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Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt

SSG Vorderer Orient - Digitization on Demand

Proclus Arabus

Proclus <Diadochus>

Beirut, 1973

urn:nbn:de:gbv:3:5-90211
BEIRUTER TEXTE UND STUDIEN . BAND 10

PROCLUS ARABUS

ZWANZIG ABSCHNITTE AUS DER INSTITUTIO THEOLOGICA

IN ARABISCHER ÜBERSETZUNG

EINGELEITET, HERAUSGEGEBEN UND ERKLÄRT

VON

GERHARD ENDRESS

BEIRUT 1973

IN KOMMISSION BEI FRANZ STEINER VERLAG • WIESBADEN


BEIRUTER TEXTE UND STUDIEN

HERAUSGEGEBEN VOM

ORIENT-INSTITUT

DER DEUTSCHEN MORGENLÄNDISGHEN GESELLSCHAFT

1. Michel Jiha : Der arabische Dialekt von Bismizzin. Volkstümliche Texte aus
einem libanesischen Dorf mit Grundzügen der Laut- und Formenlehre. 1964.

XVII, 185 S. DM 14,—

2. Bernhard Lewin : Arabische Texte im Dialekt von Hama, mit Einleitung und

Glossar. 1966. *48*, 230 S. DM 16,—

3. Fritz Steppat : Tradition und Säkularismus im modernen ägyptischen Schulwesen

bis zum Jahre 1952. Ein Beitrag zur Geistes- und Sozialgeschichte des islamischen
Orients. {In Vorbereitung.)

4. cAbd al-GanI an-Näbulusi : At-tuhfa an-näbulusiya fl r-rihla at-taräbulusiya.

Hrsg. u. eingel. von Heribert Busse. 1971. 10 S. dt. Text, *34*, 133 S. arab. Text.
DM 16,—

5. Baber Johansen : Muhammad Husain Haikai. Europa und der Orient im Weltbild

eines ägyptischen Liberalen. 1967. XIX, 259 S. DM 18,—

6. Heribert Busse : Chalif und Großkönig. Die Buyiden im Iraq (945-1055). 1969.
XII, 610 S., 6 Tafeln, 2 Karten, DM 64,—

7. Josef van Ess: Traditionistische Polemik gegen cAmr b. °Ubaid. Zu einer Schrift
des CA1I b. c Umar ad-Däraqutnl. 1967. 74 S. dt. Text, 14 S. arab. Text, 2 Tafeln,
DM 12,—

8. Wolfhart Heinrichs : Arabische Dichtung und griechische Poetik. Häzim

al-Qartägannls Grundlegung der Poetik mit Hilfe aristotelischer Begriffe. 1969.


289 S. DM 24,—

9. Stefan Wild : Libanesische Orstnamen. {In Vorbereitung.)

10. Gerhard Endress : Proclus Arabus. Zwanzig Abschnitte aus der Institutio Theo-

logica in arabischer Übersetzung. 1973. 348 S. dt. Text, 90 S. arab. Text.

11. Josef van Ess: Frühe mu°tazilitische Häresiographie. Zwei Werke des Näsi D

al-Akbar (gest. 293 H.). 1971. XII, 185 S. dt. Text, 134 S. arab. Text. DM 34,—

12. Dorothea Duda : Innenarchitektur syrischer Stadthäuser des 16.-18. Jh. Die

Sammlung Henri Pharaon in Beirut. 1971. VI, 176 S., 88 Taf., 6 Farbtaf.,
DM 70,—

13. Werner Diem : Skizzen jemenitischer Dialekte. {In Vorbereitung.)

WEITERE VERÖFFENTLICHUNGEN DES ORIENT-INSTITUTS

Hellmut Ritter : Türöyo. Die Volkssprache der syrischen Christen des Tür
tabdin. A: Texte, Band I. 1967. *43*, 609 S. DM 68— Band II. 1969. *23*,
697 S. DM 68,— Band III. 1971. *26*, 704 S. DM 68,—

IN KOMMISSION BEI FRANZ STEINER VERLAG • WIESBADEN


J. *
t: ?
GERHARD ENDRESS

PROCLUS ARABUS
BEIRUTER TEXTE UND STUDIEN
HERAUSGEGEBEN VOM
ORIENT-INSTITUT
DER DEUTSCHEN MORGENLÄNDISCHEN GESELLSCHAFT

BAND 10
PROGLUS ARABUS

ZWANZIG ABSCHNITTE AUS DER INSTITUTIO THEOLOGICA

IN ARABISCHER ÜBERSETZUNG

EINGELEITET, HERAUSGEGEBEN UND ERKLÄRT

VON

GERHARD ENDRESS

BEIRUT 1973
IN KOMMISSION BEI FRANZ STEINER VERLAG • WIESBADEN
Orient-Institut
der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft
Beirut / Libanon, B.P. 2988

Gedruckt in der Imprimerie Catholique, Beirut


VORWORT

Im Jahre 1947 veröffentlichte c Abdarrahmän BadawI unter dem


Titel Aristü c ind al- c Arab „Aristoteles bei den Arabern" eine Reihe bis
dahin unbekannter Zeugnisse aristotelischer Philosophie in arabischer
Sprache, darunter eine Sammlung von zehn Abhandlungen des
Alexander von Aphrodisias aus einer Damaszener Handschrift. Acht
Jahre später (1955) erkannten B. Lewin ( Notes sur un texte de Proclus
en traduction arabe ) und S. Pines ( Une version arabe de trois propositions

de la 'Zzoiydaaic, SsoXoyixy) de Proclus) gleichzeitig in einer dieser Abhand¬


lungen drei propositiones aus der Institutio theologica des Neuplatonikers
Proklos. Pines ' Vermutung, dass hier nur ein Fragment einer umfang¬
reicheren Proklosüberlieferung erhalten sei, bestätigte sich bald.
Schon 1956 wies J. Finnegan ( Texte arabe du IIspl voö 160 Anm. 3) auf
die Istanbuler Handschrift Carullah 1279 hin, die F. Rosenthal [Front
Arabic books and manuscripts. V. 1955) insgesamt beschrieben hatte:
Sie enthalte — wieder neben Schriften Alexanders und unter dessen
Namen — weitere Auszüge aus der Institutio theologica in arabischer
Übersetzung. In der zweiten Auflage von E. R. Dodds ' Edition des
griechischen Textes (1963) gab S. Pines bekannt, dass er hier insgesamt
zwanzig Abschnitte aus Proklos' Werk ermitteln konnte ( Addenda S. 342).*
Eine Analyse des betreffenden Teiles der Handschrift lieferte jedoch
erst Josef van Ess im Jahre 1966: In seinem Beitrag Über einige neue
Fragmente des Alexander von Aphrodisias und des Proklos in arabischer Über¬

setzung identifizierte er die Vorlagen der Proklostexte und wies auf die
weiteren Probleme hin, die sich mit diesem Fund ergaben, dies vor allem
im Hinblick auf die andere arabische Proklosquelle, den sog. Liber de

* Wie mir Herr Professor Pines brieflich mitteilt, hat er auch vor dem 25. Inter¬
nationalen Orientalistenkongress (Moskau 1960) über diese Texte referiert; leider
wurde sein Vortrag in den Kongressakten nicht abgedruckt.
8 VORWORT

Causis. Eine Edition aller Texte stand aber bislang noch aus, ebenso
eine eingehende Untersuchung ihrer sprachlichen Form und der durch
sie vermittelten Interpretation der proklischen Philosophie.
Die hiermit vorgelegte Textedition beruht auf allen bekannten
Handschriften, welche mir erreichbar waren. Vorangestellt sind
eine kurze Beschreibung und Recensio der Textzeugen und eine Über¬
sicht über die Angaben der Tradition zu Autor und Übersetzer der Texte.
Eine deutsche Wiedergabe und die sie begleitenden Anmerkungen
sollen die Version auch dem Nichtarabisten zugänglich machen und
ihr Verhältnis zur griechischen Vorlage erläutern.
Von den weiteren Teilen meiner Arbeit ist der umfangreichste der
Sprache der Übersetzung gewidmet. Ihre Terminologie und ihr Stil
hatten zuerst mein Interesse geweckt: Bei dem Versuch, den Übersetzer
einer arabischen Version von Aristoteles' De Caelo zu bestimmen, war ich
auf eine Gruppe verwandter Übersetzungen gestossen, die im Bagdad der
ersten Hälfte des neunten Jahrhunderts entstanden sind; dazu gehörten
auch die Proklostexte. Wiederum sollen nun die Terminologie und
einige Eigentümlichkeiten des Stils und der Übersetzungstechnik, die für
diese Texte charakteristisch sind, mit Parallelen aus anderen Überset¬
zungen in einen grösseren Zusammenhang gestellt werden; nicht nur, um
die Frage nach dem Übersetzer zu klären, sondern auch, um die
Bedeutung einer Gruppe früher Übersetzer für die Schaffung einer
philosophischen Terminologie des Arabischen aufzuzeigen. Darüber
hinaus wird das Wortmaterial in zwei Glossaren erschlossen; besonders
ausführlich gehalten ist das arabisch-griechische Glossar, das daher
nicht nur als Lexikon, sondern auch als analytischer Sachindex der
Proklostexte dienen kann. Ein weiterer Abschnitt der Untersuchung
behandelt diejenigen Partien der Version, die keine oder eine stark
abweichende Vorlage im griechischen Proklostext haben. Diese Addi-
tamente und Interpretamente erläutern die Doktrin des Autors
nicht nur in dessen Sinne, sondern deuten und modifizieren sie z.T. in
einer bestimmten Tendenz. Soweit sich diese Tendenzen in anderen
griechischen und arabischen Quellen verfolgen lassen, erlauben sie einige
Rückschlüsse auf die Herkunft und Stellung der arabisch übersetzten
Texte. Ausserdem kann es für eine gerechte Beurteilung des arabischen
Neuplatonismus nicht gleichgültig sein, dass die Araber Proklos'
VORWORT 9

Philosophie nicht nur unter anderem Namen, sondern auch — und


dafür gibt es wiederum Parallelen in anderen Versionen neuplatonischer
Autoren — in einer eigentümlichen Bearbeitung kennenlernten. Auf
eines der frühesten Zeugnisse — Spuren der Version in der Prima phi-
losophia des Kindi — wird in einem Exkurs hingewiesen. — Welche
Werke des Proklos den Arabern insgesamt in Übersetzungen, Auszügen
und anderen Zeugnissen bekannt geworden sind, zeigt die einleitende
knappe Übersicht über den Proclus Arabus.

* * *

Mein Dank gebührt an erster Stelle meinem verehrten Lehrer,


Hern Professor Dr. Rudolf Sellheim (Frankfurt a.M.), dessen steter
Anteilnahme und Förderung ich besonders verpflichtet bin und dessen
Anregung und Kritik auch für die vorliegende Arbeit von grossem
Gewinn gewesen ist. Herr Dr. Stefan Wild , Direktor des Orient-In¬
stitutes der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft in Beirut, nahm
die Arbeit in die Reihe der «Beiruter Texte und Studien» auf (we¬
sentliche Teile sind während meines Referentenjahres 1969 am Beiruter
Institut entstanden); dafür und für alle in Rat und Tat gewährte Hilfe
sei ihm aufrichtig gedankt. Mein herzlicher Dank gilt schliesslich Herrn
Dr. Hans Hinrigh Biesterfeldt , Referent am Orient-Institut, der die
Drucklegung überwacht, die Korrekturen mitgelesen und dabei eine
Reihe willkommener Berichtigungen und Hinweise beigetragen hat. —
Der Imprimerie Catholique (Beirut) gebührt für die Ausführung des
schwierigen Satzes besondere Anerkennung.

Dem freundlichen Entgegenkommen vieler Seiten ist es zu verdan¬


ken, dass für die Herstellung des Textes und für die Untersuchung der
Überlieferungsgeschichte fast alle bisher bekannten Handschriften zur
Verfügung standen. Besonderen Dank möchte ich Herrn Professor Dr.
J. van Ess sagen, der mir seine Kopie der Carullah-Handschrift zur
Verfügung stellte, ebenso Herrn Professor Dr. H. Gätje , der mir Einblick
in seinen Abzug des Escurialensis gewährte; ferner Herrn Dr.
E. Neubauer , Herrn Professor Dr. H. R. Roemer und Herrn K.
Djahandari , die mir Filme der
Tehraner Handschriften besorgten,
sowie Herrn Professor Dr. F. Sezgin , der mir den Text der Handschrift
Ragip Pa§a zugänglich machte. Gern gedenke ich auch der Hilfs-
10 vorwort

bereitschaft von Dr. c Izzat Hasan , des Direktors der Zähiriya-Bibliothek


in Damaskus. Darüber hinaus danke ich den Leitern aller Bibliotheken,
die Mikrofilme ihrer Handschriften zur Verfügung stellten.

Die Arbeit wurde im Sommer 1971 der Philosophischen Fakultät


der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität zu Frankfurt am Main als
Habilitationsschrift eingereicht.
* * *

Genaue bibliographische Angaben zur zitierten Literatur bringt das


Verzeichnis am Schluss des deutschen Teiles.* Die abgekürzten Titel und
die Zitierweise der in Kapitel B herangezogenen Quellen werden S. 63-76
erläutert. Stellenangaben wie prop. 15:16.30 beziehen sich stets auf die
propositiones der Institutio theologica (Seite und Zeile der Edition von
E. R. Dodds ; in den Verweisungen
) auf die vorliegende Edition der
arabischen Version [Inst, theol. ar.) ist dagegen die Zeile in original¬
arabischen Ziffern angegeben (z.B. prop. 15 y). In den Vorbemerkungen
zum Text, zur deutschen Übersetzung und zu den Glossaren sind die
übrigen, dort verwendeten Zeichen und Konventionen erklärt.

* Zwei Neuerscheinungen konnten nur noch in den Anmerkungen Erwähnung


finden (s. S. 68 Anm. 1, S. 71 Anm. 3). Nicht mehr berücksichtigen konnte ich cA bdar-
rahmän B adawi, Commentaires sur Aristote perdus en grec et autres epttres (Beyrouth
1972) ; unter den Traktaten des Alexander von Aphrodisias, die dort nach der
Taskenter Handschrift (s. u. S. 38) ediert sind, finden sich auch die propositiones 1 -3
des Proklos (S. 24-26).
INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung: Proclus Arabus 13

1. In arabischen Versionen erhaltene Werke und Fragmente 15

1.1 Im griechischen Original erhaltene oder bezeugte


Schriften 15

1.2 In griechischer Überlieferung nicht bezeugte Schriften 26

2. In der arabischen Literatur bezeugte, nicht erhaltene


Werke 27

2.1 In griechischer Überlieferung erhalten oder bezeugt . . 27


2.2 Sonst unbekannte Titel 30

ZWANZIG ABSCHNITTE AUS DER INSTITUTIO THEOLOGICA

A Die Textüberlieferung 33

1. Die Textzeugen 33
1.1 Die Handschriften 33

1.2 Die Epitome des c Abdallatif al-Bagdädi 40


1.3 Recensio 43

2. Autor und Übersetzer der Proklostexte nach der

arabischen Überlieferung 51
•2.11 Autor und Titel in der handschriftlichen Überlie¬

ferung 51

2.12 Die Proklosübersetzung bei den arabischen Biblio¬

graphen 52

2.13 Zusammenfassung und Ergebnisse 55


2.2 Der Übersetzer der Proklostexte nach der hand¬

schriftlichen Überlieferung 58

B Die Sprache der Proklosversion und ihre Stellung in der

griechisch-arabischen Übersetzungsliteratur 62

0.1 Vorbemerkung 62

0.2 Verzeichnis der zum Vergleich herangezogenen


Texte 63

1. Zur Terminologie 76

2. Zu Übersetzungstechnik und Stil 153


12 INHALTSVERZEICHNIS

2.1 Zum Lexikon 155


2.11 Synonymenhäufungen 155
2.12 Negativkomposita 162
2.13 Periphrase der Verbaladjektive auf - to ? und
verwandte Hilfsverbkonstruktionen . 165
2.2 Zur Grammatik 169
2.3 Zur Phraseologie 171
3. Ergebnisse 185
G Additamente und Interpretamente der Übersetzung und
ihre Stellung in der spätantiken Philosophie 194
1. Ergänzende und erklärende Zusätze 195
2. Systematische Additamente und Interpretamente 201
2.1 Die Hierarchie des Seienden 202
2.2 Die Erste Ursache ist absolutes Eines, reines Sein,
höchste Potenz 213
2.3 Die Erste Ursache ist erster Nüs 217
2.4 Erste und zweite Ursache — erste und zweite
Materie 227
3. Zusammenfassung und Schluss 235
Exkurs: Spuren der Proklosübersetzung in der Prima philosophia
des Kindi 242
Deutsche Übersetzung und Kommentar 247
Literaturverzeichnis 295
Register 311
English summary 323
Glossare 329
Griechisch-arabisches Glossar 330
[Arabisch-griechisches Glossar] r"\
[Texte] i
[Arabische Einführung] j
EINLEITUNG
PROGLUS ARABUS

Proclus Diadochus (412-485 n. Chr.), „Nachfolger" Piatons auf


dem Lehrstuhl der Akademie, der grosse Systematiker der neupla-
tonischen Philosophie, ist durch arabische Übersetzungen und Bear¬
beitungen seiner Werke eine wichtige Quelle neuplatonischen Denkens
im Islam geworden. Namentlich bekannt gewesen ist er vor allem als
Verfechter der Ewigkeit der Welt, von der islamischen Philosophie als
Widersacher behandelt; Einfluss gewann er aber unter anderen Namen:
Unter dem des Aristoteles (gleich Plotin mit seinen Enneaden, deren
arabische Auszüge z.T. als „Theologie" des Ersten Lehrers der arabischen
Philosophie einhergehen), ja des Alexander von Aphrodisias. Als die
unmittelbare Verbindung zur spätantiken Schultradition abgerissen
war, blieb er daher kaum mehr als ein nomen bibliographischer
Kataloggelehrsamkeit.

Die Araber haben Proklos nur aus seinen Schriften kennengelernt.


Über sein Leben und Wirken wissen sie fast nichts zu berichten. Zwei
der arabischen Bio-Bibliographen widmen ihm einen Artikel: Ibn
an-Nadim (gest. 380/990) im Kitäb al-Fihrist, S. 252.12-23, und -—
weitgehend von diesem abhängig — al-Qifti (gest. 646/1248) in seinem
Tcfrix al-hukamä S. 89.1-16; ferner der Häresiograph as-Sahrastänl
(gest. 548/1153) im Kitäb al-Milal wan-nihal, S. 1025-1032. Die arabische
Form seines Namens ist meist Buruqlus 1 , aber auch Ubruqlus o.ä. 2
Der Ort seiner Herkunft heisst im Fihrist (252.13) Atätäriya, bei al-Qtfti

1 So bei Ibn an-Nadim 252.12, al-Qjfti 89.1, as-Sahrastänl 1025.2,8.


2 Ubruqlus z.B. in den Mss. der älteren Version von De Aet. mundi (s.u. 1.1 lb, S. 16)
und im Fragment der sog. „Kleinen Stoicheiosis" (s.u. 1.12c, S. 23); Ubruqlis in Ishäqs
Übersetzung von De Aet. mundi (s.u. S.15), vgl. Furuqlis in den Masä^il fl l-asijä D at-
tabfiya (Übersetzung Ishäqs, s.u. 1.21, S. 26).
14 einleitung

(89.3) Atätüla; vielleicht ist Attalia (heute Antalya) gemeint, das an


Proklos' lykische Heimat angrenzt. Al-Qifti berichtigt aber nach einer
Angabe des gelehrten Arztes Ibn Butlän: käna min ahl al-Lädiqiya. Die
ältere arabische Übersetzung von Proklos' De Aet. mundi (s.u. Nr.
1.11a) nennt den Autor gar at-Tarasüsi (Ms. Pertev Pasa 617, at-Taratüsi
Ms. Üniversite ar. 1458) „aus Tarsus"; wie es dazu kam, könnten die
entstellten Ortsnamen bei Ibn an-Nadim und al-Oifti erklären. Ibn
Butläns Angabe ist nicht weniger befremdlich: Wir wissen ja, dass
Proklos seiner Abkunft nach aus Xanthos in Lykien stammte, daher
auch „der Lykier" genannt wird (s. E. Zeller, Philos. d. Gr.
III 2.835 Anm. 2); doch lässt sich Latakia (Laodicea) wiederum als
Verschreibung aus Lykia ableiten.

Aus dem ersten Buch von Johannes Philoponos' Contra Proclum (s.u. Nr. 1.11, S. 15)
will ein Glossator des Fihrist wissen, dass Proklos in der Zeit Diokletians (reg. 284-305)
„des Ägypters" ( al-Qubti ) lebte ( Fihrist 252.13 [= al-Qiftl 89.5-6], noch am Rande
in Ms. §ehit Ali Pa§a 1934: vgl. Dodge, The Fihrist, 2.607 Anm. 142). Er (oder ein
anderer) präzisiert dann: bal c alä ra°s talätimVa min mulkihi, hädä sahih {Fihrist 252.\2>,
nicht bei al-Qiftl); aber in Wahrheit lebte Proklos 412-485, also unter Theodosius II.
und dessen Nachfolgern. Philoponos hatte in dem hier herangezogenen Passus
(griechisch nicht erhalten) Proklos' Lebenszeit nach der diokletianischen Ära (der
koptischen „Ära der Märtyrer") 3 datiert; doch nur der Name des Kaisers ist in der
arabischen Überlieferung bewahrt. —• Zu den Glossen und Korruptelen im Fihrist- Text
vgl. auch R. Sellheim: Die Gelehrtenbiographiendes Abü °Ubaidalläh al-Marzubärii I
(1964), S. 21f.; zum Todesjahr des Autors s. dens.: Das Todesdatum des Ibn an-Nadim,
in: Israel Oriental Studies. 2 [= Gedenkschrift f. S. M. Stern], Tel Aviv 1972.)

Es folgt eine kurze Übersicht über die Schriften des Proklos, die den
Arabern bekannt geworden sind. 4 Die griechischen Originaltitel sind
zitiert nach Rudolf Beutler: Proklos, in: RE 23.1 (1957), coli. 186-
247. — Ms = Handschrift, Ed = Edition, T = Testimonium.

3 Arab. ta Drlx al-Qubt, ta°rix Diqlityänüs: s. al-Blrüni, al-Ätär al-bäqiya 29.12,


141.15, 192.9 ed. Sachau; F. Ginzel, Handbuch der Chronologie I 229-31, 263.
A. Müller, Die griech. Philosophen 22 Anm. n verweist auf De Aet. mundi contra
Proclum XVI 4:579.15 ed. Rabe, aber dort erwähnt Philoponos die Abfassung
seines eigenen Buches „im 245. Jahre Diokletians" (d.i. 528-29 A.D.). Vgl. die (gleich¬
falls fehlerhaft überlieferte) Datierung von Philoponos' In Phys., Fihrist 255.3-4.
4 Vgl. auch R. Walzer: Buruqlus, in: EI- 1.1339-1340.
pro clus arabus 15

1. In arabischen Versionen erhaltene Werke und Fragmente

1.1 Im griechischen Original erhaltene oder bezeugte Schriften

1.11 'OxT<üxai §Exa ETU^eipYjfxaTa Ttepi äi'Sior /jTot; toü xoctjaou xkto twv
Xpicmavwv {De Aet. mundi). Beutler Nr. 24 col. 200.
Griechisch erhalten nur in der Widerlegung des Johannes Philoponos:
Kax« tcov ripoxAou rcspl ki S lot^to ? xocr(i,ou £7U^s(,p7)[xa.TOjv ( De Aet. mundi
contra Proclum ), ed. H. Rabe (1899). Anfang und Schluss der Handschrift
(Marcianus gr. 236, Vorlage auch der übrigen) sind defekt; das erste
Argument des Proklos ist daher im Original verloren.

a) Die Übersetzung des Ishäq ibn Hunain

Ms: Damaskus, Zähiriya 4871 c ämm. Dat. 557/1162. (Vgl. unten S.


35.) Titel: Hugag Ubruqlis allati yubarhin bihä anna l- c älam abadi.
Ed: c Abdarrahmän Badawi, al-Aflätüniya al-muhdata 34-42 (franz.
Übers, von § 1 in Badaw!, La transmission 119 f.). Vgl. die Rezension von
R. Walzer in Oriens 10.393 (1957).
T: Ibn an-Nadim, Fihrist 252.13: K. at-Tamäni c asara mas°ala allati
naqadahä Yahyä an-Nahwi. Vgl. al-Qifti, Ta°rix al-hukamä 3 89.3-5, der
Proklos als Verfasser dieser Schrift vorstellt: „Das ist Proklos, welcher
die Ewigkeit der Welt behauptet (al-qä°il bid-dahr) ; er ist es, zu dessen
Widerlegung Johannes Grammatikos (Yahyä an-Nahwi) ein umfang¬
reiches Buch über diesen Gegenstand verfasste." Dieses Buch — also
eine arabische Übersetzung von Johannes Philoponos' Contra Proclum —
sei, so fügt al-Qifti hinzu, in seinem Besitz. (Vgl. R- Sellheim in Oriens
8.349 [1955] zur Bibliothek des Q,iftl.) Wir wissen nicht, ob er und
der Verfasser des Fihrist die Schrift des Proklos, die in den uns erhaltenen
arabischen Exemplaren unabhängig von der Widerlegung des Philoponos
(aber unvollständig) übersetzt erscheint, vielleicht nur aus den Lemmata
des Radd kannten. — Zur Epitome des Sahrastäni s.u. (c).

Literatur : BadawI, al-Aflätüniya al-muhdata, tasdir S. 30-36. Ders.:

Un Proclus perdu est retrouve en arabe (1956); G. C. Anawati: Un

fragment perdu du De aeternitate mundi de Proclus (1956) (zur arabischen


Überlieferung des ersten, im Original verlorenen Arguments).
Von den achtzehn Argumenten enthält die Übersetzung Ishäqs
in der uns vorliegenden Form nur neun. Am Schluss finden wir folgende
16 EINLEITUNG

Bemerkung: „Diese neun Argumente sind von Ishäq ibn Hunain über¬
setzt. Es gibt (insgesamt) achtzehn Argumente des Proklos für die
Ewigkeit (der Welt), welche ein anderer als Ishäq in einer schlechten
Übersetzung wiedergegeben hat. In der Übersetzung Ishäqs liegen nur
diese neun vor". (42 pu.-ult. ed. Badawi). Daraus geht nicht ganz
eindeutig hervor, ob Ishäq nur diese neun Abschnitte übersetzt hat oder
ob eine von ihm angefertigte vollständige Übersetzung nur zum Teil
erhalten ist. Die hier erwähnte zweite Übersetzung ist aber gleichfalls
erhalten:

b) Auf eine ältere Übersetzung der Schrift hat zuerst F. Rosenthal


aufmerksam gemacht: From Arabic books andmanuscripts.VII (1961), S. 9 f.

Mss: [1.] Istanbul, Pertev Pa§a 617, foll. 240b-244a. Titel in


margine: Mayämir Ii- Ubruqlus. Inc.: Hädä auwal kitäb Ubruqlus at- Tarasüsi
voa-huggatihi z alä anna l-c älam läkauna lahü wa-läfasädfi zamän wa-anna Aflätün
c alä mitl ra°yihi. Fihi tamäniyat mayämir. al-Mlmar al-auwal. -— [2.] Istanbul,

Üniversite 1458, foll. 230al-231b9. Dat. 1236/1821. Inc.: Mayämir


li-Ubruqlus at-Taratüsi al-Yünäni. Hädä auwal kitäb Ubruqlus wa-huggatihi...
[etc. wie oben, aber wieder mit der Lesart mayämir f. mayämir'\.

Die Version umfasst in beiden Handschriften (die allerdings auf eine


gemeinsame Vorlage zurückgehen können) nur acht Abschnitte. Der
Übersetzer wird nicht genannt. F. Rosenthal hat auf einige Eigentüm¬
lichkeiten ihrer Terminologie hingewiesen, welche zeigen, dass sie noch
der älteren Periode der griechisch-arabischen Übersetzungsliteratur
angehört (vgl. dazu auch unten S. 106). Die Bezeichnung der einzelnen
Abschnitte als mimar deutet auf eine syrische Vorlage hin (syr. memrä, vgl.
unten S. 69). •— Die oben zitierten Schlussbemerkungen zur Übersetzung
Ishäqs erwähnen eine ältere, „schlechte" Übersetzung der Schrift; die
Version der beiden Istanbuler Handschriften ist in der Tat holprig und
schwer verständlich. Einer Identifikation der hier erhaltenen Version mit
der dort erwähnten könnte nur entgegenstehen, dass dort die ältere
Übersetzung als vollständig, nämlich alle achtzehn Xoyot umfassend,
bezeichnet wird, während die vorliegende Fassung mit acht Paragraphen
noch einen weniger als Ishäq bietet. As-Sahrastäni scheint aber diese
ältere Übersetzung in einem vollständigen Exemplar benutzt zu haben
(s.u.).
proclus arabus 17

c) As -Sahrastänl widmet den Ansichten des Proklos über die Ewigkeit


der Welt einen Abschnitt seines Kitäb al-Milal wan-nihal: Subah Buruqlus
fi qidam al- c älam (1025-1032 ed. Badrän). Er resümiert dort (1025-1028)
acht Argumente {subah) des Proklos, jedoch nicht —- wie man nach den
erhaltenen Übersetzungen erwarten könnte — die ersten acht Paragra¬
phen, sondern die §§ 1, 3, 4, 5, 6, 8, 10 und 13 des Originals (in dieser
Reihenfolge). Daraus geht hervor, dass er eine vollständige Version des
Werkes benutzte, eine vollständigere jedenfalls als die der uns über¬
lieferten arabischen Exemplare. Wohl könnte er den Proklostext auch
der Widerlegung des Philoponos entnommen haben, doch er erwähnt
Yahyä an-NahwI weder hier noch an anderer Stelle. In einigen wenigen
Eigentümlichkeiten steht seine Epitome der älteren Übersetzung näher
als der Version Ishäqs (s. Rosenthal, From Arabic books and mss. VII, S.
10b); vielleicht dürfen wir daraus schliessen, dass er einen vollständigeren
Text jener Übersetzung benutzt hat. — In der zweiten Hälfte des Kapitels
gibt Sahrastänl weitere Ansichten des Proklos, die nur zum Teil aus
De Aet. mundi stammen; welche doxographischen Quellen hier zugrunde
liegen, muss noch untersucht werden.
d) Proklos' Lehre ist auch durch die umfangreiche Refutatio, die
der Alexandriner Johannes Philoponos seiner Schrift widmete, in der
arabischen Philosophie bekannt geworden. Dass auch sie ins Arabische
übersetzt wurde, ist gut bezeugt: al-Qifti erwähnt ausdrücklich, dass er
ein Exemplar besitze ( Ta°rix al-hukamä° 89.5 — s.o. S. 15 —, aber nur in
sechzehn Kapiteln laut 356.5); al-Birüni zitiert sie mehrfach in seinem
Indienbuch ( Tahqiq mä lil-Hind 17, 111, 114 ed. Sachau). Der Bagda¬
der Philosoph al-Hasan ibn Suwär (Ibn al-Xammär, 2. H. d. 10. Jh.)
benutzt Philoponos' Argumente in einer kurzen Abhandlung gegen die
mutakallimün: Maqälafi anna dalil Yahyä an-Nahwi c alä hadat al- c älam aulä
bil-qabül min dalil al-mutakallimln aslan (ed. Badawi, al-Aflätüniya al-
muhdata 243-247). 5 Einige islamische Autoren richten sich direkt gegen
Proklos, doch die Ausgangspunkte ihrer Beweisführung dürften in jedem
Falle bei Philoponos zu suchen sein. So schrieb Muhammad ibn Zakariyä 3
ar-Räzi (gest. 313/925) ein Kitäb as-Sukük allatl c alä Buruqlus (Ibn an-
Nadim, Fihrist 301.4, vgl. Räzis Maqäla fi-mä ba c d at-tabi c a 128.15 ed.

6 Dazu B. Lewin: La notion de muhdat dans le kalärn et dans la Philosophie (1954).

Proclus - 2
18 einleitung

Kraus), und as-Sahrastäni gibt im Proklos-Kapitel seines K. al-Milal


an (1029.4), er habe ein eigenes Buch über das Problem verfasst, in dem
er auch die Lehren von Aristoteles und Ibn Sinä heranziehe. 6 Auch dort,
wo die Namen Philoponos' und seines Widersachers nicht genannt werden,
sind ihre Argumente eng mit der Kontroverse um die Ewigkeit der Welt
im Islam verknüpft, so auf dem letzten Höhepunkt der Auseinanderset¬
zung in al-Gazzälls Tahäfut al-faläsifa und dessen Widerlegung durch
Ibn Rusd. 7

1.12 Stol^s0soXoyi,xY) ( Institutio — auch: Elementatio — theologica).


Beutler Nr. 18 col. 198.
a) Eine Auswahl von zwanzig propositiones in arabischer Über¬
setzung, unter den Namen des Aristoteles und des Alexander von Aphro-
disias überliefert, ist der Gegenstand der vorliegenden Arbeit; s.u.
A 2.12, S. 52 ff. zu den arabischen Testimonien der Theologia des
Proklos.
b) Kitäb al-Idäh fi l-Xair al-mahd (Liber de Causis)
Mss: [1.] Leiden, Univ. Or. 209. Dat. 593/1197. Titel: Kitäb al-
Idäh Ii-Aristütälls fi l-Xair al-mahd. — [2a.] Istanbul, Süleymaniye, HäccI
Mahmüd 5683, foll. 102a-119a; s. F. Rosenthal: From Arabic books and
mss. VII (1961), S. 9. Titel: Kaläm fi mahd al-xair [Ms.: al-xbr], Qila
inna Ubruqlus [Ms.: °brwqys~\ laxxasahü min kaläm Aflät-ün; wa-qila li-
Aflätün. [2b.] Ankara, Ismail Saib 1696, foll. 78a-90b; s. H.-D. Saffrey:
Der gegenwärtige Stand der Forschung zum ,Liber de Causis ' (1969), S. 464
Anm. 9 (nachF. Sezgin , der diese Handschrift bekannt machte). 8./14. Jh.
Form des Titels wie in der Istanbuler Handschrift (auch hier wird also
noch Proklos als Verfasser genannt). — [3.] Die §§ 5 und 23 der Schrift
sind in einer kleinen Kompilation philosophischer Texte enthalten, die
6 In den gleichen Problemkreis gehörig, aber gegen Philoponos' Contra Aristotelem
gerichtet ist al-Färäbis Abhandlung Laisa sai D mimmä qasada Yahyä an-Nahwi ibtälahü
min aqäwlt Aristütälls allatlfi kitäb as-Samä 3 wal- c ätam qasada bihä Aristütälls itbät azatiyat
al- cälam (Mss Tehrän, Däniskada-i Ilähiyät 242B [s.u.S. 36], Nr. 70: foll. 327a-328b;

ibid. 293 G [s. u. S. 37], Nr. 63: foll. 190a-192a; Maglis-i Süräy-i Milll 5283 [s.u. S.
38], Nr. 84: foll. 230b-234b); vgl. Muhsin MahdI: Atfarabi against Philoponus (1967)
mit englischer Übersetzung,
7 Vgl. Averroes' Tahafut al-Taha/ut, transl. by S. van den Bergh , vol. I p. XVII ff.,
vol. II, Index s. nn. Proclus, John Philoponus; E. Behler: Die Ewigkeit der Welt.
1 (1965), S. 128-137.
PRO CLUS ARABUS 19

bald unter dem Namen Piatons, bald als Auszug des Färäbi aus Piaton
einhergeht. Mss: Istanbul, Üniversite 1458, foll. 105a-106b; Princeton,
Garrett ELS 308, Nr. 5: foll. 70b-71a (dat. 677/1278-79; s. J. Kritzeck,
Une majmu c a philosophique 376); Rämpör, State Libr. II 220 (Gat. p. 841)
(s. GAU- 1.236, S 1.958); London, India Office 3832, foll. 24b-25b. Vgl.
F. Rosenthal, As-Sayh al-Yünäni [1.] 471. Ed: Mubahat Türker,
Färäbi'ye atfedilen kügük bir eser (1965). Die Auszüge aus dem Liber de
Causis beginnen mit den Worten qäla l-hakim (S. 58 ed. Türker); „der
Weise" ist in der Regel Aristoteles. Die übrigen Texte der Sammlung
haben gleichfalls neuplatonischen Charakter, darunter zwei Auszüge
aus dem ps.-platonischen K. an-Nawämis. — Zur Epitome des c Abdallatif
al-Bagdad! s.u. unter den Testimonien [2].

Edd: [1.] Otto Bardenhewer: Die pseudo-aristotelische Schrift Ueber


das reine Gute, bekannt unter dem Namen Liber de causis (1882), S. 58-118. —•
[2.] c Abdarrahmän BadawI : al-Aflätüniya al-muhdatß c ind al- c Arab (1955),
S. 1-33. — Grundlage beider Editionen ist allein die Leidener Hand¬
schrift; Bardenhewer gab daneben die lateinische Übersetzung heraus,
doch ohne deren Varianten für den arabischen Text heranzuziehen.

T: [1.] Ibn an-Nadim, Fihrist 252.19 unter den Werken des Proklos:
K. al-Xair al-auwal. (So zu lesen mit Flügels Ms. H, der Wiener Abschrift
von Ms. Köprülü 1134. Die Lesart al-haiyiz — nach Flügel , Anm. 6 z.St.
„unstreitig das technische al-haiyiz der scholastischen Theologie oder,
wenn man will, der Philosophie" — gibt in einer Werkliste des Proklos
keinen rechten Sinn.) Die Erste Ursache heisst al-xair al-auwal im Liber
de Causis, bäb 19:95.7,10 ed. Bardenhewer [al-xair al-mahd dagegen nur bäb
8:76.2). — [2.] c Abdallatif ibn Yüsuf al-Bagdädi (gest. 557/1162, s.u.
S. 40) gibt im zwanzigsten fast seiner Metaphysik ( K.fi c ilm Mä ba c d at-
tabi c a) eine Epitome des Buches Idäh al-Xair , ed. Badawi, al-Aflätüniya
al-muhdata 248-255. Er nennt bereits Aristoteles als den Autor ( al-hakim
248.6, Aristü 255.8). Zum Verhältnis seines Auszuges gegenüber dem
Grundwerk s. G.C. Anawati, Prole'gomenes 85; 94-103. — [3.] Ibn Abi
Usaibi c a (gest. 668/1270), c Uijün I 69.19, nennt unter den Werken des
Aristoteles, die er über den antiken Pinax des Ptolemaios hinaus aus
eigener Kenntnis zusammenstellt, ein Kitäb Idäh. al-Xair al-mahd. —
[4.] Der spanisch-arabische Philosoph Ibn Sab c in (gest. 669/1270,
GAL S 1.844) erwähnt das Kitäb al-Xair al-mahd, wiederum als Werk
20 einleitung

des Aristoteles, zweimal in seinen Episteln an Friedrich II.: s. al-Kaläm


c alä l-Masä Dil as-siqilliya 19.19, 36.18 ed. Yaltkaya.

Die mittelalterliche lateinische Übersetzung hatte bereits Bardenhewer seiner Edition


beigefügt. Die Handschriften geben den Titel Liber de Causis, der auch zur Bezeich¬
nung des arabischen Originals in Gebrauch gekommen ist. Das Werkverzeichnis des
Übersetzers, Gerhard von Cremona, hat dagegen eine genaue Wiedergabe des arabi¬
schen Titels: Liber Aristotelis de expositione bonitatis purae. — Eine kritische Edition auf
breiter handschriftlicher Grundlage hat jüngst Adriaan Pattin vorgelegt: Le Liber de
causis. Edition 6tablie ä l'aide de 90 manuscrits avec introduction et notes (1966). Vgl.
dens.: Over de schrijver en de vertaler van het Liber de causis (1961). — Zu einer hebräischen
Übersetzung aus dem Arabischen (gleichfalls unter dem Namen des Aristoteles) s.
M. Steinschneider, Hebr. Übers. § 140, S. 262.

Literatur : Aus der umfangreichen Literatur seien hier nur einige


wenige Arbeiten genannt, in denen die Quellen und die Ergebnisse der
bisherigen Forschung zusammengefasst und diskutiert werden (einige
weitere Literaturhinweise in der folgenden Skizze des Problemkreises):
c Abdarrahmän BadawI, al-Aflätüniya al-muhdata, tasdir 1-30; ders.,
La transmission 60-72. — G. C. Anawati: Prolegomenes ä une nouvelle

edition du De Causis arabe (1956). — H.-D. Saffrey: Der gegenwärtige

Stand der Forschung zum ,Liber de Causis' als einer Quelle der Metaphysik des

Mittelalters (1963, dt. 1969); J. van Ess: Jüngere orientalistische Literatur

zur neuplatonischen Überlieferung im Bereich des Islam (1965), S. 339 ff.

Das Kitäb al-Xair al-mahd ist eine teils sehr freie, teils enger an den
griechischen Text anschliessende Bearbeitung von Teilen der Institutio
theologica (vgl. Bardenhewer S. 15-37 und Anawati, Prolegomenes 87-89
zu den Entsprechungen, s.a. unten S. 240). Noch immer umstritten
ist die Frage der Entstehungszeit. In der arabischen Literatur xst die
Schrift vor dem 12. Jahrhundert nur bei Ibn an-Nadlm bezeugt, überdies
in einer nicht völlig eindeutigen Form (s.o. Testimonium [1]). Auf der
anderen Seite scheinen einige Vertreter der lateinischen Überlieferung —
mag diese auch im allgemeinen unter Aristoteles' Namen gehen —
präzisere Angaben über den Bearbeiter zu bieten: Albertus Magnus,
der die Schrift im zweiten Teil seines De causis et processu universitatis (verf.
um 1264) behandelt, führt sie auf „einen Juden David" ( David Judaeus
quidam ) zurück, der die Thesen des Liber aus einer Abhandlung des
Aristoteles De principio universi exzerpiert und mit Auszügen aus Aristo¬
teles, Ibn Sinä, al-Gazzäli und al-Färäbl sowie eigenen Erläuterungen
pro clus arabus 21

versehen haben soll (vgl. die Stellen bei Bardenhewer S. 125 ff., Pattin,
Over de schrijver 513 ff, Saffrey, Der gegenwärtige Stand der Forschung 471
Anm. 39). M. Steinschneider identifizierte diesen David mit dem jü¬
dischen Philosophen Abraham Ibn Däwüd (Avendauth, gest. 1166). 8
Auch die älteste Handschrift der lateinischen Version (Oxford, Bodl.
Seiden sup. 24, s. 13 in.) nennt das Werk Metaphisica Avendauth, ebenso
Richard Rufus von Cornwall (um 1250; vgl. Pattin, Le Liber de causis 5).
Einige Forscher haben daher geglaubt, in Ibn Däwüd den Verfasser des
arabischen De Causis sehen zu müssen; so noch A. Pattin , der letzte
Herausgeber der lateinischen Version. Unbestreibar ist, dass wir auf
Grund jener Zeugnisse Ibn Däwüd eine gewisse Bedeutung für die
arabisch-lateinische Überlieferung des Werkes zumessen können; so
hat er auch mit Dominicus Gundissalinus (Gundisalvi) an der Über¬
setzung von Avicennas De Anima zusammengearbeitet 9 , demselben,
der als Übersetzer des Liber de Causis genannt wird (neben Gerhard von
Cremona, dessen Übersetzung Gundisalvi vielleicht revidiert hat). 10

Gegen seine Autorschaft erheben sich aber schwerwiegende Ein¬


wände. Aus welchen Quellen hätte er seine Kenntnis der proklischen
Metaphysik bezogen? Eine arabische Übersetzung der Institutio, welche
die im De Causis verarbeiteten propositiones enthielt, ist weder bekannt
noch bezeugt. Dass er aus einer griechisch-lateinischen Übersetzung des
Originals schöpfte — dies die Annahme M. Alonsos 11 — ist aber
noch unwahrscheinlicher: Warum hätten sich dann seine Zeitgenossen,
wie er in Toledo tätig, mit der neuerlichen Übersetzung seiner arabi¬
schen Paraphrase abgemüht? Allein die lateinische Transkription
zweier arabischer Wörter zeigt ja, dass nicht alle Schwierigkeiten
gemeistert wurden. 12 Die von Albert dem Grossen als Quelle genannte

8 Cat. libr. hebr. in Bibl. Bodleiana, col. 743; Hebr. Übers. § 140, S. 260 f.
9 Vgl. M.-Th. d'Alverny: Avendauth? (1954); dies., Avicenna Latinus I (1961),
S. 284 f. u. Anm. 2.
10 S. A. Pattin, Over de schrijver en de vertaler 526.
11 M. Alonso Alonso: Las fuentes literarias del 'Liber de Causis'' (1954), S. 377.
Alonso widerlegte die gleichfalls an Albertus Magnus anknüpfende Vermutung, al-
Färäbl sei der Autor des arabischen De Causis (F. Pelster 1933, H. Bedoret 1938,
vgl. Anawati, Prolegomenes 80 f.), aber nur, um wieder auf Ibn Däwüd zurückzugreifen.
12 § 4:16.1 c aql = lat. achili, bes. § 8:78.9, 79.2 hilya (s.u. B 1.14, S. 136) = yliathim
u.ä.
22 einleitung

Schrift De principio universi wird zwar von Avicenna und Averroes zitiert,
ist aber ein Traktat des Alexander von Aphrodisias und in arabischer
Version erhalten. 13 Wie, auf der anderen Seite, kam c Abdallatif al-
Bagdädi (s.o. S. 19), sei es in Ägypten, sei es anderswo im Orient, in
den Besitz eines arabischen Werkes unter dem Namen des Aristoteles,
das nur zwei oder drei Generationen früher in Spanien entstanden war?
Woher, schliesslich, kennt ein Zweig der arabischen Textüberlieferung
den wahren Autor des Grundschrift (s.o. Mss Nr. 2, S. 18), während
Proklos' Name in der lateinischen Tradition nirgendwo genannt wird? 14

Gründe genug also, eine späte Abfassung des Buches im islamischen


Westen in Frage zu stellen — Gründe auch, seinen Ursprung dort zu
suchen, wo zuerst und vor allem die Werke griechischer Philosophen
zu den Arabern kamen und wo die übrigen neuplatonischen Quellen
der arabischen Philosophie ins Arabische übertragen wurden: im
Bagdad des neunten Jahrhunderts. Diese Position ist besonders auf
arabistischer Seite vertreten worden (so von G.G. Anawati und c Ar.
BadawI , vgl. aber auch H.-D. Saffrey, Der gegenwärtige Stand der Forschung
173). Mögen auch explizite Testimonien arabischer Autoren fehlen —
nicht minder wichtig ist das Zeugnis der sprachlichen Form, welches
den K. al-Xair al-mahd mit anderen Texten der griechisch-arabischen
Übersetzungsliteratur zusammenführt. So ist vor allem auf den engen
Zusammenhang zwischen der Terminologie der arabischen Plotin-
quelle und der des Liber de Causis hinzuweisen. 15 Ich werde auf den
folgenden Seiten weitere Evidenz für die Beziehungen zwischen dem
Liber de Causis und einer Reihe anderer Graeco-Arabica vorlegen; dies
freilich vor allem im Hinblick auf die hier erstmals edierten Proklostexte,
deren Verhältnis zum Liber de Causis zu bestimmen und abzugrenzen
ist. (Vgl. unten S. 186 ff., 240 zu den Ergebnissen.) Eine eingehende

13 S. H.-D. Saffrey, Der gegenwärtige Stand der Forschung 472 nach M. Alonso und
S. Pines ; zum Text vgl. A. Dietrich, Differentia S. 93 f. Nr. 1 ( Maqälafi MabädP al-
kull).
14 Erst Thomas von Aquin, der Proklos' Institutio in der griechisch-lateinischen
Übersetzung des Wilhelm von Moerbeke (voll. 1268) liest, erkennt in ihr die Quelle
des Liber de Causis (s. Bardenhewer S. 12, 15 ff.).
15 Vgl. R. M. Frank, The origin of the Arabic philosophical term i,j| 186 A. 1;
Anawati, Prolegomenes 105, 108.
proclus arabus 23

sprachliche und inhaltliche Analyse des De Causis wird sich auf eine
kritische Edition des Werkes nach allen Textzeugen zu stützen haben. 16

c) Ustüxüsis as-sugrä
Ms (Auszug): Oxford, Bodleiana Marsh 539, foll. 8b-9a. Titel:
Kaläm li-Ubruqlus min kitäbiki nsks[?] as-sugrä.
Ed: c Abdarrahmän Badaw I , al-Aflätüniya al-muhdata 257 f.
T: Ibn an-Nadim, Fihrist 252.21 = al-Qifti, Tcfrix al-hukamä 3
89.12 unter den Werken des Proklos: Kitäb Buruqlusal-Aflätünl al-mausüm
bi-Ustüxüsis as-sugrä.
Der Titel „Kleinere Stoicheiosis" deutet zunächst auf die Institutio
physica als die kürzere neben der Institutio theologica hin und ist früher so
aufgefasst worden (s. Flügel , Anm. 8 zu Fihrist 252.21). Indessen scheint
die Institutio physica den Arabern unter einem anderen Titel bekannt
geworden zu sein (s.u. 2.11). Das vorliegende Fragment hat diese An¬
nahme vollends als hinfällig erwiesen: Als Quelle des Textes unter den
Werken des Proklos kann nur die Institutio theologica angesehen werden.
Freilich besteht — soweit sich das auf Grund des kurzen Auszuges sagen
lässt—nur eine sehr lockere Abhängigkeit von einigen Thesen des Werkes;
F. Rosenthal , der den Text zuerst bekannt machte, verweist aufpropp.
12 und 13, und in der Tat entspricht der Eingangssatz der These von
prop. 12. 17 Viel weiter geht aber die Parallele auch nicht; das übrige
ist „theistische" Interpretation und Zugabe, und zwar — das kann hier
nur angedeutet, nicht näher belegt werden — in der Tendenz und im
Stil der arabischen Plotinparaphrase. Eine Reihe wörtlicher Anklänge
findet sich zum Beipiel in der Risäla fl l- c Ilm al-ilähi (dazu s.u. S. 70),
die im Anschluss an Enn. V 4-5 die Transzendenz des Schöpfers mit
ähnlichen Worten beschreibt; vgl. etwa zum Anfang Ris. § 224:183.2-3
ed. BadawI (1Enn. V 5:13.11) und zu 257.11 Ris. §§ 199-200:181.6-7.
Der Text gehört also in die Gruppe ähnlich paraphrasierter und glos¬
sierter Plotiniana und Procliana, die auf Grund griechisch-arabischer

16 Zu den von A. P attin geäusserten inhaltlichen Bedenken gegen eine frühe


Entstehung der Schrift s.u. S. 231, Anm. 27.
17 F. R osenthal: On the knowledge of Plato's philosophy in the Islamic world (1940),
S. 402 Anm. 1.
24 EINLEITUNG

oder syrisch-arabischer Übersetzungen die Hauptquelle neuplatonischen


Denkens im Islam sind.

1.13 Eiq tov Ti^ociov ÜXcctcovo? (In Tim.). Beutler Nr. 1 col. 191. Eine
vollständige arabische Übersetzung des Timaioskommentars ist nicht
bezeugt. Es finden sich jedoch einige Auszüge:

a) Ms: Istanbul, Aya Sofya 3725, foll. 214-218. Im Anschluss an


Galens Flepi iOüv werden die darin enthaltenen Zitate aus Tim. 89e-90c
durch den Kommentar des Proklos zu diesen Stellen erläutert.

Ed : Deutsche Übersetzung von Franz Pfaff in: Corpus Medi-


corum Graecorum. Suppl. III: Galeni De consuetudine ed. Ioseph M.
Schmutte (1941), S. 53-60 (vgl. das Vorwort S. XLI f.).

T: Hunain ibn Ishäq, Risäla fi Dikr m& turgima min kutub öälinüs
26.12-15, Nr. 35 ed. Bergsträsser (deutsche Übers. S. 21): ,,An diese
Schrift [sc. Galens Ilspi eOwv, ar. K. fi l- c Ädät\ schliesst sich an die Er¬
klärung der Zeugnisse aus den Worten Piatos, die Galen in ihr beige¬
bracht hat, durch den Kommentar des Proklos [sie leg., s. Bergsträsser,
Neue Materialien 19.1] hierzu, und die Worte des Hippokrates, die er
aufgeführt hat, durch den Kommentar des Galen dazu. Hubais hat
sie ins Arabische übersetzt für Ahmad ibn Mösä." — Ausführlicher
äussert sich Hunain in seinem Widmungsschreiben an Salmawaih ibn
Bunan, dem er seine syrische Übersetzung der Galenschrift und die
angehängten Kommentare überreichte; Hunains Schüler Hubais hat
seiner arabischen Übersetzung des Galentextes und der Anhänge eine
Übersetzung des gleichfalls syrisch verfassten Briefes vorangestellt.
Darin heisst es (deutsch von Pfaff , Galeni De consuetudine S. XLII):
„Ich glaube, ich muss zu den beiden Stellen, die in dieser Abhandlung
auf dem Wege der Logik und der Analogie angeführt sind, eine Erklä¬
rung ihres Sinnes beigegeben, damit derjenige, welcher mit seinem Geist
in eines von den Büchern, aus denen Galen diese Stellen zitiert, nicht
eindringt, schnell und leicht ihre Gedanken erfasst. Ich bin der Meinung,
dass man als ersten für die Erklärung der Worte des Hippokrates Galen,
den Genossen seiner Gedanken und den Künder der Wahrheit, wählen
muss, und dass das meiste Recht, den Sinn der Worte des Piaton zu
erklären, Proklos hat, der berühmte unter den Gelehrten."
PROCLUS ARABUS 25

Die Angaben Hunains lassen die Möglichkeit offen, dass er das


Proklosexzerpt aus einem ihm zugänglichen, vollständigen griechischen
Exemplar des Timaioskommentars entnommen hat. Es ist aber auch
denkbar, dass er den Auszug in seiner griechischen Vorlage des Galen¬
traktates vorfand.

Proklos' In Timaeum ist griechisch nur bis zur Erklärung von Tim.
44d erhalten. Die arabische Partie ist also auch als Fragment des ver¬
lorenen Teiles von Wert.

b) Abü r-Raihän al-Birüni (gest. 440/1048) zitiert Proklos zweimal


in seinem Indienbuch ( Tahqiq mä lil-Hind). Von diesen Zitaten stammt
das eine mit Sicherheit, das andere vielleicht aus In Tim.

42.11-16 ed. Sachau bezieht sich auf Plato, Tim. 90a, wo der Mensch
als cpuxov oüpaviov beschrieben wird. Wir finden die zitierte Proklosstelle
in dem oben (a) genannten, zusammen mit der arabischen Version von
Galens De consuetudine erhaltenen Auszug: Vgl. die Stellen S. 58.3-19
und 57.31-34 (in der Übersetzung von F. Pfaff ), die al-Birüni, etwas
gekürzt und in dieser Reihenfolge, ziemlich wörtlich wiedergibt.

Das andere Zitat (28.20-29.3) lässt sich in den erhaltenen Teilen


des Timaioskommentars im Wortlaut nicht nachweisen, wohl aber in
der Doktrin: Die Seele ( an-nafs an-nätiqa «yj Xoyr/.y) ») ist wissend in
ihrem ewigen, unkörperlichen Sein, doch es befällt sie Vergessen in ihrer
Verbindung mit dem Körper. Vgl. In Tim. I 83.4-6 «l §e vsote A eu;
xoti (J.v7)[i.7)v f^oucroa twv exet tw |X7) Süvat, xorra tt ]? ÖXv)? paSiwt; äv <x[j.[,[AV7)axovT0C!.
T7j<; dcX7]0£ia?; II 287.15-16; III 338.6-8 u-rcö Xyj Oyjc; xai tcoc 0 cjv 7rap «7i :oSi^cov-ra(.

[ot Xoyoi] T/j 5 ata0Y)C7sco<; eto tcc svuXa. xaOsXxoucT)? t J)v tjju^Yjv. Aber auch
der Kommentar zur Respublica kommt als Quelle in Frage (s.u. Nr. 2.15).
Ob al-Birüni aus einem sonst nicht erhaltenen Text zitiert oder ob
er die Anschaung des Proklos nach sekundärer doxographischer Überlie¬
ferung resümiert, lässt sich aber nicht entscheiden. Sachau vermutet als
Quelle einen Timaeus-K.ommenta.r, der verschieden war von dem uns
erhaltenen 18 , aber weder das erste Zitat — das wir ja nachweisen
konnten — noch auch das zweite berechtigt zu einer solchen Annahme.

18 Alberuni's India vol. 1 (1910), Anm. zur Übersetzung S. 278 f.


26 EINLEITUNG

c)
Ein Zitat des Abü 1-Hasan al- cÄmiri ( as-Sa zäda wal-is cäd 58.8-10) aus Proklos,
demzufolge er das" Theorem von der voepä bzv. Yvtixrrodj xlvrjotq mit Aristoteles in
Verbindung gebracht habe, geht vielleicht auf In Tim. II 310.23 fF. zurück.

1.2 In griechischer Überlieferung nicht bezeugte Schriften

1.21 Masä°ilfi l-asyä 3 at-tabi c iya


Ms: Damaskus, Zähiriya4871 c ämm, Nr. 27. Dat. 557-558/1161-63.
Titel: MascPil Furuqlisfi l-asyä° at-tabi c iya naqalahäIshäq ibn Hunain. —
Die Handschrift bricht in der 8. quaestio ab. — Vgl. unten Nr. 2.12, S. 28.
Ed: c Abdarrahmän Badawi, al-Aflätüniya al-muhdata 43-49.
Die erhaltenen acht Abschnitte behandeln naturhistorische Fragen,
vorwiegend aus dem Gebiet der Physiologie, im Stil der pseudo-aristo-
telischen und anderer antiker Problemata physica. Eine Beziehung zu
den bekannten naturphilosophischen Schriften des Proklos besteht nicht;
indessen lassen sich gegen die Echtheit der Quaestiones keine zwingenden
Einwände erheben. Eine eingehende Untersuchung des Textes und
Vergleichung mit anderen Problemata-Sammlungen müsste zeigen,
ob sich für die Datierung und Autorschaft weitere Anhaltspunkte
beibringen lassen.
B. Lewin hat in seinem Aufsatz Job d'Edesse et son Livre des Tresors
(1957) darauf hingewiesen, dass das syrische K. d-Simätä des Hiob von
Edessa (lyöb Ürhäyä, ar. Aiyüb ar-Ruhäwi; ed. A. Mingana 1935)
einige enge Parallelen zu den Masä°il aufweist; die wörtlichen Über¬
einstimmungen gehen so weit, dass der arabische Text sich anhand des
syrischen emendieren lässt. Der Name Proklos wird jedoch von Hiob,
der unter al-Ma 3 mün in Bagdad tätig war, nicht genannt. P. Kraus hat
andererseits auf die Beziehungen des „Schatzbuches" zum K. Sirr al-
xaliqa des Ps.-Apollonios von Tyana (ar. Balinäs) hingewiesen ( Jäbir
ibn Hayyän II 276 f.).

1.22 Kommentar zu den Xpucä stet] ( Dicta aurea) des Ps.-Pythagoras


Ms: Escurial 2 888, Nr. 8: 91a-114b. Titel: Istitmär as-saix... c Abd-
alläh ibn at- Taiyib li-maqälat Fitägüras al-ma c rüfa bid-dahabiya tafsir Buruqlus.
T: Ibn an-Nadim, Fihrist 252.16-18: Tafsir Wasäyä Fitägüras ad-
dahabiya, „etwa hundert Blatt, liegt in syrischer Sprache vor. Er hat ihn
pro clus arabus 27

für seine Tochter angefertigt. Täbit [ibn Qurra] hatte davon drei Blatt
(ins Arabische) übersetzt, dann starb er, ohne ihn vollendet zu haben."
Vgl. al-Qifti, Tar'nx al-hukamä° 89.10; HäggJXalifa, Kasf a^-zunün 2012 b.
Ein Kommentar zu den Dicta aurea ist auch unter dem Namen des
Jamblichos überliefert: Ms Princeton, Garrett ELS 308, Nr. 22: foll.
303b-308b (unvollst.); s. J. K ritzeck, Une majmifa philosophique380.
Dat. 677/1278-79. Titel: Sarh Magmü c min kitäb lyämblixus [Ms.: °y°mylhs\
li-Wasäyä Fütägüras al-failasüf. — Prof. F uat S ezgin macht mich auf eine
1072/1661-62 datierte Handschrift des Kitäbxäna-i Mar c asl in Qom
(Iran) aufmerksam, welche, mit der Princetoner Handschrift inhalts-
gleich, offenbar auf dieselbe Vorlage zurückgeht; sie enthält den Kom¬
mentar zu Ps.-Pythagoras — dessen Titel und Autor sie in gleicher
Schreibweise nennt — auf pp. 616-624.
Ein Vergleich der noch unveröffentlichten Handschriften müsste
zeigen, ob die beiden unter dem Namen des Proklos (in Auszügen des
Abü l-Farag c Al. b. at-Taiyib) und des Jamblichos überlieferten arabischen
Kommentartexte identisch sind oder auf dieselbe griechische Quelle
zurückgehen könen. Sollte dies zutreffen, hätte die Zuschreibung an
Jamblichos, den Verfasser einer Vita Pythagorica, prima facie nicht
weniger Wahrscheinlichkeit für sich 19 ; aber nur die Texte selbst können
hier weiteren Aufschluss bringen.

2. IN DER ARABISCHEN LITERATUR BEZEUGTE, NICHT ERHALTENE WERKE

2.1 In griechischer Überlieferung erhalten oder bezeugt

2.11 SroLxsicocn? cpocuxT) ( Institutio physica). B eutler Nr. 19 col. 199.


T: Ibn an-Nadlm, Fihrist 252.13 = al-Qifti, Ta°nx al-hukamä 3
89.8: K. Hudüd awäDil at-tabl c lyät.

2.12 IIspi tmv Ssxoc 7tpo<; T7)v 7tp6voiav ä7Top7)[xaTa)v (De decem dubitatio-
nibus). B eutler Nr. 21. Lat. von Wilhelm v. Moerbeke; gr. Auszug
im gleichnamigen Werk des Isaak Sebastokrator (ed. H. Boese 1960). 19a

19 Vgl. aber J. Kritzecks Beschreibung der Princetoner Handschrift: „Ce n'est pas
le commentaire du Protrepticus, III, ni celui de Hidrocles."

19a Hierzu Nachtrag S. 30.


28 EINLEITUNG

T: Ibn an-Nadim, Fihrist 252.18-19 gibt unter den Werken des


Proklos zwei Titel, die sich auf diese Schrift beziehen können: [1.]
252.18 (= al-Qifti, Ta°rix al-hukamä 3 89.10) Kitäb Buruqlus wa-yusammä
Diyädüxus ai c aqib Aflätünfi l- c asr al-mascPil\ [2.] 252.19 Kitäb al-Masä°il
al- c asr al-mu c dilät. — Der Ausdruck mas°ala mu c dila „schwierige Frage"
gibt gr. a7iop7]jj.a genauer wieder als mas°ala „Frage" des ersten Titels.
Der erste kann auch die nur arabisch erhaltenen Quaestiones naturales
meinen (s.o. Nr. 1.21), deren ursprüngliche Anzahl nicht bekannt ist.

2.13 In Gorgiäm Piatonis commentaria. Beutler Nr. 13 col. 197:


„Nicht erhalten. Der Gorgias wurde im Schulturnus nach dem Alkibiades
und vor dem Phaidon gelesen. ... Von besonderer Bedeutung für
metaphysische Ausdeutung konnte aber für P. nur der Mythos daraus
sein. Und so beziehen sich die beiden uns erhaltenen Zitate auch nur
auf diesen: P. in remp. II 139,17 ff.; vgl. 178,5 ff." Auch die arabische
Überlieferung nennt nur einen Kommentar zum Mythos des Gorgias,
der in einer syrischen Version vorlag:
T: Ibn an-Nadim, Fihrist 252.20 = al-Qifti, Ta°rix al-hukamä 3 89.11
(vgl. Häggi Xalifa, Kasf az-zunün col. 1586): Kitäb fi l-Matal alladi
qälahü Aflätün fi kitäbihi l-musammä Gurgiyäs, suryäni.

2.14 In Phaedonem Piatonis commentaria. Beutler Nr. 10 col. 196.


Griechisch nicht erhalten.

T: [1.] Ibn an-Nadim, Fihrist 252.22: Kitäb Buruqlus fi Tafsir


Fädun fi n-nafs. „Syrisch; ein weniges davon hat Abü c AlI [ c Isä] ibn
Zur c a ins Arabische übertragen."

[2.] Ibn an-Nadim, Fihrist 252.15 (= al-Qifti, Ta?rix al-hukamä 3


89.9) nennt einen zweiten Titel, der — aus einer anderen Quelle ge¬
nommen — gleichfalls den Kommentar zum Phaedo bezeichnen könnte:
Sarh qaul Falätun anna n-nafs gair rnä^ita, talät maqälät. Aber auch die Exi¬
stenz einer zweiten, sonst verschollenen Schrift über die Seele ist nicht
ganz von der Hand zu weisen.
[3.] Abü CA1I Miskawaih (gest. 421/1030, GAL S 1.582) gibt in
seinem Fauz al-asgar eine Exposition der platonischen Beweise für die
Unsterblichkeit der Seele; s. F. Rosenthal: On the knowledge of Plato's
PRO CLUS ARABUS 29

philosophy in the Islamic world (1940), S. 398-401 (mit einer englischen


Übersetzung des Abschnitts). Er zitiert dort ein Argument des Proklos
(R osenthal S. 400), das auf den Kommentar zum Phaedo zurückgehen
kann — oder auch auf eine zweite Schrift über die Unsterblichkeit der
Seele, falls der Fihrist 252.15 genannte Titel nicht blosse Dublette ist.
Das Argument beruht auf Proklos' Auffassung der Seele als Leben und
Prinzip des Lebens; vgl. dazu auch Inst, theol. propp. 188-189 (mit
D odds, Comm. S. 297).

2.15 EL; tk ? IloA lts[ac ÜXaTwvoc; u7to [jLv/](xa ( InRemp .). B eutler Nr. 4
col. 193 f.

T: Ibn an-Nadim nennt Fihrist 252.21: Tafsir al-maqäla ~al- c äsira


fi s-Siyar „Kommentar zum zehnten Buche über die Politik 20 ", der ihm
aus einer „syrischen Fassung" bekannt war. Die Kommentare des
Proklos zur Respublica enthalten neben den kurzen Kephalaia des 10.
Buches (II 85-95 ed. Kroll: IIspl twv sv tw S sxotw t% üoXiTsiac;
xecpaTicdcov) eine ausführliche Erklärung des Mythos des Er, Resp. X
614-621 ( In Remp. II 96-359 ed. Kroll: Ei? töv sv IIoXt,Tsia fi.ü0ov). Beide
zusammen oder auch der Kommentar zum Mythos allein liessen sich
als Tafsir des 10. Buches bezeichnen. (S. a. Walzer, Greek into Ar. 42.)
Das Prokloszitat des Birünl, Tahqiq mä lil-Hind 28.20-29.3 (s.o.
S. 25), kann auch auf diese Schrift zurückgehen: Vgl. In Remp. II 280.
30-281.5 ou yc>r\ Oaujidt ^siv, st T:po twv cwjaoctwv c/.i <\i\r/ai tco XX k xaOopwaiv
twv sv tw TtavTi yiyvofxsvwv, ooot fi.7) SiivavToa xaOopav tov tox)hjv toutov

7i:spi .TSL%i,CTdc(j.£va(, Sscspiov • xal yap rj sx tt \c, ysvsasw? Xt )07) S sivy ) xal to vscpo c,

tb E7Ti7i:pocr0oüv sx tt)<; a-W[j.aTiX7)!; 7raxÜTy]TOi; äcpop7 ]TOV.

2.16 [In Aristotelis de Interpretation commentaria.']

T: al-Färäbl: Sarh lätäb Aristütälis fi l- c Ibära 133.1 ff. ed. Kutsch &
Marrow: wal-mufassirün yaz c amün anna Buruqlus al-Aflätüni a c tä hina mä
fassara hädä l-maudi c [sc. 20a20-23] min kaläm Aristütälis qänünan fi l-
mutaläzimät al-ma c dülät wal-bascPit. fa-qäla ...; cf. 134.4, 13, 22, 139.18, 19.

20 as-Siyar für die platonische IloXi-rsia auch al-Qiftl, Tcfrix al-hukamä 3 23.5.
30 einleitung

Vgl. C. Prantl, Geschichte der Logik I 641 m. Anm. 99: „Die Erläu¬
terungen des Proclus zu dem Buche D. interpr., welche offenbar ganz im
Sinne des Porphyrius gehalten waren, verarbeitete Ammonius"; direkt
oder indirekt von dem alexandrinischen Aristoteleskommentator 21 bezog
auch al-Färäbl seine Kenntnis der proklischen xav6vs<;. Zur Stelle vgl.
Ammonius, In de Int. 181.30 ff. ed. Busse: Ebenfalls zum Lemma 20a20-23
führt der Verfasser die von Färäbi erwähnten Regeln an.

2.2 Sonst unbekannte Titel

2.21 Kitäb al-öawähir al- c äliya, maqäla.

T: Ibn an-Nadim, Fihrist 252.18.

2.22 Kitäb al-öuz 3 alladi lä yatagazza?.

T: Ibn an-Nadim, Fihrist 252.20.

Vgl. die Widerlegung der Atomenlehre Inst. phys. I 1-7.

Nachtrag zu Nr. 2.12 (S. 27 f.):


Der christlich-arabische Philosoph Yahyä ibn cAdi (f A.D. 974) zitiert in seinen
Antworten auf philosophische Fragen eines Mossuler Juden (verf. 341 H., s. dazu
G. Furlani in RSO 8 [1919-20] 157-162) drei Argumente des Proklos (Furuqlus al-
Aflätüni) für die Gerechtigkeit der Vorsehung (al- c inäya): Trotz scheinbarer Willkür
handele sie in Ansehung des einzelnen; scheinbare Unbill schlage dem Gerechten
zum wahren Glück aus (Ms. London, Brit. Mus. Add. or. 8069, fol. 29a; Ms. Tehran,
Dänisgäh 4901, fol. 157a-b). Die Vorlage ist De decem dubitationibus circa prouidentiam,
quaestio 6, §§ 33-37 (pp. 54 sqq. ed. Boese).

21 Die arabische Überlieferung kennt Ammonios als Proklos' Schüler und als
Lehrer des Johannes Philoponos: s. Ibn Abi Usaibi ca, c Uyün I 104.11 f. (nach Abü
Sulaimän as-Sigistäni). Seinen Kategorienkommentar nennt Ibn an-Nad!m, Fihrist
248.21.
ZWANZIG ABSCHNITTE AUS DER
INSTITUTIO THEOLOGICA
IN ARABISCHER ÜBERSETZUNG
A
DIE TEXTÜBERLIEFERUNG

1. Die Textzeugen

1.1 Die Handschriften


Die Sammlung von zwanzig Abschnitten aus Proklos'
SsoXoyixYj, welche in arabischer Übersetzung erhalten ist, liegt
vollständig nur in einer Handschrift (Carullah 1279) vor. Von den
übrigen Handschriften bietet eine, die älteste (Ragip Pasa 1463), eine
Auswahl von vier propositiones (15, 17, 21, 54); in drei weiteren
erscheinen propp. 1-3 und propp. 15-17 als zwei selbständige Abhand¬
lungen ohne äusseren Zusammenhang, während alle übrigen nur die
unter einem gemeinsamen Titel vereinigten propp. 15-17 enthalten.
Alle Textzeugen sind Sammelhandschriften vorwiegend philoso¬
phischen Inhalts. In den meisten von ihnen sind die Proklostexte unter
dem Namen des Alexander von Aphrodisias und im Verein mit echten
Schriften dieses Autors überliefert (ausgenommen die Handschrift
Ragip Pa§a). Der Bestand an Alexandertraktaten wird daher im fol¬
genden in knapper Form verzeichnet, und zwar unter Hinweis auf A.
Dietrichs Inventar arabischer Alexanderübersetzungen, Differentia
93-100, und die Ergänzungen hierzu bei J. van Ess, Neue Fragmente
150-154. Weiteres zu den Angaben der Tradition über Autor und
Übersetzer der Procliana s. u. § 2, S. 51 ff.
Die meisten Handschriften habe ich in Form von Fotokopien
benutzen können. Die Mss. der Carullah-Sammlung (heute im Süley-
maniye Kütüphanesi), Istanbul, und der Zähiriya, Damaskus, habe ich
auch an Ort und Stelle kollationiert. Allein die Taskenter Handschrift
ist mir nicht zugänglich gewesen. — Im anschliessenden Verzeichnis
steht die Carullah-Handschrift, als die vollständigste, an der Spitze; die
übrigen folgen nach ihrem Alter.

Proclus - 3
34 a: die textüberlieferung

C Istanbul, Carullah 1279, Nr. IX 7: foll. 60b27-66b20.


Franz R osenthal: From Arabic books and manuscripts. V: A one-volume library of Arabic
philosophical and scientific texts in Istanbul (1955), S. 17b. — Dat. 882-83/1477-78. 410 foll.
Kleines, sorgfältig punktiertes nasxl.
Inc.: Yatlü dälika mä staxragahü l-Iskandar al-Afrüdisi min kitäb Aristü-
tälis al-musammä Tülügiyä wa-ma c nähu l-kalämfi r-rubübiya. Faslfi l- c Illa al-
ülä.
Textbestand: Die Handschrift enthält alle in arabischer Übersetzung
bekannten propositiones der Institutio theologica in der Reihenfolge
1-3, 5, 62, 86, 15-17, 21, 54, 76, 78, 91, 79, 80, 167, 72-74 sowie einen
mit prop. 167 verbundenen, sonst unbekannten neuplatonischen Text
(s. den Anhang 167A zur Edition S. rv und unten S. 293). Zwischen
prop. 54 und 76 eingeschoben sind fünf echte Traktate des Alexander
von Aphrodisias (vgl. J. van Ess, Neue Fragmente S. 150 Nr. 7, S. 151 Nr.
16, S. 153 Nr. 32-34). Ausserdem enthält die Handschrift auf den foll.
44b-70b (= Nr. IX, Rosenthal S. 16-18) neun weitere Schriften
Alexanders: s. Dietrich Nr. 1, 15, 18, 21, 25, 26, 28-30.
Bereits J. Finnegan wies in MUSJ 33.160 Anm. 3 (1956) auf die
hier erhaltenen Proklostexte hin, darauf S. Pines in den Corrigenda
zur 2. Auflage von E. R. Dodds ' Edition der Institutio (1963), S. 342.
J. van Ess identifizierte erstmals die einzelnen Abschnitte ( Neue Frag¬
mente 159-163).
Die Handschrift ist am oberen Blattrand beschädigt und unge¬
schickt ausgebessert worden; daher sind in den ersten zwei bis vier
Zeilen jeder Seite jeweils einige Wörter verloren gegangen. Soweit das
Fehlende nicht aus anderen Handschriften hervorgeht, habe ich eigene
Ergänzungsversuche in eckigen Klammern [...] gegeben. -— Die Ränder
der Handschrift sind mit Auszügen aus antiken und anderen Quellen,
grossenteils alchemistischen und okkulten Charakters, beschrieben,
die — soweit ich sehe — zum Inhalt der eingeschlossenen Seiten keinerlei
Beziehung haben. (Vgl. die von Rosenthal S. 21-23 verzeichneten
Autoren und Titel.)

R Istanbul, Ragip Pa§a 1463, Nr. 10: foll. 86bl-88a9.


Defter-i Külübxäne-i Rägib Pasa. Dersa cädet 1310, S. 137. —F u 3äd S aiyid: Fihris
al-maxtütät al-musauwara. 1. al-Qähira 1954, S. 236 no. 366. — Dat. 525/1131. Schönes
nasxl.
1. die textzeugen
35

Inc.: Fi Itbät as-suwar ar-rühäniya allatl lä liayülä lahä min kaläm Aris-
tütälis.

Textbestand: Propp. 15, 17, 21, 54.


Die Proklostexte stehen in der Handschrift neben Traktaten des
Bagdader Philosophen und Historikers Abü c Ali Miskawaih (gest. 421 /
1030, s. GAL S 1.582). Mohamed Arkoun hat sie daher gleichfalls für
Schriften Miskawaihs gehalten und unter dessen Namen mitherausge¬
geben: Textes inedits de Miskawayh (1963), S. 200-203. Auf die Identität
wies ich zuerst in ArÜb De Caelo S. 125 hin.

Z Damaskus, Zähiriya 4871 c ämm, Nr. 20: fol. 115al-29.


M. Kurd cAl!: Maxtütnädir (1945).-—-Vgl. BadawI, Aristii, tasdir S. 51.-—-Dat. Anf.
Dü 1-Qa c da 558/Okt. 1163 (fol. 112b), Ende Rabi c I 557/März 1162 (fol. 119a). 145
foll. Schwach punktiertes nasxi.

Inc.: Maqälat al-Iskandar fi Itbät as-suwar ar-rühäniya allatl lä hayülä


lahä.
Textbestand'. Propp. 15-17.
Auf foll. 107b-119a sind zehn Traktate des Alexander von
Aphrodisias enthalten (rechnen wir den auch hier dem Alexander
beigelegten Proklostext dazu), die c Abdarrahmän BadawI in Aristü
c ind al- c Arab (1947), S. 253-308 veröffentlicht hat (vgl. Dietrich,
Differentia S. 93-96 Nr. 1-10), den Proklostext als Nr. 8, S. 291-292. Die
Alexandertraktate Nr. 2-9 sind nach einer Notiz auf fol. 115b (S. 294
Badawi) aus dem Autograph des Übersetzers, Abü c Utmän Sa c id
ad-Dimasql, kopiert worden (s. dazu unten S. 60).
G Escurial 2 798, Nr. II 9: foll. lOOb-lOla.
Les manuscrits arabes de 1'Escurial, ddcrits d'apres les notes de Hartwig Derenbourg,
revues et completees par H .-P.-J. Renaud. T. 2,2. Paris 1941, S. 10. — Undatiert
(etwa 7./13. Jh.). 121 foll. Magribl.
Inc.: Maqälat al-Iskandar al-Afrüdisi fi Itbät as-suwar ar-rühäniya allati
lä hayülä lahä targamat Abi c Utmän ad-Dimasqi.
Textbestand: Propp. 15-17.
Vgl. H. Gätje: Zur arabischen Überlieferung des Alexander von Aphro¬
disias (1966), S. 264-267. Zu den weiteren Alexanderschriften des Ms. s.
Dietrich, Differentia S. 93 Nr. 1, S. 95 Nr. 6, S. 96 Nr. 11-14, S. 97-99
36 a: die textüberueferung

Nr. 15-24; vgl. Gätje S. 258 ff. — Die ersten vier Zeilen von fol. 101a
sind durch Einwirkung von Wasser z.T. unleserlich geworden.

L Tehrän, Kitäbxäna-i Däniskada-i IlähIyät wa ma c ärif-i islämi-i


Dänisgäh-i Tehrän 242 B, Nr. 61: fol. 308al-b9; Nr. 73: fol. 336al-27.

Saiyid M. BÄrjiR HugöatI , M. Taqi Dänispazüh: Fihrist-i nnsxahäy-i xattiy-i


Kitäbxäna-i Däniskada-i IlähIyät wa ma c ärif-i isläml. Tehrän 1345, S. 143 ff. — Datiert
in Etappen von 1057 H. (fol. 46b) bis 1068 H. (fol. 307b). Die Proklostraktate wurden
anscheinend im Jahre 1068 H. oder bald danach kopiert. — 394 foll. Ta cliq.

Textbestand: Prop. 1-3 (fol. 336a); 15-17 (fol. 308a-b).


Inc. propp. 1-3: Qaul istaxragahü l-Iskandar min kitäb Tälügiyä ai ar-
rubübiya. Fi Tatbit al- c illa al-ülä ; propp. 15-17: Maqälat al-Iskandar al-
Afrüdisifi Itbät as-suwar ar-rühäniya allati lä hayülä lahä targamat Abi c Utmän
ad-Dimasqi.
Wie auch sonst, stehen die unter dem Namen des Alexander über¬
lieferten Proklostexte im Verein mit weiteren (echten) Traktaten Alexan¬
ders. Da die Handschrift in dem Inventar arabischer Alexander¬
übersetzungen von Dietrich und den Ergänzungen von van Ess noch
nicht berücksichtigt ist, seien diese Traktate hier einzeln aufgeführt,
wenngleich die Texte selbst nicht neu sind. (Da mir ausser den Proklos¬
texten keine Kopien der Handschrift zur Verfügung stehen, gebe ich
die Stück- und Folienzählung nach dem Katalog.)
56: 269b-272a Maqäla fi l- c Aql. (Dietrich S. 98 Nr. 21.) Über¬
setzung von Ishäq ibn Hunain.
60: 308a-b M. fi kaifa yataharrak al-mutaharrik. (Dietrich S. 94
Nr. 2-3. Vgl. unten S. 39 zu Ms. M, Nr. 44!)
62: 308b-310a M.fiz-Zamän. (Van Ess S. 152, Nr. 31.) Übersetzung
von Hunain ibn Ishäq.
64: 302a M. fi Tafsir qaul Aristü anna l-multadd yumkin an yaltadd
wa-yahzan ma c an. (Dietrich S. 94 Nr. 5.)
66: 317b-318a M. fi l-Addäd wa-annahä awä°il al-asyä 3 c alä ra?y
Aristütälis. (Dietrich S. 99 Nr. 22.)
67: 317b-319b M. fi l-Istitä c a wal-ixtiyär. (Dietrich S. 99 Nr. 25.)
68: 319b M.fis-Saut. (Van Ess S. 154 Nr. 37.)
1. die textzeugen 37

69: 320a-327a M.fi MabädP al-kull. (Dietrich S. 93 Nr. 1.) Über¬


setzung von Ishäq ibn Hunain.
73: 337b M.fi l-Hayülä wa-annahä maf c üla. (Dietrich S. 99 Nr. 23.)
74: 337b-338a M.fi l-Mädda wal- c adam wal-kaun. (Dietrich S. 98
Nr. 20.)
75: 338b M.fi anna n-Nusü 3 wan-namä 0 yakünänfi s-süra läfi l-hayülä.
(Dietrich S. 98 Nr. 19.) Übersetzung dem Abü c Utmän ad-Dimasqi
zugeschrieben (vgl. unten S. 61, 190).
76: 339a M.fi anna l-qüwa al-wähida yumkin an takün qäbila lil-addäd.
(Dietrich S. 95 Nr. 6.)
77: 339b-340b M. fi anna l-Hayülä gair al-gins wa-fi-mä yastarikän
wa-yaftariqän. (Dietrich S. 99 Nr. 24.)

H Tehrän, Kitäbxäna-i Däniskada-i IlähIyät wa ma c ärif-i islämi-i


Dänisgäh-i Tehrän 293 ö, Nr. 13: fol. 67a3-bll.

M. B. Huööati, M. T. Dänispazüh: Fihrist [s.o. zu L] S. 198 ff. — Dat. 1069 H.


(fol. 247b). 250 foll. Kleines nasxl.

Inc.: Maqälat al-Iskandar al-Afridüsi [sie] fi Itbät as-suwar ar-rühäniya


allati lä hayülä lahä targamat Abi c Utmän ad-Dimasqi.

Textbestand'.Propp. 15-17.
Es folgen weitere Abhandlungen Alexanders (Stückzählung des
Katalogs; die Foliierung des Katalogs wurde — nach der mir vorlie¬
genden Kopie des Proklostextes — um 2 reduziert):
14: 67b-68a Maqälafi l-Hayülä wa-annahä maf c üla. (Dietrich S. 99
Nr. 23.)
15: 68a-b M.fi anna l-Qüwa al-wähida yumkin an takün qäbila lil-addäd
c alä ra°y Aristü. (Dietrich S. 95 Nr. 6.)
21: 90a-91a M. fi anna l-Hayülä gair al-gins wa-fi-mä yastarikän wa-
yaftariqän. (Dietrich S. 99 Nr. 24.)
22: 91a-92a M. fi r-Radd c alä man yaqül anna l-ibsär yakün bis-su cä c ät
al-xäriga min al-basar. (Dietrich S. 96 Nr. 13.)
23: 92a-93a M. fi l-Mädda wal- c adam wal-kaun. (Dietrich S. 98
Nr. 20.)
38 a: die textüberlieferung

24: 93a-94a M. fi l-Addäd wa-annahä awa°il al-asyä 3 c alä ra°y Aristü.


(Dietrich S. 99 Nr. 22.)
25: 67a M. fi Tafsir qaul Aristü anna l-multadd ijumkin an yaltadd wa-
yahzan ma c an. (Dietrich S. 94 Nr. 5.)
26: 67a-b M.fi s-Saut. (Van Ess S. 154 Nr. 37.)
30: 89b-93a M.fi l- QAql c alä ra°y Aristätälis. (Dietrich S. 98 Nr. 21.)
Übersetzung von Ishäq ibn Hunain.

Tk Taskent, Akademija Nauk Uzbekskoj SSR 2358, Nr. 86: foll.


388b-389a; Nr. 88: fol. 390a-b.
Sobranie vostocnych rukopisej Akademii Nauk Uzbekskoj SSR. Tom 3. Taskent 1955, S. 18-
19. — Dat. 1075/1664 (fol. 299a).

Textbestand: Propp. 1-3 (fol. 390a-b), 15-17 (fol. 388b-389a).


Inc. propp. 1-3: Qaul istaxragahü l-Iskandar min kitäb Tälügiyä
ai ar-rubübiya. Fi Tatbit al- c illa al-ülä; propp. 15-17: Maqälat al-Iskandar
al-Afrüdisi fi Itbät as-suwar ar-rühäniya allati lä hayülä lahä targamat Abi
°Utmän ad-Dimasqi.
Diese Handschrift ist mir nicht zugänglich gewesen. — Zu den in
ihr enthaltenen Alexandertraktaten s. van Ess S. 150-154 Nr. 5, 6, 13,
20, 21, 22, 24, 25, 28[?], 31, 36, 37.

M Tehrän, Kitäbxäna-i Maglis-i Süräy-i Milli 5283, Nr. 20: fol. 46b.

Fihrist-i Kitäbxäna-i Maglis-i Süräy-i Müll. ZIr-i nazar-i Trag Afsär [etc.]. Gild 16.
Tahrir wa cäp wa fihrist tawassut-i Ahmad MunzawI . Tehrän 1348, S. 186. — Die
Handschrift trägt mehrere Datierungen, die — dem Fortschritt des Kopisten folgend —
von 1078/1668 (fol. 9b) über das Jahr 1079 (fol. 46b, nach dem Proklostext) bis 1102/
1690 (fol. 229b) reichen. 231 foll. Zügiges ta cliq.

Inc.: Maqälat al-Iskandar al-Afridüsi [sie] fi Itbät as-suwar ar-rühäniya


allati lä hayülä lahä targamat Abi c Utmän ad-Dimasqi.
Textbestand'. Propp. 15-17.
Wiederum seien auch die übrigen Alexander-Übersetzungen der
Handschrift verzeichnet. (Ich gebe die Stückzählung des Katalogs,
S. 186-192, aber die Foliierung der Handschrift. Die Folienzählung
des Katalogs liegt jeweils um 2 höher.)
1. die textzeugen 39

21: 47al-b5 Maqälaß l-Hayülä wa-annahä maßüla. (Dietrich S. 99


Nr. 23.) 1
22: 47b6-24 M. fi anna l-Qüwa al-wäkida yumkin an takün qäbila
lil-addäd. (Dietrich S. 95 Nr. 6.)
32: 92bl9-93bl2 M. fi anna l-Hayülägair al-gins wa-fi-mä yästarikän
wa-yaftariqän. (Dietrich S. 99 Nr. 24.) Übersetzung von Ishäq ibn
Hunain (fol. 92bl9).
33: 93bl2-94bl5 M. fi r-Radd c alä man yaqül anna l-ibsär yakün bis-
suc ä c ät al-xäriga min al-basar. (Dietrich S. 96 Nr. 13.)
34: 94bl5-95a21 M. fi l-Mädda wal- c adam wal-kaun. (Dietrich S.
98 Nr. 20.) 2
35: 95a21-96al3 M. fi l-Addäd wa-annahä awcfil al-asyä 0 c alä ra°y
Aristü. (Dietrich S. 99 Nr. 22.)
36: 96al3-22 M. fi Tafsir qaul Aristü anna l-multadd yumkin an
yaltadd wa-yahzan ma c an. (Dietrich S. 94 Nr. 5.)
37: 96a22-28 M.fi s-Saut. (Van Ess S. 154 Nr. 37.)
43: 118bl-121a7 M.fi l- c Aql. (Dietrich S. 98 Nr. 21.) Übersetzung
von Hunain ibn Ishäq. 3
44: 121al7-122a4 M. fi kaifa yataharrak al-mutaharrik. (Dietrich
S. 94 Nr. 2-3.) Vgl. Gätje, Zur arabischen Überlieferung des AI. v. Aphr. 261 f.
zu den drei, hier in z .T. gekürzter arabischer Version vereinigten
quaestiones. Die zweite und dritte schliessen auch in der vorliegenden
Handschrift ohne eigenen Titel an. (Ergänze bei BadawI, Aristü 279.16:
[fa-qäla aidan wa-] yanbagi ilx. nach fol. 121bl4.).

T Tehrän, Kitäbxäna-i Markazi-i Dänisgäh-i Tehrän , Miskät


339, Nr. 29: fol. 86a.
Fihrist-i Kitäbxäna-i ihdä Di-i Äqäy-i Saiyid Muhammad Miskät bi Kitäbxäna-i Dänisgäh-i
Tehrän. Nigäris-i Muhammad TaqI Dänispazüh . Gild 3. Tehrän 1332, S. 366 f. Nr.
451.—-Dat. 1086/1675 (fol. 123b). 134 foll. Sehr flüchtiges, schwach punktiertes ta cliq.

1 Noch in Mss. Maglis, Imäml 4, Nr. 2: p. 151 (dat. 1296-97 H., s. Fihrist-i Kx-i
Maglis 7.265, 369); Maglis 5077, Nr. 11: foll. 55b-65a (dat. 1299 H., Fihrist 15.40).
2 Noch in Mss. Maglis, Imäml 4, Nr. 3: pp. 152-53 (dat. 1296-97 H., s. Fihrist-i
Kx-i Maglis 7.265, 368); Maglis 5077, Nr. 12: foll. 56b-59b (dat. 1297-99 H., Fihrist
15.41).
3 Noch in Ms. Maglis 1976, Nr. 1: foll. lb-6b (dat. 931 H., Fihrist 5. 474).
40 a: die textüberlieferung

Inc.: Qaul istaxragahü l-Iskandar min kitäb Utülügiyä 3 [!] ar-rubübiya.


Fi Tatbit al- c illa al-ülä.
Textbestand\ Propp. 1-3.
Zu den Alexandertraktaten der Handschrift s. van Ess S. 150 Nr. 1,
S. 152 Nr. 20, 21, 23.

D Tehrän, Kitäbxäna-i Markazi-i DÄNisGÄH -i Tehrän , Miskät


384, Nr. 7. (Getr. Zählung pp. 1-4.)
Fihrist [s. o. zu T] S. 366 Nr. 450. — Die in der Sammelhandschrift enthaltene
R.fil- cAql des Kindi ist auf den Gumädä I 1266/März-April 1850 datiert. Schwerfälliges
ta cliq. Fehlerhafter und verstümmelter Text.

Expl.: Tammat maqälat al-Iskandar al-Afrüdisi fi Itbät as-suwar ar-


rühäniya allati (/a ) hayülä lahä.
Textbestand : Propp.
15-17.
Die kleine Sammelhandschrift enthält noch zwei Schriften des
Alexander: s. van Ess S. 150 Nr. 6, S. 151 Nr. 19.

Je ein weiteres Exemplar von propp. 1-3 und propp. 15-17 ist— nach freundlichen
Mitteilungen von Prof. Muhsin Mahd ! (Harvard University) und Prof. Fuat Sezgin
(Frankfurt a. M.), die mir während der Drucklegung zugingen — in der Handschrift
Nr. 2912, foll. 161a und 207a, des Tehraner Kitäbaxäna-i Madrasa-i Sipähsälär ent¬
halten (Incipit beider Texte wie in Ms. L).

1.2. Die Epitome des c Abdallatif al-Bagdädi


Der Arzt, Naturforscher und Philosoph Muwafiaqaddin c Abdallatif
ibn Yüsuf al-Bagdädi (gest. 629/1231) 4 gibt im Schlussteil seiner Meta¬
physik Kitäb fi c Ilm mä ba c d at-tabi c a einen Abriss der „Theologie". Er
resümiert hier vor allem neuplatonische Texte, als deren Autor er
Aristoteles ansieht ( al-hakim , vgl. Badawi, Aflätüniya 255.8: Aristü ): so
den Liber de Causis (Fasl 20, s.o. Einl. § 1.12 S. 19) und die Theologia
Aristotelis, d.h. die bekannte arabische Plotin-Paraphrase ( Fasl 22-24).
Der 21. fasl des Werkes bringt' nun unter dem Titel Fi Utülügiyä wa-
huwa c ilm ar-rubübiya eine Epitome der gleichen Kollektion ausgewählter

4 GAL 2 1.632, S 1.880; EP 1.74 s.n. (S. M. Stern ). Zu den biographischen und
autobiographischen Quellen für sein Leben und Wirken, insbesondere zu seiner
philosophischen Bildung, s. A. Dietrich, Dijferentia 100-113. — Auf die Neo-
platonica in seiner Metaphysik wies zuerst P. Kraus, Plotin chez les Arabes III hin.
1. die textzeugen 41

Abschnitte aus Proklos' Institutio theologica nebst fünf Traktaten Alex¬


anders, deren Vorlage als „Auszug aus der Theologie des Aristoteles"
in der Handschrift Carullah 1279 erhalten ist.

Mss: [1.] Kairo, Dar al-Kutub al-Misriya, Taimür 177 hikma.


[2.] Istanbul, Carullah 1279, Nr. XIV: foll. 140a-187a; s. F. Rosenthal,
From Arabic books and manuscripts. V (1955), S. 19b.

Ed (fast 21): c Abdarrahmän Badawi: Aflülin c ind al- c Arab (1955),


S. 199-208 (nur nach Ms. Taimür).

Textbestand: Eine Konkordanz zwischen c Abdallatifs Epitome und


dem vollständigen Text der Handschrift Carullah gibt J. van Ess (der
zuerst die Vorlage des 21 .fasl identifizierte), Neue Fragmente S. 167. Die
Auszüge stehen bei c AbdallatIf in folgender Anordnung: Inst, theol.
prop. 1-3, 5, 62, 86, 78, 91, 76, 72-74, 167, 167A, 21, 16, 17, 15, 80, 79;
es folgen die fünf Alexandertraktate. Prop. 54 ist nicht hier, sondern im
Anschluss an den Liber de Causis im 20. fasl resümiert (s. BadawI, Aflätüniya
255 .9-11). Die Reihenfolge ist also gegenüber dem Text der Handschrift
Carullah leicht verändert worden, zeigt aber doch genügend Überein¬
stimmung, um die Annahme einer identischen Quelle zu rechtfertigen.
Dass die Alexandertraktate an den Schluss gestellt wurden, ergab sich
aus ihrer leicht erkennbaren thematischen und doktrinären Besonderheit.
Aber auch die Möglichkeit, dass c AbdallatIf eine ursprünglichere Anord¬
nung — bei der die fünf Alexanderschriften auf die Proklostexte folg¬
ten — bewahrt hat, ist nicht von der Hand zu weisen.
AbdallatIf gibt die Texte nicht nur in geraffter Form, sondern
c

auch in Gliederung und Formulierung der Argumente (z.T. aucn in der


Terminologie) recht frei wieder. Einige sprachlich und inhaltlich
schwierige Passagen sind ganz übergangen worden (z.B. prop. 5 l\,- \
vgl. Anm. 5, S. 256). Für die Textherstellung ist seine Fassung daher
nur mit Vorsicht zu benutzen (zumal eine kritische Edition noch nicht
vorliegt), jedoch durchaus nicht ohne Wert.

Abschliessend sei in einer Tabelle eine Übersicht über die Überlieferung der
Procliana gegeben, daran anschliessend ein Verzeichnis der Alexandertraktate (nach
den Nummern des Inventars bei Dietrich und van Ess ), die in den genannten Hand¬
schriften enthalten sind. In der ersten Spalte ist vermerkt, welche Traktate bei den
Bibliographen Ibn an-Nadlm ( Fihrist 252 f.) = F, al-Qifti ( Ta'rtx al-hukamä° 54 f.)
= Q, und Ibn Abi Usaibi c a ( c Uyün I 70 f.) = U bezeugt sind. — cAbdallatIf resü-
42 a: die textüberlieferung

miert nur die auch in Ms. C enthaltenen Texte, ist daher nicht eigens berücksichtigt.
Zu den griechischen Originalen der Alexandertraktate, soweit solche erhalten sind,
s.u. S. 64-66, 75.

[1.] Proclus, Inst, theol.

Prop.1-3 u* G L Tk T
5 C
15 u* R Z C G LH Tk M D
16 u* Z G G LH Tk M D
17 u* R Z C G LH Tk M D
21 R C
54 R C
62,72-74 C
76,78,79 C
80,86,91 G
167, 167A C

[2.] Alexander Aphrodisiensis, Quaestiones

1 F,U Z c G L M
2/3 z L H M
4 U z
5 z LH Tk M
6 U z G LH Tk M
z c**
z
t--
co
9 z
10 U z
11 F,Q_,U G
12 F,Q_,U G
13 F,d G H Tk M
14 U G
15 c G
16 F,QJJ c** G
17 F,d,U G
18 F,Q_,U c G
19 G L

* Ibn Abi Usaibi c a, c Uyün I 71.2, nennt propp. 15-17 als Einzeltitel; daneben
I 70 ult. den Titel der ganzen Kollektion ähnlich dem in Mss. G und LTkT gege¬
benen (vgl. unten S. 53).
** Als Teil der die Proklostexte enthaltenden Kollektion, eingeschoben zwischen
propp. 54 und 76.
1. DIE TEXTZEUGEN 43

20 U G LH Tk M
21 U c G LH Tk M
22 U G LH Tk M
23 U G LH M
24 F,Q_,U G LH Tk M
25 U G L Tk
26 U C
28 U C Tk[?]
29 U C
30 c
31 u L Tk
32 Q**
33 u Q**
34 u Q**
36 . F,Q_,U Tk
37 L H Tk M

1.3 Recensio

Eine recensio der Texlüberlieferung lässt sich natürlich nur anhand


der propositiones geben, die in mehreren Handschriften erhalten sind,
d.h. für die Überlieferung der propp. 1 -3 (mit den Zeugen C, L, Tk, T und
c Abdallatif) auf der einen Seite und für die propp. 15-17 (mit sämtlichen

Zeugen ausser T) auf der anderen Seite, ferner für prop. 21 und 54
(mit G und R sowie c Abdallatif). Da alle Handschriften ausser T die
propp. 15-17 enthalten, lässt sich daraus aber für die Mehrzahl der
Textzeugen ein detailliertes Stemma ableiten. Diejenigen Handschriften,
welche propp. 15-17 (z.T. auch propp. 1-3) als selbständige Abhand¬
lung Alexanders bieten, stellen darin sowohl nach dem Textbestand
als auch nach der Textgestalt einen besonderen Zweig dar.

Die dargestellten Beziehungen gelten im Prinzip nur für die Über¬


lieferung der Proklostexte. Bereits aus der oben gegebenen Tabelle der in
den einzelnen Handschriften enthaltenen Alexandertraktate (zu denen
äusserlich ja auch die Procliana gehören) geht hervor, wie stark die
meisten Handschriften im Textbestand differieren. Allein die engere
Verwandtschaft der Mss. G, L, H, M, Tk scheint nicht nur für den Text der
propp. 15-17 (s.u.), sondern auch für den Gesamtbestand an Alexander¬
schriften dieselbe gemeinsame Quelle vorauszusetzen: Ausser dem
Proklostext sind auch die Traktate Nr. 6, 20, 21, 22, 24 in allen fünf,
44 a: die textüberueferung

Nr. 5, 13, 23 und 27 in je vier dieser Zeugen überliefert. Es wird


daher kaum überraschen, wenn diese Handschriften auch im Text der
übrigen Stücke einander nahestehen. Gleichwohl wird dies von Fall zu
Fall aufs neue zu belegen sein.
Ich setze zum leichteren Verständnis der nachfolgenden Begründung
das Stemma voran. Die Ziffern verweisen auf die Belege für die einzelnen
Junkturen und Verzweigungen. Die durch sog. Bindefehler (errores
coniunctivi) erwiesene Verwandtschaft von Textzeugen wird im Fol¬
genden durch das Zeichen & zwischen den Sigeln angezeigt, durch das
Zeichen x hingegen die durch Sonderfehler (errores separativi) zu be¬
stimmende Trennung von Überlieferungszweigen. — Zu den unten
gebrauchten arabischen Formen der Sigeln s. das Verzeichnis vor dem
arabischen Text (S. 1).

20propp. 0'

L Tk T L H M Tk
1058H 1075H 1086H
1068H 1069H 1079H 1075H

©
D
1266H

[1] Der Obertitel der Kollektion und eine Verschreibung in prop.


16 gehörten bereits dem Archetyp an:
1. DIE TEXTZEUGEN 45

a) C; LTkT (propp. 1-3):


lo-jJy ^^J.1 jJUsjJaoyl i ikS' y 2! U (ÜJJXRII) 1
C "k^jyjJ1 1 t 'k£* 4^-^w^l (Jj3 ; ^ c 4-*jjjS olÄJvy
. cj dJj J

Vgl. Ibn Ab! Usaibi c a, c Uyün I 70 ult., unter den Werken des
Alexander von Aphrodisias:
oUÄ^ L>-jJy 4-~y J) ij i_jkS" \ji SJlÄ»
. ^JjÜ 4>ll (_3

b) Bindefehler C & ZGLHM (propp. 15-17):


. ^ a J ^Jä ^ c JS" : jlS" V 16
[2] C & c Abdallatif X ZGLHM (propp. 15-17):
. t_juiaUl XP ^ t «L^Ujt ; A cJ ' <Uw®^\x \ i 16
C & c Abdallatif x R (prop. 21):
. c-J3_Ja)J! ^LP ^ c «OuJajl :j c ^SLkil YA 21
[3] Sonderfehler C:
a) C X LT (propp. 1 -3):
. ^ t Jli« : (JuJa))! wUp c o J t JJ M 1
. ^ ' *4® ot ! o J ( <dJ "i 2

. ^ aJ ö^/ : (O c <dJ j*) J c <ülJ <\ 3


b) Sonderfehler C X RZGLHM (propp. 15-17, 21):
• ' ü^i • f A ^ i_k A 16
■ r A ^ j ^ ii c ' ■ r A ^ v 17
t'tÄ
• £. ' u 1 ^ : J ^ 21
[4] L Tk T x C:
Die Zusammengehörigkeit der Handschriften L Tk T gegenüber C
geht zunächst aus der gemeinsamen Form des Obertitels hervor, der hier
als Titel der separat überlieferten propp. 1-3 erscheint (s.o. [1]). Auch
der Titel von prop. 1 hat in L Tk T eine eigentümliche Form:
46 A: DIE TEXTÜBERLIEFERUNG

. cj djj (J C AIUII c^xlj (J • 4-bJI (J (ÖU^J'I) 1


Bindefehler L & T X C:

(J V || ü J t ^ 1V || o J 4 j[ Jl« : ^ c öl \ 1
. Ü J i e-LiVI dlb ,y '- (7^ <■*■ig* ^ W*-* ^ || ^ J ' — •
und so fort, vgl. den krit. Apparat zu propp. 1-3. — L und T eigen¬
tümlich sind auch zwei in den Text eingedrungene Glossen:
. Cj Je iäJLLI + Op~yi ^Y || o J i 4jii ^Äj + <cjJI l 2

Eine Marginalglosse der gemeinsamen Vorlage erscheint in L gleich¬


falls am Rande, ist dagegen in T für die Lesart des Textes substituiert
worden:

. cJ t (_5 ^ ' jj dv i J t ^ i c jj[*^ Y 3


Da mir eine Kopie der Taskenter Handschrift (Tk) nicht zur Ver¬
fügung steht, kann ich ihr Verhältnis zu LT im einzelnen nicht unter¬
suchen. Die Übereinstimmung der Titelei und die zeitliche Nähe der
Abschrift lassen jedoch eine enge Verwandtschaft vermuten.
[5] Sonderfehler L x TG:
. J 1 — : cj ^ \\ II J 1 JIS : cj ^ i Jlj ^ * 2
. J 4 mr :o £ C V-'li U 3
T kann also nicht Kopie der älteren Handschrift L sein, sondern
beide gehen auf dieselbe Vorlage zurück.
[6] Sonderfehler T X LC:
uaii : ^ c u,ajl 4] äjl v 0 || cj c : cj c 1
. cj t — : J c AJ ÄjI(- N 3j&\ jJ

. cj l — : (J 1 ja £—f 2
. üi—: J ^ i <ut ^ || Cj c — ; J ^ i-b-lj || lüj tl_jil + : J ^ t 1 3
Die Schlussformel hinter prop. 3 ist gegenüber L erweitert:
. cj i <ül! ojxj [V] ^ : <J c jji" + ^ Y 3

[7] Bindefehler R & ZGLHM:


. f A J C öl tA' £ || ^ A d ■ 0 ^ U" ^ ^ 15
1. DIE TEXTZEUGEN 47

[8] a) Sonderfehler R X C (prop. 21):


. j 4 C C-ÄJÄUI ^ 4 ^ ^ || j 4 1 ^ 4 1 jaXA £ 21
b) Sonderfehler R x GZGLHM (propp. 15, 17):
•j i &/ £: : f a ^ c.' cr-^- ^ • r A ^ L~k <L' ^ ^
• J ' '■ ^ A <-) ' Jj ^ 0 17
[9] Z & GLHMTk x G (propp. 15-17):
jjvJI <■—'^i cj iilj a J ^ c 4—Sit« 15
<■ (... ü!) cJIi + \ || ^ lL^ aJ C IA c^*-21 ^ (3^
. ^ dlj A J
. j 4 c>^r' ■ c ' r^ " f A ^ ("' ^ ^ i6
. (j> A d 4 üU <) 4 (... JS") Jl» \ 17
[10] Sonderfehler Z X C, GLHM:
' jj*0 Y \ || -t t i J ' f-*5-" ^ II •f A ^ ^ 16
. Ji i ö): j>A J
[11] G & LHMTk x G:
U> ^ Oloj jJJsSwNl 4 iljL« 15
. ^ dJj A 4J 4 ö\^£* 4^" J>
Ms. G fügt in margine targamat Abi c Utmän hinzu (nur hier bei prop.
15!) und ergänzt al-Iskandar über qäla (inna ...) 15 i (vgl. oben [9]; beides
ist offenbar einer Handschrift der Familie GLHMTk entnommen.
Bindefehler G & LHM:

• r A J t' c J'jj '■ -k ( 15 >lß ) jc ' cf j 17/ n 16/ 15


|| ^ & Ü ^ 4 13 * Jg 7^ C l«-L& A || £ (J ^ C 6J-Ä I J? ^ C OjAj£ V 16

<• j* J c (J 4 c^d i ^ ' (<jd^) cÄ ^


. a c (j J c

. ^ j» J 4 »tgii ,/lT : j ^ ^ * 17
[12] Sonderfehler G x CRZLHM:
• £_' — : £TJ II t, ' • (f ö ' ^ 15
48 AI DIE TEXTÜBERLIEFERUNG

. \ ^ || ^ i f A ^^ ' <j^"- ^11 L 1 cSj*' : ^ A J Ji ^ c ö

' L.' c ' r A ^ c' ^ ii — :^a<jj=>

: ^ A J ^ j ^ c i^j^-\ \ * || "1^* • ^ j ' ^ ' -1^ ^ 1 7


• iL ' 0^—U lT = jL^") ^ (J>1? + a;IJJ || ^ t £ipj.l £}>l
[13] L & HM x cett.:
c*}le-li ; J ^ ^ II (^ Ä ' ^ 'cl**^ ■ L-' E.' ^
(jl ^_frß" + || (-^) ^ J ' 1/?^ ^ || ^ A J
. ^ A J i jS3l

<jt)\JLA AJ üISO UI5 -f- Jj^LL» \ \ || ^ A J t J&X) ; ^ ^

' d ' "Vv' ^ II ( A ti (J ^ l J U. j[^-j)


. ^ A J

c IS^i- \ Y |i ^ aJ c jr (|> a ( olS' +) uji : '^Jö <.JS' Jlä : j ^ t JS" ^ 17


. ^ A J t — lv2jl ^£ || ^ A (J c iJ^ : j ^

Die gemeinsame Vorlage von L und HM hatte eine Reihe von Les¬
arten in margine (durch das Siglum £ = zähir als Konjektur kennt¬
lich gemacht), die in L und M gleichfalls am Rande erscheinen, in H
jedoch z.T. für den Text der Vorlage substituiert worden sind:
t jJj $ Ji ^ (öi^.) ^ II (J j* J • f A ^ ^
. a c ^iuUI (j j» J ' ^ J c jJ : ^

.a <. jji -aliil (J J c (dir) jl :j.J ( ölSj : -'S!-' (">^' ^ ^

An zwei weiteren Stellen hat auch M (bzw. die gemeinsame Vorlage


von HM, s.u.[16]) die Randlesart der Vorlage in den Text übernommen:
t (^IJ) ^jlj M || ^ A t Ol jl»- '. (j j 1 jl>- ; J ^ ^V 16

. t L0L1 : (J ^ c bL' : A c (j tJ ^ ^

[14] Sonderfehler L X HM, GRZG:


,(Jc4j;^A^J?j^cli> \ t || (Je — : ^ A L ^ -) ' (1) 15*" V
Erweiterte Form der subscriptio am Ende von prop. 17:
IA ^ ijl>jjil J^ÄII oUl (_3 Äjlil« <1 . c + ^ 17
.cic 4)) iX^i-1^
1. DIE TEXTZEUGEN 49

[15] Ms. D bietet alle unter [7], [9], [11], [13] angeführten Lesarten
der Gruppe LHM wie auch die unter [14] gegebenen Besonderheiten
von L. Darüber hinaus hat D eine Reihe von Sonderfehlern, vor allem
zahlreiche, z.T. umfangreiche Lücken durch Homoioteleuton:
. J c _ : ... j£j ^ ._A 15
. J i —: ... «jAJ£ SV || <■— : ... JÄÜI V—O 16
,Ji-: ts>^u ... Ujj 17

usf. sowie Wiederholungen wie:


... dJi jls + (\ \— = ) + j c ^ Y 16
. (\Y—\ \

Die Marginalglossen des Exemplars von LHM (vgl. oben [13]) sind
in D mit dem Grundtext kontaminiert worden:
• 0* J- '• ü^. ^ II * '-3^" • jb 3 W || i : ^V 16

. a « j\ö\% : öfcT j\ <\ 17

Weitere Sonderfehler D X L, cett.:


. i 4 I J ' Öj^ ^ II ^ ^^ ! j"A J ^ ^

Ms. D ist daher als Kopie von L anzusehen und kann für die Her¬
stellung des Textes eliminiert werden.

[16] H & M x CRZGL:


' £jjt • ^ j (T ' ^ II f A ' : (ö[ji*Sl) 15
II J 4 Öl) ^ a 4 JS- ö£* Iii : J jj J üis'öl V II I« A
c jr ; J ^ J? j ^ c A || ^ Ac :J c -'S.'
. A4 : J J £ ' Wy ^ || A
. ^ A4 : J ^ ^ H 16
. |>a i JT ölS' öU : J 4 Ji" ö|s : f^-li 4 JS" JlS : j ^ ' JS' ^ 17
Schlussformel nach prop. 17:
. ^ A 4 "üJjj (y^-j «AI öj^j c~c + \ V 17
Zur Behandlung der Glossen der gemeinsamen Vorlage s.o. [13]. —
Auch im Bestand an weiteren Alexandertraktaten stehen sich die beiden

Proclus - 4
50 A: DIE TEXTÜBERLIEFERUNG

Handschriften besonders nahe: M enthält nur eine Abhandlung mehr


als H, die übrigen in derselben Reihenfolge.

[17] Sonderfehler H X M, cett.:


: ^ cö^) ^ J cjl Iii t || a c J ^ c g-j r 15
. A t <1>I (J,l

J ^^ t(öl) jl \V || a c(^V—^ ^V 16
.A 4

[18] Sonderfehler M X H, cett.:


. ^ (. $\*a : a J ^ -b ^ c 4U3 ^i 16

Für die Stellung der Handschrift Tk betreffs ihrer Überlieferung


von propp. 15-17 gilt analog das unter [4] Gesagte: Eine Kollation ihres
Textes müsste klären, ob sie mit L oder mit HM näher zusammengehört.
* * *

Die Variantenträger wechseln mit den zur Verfügung stehenden


Textzeugen, z.T. auch für einzelne Passagen, die in der einen oder
anderen Handschrift durch mechanischen Textverlust (Mss. C, G) oder
Homoioteleuton ausgefallen sind. Für die separate Überlieferung von
propp. 1-3 auf der einen und von propp. 15-17 auf der anderen Seite
führte die Untersuchung auf je eine gemeinsame Quelle: Einen alten
Subarchetyp für die Teilüberlieferung von propp.15-17 (Mss.ZGLHTkM),
einen jüngeren für propp. 1-3 (Mss. LTkT). Obwohl Mss. L und Tk
beide Texte enthalten, stehen diese doch auch hier getrennt zwischen
verschiedenen Abhandlungen ihres Pseudeponymos Alexander. Wir
müssen daher — neben der Gesamtüberlieferung der zwanzig proposi-
tiones in Ms. G und bei c Abdallatif— zwei weitere, selbständige Über¬
lieferungszweige annehmen. Dass propp. 15-17 aus einer umfangreiche¬
ren, mindestens noch propp. -21 und 54 enthaltenden Teilsammlung
entnommen wurden, zeigt Ms. R, das demselben Traditionszweig
angehört.
Ms. D kann als Apographon von L für die Textherstellung ausschei¬
den; die übrigen Handschriften sind für die Rekonstruktion des Arche¬
typs erforderlich. Andererseits ergibt sich aber aus dem Stemma, inwieweit
isolierte Lesarten einer Handschrift gegen zwei oder mehr Vertreter eines
2. AUTOR UND ÜBERSETZER NACH DER ÜBERLIEFERUNG 51

älteren Subarchetyps (z .B. M gegen LG, G gegen ZR) bzw. des Arche¬
typs (z.B. Z gegen RC, G gegen ZC) als wertlos eliminiert werden
können. Solche Lesarten sind im apparatus criticus nicht aufgeführt worden. —
Ebensowenig wurden orthographische Eigentümlichkeiten berücksich¬
tigt.

So die übliche Vernachlässigung der hamza : Ms. C hat durchweg sai, muläyim,
liyan (für li-an\), aber bad' (fol. 63al8 = prop. 21 f) gegen badw der Handschrift R. —
Die Tehraner Handschriften verwenden drei Abbreviaturen: kk = ka-dälika, lä
mh.h = lä mahälata, h=hlna :'idin.

2. Autor und Übersetzer der Proklostexte nach der


arabischen überlieferung

2.11 Autor und Titel in der handschriftlichen Überlieferung


a) Unter den Handschriften, welche Abschnitte aus Proklos' Institutio
theologica in arabischer Übersetzung enthalten, bietet nur Carullah
1279 die volle Zahl der erhaltenen zwanzig 5 propositiones. Vereinigt
mit fünf Traktaten des Alexander von Aprodisias (s.o. S. 34), stehen sie
unter einem gemeinsamen Obertitel:
(Yatlü dälika) mä staxragahü l-Iskandar al-Afrüdisl min kitäb Aristütälis
al-musammä Tülügiyä wa-ma c nähu l-kal&m fi r-rubübiya „(Es folgt)
was Alexander Aphrodisiensis ausgezogen hat aus dem Buch des
Aristoteles mit Namen Theologia, d.i. die Rede über die Gottheit."
Die Vorlage der Handschriften L Tk T entnimmt aus der Kollektion
die am Anfang stehenden propp. 1 -3, behält jedoch den Obertitel bei,
der hier folgende Form hat:
Qaul istaxragahü l-Iskandar min kitäb Tälügiyä ai ar-rubübiya.
Es fehlt hier also der Name des Aristoteles als des Verfassers des Grund¬
werkes, aus dem Alexander exzerpiert haben soll.
AbdallatIf al-Bagdädl hingegen, der sämtliche in Ms. C enthaltenen
c

Proklostexte nebst den interpolierten Alexandertraktaten in seiner


„Metaphysik" resümiert, hält Aristoteles für den Autor (s.o.S. 40).

5 Prop. 167A — ohne Vorlage bei Proklos, aber mit prop. 167 eng zusammen¬

gehörig — wird hier nicht als besonderes Stück gezählt (s.u. S. 293).
52 A: DIE TEXTÜBERLIEFERUNG

b) Die übrigen Handschriften bieten eine kleinere Auswahl, die mit


prop. 15 beginnt. Deren „Sachtitel" lautet wie in Ms. G:
Fi Itbät as-suwar ar-rühäniya allati lä hayülä lahä.
Die älteste Handschrift R (525 H.) unterscheidet sich von allen anderen,
abgesehen vom Textbestand (propp. 15, 17, 21, 54), dadurch, dass sie
ohne nähere Angaben Aristoteles als den Autor nennt:
Fi Itbät as-suwar ar-rühäniya allati lä hayülä lahä min kaläm Aristütälis.
Dagegen bezeichnet der Subarchetyp der Handschriften Z G L H
Tk M, prop. 15-17 enthaltend, Alexander von Aphrodisias als den
Autor des Textes:
Maqälat al-Iskandar fi Itbät as-suwar ar-rühäniya allati lä hayülä lahä.
Im Gegensatz zu Ms. R enthalten diese Handschriften weitere
(echte) Schriften des Alexander (vgl. die Übersicht oben S. 42 f.).
Bevor wir diese Angaben auswerten, wollen wir die Testimonien der
bibliographischen Literatur betrachten.

2.12 Die Proklosübersetzung bei den arabischen Bibliographen

a) Ibn an-Nadim (377 H.) führt unter den Werken des Proklos eine
Theologia auf:
Fihrist 252.16: Kitäb at-Tä(°u)lügiyä 6 wa-hiya r-rubübiya (danach
al-Qifti, Ta°rix al-hukamä 3 89.9).
Wir können dieser Notiz nicht entnehmen, ob ihm ein arabisches Buch
dieses Titels vorlag, oder ob er nur eine ältere Werkliste auswertete.
Letzteres ist gut möglich, zumal er keinerlei Angaben über eine syrische
oder arabische Übersetzung macht. Da Proklos zwei „Theologien"
verfasst hat — neben der Elementatio theologica die grosse Theologia
platonica —, können wir nicht einmal mit Gewissheit sagen, welches
Buch gemeint ist.
Auffällig ist indessen, dass bei al-Q^ifti auch unter den Werken des
Alexander von Aphrodisias eine „Theologie" genannt wird:

6 Dies die ältere Form der ar. Transkription, von gr. OeoXoyta; vgl. syr. te'ölögiyä
(Brockelmann, Lex. Syr. 813a). Vernachlässigung der hamza führt zu tälügiyä,
Metathese (in Anlehnung an die ar. Nominalform uf cüla?) zu utülügiyä (> tülügiyä).
2. AUTOR UND ÜBERSETZER NACH DER ÜBERLIEFERUNG 53

Tä'rlx al-hukamä0 55.1: Kitäb at-Tä°ulügiyä, maqala „Theologia, in


einem Buche".

Ibn an-Nadlm hat im überlieferten Text stattdessen K. al-Mälixüliyä


(.Fihrist 253.11, ebenso Ibn Abi Usaibi c a, c Uyün I 70.16); da aber al-
Qtfti, der die letzten sechs Titel des Alexander-Artikels in der gleichen
Reihenfolge aufführt, hier wie auch sonst von Ibn an-Nadlm abhängig
ist, dürfen wir mit einer alten Korruptel im Fihrist - Text rechnen; über
Melancholie hat Alexander, soweit bekannt, nicht gehandelt. Aber auch
von einer „Theologie" Alexanders wissen wir sonst nichts. Sollte der
Autor des Fihrist eine Teilübersetzung aus Proklos' Institutio theologica ,,in
einem Buche" gesehen haben, die gleich der uns erhaltenen als „Auszug
des Alexander" bezeichnet war und so auch als „Theologie" des Alex¬
ander in sein Verzeichnis Eingang fand? Wir dürften in diesem Falle
den genauen Titel jenes Werkes erwarten, nicht getrennte Nennungen
unter beiden Autoren. Immerhin geht daraus hervor (wenn Fihrist
253.11 so zu lesen ist), dass Alexanders Name schon früh mit einem
„Theologie" genannten Werk in Verbindung gebracht wurde.

b) Ibn Abi Usaibi c a bringt in seiner Ärztegeschichte (verf. 640/


1242) den Titel unserer Sammlung, so wie er auch in Ms. Carullah
angegeben ist, unter den Werken Alexanders:

cUyün I 70 ult.: Maqäla fi-mä staxragahü [sc. al-Iskandar~\ min kitäb


Aristütälis alladi yud c ä bir-rümiya Tülügiyä wa-ma c nähu l-kal&m fi
tauhid Alläh ta c älä.

Offenbar kannte er den uns erhaltenen Text in gleicher oder ähn¬


licher Form (vielleicht durch seinen älteren Zeitgenossen c Abdallatif,
s.u. S. 55 Anm. 7).

c) Daneben erwähnt Ibn Abi Usaibi c a auch eine Maqäla fi Itbät


as-suwar ar-rühäniya allati lä hayülä lahä (I 71.2 in der Werkliste Alexan¬
ders) — also prop. 15-17, als Schrift des Alexander verselbständigt, so
wie sie uns in mehreren Handschriften überliefert ist.

Der älteste Zeuge für diesen Titel ist aber der andalusische Philosoph
Ibn Bägga (gest. 533/1138, GAU- 1.601), der ihn in seinem Ittisäl al-
c aql bil-insän (S. 18 ed. M. Asln Palacios = S. 166 ed. M. Faxri) zitiert:
54 ai die textüberlieferung

fa-ammä l- c aql alladi ma c qüluhü huwa bi- c ainihi ... wa-käna 1-muh.arrik
flhi huwa l-mutaharrik bi- c ainihi wa-käna — c alä mä yaqüluhü
l-Iskandar fi kitäbihifi s-Suwar ar-rühäniya— rägi c an c alä nafsihi.

Aus dem Inhalt dieser Worte ergibt sich eindeutig, dass unser Text
(prop. 17) gemeint ist.

d) Der letzte der grossen Bibliographen, Häggl Xalifa (gest. 1067/


1657, GAL S 2.635), greift dagegen, so scheint es, wieder auf die Angaben
des Qifti zurück und kombiniert die „Theologien" von Proklos und
Alexander zu einem einzigen Buch:

Kasf az-zunün col. 1407: Kitäb at-Tälügiyä ai ar-rubübiya li-Buruqlus


al-Aflätüni wa-lil-Iskandar al-Afrüdisi, maqäla. Wa -qad targama hädä
l-kitäb Abü c Utmän ad-Dimasqi al-mutawaffä sanat ... [das Datum
fehlt].

Da der Autor die von ihm aufgenommenen Buchtitel nach dem


Alphabet anordnete, mussten die bei al-Qifti noch unter getrennten
Autoren verzeichneten Titel nebeneinander zu stehen kommen; die
Kombination ergab sich leicht.

Nur die Mitteilung des Übersetzernamens überrascht; weder Ibn an-Nadlm noch
al-Qifti nennen ihn in Verbindung mit der Proklos oder Alexander beigelegten „Theo¬
logie". Dagegen wird Abü c Utmän ad-Dimasqi in einem Zweig der handschriftlichen
Überlieferung als Übersetzer genannt (s.u. § 2.1). Ist Häggl Xallfas Angabe also mehr
als eine Kontamination aus älteren Bibliographien (wie S. P ines, Une version arabe 201 f.
vermutet)? Keineswegs; vielmehr lässt sich der Zusatz schon in seiner Quelle nach¬
weisen. Wir wissen, dass ein bedeutender Zweig der handschriftlichen Überlieferung
von al-Qiftls TaPrix al-hukamä D bzw. vom Auszuge des Zauzanl (die Mehrzahl der
von M üller und L ippert für ihre Edition benutzten Handschriften) auf ein Exemplar
zurückgeht, in dem einige Blätter an falscher Seile eingebunden waren: Die Partie
37.1 1-41.4 ed. Müller/Lippert aus dem Aristoteles-Kapitel schloss daher an das Alexan¬
der-Kapitel (nach 55.2) an (s. L ippert in Ibn al-Qifti's Ta°rih al-hukamä :', Einl. S. 15;
vgl. schon S teinschneider, Ar. Übers. §48-49, S. 45f.). Die Worte wa-qad targama hädä
l-kitäb Abü z Utmän ad-Dimasqi (37.11-12) — mit denen der Artikel über die Topica
aufhört — folgten daher auf den letzten Titel der Werkliste Alexanders (55.2), eben
Kitäb at-Tä^ulügiyä, maqäla. Der so kombinierte Text steht wörtlich bei Häggl Xalifa,
der offenbar eine Qiftl-Handschrift derselben Familie benutzte. (Der gleiche Fehler
findet sich aus dem gleichen Grunde auch bei J. G. W enrich, De auct. graec. versionibus
278). Wir können also aus seiner Angabe keine weiteren Schlüsse ziehen.
2. autor und übersetzer nach der überlieferung 55

2.13 Zusammenfassung und Ergebnisse


Nehmen wir die Titeleien der Handschriften mit der in unserem
Stemma zusammengefassten Evidenz der Überlieferungsgeschichte
zusammen und vergleichen sie mit den Angaben der Bibliographen, so
ergibt sich folgendes Bild:
a) Die arabischen Bibliographen erwähnen eine Theologia des Proklos.
Über die Beziehung dieses Titels zu den handschriftlich erhaltenen
Proklostexten ist jedoch nichts Sicheres auszumachen. Allein die Tat¬
sache, dass daneben eine sonst unbekannte „Theologie" des Alexander
von Aphrodisias genannt wird, erinnert an den ebenso auffälligen
Umstand, dass in den handschriftlich überlieferten Proklostexten Alex¬
ander als Redaktor oder gar als Autor genannt wird.
Eine vollständige arabische Ubersetzung der Institutio theologica ist nirgends belegt.
Die mit dem Bekanntwerden der arabischen propp. 15-17 lautgewordene Vermutung,
dass die Teilübersetzung und der Liber de Causis auf eine gemeinsame, umfassende
arabische Proklosquelle zurückgehen könnten, ist nicht haltbar; s.u. S. 187 f., 240.

b) Am Anfang der uns vorliegenden Textüberlieferung stand ein


Archetyp, der eine Auswahl von zwanzig propositiones aus der Institutio
theologica enthielt und diese wahrscheinlich als Auszug des Alexander
von Aphrodisias aus einer „Theologie des Aristoteles" bezeichnete,
überdies fünf echte Traktate Alexanders zwischen die Proklostexte
einschaltete. Diese Kollektion ist zuerst bezeugt durch die Epitome des
c AbdallatIf al-Bagdädl (gest. 629/1231), wird erwähnt von Ibn Abi
Usaibi c a (gegen 640/1242) 7 und ist vollständig erhalten in einer Hand¬
schrift des 9./15. Jahrhunderts (Ms. C, 882 H.). — Aristoteles als den
Autor nennt auch die älteste Handschrift (R, 525 H.), eine kleinere
Auswahl enthaltend; sie erwähnt nicht Alexander, aber ihre Formulierung
[min kaläm Aristütälis) ist zu unbestimmt, als dass wir eine Vorlage unter
anderem Titel voraussetzen müssten (vgl. auch S. 246 !).
Wann und unter welchen Umständen sind aber die arabischen
Proklostexte dem Aristoteles zugeschrieben, warum als Redaktion des

7 Von seinen persönlichen Beziehungen zu cAbdallatIf berichtet Ibn Abi Usaibi c a


in seiner Biographie c Uyiin II 202.12-16 und bemerkt (202.11-12): kataba kutuban
katlra min tasänif al-qudamä 3 (vgl. auch Dietrich, Differentia 108 o.). Von ihm hat Ibn
Abi Usaibi c a vielleicht auch seine Kenntnis unseres Textes.
56 A: DIE TEXTÜBERLIEFERUNG

zwei Jahrhunderte vor Proklos lebenden Alexander ausgegeben worden?


Wir müssten mehr über die Entstehung der Version, mehr über Zeit und
Autor der Ubersetzung wissen, um diese Fragen beantworten zu können-
Da die übrigen Quellen schweigen, soll die nachfolgende Untersuchung
sprachlicher und inhaltlicher Eigentümlichkeiten der Texte selbst einige
Anhaltspunkte aufzeigen (vgl. die Ergebnisse unten S. 190, 235 ff.).
Vorweggenommen sei, dass wir nicht nur im Titel, sondern auch in
Sprache und Inhalt Beziehungen zu der als Theologia Aristotelis (Utülügiyä)
bekannten arabischen Paraphrase von Plotins Enneaden IV-VI (s.u.
S. 68) finden: Vieles spricht dafür, dass beide Schriften zur gleichen
Zeit (in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts) und im gleichen Milieu
tradiert und übersetzt wurden. Wir können daher vermuten, dass die
ausgewählten Proklostexte schon früh — vielleicht schon im letzten
Stadium ihrer griechischen Überlieferung, sei es von Alexandrien, sei
es von Byzanz nach Bagdad — als Teil der „Theologie" des Aristoteles
angesehen wurden. Aber auch, wenn die Texte zunächst noch als Auszug
aus der „Theologie" des Proklos überschrieben waren, konnte ihre Ver¬
wandtschaft mit dem neuplatonischen Pseudepigraphon bald dazu führen,
dass man auch sie dem Aristoteles beilegte; erinnert sei an das Schicksal
des Liber de Causis, der anderen aus der Institutio theologica geflossenen
arabischen Proklosquelle (die aber in einem Zweig der Überlieferung
den Namen des Autors bewahrt hat, s.o. S. 18). Während Proklos'
Name kaum zitiert, ja als Verfechter der Ewigkeit der Welt desavouiert
wird, bleibt Aristoteles (der diese Lehre begründet hat!) unangefochten
der grosse Lehrmeister der falsafa —und nicht zuletzt die neuplatonischen,
monotheistisch verbrämten Schriften unter seinem Namen haben
ihm diesen Rang erhalten (vgl. u. S. 241).
Wenn die Proklostexte nicht schon als Pseudepigraphon zu den
Arabern gekommen sind, so mögen die Umstände ihrer Zuschreibung
an Aristoteles die gleichen gewesen sein, unter denen auch Alexander
von Aphrodisias zum Redaktor erklärt wurde; denn „Was Alexander
ausgezogen hat aus der Theologia des Aristoteles" ist ja der überlieferte
Titel der Kollektion. Leichter als die Zuweisung an Aristoteles lässt sich
die Verbindung mit Alexander durch die Kontamination der Überliefe¬
rung erklären. Fast stets erscheinen ja die Procliana gemeinsam mit
echten Schriften Alexanders; mitten in die vollzählige Sammlung von
zwanzig propositiones sind gar fünf Traktate des Alexander eingeschaltet
2. autor und übersetzer nach der überlieferung 57

worden (Ms. C, an den Schluss gestellt bei c AbdallatIf). Aus einem


Vergleich des Inhalts der Proklostexte mit Schriften Alexanders liess
sich aber dessen Autorschaft kaum ableiten.
S. Pines weist ( Une Version arabe 199) darauf hin, dass in Alexanders Maqäla fi
Mabädi 0 al-kulP ebenso wie in prop. 17 das Problem der essentiellen Selbstbewegung
behandelt wird; das gleiche gilt für die, ebenfalls nur arabisch erhaltene, Schrift
Contra Galenum 9 (vgl. Pines, A refutation of Galen 26 f., 30 ff.). Über die Thematik geht
jedoch die Parallele nicht hinaus; Proklos' Anschauung von der Selbstbewegung der
Seele (darum geht es in prop. 17) läuft der des Peripatetikers Alexander zuwider
(vgl. z.B. Radd c alä öälinüs fol. 67a23-24 = p. 78 f. ed. Rescher/Marmura). Der krasse
Gegensatz zwischen der neuplatonischen Auffassung der Seele als einer immateriellen
und vom Körper trennbaren Substanz — zu deren Begründung Inst, theol. propp. 15-17
dienen — und der Psychologie Alexanders wird gerade in einer der Abhandlungen
deutlich, die in Ms. Carullah zwischen den Proklostexten eingefügt sind: Faslfi anna
s-$üra laisatfi l-hayülä mahmüla (fol. 62b-63a) = Scr. min. quaest. I 8 lipo; xö [j.7) elvai
tö sTSoi; ev tv) uXv) ev ÜTCOxeifjiivco. Die Seele ist Alexander zufolge als sISo; des
Körpers nicht in ihm co<; ev Ü7toy.si.[ievco, sondern untrennbar von ihm als Teil (fzepoc)
der oücia Mensch (19.6 ff. ed. Bruns = ar. 63al7 ff.).
Hinzu kommt, dass als Übersetzer einer Reihe von Alexander¬
schriften derselbe Mann genannt wird, der auch, einem Zweig der Über¬
lieferung zufolge, die Proklosversion besorgt hat (s.u. § 2.2). Wir werden
zwar die Angaben der Überlieferung zur Person des Übersetzers in
Frage stellen müssen, gleichwohl aber daran festhalten können, dass der
Übersetzer der Proklostexte auch für die arabische Fassung einer Anzahl
von Alexandertraktaten — darunter den mit den Proklostexten ver¬
bundenen—verantwortlich ist (s.u. B3.6,S. 190). Fand dieser Übersetzer
die Auszüge aus der Institutio theologica in seiner Quelle neben Abhand¬
lungen des Alexander vor, waren sie dort als Stücke einer anonymen
„Theologie" bezeichnet oder war der Name des Autors verderbt bzw.
bereits gefälscht — so mochte er sie ohne Bedenken als Teile der ihm
bekannten „Theologie des Aristoteles" bezeichnen und Alexander die

8 Ed. Badawi, Aristü 253-277; auch Ms. Carullah 1279, foll. 54a-58b ( Dietrich,
Differentia Nr. 1 S. 93f.).
9 R. fi r-Radd zalä öälinüs fi-mä ta cana bihi calä Aristü fi anna kull mä yataharrak fa-
innamä yataharrak c an mutaharrik, edd. N. Rescher & M. Marmura: The refutation by
Alexander of Aphrodisias of Galen's treatise on the theory of motion (1965) nach Mss. Carullah
1279, foll. 66b-69a (ohne den Schluss) und Esc. 2 798, 60a-69a (an: M.fi r-Radd calä
qaul öälinüs fi l-mumkin [fol. 59a-b], ohne den Anfang, zu ergänzen bei Dietrich,
Differentia S. 99 Nr. 28).
58 a: die textüberlieferong

Rolle eines Redaktors zuweisen. Schon in jener Quelle, aber ebensowohl


erst im Verlauf der arabischen Überlieferung können die fünf echten
Schriften zwischen die pseudepigraphischen Texte geraten sein.
Aber auch die Möglichkeit, dass schon in der griechischen Quelle
die Namen Aristoteles' und Alexanders mit den Procliana in Verbindung
gebracht wurden, ist zu erwägen. Neuaristotelische und neuplatonische
Tendenzen gehen in der Spätantike Hand in Hand 10 , und auch die
Proklosversion enthält aristotelische Interpretamente (s.u. C2.4, S. 227 ff.).
Zwar konvergierte die in einer solchen Zuschreibung erkennbare Ten¬
denz mit den Intentionen der islamisch-arabischen Philosophie; aber
eben diese Tendenz war bereits in den griechischen Quellen vorbereitet.
Auch die Zuschreibung der Proklostexte an den Peripatos lässt sich in
diesen systematischen Zusammenhang stellen. (Vgl. u. S. 241.)
c) Seit dem 6./12. Jahrhundert bezeugt ist eine selbständige arabische
Überlieferung der propositiones 15-17. Diese stehen schon im Zusammen¬
hang der grösseren Sammlung unter einem gemeinsamen Thema, das
nun als Titel einer Abhandlung des Alexander selbst erscheint: Maqälat
al-Iskandar al-Afrüdisi fi Itbät as-suwar ar-rühäniya. Häufig mit anderen
Schriften Alexanders kombiniert, wird sie das bestüberlieferte Stück
der Proklosversion; indessen lassen sich alle Textzeugen dieses Zweiges
auf einen gemeinsamen Subarchetyp zurückführen (s.o. § 1.3): eben jenes
Exemplar, das dieses Fragment zuerst als Schrift Alexanders ausgab.

2.2 Der Ubersetzer der Proklostexte nach der handschriftlichen Überlieferung


Als Übersetzer der Proklostexte erscheint in einigen Handschriften
Abü c Utmän ad-Dimasql. Er ist kein Unbekannter. Der Bagdader Arzt
Abü Utmän Sac Id ibn Ya c qüb ad-Dimasqi (um 900) war einer der
letzten Schüler des Hunain ibn Ishäq und hat sich vor allem als Über¬
setzer der aristotelischen Logik einen Namen gemacht; so übertrug er
die Bücher I-VII der Topica (ed. Badawi, Mantiq Aristü 467-689, vgl. Ibn

10 Vgl. die Hinweise bei J. van Ess, Neue Fragmente 166, Jüngere Orientalist.
Lit. 345 o. Griechisch erhalten ist ein neuplatonischer Kommentar zu Aristoteles'

Metaphysica E- N aus dem sechsten Jahrhundert, welcher Alexander beigelegt wurde


(allerdings auch Exzerpte aus Alexander enthält) ; hier ist es umgekehrt die ara¬
bische Uberlieferung, die Fragmente des echten Alexander bewahrt hat (s. J.
Freudenthal: Die durch Averroes erhaltenen Fragmente Alexanders zur Metaphysik des

Aristoteles. Berlin 1884).


2. autor und übersetzer nach der überlieferung 59

an-Nadim, Fihrist 249.16) und die Isagoge des Porphyrios ( Mantiq


Aristü 1019-1068, vgl. Fihrist 253.16). Ferner übersetzte er den Kom¬
mentar des Pappos zum 10. Buch von Euklids „Elementen" (edd.
Junge & Thomson: The commentary of Pappus on Book X of Euclid's
Elements, 1930). Bezeugt werden noch seine Versionen von Aristoteles'
De Gen. et Corr. (Fihrist 251.3) und einiger anderer, auch medizinischer
Werke. Nicht zuletzt ist er als Übersetzer des Alexander von Aphrodisias
bekannt (s.u.).
Vgl. GAL 2 1.228, S 1.369, 3.1204 (zu S 1.370); M. S teinschneider, Ar. Übers., Index
s.n. Sa c Id; M. Meyerhof: Von Alexandrien nach Bagdad (1930), S. 38 [424]; R.W alzer:
Greek into Arabic (1962), S. 67 u. Index. Er gehörte zur Entourage des cAbbäsidenwesirs
CA1T ibn c lsä, der ihn 302/914 zum Chefarzt des durch ihn begründeten Bagdader
Krankenhauses ernannte.
Vergleicht man nun aber die Sprache der bekannten und gut beglau¬
bigten Arbeiten Abu c Utmäns mit derjenigen der Proklostexte, so fällt
auf, dass Terminologie und Stil grundverschieden sind. Ich werde diese
Unterschiede im folgenden Kapitel anhand einzelner Beispiele (s. S. 75
f.) belegen. Doch betrachten wir zunächst etwas genauer die hand¬
schriftliche Evidenz:
a) Abü c Utmän wird nur als Übersetzer der propp. 15-17 genannt.
Sein Name erscheint allein in dem Zweig der handschriftlichen Tradi¬
tion, welcher diese Abschnitte als Maqala fi Itbät as-suwar ar-rühäniya
des Alexander von Aphrodisias neben andere Abhandlungen dieses
Autors stellt. Wie wir sahen, lässt sich dieser Zweig (mit den Hand¬
schriften ZGLHTkM) auf eine gemeinsame Quelle zurückführen. Auch
die Marginalnote der Handschrift G bei prop. 15 — und nur dort — ist
offenbar von einem Exemplar dieses Typs abhängig (s.o. S. 47 [11]).
b) In der ältesten Vertreterin dieses Zweiges, der Handschrift
Zähiriya 4971, ist die Zuschreibung an Abü °Utmän noch nicht explizit.
Die Handschrift enthält, den Proklostext eingerechnet, zehn Abhand¬
lungen Alexanders. Die erste, Maqäla fi MabäclP al-kull (ed. BadawI,
Aristü 253-277), ist der subscriptio zufolge von Ibrahim ibn c Abdalläh
al-Kätib 11 übersetzt worden. Es folgt ein Kaläm al-Iskandar al-Afrüdisl,
11 Dieser hat mit der Übersetzung von Aristoteles' Topica B. VIII die Arbeit Abü
c Utmäns (B. I-VII) vollendet, vielleicht als sein Mitarbeiter oder Schüler. Die Tehräner
Handschriften Dänisgäh, Miskät 253 u. 339 enthalten eine Version der Mabädi 0 al-kull
von Abü c Utmän selbst, welche derjenigen Ibrahims nahesteht (s. van Ess, Neue
Fragmente S. 150 Nr. 1).
60 A: DIE TEXTÜBERLIEFERUNG

welcher drei Traktate Alexanders in gekürzter Form zusammenfasst


(s. H. Gätje, Zur arabischen Überlieferung des AI. v. Aphr. 261 f.). Dieses
Stück ist in der Überschrift ausdrücklich als naql Sa c id ihn Ya c qüb ad-
Dimasqi bezeichnet. Die folgenden Abschnitte 3-9 (Badawi, Aristü 281-
294, darunter die Maqälafi Itbät as-suwar ar-rühäniya als Nr. 8, S. 291 f.)
enthalten in den Titeleien keine Angaben zur Übersetzung. Allerdings
findet sich am Schluss des neunten ( Maqälafi anna l-fi c l a c amm min al-
haraka, S. 294) folgende subscriptio:
Hädihi l-maqälät al-mansüba ilä l-Iskandar al-Afrüdisi kulluhä min naql
Abi c Utmän Sa c id ad-Dimasqi; wa-hädihi n-nusxa al-manqüla at-täniya min
xati ad-Dimasqi.
Die Abhandlungen sind also aus einem Exemplar von der Hand des
Dimasqi kopiert worden. Das zehnte Stück der Sammlung, M.fi l-Fusül
(S. 295-308), ist dagegen wieder an Anfang und Ende als targamat Abi
c Utmän ad-Dimasqi bezeichnet. 12 Hat der Kopist die übrigen Stücke
(Nr. 3-9) nur deshalb als Versionen Abü c Utmäns ausgegeben, weil er
sie in einer Abschrift des Mannes vorfand, der ihm als Übersetzer
Alexanders — auch einiger der dort vorliegenden Traktate —• bekannt
war? Bejahen wir diese Frage, so können wir weiter vermuten, dass
jenes Exemplar Abü c Utmäns den Subarchetyp des fraglichen Über¬
lieferungszweiges abgab: des Zweiges, der propp. 15-17 als Maqälat al-
Iskandar enthält und, auf Grund einer naheliegenden Verallgemeinerung,
in Abü c Utmän den Übersetzer namhaft machte.

c) Die Evidenz der Überlieferung reicht also nicht aus, den Über¬
setzer der Proklostexte mit Sicherheit zu bestimmen, ebensowenig aber,
die Urheberschaft Abü c Utmäns von vornherein abzuweisen. Wir
müssen daher versuchen, die Frage nach dem Übersetzer auf Grund
von Sprache und Übersetzungstechnik der Texte zu klären. Wir
werden im folgenden Kapitel zu untersuchen haben, ob die Proklostexte
und die gemeinsam mit ihnen überlieferten Alexandertraktate auf Grund
innerer Evidenz vom gleichen Übersetzer stammen können wie der Abü
c Utmän zugeschriebene Kaläm al-Iskandar ; und wir werden andererseits

das Verhältnis dieser und anderer Alexanderversionen zu den bekannten,

12 Im explicit S. 308 ergänze wa-faraga minhu vor dem Datum der Abschrift (Ms.
fol. 119a). Zur M.fl l-Fusül s.a. unten S. 76.
2. autor und übersetzer nach der überlieferung 61

auch von den Bibliographen beglaubigten Arbeiten des Dimasqi zu


betrachten haben.

Ausser den in Ms. Z enthaltenen werden Abu c Utmän noch folgende Versionen von
Schriften Alexanders zugeschrieben:
[1.] Ms. Esc. 2 798 (= G): M.fl l-Laun. (S.u. S. 64 Nr. la.)
[2.] Ibid.: M.fl anna n-Nusü? wan-namä* yakiinän fi s-süralä fil-hayülä. (Foll. 101b-
102a. Dietrich Nr. 19; auch Ms. L, s.o. S. 37.)
[3.] Ms. Carullah 1279 (= G): R.fi l-Istitä°a. (Foll. 50a-51a. Dietrich Nr. 25.)
[4.] Ibid.: R. fi r-Radd calä öälinüs ilx. (Foll. 66b-69a. Dietrich Nr. 28; edd. N.
Rescher & M. Marmura 1965 [s. o. Anm. 9]). Die Angabe über den Übersetzer lautet
(fol. 66b22): naql Abi c Utmän ad-Dimasgi. Die Herausgeber lesen ilä statt abi (was trotz
Anm. 1 S. 23 keinen Sinn ergibt) und nennen daher den Übersetzer irrtümlich c Utmän
ad-Dimasql (S. 15).
[5.] Eine zweite Übersetzung der M. fi Mabädi D al-kull ; s.o. Anm. 11.

[6.] Ms. Taskent 2385 (= Tk): M.fl rfikäs al-muqaddamät. (Kat. Nr. 1963,
foll. 403b-409a. Van Ess Nr. 36, S. 153.)
B
DIE SPRACHE DER PROKLOSVERSION
UND IHRE STELLUNG IN DER
GRIECHISCH-ARABISCHEN ÜBERSETZUNGSLITERATUR

0.1 Vorbemerkung

Die Angaben einiger Handschriften zur Person des Übersetzers der


Proklostexte fassen, wie wir sahen, auf einem Zweig der Tradition, der
nur einen Bruchteil dieser Texte enthält, und sie scheinen überdies von
den äusseren Umständen der Überlieferung beeinflusst zu sein. Wollen
wir zu genaueren und verlässlicheren Angaben für die historische Einord¬
nung der Übersetzung kommen, müssen wir sie mit anderen, datier¬
baren Texten der griechisch-arabischen Übersetzungsliteratur verglei¬
chen, welche ihr in der philosophischen Terminologie und in anderen
sprachlichen Eigentümlichkeiten nahestehen.

Wir finden diese Parallelen in einer Reihe wichtiger Texte der


älteren Übersetzungsliteratur. Auf der einen Seite gehören zwei bedeu¬
tende neuplatonische Quellen der arabischen Philosophie auch sprachlich
mit unseren Texten zusammen: Die arabische Plotinquelle, deren
umfangreichster Teil als sogenannte „Theologie des Aristoteles" bekannt
ist, und der ebenfalls von Proklos' Institutio theologica abhängige Kitäb
al-Idähfi l-Xair al-mahd (lat. Liber de Causis). Auf der anderen Seite lassen
sich auch drei Aristotelesversionen auf Grund ihrer sprachlichen Form
zu dieser Gruppe stellen: Die „Vulgatübersetzung" von De Caelo, ein
Kompendium von De Anima und — mit weniger zahlreichen, aber doch
erheblichen Parallelen zur Terminologie — die Übersetzung der Meta-
physica. Engste Beziehungen zu den Proklostexten zeigt schliesslich eine
Anzahl der mit ihnen gemeinsam überlieferten Versionen kleinerer
Schriften des Alexander von Aphrodisias.
0.1 VORBEMERKUNG 63

Die Übersetzer dieser Werke sind zum Teil bekannt. Die Ermittlung
zahlreicher Parallelen wird es uns daher ermöglichen, die Proklos¬
version chronologisch in die Gruppe der älteren Bagdader Ubersetzungs¬
literatur (d.h. in die erste Hälfte des 3./9. Jahrhunderts) einzuordnen.
Bekannt ist auch die Rolle, die der Philosoph al-Kindi als Anreger und
Bearbeiter dieser Übersetzungen spielte; dass auch die Terminologie
seiner eigenen Schriften diese Verbindungen widerspiegelt, werde ich an
einigen Beispielen zeigen (s. S. 84 f., lOlflf.). — Obwohl allein die enge
sprachliche Zusammengehörigkeit der Proklostexte mit dieser Gruppe
die Zuschreibung der Version an Abü c Utmän ad-Dimasqi in Frage
stellt, schien es angebracht, auch die Gegenprobe zu machen. Es wurden
darum aus vier weiteren Texten, die nach gut bezeugter Überlieferung
von Abü c Utmän übersetzt sind, soweit möglich die den charakteristischen
Termini unserer Texte entsprechenden Ausdrücke zusammengestellt.
Die Ergebnisse dieser Untersuchung für die absolute und relative
Chronologie der betrachteten Versionen, die zur Orientierung bereits
hier angedeutet wurden, sind am Ende des Kapitels dargestellt. Über
diesen engeren Skopos hinaus hat aber die ausführliche Behandlung der
Terminologie einen weiteren Zweck. Die Geschichte der griechisch¬
arabischen Übersetzungsliteratur ist zugleich die Geschichte der Heraus¬
bildung einer philosophischen Terminologie im Arabischen, d.h. der
Sprache der arabischen Philosophie. Fragen wir nach den problemge¬
schichtlichen Etyma dieser Philosophie, so werden uns ihre Begriffe, und
das heisst: der sprachliche Ausdruck, an dem die Begriffe hängen, stets
erster Wegweiser sein. Auch in ihren weiteren Ausformungen werden die
antiken Quellen der arabischen Philosophen zutage treten, wenn wir
ihre sprachlichen Zeichen, aufgehoben in den Werken der Übersetzer,
zu erkennen wissen. Die folgenden Untersuchungen, ebenso wie die
detaillierten Glossare, sollen daher nicht nur die Überlieferungsge¬
schichte der behandelten Texte erhellen, sondern zugleich als Vorarbeiten
für eine Problemgeschichte der arabischen Philosophie dienen.

0.2 Verzeichnis der zum Vergleich herangezogenen Texte


Die Reihenfolge der Texte soll den sprachlichen „Verwandtschaftsgrad" zu den
Procliana andeuten. Die Zählung wird unter den einzelnen Termini wiederholt; dabei

werden die mit der Proklosübersetzung verwandten Texte mit dem Zeichen 1} para¬

phiert, die Übersetzungen des Abü c Utmän ad-Dimasqi mit dem Zeichen A.
64 B: DIE SPRACHE DER PROKLOSVERSION

0.21 Verwandte Übersetzungen


H 1. Alexander Aphrodisiensis : Quaestiones
Von den mit unseren Proklostexten in äusserem Zusammenhang über¬
lieferten Alexandertraktaten (s. die Ubersicht S. 42) zeigen die meisten
auch enge sprachliche Verwandtschaft. Ich habe zum Vergleich nicht
alle relevanten Texte herangezogen, sondern mich vor allem auf
diejenigen beschränkt, deren griechisches Original erhalten ist.
Von den Handschriften sind nur diejenigen aufgeführt, die ich
benutzt habe. Für alle weiteren Angaben wird auf das Inventar arabisch
übersetzter Alexanderschriften bei A. Dietrich, Dijferentia S. 93 -100,
und die Ergänzungen dazu bei J. van Ess, Neue Fragmente S. 150-154,
verwiesen (vgl. auch oben S. 36-39 zu Mss. LHM).

a) Quaest. I 2 Tcept ^pa ^aTo c, -nva (5.1-7.17 ed. Bruns)

= Maqäla fi l-Laun wa-aiy saP huwa c alä ra°y Aristütälis (Dietrich


Nr. 12 S. 96). In der Handschrift (Esc. 2 798) als Übersetzung des
Abü c Utmän ad-Dimasqi bezeichnet.

Text : Ed H. Gätje: Die arabische Übersetzung der Schrift des Alexander

von Aphrodisias über die Farbe (1967), S. 364-374.

Abk. : I 2 — Laun. Zitate nach Zeilen der Edition.

b) Quaest. I 8 rcpbc, to [AT) elvai to zXSoc, ev t9j uX t) ojq ev uTCOxeijjivcp


(17.7-19.15 ed. Bruns)
= Faslfl anna s-Süra laisatfi l-hayülä mahmüla (van Ess Nr. 32 S. 153).

Text: Ms Carullah 1279, foll. 62b7-63a24 (s.o. S. 34).

Abk. : I 8 — Süra.

c) Quaest. 112 ~&c, olov ts ocfxa tov «utov rßeaQai xai Autcsocj Oou si svavTta
raÜTa (24.23-25.17 ed. Bruns)

= M. fi annahü qad yumkin an yaltadd al-multadd wa-yahzan m<fan c alä

ra°y Aristü (Dietrich Nr. 5 S. 94, van Ess S. 150).

Text: Ed BadawI, Aristü 283-284, kollationiert mit Ms Maglis


5283, fol. 96al3-22 (s.o. S. 39).
Abk. : I 12 — Multadd.

d) Quaest. I 16 Ae^sco? s ^rjyrjglt;... nepl toü tolvocvticc 7to><;tac; tcoieTv


Tcdcvra? (28.1-29.29 ed. Bruns)
0.2 ZUM VERGLEICH HERANGEZOGENE TEXTE 65

= M. fi l-Addäd wa-annahä awä°il al-astjä° (Dietrich Nr. 22 S. 99,


van Ess S. 152).
Text: Ms Maglis 5283, foll. 95a21-96al3 (s.o. S. 39).
Abk.: I 16 — Addäd.

e) Quaest. I 24 5E!-Y)yY)<7i<; ex toü 7ipo')tou ty)? «xpoaaeox;


'Apt,<jTOTeXou<; e7tl TeXe l elp7)jiiv7]c;, St' i]c, Xeyet, eüpeOelcjocv ttjv u Xtjv Xücrca xai

ta? tüv äp^oucov dbcoptai; (37.14-39.7 ed. Bruns)


= Af. fi l-Mädda wal- c adam wal-kaun wa-hall mas°ala li-näs min al-
qudamä 0 abtalü bihä l-kaun min kitäb Aristütälis fi Sam c al-kiyän (Dietrich
Nr. 20 S. 98, van Ess S. 152).
Text: Mss Maglis 5283, foll. 94bl5-95a21 (s.o. S. 39); Dänisgäh,
Miskät 339, fol. 84a-b (s.o. S. 39 f.).
Abk. : I 24 —- Mädda.

f) Quaest. II 3.1 Tic; r) ccto xt,vr)cre6)<; toü 0 slou acofiato? eyyivofievy]


xü ysi/mwvTi aürco Ov/jtm ts xai ev yevscrsi ao^iaxi (47.28-49.27 ed.
Bruns)
= Fasl fi l-Qüwa al-ätiya min harakat al-girm as-sarif ilä l-agräm al-
wäqi c a taht al-kaun wal-fasäd (van Ess Nr. 34 S. 153).
Text: Ms Carullah 1279, fol. 64al3-b21 (s.o. S. 34).
Abk. : II 3 — al-öirm as-sarif.

g) Quaest. II 11 Aia -vi to ytvoixsvov ex ty)<; crrepyjcrecü«; usTaßaXXov a[x« Ix


toü svävtoou aÜToü [iETaßaXXst,, zi ys (at) tc/.utov ;q ts a-cspyjaic; xod to evav tiov
(nur 55.18-57.6 ed. Bruns)
= M. fi anna l-Mukauwan idä stahäla stahäla min diddihi aidan ma c an
c alä rapy Aristütälis (Dietrich Nr. 7 S. 95, van Ess S. 150).
Text: Ed Badawi, Aristü 286-288, kollationiert mit Ms Carullah
1279, fol. 63a24-b21 (vgl. van Ess S. 150 f.).
Abk.: II 11 — Mukauwan.

h) Quaest. II 15 71:0? Xsyofxev vr)v ocÜ ty)v Suvajjuv afxa twv evävticov elvai
(59.25-60.31 ed. Bruns)
= M.fi anna l-Qüwa al-wähida yumkin an taküna qäbila lil-addäd gamic an
c alä ra°y Aristütälis (Dietrich Nr. 6 S. 95, van Ess S. 150).

Proclus - 5
66 b: die sprache der proklosversion

Text: Ed Badawi, Aristü 284-285, kollationiert mit Ms Maglis 5283,


fol. 47b6-24 (s.o. S. 39).
Abk.: II 15 ■—• al-Qüwa al-wähida.

i) Quaest. II 19 "O ti ei o x6cr[i.oi; äiSio? ecm, to Se xocjjj.« eivai ocutco tj


TffXic, ecruv, s'iq av Iv t ?j oweta oucria aüroü xai, toüto (63.8-28 ed. Bruns)
= Fasl fi l- c Älam wa-aiy agzä^ihi tahtäg fi tabätihä wa-dawämihä ilä
tadbir agzä 0 uxrä ilx. (van Ess Nr. 33 S. 153).
Text: Ms Carullah 1279, foll. 63b21-64al3 (s.o. S. 34).
Abk.: II 19 — c Älam.

Nicht zugänglich war mir die auch hierher gehörige Maqäla fi


l-Asyä° al- z ämmiya al-kulliya wa-annahä laisat bi-a cyän qä°ima, als deren gr.
Vorlage H. Gätje Quaest. I IIa identifiziert hat (s. Zur arabischen Über¬
lieferung des AI. v. Aphr. 262-264; Ms Esc. 2 798, fol. 87a-b, Dietrich
Nr. 17 S. 97).
Von den nur in arabischer Version erhaltenen Schriften, die ihrer
Sprache nach vom selben Übersetzer herrühren dürften, werden zitiert:

j) Risälafi l-Fasl xässatan wa-mä huwa (Dietrich passim, vgl. van Ess
S. 154-159). — Zur Frage des Übersetzers s.a. S. M. Stern: A collection
of treatises by c Abd al-Latif al-Baghdädi (1962), S. 68; Ar Üb De Caelo 124 f.
Vgl. unten S. 76 zur Version des Abü c Utmän ad-Dimasqi (A 3b).
Text: Ed A. Dietrich: Die arabische Version einer unbekannten Schrift
des Alexander von Aphrodisias über die Differentia specifica (1964), S. 122-128.
Abk.: Fasl. Zitate nach Zeilen der Edition.

k) M.filbtäl qaul man qäla innahü läyakün saP illä min sai° wa-itbät anna
kull sai 3 innamäyakün min lä sai° (Dietrich Nr. 16 S. 97, van Ess S. 151).
Text: Ms Carullah 1279, foll. 64b21-65a27 (s.o. S. 34).
Abk.: Ibtäl.

I) M. fi r-Radd c alä Kswqr°tys [Xenokrates] fi anna s-süra qabl al-gins


wa-auwal lahü auwaliyatan tabiHyatan (Dietrich Nr. 4 S. 94).
Text: Ed BadawI, Aristü 281-282.
Abk.: Xenokrates.
0.2 ZUM VERGLEICH HERANGEZOGENE TEXTE 67

m) M. fi s-Süra wa-annakä tamäm al-haraka wa-kamäluhä c alä ra Dy


Aristü (Dietrich Nr. 8 S. 95).
Text: Ed Badaw!, Aristü 289-290.
Abk.: as-Süra tamäm al-haraka.

Stellenangaben für die griechischen Texte nach Nr. der Abhandlung,


Seite und Zeile der Ed. von I. Bruns, Suppl. Arist. II 2 (1892), z .B. II
19:63.22; für die Übersetzungen nach der o. a. Abkürzung, fol. und
Zeile der Handschrift bzw. Seite und Zeile der Edition (Bdw = Badawi,
Aristü c ind al- c Arab).

1f 2. Aristoteles: De Caelo (K. as-Samä 0 wal- c älam).

Die Übersetzung des Ibn al-Bitriq.

Aristoteles' De Caelo (IIspi oupavoü) ist in drei arabischen Versionen be¬


kannt, deren Überlieferungsgeschichte ich in meiner Arbeit ArÜb De Caelo
behandelt habe. Diejenige von ihnen, die sich auf Grund ihrer weiten
handschriftlichen Verbreitung als Vulgatübersetzung bezeichnen lässt
(auch die lateinische Übersetzung des Gerhard von Cremona geht auf
sie zurück), ist nach den Angaben der Tradition (s. ArÜb De Caelo 87ff.),
wie auch nach Terminologie und Stil (109ff.) die Arbeit des Yahyä
(Yühannä) ibn al-Bitriq, der im ersten Drittel des 9. Jahrhunderts am
Bait al-hikma des Kalifen al-Ma 3 mün tätig war. Er baute auf einer älteren,
syrisch-arabischen Übersetzung des Werkes auf (vielleicht von ihm
selbst), die er anhand des griechischen Textes revidierte. Seine Version
des De Caelo wird von Ibn Rusd als „Übersetzung des Kindi" bezeichnet
(s. ArÜb De Caelo 106f.); in der Tat finden wir eine Reihe wörtlicher
Zitate aus seiner Übersetzung in den Schriften des Philosophen (vgl.
zum Beispiel K. fi l-Falsafa al-ülä 103.1-2 ed. Abü Rida mit De Caelo
B l:284a2-3; R. fi l- c Illa al-fä c ila lil-madd wal-gazr 117.11-12 mit De
Caelo B 8:289a23-25).
Text : Zu den Handschriften s. ArÜb De Caelo 7-30. — Eine kritische
Edition des arabischen De Caelo liegt bisher nicht vor. c Ar. Badaw!
hat eine Bearbeitung des Bitriq-Textes, die wahrscheinlich auf Hunain
ibn Ishäq zurückgeht (s. ArÜb De Caelo 98-101, 134-137), in einer ersten
Ausgabe nach nur einer Handschrift vorgelegt ( Aristütälis fi s-Samä 0
wal-Ätär al- c ulwiya. 1961); wegen der z.T. erheblichen Divergenzen (bes.
68 b: die sprache der proklosversion

in Buch A) verbot es sich aber, nach diesem Text zu zitieren. Ich habe
mich daher damit begnügt, die Stellen des griechischen Textes nach
B ekker anzugeben; auch die arabischen Entsprechungen werden
sich danach in einer künftigen (von mir vorbereiteten) Edition leicht
auffinden lassen. Die Zitate beruhen auf einer Herstellung des arabischen
Textes nach allen bekannten Handschriften.

f 3. P lotiniana arabiga
Teile von Plotins Enneades IV-VI sind in einer z.T. stark erweiterten
und kommentierten Paraphrase ins Arabische übertragen worden,
überliefert in drei verschieden grossen, aber nach Sprache und Inter¬
pretation homogenen Texten bzw. Textgruppen: Der sog. Theologia
Aristotelis (Utülügiyä ) in zehn Büchern; einer kleineren, dem Färäbi
beigelegten Risäla fi l- c Ilm al-ilähi ; schliesslich einer Anzahl kürzerer
Fragmente, die als dicta des „griechischen Lehrers" ( as-Saix al-Yünäni)
bezeichnet werden.
a) Theologia Aristotelis
Die arabischen Handschriften tragen folgenden Titel: Kitäb Aristä-
tälis al-musammä Utülügiyä wa-huwa qaul c alä r-rubübiya, fassarahü Furfüriyüs
as-Süri „Buch des Aristoteles mit Namen Theologia, d.i. Rede über die
Gottheit, kommentiert von Porphyrios aus Tyros."
Die Nennung Porphyrs, des Herausgebers der Enneaden, als „Kommentator" der
Paraphrase, hat Veranlassung gegeben, nach Beziehungen zwischen seinen Schriften
und den Interpretamenten der Theologia Aristotelis zu suchen. V. Rose , DLZ 4 (1883)
843-46 hatte die Vorrede Porphyrios zugesprochen; W. Kutsch: Ein arabisches
Bruchstück aus Porphyrios < ?> IIspl und die Frage des Verfassers der „ Theologie des
Aristoteles" (1954), S. 277 ff. stützte diese Ansicht mit weiteren Gründen und verwies
auf die Bezeichnung Porphyrs als 7rpeaßuTY)i; oder yspcov Tupio«; bei späten Neuplato-
nikern: vielleicht ist er und nicht Plotin selbst der -Saix al-Yünäni. P. Kraus: Plotin chez
les Arabes (1941), S. 267 Anm. 3 identifizierte die dem ersten Buch vorangestellten
argumenta als die Kephalaia Porphyrs zu Enn. IV 4:1-34; und jüngst wies wieder
P. Thillet: Une page de Plotin et son commentaire dans la Pseudo-Theologie d'Aristote (1968)
auf inhaltliche Parallelen zwischen Theol. Arist. 2 §§73-99 und Schriften Porphyrs hin. 1

1 Zwei neue Beiträge zu diesem Problemkreis wurden mir erst während der
Drucklegung durch die freundliche Mitteilung von Herrn Professor Pines bekannt:
S. Pines: Les textes arabes ditsplotiniens et le courant «Porphyrien» dans le neoplatonismegrec,
in: Le Neoplatonisme(Colloques internationaux du Centre National de la Recherche
Scientifique. Sciences humaines. Royaumont 9-13 juin 1969). Paris 1971, S. 303-317;
P. Thillet: Indicesporphyriens dans la Theologie d'Aristote, ibid. S. 293-302.
0.2 zum vergleich herangezogene texte 69

Trotzdem bleiben Bedenken dagegen bestehen, in Porphyrios geradezu den Autor der
griechischen Vorlage der Theologia (einer ©soXoyla xax' 'ApioTOTeX^v?) zu vermuten;
wahrscheinlich steht diese späte Paraphrase erst am Ende einer Schultradition, die in
Porphyrios ihren Archexegeten anerkannte(s. a. unten S. 241). Das braucht uns nichtzu
hindern, vor der syrischen Vorlage des arabischen Textes (s.u.) ein griechisches Substrat
anzunehmen, welches nicht den „kanonischen" Enneadentext voraussetzt, sondern an
ältere Überlieferung anknüpft (vgl. schon P. Henry: Vers la reconstitution de l'enseignement
oral de Plotin. 1937). R. Walzer ( EI 2 s.n. Furfüriyiis) sieht „every likelihood that it must
ultimately somehow be connected with Porphyry's explanations of the Enneads (Ü7ro[j.vr)-
[xaTc. and xeqxxXcaa) whichhe mentions in §26 (1.29ff.) ofhis biography of Plotinus." Eine
eingehende Analyse des Inhalts, die hier mehr Klarheit schaffen könnte, steht jedoch
noch aus. 2 — Zur weiteren Bibliographie s. R. M. Frank: The origin of the Arabic philo -
sophical term (1956), S. 185 A. 3; J. van Ess: Jüngere orientalistische Literatur zur
neuplatonischen Überlieferung im Bereich des Islam (1965), S. 334-339; P. Henry&H .-R.
Schwyzer: Plotini opera II (1959), S. XXVI-XXXVI. — Zu einer längeren Fassung
mit Zusätzen ismä c Ilitischer Prägung s. S. Pines: La longue recension de la Theologie
d'Aristote dans ses rapports avec la doctrine ismaelienne (1954); S. M. Stern: Ibn Hasdäy's

Neoplatonist (1960-61).

Die Übersetzung des c Abdalmasih ibn c Abdalläh Ibn Nä c ima


al-Hims! ( GAL 2 1.222, S 1.364; Graf, GCAL 2.228 f.) wurde von dem
Philosophen al-Kindi redigiert ( aslahahü , S. 3.8-9 ed. Badawi). Eine
Reihe sprachlicher Eigentümlichkeiten, wie z.B. die Namensform
Aristätälis, die Wiedergabe von [aouctuco c, durch die syrische Form müsiqär
(53.13 ed. Badawi = Enn. IV 7: 8 4 .20 u.ö.) und die Bezeichnung
der Kapitel mit dem syr. Fremdwort mimar (vgl. o. S. 16), lässt
schliessen, dass Ibn Nä°ima nach einer syrischen Vorlage übersetzte
(s.a. unten S. 83,95). A. Baumstark hat in seinem Beitrag Zur Vorgeschichte
der arabischen „Theologie des Aristoteles" (1902, vgl. GSL 167) versucht,
den Bearbeiter der syrischen Fassung namhaft zu machen, doch ohne
die Bestimmtheit seiner Vermutungen genauer belegen zu können.
Text : Ed Badawi, Aflütin 3-164.
Vgl. die Rezension von G. L. Lewis in Oriens 10 (1957) 395-99. Die Ausgabe von
Badawi bringt gegenüber der editio princeps von F. Dieterici (1882) geringen Fort¬
schritt, ist jedoch heute am leichtesten zugänglich. Eine Seitenkonkordanz der Edd.
Dieterici und Badawi gibt P. Thillet: Notes critiques sur la Theologie d'[Aristote~\

2 Dass neuplatonische
.Lehre der Art, wie sie in Theol. Arist. erscheint, bereits bei
einem islamischen Theologen der ersten Hälfte des achten Jahrhunderts wirksam war,
zeigt in einer bedeutsamen Studie R. M. Frank: The Neoplatonism of Gahm ibn Safwän
(1965).
70 b: die sprache der proklosversion

(1958). — Eine englische Übersetzung, die auf einer neuen (noch unveröffentlichten)
Herstellung des Textes beruht, gibt G. L. Lewis in: Plotini opera, edd. P. Henry et
H.-R. Schwyzer . T. II (1959) gegenüber den entsprechenden Seiten des Griechischen.
Daselbst S. XXVIIIf. eine Übersicht der wichtigsten Handschriften. Weiteres Hand¬
schriftenmaterial ist aus den neueren Katalogen Tehraner Bibliotheken bekannt
geworden.

b) Risälafi l- c Ilm al-ilähi

Der Text wird in beiden Handschriften (Kairo, Dar al-Kutub, Taimür

117 hikma, pp. 2-15, und Istanbul, Carullah 1279, foll. 136a-140a) dem

Philosophen al-Färäbl zugeschrieben. Er enthält Passagen aus Em. V,

die in gleicher Weise wie in Theol. Arist. paraphrasiert und kommentiert


sind.

P. Kraus: Plotin chez les Arabes (1941) gab eine erste Teiledition mit kommentierter
Übersetzung. F. Rosenthal : From Arabic books and manuscripts.V (1955), S. 19a, wies
auf die Hs. Carullah hin.

Text : Ed Badawi, Aflütin 167-183 (nur nach Ms. Taimür). — Engl.

Übersetzung von G. L. Lewis, Plotini opera T. II.

c) as-Saix al-Yünänl

Die als Aussprüche des „griechischen Weisen" (Porphyrios ?, s.o.

[a]) überlieferten Fragmente aus Em. IV-VI finden sich zu einem

geringen Teil wörtlich in der Theol. Arist. und ergänzen im übrigen

einige Lücken der „Theologie" und der R. fi l- c Ilm al-ilähi gegenüber

dem Griechischen zu einem fortlaufenden Text. Sie gehören also

offenbar mit den beiden anderen Teilen einer ursprünglich zusammen¬

hängenden arabischen Plotinquelle an (vgl. die Konkordanz in Plotini

opera II, S. 489-501, und F. Rosenthal, as-Sayh al-Yünäni [1], 466f.).

Wann und warum dieser Urtext „auseinandergebrochen" ist, lässt sich

bislang nicht ermitteln.


Die meisten dicta des -Saix al-Yünäni sind in der Handschrift Oxford, Bodl. Marsh
539 enthalten. Weitere werden im K. al-Milat wan-nihal des Sahrastäni (1013-1020 ed.
Badrän), ferner in dessen Quelle, dem Siwän al-hikma des Abu Sulaimän al-Mantiql
as-Sigistänl, zitiert. Vgl. F. Rosenthal: As-Sayh al-Yünäni and the Arabic Plotinus source
[1-3] (1952-55); dort die erste Veröffentlichung der wichtigsten Stücke.

Text : Ed F. Rosenthal, As -Sayh al -Yünäni [Abk.: Rth]; Badawi,

Aflülin 184-198 [Abk.: Bdw]. Vollständige englische Übersetzung der

der z .T. noch unveröffentlichten Texte von G. L. Lewis, Plotini opera


T. II.
0.2 zum vergleich herangezogene texte 71

Stellenangaben des griechischen Plotintextes nach der Edition von


Henry und Schwyzer mit Enneas, Buch: Kapitel, Zeile (z.B. V 8:12.24);
der arabischen Texte nach der Paragraphenzählung der englischen
Übersetzung von G. L. Lewis nebst Seite und Zeile der Ausgabe von
Badawi . Bei der Theologia Aristotelis [Theol. Arist.] kommt die Angabe des
Buches ( mimar ) hinzu (z.B. 8.182:119.14 = Mimar 8 §182, S. 119 Z. 14 ed.
Badawi). Für die dicta des Saix al-Yünänl werden neben der Stückzählung
von Lewis mit den Stellen nach Badawi [Bdw] auch Zählung und Stellen
nach Rosenthal [Rth] angegeben.
Sprachlich und inhaltlich eng mit der arabischen Plotinquelle zusammenzugehören
scheint auch Ps.-Ammonios, Ärä° al-faläsifa bi-xtiläf al-aqäwilfi l-bäri* („Placita phi-
losophorum"), ein Werk, das neuplatonische Lehre in den Mund der alten Philosophen
legt. Es war bisher nur in den gekürzten Auszügen des Sahrastänl zugänglich. S. M.
Stern entdeckte den vollständigen Text in MS Aya Sofya 2450, foll. 107-35 (s. EI 2
s.n. Anbaduklis ; A. Altmann & S. M. Stern: Isaac Israeli [1958], S. 70 f.; F. Saiyid:
Fihrist al-maxtütät al-musauwara 1.230 Nr. 301). — Vgl. unten S. 105 f., 211.

1 4. Kitäb al-Idäh fl l-Xair al-mahd. (Liber de Gausis)

Die oben S. 18-23 besprochene Bearbeitung von Proklos' Institutio


theologica. Da das Werk nur streckenweise zusammenhängende Partien
des Proklostextes übersetzt oder paraphrasiert, lassen sich nicht in allen
Fällen griechische Entsprechungen geben.
Text: Ed O. Bardenhewer: Die pseudo-aristotelische Schrift Ueber das
reine Gute, bekannt unter dem Namen Liber de Causis (1882).

Stellenangaben aus der Inst, theol., wie auch sonst, nach propositio: Seite,
Zeile (ed. Dodds ), aus dem Liber de Causis [LdQausis ] entsprechend nach
bäb: Seite, Zeile.

f 5. Aristoteles: De Anima (Kitäb an-Nafs)


Kompendium in der Übersetzung des Ibn al-Bitriq [?].
Der in einer Handschrift des Escurial ( 2649, fol. 203b-226a) bewahrte, im Jahre
1950 von A. F. al-AhwänI veröffentlichte Text hat bisher geringe Beachtung gefunden. 3

3 S. jetzt aber Helmut Gätje : Studien zur Überlieferung der aristotelischen Psychologie
im Islam (Saarbrücken 1971), S. 45-53 ; leider konnte ich seine Überlegungen zur
Frage nach dem Autor bzw. Übersetzer des Kompendiums nicht mehr berücksich¬
tigen.
72 b: die sprache der proklosversion

Vgl. R. Walzer: New light on the Arabic translations of Aristotle (1953), S. 125 f. zur
Terminologie; M. S. H asan: Notes on the Edition of the Kitäb al-Nafs ascribed to Ishäq ibn
Ifunain (1956) zu einer persischen Version des 13. Jahrhunderts.

Die erhaltene Fassung des arabischen Textes ist gegenüber dessen


ursprünglicher Form gekürzt. Das ergibt sich zunächst aus einem in den
vorliegenden Text interpolierten Fragment einer anderen Rezension,
die ebenfalls gekürzt ist, sich aber mit den entsprechenden Partien der
Hauptüberlieferung zu einem vollständigen Text zusammenfügen lässt.
(Die Interpolation 158.12-162.2 ed. Ahwäni entspricht der Passage
143.12-145.5. Der Einschub setzt abrupt ein; die beiden folia, die er
umfasste, waren in der Vorlage versehentlich eingebunden und wurden
vom Abschreiber mitkopiert.) Auf der anderen Seite ist eine vollere
Textgestalt, vielleicht die ursprüngliche, durch die persische Übersetzung
des Dichters und Philosophen Bäbä Afdal M. Käsänl (l.H.d.7./13. Jh.,
s. EI 2 s.n.) bezeugt. M. S. Hasan hat in seinem Beitrag eine Übersicht
über die Diskrepanzen zwischen arabischem und persischem Text
gegeben, welche die Kürzungen und andere Mängel der erhaltenen
arabischen Rezension aufzeigt; auch hat er demonstriert (S. 70-72),
dass sich anhand des Persischen die in zwei arabischen Rezensionen
erhaltene Passage ziemlich nahtlos rekonstruieren lässt.
Der Epitomator folgt der Einteilung des Grundwerkes in drei Bücher,
verfährt jedoch mit der Gliederung des Gedankenganges recht frei. Zu
dem Resümee des aristotelischen De Anima treten ferner kommentierende
Zusätze, die z.T. deutlich monotheistischen Charakter tragen und vor
allem auf der Unsterblichkeit der Seele insistieren. Beides lässt an
christlichen Einfluss denken, ja wir finden die Quelle einer Reihe dieser
Zusätze — auch sachlich erklärender —• im Z)g-^rön<z-Kommentar
des christlichen Alexandriners Johannes Philoponos: Vgl. zum
Beispiel 135.3-9 mit Philoponos, In de An. 130.7-21; 141.3-16 mit
In de An. 15.11 ff., 46.20 ff., 224 f. (hierzu ausführlicher unten S. 199 im
Zusammenhang mit einer inhaltlichen Parallele zur Proklosübersetzung);
147.3-20 mit In de An. 324.25, 327 und 148.6-17 mit In de An. 341, 344.13
(zur Lehre vom Licht), 152.1 ff. mit In de An. 407.19 ff., 158.12-16 mit
In de An. 213.1 ff.

Die Handschrift nennt Ishäq ibn Hunain als den Übersetzer der
Epitome (die persische Version macht keine Angabe). R. Walzer hat
0.2 zum vergleich herangezogene texte 73

auf Grund der Terminologie gezeigt, dass diese Zuschreibung nicht


richtig sein kann, dass die Version vielmehr einer früheren Periode der
Übersetzungsliteratur angehören muss. Auch aus der anderen, von BadawI
(.Aristütälis fi n-Nafs [1954], S. 1-88) herausgegebenen, vollständigen
Zte-^Kzmß-Übersetzung kann unser Text nicht epitomiert sein. 1 Ibn
an-Nadim erwähnt jedoch ( Fihrist 251.16) •—• neben einer Epitome
(italxis ) „der Alexandriner" — ein Kompendium ( gawämi c ) des Buches
von dem Übersetzer Ibn al-Bitriq. Nun gehört unser Text, wie
unten an Beispielen gezeigt werden soll, nach Terminologie und Stil
mit einer Gruppe von Übersetzungen zusammen, welche auch die
De-Caelo-Ve rsion des Ibn al-Bitr!q einschliesst (oben Nr. 2); vielleicht
dürfen wir ihn also mit den von Ibn an-Nadlm erwähnten gawämi c
identifizieren? Freilich müsste diese Vermutung durch einen Vergleich
mit weiteren Arbeiten Ibn al-Bitrlqs erhärtet werden.
Text: Ed Ahmad Fu 3 äd al-AhwänI: Talxis kitäb an-Nafs Ii-Abi
l-Walid Ibn Rusd wa-arba c rasä°il (1950), Mulhaq 3, S. 125-175: Kitäb
an-Nafs al-mansüb li-Ishäq ibn Hunain.
Die griechischen Entsprechungen sind, wie sich nach dem oben Gesagten
ergibt, in manchen Fällen nicht aus Aristoteles' De Anima, sondern aus
dem Kommentar des Johannes Philoponos entnommen (ed. Haydugk,
Comm. in Arist. graeca. 15. 1887).

1f. 6. Aristoteles: Metaphysica (Kitäb Mä ba c d at-tabi c a)


Eine Übersetzung von Aristoteles' Metaphysik hat der sonst nicht
näher bekannte Eustathios (Ustät) 5 für den Philosophen al-Kindl
angefertigt (s. Ibn an-Nadim, Fihrist 251.27). Sie ist nur in den
Lemmata zum Kommentar des Ibn Rusd erhalten; es fehlen dort die
erste Hälfte von Buch A und die Bücher K, M, N, dies vermutlich
schon in der griechischen Vorlage des Übersetzers.

4 R. M. F rank hat nachgewiesen, dass diese, von B adaw ! als Version des Ishäq
bezeichnete, Übersetzung gleichfalls älter sein muss. Die echte Version des Ishäq ibn
Hunain ist bislang nur fragmentarisch in den Lemmata der tcfliqät Avicennas erhalten
(B adawi, Aristü 75-116); s. F rank: Some fragments of Ishäq's translation of the De Anima
(1958-59). Dazu jetzt auch H. G ätje, Studien (s. o. Anm. 3), S. 28-44. — Vgl. unten
S. 106.
5 Wenn der GAL S 1.363 f. genannte Übersetzer der Geoponica (des Ps.-Apollonios:
S ezgin, GAS 4.315) derselbe Eustathios ist, lebte er bereits um 800.
74 b: die sprache der proklosversion

Ausführliche Angaben zur Überlieferung in der Notice zur Edition von M. Bouyges.
Vgl. auch R. Walzer: On the Arabic versions of books A, a, and A of Aristotle's Meta-
physics (1958). Zur Annahme einer griechischen Vorlage s. Bouyges, Notice CLXXVI;
R. M. Frank: The origin of the Arabic philosophical terra (1956), S. 188 Anm. 4.

: Ed M. Bouyges : Averroes. Tafsir Ma


Text ba c d at-tabi c at. Vol. 1-3
nebst Notice. (1938-52).
Stellenangaben nach Seite und Zeile der Edition. Zu den häufigeren
Termini wird zuweilen auf die Indices in vol. 3 verwiesen.

Tf 7. al-Kind!

Einige wichtige Termini der Ontologie (unten § 1.01) werden auch


in den Schriften des Philosophen Abü Yüsuf Ya c qüb ibn Ishäq al-Kindl
nachgewiesen (s. GAU 1 1.230, S 1.372; N. Rescher: Al-Kindi. An
annotated bibliography (1964); R. Walzer, Greek into Arabic 12 ff., 175 ff.,
Index; ders., L'eveil de la Philosophie islamique 207 ff Gest. um 250 H.).
Dazu wurden die folgenden seiner Schriften herangezogen:
Text: Ed M. c Abdalhädi Abü Rida: Rasä^il al-Kindi al-falsafiya
(1950-53).
a) K.fi l-Falsafa al-ülä. Rasä°il I 97-162.
Abk: Falsafa.
b) R.fi Hudüd al-asyä° wa-rusümihä.Rasä°il I 165-179.
Abk.: Hudüd.
c) R.fi l-Fä c il al-haqq al-auwal at-tämm ilx. Rasä°il I 182-184.
Abk.: al-Fä c il al-haqq.
d) R. fi Mä°iyat mä lä yumkin an yakün lä nihäyata lahü wa-mä lladi
yuqäl lä nihäyata lahü. Rasä°il I 194-198.
Abk.: Lä-nihäya.
e) al-Ibäna c an al- c illa al-fä c ila al-qariba lil-kaun wal-fasäd. Rasä^il
I 214-237.
Abk.: Kaun.

Zu einigen inhaltlichen Beziehungen zur Proklosversion in al-Kindls


K.fi l-Falsafa al-ülä s.u. S. 242-245.
0.2 ZUM VERGLEICH HERANGEZOGENE TEXTE 75

0.22 Belege für die Terminologie des Abü c Utmän ad-Dimasqi habe
ich seinen folgenden Übersetzungen entnommen:

A 1. Aristoteles: Topica I-VII (Kitäb Tübiqä)

Ibn an-Nadlm, Fihrist 249.16: wa-naqala d-Dimasqi minhu sab c


maqälät ; vgl. die Benennung Abü c Utmäns als Übersetzer in den Titeleien
der Pariser Logikhandschrift (ar. 2346) bei Badawi, Mantiq Aristü,
Tasdir 26 f.
Text : Ed Badawi, Mantiq Aristü 469-689.

A 2. Porphyrios: Isagoge (Et<Tayo>yyj, ar. Isägügi, Madxal)

Ibn an-Nadim, Fihrist 253.16: K. al-Madxal ... naql Abi c Utmän ad-
Dimasqi ; vgl. Badawi, Mantiq Aristü, Tasdir 23 und das Kolophon der
Pariser Handschrift ebenda S. 1068. Der in der Pariser Handschrift
verlorene Anfang (entspr. p. 1.1-19 ed. Busse) ist im Kommentar des
Abü 1 -Farag ibn at-Taiyib erhalten; s. S. M. Stern: Ibn al-Tayyib's
Commentary on the 'Isagoge ' (1957).
Text: Ed Badawi, Mantiq Aristü 1021-1068.
Stellenangaben des griechischen Textes nach der Edition von A. Busse.
Comm. in Arist. graeca 4.1 (1887).

A 3. Alexander Aphrodisiensis : Quaestiones

a) Quaest. I IIa, 21, 22 = Kaläm al-Iskandar al-Afrüdisi.


In etwas gekürzter Form zu einem zusammenhängenden Text
vereinigt sind drei Abhandlungen Alexanders im Kaläm al-Iskandar der
Handschrift Zähiriya 4871, fol. 113a-b (die Handschriften Däniskada-i
Ilähiyät 242 B und Maglis 5283 — s.o. S. 36 u. 39 — stellen sie unter
den Titel der ersten). Vgl. H. Gätje: Zur arabischen Überlieferung
des Alexander von Aphrodisias (1967), S. 261 f.: Es entsprechen S. 278-279.5
ed. Badawi = Qu. I 22 (35.18-36.16 ed. Bruns), 279.5-16 = Qu. I 21
(nur 34.33-33.15), 279.16-280 - Qu. I IIa (21.14-22.20).
Die Handschrift Zähiriya nennt — in der Überschrift — Sa c Id ibn
Ya c qüb ad-Dimasql als den Übersetzer (vgl. oben S. 60).
76 b: die sprache der proklosversion

Texf. Ed Badawi, Aristü 278-280, kollationiert mit Ms. Maglis


5283 (s.o. S. 39), foll. 121a-122a4.
Abk.: I lla/21/22 — Kaläm.
Zu weiteren Alexanderübersetzungen des Dimasqi sind die griechi¬
schen Originale nicht erhalten (vgl. oben S. 61). Ich zitiere hier nur:
b) Maqälafi l-Fusül

Vgl. S. M. S tern: A collection of treatises by cAbd al-Latif al-Baghdädl (1962), S. 68;


A. D ietrich, Differentia 136-143; J. van E ss, Neue Fragmente 154-159.

Der zweite Teil des von Dimasqi (nach dem Zeugnis der Handschrift
Zähiriya 4871) übersetzten Textes geht auf dieselbe Abhandlung
Alexanders zurück wie die zur ersten Gruppe gehörige R.fi l-Fasl (oben
S. 66 [j]). Sie ist jedoch gegenüber der dort erhaltenen Fassung stark
erweitert (dazu mit Marginalnoten des Abü Bisr Mattä, des bekannten
Logikers des 10. Jahrhunderts, überliefert). Die kürzere Fassung — deren
Textbestand sich ziemlich lückenlos, nur eben in anderer Übersetzung,
aus der M. fi l-Fusül zusammenstellen lässt (s. Dietrich S. 136-143,
van Ess 155) —stellt wahrscheinlich nicht eine Epitome der längeren dar,
sondern wurde vom Autor in dieser Form abgefasst. Die Zusätze der
M. fi l-Fusül sind zum Teil kommentierende Anmerkungen, die auch
vom Autor der Marginalglossen, Abü Bisr Mattä, stammen können.
Text : Ed Badawi, Aristü 295-308.
Abk.: Fusül.

1. Zur Terminologie

Behandelt sind Termini, die für die Proklostexte und die ihnen
nahestehenden Übersetzungen als charakteristisch gelten können; also
Termini, die in anderen Übersetzungen nicht oder in abweichender
Bedeutung gebraucht werden. Eine Reihe weiterer, z.T. recht häufiger
Ausdrücke, wie z.B. fi c l alvepysia.», qüwa «Suvafi,!.?», infi c äl und atar amy.OoQ»
(s. aber§2.11a, S. 157), saxs ««to[aov» (s . S. 277, Anm. 3), die sowohl hier
als auch in zahlreichen anderen Texten in einhelligem Gebrauch sind,
wird daher nicht mit aufgeführt; für ihre Verwendung im Kontext
der Proklosübersetzung gibt das Glossar hinreichende Auskunft. (Vgl.
auch S. 268, Anm. 11 zu hadd ~ Xoyo?, S. 275, Anm. 1 zu kulliya ~ oXov.)
1. ZUR TERMINOLOGIE 1.01 (ü|) 77

Die Wörter sind nach der alphabetischen Folge der arabischen Wurzeln angeordnet.
Eine Reihe von sinnverwandten Ausdrücken ist zu Gruppen zusammengefasst; von
dem in der alphabetischen Folge angeführten Wort wird dann auf die Wurzel verwiesen,
unter der es behandelt ist. Zur Erleichterung von Querverweisungen sind die einzelnen
Paragraphen, innerhalb der Paragraphen wieder die einzelnen Beispiele durchgezählt.
— Die in der Proklosübersetzung vorkommenden Termini und deren griechische
Entsprechungen werden nur in knappster Form gegeben; tritt ein Wort bzw. eine gr.-
arab. Entsprechung in einer propositio mehr als einmal auf, zeigt die eingeklammerte
Zahl die Frequenz an. Ausführliche Angaben bringt das Glossar. — Eckige und runde
Klammern sind wie im Glossar verwandt worden, um ergänzten bzw. erläuternden
Kontext in den zitierten Stellen anzuzeigen (s. die Vorbemerkung zum Glossar).

1.01 a) am (i>T)
add.: 167 A

bi-annahü
\ rt 7' if C
TO SV Y)£V J

To TcXvjöoi; f) 7tXt)0oc 5

tö cöiict xa0' aöiro 80

xa0ö cöfita 80

annixja

T6 EI voci. 76

— 76

(aUToev) 2

add.: 21 (3)

b) huwiya
öv 73 (9), 74 (4), 86
add.: 21
add.: 73 (2)
TO OVTCÜ? 'OV

c) wugida

UTOXpXSl 21

ucptaraciOai 5
78 b: die sprache der proklosversion

d) aisaxlaisa

t 6 ov ou ylverai o y)§7] scmv 3 ( ^ ^ ^

e) £«wrc, takwin

yivscrGoct. 3 (6), 76, 79 ' ülS'


— 3 ö^Ssil

To ywofisvov 76 (1, add.: 3), 79 (2)


oi y[v£Tat sv 3 üiJ^^ ' <_r^

(to ts Xslov) 78 ^dl) ü/il


ytvsaöai, 2, 3 jL<s

f) gauhar

oücrwc 16 (4, add.: 5), 17, 21, 76 (add.), 80 j»yr


at orwfxaTixoci cpücrei? 62 [s. S. 90 Nr. 23]

g) ^

sauTo? passim

xa0' aÜTo 2, 3 (1, add. :1), 5, 62 (add.), 73, 80 <j '


UTcap^t? 5, 86
— add.: 5 5-WI Ä&>- ^ ... olül Ä$>-

Literatur : a) Tj. de Boer: Anniyya, in: S/ 1 Erg. 26 (1938). A.-M. Goichon: Lexique
(1938), S. 9 no. 27; La Philosophie d'Avicenne (1944), S. 78; Ibn Sind, Livre des directives et
remarques (1951), S. 304-307. P. Kraus: Plotin chez les Arabes (1941), S. 291. Abü Rida:
Rasä^il al-Kindi (1950), I 97 Anm. 1. R. M. Frank: The origin oj the Arabic philosophical
termz.i\ (1950). M. Alonso: La al-Anniya de Avicenna (1958). A. Altmann & S. M. Stern:
Isaac Israeli (1958), S. 13 ff. M.-Th. d'Alverny: Anniya — Anitas (1959). S. van den
Bergh: Anniya, in: EI 2 1.513 (1960). S. Afnan: Philosophical terminology (1964), S. 94-97;
Philosophical lexicon (1969), S. 12. — D'Alverny und Frank geben Übersichten über
die bisherige Diskussion des Terminus mit weiteren Literaturangaben.

b) A.-M. Goichon: Lexique (1938), S. 411 no. 735; Huwiyya, in: EP3.644 f. (1968).

P. Kraus: Plotin chez les Arabes (1941), S. 291. R. M. Frank: The origin (1956), S.
188 Anm. 4. A. Altmann & S. M. Stern: Issac Israeli (1958), S. 13 ff. S. Afnan:
Philosophical terminology (1964), S. 122 f.; Philosophical lexicon (1969), S. 324.
1. zur terminologie 1.01 ( ol ) 79

Die beiden unter (f) und (g) genannten Termini, gauhar «oücna» und dät in der
Bedeutung «eauTo?» (dies vor allem in der Verbindung bi-dälihi «y.a0' aü-ro») sind in
der gesamten gr.-ar. Übersetzungsliteratur eingebürgert. Ich habe daher im folgen¬
den auf weitere Parallelen und Belege weitgehend verzichtet. — Zu prop. 5 x i min
gihat ad-dätxmin gihat al- c illa s. S. 213 f. u. S. 258, Anm. 10.
An zwei Stellen der Proklosübersetzung finden wir sai D „etwas (Seiendes)" als
Entsprechung von gr. ov (s. Glossar s.v.), dies auch in Theol. Arist. und Met. häufiger
Sprachgebrauch, doch ohne den Stellenwert eines spezifischen Terminus. Vgl. R. M.
F rank: The Neoplatonism of öahm ibn Safwän (1965), S. 398 ff. mit Anm. 14.

Seit Ishäq ibn Hunain hat die gr.-ar. Übersetzungsliteratur und nach
ihr die arabische Philosophie vornehmlich drei Wortstämme für die
Begriffe des Seins, des Wesens und des Werdens herangezogen: wugida
„vorfindlich sein" in al-wugüd &tö slvou», al-maugüd «tö ov»; mä „was" in
mä huwa « (to) zl lern», al-mähiya «tö ti lern», « tö ri fjv slvai»; schliesslich
käna „zum Sein gelangen" in kaun «ysvecti,?)), kä°in «yiyvofxevot;)).
(Vgl. die Glossare zu den ar. Versionen von Aristoteles, Cat. ed.
Georr, De Int. ed. Pollak, Met. a! ed. Bouyges.) Diese Wörter sind schon
bei den älteren Übersetzern in Gebrauch, hier jedoch noch nicht als
Terminus durchgesetzt. Dort, wo das Sein, das Wesen und das Werden
zum Gegenstand philosophischer Betrachtung erhoben sind, finden wir
dagegen bei ihnen eine Reihe eigentümlicher Termini, die zwar
nachmals nicht gänzlich ausser Gebrauch kamen, doch einerseits als
Instrumente der Übersetzer seit der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts
an Bedeutung verloren und andererseits, soweit sie im Sprachgebrauch
der arabischen Philosophie verblieben, neue Konnotationen annahmen.
Diese Termini — vor allem anniya, huwiya und aisa ( X laisa ) — sind für
die Proklostexte und alle weiteren Vertreter der von uns betrachteten
Gruppe charakteristisch; zugleich enthält diese Gruppe die wichtigsten
Repräsentanten dieser Terminologie. 6
6 Zu weiteren Belegen für anniya in einigen anderen Texten der älteren Uberset¬
zungsliteratur s. u. S. 105 ff. — Aber auch ausserhalb der Übersetzungsliteratur ist
der Terminus schon früh bezeugt. Auf die Mu c tazila der zweiten Hälfte des 8. Jahr¬
hunderts um Dirär ibn cAmr u. a. führt ein Testimonium bei Naswän ibn Sa c id
al-Himyari, al-H.ür al- Qin (ed. Kamäl Mustafa, K. 1948), S. 148.5-8 : wa-qäla Abu.
Ifanlfa wa-Dirär ibn QAmr wa-man qäla bi-qaulihimä...: lan yaküna sai° maugüd ill&wa-
lahü anniya wa-mä°iya [sie leg. pro m^nyli], wa- c ilmuka bil-annlya gair c ilmika bil-mä^lya;
wa-dälika an tasma^ as-saui fa-ta c lam anna lahü masauwitan wa-taghal mä huwa, fa- c ilmuka
bi-mä huwa gair c ilmika bi-anna lahü musauwitan. (Vgl. J. van Ess in Der Islam 43.278
[1967].) Als von ,,Dass" (anna) und „Was" (mä) abgeleitete Abstrakta vertreten
anniya und mä'iya hier in klarer Trennung die beiden Aspekte von „sein", „Dasein"
und „Sosein" (vgl. unten S. 84).
80 b: die sprache der proklosversion

Ihr Gebrauch ist nicht für alle Texte einheitlich und auch innerhalb
der Texte nicht völlig konsistent. Trotzdem möchte ich versuchen, an¬
hand einiger oppositioneller Paare die Grundbedeutungen wie folgt zu
gliedern:
a) t 6slvat : tö ov ~ al-annlya : al-huwiya
b) zivc/.i (obcXöc;) : s lvm ts ti ~ annlya : mä huwa, mählya
c) (to ti ^v ) elvai : utrap^i? ~ (mä huwa bil-) annlya: wugüd
d) slvat, : fxvj sivai ~ aisa : laisa
e) U7t«pxsi.v : yiyveaOca ~ wugida : käna, kuwwina,
takauwana
Die Wörter der beiden letztgenannten Paare sind in recht konse¬
quentem und übereinstimmendem Gebrauch. Der Neologismus aisa,
der wie sein Gegenstück laisa gern substantiviert wird (prop. 3 v,
vgl. unten Nr. 5, 127 f.), ist wohl Analogiebildung zu syr. it X lait. 7 —
Käna steht dort, wo es auf eine genaue Differenzierung zwischen „Sein"
und „Werden" nicht ankommt, auch für die Kopula; demgegenüber
präzisiert des Passiv der II. Form (zuweilen auch die reflexive V. Form)
die Bedeutung „werden" (yJyvEaOat,) . Für die Partizipien finden wir nur
part. pass. II (mukauwan~ yevyjTo?) und part. V (mutakauwin~yt.Yv6y.svoc;,
yevo(xsvot;); später wird sich auch kä°in ~ Y(.yv6[xevoi;, ysv/jTot; einbürgern,
da die Opposition kä°in X mukauwan mit zunehmendem Gebrauch von
yügad, maugüd abundant wird.
Eine Reihe von Problemen werfen dagegen Ableitung, Form und
Bedeutung der Neologismen annlya 8 und huwlya auf. Beide weisen sich
prima facie als Abstraktbildungen aus: annlya von der Konjunktion anna
„dass, otl", huwlya vom Pronomen huwa „er, es, ccuto (?)" gebildet. Nun
finden wir zwar in der Tat annlya in der Bedeutung „Dassheit, Existenz"
neben al-ann « to öti » (Nr. 90) und huwlya in der Bedeutung „Identität",
«TauTOTT]?» (Nr. 63 aus Theol. Arist., vgl. aber huwa huwa der Metaphysica

7 aisa soll eine Prägung des frühen Philologen al-Xalil ibn Ahmad (gest. um 175/
791) sein; s. I. Madkour in: Ibn Slnä, as-Sifä 3 [3.] al-Ilähiyät (1960), Intr. S. 18 o.
(nach al-Firüzäbädl: al-Qämüs al-muhit. Büläq 1344, 2.150). Ausserhalb der philoso¬
phischen Sprache kommt es nur in einigen formelhaften Wendungen vor und stellt
jedenfalls eine Rückbildung aus laisa dar, die auch nach der Weise ähnlicher semi¬
tischer Reimwortbildungen entstanden sein kann; s. F. Rundgren: Über Bildungen
mit s/s- und n-t-Demonstrativen im Semitischen (Uppsala 1955), S. 121.
8 Zur Vokalisierung anniya s. u. S. 85 ff.
1. ZUR TERMINOLOGIE1.01 (ö\) 81

Nr. 124 ff.). Doch ergibt unsere Belegsammlung, dass weder der Bedeu¬
tungsumfang noch — im Falle von havuiya — die Standardbedeutung der
Termini, so wie sie sich nach der griechischen Vorlage und nach dem
arabischen Kontext in den von uns herangezogenen Schriften ergeben,
aus diesen Etyma ableitbar sind: al-huwlya steht in der Regel für gr.
To ov, nicht nur für die kollektive Totalität der seienden Dinge (prop.

74 o, v, vgl. unten Nr. 57, 114 ff.), sondern auch für das je-einzelne
Seiende (ov ti prop. 73 vgl. Nr. 60, 85 ff, pl. huwiyät Nr. 113),
und es kann überdies häufig für to elvai eintreten; al-annlya hat die glei¬
che Bedeutungsbreite wie gr. to eZvai — absolutes und relationales
Sein —, wird aber wiederum auch im gleichen Sinn und Kontext wie
al-huwlya «to ov » gebraucht (evident im Plural anniyät «övtoc »), das heisst,
es umfasst das ganze semantische Feld der ersten drei Begriffspaare (a-c)
unserer Tabelle. Vor allem in den neuplatonischen Texten (Theol.
Arist. und LdCausis) werden anniya und kuwiya fast synonym gebraucht,
mit der Einschränkung, dass huwiya seltener i.S.v. slvat, anniya häufiger
i.S.v. ov verwandt wird. (Zu Inst, theol. ar. prop. 21 Y"\ , wo die Erste Ursache
anniya, gegen 21 r r 73 i a 74 ^ r wo sie huwiya genannt wird, s.S.208.) Auch
al-ann, in der Verbindung bi-annihifa-qat «ocutco tw slvat» vom Übersetzer
derPlotintexte i.S.v.,,Sein schlechthin"gebraucht (s. Nr. 27 ff), bezeichnet
daneben „das Seiende" in Aussagen über das höchste Wesen (s. Nr. 24-26).
Am regelmässigsten ist der Gebrauch von anniya, huwiya bei Ustät; aber
auch in dessen Version der Metaphysica wird huwiya zuweilen zur Wieder¬
gabe von gr. to slvat. herangezogen (s. Nr. 119-121), also von anniya nicht
streng unterschieden. Wollen wir „Grundbedeutungen" erschliessen,
die mehr als statistischen Wert haben, so anhand der Stellen, wo die
Termini nebeneinander gebraucht und voneinander durch den Kontext
differenziert werden: Es ergeben sich dann die oben genannten opposi¬
tionellen Paare.
Zwei Fragen bleiben also ungeklärt: 1. Während der Bedeutungs¬
zusammenhang zwischen anna «öti » und al-annlya «to stvai» einsichtig ist,
bleibt unklar, warum zur Bezeichnung des Seienden, selbst des individu¬
ellen Seienden, to ov , das Abstraktum huwiya gewählt wurde. — 2. In den
griechischen Texten, den aristotelischen wie auch vielfach in den
neuplatonischen, sind to slvai und to ov meist so klar differenzierte Begriffe,
dass wir noch hinter den Äquivokationen der Übersetzer (auch dort,
wo in Additamenten und Paraphrasen die unmittelbare Vorlage nicht
Proclus - 6
82 b; die sprache der proklosversion

zur Verfügung steht) die zugrunde liegende Intention ausmachen


können. Wie kommt es zu diesen Äquivokationen, d.h. zum unter¬
schiedslosen Gebrauch von annlya und huwlya?
Allenfalls könnte der Gebrauch des gleichgebildeten Terminus al-kulliya einen
Hinweis auf die Bedeutungsbreite der Abstraktform auf -lya geben: kulliya bezeichnet
sowohl die Qualität der „Ganzheit" ( öXöttji;) als die Menge der „ganzen" bzw. „allge¬
meinen" Dinge ( al-kulliya ~ to öXov, to xa06Xou), daneben aber auch ein einzelnes
Ganzes oder Genus (oXov, xaOoXou);vgl. die Belege unten S. 275, Anm. 1. Ähnlich
könnte auch im Falle von huwlya und annlya ein Verschwimmen der abstrakten und
konkreten Bedeutungen und damit die Vertauschbarkeit der beiden Termini einge¬
treten sein. Die Frage bleibt, wie die Übersetzer die deutliche Trennung der griechi¬
schen Vorlagen übergehen konnten. —■ Nur am Rande sei daran erinnert, dass die
philosophische Unterscheidung zwischen Sein und dem, was ist, auch für die Beur¬
teilung der abstrakten Namen relevant geworden ist: So musste im Universalienstreit
der lateinischen Scholastik der ontologische Status des durch abstrakte Begriffe Be¬
zeichneten kontrovers werden. (Vgl. z.B. Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg.
v. J. Ritter . 1 [Darmstadt 1971] s.v. Abstrakt, coli. 35 ff.)

Richard M. Frank hat beide Fragen durch Hinweis auf die Termi¬
nologie der griechisch-.n/meA® Übersetzungen sehr einleuchtend beant¬
wortet: 1. huwiya lässt sich als Transliteration von syr. häwyä „seiend"
erklären; dasy des ar. „Abstraktformans" wäre also das stammhaftey des
syr. Verbums hwä „sein". ( Frank, The origin 198 Anm. 4; vgl. S.
193 Bsp. A, S. 194 Bsp. G für häwyä aro ov» in der syr. Version von Ps-.
Dionysios, Dio. nom .) — 2. Die syrische Version von Ps.-Dionysios
Areopagita, De divinis nominibus (Ms. Br. Mus. Add. 12151), die beiden
Übersetzungen der aristotelischen Categoriae von Georg dem Araberbi¬
schof (ed. R.J.H. Gottheil 1892-93, G. Furlani 1933) und Jacobus
von Edessa (ed. Kh. Georr 1948) und die der Hermeneutica (ed. J.G.E.
Hoffmann 1873, G. Furlani 1933) zeigen bei der Wiedergabe von gr.
to ov und to slvai folgendes Bild (s. die Zusammenstellung bei Frank,
The origin 198): to slvca heisst (neben häy d-nehwe) häy d-itau 9 oder häy
d-iteh „(die Tatsache) dass etwas ist" mit dem neutrischen Pronomen
der 3 .sg.f. ( Nöldeke, Syr. Gr. 201), eine Abstraktbildung, als deren
Äquivalent sich ar. annlya gut auffassen lässt. to ov heisst nun sowohl
hau d-itau „das, was ist" mit dem maskulinen als auch häy d-itau, häy
9 Vgl. jetzt auch H. Drossaart Lulofs, Nicolaus Damascenus on the philosophy of
Aristotle 79.19 (B. III, Fr. 23 §2): zelltä d-häy d-itau ~ Arist., Met. 1017bl4 ai/nov toü
slvoa; 60.11-12 (B. I, Fr. 2 §3): resä d-häy d-itau meddem <«xpxr) toü elvca ( tivo?)».
1. zur terminologie 1.01 (o|) 83

d-lteh mit dem neutrisch gebrauchten femininen Pronomen; die letzteren


beiden Formen können also sowohl für to elvcti als auch für tö ov stehen.
Die arabischen Übersetzer syrischer Vorlagen gaben diesen einen Aus¬
druck häy d-itau (d-iteh), stand er nun für öv oder elvoci, einheitlich durch
ar. anniya wieder; für den Plural ailen (hälen) d-itaihön (d-itaihen:J «toc Övtoc»
bildeten sie anniyät. Einmal geschaffen, wurde die Terminologie der
syrisch-arabischen Übersetzungen auch von den Übersetzern ihres
Kreises übernommen, die nach griechischen Originalen arbeiteten. Es ist
aber einleuchtend, dass die resultierende Verwechslung in einer syrisch¬
arabischen Übersetzung wie der Theologia Aristotelis besonders häufig
ist, dagegen in anderen Texten weitaus seltener: so in den ar. Metaphysica,
als deren unmittelbare Vorlage wir das griechische Original annehmen
können (jedenfalls spricht nichts gegen diese Annahme, s.a. Frank 188
Anm. 4), so auch in unseren Proklostexten, deren terminologische
Konsistenz die gleiche Annahme stützen könnte.
Neben al-annlya finden wir in den arabischen Plotinpäraphrasen
einige Male substantiviertes al-ann zur Bezeichnung des höchsten Wesens
(al-ann al-auwal, s. Nr. 24-26, hier als Äquivalent von to 8v bzw. o tov
aufzufassen); ferner den Ausdruck bi-annihi (fa-qat) « tö slvca» zur Be¬
schreibung seines Schöpfungsaktes und der diesem koinzidenten votjcn?: Der
Schöpfer, erstes Sein und erster Nüs, schafft nicht durch einen Willensakt
(iräda , s. Nr. 31) oder Denkakt ( rawiya , s. Nr. 27 f.), sondern die Schöpfung
ist in ihm enthalten ( Enn . V 9: 7.18 6 vouc... ecmv ocutoc Ta npana, aovcov
auTW ael vsjX evspysta mtap/cov; vgl. VI 7:8.7 = Tkeol. Arist. 10 § 88,
unten Nr. 27). In gleichem Zusammenhang finden wir den Ausdruck in
dem prop. 167 folgenden Anhang der Proklosübersetzung (167A w).
Auch zur Erklärung der Form al-ann lässt sich das Syrische gut heranzie¬
hen. Frank ( The origin 200 f.) denkt an die Möglichkeit, al-ann als ein
nach al-annlya gebildetes, retrogrades Maskulinum zu verstehen ( al-ann:
al-annlya~ hau d-itau: häy d-itau ~o cäv: to elvoci). Wahrscheinlicher ist aber
Anlehnung an den st. emph. ityä «o wv, to ov», der in theologischem Ge¬
brauch (o &v als Gottesname im Anschluss an die Septuaginta-Version von
Exod. 3.14) wie auch als philosophischer terminus technicus (to ov) begeg¬
net. 10 Einmal ist die formale Analogie ityä: häy d-itau ~ al-ann: al-annlya
10 Vgl. zu Form und Bedeutung R. K öbert in Or.Chr.Period. 30.305 (1964); zur
Bedeutungsentwicklung B. E hlers in Zeitschr. f. Kirchengesch. 81.340 ff. (1970). Vgl.
auch F rank, The origin 195 Beisp. H.
84 b: die sprache der proklosversion

viel exakter, und zum anderen ist al-ann (al-auwal ) im Gebrauch der ar.
Plotiniana Bezeichnung des Schöpfers, also 6 wv als Gottesname. Dagegen
steht bi-annihi synonym neben bi-anniyatihi (s. Nr. 27, 28, 31); auch der
Liber de Causis gibt tco slvai stets durch bi-anniyatihl wieder (s. Nr. 73 ff.).
Als syrische Entsprechung steht hier nur fem. ( b-)häy d-itau zur Verfügung;
da aber bi-annihl stets von der evspysia des Schöpfers prädiziert wird,
können wir annehmen, dass der Übersetzer diese Form erst im Anschluss
an al-ann bildete: Die Äquivokation al-anniya ~ to Öv I tö slvai, die wir im
Sprachgebrauch des Übersetzers voraussetzen können, wird analog mit
al-ann ~ 6 wv | (aü-rö) to slvai wiederholt.
Neben absolutem bi-annihi stehen Ausdrücke wie al-wähid bi-annahü wähid «tö £v
ev» (prop. 5 vr)> aber in deutlichem Kontrast: s. R. al- zIlm al-ilähi 105:174.17-18
(unten Nr. 31) al- c agl... läyaf cal bi-anniyatihi läkinnahiiyaf cal bi-annahü z aql, 107:174.20
al-fä c il al-auwal ... yaf°al bi-annihi fa-qat. —Den absoluten Ausdruck ebenso bi-annahü
zu lesen (wie F rank 201 vorschlägt), ist auch aus grammatikalischen Gründen bedenk¬
lich: bi-annahü «fj, xa0'» ö erfordert ein (mit dem Subjekt identisches) Prädikat. B adaw I
vokalisiert bi-unnihi, da er unn als Transliteration von öv auffasst; aber öv gibt in dieser
Verbindung keinen erkennbaren Sinn.
Das aristotelische tö tl •fjv slvai wird in der arabischen Metaphysica-
Version wörtlich durch mä huvoa bil-anniya (und ähnliche Ausdrücke, vgl.
Nr. 102-110) wiedergegeben: anniya vertritt hier elvai (zuweilen auch totl
9jv slvoci im ganzen). Daneben ist das hiervon und von mähuwa <m soti » (vgl.

Nr. 109) abzuleitende Abstractum mählya (oder mä°iya) „Wesen, Essenz"


in Gebrauch. Dieser Terminus begegnet zuweilen schon bei Ustät (Nr.
111) und in Theol. Arist. (Nr. 55 f.), verdrängt aber später weitgehend ( mä
huwa bil-) anniya i.S.v. ( tö ti tjv) alvat. (Zu den Übersetzungen Ishäqs vgl.
die Glossare in Cat. ed. Georr, Met. a! ed. Bouyges). So finden wir al-anniya in
Abü c Utmäns Übersetzung der Topica nur in einer Passage (s.u. Nr. 195),
sonst stets mählya. Die in der Opposition anniya X mä huwajmähiya zunächst
eindeutig vermittelte Differenz zwischen slvai. ä~Xcoc; „Dasein" und
slvai ts tl „Sosein" (vgl. Arist., Ref. Sopli. 167a2) wurde verwischt,
sobald al-anniya allein für den (gr. tö ri fjv slvai genau nachgebildeten)
Ausdruck mä huwa bil-anniya (u. ä.) eintreten konnte und nun selbst
prägnant i. S. v. „Essenz", (wesenhaftes) „Sosein" gebraucht wurde
(s. u. Nr. 102-104, 146). Mit wugüdxmähiya wird dieser Unterschied
wieder klar zum Ausdruck gebracht.
Den Sprachgebrauch der älteren Übersetzungen macht sich der
Philosoph zu eigen, der noch mitten in der Periode ihrer Entstehung
1. zur terminologie 1.01 ( ol ) 85

zu einer islamischen Synthese aristotelischen und neuplatonischen


Denkens zu kommen sucht: al-Kindi, der „Philosoph der Araber". Die
Version der Metaphysica wurde „für ihn" angefertigt ( Filmst 251.27), an
der arabischen Bearbeitung der Theologia Aristotelis hat er selbst mitge¬
wirkt (s.o. S. 69). Es kann nicht verwundern, dass wir die Terminologie
der Übersetzer in seinen Schriften wiederfinden, ebensowenig, dass
annlya und huwiya wie bei jenen, so auch bei ihm an vielen Stellen synonym
sind. Von ihren griechischen Etyma losgelöst, konnten beide Wörter
substantielles, beständiges und bestimmtes, Seiendes, zugleich aber das
Sein der Substanz bezeichnen. Da al-Kindi huwiya als Ableitung von ar.
huwa, als huwa mä versteht (s.u. Nr. 158), erfährt dieses Wort eine neue
Bedeutungsentwicklung (s. Nr. 159 ff.). Gleichwohl sind anniya und
huwiya vielfach kaum differenziert, hat vor allem anniya seine termino¬
logische Genauigkeit eingebüsst. Daneben stellt al-Kindi daher wugüd,
einfaches „Dasein" (auch aisa X laisa „ist X ist nicht") und mä huwa,
mähiya „Essenz" sowie dät „Ansichsein" (aus bi-dätihi ~ x«0' cjjto ) . Wie
wenig diese Terminologie eine strenge begriffliche Systematik repräsentiert,
zeigt unsere Zusammenstellung von Beispielen; eine eingehende Diskus¬
sion der verschiedenen Konnotationen würde über den gegenwärtigen
Rahmen hinausgehen.
Ebensowenig ist es möglich, hier der Bedeutungsentwicklung der
behandelten Termini in der Folgezeit der arabischen Philosophie
nachzugehen. Für Ibn Sinä kann auf die Arbeiten von A.-M. Goichon
und M.-Th. d'Alverny verwiesen werden. Ein Wort nur zu dem
grossen Philosophen des 4./10. Jahrhunderts, al-Färäbl: Sein jüngst
von Muhsin Mahd ! ediertes Kitäb al-Hurüf (1970) beginnt mit einer
Erörterung über die Partikeln inna und anna, welche „Bestehen, Dauer,
Vollkommenheit und Festigkeit der Existenz" bezeichnen und setzt
diese zu gr. wv, öv in Beziehung (61.11-13): «v werde von Gott, öv von den
übrigen Dingen gebraucht (vgl. auch Sarh k. Aristütälis fi l- c Ibära 46.6).
Daher bedeute (61.14) anniyat as-sai 0 in der Sprache der Philosophen
al-wugüd al-kämil „die vollkommene Existenz" — also das Sein der
Substanz im Sinne von Met. E 4:1028a30-31, 0 1:1046a25 ff. — wa-huwa
bi- c ainihi mähiyatuhü „und das ist eben seine Wesenheit". — Ich habe

hier die übliche Form anniya gewählt; der Herausgeber vokalisiert


dagegen inniya (61.14, 15, wie auch der Editor der Rasä°il al-Kindi,
Abu RIda , aber auf Grund weit späterer Evidenz). Der Kontext dieser
86 B: DIE SPRACHE DER PROKLOSVERSION

Stelle gibt hierfür, wie mir scheint, keinen sicheren Anhaltspunkt; al-
Färäbi leitet den Terminus her von inna und anna als von Partikeln, die
auf das Seiende, to ov im genannten Sinne, weisen; das Abstraktum bedeu¬
tet daher das Sein des also („vollkommen") Seienden. Eine eindeutige
Stellungnahme, ob dies nun inna oder von anna abzuleiten sei, fehlt. Die
Gleichung mit persisch kl, ke „dass" (61.10) begünstigt eher die Lesung
anniya. — In einer anderen Schrift, dem K. al-Alfäz al-mustac mala fi
l-mantiq exemplifiziert al-Färäbl die Bedeutung des Wortes anhand von
Wesensbestimmungen der Form inna Alläha wähidun, inna l-c älama
mutanähin und nennt hier als Simplex nur inna als Partikel, „welche
bezeichnet, dass etwas in seiner Existenz feststeht und in seiner Gültigkeit
gesichert ist" (täbit al-wugüd wa-mautüq bi-sihhatihi, S. 45.5 in der Edition
von M uhsin M ahd I , der Z. 7 ff. wieder innlya vokalisiert). Er grenzt also
auch hier den Terminus auf das beständige, bestimmte Sein der Substanz
ein ( badal qaulinä gauhar as-sai 3 , Alfäz 45.9). Nun ist die Frage nach der
Substanz die Frage nach dem „Was"— to tl i]v slvou, ar. mä huwa(bil-anniya);
s. Hurüf 176. 16-177.11: Mä käna rnahrnülan c aläsai°in mä bi-tarlq mähuwa
wa- c alä sai 2 äxar lä bi-tarlq mä huwa yuqäl innahn gauhar li-dälika s-sai°
(vgl. An.post. A 22: 83a24-28). Da die resultierenden Wesensbestimmungen
in der Form einer affirmativen Aussage auftreten, die im Arabischen mit
inna eingeführt wird — so in den genannten Beispielsätzen (vgl. auch
Hurüf 175.16) — ist es möglich, für al-Färäbi die Form inniya i.S.v.
„Wesenheit" zu postulieren: inniyatuhü wa-huwa bi- c ainihi mähiyatuhü
{Hurüf 61.14), wa-tusammä dät as-saP inniyatahü wa-ka-dälika aidan gauhar
as-saP (Alfäz 45.7 f.). Volle Sicherheit lässt sich aber nicht gewinnen,
da al-Färäbi es unterlägst, zwischen den Partikeln inna und anna — Hurüf
61.9 nebeneinander genannt — zu differenzieren.
Was den Sprachgebrauch der Übersetzer anlangt, so scheint nicht nur
die Ableitung — sei es aus gr. to öti , sei es syr. häy d-ltau — eher auf die
Form anniya zu führen (vgl. auch F rank, The origin 199), sondern auch
die Bedeutung: anna vertritt den Inhalt (das grammatische Objekt) von
Aussagen 11 , die nicht nur wesenhaftes Sein ( otteo eari, x'i -5jv etvou), sondern

11 Dass anna den ihm folgenden Nominalsatz vertritt, entspricht der Auffassung
arabischer Grammatiker: Sibawaih bezeichnet anna als quasi-Nomen, die ihm unter¬
geordnete Bestimmung als sila, d.h. als asyndetische Qualifikation, inna dagegen als
quasi-Verbum ( Kitäb I 461.12-20).
1. zur terminologie — 1.01 ( ol ) 87

auch—dies zunächst und vor allem—absolutes Sein (sÜ scmv) zum Gegen¬
stand haben 12 ; al-anniya ~ to elvai abstrahiert vom individuellen Ob¬
jekt einer solchen Aussage das Prädikat „Sein" (das Arabische hat ja an sich
keine dem gr. s<m oder dem syr. it entsprechende Kopula). Al-Färäbi
abstrahiert dagegen von der Form einer Aussage als Wesensbestimmung,
die durch die einleitende Partikel inna apodiktischen Charakter erhält.
Zwar ist in der aristotelischen Metaphysik, der al-Färäbl seinen
Substanzbegriff entnimmt, das Allgemeine nur in Bezug auf das Indivi¬
duum, und die erste Realität, die outna, ist (und ist erkennbar) nur auf
Grund des Wesens ( to tl siveu) des konkreten Subjekts 13 ; aber die
begriffliche Differenz von Sein und Wesen, von esse simpliciter und relativem
(sei es wesenhaftem, sei es akzidentellem) Sein wird damit nicht hinfällig.
Das hypostasierte Sein der Platoniker gar ist (entgegen Met. A 9:991bl
usf.) abgetrennte, intelligible Realität (ar. al-ann [al-auwal], al-anniya),
an dem jegliches Seiende teilhat; es ist wohl epistemologisch aus Wesens¬
bestimmungen wie den von al-Färäbi genannten abzuleiten, aber ontolo-
gisch deren Voraussetzung. Das von der Deixis inna („ecce, siehe") gebil¬
dete Abstraktum al-inniya würde aber nicht das Sein an sich, sondern die
darauf hinweisende Wesensbestimmung bedeuten. Da nicht al-Färäbi
den Terminus geprägt hat, und da sich eine Konkurrenz beider Formen
schwerlich annehmen lässt, müssen wir aber auf die Bedeutung des Wor¬
tes in den Quellen — d. h. vor allen in den Übersetzungen der hier
betrachteten Gruppe — zurückgehen. Wir finden, dass al-annlya (dort,
wo es nicht mit al-kuwiya «to ov » zusammenfällt) zunächst nichts weiter
als to slvc/.i, esse simpliciter, bedeutet; „etwas sein" (elvao ts ti ) nur in ent¬
sprechenden Verbindungen (s. Nr. 98ff) —so auchin der Formal mä huwa
bil-annlya und ähnlichen, mit mä <m» zusammengesetzten Ausdrücken zur
Übersetzung von „Wesen, Essenz" ( to t'l ijv elvai). Zwar tritt es im Kon¬
text aristotelischer Philosophie zuweilen für diese Ausdrücke allein auf,
aber dieser prägnante Gebrauch ist eine sekundäre Entwicklung (s. o.);
erst sie ermöglicht es al-Färäbi, anniya mit mähiya (x wugüd !) gleichzu¬
setzen.

12 Zur Differenzierung des Seinsbegriffs bei Aristoteles vgl. J. Moreau, Sein und
Wesen (1955), S. 222 ff. —Auch das oben S. 79, Anm. 6 angeführte frühe Zeugnis
definiert anniya (x mähiya) eindeutig als „Existenz" aus einer mit anna gebildeten
Aussage.
13 J. Moreau, Sein und Wesen 224 f.
88 b: die sprache der proklosversion

U 1. Alexander Aphrodisiensis: Quaestiones

a) al-anniya und

b) al-huwiya werden unterschiedslos zur Übersetzung von to elvoa

gebraucht:

1 t b slvai II 19:63.22, 24 c Älam 63b30, 31

2 slvai. II 19:63.10 c Älam 63b22 £j>\

An einer Stelle lässt sich eine Differenzierung zwischen anniya „Exi¬

stenz" und huwiya „Essenz" beobachten:

3 7ÜKV TO 7tpOVOOUV 5) TOU slvou to öj-U- I üjSC (1)1 C«} J^*


7rpovoou (j.£vov TCpovoeo y) tou eü '
Elvoa II 19:63.13-14 <-u"> IüjSM <jl l
c Älam 63b24-25

Vgl. auch die Wendung hudüt anniyat as-saP, /?u£. theol. ar. pr. 76 ^.

Daneben steht al-anniya für üratp^K; „Dasein, Bestehen":

4 (V) u Xt ]) tt) U7TO(TT«C7Et TS Y.C/X Li j^>U _j Aj 4v2>c..^ <U_jl <j

urcap^sl a ^cbpiittoi; eotiv aütöv Mukauwan 286.16 Bdw = 63a3

(sc. sie, a (jisTaßaAXsi) II 11:56.3

d) aisa X laisa gibt auch hier die Opposition ov X (J-?) ov wieder:

5 ou<77)<; ir\c, Grsp-qasat; xa0' auTO ,j~>} <j-^ öl


[xsv [xy] ovtoi;, xotra cru[i.ßsß7])t6? Mädda 95 a 7
§1 SVTO? I 24:38.16-17

Daneben steht die Opposition wugüd X c adam ~ sE.it; X cT£p7)oi<;:

6 OTKV ex T ?j<; CTEpYjCTECO^ CCUTOÜ Et? o-^j l-ü Cf * b Ii]

ty) v e ^ iv [ASTaßaXX-/] II 11:57.5 Mukauwan 288.1 Bdw=63bl7

e) kaun
7
ysvecRi; I 16:29.2 Addäd 95bl6 öjS'

8 to yi.v6fji.Evov I 24:38.12 Mädda 95a4 OjSll

9 — 1111.55.18,21 Mukauwan 63a25,26 —


1. zur terminologie 1.01 (dl) 89

10 toxvta toc <p<!>Gsi,yt,v6[i.eva I 16: Addäd 95bl <J^*


28.15

11 sxacTov twv yivofaevcov II 11: Mukauwan 287.88=63b5 JS'


56.16

12 t 6 yivsa8oa [xsXXov I 24:37.32, Mädda 94b24,25 ujSll

TOUTO O ytvstoc!, 38.1


*

13 ywo^evov I 24:37.20 Mädda 94bl8 üj^ t

14 o yweraL I 24:38.11 Mädda 95a3 Oj^dl

K 2. Aristoteles: De Caelo

a) To slvai in prägnantem Gebrauch, in De Caelo selten, wird auch

hier mit al-anniya wiedergegeben:

15 to elvai ETSpov tou yoyveuOai w -h h '

312a33

16 fei & v 281b30 Cräl f !•>

d) Eine bedeutende Rolle spielt der Gegensatz Sein X Nichtsein A 11 -12:

17 slvou X oux (fi .7)) elvai280b6- <jlS" c x ^1 jlS' c

283b 19 passim

e) yiyvsoOca wird neben einfachem käna (das auch für elvai stehen

kann, wie 280al5, b 18, 281a30 etc.) dort, wo es auf die Differenzierung

zwischen Sein und Werden ankommt, gern mit kuwwina, takauwana


übersetzt:

18 ytyvsc>0ai 297bl4, 17

19 ytyv6[zsvoc;, ysvojjisvo? 280a2, 29 —

20 yiyvo[j.svo<;, ysvofxsvot;, (yiyvsaöai) ö^SCi

270al4, 15, 279bl2, 17, 20, 33 etc.

21 ytyveo0ai, ysvsa0ca, ysvo[j,svoc, c

280bll, 15, 16, 19

f) gauhar

22 o^oc 269a30, b22, 270bll, 278a4, bl etc. yyr


90 B: DIE SPRACHE DER PROKLOS VERSION

23 ouata 268a3
Während in den Proklostexten einmal <po au; durch gauhar „Substanz"
wiedergegeben wird (prop. 62:58.30-31 od OTüfjÄTixocl (puaeic;), steht
hier umgekehrt tabi c a „Natur" für oüo'ia; wie nahe sich die beiden
Begriffe auch bei Aristoteles kommen können, zeigt Bonitz, Ind. Arist.
838b60ff. (s.z.B. Met. 1014b36, 1053b9). Zu Proklos vgl. prop. 20 :22 .1-2
Y) oua£a... v) voepa yuaiq.

U 3. Plotiniana Arabica

a) ann (al-auwal) «xo


al - ( tzq Ü tmc ) öv»:
Em. Theol. Arist.

24 (■jjv S'äeixai sarai V 8:12.24- Jjj ^ Ol y> i^-ÜI JjVl


25) jjJI jA JjVI üVI Öj ... (JjJi
8.182:119.14-25, 183:19. üj^l
17 (Dieterici 118.14 J^l)
25 (add. ad V 8:12)
8.186:120.6 JjNI £iAI

Muntaxab Siwän al-hikma 196.9-10


Bdw = G Rth

10.88:147.14-15

28 (add. ad V 8:6.17-18) £jj ji* -U^l £J»t (... Jj^l JpIÜI)


4jl> l^P-Jjl La_jl C
10.180- JWI <CL)Jlä i Jaii
181:161.6-7," cf. 191:163.8
1. ZUR TERMINOLOGIE —■ 1.01 (ül) 91

Gleichbedeutend mit ann steht in diesen beiden Beispielen annlya


(vgl. Nr. 31 und 47ff.).
29 (add. ad VI 7:2) JÄJ33 ol) ulj jjl ^ll!l
5.40:71.14-15 ^
30 (add. ad V 8:6.9) (...«■Li^'l ^ JSj 2-^>- JS")

cT° J
10.175:160.11-12 J*JI

R. fi l- c Ilm al-ilähi
31 (add. ad V 3:11) •Uy ... <Us ijvj Oy.
... aJI? V
düij i J_$! JPIÜI I il jA>
«uN c SjIj} <d*s oiö V JjMI
105 -107:174.17 -20 o"t J*i UJI

Während bi-anniki und bi-anniyatihi hier synonym gebraucht werden,


wobei bi-annihi wie auch sonst nur vom Tun des Schöpfers ausgesagt
wird, steht beides im Kontrast mit bi-annahü c aql «(6 vou?) fj voü?».
R. fi l- c Ilm al-ilähi
32 7) vo-yjaii;... e't'cw sE? au-rov £7Ci- i l_rä^- ji£ ül VJJJ
GTpecpsi 07]AOVOT!. to XÜ v Övtoc V 4J>S3 C l^| 4jli
3: 13.22-24 132:176.8-9 Ja» aJL l^Jk, jU
33 (add. ad V 4:1) dji*/» j.a dj^l : SJ^AJ (JjVjitll
öI (J,} (jlxio V jAj ... c l_ä>-
Jaib «Uli I i <Qt jäj liiuä
166:179.1
as-Saix al-Yünäni
34 (X^sfai) TOpl TÖVTravTWv ßaai- [*Lä^/l dilU : <_£I]
I V^ w
~kioC toxvtoc soti xäxsivou
evsxa IX as-SigistänI:-iaä» aJIj L-jS äHpja
iravTa... I-siSt] xal toü elvai Muntaxab Siwän al-hikma 197.5-6
ai/uo? auroi? VI 7:42.9-12 Bdw
B: DIE SPRACHE DER PROKLOSVERSION

35 (add.) u^-I^II : I] tj^-l dJ^j CJlT Ols

... .Jäj I 4>-l} l^Lplil [ ^>-1

»Li'ill ^ Iii
I 27-28:187.8-10 £j

Bdw = A 7:484.11-14 Rth

Zu bi-annahü ~ fj, xocOo, <&<; vgl.

R. fi l- c Ilm al-ilähi
Sfi e ~ tr \ s r ja /*
o vou?... orav Ta S7rexet.va söeAt)
... JzÄs jä JÜ1 J,UJ! ^Ip ilj! Iii jjj*!!
vosiv ... copfXTjcrs [ilv Itc' aÜTO Jip 4-jlj 4J0 4~lp Ajlil

oix <*>? voü?, aXX' w? otyic, V 3: 99:174.9

11.1-2, 4-5

al-annlya « to eZvca »:
Theol. Arist.

37 o ai/aoi; tou xca slvat. xai tcoAÜv 8.130:112.27 tfJSJ »^ill O Üp


elvai toutov V 1:5.5

38 (y) oütria aÜTY] (Totpta V 8:4.38) J— 81 ^ '(—wi'yi

P ...

10.150:156.8-10 Jb-!,

39 (add. ad V 8:6.17-18) JLJI <Qp (... (JjVl JPIÜI)

10.181:161.7

i?. fi l- c Ilm al-ilähi

40 oucncoS-/]«; [xev [äpiOfiö?] o to ijjt ^js> ^yi

slvcu äel TOxps^cov V 5:4.18 183:180.7 »^iJl

as-Saix al-Yünäni
41 (ixelvoc, [sc. to ev] (jivjSev töv j^pI • aJs>-j (Jj^/I £JÜ.I jl

toxvtoov...) (aovov yap ev exetvo' V. U> J2j!3 4_wjl 4jl

xal o [st ci. Härder] jxsv —<xvtcc I 10-11: 185.6-7 Bdw = A 4:

ev rot«; oöcjiv av 9jv V 1:7.20-21 478.3-4 Rth

Vgl. unten S. 209!


1. ZUR TERMINOLOGIE 1.01 (ü|) 93

anniya « 8v », anniyät « ovra »:

Tkeol. Arist.

42 [o voü<;] äst xai aÜTÖ? &y IV 1.10:20.5-6 i^l

7:13.19

43 Exacnrov Ss aÜTÖv voü<; xai ov JWI u-U-i <j ^ «•LA'ill j.« JS}
V* •*fc **•" " c
Ioti xai to cruprav 7ta<; voü? xai 4_J[j ^ lP^ '

7täv ov, o fxsv voü<; xaTa to voeüv • • •'

uqjiGTa? t6 6v V 1:4.26-27 8:122:111.14-17 J5JI J

44 Y^vexai Ta Trpwra voü?, ov, ste- J2*!l ^ LjI J- f !/^l öl

poTT)?, TauTOTV)? V 1:4.35 8.125:112.4-5

45 Tat; tSea? övxa (sXsyov elvai)... 10.171:159.15 jäI^CjCj! ...

xai oucrta? V 8:5.24-25

46 (add. ad IV 8:2) O 5* 11 oCj^I £lp ^jjl J'^l J^LII

Cf. Tkeol. Arist. 1.47:26.7. jjW yy S/luil £LJ-I «lall

1.48:26.9-10 u *£\

al-anniya al-haqq (al-ülä ) « tö ovtox; (7tpwTCü<;) ov »:

Theol. Arist.

47 (add. ad IV 8:2) illü-l oCj^I Üp "Ol [ü>^I] JUb

U> ^1^1 V (_jil ^A_vLä*!l ; aJUJjJ


5-^J J/I t ÖJJ>-IJ oj^j aJL~J- I

(jliJ^I tiN-ij tij^l

1.47:26.7-8 <—1 >

48 (add. ad IV 8:2) J* jus J\ "ji-l Jj^l "j[

csüi i&ur^j ... Tjt su-i jjyi

1.52:27.5-6 <_/*£ y>

49 (add. ad IV 8:2) OÜJ^I JL, Üp j» JJI J_$l iLpSfl

1.51:27.2-3

50 oüSev yap sx toü Övto? a-raAst- CjCjVI y dll^T jl lj>£_

TailV 7:14.13 1.16:21.3 "j>- oüf


94 B : DIE SPRACHE DER PROKLOSVERSION

81 (add. ad IV 8:2) :<]*!,] [o»UI] ^


1.47:26.5 U>U-^ J>j7 V icb [£jlä*JI
52 dt <fel 6vt « V 1:6.20 8.142:114.15^^1 ÄelaJI oü-l

i?. fi l- c Ilm al-ilähl


53 [o «Av)0r]<; vou?] o? 9jv 6 aÖTÖ<; AjCljlj jj-l 5_jVl jäj ... jj-l
tol? övtcoi ; oücri V 3:6.29-30 64:172.2-3 üül

as-Saix al-Yünäni

51 (add.) [jJ-l a^yi : J] *jJ-l £-tfl dlL"


127:187.8 Bdw=A 7:484.12 Rth
Von anniya trennt Theol. Arist. m& huwa, mäkiya «to t £ lern, to tl
■jjv slvai»:

55 (add. ad VI 7:2.27) cSurt.17 vjj JäJI (£jdl) CJi


5.39:71.12 4»jS*
Vgl. oben Nr. 39.
56 7) ovaioc xxl to ti 3)v slvat / ^ [jU^] j I yyr [j^]
V 7:3.21 10.47:141.11
b) al-huwiya steht meist für to ov:
Em. Theol. Arist.

57 wa to ov fj, StaToÜTo aÜTOi; [sc. i ö y> a J jSi ^ Q


to ev] oüx ov, Y£vv>)v/](; Se «Ü to C 10.2:134.10-11
V 2:1.6

Lewis übersetzt identity (Plot. Op. II 291); diese Bedeutung von


huwiya ist in Theol. Arist. auch belegt (s. Nr. 63), trifft aber hier nicht zu.

58 to 8v V 2:1,12,13 10.9:135.13 (JSJI) £y>

R. fi l- c Ilm al-ilähi
59 yew ^sTpta ... aocpia. ixvwtätw ^iy-» J, iJU- <wf>o- ... l^k^LI
7tspt to ov oöcra V 9:11.24-25 39:170.10-11 OlJÜI
60 Ta sTOxsivK V 3:11.1 99:174.10 ^ ^il ÜJ!
Vgl. bes. Inst, theol. ar. prop. 73 ^A, 74 K (s.a.u. C 2.23, S. 215 f.).
1. zur terminologie 1.01 (ol) 95

61 (vosi, 6t(.t(xy<z06v [6 voü<;]—£<öt}<; SU-I [lsjui 4 -''


yap eficppovo? xcd voep«<; aoTtoi;
SuvocfAi? fiv,) <y.<p' oö E^cot) xcd 210:182.3
voü? — cm oucria<; xal toü ovto<;,
8 ti*v —... V 5:10.12-13

Auch synonym mit al-ann[iya) «to eivai»:


Tkeol. Arist.

62 (add. ad V 8:6.9) ... «-LäVl £Oj I 4-j


10.179:161.2-3 ^ <> Cf ^
Vgl. bi-annihi in entsprechendem Kontext oben Nr. 28 ff.
*

Daneben steht huwiya auch für TaÜTOT7)<; „Identität":

63 yivetai toc TTpWTOC VOÜ?, ov, (_/" »I J'!/^ <ji


ETepoTV)?, xauTOTY]? V 1:4.35 8.125:112.4-5
Vgl. huwa huwa « o auTO?, TaÜTo » ( < syr. hü kad hü?), z.B. R.fil- c Ilm
al-ilähi 116:175. 11 (s.u. § 1.17 Nr. 9) und in den ar. Metaphysica (unten
Nr. 124-126).

1 4. Liber de Causis
a) Neben dem Abstraktum anniya finden wir die adjektivische Form
anni in adverbialem Gebrauch (nicht aber einfaches ann):
Inst, theol. LdCausis

64 Övt(o ? 103:92.24 11:83.4 ^ 4 J^ 1


65 (add., cf. prop. 70) J ?i ^ LJ-\ [öUVI : cgi] <cp Iii
41p- 'y V 4... j jfl (ji! l_wjl l_*^-
1:59.9-10
*

al-anniya ~ to etvai. ist von al-huwiya ~ to öv nicht immer differenziert,


sondern nimmt beide Bedeutungen an:
al-anniya «to stvai», „Sein", „Wesen":
3. ERGEBNISSE 185

yricp 76:72.14
add. 2:2.24 ^
— 5 VV, 21 (24.25,28) n, rr, 74 v, 91 -v

b) t« [Jt-sp7) tou cTco[i.aToi;... toü TVpoi; ^ dl f-rM iS^ ''Lrr'


SOCUTOU s7ri.crTpafpevT0515:16.33-34 ®

öU>- 4J (_güll
1 1. Alexander : I 2 -Laun 20, 49, 63, 80 Jjjl
I 2 -Laun \ s. Gätje, Farbe 354; For/ 20, 21, 44, 52.
1f 2. Aristoteles, 1.
De Caelo: s. ArÜb De Caelo 71. 4 Jjit
1f 4. Liber de Causis 6:72.9 (add. ad Inst, theol. 171: 150.7),
20:98.8 (xat 127:112.31).

3. Ergebnisse

3.1 Terminologie, Übersetzungstechnik und Stil der arabisch über¬


setzten Abschnitte aus Proklos' Institutio theologica zeigen zahlreiche
und charakteristische Parallelen zu anderen Texten der griechisch-arabi¬
schen Übersetzungsliteratur, die insgesamt der ersten Hälfte des 9.
Jahrhunderts angehören. In den Übersetzungen des Abü c Utmän ad-
Dimasql (um 900), der in der handschriftlichen Überlieferung einiger der
Texte als Übersetzer genannt wird, finden wir nur sehr wenige dieser
Charakteristiken; seine philosophische Terminologie entspricht vielmehr
den Normen, welche von Ishäq ibn Hunain (z.T. schon von dessen
Vater Hunain) und anderen Übersetzern seines Kreises geschaffen
wurden. Wir könen daher ausschliessen, dass er die Proklostexte über¬
setzt hat; lediglich äussere Umstände der Überlieferung scheinen veran¬
lasst zu haben, dass ihm die Arbeit zugeschrieben wurde (s.o. A 2.2, S. 60).

3.2 Die Übersetzungen, welche sich zum Vergleich mit der Proklos¬
version anbieten, zeigen nicht alle den gleichen „Verwandtschaftsgrad".
Die Version der aristotelischen Metaphysica, die Eustathios im Auftrage
des Kindi anfertigte, weist einige — bei weitem nicht alle — wichtige
186 B: DIE SPRACHE DER PROKLOSVERSION

Termini der anderen Übersetzungen auf, doch weicht seine Termino¬


logie in vieler Hinsicht ab, und die eigentümliche Phraseologie der Prok¬
losversion und weiterer Vertreter der Gruppe fehlt. Trotzdem können
die vorhandenen Beziehungen zusätzlichen Anhalt für die zeitliche Ein¬
ordnung der übrigen Texte bieten.

3.3 Weit enger mit den Proklostexten zusammen gehören zwei


wichtige Quellen des arabischen Neuplatonismus: Die sog. Tkeologia
Aristotelis nebst anderen Plotiniana und der Liber de Causis.
Dass die Plotiniana — Utülügiyä, R. fr l- c Ilm al-ilähi und dicta des
-iSaix al-Yünäni — untereinander nicht nur ihrem Inhalt, sondern auch
ihrer Sprache nach eine Einheit darstellen, ist nicht neu (vgl. Kraus,
Biotin chez les Arabes 290 ff.) und wird durch unsere Belegsammlung
einmal mehr bekräftigt; darüber hinaus Hessen sich zahlreiche weitere
Gemeinsamkeiten des Wortschatzes beibringen, die oben, da ohne
Beziehung zu den Proklostexten, nicht aufgeführt wurden. Ob die
Stücke der Plotinparaphrase dem Übersetzer bereits getrennt vorlagen
oder ob die (syrische?) Vorlage noch eine Einheit darstellte, lässt sich
nicht mit Sicherheit ausmachen (das letztere ist wahrscheinlich, denn
mindestens die Stades -Saix al-Yünänismd jazumTeilaus der „Theologie"
ausgezogen). Sicher aber scheint, dass sie von demselben Manne ins
Arabische übertragen wurden, d.h. von Ibn Nä c ima al-Himsi, der als
Übersetzer der „Theologie" vorgestellt wird. Al-Kindi, der neben dem
Übersetzer als Bearbeiter der „Theologie" erscheint, ist vielleicht auch
für ihren Textbestand verantwortlich; Teile, die er aussonderte, hätten
dann in selbständiger Überlieferung weitergelebt. Auch dieTerminologie
mag er hie und da bereinigt haben (s.o. § 1.14 s.v. süra, S. 135).
Im Verhältnis zu den übrigen Texten unserer Gruppe stehen nun die
Plotiniana und der Liber de Causis sowohl in der Terminologie als in
den stilistischen Besonderheiten einander am nächsten. (Vgl. auch G.C.
Anawati, Prolegomenes 105, 108; F. Rosenthal, as-Sayh al-Yünäni [1.]
470 zu hilya ■—s.o. § 1.14). Eine noch eingehendere Untersuchung des
Wortschatzes beider Werke müsste erweisen, ob sie von der Hand des¬
selben Übersetzers herrühren können; auch einige Unterschiede fallen
3. ergebnisse 187

auf, die in unserem Zusammenhang ebensowenig aufgeführt werden


konnten wie die weiteren Analogien. Schon jetzt aber lässt sich sagen,
dass der Liter de Causis nach dem Zeugnis seiner Sprache der Überset -
zungsliteratür des 9. Jahrhunderts angehört. Nicht nur seine Terminolo¬
gie lässt sich in anderen, aus dem Griechischen oder Syrischen über¬
setzten Texten dieser Periode nachweisen, sondern auch die typischen
periphrastischen Techniken der älteren Übersetzer. 18 Die noch heute
zuweilen vertretene Auffassung, dass ein Autor des 12. Jahrhunderts
das Werk verfasst habe (s.o. S. 21 f.), führt denn auch zu der Annahme,
dass dieser Autor eine ältere arabische Proklosversion benutzt habe. 19
Alle sprachlichen Eigentümlichkeiten, die den Liber de Causis mit anderen
Übersetzungen verknüpfen, würden also der Vorlage entstammen,
und der späte „Autor" wäre auf die Rolle eines Epitomators oder Kom¬
pilators verwiesen. Damit stellen sich die gleichen Probleme, nun auf
jene Vorlage bezogen, von neuem.
Freilich liess die Entdeckung von zunächst drei, dann insgesamt
zwanzig Abschnitten aus der Institutio theologica in arabischer Übersetzung
die Vermutung laut werden, dass dieser Auszug gemeinsam mit dem Liber
de Causis einer umfassenden arabischen „Proklosquelle" — analog der
Plotinquelle — entstamme. 20 Diesem Ansatz ist entgegenzuhalten, dass
die beiden Texte bei aller sprachlichen Verwandtschaft doch auch erheb¬
liche terminologische Unterschiede aufweisen. Zentrale Begriffe der neu¬
platonischen Philosophie werden im Liber de Causis nicht nur anders,
sondern auch weit sorgfältiger behandelt als in unseren Proklostexten, die
als Fragment jener Originalquelle anzusehen wären (s.o. §§ 1.15 zu voü?,

18 Hierher gehört z.B. auch die Wiedergabe griechischer Adverbien auf -S>q durch
ar. bi-nau' + adj., häufig auch bei Ustät und Ibn Nä c ima — daher noch bei al-Kindl
(aber nicht in unseren Proklostexten); s. ArÜb De Caelo 114, 121, 133.
19 So der letzte Herausgeber des lateinischen De Causis, A. Pattin; s. Le Liber de
Causis (1966), S. 5 u.: "IbnDaoud... aurait bien pu lire ce livre dans une traduction
arabe ou un r6sum6 arabe de cet ouvrage passant sous le nom d'Aristote!" Pattin
verweist gleichfalls auf die sprachlichen Parallelen zu den Plotiniana, will aber nur
einen Einfluss dieser Texte auf den späten Autor des LdCausis zugeben. (Vgl. Pattin,
Over de schrijver 504 ff.)
20 S. Pines, Une Version arabe de trois propp. 200; J. van Ess, Neue Fragmente 167.
188 B: DIE SPRACHE DER PROKLOSVERSION

1.18 zu und auch die Phraseologie zeigt charakteristische Unter¬


schiede (s. §§ 2.33, 2.34), beides im Einklang mit der Plotinparaphrase
und gegen die Übersetzung der zwanzig propositiones. Sehen wir von den
inhaltlichen Divergenzen zunächst ab (dazu unten S. 240) — gerade
die wenigen Koinzidenzen zeigen, dass nicht ein und dieselbe arabische
Quelle zugrunde liegen kann, so vor allem unsere Version von prop. 167
im Vergleich mit Liber de Causis § 12, einer Paraphrase des gleichen
Abschnitts. Gewiss hätte ein später Bearbeiter die Terminologie und
andere sprachliche Eigentümlichkeiten einer Vorlage, wie sie von unserer
Proklosübersetzung repräsentiert wird, nicht unverändert gelassen, aber
doch nicht, um auf die Terminologie und — dies am wenigsten — auf
die ebenso umständliche, nur eben modifizierte Phraseologie der Plotin¬
paraphrase zurückzugreifen. 21 Wir können also daran festhalten, dass
beide Texte im gleichen Milieu übersetzt wurden; doch die Hypothese,
dass der eine aus einer vollständigeren Fassung des anderen hervorgegan¬
gen sei, wird durch den sprachlichen Befund nicht gestützt.

3.4 Die engsten Beziehungen zu der Proklosübersetzung zeigen im


Rahmen unserer Gruppe die Traktate des Alexander von Aphrodisias
auf der einen, die Version von Aristoteles' De Caelo auf der anderen
Seite. Diese Feststellung ist in Bezug auf die Terminologie insofern einzu¬
schränken, als das Vergleichsmaterial beschränkt ist; Thematik und
begriffliche Systematik der griechischen Substrate sind zu verschieden,
als dass wir alle Termini der Proklostexte auch in den aristotelisch-
peripatetischen Texten erwarten dürften. Dort aber, wo gleiche Termini
zugrunde liegen, sind sie — im wesentlichen — auch gleich übersetzt, 22
und gerade die auffälligsten Termini der Proklosversion sind in diesen
Übersetzungen belegt (vgl. oben s.w. mabsüt, hämil, rühäni-sarif, sarh
wa-martaba u.a.). Als identisch können wir auf der anderen Seite die

21 Ein Exempel bietet hier cAbdallatifs Epitome der zwanzig propositiones: Er


behält die Terminologie im wesentlichen bei (Varianten z.B. bei den Ausdrücken für
;), streicht aber die typischen Phrasen.
22 Auch ein argumentum e silentio, das oben nicht genannt werden konnte, sei
hier nachgetragen: aöiua heisst in diesen Texten stets girm, niemals gism, während sonst
beide Wörter nebeneinander gebraucht werden. Vgl. ArÜb De Caelo 60, 123, 131.
3. ERGEBNISSE 189

Phraseologie bezeichnen; während gewissse Wendungen dem Typus nach


der ganzen Gruppe angehören (ausser der Metaphysikversion), zeigen
sich doch im Detail der Formulierung eine Reihe individueller Unter¬
schiede zwischen LdCausis und Theol. Arist. auf der einen und Proklos-,
Alexander- und De-Caelo-Ve rsion auf der anderen Seite (s.o. §§ 2.33,
2.34). Da in diesen Details am ehesten Freiheit, also Individualität
walten konnte, berechtigen sie uns auch am ehesten, Rückschlüsse
auf die Identität des Übersetzers zu ziehen.

Da die Theologia Aristotelis aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem Syrischen über¬
setzt wurde, ist hier allerdings die Frage zu stellen, ob die beobachteten, gemeinsamen
Eigentümlichkeiten nicht etwa, statt auf die Bearbeiter der arabischen Versionen,
bereits auf syrische Vorlagen ihrer Übersetzungen zurückgehen. Einige Besonderheiten
in der Terminologie könnten diese Annahme stützen; weniger die Termini selbst
— auch wenn syrische Substrate für ihre Bildung bestimmend waren, konnten sich
Übersetzer griechischer Vorlagen ihrer weiterhin bedienen — als Unregelmässigkeiten
im Gebrauch, verursacht von spezifisch syrischen Äquivokationen (vgl. oben S. 82 zu
annlya | huwlya). Wir kennen jedoch bislang keine griechisch-syrische Übersetzung,
die eine ähnliche Phraseologie aufweist. Zudem ergeben sich aus der Proklosüberset¬
zung selbst keine konkreten Anhaltspunkte für die Existenz eines syrischen Substrats.
Die ihr nahestehende De-Caelo -Version fusst zwar auf einer älteren, syrisch-arabischen
Übersetzung; aber der Bearbeiter, der die z.T. dort vorgegebene Phraseologie breiter
und konsequenter ausgearbeitet und die für ihn und die übrigen Texte der Vergleichs¬
gruppe charakteristische Terminologie erst eingeführt hat, bediente sich zur Revision
der älteren Version anscheinend des griechischen Originals (s. ArÜb De Caelo 39). Ich
glaube daher, dabei bleiben zu können, dass die oben zusammengestellten Charak¬
teristiken auf die Zusammenarbeit einer Gruppe arabischer Übersetzer hindeuten.
Für. die Bestimmung des einzelnen Übersetzers sind freilich die individuellen Unter¬
schiede massgeblich. Indessen bedarf die Wirkung syrischer Substrate auf arabische
Übersetzungen weiterer Untersuchung.

3.5 Auch für das Kompendium von Aristoteles' De Anima erweisen


Terminologie und Stil, dass es in der Umgebung der übrigen, von uns be¬
trachteten Übersetzungen entstanden ist. Das Belegmaterial reicht nicht
aus, um engere Beziehungen zu dem einen oder anderen Text der Gruppe
zu begründen. Das liegt zum Teil an den Besonderheiten der Thematik,
zum Teil auch am referierenden Stil des Epitomators, der jener elaborier-
ten Phraseologie weniger Raumlässt. Charakteristische Termini der Prok¬
los-und Alexanderversionen, des arabischen De Caelo sowie der anderen
neuplatonischen Texte sind jedoch hier ebenso belegt wie einige der
190 b: die sprache der proklosversion

typischen Wendungen. 23 (Die Parallelen zu den Proklostexten gehen


darüber hinaus bis zur Formulierung einiger ihrer Additamente (vgl.
S. 199-201, s.a. oben S. 151 Nr. 10).

3.6 Wer war nun der Übersetzer der Proklostexte ? Wir sind von dieser
Frage ausgegangen und haben zunächst ein negatives Ergebnis gefunden:
Nicht der um 900 lebende Abü c Utmän ad-Dimasql, sondern ein älterer
Autor muss die Übersetzung besorgt haben. Wir können ergänzen, dass
derselbe Übersetzer auch für die Versionen einer Reihe von Trak¬
taten des Alexander von Aphrodisias verantwortlich ist; nicht nur das
äussere Nebeneinander in den Handschriften, sondern auch zahlreiche
Parallelen in der Terminologie und die Kongruenz des Stils erlauben
diesen Schluss. Er war es vielleicht auch, der zuerst den Namen Alexan¬
ders mit den Proklostexten in Verbindung brachte. Den Namen dieses
Übersetzers erfahren wir freilich nicht.

Von den hierher, zu den Arbeiten desselben Übersetzers gehörigen Schriften


Alexanders werden auch die Versionen der Maqäla fi l-Laun (vgl. Gätje, Farbe 348,
354 ff.) und der —• oben nicht herangezogenen — Maqäla fi n-Nusü* wan-namä*
(D ietrich Nr. 2) in der Handschrift des Escurial dem Dimasql beigelegt. Als echte
Übersetzungen Abü c Utmäns können wir aber, nach den aus den Topica, der Isagoge und
dem Kaläm al-Iskandar(quaest. I IIa,21, 22) gewonnenen Ergebnissen — das kann hier
im einzelnen nicht näher gezeigt werden — die weiteren unter seinem Namen
laufenden Alexanderversionen anerkennen (s. o. S. 61): Mabädi* al-kull, R. fi l-Istitä c a
und R. fi r-Radd c alä öälinüs.

Bekannt sind dagegen die Übersetzer von drei anderen Texten der
Gruppe: Ustät, Ibn Nä c ima und Ibn al-Bitriq. Eustathios, der Über¬
setzer von Aristoteles' Metaphysica, kommt aus den oben genannten
Gründen für die Proklosversion nicht in Betracht; weit eher Ibn Nä c ima,
der Übersetzer eines wichtigen neuplatonischen Werkes. Wie die von ihm
übertragene Plotinparaphrase wird auch der Proklosauszug als „Theo¬
logie des Aristoteles" überschrieben (und hier wie dort wird Theologia
durch ar. rubübiya erklärt). Leichte sprachliche Divergenzen brauchten

23 Eine Parallele zur Theol. Arist. ist der t.t.ßkr wa-rawiya, z.B. 170.22 ~ r) ßouXsu-
t ixrj 434a7; vgl. Theol. Arist. 1.24:22.9-10 habattu min al- zaql ilä l-fikr war-rawxya ~ Enn.
IV 8:1.8 et? "Aofiay.bv iv. voö xaxaßixi; etc. passim für ~Koyics\j.oq (s.o. § 1.01 Nr. 27, 28;
1.15 Nr. 8; 1.18 Nr. 8; 2.11 Nr. 45).
3. ergebnisse 191

uns nicht daran zu hindern, ihm die Übersetzung der Proklostexte zu¬
zusprechen; wie ein Autor, so ändert und entwickelt auch ein Über¬
setzer Wortschatz und Stil im Laufe der Zeit. Aber gerade der Umstand,
dass sich Ibn Nä c ima gleichsam als Fachmann für die Übersetzung neu-
platonischer Werke ausweist, macht es schwer zu glauben, dass er der
Proklosübersetzer ist; Missverständnisse und Fehlübersetzungen gibt es
zwar auch in der Theol. Arist., aber nicht jene Unsicherheit, ja Inkom¬
petenz in der Wiedergabe gerade neuplatonischer Termini (wie bes.
;zi0e£i<; und voü<;), die uns in der Proklosversion begegnet.

Es bleibt Ibn al-Bitriq, und es gibt wenig, was gegen seine Autor¬
schaft an der Übersetzung der Proklos-und Alexandertraktate sprechen
könnte. Zwar sind in seiner De-Caelo-Übersetzung aus naheliegenden
Gründen nicht alle Termini der Procliana vertreten, aber doch viele
der spezifischen Besonderheiten, überdies alle Formeln der typischen
Phraseologie. Dass er, der ausser Piatons Timaeus vor allem Werke des
Aristoteles und seiner Kommentatoren übersetzt hat — man kann ihn
wohl als den fruchtbarsten der frühen Aristotelesübersetzer bezeichnen 24 —
bei der Übertragung eines schwierigen neuplatonischen Textes weniger
Geschick zeigte, ist einleuchtend; auch dass er ihn für ein Werk des
Alexander von Aphrodisias hielt, wenn er ihn gemeinsam mit anderen
Alexanderschriften vorfand. Hinzu kommt, dass wir in der De-Anima-
Epitome einen weiteren Text der Übersetzungsliteratur haben, der
einerseits sich mit Ibn al-Bitriq in Verbindung bringen lässt (nach
Fihrist 251.15) und andererseits sprachlich zu unserer Gruppe gehört.
Auch zu zwei Interpolationen in der Proklosversion, die vom Übersetzer
herrühren können, finden wir Parallelen — vielleicht die Vorlagen — in

21 Vgl. D. M. D unlop: The translations of al-Bitriq and Yahyä (Yühanna) ibn al-Bitriq
(1959); ArÜb De Caelo 95. Zu weiteren Übersetzungen unter seinem Namen s. auch
ArÜb De Caelo 109 ff. — Die dem Ibn al-Bitriq von Hunain ibn Ishäq beigelegte
Übersetzung einer medizinischen Schrift hat jetzt L. R ichter- B ernburg herausge¬

geben und untersucht: Eine arabische Version der pseudogalenischen Schrift De Theriaca ad
Pisonem (1969). Das etwas unbestimmte Testimonium Hunains (R. fi Dikr mä turgima
ilx. 39.1-2) erfährt aber keine Bestätigung: Der Vergleich mit anderen, Ibn al-Bitriq
zugeschriebenen Übersetzungen erweist, dass das K. at-Tiryäq wohl kaum von ihm
übersetzt wurde (s. R ichter- B ernburg S. 34).
192 b: die sprache der proklosversion

der De-Anima-Version (s.u. C 1.2, S. 199-201). Die Annahme, dass Ibn al-
Bitriq auch die Proklostexte übersetzte, hat daher von den Möglichkeiten,
die uns zur Wahl stehen, am meisten Wahrscheinlichkeit für sich.
Mit Sicherheit können wir die Frage nach dem Übersetzer gleichwohl
nicht beantworten. Ich habe in meiner Arbeit über die De-Caelo-Ve rsio-
nen gezeigt, dass wir gerade im Falle von Ibn al-Bitriq mit einer Wand¬
lung und Entwicklung der sprachlichen Mittel im Laufe seiner Tätigkeit
rechnen müssen, wollen wir nur zwei beliebige der unter seinem Namen
überlieferten Übersetzungen ihm zuerkennen ( ArÜb De Qaelo 109 ff.).
Für andere Übersetzer wird sich Ähnliches zeigen lassen. Das spricht
natürlich nicht gegen seine Autorschaft an der Proklosversion, aber
es zeigt, dass die oben zusammengestellten Termini und Stilmerkmale
weniger durch die Tätigkeit eines einzelnen als durch die Zusammenar¬
beit einer Gruppe von Übersetzern zu einer bestimmten Zeit geprägt
wurden. Eine klare Trennung der Werke des einen von denen eines anderen
wird daher dort, wo verlässliche Angaben fehlen, nicht immer möglich
sein.

3.7 Spiritus rector dieser Gruppe war allem Anschein nach nicht
ein Übersetzer, sondern der Philosoph al-Kindl, der die Metaphysica-
Übersetzung anregte, die Tkeologia Aristotelis bearbeitete, die De-Caelo-
Version jedenfalls benutzte, der ferner — wie ich im Exkurs S. 242 ff.
zeigen möchte — einige der Proklostexte las und ausschrieb. Für die
Sprache und das Denken dieses Philosophen, und damit für die Anfänge
der arabischen Philosophie überhaupt, war die Arbeit jener Übersetzer
von nicht geringer Bedeutung. (Einige Anhaltspunkte bezüglich seiner
Terminologie habe ich oben §1.01 gegeben.) Dies durch eine Analyse
seiner Schriften im einzelnen zu verfolgen, muss ein Gegenstand weiterer
Untersuchungen sein. 25
3.8 Ein jüngerer Zeitgenosse jener Übersetzer und des Kind! ist der
Nestorianer Hunain ibn Ishäq (f 260/873) 26 ; seine und seiner Schüler
25 Die Übersetzungen Hunains scheint er dagegen nicht benutzt zu haben. Vgl.
R. Walzer: Uiveil de la Philosophie islamique (1970), S. 31-35.

26 S. GAL? 1.224, S 1.366; Graf, GCAL 2.122; EP s.n.; R. Walzer, Greek into
Arabic 67 u. Index; G. Bergsträsser, Hunain ibn Ishäk und seine Schule (1913).
3. ERGEBNISSE 193

Übersetzungen (im Bereich der Philosophie besonders die seines Sohnes


Ishäq) haben durch ihre philologische Akribie, die Einheitlichkeit
ihrer Terminologie und die Klarheit ihrer Sprache neue Maßstäbe für
die Übertragung griechischer Werke ins Arabische (wie auch ins Syri¬
sche) geschaffen. So konnten ältere Übersetzungen durch die Arbeiten
dieser Schule verdrängt werden und wurden auch dann geringer geachtet,
wenn sie nicht durch neue Versionen ersetzt waren (vgl. R. Walzer, New
light 78). Indessen sollte die Leistung der älteren Übersetzer nicht
unterschätzt werden, denn sie prägten den überwiegenden Teil des Reper¬
toires philosophischer Termini, aus dem Hunain und die Späteren
schöpften. Ihre Schwäche lag in der Uneinheitlichkeit ihrer Terminologie
im ganzen — verständlich in einer Periode erster Versuche an Substraten
verschiedenster Sprachform und Begrifflichkeit — und in der Inkon¬
sequenz der Anwendung im einzelnen; unsere Zusammenstellung
gibt dafür einige typische Beispiele, denn sie enthält ja „charakte¬
ristische" Termini insofern, als deren Gebrauch nachmals verändert,
vereinheitlicht oder auch aufgegeben wurde. Das Verdienst der Schule
Hunains lag vor allem darin, dass sie gegenüber der von Übersetzer zu
Übersetzer, von Buch zu Buch wechselnden und in sich unstimmigen und
äquivoken Terminologie der Früheren einheitliche Normen schuf; da
Abü c Utmän ad-Dimasqi diesen Normen folgt, konnten auch dafür oben
einige Beispiele gegeben werden (s. z.B. § 1.01 zur Ausweitung des
Gebrauchs von wugüd, maugüd\ § 1.06 zur Verwendung von hämil und
maudü c \ § 1.14 zur Differenzierung zwischen süra und nauc ). Dieses
Unternehmen der Konsolidierung konnte aber erst seinen Ausgang
nehmen, nachdem die früheren Übersetzer bereits die philosophischen
Begriffe vermittelt und sich um die Probleme ihres sprachlichen Aus¬
drucks bemüht hatten; und es konnte nur Erfolg haben (einen partiellen
Erfolg freilich, da viele der älteren Übersetzungen weiterhin gelesen
wurden), weil jenes Repertoire z.T. konkurrierender Termini bereits
zur Verfügung stand. An der Leistung jener ersten Periode haben die
Übersetzer der von uns betrachteten Gruppe neuplatonischer und
aristotelischer Texte bedeutenden Anteil gehabt.

Proclus - 13
1. ERGÄNZENDE UND ERKLÄRENDE ZUSÄTZE 195

den Kontext der spätantiken Philosophie einzuordnen. Die arabischen


Parallelen werden uns schliesslich zu der Frage veranlassen, ob diese
Texte und andere neuplatonische Quellen der arabischen Philosophie
wie in ihrer sprachlichen Form, so auch in ihrer Interpretation neu¬
platonischen Denkens engere Verbindungen zeigen. (Zur Zitierweise
einiger Quellentexte s.o. B0.2, S. 64 ff.,zu den Prokloszitaten S. 10, 251.)

1. Ergänzende und erklärende Zusätze

1.1 Im Rahmen einer textgetreuen Interpretation bleibt eine


Reihe kurzer Zusätze, die den Rang des Einen (der Ersten Ursache)
bzw. (prop. 15-17) der geistigen Substanzen hervorheben (auch die oben
S.158 f. u. 164 behandelten emphatischen Verneinungen und Synonymen¬
häufungen gehören z.T. hierher). Umkehrungen und wiederholende
Resümees sollen die behandelten Thesen betonen und verdeutlichen.
1.11 Prop. 21 vo „...das Eine, welches vor allen körperlichen und see¬
lischen und intellektualen Dingen ist... yv über dem nichts anderes ist." (24.29
TO sv TO kqo TWV TOXVTWV, 24.30 TO SV.)

Die Stufenordung des Seienden unter dem Einen ist in prop. 20


(nicht übersetzt) behandelt, wird aber auch in prop. 21 (die Folge der
Monaden, 24.22-29) skizziert, hier also nur wiederholt. Wörtliche Par¬
allele zu Z. YV ist prop. 20: 22.30 x«l o Ü xstl toö hoc, aXXo e-itexsiva.
1.12 Prop. 62 i „Das Eine ist die Ursache aller Dinge und ihrer
Vervielfältigung, ohne selbst vieles zu werden." ( 58.24-25 tö 8b sv tccxvtcov
9jv vtvogtxtixov öotAtj O uvtcü?.)
Vgl. propp. 1 und 5 (6.20-21 ~oiv 7tXyj0o c, äuö toö ocutoevoi;).
1.13 Umkehrung einer These:
a) Prop. 16 \-\\ Alles, was nach seiner ouaia von Körpern
nicht trennbar ist, ist a fortiori auch in seiner evspyei« untrennbar
(18.14-15). Umgekehrt gilt: „ Wenn wir eine beliebige Tätigkeit von den
Körpern trennbar finden, so muss die Substanz, welche diese Tätigkeit ausübt,
um so eher von den Körpern trennbar sein."
Setzt man voraus, das die sracnrpo©-}] sit; eocuto eine körperlose Tätig¬
keit ist — so nach prop. 15 —, fällt diese Ergänzung mit der Ausgangs¬
these von prop. 16 zusammen. Der Zusatz tritt jedoch z.T. an die Stelle
der Erläuterung, welche diesen Zusammenhang aufzeigt ( 18.16-17, vgl.
196 C: ADDITAMENTE UND INTERPRETAMENTE

S. 262 Anm. 5 z. St.): Er begleitet eine inhaltliche Modifizierung insofern,


als im folgenden das Gewicht der Argumentation vom Beweis der körper¬
losen Existenz des TCpo? eocuxö iniG-vpe.n-riy.6v ganz auf den Nachweis
körperloser Substanzen überhaupt verlegt wird; die Existenz der
ETUCTTpsTCTixa(von Proklos in propp. 15-16 noch als hypothetisch be¬
handelt) wird vorausgesetzt und dient nurmehr als Ausgangspunkt.
(Vgl. S. 262 f. Anm. 4-6 zu prop. 16 und unten § 1.21.)
b) Prop. 62 h-\ Was dem Einen nähersteht, ist geringer an Zahl,
doch höher an Potenz, daher Ursache vieler Dinge (58.27-29). Das von
dem Einen Ferne ist an sich vieles, doch Ursache weniger Dinge wegen der Schwäche
seiner Potenz.

Die These wird hier durch ihre Umkehrung mit Nachdruck verdeut¬
licht; sie ist aber selbst nicht ganz exakt übersetzt (vgl. S. 272 Anm.
9 zur Stelle).
1.14 Die ar. Schlussabschnitte von prop. 78 und 80 i a -Y \
bringen lediglich eine Zusammenfassung des Arguments; dies im Gegen¬
satz zur Mehrzahl der übersetzten Abschnitte, wo ein angehängtes
Korollarium die These in einen systematischen Zusammenhang stellt
(meist zur Ersten Ursache, s.u. § 2.21 ff.).
1.2 An zwei Stellen finden wir erläuternde Interpolationen , in denen
die These durch Beispiele illustriert wird. Beide haben keine Parallele
bei Proklos, stammen vielmehr aus einem weiteren Diskussionszusam¬
menhang.
1.21 Prop. 16 w-U Ist die Ivepysioc ohne Körper möglich, bedarf
auch die ouctioc keines Körpers. Die körperliche Substanz wirkt und empfängt
Wirkung nur durch körperliche Berührung. „ Wir finden aber doch auch eine

andere Substanz, welche ihre Tätigkeit ohne Berührung des Gegenstandes, auf den

sie wirkt, ausübt und ohne dass sie ihn wegstösst oder von ihm gestossen wird.

Somit wirkt ihre Tätigkeit auf den entfernten Gegenstand. Wenn dem so ist und

die Tätigkeit des Dinges vom Körper geschieden ist, dann muss auch die Substanz,

welche diese Tätigkeit ausübt, vom Körper geschieden sein " (Add. ad 18.16).
Proklos sucht in prop. 16 zu zeigen, dass alles, was „zu sich selbst
zurückkehren kann" (vräv tö ~po? eau -rö s7UOTpsTc-ux6v) , eine von allem
Körperlichen trennbare Existenz habe; denn nur Unkörperliches sei zu
solcher emaxpocp-}] imstande (prop. 15), und ebenso wie seine evspyeta
bedürfe auch seine oü<n<x keines Körpers. Dies zunächst hypothetische
1. ERGÄNZENDE UND ERKLÄRENDE ZUSÄTZE 197

ETTLcTTpETtTixov wird in prop. 17 mit dem (xütoxivyjtov von prop. 14

identifiziert; das -poi-ojc aÜToxivyjTov ist nun aber im proklischen


System die Seele (prop. 20), vom Körper trennbar und unvergänglich
aufgrund der EmaTpocpv) ihrer Selbsterkenntnis (propp. 186-187). Auch
das vorliegende Additament der arabisch übersetzten Bearbeitung
steht im historischen Kontext der antiken Psychologie, insbesondere der
Diskussion über die Frage, wie das Verhältnis der Seele zum Körper
sei, wie sie auf den Körper wirken könne und ob sie dabei selbst bewegt
oder unbewegt sei. (Zum Folgenden sei auf die gr.-ar. Entsprechun¬
gen dafa c a ~ wOsüv, indqfa c a ~ wOsioSca, mulämasa ~ (cruv-) <x<py)
hingewiesen.)
Aristoteles zeigt zunächst ( De An. A 3:405b31-406b25), dass die
Seele bewegend, aber selbst unbewegt ist. Später (r 10: 433a9-bl)
bestimmt er das Streben der Seele (ÖpsE,i<;) als Ursprung der Ortsbe¬
wegung des Lebendigen, und diese steht auch hier unter der allgemeinen
Regel, dass „alles durch Stoss und Zug bewegt wird" (&azi xocl eX ^ el
433b25, cf. Phijs. 243al7, bl6-244a4); dazu Simplikios, In de An. 306.8-9:
y) §s xa0 5 xivetim To xivo6 [i.svov, to [aev piovi^ov s^et xata ttjv izpoq
To xivoöv CTUvacpyjv, toutecttl v.poc, ty )v ops^iv. — Wie bei Aristoteles, De

An. B 1: 412a27, gilt auch bei Alexander von Aphrodisias die Seele als
elSo? bzw. evTEXe/Eia des Körpers. Sie bewegt ihn aber nach Alexanders
Anschauung (De An. 16.8, 22.2-6) als dessen §üva [i.i(; und sc; 14 — «XX' oaa
(J.EV {X7T0XeXu[JLEVCC XOCt XE^CüpLC|i.EVC. TWV XtVOU[J.EVWV X)Tz' «UTOJV TT) OLCpfj XXI

GCüUKTix&t; auroc xivst, TauTa «vayxrj xivoüfieva xai. aÜTa xivetv. tk ts yap
öiOouvTa tl xai toc sXxovTa xai t<x SivoüvTa xai t«. o^oüvtc. aü tcc xivoüfisva
o Ötöc; xai toi ? utt ' auT«v xivoujjivoi? al 'Tia xivyjctsoü? vivetc.i [De An. 21.26-

22.2). Die Seele wirkt also nicht durch Kontakt, Stoss oder Zug; das
stimmt zu unserem Text, doch die Grundanschauung ist natürlich ent¬
gegengesetzt: Nach Alexander ist die Seele vom Körper, als dessen
elSo?, untrennbar und vergeht mit ihm. Gegen eine solche Anschauung
richtet sich auch Proklos (insbesondere freilich gegen den Materialismus
der Stoa, vgl. Dodds, Comm. 202 f.), aber mit seinem Argument hat der
vorliegende ar. Zusatz nur die Konklusion gemeinsam. Nach Proklos
ist die Seele qua ~obc, socutö otigtps—tixov essentiell selbstbewegend
(prop. 17) und daher ausserkörperlich nach Aktivität (prop. 15) und
Existenz (prop. 16, vgl. prop. 186). Die arabische Fassung geht aber nicht
von der smcTpocp-/) als Realisation einer körperlosen Ivsp^sia aus, sondern
198 c: additamente und interpretamente

postuliert für die %6)picr-r/] oucria (ouatx hier i.S.v. „Substanz", ar. gauhar)
eine „pneumatische" Fernwirkung, um darauf erst die kmovpocpy] ledig¬
lich als deren Korrelat zu bestimmen (Z. \\-\ > , vgl. S. 264 Anm. 9).
Es liegt nahe, den Ausgangspunkt dieses Gedankens in den oben
skizzierten Argumenten der peripatetischen Psychologie zu suchen.
In der Tat finden wir enge Parallelen in deren neuplatonischer und
christlicher Kritik bzw. Interpretation:

a) Porphyrios, Schüler Plotins und Herausgeber seiner Werke,


beginnt den ersten Teil seiner Sententiae ('A<popp.ou Ttpo? -ra vovjTa) mit
einer Reihe von Theoremen über die äaco^aTa. Dort heisst es Sent. VI
(p. 2.3-5 ed. Mommert): ou tocv to tohoüv ziq aA'Ao ■Kshxasi y.ou. a 97) rcoisi,
a rcoist. Inmitten von Sätzen über die Seele (Sent. V, VII) ist der Bezug
dieser Sentenz evident: Die Seele gehört zu den Dingen, die im Gegen¬
satz zum Körper nicht „durch Annäherung und Berührung" wirken,
gleichwohl aber in der Wirkungsgemeinschaft (ffopcaSsia) des beseelten
Ganzen auch das Entfernte affizieren (Ad Gaurum XI: 48.27 ed. Kalb¬
fleisch; vgl. Plotin, Em. IV 4:32.13-22, 5:1.35-38).
b) Der Aoyo<; xecpaXoucoSv)?Ttepi ijnjyjj? ~po<; Taxtavov, zugeschrieben
dem Originesschüler Gregorios Thaumaturgos (fum 270 A.D.), bringt
nach Abschnitten über die Intelligibilität, Existenz und Substantialität
der Seele einen Beweis für ihre spirituelle, nichtkörperliche Natur.
Der Traktat (griechisch bei Migne , PG 10.1137-1146) wurde— unter
dem Namen des Aristoteles! — ins Syrische und (unabhängig davon)
ins Arabische übertragen. Ich zitiere wegen der Nähe der Termino¬
logie zu. unserer Passage den ar. Text (ed. G. Furlani, Pseudo-Aristotele
S. 125.1-2,4-8, 12-14): 1
Öls ... C 1 Ü-Uilj 4a*l

i liUäj^ J\ jJ l^aüäplß

[sie leg.] <J>i ^r[) JS' Uäj'j ... jf- 3-JU^j I il U


. i_JU-jj I l^li ^ «-LJiVl Äiyvt (j

1 Jetzt zusammen mit einer längeren ar. Textrezension neu herausgegeben und
untersucht von H. Gätje, Studien zur Überlieferung der aristotelischen Psychologie (s.o. S. 71,
Anm. 3), S. 54-62,95-102 .Vgl. auch F urlani, The Syriac Version (1915); dort äacifxoctoi;
~ d-lä gsöm.
1. ergänzende und erklärende zusätze 199

c) Ein älteres arabisches Kompendium von Aristoteles' De Anima (ed.


F. al-Ahwärü, 1950) wurde bereits wegen seiner sprachlichen Ver¬
wandtschaft zu den Proklostexten zum Vergleich herangezogen (s.o.
S. 71 f., 189 f.). Wie erwähnt, ist es in seinen kommentierenden Zusätzen
weithin abhängig vom D«-^4?zzma-Kommentardes Johannes Philoponos.
Das gilt auch für die Beweise der Unsterblichkeit der Seele, auf denen
dies Kitäb an-Nafs mit besonderem Nachdruck insistiert. Ausgehend von De
An. A4: 408bl8-29, 413b24-27, wo Aristoteles von der Unvergänglichkeit
des Nüs spricht, behauptet Philoponos die Unsterblichkeit des vernünf¬
tigen Seelenteils, der Xoyod) iuxv) {In de An. 159 f., 240-242): Er verlegt
Denken und Erkenntnis in die Seele selbst. (Der unscharfe Sprachge¬
brauch De An. 408b23, wo <buy;q synonym neben voüc steht, kommt
ihm dabei zu Hilfe, cf. 160. 3-4). Im Anschluss an De An. 403al0 f. und
413a6-10 interpretiert er Aristoteles' Konzession, dass eine vom Körper
abgetrennte svepyeioc / bnekijua gewisser Seelenteile möglich, begrifflich
denkbar sei (vgl. 413b29), in der gleichen Weise wie Proklos als real-
ontologischen Zusammenhang zwischen svspyeia und ovoia. (vgl. auch
D odds, Comm. 204) und deduziert daraus die separate Existenz der
XoytxY) als eines %copiatov sl S o ? : s. In de An. 46.20 ff. ad 403al0,
159.25-29 ad 408bl8, 224.12 ff. ad 413a8, und vgl. mit prop. 16:18.10-12
besonders die Einleitung In de An. 15.22-25 ratcra oüaia s^oucra svspystav
X«pto"C7)v o-topia-ro? eS, avayxY]? xal «uttj ^coptCTT) ecsTat crojjiaToc • st §e {jlvj sl'y)

j^copLcrTY), au[xßY )ct £Tat To amaT&v tou amou xpsitTov slw.i xt X . (die An¬
wendung auf die Seele 16.2-4).
Im K. an-Nafs erhält nun De An. 413a6-9 folgende Interpretation
(141.11-15 ed. Ahwäni): „Der Beweis dafür, dass (die Vernunftseele)
nicht vergeht nach ihrer Trennung vom Körper, ist ihre Tätigkeit
(fi c l ~ evspyeioc); sie wirkt nämlich an dem von ihrem Körper entfernten
Gegenstand, denkt und reflektiert über ihn und erkennt den Gegenstand,
ohne dass ihr Körper ihm zugegen wäre. Wenn aber ihre Tätigkeit über
ihren Körper hinausgeht ( ya c tadi badanahä), muss ihre Substanz nach
ihrer Trennung vom Körper erhalten bleiben; wenn nicht, so wäre
ihre Tätigkeit edler als ihre Substanz, und das ist nichtig. Denn es ist
unmöglich, dass die Tätigkeit der Substanzen edler sei als die Substanzen
(selbst), da die Tätigkeit von der Substanz ausgeht, nicht die Substanz
von der Tätigkeit." (Vgl. auch 164.13-14 zu De An. 429b5.).
Die Wirkung der -/wpicnra ei'Sv] auf räumlich entfernte Objekte
200 C: ADDITAMENTE UND INTERPRETAMENTE

(Philoponos spricht davon nicht) dient zur Erläuterung des gleichen


Theorems wie in der Proklosversion; bleibt aber das Interpretament
hier eine indigesta moles, so steht es dort noch in seinem ursprünglichen
Zusammenhang als Argument für die Unsterblichkeit des vernünftigen
Seelenteils.

1.22 Prop. 78 -v Die vollkommene Kraft (tsAsta bringt etwas


anderes zur aktualen Wirklichkeit; dies andere besitzt nur eine unvoll¬
kommene Kraft (es besteht nur der Potenz nach) und „bedarf desjenigen,
welches zur Vollkommenheit, zur Vollendung, zum Entstehen bringt,
wird also vollkommen und vollendet in actu wie das Schriftwerk (al-kitäb)
durch den Schreiber vollkommener Wissenschaft (al-kätib at-tämm at-ta c allum). u
(74.13-14 SsÖTai ts Asiou sv aXAco ovto «;, iva fieTaa^o üoa sxswou

tsAsik yevvjTai.)

Aristoteles gebraucht zur Illustration der verschiedenen Bedeutungen


von Suvapn? und ev-rsAe/eia eine Reihe von Bildern (der Musiker
Met. 1049a30, der Heerführer De An. 417b30 ff.), darunter auch das vom
Philologen De An. B 5:417a25: Er unterscheidet die blosse Potentialität
desjenigen, der eine Fertigkeit noch zu lernen vermag, von der aktiven
Potenz desjenigen, der sie ausüben kann (diese wiederum von der
evTeXe^st«, der tatsächlichen Ausübung): ecm S' ux; -q§7) Aeyopisv s-lcttt)-
ji,ova töv e^ovtoc tt)v ypafi.fi.<XT»cr)v. Dass der kätib unseres Textes diesem
Zusammenhang entlehnt ist, zeigt neben der aristotelischen Termino¬
logie Z. y (s. S. 281 Anm. 1 z. St.) wieder das arabische De-Anima-
Kompendium (s.o. S. 71 f., 199). De An. 417a24-25 lautet dort: an-nau c
at-täni min al-qüwa wa-dälika mitl al-kätib al-hädiq al-bäri c alladi idä sä°a
kataba (145.2 ed. Ahwäni), ähnlich 161.20-21 al-qüwa c alä darbain,
ahaduhumä bil-qabül ... wa-äxar bit-tahyv'a [xät' emT7)8ei.6TY)TK] mitl al-kätib
al-bäri c alladi idä sä°a kataba und 140.8-9 zur Interpretation von svts-
\kyvjj. 412a20: at-tamäm c alä nau c ain, ahaduhumä mitl al-mar° al- c älim bil-
lätäba al-bäri c fa-innahü idä sä°a kataba. Der „Schreiber von vollkommener
Kenntnis" als ein Bild für die aktive Potenz stammt also ganz offenbar
aus diesem Kontext. (Vgl. auch Plotin, Enn. II 5:2.15.)
Gleiches gilt vom Bild des „Schriftstücks" ( al-kitäb) für die aufnahme¬
bereite, passive Potentialität. Aristoteles sagt De Anima T 4:429b30-430a2,
dass „der Möglichkeit nach (Suvajisi) der Geist die denkbaren Dinge
sei, aber in der Wirklichkeit (evTsÄs^sta) keines, bevor er denkt, der
2. systematische interpretamente 201

Möglichkeit nach wie bei einer Schreibtafel (coarep sv ypa;i|iaTSL«),


auf der nichts in Wirklichkeit geschrieben ist; das gleiche gilt für den
Geist." Alexander von Aphrodisias präzisiert (De An. 84.27-85.1):
■f) (J.SV diu^T) xal tö TauTTjv e^ov s'iT) [läXXov av xoctoc to Ypa[i,|jLaTsiov, to Se

aypacpov sv auTT) o vou<; o xiKw.bc, Xey6jj,svo?) £7i:!.ty)Ssi6t7]<; tj Tcpö? to eyypa-


qwjvai. Noch deutlicher wird der sachliche Zusammenhang zwischen
unserem Text und der Diskussion um die aristotelische Nüs-Lehre
aus dem Kommentar des Simplikios zur genannten Stelle: toctoütov
yap «. tto t% o Ixe wc, o\)g'iu.c, de, to e'I;cd psouaa'/)(j,wv 7) (pux'O, ... v?)<; &>c, '5p'
STSpou S eltou TsXstwcrsco ?"... Bio xal te Xeico Os I? o 7tpoEX0a>v vou c, xaTa to sy-

ysypdcqsoai. xal olov e 7uxtt)tco<; xal £tspcü0sv ■ otto yap tt )? ouck ÄS ou ? svspyetat;
TeTsXsicdTai(In de An. 236.20-22, 26-28). Das Theorem vom aktiven und
passiven Vermögen Hess sich also auf den üXr/.öc; voü? der Seele an¬
wenden, dem eine ebensolche a.te Xt]? §üva(ju<;, ein blosses Bereitsein,
geistige Formen aufzunehmen, eigen ist (sTUTTjSeioTT)?)und der erst
durch den „aktiven" Intellekt (vou? toiyjtixo *;) seine Entelechie (Simpl.:
ts Xslmctl ?) erhält. Der Glossator unseres Textes übernimmt lediglich
das Bild —• ohne natürlich den ursprünglichen Bezug zu explizieren —,
anders gewendet und nicht durchaus stimmig angeschlossen: das tertium
comparationis wäre ja in dem Vermögen {v.Tzkqr §üva[xi<;) der leeren
„Schreibtafel" zu sehen, Schrift zu empfangen. — Vgl. auch Plotin,
Em. V 3: 4.20-22.

2. Systematische Interpretamente

Die bedeutendste Gruppe von Additamenten in der arabischen


Proklosversion sucht alle Aspekte der proklischen Ontologie in die
Hierarchie des Seienden unter der Ersten Ursache einzuordnen: Im
Anschluss an die dichotomischen Analysen der Institutio wird das jeweils
höhere, mächtigere, fundamentalere Prinzip mit der Ersten Ursache,
dem Einen, gleichgesetzt; so in all den propositiones, als deren Thema
schon in der arabischen Überschrift die Erste Ursache angegeben
wird (wie 1-3, 5, 21, 62, 72-74, 76, 78, 91). Die Seinsordnung, an deren
Spitze das Eine steht, ist im Gegensatz zum System des Proklos dreistufig;
zwischen dem Einen und der materiellen Welt steht lediglich ein Stratum
von geistigen Formen (s.u. § 2.14, S. 212). Die Existenz dieser geistigen
202 C: ADDITAMENTE UND INTERPRETAMENTE

Formen ( as-suwar ar-rühäniya) wird aus propp. 15-17 deduziert (s.u.


§ 2.11-13).
Die meisten dieser Additamente erscheinen in Form von Korollarien
am Schluss der einzelnen propositiones; einige jedoch auch als Inter¬
polationen, die zum Teil eine Modifikation des Proklostextes bedingen
oder an dessen Stelle treten.

2.1 Die Hierarchie des Seienden


2.11 Prop. 15 \r-U, 16
r, 17 10-n „Es gibt geistige Dinge,
y \ -Y

welche nur Formen sind und keine Materie haben." (Add. in fine.)
Die ar. Korollarien definieren die vom Autor in diesen drei Abschnit¬
ten behandelten Prinzipien als suwar rühäniya, „spirituelle", reine Formen,
deren Nachweis (itbät) in der gemeinsamen Überschrift als Thema ange¬
geben wird. Hierunter fallen also das 7tpö<; sau-ro IraoTpsTmxov, das nach
prop. 15 unkörperlich und dessen Sein nach prop. 16 von allem Kör¬
perlichen trennbar ist, und das au-roxCv7 ]Tov ( to sau-rö xlvoüv 7tpa>TC0<;),
das in prop. 17 mit jenem S7«crrps7mx6v identifiziert wird. Die Schluss¬
formeln setzen jedoch die bei Proklos zunächst nur hypothetische Exi¬
stenz dieser Wesenheiten voraus und leiten daraus die Existenz
geistiger Formen mit den besagten Prädikaten ab; weitere Modifi¬
kationen zu diesem Ende zeigt prop. 16 (s. dort Anm. 4-6 und oben
§ 1.21, S. 196).
Der Ausdruck suwar rühäniya (vgl. o. B 1.11, S. 127) mit dem erläu¬
ternden Zusatz allati lä hayülä lahä interpretiert die dcrw(iaTa des Griechi¬
schen (15:16.30) als aüXa s'iIS t]. Das ist insofern im Sinne des Autors, als
nicht alles Unkörperliche Tcpo? sau-rö s7ucrTp£7mx6v ist, sondern nur das
au0u~6cTTaTov (propp. 42, 43) im Gegensatz zu den CSa und svuAa s I'S t)
(vgl. D odds, Comm. 244 zu 82:76.22). Dazu zählt die Seele, das xa0' sau-ro
ca>TOXW7)Tov von prop. 17 (cf. 20:22.8 ttjv <xÜtoxw 7) tov oüawcv
Xa^ouaT)? ; D odds, Comm. 202), unvergänglich als unkörperliches etu -
crTp£7mxov izpbq sau to (propp. 186-187) ; dazu zählen vor allem die vospa
el'Svj, die platonischen Ideen (176:154.7-8 fa vospa sl S'/j ... äuXco? scm
TcavTa xal ä <rcofjt.GtTCö<;).
Trotzdem ist zweifelhaft, ob der Bearbeiter den Begriff „spirituelle
Formen", so wie er ihn hier und im Anschluss an prop. 21 gebraucht, in
unmittelbarer Anlehnung an Proklos' vospa sl S y) anwendet. Prop. 21 r»
zeigt, dass in den suwar rühäniya der gesamte Bereich immaterieller Formen
2.1 die hierarchie des seienden 203

zwischen der Ersten Ursache und den evuXa eÜ&v) begriffen ist (s.u. § 2.13;
vgl. auch prop. 54 w, wo den ewig-geistigen die zeitlich-körperlichen
Dinge gegenübergestellt werden, dazu § 2.12). Nicht mit Proklos' dif¬
ferenzierter Formenhierarchie (cf. propp. 176-178, dazu Dodds, Comm.
292 f.) haben wir es zu tun, sondern mit der fundamentalen Dichotomie
zwischen platonischen iSeai und aristotelischen sl'Sv). Sie geht zurück
auf die Autoren des „mittleren" Piatonismus, welche zwischen der
platonischen Ideenlehre und ihrer aristotelischen Interpretation zu ver¬
mitteln suchten; so auf Albinos, der in den separaten Ideen auf der
einen und den svuXa eiSv) auf der anderen Seite zwei Klassen von voY )-ra
unterscheidet: töv voy]tc5v tgc [J.sv 7rpcÖTa vmxpyei, &>t; ad iSeai, tk 8 s Ssiixspa,
gx; toc el'Sv) t<x kl -rf] u Xt] äycopigm ovxa tt )<; Gkqq ( Didask. 4: 155.34-35, cf.
10: 166.3-4 ed. Hermann). 2 Sein Schüler Galen trägt diese Trennung
in seine Interpretation von Piatons Timaeus hinein. 3 Und nachdem Al¬
binos den zwei Arten von intelligibilia zwei Arten der Erkenntnis zu¬
geordnet hatte (155.36 x od votjoi.? ecttou S itty), vj [xev t£>v trpcotwv, rj Se twv
Seu-repcov), legt Alexander von Aphrodisias die Differenz zwischen aüXa
eiöv) — hier: transzendenten Universalia — und evuXa sl'Sv) — immanen¬
ten Formen der sinnlichen Welt — seiner Neuinterpretation der aristote¬
lischen Noetik zugrunde: Die aüXa e I'S t)—u Xt)<; ts xat \j7toxeijxsvoo

tivo ? (De An. 87.26) — sind die eigentlichen Gegenstände des voü?
7toi7)tix6 daher vov )ta xcct' ev spyeiotv, die evuXa sl S y) dagegen nur Suvocfist
voyjtoc . Der eminente Einfluss Alexanders auf die Nüs-Theorien der
Folgezeit im allgemeinen und auf die arabische Psychologie im beson¬
deren bedarf hier keiner Erörterung 4 ; genug, dass die Überlieferung
unserer Proklostexte selbst unter dem Namen Alexanders und im Verein
mit echten Schriften Alexanders geht (s.o. S. 51). Peripatetische Begriffe
und Philosophemata werden uns in weiteren Interpretamenten unseres
Textes begegnen (s.u. § 2.4); weitere Belege auch dafür, dass der

2 Zu einer kurzen Charakterisierung seiner Lehre mit weiteren Literaturhinweisen


s. P h. M erlan in Cambr. Hist. Later Greek Philosophy, S. 64 ff. Vgl. u. S. 225 m. Anm. 21.
3 Dazu R. Walzer in Galeni Compendium Timaei Piatonis, praef. S. 9; A.J. F estu-
giere, Le 'Compendium Timaei' de Galien (1952), S. 110. (Vgl. z.B. Compendium 8:13.4
[ar.] mit Tim. 50c6 ff.!)
4 Vgl. auch P h. M erlan, Monopsychism16 ff. zum aristotelischen Ausgangspunkt
dieser Unterscheidung und zu ihrer Bedeutung für die Fortbildung der Noetik bei
den arabischen Philosophen.
204 c: additamente und interpretamente

Bearbeiter hier nicht nur auf spezifisch neuplatonischer Tradition,


sondern bereits auf dem neuplatonisch-neuaristotelischen Synkretismus
der ausgehenden Antike fusst. (Vgl. unten S. 207, 226, 227 IT.)
In der Psychologie eines der bedeutendsten Vertreter dieses Synkre¬
tismus alexandrinischer Prägung, des Christen Johannes Philoponos,
finden wir das gleiche Schema; vgl. In de An. 50.9-11 xoci 7) iuyj] apot
^copic?0etcra toü crw ^a -ro?, z'i xal [i.7] twv ouct 07) tmv eiSwv ävTiXYjtJ'S'i'«'', a XX'
oöv twv voy]twv xal äöXcov. — Der Sprachgebrauch verwandter Texte
zeigt daneben die „theologische" Dimension des Wortes rühäni (s.o.
S. 129 f., Nr. 7 flf.); vgl. auch den folgenden Abschnitt zu 54 .

2.12 54 w Die ewigen Dinge sind die spirituellen (ar-rühäniijd), die


zeitlichen die körperlichen. (52.14 aEoma, toc ev XP° VCP ovra.)
-rix

Zur Verbindung des al&>v mit den voyjtoc s . prop. 169:146.24-25


noci; voü? sv aiam ttjv ts ouatav xal tt)v SiSvapv xal ttjv evspysiav,
dazu die von Dodds, Comm. 228 und Beierwaltes, Plotin über Ewigkeit
und Zeit 149 f. (zu Enn. III 7:2.2) angeführten Quellen. Von der zeitlich-
körperlichen Wesenheit unterscheidet Proklos die ewig -geistige, z.B. In Tim.
I 402. 15-17 v) filv vospa oüata ä ^epicrrof; scm xal svosi Sy);; xal aiamoi;, 7] Ss
twv aw(xa.TCL>v (xepicjTT) xal 7i:eTcX7)0ucr[jLev7) xal ^etoc t9j<; %povtxvj<; auvucpsorcoTa
TtapocTaaeco?. — Das Wort rühäni bezeichnet indessen nicht nur den
geistig-nichtmateriellen, sondern im besonderen den göttlich-transzen¬
denten Bereich (zu rühäni ~ Osio? s.o. B 2.08, S. 128). Schon Aristoteles
bezeichnet den od«v als den über Zeit und Raum erhabenen Bereich
der Gottheit ( De Caelo 279a22-23), und Plotin nennt ihn cts(xv6t<xt6v
tl (Enn. III 7:2.5, dazu Beierwaltes S. 151).

2.13 21 r»-ri „Es gibt Dinge, die nicht materiell sind, sondern nur
Form; und es gibt ein anderes, das weder Materie noch Form hat, vielmehr
bloss Seiendes (öv) ist — es ist das wahrhaft Eine, über dem nichts anderes ist, die
Ursache der Ursachen.... Die Dinge zerfallen (also) in drei Klassen: Entweder
ist ein Ding Materie mit Form, sein Wesen formal und materiell; oder es ist
nur Form, sein Wesen formal und nicht materiell; oder es ist blosses Wesen
(slvoci) — sein Wesen ist weder materiell noch formal: Dies ist die Erste Ursache,
über der keine andere Ursache ist, wie wir zuvor gesagt und erläutert haben."
(Add. in fine.)
Die Zusätze am Schluss der propp. 15-17 subsumierten das ocüto-
xwyjtov = £7uarps7mx6v nahe sauto = ^wpiotov toxvt ö<; crw^octo? unter die
2.1 die hierarchie des seienden 205

Klasse der suwar rühäniya, der (bereits im ar. Titel thematisierten) „spi¬

rituellen", nichtmateriellen Formen (s.o. §2.11-12). Diese werden nun

im vorliegenden Additament als intermediäres Stratum in eine drei¬

stufige Hierarchie des Seienden eingeordnet.

Die beiden unteren Stufen lassen sich zum proklischen System

in Beziehung setzen: Auf die evuXa s'l S tj der [lEzt/ov-a ( hayülä ma c a

süra) folgen die transzendenten Formen. Es sind dies die querst?,

vos? der prop. 21 (Proklos' '/woLcrrÖk jj.sTo^ojj.sva, prop. 81), nicht aber

die Monaden <piicn<;, 'buyjq, voö?: Proklos' «niOsxxa (vgl. prop. 23 und

dazu D odds, Comm. 211) fallen aus diesem Schema heraus; denn einer¬

seits sind in den bei propp. 15-17 als deren Gegenstand bezeichneten

nichtimmanenten Formen ( suwar rühänhja) die iir/jyi impliziert (vgl.

oben § 2.11), also auch die unteren Strata der geistigen Formen; an¬
dererseits aber stellt der Autor des Additaments unmittelbar hierüber

nicht eine Klasse von Hypostasen, sondern als drittes und höchstes

Prinzip bereits die Erste Ursache, 7) -pcoTTj c/.Ww. — to ev. Es liegt daher

nahe, das Vorbild dieser „spirituellen", nichtmateriellen Formen nicht

in Proklos' vospdc si S t ) (prop. 176:154.3), sondern in den öcüXcc sl S tj der

weit älteren Dichotomie ccüXot — svuXoc e I'S t) zu suchen, so wie wir sie bei

Albinos zuerst belegt fanden (s.o. S. 203). Nicht nur sie, sondern auch

die Triade Gott (Erste Ursache) — Ideen (ocüXa eld-q) — Materie (Substrat

der evuXa el S '/j ) lässt sich zum Piatonismus des 2. Jahrhunderts zurück¬

verfolgen. Sie erscheint, wieder bei Albinos, als Hierarchie der äp/at:

Didask. 9: 163.10-12 äp^ixov §s Xoyov t?)<; ü Xtji ; [cf. 8: 162.25-

163.9] s-u xal aXXac; apyjtq 7tapaXa[i.ß<xv £i. [sc. o IlXaTwv], tyjv ts TtapaSet .yjj .(x-
ttxt)v, toutecm t7)v tcov tsswv, /x v/)v tou
V.C 7iatpo? XO.L ocl"uou ttovtcüv ©sou

[= 6 ATjfxioupyoi;, 12: 167.6-12]; so schon in der Doxographie des Aetios:


ilxatcov ... tpslc äo'/iq, tov 0eöv t/)v ö Xtjv tt)v iSeocv ( Doxogr. gr. 287.17-288.1

Diels, s. auch unten S. 208) und ferner in der ihr folgenden Tradition. 5
Das Schema enthält also die aristotelischen Klassen der causa materialis

und causa efficiens (Met. A 2, cf. De An. Y 5); hinzu kommt die paradig¬
matische Ursache als Korrelat der transzendenten Formen. Über der

Materie und den Formen steht als höchstes Prinzip Gott, die Erste Ursache

6 Vgl. auch Galen, Cotnpendium Timaei 5 [ar.]; dazu (mit weiteren Parallelen und
Varianten des Drei-Prinzipien-Schemas): R. Walzer, ibid. 8 u., 39 n. 21; F estugiere,
Le 'Compendium Timaei' 105 ff.
206 c: additamente und interpretamente

— als ttoitittic , als causa efRciens gerade auch in unseren Texten bezeichnet
(s.u. §§ 2.41, 2.43).
Das Eine, die Erste Ursache, identifiziert der Bearbeiter unserer
Texte an dieser und an anderen Stellen mit Proklos' zweiter Hypostase,
dem övtco c, ov (vgl. unten§2.23, S. 215 ff.). Er folgt Proklos insoweit, als er
die Erste Ursache gair hayüläniya wa-gair süriya nennt. Indessen bezeichnet
er sie nicht nur als ev ( al-wähid. al-haqq Z. r r), sondern auch mit Nachdruck
und wiederholt als reines öv bzw. sivai ( huwiya ~ ov [für die prima causa
so auch prop. 73 74 \ r], anniya ~ eivai, vgl. B 1.01). Zwar steht auch
für Proklos das Seiende vor den e'tSv] (prop. 74:70.23-24 & z-kzvjx to
xod Tcpö twv et&cov ücpetrc-ava!. to öv etc.); auch führt er prop. 22.26.16 ein
Eines und Seiendes ein ( to tcocotw? ov ev sa-ri (xovov), dies jedoch als ein
eigenes Prinzip neben den anderen Monaden (vgl. Dodds, Comm. 210).
Dagegen ist die Erste Ursache, to äyaSov = to ev (prop. 12-13), vor
und über dem Seienden, ÜKspouatov (prop. 115:100.36): Ohne ein
transzendentes ev kann es kein ev Öv geben (so schon Plato, Parm. 141e-
142d). Einheit und Existenz sind unterschieden, und wollte man Exi¬
stenz als Prädikat des ersten Prinzips zulassen, so wäre es nicht mehr
nur „eines"; vgl. Plotin, Enn. VI 7:38.1 sgti &e [sc. to ev] ouSe to ueariv»,
denn alles Sein ist ein bestimmtes und begrenztes to S s ti (Enn. V 5:6 .1-
11; s. auch VI2:9, VI 8:8.14usf.). Für Proklos ist das Eine geradezu to
[xv] ov w? xpe Tttov to S ovto <; jcal ev (s. In Tim. I 305.6-11); das gilt entspre¬

chend für die 0eot, Urheber des Seienden (s. prop. 115 mit Dodds, Comm.
261). Der Bearbeiter unseres Textes folgt diesem konsequenten Monismus
nicht; zugleich übergeht er die von Proklos eingeführte, weitere
Differenzierung der zweiten Hypostase Plotins. Hinter seinen Modifika¬
tionen und Zusätzen zeigt sich die Tendenz, dieses System im Sinne
einer monotheistischen Theologie umzudeuten und zu vereinfachen: Gott,
die Ursache der Ursachen ( c illat al- c ilal), ist weder Materie noch Form,
aber Gott ist reines Sein. Eine von ihm getrennte Seinshypostase lässt
diese Deutung ebensowenig zu wie eine Mehrzahl von Qslc/.i Ivoc8e<; über
dem Sein (vgl. § 2.14, S. 212 f. zu 62 \ r).
Diese Tendenz lässt zunächst an christlichen Einfluss denken —
freilich fehlt jede Andeutung einer spezifisch christlichen Lehre oder
Diktion. Auch ist daran • zu erinnern, dass die früheren christlichen
Neuplatoniker an der absoluten Transzendenz Gottes als des Einen
2.1 die hierarchie des seienden 207

festhalten. 6 Gerade die im Orient einflussreichen Schriften des Ps.-


Dionysios Areopagita (u.a. von dem Jakobiten Sergius von Res c ainä
ins Syrische übersetzt, s. GSL 168) stehen mit ihrer Seinshierarchie
monadisch-triadischer Ordnungen dem System des Proklos bis in die
Terminologie hinein so nahe, dass sie, wenn nicht von ihm abhängig,
so doch im gleichen philosophischen Milieu des 5. Jahrhunderts verwur¬
zelt sein müssen: Gott ist, als der Eine, Ü7repoücjio<; (z.B. Div. nom. II 2,
V 1); das Sein ist das erste „Geschöpf" Gottes. 7 (Die gleiche Proklos¬
interpretation finden wir im Liber de Causis : 4:65.4 inna auwal al-asyä 3
al-mubtada c a al-annhja. 8 ) Noch Johannes Damaskenos, Zeitgenosse der
Umaiyaden, steht in dieser Tradition, wenn er zwar 0eo? mit oüma
gleichsetzt, doch einschränkt «st xou imspoiiaioc». 9 Suchen wir christlichen
Einfluss, so haben wir daher eher an eine von aristotelischer Begriffswelt
geprägte christliche Philosophie spätalexandrinischer und byzantinischer
Provenienz zu denken; eine Philosophie, eine zwar das Eine als Erste
Ursache hypostasiert (gegen Aristoteles, Met. I 2:1053b 17 ff; vgl. aber
A 8:1074a36-37 ev apa x«i Xoyw xcd aptOfxcji to ttowtov xivoüv dbdvv)Tov ov),
aber doch an der Koinzidenz von Eins und Seiendem (1054al 3), von
Erstem Beweger und erstem zl -Jjv slvca (A 8:1074a35-36, ar. al-anniya
al-ülä 1683.8 ed. Bouyges), von Erstem Beweger und Erstem Nüs
(A 7: 1072b20, vgl. §§ 2.322, 2.332, S. 221 ff) festhält. Da wir nicht nur
den Einfluss aristotelischer Begriffe auf die Interpretation des Bearbeiters
erkennen (vgl. §§ 2.43-44), sondern an diesen und weiteren Stellen auch
enge Berührungen mit christlichen Autoren aus jener Tradition nach¬
weisen können (s. §§ 1.21, 2.43a, zur Behandlung des voö? voy)To<; § 2.322),

6 Sehen wir von Marius Victorinus ab, der dem Schöpfergott, obzwar rcpoov, ein
essekonzediert — er steht zu weit ausserhalb der für unseren Text in Frage kommen¬
den Traditionswege, ist aber abhängig von Porphyrios (vgl. unten S. 208). Vgl. R. A.
Markus in Cambr. Hist. Later Greek Philosophy 333-336; G. H uber, Das Sein und das
Absolute 112-116; P. H adot, Porphyre et Victorinus 1.278-97 u. passim.
7 Zum Seinsbegriff des Ps.-Areopagiten im Verhältnis zu Proklos s. K. K remer,
Die neuplatonische Seinsphilosophie286 ff., 353 ff. Thomas von Aquin wendet diesen
Seinsbegriff, das ipsum esse (aÜTOsivai oder aü -roov) des Proklos auf Gott an: s. ebenda
356 ff. —• Vgl auch D odds, Comm. 253 zur öv - £,orq - voüt; - Triade bei Ps.-Dionys
und Eriugena.
8 Vgl. unten S. 21 lf.
9 G. R ichter, Die Dialektik des Johannes von Damaskos 266.
208 c: additamente und interpretamente

ist ein solcher Einfluss auch für die Grundtendenz des Bearbeiters
nicht von der Hand zu weisen.
Ähnliche Formulierungen finden wir aber in nichtchristlichen
Zeugnissen des mittleren und späten Piatonismus. Schon die triadische
Seinsordnung unseres Textes konnten wir auf die Piatoninterpretation
des Aetios (bzw. auf die hier — wie auch bei Albinos —bezeugte Schul¬
tradition) zurückverfolgen; auch die Auffassung des platonischen tcoctyjp
(Tim. 28c3) als das göttliche Eine, zugleich wahrhaft Seiende, ist in seiner
Doxographie belegt: Doxographi graeci 304a2-8 ÜXgctcov to sv, tö [xovocpus?,
to (xovaSixov, to ovtcö ? ov, Tayaöov [tpv^crl tov 0 sov] • -rcavta §s tocütoc töv
ovo[xätot)v siq tov voüv CTTOÜSsl • vou? oÖv 0 0SO?, ^coptlttov sTSo?, TOUTSCTTt to

äfityss Tzv.TfiC üXrji; xcd (XTjSevi ~a07jT« au(X7TS7T:Xsy(j,svov. — Nach Plotin ist
es bereits Porphyrios, der sich in seiner Deutung der plotinischen Hypo¬
stasen der einfacheren Theologie der älteren Platoniker annähert. In
seinem Kommentar zu Piatons Parmenides 10 sucht Porphyr im Anschluss
an 142b zu zeigen, wie das „zweite Eine", das sv ov, durch seine Teil¬
habe am absoluten Einen Seiendes, o üa'ia., wird. Das Prädikat ist (sv
ei eemv 142b3) setzt die Präexistenz eines absoluten Seins voraus: Er
postuliert daher die Identität des ersten Einen mit dem reinen Sein.
Selbst nicht Seiendes, nicht Substanz (In Parm. xii. 23-24 to sv to stoxsivcc
ovaictq xcd Övto q, ii. 11 ttocvtwv UTTspouGio? twv St' « utcov Övtcov ) , ist es doch
das absolute Sein, gleichsam die Idee des Seienden (xii. 26-27 ocütö to
slvai to TTpö tou övto ?, 32-33 tou slvai to ä7ioXuTov xcd cotntsp tSsa toü övto?).
Unter dem reinen svspystv (xii. 25-26) der Ersten Ursache (des plotini¬
schen Einen) empfängt das zweite Eine (sv ov) das Sein und wird so
bestimmtes Seiendes, wird ouaia.. — Noch Damaskios folgt der inneren
Struktur dieser Lehre, etabliert freilich aufs neue die absolute Trans¬
zendenz der Ersten Ursache. 11 Umgekehrt konnte nun aber die Diffe¬
renz zwischen dem absoluten Sein des Einen und dem substantiellen
Seienden wieder aufgehoben werden — so in unserem Text (das Eine
ist anniya und huwiija ): Wohl nicht in direktem Rückgriff auf vorploti-
nische Lehre, sondern eher durch die Tradition Porphyrs vermittelt.

10 Die anonymen Fragmente des Turiner Palimpsestes (ed. W. Kroll 1892) wurden
von P. Hadot als Werk Porphyrs identifiziert und in Porphyre et Victorinus Bd 2, S.
63-120 neu herausgegeben. Mein Exposä folgt Hadots Analyse, ibid. Bd 1, S. 124,
129-32, 413 ff.

11 Vgl. Hadot, Porphyre et Victorinus 1 .258, 267-72.


2.1 die hierarchie des seienden 209

Noch im griechischen Neuplatonismus scheint Simplikios diese Ent¬


wicklung vorbereitet zu haben: Comm. in Epicteti Enchiridion 374.18-
375.3 TO §s 7upo twv TzoWUyj sv, afrnov tc5v 7 lü'Aawv Ü7rctpxov, 7upostX7]<psv sv

egcutcü toc TroXXa xoctcc jjuocv evcocriv, toxvtgc ov 7tpo ttocvtcüv , aiTia at-riwv Ü7tap-
70 v, xai äp'/'/) r/p'/wv, xai 0s6<; 0söv (... 13 xai yvoiaiv i-/_si ävayxY) tyjv äxpo-

tgctyjv ), 377.7 tou toxvto ? aLTiou, ÜTisp toxvt ra ovto ? toc ovxa. 12 (Dem ab¬
soluten Sein Gottes entspricht sein absoluter Intellekt: vgl. unten
§ 2.332.)
Die gleiche, charakteristische Adaptation findet sich andererseits
in der arabischen Plotinquelle: Vergleichen wir etwa Enn. V 1:7.18-21
mit as-Saix al-Yünäni I 10-11: 185.5-7 Bdw = A 4:478. 2-4 Rth:

oücrtv av vjv.

Das Eine ist „der Schöpfer" ( al-mubdi c al-auwal ) 13 , unbestimmt und


ungeformt, aber doch (gegen 7.21) reines Sein. Vgl. auch as-Saix al-
Yünäni I 27:187.8 Bdw = A 7:484.11 Rth: Das wahrhaft Eine ( al-wäkid
al-haqq) ist das „wahrhaft Seiende" ( al-anniya al-haqq ~ tö övtcüc, ov,
s. o. B 1.01 Nr. 47-54). Ebenso interpretiert Theol. Arist. im Anschluss an
Enn. IV 8:1-2 den „platonischen" Schöpfer als Erstes Sein:

12 K. Praechter ( Simplicius , in: RE 3A 1, col. 206) sah in dem ev 7rav-ra izpb ndvrov
des Comm. in Enchirid. Epict. das Philosophem eines spezifisch alexandrinischen Neu¬
platonismus beim frühen Simplikios. Bedenken gegen diese Auffassung äussert A. C.
Lloyd in Cambr. Hist. Later Greek Philosophy 316, und neuerdings zeigt Ilsetraut Hadot,
Le Systeme theologique de Simplicius dans son commentaire sur le Manuel d'Epictete (in: Le
Neoplatonisme [s.o. S. 68 Anm. 1], S. 265-79) Simplikios' enge Abhängigkeit von der
„negativen Theologie" des athenischen Neuplatonismus, von Proklos und von seinem
Lehrer Damaskios. Mme Hadot räumt indessen ein, "que Proclus est beaucoup plus
r&erv6 et beaucoup plus nuancd que Simplicius dans l'utilisation des attributs qui se
rapportent ä l'Un", und erklärt diese Differenz mit der Tatsache, dass "Simplicius
doit simplifier la Präsentation du Systeme theologique, dans son commentaire, pour
des raisons pedagogiques" (S. 272, vgl. S. 278 f. betr. das Verhältnis zu Damaskios).
13 Ibdä c „creatio ex nihilo" ist ein wichtiger Begriff der Plotintexte und des Liter de
Causis. Vgl. unten § 2.43a, S. 231.

Proclus - 14
210 C: ADDITAMENTE UND INTERPRETAMENTE

Theol. Arist. 1.47:26.7-8 (add. ad Enn. IV 8:2)


l_i ^l/^l ^ 4 JL5ä1\|] d äJ—i oLwJ^I öl £jji=ö^l] (Jläs

. (jlU-l dJJ'ii j ' <J^-' c y>-\ ol^i I

(vgl. 1.51:27.2, 52:27.5, s.o. B 1.01 Nr. 48, 49); ähnlich das Sein des

Ersten Bewegers als Ursache der Ursachen, denn er schafft ocütS tü

zvjc/.i (bi-annihi fa-qat, s. B 1.01 Nr. 27 ff.):


Theol. Arist. 10.180-181:161.6-7 (ad Enn. V 8:6.17-18)
t Jaäs 4 ib I^pJjI U_j| c *-> ßj ^ <J^^)

. JWI Slip 4XjJls

Em. VI 7:8.7 Theol. Arist. 10.88:147.14-15


COCTTS OÜX SCTTtV, IV0C 71017)07], LSjV

vo^croct.. 5-jjj jf- (_y iUlS" <L«lj j_j*öJI

jJ* ^_C,y>-\ ijufij Jaüä 4_jIj l^p-bl 4J3

Auch die Risälafi l- c Ilm al-ilähi — der dritte der arabischen Plotin-

texte, die schon in ihren sprachlichen Eigentümlichkeiten ihre Zusam¬

mengehörigkeit erwiesen — definiert das „Jenseitige" (xa suexsiva)

Plotins nicht nur als transzendente Erste Ursache, sondern auch als

aÜToov :

Enn. V 3:11.1-2, 4-5 Ris. 98-100:174.6-10


o voü? ... otäv toc ETCEXELva eQ£Xf) bÄ* ja (_gül JUll jljl Iii JjL*il

voslv ... &py:/]os [j.sv Itc' aü-ro oi>x ' 4-1 ^ ^

o)? voü?, äXk' ^ dfcjVl ^1*11 t_Ü i-Äwil ÜJ. Jä*JI ö^


. ^W2J 4-jlS^ Öj^J JÄÄ5 4-J^JA

Ein ähnliches dreistufiges Schema wie unser Text, jedoch für den

Bereich der voyjtoc, gibt R. fi l- c Ilm al-ilähi 166-168:179.1-4 (add. ad

Enn. V 4:1): 4_JULül *L£Vl ol etil ij i T_ib>- (_jj.ll <jy^/l : ä.'ü'ö oNjjULl
4-jlj IA <Cip jbj <U5 öl V jAj C ^dÄftj öl ^1 (Jhi; 4-aI^J-I^

4 -Ü—J—I ^Ss CJlill ... Ji*!l _jA (^UJl t jAj C JaäS

P. Kraus , der diesen Text als erster bekannt machte, bemerkt:


„Dans VEpitre et dans la Theologie... l'idee que le Nou?, non pas le "Ev,

est erdateur et ddmiurge, a ete radicalement ecarte" ( Plotin chez les Arabes
2.1 die hierarchie des seienden 211

293). Dies geschieht eben, indem der plotinische voü?, in welchem Denken
und Sein identisch sind, mit der Ersten Ursache in eins gesetzt wird.
(Zu den weiteren Parallelen dieser Plotininterpretation gegenüber
unserem Text s.u. §§ 2 .31, 2.332, 2.43). Kraus führt diese Tendenz auf
die „preoccupations dogmatiques du paraphraste chretien" zurück, ohne
freilich über ihre Herkunft Genaueres auszumachen.
Schliesslich gehört auch die Doxographie des Ps.-Ammonios in diese
Gruppe von Texten (vgl. oben S. 71); sie legt z.B. dem Xenophanes das
Wort in den Mund: inna l-mubdi c al-auwal kuwa anniya azaliya (as-Sahra-
stäni, Milal 903.3, englisch von S. M. Stern nach Ms. Ayasofya 2450 in
Altmann & Stern, Isaac Israeli 71).
Der Idäh fi l-Xair al-mahd (Liber de Causis), die andere arabische
Proklosquelle, bewahrt — bei freierer Bearbeitung des Stoicheiosis- Textes
— weit genauer als unsere Version die Hypostasenhierarchie des Autors
(vgl. besonders die abwäb 1-5). Doch führen auch hier „monotheistische"
Modifikationen und die Interpretation der upooSo? als Schöpfungsakt
{ibdä c , ein Terminus, der den Liber de Causis mit der Theol. Arist. verbin¬
det — s.u. § 2.43) zu analogen Vereinfachungen. Obgleich das Sein
{al-annlya) als erstes der erschaffenen Dinge gilt (4:65.4 auwal al-asyä 0
al-mubtada c a) u , steht über dem „erschaffenen Sein" das „reine Sein",
nämlich das „Wahre Eine" (4:65.8 al-annlya al-mahda al-wähid al-haqq),
ist die Erste Ursache ein „Sein vor der Ewigkeit" (2:62.1-2 al-annlya
allatl qabl ad-dahr fa-hiya l- c illa al-ülä li-annahä c illa lahü) im Unterschied
zum „Sein mit der Ewigkeit", dem voü<; (62.2-3). Für die Mehrzahl gött¬
licher Henaden [Inst, theol. propp. 113 ff.) substituiert der Liber de Causis
die Erste Ursache ( al- c illa al-ülä 19:95.5, vgl. prop. 122:108.5), das Erste
Gute, das so auch deren Prädikate erhält. Stellen wir eine (im übrigen
recht genau übertragene) Passage ihrer Vorlage gegenüber:
Inst, theol. 122:108.10-11, 14-15 LdCausis 19:95.10-96.1
Övts <; yap ouSbj aXXo ?j äyaÖo-
TfjTsq [sc. oE Osoi], aütw tö eIvou Uli Zfi JU
t olq noiaiv äcp0ovco<; TricyaOa ^opY]-
yoCaiv... tw yap sTvai o sim toxvtoc
dcya0uvoucriv.

14 S. oben S. 207 mit Anm. 7.


212 C: ADDITAMENTE UND INTERPRETAMENTE

Proklos' göttliche Henaden wirken «ü tw tu slvai (im Sinne von


prop. 18); wollte man nun den Schöpfungsakt nicht mehr einer oder
mehreren Hypostasen zwischen dem „überseienden" Einen und der
erschaffenen Welt zuerkennen, so musste dies ipsum esse dem Einen selbst
angehören. (Vgl. auch B 1.01 Nr. 73). Wiederum sei aber an die An¬
schauung Porphyrs erinnert, der das Sein des ev öv aus dem absoluten
Sein des urcspoiWov, des ersten Einen, ableitet — die noch engere Paral¬
lele zeigt, dass gerade der Liber de Causis in einer Tradition steht, die
sich auf ältere Tendenzen des griechischen Neuplatonismus zurückver¬
folgen lässt.
Wie unsere Proklosübersetzung — und wie auch die Plotinpara-
phrase -— betont der Liber de Causis die Qualitätslosigkeit der Ersten
Ursache: Das reine Sein hat keinerlei Form: LdCausis 8:78.4,9-79.1
. Jais 4_wJl 4jl>- 4IUII ... aILJ!)
Die Übereinstimmung dieses Satzes mit der oben S. 209 zitierten Passage
aus as-Saix al-Yünäni I 10-11 geht bis in die Terminologie: Neben anniya
erscheint hier wie dort das auffällige Wort hilya «(j.opqr/)» (so zu lesen
für kutliya der Ed. Bardenhewer, s.o. B 1.14 S. 135f.). — Vgl. unten §
2.23 zu 73 \v-u, 74

2.14 Prop. 62 Über den körperlichen Substanzen sind die seelischen,


über den seelischen die intellektualen,„und nach den intellektualen ist allein das
Erste, d.h. die Erste Ursache, welche nur eine ist und keinerlei Vielfalt." (58.31-
32 ol 8s voe? -KhzlcMq r öv Ösiojv svaScov.)
Der Satz schliesst Proklos' Darlegung, dass zwischen der Nähe zum
Einen und der Potenz einer Wesenheit eine Korrelation bestehe. Zu
vergleichen ist prop. 20:22.1-3 toxvtwv awfjwcTtov stoxeivix itjviv tj
oucria y.al Tcaacov tjju ^cov inex eiva 7) vosoa cpüai? xal 7t acrciv voepcSv unoara-
(tscov s7TExetva To ev. Die intellektualen Substanzen erfahren jedoch bei

Proklos eine weitere Differenzierung: Zwischen das Eine und den Nüs
lässt er als erste intelligible Hypostase das Sein, tö npcorcoq ov, treten
(prop. 101-102); das Sein, bei Plotin dem Denken noch koordiniert, ist
als das allgemeinere ontologisch früher und daher übergeordnet (s.
Dodds, Comm. 252 f.). Der Bearbeiter definiert aber die Erste Ursache
selbst als erstes, reines Sein und gewinnt so das dreistufige System, welches
imAnschluss an prop. 21 formuliert wird (s. §2.13, vgl. § 2.23 zu propp.
73, 74). Die voec,— ebenso wie die — subsumiert er dort unter
2.2 die erste ursache ist absolutes eines 213

die mittlere Ordnung der „spirituellen Formen", as-suwar ar-rühänlya.


So wie er dort den propp. 21-23 entwickelten, für das System der
Inst, theol. wichtigen Unterschied zwischen transzendentem voü<; und
immanenten vos? aufgibt, so hier die analoge Differenzierung zwischen
dem sv als ä(jLE0EXTov und den 58.32 eingeführten Qelai svaSs? (s. auch
prop. 116:102.13). Diese Reduktion liegt wiederum im Sinne einer
„monotheistischen Philosophie", deren Gott prima causa = to ev = tö
7upo>T<o<; ov ist und keine Mehrzahl göttlicher Henaden unter sich zulässt.
An ihre Stelle tritt daher in unserer Version das Eine selbst.

2.2 Die Erste Ursache ist absolutes Eines, reines Sein, höchste Potenz.
2.21 a) Prop. 1 \\, 2 \ x, 3 i «, 5 11 Die Erste Ursache ist das absolute
Eine. (Add. in fine.)

b) Prop. 1 \ v, 5 11 Sie ist daher vor dem Vielen.

c) Prop. 1 v • - V 1, 2 \f, 5 vr, t o und Ursache aller Vielfalt. (Add.


in fine.)
Proklos behandelt in den ersten drei propositiones das Eine, an dem
alle Vielfalt teilhat (prop. 1), das absolute Eine, das nicht nur durch
Teilhabe eines ist (prop. 2:2.18 oü (xe Os<;si tou btbc,, äXA' auxosv), an dem
vielmehr alles, was eines ist, teilhat (prop. 3). Mit diesem Einen identi¬
fizieren die ar. Zusätze am Schluss der drei Abschnitte die Erste
Ursache, Ursache aller Vielfalt. Im Gegensatz zu weiteren Addita-
menten, welche die prima causa mit untergeordneten Prinzipien des
proklischen Systems gleichsetzen, folgen sie ganz der Anschauung des
Autors. Vgl. prop. 5:6.20-21 ~av —Xrßoc ä~6 toü ocutoevo ^; 11:12.8 toxvtoc
Ta ovxa tcpoeiaiv cx.tcö [u.v.c; ama?, "nji; 7rpwT7)?; 11:12.32-34 oti yap [iiav
slvoa Ssc tv)v ap/yjv, S e Seixtäi , Stört tuav 7tX7)0o<; S eutsogv ucpscr7]xo toü s vö<;.
Das Gute ( to ayocOov), das Proklos zunächst als das erste Prinzip be¬
stimmt (prop. 12), ist identisch mit dem Einen: 13:14.25 xod t dyaööv tm
ev I toojtov . — Zum Einfiuss der propp. 1-3 und 5 auf den Monismus
des Kind! s. den Exkurs S. 242 ff.
2.22 Das Eine ist an sich nur eines, in der Emanation aber auch vieles.
Prop. 5 y f- X 0 „Das Eine ist als solches (xoc0' uroxp^Lv) nur eines, nicht
Vielfalt, doch als Ursache (xoct ' amav) nicht-eines, d.h. das Eine vervielfacht

sich wegen der von ihm verursachten (Vielfalt)." (6.7-9 ei 8s xai. to ev jj.et-
EJSl 7tAy)0OU<; ... 7t£7lA7)0Ua (i.EVOV E0TOCL TO EV.)
214 c: additamente und interpretamente

Die Version interpretiert 6.7 ff. — eine Position, die Proklos wider¬
legt—-als gültige Anschauung (s. S. 257Anm. 8 z. St.). Der Glosse voraus
geht eine Modifikation des Textes: Das Eine wäre, sagt der Autor,
xoc-rix tt ]v [zsOs^tv o'r/_ sv (6.8) — wenn es, wie das Viele an ihm, so auch

selbst am Vielen teilhätte. Für xara ttjv [izdeEiv finden wir ar. fi l-inbität
„in der Emanation" (vgl, S. 257 Anm. 9 z. St. und oben B 1.02): Im
Hinblick auf die 7rpoo§o<; des Vielen aus dem Einen lasse sich das Eine
als das Viele bezeichnen. Die Glosse expliziert: Das Eine ist xa0' uroxp^iv
allein eines, doch xar' a'mav —■ insofern es Vielfalt verursacht — vieles.
Dies schliesst zwar, auch in der Terminologie, an proklisches Denken
an; der Autor sagt prop. 18: raxv to tm slvou yoprpfovv aXXoi? auxö 7up «t<o<;
s<m toüto, ö S (j.sTaS[SwffL to iq /opr lyo\i[ibjoi.c, (20.2-3) und bezeichnet prop.
65 diese Präexistenz der niederen in der ihr vorangehenden höheren
Ordnung als Sein xgct ' amav der höheren Ordnung (zugleich Sein xa-ra
(jti0ei;iv des Verursachten in seinem Seinsgrund). Er insistiert jedoch auf
der vollkommenen Transzendenz des absoluten Einen: Das Eine ist zwar
die Ursache des Vielen, „but the One is not hereby infected by any element
of plurality. Proclus rejects not only immanentism of the Stoic type, but
the opinion of those Neoplatonists who regarded the One as containing
the Many in a seminal mode" ( Dodds, Comm. 191 u.). Die weitere Ar¬
gumentation von prop. 5 soll dies zeigen. (Der Anschluss des Folgenden
führt daher in der Übersetzung zu Unstimmigkeiten, s. S. 258 Anm. 10).
Die Modifikation fügt sich jedoch zu den weiteren Interpretamenten
der arabisch übersetzten Bearbeitung, die die Erste Ursache als Seiendes
schlechthin und als reines Sein bezeichnen (s. §§ 2.13, 2.23); danach fällt
in der Tat auch die prima causa unter den Begriff des tü slvoct, X°P'1Y°^ V
aXkoiq. Besonders deutlich wird diese Implikation aus den Parallelen in
den arabischen Plotintexten: Der Schöpfer wirkt bi-annihi (bi-anniyatihi)
fa-qat « tü slvou », ebenso im Liber de Causis (s. die Beispiele oben S. 210 ff.);
ähnlich deutet 167A n -1 a (s.u . § 2-32) die Koinzidenz des Denk- und
Schöpfungsaktes in der Ersten Ursache an. Der Bearbeiter verlegt die
beiden Eins-nächsten Hypostasen—sv ov, vou;—in die Erste Ursache selbst;
das Eine ist zugleich Demiurg ( al-fä c il al-auwal, s.u. § 2.4-1), der die
eI'St ) in sich enthält. Er umgeht damit die Immanenz-Transzendenz-
Antinomie, eine der fundamentalen Aporien des Neuplatonismus. 15

15 Vgl. K. Kremer, Die neuplat. Seinsphilosophie 329-48 zum Schöpfungsbegriff des


2.2 DIE ERSTE URSACHE IST REINES SEIN UND HÖCHSTE POTENZ 215

2.23 a) Prop. 73 \ v- \ a , 74 k - W „Die Erste Ursache ist bloss


Seiendes, keine Qualität ist ihr vermischt ." (Add. in fine.)
b) Prop. 2 i Das absolute Eine (= die Erste Ursache, Z. \r), ist
nur eines, „ denn in ihm ist nichts ausser seinem Sein." (2.19 to ccütoev.)
Vgl. 21 n-rr, rvrv (s.o. § 2.13).
c) Prop. 86 \\-\r Das wahrhaft Seiende (78.19 to ovtw<; ov), also die
Erste Ursache, ist eines, doch unendlich an Kraft. (Add. in fine.)
Proklos zeigt prop. 73-74, dass das Seiende ( tö öv) über der Ganz¬
heit ( tö öXov, 70.10 7] oXo-crfi) , dass wiederum die Ganzheit über den
si'Sv) steht. Also ist das Sein vor den Formen: 70.23-24 & stctcu tö xou
7tpo töv siScöv u^saxavai, tö ov. Das Allgemeine ist seinsmächtiger ( 70.13
to TcXetovcdv a'iTiov xpetTTov) , daher dem Spezifischen ontologisch voraus.

Die e£§7] sind also im hypostasierten Ersten Seienden (70.10 to 7tpam>><;


ov) „aufgehoben" im doppelten Sinne des Wortes.
Für dies absolute Seiende setzt der Bearbeiter in den Schlussaddi-
tamenten der beiden propositiones die Erste Ursache. Ebenso überträgt
er im Corollarium zu prop. 86 die Prädikate des ovtw «; öv ( 78.19
ÖOTSLpov ecmv oute xora to iz'krßoc, outs xaTa to [j.sy ^öoc, a/OA xaTa T7jv S iS-

vafiiv [j.6vif)v) auf die Erste Ursache, und in einer Interpolation in prop. 2
wird das absolut Eine (also die Erste Ursache nach 2 \ \) erklärt als
reines Sein. Diese Gleichsetzung des ev, des \j7tspoüaiov der Neu-
platoniker, mit dem ov, der ersten Hypostase, die — nach Proklos —
Leben und Denken erst begründet, impliziert jene Reduktion des prok-
lischen Systems, wie wir sie in knapper Form im Anschluss an prop. 21
ausgeführt fanden: Über den reinen eiSv) steht das absolute Eine, zu¬
gleich absolutes Sein (s.o. § 2.13).
Weitere Änderungen und Kürzungen in prop. 86 zeigen die gleiche
Tendenz: Proklos nennt das ovtco <; öv 78.26-27 svostSecTaTov, kts eyyu-
TccTto Tou evö? TSTayjj .evov, y.al tö svl cTUYyevscrTaTov. Die Ubersetzung hat

hier bloss wähidfa-qat: Es ist „nur eines"; denn für den Bearbeiter ist ja
dies absolute Seiende die Erste Ursache, also nicht eine dem Einen
zwar nächste, doch nachgeordnete Hypostase, sondern das Eine selbst.
Entsprechend modifiziert oder gestrichen sind die weiteren Aussagen,
welche den Bereich des Övtok; öv abzustufen und zu relativieren

Ps.-Areopagiten, dagegen S. 321 ff. zum Urbild-Abbild-Charakter des neuplatonischen


Emanationsbegriffes.
216 C: ADDITAMENTE UND INTERPRETAMENTE

scheinen: 78.29-30 xocl öcr« Stj fxaAXov ev xal fi.ocXXov ä (j.spsc, toctoutw xal
ÄTtsipov u.aAAov fehlt ganz, und die relativen Charakteristiken der mehr
oder weniger Eins-fernen Potenzen sind zu absoluten umgeformt (vgl.
Anm. 8-10 zu 78.29-80.1 ). Es fehlt schliesslich die zweite Hälfte der
propositio, in der die „ersten", unendlichen Potenzen behandelt werden
(80.2 ff., vgl. S. 287 Anm. 11z. St.): Eine Pluralität von höchsten Potenzen
nächst der Ersten Ursache erschien dem Bearbeiter anstössig. Analog
wurde in prop. 62, wo das hier wieder herangezogene Theorem der
Korrelation zwischen Einsnähe, Potenz und — reziprok — Vielfalt
begründet ist, für die Stufe der Osiai svaSe? (58.32) die Erste Ursache
substituiert (s.o. §2.14).
Die apophatischen Prädikate lä yuxälitukä saP min al-kaifiyät (73 \ v)
bzw. min as-sifät (74 \ r- >ir) (vgl. 2 ^ y vom Einen: läyasübuhü saP äxar)~
gr. « öbroiov », « aji-iysc », auch « aveCSeov » (im Anschluss an prop. 74,
vgl. Anm. 11 zu prop. 73) gelten natürlich auch nach strenger neupla¬
tonischer Anschauung, ebenso wie vom 8vto><; ov , vom Einen in emi¬
nenter Weise (vgl. Plotin, Enn. V 1:7.19-20). Proklos bezeichnet
andererseits auch den Demiurgen des platonischen Timaeus, den er
wie Plotin als voü? interpretiert, aber der energetischen Schicht des
Seienden (dem voö? vo 7)to <;) ontologisch unterordnet, als dcvsiSeov (In
Tim. I 385.15) und a7toiov (I 387.11); denn er enthält xax' al-uav die
voepa sl'Sr), die erst in der Schöpfung differenziert werden. Nun ist die
Erste Ursache der arabischen Interpretamente als Erstes Sein zugleich
erstes energetisches Prinzip (s.u. § 2.4) und erster Nüs (s. § 2.3), nimmt
also als Schöpfergott auch die Bestimmungen des Demiurgen an. — Die
Qualitätslosigkeit der Ersten Ursache als des reinen Seienden betonen
auch die Plotiniana und der Liber de Causis; vgl. die Parallelen in den
oben S. 209 f. und S. 212 gegebenen Zitaten.

2.24 Prop. 91 a-A Die Erste Kraft ist wahrhaft unendlich, Ursache aller
Unendlichkeit. Alle weitere unendliche Potenz wird nicht und vergeht nicht in der
Zeit, ist aber zeitliche Unendlichkeit.(82.21-22 aE 8s twv äsi ovtcüv [Suva-
fXE!,?] ÖOTSipOl, [X7]Ss7i :OT£ T7)V SaUTCOV ä7ToX£l7TOUCT0C[. ÜTOXp^lV. 82.19 7) 8s dcTOl"
po<; ; sx tt)? Ttpam)? <x7i:sipta<;.)
8 Üvkjj,k

Die Übersetzung unterscheidet, entgegen dem gr. Wortlaut, zwei


Stufen unendlicher Potenz: von der Unendlichkeit zeitlicher Dauer die
transzendente der causa prima. Vgl. prop. 55:52.30-32 S ittt ) tj <xiSi,0T7]i;,
2.3 DIE ERSTE URSACHE IST ERSTER NÜS 217

«.iöyjLoq (isv aXXv], xaTa XP° V0V 8e Ecröcra aiSiornj«;, vj 8s yivofzevv),


aXX?) * vj (xsv

dazu In Tim. I 252-254 (gegen Aristoteles). Anders als in unserem Text


ist bei Proklos die aiSioTV)? xa-ra -/povov einem ständigen Werdevorgang
unterworfen, to äst yivo(j,evov (52-27); der hypostasierte aicav ist per se
8üvoc(jx<; r/TrsLpo? ( In Tim. I 279.9), unendliche Kraft in der Körperwelt

dagegen — äa-MjxaTO? qua Potenz (prop. 96) — nur abgeleitet in unauf¬


hörlichem Werden ( In Tim. I 295.4-8 sraTai Svj äst (isv Xajxßävsw tov
xoajxov r/)v äTCipov Süvajxiv, Övtcc CTM[i.aTi,x6v, [A7)8 s7iots 8 s ty)v okt]\> s^eiv,
Sloti TO7repoccTTai. jxovcoi; oöv äXvjGs<; 7tspl ocutoü Xsysiv, cm dcTcsipoSüv«ji.O(;

yivsTai, äXX' oux law). Die unendliche Kraft als solche -— und von ihr ist
in prop. 91 die Rede — ist nicht nur dem Werden entrückt, sondern hat
vor dem Sein überhaupt Priorität (prop. 92).
Auch Proklos lässt alles unendliche Sein von der absoluten dorsipia
als erster Kraft ausgehen; neben 82.19v gl. prop. 92:82.28-31: rj Se upcoTT)
Suvaji.t<; aTrsiptoc ecttlv , oct yap ccTOtpoi. Suv«[xei<; Siä fxsToucrtav dcTOipia? aTiEipoi'
rj oöv oa)Toa~£LpLoc Tipo toxctcüv sc?Tai Suva[j.scüv, Si' tjv xal to ov äirsipoSuva-
(xov xal —avTa [astsc / ev ä~£t,pia^. Aber : outs yap to TrpcüTOv rj xmipix
— jjLETpov yap 7tavT£ov sxstlvo, TayaOöv u~ap^ov xal ev — oute to ov
(82.31-33). Die im arabischen Titel implizierte Gleichsetzung der
Ersten Kraft mit dem Ersten Prinzip übergeht die Hierarchie vermit¬
telnder Hypostasen — eine für unsere Texte charakteristische Reduktion.

2.3 Die Erste Ursache ist erster Nus.

2.31 Prop. 167 r = Die erste Intelligenz ist Subjekt und Objekt
ihrer Erkenntnis zugleich, „denn über ihr ist kein anderes Intelligibles, nach
dessen Erkenntnis sie streben könnte." (Add. ad 144.22-23 o tcpwticttoq [vou?]
eauTov jjlovov [vosi], xal sv xa0' apt6(x6v ev toutm vou ? xal voyjtov, 146.9-10
voü? vot)t 6? ... sauTOV siS<ßq xal to votjtov olSe, votjtoi; mv, o sctiv auTO?.)
Proklos sagt einmal, dass über der höchsten Intelligenz kein intelli¬
gibles Objekt sei (In Parm. 900.26; vgl. Dodds, Comm. 285 u.): Ihm voraus
ist das ovtcü ? ov, vo u? und voy)tov nur xaT' aWw.v. Nun ist die sehr weit¬
gehende Differenzierung der intelligiblen und intellektiven Hypostasen
Proklos eigentümlich; Plotin setzt noch den Nüs so an, dass er „einer¬
seits bei dem Guten, dem Ersten ist und auf Es hinblickt, andererseits
aber bei sich selbst ist und sich selbst denkt" (Em. VI 9:2.41-43, deutsch
von R. Härder ). Gänzlich fremd ist aber jene subtile Hierarchie dem
218 C: ADDITAMENTE UND INTERPRETAMENTE

Bearbeiter unserer Texte: Er identifiziert das absolute Eine mit dem


absoluten Sein (s.o. §§2.13, 2.21) und geht im Folgenden über die in
prop. 20 gegebene Subordination von <\>uyvi und voepod u-oa-raaeic; nicht
hinaus (s. § 2.14zu 62 \ 1r). So verfolgt er hier die gleiche Intention
indem er den ersten Nüs wiederum mit dem Einen gleichsetzt, „über
dem nichts anderes ist" (20:22.30 xai o Üxetl toü evoc; aXKo snexsivx) , 16
Auch die Parallelen zur Formulierung, die wir in der arabischen
Plotinquelle finden, beziehen sich auf das Eine, die Erste Ursache:
Enn. VI 9:6.42-44 as-Saix al-Yünäni I 25:187.
ouSe [sc. tu svi ] • upo 1-3 Bdw = A 6:484.3-5 Rth
yap xwy](jsw ? xai 7rpo votjctsw?- ti : ^t] 4]
yap xai vorjGsi; sccut ov ; t ^JUJI JJi> JJj JJ <ü^
LT <W!äj ji *Xjy ^
öl V (_gjll ^U!l ja Jj c ^SUJI

Vgl. auch Risälafi l-c Ilm al-ilähi 166-168:179.1-5 (s.o. S. 210), ferner:
Enn. V 3:12.44-48 Ris. 118-119:175.13-15
(oÜSe yap (X7^0T£T[X7]TCCl TO a7u' Jjjäj <3> . JpUil
aikoö [sc. toü CTexsiva!] ouS' aü ^ ^JJij 1JI Jjij Jjij JiJ!
TaUTOV r1
aUTCO OUTE TOLOUTOV olov LIT) *, p ' .Jl - l :ti . Jfcj c <ub
-Ii 1-jlJül -r ixjj
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>/ y 3 5.5 ~ r *\ \ Sr Sr \ "
OUCfLOC SiVOCl OUÖ au olov tucdäov . - . w
t „ , , > jr Oj* >)l JA dJlal. t ob
sivai,) aAA opcov xai yi.vcooxov \ \ „ c wc
t \ \ « *« \ ^\ . dj ^
eauTO xca rrparniv ywcoaxov. to ös \
GdCTTCp STCXSIW. VOU, OUTWq Xai £71S-
xetva yvcoascdi;.
Das Verhältnis des zuletzt zitierten Textes zu seiner griechischen
Vorlage beleuchtet die Tendenz der vorliegenden Stelle unserer Proklos¬
version: Während Plotin dem Nüs, der zweiten Hypostase nach dem

16 Die hier zugrundeliegende, vereinfachte AuffassungvonvÖTjaii; (die auch terminolo¬


gisch mit yvcötjii; in eins gesetzt wird, s.o. B 1.15, S. 138) zeigt auch der wohl auf den glei¬
chen Bearbeiter zurückgehende Text 167A (s.u.§ 2.32-33). So wie dieser supplementäre
Abschnitt, der in seiner zweiten Hälfte ebenfalls den Ersten Nüs behandelt, „Über die
Erste Ursache" betitelt ist, können wir die gleiche Überschrift (in der Handschrift
zerstört) auch für prop. 167 annehmen.
2.3 DIE ERSTE URSACHE IST ERSTER NÜS 219

Einen, Selbsterkenntnis zuschreibt, stellt er die „jenseitige" Erste


Ursache über Geist und Erkennen (das gilt a fortiori für das System .des
Proklos). Die arabische Fassung hebt diese Trennung auf: Der erste
Agens (dies das grammatische Subjekt ab § 117, wie aus dem Folgenden
deutlich wird) ist zwar über aller Erkenntnis, doch er erkennt sich
selbst. Wir beobachten also die gleiche (wenn auch weniger klar formu¬
lierte) Tendenz, die jeweils höchste Stufe einer Ordnung mit der ersten
Hypostase gleichzusetzen, wie auch in der Proklosversion. Die Parallele
macht auf der anderen Seite deutlich, dass auch an der vorliegenden
Stelle der Bearbeiter unseres Proklostextes eine solche Reduktion voll¬
zieht, wenn er sagt, dass über dem ersten Nüs nichts anderes sei, nach
dessen Erkenntnis er streben könnte; wenn er also den voüt; voyjtoi; mit
dem 0 slov vot)tov (prop. 161) identifiziert und dies wiederum, als das
ovtco ? öv, mit dem Einen. — Zur Explikation dieser Anschauung in
prop. 167 A und zu ihrem historischen Kontext s.u. § 2.332.

2.311 Prop. 167 yo, y 1, rY Die niedere Intelligenz dagegen


hat ihr Objekt über sich, wird andererseits erkannt von dem, was unter ihr ist.
(Vgl. 144.24-25; 146.10-11, 13-14: sxocctto ? 8 s tüv [ist ' exsivov to ev
aÜTW vot]t 6v voei ajjux y.vl to ~po aÜToü ... xü filv sv aü-rtS o ocutotw Tcpo

aÜToC 8e oux o a uto <;. S. auch S. 289 ff. Anm. 3 u. 13 ff. zu den Diver¬
genzen zwischen gr. Text und Übersetzung.)
Der Übersetzer bezieht den zweiten Teil der Disjunktion 146.13-14
auf die niedere Intelligenz qua votjtov ; d.h. eine Intelligenz, deren Objekt
nicht — wie auf der höchsten Stufe des Nüs — mit dem Subjekt der
Intellektion koinzidiert, ist selbst intelligibles Objekt einer anderen,
nämlich der nächstniederen Intelligenz (als deren Ursache), und sie hat
wiederum ihr Objekt nicht in sich selbst, sondern Tipo kutoü . Diese Version
eliminiert den Punkt, auf den es vor allem ankommt: Der Geist erkennt
in der intuitiven Selbsterkenntnis zugleich die ihn konstituierende
Ursache. Da die Übersetzung schon oben 144.25 (Z. \) ähnlich wie hier
vom gr. Text abgeht — die in beiden Fällen dargebotene Formulierung
wird auch in der folgenden Rekapitulation zweimal (Z. y 1, V Y ) wieder¬
holt— müssen wir mit einer absichtlichen Änderung rechnen: Absicht
einer Theologie, die der absoluten Selbstschau des göttlichen Geistes
(„über dem nichts anderes ist", s.o. § 2.31 zu Z. r, \\) das nach diesem
höheren gerichtete Erkennen der niederen voec; gegenüberstellt, insofern
220 c: additamente und interpretamente

als diese nach der Erkenntnis Gottes als ihrer Ursache streben (146.1-8).
Weiter erläutert wird diese — stark vereinfachende —- Interpretation
der proklischen v 6 t) cju; im supplementären Text 167A (s. das Folgende).
Parallelen zu Anschauung und Formulierung finden sich auch in
den arabischen Plotiniana; vgl. R. fi l- c Ilm al-ilähi 166-168: 179.1-5
(add. ad Enn. V 4:1, s. o. S. 210).

2.321 Prop. 167 A ^- \ • Die höhere Intelligenz umfasst den Erkennt¬


nisbereich der nächstniederen; der Erkenntnisinhalt der höheren bleibt dagegen

der niederen Intelligenz zum Teil verborgen.

Proklos schied prop. 167 zwischen dem höchsten voü? und den
niederen vos<; nach der Identität von Subjekt und Objekt der voyjcik;:
Der voü? voy]toc; (der «[jls O exto? vo üc, von propp. 166, 170), Prinzip und
Ursache der Schöpfung, ist selbst das ausschliessliche Objekt seiner
w-qaiq ; die Reihe der folgenden Intelligenzen hingegen hat ihre Ur¬
sache als ein ontologisch Früheres über sich, enthält und erkennt also
ihr Objekt nur xcctcc fiiOe^iv. Dagegen sind nachfolgende vos? und voepa
sl'Sv) in dem jeweils höheren voü? enthalten xar' at-uav (vgl. prop. 173:150.
22-26). Nach dieser Seite elaboriert nun der vorliegende Text die Hierar¬
chie der vos;: Obgleich alle intellectualia an dem einen Nüs teilhaben (s.
das Folgende, § 2.332), umfasst die höhere Intelligenz — Proklos würde
sagen: xoct ' al-nav — den gesamten Erkenntnisinhalt der ihr nachfolgenden
intellektualen Ordnung. Proklos sagt aber nicht, dass einer Intelligenz
die Erkenntnis der höheren Ordnung in einem gewissen Masse teils zu¬
gänglich, teils schlechtin „unbekannt" oder (Z. i, v, \ i, \ \) „verborgen"
sei. Eine solche Formulierung widerspräche Grundprinzipien seiner
Metaphysik (vgl. die bekannte These prop. 103:92.13 — ähnlich schon
Plotin, jEnn. V 8:4 — toxvtgc sv uäaiv, obcsi«? Ss sv sxoccjTcp). Die nie¬
dere Intelligenz steht der höheren nicht in der Quantität des Wissens,
sondern in der Qualität, der Bezugsweise ihres Erkennens nach: Prop.
170: 148.4 toxi; voü? toxvtoc ccjaoc vosi • äXX' o fxsv cmsosxtot; arckSic, tcocvta,
tcöv Ss [ist' sxsivov sxaoTo? xccö' sv travra (s. dazu D odds, Comm. 288 ;
vgl. prop. 177:156.1-4); In Tim. II 296. 11-14 xai. twv yvwcttixojv al fxsv
zlai twv tcpcotwv, od Ss t6jv (j.scroiv, c/X S s twv layatwv • xai yap skuttjv r\
^ u x7) ylyvwaxst xai xa npb aütvj? xai. ta [ist ' aüxvjv • sixwv [isv yap scttl
twv Trpo autvj?, TrapaSsiyjia Ss twv [ist ' aoTYjv. Als xpücpiov und ayvcoarov
bezeichnet er nur die göttlichen Henaden (prop. 162:140.28 nöcv to
2.3 die erste ursache ist erster nüs 221

v.<y.i(/.7A\]~ov to ovtm ? ov 7rÄr; 0o^ twv sväScov, 142.1 ttav to O siov ), doch

wiederum: xpicpiov xal votjtov scfti * xpiitpiov [iiv u>q tco svl auv/)[j.jiivov,

voiQTov Se ü7ro toü Övto ? [xsTe ^ofxevov (140.29-30). Wir haben es also

in unserem Text mit einer vereinfachenden Interpretation der neupla¬

tonischen Noologie zu tun; sie ergibt sich letztlich daraus, dass der

transzendente Nüs mit der Ersten Ursache, dem Einen, gleichgesetzt

wird (s. das Folgende).

2.322 Prop. 167A n - \ j Alles, was einer intellektualen Ordnung \y ospa


asipä] bekannt ist, ist einer höheren Ordnung xa-ratpaTLxSn; bekannt; umgekehrt

konstituiert das, was die höhere Ordnung xaTacpa-uxw? erkennt, den Erkennt¬
nisinhalt der niederen.

Zur 'Hierarchie der voepal aeipat bei Proklos vgl. prop. 111:98.18

rax crrji; tt )? vospä? asipa? ol fxsv ziai Osioi. vos<; \JTLo8e£ä[i.svoi Gscov [i.s0s£st,<;, ol

Se vos? [j.ovov xtX . — Zur „kataphatischen" Erkenntnis vgl. vielleicht In

Tim. I 243.5-7 (ad Tim. 28A): e—l (xsv toü äst ovto? to xaTatpaTixov fxovov

Tcape?vaßsv [sc. o Ttj^aio?], S7U 8s toü ytyvo[xsvou xal to daracpaTixov. Mehr

zur Deutung unseres Textes trägt aber der unter dem Namen des

Johannes Philoponos überlieferte Kommentar zu Aristoteles' De Anima

r bei: <Stephanos), In de An. 547.8-12 (ad T 6:430a26) xal tkütä [xev o

yjfxeTspo? voüt; dbrotpaTWCwi; oISsv, 6 8s Oslo? voü? -rcavTa xaTaq>aTLxc5<; xal

e7CißX7)Ti,xw(; olSsv x«pl? toü xaxoü • toüto yap oüx oISsv, iva ja ?) tzoirjarj auto.

o yap yivcoaxst,, toüto xal tohsI • utcoctc.ti.x -/) yap scmv v; yvco gic , auTOÜ. Sio

etpujTai' s Ins xal sysvsTo'. Während der echte Kommentar des Philoponos

zum III. Buche De Anima nur lateinisch erhalten ist, bietet der an dessen

Stelle überlieferte griechische Text 17 eine christlich-neuplatonische In¬

terpretation der aristotelischen Noetik, welche der arabischen Proklos¬

version auch insofern nahesteht, als hier wie dort Erste Ursache und

Er wird heute dem Stephanos von Alexandrien, Schüler des Philoponos und
17
letztem Abkommen der alexandrinischen Schule aus der Zeit ihres Bestehens, zuge¬
schrieben (s. W. Kroll in RE IX 2 .1777 f.). Dieser lehrte zuerst in Alexandria und
wurde beim Regierungsantritt des Heraldios im Jahre 610 als Leiter der Kaiserlichen
Akademie nach Byzanz berufen. "He must have been one of the principal links
between the Alexandrian School and the Aristotelian Renaissance of Byzantium which
was already beginning to emerge" (I.P. Sheldon-Williams in The Cambridge History
of Later Greek and Early Medieval Philosophy, S. 483). Den Arabern war er als Alchimist
bekannt: s. F. Sezgin, GAS 4. 107-110. Zu In de An. III s. bes. R. Vancourt: Les
derniers commentateurs alexandrins d'Aristote (1941), S. 43-59.
222 C: ADDITAMENTE UND INTERPRETAMENTE

Erste Intelligenz als ein und dasselbe behandelt werden: Einerseits ge¬

braucht der Autor 7] äpc'ir/) ama, to Ttpcoxov a'mov synonym mit tö Oetov

(p. 535 ff.), und andererseits setzt er dies ösiov in eins mit dem höchsten

vou? : 547.21-22 yivcdtrxei aÜTÖ xal «<; vooüv xal w? vooüjxevov • svSov yap

eyov to 0Etov -rö yvcocmxöv xal ekuto voei (entsprechend Proklos' voö? wqroq

prop. 167). Während es nun für die niederen voe c, Gegenstände gibt, deren

Erkenntnis nur xoct ' d7t6<paai,v möglich ist — eiSv), die nicht vorgestellt,

sondern nur auf dem Wege der Negation erfasst werden können —,

setzt der göttliche Geist durch den Akt des Denkens sein Objekt als

seiend, erkennt also nur Seiendes: Der Gegenstand seiner Erkenntnis

wird durch diese selbst konstituiert (u7to(7tgctix7) yvwai?), kann also nur

Inhalt einer positiven Aussage, xaTacpocct?, sein. Das gleiche gilt natür¬

lich von Proklos' Nüs: nac, voü? tw raHstv ucpioTTjca to [aet' ocutov , xal rj

Tcotvjcrtc; sv tü vostv, xal tj votjctk ; ev tü ttolelv (174:152.8-9); jeder Nüs ist

das Niedere xcct '' xlriocv, indem er es denkt, sein Denkakt ein Schöp¬

fungsakt. Nehmen wir die Formulierung des De-Anima- Kommentars

zu Hilfe, so gewinnen wir hieraus die Aussage unseres arabischen

Textes: Der Erkenntnisinhalt der niederen Intelligenz ist — mit ihr

selbst — von der ihr übergeordneten Intelligenz konstituiert und daher

sx xaTOipacreco? erkannt. Umgekehrt (Z. i v) erkennt die niedere Intel¬

ligenz, als das Geschöpf jener xaTa<pacri<;, deren Inhalt in sich selbst;

darüber hinaus aber — das wird hier nicht ausgesprochen, ist aber

durch den Kontext impliziert — vermag sie nichts zu erkennen.

2.331 167A \ o - \ v Der ersten, höchsten Intelligenz ist nichts verborgen.

„Ihre Erkenntnis der Dinge unterliegt keiner Qualifikation wie die der übrigen

intellectualia; vielmehr kennt sie die Dinge durch ihr blosses Sein (aü-rö tu

slvai)." 18

Vgl. prop. 174:152.11-12 o voü?... toiei a rans? rä elvai, xal rapayEi

xara to elvai o e<m, 173:152.3-4, 178:156.30, ferner 134:118.20 toc <;

0sio? voö<; voei jxsv voü? mit LdCausis 22: 100.5 kull c aql ilähi fa-innahü

ya c lam al-asyä° bi-annahü c aql. — Bi-gair sifa min as-sifät entspricht aajizac,

i.S.v. prop. 122:108.15-16 7tav 8s tü slvat, 7roioüv tcoisi , 7) yap

ajiaiq 7rpoa0£CTi? Icm toü e Zvai. Die Koinzidenz von vot ^gic , und noL'qau;

wird jedocn im vorliegenden Text nicht behauptet.

18 Zu bi-annihi s.o. B 1.01 S. 83 u. 90 ff.


2.3 DIE ERSTE URSACHE IST ERSTER NUS 223

Engere Parallelen bietet die arabische Plotinquelle:


Enn. V 3:13.22-24 R.fi l- c Ilm al-ilähi 132:176.8-9
7) vokale ... sl'trto slq äutov im- ' jJÄJI öl *^[5
crTpe <psi S yjX ovoti TtoXüv ovra. 4_iSsJ i il_)l Iii 4jli Ii

R. fi l- c Ilm al-ilähi 166:179.1-2 (add. ad Enn. V 4:1, vgl. o.S.210)

Enn. V 9:7.6-7 R.fi l- c Ilm al-ilähi 23:169.7-8

Der Formulierung unseres Textes sehr nahe kommt auch Theologia


Aristotelis 5.40:71.14-15 (add. ad Enn. VI 7:2):

Was nach Proklos allen voe? zukommt, gilt aber dem Autor unseres
Textes nur von dem einen transzendenten voö<;, den er mit der causa
prima gleichsetzt (s. das Folgende).
2.332 167A o Die Intelligenz (6 vou?) ist in allen intellektualen Formen
(vospa el'§7]) gemeinsame Ursache.
167A i a Die erste, vollkommene Intelligenz ist die Ursache aller Erkenntnis.
Obwohl die Erkenntnisgrade verschieden sind, wirkt doch auf jeder
Stufe der eine Nüs: Vgl. prop. 193:168.26-27 roxcra yap yv&crt«; dato
voü -jtoccxv scrav, oIc, ecmv. Eine auffällige Parallele zur Formulierung
bietet wieder Theol. Arist. 8.98:108.5 (add. ad Enn. V 1:3):
. (ji JS* (J SLwäi jä ... SL^üll ^Ül JviUil JA olT LL JjVl LSjUI
Nach Einführung der Ersten Intelligenz wird diese nun als Ursache aller
voy)(ji <; (bzw. yvüxru;, die Terminologie ist nicht eindeutig) bezeichnet.
Auch für Proklos ist der voü«; Prinzip aller voepdc el'Sv) und Ursache
aller yvwcjii; (vgl. oben §2.321); prop. 102:92.3-4 ~ Liber de Causis
17:92.3-4:
TO&vra 8s toc yv<acrn,xa yvcooscoi;
[LZlk'/Zl S(,a TOV VOÜV TOV TCpMTOV.
224 c: additamente und interpretamente

Vgl. auch Plotin, Em. VI 7:3.24-25 ~ Theol.Arist. 10.48:141.14-15:


tsXsiottjtoi ; vou ev au -rw zywxoq
... Tac oä-do.g. . vi a öis5

Darüber hinaus weist die Überschrift des ganzen Abschnitts „Über


die Erste Ursache" wiederum auf die Identifikation des höchsten Nüs mit
der causa prima. Wir fanden diese Anschauung schon in der Übersetzung
von prop. 167 angedeutet (s.o. §2.31), und sie ist komplementär zu anderen
Interpretamenten der Proklosversion: So wie das Eine als Erstes Sein
bezeichnet wird (s.o. §§ 2.13, 2.23), so nimmt es auch den anderen Aspekt
der zweiten plotinischen Hypostase an, ist also auch Erster Nüs. Dazu
stimmt, dass 72:68.27 tö toxvtoov ccitiov (= 68.24 tö sv ) in der Version
als „Erster Agens" erscheint (s.u. §2.41): Vgl. prop. 34:38.3-4 -Kpoeiai
toxvtcc dato vou, xcd —(/-<; 6 y.6ü{j .0Q doro vou ttjv oücrtav £.-/ zl ; denn der Neu-
platonismus identifiziert ja den Demiurgen des platonischen Timaeus mit
dem aristotelischen vou? (diesen andererseits mit dem Ersten Beweger,
vgl. unten). Von den weiteren Differenzierungen, die Proklos hier ein¬
führt — er stellt den Nüs ontologisch unter das Sein — können
wir absehen, da sie in der Version ohnehin der in Rede stehenden
Reduktion anheimfallen: Die Hypostasen der neuplatonischen Meta¬
physik werden in der arabisch übersetzten Bearbeitung auf koordinierte
Aspekte der Ersten Ursache zurückgeführt; das Eine ist zugleich ontisches,
noetisches und energetisches Prinzip.
Die gleiche Tendenz zeigt auch hier die arabische Plotinpara-
phrase 19 ; vgl. mit Enn. V 3:12.47-48 R. fi l- c Ilm al-ilähi 119:175.14-15:
TO 8e [sc. tö ev !] waTisp s7tsxeiva
voü, outcoi; xai sTOxeiva yvcouecoi;.

Die oben aufgezeigte Parallele zu der hier entwickelten Auffassung


vom höchsten Nüs bei einem christlichen Autor (§2.322) legt den Schluss
nahe, dass wir es durchweg mit der Tendenz einer christlichen Philosophie
zu tun haben, die für das transzendente Eine samt den intelligiblen
Hypostasen den Schöpfergott setzt. Indessen stimmt diese Anschauung
des Proklos -Bearbeiters nicht nur systematisch zu den bereits genannten
Grundzügen seiner Theologie, zu seiner Drei-Prinzipien-Lehre und zu

19 Nicht dagegen der Liber de Causis; vgl. 2:62.2-3: Das „zweite Sein" ( al-anniya
at-täniya), der Nüs, ist unter dem Ersten Sein, d.h. der Ersten Ursache. Vgl. oben S. 211.
2.3 DIE ERSTE URSACHE IST ERSTER NÜS 225

seiner Identifikation der Ersten Ursache mit dem reinen Sein und
Seienden (s.o. S. 204 ff., 215 f.); sie lässt sich auch wie jene bis auf den
mittleren Piatonismus zurückverfolgen und an die scholastische Fort¬
bildung älterer Ansätze anschliessen. Den Ausgangspunkt dieser Ent¬
wicklung finden wir wiederum bei Aetios dargestellt ( Doxogr. gr. 304-a5
voü<; otiv o 6so<;, s.o. S. 208). Auch Albinos nennt in seinem Abriss der

platonischen Philosophie das höchste Prinzip (6 -pÜTo? 0eo?, Didask.


10:164.19) den ersten Nüs (6 Ttpwro? voü?, 10:164.24, 165.21, 27:179.
ult.) 20 , der die Ideen denkt (9:163.27f. slvai yap -rac, L§sa<; vorerst? 0eoü
aicoviou? ts xal aijTOTsXsi^) . Zugleich aber — und hier kündigt sich Plotins
Unterscheidung des Einen von seinem ersten Produkt, dem göttlichen
Nüs, bereits an — ist dieser „unbewegte" Nüs die Ursache des Welt¬
geistes, der in unablässiger Aktivität die Ordnung des Kosmos über¬
nimmt: 10:164.19-21 o upcoTo? 0so?, amo? u— ap'/wv toü asl svepysiv to vw
toü ffüjjnravTO? oüpavoü. evepysi 8s dbdvvjToc; auTO? a>v zlc, toütov wi; xal o 7]Xio<;
siq tt )v opocchv (cf. 164.23 f., 164.35-165.4) 21 . In der Eins-Metaphysik
Plotins ist die Erste Ursache nurmehr reine Potentialität, Inbegriff der
nachfolgenden Nüs-Hypostase. Sein Schüler Porphyrios bewahrt diese
Hierarchie; aber er interpretiert doch wieder das "Ev selbst als voö<;: Das
erste Eine — absolutes Sein über dem Seienden (s.o. S. 208) — koin-
zidiert gleichsam mit der absoluten Erkenntnis ( In Parm. v. 34 ccöto touto
yvwcnc; oötja, vi. 8 yv«cri<; dnoXurot;), ist „Idee" der aktiven Intelligenz
xaxot tt]v ÖTOxp^iv (xiv. 22-34) — ist dabei aber noch „jenseits" der Diffe¬
renz zwischen vorjaic; und vooijfisvov (In Parm. xiii. 34-xiv. 4; xiii. 35 f.: 6
voüt; [i.7) SuvK[xevo<; s'ktsAGsiv sie, eauxov) 22 . Während Porphyr zwischen jenem
vou? xaTa T7jv ÜTrap^iv und dem sich selbst schauenden lv Öv unterscheidet
(xiv. 5 ff.), und während Proklos und Damaskios die Transzendenz des

20 Vgl. auch Numenios, fragm. 25 Leemans.


21 S. dazu Ph. Merlan in Cambr. Hist. Later Greek Philosophy 66 und H. J. Krämer,
Der Ursprung der Geistmetaphysik(1964), S. 101-114. Die Anfänge dieser „Nus-Theo-
ogie" findet Krämer vor allem bei Xenokrates: „Wo innerhalb der Drei-Prinzipien-
Lehre (0so<; - öXy) - TiapaSEty^a) der 0eoi; als voü; interpretiert ist und die TOxpaSeiy-
[iaxa (etSr), ESsca, äpt0p.ot) als seine Denkinhalte in ihn verlegt werden..., sind nicht
primär peripatetische, stoische oder neupythagoreische, sondern überwiegend altaka¬
demische Ursprünge am Werk" (S. 117).
22 Vgl. P. Hadot, Porphyre et Victorinus 1.122 ff., 133 ff., 257, 271, 427 ff, die Texte
ibid. 2.83, 108-112.

Proclus - IS
226 c: additamente und interpretamente

Einen gegen Porphyr aufs neue bekräftigen 23 , scheint aber der neupla¬
tonische Aristoteles-Kommentator Simplikios schliesslich wieder die
Nüs-Theologie der Älteren retabliert zu haben (vgl. oben S. 209):
Comm. in Epicteti Enchiridion cap. 38 p. 375.11-15 tj §e tcov äpx«v apx"/)
(= Oso? Oewv 375.3) ... xal yvcoaiv s/siv avayxv) tyjv axpoT<xvy)v ■ oü yap av

ti tcov utt' goitou 7iapay0|j.£vcüv ayvo ^asis. Hier ist daran zu erinnern, dass
Aristoteles seinen Unbewegten Beweger als sich selbst denkenden Nüs
bezeichnet {Met. A 7:1072 b 19-21) und dass Alexander von Aphrodisias
den erkennenden Intellekt — den voö<; von De An. T 5 — als den voö?
7toi7]T(,xo<; mit dem voü? von Met. A 7 gleichgesetzt hatte (Alex., De An.
88.19-91.6). Die Harmonisierungsversuche zwischen platonischer und
peripatetischer Metaphysik bei den alexandrinischen Kommentatoren
setzen hier an; und als unbewegter Beweger erscheint die prima causa
auch in unseren Texten (s. § 2.44).
Der Christ Johannes Philoponos (der Lehrer des genannten
Stephanos) prädiziert wiederum den Schöpfergott als Schöpfergeist, der
mit allem, was ist, auch den erkennenden Geist (den voü<; ttoitjtixoi;)
hervorbringt. Albinos hatte den göttlichen Nüs mit der Sonne verglichen,
welche das Sehen — die Erkenntnis— ermöglicht ( Didask. 10:164.21 f.
[s.o.], 165.18-22); so auch Philoponos: sicut enim sol producit lumen et
condit sibi 'esse, sie et conditor intellectus actu intellectum producit, a quo potentia
intelligibilia fiunt actu intelligibilia, ut a lumine potentia visibilia actu visibilia.
(In de An. III 57 ed. Verbeke ad De An. 430al5-17). Er ist wie die
Sonne, die das Licht erzeugt, der tätige Intellekt dagegen wie das Licht,
da er das Erkennbare zur Erkenntnis bringt (cf. Alex. Aphr., De An.
89.1-6!) 24 . Gott ist selbst höchster Nüs, zugleich aber, mit den Worten
unseres Textes, sabab fi gaml c suwar dawi l- c ilm (167A«) und c illat kull
c ilm (167A

Auch die Proklosinterpretation, die uns in der arabischen Version


begegnet, ist in der Tradition dieser Lehre begründet.

23 Vgl. P. Hadot , ibid. 1 .258.


24 Auch Stephanos folgt natürlich dieser Interpretation von De An. T 5: Sie wahrt
— gegen Alexander — die persönliche Unsterblichkeit der Seele, da der tätige Intel¬
lekt (äOocvaxov xal ätSiov nach De An. 430a23) nun Teil der Seele ist. Vgl. Joh. Phil.
In de An. III 43.18 ff., 60.54-64 mit [Joh. Phil.] < Stephanos >, In de An. 536 f., dazu
Vancourt, Les derniers commentateurs 50 f., 55 f.
2.4 erste und zweite ursache erste und zweite materie 227

2.4 Erste und zweite Ursache — erste und zweite Materie

2.41 Prop. 72 t-\ Der Erste Träger [to —owtov üiioxsifievov] trägt

alle Dinge; der Erste Agens [o tcocoto ;; wirkt alle Dinge. Der

Erste Agens bringt den Ersten Träger hervor: die Materie, ein intelligibles

Substrat, das alle Dinge aufnimmt. (68.24 7) uAt), sx toü tvoq ■ünoarKua....

26-27 Y) ÖX7], U7lOXSI|JL£VOV OÖffa TTOCVTCOV,SX TOÜ 7TO(.VTCÜVOCITLOU 7TpO7]X0S.) Vgl.

76 (unten § 2.43).

Gegenstand von prop. 72 ist das Verhältnis von Ursache und Substrat

in der gesamten Hierarchie der <x.Wuu. Der Bearbeiter lässt die These

unverändert, hebt jedoch aus dem Folgenden — u.a. durch starke

Kürzung — den Dualismus der zwei Prinzipien Erste Ursache und

Erste Materie heraus. Die im Anschluss an prop. 21 skizzierte Drei-

Prinzipien-Lehre knüpft zwar an die Trias causa efficietis — causa exempla-

ris—• causa materialis an (s.o. §2.13); schon deren mittelplatonische

Quellen jedoch kennen daneben den Dualismus der zwei einfachen

Ursachen, Gott und Materie: Mit der Lehre von der Immanenz der

Ideen im göttlichen Denken wurde die paradigmatische Ursache in den

Schöpfer hineinveiiegt (cf. Albinos, Didask. 9:163.27) 25 ; hinzu kam der

Einfluss der stoischen Zwei-Prinzipien-Lehre, welche Gott als dem

—oioüv die Materie als das nier/ov gegenüberstellte (cf. Diog. Laert.

VII 134 = II 354.8 ff. ed. Long).

a) Die Erste Ursache ( 68.27xo ttocvtcov a'mov) nimmt in der arabischen

Bearbeitung den Charakter des göttlichen Demiurgen, al-fä c il al-auwal

(cf. 78 a al-qüwa al-fä c ila li-gami c al-asyä D), an (Piaton, Tim. 28 c nennt

ihn 7üoi7)T7]^ xod 7iktt)p toüSs toü 7ravToc) : Erstes Sein und Erster Nüs

treten in ihm zusammen (vgl. o. S. 224). Causa efficietis auf der einen

Seite, erhält die Erste Ursache in unseren Texten auf der anderen Seite

Züge des aristotelischen Unbewegten Bewegers; dazu und zur Implika¬

tion der Harmonisierungstendenz s.u. § 2.44, S. 234.

b) Als upwTov u7ioxet[j.8vov bezeichnet schon Aristoteles die Hyle als

Substrat sowohl akzidentaler Gegensätze als auch des substantialen

Werdens und Vergehens (s. Phys. A 9: 192a31, B 1:193a29; Met.

A 18:1022al8-19, Z 3:1029al-2). Vgl. unten § 2.43b zur „ersten" und

„zweiten" Materie prop. 76 •

25 Vgl. A. Festugiere, Le 'Compendium TimaeV de Galien 111-114 mit weiteren


Belegen.
228 c: additamente und interpretamente

c) Die Bezeichnung dieses ersten Substrats als intelligibile (ma c qül) führt
auf den Begriff der ö Xtj votjty). Bereits bei Piaton gibt es auch im Bereich
der Ideen als zweites Prinzip eine „intelligible Materie" (s. H. H app,
Hyle 148 ff). Auch bei Aristoteles begegnet der Begriff, jedoch einge¬
schränkt auf das begriffliche Resultat eines Abstraktionsvorganges, so in
der Logik (für das generische Element in einer Art) und in der Mathe¬
matik (für die Extension geometrischer Figuren); s. Met. Z 10:1036a9-10,
H 6:1045a34-36 (mit Ross, Comm. 2.199, 238 zu diesen Stellen; vgl.
H. H app, Hyle 639-49). Zur Ersten Materie als intelligiblem Substrat
ist Plotins Abhandlung ITepi tcov Süo u X gjv (Enn. II 4) zu vergleichen:
Sie ist hier Korrelat des x 6<j[ao<; vovjt öc, (cap. 5), das Gateipov schlechthin
(cap. 15). Auch Proklos nimmt eine „Materie" im Intelligiblen an:
Alle Emanationen höherer Prinzipien dienen im jeweils niederen Stra¬
tum als u7toxsl [xsvov der spezifischen Formen (prop. 71). Im Gegensatz
zu Plotin jedoch bestimmt er die erste, intelligible Materie als unendlich-
aktive Potenz (die bis zur bloss passiven Potentialität der körperlichen
Materie hinabsteigt) und lässt sie — so im vorliegenden Text — un¬
mittelbar aus dem Einen hervorgehen (s. D odds, Comm. 238 f., vgl. 230 f.
zu prop. 57, 246 f. zu prop. 89-92, ferner C. B aeumker, Problem der
Materie 291 ff, 409 ff, 421 f.). Freilich deutet die prop. 76 n -YV
eingeführte Unterscheidung zwischen „erster" und „zweiter" Materie
(s.u. § 2.43b) darauf hin, dass der Bearbeiter nicht diese „Materie des
Intelligiblen" im Auge hat, sondern vom sinnlich wahrnehmbaren Stoff
der natürlichen Substanzen die prima materia als zugrundeliegendes,
intelligibles Prinzip abhebt. Vgl. Alex. Aphr. quaest. I 1:4.9-10 rj yap
ö Xy], ou S ev oScra twv ovtwv svspyeia, xa -r' avaXoytav Icrav voyjtyj (wohl im
Anschluss an Arist., Phys. A 7:191a8).

2.42 Prop. 74 \ • - n „Die Privation (crrepYjaic;) tritt unter den Begriff


des Seienden auf Grund der Kraft des Ersten Seienden, denn dies vermag
die Privation einer Form zu verursachen." (70.24 o0ev xod ev tou; cazo-czkia^loiaw

od axsp'qGeu; ovra [iev iväq stctv, el'Sv) Se oux siai, St« ttjv sviciotv tou övtoc,
Süva (at.v xai auTal toü slvai. xaTaSs^a[xsva[ Ttvix äfiuSpav e'fxcpacriv.)
Die Version substituiert für 70.26 eine andere Begründung: Das Erste
Seiende wird wieder, wie auch sonst, mit der Ersten Ursache identifiziert
(s.o. §§ 2.13, 2.23). Seine zeugende Kraft ( taqwä c aläihdät c adamsürat as-sai 0 ,
gegen 70.26 evtata Suvaji.i,<;!) gebietet über die Aktuierung der Form wie
2.4 erste und zweite ursache erste und zweite materie 229

über deren Privation, bringt beides zum „Sein". Auch diesen Gedanken
finden wir aber bei Proklos, prop. 57:56.15-16: „Auch die Privation der
Form ist von dorther (d.h. von der Ersten Ursache), denn alles entspringt
von dort" ( kkl yap od aie^qaeii; tcdv s'tSwv exsiOev, 7ravra yap sxeüßev),
ebenso wie die Materie, das ungeformte Substrat (so nach der — gleich¬
falls übersetzten-—propositio 72; vgl. D odds, Comm. 231).
Die Übersetzung gibt hier (Z. \ .) die proklische Bestimmung von
CTspTjcnc; (crrspr]ai<; toü ziBouq; vgl. auch B onitz, Index Arist. 700a 16 ff.),
weiter oben (Z. <\) aber eine aristotelische (a-vip-qaiq 1% tpiiasco; evspyeia?);
vgl. Arist., Met. P 2:1004al5 und Anm. 10 u. 12 (unten S. 278) zu diesen
Stellen.

2.43 a) Prop. 76r-i „Alles Werdende, welches von der Ersten Ursache
ausgeht, entsteht nicht durch Wandlung eines anderen vor ihm, vielmehr wird es aus

nichts; und alles Werdende, das von der Zweiten Ursache, d.h. von der Natur,

ausgeht, entsteht nicht aus nichts, sondern wird nur aus der Wandlung eines andern

vor ihm." (Add. ad 72.5-6 n av jxsv to daro axwv)tou ytvofxsvov cdtlixc;


K[xeTaßXY)fovs)(ei t7)v ö7rap^iv • tcxv 8k ro ocnö xivoufxsvvj?, (i,STaßX7)T/)V.)

b) Prop. 76 Y\-YV (cf. v-\) „Was von der ruhenden Ursache


herrührt, ist ebenfalls ruhend, unbewegt und unbeweglich, wie die Erste
Materie. Was aber von der bewegten Ursache herrührt, ist auch bewegt,
wandelbar und beweglich, wie die Zweite Materie', nämlich die Substanzen,
welche dem Werden und Vergehen unterworfen sind." (Add. in fine.)

a) Proklos begründet seine These im zweiten, ihr folgenden Abschnitt


der propositio {72.7-12), indem er erläutert, welcherart die Wirkung
der unbewegten Ursache ist: Sie erschafft ihr Produkt ( tö Ssü-repov)
„nicht durch Bewegung, sondern durch ihr blosses Sein ( äutw tw slvai)."
Die Schöpferrolle des platonischen Demiurgen übernimmt in Proklos'
System der Nüs (34:38.3-4 7rp6si.cri. tocvtoc dato voü); Gott erschafft, weil
er denkt, er denkt nicht, um zu schaffen (vgl. D odds, Comm. 220 zu
prop. 34, 290 zu prop. 174). Mit seiner fortwährenden Existenz einher
geht eine creatioperpetua {72.10). Dieser Abschnitt fehlt in der arabischen
Version. An seine Stelle setzt der Bearbeiter eine Interpretation — keine
Begründung — der These, welche ebenfalls den Werdevorgang erläutert,
dabei aber der Dichotomie der These folgt. Diese Glosse setzt für die
unbewegte die Erste Ursache, für die bewegte („zweite") Ursache die
Physis. Weiter bestimmt sie den Schöpferakt der ersteren als creatio ex
230 C: ADDITAMENTE UND INTERPRETAMENTE

nikilo, die Wirkung der letzteren als [leTaßoXY], Entstehung einer Sub¬
stanz aus einer anderen.

Wir begegnen hier zunächst wieder jener Reduktion des Systems, die

einen Grundzug der in der arabischen Version begegnenden Zusätze

und Änderungen darstellt: Die obersten Hypostasen (sv, Ostai, evocSs?,

TtpcoTox; ov, vouc) fallen in der Ersten Ursache zusammen; ferner werden

die jeweils ranghöheren oder positiven Prädikate einer Disjunktion von

der Ersten Ursache ausgesagt. Im vorliegenden Falle ist es die unbewegte

Ursache, die so mit der Ersten Ursache identifiziert wird (vgl. u. S. 233

zu 78 v-\ 0- Proklos subsumiert dagegen nach dem Einen auch die

transzendenten Formen und die Intelligenzen unter diesen Begriff (s.

D odds, Comm. ad loc.). Die Formulierung der „Entstehung aus nichts",

die als Werk der Ersten Ursache bestimmt wird, lässt wiederum die

Tendenz des Bearbeiters erkennen, die Erste Ursache als Seinsgrund, als

„Demiurgen", als Schöpfergott zu interpretieren (vgl. §§ 2.23, 2.332).

Dem kreativen Akt der Ersten Ursache gegenüber stellt der Bearbeiter

als den Effekt der bewegten „Zweiten Ursache" das Werden durch Ver¬

änderung und Wandlung aus bereits Bestehendem ( istihäla ~ äXXoUoai.«;,

[ASTaßoXv) fällt unter den Begriff der Bewegung); hier ist wohl vor allem an

die von Aristoteles De Gen. und De Caelo F behandelten Werdeprozesse der

cpuGixa. CTcojxa-ra zu denken. Als deren Prinzip wird nun die Natur, diese als

„Zweite Ursache" bezeichnet. Auch hier liegt nicht die neuplatonische

Auffassung von cpiScnq zugrunde (vgl. Plotin, Enn. III 8:2-4!), sondern

deren aristotelische Definition als dcp jj] xivyjo-sük ;; das wird noch deutlicher

aus einem analogen Additament in prop. 78 (Z. w-n), welches von

der „vollkommenen Kraft" (xeXsia Suva^i?) die Natur als „Zweite Kraft"

unterscheidet, die nur durch Bewegung wirke (s. u. § 2.44, S. 233 f. mit

Einzelbelegen). Wohl ordnet auch Proklos die cpücrt? der Körperwelt

zu als zwar unkörperliche, aber von den Körpern untrennbare Kraft

(In Tim. I 10.25 ff), aber nicht erst sie, sondern bereits die Seele ist

rtivoufjivv) ocirix (vgl. D odds, Comm. 241 ad loc.).

Eine Parallele zur Unterscheidung zwischen Gottes Schöpfung aus

nichts und dem Schöpfungsvorgang der Natur, die aus bereits Bestehen¬

dem durch Umwandlung etwas anderes entstehen lässt, finden wir aber,

was nicht verwundern kann, in christlicher Umgebung, bei Johannes

Philoponos. In seiner Schrift De Aeternitate mundi contra Proclum heisst es


2.4 erste und zweite ursache erste und zweite materie 231

(341.13-21) 26 : s't oüv, öirsp stjtov, äauyxpitox; U7tsp e ^siv Sei tt )<; <pücrsM<; tov

0e6v, 7] §s cpiou; ex tov ovtwv to Ö7toxEifxsvov xal tt]v üatjV Xaßoüaa [i ova t«

eI'St) e'u; to Eivat S7)[j.ioupyy]cracra Tcapayst,, ävayxT) ttäffa, sÜTOp tl xal o 0sö<; ex

tou [at) Övto<; siq to stvat 7rapayst, [xyj fiovov ta sl'Sr) tov §7){xt.oupyoufj [iva >v äXXa

xal kuto Tiapaystv to utcoxeijaevov oüx ov 7tp6TEpov v) oüSsv e ^ ei 7iXsov t 9)<; cpuasooi;.

Gottes Schöpferkraft übertrifft die der Natur: Die Natur schafft neu nur

die Formen bestehender Substrate, Gott aber lässt auch die zugrunde lie¬

gende Materie neu entstehen.

Die creatio ex nihilo ist, repräsentiert durch den Terminus ibdä c , einer

der Grundzüge, welche sowohl die arabische Plotinparaphrase als auch

den Liier de Causis von ihren griechischen Primärquellen abheben. Der

Bearbeiter des Liber de Causis differenziert darüber hinaus ( bäb 17:93.1-4)


zwischen der Kausalität der Ersten Ursache bi-nau c ibdä c — der Erschaf¬

fung von Seiendem aus Nicht-Seiendem — und der Kausalität der nie¬

deren Hypostasen (£< oy ), vou?) bi-nau c süra , welche dem erschaffenen Substrat

nurmehr Form verleiht (vgl. Philoponos: fi.ova toc e'l S y] Ttapayei in der oben

zitierten Stelle) 27 . Ähnlich, aber in genauerer Parallele zu unserem Text,

unterscheidet Ps.-Ammonios (der in mehrfacher Hinsicht der Plotinquelle

nahesteht, s.o. S. 105,211) zwischen Gottes Schöpfung aus nichts und dem

Schaffen der Natur aus bereits Bestehendem (s. S.M. S tern, Isaac

Israeli 70-72). R. W alzer , der zuerst auf Johannes Philoponos als Quelle

dieser Anschauung hinwies, verfolgte die Wirkung dieser Gedanken

bei al-Kindl, S. M. S tern fand sie wieder bei dem Kindl-Schüler

Ishäq ibn Sulaimän al-lsrä 3 !ll. 28 Unmittelbare Quelle dieser Philosophen

26 Zitiert auch von Simplikios, In Phijs. 1145; vgl. R. Walzer, New studies on al-
Kindl (1957), S. 192.
27 A. Pattin erkennt hier die scholastische Unterscheidung zwischen esse causam
per modum creationis und esse causam per modum informationis bzw. specißcationis, für die sich
Thomas von Aquin an einer Stelle ausdrücklich auf den Liber de Causis beruft ( Le Liber
de Causis 9 f.). Der Schluss aber, den Pattin daraus zieht —- dass der Liber de Causis
nicht vor dem 12. Jahrhundert geschrieben sein könne —verkehrt die Sachlage: Grie¬
chische und arabische Parallelen zeigen, wie gut sich des Werk an die spätantiken
Quellen der frühen griechisch-arabischen Übersetzungsliteratur anschliessen lässt.
28 R. Walzer. New studies on al-Kindl 190-196; S. M. Stern, Isaac Israeli 68 ff.,
171 ff. Vgl. auch F. Rosenthal, Sarahsi 4-2 zu dem auf al-Kindl zurückgehenden
Bericht des Ahmad ibn at-Taiyib as-Saraxsi über die Anschauungen der SäbPa
(vgl. auch unten S. 239), ibid. S. 56 Nr. IIal4 zu einer eigenen Schrift des Saraxsl
über den ibdä c .
232 C: ADDITAMENTE UND INTERPRETAMENTE

mag aber in beiden Fällen, eher als das Werk des Philoponos selbst
(obwohl auch dies in arabischer Übersetzung zugänglich wurde), eine
der neuplatonischen Schriften gewesen sein, deren Bearbeiter sich vom
Schöpfungsbegriff des Philoponos leiten liessen: Neben dem Ps.-Am-
monios also auch unsere Proklosübersetzung. (Vgl. auch S. 242 ff.)
b) Die Materie wird prop. 72 va (68.24, 26-27, s.o. § 2.41) als Produkt
der Ersten Ursache ( al-fä c il al-auwal ) eingeführt und wie hier als upcoTov
Ü7Toxst[xsvov definiert. Die arabischen Überschriften beider Texte nehmen
daher auf die Materie als „erstes Verursachtes" ( al-ma c lül al-auwal ~ tö
TTpcorov ocE-woctov ) Bezug. Als Substrat aller Veränderung ist die Hyle das
schlechthin Beharrende: So schon Aristoteles, Met. A 2:1069b7 ff—die
prima materia als das „unterste" Substrat aller Veränderung (weiteres s.
bei H. H app, Hijle 298-309) — und Met. Z 3:1029a20-21: die erste
Materie als unbestimmte Möglichkeit.
Auch die hier vorgenommene Unterscheidung in „erste" und
„zweite" Materie ist nicht neuplatonisch, sondern geht auf Aristoteles
zurück: 8Xv) ist Substrat beider Arten des Werdens (Phys. A7), einerseits
des substantialen Werdens und Vergehens, andererseits der akzidentalen
Veränderung (vgl. B aeumker, Problem der Materie 226 f.; H app, Hyle 282-
284). Die „erste" Materie ist selbst ungeworden, doch letzte Grundlage
alles Seins und Werdens (npoWf) öXvj, vgl. aber zur Terminologie B aeumker
241 Anm. 1, H app 307 f. m. Anm. 129, 130); als das Unterschiedslose
und Unbestimmte bereit zur Aufnahme jeder Form, ist sie ein umfas¬
sendes Seinsprinzip ( H app 662-664 zu Met. Z 3:1029a20-26). Es ist diese
Materie, welche Proklos als reine, passive Potentialität aus der Ersten
Ursache hervorgehen lässt (prop. 72, vgl. D odds, Comm. 231, 247), also
aus der schlechthin unbewegten Ursache. — Von der prima materia
unterscheidet Aristoteles die von der substantialen Form bereits aktua¬
lisierte Materie, das Material der bestimmten Einzeldinge ( H app 284):
die „letzte" Materie [Met. 0 7:1049a36 usf., aber 7) tcpcoty) Ixacrrcp tmoxei-
fievt] üXv) Phys. A 9:192a31, 193a29, vgl. wieder B aeumker 241, H app 308
Anm. 129). Diese ist das Substrat qualitativer, quantitativer und lokaler
Veränderung, „Bewegung" also in der Phys. E 1:225b7 u.ö. erläuterten
dreifachen Bedeutung. Diese aristotelische „letzte" Hyle ist es, die der
Autor des vorliegenden Zusatzes als „zweite Hyle" der „ersten" ge¬
genüberstellt, denn sie ist es, die der —- in aristotelischer Definition
2.4 ERSTE UND ZWEITE URSACHE ERSTE UND ZWEITE MATERIE 233

Prinzip der Bewegung — unterworfen ist: vgl. Phys. 193a29-30 (v) cpuctt;
AeYETOU) 7) 7tpCOT7) [ !] SXfXCnrCÜ Ü7TOXSlfXEV7] uAv) TÖV E^OVTCÜV SV OCUTOl? äpX^V X.(,V7)-

xou [i£TaßoXY)c. (Die Ausdrücke mustahll und muntaqil Z. r suchen v

vielleicht zwischen ji,sTaßoX^ und <pop<x zu differenzieren.) Analog wird in


einem Additament zu prop. 78 die Natur als al-qüwa at-täniya, Ssuxspa
Siivajjii?, bezeichnet (s.u. § 2.44): Der absolute Schöpfungsakt der Ersten
Ursache geht ihrem Wirken voraus.

2.44 Prop. 78 v-n „Die vollkommene Kraft ist diejenige, welche


alle Dinge bewirkt: dies ist die Erste Ursache." Die unvollkommene Kraft ist
die Zweite Kraft, d.h. die Natur. „Sie wirkt ausschliesslich durch Bewegung, und
die Bewegung ist in ihr von der Ersten Ursache ." (Add. ad 74.15-17 coctte
t eXeioc jasv 7) toü xoct' svEpysiav Süvocfn? ... <xte At )<; 8 s 7) toü Suva [i.si,, 7tap' exei-

VOU XTC0[Z£V7) TO TsXsiOV.)

Die bereits in prop. 76 vom Bearbeiter eingeführte, dort auf die


bewegte und die unbewegte Ursache bezogene Gegenüberstellung der
Ersten Ursache mit der Natur als „Zweiter Ursache" (s. § 2.43) wird nun
analog für die vollkommene und die unvollkommene Potenz gegeben.
Der Bearbeiter identifiziert die „vollkommene" Potenz (zum Begriff
und zu dessen Illustration Z. s.o. § 1.22) allein mit der Ersten Ursache,
7tavTcov oü-uol töv övTcov. Nun ist natürlich das Eine vollkommene Potenz

schlechthin (vgl. Plotin, Em. V 3:15.32-34), aber auch die intelligiblen


Formen sind kreative Prinzipien, die — im Gegensatz zur bloss passiven
Potentialität der Materie — unter den Begriff der ts A eioc Süvauu? fallen (s.
Dodds, Comm. 215, 242). Indemer diesen Begriff auf die Erste Ursache
einengt, übergeht der Bearbeiter die Hierarchie von jj.sTs^ojj.svat und
ä[is0EXTOi Suvaus!? (vgl. prop. 92:82.23-26) und transponiert die Trennung
zwischen vollkommenen und unvollkommenen Potenzen auf die (bei
Proklos übergeordnete, prop. 91) Differenz zwischen der unendlichen
transzendenten Kraft und den endlichen, zeitgebundenen Kräften der
natürlichen Körperwelt (s. das Folgende). Analoge Reduktionen sind
ja in den meisten Interpretamenten der arabischen Version enthalten,
welche die Erste Ursache betreffen.
Wie nun die Natur in 76 * -i der unbewegten Ersten Ursache als
bewegte „Zweite Ursache", Prinzip des Werdens durch Veränderung,
gegenübergestellt wurde, so auch hier als „Zweite Kraft", c/.tsat)c SüvcqxLt;:
Prinzip der passiven Potentialität der „Zweiten Materie", die sie
234 C: ADDITAMENTE UND INTERPRETAMENTE

hervorbringt (76 y Y-YY1, s.o . § 2.43) und der Bewegung und Veränderung
unterwirft. Hier ist wieder vor allem auf Aristoteles' cpum?-Begriff hinzu¬
weisen, so auf die bekannte Definition Phys. 200b 12 u.ö. 7) aüair v.p-/j] xtvvj-
aecoi; (vgl. De Caelo 268bl6), ähnlich Phys. 192b21 v.pyj] toü xiveict Oc« xal
tjoeixelv ; im vorliegenden Zusammenhang auch auf Met. 1048bl8-36 (mit
Ross, Comm. zu 1048b8); Phys. 201b31: „Unvollkommen" (unvollendet)
ist die Bewegung, weil die Möglichkeit, deren Verwirklichung sie ist, etwas
Unvollständiges darstellt ( v.-zzkzc, tö S uvoctov , oö sutiv svepysia). — Das Eine
dagegen wirkt ohne Bewegung — so nach Proklos, prop. 26:30.12-13:
TO £V ... aXlVYJTfü? U<p«ro]<7l TOt [ZST' aÜTO.

Eine parallele Glossierung ihrer Vorlage bietet die arabische Plotin-


paraphrase:
Enn. V 4:2.29-30 R.fi l- c Ilm al-ilähi 175:179.16
7] Se ' sxstvv)^ [evepysia],
octl c i Sfi i jpiiii ^ (jiiii J p IÜL,
SsT TuavTl E7vEG0ai e£, ävayxT]? s-rspoev
oöerav auToü. .[sie leg.] Jxä\j
Die Bemerkung am Schluss, dass die unbewegte Erste Ursache
Prinzip der Bewegung in der „Zweiten Kraft" sei, ist zwar eine An¬
wendung des allgemeinen Grundsatzes von prop. 56, steht aber in
Widerspruch zu prop. 76. Sie lässt hingegen an den Unbewegten Beweger
der aristotelischen Metaphysik denken (A 8:1073a24-25 dbuvvjTov xal xa0'
cjjtö xal xara cru[i.ßsßY )x6?, xivoüv Se rfjv 7tpa>TY]v ätSiov xai [xiocv xivyjctiv ). Das
Bestreben, platonische und peripatetische Theologie zu harmonisieren,
führte schon die alexandrinischen Aristoteles-Kommentatoren dazu, den
Ersten Beweger als causa efficiens darzustellen 29 : So ist umgekehrt der
Schöpferbegrifif (al-fä c il al-auwal, al-qüwa al-fä c ila li-gami c al-asyä%
den der Bearbeiter auf die Erste Ursache projiziert, neben der aristote¬
lischen Physis des vorliegenden Textes dem aristotelischen Gott ange¬
nähert worden — der evspysia (fä c il bil-fi c l, 78 a, \ •) des Unbewegten

29 Bereits Ammonios verfasst (nach Simplikios, In Phys. 1363.8-10) eine Schrift


darüber, dass Gott, d.h. Aristoteles' Unbewegter Beweger {Met. A 7-8), causa efficiens
(aiTiov 7toi.7)-rix6v, gegen A 7: 1072b 1 -3) des Universums sei, und Simplikios übernimmt
diese Anschauung (ibid. 1360.24ff.): Entgegen anderer Auslegung sei diese allein
gültig, denn Aristoteles folge seinem Lehrer Piaton (1360.29-30 aujicpcovco? aÜTÖv r&
atpETspcp xa07]YE|j,&v!, jxr) te Xocöv jxovov , äXka xal 7roi7)Ti>cöv ai'fiov töv 0söv XEY0VTa ) •
Vgl. R. Vancourt, Les derniers commentateurs 17-25.
3. zusammenfassung und schluss 235

Bewegers: Met. A 7:1072a25 xivoü[Z£vov xivsi, ätStov xou oucia xal evspyeta
oüctk , b8 xivoov ocutö äxEvvjTOv ov, svspysta öv.

3. Zusammenfassung und Schluss

3.1 Die Zutaten und Änderungen der arabischen Proklosversion


lieben sich in ihrer sprachlichen Form aus den übersetzten Partien kaum
heraus. Kleine Besonderheiten fallen auf (so sabab statt c illa 167A o,
bä°in statt mufäriq 16 \ k . \ <\), lassen aber angesichts der Einheitlichkeit
im übrigen keinesfalls den Schluss zu, dass der Text nach seiner Überset¬
zung ins Arabische von anderer Hand bearbeitet und glossiert worden
wäre. Wir können nur einräumen, dass der Ubersetzer selbst für einige
der in § 1 behandelten Zusätze (1.11-14) verantwortlich sein mag. Zu
propp. 16 und 78 i-v (§ 1.21-22) fanden wir Parallelen in der
De-Anima-¥,])itorciz, die vielleicht vom selben Übersetzer stammt (s.o.
B 3.6 S. 191). Die Tatsache, dass sie aus einem anderen Zusammenhang
herrühren und ohne Kenntnis dieses Zusammenhanges schwer verständ¬
lich sind, lässt es plausibel erscheinen, dass sie vom Übersetzer interpoliert
wurden; aber auch an Glossen, die er in seiner Vorlage fand, ist zu
denken. In jedem Falle kennzeichnen auch sie die Schultradition, aus
der die Texte zu den Arabern gekommen sind.
Auf einer anderen Ebene stehen die in § 2 zusammengestellten Inter-
pretamente. Nicht nur die Additamente, sondern auch die Substitutionen
(s. z.B. § 2.42), Modifikationen (z.B. § 2.22) und Lücken (§ 2.23) folgen
einer einheitlichen philosophischen bzw. theologischen Intention, die
sich mit dem übersetzten Text aufs engste verbindet (dabei freilich nicht
nur zum System des Proklos im ganzen, sondern auch zu einzelnen
Aussagen des übersetzten Textes in Widersprüche gerät). Dass auch diese
Interpretamente vom Übersetzer stammen, er also zugleich der Bear¬
beiter sei, lässt sich schwerlich annehmen. (Ein konkreter Hinweis auf
ein griechisches Substrat des ganzen Textes ist das seltene Fremdwort
x <xta <pa<7t<; 167A \ y, i r, s.o. B 1 .19.)

3.2 Welche Aspekte der proklischen Metaphysik dem Bearbeiter


wesentlich und akzeptabel erschienen, geht z.T. schon aus der Auswahl
der übersetzten propositiones hervor. Diese Auswahl ist für das Gesamt¬
system der Institutio theologica nicht repräsentativ. Überdies werden einige
der behandelten Thesen durch die Änderungen und Zusätze des
236 C: ADDITAMENTE UND INTERPRETAMENTE

Bearbeiters in den Dienst einer abweichenden Grundanschauung


gestellt.
Im Vordergrund steht das Eine als die Erste Ursache, als Prinzip
alles Seins und Werdens. So wird anfangs in propp. 1-3 und 5 die Priorität
des Einen vor der Vielfalt behandelt, in prop. 62 die Progression von der
Einheit der Ersten Ursache bis hin zur Vielfalt der Körperwelt. Weitere
Prinzipien, die nach Proklos' Anschauung das Kausalverhältnis der
höheren Stufen des Seienden zu den niederen Ordnungen bestimmen,
werden ebenfalls auf die prima causa bezogen: Das Eine ist die schlechthin
unbewegte Ursache (prop. 76), „vollkommene", aktive Potenz (reXsta Sii-
vaiiic, propp. 78-79). Entsprechend werden der intelligible und der intellek-
tuale Aspekt der zweiten plotinischen Hypostase — bei Proklos einander
subordiniert — in die Erste Ursache verlegt: Das Eine ist das qualitätslose
reine Sein (propp. 73-74), Övtco? ov (prop. 86, § 2.23, cf. §2.13) und erster
Nüs („über dem nichts anderes ist", prop. 167 y, i<\). Die Folge der
Hypostasen ev, voü?, iu/j), (puau; und der processus koordinierter Ordnungen
von svaSe?, vosq, <bu~/jyi, cpiiasn; wird mit prop. 21 vorgestellt, jedoch in einem
Corollarium des Bearbeiters unter ein vereinfachtes, dreistufiges Schema
subsumiert (§ 2.13): Zwischen dem Einen und der Körperwelt steht eine
Klasse reiner Formen. Folgerichtig tritt an die Stelle der Oeiai. evaSs?, die
zwischen dem Einen und dem Nüs vermitteln, in der Version von prop.
62 das Eine selbst (§ 2.14). (Die svtxSsc; von prop. 21, ar. al-asyä 3 al-
wakida, wurden wohl als eins-seiende Dinge, ev xoctgc t*jv jxs Os^iv i.S.v. propp.
1-3, verstanden und daher nicht eliminiert.) Auch die rcpci-ry] dbreipia (prop.
91) und die unendlich-aktive Potenz des övtm<; öv (prop. 86) gehören dem
Einen an (§ 2.23-24). Die Existenz der geistigen, immateriellen Formen
(as-suwar ar-rühäniya ) wird aus der sracrTpcxpT) upö? sowto der selbstbewe¬
genden Substanzen abgeleitet (propp. 15-17, §2.11). Gegenüber der
Passivität der Körperwelt stellen sie das aktive Prinzip dar (prop. 80),
und gegenüber der Zeitlichkeit der Körper gehören sie dem Bereich des
a'iwv an (prop. 54, § 2.12).
Obwohl das Gesetz der Emanation, der /rpooSot; des Vielen aus dem
Einen, zweimal erwähnt wird (prop. 5, 21), wird es — wie auch das
korrelative Gesetz der sracrrpotpr\ — in den übersetzten Abschnitten nicht
eigens behandelt. Die Immanenz-Transzendenz-Antinomie (das Eine
ist cqjiOsxTov, doch Grund allen Seins) kommt nur prop. 5:6.7 ff. zur
Sprache, wird aber in der Version durch eine Änderung des Textes
3. zusammenfassung und schluss 237

aufgehoben (§ 2.22). Mit der unbewegten Ursache von prop. 76 identifi¬


ziert, erschafft die Erste Ursache „aus nichts" die unbewegte Erste Ma¬
terie; an die Stelle des vielschichtigen Emanationsprozesses, der die
Hierarchie der Hypostasen, der ä[xs0exta und [xetexo[j.svoc sI'Sy) durchläuft,
tritt so ein einfacher Schöpfungsakt: Gegenüber der kreativen svspyeta
des unbewegten Bewegers steht die Natur als Prinzip der Bewegung
und Veränderung (§ 2.41-44).
3.3 Einige Leitmotive treten klar zutage: Der Bearbeiter eliminiert
die Mehrzahl „göttlicher" Henaden. Zwischen dem Einen und dem
Bereich der evuAot siSyj steht eine Klasse reiner Formen, doch an die Stelle
der Hierarchie vermittelnder Hypostasen tritt die Erste Ursache selbst,
reines Sein und Schöpfergeist.
Nehmen wir an, dass die Interpretamente bereits dem griechischen
Substrat der arabischen Texte angehörten, so stellt sich die Frage nach
den Quellen und Überlieferungswegen dieser Umbildung und Verein¬
fachung des proklischen Systems. Die naheliegende Vermutung, dass
christliche Theologie für ihre monotheistische Tendenz verantwortlich
ist, lässt sich auch im einzelnen belegen 30 : Es ist der erste christliche
Lehrer der Schule von Alexandria, Johannes Philoponos, der von Gottes
creatio ex nihilo das Schaffen der Natur — Umwandlung bereits beste¬
hender Substanzen — unterscheidet (s. § 2.43a, S. 230); und sein Schüler
Stephanos liefert mit seiner Kataphasis-Theorie des göttlichen Nüs eine
Erklärung für die Erkenntnislehre des Textes 167A (s. § 2.322, S. 221).
Auch die Parallelen zur Z>g-yfeV?2a-Interpretationdes Philoponos (§ 1.21-
22), vielleicht erst Glossen einer jüngeren Überlieferungsschicht, sind
als Zeugnisse für den Einfluss dieser Schule zu werten.
Auf der anderen Seite sahen wir, dass die Drei-Prinzipien-Lehre, dass
auch die Nüs-Theologie der Additamente in einer älteren Tradition
steht, die sich über Simplikios und Porphyrios bis auf die Systematik

30 Auch der Terminus rühäni («TtvsujxaTtxoi;») begegnet u.a. in christlicher Umge¬


bung (s. B 1.11, vgl. den oben S. 198 zitierten Text), aber sonst finden wir keine
spezifische „Christianisierung" der Terminologie durch den Übersetzer, wie sie z.B. in
Ishäqs Ubersetzung von De Aet. mundi vorliegt; vgl. Ana'wati, Un fragmentperdu 24 m.
Anm. 3, Badawi, Un Proclus perdu 151. Vgl. auch G. Strohmaier : Die griechischen
Götter in einer christlich-arabischen Übersetzung. Zum Traumbuch des Artemidor in der Version
des flunain ihn Ishäq (1968).
238 c: additamente und interpretamente

des „mittleren" Piatonismus zurückverfolgen lässt (s. S. 205, 225). Nicht


platonischer, sondern peripatetischer Einfluss zeigt sich hingegen in den
Begriffen der „ersten" und „zweiten" Hyle (§§ 2.41, 2.43b) und auch
im Begriff der Physis — „zweite" Ursache als Prinzip der Bewegung
(§§ 2.43a, 2.44) —, welche der Bearbeiter in die Kausalitätslehre des
Autors hineinträgt. Im gleichen Kontext wird die Erste Ursache „un¬
bewegtes" energetisches Prinzip genannt (§2.44): Wir erhalten eine
Synthese neuplatonischer und aristotelischer Theologie, in der das Eine
zugleich voö<; voy)to <; (§2.3), der Unbewegte Beweger zugleich causa efficiens
der Schöpfung ist. Gerade an der Frage nach dem Wirken Gottes setzen
auch die Versuche einer Harmonisierung zwischen platonischer und
aristotelischer Philosophie an, Bemühungen, die freilich in der vorplo-
tinischen Akademie wie auch im Peripatos (durch die Noetik Alexanders)
vorbereitet und durch den Rückgriff auf die ältere Schultradition er¬
leichtert waren. Aber auch diese Tendenz verweistuns auf die alexan-
clrinische Scholastik: Wir finden sie bei den Aristoteles-Kommentatoren
der Ammonios-Schule ausgebildet (s.o. S. 234, Anm. 29); und die Pro¬
minenz aristotelischer Lehre, der gegenüber die Subtilitäten der neu¬
platonischen Spekulation zurücktreten, ist ganz allgemein charakteristisch
für die späten Vertreter der Schule von Alexandria, zumal seit ihrer
Christianisierung. Vor allem in Alexandrien wird ja die Kontinuität des
aristotelischen Unterrichts aufrecht erhalten und auf dem Wege über
Antiochien und Harrän bis an die arabischen Logiker des 10. Jahr¬
hunderts weitergegeben. 31
Dass auch die Überlieferung der Proklostexte diesen Weg gegangen
ist, können wir aber daraus noch nicht schliessen. Zwar ist Philoponos'
Lehrer der Proklosschüler Ammonios gewesen — seine Aristoteleskom¬
mentare beruhen weitgehend auf dessen mündlichem Vortrag 32 — aber
im Jahre 529, dem Jahr der Schliessung der Akademie, vollzieht er mit
seiner Widerlegung von Proklos' De Aeternitate mundi den offenen Bruch
mit der heidnischen Philosophie. Ob ein Lehrbuch des Proklos unter
Philoponos' Schülern weiterhin gelesen wurde, ist sehr fraglich.
Dessenungeachtet sind es gerade christliche Autoren, die neuplatonisches

31 M. M eyerhof: Von Alexandrien nach Bagdad (1930); H.-D. S affrey: Le chräien


Jean Philopon et la survivance de l'ecole d'Alexandrie au VIe siecle (1954).
32 H.-D. S affrey, Le chretien Jean Philopon 405 f.; M. R ichard: 'K-ko (p&wrji; (1950).
3. zusammenfassung und schluss 239

Denken aufnehmen und fortbilden, um es der philosophischen Vertie¬


fung der Glaubenswahrheit dienstbar zu machen. Auch wenn sich
im einzelnen nicht mehr ermitteln lässt, unter welchen äusseren
Umständen Proklos' Werke in den drei Jahrhunderten zwischen Justinian
und al-Ma :>mün studiert, ausgezogen und bearbeitet wurden: Die
genannten Parallelen zur Philosophie der Spätantike zeigen, woher
die Einflüsse kamen, denen die Interpretation neuplatonischer Schriften
seit dem sechsten Jahrhundert ausgesetzt war. Die Synthese, welche
Aristotelismus, Piatonismus und monotheistische Theologie bei den
islamischen Philosophen eingingen, war in ihren Quellen vorbereitet. 33
Vielleicht haben wir das Bindeglied in der Überlieferungskette in Harrän zu suchen,
wo ja auch die syrischen Erben der Schule von Alexandria um die Mitte des 9. Jahr¬
hunderts Zuflucht fanden (s. M. Meyerhof, Von Alexandrien nach Bagdad 21 [407]).
Einen Anhaltspunkt dafür gibt der früheste Bericht, der uns über die philosophisch¬
theologischen Anschauungen der „Säbi Der" von Harrän erhalten ist, nämlich eine
Schrift des Ahmad ibn at-Taiyib as-Saraxsl nach der Autorität seines Lehrers al-
Kindl (erhalten u.a. durch den Auszug des Fihrist, s. F. R osenthal, Sarahst 41-51).
Danach gaben sie der Welt eine einzige, transzendente Ursache ( Fihrist 318.15: c illa
lam yazal wähid läyatakatlar lä talhaquhü sifat sai° min al-ma c lülät) ; Gott ist einer und sonst
durch kein positives Attribut zu beschreiben (320.5-6 Alläh wähid lä talhaquhü sifa wa-lä
yagüz calaihi xabar mügab ); die Seele ist eine unvergängliche und unkörperliche Substanz
(320.3-4 annahä [sc. an-na/s] darräka lä tabid wa-annahägaitkar laisat bi-gism wa-lä talhaquhä
lawähiq al-gism ). Nach Saraxsi bzw. Kindi sind diese Auschauungen aristotelisch; das
gilt in der Tat für ihre Kosmologie und Physik ( Fihrist 319.31 zufolge), aber was wir
über ihre monistische, „negative" Theologie erfahren, verrät eher neuplatonischen
Einfluss: Gerade in den Proklostexten können wir die erwähnten Lehren nachweisen
(vgl. §§2.21, 2.23, 1.21). Freilich wissen wir nicht, inwieweit der Berichterstatter
seine eigenen Anschauungen und Begriffe auf ihr Denken projiziert hat; es scheint,
dass die Harränier neben den astrologischen Traditionen des Orients vor allem die
magisch-okkulten Strömungen des Hellenismus aufnahmen. Wir müssen aber damit
rechnen, dass sie auch bei der Überlieferang neuplatonischen Denkens eine nicht
unbedeutende Rolle spielten; Theurgie und okkulte Spekulation sind ja charak¬
teristische Züge auch des späteren Neuplatonismus (so bei Jamblichos und Damaskios).
Auch die Beziehungen der Theologia Aristotelis zu den in diesen und anderen Quellen
überlieferten Anschauungen der Sabina verdienten nähere Untersuchung. 34

33 Vgl. R. W alzer, Greek into Arabic 13, 187 ff., Ueveil de la Philosophie islamique,
216 f., 221 zu den Quellen des Kindi (s.a. unten S. 242 IT.); Greek into Arabic2l, 206 ff.,
L'eveil 226 ff. zu den Vorläufern des Färäbi.
34 Vgl. auch G. G. S alinger: Neoplatonicpassages in the «Nabataean Agriculture»,
work of the tenth Century ascribed to B. Wahshiya (1967).
240 C: ADDITAMENTE UND INTERPRETAMENTE

3.4 Genauer und vollständiger als die zwanzig propositiones vermit¬


telt der Liber de Causis die Lehre der Institutio theologica. Auch hier tritt
zwar an die Stelle der 0siai evaSs? die eine Erste Ursache (vgl. bäb 19:95.
1,5, 20:98.1, 23:102.1 mit propp. 122:108.1, 134:118.20, 14-2:124.27),
und auch hier finden wir, repräsentiert durch den Terminus ibdä c ,
einen Schöpfungsbegriff, der dem Grundwerk fremd ist (s.o. § 2.43a,
S. 231). Auf der anderen Seite werden die systematischen Elemente viel
eingehender behandelt, wird die ganze Seinshierarchie entwickelt. Die
Stufen der proklischen TTpooSo? vom Einen über ov und vou? — deren Subor¬
dination hier bewahrt bleibt (s. bäb 2 u. 4) —zu und <püci<; erscheinen
als Folge kausaler Wirkkräfte ( bäb 8). Die Wirkungsweise dieser causae
wird im 1. bäb im Anschluss an propp. 56-57 erläutert — hierauf geht der
lateinische Titel des Werkes zurück; der arabische Titel al-Idähfi l-Xair
al-mahd auf die Bezeichnung der prima causa als das Gute (bäb 8, 19). Die
Erste Ursache wird, wie schon erwähnt, auf Grund der Henadenkapitel
der Institutio behandelt {bäb 19-23, 31); daneben nimmt die Darstellung
der voe? ( bäb 6-12 nach propp. 167 ff.) und der aüöuTtoaTocTa ( bäb 24-28
nach propp. 43-51) besonders breiten Raum ein. Thematik und Systematik
seien hier nur soweit umrissen, damit deutlich wird, wie wenig der Liber
de Causis und unsere Proklosauszüge miteinander gemein haben. Wir
haben im LdCausis nicht nur eine andere, umfangreichere Auswahl aus
dem Grundwerk vor uns, sondern der Bearbeiter steht auch in seiner
philosophischen Überzeugung dem Autor weit näher. Wohl folgt auch er
der Abstraktion und dem Schematismus der Vorlage nicht ohne Ein¬
schränkung (s.o. S. 211 f.) —die Divergenzen im einzelnen aufzuzeigen,
ist hier nicht der Ort —, aber er bleibt weit entfernt von der Verein¬
fachung und der bewussten Reduktion, die unsere Proklosversion
auszeichnen. Die monotheistische und kreationistische Tendenz, die
auch hier zutage tritt, weist auch hier auf christlichen Einfluss, aber es
ist das Christentum des Verfassers der pseudo-dionysischen Schriften, an
das wir hier erinnert werden (s.o. S. 207), nicht das der christlichen
Aristoteles-Kommentatoren. Aristotelische Begriffe, auch die bei Proklos
selbst verwendeten (wie prop. 76-79), fehlen im Liber de Causis ganz. Wir
finden also bestätigt, was schon der Vergleich der sprachlichen Form
ergab (S. 187 f.): Auf eine gemeinsame „Proklosquelle" lassen sich die
beiden Texte nicht zurückführen.
3. zusammenfassung und schluss 241

3.5 Gleiche Grundtendenzen zeigt aber die Plotininterpretation der


Tkeologia Aristotelis und der übrigen Texte der arabischen Plotinpara-
phrase, Tendenzen, die sich zunächst wieder auf das Bemühen zurück¬
führen lassen, platonische und monotheistische Theologie zu harmonisie¬
ren. Die verschiedene Thematik und Systematik der Substrate lässt
engere Beziehungen zwischen den Plotiniana und der Proklosübersetzung
zunächst nicht erwarten. Um so mehr fallen einige Parallelen auf, die
z.T. bis in die Formulierung gehen (s.o. S. 209 f., 218, 223 f., 234). Sie
beweisen, dass die Texte nicht nur -—■ wie ich oben gezeigt habe — in
derselben „Schule" übersetzt wurden, sondern auch demselben Milieu
spätantiker neuplatonischer Überlieferung entstammen. Dass die Prok¬
lostexte als „Auszug aus der Theologie des Aristoteles" überschrieben
sind, ist ein weiterer Hinweis auf diesen Zusammenhang.
Auf die peripatetischen Elemente auch in den Zusätzen und Interpretamenten
der „Theologie" hat A. Mrozek, Elementy Anjstotelizmu w tzw. „Teologii Arystote-
lesa" (1967) hingewiesen. — Als Urheber dieser „neuaristotelischen" Plotininterpre¬
tation ist nach den Untersuchungen von W. Kutsch und P. Thillet (s.o. S. 68)
wahrscheinlich schon Porphyrios anzusehen (vgl. auch Ph. Merlan, Monopsychism
16 ff., 25). Freilich sprechen die engen Parallelen zu den arabischen Proklostexten
(deren Vorlage kaum vor der Mitte des 6. Jahrhunderts entstanden sein dürfte) gegen
eine allzu frühe Datierung des griechischen Substrats der „Theologie".
Wenn also die Zuschreibung dieser Texte an Aristoteles nicht nur
auf Zufällen der Überlieferung beruht, können wir die Absicht, welche
hinter dieser Zuschreibung steht, genauer bestimmen: Die Bearbeiter sind
Platoniker in den Grundanschauungen ihres philosophischen Denkens;
doch die Schultradition, in der sie stehen, bewahrt dem Lehrgebäude
des Stagiriten im wesentlichen unangefochtene Geltung, auch wenn
strittige Punkte neu interpretiert werden mussten. So wie schon die
Aristoteleskommentatoren der Akademie (darunter Simplikios) die
Lehre des Aristoteles mit der platonischen Metaphysik zu harmonisieren
bestrebt waren, suchen sie nun auch dort die Autorität des Aristoteles
für ihre monistische Metaphysik bzw. ihre monotheistische Theologie zu
vindizieren, wo die echten Metapkysica Anstösse und Widersprüche er¬
gaben. Unter dem Namen des Aristoteles vorgelegte Schriften neuplato¬
nischer Autoren, mit Interpretamenten aristotelischer Doktrin verbrämt,
konnten diese Schwierigkeiten beseitigen. Auch in der islamischen
Philosophie, wo diese Schriften durch arabische Übersetzungen Eingang
fanden, blieb so Aristoteles' Rang als des Ersten Lehrers unangetastet.
Proclus - 16
DEUTSCHE ÜBERSETZUNG
Vorbemerkung

Die deutsche Wiedergabe soll die arabische Proklosversion auch dem


Nichtarabisten zugänglich machen, dies vor allem um der Zusätze und
Modifikationen willen. Sie ist daher mehr um Worttreue als um sprach¬
liche Glätte bemüht. Wie in der arabischen Edition zeigen die am
Rande angegebenen Seiten und Zeilen die Korrespondenz mit der
griechischen Textausgabe von E.R. Dodds an (auch das Auffinden
einer arabischen Textstelle in der Übersetzung soll dadurch erleichtert
werden). Alle Partien, die keine Entsprechung im Griechischen haben,
sind durch Kursivsatz gekennzeichnet, Lücken durch ein Paar ge¬
schweifter Klammern. Die übrigen Zeichen entsprechen denen der
Edition.
Der Kommentar behandelt alle Divergenzen zwischen dem grie¬
chischen Text und der Version. In manchen Fällen können wir
solche Abweichungen auf Varianten des griechischen Exemplars zu¬
rückführen, das der Übersetzung zugrundeliegt; der aus dem ara¬
bischen Text erschlossene Wortlaut der Vorlage ist in diesen Fällen
durch das Siglum AR bezeichnet. In vielen Fällen ist es jedoch,
fraglich, ob eine Variante der Vorlage angenommen werden kann oder
ob wir es nur mit einer Freiheit oder Ungenauigkeit des Übersetzers zu
tun haben. Ich habe auch in diesen Fällen häufig die griechische
Entsprechung des Arabischen gegeben, hier aber durch das Siglum
Ar („die arabische Übersetzung") angedeutet, dass ein Rückschluss
auf die griechische Textgestalt nicht ohne weiteres möglich ist. Na¬
türlich ist eine Entscheidung darüber oftmals nicht leicht zu treffen;
das gilt vor allem auch für Auslassungen und Vereinfachungen
schwieriger Sätze und Wörter. Ich habe daher auf einen gesonderten
Variantenapparat zum griechischen Text verzichtet. Auch stark ab¬
weichende Interpretationen und Zusätze sind zuweilen in der An¬
merkung ins Griechische zurückübersetzt, aber zwischen Anführungs¬
striche gestellt; wir können zwar annehmen, dass solche Divergenzen
250 DEUTSCHE ÜBERSETZUNG

und Interpretamente nicht auf den Übersetzer, sondern bereits auf


eine griechische Bearbeitung des Proklostextes zurückgehen, müssen
aber, so gut es geht, zwischen dem Sondergut des Bearbeiters und dem
von ihm benutzten Exemplar der Institutio zu unterscheiden suchen.
Für die umfangreicheren und in den Sinnzusammenhang stärker ein¬
greifenden Interpolationen und Additamente wurde auf deren Analyse
in Kap. G (S. 194 fF.) verwiesen.
Schliesslich sollen in den kommentierenden Anmerkungen gele¬
gentlich auch Freiheiten in der Wortwahl und Ausdrucksweise des
Übersetzers durch Hinweise auf entsprechende Synonyme und Formu¬
lierungen bei Proklos und anderen griechischen Autoren erläutert
werden. Wie schon die S. 171 ff. angeführten Parallelen zur Stilistik
sollen diese Hinweise zeigen, dass der Übersetzer in einer Schultradition
stand, die ihm z.B. Synonyme an die Hand gab oder gewisse Freiheiten,
auch Inkonsequenzen, in der Wiedergabe einzelner Begriffe nahelegte.
Eine unmittelbare Abhängigkeit von Glossen oder gar von Varianten
der Vorlage lässt sich dabei nicht voraussetzen.
Zeichen und Abkürzungen

Übersetzung:

[•••]
Ergänzung einer Textlücke, die durch Beschädigung der
Handschrift entstanden ist
<•••> Konjekturale Ergänzung
(...) Ergänzung zum besseren Verständnis der deutschen
Wiedergabe
I 2 } Lücke gegenüber dem griechischen Text (mit Anmer-
■kungsziffer)

Kursivsatz Partie ohne Entsprechung im griechischen Text

Die Zahlen am Rande bezeichnen die griechische Entsprechung


nach Seite und Zeile der Edition von E.R. Dodds (Oxford 2 1963).

Kommentar:
Ar Die arabische Übersetzung
AR Die griechische Vorlage der arabischen Übersetzung
entspricht, entsprechend (zwischen gr. und ar. Wörtern
und Zitaten)
2.12 Seite und Zeile des gr. Textes in den Stellenangaben
der jeweils behandelten propositio sind in kursiven
Ziffern gesetzt.
253

Prof. 1 (Dodds 2.1-14)

ÜBER DIE ERSTE URSACHE

In jeder Vielfalt ist das Eine vorhanden. 2.1


Wenn (nämlich) in keinem ihrer Teile das Eine ist, dann ist 2.2
weder das Ganze eines, noch irgendeines der vielen Dinge, aus welchen
die Vielfalt besteht. Vielmehr wird ein jedes von ihnen ebenfalls vieles
sein, und so fort ins unendliche; und auch jedes einzelne — in dieser 2.4
unendlichen (Menge) — wird wiederum unendich an Vielzahl sein. Ist
nämlich in einer Sache durchaus nicht das Eine vorhanden, weder in 2.6
ihrer Gesamtheit noch in ihren Teilen, aus denen sie zusammengesetzt
ist, so hat sie kein Ende in jeder Hinsicht, weder in ihrer Gesamtheit
noch in ihren Teilen. Denn jedes beliebige Teil des Vielen, welches
du auch nimmst, ist eines oder nicht-eines. Wenn es nicht-eines ist,
so ist es entweder vieles oder nichts; und wenn jedes von den Teilen 2.9
des Vielen nichts ist, dann wird auch das aus ihnen Zusammengesetzte
nichts sein. Wenn aber ein jedes von den Teilen des Vielen vieles ist,
dann muss jedes Teil des Zusammengesetzten zusammengesetzt sein
aus unendlichen Dingen. Aber das ist ganz unmöglich — denn wir 2.10
finden nichts, das zahlreicher als das Unendliche wäre—: sonst wäre
das Teil mehr als das aus den Teilen bestehende Ganze. 1 Es ist
< also) nicht möglich, dass irgend etwas aus unendlichen Teilen be¬
stehe, und es ist ebenso unmöglich, dass etwas aus gar nichts bestehe. 2.13
Wenn das so ist, dann ist klar, dass in jeder Vielfalt das Eine vorhanden
ist und dass das Eine vor dem Vielen ist. 2

Wenn dem so ist, darf die Erste Ursache nur eine sein; sie ist vor den vielen

Dingen und in ihr ist nichts von Vielfalt: sie ist die Ursache aller Vielfalt. 3

1 2.12 to Sk Ix 7tavTtdv excccftou TtXsov: Mit der Vertauschung von Subjekt


und Prädikat formuliert Ar die Konklusion einer (elliptischen) deductio ad absurdum.

2.11 oüxe ... ovtcov wird als Folgerung nachgesetzt.


2 Cf. prop. 5:4.19 jräv SsuTEpov ectti toü evö<;.

3 Cf. prop. 5:6.20-21 toxv 7iX7)0o? ä~ö toü co>toevö<; ; prop. 11:12.8 toxvtoc t&
ovTa 7rpO£i(ji.v dato [xta? aixioct;, ty)? jtpci>T7)<; ; 11:12.32-34 oti. yap (xtav etvai Set ttjv
äpxh v > SeSeixTca, Sloti. toxv 7tXt)0oi; Ssiixepov ü(psaT7)XE toü evo?. — Zu den Additamenten
der ar. Version insgesamt s.o. C 1-2, S. 194 ff.
254

Prop. 2 (Dodds 2.15-25)

ÜBER DIE ERSTE URSACHE

2.15 Jedes Ding, in welchem das Eine vorhanden ist, ist eines und
nicht-eines.
2.16 Ist es nicht-eines 1 und ist (doch) das Eine in ihm vorhanden, so
muss es von dem Einen verschieden sein. Wenn dem so ist, dann nimmt
2.18 es passiv das Eine auf, es empfängt das Eine und wird dabei eines. Wenn
es aber etwas gibt 2 , das nichts als nur eines ist, so ist dies unbedingt
eines, absolut eines — eines nicht daher, weil es das Eine empfangen
hätte, sondern allein eines, denn in ihm ist nichts ausser seinem Sein. 3 Gibt
2.20 es nun 4 etwas anderes ausser dem absolut Einen { s }, so ist dies eines —
nicht aus sich selbst 6 , sondern weil es das Eine empfangen hat. { 7} Darum
2.23 ist es nicht an sich eines; und so ist dieses Ding (zugleich) eines
und nicht-eines. { 8 } Eines ist es nämlich nur insofern, als es das Eine
empfängt und von ihm affiziert wird.
2.25 Nun ist klar geworden, dass alle Dinge 9 eines und nicht-eines
sind im genannten Sinne und dass die Erste Ursache das allein Eine ist —
nichts anderes ist ihm vermischt — und alle Vielfalt von ihr verursacht. 10

1 2.16 \rq aÜTolv: «o£>x ev » Ar, präzisiert durch [aetsxsi (yap) toü svo; der
folgenden Parenthese, die der Ubersetzer nicht als solche erkennt und auflöst: Mit
aXAo tt 6v 7iapcc to ev beginnt er bereits eine tautologische Apodosis.
2 2.18 stra : « egti tt » Ar.

3 2.19 aüiro£v : Das Eine, die prima causa, ist reines Sein; ein charakteristisches

Interpretament der arabischen Proklosversion. S. o. G 2.13, S. 206 ; 2.23, S. 215.


4 2.19 lern : egti Ar.

5 2.20-21 o jj.7) egtiv äv [ tö f*ete^ov toü kvbt; xai ov% ev soti xai ev] : om. AR.
Das Fehlende koinzidiert nur zum Teil mit Dodds ' Athetese.

6 min agli dätihi « xaxä ttjv uttap ^tv »; vgl. Glossar s.v. dü.
7 2.21-22 toüt&) öcpa oüx ev ecrav, oüS' 07rep ev • sv 8k ov ajj.a vsjx u.s-zeyyj toü evo?:
om. AR (per homoeoteleuton?).
8 2.23-24 -apa tö Sv aXXo ti ov * qj [xev eTcXeovaaev, oüy_ ev: om. AR (per homoeo¬
teleuton).

0 2.25 Ttäv. — to |xete/_ov toü evo? bleibt unübersetzt. Sinngemässe Einschränkung


durch die Wendung bil-ma cnä lladi dakarnä.
10 Vgl. 1 \ 1-Y 1 ; wieder wird das in der propositio deduzierte Eine — das ab¬
solute Eine — mit der Ersten Ursache identifiziert (s. o. C 2.21, S. 213). — Zum

Zusatz lä yasübuhü sai 3 äxar « ainyzc, » vgl. 73 \ a, 74 \ Y* (s. o. C 2.23, S. 216).


255

Prop. 3 (Dodds 4.1-8)

ÜBER DIE ERSTE URSACHE

Alles, was eins wird, wird eins nur, weil es das Eine empfängt. I 1} 4.1
Falls nämlich diejenigen Dinge, die nicht an sich eines sind, 4.3
eines werden, so nur dann, wenn sie sich versammeln und einander
verbinden und also die Einsheit annehmen. Somit ist das Eine in ihnen 4.5
ein Affekt und eine Wirkung unter anderen . 2 Wenn dem so ist, dann ist
das Eine in den Dingen als ein Affekt und eine Wirkung 3 , und derge¬
stalt befindet sich das Eine in (allen) Dingen. Ein Ding aber, welches
an sich wahrhaft eines ist, ist nicht eines durch einen Werdevorgang; 4.7
denn dem Werden ist nicht das Sein, sondern das Nichtsein eines Dinges
unterworfen. Ist das eine dem Werden unterworfen, wird es also
eines aus nicht-einem, 4 denn es wird eines von seiten des Einen; es 4.8
wird eines, weil es das Eine empfängt.
Also ist nun klar und erwiesen, das die Erste Ursache nur Eines ist,
allein von den übrigen Dingen, und dass die übrigen Dinge nur insofern eines
sind, als sie das Eine empfangen — nicht aus sich selbst, denn an sich sind sie
vieles. 6

1 4.2-3 aütö (aev yap otj/ sv laxi, xa0ö 8 e ttettov S s tyjv (j.etoj(Y)V toü svo?, ev ectiv:
om. AR.
2 4.5 oü>t ovtoc otrsp ev : om. AR? Oder dient der Vorgriff auf den folgenden
Satz (4.5-6), der doppelt übersetzt erscheint, zur freien Explikation des Fehlenden?
3 atar « tox0o<;»; fi°l « evspyeia » als Aktiv zu infi c äl, das ebenfalls traöoq bedeutet
(vgl. Glossar s.v. und B 2.11, S. 157).
4 Ar beginnt mit 4.7 ix toü y.7) Ivo? den Nachsatz. Die Periode wird in meh¬
rere, einander explizierende Einzelschlüsse aufgegliedert.
6 Vgl. etwa prop. 4:4.9 rcäv to r)vcofi.£vov s-repov eaxi toü aütoe v6?. Im übrigen
bezieht der Bearbeiter wieder die Qualität des ev y.aO' oo>t 6 auf die prima causa
(s.o. C 2.21, S. 213).
256

Prop. 5 (Dodds 4.19-6.21)

UBER DIE ERSTE URSACHE

4.19 Alle Vielfalt ist nach dem Einen.


4.20 Wenn es eine Vielfalt vor dem Einen gibt, entsteht das Eine aus
dem Vielen 1 und ist mitnichten in der Vielfalt, welche vor dem Einen
4.22 ist, da ja der Gegenstand vieles sein sollte, bevor er eines würde —
denn es (kann) nichts in ihm sein, was nicht existiert. Das Ding
4.24 aber, in welchem das Eine ist, ist zugleich eines und nicht-eines, je nach

dem gemeinten (.Bezug ). 2 Nun behaupten wir, das Eine existiere nicht,
bevor die Vielfalt sei, da die Vielfalt vor dem Einen wäre. Dies ist
4.25 (jedoch) absurd und unmöglich, ich meine, dass ein Ding vieles ist und
das Eine durchaus nicht in ihm sei. Wenn das unmöglich ist, dann ist
also die Vielfalt nicht vor dem Einen.
4.27 Wenn nun einer behauptet, das Eine und die Vielfalt seien
4.30 zugleich uranfänglich 3 { 4} und keines sei vor dem andern oder nach
ihm — dann könnte das Eine sich vervielfachen 5 und auch jedes seiner
4.32 Teile nicht-eines werden, und so fort ins unendliche. Das ist (aber)
6.1 unmöglich. Wenn das unmöglich ist, muss in der Natur der Vielfalt
das Eine vorhanden sein, und wir sind nicht imstande, ein Teil von ihr
zu nehmen ausser es sei eines — denn ist es nicht eines, dann ist das

1 4.20-21 ei yap eciti 7rX7)0oi; tidö toü evo?, to (j.ev ev [isos^ei. tou TrXrjQou?. Der ar.
Text ist unsicher; Ms.: „Wenn es eine Vielfalt nach dem Einen gibt, ist das Eine
in der Vielfalt, nicht (aber) in der Vielfalt, welche vor dem Einen ist". Damit
würde zunächst die Eingangsthese wiederholt (jedoch als Hypothese!), und erst mit
4.21 tö 8e to 7rpö toü evö ? ... würde die gegenteilige Annahme formuliert.
Die Emendation folgt cAbdallatIf 200.15-16.
2 D.h. xa0' ötrap ^tv nicht-eines, xcora (xe Ge ^ w eines; vgl. prop. 2.
3 qadlm „präexistent", s. o. B 1.20, S. 148 f.
4 4.27-29 aüaToi^a ... eitiep : om. Ar. — 28 xP° vtP ••• cpiiasi mag bereits in der
Vorlage durch Homoioteleuton ausgefallen sein.
5 4.30-31 tö oöv liWrßöQ y.aQ' aüto oü/ sv Sarai : ta.taka.ttar al-wähid entspricht
vielmehr 6.8-9 7ie7i;x^0ucr(isvovecjtccl tö ev . Schon in der Vorlage AR dürfte eine,
vielleicht dorthin gehörige, Glosse hier an falscher Stelle substituiert worden sein.
Auch das folgende Satzglied 4.31 xai exocotov t&v ev oaitcji oü/ ev wird nun auf tö
ev bezogen, einwandfrei im syntaktischen Anschluss, doch sinnwidrig. ( cAbdallatIf
[201.17] übergeht den ganzen Abschnitt 4.27-32.)
PROF. 5 deutsche Übersetzung 257

Viele unendlich zusammengesetzt aus unendlichen Teilen, und das ist


absurd. 6 Wenn dies absurd ist, so muss in der Vielfalt wahrhaftig
das Eine vorhanden sein.
Wenn es nun ferner in dem Einen, welches an und für sich nur eines 6.4
ist, keinerlei Vielfalt gibt, so muss die Vielfalt nach dem Einen sein; und
dann ist das Eine vorhanden in der Vielfalt, nicht aber die Vielfalt in
dem Einen, welches wahrhaft eines ist.
Wenn nun einer behauptet, auch im Einen sei die Vielfalt vor- 6.7
handen, 7 so erwidern wir 8 : An sich selbst zwar ist das Eine nur eines,
und nichts von Vielfalt ist in ihm; in der Emanation aber ist das
Eine auch vieles, d.h. (insofern) die Vielfalt aus dem Einen emaniert 9
— das Eine ist die Erste Ursache, und die Vielfalt ist das aus dem Einen
Verursachte. Wir kehren (zur These) zurück: Das Eine als solches (xa0'
u7iap^(,v) ist nur eines, nicht Vielfalt; doch als Ursache (xar' at-aav) ist es
nicht-eines, d.h. das Eine vervielfacht sich wegen der von ihm verursachten

6 6.2 &>z SeSeixxca : «ÖTrep äSüva-rov» Ar.


7 6.7 ei 8e xai -ri £v ttX^ou? : Der Wortlaut des Ms. „Wenn einer sagt,
dass auch das Eine vorhanden sei in der Vielfalt" (= « st 8e xai toü I vo? [i-eteyet. tö
lOctßoq») widerspricht nicht nur der griechischen Textüberlieferung, sondern auch
dem ar. Kontext.
8 Der Übersetzer beginnt bereits mit 6.7 xa-ra fitv -rijv öroxpä;iv x-r),. die Apodo-
sis; 6.7-8 xa-ra (j.ev -rijv Ö7rapi;iv &<; ev ütpsa-ra?, xa-ra 8s rfyi (/i0sS;iv oü/ sv wird auf-
gefasst als Richtigstellung einer der Einschränkung und Präzisierung bedürftigen
Annahme (formuliert als Erwiderung auf eine fiktive Behauptung): Das Eine hat
am Vielen teil — nicht an und für sich, aber doch insofern, als Vielfalt aus ihm
hervorgeht (vgl. Anm. 9 u. 10). 6.8-9 totc Xtj Ouct ^ vov Sarai y.xx., eigentlich der
Nachsatz des Gr., wird an die folgenden Interpolation, die diese Auffassung
interpretiert, als weitere Erläuterung angehängt ( aqüd...).
9 6.8 xara 8s ttjv {j.i(h£iv ouy_ sv: fil-inbität... katir Ar. —inbatta „zerstreut werden,
sich ausbreiten" vereinigt die Begriffe -pöoSo? und Siaxpioiq der neuplatonischen
Emanationslehre. Vgl. prop. 35:38.13 a[j.a yap Siaxpiaet. TrpooSoc ; Damaskios, Dub.
et sol. II 14 f. (Zum Gebrauch von inbatta in Theol. Arist. s. o. B 1.02, S. 110.)—
Ka-ra t?)v (j.s 0 ec;lv „hinsichtlich der Teilhabe" bedeutet nach dieser Interpretation
(wenn nicht ein geänderter Text zugrundeliegt) also nicht „insofern es (das Eine)
am Vielen teilhat" sondern „insofern das Viele an ihm teilhat": Nicht Implikation
einer irrigen (und vom Autor widerlegten) Alternative, sondern Erläuterung einer
akzeptablen Anschauung. Diese Anschauung stimmt zum folgenden Additament, ist
aber nicht die des Proklos und gerät zu den weiteren Folgerungen ( 6.9 xexoivciv^xev
äpa xt X .) in Widerspruch.

Proclus - 17
258 DEUTSCHE ÜBERSETZUNG PROP. 5

6.9 {Vielfalt). Ebenso ist auch die Vielfalt an sich lediglich Vielfalt, wegen
ihrer einen Ursache aber eines. 10 — Wenn dem so ist, wie wir gesagt
6.10 haben, so muss wohl das Eine am Vielen teilhaben und das Viele am
Einen. Ferner nun: Wenn die Teilhabe und die Vereinigung in den
einander teilhaftigen und sich vereinigenden Dingen — nämlich dem
Einen und der Vielfalt — von einem anderen, von ihnen verschiedenen
6.12 ausgeht, so ist dies, welches die beiden einigt, vor ihnen und an erster
Stelle. Wenn sie aber von selbst einander teilhaftig werden und sich
vereinigen, so sind sie nicht entgegengesetzt; denn die Gegensätze
streben nicht zur Teilhabe aneinander und vereinigen sich gar
6.14 nicht. Wenn dem so ist — wenn also das Eine und die Vielfalt entge¬
gengesetzt sind, wenn die Vielfalt als Vielfalt nicht-eines ist und das
Eine als eines nicht Vielfalt, und keines von beiden im andern —,
dann sind sie zugleich eins und zwei; und das [ist unmöglich. Wenn
6.17 nun aber vor ihnen ein anderes ist, welches beide vereinigt, so] muss
dies entweder eines oder nicht-eines sein. [Ist es nicht-eines, so ist es
vieles oder] 11 nichts. Wir meinen aber: Es ist nicht möglich, dass das
6.19 vereinigende Moment nichts sei, denn nichts vereinigt nichts. { 12 } Ist
dies unmöglich, dann ist es das Eine, welches die vielen Dinge verei¬
nigt; denn es ist vor ihnen und an erster Stelle, und es ist die Ursache der
Vielfalt — nichts anderes ist über ihm. 13

Also ist nun klar und erwiesen durch unsere gültigen und überzeugenden

10 Die logischen Implikationen der Hypothese, die 6.7-8 entwickelt sind, werden
als Interpretation einer gültigen Anschauung wiedergegeben: Das Eine ist y.aO'
Ö7rap^iv allein eines, doch aMav vieles, d.h. insofern als es Vielfalt erzeugt. Die
vorliegende, vom Übersetzer oder seiner Vorlage in den Text einbezogene Glosse
expliziert diese Deutung, welche schon in der Wiedergabe von xa-ra r?)v (jti0eäjiv
durch Jt l-inbität (bzw. einer von unserem gr. Text abweichenden Vorlage) enthalten
war. Vgl. dazu oben C 2.22, S. 213. — Die Version reiht daher 6.8-9 7ts7i;XY)0ucj}Z£Vov
scroti tö ev, cödTtep t 6 tA t JOoi; 7)VfO(/,evov Sia tö cv — eigentlich der folgernde Nach¬
satz, der auf die Widerlegung hinführt — in erweiterter Paraphrase als Erläuterung
der These an. Die logische Beziehung zum folgenden Abschnitt (Z. y V ff.), der wie
im Gr. als Resultat dieser Darlegung anschliesst ( 6.10 öcpa), aber ebenso wie dort als
Resultat einer falschen Annahme ad absurdum geführt wird, ist daher unstimmig.

11 Zur Ergänzung der Textlücke Z. yv vgl. prop. 1 ^ .


12 6.19-20 sv apa [aövov * oü yap 8y] xat toüto tö £v ttoXAix , tva p) sE? cOTsipov :
om. AR.

13 Vgl. auch prop. 7: 8.1.


PROP. 5 DEUTSCHE ÜBERSETZUNG 259

Schlüsse, dass das Eine vor den vielen Dingen ist, und dass es die Erste
Ursache ist und in ihm keinerlei Vielfalt, und dass alle Dinge von ihm
verursacht werden und aus ihm emanieren, wie wir erklärt und erläutert haben. 14

14 Vgl. die entsprechenden Corollaria der propp. 1-3 (s. o. G 2.21, S. 213).
260

Prop . 15 (Dodds 16.30-18 .6)

ÜBER DEN NACHWEIS DER GEISTIGEN

FORMEN, DIE KEINE MATERIE HABEN 1

16.30 Alles, was zu sich selbst zurückkehrt, ist geistig und unkörperlich,

und 2 nichts von den körperlichen Dingen kann zu sich selbst zurück¬
kehren.

16.32 Denn wenn alles, was zu sich selbst 3 zurückkehrt, eine Verbindung

eingehen muss zu etwas 3, d.h. zu dem, zu welchem es zurückkehrt,

so müssen alle Teile des Körpers — des Körpers nämlich, der zu


16.34 sich selbst zurückkehrt — sich mit ihrer Gesamtheit verbinden. Die

Rückkehr zu sich selbst besteht (ja) darin, dass das Zurückkehrende

und dasjenige, zu welchem es zurückkehrt, eins werden und ohne

18.1 Unterschied. Dies aber kann nicht geschehen bei den Körpern noch

bei irgend einem teilbaren Ding, und es verbindet sich nicht deren

18.3 Ganzes mit dem Ganzen wegen der Trennung der Teile und des Un¬

terschiedes der Orte; jedes Teil hat nämlich einen anderen Ort als

ein je-anderes Teil. Wenn dem so ist, dann ist nicht möglich, dass

18.5 irgend ein Körper zu sich selbst zurückkehre als Ganzes zum Ganzen.

Damit kommen wir (zur These) zurück und stellen fest, dass alles, was

zu sich selbst zurückkehren kann, geistig, nicht körperlich ist und keine

Teilung und Stückelung erfährt.

1 Die Überschrift schliesst propp. 15-17 zusammen; sie wird zu Beginn von prop.
16 u. 17 mit den Worten Fl itbät dälika aidan jeweils wiederaufgenommen. Ein ähn¬

licher Titel auch in Mss. BCDM des Gr.: —spi äacofia-cou oüata?, xat -ö i'Stov aü-rijc;. —
Vgl. Anm. 4.
Propp. 15-17 wurden anhand von Badawis Edition der Damaszener Handschrift

(s. o. S. 35) bereits von B. Lewin, Notes sur un texte de Proclus (1955) und S. Pines,
Une Version arabe de trois propositions ( 1955) identifiziert und erörtert. Lewin gab auch
eine französische Übersetzung des ar. Textes.
2 16.31 yötp : S£ AR.

3 Der Übersetzer ergänzt zu 16.32 to eraciTpäpov «"pö; ekutö » analog mit


16.30, verbindet Ttpöt; ti mit aruvcOTTeTot!. und hängt exeEv» 7rpöi; 8 eraarp^ei als

parenthetische Explikation an. Der Schluss vom Allgemeinen (rö eTnaxpeipov 7rpo<; ti)
auf das Besondere (tö emoTperpov 7tp 6q eauro) kommt daher nicht mehr klar zum
Ausdruck.
PROP. 15 DEUTSCHE ÜBERSETZUNG 261

Damit ist nun klar und erwiesen, dass es geistige Dinge gibt, welche nur
Formen sind und keinerlei Materie haben. 4

4 Die fast gleichlautenden ar. Konklusionen der prop. 15-17 korrespondieren


mit der Überschrift (Anm. 1). Der Ausdruck suwar rühäniya (s. B 1.11, S. 128) mit
dem erläuternden Zusatz allatl lä hayülä lahä interpretiert die dc<Ki>[iaTa des Gr. als
ötüXa rfS?); s. dazu oben G 2.11, S. 202 ff.
262

Prop . 16 (Dodds 18 .7-20)

ÜBER DEN NACHWEIS DES GLEICHEN

18.7 Alles, was zu sich selbst zurückkehrt, hat eine Substanz 1 , welche
trennbar ist von jeglichem Körper.
18.9 Wenn dem nicht so ist, wenn es (also) nicht trennbar ist von den
Körpern 2 , so hat es auch keinerlei Tätigkeit, welche trennbar wäre von
dem Körper, in dem sie geschieht. Denn es ist nicht möglich — da ja die
18.11 Substanz des Dinges vom Körper untrennbar sein (soll) —, dass seine 3
Tätigkeit von diesem Körper trennbar wäre. Wenn aber doch, so wäre
18.13 die Tätigkeit edler als die Substanz, da (in diesem Falle) die Substanz
der Körper bedürfte, die Tätigkeit aber sich selbst genügte und der
Körper nicht bedürfte. Wenn dem so ist, (können) wir (auf unsere Behaup¬
tung) zurückkommen und feststellen: Ist ein Ding in seiner Substanz un-
18.15 trennbar von den Körpern, so ist auch seine Tätigkeit untrennbar von
den Körpern — vielmehr haftet sie noch enger an ihnen. Wenn dem so
ist, kann dies Ding keinesfalls zu sich selbst zurückkehren. So kommen wir
wiederum (auf die These) zurück und sagen: Wenn wir eine beliebige Tätigkeit

von den Körpern trennbar finden, so muss die Substanz, welche diese Tätigkeit

18.17 ausübt, umso eher von den Körpern trennbar sein { 4}; (denn eben) darum 5 hat

1 18.7 u.ö. oüoia, hier i.S.v. „Seinsheit, Existenz" gebraucht: gauhar Ar. Das
ar. Wort bedeutet „Substanz" im engeren (aristotelischen) Sinne. Zwar ist gauhar
das übliche Äquivalent von obaia, doch liegt nicht nur mechanischer Gebrauch der
eingebürgerten Entsprechung vor: Die Übersetzung erhebt durch eine Reihe von
Änderungen und Zusätzen den Existenznachweis der oütiia yupuj-ri] tocvt bq aö)[iaxoq
als einer spirituellen Substanz zum Thema der propositio.
2 18.9 oÜTivoooüv : om. Ar.
3 T7)V dbr& TT)? oücria? evspysiav : t/] V aijTOÜ Ivepysiav Ar.
4 Der Untersatz der propositio — wie die ev^pyeicc, so ist auch die otjata von
den Körpern trennbar — wird im Gr. nur apagogisch bewiesen. Ar bringt nun eine
affirmative Wiederholung der 18.9-10 negativ formulierten Prämisse und schliesst
18.17 evepyeiav £xet X u P t ^°lj-^v"'lv acdfmToi; xt A. als apodeiktische Fortsetzung des
Beweisganges an: fa-li-dätika käna lahü fi c l mufäriq lil-agräm. Die Anwendung auf
den terminus minor — 18.16-17 -ro yap Ttpi? sauxi emcrTpeipov, a XKo ov crcö|i.aToi; —
fehlt (vgl. aber Anm. 9), vielmehr ist bis gegen Ende der prop. von der oiaia
XcoptaT*) cro)[j.a-ro? und ihrer evspyeta allgemein die Rede: Die Prämisse wird zur
Hauptthese.
5 Da das Prädikat der zweiten Prämisse ( 18.17 [tö Ttpöq eau -ro EjucTpstpov] svep-
PROP. 16 DEUTSCHE ÜBERSETZUNG 263

sie eine von den Körpern trennbare Tätigkeit, d.h. sie übt ihre Tätig¬
keit weder durch einen Körper noch mit einem Körper (zusammen)
aus, weil die Tätigkeit und der Ausgangspunkt 6 der Tätigkeit keines 18.19
Körpers bedürfen.
Weiter bemerken wir {hierzu), dass die körperliche Substanz nur durch
Berührung des Gegenstandes, an dem sie wirkt, ihre Tätigkeit ausüben kann
— sei es, dass sie ihn wegstösst, oder sei es, dass sie von ihm gestossen wird.
Daher ist es unmöglich, dass diese Substanz und ihre Tätigkeit ohne Körper
seien. Wir finden aber doch auch eine Substanz anderer {Art), welche ihre
Tätigkeit ohne Berührung des Gegenstandes, an dem sie wirkt, ausübt und ohne
dass sie ihn wegstösst oder von ihm gestossen wird. Somit wirkt sie ihre Tätig¬
keit auf den entfernten GegenstandJ Wenn dem so ist und wenn die Tätigkeit
eines Dinges vom Körper geschieden ist, dann muss also auch die Substanz,
welche diese Tätigkeit ausübt, vom Körper geschieden sein 8 und also zu 18.20

yeiav e/ei xa)pt^o[iEV7)v <jcb(xa-ro(; y.xX.) nur zur erneuten Demonstration ( fa-li-dälika...)
der neuformulierten ersten benutzt wird — es wird lediglich noch einmal der Primat
der oüata, hier der -/oipiar/] oüata bekräftigt — ergibt sich eine Wiederholung, die
nichts Neues bringt. Ausfall der fehlenden Wörter 18.16-17 durch Homoioteleuton
im Ar. wäre denkbar; dagegen spricht jedoch nicht nur der Konsensus der Uber¬
lieferung (mit cAbdallatIf 204.14), sondern auch die Tatsache, dass Ar Z. \ i einen
weiteren Beweis der allgemeinen Prämisse folgen lässt (Anm. 7). Der überlieferte
Text erleichtert den Anschluss dieses Additaments.
6 18.18 tö Tipcx; 8 7) evEpysia : «-ro ä<p' o fj IvspyEia » Ar (AR?), d.i. rj oücrta
(s. 18.11). Sachlich anfechtbar — dass die oicrta keines Körpers bedarf, wird ja
gerade erst bewiesen —, stimmt doch auch diese Änderung zu den vorigen Modifi¬
kationen: Ar insistiert auf dem Nachweis der /coptc-ri) oücta als eines substantiellen
Prinzips.
7 Das Tcpö(5 Eau-rf) EjucnrpE7tTt.>i6v der propp. 15-17 ist, wie prop. 20 ausgeführt
wird, die Seele, das aüfo>av7)Tov (prop. 17, vgl. prop. 186). Auch die vorliegende
Interpolation steht im historischen Kontext der Diskussion über die Frage, ob die
Seele eine oicria xcopta-a) ttkvto ? cc&fxatoi; habe; weiteres hierzu s.o. C 1.21, S. 196.
Abweichend vom Proklostext stellt also der Bearbeiter weiterhin den Nachweis
körperloser Substanzen in den Vordergrund.
8 Proklos leitet die körperfreie Existenz (oücia) der ETuaTpETt-uxoc von der stu-
cTpofpy) 7tpö? eau-ro als körperfreier EvspyEia ab; Ar demonstriert dagegen auf anderem
Wege die Existenz einer körperfreien Substanz (Z. ^ \ <\) und hängt nun die
ETucrrpocpr) nicht als Beweis, sondern als weitere Folgerung an. — Vielleicht steht

ba'in min al-agräm für 18.16 aXko ov <jcöfxa-:o<;, das an seiner Stelle fehlt (xcopiaxoi;
heisst sonst ar. mufäriq).
264 DEUTSCHE ÜBERSETZUNG PROP. 16

sich selbst zurückkehren als Ganzes zum Ganzen. 9

Also ist nun klar und erwiesen, dass es geistige Dinge gibt, welche nur
Formen sind und keinerlei Materie haben. 10

9 ~ 15:18.5 tb? oXov srreaTpatpOat. izpbc, oXov. Die Konklusion entspricht nicht der
Eingangsthese, sondern deren Umkehrung. Vielleicht las AR für 18.20 r6 : xai, eher

aber dürfte die Verlagerung des Arguments im ganzen zu dieser Änderung geführt
haben: Während eine ä.y&pi.axoq ouaia nicht auf sich selbst zurückkehren kann (18.15-
16), kann es doch die ^topicrfj otWa, deren Nachweis Ar in den Vordergrund rückt,

i" Vgl. oben C2.ll, S. 202.


265

Prop. 17 (Dodds 18.21-20.2)

ÜBER DEN NACHWEIS DES GLEICHEN

Alles, was ursprünglich sich selbst bewegt, muss zu sich selbst 18.21
zurückkehren können.

Denn wenn es sich selbst bewegt und seine Tätigkeit selbstbewegend 18.22

ist, 1 müssen Beweger und Bewegtes eins sein. Ferner: Das Selbstbewe¬

gende ist entweder teils bewegend, teils bewegt; oder ganz bewegend 18.24

und ganz bewegt; oder ganz bewegend und teilweise bewegt; oder

teilweise bewegend und ganz bewegt. 2 Wenn es nun teils bewegt und 18.26

teils bewegt wird, ist es nicht selbstbewegend, weil es aus Dingen besteht,

die nicht selbstbewegt sind —- es scheint selbstbewegend zu sein, ist aber 18.28

in seiner Substanz nicht also. Ist es ganz bewegend und teilweise bewegt,

oder teilweise bewegend und ganz bewegt, 2 so ist (zwar) in ihm 3 etwas,

das zugleich bewegt und bewegt wird, (doch) das Selbstbewegende

ist nicht dieserart. 4 Gibt es aber ein Ding, das bewegt und zugleich 18.31

bewegt wird, so muss die Tätigkeit seiner Bewegung ihm selbst

(angehören) 5 und auf es selbst (gerichtet) sein, da es ja sich selbst

bewegt. Wohin nun seine Tätigkeit (gelichtet) ist, dorthin geht auch 20.1

seine Rückkehr. Wenn dem so ist, kommen wir (auf die These) zurück

1 Ar koordiniert 18.22 xal rj xivrjTtid) EVEpysia aütoij izpbz sau-ro Ecm mit der
Protasis ei yap xivet eccuto und konstruiert analog (xivTjTOcrj prädikativ), verstellt
daher den logischen Zusammenhang mit der These 18.21: Die Prägnanz von 18.22
7rpö? eauT 6 „auf sich selbst gerichtet" wird im ar. li-dätihl (direktes Objekt beim Par¬
tizip muharrik ) nicht erreicht (besser unten Z. 1 \ )•
2 18.25, 29 v) S|xroxXtv : Ar expliziert.
3 18.29-30 ev äfitpo-repoic; : « ev aÖTtj) » Ar.
4 18.30 xal toüt 6 lern to tcpo'jtmc ca>Toxiv7)Tov. Die ar. Negation befremdet, er¬
gibt aber doch einen erträglichen Sinn: Dem Tipö? sauxö £7ttaTp£ji:Ti.xöv «wc SXov eto:-
oxpa<p0ai 7tpic oXov» (15: 18.5) entspricht ein aÜToxiv/)-rov, in demmcAinur ein Teil
(f/ipot; ti ) sich selbst bewegt; toüto 18.30 ist im Gr. auf das genannte, selbstbewegte
Teil zu beziehen, während Ar das Ganze meint. Dazu passt, dass Ar in den Kon¬
klusionen von propp. 16 und 17 zu to 7ipo? ecojtö ImcTpstpov (18.20) bzw. etu-
aTpETCTixöv (20.2) ergänzt: ka-rugü c al-kull ilä l-kull ~ 18.5 i>c, oXov e-EaTpixqjOaL 7rp{x:
oXov (s. 16 Y •, 17 \i). Vielleicht hat eine Variante der gr. Vorlage diese Auffas¬
sung begünstigt. — 18.31 7tpd>tco? : om. AR.
5 käna li-dätihi ~ 18.32 s^ei.
266 DEUTSCHE ÜBERSETZUNG PROP. 17

und stellen fest: Alles, was sich selbst bewegt 6, kann auch zu sich selbst
zurückkehren als Ganzes zum Ganzen. 1

Also ist nun klar und erwiesen, dass es geistige Dinge gibt, die nur
Formen sind und keinerlei Materie haben. 8

6 20.2 ~po':>tu c : om. AR (vgl. Anm. 4 zu 18.31).


7 « &>? oXov ETTccrrpaipSca Tcpö? oXov », vgl. 15:18.5 und Anm. 4.
s S. o. C2.ll, S. 202.
267

Prop. 21 (Dodds 24.1-33)

ÜBER DEN NACHWEIS DES GLEICHEN


UND ÜBER DIE ERSTE URSACHE 1

Jede Ordnung und Stufung beginnt mit Einem und kommt zu einer 24.1
Vielfalt, welche diesem Einen entspricht; und jede Ordnung und Stu¬
fung, die eine Vielfalt umfasst, 2 steigt empor und erhebt sich zu Einem.
Ferner: Das Eine ist Anfang 3 und Ursprung für die ihm entspre- 24.4
chende Vielfalt. Daher erhält die Vielfalt ein System und eine Ord¬
nung 4 { 5}; wenn aber das Eine nichts hervorbringt, gibt es keinerlei
Vielfalt 6 noch Ordnung.
Die Vielfalt dagegen steigt auf zu einer einzigen Ursache, welche 24.8
den einander gleichartigen 7 Dingen gemeinsam ist. { 8 } Ein Ding aber,
das aus einem Einzelteil der Vielfalt hervorgeht, ist nicht der Vielfalt 24.11
gemein, sondern nur diesem Einzelnen eigentümlich. Wenn dem so
ist, wenn es also in jeder Ordnung und Stufung eine Teilhabe, Überein¬
stimmung und Verbindung gibt, derentwegen es heisst, dass die einen
Dinge einander gleichartig 7 sind und die anderen einander ungleichar- 24.14
tig •— dann ist klar und evident, dass die Übereinstimmung in jede
Ordnung und Stufung von einem einzigen Ausgangspunkt 9 kommt.

1 Der Titel stellt die in den arabischen propp. 15-17 thematisierten „spirituellen
Formen", as-suwar ar-rühäniya, unter die Erste Ursache der im ar. Schlussabschnitt
der propositio explizierten Seinsordnung; s. Anm. 25 u. oben G 2.13, S. 204-212.
2 24.2 irätr/ji; to 7tXv)0o<; : Ar ungenau, denn nicht die Ordnung als ganze
„steigt auf" (auch die Monade gehört ihr an), sondern die Vielfalt als deren unteres
Stratum.
3 24.4 äpyyiQ sj(ouaa Xoyov : Die spezifische Bedeutung von X6yo? ist nicht erfasst.
Vgl. auch Anm. 11.
4 24.5 [).ia astpä y.al fua tcc E ic : In Ar als Prädikativ zu ~Xr(0oc aufgefasst —
fälschlich, denn auch die Monade gehört der Ta&<; an (vgl. Anm. 2).
5 24.5-6 •/} 0X7) rcapa tv)? fxovaSo? ej( £t T*lv tWjöos {rnoßaciv : om. AR.
6 24.6-7 oü yap ext oüSs aeipä : « oü yap eti TrXvjGoi; oöSe rekelt;» Ar.
7 24.8 (vgl. 13, 20) tcov öjxoTaytöv : ar. mutagänis ~ öfioyev/jc; (vgl. Anm. 15),
doch ist schwerlich an Varianten der Vorlage zu denken; das bekanntere Wort
erschien als Hilfssynonym hinreichend.
8 24.9-10 to yap sv tocvti tü 7r>.v)0ei TaijTov ou y. äcp' svö c, tö Sv ev tqj tt>.r]0eL tijv
7rp6oSov : om.. AR per homoeoareton.
9 24.14 <x7ra (xta? '■ ar - häsiya ~ « y.y.pu-rr\c, xopuipvj » (s.o. B 1.03b, S. 112). -s-
268 deutsche übersetzung prop. 21

24.16 Und wenn dem so ist, muss in jeder Ordnung und Stufung vor der
Vielfalt ein Eines sein, das allem, was unter ihm ist, 10 eine Bestim¬
mung 11 gibt: so erhält die Vielfalt unter ihm eine Ordnung ihrer Teile
zueinander und in Bezug auf das Ganze, 12 welches das Eine ist. 13 Ich
(will) sagen: Jedes einzelne Glied eines Systems ist die Ursache dessen,
24.19 was unter ihm ist, bis hinauf zu dem Einen, welches die Ursache aller
Glieder dieses gesamten Systems ist 14 und somit notwendig vor den
(einzelnen) Dingen, die in diesem System sind: Sie alle gehen aus ihm
hervor, und daher werden alle, die in diesem System sind, gleichar¬
tig 15 — ein Genus ist ihnen gemeinsam und es ordnet sie eine Ordnung. 16

Zum Gebrauch von dbtpoT7]<; bei Proklos s. den Index der Inst, theol. ed. Dodds s.v.,
z.B. prop. 146:128.27 at oXat Ta^Eti;, obre vT)? scamov äxpÖT7]T0(; itposXOoücai.; zu
xopixpvj ~ dcxpoT/ji; s. Proklos, In Tim. I 231.6-7 tö aÜTOÖv, 8 7rp<öTco<; ecmv öv, xoputpy)
tc öv övtcov ecjtiv cctoxvtcov ; Damaskios, Dub. et sol. I 102.10-11 Set 8s —po toutcov
slvat ty)V y.oivrjv cbravTCOv äxpOT7 )Ta (j.tav cbrXcÖ!; ofiaav töv ttocvtcov xopuep-qv; ibid. I
127.24; Damaskios [?], In Phileb. 44.1 ott jxoväSa? xaXst xal evaSa? m? tcöv stScöv
x opucpit;; ibid., Index s.v. Vgl. auch axpov bei Plotin, Enn. V 3:12.41 u.ö.
10 24.16-17 Tot? ev au-rfi TETayjxsvot? : toi ? ü<p' aüttjv Ar. Statt auf tcc 5t? 24.16,
wurde au-r?) auf das Subjekt fxova? jxta 24.15 bezogen, die Bestimmung sinngemäss
modifiziert (opp. 24.15-16 irpö toü -Xr,0ou?) ; vgl. aber auch den Gebrauch von üno
in 24.18 twv u7to t Jjv aörf )v aetpav.
11 24.16-17 töv sva Xöyov : ar. hadd « opo?, optajxö? ». Vgl. Proklos, In Tim. II
117.1-2 -f] yap tcöv ÖEtoT^pcov tisös^t? Evtoatv sTrayet xal opov xat rä^tv toi? [iETE^ouaiv ;
Inst, theol., prop. 117:102.30-31 mxvTa [ls v yap Ta tiX^ O/), Tfj sauräv <puast äoptaTa
ovTa, Stä t 6 ev öpt^etai. • tö S e svtatov ... ßoüXsTat... TTEptccyetv et? opov tö (jly) toioütov.
— Zu Xöyo? i.S.v. optano? s. B onitz, Ind. Arist. 434b ; zu hadd vgl. auch Met.
1006 b 1 mit der Übersetzung des Ustät (355.2 ed. Bouyges), Top. 121a 12 mit der
Übersetzung des Abü c Utmän ad-Dimasqi (B adaw J , Mantiq Aristü 554.7, lies hadd
musärikihi).
12 24.17-18 7rp6i; te aAArjXa xat ~po? tö oXov wurde statt auf 24.16 Xoyov auf
24.17 TETay^vo? bezogen.
13 Vgl. etwa Plotin, Enn. VI 5:9.37; Damaskios, Dub. et sol. I 203 ff. (205.13-14
tö yap oXov aü|x<puaE? semv tcöv xaTa (xep?) äxpoTT)Tcov st? ev, tö oXov, auyxtpvcofAsvcov) ;
ibid. II 58.8.
14 24.19 tö 8s <o? [Atä? t?j? crEtpä? a 'tTtov äväyxv) 7tpö tcöv 7tävTcov slvat : gr. cö?
bereitet Schwierigkeiten; <b? [i.tä? r/j? aeipaq wird daher vereinfachend wie « 7rävT<av
tcöv üttö ty] v auTYjv astpeev » wiedergegeben.
15 S. Anm. 7 ( mutagänis ~ 6[j.oysvr]?), zur vorliegenden Stelle (24.20) vgl. aber
auch Plotin, Enn. III 8:5.24 6 (ioysvs? yap äst S ei tö ysvvckfisvov slvat.
16 24.20-21 [x7j d>? t6 S e Tt IxaaTov (äXX' cb?) bleibt ohne Entsprechung; ya c um-
PROF. 21 DEUTSCHE ÜBERSETZUNG 269

Daraus ist nun klar und evident geworden, dass das Eine und die 24.22
Vielfalt in der Natur des Körpers vorhanden sind: dass in der einen
Natur die vielen Naturen aufgehängt sind und die vielen Naturen aus
der einen Natur des Ganzen herrühren. Ferner ist klar geworden, dass 24.25
das Eine und die Vielfalt in der Substanz der Seele vorhanden sind — dass
nämlich die Seelen 17 aus der einen, ersten Seele herrühren { 18 } und die
vielen Seelen aufsteigen zu der einen Seele. Klar ist auch geworden, 24.27
dass das Eine und die Vielfalt in der intellektualen Substanz vorhanden sind 19
— dass nämlich die Substanz der Intelligenz eine ist 20 und die vielen
Intelligenzen aus einer Intelligenz emaniert 21 sind und zu ihr wieder
zurückkehren. Ferner ist klar geworden, dass das Eine, welches vor
allen körperlichen und seelischen und intellektualen 22 Dingen ist, vor den singu-
lären Dingen (svaSsc) ist und dass die singulären Dinge zu dem ersten 24.30
Einen zurückkehren, über dem nichts anderes ist. 22 So ist nun klar und
erwiesen, dass die Singularia (evdcSsi;) nach dem wahrhaft Einen 23 sind;
dass die Intellectualia nach der ersten Intelligenz sind; dass die Seelen
nach der ersten Seele sind und und die vielen Naturen nach der Natur 24.32
des Ganzen 24 .
Wenn dem so ist, wie wir gesagt haben, dann gilt: Es gibt Dinge, die

muhä gins wähid ist (unter Bezugnahme auf 24.8) analytisch aus mutagänis ~ 6(j.oyEV^e
abgeleitet.
17 « xai rvj oüata ir\c, üraxpxe:. to te ev xai t ö TtXTjßot; » add. Ar, analog zu
24.22-23, vgl. auch 24.27 -c?) voepä oücriqc. — 24.25 T75 t<x!;ei. t&v (jm^öv : « -zaXq i]a>-
Xat? » Ar.
18 24.26 xai cic; TcAvjOoi; ürcoßcavEiv : om. AR.
18 « y.al Tfi voepcf oüa'ia. {mäp/st to te ev xai, tö TtXvjOot; » add. Ar; vgl. Anm. 17.
20 24.27 xfl voepä oücta : -rfjv vospav oüaiav AR (als acc. c. inf., abhängig von
ipaVEpöv).
21 24.28 7rpoeX0ov : ar. tanbatt enthält gegenüber yanbcfit Z. 11 neben dem Be¬
griff der —pooSo? auch den der Siaxpiai?, s. prop. 5 Anm. 8 u. oben B 1.02, S. 109.
— Vgl. wieder prop. 35:38.13 a[ia yap Siaxploei. 7tpöoSo? ; Damaskios, Dub. et sol.,
II 14 f., zur Stelle auch ibid., I 220 f., 229.
22 Vgl. prop. 20, zu Z. yv bes. 20:22.30 xai oijxst!. toü zvbq aXlo ETtexeiva; s.a.
G. 1.11, S. 195.
23 24.30-31 To ev ... tö TipcÖTOv : etwa « to anXcoi; ev » Ar, vgl. in ähnlichem Zu¬
sammenhangPlotin, Enn. V 2:1.3 Ii- ootAoü evo? [toskotth], Damaskios, Dub. et sol.
I 284.3-4 aÜTOü <*7iXS>q evö? xai 7ip<oTou tcöv rcavTtov amou ; I 282.25-26, 283.19.
24 24.32 [itcTa ty )v SXyjv 9uctv : jxetä r ))v toü öXou 9üaiv Ar (vgl. 24.24 !).
270 DEUTSCHE ÜBERSETZUNG PROP. 21

nicht materiell sind, sondern nur Form; und es gibt ein anderes, das weder
Materie noch Form hat, vielmehr bloss Seiendes (öv) ist — es ist das wahrhaft
Eine, über dem nichts anderes ist, die Ursache der Ursachen. Ferner ist durch
unsere Worte klar geworden, dass die Dinge in drei Klassen zerfallen: Entweder
ist ein Ding Materie mit Form, sein Wesen formal und materiell; oder es ist nur
Form, sein Wesen formal und nicht materiell; oder es ist blosses Wesen (sTvou)
— sein Wesen ist weder materiell noch formal: Dies ist die Erste Ursache,
über der keine andere Ursache ist, wie wir zuvor gesagt und erläutert haben. 2ä

25 Die Zusätze am Schluss der propp. 15-17 subsumierten das aü-roxivrjvov = im-
aTps7mxöv 7rpö<; eauTo = /copiGTÖv icavTo? ccSjxairoi; unter die Klasse der suwar riihä-
niya, der (bereits im arabischen Titel thematisierten) „spirituellen", nicht-materiellen
Formen. Diese werden nun im vorliegenden Corollarium als intermediäres Stratum
in eine dreistufige Hierarchie des Seienden eingeordnet. S. dazu oben C 2.13,
S. 204-212.
271

Prop. 54 (Dodds 52.8-14)

ÜBER DEN UNTERSCHIED ZWISCHEN


EWIGKEIT UND ZEIT

Die Ewigkeit 1 ist das Mass 2 der ewigen 3 Dinge, und die Zeit 1 ist das 52.8
Mass der zeitlichen Dinge; und nur diese beiden messen die Dinge,
d.h. das Leben und die Bewegung.
Jedes Messende misst (ja) entweder ein Teil nach dem andern oder 52.11
das Ganze insgesamt. 4 Und wenn dem so ist, so (können) wir sagen:
Dasjenige, welches das Ganze misst, ist die Ewigkeit; und dasjenige,
welches die Teile eines nach dem andern misst, ist die Zeit. Also ist 52.13
nun klar und erwiesen, dass es nur zweierlei Mass gibt: Das eine
misst die ewigen, spirituellen Dinge — dies ist die Ewigkeit; das andere 52.14
misst die körperlichen, der Zeit unterworfenen Dinge 5 — dies ist die Zeit. 6

1 52.8 7xäq ccEwv ... 7t £ c, ypovo? : 6 a'uov ... 6 XP° V°S Ar. Vgl. Dodds, Comm. 229 zu
52.8.
2 52.8 (AETpov: c adad „ Zahl". Vgl. Aristoteles, Phys. 219b 1-2 toöto yäp ectiv o
XpovoiocpiOjAÖi; javrjaewi; xara tö 7rpÖTspov xat ücrrspov, dazu Plotin, Enn. III 7:9.1.
3 52.8 Ttov txkovuov: Ar gebraucht keine adjektivische Ableitung von dahr «atcov »,
dafür dä'im « öllSwq », vermittelt also nicht die strenge Scheidung zwischen aEtov und
aiSiörr)? (vgl. prop. 55). Freilich reichte prop. 54 allein nicht aus, den Unterschied
zwischen alcäv als hypostasierter Ewigkeit und aCStö-nj? als zeitlichem Immerwähren
zu verdeutlichen. Das gleiche Schwanken in der Terminologie zeigt aber auch
der Liier de Causis (s. o. B 1.08, S. 125).
4 52.11-12 oXov a[xa £<pap[ioo0EV tw (iETpoufxevo) : oXov ajxa Ar.
5 Zur Verbindung des ala>v mit den votjtoc, darüber hinaus mit der durch ar.
rühänl (s. B 1.11, S. 128) bezeichneten Transzendenz der Gottheit s. o. C 2.12, S. 204.
6 Ms. R: + „und sie ist das Mass der Bewegungen der Sphäre".
272

Prop. 62 (Dodds 58.22-32)

ÜBER DIE ERSTE URSACHE

58.22 Jede Vielfalt, so sie nah 1 ist bei dem Einen, ist geringer an Quantität
als die Vielfalt, welche fern 1 ist von dem Einen und < grösser an Kraft.
58.24 Was ihm nahesteht, hat nämlich) 2 grössere Ähnlichkeit zu ihm

als das, was ihm fernsteht. Wenn dem so ist und das Eine die Ursache
(aller) Dinge ist und ihrer Vervielfältigung, 3 ohne selbst vieles zu werden, 4
so muss dasjenige, was ihm nahesteht 5 , Ursache für das Werden vieler
58.27 Dinge sein — mehrerer als dasjenige, welches ihm fern ist. 6 { 7} Es ist also
dasjenige, welches nahe beim Einen ist, an sich 8 geringer an Vielfalt
wegen seiner Nähe zu dem Einen, ist (aber) Ursache vieler Dinge wegen
der Grösse seiner Kraft und wegen seiner Nähe zu dem Einen. 9 Das dem

1 58.22 eyYUTspcii, 23 TOppcoTepco : Ar vermeidet den „freien" Komparativ (Ela¬


tiv ohne min), gebraucht ihn hingegen in aqall, aktar (Z. f, o, *1, 1 •, ^ y), wo das
comparatum explizit bestimmt ist, notfalls ergänzt wird (s.o. B 2.21, S. 169); vgl.
Anm. 6.
2 58.23 -rri SuväuEi 8s uzZUm : om. Ar. Das Fehlende wird erst in der arabischen
Uberlieferung ausgefallen sein; ergänze etwa: < wa-a czam minhä qüwatan. wa-dälika anna
s-sai 3 al-qarib min al-wähidy mit dem Homoioteleuton min al-wähid. Zwar fügt sich
wa-aktar tasabbuhan bihi Z. y auch ohne diese Ergänzung bruchlos an, doch das fol¬
gende min alladl tabä c ada minhu erschiene abundant, das masc. alladi ungrammatisch.
3 Vgl. propp. 1 und 5 (6.20-21 tto.v <xtcö toü aürosvot;).
4 bi-gair takattur minhu : s. Reckendorf, Ar. Synt. § 137 g zur Umschreibung des
gen. subiectivus durch min.
5 58.25 To 6[xoi.ÖTepov : tö syYUTspov Ar.
6 Explikation des secundum comparationis beim ar. Elativ in komparativischer
Bedeutung (s. Anm. 1).
7 58.26-27 sl'7rsp sxslvo TravTwv, svostSecTspov scroti, xai äjxsptcrTOTepov,siTrsp iy.eivo
sv : om. AR.
8 fi dätihl « xa0' carro», « xa0' öraxp^iv » (s. B 1 .01 g, S. 78): vgl. prop. 60 :58.
14-15 tö apa TtXeioviov a?Tiov xgct ' oüaiav xpstTrov üraipxet. toü ixattova 7rapayovT05.
9 58.27-28 cb? (jlv ... &)<; Ss ... ist als Analogieschema sprachlich nicht erfasst.
Ar bezeichnet als Grund sowohl der geringeren Anzahl als auch der grösseren
Wirksamkeit die Nähe zum Einen schlechthin: min agl qurbihi min al-wähid, wie¬
derholt li-qurbihi min al-wähid-, daher ist 58.28 &)<; Ss tozvtcov ait''<o ohne exakte Ent¬
sprechung. Befremdlich ist auch die gleichordnende Verbindung li- c izam qüwatihi
{58.29 toüto Ss SuvaTcoTspov) wa-qurbihl min al-wähid.
prop. 62 deutsche übersetzung ?73

Einen Ferne (dagegen) ist an sich vieles und ist Ursache weniger Dinge wegen

der Kleinheit seiner Kraft und wegen seiner Ferne von dem Einen.

So ist nun klar und erwiesen durch das Gesagte, dass die körperli- 58.30
chen Substanzen 10 zahlreicher sind als die seelischen Substanzen —

-— und nach den seelischen sind allein die intellektualen 11 — und dass die

seelischen Substanzen zahlreicher sind als die intellektualen Substanzen

— und nach den intellektualen ist allein das Erste, d.h. die Erste Ursache,

welche nur eine ist und keinerlei Vielfalt, 12 { 13}

10 58.30 ai ccofxaTixai <püffet<;: « od ccojxaTixal oüaioa » Ar. Vgl. S. 90, Nr. 23.
11 Vgl. prop. 20:22.13-23.
12 58.31-32 oE 8s voe? tt Xeiou? tg Sv 0stcov eväScov : Der Bearbeiter substituiert für
Proklos' Henaden-Gottheiten das Eine selbst und stellt dies unmittelbar über den
Bereich der vozq. S. dazu oben C 2.14, S. 212.
13 58.32 y.cd srcl 7tävTO)v o ahrbt; Xöyoi; : om. AR.

Proclus - 18
274

Prop. 72 (Dodds 68 .17-20, 26-27)

UBER DIE ERSTE URSACHE

UND DAS ERSTE VERURSACHTE 1

68.17 Jeder Träger ( utoxs^evov ), welcher mehrere Dinge zu tragen ver¬


mag, 2 geht doch hervor aus einer allgemeinen, vollkommenen 3 Ursache.
68.19 Jede Ursache (nämlich), die mehreres verursacht, ist allgemeiner,
stärker und der äussersten Ursache 4 näher als eine Ursache, die
weniges und Geringfügiges verursacht. { 5}
Wenn dem so ist, wie wir dargelegt haben, und wenn der erste Träger alle
68.26 Dinge zu tragen und der erste Agens alle Dinge zu wirken vermag ■—• dann
muss der erste Agens den ersten Träger bewirken und hervorbrin¬
gen, nämlich die Materie, welche alle Dinge aufnimmt. 6 {'}
So ist nun klar und erwiesen, dass der erste Träger, d.h. die Materie, alle

Dinge trägt und dass er ein intelligibles Substrat 8 ist, sowie dass der erste

Agens ihn bewirkt, denn er ist Agens aller Dinge.

1 Die propositio ist stark gekürzt. Übersetzt sind nur die Passagen, welche aus
der Hierarchie der Substrate und Ursachen die Beziehung der Ersten Ursache zur
Ersten Materie ableiten.

2 68.17 Trdvra tcc ev toi; [xete^ouctiv üttoxeijxevcov e/ovra Xoyov : « Tcavxa ira 7rXst<5-
vcov Ü7roxst|jt£va » Ar, analog zu 68.19 -ra TtXstovcov ai/ria vereinfacht.
3 68.18 ex TEXsto-repcov ... xal öXixo-rspcov ai-utov : Zur Behandlung der gr. Kom¬
parative s.o. B 2.21, S. 169; vgl. prop. 62 Anm. 1.
4 68.20 toü evö ; : Ar substituiert „die äusserste (erste) Ursache", um durch ter¬
minologische Symmetrie das Argument zu verdeutlichen.

5 68.20-26 -ra 8 e ... !cmv : om. AR. Nur die in der Wendung 68.24 7) fisv üXv], ex
toö evös 67rocttäga enthaltene Implikation hat eine Entsprechung in der ar. Version
(Z. i). S. Anm. 6.

8 68.26-27 Tj [jlev yap ü Xy), üttoxei^evov oöaa ttixvtcov , ex roü travteov alrtou jrpo7 )X0s.
Dies ist der einzige Satz aus dem zweiten Teil der propositio, den die Übersetzung
enthält. Die von Proklos 68.24-29 begründete Unterscheidung zwischen uXv] und
ccöfxix fällt also fort. Zur Bezeichnung der Ersten Ursache als al-fä c il al-auwal, der Hyle

als al-fiämil al-auwal s.o. G 2.41, S. 227 (zu hämil ~ uttoxei^evov auch B 1.06, S. 118).
— 'Y7toxEt[i.£vov Trav-rcov ist Z. £-o mit yaqwä c alä haml gaml c al-asyä D genauer
wiedergegeben; zum hier gebrauchten Ausdruck ( al-hayülä) al-qäbila li-gami c al-asyä 0
«TzävTtx. (67ro) Sexo (xevy ) » s. prop. 71:68.2-3 ai |iiv öctto t 5 v ävtoTepcov eXXcäcpLi^etq ürro-
Ssjcovtc« Ta; ex -rtov SsuTepcov TtpooSoui;; vgl. Plotin, Enn. II 4:11.2, bnoSoxr) als Auf¬
gabe der Materie ibid. 1.1, 6.2 usf. — S. auch die Interpolation prop. 76 a -<\ (dazu
C 2.43a, S. 232). In beiden propp. weist der ar. Titel auf die Hyle als TtpcÖTOV aLxia-röv.
7 68.27-29 To 8 e crcö[xa xt X. : om. AR.

8 Zum Begriff ü Xt) vo rj-rrj bei Aristoteles und im Neuplatonismus s.o. C 2.41, S. 228.
275.

Prop. 73 (Dodds 68.30-70.4)

ÜBER DIE ERSTE URSACHE

Alles Ganze 1 ist auch Seiendes { 2}, doch nicht alles Seiende ist 68.30
ein Ganzes.

Denn entweder sind das Seiende und das Ganze ein und dasselbe, 68.32

oder eins von ihnen ist vor dem andern. Wir wollen das prüfen und

stellen fest: Das Teil { 3} ist ein Seiendes { 4}, aber es ist an sich kein

Ganzes. Also sind das Seiende und das Ganze nicht ein und dasselbe; 70.1

denn wenn sie dasselbe sind, ist das Teil kein Seiendes, da das Ganze

allein Seiendes wäre. 5 Wenn aber das Teil kein Seiendes ist, so ist auch

1 68.30 etc. oXov: kulllya « öXottji; » (vgl. prop. 73 \ o ~ 70.10-11 ) sowie kulll (Z. <
~ 68.34 usf.) stehen hier für das konkrete Ganze, daneben aber auch kull (Z. J ~
70.1 usf.). Zu kulllya ~ öXov vgl. Arist., De Caelo 294 b 32, 296 b 7 ~ ar. 286.13, 295.8
ed. Badawl. — Die formale Kongruenz mit huwlya ~ ov mag in der vorliegenden
prop. die Verwendung des Abstraktums mitbestimmt haben (vgl. auch oben S. 82).
Auf der anderen Seite steht in den arab. Versionen aristotelischer Texte regelmässig
kulll für xa06Xou, (al-)kulliya für ( tö ) xaÖoXou ; so bei Ustät: Arist., Met. I l:1052a35
tö öXov xal to xa06Xou ~ ar. 1237.3-4 ed. Bouyges: al-kull wal-kulll, Z 13: 1038 b 3
tö xa06Xou ~ 959.10 al-kulli, A 1:1069 a 26 tcc xa0oXou ~ 1416 v 2 al-kulllyät, usf.
(cf. Indices C/a, c, D/a ed. Bouyges); Abü Bisr Mattä: Met. A l:1069a26 t & xa0oXou
~ 1416.10 al-kulliya; Ishäq: De Int. 17 a 38 ff. xa06Xou ~ ar. 10.1 ff. ed. Pollak : al-
kulli (cf. Cat. ar. ed. Georr, Lexique s.v.); Abü c Utmän ad-Dimasql: Alex. Aphr.,
Quaest. I 11 a [s. o. S. 75], 21.15, 22.2 to £qjov tö xa06Xou ~ ar. 279.17, 280.5 ed.
Badawl: al-hayawän al-kulli. Auch kulllya ~ xaßöXou lässt sich — wenn diese Bedeu¬
tung intendiert ist — im Kontext der prop. rechtfertigen: Nicht nur das konkrete
Ganze, das aus Teilen besteht, sondern auch das Allgemeine, welches das Besondere
umfasst, ist (in platonischer Auffassung) ov. Diese terminologische Implikation
könnte auch erklären, warum in prop. 74 ( 70.15 etc.) SXov durchweg mit kull über¬
setzt wird: Hier würde die Subsumtion von kulllya ~ xa06Xou unter das öcto^ov
(70.17) einen Widersinn ergeben.
2 68.30 xal (xete)(ei, toü övto ? : om. AR? Aber auch Ausfall durch Homoioteleuton
(... al-huwiya) in unserem ar. Text ist denkbar.
3 68.33 fi (xspoi; bleibt unübersetzt, wie auch 74:70.17 fj &iop.o v, 80:74.31 fj awjici;
doch werden entsprechende Ausdrücke an anderen Stellen adäquat wiedergegeben
(fj ~ bi-annahü, s. B 1.01a, S. 77,84).
4 68.33-34 ex yöcp ^epcov ovtcov ecti tö öXov : om. AR. Vielleicht eine alte Inter¬
polation unseres gr. Textes, die in der Vorlage AR noch fehlte, ebenso wie die Paren¬
these unten 70.11-12 (Anm. 9).
5 ad 70.1 ei |j.6vov tö oXov ect Im Öv mss. PQ, secl. Dodds: habet AR.
276 deutsche übersetzung prop. 73

das Ganze kein Seiendes; denn alles Ganze heisst Ganzes auf Grund der
70.3 Teile, 6 sei es auch einmal vor, einmal in den Teilen. Ist aber kein Teil,
so ist auch kein Ganzes.
70.5 Wenn nun das Ganze vor dem Seienden ist, dann ist alles Seiende
zugleich auch Ganzes. Wenn dem so ist, ist (also) das Teil kein Seien-
70.7 des 7 , und das ist absurd und unmöglich; denn wenn das Ganze nur
durch die Teile 8 ein Ganzes ist, so ist auch das Teil (nur) bezüglich
des Ganzen Teil. Wenn sich das so verhält, wie wir dargelegt haben,
muss alles Ganze auch Seiendes sein, doch nicht alles Seiende Ganzes,
wie wir oben gesagt haben.
70.10 Also ist nun klar geworden aus dem Gesagten und erwiesen, dass
das Erste Seiende höher und allgemeiner ist als das Ganze, weil ja (der
Begriff des) Seienden mehr Dingen zukommt { 9} und (der des) Ganzen
70.13 weniger Dingen; und die Ursache, welche vielen Dingen gemeinsam ist,
ist edler und allgemeiner als die Ursache, welche wenigen Dingen
gemeinsam ist. 10 Und wenn dem so ist, ist zweifellos die Erste Ursache bloss
Seiendes, und keinerlei Qualität ist ihr vermischt. u

6 70.2-3 toxv yap öXov |j.eptöv ecmv oXov. Zur Wiedergabe allgemeiner Urteile
als Aussagen über den Sprachgebrauch vgl. ArÜb De Caelo 74.
7 70.6 [Aepoi; (2.): fort. om. AR.
8 70.7 [xepoui;: «fXEpcöv» Ar.; vgl. 70.2 (dagegen Dodds, Comm. 240 .5).
9 70.11-12 xod yap toi ? fispsaw, f) ^spv), fö slvca ümxpxei : om. AR. Vgl. Anm. 4.
10 70.13-14 cbc SeSsty.tai: om. Ar. Verwiesen wird auf prop. 60, die arabisch nicht
vorliegt.
11 Fast gleichlautend mit 74 \ Aus den beiden propp. 73 u. 74 ergibt sich,
dass das Seiende über den Formen steht: das Ganze über den Formen, das Seiende
über dem Ganzen, 70.23-24 <i> stotcii tö xc.i rrpö tcov EtSwv ücpecrravai to ov . ,,Unver¬
mischt" nennt Plotin das Erste Sein Enn. II 6:1.55 T7]v yap oüaitxv (pv)GO[XEv ixeT,
xupicb-rspov xod (xjjllyscrtspov s/ouaav to ov, elvcu oüatav ovtco ?, Proklos das OsZov prop.
122:108.2-3 afxixToi; xat svicüa ÜTTEpoxv). —■ Die Bezeichnung der Ersten Ursache, des
Einen, als Erstes Seiendes ist jedoch der vorliegenden Bearbeitung des Proklostextes
eigentümlich; s. dazu C 2.23, S. 215 f.
277

Prop. 74 (Dodds 70 .15 -27)

ÜBER DIE ERSTE URSACHE

Jede Form 1 ist auch ein Ganzes { 2}, aber nicht jedes Ganze ist 70.15
Form. Denn das Individuum 3 ist ein Ganzes { 4}, doch es ist nicht
Form. { 5} (Vielmehr) ist die Form das in viele Individua Zerteilte. 70.19
Wenn dem so ist, dann ist das Ganze verschieden von der Form, und
es umfasst jenes viele Dinge, dieses weniger Dinge. { G}
Nun ist klar nach unseren Worten und erwiesen, dass das Ganze 70.22:
in der Mitte steht zwischen dem Seiendem und der Form. Wenn dem
so ist { 7}, ist jede Form auch Seiendes, nicht aber alles Seiende Form.
Jede Form ist nämlich Form in Bezug auf ein Seiendes, doch nicht jedes Seiende
ist seiend in Bezug auf eine Form. 6 — Daher tritt auch { 9 } die Privation 70.25
(<7T£p7)cn<;) unter (den Begriff) des Seienden, d.h. die Privation der Tätigkeit

1 70.15 etc. sISo? : süra. Der Übersetzer differenziert nicht zwischen forma und
species (andere trennen süra X nau c , s. o. B 1.14, S. 135,137), doch die Übertragung
von 70.18-19 (Z. y ) scheint richtiges Verständnis vorauszusetzen.
2 70.15-16 ex yäp tt Aeiövcov ucpectttjxev , tov exaaxov cu[i7rX7)poi tö e IS o ?: om. AR.
3 70.17 tö xai ixto^ov : as-saxs „Person, einzelner", t.t. für das ato[/.ov der
ai-istotelischen Logik. (Z. B. Ta ocrofia ~ al-asxäs : Cat. 3 a 35 ~ ar. 325 [fol. 163a3]
ed. Georr, Top. 109bl6 ~ ar. 505.6 ed. Badawl, Met. 999al2 ~ ar. 228.5 ed. Bouyges;
Ta xa0' Exacrra ~ al-asxäs: De Int. 17b28 ~ ar. 12.2 ed. Pollak u.ö.)
4 70.17 fj aTojxov : unübersetzt, wie schon 73:68.33 yj fjipoi; (s. dort Anm. 3).
5 70.18 toxv y&p o\ov satt tö ex |j.epcöv üipsato? : om. AR. Die Auslassung (durch
Homoioteleuton nicht erklärlich) ist auffällig, weil es sich um den ersten Schritt einer
zweiteiligen Begründung handelt, die wiederum mit den beiden Teilen des vorigen
Satzes kongruiert (oXov x e IS o ?) . Der logische Zusammenhang bleibt jedoch
gewahrt.
6 70.21 üirep tcc ei&t) äpa tüv ovtcov eot I tö oXov : om. AR. Vielleicht eine alte
Interpolation, die in der frühen Überlieferung noch fehlte. (Vgl. oben prop. 73 Anm.
4 u. 9.)
7 70.23 e7cetai) t6 xat npb tcöv e EScöv utpsatavai tö öv (xai) : om. AR. Zwar
ist der Satz sinngemäss in den Corollaria 74 und (fast gleichlautend) 73 \a
enthalten, aber diese stehen im Zusammenhang mit weiteren Interpretamenten der
ar. Prokloversion (s.o. G 2.23, S. 215).
8 Der Zusatz berührt sich formal mit 73:70.7-8, wenn auch dort eine kon-
vertible, hier eine nicht konvertible Aussage vorliegt.
9 70.25 ev toi? (x7totexea|jt.aotv : om. Ar.
278 DEUTSCHE ÜBERSETZUNG PROP. 74

der Natur ist auch ein Seiendes, 10 ohne doch Form zu sein: Die Privation
tritt unter (den Begriff) des Seienden auf Grund der Kraft des Ersten
Seienden, 11 denn dies vermag die Privation der Form eines Dinges zu
verursachen. 12

Damit ist nun klar und erwiesen, dass die Erste Ursache bloss Seiendes

ist, und keine Qualität ihr vermischt, wie wir erklärt und erläutert haben. 13

Vgl. die aristotelische Definition von CTspr;aic als Privation des y.ara tpuatv Beste¬
10
henden, Möglichen oder Zukommenden Met. © 1:1046a 31-33 u. bes. F 2: 1004al5f.
Iv 8s Tyj axspTjGsi xccl ÜTrojceifievr) tit; tpücii; y^yveTai xa6' % XeysTat y) arep'rjaiq. In¬
dessen ist diese Interpretation von a-cip-qciQ. auch äusserlich als Glosse formuliert
(aqiil ...), hier nicht recht am Platze; sie dürfte mit den Interpolationen in propp. 76
und 78 zusammengehören, welche die (puat? als „Zweite Ursache" unter das Eine
stellen (s.o. C 2.43-44, S. 229 ff.). Wie verschieden Aristoteles und Proklos den
Begriff auffassen, zeigt Phys. 193b 19-20 v.a.1 yap r) CTspyjcii; eISo? 7tc!x; sanv gegen¬
über prop. 74. Vgl. Anm. 12.
11 70.26 Sia T7)V EViaZav toü ovto; Suvajxtv : Siä ttjv toü TtpcoTtoi; övrot; Suvajj,!.v Ar.
Vgl. 73:70.10. Der Fortfall von ivicuav und der letzten Worte des Schlußsatzes (s.u.)
ergeben zusammen mit der Identifikation von TtpcoTtoi; ov und Erster Ursache (Z. ^ y)
eine andere Begründung für die Seinshaftigkeit der erspiel? ; s. dazu oben C 2.42,
S. 228.
12 70.26 xal aÜT od. toü elvoa xaTaSs^a^evai tivoc äjxuSpav £(j.(paci.v : om. Ar. Die
Version substituiert eine andere Begründung (vgl. Anm. 11). Die hier gegebene
Bestimmung von aTsprjaii; als cTEp7)ai<; toü eiSou? ist im Sinne des Autors (vgl. prop.
57:56.15); vgl. dagegen Z. \ (Anm. 10).
13 Das Corollarium ist nahezu gleichlautend mit 73 \V-1A (s.o. C 2.23, S. 216).
279

Prop. 76 (Dodds 72.5-19)

ÜBER DIE ERSTE URSACHE


UND DAS ERSTE VERURSACHTE

Alles, was von einer unbewegten Ursache herrührt, das ist un- 72.5
wandelbar und unveränderlich; und alles, was von einer bewegten
Ursache herrührt, das ist wandelbar und veränderlich. Ich (will)
sagen: Alles Werdende, welches von der Ersten Ursache ausgeht, ensteht nicht

durch Wandlung eines anderen vor ihm, vielmehr wird es aus nichts; und alles

Werdende, das von der Zweiten Ursache, d.h. von der Natur, ausgeht, entsteht

nicht aus nichts, sondern wird nur aus der Wandlung eines anderen vor ihm. 1

Wenn dem so ist, kehren wir (zur Ausgangsthese) zurück und stellen fest: 72.7
Wenn die Ursache ruhend und unbeweglich ist {2 }, so ist das aus ihr
Entstandene unwandelbar und unveränderlich, wie der Erste Träger, d.h. die

Materie .3 Ist aber die Ursache beweglich, so ist auch das aus ihr 72.13
Entstandene wandelbar und veränderlich {4}. Wenn nämlich das
Sein eines Dinges durch Bewegung und Wandlung hervorgebracht
wird, ist auch { 5} dies Sein selbst wandelbar und veränderlich und
beharrt nicht in einem Zustand. Denn wenn es sich nicht wandelt
noch verändert, sondern bei einem Zustand bleibt, so ist dies Ding edler 72.16
und vornehmer als seine bewegte Ursache, und das wäre absurd und
unmöglich. Wenn dem so ist, wie wir dargelegt haben, kehren wir (zur

1 Proklos begründet seine These im zweiten, ihr folgenden Abschnitt der pro-
positio (72.7-12). Dieser Abschnitt fehlt in der ar. Version (s. Anm. 2). An seine
Stelle setzt der Bearbeiter eine Interpretation — keine Begründung — der These,
welche ebenfalls den Werdevorgang erläutert, dabei aber der zuvor gegebenen
Dichotomie folgt. — Zur Natur als „Zweiter Ursache" vgl. prop. 78 VM > weiteres
hierzu und zum Theorem der creatio ex nihilo s.o. G 2.43, S. 229 ff.
2 72.7-12 ei yap ... äet : Ar gibt nur die Protasis 72.7 et (yo :p) dcx'.v7]?ov zart, toxvty]
to ttoioOv des zweiten Abschnitts; für das übrige ist die oben Anm. 1 besprochene
Interpolation eingetreten. Der vorliegende Satz, der lediglich die These wiederholt,
soll ein Korrelat zum zweiten Teil der Disjunktion ( 72.13 ff.) herstellen, das sonst
fehlen würde.
3 Vgl. prop. 72 VA (68.24, 26-27) ; s. dazu oben C 2.43b, S. 232.
4 72.14 >tax' oicrtav : om. Ar (s. Anm. 7).
6 72.14-15 to O javoujiivou jxeTaßaXXovTo? : om. Ar, wohl weil die Beziehung des
gen. abs. auf t b a'raov (72.13) nicht erkannt wurde.
280 deutsche übersetzung prop . 76

obigen Behauptung) zurück und sagen: Das Verursachte, das von einer ruhen¬
den Ursache herrührt, entsteht ohne Wandlung aus einem andern Ding vor ihm,
beharrt vielmehr in ein und demselben, dauernden Zustand gleich der Ursache, von der
es herrührt. Das Verursachte aber, das von einer bewegten Ursache herrührt,
entsteht aus der Wandlung eines andern Dinges vor ihm , 6 und es ist ebenfalls
72.18 bewegt und wandelbar und beharrt nicht in einem Zustand {'}, gleich
der Ursache, von der es herrührt.
Damit ist nun klar erwiesen, dass die Ursachen von zweierlei Art sind: die
ruhende und die bewegte Ursache. Was von der ruhenden Ursache herrührt,
ist ebenfalls ruhend, unbewegt und unbeweglich, wie die Erste Materie. Was
aber von der bewegten Ursache herrührt, ist auch bewegt, wandelbar und
beweglich, wie die Zweite Materie: nämlich die Substanzen, welche dem Werden
und Vergehen unterworfen sind. 8

6 Im wesentlichen Wiederholung von Z. f-V


7 72.18 xar' ovaiav bleibt, wie oben 72.14, unübersetzt.
8 D.h. die Substanzen der physischen Welt, deren gemeinsame, unveränderliche
Grundlage die „erste" Materie ist. Die hier vorgenommene Unterscheidung geht auf
Aristoteles zurück: s.o. G 2.43b, S. 232.
281

Prop. 78 (Dodds 74.8-17)

ÜBER DIE ERSTE URSACHE

Jede Kraft ist entweder vollkommen oder unvollkommen. 74.8

Die vollkommene Kraft entspricht der tätigen Kraft 1, denn sie 74.9

bewirkt vollkommene Dinge { 2}; und wenn sie dies bewirkt, so ist sie

um so mehr selbst vollkommen, vollkommener als die anderen Dinge,

welche sie zur Vollkommenheit gebracht hat. Die unvollkommene

Kraft dagegen entspricht der Kraft, welche nichts zu wirken

vermag ausser durch ein anderes, das vor ihr ist in actu { 3} : sie bedarf 74.12

desjenigen, welches zur Vollkommenheit, zur Vollendung, zum Entstehen

bringt 4, wird also vollkommen und vollendet in actu wie das Schriftwerk

durch den Schreiber vollkommener Wissenschaft .5 { 6} Wenn dem so ist,

(können) wir zurückkehren und sagen: Die vollkommene Kraft ist 74.15

diejenige Kraft {'}, welche alle Dinge bewirkt und keines anderen bedarf

das in actu wirkte, um sie zur Tätigkeit und zum Handeln zu bringen: Dies ist

die Erste Ursache . 8 Die unvollkommene Kraft ist diejenige {'}, welche 74.16

nicht zur Tätigkeit imstande ist ausser durch ein anderes Agens,

welches in actu wirkt und ihre Tätigkeit hervorbrigt: Dies ist die

1 74.9 f] Evspysiai; oEcmxr) (ts Xsicc Suvafxi?) : « rj koitjtix'}] Suva^i? » Ar ( al -

qüwa al-fä^ila wie 79 f, vgl. aber fi cl ~ Ivspyeia). Aristoteles unterscheidet Suvajxi?


Koi-qnxr) xat TO0y)Tixr) De Caelo 275b 5, Met. 1048a 6 (mit Ross, Comm. 2.240 ad
1045b 35); weiteres s. D odds, Comm. 242.

2 74.10 8ta twv ecojtt)? ev Epystcov : om. Ar.


3 74.12 xa0' V SuväfAEi tl ScTtv : om. Ar.
4 74.13 [xetaaxoüaa exelvou : Der Begriff der \x£QsZ,i<; wird nicht zum Ausdruck
gebracht: Ar verlagert den Akzent auf den processus xar' at-riav, der von der «voll¬
kommenen » Kraft (der causa prima , Z. \ !) ausgeht; vgl. das folgende, in der Version

zugefügte illustrierende Beispiel, ferner prop. 5 m. Anm. 9.


5 Das hier gebrauchte Bild geht auf Aristoteles, De An. 417a 25, 430a 1 zurück;
s. dazu oben G 1.22, S. 200 f.

6 74.14 xct0' aü-e7]v apa dcTeXr]? ectov yj toioojtt ] Süva |xii;: om. Ar. (dem Sinne nach
im Vorhergehenden enthalten).

7 74.15-16 -i) toü Y.o.-z' Ivspyetav — yj toü Suvä |j.ei bleibt ohne Entsprechung; Ar
rekurriert auf Z. 11-14.

8 74.15-16 EVEpystac oüaa yövtjxoi;: Der Bearbeiter identifiziert die „vollkom¬


mene" Potenz schlechthin mit der Ersten Ursache, al-fä c ila U-gamV al-asyä = « -olvtovj
ahia tcöv övtcov » (vgl. prop. 92:82.26). S. dazu oben C 2.44, S. 233.
282
deutsche übersetzung prop . 78

Zweite Kraft, d.h. die Natur. Sie wirkt alles ausschliesslich durch Bewegung,

und die Bewegung ist in ihr von der Ersten Ursache. 9

Damit gilt nun, dass es zweierlei Kräfte gibt: Die eine ist die tätige

Kraft, welche zur Hervorbringung ihrer Tätigkeit keines anderen Agens

bedarf; und die zweite Kraft diejenige, welche zur Hervorbringung ihrer

Tätigkeit eines anderen Agens bedarf, wie wir ausgeführt haben.

9 Vgl. 76 i ; wie dort als Zweite Ursache, wird die Natur hier als Zweite Kraft
der prima causa gegenübergestellt. S. dazu oben C 2.44, S. 233-235.
283

Prop. 79 (Dodds 74.18-26)

UBER DAS WERDEN

Alles Werdende 1 entsteht aus zwei Kräften. 74.18


Denn das Werdende braucht ein Vermögen, das Werden zu 74.19
empfangen { 2}, und das Agens muss fähig zur Tätigkeit sein { 3}, da
jede Tätigkeit nur aus einer tätigen 11 Kraft hervorgeht. Wenn dem so ist, 74.22
wie wir dargelegt haben, muss alles Werdende aus den genannten zwei Kräften

hervorgehen; und zwar ist deren eine vollkommen, die andere unvoll¬
kommen, und die unvollkommene ist (nur) bereit zur Tätigkeit. 2 Denn
wenn das Agens keine Kraft hat, mit der es wirkt, kann es nichts
anderes wirken; und wenn das Werdende kein Bereitschaftsvermögen 74.24
hat, die Wirkung in sich aufzunehmen, kann es nicht werden. Das Agens
wirkt nämlich nur auf dasjenige, in dem das Vermögen zur Annahme 74.25
der Wirkung 5 ist — nicht auf alle Dinge; nicht auf ein Ding, das
seine Wirkung nicht annimmt.

1 74.18 rzäv tö yi.v6|j.£vov : kull mukauwan. Das part. pass. hat hier nicht resultati-
ven Sinn, sondern soll den „passiven" Charakter des Werdevorgangs hervorheben:
„Alles, was einem Werdevorgang unterworfen ist".

2 74.19 y.aX Süvctfziv äreX?] £Xetv ! 27 8uw.fj.iv TrpoEiXyjcpEVGa TsXeiav fehlen zunächst,
werden aber in der erneuten Disjunktion Z. o -1 (74.22-23 e'i -rs ... e'its ...) nach¬
getragen.

3 74.20 8 toüto 8uvä|j .ei. ea -riv bleibt ohne Entsprechung; Ar verabsolutiert die
evspyeia der aktiven Kraft, die nicht als eine je-einzelne, sondern als übergeordnete
Hypostase angesehen wird (prop. 78 <\ als causa prima!). Ähnlich 74.22 (Anm. 4).
4 74.22 {ix. Suvajjieco?) tt)? evoüg 7)<; : « ty )s 7TOL7]TiX7j£» Ar (vgl. prop. 78 Anm. 1).
Die von Proklos genannte „innewohnende" Suvafiii; ist vielmehr, je nachdem, die
aktive oder die passive.

5 74.26 7räcjxeiv : al-infi c äl entspricht gr. mxGot;, Ttäc/eiv, gehört aber sprachlich
als Passiv-Reflexiv zu fi c l „Tätigkeit, Wirkung, Evspyeia ".
284

Prop. 80 (Dodds 74.27-76.11)

ÜBER DEN KÖRPER UND DAS UNKÖRPERLICHE


UND ÜBER DAS WERDEN

74.27 Jedem Körper kommt es zu, Wirkung zu erfahren { x}, jedem


Unkörperlichen, zu wirken. 2 Jener ist an sich schwach, dieses erfährt
an sich weder Wirkung noch empfängt es Affekte; indessen erfährt
74.29 zuweilen auch das Unkörperliche eine Wirkung wegen seiner Verbin¬
dung zum Körper, und auch der Körper ist zuweilen wirksam wegen
seiner Verbindung mit dem Unkörperlichen.
74.31 Der Körper ist { 3} bloss teilbar; er ist daher empfänglich für
Wirkung und Affekte, teilbar 4 bis ins Unendliche. Das Unkörperliche
hingegen ist einfach; es empfängt keine Wirkung noch Affekte, denn was
76.1 keinen Teil 5 hat, erfährt keine Teilung, und was keine Zusammenset¬
zung hat, erfährt keine Wandlung. Wenn dem so ist, wie wir dargelegt
haben, ist nichts (aktiv) tätig ausser dem Unkörperlichen allein, da
ja der Körper { 3 } nichts bewirkt, sondern nur Wirkung empfängt und
Teilung erfährt.
76.5 Wenn nun jemand einwendet, dass wir doch viele aktive 6 Körper sehen,

erwidern wir: Jedes Agens hat eine Kraft, durch die es wirkt 6 . Wenn sich
nun ein aktiver Körper findet, 7 so wirkt er nicht insofern, als er Körper

1 74.27 xa0' goitö : om. Ar. Vgl. Anm. 3.


2 ttole Tv , svspysia ~ fi c l X nißoq ~ infi c äl\ die Opposition wird also im
Arabischen durch die transitive I. Form und die pass.-refl. VII. Form der gleichen
Verbalwurzel wiedergegeben. Weiter unten wird infi^äl auch exaggerativ mit ätär,
ta'tlr verbunden. (Vgl. Glossar s.w. und oben S. 157.)
3 74.31 -}) ac5[j.a, 76.2 xct06 c>cö[i.a : om. Ar. Vgl. Anm. 1 und prop. 73 Anm. 3;
xa0ö uöi[j.a 76.6 wurde dagegen übersetzt. S.o. B 1.01a, S. 77,84.
4 74.32 7t<xvty ] ov (ieptcrrov, xai. ttkvttq sie, amipov : « xai [i.epiciröv sEc, caretpov »
Ar, das zweimalige 7rävT7] bleibt unübersetzt.
5 76.1 t6 : Die Lesung girm der Handschrift ist zwar sinnvoll, aber aus
dem gr. Text nicht herzuleiten und als Verschreibung aus guz* graphisch leicht zu
erklären.
6 Die Handschrift hat munfa c ila (am Rande durch Konjektur [«$»] berichtigt!),
yanfa c il, nicht nur gegen den gr. Text [76.5 Ttotoüv, TranjTudjv), sondern auch im
Zusammenhang der ar. Version sinnlos.
7 AR las 76.6-7 cocts ... Siivo^uiv vor 5-6 carotov ... aüro, folgte also der Anord¬
nung der übrigen bekannten gr. Handschriften gegenüber der von Dodds emen-
PROF. 80 DEUTSCHE ÜBERSETZUNG 285

ist, sondern durch die ihm innewohnende Kraft. Denn 8 jeder Körper,
insofern er Körper ist, ist ohne Qualität und ohne Kraft; die Kraft ist
in ihm nur insofern, als er sie erworben hat, und wenn er wirkt, so nur durch 76.8
die Kraft, die er erworben hat. Entsprechend verhält es sich mit den
unkörperlichen Dingen, d.h. sie erwerben (das Vermögen), Wirkung
zu erfahren, von der Natur der Körper, in welchen sie sind, und emp- 76.9
fangen also Teilung, obgleich sie in ihrer Substanz unteilbar sind und
weder Wirkung noch Affekte 9 empfangen.
Damit gilt nun, dass die Körper nichts wirken ausser durch die Kraft, die

von den Unkörperlichen her ihnen innewohnt, während sie (sonst) nur Wirkung

und Affekte erfahren; und dass die unkörperlichen Dinge Wirkung und Teilung

empfangen nur wegen der Körper, in. denen sie sind, während ihnen (sonst) nur

(aktive) Tätigkeit und Wirkung zukommt.

dierten Umstellung. Die durch diese Anordnung bedingte Härte des logischen
Anschlusses wird im Arabischen durch den hier ergänzten Vordersatz fa-in ulfiya girm
fä c il ausgeglichen.

8 76.5 8e : yap Ar.


9 76.10 dcfispi): + xat dacaOi) Ar.
286

Prop. 86 (Dodds 78.19-80.2 [-14])

ÜBER DIE ERSTE URSACHE

78. 19 Alles wahrhaft (Seiende) 1 ist unendlich an Kraft — (nicht) an


Menge und nicht an Grösse.
78.21 Alles Unendliche ist entweder unendlich an Menge oder unendlich
an Grösse und Volumen oder unendlich an Kraft. Wenn dem so ist,
fahren wir fort: Das Unendliche ist ewig 2 , dasjenige nämlich, welches
78.23 ein unverlöschliches Leben, unvergängliches Ansichsein 3 und unaufhör¬
liche Tätigkeit hat; und es ist unendlich weder auf Grund seiner Grösse
— denn das wahrhaft Seiende hat keine Grösse { 4}, weil es einfach
78.26 un d unteilbar ist —, noch auf Grund seiner Menge — denn es ist nur
Eines 5 { 6} —, sondern es ist unendlich an Kraft 7 , und somit unteilbar
78.30 und unbegrenzt zugleich. { 8} Die teilbare Kraft dagegen ist schwach

1 78.19 t 6 övt 6ov : al-haqq, vgl. unten Z. v zu 78.25 al-huwiya al-haqq. Die
Identifikation von Seiendem und Wahrem finden wir schon bei Piaton ( Resp. 508
d5) und Aristoteles {Met. 0 10:1051b 1); t & äX7)0si; für das Eine hingegen bei
Plotin, Enn. VI 7:34.28. Vgl. auch S. van den Bergh, Die Epitome der Metaphysik
des Averroes, S. 218, Anm. 81 3 ; Goichon, Lexique, S. 82, Nr. 170.2; EI 2 s.v. hakk.
2 78.22 to 8' övt63? Öv dcTtEipov : to 8' öoteipov dtsl öv AR. Vgl. tö 8s äei öv der
Mss. MW des Gr.
3 78.23 uTrap^tv : s. Glossar s.v. dü zu dät ~ limxp^ic; (prop. 5 f.), bi-dätihi
~ xa0' auTo (vgl. S. 258 Anm. 10).
4 78.25 aü0u7roaT<xT<oqov ' rcäv yap aö0u7toordT<o? ov : om. AR, vielleicht durch
Homoioteleuton (nach övtco ? öv). Die prop. ist jedoch im ganzen stark gekürzt.
5 78.26 svosiSscrTaTov yäp : « ev yap [xövov» AR. Für den Bearbeiter unseres
Textes ist, wie wiederum aus dem Schlußsatz Z. \ y hervorgeht, das hier behan¬
delte ovtcoi; ov der prima causa synonym: Es ist nicht nur evosiSecrTaTov, sondern es ist
das Eine (s.o. C 2.23, S. 215). Entsprechend fehlt das Folgende:
6 78.27 otte eyyutatco to C evö? tetay ^evov, xal tö evi csuyyevectatov : om. AR.
Wohl im Einklang mit der vorangehenden Änderung, um die Trennung zwischen
ovto ic, ov und dem Einen als der Ersten Ursache aufzuheben (vgl. Anm. 8 u. 12).
7 78.28 tot« tyjv Suvajj.iv : Die Handschrift hat bil-huwiya, lapsus calami wegen
des voraufgehenden al-huwXya al-liaqq.
8 78.29-30 y,al oa<x> §•}) jj.5XXov ev xal (jtäwiov afieps^, tocoutco xal aTtsipov (iäXXov :
om. AR. Nehmen wir eine Umstellung ... xal (j.äXXov arcsipov an, wird Ausfall durch
Homoioteleuton denkbar. Aber wie die vorige omissio (Anm. 6) lässt sich auch
diese als bewusste Streichung begründen: Der fehlende Satz wurde als Aussage über
das ovto)? öv aufgefasst, dies als die Erste Ursache. Eine zwischen dem Einen und
prop. 86 deutsche übersetzung 287

und begrenzt, und daher sind die teilbaren Kräfte (überhaupt) auch
endlich. 9 Somit sind die Dinge, welche dem Einen fern sind, 10 endlich 9 80.1
auf Grund ihrer Teilbarkeit. { n }
Damit ist klar und erwiesen, dass die Erste Ursache eine ist, nicht
Vielfalt, und unendlich an Kraft, nicht an Grösse und Menge, wie (80.13)
wir erklärt und erläutert haben. 12

der Vielfalt vermittelnde Relativierung des ovtco? ov durch Abstufung in ein „mehr
oder weniger Eines" war damit nicht vereinbar. Zu den weiteren Parallelen s. o.
C 2.13-14, S. 206 ff. u. G 2.23, S. 215 f.
D 78.31, 32, 80.1 7id\iT7], -av-coc ohne Entsprechung; die relativen Aussagen über
das mehr oder weniger Einsnahe bzw. Einsferne werden damit in absolute über das
Eine und — an dieser Stelle — das Viele transformiert.
10 78.32-80.1 cd yap xai TtoppcoTctTco toü ivoq : « a'i te Ttoppco toü kvoq »
Ar. Wiederum eine absolute Charakteristik des Einsfernen; das vermittelnde Gegen¬
stück fehlt sinngemäss:
11 80.2-14 cd 8 e Trpürat. Sta rrjv äfispsiav cmsipoi x-rX. : om. AR. Eine Mehrzahl
von 7rpöSTai evocS e ? lässt die Anschauung des Bearbeiters nicht zu. (Vgl. G 2.14,
S. 212 zu prop. 62 \ \.) — Di e Übersetzung bricht hier ab (die zweite Hälfte der
propositio, 80.2-14, fehlt ganz), und die Konklusion stellt den fispt^o^evoa und
7üE7Tepaa(ji.evai. Suvajxsi^ nurmehr die erste und eine Ursache gegenüber.
12 Die Konklusion lässt sich als Redaktion des gr. Schlußsatzes 80.12 ty.Xktx jr/jv
äTtEipoSuvajxov ecmv • oux äpa aiteipov [sc. to ev] xarcc 7tXT)0ö? eotiv 'r\ ver¬
stehen, eher aber als quod. erat demonstrandum: ein Corollarium, das wie in den meisten
Abschnitten der ar. Version die These wiederholt und auf die Erste Ursache um¬
münzt. So wird hier Proklos' Aussage über das ovtoj? öv auf die Erste Ursache bezogen:
Allein die prima causa ist wahrhaft seiend (so nach den oben angezeigten Änderungen
gegenüber dem gr. Text), sie allein also <x7teipoSuva(xov.S. oben C 2. 23, S. 216.
288

Prop. 91 (Dodds 82.17-22)

ÜBER DIE ERSTE URSACHE

82.17 Jede Kraft ist entweder endlich, oder sie ist unendlich. Indessen
geht die endliche Kraft erst aus der unendlichen Kraft hervor, die
unendliche Kraft dagegen aus dem absoluten, ersten Unendlichen.
82.20 Denn die zeitliche Kraft, d.h. die in der Zeit gewordene 1 , ist
endlich, die Unendlichkeit ist ihr verloren. Die Kraft aber, welche nicht
in einer Zeit entstanden ist, ist unendlich; doch die Unendlichkeit in ihr ist
zeitlich, d.h. sie endet nicht in der Zeit. 2 Die Erste Kraft schliesslich ist wahr¬
haft unendlich; aus ihr entspringt die Unendlichkeit in den unendlichen Dingen,
denn sie ist die Ursache aller Unendlichkeit.3

1 82.20 «E jj.£v y «P tcote oSacci; s. Anm. 2.


2 82.21-22 al 8e töv dcel övtuv a7tsipoi, |x7)se7rote ttjv ekutcüv ixizoXzi— oucai ÖTtap-
£tv : AR unterscheidet zwei Stufen unendlicher Potenz: von der Unendlichkeit

zeitlicher Dimension die transzendente der causa prima. (Zur Behandlung von lä
nihäya als Kompositum vgl. B 2.12, S. 163.) Vgl. dazu G 2.24, S. 216 f.
3 Vgl. prop. 92:82.28-31 (s.o. C 2.24, S. 217).
289

Prop. 167 (Dodds 144.22-146.15)

ÜBER [DIE ERSTE URSACHE?]

Jede Intelligenz ( c älim) 1 erkennt sich selbst. <Die Erste Intelli- 144.22
genz indessen erkennt nur sich selbst) und ist dabei nur eins an
Zahl, d.h. [sie ist Subjekt und] Objekt der Erkenntnis ( c älim wa-
ma c lüm), nicht als ein je anderes, sondern eines, Subjekt und Objekt der

Erkenntnis zugleich. Denn über ihr ist kein anderes Intelligibles (ma c lüm), nach

dessen Erkenntnis sie streben könnte 2; somit ist sie selbsterkennend, das Objekt

und das Subjekt der Erkenntnis zugleich. Von den übrigen Dingen hingegen, 144.24
welche Erkenntnis haben (dawät al- c ilm), erkennt ein jedes sich selbst
sowie was über ihm ist, wird aber auch erkannt; es erkennt nämlich,
was über ihm ist, und wird erkannt von dem, was unter ihm ist. 3
Wenn dem so ist, kommen wir (zum Ausgangspunkt) zurück und 144.26
stellen fest: Jede Intelligenz erkennt sich selbst oder was über ihr
ist oder was unter ihr ist. Erkennt sie, was unter ihr ist, so kehrt sie 144.28
zurück zu einem Niederen; denn dann erkennt sie einen Gegenstand sinn¬
licher Wahrnehmung, nicht ein Intellektuales (sai 3 c aqli) gleich ihm. { 4} Ich

1 Die ar. Terminologie der Proklostexte für das semantische Feld voüc / voetv -
YväGte; / Yivcocxeiv ist uneinheitlich und weicht von den ziemlich einhelligen Normen
der übrigen Übersetzungsliteratur ab: c alima steht für vosiv wie für ywcdcrxetv, c ilm,
c älim neben dem üblichen c aql für vout;; s.o. B 1.15, S. 138. Eine sinnvolle deutsche

Wiedergabe konnte den ar. Sprachgebrauch nicht konsequent nachbilden; ich


habe daher den deutschen Ausdrücken die ar. Entsprechungen in Klammern
beigefügt.
2 Der Erste Nüs, der nur sich selbst erkennt, ist in der Interpretation des Proclus
Arabus die Erste Ursache, „über der nichts anderes steht" (prop. 20:22.30). S.
dazu oben C 2.31, S. 217.
3 144.24-25 xcd vo7)t 6 v egti toüt(o tö [xsv o scm, -rö 8 e dtcp' o5 ecmv : Anscheinend
interpunktierte AR hinter vo-/)tov egti . Die Änderung des Folgenden wurde viel¬
leicht durch eine Variante der Vorlage veranlasst (ofccp' oö : dbr' ocütoü AR?) —
jedenfalls entspricht ihr aber eine ganz analoge Modifikation der Passage 146.
12-15 (s. Anm. 15). —■ Z. wa-yu'lam mimmä tahtahü : Emendiert nach Z. y YS Ya ;
zwar ist ein Agens beim Passiv (mit min) nach den Regeln der klassischen Grammatik
nicht zulässig, doch der Sinn erfordert auch an dieser Stelle ein Passiv: Z. o wa-
huwa ma c lüm aidan wird ja hiermit interpretiert. (Auch an anderen Stellen findet sich
min beim Passiv: 5 YV ma c lül min; 17 v, 76 a, • mukauwan min.)
4 144.29-31 >cal oü8£ out toi;... iiz ixs'w ou : om. AR. Stattdessen eine Glosse, die

Proclus - ig
290 deutsche übersetzung prop. 167

behaupte <(aber) : Sie erkennt nur ihre Ursachen, und die Ursachen sind intellektual

( c aqliya), nicht sinnlich; also ist auch ihre Erkenntnis der Ursachen intellektuale

Erkenntnis ( c ilm c aqli). 5 Denn der Intellekt (al- c aql) erkennt nur, was ihm

gemäss ist und ihm gleicht. 6


146.1 Wenn aber (die Intelligenz) erkennt, was über ihr ist { 7}, erkennt

sie auch sich selbst. { 8} Erkennt sie nämlich, was über ihr ist, so erkennt
146.4 sie, dass dies eine Ursache ist, und weiss auch, Ursache welcher Dinge

dies ist; denn wenn sie die verursachten Dinge nicht kennt, erkennt
sie auch deren Ursache 9 nicht. Wer aber die Ursache der verursachten

Dinge 10 kennt, und selbst zu diesen Dingen gehört, kennt (nicht nur) die
146.7 Ursache, welche über ihm ist, (sondern) weiss auch, dass er von ihr

herrührt. 11 Wenn das so ist, folgt also: Die (Intelligenz), welche

erkennt, was über ihr ist, kennt auch sich selbst.

im wesentlichen nur 144.28-29 äXX' st fiiv tö j^e O' ecojtov, -pö? tö %sipov s7n.gtpetjjet.
voü? oiv expliziert (vgl. aber Anm. 5).
5 Zur Gegenüberstellung von vou? und ata07)ai; vgl. Piaton, Tim. 28 a xoivöv
8s xarä -äs?)? votjgscoi; ocütö toüto tö ev S ov s/siv tö yvcoaTÖv • toutco yap Sqnov xal
Stäupet vSrjoit; aEcsG/jasco?. Im Lichte dieser Definition erhält das ar. Interpretament
seine Beziehung zu der Passage 144.29-31, an deren Stelle es tritt: Proklos sagt nur,
dass der Ntis nicht tö. e£co aü-roö erkennt. Vgl. auch Proklos, In Tim. I 251.7-9 (ad
28 a) cöc7rsp o Xoyoi; f7j vov)aei auva<p0si<; aipsi rb vo 7]töv, oötw xal rj 8oE,a -rfi aEaOvjast
auvtax0etcra yivwaxel tö ysvvjTov, 26-27 ä;o> yäp aü-r/ji; ectti xal oüx ev S ov to yvcoGTÖv,
cocjttsp exeivou tö voy]t 6v . Der voü; erkennt die (intellektualen) atrial, die atcrO^atc
ist zu solcher Erkenntnis unfähig: Dazu In Tim. I 248.11-17. —Zu Z. ( c ilm c aqli
~ « vospä yvwait;») vgl. prop. 173:150.30-31 vospw? apa sv tö 5 vcö Ta Tcpö auToü.
6 144.31 o yap e^ei, oTSe . (Der Rest des Satzes 31-32 xal o ... ttettov Oev bleibt, wie¬
der ohne Entsprechung.) Vgl. auch S. 151 Nr. 10 u. Plotin, Enn. I 6:9.30, II 4:10.3.
7 146.1 e E [zev 8iä ty)<; eautoü yvcicEcot; : om. AR.
8 146.2 ei 8s exeivo faovov, sauröv ayvorjaEt voüi; cSv : om. AR.
9 146.5 tö tco slvai 7rapotyov : to a'mov aÜTcov, om. tco slvai Ar. — Die folgen¬
den, von D odds athetierten Wörter a -apäysi, xai sind ohne Entsprechung, ebenso
aber das (tautologische, für den Sinnzusammenhang entbehrliche) Schlusskolon
146.5-6 a 7rapays!. jat) yivwaxcov.
10 146.6 &\> cutiov : tö ai/riov AR. o wurde anscheinend als Subjekt des Relativ¬
satzes aufgefasst.
11 146.7 eccutöv ... ÜTCOGTavTa wurde vom Übersetzer als acc. c. part. bei yvtiasTca
verstanden. Das ergibt einen erträglichen Sinn, wenn auch nicht den geforderten:
Die Intelligenz erkennt in der Ursache sich selbst, weil sie von ihr herrührt {part.
coniunctuml).
prop. 167 deutsche übersetzung 291

Wenn {sich das so verhält, ist) die (Intelligenz), welche allein 146.9
sich selbst erkennt, zugleich Subjekt und Objekt der Erkenntnis ( c älim
wa-ma c lüm) ; denn es ist über ihr nichts anderes, das zu erkennen sie streben
könnte, und somit ist sie Subjekt und Objekt der Erkenntnis , 12 Was hingegen
die anderen Dinge anlangt, so erkennt ein jedes von ihnen das Intelli- 146.11
gible in sich und erkennt, was über ihm ist; es ist also nicht Subjekt und
Objekt der Erkenntnis {zugleich) , 13 wie wir von der Ersten Intelligenz gesagt

haben. Wenn dem so ist, ist also in der Intelligenz ( c ilm) ein Intelligibles
(ma lüm), und im Intelligiblen ist Intelligenz. Indessen ist im einen
c

Falle 14 die Intelligenz durch sich selbst erkannt, denn sie erkennt sich selbst,
und Subjekt und Objekt der Erkenntnis sind in ihr als ein und dasselbe —
im andern Falle 14 dagegen nicht, d.h. das Intelligible ist nicht (beides in) 146.13
einem; denn es selbst erkennt, was über ihm ist, und es wird erkannt von dem,

was unter ihm ist, und somit sind Subjekt und Objekt der Erkenntnis
nicht eins. 15 Allerdings 16 ist das absolute Intelligible verschieden von

12 146.9-10 s'i o5v ... atrröc;: Ar gibt eine Wiederholung von Z. y-V (vgl. Anm. 2).
In der Tat ist der hier bezeichnete voü? votjtoi; der izpüniaxoq V0O5 von 144.22, aber
während Proklos die oben aufgestellte These hier erläutert, wiederholt Ar diese selbst
als eine Folgerung aus den vorherigen Ausführungen.
13 Nach Proklos ist auch die niedere Intelligenz Objekt ihrer selbst, wenngleich
nicht das ausschliessliche. Die arabische Version betont dagegen (Z. yo), dass die
dem höchsten Nüs folgenden Intelligenzen als Subjekt die jeweils höhere zum Objekt
haben, hingegen selbst Objekt der jeweils niederen seien, dass insofern also keine
Koinzidenz von Subjekt und Objekt, voü<; und vovjtöv bestehe (s. Anm. 15).
11 146.12-13 6 (J.EV..., 6 8e ... : Ar verfehlt die Beziehung der Disjunktion. Der
Autor meint die höchste Intelligenz auf der einen, die niedere auf der anderen Seite;
der Übersetzer knüpft an die beiden Glieder des vorangehenden Satzes an: 6 (jlev
sc. 6 vouc, £v &> to v07]tov (sc. 6 7rpa >tlctt05 voü?) 6 §s sc. 6 voö? o £v voy]tcö
(vgl. das Folgende).
16 146.13-14 6 8e ttö jxev sv atjttö o aütö?, tcö ;tpä aü -roO Ss oüx 6 aüto c, : Ar
bezieht den zweiten Teil der Disjunktion auf die niedere Intelligenz qua vo 7)t 6 v ; d.h.
eine Intelligenz, deren Objekt nicht — wie auf der höchsten Stufe — mit dem
Subjekt der Intellektion koinzidiert, ist selbst intelligibles Objekt einer anderen,
nämlich der nächstniederen Intelligenz (als deren Ursache), und sie hat wiederum
ihr Objekt nicht in sich selbst, sondern rrpö aü-roö. Diese Version eliminiert den
Punkt, auf den es vor allem ankommt: Der Geist erkennt in der intuitiven Selbster¬
kenntnis zugleich die ihn konstituierende Ursache. — Vgl. oben C 2.311, S. 219
zur möglichen Tendenz dieser Modifikation (die indessen weitgehend auf mangeln¬
dem Textverständnis beruhen dürfte; s. aber Anm. 3 zur Parallele Z. o -l).
16 Da Z. y £ - y o der niedere vou? als votjtov der nachfolgenden Intelligenzen be-
292 deutsche übersetzung prop. 167

146.15 dem Intelligiblen, welches in der Intelligenz ist — ich meine: Die erste,
absolute Intelligenz ist auch intelligibel, doch hier ist das Intelligible nicht

verschieden von der Intelligenz, denn es ist absolut singulär, kein anderes Intelli-

gibles über ihm. Die Intelligenzen aber, welche nach ihm sind, erkennen und

werden erkannt: Sie erkennen, was über ihnen ist, und werden erkannt von dem,

was unter ihnen ist, wobei Subjekt und Objekt der Erkenntnis in ihnen nicht ein

und dasselbe sind wie im Falle der Ersten Intelligenz.

Damit gilt nun, dass es Intelligenz gibt, welche sich selbst erkennt und erkennt,

was über ihr ist — Subjekt und Objekt der Erkenntnis sind nicht in ihr als ein

und dasselbe, denn sie erkennt, was über ihr ist, und wird erkannt von dem,

was unter ihr ist; und dass es eine andere Intelligenz gibt, welche nur sich selbst

erkennt, also Subjekt und Objekt der Erkenntnis zugleich ist als ein und dasselbe

— dies ist die Erste, absolute Intelligenz, 17

zeichnet wird, setzt der Schlußsatz adversativ ein: Auch der höchste Nüs ist ein
Intelligibles, doch sich selbst identisch.
17 al- c ilm al-auwal al-mursat : Zum Begriff des cbrXüi; vovjtov ( 146.14) stellt Ar den
des (xrcAcot; voüi;, d.i. 6 voö?; das absolute Intelligible ist dessen, mit ihm
koinzidentes, Objekt. — Die Zusammenfassung am Schluss bringt im übrigen nur
eine umständliche Wiederholung des letzten Abschnitts.
293

Anhang: Prop . 167A

ÜBER DIE ERSTE URSACHE 1

Alles, was bei einem Intellektualen 2 unbekannt ist, (ist auch bei
dem jeweils niederen unbekannt, und alles, was bei einem Intellektua¬
len bekannt ist,) ist auch bei dem jeweils höheren bekannt; doch ist
nicht alles, was bei einem Intellektualen bekannt ist, auch bei dem
jeweils niederen bekannt. 3
Denn obwohl die Intelligenz in allen intellektualen Formen
(gemeinsame) Ursache ist, 4 bleibt doch manches Wissen einigen
verborgen, während es anderen bekannt ist — und wieder andere haben
ein Wissen, das einigen entzogen ist. Wenn dem so ist, (können)

1 Dieser Abschnitt hat keine Entsprechung im überlieferten Text der Institutio


theologica.Er steht jedoch in thematischem Zusammenhang mit prop. 167, deren
Ubersetzung in der Handschrift unmittelbar vorausgeht. Zwar sind auch fünf Trak¬
tate des Alexander von Aphrodisias zwischen die Proklostexte eingeschoben und
wurden offenbar vom selben Übersetzer übertragen (s.o. S. 64), stellen aber nach
Thema und Doktrin Fremdkörper dar (s.o. S. 57). Dagegen trägt der vorliegende
Abschnitt nicht nur den gleichen Titel „Über die Erste Ursache" wie die Mehrzahl
der arabischen propositiones, sondern ist auch vom gleichen scholastischen Neu-
platonismus geprägt wie die unserer Version zugrundeliegende Bearbeitung des
Proklostextes, wie vor allem deren Zusätze und Modifikationen des Originals. Eine
griechische Parallele, die als unmittelbare oder mittelbare Vorlage dieses Textes gelten
könnte, habe ich nicht ausfindig machen können. Jedoch lassen sich einige der darin
enthaltenen Philosophemata bei Proklos oder bei anderen Neuplatonikern nach¬
weisen. Sprachliche Parallelen zum arabischen Text bietet daneben, wie schon zu
anderen Interpretamenten des Proclus Arabus, die ar. Plotinquelle. Dazu oben C 2.321-
332, S. 220 ff.
2 Anhand der Version von prop. 167 lassen sich für die Terminologie fol¬
gende Entsprechungen ansetzen (vgl. auch B 1.15): c alima ~ voeiv, yivcoaxeiv ; c älim ~
voöt;, c ilm ~ voöt;, yvcScrn;; dü c ilm ~ voepöv (yvcocraitov?), nagim dü c ilm ~ vospa asipce
(cf. prop. 111:98.18 etc.); maghül X ma c lüm (ma c rfif) ~ ayvcoaro<; Xyvcoa-ro?,yvcopt^o?.
Ob vostv, voü; oder yivcbaxeiv, yvwaii; zugrundeliegt, lässt sich an einigen Stellen
kaum entscheiden. Auch bei Proklos wechselt yvioatq, yvcocmxov mit voü;, vospov
(prop. 101:90.28,29), yivtkcxetv mit vostv als Prädikat von vou? (167:144.29, 146.1-8,
168:146.20).
3 S. G 2.321, S. 220.
4 Vgl. Z. ) a : Ursache aller Erkenntnis ist die Erste Intelligenz. — S. G 2.332,
S. 223.
294 deutsche übersetzung prop 167 a

wir (zu unserer Behauptung) zurückkehren: Alles, was bei einem Intel-
lektualen bekannt ist, ist auch bei dem (jeweils höheren bekannt; nicht
aber ist alles, was bei einem Intellektualen bekannt ist, auch bei dem)
nächstniederen bekannt.
Was immer nun eine jegliche intellektuale Ordnung 5 kennt, das
ist bei einer anderen, höheren Ordnung xocTa<p<mxw<; bekannt; und was
bei einer intellektualen Ordnung xaxaqxmxcös bekannt ist, wird unter¬
halb dieser Ordnung bekannt sein. 6 So sind in unaufhörlicher (Folge)
die Dinge bekannt bei einigen Intellektualen, verborgen vor anderen, bis
hinauf zur Ersten, höchsten Intelligenz — bei ihr sind alle Dinge
bekannt und bewusst, nichts ist ihr verborgen. Ihre Erkenntnis der
Dinge unterliegt keinerlei Qualifikation wie (die Erkenntnis) der
übrigen Intellektualen; vielmehr erkennt sie die Dinge durch ihr
blosses Sein 7 — sie ist die Erste, vollkommene Intelligenz, die Ursache
aller Intelligenz. 8
So ist nun erwiesen, dass manche Dinge bei einigen Intellektualen
bekannt, vor anderen verborgen sind, und so fort, bekannt und verbor¬
gen, bis hin zur Ersten Intelligenz, bei der sie alle bekannt und bewusst
sind: da wird die Verborgenheit nichtig und hinfällig.

5 S. C 2.322, S. 221.
6 Zur Transkription von xam<{> olgic, (bil-qätäfasis „durch y.cnxcpciGig") s. B 1.19
S. 148. — Zur Bedeutung s. C 2.322, S. 221.
7 Zum Ausdruck bi-annihifa-qat « ooitcö tm elvca» s.o. B 1.01, S. 83 f., 90-92. Eine'
besonders enge Parallele zur Formulierung bietet Theol. Arist. 5.40: 71.14-15 (s.
S. 91, Nr. 29). — Weiteres zur Stelle s. G 2.331, S. 222.
8 S. C 2.332, S. 223.
LITERATURVERZEICHNIS

Handschriftenkataloge und Artikel aus Enzyklopädien sind am Ort


des Zitats bibliographiert und wurden daher in das folgende Ver¬
zeichnis nicht aufgenommen. Zu den in Kapitel B abgekürzt zitierten
Quellen s.o. S. 64-76.

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ENGLISH SUMMARY

Proclus Diadochus, the 'Platonic successor' in the chair of the Athen¬


ian Academy two centuries after Plotinus, was among the last Greek
philosophers to influence the formation of Islamic philosophy through
Arabic translations, paraphrases, and excerpts of their writings. In spite
of the range of this transmission (a brief survey of the Proclus Arabus is
given in the Introduction), his name is quoted rarely enough: The
defender of the eternity of the world was attacked rather than revered,
while the arguments of his adversary, John Philoponus, were widely
accepted by Christians and Muslims alike. Of all his works, only the
Institutio Theologica ( Ztoi^ sicdcji.? OsoXoyixv)) was at all successful; but its
versions went under the names of other authors: The Kitab al-Idah fi
l-Xair al-mahd (Liber de Causis), on the one hand, essentially a free para¬
phrase of some of its parts, was ascribed to Aristotle, especially in the
Latin tradition (whereas two of the three Arabic manuscripts hitherto
known maintain that it was epitomized by Proclus from Plato). On the
other hand, we have an Arabic translation of twenty propositions (differ¬
ent, except one, from those paraphrased in the Liber de Causis ), united
under the title "What Alexander of Aphrodisias has excerpted from
Aristotle's book Theologia, i.e. on Divinity." This latter selection is edited
here for the first time.

A The collection in its entirety is preserved in MS Carullah 1279


(= C, dd. 882-883 H.); besides propp. 1-3, 5, 15-17, 21, 54, 62, 72-74,
76, 78-80, 86, 91, and 167, it contains an additional paragraph an¬
nexed to prop. 167 as well as five authentic treatises by Alexander of
Aphrodisias inserted between the Proclus texts. The ensemble was sum¬
marized by c AbdallatIf al-Bagdadl (d. 629/1231) in his Kitab fi c Ilm
ma ba c d at-tabi c a. All other manuscripts contain only a few fragments
from this collection: The oldest witness, MS Ragip Pa§a 1463 (= R,
dd. 525 H.) presents propp. 15, 17, 21, and 54 as excerpts from Aristotle;
others have only propp. 1 -3 while retaining the title given in the Carullah
324 ENGLISH SUMMARY

manuscript. In several manuscripts we find a tradition ofpropp. 15-17


which goes back to a single subarchetype: Here the three paragraphs,
united under their common title ( Maqala ft Itbat as-suwar ar-ruhaniya
allati la hayula laha) are attributed to Alexander alone. The Proclus texts
are connected with authentic treatises by Alexander in all the witnesses
except MS R. Although some of the Arabic bibliographers (Ibn an-
Nadim and those dependent on him) know of a 'Theology' by Proclus,
the attribution of these texts to the Peripatos probably goes back to the
translator's Greek source: The introduction of Alexander's name may
have been due to the external circumstances of transmission, but the
designation of the version as an excerpt from Aristotle's 'Theology'
implies a tendency which is also apparent from some additions and alter¬
ations in the text itself (see below).

B Manuscripts containing propp. 15-17 (Maqala ft Itbat as-suwar


ar-ruhaniya ) as a separate treatise of Alexander, name Abu c Utman
ad-Dimasql as its translator. The physician Abu c Utman (c. 900 A.D.)
was a well-known translator of philosophical (Porphyry's Isagoge, Aris¬
totle's Topica ), mathematical and medical texts; but though other ver¬
sions of Alexander are considered to be his work, the present attribution
proves untenable on closer examination. On the one hand, it is not
sufficiently sustained by the outward evidence : The common source
seems to have joined translations explicitely stated to be Abu c Utman's
with others copied "from his handwriting" only (among which latter is
the Proclus text; thus in MS Zahiriya 4871 [= Z], dd. 557 H.). On
the other hand, the terminology and some stylistic features of the Proclus
version are altogether different from those of Abu c Utman. Moreover,
the language of the texts is found to bear a close resemblance to a group
of older translations from the first part of the 9th century:

1 The so-called 'Theology of Aristotle', a paraphrase of selections


from books IV-VI of Plotinus' Enneads, as well as the other parts of the
Arabic 'Plotinus source' ( Risala ft l- c Ilm al-ilahi and sayings quoted
from as-Saix al-Yunani), present numerous parallels in vocabulary and
in style. The Theologia Aristotelis was translated (probably from a Syriac
intermediary) into Arabic by c AbdalmasIh ibn Na c ima and 'revised'
by the philosopher al-Kindi; although some divergences make it seem
unlikely that the Proclus version was done by the same translator, we
ENGLISH SUMMARY 325

may conclude that both originated in the same period and milieu. The
striking analogy in the wording of the titles suggests moreover that the
Proclus texts were believed to be excerpts from this very 'Theology' of
Aristotle ( Kitab Aristu\a]talis al-musamma [U]Tulugiya wa-ma c nahu l-kalam
[iwa-huwa qaul\ fi r-rububiya).

H The 'vulgate' translation of Aristotle's De Caelo by Yahya (Yuhan-


na) ibn al-Bitriq (quoted by al-Kindi in several instances) shows many
of the characteristic terms and most patterns of the typical phraseology
of the Proclus texts. In the face of the intrinsic differences of the source
materials, these parallels provide even stronger evidence for dating our
texts from the earlier period of translations, maybe even for attributing
the Proclus version to Ibn al-Bitriq — one of the prominent figures of
the Bait al-Hikma — himself.

11 The version of Aristotle's Metaphysics which was made for al-Kindi


by a certain Eustathios (Ustat), though distinctly different in style, has
some important features of terminology in common with the Proclus
excerpts and the other texts mentioned above.
Another two translations may be counted among the same 'school'
of early translations, though the translators cannot be determined with
certainty:

1 The Liber de Causis (Kitab al-Idah.fi l-Xair al-mahd) is shown to be


connected closely with the other versions of Proclian and Plotinian
sources. Both its terminology and phraseology are, however, more
narrowly related to the 'Theology of Aristotle' than to the twenty pro¬
positions at hand: A number of divergences in vocabulary and usage
(apart from those in interpretation, see below) preclude the assumption
that both the Liber de Causis and the present fragments were derived
from a common Arabic 'Proclus source'.

1 An epitome of Aristotle's De Anima, strongly influenced by the


commentary of John Philoponus, is attributed to Ishaq ibn Hunain in
the manuscript but certainly belongs to the same group of translations
as the Proclus version. It is perhaps identical with the gawami c of the
Kitab an-Nafs by Ibn al-Bitriq, mentioned in the Fihrist of Ibn an-
Nadim.
326 ENGLISH SUMMARY

If Finally, the greater part of the treatises by Alexander of Aphro-

disias transmitted along with the pseudepigraphous Proclus texts, was

translated by the same author. Like propp. 15-17, some of these are

wrongly attributed to Abu c Utman ad-Dimasqi.

In order to demonstrate the degree of affinity between the Proclus

version and the other texts brought into comparison and to determine

the homogeneity of the group, all the noteworthy philosophical terms,

patterns of introductory, recapitulatory, corollary etc. phrases, and

other techniques of the translator have been listed along with testimo¬

nies for each item from the related texts, as far as available. On the

other side, the usage of Abu c Utman (who in his terminology followed

the school of Hunain ibn Ishaq) has been illustrated by some counter¬

examples from his translations. — Beyond the immediate purpose of

proving the point under discussion — the place of the Proclus version

in the history of Greek-Arabic translations —- this extensive compilation

is intended to show the importance of a group of early translators, inde¬

pendent of Hunain, for the formation of Arabic philosophical termino¬

logy. The philosopher al-Kindi, who assigned some of these texts to the

translators, and who drew from their works in his own writings and

employed the terminology of these translations, notably in his metaphy¬

sics, may have been, in a way, the spiritus rector of the group. His utiliza¬

tion of the Institutio Theologica in the present version appears from a

number of very close parallels in his Prima Pkilosophia.

C Beside the divergences which are due to the inadequacies of

translation, the selection of propositions transmitted in the Arabic


version contains a number of considerable additions and alterations

against the original Proclus texts. While some of these are merely explan¬

atory glosses, most of the corollaries, insertions, and modifications,

also a few omissions, involve a deliberate revision of the author's meta¬

physical system. (Also into this category falls the additional paragraph

following prop. 167, which agrees with the doctrine of the shorter addi¬

tions.)

Essentially, this revision consists in reducing the Neoplatonic hierar¬

chy of hypostases, monads and forms, unto a simplified structure: While

Being and Intelligence are subordinated to the transcendent First Cause

— the Plotinian One — in Proclus' system, in the Arabic version the


ENGLISH SUMMARY 327

First Cause, though absolute, unqualified One, is called at the same


time pure Being and highest Intelligence. Thus the two aspects of Plo-
tinus' second hypostasis, divided by Proclus, are transferred to the One;
also the notion of divine henads is eliminated. The First Cause is now
put at the head of a simple trias: Between the One and the forms-in-
matter only an intermediate stratum of immaterial, 'spiritual' forms is
retained. This doctrine of three principles (God — ideas — matter) can
be traced back to the Nous-theology of Middle Platonisrrr; even after
Plotinus, Porphyry recognized the 'idea' of being and intelligizing in
the pure potentiality of the One. But while later Greek Neoplatonism
tends to 'telescope' rather than reduce the series of hypostases between
the One and the physical world, this revision of Proclus' doctrine sug¬
gests, above all, a tendency to harmonize Neoplatonic metaphysics with
monotheistic theology. In fact, two particular points are closely con¬
nected with the Christian teachers of the school of Alexandria: (1.) The
doctrine that God's absolute knowledge constitutes its own object,
therefore is 'cataphatic' knowledge (Gr. xocratpaaK; is transliterated in
the Arabic text, prop. 167 A), is found in Stephanus Alexandrinus
[ — Ps.-Johannes Philoponus], Comm. in Be Anima III. — (2.) The
distinction between God's creatio ex nihilo and the activity of Nature,
producing new things out of previously existing things, goes back to
Stephanus' master, to John Philoponus' work De Aeternitate Mundi
(against Proclus!). — The treatment of Matter, finally, rather follows
Aristotelian concepts: Prime Matter, originating from the First Cause,
is distinguished from secondary matter, the substratum of natural pro¬
cesses. The First Cause itself, though called the efficient cause of creation,
is styled, on the other hand, the unmoved potency that endows Nature
with the principle of movement — recalling Aristotle's Unmoved Mover.
There is every appearance that these 'interpretaments' already be¬
longed to the Greek selection of propositions underlying the Arabic
version. Though they cannot be traced back to a definite Greek source,
they correspond with some of the familiar tendencies of later Greek
philosophy: The intention to reconcile Plato and Aristotle, on the one
hand, has been common with the Alexandrian commentators of Aristotle
since Ammonius and Simplicius. On the other hand some Christian
Neoplatonists, while taking up the Neo-Aristotelian tendencies of the
Alexandrian school, came to abandon the rigorously 'negative' theology
328 ENGLISH SUMMARY

of the Athenians. Though we do not know under what circumstances


Proclus continued to be read after the closing of the Athenian Academy
by Justinian in 529 and the appearance in the same year of Philoponus'
Contra Proclum — however, the survival of a Christian variant of Proclus'
Neoplatonic school is born out by these Arabic fragments, transmitted
to Baghdad (via Harran?) in the early ninth century.
Other Neoplatonic sources of Islamic philosophy are similar in cha¬
racter. The Liber de Causis, it is true, is not only based upon a different
selection from Proclus' Elements, but presents the subtleties of the au¬
thor's system more accurately; though monotheistic and creationist
tendencies are equally present, the interpretation set forth in this para¬
phrase does not seem to go back to one and the same source as the
additions and modifications of the twenty propositions. — Much closer
relations with the Proclus texts of our version, extending to verbatim
parallels, are found in the Arabic Plotinus source (i.e. the Theologia
Aristotelis etc.), especially with regard to the theory of the First Cause.
The attribution to Aristotle (justified, in a way, by the introduction of
Peripatetic concepts in both) may signify, on both parts, the intention
to vindicate his authority for this philosophy. (In consequence, this
authority was to remain unquestioned among his Islamic heirs.) Thus
not only the metaphysics of al-Kindl, who depended on these very
sources, but some of the basic tendencies of Islamic philosophy in gene¬
ral — uniting both Platonic and Aristotelian doctrine with Islamic
theology — are found to be preformed in the schools of late antiquity.

***

The edition of the texts is supplemented with a German translation.


In the commentary given in the notes to this translation, endeavour has
been made to point out and interpret all divergences between the Arabic
version and the extant Greek original. — The comprehensive Arabic-
Greek glossary, quoting each word in its context, may also serve as an
analytical index to the version; it is accompanied by a short Greek-
Arabic glossary for reference.