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Wochenend−Ausgabe 24.Mai/25.

Mai 2008

LI EB E L E SE R

Bewegend
wie damals
JAN SCHLÜTER über
das Grubenunglück

K
aum ein Ereignis hat
unsere Region so stark
erschüttert ie die
Kohlestaube plosion in der
Grube Stol enbach bei Bor-
ken or 2 Jahren. Und kaum
ein Ereignis hat uns so sehr
berührt und gerührt ie die
dramatische Rettung on
sechs Bergleuten am dritten
Tag nach dem erheerenden
Unglück.
51 Männer erloren damals
ihr Leben, sechs Gerettete ur-
den um Inbegriff des Wunders
on Stol enbach. Mit dieser
SonntagsZeit erinnern ir an
die dramatischen Ereignisse
om Juni 1988, als Trauer über
die ielen Toten und Freude
über die Geretteten so dicht
beieinanderlagen.
Wir sprachen mit einem der
Überlebenden, mit Helfern, Be-
treuern, Politikern und Journa-
listen. Und ir eigen, ie das
schreckliche Ereignis das Le-
ben im Raum Borken nachhal-
tig erändert hat.
Alle Informationen tragen
da u bei, sich mit dem Abstand
on 2 Jahren noch einmal ei-
nen Eindruck on den Ereignis-
sen u erschaffen. Die ielen
Kinder, die damals ihren Vater
erloren haben, sind heute er-
achsen. Einige on ihnen er-
den sich an ihren Vater nicht
einmal mehr erinnern können.
Sie kennen nur die Er ählun-
gen ihrer Angehörigen und Be-
richte aus den Medien.
Im Internet können Sie, lie-
be Leserinnen und Leser, diese Das Unglaubliche wurde
Seiten ebenfalls anschauen und wahr, sechs Bergleute konnten nach
herunterladen. Außerdem fin- cirka 65 Stunden noch gerettet
den Sie auf .hna.de eite- werden - „Das Wunder von Stolzenbach“
re Bilder und eine animierte titelte unsere Zeitung am Morgen danach.
Grafik.

Warum ausgerechnet ich?


HINTERGRUND
Die 51 Toten
Von den 51 Bergleuten,
Inhalt
die das Grubenunglück in
Borken-Stolzenbach am 1. Die Grubenkatastrophe von Stolzenbach warf Fragen auf und hatte auch etwas Gutes
Juni 1988 nicht überleb- Seite 2
ten, stammten 13 aus der VON FRANK THONICKE über ältigend ie nie. Das sturm des Fernsehens und der Die vier Tage von
Türkei. Die Namen in al- UND OLAF DELLIT Programm ur Unterstüt ung Presse anfangs überfordert,
phabetischer Reihenfolge: on Betroffenen und Hinter- erst nach und nach schüt ten Stolzenbach - eine

U
m 12.29 Uhr ar am bliebenen urde beispielge- sie die Hinterbliebenen der Chronik
Ali-Asker Akarsu, Sela- 1. Juni 1988 die Welt bend. Opfer. Trot dem kam es u
hattin Alkan, Hamit Alkus, noch in Ordnung in Stol enbach ar die Ge- dramatischen S enen: Hinter-
Michael Andreas, Serafet- Borken-Stol enbach. Die Kum- burtsstunde für die Betreuung bliebene, die sich erfolgt
Seite 3
tin Barlas, Michael Bartz, pel der Frühschicht aren ie on Katastrophen-Opfern. fühlten, arfen mit Steinen Manches ist ver-
Paul Bilinsky, Klaus Böh- eh und je eingefahren. Eine Nach Stol enbach ussten nach den Journalisten. blasst - ein Gerette-
nert, Helmut Brandau, Minute später ar nichts Är te und Ps chologen, ie Der Überlebene Wilfried- ter berichtet
Horst Budnitz, Dursun mehr so ie früher: Eine ge- man anderen Menschen, die Dönch arbeitet heute in Bor-
Büyüktürk, Ali Buzdag, Er- altige Detonation erschüt- unter den massi en Folgen Ein eingeschlossener Berg- ken. Er leitet als Maschinen-
win Cassel, Murat Celik, terte um 12.35 Uhr die Braun- on Unglücken leiden, helfen mann - Ausschnitt aus der Ge- bau-Meister den städtischen Seite 4
Walter Drescher, Klaus Ell- kohle eche. Wie sich später kann und muss. dächtnismauer an der Gedenk- Bauhof. Im Gespräch mit un- Ohne jede Scham -
rodt, Uwe Feldbusch, Die- herausstellt, handelte es sich Heute, sagt einer der Über- stätte Stolzenbach. Foto: privat serer Zeitung sagte er, ihn
ter Fennel, Ernst Hapke, um eine Kohlestaube plosion. lebenden des Unglücks, Wil- habe - ie die anderen Überle- die Katastrophe
Dieter Henke, Hans-Joa- So et as hatte es u or im fried Dönch, sei die Solidarität Neid und Wut“, sagt er. Neid benden - or allem immer eine und die Medien
chim Hergenröder, Hans Braunkohlebergbau nie gege- mit den Opfern eit gehend or allem darüber, dass die Frage gequält: „Warum habe
Hirschner, Egon Holzhau- ben. erblasst. „Wenn das Alltags- Hinterbliebenen finan ielle ich überlebt und der Kollege
er, Walter Kraft, Erich 51 Bergleute sterben in den leben einkehrt, kommen auch Hilfe bekamen und bekom- nicht?“
Seite 5
Kuhn, Reinhold Kuhn, Stollen, acht erden über men. Noch heute ahlt die Wilfried Dönch hat in i- Die Frage nach dem
Horst Landsiedel, Michael Tage erlet t.
  E.ON 28 Kindern, die ihre Vä- schen für sich eine Ant ort Warum - Interview
Matys, Cevdet Mete, Heinz Drei Tage später geschieht   ter erloren, jeden Monat 153 gefunden. „Ich glaube, dass ist mit einem Pfarrer
 
Morgen, Alfred Niewienda, dann das, oran niemand    

Euro. diese ge isse Vorbestimmung
Dieter Nuhn, Burhan Öl- mehr geglaubt hatte - das   Borken-Stol enbach, das im Leben.“
cek, Faik Ölcek, Dieter Ro- Wunder on Stol enbach tritt

 ar auch der Beginn einer Seite 6
senau, Rudolf Roth, Eder- ein: Sechs Kumpel erden ge-  neuen Epoche: Das Medien- Unser Online-Angebot um- In Trauer vereint -
can Saglam, Kemal Sag- rettet. Sie überlebten in einer 

 eitalter begann an der Kohle- fasst die komplette Beilage


lam, Otto Sawitzki, Jörg Art Sauerstoffblase. 

 grube - mit all seinen negati- „Stolzenbach“ als PDF-Datei deutsche und türki-



Schmidt, Karl-Dieter Das Unglück on Stol en- en Begleiterscheinungen. sowie eine Bildergalerie, eine schen Opfer
Schnurr, Helmut Schulz, bach ar die größte Katastro-   
 Noch nie aren so iele Jour- animierte Grafik, einen Live-
Gerald Sindermann, Hans- phe, die die Region seit dem   
nalisten aus gan Deutschland Mitschnitt vom Hessischen
Jürgen Specht, Helmut Z eiten Weltkrieg erschütter-   bei einem Unglück auf der Rundfunk und eine Diaschau.
Seite 7
Strenzel, Bayram Tüysüz, te. Noch nie aren so iele  

 "
Jagd nach Informationen und † www.hna.de/stolzenbach Chance in der Kata-
Johann Walter, Günter Menschen bei einem ein igen    Sensationen. Dabei aren alle strophe - die Region
Weidemeier, Oliver Wett, Unglück ums Leben gekom-  
 erlaubten und unerlaubten
men, noch nie aren Trauer  !  ! " 
Mittel Recht, um et a an Bil-
Borken heute
Wilfried Wilhelmi, Wil-
und Betroffenheit so groß.      der der Opfer u kommen. Die
helm Wittig.
Aber auch die Hilfe ar so   Hilfskräfte aren mit dem An-
Samstag, 24. Mai 2 8 Sonntagszeit spezial
SZ-ZG2

Legende
Lengede
Der Tag, an dem die Erde bebte
Chronik einer Katastrophe: Kohlestaubexplosion in der Grube Stolzenbach - der erste Tag
Zu den sch ersten Gru- VON FRANK THONICKE HINTERGRUND
benunglücken in

D
Deutschland gehören die er Tag begann ie jeder Routinemäßige
E plosionen andere im Tiefbau Stol-
• auf der Steinkohle-Ze-
Sprengung führte
enbach. Um 6.45 Uhr
che Carolinenglück in Bo- fährt die Frühschicht ein. Eini- zur Katastrophe
chum 1898 mit 116 Toten ge hundert Meter om Haupt- „Auslösender Faktor für
(Ursache: Schlag etter- schacht entfernt, im Südfeld, das Explosionsunglück
und Kohlenstaube plosi- arbeiten fünf so genannte Ka- war eine routinemäßige
on, meradschaften on ei bis Sprengung in einem Stre-
• der Steinkohle-Zeche drei Mann im Vortrieb und im ckenabzweig. Die Unter-
Radbod in Bockum-Hö el Rückbau. Schlosser erledigen suchungen ergaben, dass
19 8 mit 348 Toten unter Tage Umbauarbeiten. Im sich im Bereich der
(Schlag ettere plosion Ostfeld sind an diesem Morgen Sprengstelle ein unerwar-
und Grubenbrände), sechs Kameradschaften einge- tet reaktionsfähiger
• der Steinkohle-Zeche set t. Pünktlich um 12 Uhr Braunkohlestaub angerei-
Monopol Schacht Grim- fährt eine eitere ein. Im chert und abgelagert hat-
berg 3/4 in Bergkamen Nordfeld arbeiten sechs Kame- te. Dieser Staub wurde
1944 mit 107 Toten radschaften. 57 Bergleute, durch die Sprengung auf-
• und 1946 mit 405 Toten Schlosser und Elektriker unter gewirbelt und gezündet.
(Ursachen unklar) Tage. Aufgrund der örtlichen
• und in der Steinkohle- 12.35 Uhr: Die Erde bebt in Verhältnisse konnte sich
Grube Luisenthal/Völklin- Stol enbach. Eine ge altige eine anfängliche Abflam-
gen 1962 mit 299 Toten E plosion erschüttert die Ze- mung zu einer Laufexplo-
(Schlag ettere plosion). che. Nicht nur die Grube und sion entwickeln. Da eine
die Schächte sind betroffen, Braunkohlenstaubexplosi-
Tief ins Be usstsein sondern auch Anlagen über on unter den in der Grube
der Deutschen grub sich Tage. Tonnensch ere Trüm- Stolzenbach gegebenen
die Berg erkskatastro- merteile fliegen über 1 Me- Verhältnissen bisher als
phe in der Eisener grube ter eit. Die Energie ersor- unmöglich galt, befanden
Lengede (bei Sal gitter) gung, Kommunikationss ste- sich in der Grube keine Ex-
1963 ein - or allem e- me, Be etterung und die Seil- plosionsperren, sodass die
gen der Rettung on elf fahrteinrichtungen fallen so- einmal angelaufene Explo-
Kumpel rund 14 Tage fort aus. Die Rauch olke, die sion fast das gesamte un-
nach der Katastrophe: über der Grube aufsteigt, ist tertägige Grubengelände
Am 24. Oktober 1963 kilometer eit u sehen. durchlaufen konnte.“
brach gegen 2 Uhr ein 12.40 Uhr: Die acht Kumpel, Aus: Horst Schönhut: Die Gewerk-
ur Grube gehörender die bei der E plosion über schaft Frielendorf
oberirdischer Klärteich Tage erlet t urden, erden
ein, orauf Massen bereits ersorgt. In der nächs-
Schlamm und Wasser in ten Stunde treffen Gruben-
die Grube Mathilde ein- ehren, unter anderem aus Es handelte sich um eine Koh-
brachen. Von den 129 un- Clausthal-Zellerfeld, ein. lestaube plosion. So et as
ter Tage tätigen Männern 13.40 Uhr: Erster Erkundungs- hatte es im Braunkohleberg-
konnten sich die meisten gang der Gruben ehr. bau noch nie gegeben.
über Wetterbohrlöcher 14 Uhr: Die Rede ist unächst 19.25 Uhr: Im Nordschacht
und Schächte ins Freie on 6 Verschütteten. Ver- erden ei Tote gefunden.
Ein Bild der Zerstörung: Die Grube Stolzenbach wenige Stunden nach der verheerenden Explosion.
retten. eifelte Angehörige erschei- Foto: dpa
Sie erden noch nicht gebor-
Am 1. No ember konn- nen an der Zeche. gen, eil die Suche nach Ver-
ten drei eitere Bergleu- Unter Tage spielen sich dra- Kumpel. Man ersucht, ihn leitung her ustellen. Hauer ird auf der Zeche e tra ein missten und Überlebenden
te, die sich per Klopf ei- matische S enen ab: Die sechs mit uschleppen, presst ihm Thomas Geppert gibt die Posi- Schut raum eingerichtet, in Vorrang hat.
chen bemerkbar gemacht Bergleute, die später gerettet das Mundstück des Selbstret- tion durch: „1 Norden 4/5, dem sie on den in ischen 20.25 Uhr: Drei eitere Tote
hatten, aus einer Luftta- erden sollen, ersuchen, aus ters auf die Lippen. Doch der sechs Personen.“ hunderten Journalisten und erden gefunden. Spe ialis-
sche geborgen erden. dem Stollenlab rinth heraus- Mann ist tot. Die Gruppe muss Frauen aus Stol enbach bil- Schaulustigen an der Grube ten der Gruben ehr Essen
ukommen. Doch Gas er- ihn urücklassen. Sie flieht den eine Hilfsgemeinschaft. nicht belästigt erden kön- treffen ein.
sperrt den Flucht eg. Sie müs- eiter or dem tödlichen Gas. Sie ersorgen die Retter, aber nen. 22 Uhr: Die Zahl der Vermiss-
sen urück. Dabei entdecken Für Sekunden gelingt es, auch die Angehörigen der er- 16 Uhr: E perten geben die Ur- ten ird offi iell mit 57 ange-
sie einen sch er erlet ten Funkkontakt mit der Zechen- unglückten Bergleute. Für sie sache des Unglücks bekannt: geben.

Die Zahl der Toten steigt


HINTERGRUND

Steinkohle älter
als Braunkohle
Der zweite Tag: Fieberhafte Suche und erster Katastrophentourismus
Braunkohle ist ein fossiler

D
Das Wunder von Lengede: er Morgen des 2. Juni gen beginnen. Damit ill man ten bemerken das und strö- tioniert. In der Turnhalle sol- Brennstoff, der zur Ener-
Mit der „Dahlbuschbom- graut noch lange nicht, das tödliche Gas aus dem Stol- men dorthin. Das Gebiet ird len die Leichen aufgebahrt gieerzeugung eingesetzt
be“ wurden die Überle- aber es steht bereits len bekommen. abgesperrt. erden. Der Zugang ur abge- wird. Sie ist ein bräunlich-
benden geborgen. fest: Mindestens 16 Bergleute 8 Uhr: 29 Tote urden in i- Ein Katastrophen-Touris- sperrten Schule ird on der schwarzes, oft lockeres Se-
sind tot. Ihre Leichen urden schen entdeckt. mus set t ein. Die Poli ei ap- Poli ei kontrolliert. dimentgestein, das durch
Da eitere Rettungsarbei- bereits gefunden, erden aber 11 Uhr: Die Vorbereitungen pelliert über den Rundfunk an 17 Uhr: Der erste Tote ird ge- Pflanzenreste entstand.
ten aussichtslos schienen, noch nicht geborgen. ur Bergung der Toten begin- die Menschen, die eiter an- borgen. Weitere folgen. Der Schwefelgehalt kann
urde das technische Ret- Denn unächst muss eiter nen. dauernden Rettungsarbeiten 18 Uhr: Die Identifi ierung der bis zu drei Prozent betra-
tungsgerät abgebaut und nach Überlebenden gesucht Während des gesamten Ta- nicht u behindern. Leichen beginnt. gen.
eggefahren. erden. Die Rettungsmann- ges sind die Gruben ehren Mittler eile urden 35 In der Turnhalle nehmen Hauptentstehungszeit
Einer der Hauer schlug schaften set en ihre fieberhaf- unter Tage. Sie erkunden ei- Tote entdeckt. Die Borkener die Hinterbliebenen Abschied. war das Tertiär. Wie bei
dagegen or, in einem te Suche fort. ter das Süd-, Ost- und Nord- Hauptschule ird um Treff- Ps chiater und Ps chologen der Steinkohle wurden
„Alter Mann“ genannten feld. Im Ostfeld erden Boh- punkt für Helfer, Angehörige beginnen mit ihrem Hilfspro- auch bei der Braunkohle
Gebiet nach eiteren Ver- 3.30 Uhr: Belüftungsbohrun- rungen begonnen. Journalis- und Hinterbliebene umfunk- gramm für die Trauernden. abgestorbene Bäume,
schütteten u suchen. Am Sträucher und Gräser von
3. No ember konnten Sedimenten überdeckt.

Geräusche
nach einer Bohrung über- Unter Druck entstand so in
raschend Lebens eichen einem geomechanischen
on eiteren Kumpeln Prozess Kohle.
empfangen erden, die Da Braunkohle erdge-

aus der Tiefe


in 58 Metern Tiefe einge- schichtlich jünger als
schlossen aren. Von 21 Steinkohle ist, unterschei-
Bergleuten, die sich nach det sie sich von dieser
dem Wassereinbruch u- deutlich: Sie hat einen hö-
nächst in den Stollen ret-
ten konnten, aren nur
Der dritte Tag: Die Hoffnungen sinken - heren Schwefelgehalt und
noch 11 am Leben. doch in 170 Metern Tiefe ist noch Luft ... eine gröbere, lockere
Grundmasse.
Die Bergung gelang mit Deutschland zählt nach

D
der so genannten Dahl- er dritte Tag bricht an ird im Ostfeld gebohrt, um wie vor zu den großen
buschbombe, einer Kap- und die Hoffnung auf die Grube u entlüften. Als Braunkohlegebieten (wie
sel, die in die Tiefe gelas- Überlebende des Un- man das Bohrgestänge über die USA, Russland, Grie-
sen urde. Unter Tage glücks sinkt. der Pfeilerstrecke 5 nach oben chenland und Australien).
half ein heruntergelasse- 10 Uhr: Bergamtschef Er in ieht, erden Geräusche ge- An der Stromerzeugung
ner Steiger den ge- Braun sagt: „Nach menschli- hört. Es scheint sich um Klopf- ist Braunkohle in Deutsch-
sch ächten Überleben- chem Ermessen kann es keine eichen u handeln. Sicher ist: land zu rund 25 Prozent
den beim Einstieg. Am Überlebenden mehr geben.“ Hier, ei Kilometer om E - beteiligt.
7. No ember erblickte der Die Hausbesuche on Mitar- plosionsort entfernt, befindet Bei der Verfeuerung
let te Gerettete um 14.2 beitern der Werksfürsorge be- sich in 17 Meter Tiefe nicht von Braunkohle entsteht
Uhr das Tageslicht. ginnen. Den Hinterbliebenen Gas, sondern Luft. das höchst klimaschädli-
Somit hatte die Katas- ird Geld übergeben, damit Plöt lich gibt es ieder che Kohlenstoffdi-
trophe 29 Menschenleben sie sich Trauerkleidung kau- Hoffnung: Haben doch noch oxid. (tho)
gefordert. (bli) fen können. Bergleute die Katastrophe Seit Tagen im Einsatz (von links): hr-Team Wolfgang Pfetzing (†),
22.30 Uhr: Seit 3 Stunden überlebt? Martin Steinhoff und Jörg Gücking Foto: Koch
Sonntagszeit spezial Samstag, 24. Mai 2 8
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Das Wunder von Stolzenbach


Der vierte Tag: Sechs Bergmänner werden am frühen Morgen doch noch lebend geborgen
Das Jahr
1988
VON FRANK THONICKE Hand s gab es noch nicht,
aber die DDR e istierte

E
s ist reiner Zufall, dass in noch. Helmut Kohl ar
dieser Nacht das Team schon sechs Jahre Kan ler
des Hessischen Rund- und hatte noch ehn ei-
funks mit dem bereits erstor- tere or sich - ein kur er
benen Wolfgang Pfet ing (Ka- Blick auf das Stol enbach-
mera), Martin Steinhoff (Re- Jahr 1988:
dakteur) und Jörg Gücking 18. Februar: Generalsek-
(Ton) genau an jener Stelle ist, retär Michail Gorbatschow
an der bei Suchbohrungen im betont, dass jeder so ialis-
Ostfeld der Zeche Klopfgeräu- tische Staat sein gesell-
sche gehört urden. schaftliches S stem frei
2.10 Uhr: Die Fernsehleute bie- ählen könne.
ten den Männern der Gruben- 16. Mär : Giftgasangriff
ehr an, ihr Richtmikrofon u der Luft affe on Iraks
benut en. Das hr-Team hört Diktator Saddam Hussein
tatsächlich Töne aus der Tiefe auf die Kurden und Ass -
- erklären kann man sich die rer in Halabdscha (et a
Geräusche unächst nicht. 5 Tote).
Aus Kassel trifft technische 14. April: In Genf ird ein
Verstärkung ein. An 7 Meter Abkommen geschlossen,
Kabel ersch indet ein hoch- das den Ab ug der so je-
empfindliches Mikrofon in tischen Truppen aus Af-
der Tiefe. Plöt lich sind Stim- ghanistan regelt.
men da. Sat fet en sind u hö- 8. Mai: Bei der Stich ahl
ren ie „... die haben ein Loch um das Amt
gebohrt“. (Sie können sich unter des fran ösi-
www.hna.de/go/blog einen Mit- schen Staats-
schnitt dieser S ene anhören.) präsidenten
4.21 Uhr: Was niemand mehr Die sechs Überlebenden von links: Heinz Röse, Wilfried Dönch, Helmut Gessner, Ahmet Batkan, Egon Dehn und Thomas Geppert. Es ist set t sich
u hoffen agte: Ein Rettungs- der 4. Juni 1988 und seit der Explosion sind mehr als 65 Stunden vergangen. Foto: Berger Amtsinha-
trupp findet unter Tage die ber François
sechs Überlebenden - über 6 pen auf Hochtouren, um die eine Art Luftblase gebildet hat- ner mehr für möglich gehalten die Bergmänner Thomas Gep- Mitterrand
Stunden sind seit der E plosi- noch immer in erschiedenen te. Als die Gruben ehr hatte: Als Erster der Einge- pert, Egon Dehn, Ahmet Bat- (Foto) mit 54 Pro ent der
on ergangen. Stollenabschnitten orhande- kommt, leuchten die einge- schlossenen ird Hein Röse kan, Helmut Gessner und Wil- Stimmen gegen seinen
Ob ohl kaum noch damit ne hohe Kon entration an töd- schlossenen Kumpel ihren mit einem Förderkorb ans Ta- fried Dönch. Diese sechs über- Mitbe erber, Premiermi-
gerechnet orden ar, Überle- lichem Kohlenmono id ab u- Rettern mit Taschenlampen geslicht gebracht. Seit der E - lebten, 51 Bergmänner starben nister Jacques Chirac,
bende bergen u können, a- bauen. entgegen. plosion sind 65 Stunden er- in der Grube Stol enbach. durch.
ren Rettungstrupps immer Die nun gefundenen Kum- Die Geretteten erden rund gangen. Ein Wetterschacht 8. Mai: Nach der orausge-
ieder in die Grube gegangen. pel aren noch am Leben, ei Kilometer bis u dem ar ur behelfsmäßigen För- Kumpel und Retter fallen gangenen Barschel-Affäre
In der Nacht stießen mehrere eil sie sich in eine Strecke Wetterschacht gebracht, über deranlage umgebaut orden. sich in die Arme. Die Angehö- ge innen die So ialde-
Trupps in den nördlichen Gru- urückge ogen hatten, in die den sie schließlich ans Tages- Nacheinander und ein eln rigen eilen ur Grube. Tränen mokraten bei den Land-
benbereich or. Zugleich liefen das tödliche Gas nicht ordrin- licht gelangen. kommen auch die Anderen fließen. Das „Wunder on tags ahlen in Schles ig-
über Tage die Belüftungspum- gen konnte, eil sich dort 5.35 Uhr: Es geschieht, as kei- nach oben. Es sind neben Röse Stol enbach“ ist geschehen. Holstein die absolute
Mehrheit der Mandate.
Björn Engholm bildet die

So manches
Regierung in Kiel.
18. Mai: Bayer Leverkusen
ge innt im Elfmeter-
schießen den Uefa-Cup
gegen Espan ol Barcelo-

ist verblasst
na.
25. Juni: Die Niederländi-
sche Fußballnational-
mannschaft ge innt
durch ein 2: über die
UdSSR die Fußballeuropa-
Wilfried Dönch ist einer der sechs meisterschaft in Deutsch-
Überlebenden des Stolzenbach-Unglücks land.
3. Juli: Über dem Persi-
VON OLAF DELLIT der Tiefe befreit urden. An- schen Golf ird ein Air-
fangs herrschte pure Freude, bus der Iran Air ersehent-

I
mmer ieder. Dieselben erinnert er sich. Die sechs lich durch die USS Vin-
Fragen, dieselbe Geschich- ussten nicht, as geschehen cennes abgeschossen. 29
te. Wilfried Dönch muss ar, ussten nichts on den Tote.
immer ieder er ählen, ie Toten. Dies dämmerte ihm 16. August: Gladbecker
es damals ar, als er aus der um ersten Mal, als er sich Geiseldrama. Z ei orbe-
Grube Stol enbach gerettet kur nach der Rettung nach ei- strafte Bankräuber neh-
urde, als einer on sechs nem Kollegen erkundigte: „Da men nach ihrem Überfall
Überlebenden. Neulich urde ar nur Kopfschütteln und auf die Deutsche Bank in
er sogar gefragt, ob er mit in Tränen in den Augen.“ Bild oben: Er will kein Star sein: Wilfried Dönch ist einer von sechs Gladbeck (NRW) mehr-
die Schule kommen ürde. Überlebenden des Grubenunglücks. Unser Bild entstand am Bor- fach Geiseln und fliehen.
Das Grubenunglück ar Un- kener Badesee Stockelache. Be or sie nach mehreren
terrichtsthema. „Warum habe ich über- Bild links: Wilfried Dönch im Kleinbus des DRK. Die sechs Überle-
„Ich habe dich im Fernse- lebt und warum der benden wurden zusammen vom Bergwerksgelände in ein Kran-
hen gesehen“, bekam Wilfried Kollege nicht?“ kenhaus gebracht. Fotos: Dellit/Koch

Dönch früher oft u hören. Es WILFRIED DÖNCH


gefalle ihm aber gar nicht, ie Es dauerte Monate, bis er be- le angemeldet ge esen. Doch langsam erblassen: „Man hat
ein Star dargestellt u erden, griff, dass sich sein Leben und das klappte nicht. „Ich konnte heute Probleme, sich alles or-
sagt der 41-Jährige. Erst u hause, durch Luftbil- das der gan en Region für im- mich nicht kon entrieren“, ustellen: Wo stand elches
Die Zeit ist ja nicht stehen der im Fernsehen, urde dem mer erändern ürde. erklärt Dönch. Im Herbst nach Gebäude?“ Steigerstube, Ein-
geblieben an dem Tag, als damals 21-Jährigen das Aus- Schon or der Katastrophe dem Unglück urde ein Ar- gang, Kantine - all das lasse
Dönch und seine Kollegen aus maß der Katastrophe be usst. ar er für die Technikerschu- beitskreis gebildet, es gab ps - sich nur noch erahnen. „Vie-
chologische Unterstüt ung. les ergisst man im Laufe der
„Es hat gut getan, u hören, Jahre“, sagt Dönch. Gladbecker Geiseldrama:
DOKUMENTATION dass andere dieselben Proble- Auch die Solidarität, die an- Bankräuber Dieter De-
me haben“, erinnert sich fangs in Borken herrschte, sei gowksi und Geisel Silke Bi-
„Dann denkt man langsam: Haben sie uns vergessen?“ Dönch. erblasst, hat Dönch beobach- schof. Die junge Frau ist
Wie die Tage des Eingeschlos- da haben wir gekloppt und ge- rechnen Sie mit nichts mehr ... Besonders eine Frage habe tet. „Wenn das Alltagsleben wenig später tot. Foto: dpa
senseins und die Rettung wa- macht, und da habt ihr uns ge- Wenn man da unten liegt, so die Überlebenden gequält: einkehrt, kommen auch Neid
ren, schilderte einer der Kum- hört ... ‘ne Weile, dann sieht man Lich- „Warum habe ich überlebt und Wut.“ Einige seien egen Tagen über ältigt er-
pel dem Reporter Martin Wir haben nur gedacht: Wenn ter, die gibt‘s gar nicht. Und und arum der Kollege der Entschädigungen neidisch den können, hat es drei
Steinhoff vom Hessischen kein Bohrer oder so drin ist, wenn dann Lichter kommen, nicht?“ Dönch hat für sich ge esen, un erständlich für Tote gegeben.
Rundfunk am 4. Juni. kommt das nicht oben an. Es die‘s wirklich gibt, wenn dann eine Ant ort gefunden: „Ich Dönch: „Was nüt t einem 28. August: Beim Flugtag
sind ja fast 200 Meter da hoch. auf einmal jemand um die Ecke glaube, das ist diese ge isse Geld und Gut, enn man on Ramstein (Rheinland-
Hier Auszüge: Aber durch das Mikrofon kommt, wo man tagelang da- Vorbestimmung im Leben.“ krank ist oder das Liebste im Pfal ) kollidierten drei
„Wir haben gehört, dass da scheint‘s ja doch funktioniert rauf hofft, das ist ... wir sind auf Dönch ging u AEG nach Leben erloren hat? Da sollte Flug euge. Eines stür t in
gebohrt worden ist. Ja, und zu haben. Das war auf jeden sie zugestürzt, und da haben Kassel, arbeitete dort als Be- sich jeder mal Gedanken ma- die Zuschauermenge. 7
gestern Nachmittag, da fing Fall beruhigend, wenn da ge- sie uns erst mal zurückge- triebsschlosser. Als er hörte, chen.“ Todesopfer.
irgendwo Wasser an zu lau- bohrt wurde, das hält einen schickt, weil wir in eine Gas- dass in Borken eine Stelle in Wilfried Dönch, der Über- 21. De ember: Aufgrund
fen. Da haben sie gebohrt immer aufrecht, wenn da oben wolke reinliefen. Und da haben der Stadt er altung frei ar, lebende on Stol enbach, er- einer Bombene plosion
und haben sie so'n bisschen was gemacht wird ... Und dann wir so Apparate umgehängt be arb er sich. Heute leitet er steht auch nicht, dass es man- an Bord stür te eine
Schlämme angebohrt, das war Ruhe bis heute Nacht, und gekriegt, so mit Sauerstoff, und den städtischen Bauhof, ist chen Frauen on Verstorbe- PanAm-Boeing über Lo-
kam dann runtergelaufen. das war anstrengend, weil dann sind wir schön langsam Maschinenbau-Meister. nen erübelt orden sei, ckerbie in Schottland ab.
Und da haben wir hochge- nichts mehr passierte da oben. nach vorn gelaufen. Und dann So hat er beruflich häufig enn sie neue Partner fan- Alle 259 Menschen an
guckt, das sah aus wie ein Dann denkt man langsam: Ha- haben sie uns getragen den an der Gedenkstätte in Stol- den: „Wie es im Her en aus- Bord so ie 11 Ein ohner
Rohr oder so wie‘n Loch. Und ben sie uns vergessen? Dann Rest der Strecke.“ (tho) enbach u tun und stellt fest, sieht, kann doch keiner se- Lockerbies sterben. (bli)
ie manche Erinnerungen hen.“
Samstag, 24. Mai 2 8 Sonntagszeit spezial
SZ-ZG4

Die Angehörigen zu
den Toten begleitet
Christel Heßler war erste Retterin am Unglücksort
- und kann den Tag bis heute nicht vergessen
VON OLAF DELLIT nicht. Am nächsten Morgen
hieß es, 57 Bergleute seien un-

E
s gibt ein Bild, das Chris- ter Tage eingeschlossen.
tel Heßler nie ergessen Für die, die draußen arte-
ird: das Grubengelän- ten, dauerte die Katastrophe
de in Stol enbach kur e Zeit noch Tage. Christel und Mat-
nach dem Unglück. Sch ar thias Heßler bekamen die Auf-
hat sie das Bild in Erinnerung. gabe uge iesen, die Angehö-
Sch ar und mit Menschen, rigen u begleiten, enn tote
die um Hilfe schrien. Bergleute geborgen orden
Nur ölf Minuten hatten aren. „Es ar hammerhart“,
Christel Heßler und ihr Bru- sagt Heßler, die damals 27 Jah-
der Matthias an diesem 1. Juni re alt ar. Sie holten die Ver-
1988 on Gombeth aus ge- andten der Toten uhause ab
braucht, nach dem alarmie- oder nahmen sie in der Sport-
renden Anruf. „Die Grube ist halle in Empfang, o die Lei-
in die Luft geflogen“, hatte chen lagen. Die Meisten hät-
eine Stol enbacherin gesagt. ten die Toten sehen ollen, er-
Die Nummer om pri aten innert sich die Retterin. Und
Rettungsdienst Heßler hatten sie ar immer mit dabei.
die Menschen im Kopf.
E plosion in der Grube? Un- Zuhause darüber geredet
möglich, glaubte man damals. An ps chologische Betreu-
Scharen von Journalisten eilten nach der Katastrophe ins kleine Örtchen Stolzenbach. Nicht immer ging es so ruhig und zivilisiert zu wie „Ich dachte, es äre ein Flug- ung für die Rettungskräfte
bei dieser kurzen Pressekonferenz mit Hessens Innenminister Gottfried Milde (CDU). Foto: Koch eugabstur “, er ählt Christel habe damals niemand ge-
Heßler. Doch die Grube ar dacht. „Wir haben uhause

Ohne jede Scham


irklich in die Luft geflogen, iel darüber geredet“, erinnert
über Borken stand ein großer, sich Christel Heßler. Und sie
sch ar er Pil . Die erfahre- sammelte Artikel aus Zeitun-
nen Retter nahmen einen Ver- gen und Zeitschriften. Sie hat

Die Katastrophe wurde zum medialen Großereignis - eine persönliche Erinnerung


VON FRANK THONICKE Wir aren so iemlich die die Kollegen der Boule ard- schrie „Ihr Sch eine“, und ein
ersten Journalisten, die am presse. Backstein flog Richtung Jour-

M
eine persönliche Bor- Unglücksort eintrafen. Es sah Informationen, das hieß or nalisten. Doch mit Steinen lie-
ken-Geschichte be- schrecklich aus. Der Eingang allem Fotos der ermissten ßen sich derlei Aus üchse
gann schon ein halbes um Stollen ar u einem rie- und toten Kumpel u bekom- nicht eindämmen. Hessischer
Jahr or der Katastrophe. Im sigen sch ar en Loch ge or- men. Geld, iel Geld urde ge- Rundfunk und RTL bauten un-
No ember 1987 machten ir den, aus dem es qualmte. Ich boten, und manchen Reporter terdessen auf dem Gelände
eine Reportage über die Men- erde das Bild nie ergessen, schien bei der Informationsbe- riesige Sendemasten auf.
schen bei der Preag. Der An- ie die Männer der Gruben- schaffung alles recht und bil-
lass: 1993 sollte endgültig ehr langsam, mit schleppen- lig u sein: Da erkleidete Kameras als Waffen
Schluss sein mit dem Kraft- den Schritten und hängenden man sich als Pfarrer, um in die Der Kannibale und alle ähn-
erk Borken, und damit äre Schultern aus diesem Loch he- Familien und an entsprechen- lichen medialen Großereignis-
auch der Braunkohletagebau rauskamen. Sie hatten Schut - de Bilder u kommen. se aren damals noch eit
am Ende ge esen. kleidung an und Atemgeräte Jede Be egung auf dem eg. Und so ar Stol enbach
Ich schrieb damals: „Nach gegen das tödliche Gas um. Es Grubengelände löste ein Blit - ielleicht auch die erste multi-
dem Montangeset kann je- sah aus, als ären sie dem gie- lichtge itter aus. Eine Presse- mediale Sensation, die in der
der, der 25 Jahre im Bergbau rigen Schlund der Hölle ent- konferen fand unmittelbar Pro in spielte. Mit einem
ar und 5 Jahre alt ist, Vorru- kommen. Als sie die lebensret- or dem Zelt statt, in dem Ver- Schlag ar die so genannte
hestandsgeld kassieren. Das tende Vermummung ableg- let te ersorgt urden. Star- Weltpresse in eine Gegend
erden die meisten Kumpel, ten, sah man Erschöpfung, eingefallen, um die sich nor-
die ur Zeit noch die Braun- Ver eiflung und Hoffnungs- maler eise niemand scherte.
kohle in Borken brechen, er-
reichen.“
losigkeit in ihren erschmut -
ten Gesichtern.
Unser Autor Helfer, trauernde Hinterblie-
bene und hoffende Angehöri- Alle haben berichtet: Christel Heßler hat Artikel über das
Was ich und niemand ahn- Frank Thonicke (53), in Ber- ge urden ur gejagten Beute. Grubenunglück gesammelt. Foto: Dellit
te: 51 Kumpel sollten genau Meiser per Hubschrauber Die Waffen aren die Teleob-
lin geboren, arbeitet seit let ten auf und fuhren ihn sogar einmal begonnen, die
das nicht erreichen. Sie star- Es ging chaotisch u in den Ende 1979 für unsere Zei- jekti e der Kameras.
ben unter Tage, beim größten ersten Stunden nach der E - Es dauerte, bis man bei der nach Frit lar ins Kranken- Ausschnitte u sortieren und
tung. Er ist haus. auf ukleben. Doch sie habe
Unglück, das den Braunkohle- plosion. Immer mehr Journa- verheiratet Zechenleitung diesen Jagds e-
bergbau in Deutschland je listen kamen nach Borken. nen Einhalt gebieten konnte. So, dachte Christel Heßler, bald ieder aufhören müssen,
und hat zwei ürde es eitergehen: Ver- die Erinnerung habe u sehr
ereilte. Die Kunde on einem Berg- Kinder. Vor Für direkt Betroffene urden
Es muss kalt ge esen sein erksunglück, das spätestens spe ielle Räume eingerichtet, let te ersorgen, in die Kran- geschmer t.
zwei Jahren kenhäuser bringen, helfen. „Wir kannten sie ja alle“,
in jenen tragischen ersten Ju- nach dem Wunder on Lenge- erhielt Thoni- in denen sie or Journalisten
nitagen 1988. Ich erinnere de mit M then beset t ist, hat- geschüt t aren. Doch unächst konnten sie sagt Christel Heßler über die
cke den nicht iel tun, außer Tragen Opfer. Den Bergmann, der die
mich daran, dass ich unserem te schnell die Runde gemacht. Wächterpreis Dort aren sie auch sicher
Fotografen Lothar Koch, der Die Reporter kamen aus gan or den gaffenden Blicken der u bringen und Zelte auf u- Schicht egen eines Fußball-
der deutschen Tagespresse bauen. „Und dann ging das spiels getauscht hatte; die bei-
die ersten Unglückstage in Deutschland. Hans Meiser, da- für seine Berichterstattung ielen Schaulustigen. Auch
Borken rund um die Uhr aus- mals in der RTL-Nachrichten- das ar Borken - das erste Un- Warten los“, sagt Christel den türkischen Brüder, die
über die unzulässige Ver- Heßler. nur ausnahms eise gemein-
harrte, um ja nichts u erpas- redaktion, sch ebte per Hub- quickung von dienstlichen glück, u dem ein regelrechter
sen, arme Kleidungsstücke schrauber ein. Last agen Katastrophentourismus ein- sam in einer Schicht arbeite-
und privaten Interessen bei Neue Gerüchte ten; den jungen Mann, der ei-
mitbringen musste. karrten die Sendetechnik an, hr-Sportchef Jürgen Emig. set te.
Als ir on Kassel über die A die flugs aufgebaut urde. HNA-Chefredakteur Lothar Eine Stunde nach der Katas- nen Tag später einen neuen
49 das erste Mal um Ort der Wohnmobile aren eine Art Or echo ski schrieb damals trophe aren die ersten Ange- Job anfangen ollte - beim
Katastrophe fuhren, ussten Feldküche, in der Kollegen für in seinem Kommentar: „Was hörigen an der Grube. Heßlers Rettungsdienst Heßler.
ir noch nichts om Ausmaß Kollegen Kaffee kochten. tende und landende Hub- sich danach draußen abspiel- betreuten sie, aren einfach Erst ehn Jahre nach dem
des Unglücks. Eine riesige Das alles ar damals noch schrauber übertönten jedes te, hatte erschütternde und da, arteten mit ihnen. Im- Unglück schaffte es Christel
Rauch olke stehe über der Ze- neu. Die Mediengesellschaft Wort. Z ischen Poli isten und leider auch groteske Züge. Das mer neue Gerüchte sch irr- Heßler, die Gedenkstätte in
che, hatte es unächst gehei- mit ihren pri aten Fernseh- Journalisten kam es u einem Unglück urde umgehend ten umher, erinnert sich Stol enbach u besuchen. Ver-
ßen. Es hatte eine E plosion sendern steckte noch in den Handgemenge. um Spektakel. Was bloß, so Christel Heßler, doch echte In- gessen könne sie die Tage des
gegeben, so iel ussten ir. Kinderschuhen. Die Pri aten Eine Frau, ermutlich eine muss man fragen, macht uns formationen gab es nicht. Die Unglücks nie. Diese Tage und
Wie schlimm es irklich ar, taten alles, um an Informatio- Angehörige, hielt die Belage- so schamlos neugierig auf das Ausmaße des Unglücks ließen das Bild on der Grube, gan
ahnten ir noch nicht. nen u kommen, ebenso ie rung nicht mehr aus. Sie Unglück der anderen?“ sich nicht erahnen. Noch in Sch ar .

Selbstretter: Aktivkohle-Filtergeräte Trauer und Verzweiflung: Ange- Zerstört: Betonbrocken flogen durch die
konnten einen Mann für zirka eine Stunde Hoffen und Bangen: Kumpel aus Stolzenbach warten auf Nach- hörige der Kumpel am Rande Wucht der Explosion bis zu 100 m weit und
mit Sauerstoff versorgen. Archivfotos: Koch richten aus der Unglücksgrube. der Anlage. trafen auch eine Hütte beim Grubeneingang.
Sonntagszeit spezial Samstag, 24. Mai 2 8
SZ-ZG5

„Warum? Eine Antwort gibt es nicht“


Pfarrer Siegfried Krückeberg, vor 20 Jahren Pfarrer in Borken, im Interview über die Katastrophe und ihre Bewältigung
VON OLAF DELLIT

P
farrer Siegfried Krücke-
berg ar in den Tagen
der Katastrophe on Stol-
enbach Pfarrer in Borken.
Wir sprachen mit ihm über
diese Zeit, über die Belastun-
gen und die Arbeit mit den An-
gehörigen.

Wenn Sie an das Unglück


von Stolzenbach denken, wel-
ches Bild kommt Ihnen als Ers-
tes in den Sinn?
SIEGFRIED KRÜCKEBERG: Mir
kommt die Turnhalle in den
Sinn, in der die Leichen aufge-
bahrt urden, und in der die
Angehörigen Abschied on
den Toten nehmen konnten.
Das eite Bild ist die Situa-
tion um die Grube herum, o
ein großer Rummel herrschte,
mit der Presse, den Kamera a-
gen und so eiter. Auch iele
Angehörige aren nach Stol-
enbach gekommen, und na-
türlich die Angestellten der
Grube.
Als Pfarrer hatten Sie eine
besondere Rolle. Wie haben
Sie das erlebt?
KRÜCKEBERG: Ich ar an diesem
Tag unter egs ge esen und
kam nachhause. Ich hörte
meinen Anrufbeant orter ab.
Die Stimme unseres damali- In Trauer vereint: Angehörige der Kumpel von Stolzenbach. Hinten links: Liselotte Funcke (FDP), damals Ausländerbeauftragte der Bundesregierung. Foto: Koch
gen Bischofs Dr. Hans-Gernot
Jung ar drauf. Er sagte, er nur sagen: Wir können ersu- Verschütteten. Als dann der die die Idee hatten, das Mikro- holfen und uns auch mal in schen Gemeinde in der Borke-
habe on dem Unglück in Stol- chen, das gemeinsam mit euch Berg erksdirektor Lohr die fon in den Schacht herab ulas- den Arm genommen haben. ner Stadtkirche.
enbach gehört. aus uhalten. Und das ar auch Namen der Toten orlas, habe sen. Das Wort Wunder ist ein Eine gute Erfahrung ar Das ar eine sehr starke Er-
Da habe ich sofort bei der unsere De ise. Wir aren ja ge- ich gebetet: Psalm 23 und das Ausdruck großer Dankbar- auch die gemeinsame Trauer- fahrung, dass das möglich
Preußen Elektra angerufen, nauso erschüttert ie alle an- Vaterunser. keit, auch gegenüber Gott. So feier mit der türkisch-islami- ar.
um mehr u erfahren. Dort deren, die Angehörigen, die habe ich es empfunden.
ar man unächst sehr u-
rückhaltend. Wir Pfarrerkolle-
Kollegen und Freunde der er-
schütteten Bergleute.
Als dann die sechs überle-
benden Bergleute gerettet Ist der 1. Juni 2008, 20 Jahre
Zur Person
gen haben uns dann beraten Die Frage nach dem „Wa- wurden, sprach man vom Wun- nach dem Unglück, für Sie ein
Dr. Siegfried Krückeberg (50) ist
und beschlossen, nach Stol- rum“ urde natürlich immer der von Stolzenbach. Ist der Be- bedeutsamer Tag?
Beauftragter der Evangelischen
enbach u fahren, um unsere ieder gestellt, aber man griff Wunder aus Ihrer Sicht KRÜCKEBERG: Ich denke jedes
Kirche von Kurhessen-Waldeck
Hilfe an ubieten. eiß eigentlich, dass das nicht richtig? Jahr daran urück. Der 1. Juni
für den privaten Hörfunk. Der
eiterführt. Wir aren ein- KRÜCKEBERG: Ein Wunder ist ja ird für mich immer ein ein-
evangelische Theologe ist ver-
Sicherlich wurden Sie häufig fach da und haben den Ange- et as Subjekti es. Für mich schneidendes Datum bleiben.
heiratet und lebt in Frankfurt.
mit der Frage nach dem „Wa- hörigen gesagt: Wenn ihr uns ar es underbar, ie um das Die Begleitung der Betroffe-
rum“ konfrontiert. Was haben braucht, könnt ihr uns anspre- Leben der Verschütteten ge- nen hat sehr iel Kraft gekos-
Krückeberg war während des
Sie geantwortet? chen. Tag und Nacht haben kämpft urde. Es ar ein Ver- tet, aber es ar auch eine gute
Stolzenbacher Unglücks Pfarrer
KRÜCKEBERG: Eine Ant ort da- ir usammen ge artet und dienst der Rettungsmann- Erfahrung, dass ir uns im
in Borken. (ode) Foto: privat
rauf gibt es nicht. Man kann gehofft, auf die Rettung der schaften und der Menschen, Kollegenkreis gegenseitig ge-

Das ging unter die Haut


Gerd Haug war in den Tagen der Katastrophe Direktor des Borkener Kraftwerks
VON OLAF DELLIT chen traf sich die Runde da- Helfer. Im Kraft erk bauten nert sich noch genau an „die
mals. seine Männer eine Rettungs- große Freude der Angehörigen

B
raunkohle hat einen Irgend ann erreichte Lohr bombe, die später in den Wet- und die Enttäuschung derjeni-
Wasseranteil on bis u ein Anruf, es ar on einer E - terschacht, der für Atemluft gen, deren Männer und Söhne
5 Pro ent. Eine E plosi- plosion die Rede. Vielleicht unter Tage sorgte, eingelassen nicht dabei aren“.
on? Ausgeschlossen. Das dach- ein e plodierter Lüfter, dachte urde. Leider ergeblich. Für Gerd Haug begann die
te bis 1988 auch Gerd Haug. Er man, denn, ie gesagt, Braun- Auch das Kraft erk lief ei- schlimmste Aufgabe in der
kannte sich aus mit Kohle, kohle konnte nicht e plodie- ter, lediglich einer on drei Zeit danach. Er ar einer der
denn er ar damals auf sie an- ren. Lohr fuhr los und meldete Blöcken urde om Net ge- Preag-Verant ortlichen, die
ge iesen. Haug ar im Jahr sich später. Die Katastrophe nommen. die Hinterbliebenen der Kata-
der Katastrophe Chef des Bor- ar eingetreten. In all der Zeit kamen immer strophe besuchten, um ihnen
kener Kohlekraft erks. Haug half dabei, das Gru- ieder schlechte Nachrichten ihr Beileid aus udrücken. Die
An diesem 1. Juni saßen ier bengelände, so gut ie mög- aus der Tiefe: „Es urde ein gan e Trauer, das gan e Lei-
Männer u einem Arbeitses- lich, ab usichern, gegen den Toter nach dem anderen ge- den: „Das ging irklich unter
sen usammen, die in Borken Ansturm on Schaulustigen funden.“ Und dann kam der die Haut.“
iel Einfluss hatten: Bürger- und Medien. Vor allem die Moment, der gan kur einen Haug besucht regelmäßig
meister Bernd Heßler, Berg- Einsat entrale und die Ange- Funken Hoffnung in die Trau- die Gedenkfeiern für Stol en-
bauchef Walter Lohr, der kauf- hörigen mussten abgeschottet er brachte: die Rettung der bach. Wichtig ist ihm, dass die
männische Leiter, Hein Ha- erden, erinnert sich der heu- sechs Bergleute. „In diesem Erinnerung achgehalten
mann, und Gerd Haug. In To- te 73-Jährige. Moment hat man die Tragik ird an die Geschichte der
Er war Kraftwerksdirektor: Gerd Haug vor einer alten Lore, einem denhausen ar das, erinnert Er organisierte unter ande- ergessen“, sagt Haug. Doch Stadt. Deshalb set te er sich
Erinnerungsstück aus dem Borkener Bergbau. Foto: Dellit sich Haug, et a alle ier Wo- der ährte nur kur , er erin- für das Bergbaumuseum ein.
rem die Verpflegung für die

Mit dem Schrecken davongekommen:


Otto Kraft machte während der Explosion Die Rettungskapsel: Helfer der Grubenwehr befesti-
Pause über Tage und überlebte so das Un- gen sie am Haken eines Krans, um die Überleben- Nach dem Unglück: Angehörige und Kumpel bangen um
glück. Archivfotos: Koch den aus der Grube zu bergen. Bohrung zum Entlüften der Grube. die verschütteten Bergleute.
Samstag, 24. Mai 2 8 Sonntagszeit spezial
SZ-ZG6

Geschichte
des Bergbaus
in der Region
In der Trauer vereint
Das Grubenunglück lieferte Erkenntnisse auch für andere Opfer, sagt Psychotherapeut Schüffel

T
ief im Erdreich
Nordhessens liegen VON FRANK THONICKE
Schät e ergraben:

W
Braunkohle und Kalisal enn Prof. Wolfram
in ge altigen Mengen, Schüffel (69) an Stol-
Kupferschiefer, Sch er- enbach denkt, sieht
spat, Eisen, Ton und Ba- er Menschen, die usammen-
salt. Bei Korbach soll so- arbeiten, sich unterstüt en,
gar bis heute mit einer helfen, Trost spenden. Er sieht
Tonne Gold die größte La- türkische und deutsche Fami-
gerstätte Deutschlands lien, die in der Trauer nicht
schlummern. getrennt, sondern ereint a-
Über Jahrhunderte hin- ren.
eg on Bergleuten aus Die „Grauen Wölfe“, die mi-
den Tiefen gekrat t, lie- litante, rechtse treme Organi-
ferten die Bodenschät e sation der Türken, hatte da-
an der Oberfläche den mals e tra egen Stol enbach
Treibstoff für Industrie ihre Zentrale eit eise in Kas-
und Arbeitsplät e, trugen sel. Man ollte dokumentie-
u Wohlstand und Ener- ren, dass Türken on deut-
gie ersorgung bei. schen Unternehmen ausge-
beutet, ja erhei t ürden.
Das misslang gründlich. Tür-
ken und Deutschen in Borken
ließen sich nicht auseinander-
di idieren.
Insofern ar die Be älti-
gung des Unglücks on Stol-
enbach orbildhaft, sagt Prof.
Schüffel. Der frühere Chef der
Ps chosomatik an der Unikli-
nik Marburg ar der Koordi-
nator eines bis dahin beispiel-
losen Hilfsprogramms: Der
Stol enbachhilfe. Trauerfeier für die Opfer: Die Särge der türkischen Toten waren mit Nationalfahnen bedeckt. Foto: Koch

Intensive Betreuung ganisierte, entrale Hilfe auf Sch eißausbrüchen und als er seinen Vater in der Gru-
Drei Jahre lang betreuten drei Jahre beschränkt ar, Schlaflosigkeit. be Stol enbach erlor. In den
Schwere Arbeit unter Geistliche, Ps chologen, gibt es auch heute keine Sta- Dass Stol enbach diese ersten Jahren nach der Kata-
Tage: Seit Jahrhunderten Werksfürsorger, Betriebsräte tistiken, as aus den Betroffe- Krankheit ins Be usstsein der strophe ar der Junge häufig
holen Bergleute in Nord- so ie Frauen und Männer der nen ge orden ist. Öffentlichkeit beförderte, fin- u Gast bei Professor Schüffel.
hessen Bodenschätze aus Preag die Opfer des Unglücks: Nicht nur der Zusammen- det Professor Schüffel im Man unterhielt sich, und
dem Untergrund. die Hinterbliebenen, die Über- halt der Türken und Deut- Rückblick erstaunlich und be- manchmal maß man sich um
lebenden, Kollegen und Helfer schen nach der Katastrophe merkens ert. „Wir Deut- Zeit ertreib im Armdrücken.
Wirtschaftlich bedeut- der ersten Stunden, Tage und ar bemerkens ert. In Stol- schen sind schließlich seit Dann sagte der Junge, dass er
sam ist nur noch der Kali- Wochen. enbach urde ielfach Neu- dem Weltkrieg ein traumati- das gerne mit seinem Vater ge-
Abbau zwischen Werra und Klar ar on Anfang an: Die land betreten: Zum ersten Mal siertes Volk“, sagt er. Doch macht hätte.
Fulda. Das Re ier im hes- Stol enbachhilfe sollte auf gab es ein Spektakel der Mas- erst nach Stol enbach sei auf 1998, ehn Jahre nach dem
sisch-thüringischen drei Jahre beschränkt sein. senmedien, das die Poli ei auf dem Gebiet hier ulande - an- Unglück, erkundigten ir uns
Gren gebiet bietet heute Schüffel: „Nach diesen drei den Plan rief. ders als im Ausland - s stema- bei, as denn aus dem kleinen
42 Menschen Arbeit, Jahren aren die Betroffenen Und um ersten Mal gab es tisch geforscht orden. Türken ge orden sei. Er sei
die in einem Stollens s- keine Opfer mehr“. Sie ur- in Deutschland Hilfe für Men- ein kräftiger junger Mann ge-
tem on der Größe Mün- den teil eise aber eiter be- schen, die unter einer „post- Er geht seinen Weg orden, „der seinen Weg
chens das or 25 Millio- treut. In ambulanten Pra en, traumatischen Belastungsstö- In den Genuss der Erkennt- geht“, sagte Schüffel damals. Prof. Wolfram Schüffel leitete
nen Jahren entstandene an der Uniklinik Marburg. Aus rung“ oder dem „Katastro- nisse kommen jet t alle Opfer Der Wissenschaftler sollte von 1976 bis 2005 die Psycho-
Kali ur Düngemittelge- Opfern mit Sonderbetreuung phens ndrom“ litten. Das ist on Katastrophen. Denn nicht Recht behalten. Heute ist aus somatische Klinik des Zen-
innung abbauen. aren normale Patienten des unter anderem gekenn eich- alle überstehen ein so drama- dem Jungen ein Mann ge or- trums für Innere Medizin der
4 bis 5 Jahre lang deutschen Gesundheitss s- net durch Her rh thmusstö- tisches Unglück ie der kleine den, der an der Uni in Frank- Philipps-Universität Marburg
ar die nordhessische tems ge orden. Und da die or- rungen, Magenschmer en, Türke, der neun Jahre alt ar, furt So iologie studiert hat. Foto: Thonicke
Braunkohle ichtigster
heimischer Energieträ-

Der Mann mit dem einzigen Funktelefon


ger. In ischen ird sie
nicht mehr gebraucht. Im
Habichts ald bei Kassel
ar der geplante Tagebau
ebenso heftig umstritten Jürgen Hasheider war vor 20 Jahren als Landrat der oberste Katastrophenschützer
ie am Hohen Meißner.
Bürgerinitiati e kämpf- VON OLAF DELLIT erbraucht. Das Funktelefon Kritikern schon für ein Relikt teil, dass diese Anrufe nicht ten Zeugen hatte der Anruf,
ten für den Erhalt der urde on den Rettungskräf- der Vergangenheit gehalten ohne eiteres abgehört er- den der Landrat am Samstag

D
Landschaft und hatten Er- er 1. Juni 1988 ar für ten ständig benut t, on orden ar, so Hasheider. den konnten. der Unglück oche erhielt, so
folg: Im Habichts ald Landrat Jürgen Hashei- Hand ar damals noch keine Nun urden die Fernmelder Denn auch das sei on Bou- gegen 4 Uhr. Es ar die gute
schloss die Zeche Marie der (SPD) ein gan nor- Rede. gebraucht, sie ogen Telefon- le ardjournalisten gemacht Nachricht mitten in den dunk-
im Juli 1966, auf der Kalbe maler Mitt och, bis u dem Des egen kam auch der leitungen om Nordfeld der orden, et a der Funk er- len Tagen des Unglücks: Sechs
am Meißner ar 1974 mit Anruf kur or 13 Uhr. Schlim- Fernmelde ug der Feuer ehr Grube ur Einsat leitung. Das kehr der Feuer ehren, sagt Bergleute aren gefunden
dem Tagebau Schluss. In mes Unglück in Stol enbach, um Einsat , der u or on hatte unter anderem den Vor- Hasheider. Keine uner ünsch- orden, und sie lebten. Jürgen
Kaufungen hatten die Näheres noch nicht bekannt. Hasheider ar dabei, als die
Kumpel bis 1971 3,3 Mil- Hasheider set te als oberster Männer an die Oberfläche ka-
lionen Tonnen Braunkoh- Katastrophenschüt er alle He- men, urück ins Leben.
le gefördert. bel in Be egung.
Am Meißner, bei Bad Kur e Zeit später ar er am Rettung in aller Stille
Wildungen und Sontra so- Ort der Katastophe. „Es Es sei gut ge esen, dass die
ie in der Sch alm hat- herrschte Chaos, überall lagen Rettung in relati er Stille ge-
ten die Bergleute im Lie- Trümmer herum, Menschen schehen sei, er ählt der E -
gen Kupferschiefer aus rannten orientierungslos Landrat. Nach 65 Stunden in
den oft nur einen halben durch die Gegend“, erinnert der Tiefe, 65 Stunden mit der
Meter dicken Flö en ge- sich der heute 7 -Jährige. Die ständigen Angst, es könne
krat t. Das let te Berg- erste Aufgabe sei es ge esen, ieder et as passieren, hätte
erk schloss Anfang der et as Ordnung u schaffen Rummel den Überlebenden
6 er Jahre. und dafür u sorgen, dass die geschadet, ist er sicher und
Heute spielt der Berg- Rettungs ege frei aren. sagt über die undersame Ret-
bau außererhalb der Kali- Er habe eine Linie iehen tung: „Bei aller Betroffenheit
re iere kaum noch eine lassen, die um Beispiel on über die hohe Zahl der Opfer
Rolle. In Großalmerode Schaulustigen und Journalis- ar das ein Moment der Be-
holen noch fünf Kumpel ten nicht überschritten er- freiung.“
Ton aus der Erde, der - den durften. Auf die Arbeit der Am 1. Juni 2 8, 2 Jahre
eil besonders feuerfest - Rettungsdienste ist Hasheider nach dem Unglück, ill Jür-
elt eit begehrt ist. In heute noch stol . Bis auf ein gen Hasheider ieder in Bor-
Lindau-Lamerden ird paar kleinere Pannen habe das ken sein. Er möchte an der
noch Gips abgebaut, in alles gut geklappt. Trauerfeier teilnehmen, mit
Kassel ird Tuffstein für Hasheiders Auto urde eit- der der 51 Opfer gedacht ird,
die laufende Herkules-Sa- eise um Büro. Möglich ar die an jenem Mitt och umka-
nierung ge onnen. Zum das auch, eil der Landrat ein men.
Bau on Bahnstrecken Autotelefon hatte, im Jahr
und Autobahnen sind im 1988 eine echte Seltenheit. An • Jürgen Hasheider (70) war
Druseltal bei Kassel und die Kiste im Kofferraum erin- von 1984 bis 2002 Landrat im
bei Hessisch Lichtenau nert sich Hasheider gut, an ei- Schwalm-Eder-Kreis. Er ist ver-
noch einige Basaltbrüche nem Abend sei sogar die Auto- heiratet und hat zwei Kinder.
in Betrieb. (tom) batterie leer ge esen, so iel Die Katastrophe beschäftigt ihn immer noch: Jürgen Hasheider, damals Landrat des Schwalm-Eder- Heute lebt Hasheider in Bad
Strom hatte das C-Net -Gerät Kreises. Foto: Hornickel Hersfeld.
Sonntagszeit spezial Samstag, 24. Mai 2 8
S-ZG7

Geld für
die Kinder
der Opfer

D
irekt nach der Ka-
tastrophe urde
on der Preag die
Stolzenbachhilfe ins Le-
ben gerufen, die den Hin-
terbliebenen und Angehö-
rigen der Opfer mit finan-
iellen Leistungen unter
die Arme griff. Diese Hilfe
gibt es heute, 2 Jahre
nach dem Unglück, noch
immer.
Preag-Nachfolgerin
E.ON set te sie fort. Heute
heißt die Hilfe offi iell
„Hilfs erk Stol enbach
der E.ON-Energie AG“ mit
Sit in Hanno er.
In den 2 Jahren der
Stol enbachhilfe flossen
insgesamt 2,6 Millionen
Euro an die Hinterbliebe-
nen - und E.ON ahlt ei-
ter. Zur eit bekommen 28
Kinder, die in der Grube
on Stol enbach ihre Vä-
Aus Tagebaugruben wurden Seen: An der Stockelache kann heute gebadet und Tretboot gefahren werden - ein Paradies auch für Kinder. Unser Bild mit Mika Peter aus ter erloren, eine monat-
Baunatal entstand 2007. Foto: Markiewicz
liche Unterstüt ung on
je 153 Euro - früher aren

Die Chance nach der Katastrophe


es glatte 3 Mark.
Ge ahlt ird so lange,
bis die Kinder mit ihrer
Ausbildung fertig sind.
Damit erden die Zahlun-
gen, schät t Hilfs erk-Ge-
Angesichts des Grubenunglücks musste die Stadt Borken eine Strategie für die Zukunft finden schäftsführer Dieter
Schröder, in den Jahren
VON OLAF DELLIT 14 Arbeitsplät en. Zum Ver- Euro ermöglichen die Arbeit 2 1 bis 2 12 auslaufen.
gleich: Die Preußen Elektra des Museums. Das Hilfswerk Stolzen-

A
ls Bernd Heßler 1987 sorgte in Borken einst für • Stadtentwicklung: Borken bach ird es aber eiter
Bürgermeister on Bor- 22 Stellen. Heute set t Bor- set t darauf, den Ein elhandel geben. Denn aus der für
ken urde, aren die ken unter anderem auf Logis- in der Innenstadt u halten. die Hinterbliebenen der
Kassen oll. In den besten Zei- tik, Um elttechnologie und Aus dem Forschungsprojekt Gruben-Opfer gedachten
ten sorgten Kraft erk und Teile für VW. Stadt 2 3 , gefördert om Hilfsmaßnahme ist längst
Bergbau dafür, dass 2 Millio- • Tourismus: Borken hatte mit Bund, entstand der Z eck er- ein Werk ge orden, das
nen Mark (1 ,2 Mio. Euro) Ge- seinem Kraft erk und den band Sch alm-Eder-West, in auch für andere, in Not
erbesteuern in der Kasse rauchenden Schloten einmal dem Borken mit Bad Z esten, geratene Menschen da ist.
klingelten. Doch Heßler ar den Ruf als „Dreckschleuder“. Jesberg, Neuental und Wabern So kann jeder E.ON-Mitar-
nicht einmal ein Jahr im Amt, In ischen sind aus mehre- kooperiert. beiter, der ein finan ielles
als sich die Borkener Welt mit ren ehemaligen Tagebaugru- Problem mit so ialem
einem Schlag eränderte. ben Seen ge orden. Der Bor- Während längst eine Gene- oder gesundheitlichem
Natürlich sei eine Schlie- kener See dient dem Natur- ration herange achsen ist, Hintergrund hat, sich an
ßung des Kraft erks schon schut , an der Stockelache die den Bergbau in Borken das Hilfs erk enden
or der Katastrophe im Ge- kann man baden und Tretboot nicht mehr kennt, ersuchen und um Unterstüt ung
spräch ge esen, sagt Heßler. fahren, und am Singliser See neben dem Museum der Berg- bitten.
Doch das hätte noch iele Jah- sind Surfer und Aqua-Golfer manns erein und der Knap- Ge ahlt ird, um ein
re dauern können. Durch das unter egs. penchor, die Tradition hoch- Beispiel u nennen, enn
Unglück ging nun alles gan Der Gombether See füllt uhalten. Diejenigen, die den das Kind eines E.ON-Ange-
schnell. 1991 ar endgültig sich ur eit mit Wasser, ab 1. Juni 1988 in Borken be usst hörigen eine medi ini-
Schluss mit dem Bergbau und schät ungs eise 2 12 soll er erlebt haben, erden diesen sche Therapie unbedingt
mit dem Kraft erk. ein Re ier für Wassersportler Wendepunkt für die Stadt braucht, für die aber kei-
sein. ohl nie ergessen. Heßler ne Krankenkasse eintre-
Nach dem ersten Schock • Braunkohle-Bergbaumu- sagt: „Wir erden jeden Tag ten ill.
„In Borken gehen die Lich- seum: Zum Museum gehört an das Unglück erinnert.“ Über die Verteilung des
ter aus.“ Diese HNA-Schlag ei- eine klassische Ausstellung in Geldes, das E.ON ur Ver-
le itiert Heßler immer ieder der Innenstadt mit Besucher- fügung stellt, entscheidet
gern und er ählt dann, ie er
und die Ver altung die He-
stollen so ie der Themen-
park, ein Freilichtbereich.
Unser Autor ein Kuratorium, in dem
Geschäftsleitung und Be-
rausforderung annahmen, da- Dort stehen unter anderem triebsrat sit en. Im let -
Olaf Dellit (34), in Kassel gebo-
für u sorgen, dass genau das Das Licht ging nicht aus: Borkens Bürgermeister Bernd Heßler mit riesige Bagger und andere E - ten Jahr urde ehn Mal
einer alten Grubenlampe. ren, arbeitet
nicht passierte. Nach dem ers- Foto: Dellit ponate aus der Bergbau- und Hilfe ge ährt, die Sum-
seit 2000 für
ten Schock der Stol enbach- Energiegeschichte der Stadt. men be egten sich i-
unsere Zeitung.
Tragödie sei es bald um eine Tisch mit ier Sch erpunk- also eine Monostruktur, u 2 6 erhielt das Museum den schen 13 und 5
Dellit ist verhei-
neue Strategie gegangen. ten: set en. Seit dem Unglück sei- Museumspreis der Sparkasse Euro. (tho)
ratet und hat ei-
Im Jahr, als die Ära des • Neue Arbeitsplätze: Wichtig en in Borken 69 Betriebe ange- Hessen-Thüringen.
nen Sohn.
Kraft erks in Borken endete, ar den Planern, nicht ieder siedelt orden, sagt Bürger- Frei illige und ein Zu-
lag der Borken-Plan auf dem auf nur einen Industrie eig, meister Heßler, mit um die schuss on ur eit 2
STICHWORT
Gedenkfeier
Tipp
 
in Stolzenbach
Das Hessische Braunkohle- Eine Gedenkfeier zum
Bergbaumuseum befindet sich  20. Jahrestag des Gruben-
Am Rathaus 7 in 34582 Borken unglücks findet am 1. Juni
(Hessen). Vom ersten Sonntag

 
in Borken ab 15 Uhr im
vor Ostern bis zum 31. Oktober 
  Bürgerhaus statt.
ist das Museum Dienstag - Sams-
tag, 14 - 17 Uhr, und sonntags,
12 - 17 Uhr, geöffnet. Montags   HINWEIS
ist geschlossen. 
Sieben Seiten
Eine dokumentarische Sonder- zum Downloaden
ausstellung informiert anläss-  

lich des 20. Jahrestages über das   Unsere sieben Seiten zum
Grubenunglück. Sie wird am Gedenken an die Gruben-
1. Juni um 18.30 Uhr im Muse- katastrophe vor 20 Jahren
umsgebäude eröffnet und ist bis  
 kann auch als PDF-Datei
zum 3. August während der Öff- 
   aus unserem HNA-online-
nungszeiten des Museums zu Angebot heruntergeladen
besichtigen. Gruppen ab 15 Per- werden. Sie finden die Sei-
sonen können gesonderte Be- ten ab dem 26. Mai unter
sichtigungszeiten vereinbaren. 

www.hna.de/stolzenbach
Die Gedenkstätte Stolzenbach 
ist ständig öffentlich zugänglich.
Rosen an der Gedenkstätte: In Stolzenbach sind die Namen aller Kontakt: 0 56 82/ 8 08 - 271   
im Borkener Braunkohlebergbau umgekommenen Kumpel auf ei- www.braunkohle-bergbaumu-   
nem Metallring eingraviert. Foto: dpa seum.de