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Ein paar Prozent

Sie haben Ihre Ausstellung „Willst du wirklich neue Ideen im Wohnungsbau. Wir haben für die
wohnen wie deine Mutter?“, die kürzlich im städtische Wohnungsgesellschaft Stadt und
Architekturforum Aedes in Berlin zu sehen war, Land ein Grundstück in Neukölln bearbeitet und

Innovation würden reichen


als Plädoyer für mehr Vielfalt im Wohnungs- eine urbane Typologie, eine radikale Weiterent-
und Städtebau bezeichnet. Warum Vielfalt in wicklung unseres „Wohnberg“-Typus eingereicht.
Zeiten, da viele für eine „Neue Einfachheit“ im Mehr Berg als Haus, mit Sportplatz und Tanzsaal
Wohnbau plädieren? im Inneren und Terrassenwohnungen an den
Anna Popelka Wir sind alle Menschen mit be- Hängen. Das traf damals einen gewissen Nerv.
sonderen Bedürfnissen. Mehr denn je. Unsere Wir waren ganz euphorisch.
Scheidungsrate beträgt 50 Prozent, alleinerzie- Georg Poduschka Der Eindruck deckte sich
ELASTISCHES QUARTIER nungen übereinander sind hende Väter und Mütter, Patchworksituationen auch mit dem weltoffenen Berlin-Bild, das man
Wiesenschlag, Berlin 2015– durch offene Treppen anei- mit Nebenwohnsitzen von Kindern sind ebenso von außen hat. Das schien uns auch für die Ar-
2016 nander gekoppelt. Die da­

Anna Popelka und „Die elastische Wohnung raus entstehende Woh-


Realität wie Home-Office-Situationen und Stan- chitektur zu gelten. Da war Aufbruchstimmung
wurde als Wohnbau mit 200 nungskette (Abb. Seite 28) dardfamilien. Wir brauchen nicht nur 1-, 2- ,3- und zu spüren. 2015 hat uns die degewo bei einem

Georg Poduschka vom


Einheiten für die degewo weicht den Bäumen aus 4-Zimmerwohnungen. Wir vergessen die Hälfte internationalen Bewerbungsverfahren ausge-
entwickelt. Nicht nur die und bleibt im Erdgeschoss
der Leute! Die Funktionalität der Zweizimmerwoh- wählt. Als einen ihrer sieben Rahmenvertrags-
Wohnung selbst ist betref- durchlässig. Die Treppen

Wiener Büro PPAG über fend Belegung und Nutzung bewirken einen Splitlevel- nung kollabiert schon bei der alleinerziehenden partner für die Generalplanung ihrer Wohnungs-
elastisch (Abb. links), auch Versatz. Die Rundumorien- Mutter, die im Wohnzimmer auf dem Sofa schläft, bauten. Ein gutes Konzept! Dieses Team der

ihre Erfahrung mit dem


der resultierende Städte- tierung der Wohnung und
oder bei den Kindern, die jeden Freitag beim Planer, das sehr heterogen zusammengesetzt ist,
bau ist es. Die Kombination die direkte Erschließung
der unterschiedlichen Typen aus dem Freien schafft Ge- Vater wohnen. trifft sich bis heute regelmäßig und tauscht un-

Berliner Wohnbau – und


(Abb. links unten) ermög- meinschaftsgefühl, gleich- tereinander und mit der degewo Know-how aus.
licht den Umgang mit nahe- zeitig aber auch das Gefühl
Die Ausstellung zeigte auch eine ganze Reihe
zu jeder stadträumlichen eines Eigenheims. Das Pro-

über dessen Potenzial Situation. In diesem Fall sind jekt wurde ohne Angabe Berliner Projekte von PPAG. Wie kam es dazu, Mit welchem Projekt sind Sie dann in Berlin an
es die den Anrainern über von Gründen vom damali- dass Sie als Wiener Architekten in Berlin tätig den Start gegangen?
Jahrzehnte liebgewordenen gen Senat gestoppt. In wurden? Anna Popelka Für unser erstes Grundstück am
Bäume und Pfade auf ei- der Ausstellung bei Aedes
Interview Maik Novotny nem brachliegenden Areal wurde ein 1:1-Modell des Anna Popelka Begonnen hat es Ende 2013 mit Wiesenschlag in Zehlendorf haben wir die geübte
in Zehlendorf. Je vier Woh- 54m2-Typs gezeigt.“ „Urban Living“, einem Call des Landes Berlin für Praxis des Wohnbaus ziemlich weit hinter uns

Anna Popelka
Foto: Franz Pfluegl

geb. in Graz. Architekturstudium an der TU Graz. Gastprofessuren in Wien


und Graz. Mitglied des Innsbrucker Gestaltungsbeirats. 1995 Gründung
von PPAG architects zusammen mit Georg Poduschka
Georg Poduschka
geb. in Linz. Architekturstudium an der TU Graz und an der École d’Archi-
tecture Paris-Tolbiac. Gastprofessuren in Wien und Graz

28 Thema Bauwelt 4.2018 Bauwelt 4.2018 Thema 29


Wohnen ist eine Beschäftigung mit sich
Im Architekturforum Aedes
selbst. Wohnen ist ein Ort, an dem die Koor-
bildete ein 1:1-Modell einer
54 m2 großen „elastischen
dinaten neu ausgerichtet werden, ein Ort
Wohnung“ die Ausstel-
lungsarchitektur, in der der Kontemplation und der Öffnung. Anna Popelka
PPAG Wohnungsbauprojek-
te aus den vergangenen
Jahren präsentierte.
Fotos: Wolfgang Thaler

Ein Haus, das Wächst freiheit statt


1 Platz Kagame, Museumsquartier Funktionalismus
2 Landwirtschaftlicher
Wall (Sammelgaragen) Wien 2012–2014 Neubau Praterstraße,
3 Schule/Freiraum
4 Bäume
Wien 1995–1998
5 Promenade
6 Flugzeugmuseum
7 Überbauter urbaner Platz
8 Hochhäuser

gesamtes Gebiet autofrei


übergeordnete Grün-/Wasserverbindungen
ca. 600.000 m2 Bruttogrundfläche gesamt
Unterm Pflaster
liegt der Strand
Lageplan des „elastischen VOM KONKRETEN INS ALL- oder Riegel auf grünem scher Qualitäten verhindert.
Schnellerstraße,
Quartiers“ am Wiesen- GEMEINE ALS METHODE Grund, die Festsetzung Hier wird ein B-Plan vor­
Berlin 2015
schlag in Berlin-Zehlendorf Wettbewerb Schumacher- eines starren Schwarzplan- geschlagen, der genau an-
Quartier, Berlin-Tegel 2016 schemas, das die Entwick- dersherum vorgeht und
„Meist ist ein B-Plan eine lung passender Gebäude- funktioniert: ausgehend von
Ansammlung weißer Blöcke typologien und atmosphäri- ganz konkreten Projekten.“

gelassen – von der Wohnung bis zum Städtebau. Grundstück bearbeiten, müssen wir keinen es eher: Bringen wir es überhaupt zusammen,
Wir haben eine Wohnung mit einer Raumkon­ Beamten fragen, was dort genehmigungsfähig dass wir genug Wohnungen bauen? Dadurch
figuration entwickelt, die sich gut an sich rasch ist, das ist alles aus dem Bebauungsplan ersicht- kommt gar nie zur Sprache, worum es beim Woh-
ändernde Lebensbedingungen anpassen kann, lich. In Berlin nicht. Es ist unglaublich, wie viele nen eigentlich geht. Wohnen ist ja eine Beschäf­
Elastisches
daher haben wir sie „elastische Wohnung“ ge- Behördenstellen sich aufgerufen fühlen, mitzu- tigung mit sich selbst. Ein Ort, an dem die Koor-
Quartier
nannt. Die Wohnungsbaugesellschaft degewo reden. Auch mit Kommentaren wie „gefällt mir dinaten neu ausgerichtet werden, ein Ort der Wiesenschlag,
und der Bezirk waren voll dabei. nicht“ oder „sieht aber teuer aus“. Kontemplation und der Öffnung. Ein gerade von Berlin 2015–2016
Am Tag der Vorlage für die Änderung des Be- In Wien kann verhandelt werden, wenn man deutschen Philosophen, von Heidegger bis Slot-
bauungsplans hat der damalige Senat das Pro- Außergewöhnliches will, in Berlin muss man ver- erdijk, eingehend behandeltes Thema.
jekt ohne Angabe von Gründen gestoppt. Das handeln. Damit bleibt es beim vorbestimmtem
Projekt hatte die Konvention zu sehr verlassen. Ergebnis. Nahe am Gewohnten, innerhalb eines Welche Anforderungen bleiben dann noch Hofmöblierung im
Museumsquartier Wien
Wohnbau darf sich eben nicht zu weit vorwagen. beschränkten Horizonts von Vorstellung von übrig, die in Berlin an den Wohnbau und an die Enzis MQ Wien,
Es gab dann noch Rettungsversuche und Alter­ Stadt. Es gibt kein Vertrauen in Planung. Architekten gestellt werden? Moderation 2002–2012
nativprojekte, die auf gute Weise etwas konven- Georg Poduschka Auch das Regelwerk ist veral- Anna Popelka In Berlin sind die Planungsricht­
tioneller waren, aber allesamt gescheitert sind. tet. Die Bauordnung liest sich wie die Wiener linien der Bauträger eine Bibel, da muss jede Kü-
Später gab es einen Wettbewerb für das Areal, Bauordnung vor zwanzig Jahren. Die strukturel- chenzeile und jeder Schrank die genau richtige Low-Cost-Luxus
Singularität
ohne uns, das daraus resultierende Projekt ist len Reformen der letzten Jahrzehnte fanden Länge haben. Als ob alle Mieter gleich viel ko- trotz Standards Das Haus mit der
heute so weit wie unseres damals war. Eine Ver- alle nicht statt. Es gibt zum Beispiel noch keine chen oder gleich viel Kleidung besitzen. Die Ein- Wohnen am Park, Elefantenhaut
Wien 2009 Zumdorf, Burgenland
schwendung von Energie, Zeit und Geld. Die ziel­orientierte Formulierung von Anforderungen. haltung solcher Standards schützt aber nicht 2005 Terrassenhaus
Baupreise sind zwischenzeitlich exponentiell ge- vor einem schlechten Grundriss. Die daraus re- Wettbewerb, Wien 2005
stiegen. Welchen Status hat der Wohnbau in Berlin ge- sultierende Monotonie des Massenwohnbaus Pah-cej-Kah
Stadt_Land_schaft
nerell aus Ihrer Sicht? ist in den meisten Städten offensichtlich. Deutsch Wagnam,
Europan 6, Wien 2001–2013 2012–2016
Sie haben in Wien zahlreiche und vielbeachtete Georg Poduschka Ich lese täglich einen Presse- Dabei ist es so kompliziert auch wieder nicht,
Wohnbauten realisiert. Funktioniert der Wohn- spiegel der Berliner Medien zum Thema Wohnen. ein Haus zu bauen. Wir haben so viele Werk­
bau in Berlin anders als in Wien? Da geht es um Zahlen, um das Erreichen von Quo- zeuge wie nie, um Komplexität zu verarbeiten.
Anna Popelka Wenn man die Prozesse betrach- ten, um Leistbarkeit. Aber nicht um Qualitäten. Trotzdem wird der Wohnbau künstlich verein-
tet: absolut. Von der Grundstücksentwicklung facht und immer ärmer. Und dann versucht man,
für den leistbaren Wohnbau, über die Wohnbau- Auch im Wiener Wohnbau geht es um Quoten, bei den Balkonen noch etwas Individualismus Schwimmbadwohnung
Die überfunktionelle
gesellschaften, über das behördliche Selbstver- die zu erfüllen sind. hineinzubringen, um zu kaschieren, dass dahin- Adaptierung eines Ein-
Qualität des wohnens
familienhauses aus den
ständnis, alles ist anders. Allein, dass es in Berlin Anna Popelka Aber in Wien wird versucht, das ter alles gleich aussieht. Das ist allerdings in Wien 2009
Wohnmodelle 70er Jahren, Knittelfeld,
nur selten einen Bebauungsplan gibt, ist für uns Wohnen auszudifferenzieren und aktuelle The- Wien und Berlin gleich. Anna Popelka, 1994 Steiermark 2015
als Wiener verstörend. Wenn wir in Wien ein men in die Diskussion zu bringen. In Berlin heißt Georg Poduschka Wenn man Entwicklung för-

30 Thema Bauwelt 4.2018 Bauwelt 4.2018 Thema 31


DIE STADT IN DER STADT dern will, muss es zumindest die Möglichkeit der Veränderung. Wenn wir die Senkung der Woh-
Slim City, Seestadt Aspern,
gleichwertigen Abweichung von der Norm ge- nungsnot als kommunalen, gemeinschaftlichen,
Wien 2011–2014
„Die Seestadt Aspern: eine ben. Es braucht projektspezifischen Spielraum gesellschaftlichen Gewinn betrachten, kann die
neue Stadt am Rande von und eine gewisse Virtuosität im Umgang mit dem Finanzierung auch kein Problem sein. Zinsen,
Wien für 40.000 Bewohner Regelwerk. Aus dem Wissen, wie Mieter mit vor- kommunale Grundstücke, Widmung, Bebauungs-
und Beschäftigte. Ein Mas-
terplan aus bekannten Zuta- handenen Wohnungen zurechtkommen, leitet plan, Baugesetze: Das haben wir alles selbst
ten: Straßen und Blöcke. sich eben noch lange nicht das Wissen ab, was beschlossen, und das können wir überdenken.
Doch eine neue Stadt sie in Gegenwart und Zukunft wirklich brauchen. In der Bodenpolitik betreibt Wien schon seit
braucht starke Identifikati-
onspunkte. Hier setzt die
fast 30 Jahren einen Fonds, der kontinuierlich
Slim City an: 13 turmartige, Ihre realisierten Wohnbauten mit ihrer Vielfalt Grundstücke nur für den leistbaren Wohnbau ent-
unterschiedlich hohe Häu- von Grundrissen und das in Berlin ausgestellte wickelt und in Konzeptverfahren an die gemein-
ser formen auf dem Baufeld
Modell der „elastischen Wohnung“ betonen nützigen Bauträger vergibt.
gemeinsam ein eigenstän-
diges, nach allen Seiten den individuellen Aspekt des Wohnens. Wenn Anna Popelka Und wir müssen in neuen Dichten
durchlässiges Quartier, eine Wohnen keine „Ware Wohnen“ sein soll, was ist denken, damit sich die teuren Grundstücks­
Stadt in der Stadt mit 178
es dann? Ein Grundrecht? Ein Vergnügen? kosten wenigstens auf mehr Quadratmeter Nutz-
Wohnungen und etlichen
Geschäften. Dazwischen Anna Popelka Eine Prise Hedonismus schadet fläche aufteilen. Auch das ist per se nichts
eine Abfolge von Plätzen sicher nicht. Die Wohnung als Anregungsma- Schreckliches. Menschen sind eben gern dort,
und Engstellen, ähnlich und
schine! wo andere schon sind. So funktioniert Stadt.
doch unterschiedlich,
öffentlich zugänglich, aber Georg Poduschka Der Wohnbau in Berlin ist Das müssen wir mit guten Typologien, die eine
auch privat genutzt, wie schon etwas freudloser. In Wien spart man auch positive Dichte vermitteln, schaffen. Wir müssen
zufällig entstanden, jedoch überall, aber jeder Bauträger möchte trotzdem die Leute zurückgewinnen, NIMBY (Not In My
exakt kalkuliert. Lage und
Ausrichtung der Häuser er- eine Freude am Projekt haben. In Berlin freut man Back Yard) muss YIMBY (Yes In My Back Yard)
geben sich aus festgesetz- sich, dass das Haus am Ende dasteht. werden. Und wir brauchen wieder die durch den
ten Regeln von Belichtung Neoliberalismus zerstörte Firmenvielfalt. Im In-
und Ausblick. Resultat: Eine
genaue Geometrie, in der
Sie haben sich in Berlin intensiv mit dem städ- teresse der Preise und im Interesse der Ver-
Privatheit und Öffentlichkeit tebaulichen Maßstab beschäftigt, sowohl im schiedenheit. Vielleicht muss man auch Gemein-
einander bereichern.“ Wohnbau als auch bei städtebaulichen Wettbe- wohlfirmen einrichten oder die Start-Up-Bewe-
werben. Wo sehen Sie generell ungenutzte gung in den Bauprozess einbinden. In dem Zu-
Potenziale in Berlin? sammenhang sind Versuche der Selbstermäch-
In Wien spart man auch überall, Anna Popelka Berlin hat eine tolle Struktur mit tigung auf Planerseite, wie sie Assemble in Lon-

aber jeder Bauträger möchte seinen dezentralen Inseln und viel Luft dazwi-
schen, mit dem Wechsel von Dichten. Da glauben
don praktiziert, ein produktiver Ansatz.

trotzdem eine Freude am Pro- wir auch im Großen daran, dass wir neue Modelle
brauchen, die man nur umsetzen muss. Nichts
Sind Krisenzeiten, wie sie das leistbare Woh-
nen zurzeit erlebt, Gelegenheit zur Innovation?
jekt haben. In Berlin freut man gegen die Struktur der Gründerzeit oder der klas- Georg Poduschka Ich würde die Gegenwart

sich, dass das Haus am Ende sischen Moderne, aber man kann sie nicht ein-
fach reproduzieren, jede Zeit braucht ihren eige-
nicht als Krisenzeit bezeichnen. Krisenzeit ist,
wenn die Nachfrage schwächelt, wenn Bauträger

dasteht. Georg Poduschka URBAN LIVING


Neue Formen städtischen
Leben. Das Bauvolumen
entsteht aus einer Analyse
mischte Nutzung. Das In-
nere des Volumens wird
nen Ausdruck. Wir brauchen Typologien die viel
mehr können, die viel mehr in einem verkörpern:
ihre Wohnungen nicht vermieten können. Die
bringt Innovationen hervor. Warum keine Innova-
Wohnens, Berlin 2014 und Verräumlichung der zum öffentlichen Ort, die
„Auf Einladung des Landes Qualitäten auf dem Bauplatz Wohnungen sind außen an- vernetzte, fluide All-In-One-Strukturen, die Stadt- tion passiert, wenn die Wohnungen weggehen
Berlin entwickelte PPAG auf wie Sonnenlicht oder Aus- geordnet. Diesen unter- teile in sich sind. wir warme Semmeln, verstehe ich nicht. Ein paar
einem Grundstück in Neu- sicht – ein maßgeschnei- schiedlichen Wohnungen Prozent Innovation würden schon reichen.
kölln ein Manifest für eine derter Bebauungsplan. Der sind neutrale Räume zuge-
dichte, soziale Stadt in der sich durch innerstädtische ordnet, die passend zur
Die Wohnungskosten steigen in fast allen euro- Anna Popelka Es gibt schon eine Krise der Leist-
Stadt, ein Gebäude für ei- Nachbarfreundlichkeit er- Lebenssituation temporär päischen Großstädten, in Berlin noch rapider barkeit, weil der globale Kapitalmarkt den Wohn-
nen Querschnitt der Bevöl- gebende „Berg“ provoziert angeschlossen werden (Ge- als in Wien. Wo kann man hier ansetzen? bau als Spekulationsfeld entdeckt hat. Da quä-
kerung als Tool für ein ak­ aufgrund seiner Gebäude- burtstagsfest, Angehörigen-
Georg Poduschka Schnell viele Wohnungen len uns Architektinnen und Architekten die glei- ITERATIVER STÄDTEBAU wicht der Interessen. Start-
tives, gemeinschaftliches tiefe geradezu eine ge- pflege, Teenagerwohnung).“
produzieren. Keine Angst vor, sondern Lust an chen Leute mit der Quadratur des Kreises, die Quartier Marzahn Mitte, punkt, Zielkonflikte oder Irr-
Berlin 2016 wege sind letztendlich nicht
die Ursache des Problems sind. Das lässt sich „2006 wurden auf einem ergebnisrelevant, da sie
nur durch starke Politik im Interesse des Gemein- Grundstück der degewo in den folgenden Entwick-
wohls und durch Maßnahmen für Verteilungs- drei 11-Geschosser rückge- lungsschritten korrigiert
baut. In einem Werkstatt- werden. Schrittweise ent-
gerechtigkeit, etwa eine hohe Erbschaftssteuer, stand ein offener Masterplan
verfahren mit unzähligen
hoffentlich wieder einfangen. In Wien wurden Beteiligten wurde die pro- mit lebendigen, bewohnten
nach dem Ersten Weltkrieg 18 Luxussteuern ein- grammatische und räum­ Erdgeschossen und vielfäl­
liche Struktur für das neue tigen sozialräumlichen Qua-
geführt, die in den sozialen Wohnbau investiert
Quartier ermittelt. Die hier- litäten, Grundschule, Kita,
wurden. Dieser Wohnbau sah nicht arm aus, für entwickelte Methode Gymnastiksaal und Nach-
sondern vermittelte einen gewissen Stolz und ein des iterativen Städtebaus barschaftscafé. Die Ab­
bringt schrittweise Argu- folge der Schritte zeigt die
Selbstbewusstsein. Wie wir bauen, das ist die
mente jeglicher Art in die stadträumliche Entwicklung
Kultur, an der man die Verfasstheit unserer Ge- Planung der Stadtstruktur von Ost-West-orientierten
sellschaft noch in hundert Jahren ablesen kann. ein und entwickelt ein 11-Geschossern zur punkt-
kompromissloses Gleichge- förmigen Bebauung.“
Was wird man da wohl lesen?

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