vindiziert dem Menschen, vor allem in seiner vornehm- sten Gestalt als Dichter, die Fähigkeit, selber Menschen zu schaffen.

Für Nietzsche ist Prometheus nicht nur ein Künstler un- ter anderen, er ist der Künstler par excellence, in dem sich bereits sein Dichter Aischylos selbst dargestellt haben soll:

„Der titanische Künstler fand in sich den trotzigen Glau- ben, Menschen schaffen und olympische Götter wenigstens vernichten zu können: und dies durch seine höhere Weis-

„Die Künstler sind die Mönche des bür- gerlichen Zeitalters. ' Cesare Pavese: Das Handwerk des Le- bens. Tagebuch

„Man stirbt nur ein- mal, aber für so

Molière:

Der

Liebes-

verdruß

HANNA GEKLE

heit, die er freilich durch ewiges Leiden zu büßen gezwun- gen war. Das herrhche ,Können' des großen Genius, das selbst mit ewigem Leide zu gering bezahlt ist, der herbe Stolz des Künstlers - das ist Inhalt und Seele der äschylei- schen Dichtung."i·^· Doch wäre Nietzsche nicht er selbst, würde er diese übermütige, himmelstürmende Künstlerna- tur nicht sofort mit einem Blick zurück konfrontieren: Er verschärft die Deutung des Aischylos um die Dämonie des Schopenhauerschen Blicks in den Abgrund des Ding an sich.

Das ist des Schlechten ein wenig viel, zumal Nietzsche je- nen metaphysisch „schwarzen See der Traurigkeit"i n dem sich die freche Werdelust des Künstlers so grauenhaft spiegeln soll, dogmatisch in der nicht mehr hinterfragbaren Kategorie des Dionysischen behaupten muß. Doch indem Nietzsche den Bogen metaphysisch überspannt, bekommt er etwas Wesentliches in den Blick, das allen freundlicheren, weniger dämonisierenden Interpretationen nicht ohne wei- teres zugänglich wird: den unüberwindbaren, tragischen Konflikt, auf dem alle Kulturstiftung beruht, weil ihr erster Schritt ins Reich apollinischer Vernunft mit einem Frevel an der natürlichen Ordnung erkauft werden müsse.

Aber zurück zu Prometheus. Versucht man, hinter der mächtigen Gestalt Goethes, dessen Schatten den Prome- theus des Aischylos verdunkelt, sich dem antiken Ur- und Vorbild zu nähern, so muß man erhebliche Unterschiede feststellen. Der Prometheus des Aischylos - das erwähnt Nietzsche mit keinem Wort - rebelliert zwar mit Heftigkeit gegen Zeus, aber der „Gefesselte Prometheus" war das erste Stück innerhalb einer Trilogie; die beiden anderen Stücke sind verloren gegangen. Bereits im ersten Stück wird indes die Befreiung des Prometheus durch Hephaistos in Aussicht

42 58

GEBURT DER MORAL: PROMETHEUS UN D ÖDIPUS

gestellt. Zwar steht das erste Stück gänzhch unter dem Kon- flikt zwischen Promethus und Zeus, der lediglich als Tyrann und Despot erscheint, ein Konflikt, dem die alten mutter- rechtlichen Erdmächte gegen die neue apollinische Herr- schaft des Olymp unversöhnt gegenüber stehen, doch lassen sich die verlorenen beiden anderen Stücke der Trilogie in ihren Grundzügen rekonstruieren: Danach stand am Ende der Trilogie die Versöhnung der beiden Mächte bevor: Zeus, der scheinbare ,Tyrann', in dem der Uranossohn Prome- theus zu Beginn nur den Usuφato r sehen kann, erweise sich als „der wahre Zeus, dessen überlegner Geist auch die Erd- mutter und ihre Kräfte, die Erdensöhne und ihr Wissen, den Titanen Prometheus und sein hohes Können in seine Ord- nung aufzunehmen vermag."Di e Aussage hat die Würde altphilologischer Wissenschaft und die Logik des ästheti- schen Aufbaus für sich. Gewirkt allerdings hat - weniger die Tragödie, sondern direkter nur ihr Held Prometheus - vor allem in der Fassung, die Goethe formuliert hat. Das ist ein Faktum, hinter das keine Philologie zurück kann.

IV

„Was ist ein Name? Was uns Rose heißt, / Wie es auch hieße, würde lieblich duf- ten."

William

speare: Romeo

Julia

Shake-

und

Prometheus überdeckt die andere große Leidens gestalt der antiken Tragödie, die für Nietzsche in der „Geburt der Tra- gödie" keine geringere Bedeutung spielt als Prometheus: es ist die „leidvollste Gestalt der griechischen Bühne, der un- glückselige ödipus"^^). Wenn Nietzsche in Prometheus den schaffenwollenden Künstler sieht, so im „Ödipus auf Kolo- nos" den HeÜigen. Die verklärte Heiterkeit des „Ödipus auf Kolonos", von der Nietzsche spricht, ist nach ihm jedoch Resultat der späten Weisheit des Ödipus: er hat eingesehen,

HANNA GEKLE

daß all sein apollinischer Scharfsinn, mit der er im ersten Stück letztlich gegen sich sebst angetreten war, um den Mör- der des Laios zu finden, daß all diese Aktivität ihn in ironi- scher Verkehrung immer weiter in die Fänge des Schicksals getrieben hat, während nun seine weltentronnene Weisheit ihn mit dem Weltgrund wieder versöhnt. Er hat seinen Grundirrtum erkannt und korrigiert: „Bei dem heroischen Drange des Einzelnen ins Allgemeine, bei dem Versuche, über den Bann der Individuation hinauszuschreiten und das eine Weltwesen selbst sein zu wollen, erleidet er an sich den in den Dingen verborgenen Urwiderspruch, d.h. er frevelt und er leidet."'^)

War Nietzsche bereits beim Prometheus die Fassung des Mythos mit der des Aischylos und vor allem derjenigen Goethes ununterscheidbar zusammengeflossen, so auch bei der Gestalt des Ödipus: er vergleicht den „Ödipus Rex" ganz unbeschwert mit dem „Ödipus auf Kolonos": als lägen sie völlig auf derselben Linie und wären eine Art Fortset- zungsroman. Gemeinsam ist ihnen indes lediglich ihr Autor:

„Drei kostbare Ge- schenke hat Gott Is- rael gewährt, und keins davon ist frei von Kümmernis:

Das Gesetz, das Land, und die Welt, die kommen soll. " Talmud, Berachot 5a

Sophokles. Nich t weniger als ein Zeitintervall von dreißig Jahren liegt indes zwischen der Entstehungszeit der beiden Stücke.

Schuld ist es, was beide großen Gestalten der Tragödie, Prometheus wie Ödipus, in den Augen Nietzsches auf sich laden. Sie, die beiden großen Kulturstifter, können in grausa- mer Paradoxie den Übergang von Natur zu Kultur für die Menschheit nur eröffnen, indem sie einen höchsten letzten Frevel auf sich laden. Dadurch - und nur dadurch - , daß sie bereit sind, diese Schuld auf sich zu laden, werden sie zu Stif- tern der Kultur.

Prometheus, der aktive Licht- und Feuerbringer frevelt.

42 60

GEBURT DER MORAL: PROMETHEUS UN D ÖDIPUS

indem er dieses wilde, vom Menschen ungezügelte und bis- her unzügelbare Element seiner ebenso gewaltigen wie ge- waltsamen Erhabenheit^ beraubt; zur Glut minimiert, schließt er es in eine Fenchelknolle ein und bringt es in dieser ungefährlichen Form den Menschen, die sonst nicht mit ihm umzugehen wüßten, als Geschenk: „daß aber der Mensch frei über das Feuer waltet und es nicht nur durch ein Geschenk vom Himmel, als zündenden Blitzstrahl oder wärmenden Sonnenbrand, empfängt, erschien jenen be- schaulichen Ur-Menschen als ein Frevel, als ein Raub an der göttlichen Natur.

Die Bezähmung des Feuers, notwendige Voraussetzung jeder Kultur, erkauft das Menschengeschlecht um den Preis

eines ersten Schuldgefühls, das es nicht mehr verlassen wird. „Und so stellt gleich das erste philosophische Problem einen peinlichen unlösbaren Widerspruch zwischen Mensch und Gott hin und rückt ihn wie einen Felsblock an die Pforte je- der Kultur. Das Beste und Höchste, dessen die Menschheit teilhaftig werden kann, erringt sie durch einen Frevel und muß nun wieder seine Folgen dahinnehmen, nämlich die ganze Flut von Leiden und Kümmernissen, mit denen die be- leidigten Himmlischen das edel emporstrebende Menschen-

geschlecht heimsuchen - müssen

Diese erste kulturstiftende Tat, möglich nur dem Muti- gen, der sich über die Angst vor Strafe hinwegsetzte, indem er seinen Willen der bisher unüberwindbaren Naturord- nung aufprägt, setzt eine unaufhebbare Differenz zwischen dem Ich des entschieden Handelnden und den beleidigten Mächten der Natur, personifiziert dargestellt in den Göt- tern: deren Repräsentanz im Inneren des Menschen nennt Freud das Uber-Ich. Und erst die permanent aufrecht erhal-

."2°)

„Ein Esel, mit Reli- quien beladen, / Vermeinte, daß die Leute ihn verehrten." La Fontaine: Der Esel und die Reli- quien

„Das menschliche Plagiat, das am schwersten zu ver- meiden ist, ist das von sich seihst." Marcel Proust:

Die Entflohene

HANNA GEKLE

tene Differenz, die schmerzhafte Kluft zwischen den Wün- schen des Menschen und den Ansprüchen der Moral, schafft die innere Bereitschaft zu dem, was die Voraussetzung jeder Kultur bildet: Triebbeherrschung. Hat die Menschheit die Gewinnung des Feuers erst einmal zum Frevel erklärt, so hat sie damit sich selbst im gleichen Akt den Gott geschaffen, der sie von nun an durch ihr nicht zu beschwichtigendes schlechtes Gewissen unterdrücken kann - und soll.

Der Konflikt verdient wahrhaft die Kennzeichnung tra- gisch. Gezwungen durch die Not seiner eigenen Natur stellt sich der Mensch in einem ersten Akt gegen dieselbe - schützt von nu n an sich als das besonders schutzbedürftige Wesen, das er im Vergleich mit den Tieren ist, durch den Ein- satz seines Wissens und begeht mit diesem Wissen, das ihn aus der Zugehörigkeit zu den anderen Naturwesen schlag- artig und für immer herausheben wird, einen ersten Fre- vel: als letzten Akt seiner Zugehörigkeit zum Naturzusam- menhang wie als ersten seiner neugewonnenen kulturellen Freiheit - gebeugt von nun an nicht mehr von den Mächten der Natur, sondern von der niemals schlafenden Macht des Gewissens.

Was für Prometheus in der Auseinandersetzung mit der äußeren Natur gilt, was die Erfindung der Technik in den Augen Nietzsches von vornherein zeichnet, das findet seine soziale Entsprechung im Bereich der Familie in der Gestalt des Odipus. Dieser Klügste der Menschen, der das Rätsel der Natur - „jener doppelgearteten Sphinx" löste, und alles tat, um der Weissagung des delphischen Orakels zu entkom- men, dieser unglückliche Mann „muß auch als Mörder des Vaters und Gatte der Mutter die heiligste Naturordnung zer- brechen."^i Das Wissen des Ödipus, das an der Sphinx einst

42

GEBURT DER MORAL: PROMETHEUS UN D ÖDIPUS

die Kraft bewiesen hatte, die Natur mit ihren Schrecken in den Abgrund der Vernichtung zu stürzen, erfährt nunmehr rückwirkend die Auflösung der Natur an sich selbst: durch die selbst vollzogene Auslöschung des Augenlichts. Nietz- sche interpretiert den Inzest als eine „ungeheure Naturwi- drigkeit"22). £)gj- magische Bann der Natur kann gebrochen nur dort werden, w o eine ungeheure Naturwidrigkeit als „Ursache" ihren ewig wiederkehrenden Kreislauf zerbricht:

„Denn wie könnte man die Natur zum Preisgeben ihrer Ge- heimnisse zwingen, wenn nicht dadurch, daß man ihr sieg- reich widerstrebt, d. h. durch das Unnatürliche?"^^)

Das Besondere der Antike liegt für Nietzsche in deren Be- kenntnis zu ihren kulturstiftenden Freveltaten. Im mutigen Eingeständnis ihrer Schuld liegt für ihn ihre Erhabenheit.

Darin sieht er gar die „eigentlich prometheische Tugend", die ihm zugleich als der „ethische Untergrund der pessimisti- schen Tragödie" erscheint: „Rechtfertigung des menschli- chen Übels, und zwar sowohl der menschlichen Schuld als

des dadurch

fung ist das Zeichen dieser Anerkennung.

Man mag darin eine in Grandiosität und Heroismus ge- wendete Form von Lust am Leiden, eine Form von morali- schem Masochismus erblicken, der eher einem im strengen Schulpforta erzogenen, abtrünnigen Pfarrersohn entspricht als den Griechen, auf die er gemünzt ist, man mag den selber wieder mystifizierenden Ton bedauern, das Pathos hohl und die Konstruktion zu abstrakt finden - bedeutend an dieser Theorie von Kulturstiftung ist die Dimension eines prinzi- piellen Konfhkts, der dem Menschen mit Eintritt in die Sphäre der Kultur notwendig auferlegt ist. Er läßt eine Vor- geschichte zurück, in die er nicht mehr zurückkehren kann

verwirkten Leidens.Stolz , nicht Unterwer-

63

„Die Sitten sind die Heuchelei der Völ- ker; die H euch elei ist mehr oder weniger vollkommen." Honoré de Balzac:

Die tugendhafte

Frau

„Die Angst, das schlechte Gewissen sind ein angenehmes Düftchen für die Na- sen der Götter. " Jean-Paul Sartre:

Die Fliegen

HANNA GEKLE

und darf, nachdem das Wissen in ihm erwacht ist. Dieses Wissen, Unterpfand seiner Kulturfähigkeit, macht ihn doppelt schuldig: schuldig an der Vorgeschichte, deren Un- tergang er ebenso unvermeidbar wie aktiv betrieben hat, schuldig auch gegenüber den Göttern, die das Wissen selbst inthronisiert, nachdem es doch ursprünglich ihren Sturz als seine vornehmste Aufgabe hatte betreiben wollen.

Die Wiederkehr der Götter in Gestalt des Über-Ich: das nicht zuletzt beschreibt die Macht der Moral und die Grenze der Vernunft. Entstanden aus einer für das Bewußt- sein nicht mehr zugänglichen, allenfalls nur in Spuren greif- baren Vorgeschichte, aufgetreten mit dem Wahn, autonom zu sein und die Herrschaft der Natur bannen zu können, scheitert die Vernunft in ihrer Hybris schheßlich an sich selbst, indem sie den von ihr selbst geschaffenen Konflikt zwischen sich und den Göttern nicht überwinden kann.

Auch Freud, kühler und im Unterschied zu Nietzsche immer eindeutig der Aufklärung verpflichtet, liest die psychische Konstellation des Ödipuskomplexes als eine Tragödie. Wie Nietzsche versucht er, weit über die Indivi- dualpsychologie hinaus, mit seinem Konstrukt des Ödipus- komplexes den Übergang von Natur zu Kultur zu beschrei- ben. Jedes neurotische Symptom kündet demnach vom Scheitern dieses Kultuφrozesses: Es ist ebensosehr Aus- druck einer Rebelhon des Triebes, der sich in seinem Glücks- streben nicht unterjochen lassen will, wie Eingeständnis der Macht eines tyrannischen Über-Ichs, unter dessen Peitsche sich das Ich resignierend gebeugt hat. Jedes Symptom be- zeugt denn auch die mangelnde Kraft eines Wissens, das sich zum Vollstrecker der Wünsche des Über-Ich macht, es be- zeugt die ebenso untergegangene wie gleichwohl noch wirk-

42 64

Μ

GEBURT DER MORAL: PROMETHEUS UN D ÖDIPUS

same Vorgeschichte der Kindheit, die Erinnerung an in Un- glück und Kränkung untergegangene Liebesregungen, an Todesangst und Abhängigkeit, an Empörung und geschei- terte Rebellion, an Inzestwünsche und Mordgelüste - und es bezeugt vor allem, daß all diese psychischen Konstellationen gerade nicht in die Autonomie seines erwachsenen Ich aufge- nommen werden konnten. Das Resultat ist bekannt: der Be- reich des Wissens wird immer schmäler, der Anteil des Ver- drängten vergrößert sich zunehmend, das Über-Ich herrscht mit der Macht aller verpönten grausamen Triebe. Und im- mer lauter preist das verarmte Ich sich selbst als frei und selbstbestimmt.

Gestalten wie Ödipus und Prometheus, so läßt sich im Umweg über diese Freud-Lektüre Nietzsche interpretieren,

Gestalten wie sie rücken nicht nu r

„einen Felsblock an die Pforte jeder Kultur".25) Sie sind die- ser Felsblock selber. Unverrückbar bewachen sie die Grenze, hinter der alle Sterblichen hervorkommen, wohin

sie jedoch niemals meh r zurück dürfen - es sei denn um den Preis von Tod oder Wahnsinn. Als Zeugen, in die der Mensch seinen prinzipiellen Konflikt als Kulturwesen graviert hat, künden sie von einem hinter ihnen liegenden Kontinent, der in der Dunkelheit der Vorgeschichte untergegangen ist. Von dessen direkten Quellen hat sich die menschliche Kultur selbst abgeschnitten. Wie die Säulen des Herkules bewacht sie die Grenze, die Natu r von Kultur für immer trennt, nach- dem das Bewußtsein entstanden ist, das die alten Mächte der Natur besiegt, unterdrückt und sie rückwirkend als bloße Vorgeschichte vergessen machen will.

Der Prozeß ist unumkehrbar. Doch die beiden frevelnden Kulturstifter verweisen auf eine Herkunft, die weit vor dem

durch ihr Tun und Leiden

„Gott machte alles aus dem Nichts. Aber das Nichts schimmert hindurch. " Paul Valéry:

Schlimme Gedanken

und andere

„Es schwinden, es fal- len / Die leidenden Menschen! Blind- lings von einer! Stunde zur andern !

Wie Wasser von

ge-

Klippe

! zu Klippe

worfen !fahr lang ins Ungewisse hinab. "

Hölderlin: Schick-

salslied

HANNA GEKLE

Wissen liegt. Es kann sie nicht abstreifen, immer bleibt es von dieser für es selber gleichwohl nur indirekt zu erschUe- ßenden Vorgeschichte abhängig. Prometheus wie ödipus verkörpern ebensosehr die Gefahr im Umgang mit der Na- tur, ihr Leiden verkündet den Preis der Kulturstiftung, aber indem sie ihr Tun als einen Frevel bezeichnen, klagen sie nicht nur das alte Recht dieser untergegangenen Welt ein, sie sind auch eine mahnende Warnung an das allzu selbstherr- hche Bewußtsein, den hinter ihm liegenden dunklen Kon- tinent unterwerfen zu wollen: eine unumschränkte Herr- schaft des Bewußtseins läuft Gefahr, von seinen vitalen Ursprüngen abgeschnitten, in Sterilität zu enden, wohinge- gen umgekehrt die Überwältigung durch die Naturkräfte der Triebe jede menschliche Freiheit vernichtet.

An die Stelle einer Herrschaft der Vernunft müßte statt dessen die Anstrengung der Bewußtwerdung treten; der in- nere Gerichtshof der Moral, vor dem das arme Ich zitternd Rechenschaft ablegen muß - und immer schuldig gespro- chen wird - sollte sich in einen Raum verwandeln, der die Imperative der Natur wie der Kultur in Gestalten der Subh- mierung löst und erlöst zugleich: ohne Bann der Natur, ohne Terror der Moral.

Wie dahinkommen? Die Praxis der Psychoanalyse eröff- net immerhin dem Individuum einen Fluchtweg: Geheim- nisvoll bleibend für den Außenstehenden, hinabsteigend zu den Müttern, verpflichtet jedoch dem Gott Apoll.

66

Wilhelm

Schmid

Wohin läufst du in die Irre?

Der Essay als Lebensgestaltung bei Montaigne

Am Beginn der sogenannten Neuzeit treten zwei gänzhch verschiedene Konzeptionen des Subjekts nacheinander auf; zwei Optionen, die doch auf dieselbe historische Situation bezogen sind, nämlich die erbarmungslose Auseinander- setzung zwischen den christlichen Konfessionen, auf die Montaigne mit einem Skeptizismus antwortet, Descartes da- gegen mit einem Fundamentalismus und einer unerschütter- lichen Gewißheit des reinen Denkens. Descartes versucht sich von den Besonderheiten der Erfahrung abzukehren, um zu „Prinzipien" zu gelangen, die eine über den Parteien ste- hende Wahrheit schaffen sollen. Er ist bestrebt, das reine Denken von den Affekten abzukoppeln, um der kriegeri- schen Auseinandersetzung zwischen den Affekten, von de- nen jeder für sich die Wahrheit beansprucht, zu entgehen.

Mit Montaigne zeigt sich das andere Subjekt, das sich von der (späteren) Cogito-Konzeption von Descartes absetzt. Er ist ein Subjekt der Erfahrung, ein sensibles Subjekt, bei dem Intellekt und Affekt nicht auseinanderzudividieren sind, sondern in ihrer Widersprüchlichkeit und ihrem Zusam- menspiel aufrechterhalten werden. Keine Überhöhung des Subjekts manifestiert sich, vielmehr ein „Ecce Homo" im nietzscheanischen Sinne: Seht welch ein Mensch, in seiner ganzen Banalität und Eitelkeit, seiner Widersprüchlichkeit, seiner Selbstüberschätzung und Fehlerhaftigkeit, seiner „naiven Form" und „simplen Façon", wie es im Vorwort zu

67

„Mit ihm wurde

ich

es halten,

wenn

die

Aufgabe

gestellt

wäre, es sich auf der

Erde heimisch zu ma- chen."^

Friedrich Nietzsche

über Montaigne,

Un-

zeitgemäße Betrach-

tungen

„Sein mühsamstes und hauptsächlich- stes Studium ist, sich selbst zu studieren. " Montaigne

vor-

züglichsten Seelen, welche die meiste Biegsamkeit haben und in den meisten Dingen sattelfest sind. " Montaigne

„Das sind die

WILHELM SCHMID

den Essais heißt. Es geht Montaigne um die Bedingung des Menschen, aber er spricht nicht so sehr davon, was „der Mensch" im allgemeinen ist, als vielmehr davon, was dieser bestimmte, einzelne Mensch in seiner Besonderheit sein kann. Er will die Grundzüge seiner eigenen Bedingungen aufweisen, u m ihnen Rechnung zu tragen und sie „auf sanfte Weise hinzunehmen".

Auf sanfte Weise, das heißt: Durchlässig zu sein für die Vergänglichkeit wie auch Veränderbarkeit des Einzelnen, seine Schwachheit und Kränklichkeit. Gegen den Universalbegriff des Menschen bringt Mon- taigne den Menschen ins Spiel, von dem er sprechen kann:

Sich selbst als Subjekt. Damit wird er kenntlich, tritt hervor aus der Anonymität, wird betastbar und angreifbar. Aber er wird wenigstens nicht mehr zu denen gehören, die sich hin- ter der Anonymität verschanzen, wenn es darum geht, Posi- tion zu beziehen. Er wird nicht sagen, „der Mensch" müsse dies und jenes tun, um sich und die Welt zu verändern und zu verbessern. Er beginnt bei der ersten Person, nicht bei einer abstrakten Allgemeinheit. Natürlich liegt es dem modernen Leser auf der Zunge, diesem Subjekt, das so penetrant von sich selbst spricht, seine Eitelkeit vorzuwerfen, und Mon- taigne selbst nimmt ja diesen Vorwurf schon in seinem Vor- wort vorweg. Aber ist es nicht bedauerlich, daß es nur als „eitel" erscheint, wenn da einer ist, der sich selbst ernst- nimmt, einer, der die Verantwortung für sich nicht abschiebt auf Gott oder den Staat oder eine andere metaphysische oder weltliche Instanz? „Wenn sich die Leute darüber beklagen, daß ich zuviel von mir spreche, so beklage ich mich darüber, daß sie nicht einmal an sich denken."

Den Verdacht der Vernarrtheit in sich selbst findet man bei

WOHIN LÄUFST DU IN DIE IRRE?

Montaigne nicht bestätigt; eine reine Selbstbezüglichkeit kann man bei ihm nicht finden. Schon von dem Moment an, in dem er zu sprechen beginnt, sucht er die Beziehung zum Anderen: „An den Leser", hebt Montaigne in seinen Essais an, um von vornherein diese Beziehung zu seinem Gegen- über zu knüpfen und sie seinerseits auch zu definieren: Er verspricht eine Beziehung der Aufrichtigkeit in diesem Buch, in dem er von sich selbst spricht, um sich an den Ande- ren zu wenden, und in dem er sich korrigieren lassen will von der „Vernunft des Anderen". Die Essais sind in erster Linie ein Gespräch mit demjenigen Anderen, den Montaigne als schmerzlich abwesend erfährt und dem er diese Arbeit ge-

widmet hat: Seinem Freund La Boëtie, mit dem er zwischen „ Wir sind niemals bei

1557 un d 1563, bis de r Tod dazwischentrat, intensiven Um -

gang hatte. Dem Freund nichts vorzuenthalten, offen ihm gegenüber zu sein und freiheraus zu sprechen - dieser par-

rhesiastische Grundzug prägt die Essais.

Dadurch, daß dieses Selbst nicht identisch mit sich sein muß, sondern sich von vornherein erst in der Beziehung zum Anderen konstituiert, kann es eine gewisse Distanz zu sich einnehmen. Diese Distanz ist wesentlich, um den Raum zur Entfaltung seiner selbst zu gewinnen - Raum der Refle- xion, jedoch auch Raum der Selbstironie, um sich nicht in sich einzuschließen. Das Studium seiner selbst, das Mon- taigne auf diese Weise betreibt, ist keinerlei Introspektion, keine Analyse der Psyche, sondern ein „Erkenne dich selbst" im antiken Sinne, das er bewußt wiederaufnimmt. Es besteht im Grunde aus zwei voneinander zu unterscheiden- den Schritten: Sich selbst sorgsam zu betrachten und im Auge zu behalten, im Sinne von: sich auf sich zu konzentrie- ren, sich um sich zu sorgen, statt sich zu verlieren. Ferner

««^ ^^^bst daheim,

sondern

immer

aus-

wärts. "

Montaigne

 

69

„ Wenn

es

hloßer-

äings bei mir stünde,

mich nach meiner ei- genen Mode zu klei-

ich kei-

den, so wüßte nen Schritt,

an

den

ich mich

so fest

hal-

ten würde,

daß

ich

niemals

davon

ab-

ginge. "

Montaigne

WILHELM SCHMID

- was er nicht tun würde, wie er selbst sagt, wenn seine Seele festen Fuß fassen würde. Auch hier sucht man vergeblich

selbst: Di e „lange Auf-

merksamkeit" auf sich selbst, derer Montaigne sich rühmt, befördert zugleich, wie er glaubt, die Aufmerksamkeit auf die Anderen.

Es kommt ihm darauf an, Erfahrungen zu machen und Wissen aus Erfahrung zu gewinnen. Die Möglichkeit der Er- fahrung aber kann vervielfacht werden durch Versuche und Experimente. Die Erfahrung ist nicht ein objektiver Block, in Montaignes Begriff der Erfahrung klingt vielmehr die la- teinische experientia mit - sie meint nicht nur die sinnliche Wahrnehmung von etwas, sondern das Experiment, die Er- probung, die Prüfung und den Versuch, ja selbst die Übung, Bemühung und Anstrengung, die damit verbunden ist. Daher kann Montaigne den Begriff des Essays synonym zu dem der Erfahrung gebrauchen. Die Essais sind aber auch, wie er sie nennt, Versuche seiner Urteilskraft, die er ausprobiert, ausprobieren muß, denn sie tappt nur im Dun- keln, „schwankend, strauchelnd und stolpernd". Diese Ur- teilskraft regiert nicht in absolutistischer Manier, sondern sie hat einen „Magistratssitz" inne. Sie strengt sich an und läßt Sorgfalt walten, aber sie läßt auch die „Appetite" ihren Gang gehen und muß die Leidenschaften in Betracht ziehen, muß sogar versuchen, sie zu strecken und zu verlängern, da auf ihren Anteil an der Führung der Existenz nicht verzich- tet werden kann: Das Leben würde leer, motivationslos, sinnlos.

aber sich zu versuchen,

zu erproben und auszuprobieren

Anzeichen einer Fixierung auf sich

70

WOHIN LÄUFST DU IN DIE IRRE?

Projekt Montaigne: Versuche in Fleisch und Blut

Unter dem Essay wird für gewöhnhch eine bestimmte Form der Schrift, nicht so sehr eine bestimmte Form des Subjekts verstanden. Wie sehr beides miteinander verbunden sein

kann, das führt Montaigne vor, der seine Essais auch als seine eigene experimentelle Existenz versteht. Die Essayfor- schung hat sich erstaunlicherweise sehr viel mehr auf das li- terarische Genre als auf die existentielle Praxis bezogen. Montaigne aber schreibt nicht nur Essays, er ist selbst ein Essay. Seine Existenz gewinnt Gestalt in diesen Texten, die

er

In diesen „Versuchen" erprobt und formt er sich selbst, wäh- rend er die Formen seines Lebens beschreibt, die wiederum in die Formen seiner Zeit eingebettet sind. Er ist die „Mate- rie" seiner Schrift; „ich bin selbst der Stoff meines Buches", erklärt er seinem Leser schon im Vorwort. Sein Selbst formu- liert sich, indem es sich artikuUert. Aber Montaigne ist nicht interessiert an einem endgültigen Resultat, sondern überar- beitet sich selbst unentwegt von neuem, indem er seine Es- says ergänzt und mit anderer Schrift durchtränkt. Er füllt selbst den weißen Raum, reizt ihn aus bis an den Rand und arbeitet ständig und bis zuletzt daran; davon zeugen die zahllosen Ergänzungen für die Neuausgaben, die er vor- nimmt.

Sich selbst zu schreiben heißt, sich selbst zur Materie zu machen, die zu beschriften und zu gestalten ist. Aber diese Arbeit an sich selbst ist entgegen allem Anschein keine ein- same Tätigkeit. Die Arbeit der Schrift zeugt von der Präsenz des Anderen - er rede, sagt Montaigne, „mit dem Papier wie mit dem ersten besten, der mir über den Weg läuft". Für die

nach der Umori enti erung von 1571 zu schreiben beginnt.

71

„ein Essay ist nicht der vor- oder neben- läufige Ausdruck einer Uberzeugung, die bei besserer Gele- genheit zur Wahrheit erhoben, ebensogut aber auch als Irrtum anerkannt werden könnte (von solcher Λ rt sin d bloβ die Auf- sätze und Abhand- lungen, die gelehrte Personen als ,Abfälle ihrer Werkstätte' zum besten geben); sondern ein Essay ist die einmalige und unabänderliche Ge- stalt, die das innere Leben eines Men- schen in einem ent- scheidenden Gedan- ken annimmt." Robert Musil: Der Mann ohne Eigen- schaften

WILHELM SCHMID

,Das herrlichste Mei-

Präsenz des Anderen ist es nicht wichtig, ob er da ist - der Andere ist schheßhch am weitesten entfernt, wenn er nahe ist, und er ist am nächsten, wenn er weit weg ist; das Selbst spricht im Stillen unentwegt mit dem Anderen, der abwe- send ist, und es weiß nichts mehr zu sagen, wenn er da ist.

Die Elemente, die den Menschen als Kunstwerk bilden, kristallisieren sich in den „Versuchen" heraus, und man kann die Bestandteile einer Lebenskunst Revue passieren lassen, die sich davor hütet, als System in Erscheinung zu treten. Montaigne will Versuche „in Fleisch und Blut" vor- führen. Das heißt, die Essais sind eine Askese, eine Übung, nicht nur des Denkens, sondern des ganzen Subjekts, das

spricht und schreibt, wie auch desjenigen, das liest. Sie bil-

Blut",

den die Schrift des Selbst, „ein Buch von Fleisch und

sterstuck des Men- consul·stantiell zum Autor, wie es präzise heißt; ein

sehen

ist, richtig, zu leben. "

^^^

^^^

^^^^

^^^^^^

^^^^^

^^^

Buch,

^^^^

seines Buches, das ihn formt. Die Essavs sind die Versuche Montaigne zur Herstellung seiner selbst; es geht um das Subjekt eben- sosehr wie u m das Projekt Montaigne, auf der Schwelle zwi- schen Realität und Fiktion, denn entscheidend sind nicht nur das tatsächlich gelebte Leben und seine Interpretation, sondern ebenso die Träume, Phantasien und Vorstellungen. Es wäre albern, sein Leben nur aufzuschreiben und es nicht zugleich auch zu erfinden. Wo die Wahrheit noch nicht ist, muß sie erst erfunden werden.

Neben der Schrift ist dafür auch die Lektüre wesentlich. Der Übung der Lektüre unterzieht Montaigne sich sogar häufiger als der der Schrift, und sie hat ihre bestimmte Funk- tion: „Die Lektüre dient mir vor allem dazu, durch verschie- dene Gegenstände meinen Diskurs anzuregen, meine Ur- teilskraft in Gang zu setzen, nicht mein Gedächtnis." Die

73 71

WOHIN LÄUFST DU IN DIE IRRE?

Erfindung des Selbst findet nicht statt ohne ein Finden von Material, das dem Selbst einzuverleiben ist und an dem es sich erproben kann; Spielmaterial, um Entwürfe zu machen und Versuche anzustellen. Es ist von Vorteil, statt des reellen Anderen den fiktiven Anderen im Buch aufzusuchen und da- bei sicher zu sein, nicht abgewiesen zu werden, seinen Lau- nen nicht ausgehefert zu sein, nicht der Zudringlichkeit ge- ziehen zu werden, sondern über die Räume und die Zeiten hinweg mit ihm zu sprechen: Das macht das Glück der Lek- türe aus, und sie stellt die Beziehung zum Anderen auch noch auf andere Weise her: Sie bringt das Selbst auf andere Gedanken.

Montaigne genießt die Lektüre und macht Gebrauch von diesem Anderen, wann immer es ihm beliebt. Allerdings kennt auch diese Lust ihren Exzeß; keine Lust ist gratis. Er legt sich Rechenschaft ab über das Problem der Lektüre: Sie beschäftigt die Seele, nicht den Körper; die Seele übt sich, nicht der Körper - „der Körper, dessen Pflege ich auch nicht vergessen habe, bleibt währenddessen ohne Bewegung, er- lahmt und vergrämt. Ich wüßte keinen Exzeß, der in mei- nem fortgeschrittenen Alter schädÜcher für mich und mehr zu vermeiden wäre". Der Körper bäumt sich gegen das Überma ß de r Lektür e auf ; dahe r kratz t un d beiß t ma n sic h

„Ich suche in Bü- chem weiter nichts, ^^^ '^^telwe r

und scheuertsichwund. Manmuß ebenauch die Bücher „zu ./ ^

treib

ein

Vergnügen

wählen wissen", darauf konzentriert sich die Formel ihres ^^ machen Gebrauchs, die nicht nur der Souveränität des Subjekts, son- dern auch der Verführungskraft des Objekts Rechnung trägt. Man hat die Essais als „das Handbuch der Lebenskunst" bezeichnet (Pierre Hadot), in dem sich die Traditionen der antiken Philosophie wiederfinden, also Sokratik ebenso wie

oder wenn ich Bis- cher lese und stu- diere, so suche ich nach keiner andern Wissenschaft als der, welche von der Kenntnis meiner seihst handelt und die mich lehrt, gut zu leben und gut zu ster- ben. " Montaigne

WILHELM SCHMID

Epikuräismus, Stoa, Kynismus, Skeptizismus. Vor allem Plutarch und Seneca werden ausgiebig zitiert, wobei sich Montaigne jedoch zunehmend nur noch auf ersteren in un- gebrochener Weise bezieht. Er präsentien dabei, das sagt er ausdrücklich, keine Lehre, sondern Studien, Versuche, de- nen gegenüber der Leser sich völlig frei fühlen kann. Es sind in der Tat Versuche in der Kunst des Lebens, von denen er be- richtet. Ein Handbuch sind diese Essais der Form nach:

Montaigne trägt Sentenzen zusammen, nicht nur die der an- tiken Autoren, sondern auch die eigenen. Beispiele? „Man muß ein wenig Wahnsinn haben, wenn man nicht mehr Dummheit haben will". „Man muß erleiden lernen, was man nicht vermeiden kann." Eine ganze Kunst der Sentenz findet sich hier.

Auf den Deckenbalken seiner Bibliothek im Turm läßt er sich Zitate anbringen und scheut sich nicht, sich die Sätze ein

wenig zurechtzubiegen un d auf diese Weise

wenn sie ihm nicht mehr gefallen, bildet er ein Palimpsest. Beim Hin- und Hergehen hat er sie unentwegt vor Augen; er muß nur den Blick heben, um sie zu memorieren und mit

ihnen zu leben, ja sie sich einzuverleiben. Montaigne ver- fährt dabei eklektizistisch; am Beispiel des Gebrauchs von Sentenzen läßt sich das Phänomen des Eklektizismus beson- ders gut studieren, ohne schon ein Problem zu sein, denn eine Debatte über den Eklektizismus wird es erst zum Ende

des

das sich erfindet, wird an diesem Beispiel deuthch: Dieses Selbst ist eine Collage und Montage.

Die Sentenzen, die Zitate sind, schaffen Zwischenräume im Text, Atempausen, in denen ein Anderer zu Wort kommt, Absätze, bei denen man innehalten kann, um zu verschnau-

anzueignen, und

17. Jahrhundert s geben . Die Verfahrensweise des Selbst,

75 71

WOHIN LÄUFST DU IN DIE IRRE?

fen. Es sind Früchte der Lektüre, die die Schrift durchsetzen und auflockern und von den langen Zwischenzeiten zeugen, die Montaigne mit den Büchern zubrachte, aus denen er einen Satz aufgriff, mit ihm umherging, ihn lange aus dem Fenster blicken ließ, ihn mit seiner langen Erfahrung kon- frontierte, ihn verwarf oder eben seinem eigenen Werk ein- gliederte, das er ein wenig ipropo5 entfahet. Häufig schei- nen diese Sätze gar nicht sonderUch gut zu passen, aber er hat sie eben beim Blättern in seiner Bibliothek gefunden oder sie gingen ihm in diesem Moment durch den Kopf, oder er trug sie lange schon mit sich herum. Er selbst spricht von der Erfahrung/Eφrobun g (expérience) und dem Gebrauch (usage) dieser und jener Sentenz. Manchmal peinigt er damit den Leser, denn die Zitate aus anderen Büchern sind wie „Rutenstreiche", wenn sie sich auch mehr dem Papier als dem lebendigen Fleisch einprägen und darauf Striemen zie- hen.

Diese Sentenzen sind ein dramaturgisches Element in den Essais; sie sind buchstäblich das Dynamit des Diskurses, das dazu dient, seine Kontinuität aufzusprengen. Montaigne setzt sie bewußt als Stilmittel ein. Sie können die Funktion einer Autorität, einer Maxime, eines Beweises, eines Merk- satzes, eines Beispiels oder nur eines Bonmots haben. Da er selbst sein Denken in Sentenzen zu formulieren versucht, kann man sein Buch irgendwo aufschlagen, man wird gewiß fündig werden, ohne erst einen Lehrgang absolvieren zu müssen. Es ist eine unerschöpfliche Fundgrube in allen Le- bensfragen. Dabei bleibt er selten bei seiner gewählten und annoncierten Thematik, sondern sprengt sofort ihren engen Rahmen und springt munter hin und her, ganz wie es der Vollzug der Existenz selbst auch von uns verlangt. „Dieser

Werde ich eines Bu- ches überdrüssig, so «

^^^^

^

Montaigne

„Es heißt wohl Da- sein, es heißt aber nicht Leben, wenn

ge- zwungen sieht, be- ständig den Roß- mühlengang zu ge- hen."

man

sich aus Not

Montaigne

WILHELM SCHMID

Einschub liegt etwas abseits von meiner Thematik", regi- striert er einmal selbst und schiebt voller Ironie die von Ver- gil geborgte Sentenz Q« o diversus ahis dazwischen: Wohin läufst du in die Irre? „Ich schweife ab, doch mehr aus Mut- willen als aus Unachtsamkeit. Meine Phantasien hängen zu- sammen, aber manchmal sehr lose". Die antiken Autoren hätten sich, meint er, wegen solcher Sprunghaftigkeiten keine Gedanken gemacht; sie hätten vielmehr ihre Anmu t darin gefunden, sich so vom Wind treiben zu lassen: Auch ein Versuch, nämlich der Versuch, auf andere Gedanken zu kommen un d anders denken zu lernen, als man gedacht hat. Es handelt sich um Eskapaden des Anderen, denen eine be- sonders intensive Wahrheit zukommt; um glückliche Seiten- sprünge des Denkens. „Oh Gott, welche Schönheit haben doch diese munteren Seitensprünge und diese Variationen, und am meisten dort, w o sie nach Nonchalance un d Zufall aussehen."

In der aufgerissenen Kluft zwischen dem projektierten Sujet und seiner demonstrativen Nichteinlösung kann die Spannung entstehen, die das eigene Denken provoziert. Nicht er, Montaigne, verliere seine Thematik aus den Augen, sondern der unachtsame Leser, der nämHch glaube, etwas werde am besten auf dem direkten Wege abgehandelt, wäh- rend es darauf ankomme, Umwege zu machen und Raum für Versuche zu gewinnen.

Montaigne führt den Leser vorsätzlich in die Irre, um ihn gerade auf diesem Weg zu sich selbst zu bringen und ihm ver- suchsweise die Einnahme einer eigenen Haltung nahezule- gen. Wer beispielsweise dachte, im Essay „Von der Eitelkeit" würde von der Eitelkeit die Rede sein, sieht sich bald ge- täuscht, und wenn dann in einer Ecke des Textes doch noch

77 71

WOHIN LÄUFST DU IN DIE IRRE?

ein Wort darüber zu finden ist, dan n nicht etwa eines, das die Eitelkeit als verwerflich darstellen würde, wie man es von einem „Morahsten" erwarten würde: Nein, ganz im Gegen- teil, sie wird affirmiert, sofern sie nur Lust bringt. Der Leser wird dazu genötigt, selbst Versuche anzustellen und selbst ein Verhältnis dazu zu finden, will er nicht einfach das freche Urteil übernehmen.

Der Körper der Schrift, die Zeichnung seiner selbst

Diese Essais werden ebensosehr gelebt wie sie geschrieben werden. Das Buch der Erfahrung kann nur verfaßt werden, wenn diese Erfahrung zwischen den Linien, den Sätzen und Seiten Raum und Zeit genug findet, um sich zu erproben. Er finde, sagt Montaigne ein ums anderemal, er finde „durch Erfahrung/Erprobung". So werden die gedachten und ge- schriebenen Essays zu Versuchen und Versuchungen der Existenz. Montaigne schreibt sie nicht so sehr mit der Feder als mit der Nase im Wind . E r probier t aus, ob sie sich im Sat- tel halten können, wenn er mit ihnen über Stock und Stein reitet. In dem bequemen Sessel jedenfalls, auf dem er sich in seiner BibUothek gerne hinlümmelt, stößt ihnen gewiß nichts zu; der Schreibtischsessel ist zur Prüfung untauglich, in ihm erholt man sich, in ihm versucht man das Leben nicht. Gewiß müssen die „Versuche" auch durch die Trunkenheit hindurch, müssen damit fertigwerden, daß die Konturen verschwimmen und die festen Anhaltspunkte sich in Doppe- lungen auflösen; in der Zentrifuge müssen sie sich zurecht- finden. Und schließlich müssen die Versuche die Blicke der Anderen aushalten lernen, ohne nervös zu werden. Dann erst kehrt Montaigne zu ihnen zurück, fixiert sie und prä-

„Ein junger Mensch muß seine Gewohn- heiten unterbrechen, um seine Kräfte zu erwecken, sich we- nigstens vor Schim- meln und Faulen be- wahren; und keine Lebensart ist so kin- disch und närrisch als die Lebensart nach Schnur und Uhr." Montaigne

„ Gesund oder krank habe ich immer gern die Gelüste befolgt, wovon ich mich ge- drungen fühlte. Ich räume meinen Be- gierden und Verlan- gen ein großes Recht ein. Ich mag nicht gern Übel durch Übel heilen. " Montaigne

„Ich schweife ab, aber das geschieht nicht eigentlich aus Versehen, sondern weil es mir so be- hagt. " Montaigne

WILHELM SCHMID

sentiert sie - dann nämlicii, wenn die Versuche der Versu- chung widerstanden haben, leicht und schnell dahingesagtes Zeug zu sein. Das ganze Selbst vibrien und oszilliert auf diese Weise in der Schrift. „Mein Stil geht ebenso vagabundierend umher wie mein Esprit." Montaigne experimentiert mit sich selbst,

indem er in seinen Versuchen mit der Schrift experimentiert, für die es noch kein Modell gibt. Er schreibt, um seinen Träumen einen Körper zu geben, nämlich den Körper der

Schrift. Die Form seiner selbst wie

schaffen, und jede Linie, die er zieht, ist ein Pinselstrich an

diesem künftigen Werk. Diese Form wird ihm allein eigen sein, und er eignet sie sich an durch die Bewegung seiner Hand, die das weiße Papier mit Zeichen füllt bis an den Rand, und mit denen er zugleich seine eigene Leere beschrif- tet. Unentwegt spricht er dabei von seiner „Zeichnung", schon im Vorwort: ce mien dessein - im Sinne von: dieses mein Werk, oder im Plural mes desseins, um seine Projekte, seine Pläne, Vorhaben und Entwürfe, letztlich den Aufriß seiner selbst, seine Selbstskizzierung zu bezeichnen.

Er vergißt dabei nicht, daß Andere es waren, vor allem sein Vater, wie er meint, die zuerst sein dessein formulierten und daß ihn dies zuallererst geprägt hat. Die Fremdzeich- nung, von der das Subjekt im doppelten Sinne des Wortes „gezeichnet" ist, geht der Selbstzeichnung voraus. Aber mit der Fremdzeichnung ist nicht alles schon getan. Die „Zeit der Wahl" besteht darin, den Schwerpunkt zugunsten der Selbstzeichnung zu verschieben und diese Arbeit des De- signs selbst in die Hand zu nehmen, die mehr ist als nur eine Beiläufigkeit. Die Gestaltung und Herstellung seiner selbst, die Kohärenz und Korrektur hat hier ihren Ort, hier wird sie

seiner Schrift mu ß er erst

78

WOHIN LÄUFST DU IN DIE IRRE?

von einer gedachten zu einer vollzogenen Arbeit, und wehe dem, der diesen entscheidenden Schritt zum Vollzug unter- schätzt, sich nie an den mühsamen Akt der Schrift heran- wagt und es beim Vorhaben beläßt - er wird den Raum der reinen Potenz nie verlassen, nie sich selbst im Akt erfahren, keine Körperlichkeit gewinnen, seine Möglichkeiten nicht erproben, sich weder am Punkt des Gelingens noch auf der Schwelle des Scheiterns bewegen, niemals in die Irre gehen. Wichtig ist, den ersten Pinselstrich zu setzen, die erste Linie zu ziehen: Der erste Strich zieht den zweiten nach sich, auch ohne die Vorstellung eines großen Projekts, die einem die Hand führen könnte, das aber auf diese Weise peu à peu überhaupt erst sich formuliert. Die Arbeit der Schrift kann nicht nach der Menge des Geschriebenen bemessen werden:

Allzuviel geschrieben hat Montaigne nicht. Selbst wenn er jeden Tag nur eine Seite geschrieben hätte, wären die Essais das Werk von nur drei Jahren. Er schrieb jedoch zwei Jahr- zehnte daran. Nur der, der keinen Strich macht, ist dazu ver- urteilt, immer derselbe zu bleiben, während das Ich sich in der Schrift unaufhörlich selbst modifiziert.

Das Ich, das von einem Moment zum anderen springt, ist in seiner Gesamtheit freilich nur präsent in diesem Buch, in dem es sich sammelt. Hier kommen die verschiedenen Aspekte der Zeichnung zusammen und ergeben nicht etwa ein naturalistisches, sondern ein avantgardistisches Bild, bei dem der Maler noch über den Rahmen hinaus seine Pinsel- striche setzt. Das Subjekt, das sich „malt", ist einerseits ein Subjekt, das sich als eines begreift, das Geschichte hat, die es darstellen, eben im naturalistischen Sinne „malen" kann. Die Geschichte ist damit aber nicht zu Ende, das Subjekt ist in der Gegenwart und vor dem Horizont der Möglichkeiten

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„car c est moy

que je

peins''

(Denn

ich

selbst

bin

es, den ich

male)

Montaigne

 

„ Wenn ich auf unglei- che Weise von mir rede, so geschieht es, weil ich mich auf ungleiche Weise be- trachte. Alle Wider- sprüche finden sich in mir, je nach Gesichts- winkel und Umstän- den." Montaigne

„Solche Möglich- keitsmenschen leben, wie man sagt, in einem feineren Ge- spinst von Dunst, Einbildung, Träume- rei und Konjunkti- ven: Kindern, die diesen Hang haben, treibt man ihn nach- drücklich aus und nennt solche Men- schen vor ihnen Phantasten, Träu- mer, Schwächlinge und Besserwisser oder Knttler

WILHELM

SCHMI D

neu zu gestalten und auch in dieser Hinsicht zu „malen" - nicht im Sinne eines Naturalismus, sondern eher im Sinne einer avantgardistischen Konzeptkunst. Darüber hinaus ist selbst die naturalistische Darstellung ja nicht etwa ein bloßes Abmalen, sondern eine Stilisierung, so daß man in Montaig- nes Werk nicht nur „ein Register" der Versuche seines Le- bens, wie er einmal glauben machen will, nicht nur eine simple Aufzeichnung seiner Erfahrungen erblicken darf, sondern einen phantasiervollen Entwurf.

Die Phantasie hat bei ihm einen so festen Ort, daß er ihren Begriff geradezu synonym zum Begriff des Denkens und der Gedanken gebraucht. Die Phantasie strukturiert die Versu- che vor, sie ist Hiert mit der Vorstellungskraft und zuweilen mit den „Träumereien". Unablässig stellt sie die Beziehung zum Anderen her, auch zum Anderen seiner selbst, zum Anderen als Möglichkeit; sie öffnet den Horizont der Mög- lichkeit und ist daher verschwistert mit dem Versuch, dem Experiment des Andersdenkens und Anderslebens. Jede Be- stimmtheit, jede Selbstverständlichkeit einer Realität macht sie wieder zunichte. Nu r die Phantasie orientiert uns über die gegenwärtigen Dinge - man braucht ausreichend Phan- tasie, um überhaupt alle Aspekte des Realen erfassen zu kön- nen. Die Phantasie kann nicht hintergangen werden. Hinter sie kann man nicht zurück.

Die Macht des Traums und der Phantasie ist von solcher Kraft in ihm, daß er einmal notiert, er müsse seine Phantasie dazu anhalten, nicht zu wild, sondern gemäß einer gewissen Ordnung oder eines Projekts „zu träumen", um sie davor zu bewahren, daß sie sich im Uferlosen verUert und im Wind zerflattert. Er erfreue sich am Traum und an der Phantasie, um die Unbilden des Alters zu verscheuchen, und er geht so-

à

WOHI N

LÄUFST D U

I N

DIE

IRRE?

gar so weit zu sagen, daß unsere Träume mehr wert seien als unsere Diskurse. Das Träumen ist nicht völlig unterschieden vom Denken, und der „Versuch", das ist immer auch ein we- nig die Realisierung eines Traums. Montaigne bedarf keines Surrealismus, denn er hat die Realität nie als vom Traum los- gelöst betrachtet. Und der Traum muß nicht endlos und sub- til gedeutet werden, er braucht keine Hermeneutik; er ist schlicht ein anderer Modus der Existenz, nämlich der Mo- dus ihrer Transzendenz, der dabei nichts Übernatürliches an sich hat, sondern nur die Überschreitung der Existenz, so wie sie gelebt wird, bezeichnet.

Nur an einem bestimmten Punkt zeigt Montaigne eine be- merkenswerte Unlust zu Versuchen, Experimenten und Ver- änderungen: er ist kein Träumer von der besten PoHs. Von der Utopie der platonischen „Politela" wendet er sich ab, denn es erweisen sich „all diese künstlich erklügelten Staats- ideale als lächerlich und zur Verwirkhchung untauglich". Sie bedürften einer neuen Welt und eines perfekten Menschen; Montaigne will aber mit den Menschen, so wie sie geworden und geformt sind, arbeiten, und nicht den neuen Menschen für die bessere Welt ersinnen. Die Gefahr, daß auf ein Übel ein noch größeres Übel folgt, gerade wenn das Beste inten- diert wird, ist zu groß. Den „Brauch", der sich eingespielt hat, zugunsten einer rationalen Lösung aufzugeben, würde nur die gewachsenen Beziehungen zerstören und den Men- schen in der Leere einer beziehungslosen Welt zurücklassen.

Folgt daraus, daß er irgendwelchen bestehenden Herr- schaftszuständen das Wort redet? Montaigne bestreitet nicht die Notwendigkeit institutioneller Macht, aber sie muß zu- gleich die Selbstmächtigkeit des Individuums gewährleisten. Und gegen die gesellschaftliche Bedingtheit des Individu-

81

Das Mögliche um-

faßt jedoch nicht nur die Träume nerven- schwacher Personen, sondern auch die noch nicht erwachten Absichten Gottes. Ein mögliches Erleb- nis oder eine mögli- che Wirklichkeit ( ) haben, wenigstens nach Ansicht ihrer Anhänger, etwas sehr

in sich, ein

Feuer, einen Flug, einen Bauwillen und bewußten Utopis- mus, der die Wirk- lichkeit nicht scheut, wohl aber als Auf- gabe und Erfindung behandelt. " Robert Musil: Der Mann ohne Eigen- schaften

Göttliches

„Ich liebe Streitge- spräch und Wider- rede, doch nur mit wenigen Menschen und für mich. Die wi- dersprechenden Ur- teile beleidigen und verstimmen mich nicht, sie regen mich an und geben mir zu tun."

Montaigne

WILHELM

SCHMI D

ums, die er anerkennt, macht er dessen Selbstverhäitnis stark, das von der Sorge um sich und der Arbeit an sich ab- hängig ist: E r mißt ihm sogar eine größere Bedeutung zu als der gesellschaftlichen Bedingtheit. Er hat auch nicht unbedingt etwas dagegen einzuwenden, daß die Individuen sich von Außen, von Anderen führen las- sen, denn es sei nun mal „weit angenehmer, zu folgen, als zu führen". Aber er beklagt, daß die Individuen schon so sehr an „Leitseile" gewöhnt worden seien, daß sie des freien Gan- ges kaum mehr fähig sind: „Die Menschen geben sich in Miete." Das Geführtwerden muß Widerstand finden in der Fähigkeit zur Selbstführung. Dazu bedarf es des Muts zur Auseinandersetzung untereinander und zur Auseinanderset- zung mit Machtverhältnissen und Machthabern, einer ge- wissen „Freimütigkeit" (franchise, licence), die von der anti- ken Praxis der Parrhesia herzuleiten ist und in erster Linie die Freimütigkeit des Worts meint, die gegenüber einem An- deren oder einem Machthaber geübt wird. Die Ausübung der Parrhesia nennt Montaigne erneut einen „Versuch", eine experimentelle Praxis. Aber es handelt sich um einen „schwierigen und gefährlichen Versuch", denn bei der Aus- übung der Freimütigkeit steht sehr vieles auf dem Spiel: Sie kann ebensosehr konstruktive wie destruktive Konsequen- zen haben. Sie kann ein bestehendes Verhältnis korrigieren oder auch destruieren. Daher erfolgt die Zuflucht zur Par- rhesia für gewöhnlich erst dann, wenn es nichts mehr zu ver- lieren gibt.

82

WOHI N

LÄUFST D U

I N

DIE

IRRE?

Skepsis und essayistische Existenz

Eine Vielzahl von Aspekten prägt, wie alimählich deutlich wird, den täuschend einfachen Begriff des Essays bei Mon- taigne. Die Auflösung des Zwangs zur Identität des Subjekts eröffnet den Raum für Experimente mit sich selbst und defi- niert das Subjekt der Altentät, das beständig offen ist für ein Anderssein. Die Selbstsorge und Selbsterkenntnis erscheint nicht nur als eine Aufmerksamkeit auf sich, sondern als Lust am Versuch, um Erfahrungen zu machen und die eigene Ur- teilskraft auszubilden - „ich habe darauf und davon die Probe gemacht", sagt Montaigne,/en ay faict l'essay. Aber der Versuch, den er in den Essais anstellt, meint auch, sich selbst als Projekt vorzunehmen und eine experimentelle Exi- stenz zu führen, selbst ein Essay zu sein. Dies geschieht mit- hilfe bestimmter Techniken und Praktiken, von denen hier nur einige Beispiele vorgeführt wurden: Arbeit der Schrift, Praxis der Lektüre, Gebrauch der Sentenzen, Übung des Entwerfens, der Zeichnung und des Malens, Ausarbeitung von Phantasien, Ausübung der Parrhesia. Diese Verfahrens- weisen praktiziert Montaigne selbst - er spricht nicht nur von der Freimütigkeit, sondern seine Essays dürfen insge- samt als Versuche zur Freimütigkeit bezeichnet werden. Zu- gleich stellt er diese Verfahrensweisen seinem Leser zur Ver- fügung, um ihm zu ermöglichen, seine eigene individuelle Haltung zu finden.

Die Praxis des Versuchs ist Montaignes Antwort auf eine Welt, in der alles in permanenter Bewegung ist, in der nichts feststeht, es keinen Fixpunkt gibt. Wohin läufst du in die Irre, quo diversus abisì Die essayistische, experimentelle Existenz hat keine Orientierungspfeiler zur Verfügung, aus

83

Das „Reich " der „ Es- sayisten und Meister des innerlich schwe- benden Lebens" „liegt zwischen Reli- gion und Wissen, zwischen Beispiel und Lehre, zwischen amor intellectualis und Gedicht, sie sind Heilige mit und ohne Religion, und manchmal sind sie auch einfach Män- ner, die sich in einem Abenteuer venrrt ha- ben."

Robert

Musil:

Der

Mann

ohne

Eigen-

schaften

„Das menschliche Leben ist eine unglei- che, unregelmäßige und vielseitige Bewe- gung. Man ist nicht sein eigener Freund und noch weniger sein eigener Herr, man ist vielmehr Sklave, wenn man beständig seinem ei- genen Sinn folgt und so an seine Neigun- gen gebunden ist, daß man sich nicht davon loswinden und -wickein kann. " Montaigne

WILHELM SCHMID

denen sich der einzuschlagende Weg mit letzter Gewißheit ableiten ließe. In die Irre zu gehen heißt, sich in den Raum der Widersprüche zu begeben und zu versuchen, sich darin zu orientieren, ohne die Widersprüche aus der Welt zu schaf- fen und ohne eine Letztbegründung des eigenen Weges in Anspruch zu nehmen. Anders als nach ihm (und vielleicht wegen ihm) Descartes, reagiert Montaigne auf die Situation der Ungewißheit nicht mit der Flucht in ein fundamentum inconcHssum. Er strebt nicht danach, einen unerschütterli- chen Grund zu gewinnen, sondern pflegt eine profunde Skepsis. Skeptomai, heißt es schlicht auf dem einen der bei- den großen Querbalken in seinem Arbeitszimmer: Ich zweifle und prüfe, ich betrachte aus der Distanz, um die Ver- hältnisse umso genauer zu sehen. Es ist ein Skeptizismus, der kein methodischer Zweifel im Sinne von Descartes ist, also nicht dazu dient, zur klaren und bestimmten Gewißheit zu kommen. Vielmehr handelt es sich um eine methodische Vermutung der Alterität: Etwas könnte auch noch ganz an- ders sein, als es ist; es könnte sich anders verhalten, als es sich uns darstellt; vor allem aber könnte es bald anders werden.

Sich nicht mit dem Gegebenen zufriedenzugeben, son- dern immer wieder darüber hinauszugehen, Versuche und Erfahrungen zu machen, die Ambiguität aller Dinge im Auge zu behalten: Das bedeutet nicht, die Operationen des Wissens zu eliminieren oder auch nur zu reduzieren, son- dern ihnen einen anderen Stellenwert zu verleihen. Mon- taignes Skepsis ist nicht eine totale wie bei den antiken Be- gründern der Skepsis, sondern eine relative. Er findet nichts Verwerfliches daran, sich auf die Suche nach Wahrheit zu be- geben - aber er versteht unter dieser Wahrheit nicht „die" Wahrheit, und er nimmt auch nicht an, daß sie einfach „da"

85

WOHIN LÄUFST DU IN DIE IRRE?

und nur zu ergreifen wäre, sondern daß sie auf dem Weg des Experiments und der Erfahrung und im Umgang mit den Phänomenen erst herzustellen ist, ohne jemals eine endgül- tige zu sein.

auf Di-

stanz zu jeder endgültigen Wahrheit. Er hält es mit der Vor- sicht, die im französischen Begriff άο-τprudence mitschwingt

als ein Element der Klugheit. Die Wahrheit erscheint hier nicht mehr als Gewißheit, sondern als ein Frageelement. Da- her die Anstrengung der Philosophie, die Skepsis zu bewah- ren, Versuche anzustellen und mögliche Antworten zu er- proben. Und wenn Montaigne sagt, daß er sich zwar selbst widerspreche, aber nicht zur Wahrheit in Widerspruch stehe, so auch deswegen, weil die Wahrheit in sich selbst widersprüchlich ist: „Jedem Logos ist ein Logos entgegen- gesetzt", heißt die skeptische Sentenz des Sextus Empiri- cus, die Montaigne als Inschrift auf einem Deckenbalken so plaziert hat, daß jedem Wort ein enormes eigenes Gewicht zukommt. Das scholastische Prinzip der Nicht-Wider- sprüchiichkeit erscheint hier als eme unzulässige Verkleine- rung der Welt und der Wahrheit.

Der Abgrund der Widerspruchsstruktur, die Unmöghch- keit der Gewißheit: Das ist überhaupt erst die Grundlage für die Herausbildung einer Philosophie der Lebenskunst, die es im System der Einen Wahrheit gar nicht geben könnte. Dort, wo das Denken die Eine Wahrheit schon kennt und in sich die Totalität der Welt umfaßt, kann die Frage nach den Techniken und Versuchen der Existenz nicht auftauchen:

Die Frage der Existenz ist dann nur eine Frage der Interpre- tation des wahren Worts und der Ableitung aus dem vorgege- benen System, eine Frage der Bürgschaft einer Metaphysik.

Statt sich einem Dogm a zu unterwerfen, geht er

71

„Ich trage unge- formte und unschlüs- sige Einfälle vor, wie esjene tun, die Streit- fragen aufwerfen, um sie von den Ge- lehrten erörtern zu lassen: nicht um die Wahrheit zu verkün- den, sondern um sie zu suchen." Montaigne

WILHELM

SCHMI D

Vor allem vor dem Hintergrund einer Metaphysik kann die Ethik der Selbsterfindung keine fundamentale Bedeutung haben: Werte und Haltungen sind vorgegeben, sie müssen nicht erst gefunden werden. Umgekehrt gilt: Wenn nichts der blanken Selbstverständ-

lichkeit unterliegt, dann ist alles neu zu bestimmen und stän- dig eine essayistische Existenz zu führen. Jeder Tag ist neu auszutarieren, jede Geste und jede Gewohnheit ist zu über- denken. Die Situationen der Wahl multiplizieren sich. Ein anderes Verhältnis zum Zufall ist zu gewinnen: Ein Leben mit der Kontingenz, um Gebrauch zu machen von ihr, wäh- rend die Philosophien des Seins und der erhabenen Wahrheit danach trachten, diese Kategorie auszuschalten. Nicht nur die Essais nehmen ihren Ausgangspunkt bei dem Stoff, den ihnen der Zufall zuwirft, und nicht nur für ihre Schrift ist das Ordnungsprinzip die Zufälligkeit, sondern Montaigne selbst hebt es, sich vom „Wind der Zufalle" treiben zu las- sen. Nicht die systematische Entfaltung eines Gedanken-

Jch hasse die Mittel,

gangs, sondern

„Einfälle" sind hier

entscheidend.

Dabei

welche beschwerli- sind es durchaus Versuche, die dazu dienen sollen, zur Er-

cher sind als die

Krankheit

^e^ntnis zu gelangen: „Wir versuchen alle Mittel, die uns zu

r

,

,

ihr rühren können. Der Skeptizismus ermöglicht eine Lebenskunst, ja er macht sie geradezu erforderlich, da das Leben, so wie es zu führen ist, nicht aus feststehenden Parametern abgeleitet werden kann. Es ist eine experimentelle Lebenskunst, denn wenn die Skepsis die Grundlage ist, kann es in allem nur Ver- suche, Essays geben. Gewiß resultiert daraus eine be- stimmte Unentschlossenheit, die die Entschlossenheit, die aus der einmal getroffenen Wahl für die Sorge um sich folgt, konterkariert. Eine Lebenskunst kann es vielleicht über-

82 86

WOHI N

LÄUFST D U

I N DIE

IRRE?

haupt nur dort geben, wo die Widersprüche dazu zwingen, das heißt dort, wo sie produktiv, nämlich zur Produktion einer Form eingesetzt werden müssen, statt negiert werden zu können. Eine Arbeit des Wissens begleitet diese Lebenskunst und leitet sie an. Aber diese Arbeit des Wissens, die die Erfah- rung, das Experiment, die Erprobung, die Zufälle und die Einfälle noch zuhilfenimmt, soll nicht ein Wissen „an sich" herstellen, sondern ein Wissen im Hinblick auf das Leben. Denn die Lebenskunst bedarf sehr wohl eines Wissens, ja man muß, so Montaigne, sogar sagen: Kein Wissen, keine Wissenschaft ist so schwierig wie das Lebenwissen (sçavoir vivre). Es ist ein relatives Wissen, relativ nicht nur, weil es sich über die Begrenztheit seiner Gewißheit klar ist, sondern weil es in Relation steht zum Subjekt, das weiß, wie auch zum Objekt, das gewußt wird; beide sind nur relativ verall- gemeinerbar. Aber es handelt sich wirklich um ein Wissen. Q«^ sçay-je? Es kommt darauf an, daß ich zu leben weiß.

Wollte ich mich, weil ich mit Nieren- steinen geplagt bin, auch des Vergnügens berauhen, Austern zu essen, so erlitte ich zwei Übel statt eines. " Montaigne

Ebba D.

Drolshagen

Perfekt ist nicht genug

Zur Konjunktur der Körperbilder

Ein wenig

quälen

müssen auch die Schönsten wenn er attraktiv

ihren

Körper,

soll.

bleiben

Mit diesen wahrlich tröstlichen Worten überschreibt das Hochglanz-Modejournal Vogue einen Artikel über die ,Schönheitstips' einiger Hollywood-Stars. Zu den,Geheim- nissen' gehören Hantel-Trainin g und Tennis-Spielen, Joan Collins ißt Ananas, Jane Fonda empfiehlt Aerobic.

Dieser Trost ist nicht neu, schon unsere Großmütter sagten: Wer schön sein will, muß leiden - lächelten und kümmerten sich in aller Regel nicht mehr sehr um ihre eigene Schönheit. Die überließen sie - ebenso wie das dazu angeblich oder tatsächHch erforderliche Leiden - lieber den jungen Dingern. Heute aber ergeht die Aufforderung, schön-jung-fit-schlank zu sein, ohne Ansehen der Person an alle - an Männer wie Frauen, an Junge wie Alte. Allent- halben wird Körperlichkeit zelebriert, und Schuld daran ist nicht zuletzt Jane Fonda : Vor meh r als 10 Jahren emp- fahl die Schauspielerin als Weg zu einem gesunden, schö- nen und jugendlichen Körper eine rasend schnelle Gymna- stik nach Musik - bekannter unter dem Namen ,Aerobic'. Außer Aerobic, sagte sie, brauche eine Frau nur noch zwei Dinge, um im Kampf gegen das Alter siegreich zu bleiben:

zum einen eine vernünftige Ernährung, zum anderen die

156

PERFEKT IST NICH T GENUG

Würde, den Alterungsprozeß und alle damit einhergehen-

den körperlichen Veränderungen als das zu sehen, was existiert nicht. Sie ist

sie sind: natürlich. Sie trug grellfarbene, hautenge Sport- der

„Die,schöne Frau'

•·

„ performen wenig Raum ließen, un d sie sah viel jünger als jsHcoUus Sombart

andere Frauen ihres Alters - Fonda war damals schon über

vierzig. Frauen folgten in Scharen ihrem Rat und machten sich an das schweißtreibende Ringen, den Körper in Form zu bringen und in Form zu halten. Dies war nur der Anfang. Körpergestaltung heißt heute ,Bodystyhng' oder ,Body- shaping', und dazu genügt es nicht mehr, einmal pro Woche eine Stunde in den Sportverein zu gehen. Die körperbe- wußte Frau hat, wenn sie fit bleiben will, den ganzen Tag zu tun:

Vor dem Frühstück - MüsH mit Früchten - joggt sie ein Stündchen, radelt dann zur Arbeit, absolviert in der Mit- tagspause im Bodybuilding-Studio ein speziell auf ihre Problemzonen abgestimmtes Bodyshaping-Programm, als Imbiß gibt es einen knackigen Salat mit gebratener Puten- brust und ein spritziges Mineralwasser. Nach der Arbeit einen Abend in der Woche in die Gestaltgruppe, zur Ent- wicklung der Persönlichkeit, und einen weiteren Abend Yoga, zum Relaxen und damit die Seele nicht zu kurz kommt. Am Abschluß des Tages im Dienste von Jung- schön-fit-schlank steht die erotische Begegnung mit dem ge- liebten Gegenüber nach den strengen Regeln der indischen Liebeskunst Tantra. Hinzu kommt morgens und abends die sehr zeit-, energie- und kostenaufwendige Behandlung von Gesicht und Körper mit Cremes, Salben, Lotionen, Emul- sionen, Öle, Gels, Peelings, Masken, Bädern, Sprays - nicht

anzugen, die der Phantasie bezüglich ihrer perfekten Kor-

1

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männlichen

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Phanta-

157

EBBA D. DROLSHAGEN

nur für Frauen, sondern in zunehmendem Maße auch für Männer. Dies alles ist unabdingbar, aber nicht mehr der letzte Stand der Dinge. Blättert man in dem erwähnten Modemagazin nur sechs Seiten weiter, trifft man auf,Skalpell-Schönheiten', die verdeutlichen, daß es fü r die Gestaltung des Körpers an- dere Möglichkeiten gibt als nur die, ihn mit Sport und Hun - gerdiäten zu quälen. Dieser Artikel beginnt ebenfalls mit einem Trost - daß nämlich auch Hollywoods Traumfrauen die ewige Jugend nicht gepachtet haben - und enthüllt, was nahezu alle bereits wissen: Die meisten Hollywood-Stars haben nicht eine, sondern mehrere Schönheitsoperationen hinter sich. Da steht unter anderem:

Da einen denkenden Menschen auszeichnet, daß er seine Meinung ändern kann, sollte man es einer Jane Fonda nicht verübeln, wenn die Fitneß-Päpstin auf ihren Aerobic-Videos predigt, man solle sich mit seinen Falten anfreunden, und sich dann selbst doch die Krähenfüße glätten läßtJ)

Em-

pörung - und das ist das eigentlich Bemerkenswerte an dem Zitat. Schönheitsoperationen gelten inzwischen als normale Alternative zu Hantel-Training und Hollywood-Diät. Das

Ziel heiligt auch hier die Mittel, und Ziel ist der perfekte Köφer. Nahezu eine Karikatur dieses Körpers ist die Bar-

große Oberweite, Taille und Hüft e

sind extrem schmal, die Beine anormal lang. Kritische Stim- men befürchten schon lange, daß das Spiel mit einer Puppe, die ein derart unrealistisches Bild vom weiblichen Körper präsentiert, bei kleinen Mädchen auch ein unrealistisches Bild des Körpers zur Folge haben könnte, den sie als Frau selbst einmal haben werden. Als gesichert kann gelten, daß

Da klingt Häm e an. Was nicht anklingt, ist etwas wie

bie-Puppe. Sie hat eine

158

PERFEKT IST NICH T GENUG

viele erwachsene Frauen recht unrealistische Vorstellungen vom weiblichen Idealkörper haben. Wie er aussieht, ist aus der Werbung und aus Filmen geläufig, nicht zuletzt bezie- hen Frauen solche Bilder aus Modemagazinen und Frauen- zeitschriften. Diese präsentieren Seite um Seite, im redaktio- nellen Teil ebenso wie in der Werbung, Models mit makello- sem Körper und setzen damit Normen. Die Leserin wird beim Betrachten dieser Seiten genötigt, sich in Vergleich zu dem zu setzen, was sie sieht - und sie wird sich selbst unzu- länghch, wenn nicht gar häßlich fühlen. Keine normale Frau mit Familie und Berufsleben kann stets - oder auch nur gele- gentlich - aussehen wie diese Berufsschönheiten, doch diese schlichte Wahrheit wird zunehmend vertuscht, zumal solche Zeitschriften ihren Umsatz vor allem mit dem immer wieder beschworenen Versprechen machen, daß sich jede Leserin mit ihren Tips und Hilfestellungen in eine ebensolche ma- kellose und begehrenswerte Schönheit verwandeln kann. Selbst wenn man die wichtige Frage beiseite läßt, um wel- chen Begriff von ,Schönheit' es hier geht, fällt unmittelbar auf, daß die Ideale des Frauen- und des Männerkörpers heute weitaus ähnlicher sind als noch vor zehn oder gar zwanzig Jahren: der Körper soll heute, unabhängig von Ge- schlecht und Alter, jung, sehnig-muskulös und sanft ge- bräunt sein.

Dieses Schönheitsideal nähert die Menschen in ihrem Aussehen einander an. So wird, was noch immer eine politi- sche Utopie ist - daß nämlich alle Menschen gleich sind - zu- nehmend Realität, allerdings in völlig anderem Sinne. Daß alle Menschen gleich gemacht werden, ist ein sozialer Alp- traum, der in den letzten Jahren immer häufiger mit der Ein- führung genmanipulativer Verfahren in Verbindung ge-

159

„Auch ich sehe, wenn ich morgens auf- wache, nicht aus wie Cindy Crawford. " Cind Crawford, amerikanisches Top-Model

EBBA D. DROLSHAGEN

bracht werden. Doch wer auf die Genetik starrt wie das sprichwörtliche Kaninchen auf die Schlange, dem muß ent- gehen, daß die Herstellbarkeit des Menschen hier und jetzt bereits weit vorangeschritten ist. Es geschieht unmittelbar vor unseren Augen - und liegt so offen zu Tage, daß nur we- nige es wahrzunehmen scheinen. Christine Woesler-de Pa- nafieu schreibt:

Die Geschichte menschlicher Körper zeigt uns, daß Hal- tungen, Gesten und äußere Körperformen nicht biologisch bedingt, sondern kulturell und sozial geformt sind. Sie zeigt auch ein seit dem 18. Jahrhundert kontinuierliches Anwach- sen der Aufmerksamkeit auf den Körper Nicht mehr die zweite Haut, das Kleid, drückt im Bürgertum den Unter- schied der Klassen aus, es sind die Körper selbst, in die mehr und mehr investiert wird an Verschönungsmitteln, Körper- pflege und Medikamenten. Dem Schein nach die „Natur" des „Individuums" ausdrückend, wird der Körper soziales Produkt, an dem sich Klassenunterschiede und gesellschaft- liche Arbeitsteilung medialisieren.^>

Woesler-de Panafieus Beobachtung über die Körperge- staltung in Europa wird durch die Ethnologin Mary Dou - glas auch für außereuropäische Gesellschaften bestätigt, daß nämlich, „der menschliche Körper immer und in jedem Fall als Abbild der Gesellschaft aufgefaßt wird, daß es über- haupt keine ^natürliche', von der Dimension des Sozialen freie Wahrnehmung und Betrachtung des Körpers geben kann".

Im Zentrum der folgenden Überlegungen steht der Kör- per als Abbild unserer Gesellschaft. Es geht um die Gestal- tung des Körpers, um die Frage, wie das Körperideal der achtziger und neunziger Jahre aussieht, an welchem Vor-

158

PERFEKT IST NICH T GENUG

bild es sich orientiert, wer diesen Körper herstellt, wer da- von einen Nutzen hat. Es geht u m die Frage, wie es gesche- hen kann, daß eine selbstquälerische Kasteiung des Leibes zum Ausdruck einer neuen, hedonistischen Körperlich- keit umgedeutet und als solche gefeiert wird, wie sich Re- pression in Begehren, Maschinenarbeit in Lust wandelt und wie in letzter Konsequenz der Mensch als Schöpfer seines Köφers auch vor autoaggressiver Selbstverstümmelung nicht zurückschreckt - denn nichts anders ist eine Opera- tion ohne zwingende medizinische Indikation. Und es geht um die Frage, warum all dies so beiläufig geschieht. Bestä- tigt sich an diesem Phänomen Oscar Wildes Satz, das wahre Geheimnis der Welt sei das Sichtbare, nicht das Unsicht-

bare

Es ist ein alter Menschheitstraum, sich an die Stelle des Schöpfergottes zu setzen, indem man auf magischem und / oder mechanischem Wege und außerhalb des Mutterleibes Leben erzeugt. Golem und Homunculus stehen für unter- schiedHche hterarische „Kunstmenschen", die der Phantasie entsprangen und sie ihrerseits beflügelten. Doch der Ho - munculus entstand noch immer durch das Wirken der Na- tur, der Mensch versuchte lediglich, durch Alchimie und magische Gesetze alle Stufen des Schöpfungsprozesses zu wiederholen.

Das bekannteste literarische Beispiel eines menschenge- machten Menschen ist sicherlich Frankenstein, gänzlich aus Leichenteilen zusammengesetzt und daher von erschrecken- der Häßlichkeit. Wie allgemein bekannt, nahm es mit ihm ein trauriges Ende, weil er zarte Gefühle hatte und darunter litt, daß die Menschen seine Sanftmut nicht erkannten, son- dern ihn fürchteten und flohen. Die Gestalt wurde zum

?

161

EBBA D. DROLSHAGEN

Sinnbild dafür, daß Natur unkontrollierbar bleibt. Schien es zunächst, als sei sie mit der gelungenen Herstellung eines Menschen durch den Menschen enträtselt und beherrschbar gemacht, taucht sie unerwartet und ungeplant - als Gefühle, d.h. als Seele - wieder auf, und entzieht sich so erneut der Kontrolle.

Als Schöpfung des Menschen wirklich kontrollierbar und perfekt kann folglich nur sein, was ohne Empfindung ist: die Maschine. So wurde um 1800 der Alchimist durch den Tech- niker abgelöst. Sein Interesse galt dem Automaten und seine Art der Körperfabrikation war erfolgreicher als die des Al- chimisten. Auf dem Weg über perfekte Automaten in Men- schengestalt, die Flöte spielen und Briefe schreiben konn- ten, führte seine Suche zur Konstruktion von Robotern und Maschinen, die zunächst phantasiert, dann tatsächlich ge- plant und gebaut wurden. Diese waren zwar keine aus dem Nichts geschaffenen Menschen, doch im Gegensatz zu ihren diversen Vorgängern hatten sie den entschiedenen Vorteil, ohne seelische Regungen und daher ohne Unregelmäßigkei- ten zu sein. Überdies hatten sie einen ganz praktischen Nut - zen: Sie konnten als Äquivalent des Menschen dessen Platz im Arbeitsprozeß einnehmen. Sie sind, wie Käte Meyer- Drawe treffend bemerkte, die Sklaven, die ihren Schöpfer versklaven, denn er muß diese Maschinen bedienen und sich ihnen anpassen.

Die Diskrepanz zwischen Körper und Seele bei Fran- kenstein verweist auf eine zweite abendländische Idee:

Mindestens seit den Griechen gibt es die Vorstellung des ideal-schönen menschlichen Leibes, der nicht nur Ausdruck körperlicher, sondern auch seelischer und geistiger Schön- heit ist, wobei das Ideal, allen Schwankungen trotzend, stets

158

PERFEKT IST NICH T GENUG

das Ebenmäßige und Harmonische betonte. Seit der Antike arbeiten Bildhauer und Maler nach Proportionslehren des schönen Körpers, die Renaissance sah Schönheit als etwas, das mit Hilfe geometrischer Regeln konstruiert und unzwei- deutig bestimmt werden konnte. Albrecht Dürer beispiels-

weise war der Meinung,

Zeichenbrett konstruieren, wenn man den Kopf von einem Körper nimmt, die Brüste von einem anderen, die Beine von einem dritten, die Schultern von einem vierten, die Hände von einem fünften - und so weiter. Das Ergebnis würde den Menschen verherrlichen."^)

Dieser uomo bene figurata, der schön gestaltete Mensch, war nicht nur ein schöner Leib, er war auch Idealbild einer Moral, Sinnbild einer anmutigen Seele, bzw. eines schönen Geistes. Nahezu alle Geistesströmungen des Abendlandes - von Aristoteles über die christlichen Kirchen bis hin zu den neuen körpertherapeutischen Ansätzen unseres Jahrhun- derts - sehen das Verhältnis zwischen Körper auf der einen, Seele und Geist auf der anderen Seite als Entsprechung zwi- schen Form und Inhalt und zwar im Sinne einer ursächli- chen, kausalen Wechselbeziehung: Der Körper ist Spiegel der Seele und des Geistes. Doch ebenso nimmt der Körper Einfluß auf Seele und Geist. Das eine ist nicht möglich ohne das andere.

man könn e den Idealakt auf dem

„Ein Winkel von zehn, zwölf Grad, das ist ein junges

Ohrläppchen."

Joram

Levy,

heitschirurg

Schön-

Wenn ein schöner Körper automatisch zu einer schönen Seele führt - wäre das kein ausreichender Grund, die Pro- duktion eines schönen, ja perfekten Körpers mit äußerster Entschiedenheit und allen Mitteln zu betreiben? Denn das hieße doch nichts anderes, als daß die Gestaltung des Leibes zugleich und ohne weiteres Dazutun auch Charakterbil- dung wäre.

163

EBBA D. DROLSHAGEN

Dies ist das verlockende Versprechen nahezu aller Körper- therapien sowie der streng psychosomatisch ausgerichteten Medizin. Diese Schulen gehen davon aus, daß sich Verfor- mungen der Seele und des Geistes am Körper abzeichnen und dort als Versteifungen, Asymmetrien und Krankheiten jeder erdenklichen Art manifestieren. Alexander Löwen, einer der berühmtesten Körpertherapeuten unserer Tage, er- klärt in diesem Zusammenhang:

„Niemand hat seinen Körper völlig in seiner Gewalt, und deshalb ist der Körper ein Lügendetektor, mit dem man die Wahrheit von Unwahrheit unterscheiden kann."^> Nach dieser Auffassung liegt die Wahrheit des Menschen in seinem Körper, der ein sichtbarer Text ist für ein geschul- tes Auge^*. So ist der Körper in zweifachem Sinne Medium:

Als Sichtbares kündet er vom Verborgenen, und als Konkre- tes erlaubt er einen Zugriff auf das Nicht-Greifbare. Das heißt, eine erfolgreiche Arbeit an körperlichen Mängeln oder Unausgewogenheiten behebt auf direktem Wege die seehschen Nöte, die Ursache dieser Verbildungen sind. In diesem Sinn ist der Körper tatsächlich getreues Abbild der Seele - und die Seele ist Spiegel des Körpers.

Nun behauptet aber Lowens Satz implizit, daß die Men- schen sich geradezu bemühen^ ihren Körper in der Gewalt

zu haben, um mit ihm zu lügen. Der Widerspruch, der darin steckt, scheint schwer lösbar: demnach wäre einerseits der Körper Hülse um einen Kern - den lenkenden Geist, näm-

lich - ,

tation oder von Inszenierungen gemacht, verhüllt, verformt, gestaltet, modelliert werden kann. Andererseits bilden sich an ihm Wahrheiten ab, die persönlich, für den Betreffenden möglicherweise sogar peinlich sind. Wie sorgfältig die Mani-

der von diesem zum Gegenstand willkürlicher Präsen-

158

PERFEKT IST NICH T GENUG

pulationsversuche also auch sein mögen, der Körper kann - gleichsam subversiv - ohne Wissen und Wollen des Geistes eigensinnig verraten, was dieser zu verbergen sucht. Richard Sennett beschreibt die prekäre Situation, die dadurch ent- steht:

„Wenn sich jede Gefühlsregung sogar Fremden unwillkür-

lich offenbart,

nerlei Gefühle - vor allem keine sexuellen Regungen - zu entwickeln. Auch die Deformation des Körpers durch die Kleidung erweist sich vor diesem Hintergrund als verständ- lich: Beraubt man den Körper seiner natürlichen Formen, so kann er nicht mehr sprechen; wenn man alle Spuren der Na- tur verwischt, macht man sich gegenüber den Blicken der an- deren relativ unverletzlich."^^

Diese Lösung verlangt vom Einzelnen ein extremes Maß an Anpassung an die herrschenden Normen: Zum einen muß der Körper auf eine Weise verhüllt und verformt wer- den, die ihn als Künder unerwünschter Wahrheiten zum Schweigen, zum völligen Verstummen bringt. Zum anderen - und dies geht sehr viel weiter - müssen die gesellschaftlich akzeptierten, von außen definierten Normen so sehr Teil der eigenen Person, des eigenen Verhaltens, des eigenen Wertesy- stems werden, daß sozial verfemte Regungen und Gedanken gar nicht erst entstehen und sich folgHch auch nicht verräte- risch am Körper abzeichnen können.

In den bislang geschildene Anschauungen hat der Körper keinen Eigensinn - denn ob er Abbild der Seele, Or t bewuß- ter Inszenierung oder Verräter des Geheimgehaltenen ist, er ist ein transparentes Zeichen. Die Tradition des christHchen Abendlandes aber gesteht dem Körper durchaus Eigensinn zu, der jedoch gezähmt, beherrscht, ja vernichtet werden

dann besteht der einzige Schutz darin, kei-

165

„Erst eine Selbstauf- gabe zu hohen Ko- sten entfaltet im Rah- men einer Ästhetik der Unterwerfung hohen Reiz." Barbara Sichter-

EBBA D. DROLSHAGEN

muß, ~ denn der Körper verbindet den Menschen mit dem

Tier, ist das AnimaUsche an ihm. Steht der Geist für Kultur,

gilt es zu bezwingen,

denn das Verhältnis des Menschen zu seinem eigenen Leib und zum Leib des Anderen ist Spiegelbild des Bemühens, die Natu r allein durch die Kraft des Geistes zu beherrschen. Diese Auffassung ist in unserer Kultur so tief verankert, daß wir den Fortschritt der menschlichen Spezies daran messen, wie weit der als animalisch erlebte Körper mit eigenen Aus- drucksweisen und Bedürfnissen vom Bewußtsein domesti- ziert wird.

Die jeweils gültigen Vorstellungen von Schicklichkeit und Schönheit werden maßgeblich von der jeweiligen Zeit und der Gesellschaft bestimmt. Besonders einfach zu sehen ist dies an der Mode, der sogenannten zweiten Haut. Kleidung soll - wenige strenggläubige Bevölkerungsgruppen ausge- nommen -, selbstverständlich schmücken, und es bedarf sicherlich kaum der Erwähnung, daß „schmücken" auch, vielleicht vor allem, bedeutet, die sexuelle Attraktivität der betreffenden Person zu erhöhen. Traditionell zielte die euro- päische Frauenkleidung der Neuzeit darauf ab, die Unter- schiede zwischen dem Frauen- und dem Männerkörper zu betonen, indem sie Brust und Hüften mittels Korsett und Wespentaille möglichst üppig, die Taille möglichst schmal aussehen ließ. Diese Gestaltung des Köφer s durch die Klei- dung reduzierte zugleich, wie der Psychoanalytiker J.C. Flügel 1930 ausführte, die Unterschiede zwischen verschie- denen Frauenkörpern:

„Wenn der Körper verhüllt bleibt (vorausgesetzt, die Klei- dung ist nicht hauteng), bleiben die ästhetischen Unter- schiede zwischen den Menschen tendenziell verborgen. ( )

so steht der

φ e r für Natur, und die

158 166

PERFEKT IST NICH T GENUG

Im allgemeinen führt Kleidung dazu, daß die von der Natur Begünstigten und die Benachteiligten gleichgestellt sind.

) (

ihren Körper vorteilhaft zur Schau stellen können und jenen, deren Körper besser verhüllt bleibt.

Flügel fährt mit der Vermutung fort, es sei kein Zufall, wenn in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts

die zunehmende Entblößung der Beine mit einem ver- „Wenn von der guten stärkten Gebrauch von Gesichtskosmetika einherging. Wenn

Gute übrigbleibt. " Anzeige eines Möbel- hauses

Es spielt sich ein ständiger Kampf ab zwischen jenen, die

die Unzulänglichkeiten jener Frauen, deren untere Gliedma- ßen weniger wohlgestaltet sind, freizügig zur Schau gestellt werden, so muß dieser nachteilige Umstand durch die Nivel- lierung jeglichen Teints, sei er gut oder schlecht, mit Hilfe des verhreiteteren Gebrauchs von Farbe und Puder kompensiert werden.

Die zunehmende Entblößung der Beine war nur der An-

fang - seit Ende des Zweiten Weltkrieges ist der Anblick des nackten Körpers - insbesondere des nackten Frauenkörpers

ge-

worden. Nicht jeder Körper allerdings eignet sich zur öf- fentlichen Zurschaustellung: in den Bildmedien handelt es sich ausnahmslos um die Körper junger Menschen, vor al- lem junger Frauen, an denen noch keine Spuren einer indivi- duellen Lebensgeschichte ablesbar sind. Dies spiegelt im übrigen ein allgemeiner Trend unserer Gesellschaft: Ge-

brauchsspuren - ob am Auto, der Kleidung, einem Haus oder einem Buch - mindern den Wert eines Gegenstandes beträchtlich. Etwas darf durchaus eine Geschichte haben, doch man darf sie nicht sehen.

- immer selbstverständlicher zu m Teil unseres Alltags

So auch der Körper. Zur Erinnerung nochmals das Zitat von Richard Sennett:

„Durch das Korsett und die Wespentaille werden die Attnbute des Weiblichen - Po und Busen - betont; sozusagen als Neben- effekt wird der Raum des Atems um ein Drittel verringert. " Christine Woesler-de panafieu

EBBA D. DROLSHAGEN

„Beraubt man den Körper seiner natürlichen Formen, so kann er nicht mehr sprechen; wenn man alle Spuren der Na- tur verwischt, macht man sich gegenüber den Blicken der an- deren relativ unverletzlich.

Heute, wo die Mode immer körperbetomer, der Frauen- körper zunehmend entblößt wird, gibt es kaum noch Mög- lichkeiten, die ästhetischen Unterschiede zwischen den Menschen, die Spuren der Natur, die Spuren der eigenen Ge- schichte durch Kleidung zu vertuschen - wieviel am Körper kann durch einen Bikini, einen Minirock verdeckt und mo- deUiert - oder, wie Flügel es nennt: kompensiert - werden? Die gerühmten schmalen Taillen, die im 19. Jahrhunder t mit Hilfe des Korsetts erzielt wurden, sind heute eher Durch- schnitt, wobei die Mode verlangt, daß Frauen - und zwar alle Frauen - dies ohne jedes mechanische Hilfsmittel errei- chen, und ohne Korsage, ohne Dauerwelle und ohne dickes Make-up ,natürlich schön' sind. Der Körper muß allen Fremden quasi unverhüllt zur Schau gestellt werden, die Di- stanz zwischen dem intimen, dem auschließlich Privaten vorbehaltenen Körper und dem öffentlichen, als Medium so- zialer Selbstdarstellung gestalteten Körper schrumpft gegen Null.

Nun bedeutet eine solche allgemeine Entblößung nicht, daß die Schamgrenzen in gleichem Maße und mit gleicher Geschwindigkeit fallen wie die textilen Hüllen. Was sich ver- ändert, ist der Bereich, der schambesetzt ist, und hier gilt die Scham nicht mehr der Nacktheit, sondern, wie Sennett sehr klug bemerkt, dem Enthüllen des ungestalteten, naturalen Körpers, eben jenes Körpers, der etwas über seinen Besitzer, seine Besitzerin verrät. Den n als öffentlich Zur-Schau-Ge- stelltes ist der Körper unweigerlich Träger einer Botschaft -

158

PERFEKT IST NICH T GENUG

und in einem sozialen Kontext mu ß dies eine Botschaft sein, die auf seinen Träger - seine Trägerin - ein günstiges Licht wirft. Unter diesen Umständen gibt es nur eine Möglichkeit, die verräterische Sprache des Körpers zum Schweigen zu

bringen: Der Kö φ e r selbst mu ß

die Nacktheit zu verbergen, die ansonsten allen BHcken un- geschützt preisgegeben wäre. Worin also besteht die Maske - und wie lautet die Botschaft?

Arnold Schwarzenegger, weltweites Symbol für die kom- promißlose Gestaltung des Körpers durch unerbittliche Härte gegen sich selbst, gibt einen ersten Hinweis darauf, wie der Körper maskiert werden kann und wie die Botschaft lauten könnte. In seinem Buch Bodybuilding für Frauen eröffnet er seinen Leserinnen zunächst:

für

zu einer Maske werden, um

Der Geist ist ein unglaublich

effizientes

Kontrollorgan

den

und warnt sie dann eindringlich davor, Schwächen (wie Fett, Fiängebusen, Cellulitis) als unabän- derliches Schicksal zu sehen. Man muß sie bekämpfen und überwinden. Sie müssen sie unter Kontrolle bringen.^°> Der Körper, mit dem man geboren wird, muß nicht mehr als unabänderliches Schicksal - oder Schicksals schlag - hin- genommen werden. Als ersten Schritt empfiehlt er den Frauen, sich nackt vor den Spiegel zu stellen und dabei eine Tüte mit Gucklöchern über den Kopf zu ziehen, da der An- blick des Gesichtes daran hindere, den eigenen Körper,ob- jektiv' zu sehen. Objektiv kann hier nur bedeuten: Den eige- nen Leib abstrahiert von der eigenen Person und Geschichte sehen, ihn mit einem fremden Blick als den eines Anderen, als nicht zu sich selbst gehörig betrachten. Der private, un- maskierte Körper wird nicht einmal mehr in der Abgeschie-

Körper.

169

„Meine Jugend wie- derzubekommen, täte ich alles in der Welt, außer Gymna- stik treiben, früh auf- stehen oder ehrbar sein. " Oscar Wilde

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denheit des eigenen Schlafzimmers geduldet. So treibt Schwarzenegger die Frauen - und natürhch nicht nur Frauen - dazu an, sich an den Maschinen des Bodybuilding- Studios den perfekt gestylten Körper zu erkämpfen. Dieser neu erworbene, selbst gewählte Körper ist es, der dann den naturwüchsigen Leib maskieren wird, und dieser zahlt für seine neu erworbene Perfektion den Preis seiner Singularität und seiner Individualität.

Zu Beginn war bereits die Rede davon, daß Maschinen die Sklaven sind, die ihren Schöpfer versklaven, da er diese Ma- schinen nun bedienen und sich ihnen anpassen muß. Diese Versklavung hat im Bodybuilding-Studio ihren bislang letz- ten Höhepunkt erreicht, denn hier findet die völlige Ver- schmelzung von Mensch und Maschine, eine mechanische Kraftentfaltung ohne Arbeitsergebnis statt, hier vollenden die Maschinen ihre Disziplinarmacht, wird Maschinenar- beit zur Lust, ist die Unterwerfung unter den Drill freiwillig, ja ersehnt.

Die Körperproduktion im Bodybuilding-Studio ist sicht- barer Ausdruck einer Gesellschaft, deren uφrotestantische Werte Fleiß, Ausdauer, Disziplin, Selbstkasteiung und Freudlosigkeit keinerlei ungeregeltes Wachstum dulden. Das wurde zwar durch normierte Arbeitszeiten und stereo- type Bewegungsabläufe in der Arbeitswelt bereits eingeübt, muß jedoch gegen den Eigensinn des Körpers immer wieder erneut behauptet werden. Das verlangt Verzicht, Selbstbe- herrschung und die Knechtung des eigenen Körpers - und ist natürlich keine Erfindung unseres Jahrhunderts: Ein be- sonders drastisches Beispiel für das Verlangen, den Körper in einem regelrechten Feldzug zu unterwerfen, ist folgende Äußerung des Arbeiterführers Ferdinand Lasalle:

158

PERFEKT IST NICH T GENUG

„Ich brach den Trotz meines Körpers. Ich hob auf den Un-

terschied zwischen

Eigenheit.

°

tende

ihm

und meinem

Ton meiner

Auges,

,

jedes

Der zitternde

meines

Glanz

Willen, rauhte ihm jede

„Ein Kleidungsstück, emem die Hoden

Stimme

und

der

leuch-

^

,

einen anders

deu-

Lucken

der

Mine

hat

^^^

knechtisch

wiederzugeben das Gepräge, das ich ihm auf-

Umberto Eco

drücke."^')

Und schon Rousseau schreibt in Emile:

„Je schwächer der Körper ist, um so mehr befiehlt er Je stärker er ist, um so eher gehorcht er Alle sinnlichen Leiden- schaften wohnen im verweichlichten Körper.

Dieser verweichhchte Körper, Ort und Gegenstand von Genuß und Sinnlichkeit, des Entzückens und der Sünde, mit seinen Verheißungen, Verlockungen, seinen Unregelmäßig- keiten und Ekstasen behindert mit seinen Wünschen und seinem Eigensinn den reibungslosen Ablauf genormter Pro- duktionsschritte. Sein Verlangen muß gezügelt, die Erfül- lung seines Begehrens (und Aufbegehrens) auf später ver- schoben werden. Als Traum vom besseren Leben, von mehr Freiheit, von einer besseren Zukunft ist dies der Traum von der Demokratie. Aber wie der Soziologe und Philosoph Georg Simmel bereits vor achtzig Jahren schrieb:

Die gesamte moderne kapitalistische Produktionsweise

beruht durchaus auf der Tendenz, die Klassenunterschiede zu verwischen, denn diese Tendenz schafft ihr die Profitrate.

Der Kapitalismus muß die Gesellschaft äußerlich demo-

kratisieren, zwar nicht aus den politischen Idealen der Bour- geoisie heraus, sondern eben im Interesse der Mehrwerter-

) (

zeugung, der fortgesetzten Steigerung der Profitrate.'^'

Was Simmel hier nicht sagt, was jedoch in der Natur der kapitaUstischen Produktionsweise hegt, ist, daß diese Ten- denz zur Demokratisierung immer Tendenz bleiben und

171

„Nach Angaben des Kosmetikherstellers Ellen Betrix gaben die westdeutschen Verbraucherinnen al- lein im vergangenen Jahr vier Milliarden DM für die Pflege und Dekoration ihrer Körper aus. " Süddeutsche Zei- tung, 11.9.1992

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niemals Realität werden darf, da dann der Anreiz zum Kon- sumieren wegfiele. In dieser prinzipiellen Unerfüllbarkeit ähnelt die kapitalistische Produktionsweise im übrigen durchaus den Bemühungen des Protestanten, seinem Gott zu gefallen - da ihm, anders als dem Kathohken, die Bestäti- gung seines Bemühens und seiner Reue durch einen Geistli- chen versagt bleibt, ist sein Wunsch nach Erlösung zu Leb- zeiten unerfüllbar. Richard Sennett skizziert, wie diese stän- digen, erzwungenen Verzichtleistungen in Siege umgedeutet werden:

Der Verlust einer rituellen Religion, des Katholizismus, und der Aufstieg des Kapitalismus führen zum selben Ergeb- nis: Die Verneinung des Genusses dient der Aufwertung und Bestätigung des Selbst. Genau das bedeutet „innerweltliche

Askese".

Genuß verweigert, erweist man sich als reale Person. Die Fä- higkeit, den Genuß hinauszuzögern, gilt als Zeichen einer starken Individualität.

Der Schlankheits- und Fitneßwahn führt diese kapitalisti- sche und protestantische Ideologie beispielhaft vor. Dabei ist es vergleichsweise unerheblich, daß er eine ungeheure In- dustrie am Leben hält, die von Feuchtigkeitscremes über Gymnastikbücher, Jogging-Anzüge, Bodybuilding-Studio, Solarien bis hin zu Schönheitschirurgen alles bietet, was einen Vorteil im Kampf gegen Alter und Pfunde verspricht. Wichtiger ist, daß am Ende des Kampfes keineswegs, wie be- hauptet wird, die Erweiterung des sinnlichen Erlebens oder der Persönlichkeit steht. Im Gegenteil. Der Kampf kann kein Ende haben, weil das Ziel der auf ewig jugendliche Kör- per ist - und dieses Ziel ist unerreichbar. Wie der Traum von der Demokratie und die Hoffnung auf die Gnade Gottes,

Dadurch,

daß man sich im konkreten Erleben den

158

PERFEKT IST NICH T GENUG

fordert auch er ein ständiges, unermüdliches Streben, um wenigstens nicht hinter das Erreichte zurückzufallen. Die- ses Ringen verlangt von jedem einzelnen Disziplin und As- kese, eine an Masochismus grenzende Unterdrückung von Sinnlichkeit und Genuß. Und es verlangt überdies, diese Ver- sagung als gewollt, vielleicht sogar als lustvoll zu empfinden. Die beste Strategie aber ist die von Sennett empfohlene: Ge- fühle und Sehnsüchte erst gar nicht zu entwickeln. Eine sol- che „innerweltliche Askese" entspricht in allen Punkten der amerikanischen Wertschätzung für harte Arbeit, Selbstver- leugnung und grenzenlose Machbarkeit. Gesundheit und Schlankheit bekommen die Nebenbedeutung ,Tugend'.

Die moderne Welt ist so komplex und unüberschaubar,

daß der Einzelne selbst auf scheinbar banale Dinge, die ihn direkt betreffen, häufig keinerlei Einflußmöglichkeiten mehr hat. Man fällt den Baum vor seiner Tür und verbreitert „Ich wollte nicht

die Straße - beides will er nicht, beides wird sein Wohlbefin-

den spürbar beeinträchtigen - un d doch kann er es häufig Darumging

ebensowenig verhindern wie das Abholzen der tropischen , ,

dünn sein, sondern

®

.

.

.

.

Eine

ehemals

mager-

Regenwälder. Den Verlauf des

eigenen Lebens bestimmen — süchtige Frau dieser Wunsch muß sich zunehmend auf den engsten Fami- lienkreis beschränken, und läßt sich, wie allgemein bekannt, selbst da kaum noch realisieren. Dem Zugriff äußerer Ge- walt scheinbar entzogen ist einzig der eigene Körper, dessen Gestaltung zumindest die Illusion von Macht und Selbstbe- stimmung erlaubt. Die Vorstellung, wenigstens auf diesem begrenzten Gebiet noch Herr im eigenen Haus,,seines Kör- pers Schmied' zu sein, betrifft nicht nur das äußere Erschei- nungsbild, sondern auch die Gesundheit, und dies ist das Ja- nusgesicht der tatsächlichen oder erträumten Freiheit, über den eigenen Körper zu verfügen: Wenn jeder Mensch

173

„Eine kulturelle Fi- xierung auf weibli- ches Dünnsein ist keine Obsession mit weiblicher Schön- heit, sondern eine Obsession mit -weib- lichem Gehorsam."

Noami Wolf

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für den Zustand seines Köφers ohne Ausnahme selbst ver- antwortlich ist - so zentrale These der meisten neueren Kör- pertherapien - , wird jede Krankheit, jedes Nicht-Funktio- nieren nahezu zwangsläufig zur persönlichen Schuld. Damit liefern diese Körpertherapien eine überaus effektive Art von Zurichtung, denn sie geben sich subversiv, befördern in Wahrheit aber das gesellschaftlich Erwünschte, ja Erforder- liche: die zunehmende Privatisierung von Problemen. Wer krank ist, lautet die Botschaft, hat seinen Körper unsachge- mäß benutzt, hat eine kranke Seele, ist willensschwach. Hier bestätigt sich die These des französischen Philosophen Mi- chel Foucault, daß wir alle in dem Glauben, etwas Revolu- tionäres und Freies zu tun, schon längst wieder im Sinne des Systems handeln.

Das Netz der Zurichtung wird immer enger, und die Pflicht, den eigenen Körper zur Präsentationsfläche und zum Ort von Inszenierungen zu machen, betrifft schon lange nicht mehr nur Hollywood-Stars, Fotomodelle und die Gattinnen reicher Industrieller. Mit schlechtem Gewis- sen und Schlimmerem wird bestraft, wer seinen schlaffen Körper nicht stählt, wer nicht mindestens sonntags eine Rad- tour macht, wer am Strand seine Mitmenschen mit dem An- blick seines wabernden Fleisches belästigt. Wer seinen Kör- per nicht zur Ordnung ruft, ihn eigene Wege gehen läßt.

Wie weit die Möghchkeiten des Neuentwurfes gehen, für die keine Genmanipulation erforderlich ist, läßt sich exem- plarisch an dem amerikanischen Sänger und Tänzer Michael Jackson zeigen, einem extremen Beispiel für den Wahn gren- zenloser Machbarkeit und diese Art von Selbstdarstellung:

Der Schwarze Jackson war in den sechziger Jahren ein gefei- erter Kinderstar, der sein Aussehen an der Schwelle zum Er-

174

PERFEKT IST NICH T GENUG

wachsenwerden völlig neu entwarf: Was an seinem Gesicht tatsächlich chirurgisch verändert wurde, ist ein Geheimnis, über das nur er und sein Chirurg Auskunft geben könnten, Jackson selbst räumt lediglich zwei Nasenoperationen und ein neues Grübchen am Kinn ein. Gemunkelt wird von sechs Nasenoperationen, einer Aufpolsterung der Wangen- partie durch Silikon, einer Vergrößerung der Augen und einer Verkleinerung der Unterlippe, einer Anhebung des Haaransatzes und einer auffallenden Bleichung seiner Haut. Kaum noch erwähnenswert ist, was inzwischen auch bei uns jede bessere Kosmetikerin beherrscht, ein sogenanntes „per- manentes Make-Up" nämhch: dabei werden Lidstrich, Wan- genröte und Lippenkonturen »permanent' aufgetragen. Durch Tätowieren.

Eine solche dramatische Veränderung durch zahlreiche Schönheitsoperationen, über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren vor den Augen einer weltweiten ÖffentHchkeit voll-

„Fm looking at the

zogen, ließ Jackson nun keineswegs zum Gespött werden, man m the mirror. Er ist heute der mit Abstand bestverdienendste Showstar ^ ^ askmg him to

der Welt. Unbestritten ist, daß er ein hervorragender Sän- ger, Tänzer und auch Geschäftsmann in eigener Sache ist. All dies aber erklärt seinen weltweiten Erfolg nur ungenü- gend.

Möglicherweise ist eine wesentliche Komponente seines Erfolges, daß er eine - im Wortsinn - VerKÖRPER UNG des american dreams ist: Man kann alles werden, wenn man es nur wirklich will. Man kann gleich werden. Man kann die gravierenden sozialen Benachteilungen überwinden, die es bedeutet, in den Vereinigten Staaten als Schwarzer geboren zu werden, wenn man nur gewillt ist, den Preis zu zahlen. Auch wenn der Preis ist, sein Gesicht zu verlieren.

change

his

ways.'

Michael

Jackson

158 174

EBBA D. DROLSHAGEN

Diese Gesicht des Michael Jacksons entzieht sich inzwi- schen allen Beschreibungsversuchen. Am häufigsten liest man, es habe weder Geschlecht noch Rasse noch Alter - was in gewisser Weise stimmt, denn solchen Kategorien läßt es sich tatsächlich nicht mehr eindeutig zuordnen. Doch diese Aussage ist banal, denn sie benennt nicht, was wirklich ge- schehen ist, sie verharmlost und vertuscht das Erschrek- kende: Jacksons persönliche Geschichte, die sich an Körper und Gesicht manifestiert, wurde völlig ausgelöscht. Jackson ist nicht mehr schwarz, sein Alter ist nicht näher bestimm- bar, und er hat überdies aus seinem Gesicht alle männlichen Züge getilgt, ohne deswegen zur Frau geworden zu sein. Merkwürdigerweise ist er wirklich einzigartig auf der Welt - und dabei doch so universell, daß er in allen Ländern der Erde zum Star werden konnte. Er ist ein Idol, ein Ideal, das Menschen unabhängig von Kulturen, Alter und Schichten erreicht. Ist er ein Beispiel für John Bergers Satz: „Ein Star ist eine Figur, die vom Publikum als Archetyp akzeptiert

wird." 15)

Jackson legt sich immer und immer wieder auf den Opera- tionstisch, weil er meint, noch immer einen entscheidenden Schritt von der Perfektion entfernt zu sein. Der Kampf um

diese Perfektion, ja selbst das Bewahren des einmal erreich-

ten Status Qu o ist nur über unermüdliche Arbeit am

Leib möglich, denn jedes Nachlassen im Bemühen bedeutet, wie gesagt, hinter das einmal Erreichte zurückzufallen. Das Streben nach Makellosigkeit erfordert eine ständige Beschäf- tigung mit sich selbst. Jackson wird auch als ,androgyner Narziß' bezeichnet, denn dieses Um-sich-kreisen ist die Lieblingsbeschäftigung des sogenannten ,neuen Narziß', der im Gegensatz zum ,alten Narziß' nicht in sich verliebt

eigenen

158 176

PERFEKT

IST NICH T GENUG

ist, sondern der an sich selbst immer nur die Mängel sieht und im Gegenüber suchtartig nach dem eigenen Bild, nach Bestätigung und Anerkennung sucht. Im nächsten Schritt

dann wird der Andere überhaupt nur noch als Spiegel wahr- „Ohne Mangel gibt genommen, und in einem letzten Schritt darf es für den Nar- ^^ Begehren. " ziß keine n „Anderen " meh r geben . Richard Sennet t führ t i-, Braun dazu aus:

Die Auslöschung der Grenze zwischen dem Seihst und dem Anderen bedeutet, daß dem Selbst nie etwas Neues, „Anderes" begegnen kann. Dieses wird verschlungen und so lange umgeformt, bis sich das Selbst darin wiedererkennt -

damit aber wird das oder der Andere

bedeutungslos J^^

Wenn der Andere verschlungen, umgeformt, bedeutungs- los wird, dann verschwindet er in seiner Individualität und Einmaligkeit. Wer ist der oder das Andere, wozu wird dieses Andere umgeformt?

Es bedarf sicherlich keiner Erläuterung, wenn hier als ge- geben angenommen wird, daß der geforderte Menschentyp der Industriegesellschaft der diszipHnierte, selbstbe- herrschte Mann ist, dem es nicht um Lust oder Vergnügen geht, sondern um Kontrolle und Naturbeherrschung. Zu dieser Natur gehören, wie inzwischen weithin bekannt, zu- nächst seine eigenen Triebe, die als niedere Natu r und als Wi- dersacher des Geistes empfunden werden. Beherrscht wer- den muß auch die als Natur im Gegensatz zum Mensch be- griffene Umwelt, sowie die nicht-abendländischen Kulturen als Verkörperung des Wilden un d Ungezähmten. Besonders deutlich ist der Versuch der Naturbeherrschung am prototy- pisch Anderen: der Frau. Das Patriarchat deklariert sie erst zum Naturwesen, um sie dann als Bedrohliches zu unter- drücken und zu domestizieren.

„Es besteht ein sozia-

les Verdikt

der Effe -

minierung des Man- nes, wahrend umge- kehrt die Vermännli- chung der Frau na- hezu überhaupt nicht sanktioniert ist. "

Roland Barthes

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Was überzogen, ja unhaltbar klingen mag, wird beim kriti- schen BUck auf die Frauenköφer plausibler, mit denen die Werbung heute arbeitet: der klassische weibliche Körper ver- schwindet, die Differenz zum Männerkörper, früher unab- dingbares Merkmal weiblicher Attraktivität, wird immer ge- ringer. Mehr noch: diese Vermännlichung des weiblichen Körpers ist zugleich seine Verkindlich un g. Im Gegensatz zum männlichen Körper, der sich vom Jungen zum Mann sowie im weiteren Verlauf des Lebens nur geringfügig, näm- lich linear durch den Alterungsprozeß verändert, unter- scheiden sich der Mädchen- und der Frauenkörper deutlich voneinander. Und der FΓauenköφeΓ verändert sich nicht nur linear durch das Altern, sondern innerhalb kurzer Zeitzyk- len durch Hormonschwankungen und Schwangerschaften. Dennoch soll der Frauenkörper heute ebenso gleich und kontinuierlich bleiben wie der Männerkörper. Gleichbe- rechtigung gibt es nur um den Preis, ,Frauenbeschwerden' und ,zickige Launen' abzulegen. Daher müssen Frauen, die in dieser Gesellschaft und in dieser Berufswelt ihren Mann stehen wollen, die Zyklizität ihres Körpers, seine Verände- rungen durch Geschlechtsreifung, Monatszyklus, das Tra- gen von Kindern, durch das Altern verleugnen und unter- drücken. Die geforderte Disziplin schlägt um in Selbstver- nichtung, denn der Frauenkörper wird tabuisiert, und mit ihm weibliche Körperreahtät. Seine Andersartigkeit bleibt höchstens in dem geduldet, was als sexuelle Signale gilt: in einem hohen Busen, der nicht durch das Stillen von Säuglin- gen gezeichnet ist, in einem straffen Körper ohne Ge- brauchsspuren. Ich würde noch weiter gehen und behaup- ten, daß der durch diese Zurichtung entstandene knäbliche Körper die Brüste nur noch braucht, um allzu offensichtli-

158 178

PERFEKT IST NICH T GENUG

che Verweise auf das homo-erotische Begehren des Mannes zu vertuschen. Selbstvernichtung auch in dem Bemühen des schwarzen Sängers, der sich so lange bleichen und operieren läßt, bis alle negroiden und männlichen Gesichtszüge ver- schwunden sind - bis ihnen jede Erinnerung an die sexuelle Bedrohlichkeit des schwarzen Mannes genommen sind, bis er nicht mehr ,der Andere' ist. Die Forderung, den eigenen Körper objektiv zu betrach- ten, bedeutet also, ihn nicht nur abstrahiert von der ganz persönlichen Biographie zu sehen, sondern auch von der Ge- schichte der eigenen Rasse, der eigenen sozialen Schicht und des eigenen Geschlechtes. Es heißt nichts anderes, als ihn mit den Augen dessen zu sehen, der ihn vernichten will, weil dieser Körper anders ist. Und mit dieser Vernichtung von Körpergeschichte sterben auch die Kulturen und Lebensfor- men dieser Körper, es stirbt ihre Lebendigkeit - was bleibt ist Disney-World, ist der protestantische Einheitskörper, des- sen Herstellung genau jene Art von Disziplin, Versagung und auch Selbsthaß verlangt, die für die Arbeitsprozesse einer Gesellschaft erforderlich sind, in der immer mehr Menschen in der von ihnen geleisteten Arbeit austauschbar werden. Ideologie wird auf den Leib geschrieben. Es geht nicht um ein objektives Ideal von Schönheit, es geht um Verhaltens- normen und soziale Kontrolle. Die Schuldigen sind - man ahnte es bereits - der Kapitalismus und das Patriarchat.

Nein. So einfach ist es leider nicht. Denn die Zurichtung der Körper ist ein so komplexes und verbreitetes Phänomen, daß Verweise auf Unterdrückung, Beherrschung, Domesti- zierung durch die Macht und die Mächtigen allein nicht aus- reichen, um es zu erklären. Michel Foucault warnt vor wohl- feilen Feindbildern:

„1 don't intend to

grow old gracefully.

I intend to fight it every step of the way. "

Amerikanische Fern-

Oil

sehwerbung

für

ofOlaz

EBBA D. DROLSHAGEN

Wenn die Macht nur Unterdrückungsfunktionen wahr- nähme, wenn sie nicht nach dem Modus der Zensur, des Aus- schließens, des Absperrens, des Zurückdrängens in der Art eines großen Uber-Ichs arbeitete, wenn sie nur auf negative Art ausgeübt würde, wäre sie sehr zerbrechlich. Wenn sie stark ist, dann deshalb, weil sie auf der Ebene des Begehrens positive Wirkungen produziert.^^^

Was meint Foucault damit? Es bedeutet, daß der Andere dazu gebracht werden muß, zu wollen, was er wollen soll - seinen bedrohlichen Eigensinn aufgeben, sich zum Spiegel- bild des Herrschenden machen, ohne daß dieses Gewalt an- wenden müßte. Die Frau, der Farbige, alle Nicht-Priviligier-

ten können und sollen versuchen, ,gleich' zu werden. Das wichtigste daran aber ist, daß dies nur deswegen so reibungs- los funktionieren kann, weil der Versuch der Anpassung nicht als Zwang erlebt wird, der von außen auferlegt ist. Die

Vereinnahmung präsentiert sich nicht mehr in Form von re- pressiver Kontrolle, sondern als stimulierende Kontrolle:

. aber sei schlank, schön, gebräunt!".'^)

Der Zwang wandelt sich in Begehren, die Anpassung ge- schieht als Prozeß zunehmender Selbstkontrolle und aus freien Stücken.

Was könnte den Einzelnen zu einer Selbstaufgabe zu so hohen Kosten bewegen? Ist es denkbar, daß Body-Styling - von der biederen Gymnastik bis zur riskanten chirurgischen Aussehenskorrektur - ein-unbewußtes? ungewolltes? resi- gniertes? - Akzeptieren des Umstandes ist, daß in unserer Zeit das Individuum in nahezu allen Lebensbereichen aus- tauschbar ist ? Verkörpert Michael Jackson mit seinem neuen Gesicht, das einer festgewachsenen Maske gleichkommt, eine völlig neue Variante des Narziß, der sich sowohl mit der

„Entkleide Dich

158

PERFEKT IST NICH T GENUG

Einsamkeit als auch mit dem Verlust der eigenen Identität abgefunden hat? In einer Gesellschaft, die von jedem und je- der ein immenses Maß an Flexibilität und Mobilität verlangt, werden Identität und Geschichte - ob persönhche oder ge- sellschaftliche - immer mehr zur Bürde. Wenn man sich in dieser schnellebigen Welt behaupten will, zählen weder Ge- stern noch Morgen, sondern nur das Heute. Es kommt nur darauf an, wie rasch, problemlos und unauffälhg man sich in jede beliebige Situation und jede neue Umgebung einzufü- gen vermag. Austauschbarkeit ist inzwischen ein Wettbe- werbsvorteil. Könnte Michael Jackson - und mit ihm alle anderen, die sich auf dem Weg über ihren Körper neu ent- werfen - es als Erleichterung empfinden, sich nicht mehr von anderen unterscheiden zu müssen?

Über die Tendenz kann es keinen Zweifel geben: Die Menschen der westlichen Welt versuchen, einander immer ähnlicher, ja gleich zu werden, in Asien, Afrika und den ara- bischen Ländern eifern zumindest die Reichen diesem Schönheitsideal nach und legen sich durch Schönheitsopera- tionen rundere Augen, kleinere Nasen, schmalere Lippen - kurz gesagt: ein mitteleuropäisches Aussehen zu. Wer an- zweifelt, daß diese Europäisierung des Aussehens inzwi- schen ein weltumspannendes Schönheitsideal geworden ist, dem sei empfohlen, sich die Frauenzeitschrift ,Cosmopo- litan' anzusehen, die in achtzehn verschiedensprachigen Ausgaben ein, mit geringfügigen geographischen und kultu- rellen Abweichungen, identisches Bild des idealen Lebens- stils und Aussehens propagiert.

Der Prozeß der Konfektionierung des Menschen durch den Menschen ist noch nicht beendet, er wird vermutlich an Härte zunehmen. Doch man darf nicht vergessen, daß es ein

181

EBBA D. DROLSHAGEN

Prozeß ist, in dem es nicht nur lineare Entwicklungen gibt. Man darf nicht vergessen, daß es auch den Technikern des zwanzigsten Jahrhunderts noch nicht gelungen ist, den Menschen in einen reibungslos funktionierenden Automa- ten zu verwandeln.

Die Machbarkeit des Körpers fördert den Glauben an das eigene Schöpferpotential. Das kann in anmaßende Omnipo- tenzphantasien umschlagen. So nannte Ferdinand Lasalle den erfolgreichen Vernichtungsfeldzug, mit dem er den Trotz seines Körpers gebrochen hat, ein „Kriegsmanifest ge- gen die Welt", und folgerte aus seiner Selbstunterwerfung ein

„ Vernichtungsrecht

gegen das Sodom

und Gomorra

der

gott-

und substanzlosen

Welt. "

Doch die Machbarkeit von Körpern kann auch auf andere Weise als Schöpfermacht erfahren werden - in einer Gesell- schaft, in der bestimmte Stufen der gesellschaftlichen Hier- archie bestimmten Körpern vorbehalten bleiben, und in der sich Herrschaft immer am Körper des Einzelnen abzeichnet, kann ein kurzer Moment der Freiheit darin liegen, alte Zu- schreibungen und Grenzen abzulegen. Und außerdem kann man sich hinter einer Maske zumindest für kurze Zeit ver- stecken und so manches erlauben, was ohne Maske unmög- lich wäre.

Eine Frau, die ihr Korsett aufschnürt, kann durchatmen, eine Frau, die Bodybuilding gemacht hat, hat eine bessere Chance, einem Angreifer zu entkommen. Und die ein- bis zweitausend japanischen Geschäftsleute, die sich jährlich von einem Schönheitschirurgen eine europäische Lidfalte und damit rundere Augen machen lassen, haben erwiesener- maßen bei Verhandlungen mit Amerikanern und Europäern viel bessere Chancen als ihre schlitzäugigen Kollegen.

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PERFEKT IST NICH T GENUG

Solche Zurichtungen des eigenen Körpers münden keines- falls in einer Demokratisierung der Gesellschaft, und sie sind auch nicht der Beweis dafür, daß das System den Men- schen Freiheit läßt oder gar gewährt - solche Behauptungen sind pure Ideologie. Als Mann lange Haare haben, als Frau keinen Büstenhalter tragen, mit Jeans in die Oper gehen - vor nur wenigen Jahren empfand das Establishment dies als echte Herausforderung. In diesen Beispielen liegt nicht mehr - aber auch nicht weniger - als ein kurzes Aufblitzen von Selbstbestimmung. Und diese Provokationen werden nicht weniger real dadurch, daß unmittelbar danach Jeans und lange Haare für alle zur Mode wurden, und daß sich heute immer mehr Frauen die Brust chirurgisch straffen las- sen, weil das Tragen eines Büstenhalters inzwischen als alt- jüngferlich gilt.

Diese alltäglichen Beispiele beweisen, daß Bewegung möglich ist - auch wenn eine Veränderung immer im Rah- men des Bestehenden geschieht, dessen Grenzen nicht auf Dauer gesprengt werden können. Uber den Frauen- typus der garçonne, dem schlanken busenlosen Mädchen mit Bubikopf und Herrenkostüm der zwanziger Jahren, schreibt Christine Woesler-de Panafieu, er sei nicht zuletzt das Abbild weiblicher Aufbruchphantasien gewesen, aus der Art zu schlagen, männliche Überlegenheit zu erlangen. Doch

„nur in den kurzen Momenten des Aufbruchs nähert sie sich ihrer Natur und ihrer Sexualität an, gebrochen durch den Wunsch, wie ein Mann sein zu wollen. Die gesellschaftli- chen Verformungen trennen die Frauen von ihrem Körper. Wird Schönheit zur Pflicht, so verwandelt sich die Lust an Verkleidung, am Spiel, am Ausprobieren der Differenz zwi-

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„Ein neuer

innerer

BH"

Titel eines

Artikels

über

Brustoperatio-

nen.

Harper's Bazaar

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sehen

EmstJ^i

Doch dieser eine Moment von Selbstbestimmung und Pluralismus kann und muß immer wieder erkämpft und er- lebt werden, denn dieser Moment ist es, der den Glauben daran rechtfertigt, daß Freiheit möglich ist. Die Hegt auch in der banal anmutenden Renitenz, mit der noch immer viele die Gestaltung ihres Körpers verweigern, und - wenn auch ohne rechte Begeisterung - Heber dunkelblaue Bundfalten- hosen statt pinkfarbener Shorts tragen, weil sie - wenn auch mit schlechtem Gewissen - Heber ins Café als ins Fitneß-Stu- dio gehen. Und es ist auch renitent, das in Aussicht gestellte Ergebnis einer „Diät für Körper und Psyche" eher als Dro- hung denn als Verheißung zu empfinden:

bitteren

Außendarstellung

und

innerer

Haltung

in

Sie haben sich selbst gegenüber echte Willensstärke bewie- sen und werden wissen, wie man sich fühlt, wenn man auf all jene Dinge verzichtet, die einen dick, teigig, faltig und krank machen. Ihren weiteren Lebensstil haben Sie dann selbst in

derHand.20)

Dieses Zitat bringt die Ideologie der neuen Körperlichkeit auf den Punkt: Wer dick, teigig, faltig und krank ist - sprich unattraktiv und wertlos —, ist selbst schuld, weil er keine Wil- lensstärke aufbringt. Aber das Maß an Minderwertigkeitge- fühlen, an real erHttenem körperlichem Leid, das Menschen durchleben, um dem unmöglichen Schönheitsideal ewiger Jugend und Leistungsfähigkeit zu entsprechen, ist weder normal noch ist es banal, es ist weder persönliche Entschei- dung noch persönliches Schicksal. Doch wer drängt auf die zunehmende Konfektionierung von Körpern? Wer über- .wacht sie? Die Antwort fällt schwer: Ganz offenbar ist all dies ebensowenig Schicksal und Schuld des Einzelnen und

158

PERFEKT IST NICH T GENUG

völlig getrennt von gesellschaftlichen Normen und Anforde- rungen, wie es ein vom Herrschenden ausgeübtes, totahtäres Zwangssystem ist, in dem der Einzelne nur reagieren und überhaupt nicht mehr aktiv agieren kann. Michel Foucault hat die Frage, wer die Aktion der Agenten der KörperpoHtik koordiniere, wie folgt beantwortet:

Das ist ein sehr komplexes Ganzes, hei dem man schließ- lich gezwungen ist, sich zu fragen, wie es in der Distribution, in seinen Mechanismen, seinen wechselseitigen Kontrollen, seinen Anpassungsleistungen so subtil sein kann, wo es doch niemand gibt, der das Ganze gedacht hat.^'>

Das wahre Geheimnis der Welt, sagt Oscar Wilde, ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare.

185

„Jegliche Ethik muß mit dem Abscheu vor dem Abscheulichen anfangen. " Erwin Chargaff:

Abscheu vor der Weltgeschichte

Matthias

RUb

Der kategorische Relativ

Selbstsorge und Lebenskunst beim späten Michel Foucault

„Die meisten von uns glauben nicht länger, daß Ethik in Re- ligion begründet sei, aber wir wollen auch nicht, daß ein Rechtssystem in unser moralisches, persönliches, privates Leben eingreift. Neuere Befreiungsbewegungen leiden an der Tatsache, daß sie keine Grundlage finden können, auf der sie die Ausarbeitung einer neuen Ethik gründen kön- nen." So Michel Foucault im April 1983 in einem Gespräch in Berkeley mit dem Philosophen Hubert L. Dreyfus und dem Anthropologen Paul Rabinow'). Die vor nunmehr zehn Jahren gestellte Diagnose hat an Aktualität nichts eingebüßt, sie ist im Gegenteil, wenn man so sagen darf, noch richtiger geworden. Sowohl für den Einzelnen, der sein Leben nach ethischen Gesichtspunkten gut einrichten will, wie für Kol- lektive, die das Leben einer begrenzten Gemeinschaft oder gleich der ganzen Menschheit bestimmten politischen Vor- stellungen gemäß verbessern wollen, sind die Dinge unüber- sichtlicher geworden. Von der „Neuen Unübersichtlich- keit", von der Jürgen Habermas schon 1985 sprach, ist das Neue zwar verschwunden, das Unübersichtliche jedoch ge- blieben.

Zumal die Bredouille der „neueren Befreiungsbewegun- gen": das Fehlen einer theoretischen Grundlage zur Aus- arbeitung einer neuen Ethik und Politik, ist nach dem Zu- sammenbruch des real existierenden Sozialismus noch

186

DER KATEGORISCHE RELATIV

dramatischer geworden. Der einst vom Sozialismus ausge- rufene Wettlauf mit dem Kapitalismus ist so gründlich wie nur irgend denkbar verlorengegangen: weder die gro- ßen Menschheitsprobleme - Umweltzerstörung, Ressour- cenverknappung, Ausbeutung unterentwickelter Länder - konnten die ehemaligen Volksrepubliken einer Lösung näher bringen, noch auch die vergleichsweise kleinen Auf- gaben - Verwirklichung der bürgerhchen Freiheitsrechte, allgemeine und gleichmäßige Steigerung des Lebensstan- dards - wenigstens im Ansatz bewältigen. Wohin man schaut, der Kapitalismus hat offenkundig die besseren Antworten parat - obschon durchaus zweifelhaft bleibt, ob es die wirklich guten sind. Die theoretische Grundlage so vieler Befreiungsbewegungen gegen Ausbeutung und Ka- pitalismus, nämlich die geschichtsphilosophische These, daß der Kapitalismus aus seiner eigenen Dynamik seinen Untergang und damit den Fortschritt zum Sozialismus vor- antreibe, ist zerbrochen und hinterläßt eine schmerzliche Lücke.

„Das Gesetz der Weltgeschichte ist nichts anderes als der Staatsgrundsatz des ,Fortwu rstelns ' im al- ten Kakanien." Robert Musil: Der Mann ohne Eigen- schaften

Was viele ohnedies schon wußten, jetzt wird es auch für die offenbar, die dies aus Glaubensgründen oder aus zyni- schem Machtkalkül und wider besseres Wissen nicht wahr- haben wollten: Für den realen, den reifen und entwickelten Sozialismus galt ganz besonders jener „kategorische Impera- tiv", mit dem der junge Marx 1844 dem jungen Kapitalismus schon die Totenglocken läuten wollte: die Aufforderung nämlich „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. "^) Doc h überhaup t scheinen Ver- hältnisse, für die jener Imperativ nicht mehr gilt, auf dieser Welt noch keine Heimstatt gefunden zu haben.

187

„Sex is boring

MATTHIAS RÜB

Kurzum: Es fehlt vielerorts nicht an dem eher diffusen Gefühl, das Leben sei irgendwie falsch - im besonderen wie im allgemeinen. Was dagegen fehlt, ist Orientierung - im großen wie im kleinen. „Es liegt so viel Nebel heute, über-

today. 2Ά", beklagt selbst Jürgen Habermas'^, der sonst ein großes

Michd Fomault m

emem

Gespräch

mit

Schneisen der Analyse in

ji·,

.

,

,

τι

den Wald unserer un-

·

der Zeitschrift „City durchsichtigen Zeit zu schlagen. In dieser „geistigen Situa-

zu „Ästhetik der Existenz", zu einer „Lebenskunst" zu be- trachten. Als Foucault am 25. Juni 1984, kur z nach Erscheinen der Bände 2 und 3 von „Sexualität und Wahrheit", im Alter von 57 Jahren stirbt, verlautet offiziell als Todesursache „Blutver- giftung". Doch es ist ein offenes Geheimnis, daß Foucault an Aids starb. O b es eher der Wunsch von Foucaults Angehöri- gen oder sein eigener war, die Krankheit zu verheimlichen, wird kaum je zu beantworten sein. Jean-Paul Aron jeden- falls, im August 1988 ebenfalls an Aids gestorben, greift in einem Gespräch mit der Zeitschrift Le Nouvel Observateur im Oktober 1987 Foucault post mortem scharf an: „Auch er war homosexuell, schämte sich dessen, lebte es aber dennoch manchmal auf unvernünftige Weise aus. Sein Schweigen an- gesichts der Krankheit hat mich aufgebracht, weil es einem Schamgefühl entsprang, es war nicht das Schweigen eines In- tellektuellen." In der Tat ist Foucaults Verhalten fragwürdig, und Aron stellt mit Recht an einen Autor, der sich stets den herrschenden Kanons zu widersetzen trachtete, diese Forde- rung nach intellektueller Redlichkeit und Aufrichtigkeit. Noch aus anderem Grund ist der Hinweis auf Foucaults Krankheit und Sterben von Bedeutung. „Jedesmal, wenn ich versucht habe, eine theoretische Arbeit zu unternehmen",

einer

Zeit" sind Michel Foucaults Gedanken

Paper" im Jahre 1984

188

DER KATEGORISCHE RELATIV

sagt Foucault in einem Gespräch mit seinem späteren Bio- graphen Didier Eribon (erschienen in der Tageszeitung Libération am 30. Mai 1981), „ist das ausgehend von Elemen- ten meiner eigenen Erfahrung geschehen". Und in einem an- deren Interview aus dem Jahr 1981 (das erst nach Foucaults Tod in der Revue Nouvelle vom Oktober 1984 veröffentHcht wurde) heißt es: „Meine Bücher waren immer meine per- sönlichen Probleme gewesen mit dem Wahnsinn, dem Ge- fängnis, der Sexuahtät." Diese Verankerung der wissen- schaftlichen Arbeit in persönHcher Erfahrung ist für die Interpretation von Foucaults Konzept der Lebenskunst ein wichtiger Gesichtspunkt, und sie erklärt überdies die hoch- gradig diskontinuierliche Entwicklung von Foucaults Den-

ken: Sowenig ein Leben ohne Brüche verläuft, sowenig kann sie ist eigentlich nur

„Identität ist nutzlos,

ein Werk ohne Kehrtwendungen und Schwerpunktverlage- Traumi

rungen entstehen.

Daß Foucault, der heute weltweit wohl am meisten rezi- pierte und diskutierte Philosoph der französischen Geistes- geschichte seit Sartre, in seinem Leben wie in seinem Werk

häufig den Standort wechselte, ist auch in der Literatur über ihn immer wieder bemerkt worden. „Ein Mann unter-

wegs

chof*) seinen „Freund im Geiste" Michel Foucault, mit dem er ein einziges Mal nur - während der Ereignisse des Mai '68 - ein paar Worte wechselte. Und seine Studienfreunde an der

École Normale Supérieur in den fünfziger Jahren pflegten ihn „le Fuchs" zu nennen - ein Beiname, den Foucault zeitle- bens behalten sollte.

In der Tat: „le Fuchs" war viel unterwegs, streifte unabläs- sig umher. In den zahllosen Interviews Foucaults gibt es viele Äußerungen Foucaults der Art: „was ich seit je ver-

Baudrillard:

Cool memories

" - so beschreibt der Schriftsteller Maurice Blan-

189

„Man

ist nur

frucht-

an

bar um den Preis,

Gegensätzen

reich

zu

sein. "

Friedrich

Nietzsche:

Götzen-Dämme-

rung

„Je herrischer, despo- tischer, willkürlicher Foucault wurde, um so größer wurde seine Autorität in Intellek- tuellenkreisen."

Jean

Baudrillard:

Cool

memories

MATTHIAS RÜB

, „mein Problem ist immer schon gewe-

und so fort. Sie widersprechen sich nicht selten.

Foucault hat seine vorausgegangenen Bücher stets kritisiert und korrigiert, neue Denkansätze probiert und mit seinen alten zu verbinden gesucht. So auch in seiner Reihe von Ab- handlungen mit dem Titel „Sexualität und Wahrheit", deren erster Band („Der Wille zum Wissen") 1976 erschien; die Folgebände 2 und 3 („Der Gebrauch der Lüste" und „Die Sorge um sich") kamen erst acht Jahre später heraus, kurz vor Foucaults Tod im Juni 1984. De n ursprünglichen Publi- kationsplan - im Eröffnungsband hatte Foucault noch fünf weitere verheißen - warf er über den Haufen: „le Fuchs" hatte eine neue Fährte, seine letzte.

Foucault stellte sich in „Sexualität und Wahrheit" 2 und 3 die Frage, wie in der klassischen Antike und im Hellenismus Sexualität erfahren und problematisiert wird, und welche spezifische Form von Subjektivität dieser Erfahrung und Problematisierung entspricht. Es soll zunächst kurz erläu- tert werden, welchen Stellenwert diese beiden Bände in Fou- caults Werk haben (I), sodann Foucaults veränderter Begriff von Subjektivität sowie sein Konzept der „Lebenskunst" erörtert werden (II). Schließlich wird der Versuch einer Ein- schätzung der letzten Wendung Foucaults unternommen (III).

sucht

sen

habe

"

/'

I.

In der Einleitung zum „Gebrauch der Lüste" legt Foucault Rechenschaft darüber ab, warum die Bände 2 und 3 von „Se- xualität und Wahrheit" „später als vorgesehen und in einer ganz anderen Form" erschienen sind (SuW 2, 9).^) Foucauh

188 190

DER KATEGORISCHE RELATIV

unterscheidet rückblickend drei Phasen in seinem Werk. Zu- nächst nahm er das „Studium der Wahrheitsspiele in ihrem Verhältnis zueinander" auf. In diese Phase gehören die Un- tersuchungen sozialer und ärztlicher Praktiken, „die ein bestimmtes ,Normalisierungsprofil' definieren" („Psycho- logie und Geisteskrankheit", 1962 und „Die Geburt der Kli- nik", 1963) sowie die Arbeiten über die „klassisch" wissen- schaftliche „Problematisierung des Lebens, der Sprache und der Arbeit in Diskurspraktiken, die bestimmten ,epistemi- schen' Regeln gehorchen" („Die Ordnung der Dinge", 1966, „Archäologie des Wissens", 1969 und „Die Ordnung des Diskurses", 1971). Sodann folgte das „Studium der Wahr- heitsmechanismen im Verhältnis zu den Machtbeziehun- gen". Dieser Verflechtung ging Foucault nach zum einen in seinem Werk zur „Problematisierung des Verbrechens und des kriminellen Verhaltens ausgehend von gewissen Straf- praktiken, die einem ,disziplinären' Modell folgen" („Über- wachen und Strafen", 1975) (SuW 2, 19); zum anderen im ersten Band von „Sexualität und Wahrheit", der der Darstel- lung des „Dispositivs der Sexualität" als „besonders dichtem Durchgangspunkt fü r Machtbeziehungen" (SuW 1, 125) und als entscheidendem „Einsatz im Wahrheitsspiel" (SuW 1, 73) gewidmet ist („Der Wille zu m Wissen", 1976). Schließ- lich jedoch, schreibt Foucault, „schien sich mir eine andere Arbeit aufzudrängen: das Studium der Wahrheitsspiele im Verhältnis seiner selbst zu sich (dans le rapport de soi à soi) und der Konstitution seiner selbst als Subjekt" (SuW 2, 13). Nach der zweiten Phase, der Entfaltung der Analytik der Macht, „schien es nötig, eine dritte Verschiebung vorzuneh- men, um das zu analysieren, was als ,das Subjekt' bezeichnet wird; es sollte untersucht werden, welches die Formen und

„Nein, nein, ich bin nicht da, wo ihr mich vermutet, sondern ich stehe hier, von wo aus ich euch lachend ansehe. "

Von

der

Michel Foucault:

Freundschaft

„Das Konzept des Subjekts hat sich als ein höchst problema- tisches herausgestellt. Ich halte es daher für hesser, den Gebrauch der Subjektkategone zu vermeiden. " Niklas Luhmann:

Archimedes und wir

MATTHIAS RÜB

die Modalitäten des Verhältnisses zu sich sind, durch die sich das Individuum als Subjekt konstituiert und erkennt." (SuW

2,

12)

Foucaults Anliegen mit seiner Untersuchungsreihe „Se- xualität und Wahrheit" war eine „Geschichte der Sexualität als Erfahrung - wenn man unter Erfahrung die Korrelation versteht, die in einer Kultur zwischen Wissensbereichen, Normativitätstypen und Subjektivitätsformen besteht"

(SuW 2, 10). Von den „drei Achsen" also, die eine je histo- risch spezifische Erfahrung ermöglichen: „die Formierung des Wissens", „die Machtsysteme" und „die Formen, in de-

. (an)erkennen kön-

nen und müssen" (SuW 2,10), hatte Foucault die dritte lange eher stiefmütterüch behandelt. Galt Foucaults Interesse bis in die späten siebziger Jahre eher der Auflösung dessen, was man als das Subjekt bezeichnet, so richtet sich nun, im „Ge- brauch der Lüste" und in der „Sorge um sich", sein Haupt- augenmerk auf die Konstitutionsbedingungen des Subjekts.

nen sich die Individuen als Subjekte

IL

„Worauf also können wir eine kritische Haltung gründen?", fragen Dreyfus und Rabinow angesichts von Foucaults no- minalistischem Machtbegriff in seiner zweiten Phase.E s ist dies tatsächlich die entscheidende Frage, die sich Foucault auch selbst gestellt haben mag. Das Konzept eines Subjekts, das ganz und gar in die allgegenwärtigen, alles durchdrin- genden Machtbeziehungen eingeschlossen ist, kann keine Antwort bieten. In der nicht eben uneitlen Attitüde des ent- hüllenden Provokateurs ruft er uns im „Willen zum Wissen" zu: „Ein ungeheures Werk, zu dem das Abendland Genera-

188

DER KATEGORISCHE RELATIV

tionen gebeugt hat

das heißt ihre Konstituierung als Untertanen/Subjekte" (SuW 1, 78). Subjekte sind Untertane. Punktum. Und zwar Untertane der produktiven und strategischen Macht, welche die Ge- sellschaft und ihre Glieder durchdringen. Auch und gerade erkennende Subjekte sind bloß Effekte des Macht/Wissen- Komplexes: in das Gefädel von Macht und Wissen verstrik- ken sie sich immer tiefer, indem sie sich ihm zu entwinden suchen. Wenn buchstäblich alles Macht ist, wenn Macht „sich in jedem Augenblick und an jedem Punkt" erzeugt (SuW 1, 114), dann mu ß auch jede Aussage über die Macht die Macht verlängern - selbstverständhch auch die Fou- caults.

die Subjektivierung der Menschen,

:

Dieser totahtäre Machtbegriff Foucaults ist schon oft und zu Recht kritisiert worden. Zum einen ist er nicht differen- ziert genug, um hochkomplexe Gesellschaften zu beschrei- ben, zum anderen verstellt sich Foucault die Möglichkeit, seinen eigenen Standpunkt der kritischen Erkenntnis oder gar des Widerstandes auszuweisen. Zwar sagt Foucault: „Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand" (SuW 1,116) und betont, „daß wir nie ganz in der Falle der Macht (stecken): unter be- stimmten Bedingungen und mit einer präzisen Strategie kann man immer ihren Zugriff abwenden" (DM, 196). Um welche Bedingungen und Strategien es sich dabei handelt, verschweigt er jedoch.

Eine Antwort gibt Foucault erst nach einem langen Um- weg. Wie erwähnt, untersucht Foucault in den Bänden 2 und 3 von „Sexualität und Wahrheit" die Problematisierung des sexuellen Begehrens in der Antike und im Hellenismus. Seine These lautet, daß - anders als etwa die christhche Mo-

193

„Die Wirklichkeit

ist

ohne

Zweifel

eine

Auswirkung

der

Macht."

Michel Foucault in einem Gespräch mit der Zeitung „Ex-

press"

1978

„Die Freundschaft der jungen Leute scheint auf Lust be- gründet zu sein. Denn sie leben in der Leidenschaft und su- chen vor allem, was ihnen im Augenblick angenehm ist. " Aristoteles: Niko- machische Ethik

MATTHIAS RÜB

ral - die antike Ethik keinen kasuistischen Verhaitenscodex kennt, sondern eine „Lebenskunst" entwickelt. Es gibt, die aphrodisia (die Dinge des sexuellen Begehrens) betreffend, keinen Regelkanon, der etwa bestimmte Formen der Sexuali- tät von vorneherein ausschlösse. So ist es zum Beispiel un- sinnig, davon zu sprechen, die Griechen wären der Homose- xualität gegenüber toleranter gewesen als das Christentum. Die Problematisierung der Sexualität kreiste - mit Bunuel zu reden - nicht um das „Objekt der Begierde" - Mann, Frau oder Knabe - , sondern um das „Subjekt der Begierde" - den begehrenden, freien Mann. Nicht wen oder was er be- gehrte, war problematisch (im Sinne von moralisch beden- kenswert), sondern wie er begehrte und wie er dem Begeh- ren nachgab - maßvoll oder zügellos. „Die Reflexion über das Sexualverhalten als Moralbereich hatte bei ihnen (sc. den Griechen, M.R.) nicht allgemeinverbindliche Verbote zu verinnerlichen, zu rechtfertigen oder zu begründen; eher ging es darum für den kleinen Teil der Bevölkerung, der von den männlichen und freien Erwachsenen gebildet wurde, eine Ästhetik der Existenz, die reflektierte Kunst einer als Machtspiel wahrgenommenen Freiheit auszuarbeiten." (SuW2, 317f.)

Ebenso verhält es sich im griechischen und römischen Hellenismus, wenngleich in den ersten Jahrhunderten nach

Christus die sexuelle Sittenstrenge in der Moralreflexion zu- nimmt. Aber „am Ursprung dieser Modifikationen der Se- xualmoral steht nicht die Verschärfung der Verbotsformen, sondern die Entwicklung einer Kunst der Existenz, die um die Frage nach sich (la question du soi) kreist, nach seiner

Abhängigkeit und seiner Unabhängigkeit

zeduren, durch die man Kontrolle über sich ausübt, und

nach den Pro-

188

DER KATEGORISCHE RELATIV

nach der Weise, in der man die volle Souveränität über sich herstellen kann." (SuW 3, 305) Die Praxis dieser in der Antike und im Hellenismus geüb-

ten Lebenskunst ist die Askese. „Askese als Lustverzicht",

sagt Foucault, „erfreut sich keines guten Rufs." Doch ist mit rnachische Ethik Askese bei den Griechen - und, sie beerbend, bei Foucault - nicht Lustverzicht gemeint, sondern „die Arbeit, die man an sich selbst leistet, um sich zu verwandeln oder jenes Seihst er- scheinen zu lassen, das man glücklicherweise nie erreicht." (VdF, 88) Die Askese, wie Foucault sie versteht, ist ein offe- ner Prozeß. Sie ist nicht inhaltlich bestimmt und erfüllt sich nicht, indem man einen genau umrissenen Verhaltenskodex befolgt. Vielmehr ist die Askese nur formal-prozessual defi- niert, als „Einfluß des Selbst auf sich selbst, womit man ver- sucht, sich herauszuarbeiten, sich zu transformieren und zu

einer bestimmten Seinsweise

„Keine Technik, keine berufliche Fähigkeit läßt sich ohne Übung erwerben; auch die Kunst des Lebens, die techne tou biou kann man nicht lernen ohne Askese, die als Übung eines Selbst durch sich selbst angesehen werden muß", heißt es in dem Gespräch von Dreyfus und Rabinow.^)

Diese prämoderne Form von Subjektivierung als asketi- scher Lebenskunst will Foucault für unsere postmoderne Si- tuation fruchtbar machen. Diese Form von Subjektivierung identifiziert er nicht umstandslos mit Unterwerfung. Der Wendepunkt zur Subjektivierung als bloßer Unterwerfung scheint der Sieg des Christentums über die antike Kultur zu sein. In einem der letzten Interviews vor seinem Tod sagt Foucault: „Von der Antike zum Christentum geht man von einer Moral, die wesentlich Suche nach einer persönhchen Ethik war, über zu einer Moral als Gehorsam gegenüber

„Leicht ist es, das Ziel zu verfehlen, schwie- ^^

Zugang zu finden. " (FuS, 10)

195

MATTHIAS

RÜB

einem Regelsystem. Ich hatte mich nun für die Antike aus einer ganzen Reihe von Gründen interessiert: die Idee einer Moral als Gehorsam gegenüber einem Regelkodex ist heute im Verschwinden begriffen und ist schon verschwunden. Und diesem Fehlen von Moral will und muß die Suche nach einer Ästhetik der Existenz antworten." (VdF, 136)

Mit dem Christentum und seinem Regelgehorsam setzt gleichsam eine Verfallsgeschichte der Subjektivierungs- formen ein, an deren Ende Subjekte herauskommen, die Un- tertanen und reine Effekte des Macht-Wissens sind. Das Verschwinden der durchs Abendland fortgeschleppten christlichen Regelmoral ermöglicht und erfordert die Suche nach einer neuen Lebenskunst, deren Vorbild die asketische, reflektierte Ästhetik der Existenz der Antike und des Helle-

„Niemand kann sich zu einem anderen Subjekt machen als zu dem des geschicht- lichen Augenblicks. " Max Horkheimer:

Traditionelle und kri- tische Theorie

nismus sein soll; sie ist das Modell einer nicht ausschließhch unterwerfenden Subjektkonstitution, in der es Nischen der Freiheit gibt. Paul Veyne, Foucaults Mentor in Sachen Alter Geschichte schrieb 1986, daß „die Gegenwartsdiagnostik" des späten Foucault „ungefähr folgende ist: in der modernen Welt scheint es unmöglich geworden zu sein, eine Moral zu begründen. Es gibt keine Natur oder Vernunft mehr, nach der man sich richten könnte, keinen Ursprung mehr, zu wel-

chem eine authentische Beziehung anzustreben wäre (

bleibt, daß das Gemeinsame der Sterblichen darin besteht, Subjekte, gedoppelte Wesen zu sein, die eine Beziehung des Bewußtseins oder der Selbsterkenntnis zu sich selber ha- ben."^) Das Subjekt bleibt gespalten, gedoppelt; stets ist es Reflex von Strukturen, gesellschaftliches Produkt; aber kraft Reflexion auf seine Bedingtheit eben auch mehr.

) Es

196

DER KATEGORISCHE

III.

RELATIV

Foucaults Konzeption von Subjektivität hat eine entschei- dende Wandlung erfahren: Er hält es nun immerhin für mög- lich, daß Subjekte nicht nur Untertanen der Macht sind, son- dern ihr auch Widerstand entgegensetzen können. Wenn wir „nie vöUig in der Falle der Macht" stecken (DM, 196), dann deshalb, weil wir virtuell zu einer reflektierten Lebenskunst, zu einer nicht unterwerfenden/unterwürfigen Subjektivie- rung fähig sind.

Gilles Deleuze hat Foucaults Vision von einer „neuen Form der Subjektivität" wohl am besten beschrieben. Zu-

letzt war „die grundlegende Idee Foucaults

mension der Subjektivität, die sich von der Macht und vom Wissen herleitet, aber nicht von dort abhängig ist."^) Die Tat- sache, daß Foucault das Modell für die neue Form der Sub- jektivität bei den Griechen suchte, schätzt Deleuze wie folgt ein: „Keine Lösung kann aus der einen Epoche in die andere übertragen werden, aber es kann hier Ubergriffe oder Durchdringungen der Problemfelder geben, die bewirken, daß die, Gegebenheiten' eines alten Problems in einem ande- ren reaktiviert werden. (Vielleicht gibt es noch einen Grie- chen in Foucault, ein gewisses Vertrauen in eine ,Problemati- sierung' der Lüste

die einer Di-

„Wir würden uns für unsere Meinungen nicht verbrennen las- sen: wir sind ihrer nicht so sicher. " Friednch Nietzsche:

Menschliches, Allzu-

menschliches II

Wohin also führte Foucaults „letzte Fährte"? Gar nicht aus der Sackgasse heraus? Wohl doch. Wesentlich an Fou- caults Wendung ist seine nunmehr differenziertere Konzep- tion von Subjektivität. Subjektivierung begreift er nicht mehr nur als Unterwerfung, sondern hält auch „Praktiken der Befreiung und der Freiheit" für möglich (VdF, 138). Sub- jekte sind ihm nicht mehr nur Untenanen, sondern poten-

197

„jeder ist sich seihst der Fernste."

Friedrich Nietzsche:

der

Genealogie

Zur

Moral

MATTHIAS RÜB

tiell fähig, aus ihrem Leben ein Kunstwerk zu machen, durch reflektierten Selbsthezug zu einer individuellen Le- bensführung zu finden, die abweicht von den durch „die Macht" gestanzten Mustern. In der Interpretation Deleuze' hört sich Foucaults Plädoyer für „neue Formen der Subjekti- vität" so an: „Der Kampf für die Subjektivität präsentiert sich folgUch als Recht auf Differenz, als Recht auf Variation, zur Metamorphose."'')

Subjekte sind demnach gedoppelte Wesen: zwar folgen sie - mit Foucault zu reden - „kollektiven Kanons", können aber eine individuelle „Lebenskunst" entwerfen. Gerade das Wissen u m Unterworfensein und Bedingtheit ist Bedingung dafür, nicht nur unterworfen zu sein: So könnte ma n Fou- caults Idee einer reflektierten individuellen Lebenskunst auslegen, die kollektiven Kanons zugleich folgt und sie durchbricht. Als ethische Folgerung ließe sich aus diesem Konzept einer Lebenskunst so etwas wie ein „kategorischer Relativ" ableiten in dem Sinne, daß es immer darauf an-

kommt, sich mit sich selbst denkend in Relation, in Bezie-

hung zu setzen. Je meh r das Subjekt

tiert, desto mehr ist es disponiert, das Richtige, das jeweils Gebotene zu tun und aus seinem Leben ein Kunstwerk zu machen.

Foucault benutzt in diesem Zusammenhang den Begriff der Selbstsorge (soud de soi), einem intensiven Sich-Küm- mern um sich selbst. Das Ziel dieser Sorge um sich selbst kann jedoch nicht sein, sich einer bestimmten Selbst-Imago anzuverwandeln, ihr gleich zu werden. Sowenig Askese - ge- wissermaßen die bevorzugte Technik der Selbstsorge - das Erreichen eines vorher gesetzten und unveränderlichen Idealzustands (etwa der Enthaltsamkeit) bedeutet, sowenig

auf sich selbst reflek-

188 198

DER KATEGORISCHE RELATIV

bedeutet Selbstsorge, einem bestimmten Bild vom Selbst zu entsprechen. Im Rückgriff auf „das Goldene Zeitalter der Selbstsorge" (FuS, 36), auf die hohe Zeit jener „Kultur seiner

selbst " (WdA , 17) i m erste n un d zweiten Jahrhunder t nac h Christus, versteht Foucault die Selbstsorge rein prozessual:

„Das Selbst ist das definitive und alleinige Ziel der Selbst-

sorge Selbstsorge ist man sein eigenes Objekt, sein eigenes Ziel." {FuS, 45).

Man darf sicher einen Zusammenhang herstellen zwi- schen Foucaults Erfahrung der tödUchen Krankheit, diesem radikalen Verwiesensein auf sich selbst und der emphati- schen Beschwörung der hellenistischen Selbstsorge - einge- denk der bereits erwähnten Aussage, daß Foucaults theoreti- sche Arbeit stets von Elementen der eigenen Erfahrungen ausgeht. Seine Suche nach einer Lebenskunst und sein Lob der „Freundschaft als Lebensweise" (VdF, 85 ff.) erscheinen vor dem Hintergrund, daß Foucault um seine knappe Frist

wissen mußte, in einem besonderen Licht: Es sind Antwor- ten auf Fragen nach Sinn und Ziel des Lebens in einer extre- men Situation. Zugleich jedoch stellt Foucault eine enge Ver- bindung her zwischen der aufs Individuum beschränkten Selbstsorge und der ins Allgemeine gehenden Ästhetik der Existenz: „Zwischen der Kunst der Existenz und der Kunst des Selbst gibt es eine immer stärker betonte Identifizie- rung." (FuS, 45) Wie bei einer Kippfigur scheint es nur auf die Perspektive anzukommen, und schon wird aus der hinge- bungsvollen Selbstpraxis eine politische Aktion: Es gibt, so Foucault, „keinen anderen vorrangigen und nutzbaren Wi-

als den, der

Man kümmert sich für sich um sich selbst

In der

derstandspunkt gegen die politische Macht im Selbstbezug auf sich liegt." (FuS, 54)

„Und was mein lan- ges Siechtum angeht, verdanke ich ihm nicht unsäglich viel mehr als meiner Ge- sundheit f Fnedrich Nietzsche:

Nietzsche contra

Wagner

MATTHIAS RÜB

Dadurch werden die Begriffe Selbstsorge und Lebens- kunst freilich einer ungeheuren Belastung ausgesetzt. Sie sollen nicht nur eine neue Form der Subjektivität verheißen, bei dem das Subjekt nicht nur Untertan, sodern auch zu Frei- heitspraktiken in der Lage ist, bei der das Subjekt nicht als Substanz, nicht als „souveränes und konstitutives" gedacht wird (VdF, 137), sondern als „eine Form, und diese Form ist weder vor allem noch immer mit sich selbst identisch" (FuS, 18); sie sollen zudem für eine Ethik stehen, die nicht auf universalistischen Prinzipien beruht, sondern gleichsam ela- stisch und situationsethisch auf die sich wandelnden histori- schen Bedingungen eingeht; und sie sollen schließlich Per- spektiven für einen politischen Widerstand eröffnen, der nicht mehr auf Utopien, Idealen oder dem Gedanken an den Fortschritt samt dessen gesellschaftlichem Agenten beruht.

„Ich finde, daß un- sere Gesellschaft zu- gleich mehr positive und mehr negative Eigenschaften hat als jede frühere Gesell- schaft zuvor. Es ist heute also zugleich hesser und schlech- ter."

Niklas

Archimedes

Luhmann:

und

wir

Stets fürchtet Foucault inhaltliche Bestimmungen seiner Begriffe wie der Teufel das Weihwasser, sodaß er keine wei- tere Auskunft erteilen kann, als eben die, Lebenskunst und Selbstsorge hätten stark relationalen und prozessualen Cha- rakter. So mag jeder diesen kategorischen Relativ auf seine je unterschiedliche Weise verstehen und ausfüllen. „Die Suche nach einer Form der Moral", sagt Foucault in einem Ge- spräch aus dem Jahre 1984, „die insofern von jedem akzep- tiert würde, als sich jeder ihr zu unterwerfen hätte, erscheint mir katastrophal."^^) Natürhch kann es nicht mehr eine Ideologie, eine universale Wahrheit sein, die das Gebotene bestimmt. Die Aufgabe des Intellektuellen, gleichsam als sä- kularer Priester fürs Ethische, für das Gebotene, kann de- mentsprechend auch nicht mehr sein, kraft einer universalen Einsicht, den Weg durch die Gegenwart und in die Zukunft zu weisen. Die Intellektuellen müssen, sagt Foucault in

188 200

DER KATEGORISCHE RELATIV

einem Gespräch mit Bernard-Henri Levy im Jahre 1977, „auf ihre alte prophetische Position verzichten." „Ich

träume", fährt er fort, „von dem Intellektuellen als dem Zerstörer der Evidenzen und Universalien, der in den Träg- heitsmomenten und Zwängen der Gegenwart die Schwach- stellen, Öffnungen und Kraftlinien kenntlich macht, der

fortwährend seinen

morgen sein noch denken wird." (DM, 197f.)

Foucault selbst war ein solcher spezifischer Intellektuel- ler, der in der theoretischen wie auch in der politisch-prakti- schen Arbeit fortwährend seinen Ort wechselte, der sich als mobiles Widerstandskommando bald für Gefangene, bald für Irre, bald für Homosexuelle, bald für ein unterdrücktes Volk einsetzte - ohne doch diesen Kampf als Teil einer uni- versalen Emanzipationsbewegung zu begreifen. Eher könnte man Foucault als Vorkämpfer einer umfassenden Differenzbewegung bezeichnen. Doch statt dem (an man- chen Stellen seines Werks bloß angedeuteten) Gedanken des Rechts auf Differenz als Grundlage einer neuen Moral nach- zugehen, hat sich Foucault auf Selbstsorge und Lebenskunst kapriziert - wohl auch aus biographischen Gründen. Unter der Last der subjekttheoretischen, ethischen und poUtischen Aufgaben, die Foucault Selbstsorge und Lebenskunst zuge- dacht hat, drohen aber seine stets nur formal, nie inhaltlich bestimmten Begriffe zusammenzubrechen und sich in Nichts aufzulösen.

Or t wechselt, nicht sicher weiß, was er

„Eine emanzipierte

Gesellschaft jedoch wäre kein Einheits-

sondern

staat,

Verwirklichung des

in der

Allgemeinen

die

Versöhnung

"

Theodor

der

Dif-

ferenzen.

Minima

W.

Moralia

Adorno:

Anmerkungen

Paul Virilio: Augen zu - Aufgepaßt! - Für eine Ethik der Wahrnehmung

') Der französische Hochgeschwindigkeitszug (Train à Grande Vi- tesse). L'Equilibre en pesanteur et en impesanteur, Paris 1987. „Les métaphores du virtuel". Imagina 1992, hrsg. vom Ministère français de la culture et de la communication, op. cit. Der Technologie-Park im Nordosten von Paris, in dem sich die Geode befindet.

P. Virilio: „L'opération de la cataracte", in: Cahiers

1985.

Briefwechsel von Henry IV.

du

Cinéma

Hanna Gekle: Geburt der Moral: Prometheus und ödipus

In der Nachfolge Freuds orientiere ich mich hier an den dunklen Aspekten der Kulturbildung; die freundlichere Dimension des Ich-Ideals fällt demnach in diesem Kontext heraus. 2) Genauer bin ich dem nachgegangen in: „Nachträglichkeit des Ursprungs - Da s Trauma des Wolfsmannes", in: Luzifer - Amor

- Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse, Hef t 4: Ur -

sprungswendungen, Tübingen 1989, S. 89-130. Fr. Nietzsche, Die Geburt der Tragödie, in: Werke I, 35, zitien nach: ders., Werke, hg. von K. Schlechta.

Tra-

Aischylos, Prometheus,

gödien,

in: Gesamtausgabe

der griechischen

übersetzt von E. Buschor, II, S. 105.

5) ders. a.a.O., S. 106.

ders. a.a.O., S. 107. ders. a.a.O., S. 86. 8) ders. a.a.O., S. 96.

260

K. Kerenyi, I, Die Mythologie

1966, S. 174f.

ANMERKUNGE N

der

Griechen,

Band I, München

12)

K.Kerényi, a.a.O., S. 174.

 

")

Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt/M. 1959, S. 1429.

F.

Nietzsche, Geburt

der Tragödie, a.a.O., S. 59.

F.

Nietzsche: Die Geburt

der Tragödie, a.a.O., S. 57.

w)

ders., a.a.O., S. 58.

'5)

ders. , a.a.O. , S.

58 .

E. Buschor, „Nachwort zu: Prometheus", in: Gesamtausgabe der griechischen Tragödien, übers, v. E. Buschor, 1979, Aischy- los II, 150. ders. a.a.O.,S. 55.

'8)

Nietzsche , a.a.O. , S. 59 .

 

F.

Nietzsche:

Die Geburt

der

Tragödie. In: ders., Werke / , hg. v.

K. Schlechta, München 1969, S. 59.

20)

Nietzsche, a.a.O., S. 59.

 

21)

Nietzsche, a.a.O., S. 57.

22)

Nietzsche, a.a.O., S. 57.

23)

Nietzsche, a.a.O., S. 57.

2"»)

Nietzsche, a.a.O., S. 59.

25)

Nietzsche, a.a.O., S. 59.

Bernd Nitzschke: Von weiblichen und männlichen Tugenden & von dem, was der Auffassung widerspricht, sie seien natürlich, gottgewollt oder guten Willens zu dekretieren

K. Rutschky, Erregte Aufklärung.

Kindesmißbrauch:

Fakten

&

Fiktionen,

Stationen

einer Inquisition,

L. Lütkehaus, a. a. O., S. 27f.

R Schiller , „Würd e de r Frauen" , 1795 .

Vgl. P. Έ^ά^τη, Zur Psychologie der Revolution. Die vaterlose Ge- sellschaft, Leipzig, Wien 1919. A. Mitscherlich, Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft. Ideen zur Sozialpsychologie, München 1963.

Hamburg 1992.

Wollust,

2) L. Lütkehaus, „O

•·)

ο Hölle".

Die

Onanie

-

Frankfurt/M . 1992.

261

ANMERKUNGEN

sie für fundamentale Unterschiede zwischen dem männlichen und dem weiblichen Geschlecht hielten, an beobachtbaren bio- logischen Unterschieden festzumachen. Der Unterschied zwi- schen den Geschlechtern wurde als grundsätzlicher und nicht

gradueller auf Begriffe gebracht und an die Stelle der lange be- stimmenden Metaphysik der Hierarchie (der männliche Körper als das Standardmodell, der weibliche Körper eine schwächere Version davon) trat das Paradigma der Unvergleichlichkeit. Die vorherrschende Ansicht seit dem 18. Jahrhunder t insistierte auf einer Begründung der Geschlechterrollen in biologischen „Fak- ten". Die Biologie in ihrer unhistorischen Markierung der Kör- per wurde zur Erkenntnis grundlage für die Ordnung der Ge-

schlechter.

Vgl. dazu: C. Honegger, Die Ordnung der Geschlechter. Die

Wissenschaften vom Menschen und das Weib. 1770-1850, Frank- furt/M . - Ne w York 1991; T. Laqueur, Auf den Leib geschrie- ben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud, Frankfurt/M.-NewYor k 1992; M. YoucixAt,Sexualität und Wahrheit, Bd. 1: Der Wille zum Wissen. Frankfurt/M .

1983.

C. Honegger, a.a.O.

H . Arendt, a.a.O. , S. 58. vgl. G.W.F. Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, §139, Frankfurt/M . 1970

H.

Arendt, Vom Leben

des Geistes, Bd. 1 : Das Denken,

a. a. O .

S.

14.

S.

Benhabib, Der verallgemeinerte und der konkrete Andere.

Ansätze

zu einer feministischen

nisse, Feminismus und Kritik,

Frankfun/M . 1989. ebenda S. 469.

18) ebenda S. 469.

'9) ebend a S. 474.

ebenda S. 475 f.

21) ebenda S. 476.

22) 1. Kant , Vorkritische

Schriften

Moraltheorie, in: Denkverhält- Hrsg. v. E. List u. H. Studer,

bis 1768, Bd . II , Hrsg . v. Wilhel m

Weischedel, Frankfurt/M . 1979, S. 961.

264

C. GÎ\Yï%3.n, Die andere

Frau, München 1984.

Stimme.

ANMERKUNGEN

Lebenskonflikte

und Moral der

2*) So richtig die Einsicht auch ist, daß die formalen Prinzipien der Freiheit und der Gleichheit der universalistischen Moraltheo- rien völlig ungenügend sind, so darf meines Erachtens die Kri- tik doch nicht soweit gehen, diese Prinzipien, statt sie in die Wirklichkeit und damit in die Differenzen zu treiben, völlig auf-

zugeben.

25) C. Thürmer-Rohr, „Lust-Verlust der Frau - Ein Wundmal", in:

1789/1989. Die Revolution hat nicht stattgefunden, Dokumen- tation des V. Symposions der Internationalen Assoziation von Philosophinnen, Hrsg. v. Astrid Deuber-Mankovsky, U. Ram-

ming u. E. W

Tieisch, Tübingen 1989.

Ebba Drolshagen: Perfekt ist nicht genug. Zur Konjunktur der Körperbilder

1) Vogue (Deutsch). 6/9 1 Juni. S. 50 und 56. 2) C. Woesler-de Panafieu, „Außen- und Innenaspekte weiblicher Körper", in: Michael Klein (Hg.) Sport und Geschlecht. Reinbek 1983, S. 61.

zitiert in: U. Wagner, Blicke auf den dicken Körper, Frankfurt/

M. 1989, S. 79f.

Rein-

bek 1974, S. 59. 5) zitiert in: M. Wimmer, „Der gesprochene Körper, Zur Authenti- zität von Körpererfahrungen in Körpertherapien", in: D. Kam- per und Gh. Wulf (Hg.), Die Wiederkehr des Körpers, Frankfurt/

J. Berger u. a

Sehen,

Das Bild der Welt in der Bilderwelt,

M. 1982. S.90.

M. Wimmer, ο. a. Ο., S. 90. R. Sennett, Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyran- nei der Intimität. Übers, v. R. Kaiser, Frankfurt/M . 1986. S. 224. J.C. Flügel, „Psychologie der Kleidung". (Erstveröffentlichung 1930), in: S. Bovenschen (Hg.), Die Listen der Mode, Frankfurt/ M. 1986, S. 243 ^) Sennett, ο. a. Ο.

265

ANMERKUNGEN

Α. Schwarzenegger, Bodybuilding für Frauen, München 1986.

Brief Lasalles Mitte September 1845, zitiert von W Dreßen, „In- fame Körper: Widerstand im Erziehungsprozeß", in: Kamper/ Wulf (Hg.), Der Andere Körper, Berlin 1984, S. 79. J.-J. Rousseau, Emile oder Über die Erziehung, Stuttgart 1978,

S.

140. Zitiert in: W Dreßen. o.a.O., S. 69.

G.

Simmel, „Die Mode" (Erstveröffentl. 1911), in: Bovenschen,

S.

172.

Sennett 1986, S. 419.

'5) J . Berger, Lettre

12, S. 64

lö)

Sennett , 1986, S . 408 .

'8)

Interview der Zeitschrift QUE L CORPS? (Sept.-Okt. 1975) mit Michel Foucauh, in: D . Kamper und V. Rittner (Hg.), Zur Geschichte des Körpers, München-Wien 1976, S. 130-137, Übers, v, Karin Rittner, S. 134. ebenda , S. 132.

C.

Woesler-de Panafieu, „Außen- und Innenaspekte weiblicher

Körper", in: M. Klein (Hg.), Sport und Geschlecht, Reinbek 1983, S. 64.

„Wellness. In 10 Tagen um 10 Jahre jünger", in: Jupiter,]u\i 1991,

S. 76.

21) Foucault 1975, S. 137.

Matthias Rüb: Der kategorische Relativ. Selbstsorge und Lebenskunst beim späten Michel Foucault

') H.L . Dreyfus und Paul Rabinow, Michel Foucault. Zwischen Strukturalismus und Hermeneutik, aus dem Amerikanischen

übersetzt von C. Rath undU. Raulff, Frankfurt/M . 1987, S. 267.

K. Marx, Zur Kritik der Hegeischen Rechtsphilosophie. Einlei-

tung, in: Marx-Engels-Werkausgabe, Band 1, Berlin-Ost, 1956,

S.385.

J. Habermas, Die Neue Unübersichtlichkeit, Frankfurt/M . 1985, S. 208.

M. Blanchot, Michel

von B. Wahlster, Tübinge n 1987, S, 16.

aus dem Französischen übersetzt

Foucault,

266

ANMERKUNGEN

5) Literatur- und Siglenverzeichnis Texte Foucaults:

Der

Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit II (SuW 2). Die Sorge um sich. Sexualität und Wahrheit III (SuW 3). Alle aus dem Französischen übersetzt von U. Raulff und W. Seitter, Frankfurt/M . 1977 (SuW 1) und 1984 (SuW 2 und 3). Dispositive der Macht, übersetzt von HJ . Metzger u. a., Berlin 1978 (DM).

Von der Freundschaft, aus dem Französischen übersetzt von M. Karbe und W Seitter, Berlin o.J. (1984) (VdF). Freiheit und Selbstsorge, herausgegeben und aus dem Französi-

schen übersetzt von H . Becker u. a., Frankfurt/M . 1985 (FuS). Das Wahrsprechen des Anderen, herausgegeben und aus dem

übersetzt von H. Becker u.a., Frankfurt/M . 1988

Französischen

(WdA). H. L. Dreyfus und P. Rabinow, a. a. O., S. 240. ebenda, S. 285. P. Veyne: „Le dernier Foucault et sa morale", in: Critique, Au- gust-September 1986, S. 933-941. Gilles Deleuze: Foucault, aus dem Französischen übersetzt von H . Kocyba, Frankfurt/M . 1987, S. 142. Ό) ebenda, S. 161. Ί) ebenda, S. 148. E. Erdmann, R. Forst, A. Honnet h (Hg.): Ethos der Moderne. Foucaults Kritik der Außlärung, Frankfurt/M./Ne w York 1990, S. 144.

Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I (zitiert SuW I ).

Maurice Blanchot: Die Intellektuellen im Kreuzfeuer

Dieser Beitrag wurde entnommen aus: Maurice Blanchot, Das Unzerstörbare. Aus dem Französischen von Hans-Joachim Metzger und Bernd Wilczek © 1991 Carl Hanser Verlag München Wien. Es bedarf keines besonderen Hinweises, daß vage Hegel-Remi- niszenzen in diesen Gedankengängen eine Rolle spielen. Zitiert nach Simone Weil in ihrem Aufsatz über den Krieg.

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