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Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1.

2016)

Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts


XI. Lyrik im 18. Jahrhundert
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Goethes Gartenhaus
Park an der Ilm, Weimar
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Ingeborg Bachmann
Böhmen liegt am Meer (1964)

[...]
Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder.
Und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land.
[...]

Besserem Verständnis
Wer das Dichten will verstehen
Muß in’s Land der Dichtung gehen;
Wer den Dichter will verstehen
Muß in Dichters Lande gehen.
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Ingeborg Bachmann
Böhmen liegt am Meer (1964)

[...]
Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder.
Und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land.
[...]

Bohemia. A desert country near the sea


William Shakespeare: The Winter’s Tale
(Erstdruck 1623)
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Pessimismus → Optimismus
Stoizismus → Eudämonismus

Frühaufklärung – Hochaufklärung – Spätaufklärung


Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Pessimismus → Optimismus
Stoizismus → Eudämonismus

Frühaufklärung

1680-1747

Barthold Heinrich Brockes


Irdisches Vergnügen in Gott (9 Bände, Hamburg 1721-48)
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Physikotheologie

Frühaufklärung

Barthold Heinrich Brockes


Irdisches Vergnügen in Gott (9 Bände, Hamburg 1721-48)
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Physikotheologie

Gläntzt Sonne, Feld und Fluth in solchem Schmuck und Schein;


Wie herlich muß ihr Quell, wie schön der Schöpfer seyn!
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

In theils engerer, theils weiterer


Bedeutung vergnügt man jeman-
den, wenn man ihm angenehme
Empfindungen erweckt, zunächst
durch Befriedigung seines Ver-
langens, hernach aber auch auf
jede andere Art.

Grammatisch=kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart,


mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber
der Oberdeutschen, von Johann Christoph Adelung.
Zweyte vermehrte und verbesserte Auflage. Leipzig 1801.
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Man saget, unser Leben sey Gefährliche Verachtung der Welt


Hier bloß ein Durchgang, eine Reise,
Wohin? Der Zweck ist zweyerley,
Zur Höllen, und zum Paradeise.
So reist man hier denn, ohne Zweifel,
Zum Schöpfer oder auch zum Teufel.
Dieß klingt wahrhaftig hart, die Welt,
Die so viel Wunder in sich hält,
Verächtlich einen Postweg nennen,
Und, sonder Ohr, Gefühl, Gesicht,
Den schönen Bau der Welt durchrennen,
Den Gott so herrlich zugericht.
Sind uns die Sinnen, hier im Leben,
Denn nur fürs Künftige gegeben?
Sind sie und diese Welt nicht werth,
Daß man denjenigen verehrt,
Der sie so herrlich schaffen wollen,
Nebst uns, damit wir, im Genuß,
Bey einem solchen Ueberfluß,
Uns freuen und ihm danken sollen? […]
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Die kleine Fliege Wie so künstlich! fiel mir ein,


Neulich sah ich, mit Ergetzen, Müssen hier die kleinen Theile
Eine kleine Fliege sich, In einander eingeschrenckt,
Auf ein Erlen-Blättchen setzen, Durch einander hergelenckt,
Deren Form verwunderlich Wunderbar verbunden seyn!
Von den Fingern der Natur, Zu dem Endzweck, daß der Schein
So an Farb', als an Figur, Unsrer Sonnen und ihr Licht,
Und an bunten Glantz gebildet. Das so wunderbarlich-schön,
Es war ihr klein Köpfgen grün, Und von uns sonst nicht zu sehn,
Und ihr Cörperchen vergüldet, Unserm forschenden Gesicht
Ihrer klaren Flügel Par, Sichtbar werd', und unser Sinn,
Wenn die Sonne sie beschien, Von derselben Pracht gerühret,
Färbt' ein Rot fast wie Rubin, Durch den Glantz zuletzt dahin
Das, indem es wandelbar, Aufgezogen und geführet,
Auch zuweilen bläulich war. Woraus selbst der Sonnen Pracht
Liebster GOtt! wie kann doch hier Erst entsprungen, der die Welt,
Sich so mancher Farben Zier Wie erschaffen, so erhält,
Auf so kleinem Platz vereinen, Und so herrlich zubereitet.
Und mit solchem Glantz vermählen, Hast du also, kleine Fliege,
Daß sie wie Metallen scheinen! Da ich mich an dir vergnüge,
Rief ich, mit vergnügter Seelen. Selbst zur GOttheit mich geleitet.
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

1. November 1755, ca. 9.30h


Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Voltaire (François-Marie Arouet)


1694-1778

Poème sur le désastre de Lisbonne


ou Examen de cet axiome ›Tout est bien‹
1756
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

« Tout est bien, dites-vous, et tout est nécessaire. »


Quoi ! l’univers entier, sans ce gouffre infernal,
Sans engloutir Lisbonne, eût-il été plus mal ?
›Alles ist wohlgefügt, sagt ihr, und alles ist notwendig.‹
Wie! ohne diesen Höllenschlund, ohne Lissabon zu verschlingen,
hätte es um das ganze Universum schlechter gestanden?
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Anakreon
ca. 550 – ca. 495 v. Chr.

Anakreontik
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Johann Wilhelm Ludwig


Gleim
1719-1803

Anakreontik
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

1744 Johann Wilhelm Ludwig


Gleim
1719-1803

Anakreontik
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Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Die geheime Sprache (1744)


Wenn ich mich und meine Schöne
Mit der gelben Nelke kröne,
Wenn ich ihr mit Efeu winke,
Und ihr zeige, wie ich trinke,
Wenn ich lustig guter Dinge
Ihr vergnügt entgegen springe,
Wenn ich, da ich ihr begegne,
Ihren vollen Busen segne,
Wenn ich ruf': ich will im Garten
Bei der Sonnenblume warten,
Wenn ich sie ins Tal begleite:
Weiß sie schon, was es bedeute;
Und weil wir uns fürchten müssen,
Muss sie's nur alleine wissen.
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Friedrich Gottlieb Klopstock


1724-1803
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Singe, Göttin, den Zorn des Peleiaden Achilleus,


Der zum Verhängnis unendliche Leiden schuf den Achaiern
Homer: Ilias I 1f. (übertragen von Hans Rupé)
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Der Eislauf (1764)


Vergraben ist in ewige Nacht
Der Erfinder grosser Name zu oft!
Was ihr Geist grübelnd entdeckt, nutzen wir;
Aber belohnt Ehre sie auch?
Wer nannte dir den kühneren Mann,
Der zuerst am Maste Segel erhob?
Ach verging selber der Ruhm dessen nicht,
Welcher dem Fuss Flügel erfand!
Und sollte der unsterblich nicht seyn,
Der Gesundheit uns und Freuden erfand,
Die das Ross muthig im Lauf niemals gab,
Welche der Reihn selber nicht hat?
Unsterblich ist mein Name dereinst!
Ich erfinde noch dem schlüpfenden Stahl
Seinen Tanz! Leichteres Schwungs fliegt er hin,
Kreiset umher, schöner zu sehn.
[…]
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Der Eislauf (1764)


Vergraben ist in ewige Nacht
Der Erfinder grosser Name zu oft!
Was ihr Geist grübelnd entdeckt, nutzen wir;
Aber belohnt Ehre sie auch?
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Der Eislauf (1764)


[…]
O Jüngling, der den Wasserkothurn
Zu beseelen weiss, und flüchtiger tanzt,
Lass der Stadt ihren Kamin! Kom mit mir,
Wo des Krystalls Ebne dir winkt!
[…]
Was horchst du nach der Insel hinauf?
Unerfahrne Läufer tönen dort her!
Huf und Last gingen noch nicht übers Eis,
Netze noch nicht unter ihm fort.
Sonst späht dein Ohr ja alles; vernim,
Wie der Todeston wehklagt auf der Flut!
O wie tönts anders! wie hallts, wenn der Frost
Meilen hinab spaltet den See!
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Der Eislauf (1764)


[…]

Zurück! lass nicht die schimmernde Bahn


Dich verführen, weg vom Ufer zu gehn!
Denn wo dort Tiefen sie deckt, strömts vielleicht,
Sprudeln vielleicht Quellen empor.
Den ungehörten Wogen entströmt,
Dem geheimen Quell entrieselt der Tod!
Glittst du auch leicht, wie diess Laub, ach dorthin;
Sänkest du doch, Jüngling, und stürbst!
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Der Eislauf (1764)


[…]

Zurück! lass nicht die schimmernde Bahn


Dich verführen, weg vom Ufer zu gehn!
Denn wo dort Tiefen sie deckt, strömts vielleicht,
Sprudeln vielleicht Quellen empor.
Den ungehörten Wogen entströmt,
Dem geheimen Quell entrieselt der Tod!
Glittst du auch leicht, wie diess Laub, ach dorthin;
Sänkest du doch, Jüngling, und stürbst!

Wilhelm von Kaulbach (1862)


Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

›quantifizierende‹ Metrik (griechisch-römische Antike):


Unterscheidung der Silben: lang (—) vs. kurz (∪)

›akzentuierende‹ Metrik (romanisch-germanische Moderne)


`
Unterscheidung der Silben: betont (x) vs. unbetont (x)
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Wen du nicht verlässest Genius


Nicht der Regen nicht der Sturm
Haucht ihm Schauer übers Herz
Wen du nicht verlässest Genius
Wird der Regen Wolke
Wird dem Schloßensturm
Entgegensingen wie die
Lerche du dadroben,
Wen du nicht verlässest Genius.
[…]

Johann Wolfgang Goethe: Wandrers Sturmlied (1774)

Sturm und Drang


Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

[…]
Wenn die Räder rasselten Rad an Rad
Rasch ums Ziel weg
Hoch flog siegdurchglühter Jünglinge
Peitschenknall
Und sich Staub wälzt
Wie von Gebürg herab sich
Kieselwetter ins Tal wälzt
Glühte deine Seel Gefahren Pindar
Mut Pindar – Glühte –
Armes Herz –
Dort auf dem Hügel –
Himmlische Macht –
Nur soviel Glut –
Wandrers Sturmlied (1774)
Dort ist meine Hütte –
Zu waten bis dort hin. Sturm und Drang
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Umschwebt mich ihr Musen!


Ihr Charitinnen!
Das ist Wasser das ist Erde
Und der Sohn des Wassers und der
Erde
Über den ich wandle Göttergleich

[…]

Vater Bromius
Du bist Genius
Jahrhunderts Genius
Bist was innre Glut
Pindarn war Wandrers Sturmlied (1774)
Was der Welt
Phöb Apoll ist. Sturm und Drang
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Sah ein Knab' ein Röslein stehn,


Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell es nah zu sehn,
Sah's mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
Knabe sprach: ich breche dich,
Röslein auf der Heiden!
Röslein sprach: ich steche dich,
Daß du ewig denkst an mich,
Und ich will's nicht leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
Und der wilde Knabe brach
's Röslein auf der Heiden;
Röslein wehrte sich und stach, Heidenröslein (1771)
Half ihr doch kein Weh und Ach,
Mußt es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot, Sturm und Drang
Röslein auf der Heiden.
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Sah ein Knab' ein Röslein stehn,


Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell es nah zu sehn,
Sah's mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
Knabe sprach: ich breche dich,
Röslein auf der Heiden!
Röslein sprach: ich steche dich,
Daß du ewig denkst an mich,
Und ich will's nicht leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
Und der wilde Knabe brach
's Röslein auf der Heiden;
Röslein wehrte sich und stach, Heidenröslein (1771)
Half ihm doch kein Weh und Ach,
Mußt es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot, Sturm und Drang
Röslein auf der Heiden.
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Jagdhaus auf dem Kickelhahn


bei Ilmenau
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Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Geschichten wisse er keine, sagte Humboldt und


schob seinen Hut zurecht, den der Affe umgedreht
hatte. Auch möge er das Erzählen nicht. Aber er könne
das schönste deutsche Gedicht vortragen, frei ins
Spanische übersetzt. Oberhalb aller Bergspitzen sei es
still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die
Vögel seien ruhig, und bald werde man tot sein.
Alle sahen ihn an.
Fertig, sagte Humboldt.
Ja wie, fragte Bonpland.
Humboldt griff nach dem Sextanten.

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt (2005)


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Ein gleiches (›Wandrers Nachtlied‹)


›7. September 1783‹ (6. 9. 1780?)

Über allen Gipfeln


Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
DieGeorg
Vögelein schweigen im Walde.
Oswald May
Warte nur, balde
Johann Wolfgang Goethe
1779
Ruhest du auch.
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Friedrich Schiller: Nänie (1800) [Klagelied]

Auch das Schöne muss sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,
Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.
Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,
Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.
Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde,
Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt.
Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter,
Wann er, am skäischen Tor fallend, sein Schicksal erfüllt.
Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus,
Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn.
Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
Dass das Schöne vergeht, dass das Vollkommene stirbt.
Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten, ist herrlich,
Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Friedrich Schiller: Nänie (1800)

Auch das Schöne muss sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,
Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.
Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,
Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.
Nicht stilltelegische
Aphrodite dem Distichen
schönen Knaben(›Zweizeiler‹)
die Wunde,
Die in den zierlichen
Hexameter Leib+ grausam der Eber
Pentameter geritzt.
/ kein Reim
Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter,
Wann er, am skäischen Tor fallend, sein Schicksal erfüllt.
— ∪
Aber — ∪
sie steigt aus ∪
dem— Meer∪mit∪allen ∪ ∪ des
—Töchtern ∪ ∪ — ∪
—Nereus,
—Und∪die— ∪ hebt
Klage ∪ an—um| den ∪ ∪ — Sohn.
—verherrlichten ∪ ∪ —
Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
Dass das Schöne vergeht, dass das Vollkommene stirbt.
Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten, ist herrlich,
Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Friedrich Schiller: Nänie (1800) [Klagelied]

Auch das Schöne muss sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,
Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.
Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,
Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.
Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde,
Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt.
Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter,
Wann er, am skäischen Tor fallend, sein Schicksal erfüllt.
Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus,
Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn.
Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
Dass das Schöne vergeht, dass das Vollkommene stirbt.
Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten, ist herrlich,
Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

1795
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

1795 Properz durfte es laut sagen, daß er eine


glückliche Nacht bei seiner Freundin
zugebracht habe. Wenn aber Herr von
Goethe mit seiner italienischen Maitresse
vor dem ganzen Deutschland in den Horen
den concubitum exerziert, wer wird das
billigen? Das Ärgerliche und Anstößige
liegt nicht in der Sache, sondern in der
Individualität.
Johann Baptist von Alxinger an
K. A. Böttiger (25. 3. 1797)

Er las mir seine Elegien, die zwar


schlüpfrig und nicht sehr dezent sind, aber
zu den besten Sachen gehören, die er
gemacht hat.
Friedrich Schiller an
seine Frau Charlotte (20. 9. 1794)
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Elegie = Gedicht aus Distichen (Zweizeilern)

Hexameter (Sechstakter)
sechs Daktylen – teilweise zu Trochäen verkürzt
/– /–– /– /– /–– /–

Pentameter (Fünftakter)
sechs Daktylen – 3. und 6. Daktylus auf 1 Hebung verkürzt
/– /–– / | /–– /–– /

Saget, Steine, mir an, o! sprecht, ihr hohen Paläste.


Straßen redet ein Wort! Genius regst du dich nicht?
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Mutter und Tochter erfreun sich ihres nordischen Gastes


Und der Barbare beherrscht römischen Busen und Leib.
Römische Elegien II 27f.

Eine Welt zwar bist du, o Rom, doch ohne die Liebe
Wäre die Welt nicht die Welt, wäre denn Rom auch nicht Rom.
Römische Elegien I 13f.

ROMA ↔ AMOR

›Das Antike war neu da jene Glückliche lebten,


Lebe glücklich und so lebe die Vorzeit in dir.
Stoff zum Liede, wo nimmst du ihn her? Ich muß dir ihn geben
Und den höheren Styl lehret die Liebe dich nur.‹
Römische Elegien XIII 21-24
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Froh empfind’ ich mich nun auf klassischem Boden begeistert,


Lauter und reizender spricht Vorwelt und Mitwelt zu mir.
Ich befolge den Rat, durchblättre die Werke der Alten
Mit geschäftiger Hand täglich mit neuem Genuß.
Aber die Nächte hindurch hält Amor mich anders beschäftigt,
Werd ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt vergnügt.
Und belehr’ ich mich nicht? wenn ich des lieblichen Busens
Formen spähe, die Hand leite die Hüften hinab.
Dann versteh ich erst recht den Marmor, ich denk’ und vergleiche,
Sehe mit fühlendem Aug’, fühle mit sehender Hand.

›Das Antike war neu da jene Glückliche lebten,


Lebe glücklich und so lebe die Vorzeit in dir.
Stoff zum Liede, wo nimmst du ihn her? Ich muß dir ihn geben
Und den höheren Styl lehret die Liebe dich nur.‹
Römische Elegien XIII 21-24
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Froh empfind’ ich mich nun auf klassischem Boden begeistert,


Lauter und reizender spricht Vorwelt und Mitwelt zu mir.
Ich befolge den Rat, durchblättre die Werke der Alten
Mit geschäftiger Hand täglich mit neuem Genuß.
Aber die Nächte hindurch hält Amor mich anders beschäftigt,
Werd ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt vergnügt.
Und belehr’ ich mich nicht? wenn ich des lieblichen Busens
Formen spähe, die Hand leite die Hüften hinab.
Dann versteh ich erst recht den Marmor, ich denk’ und vergleiche,
Sehe mit fühlendem Aug’, fühle mit sehender Hand.
[...]
Oftmals hab’ ich auch schon in ihren Armen gedichtet
Und des Hexameters Maß, leise, mit fingernder Hand,
Ihr auf den Rücken gezählt, sie atmet in lieblichem Schlummer
Und es durchglühet ihr Hauch mir bis ins tiefste die Brust.
Amor schüret indes die Lampe und denket der Zeiten,
Da er den nämlichen Dienst seinen Triumvirn getan.
Römische Elegien V
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Wie sich die Jünglinge freuten! Merkur und Bacchus! Sie beide
Mußten gestehn, es sei zwischen den Schenkeln zu ruhn
Dieses herrlichen Weibes ein schöner Gedanke […]
Römische Elegien XIX 47-49
Die Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts Lyrik im 18. Jahrhundert (26. 1. 2016)

Wie sich die Jünglinge freuten! Merkur und Bacchus! Sie beide
Mußten gestehn, es sei über dem Busen zu ruhn
Dieses herrlichen Weibes ein schöner Gedanke […]
Römische Elegien XIX 47-49

Uns ergötzen die Freuden des echten nacketen Amors


Und des geschaukelten Betts lieblich knarrender Ton.
[Römische Elegien III 31f.]