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Philateliegeschichte

Das „historische Briefmarken-Album“:

Eine alte Idee neu konzipiert!

Wolfgang Maassen

Die Literatur geht der Realität häufig voraus, formt, prägt und gestaltet sie. Vergleichbar ist dies mit der Welt des Filmes, in der kluge Filmschaffende nicht selten mit „Stof- fen“ ihr Publikum faszinieren, die die Themen von morgen und übermorgen aufgreifen. Dass dies auch in der Philate- lie zutrifft, möchte der Verfasser an zwei Beispielen belegen, zwei Beispiele, die gut 110 Jahre auseinander liegen.

Das erste Motiv-Album

die gut 110 Jahre auseinander liegen. Das erste Motiv-Album Fragt man Kenner, wann denn die Motiv-Philatelie,

Fragt man Kenner, wann denn die Motiv-Philatelie, später auch thematische Philatelie genannt, entstanden ist, dann wissen diese von den Zeiten der 1930er-Jahre zu erzäh- len, von ersten Sammlungsexponaten bei einer IPOSTA oder Literatur, die unter dem Titel „Konstruktive Philate- lie“ versuchte, Bahnen für das Sammeln nach Motiven zu schlagen.

Dabei vergessen sie, dass die Pioniere dieses Gedankens schon weit früher daran gedacht hatten, nach Motiven, nach Bildern, nach „Typen“ zu sammeln. Es gab sogar schon 40 Jahre vor der IPOSTA 1930 in Berlin ein erstes

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Motiv-Album, das nun wirklich den Anfang der Motiv-Phila- telie bewirkte: Das „historische Briefmarken-Album“.

Entwickelt wurde es von dem Leipziger Verleger Ernst Heit- mann, der angesichts der damaligen „Komplett-Alben“, die um die Jahrhundertwende schon rund 18 000 Markenfelder zählten, auf eine Reduzierung sann. Die Lösung fand er in den „Typen“, also in bildverschiedenen Marken, die er auf gleiche Abbildungen (unabhängig von verschiedenen Wert- stufen) reduzierte. Ein solches Album stellte nur noch rund 2 000 verschiedene „Typen“ (Bilder) dar, gerade einmal ein Zehntel.

Heitmann – er hatte 1894 das legendäre Schaubek-Album von den Gebr. Senf übernommen – ging noch einen Schritt weiter. Und dieser Schritt führte zur Motiv-Philatelie. Er teilte dieses Album – damals sammelte man noch welt- weit – in 15 Gruppen ein. So gab es „Kapitel“ mit Seiten zu Ziffern, Münzbezeichnungen, Inschriften, Abzeichen, Wap- pen, Herrscherbildnissen, Lokomotiven, Tieren, Pflanzen, Völkerkunde, Geschichte, Allegorien usw. Schon damals schrieb er: „Das Tierreich erobert sich das Markenbild mehr und mehr“. Er sollte Recht behalten.

Das Album war preiswert (2 Mark), es wurde aber dennoch kein Erfolg. Heitmann war seiner Zeit zu weit voraus und die Sammler jener Zeit versuchten – allen Schwierigkeiten zum Trotz – eher dem chronologischen Komplettansatz zu folgen.

Eine moderne Alternative

Vor wenigen Wochen wurde in Rapperswil anlässlich der Jubiläumsausstellung zum 100jährigen Bestehen des Schweizer Briefmarken Händler Verbandes (SBHV) ein Album vorgestellt, das im übertragenen Sinne an die Tradi- tion des großen Verlegers Ernst Heitmann anknüpft. Zwar versteht es sich nicht als Motiv-Album, wohl aber ist es ein „historisches Album“, denn es erzählt im wahrsten Sinne des Wortes die Briefmarkengeschichte der Schweiz von 1843 bis 1881. „Erzählen“ ist hier im Wortsinne gemeint:

Philatelie und Postgeschichte 310 · philatelie 389 · November 2009

Kunstvoll mit Text und Bildern, Grafiken und Ausschmü- ckungen informativ gestaltete Vordruckblätter laden dazu ein, diese mit Briefmarken zu füllen.

laden dazu ein, diese mit Briefmarken zu füllen. Briefmarken werden häufig als „Zeitzeugen“ der
laden dazu ein, diese mit Briefmarken zu füllen. Briefmarken werden häufig als „Zeitzeugen“ der
laden dazu ein, diese mit Briefmarken zu füllen. Briefmarken werden häufig als „Zeitzeugen“ der
laden dazu ein, diese mit Briefmarken zu füllen. Briefmarken werden häufig als „Zeitzeugen“ der

Briefmarken werden häufig als „Zeitzeugen“ der Geschichte benannt. Das ist richtig. Hier werden sie aber zum Sprechen gebracht und das Zeitzeugnis kann der Betrachter gleich neben den Briefmarken lesen. Auch diese Idee ist nicht neu (wenn man z.B. auf die modernen Themenalben der Post- philatelie schaut), aber in dieser Form für klassische Mar- ken noch nicht umgesetzt worden. „Sprechende Behrens- Alben“, so mancher Leser wird sich erinnern, boten die Informationen zu den Marken. Das vom Schweizer Händ- ler-Verband entwickelte Album bietet auch die Anschauung und Einbettung in historische Zusammenhänge.

Das Album vereint eine weitere innovative Idee: Es ist so konstruiert, dass es verschiedenen Sammlertypen und -wün- schen gerecht werden kann. In einem „Basis-Paket“ sind Vordruckseiten für die Marken enthalten, in einem „Spezial- Paket“ auch solche, nun aber für verschiedene Spezialisie- rungsmöglichkeiten dieser Marken, z.B. nach Typen, Farb- varianten und Abstempelungen. Weitere speziell gestaltete Blanko-Vordruckblätter lassen auch die einfache Ergänzung der Sammlung mit Briefstücken, Einheiten und Briefen zu.

Das komplette Album umfasst 51 Albenblätter (18 im Basis-, 23 im Spezial-Paket zzgl. zehn verschiedene illus- trierte Blanko-Seiten) und kostet inklusive eines Lindner- Falzlos-Albums mit dekorativer Deckelprägung 107 Euro. Angesichts der Marken, die man auf diesen Seiten unter-

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Philateliegeschichte

bringt, stehen diese mit Blick zum Aufwand und Preis des Albums in einem guten Verhältnis, was man ja bei moder- nen Marken häufig nicht sagen kann.

Nun kann man an Karl Louis, Geschäftsführer der Corin- phila Auktionen AG und in dieser Eigenschaft Mitglied im Schweizer Händler-Verband, noch Fragen nach den Grün- den und Hintergründen für ein neues Album stellen, anders als an Ernst Heitmann, dessen Beweggründe damals wohl eher der ausufernde Umfang der Schaubek-Alben war. Karl Louis dazu wörtlich:

„Wir haben uns im Schweizer Briefmarken Händler Ver- band Gedanken gemacht, wie wir die Philatelie attrak- tiver darstellen können. Die Vordruck-Albumseiten unserer Tage unterscheiden sich inhaltlich und konzeptionell kaum von den ersten Vordruck-Alben am Ende des 19. Jahrhun- derts. Aber die klassische Briefmarke erzählt faszinierende Geschichten: Von der Entwicklung der Kommunikation in einem Land und über die Grenzen hinweg. Von König- reichen und Ländern, die sich zu größeren Nationen zusam- men schlossen. Von Währungsreformen, Revolutionen und Kriegen. Die klassische Briefmarke war dabei und ist heute ein lebendiger Botschafter unserer Geschichte.

Aber herkömmliche Vordruckseiten geben der klas- sischen Briefmarke keine Gelegenheit diese interessanten Geschichten zu erzählen. Sie ist im herkömmlichen Vor- druckalbum auf einem Vordruckfeld befestigt und mit anderen Marken kommentarlos auf eine Seite gedrängt. Die Erwähnung des Ausgabejahres ist oft die einzige Zusatzinformation.

Die für den Schweizer Briefmarken Händler Verband ent- wickelten Vordruck-Albumseiten lassen die klassische Briefmarke ihre Geschichte erzählen. Eine zum Ausga- bezeitpunkt der Briefmarke passende zeitgenössische Darstellung entführt den Betrachter in die Vergangenheit. Die Vordruckseite für die beiden Briefmarken von Zürich zeigt eine Ansicht der Stadt in der Mitte des 19. Jahrhun- derts. Da wird der Betrachter zum (Zeit-)Reisenden, der die Stadt am Zürichsee vor 150 Jahren besucht. Auf jeder Albumseite gibt es ergänzende Informationen aus der Zeit:

Wie viele Einwohner gab es zum Zeitpunkt der Marken- ausgabe? Wie war der rechtliche Status der Stadt und des Kantons? Und in der Mitte des neuen Vordruckblattes sind die Felder für die beiden Briefmarken von Zürich. Eine 4 Rappen und eine 6 Rappen Briefmarke. So können sie ihre Geschichte erzählen, in Wort und Bild!“

Gefragt nach den Vorteilen gerade dieses Albums (denn man könnte sich ja ein solches auch selbst gestalten), meint Karl Louis:

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Philateliegeschichte

„Wer eine schöne und wertvolle Markensammlung zusam- mentragen möchte, aber keine Zeit für eine individuelle Gestaltung von Albumseiten hat, der findet in der neuen Generation Vordruckalben das richtige Produkt. Jedes neu erworbene Stück kann mit Klemmtaschen schnell und einfach auf den dafür vorgesehenen neuen Seiten befes- tigt werden. Die klassische Marke wirkt auf diesen illus- trierten Vordruckseiten einfach wundervoll.

Wenn die Vollständigkeit einer Sammlung nach Katalog- Hauptnummern immer weiter fortgeschritten ist, kann das Vordruckseiten-Spezialpaket ergänzt werden. Die gleichfalls illustrierten Seiten des Spezialpaketes können nahtlos zwischen die Seiten des Basispaketes eingefügt werden. Die Vordrucke zeigen die Felder für die Katalog- Unternummern wie Farbvarianten und Typen und berück- sichtigt erstmals auch verschiedene Abstempelungen.

Und wenn dann die ersten Briefmarken auf Briefstück oder auf Brief verwendet hinzu kommen, gibt es ebenfalls schön illustrierte Blanko-Blätter mit einem freien Platz in der Mitte. Die neuen Vordruckblätter sind vermutlich viel- fach attraktiver, als die in vielen Tagen und Wochen ange- fertigten Blätter einer Ausstellungssammlung.“

Das sind klare Aussagen, wobei dem Autor auch bestätigt wurde, durch ein solches Album neue Sammler für das interessante Gebiet der klassischen Schweizer Briefmar- ken motivieren zu wollen. Was wiederum neue Nachfrage schaffen könnte, worüber keiner traurig wäre, weder die bisherigen Altschweiz-Sammler, noch der Handel oder die Alben-Verleger.

Und wenn diese Idee ankommt, dann könnte sich bereits das nächste Projekt abzeichnen: Die Schöpfung einer neuen Generation von Alben für eine klassische Altdeutschland- Sammlung. Man darf schon jetzt darauf gespannt sein, wie dies dann aussehen wird, gibt es hier doch allein schon wegen des Umfanges neue Probleme.

Ideenreiche Berufsphilatelisten haben – das galt es auch auf- zuzeigen – vor 110 Jahren ebenso die Philatelie bereichert wie heute. Diese „historischen Alben“ sind als thematische

Alben ein Zeugnis dafür.

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In Deutschland wird dieses neue Album von Corinphila Auktionen AG, c/o Heinrich Köhler Briefmarkenhandel GmbH & Co KG, Wilhelmstraße 48, 65183 Wiesbaden, Tel. 06 11/3 41 49 23 vertrieben. Bei Frau Helena Nunes sind auch Infoprospekte zum Album mit weiteren Details erhältlich.

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