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6 Zelluläre Organellen, Strukturen


und Transportvorgänge
Andrej Hasilik

6.1 Zelluläre Kompartimente, Membranen und Transport – 174


6.1.1 Kompartimente – 176
6.1.2 Membranen – 176
6.1.3 Prinzipien des Membrantransports – 178
6.1.4 Transport durch gap junctions, Porine und Kanalproteine – 180
6.1.5 Carrier-vermittelter Transport – 183
6.1.6 Pathobiochemie – 185

6.2 Organellen und Partikel – 187


6.2.1 Zellkern – 187
6.2.2 Endoplasmatisches Retikulum und ERGIC – 190
6.2.3 Golgi-Apparat und trans-Golgi Netzwerk – 190
6.2.4 Vesikulärer und tubulärer Transport – 191
6.2.5 Plasmamembran – 195
6.2.6 Adhäsionsmoleküle – 197
6.2.7 Lysosomen, Endosomen und verwandte Organellen – 200
6.2.8 Exosomen – 203
6.2.9 Mitochondrien – 203
6.2.10 Peroxisomen – 204
6.2.11 Intrazelluläre Partikel – 205
6.2.12 Pathobiochemie – 205

6.3 Cytoskelett – 207


6.3.1 Mikrotubuli – 207
6.3.2 Aktinfilamente – 211
6.3.3 Intermediäre Filamente – 214
6.3.4 Pathobiochemie – 214

Literatur – 215
174 Kapitel 6 · Zelluläre Organellen, Strukturen und Transportvorgänge

> > Einleitung

Weniger als zwei Jahrhunderte trennen den Beginn der Ära der Systembiologie von den Anfängen der funktionellen Histologie
und Physiologie bzw. Zellbiologie. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts etablierte sich die zelluläre Theorie. Nicht ohne
Irrwege setzte sich die Anschauung durch, dass tierische Zellen von Cytoplasma ausgefüllt sind und einen Zellkern enthalten,
dessen Teilung jeder Zellbildung vorausgeht. Außerordentliche methodische Fortschritte der letzten Jahrzehnte gewähren uns
detaillierte Einblicke in die Struktur, Arbeitsweise und Bewegung von Molekülen. Der Einsatz der Fluoreszenzmikroskopie, Kryo-
Elektronenmikroskopie, Bioinformatik und anderes mehr revolutioniert unsere Sichtweise des Zellinneren. Für diese Entwick-
lung ist Rudolf Virchow’s 1858 erschienene »Zellularpathologie« von maßgeblicher Bedeutung. Der Vorstellung von der extra-
oder intrazellulären Zellbildung läutete diese Monographie nicht zuletzt mit dem viel zitierten Ausspruch »omnis cellulae
cellula« (jede Zelle kann nur aus einer bereits bestehenden hervorgehen) das Ende ein. Bis heute hat die Erforschung von
Krankheiten die von Virchow geforderte sorgfältige Beschreibung anatomischer Veränderungen konsequent eingehalten und
und setzt neue Kenntnisse molekularer Strukturen und Funktionen zur Entwicklung besserer diagnostischer und therapeu-
tischer Verfahren ein.

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6.1 Zelluläre Kompartimente, Kryoelektronenmikroskopie und Tomographie die Auf-
Membranen und Transport lösung noch kleinerer Strukturen bis circa 3 nm Größe.
Diese Methode ermöglicht die Struktur von Partikeln und
! Die Geschichte der Entdeckung subzellulärer Komparti- molekularen Komplexen in ihrer natürlichen Umgebung
mente ist eine Geschichte der Entwicklung zellbiolo- sichtbar zu machen, z.B. die der Kernporen in der Kern-
gischer Methoden. hülle (. Abb. 6.1e). Mittels Fluoreszenzmikroskopie kön-
nen unterschiedliche Moleküle durch indirekte Markierung
Die räumliche Aufteilung der Zellen, die Kompartimentie- mit fluoreszenten Antikörper- oder Oligonucleotid-Konju-
rung, sowie das Zusammenspiel der Kompartimente ist für gaten einzeln oder in Gruppen dargestellt werden. Ein Bei-
die Durchführung und Koordinierung der für eukaryote spiel zeigt die Lokalisierung von Chromosomen im Kern
Organismen charakteristischen Stoffwechsel-, Wachstums-, einer menschlichen Zelle (. Abb. 6.1f). Der Einsatz des
Differenzierungs- und Steuerungsvorgänge notwendig. green fluorescent proteins (GFP) der pazifischen Qualle
Dank moderner Methoden der Zellbiologie kam es in den (Aequorea victoria) mittels molekularbiologischer Tech-
letzten Jahrzehnten zu einer beeindruckenden Erweiterung niken, die sog. »grüne Revolution« der Zellbiologie, er-
der Einblicke in das Zellinnere. Die in der Einleitung ange- möglicht seit etwa einem Jahrzehnt die Untersuchung von
sprochene Entwicklung der Methoden zur Aufklärung der Molekülen in lebenden Zellen. Somit ist die Visualisierung
einzelnen Bestandteile der Strukturen und ihrer Funk- der subzellulären Verteilung, Bewegung oder Colokalisie-
tionen, ist in . Abb. 6.1 illustriert. Viele Pionierarbeiten rung von Proteinen möglich (. Abb. 6.1g–k). Spezielle Ver-
konnten an den besonders großen Neuronen des Klein- fahren eröffnen den Blick auf kleinere Moleküle und Ver-
hirns geleistet werden. Vor etwa 170 Jahren erlaubte der änderungen ihrer Konzentration, z.B. die Speicherung von
damalige Stand der Lichtmikroskopie Jan Evangelista Cholesterin in Dendriten von Purkinje Zellen im Kleinhirn
Purkinje in Breslau ein ziemlich realistisches Bild der wich- eines Mausmodells der Niemann-Pick’schen Erkrankung
tigsten Merkmale dieser Zellen mit einem zentralen Kern (. Abb. 6.1g, h). Der Speicherort des Cholesterins sind
und mehreren Fortsätzen zu zeichnen (. Abb. 6.1a). Lysosomen.
Camillo Golgi imprägnierte als Erster Zellen mit Silberni- Die Überlagerung colokalisierter Fluoreszenzsignale
trat (reazione nera) und veröffentlichte 1898 seine Zeich- unterschiedlicher Wellenlänge führt zu einer Farbände-
nungen von Nervenzellen mit Nucleoli im Kern sowie rung. In Präparaten mit Grün- und Rotfluoreszenz weist
Details ihrer Fortsätze. Der von ihm erstmalig gezeichnete ein gelbes Lichtsignal auf eine Colokalisierung markierter
»retikuläre Apparat« trägt heute seinen Namen (. Abb. Moleküle hin (. Abb. 6.1i–k). Mittels Rasterkraftmikros-
6.1b,c). Substrukturen des Zellkerns und seiner Hülle, ver- kopie mit einer Auflösung im Subnanometer-Bereich kön-
schiedene Formen des Chromatins bzw. Kernporen können nen Oberflächenstrukturen, etwa von Membranen mit ein-
seit etwa 60 Jahren mittels der Transmissionselektronen- gebauten Proteinen, dargestellt werden. Bespiele solcher
mikroskopie (. Abb. 6.1d) betrachtet werden. Dank dieser Darstellungen finden sich im 7 Kap. 6.1.4.
Technik ist unter Verwendung von Oberflächenrepliken –
nach einer Fragmentierung eingefrorener Präparate (freeze-
fracturing und replica shadowing) – die Untersuchung der
Grenzflächen voneinander getrennter Kompartimente in
hoher Auflösung möglich. Seit wenigen Jahren erlauben
6.1 · Zelluläre Kompartimente, Membranen und Transport
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9 . Abb. 6.1a–f. Entwicklung zellbiologischer Methoden. a Jan E.


Purkinjes Zeichnung nach mikroskopischer Beobachtung großer
Zellen im Cerebellum (1837). b Camillo Golgis Zeichnung des Zellkör-
pers eines großen Kleinhirnneurons mit einer kernnahen Organelle,
die durch Kontrastierung mit reduziertem Silber sichtbar gemacht
wurde (1898). c Ausschnitt aus einer zeitgenössischen Aufnahme
eines von Camillo Golgi angefertigten mit Silbernitrat gefärbten
cerebellären Schnitts. Zusätzlich zum dunkel erscheinenden Golgi-
Apparat lässt sich der im Kernzentrum liegende Nucleolus (weiße
Pfeilspitze) erkennen. d Transmissionselektronenmikroskopische
Aufnahme eines Ultradünnschnitts durch den Kern eines Hepato-
zyten, EDTA-Färbung. N = Nucleolus; C = hell erscheinendes Hetero-
chromatin (kondensiertes Chromatin); kleine und große Pfeile, Peri-
chromatinfibrillen bzw. -granula; Sternchen markieren die Innenseite
der Kernporen. e Dreidimensionale Rekonstruktion der Kernporen
(violett) an der Oberfläche eines Teils der Kernhülle (gelb) sowie der
Kernporenkomplexe mittels kryoelektronenmikroskopischer Tomo-
graphie. Bei der Betrachtung der cytoplasmatischen (links im Paneel)
und nucleoplasmatischen (rechts) Seiten der Poren ist die 8-fache
Symmetrie speichenartiger Verbindungen des peripheren Rings
zu erkennen. In seinem Zentrum befindet sich eine Spindel- und an
seiner nucleoplasmatischen Seite eine Körbchenstruktur (beige).
f Dreidimensionale Rekonstruktion von Chromosomen 18 (rot) und
19 (grün) im Kern eines humanen Lymphozyten (Fluoreszenzmarkie-
rung und konfokale Fluoreszenzmikroskopie). g,h Lokalisierung eines
Proteins und eines kleinen Moleküls durch konfokale Fluoreszenz-
mikroskopie. Vergleich cerebellärer Schnitte einer normalen und einer
Niemann-Pick Typ C1 Maus (Tag 9 postnatal). Das Cytoplasma wurde
durch eine Markierung (blau) eines cytosolischen Proteins (Calbindin),
das sich in dem cytosolischen Kompartiment der Dendriten (g und h)
sowie des Perikaryons (h) befindet, sichtbar gemacht. Cholesterin
und seine Speicherung in den Zellkörpern (Sternchen) sowie Dendri-
ten des Niemann-Pick-Modells (NPC) wurden mit einem fluoreszie-
renden, Cholesterin-bindenden Toxin (BC-T) sichtbar gemacht (rot).
Das nicht aggregierte Cholesterin in Membranen der Kontroll-Maus
(WT) wird mit BC-T nicht markiert. i–k Konfokale fluoreszenzmikros-
kopische Colokalisierung von Proteinen in Dendriten und Zellkörpern
im Cerebellum einer Maus. Mittels eines viralen Expressionsvektors
wurden cDNAs von zwei Proteinen, des löslichen GFP und der R2-
Untereinheit des membranständigen NMDA-Glutamatrezeptors in
Purkinje Zellen transduziert. Das GFP (grün) verteilt sich gleichmäßig
über das Soma und die Dendriten (i). Die R2-Untereinheit (rot) befin-
det sich ebenfalls in den Zellkörpern und den aufsteigenden Fasern,
jedoch nicht in den Zellkernen (j). Die Überlagerung der Signale weist
durch gelbe Farbe auf eine Colokalisierung im Soma und teilweise
in den Dendriten hin (k). (Aufnahmen: Marina Bentivoglio von einem
an der Universität Pavia aufbewahrten, von Golgi gefertigten Präparat
(c), Stan Fakan (d), Martin Beck und Wolfgang Baumeister (e), Marion
Cremer und Irina Solovei (f), Wataru Kakegawa und Seiji Ozawa (g–h),
Ta-Yuan Chang und William F. Hickey (i–k).)
176 Kapitel 6 · Zelluläre Organellen, Strukturen und Transportvorgänge

6.1.1 Kompartimente der Biosynthese von Fettsäuren und einigen Aminosäuren.


Um eine energieverschwendende Konkurrenz zwischen
! Ein besonderes Merkmal eukaryoter Zellen ist ihr Auf- Synthese und Abbau zu vermeiden, sind die meisten En-
bau aus zahlreichen intrazellulären Kompartimenten. zyme des katabolen Energiestoffwechsels in einem anderen
Kompartiment, den Mitochondrien (7 Kap. 6.2.9) lokali-
Die Plasmamembran (Plasmalemma) trennt die Zellen siert. Merkmale verschiedener tierischer Zellen sind in
von ihrer Umgebung. Sie vermittelt die zellulären Kontakte . Abb. 6.2 schematisch zusammengefasst.
und kontrolliert den Stoffaustausch der Zelle mit ihrer Um-
gebung. Im Inneren befindet sich der vom Cytoplasma
umgebene Zellkern. Das Cytoplasma besteht aus Cytosol, 6.1.2 Membranen
das lösliche Proteine und Partikel enthält und zusätzlich
zum Kern weitere Organellen (7 Kap. 6.2) umgibt. Diese ! Biologische Membranen enthalten Lipide in asymme-
sind von eigenen Membranen umschlossen und bilden so- trischer und ungleichmäßiger Verteilung.
mit Kompartimente, die besondere Reaktionsräume um-
schließen. Auf diese Weise werden verschiedene Stoffwech- Die Analyse zellulärer Membranen mit chemischen Ver-
6 selwege und ihre Zwischenprodukte in spezialisierten Räu- fahren ergibt eine Zusammensetzung aus Proteinen, amphi-
men untergebracht. Kompartimente und Extrazellularraum philen Lipiden (7 Kap. 2.2) und einen geringen Anteil cova-
kommunizieren mit dem Cytosol über aktive und passive lent gebundener Kohlenhydrate (. Tabelle 6.1). Das Ge-
Transportsysteme. Im Cytosol erfolgt der größte Teil der wichtsverhältnis Protein zu Lipid schwankt zwischen
Proteinsynthese und auch des Proteinabbaus. Weiterhin Werten von 1 bis etwa 4. Charakteristisch für alle Mem-
finden sich im Cytosol die Enzyme und Intermediate von branen sind der Aufbau einer zweiblättrigen Lipiddoppel-
Glycolyse, Gluconeogenese, Glycogenstoffwechsel, sowie schicht sowie eine dynamische Integration verschiedener

. Abb. 6.2. Aufbau von Zellen. Schematische Darstellung der 7 Kap. 6.2 und 6.3. Differenzierte Zellen unterscheiden sich voneinan-
Struktur einer idealisierten tierischen Zelle. Die Beschreibung einzel- der in ihrer Struktur und ihrer Ausstattung mit Organellen. Grundsätz-
ner Organellen und verschiedener Cytoskelettelemente erfolgt in lich ist das Zellinnere von Organellen sehr dicht gefüllt
6.1 · Zelluläre Kompartimente, Membranen und Transport
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areale aufgrund hoher Mobilität als flüssig-ungeordnet


. Tabelle 6.1. Zusammensetzung verschiedener zellulärer
Membranen (ld, liquid-disordered) und andererseits Cholesterin- und
sphingolipidreiche Areale als flüssig-geordnet (lo, liquid-
Membrantyp Proteine Lipide bzw. Kohlen-
(%) (Cholesterin*) hydrate ordered), also semikristallin aufgebaut, bezeichnet werden.
(%) (%) Die Mikrodomänen stellen dynamische Strukturen dar,
Hepatozyt (Plasma- 46 54 (16) 2–4 die ausgewählte Proteine enthalten und sich vorübergehend
membran) zu rafts (7 Kap. 2.6) und größeren Arealen zusammen-
Erythrozyt (Plasma- 49 43 (22) 8 schließen können.
membran)
! Membranproteine werden in die Lipiddoppelschicht
Mitochondriale 76 24 (<3) 0 mittels spezifischer Domänen integriert, die die Dop-
Innenmembran
pelschicht teilweise oder durchgehend penetrieren.
Myelinmembranen 18 79 (28) 3 Letztere können als Transportproteine fungieren.
* Gehalt als % des Lipids (in der mitochondrialen Innenmembran
ist der Gehalt nicht signifikant) Durch die Assoziation mit der Membran eines Organells
können Reaktionen von Proteinen koordiniert und be-
schleunigt werden. Zahlreiche auf bestimmte Substrate
Proteinmoleküle, die entweder in dieser Doppelschicht spezialisierte Cytochrom P450 - Moleküle, die in der Mem-
eingebettet oder mit ihr assoziiert sind. Die Lipide sind in bran lateral beweglich sind, können von einem ebenfalls
beiden Schichten asymmetrisch verteilt und in der Ebene in der Membran verankerten NADPH-oxidierenden Fla-
inhomogen angeordnet. Ursachen dieser Asymmetrie sind voprotein (Cytochrom P450 Reduktase) Redoxäquivalente
entweder der Mechanismus der Biosynthese (7 Kap. 18.2.3) erhalten (7 Kap. 15.2.1). Eine noch engere Kooperation
oder eine energieabhängige Umverteilung von Membranli- oder höhere Effizienz kann durch Assoziation mit oder
piden. Diese können zwischen den äußeren und inneren durch eine Verankerung in Mikrodomänen (7 oben) er-
Blättern der Doppelschicht wechseln (»flip« d.h. zum Cyto- reicht werden.
sol hin, bzw. »flop« d.h. vom Cytosol weg). Der spontane Die meisten in der Membran fest eingebetteten inte-
Wechsel erfolgt bei Lipiden mit kleinen polaren »Köpfen«, gralen Membranproteine besitzen eine oder mehrere
z.B. Cholesterin, relativ häufig und extrem selten bei den Transmembrandomänen, die aus einem oder mehreren
oligosaccharidtragenden Gangliosiden. Bei Bedarf kann α-helicalen (7 Kap. 3.3.2) Transmembransegmenten (Trans-
der Austausch enzymatisch beschleunigt werden (7 Kap. membranhelices) zusammengesetzt sind. Häufig bestehen
18.2.3). Als Beispiel dient Phosphatidylserin, das in gesunden die Transmembranhelices ausschließlich aus hydrophoben
Zellen bevorzugt in das cytosolische Blatt der Plasmamem- Aminosäuren, deren Seitenketten in der Lipiddoppelschicht
bran eingebaut wird. Größere Mengen dieses Lipids auf der integriert sind. Mehrere helicale Transmembransegmente
Außenseite sind Zeichen des Zusammenbruchs des Energie- können jedoch Zwischenräume bzw. Kanälchen mit Bin-
stoffwechsels und der Zellnekrose oder Apoptose (7 Kap. 25.4, dungsstellen für verschiedene Moleküle umschließen, an
7.1.5). Die Ausscheidung von Cholesterin sowie der pflanz- denen nichthydrophobe Aminosäurenseitenketten beteiligt
lichen Sterine ist von ABC-Transportern abhängig, die da- sind. Durch gegenseitige Verschiebungen oder Einknicken
für sorgen, dass diese Lipide vom Innen- in das Außenblatt der Helices lässt sich der Zugang von der einen oder an-
der Plasmamembran »gefloppt« bzw. von der Zellober- deren Seite der Membran öffnen oder schließen. Liganden
fläche in den Extrazellulärraum abgegeben werden. können diese Konformationsveränderungen der Trans-
Die Membranen weisen eine organellenspezifische membrandomänen steuern und einen gerichteten Trans-
Lipidzusammensetzung auf. Die Unterschiede ergeben sich port durch die Membran katalysieren (ein Beispiel ist der
aus der Lokalisierung der Biosynthese, einem vesikulären weiter unten in . Abb. 6.8 beschriebene Na+-Ionen-ab-
Membrantransport und einem molekularen durch lipid- hängige Glucosetransport). Die Transmembrandomäne
bindende Proteine vermittelten Lipidtransfer. Die phos- der Aquaporine (7 Kap. 6.1.4) enthält ein mit Wasser ge-
pholipidreiche Membran des endoplasmatischen Retiku- fülltes Kanälchen, das von sechs Transmembranhelices so-
lums ist cholesterinarm und flexibel (Tm<0°C), während wie zwei helix-loop Motiven umschlossen ist. Diese Motive
einige Areale der Plasmamembran einen hohen Anteil an tauchen in die Membran ein, penetrieren jedoch jeweils nur
Cholesterin (bis ca. 30% des Lipids), und teils einen kristal- ein Blatt der Doppelschicht. Eine ähnlich in die Membran
linen Charakter (Tm #40°C) aufweisen. eintauchende Schleife bestehend aus zwei kurzen Helices
Die ungleichmäßige Verteilung der Membranlipide be- und einem Verbindungsbogen (hairpin) wurde für Caveo-
ruht darauf, dass durch laterale Wechselwirkungen unter- lin-1 (7 Kap. 6.2.5) beschrieben. Dieses Protein kommt an
einander und mit Proteinen Mikrodomänen mit beson- der Cytosolseite spezieller Einstülpungen der Plasmamem-
derer Lipidzusammensetzung gebildet werden können. bran sowie an Lipidtröpfchen vor und ist in der Membran
Komplexe Mikrodomänen werden als rafts (engl. Floß) be- bzw. Halbmembran durch Lipidmodifizierungen zusätz-
zeichnet. Einerseits können phospholipidreiche Membran- lich verankert.
178 Kapitel 6 · Zelluläre Organellen, Strukturen und Transportvorgänge

a b
. Abb. 6.3. Einbettung eines peripheren Membranproteins und b Modell eines E-barrel-Proteins aus der Familie der Porine vor dem
6 eines β-barrel-Proteins in Membranen. a Auf kristallographischen Hintergrund eines Lipiddoppelschichtmodells. In drei Dimensionen
Daten basierendes Modell des Dimers des Schafs Prostaglandin H2 Syn- bildet das Porin ein ovales, in der Membran eingebettetes Körbchen.
thase. Dieses Protein haftet mittels amphiphiler D-Helices im äußeren Die Verbindungsschleifen (blau) und ihre helicalen Bereiche (rot)
Blatt der Lipiddoppelschicht. Das aktive Zentrum ist der Membran sind hydrophil und kontrollieren die Öffnung der Pore. Innerhalb der
zugewandt und kann das Substrat (Arachidonsäure) unmittelbar er- Membran befinden sich E-Faltblatt-Segmente (grün), in denen ab-
halten. Farbig hervorgehoben sind die hydrophoben (rot) und hydro- wechselnd hydrophobe und hydrophile Seitenketten (nicht gezeigt)
philen (blau) Randbereiche der in der Membran eingebetteten heli- vorkommen. Die ersteren sind nach außen gerichtet und interagieren
calen Domänen. Modell einer amphiphilen Helix (Prolin-85 – Histidin- mit dem Membranlipid und die letzteren kleiden die Innenseite der
95) des Proteins in maßgerechter Form sowie vergrößert am unteren Pore aus. (Modell der Prostaglandin H2-Synthase von Benoit Roux (a);
Rand der Doppelschicht platziert, um die Orientierung der hydro- das Modell des Rhodobacter capsulatus Porins basiert auf kristallo-
phoben (rot) und hydrophilen (blau) Seitenketten zu illustrieren. graphischen Daten (Protein Data Bank Nr. 2POR) von Manfred S. Weiss
Die schwarze Linie stellt die Sekundärstruktur der Hauptkette dar. und George E. Schulz (b).)

Die einseitig in der hydrophoben Phase verankerten Einige Mitglieder eignen sich zum Transport von großen,
Proteine gehören ebenso wie die Transmembranproteine andere wie das VDAC (voltage dependent anion-selective
zu den integralen Membranproteinen. Durch amphiphile channel) in Eukaryonten zu dem von kleinen Teilchen. Die
α-helicale Motive (. Abb. 6.3a) kann je nach Länge oder Passage wird von den Schleifen kontrolliert, die die E-Falt-
Verfügbarkeit eine dauerhafte oder vorübergehende Ver- blattsegmente miteinander verbinden und den Kanal ab-
bindung mit einer Membran erzeugt werden. Prostaglandin decken können.
H2-Synthase-1 besitzt mehrere amphiphile α-Helices, die Transportproteine katalysieren die Migration von Teil-
um das aktive Zentrum angeordnet sind. Die Arachi- chen zwischen Kompartimenten. Daher können sie als
donsäure kann als Substrat direkt aus der dem Zentrum vektorielle Enzyme bezeichnet werden. In seltenen Fällen
gegenüber liegenden Membran rekrutiert werden (7 Video: vereint die Katalyse eine physikalische vektorielle mit einer
http://www.lehrbuch-medizin.de). Eine aktivitätsabhän- chemischen Wirkung. Ein im ER von Hepato- und Entero-
gige Bindung an die Plasmamembran kann bei den den zyten lokalisiertes Isoenzym der Acyl-CoA: Cholesterin–
vesikulären Transport regulierenden G-Proteinen vorlie- Acyltransferase, ACAT-2, überträgt Acylreste von cyto-
gen. Periphere Membranproteine, die auch als Membran- solischem Acyl-Coenzym A auf das auf der luminalen Seite
assoziierte Proteine bezeichnet werden, interagieren mit lokalisierte Cholesterin. Ein weiteres Beispiel ist die für den
den polaren Köpfen der Lipide oder mit den äußeren Do- lysosomalen Abbau des Heparansulfats essentielle Acetyl-
mänen der integralen Membranproteine und lassen sich bei transferase, deren Defekte die Mukopolysaccharidose IIIC
pH 11 von der Membran ablösen. Lipidartige Veranke- verursachen. Dieses Enzym acetyliert mit Hilfe des cyto-
rungen werden im 7 Kapitel 9.2.4 beschrieben. solischen Acetyl-Coenzym A D-Glucosaminylreste intra-
β-Faltblattmotive (7 Kap. 3.3.2), die abwechselnd hydro- lysosomaler Heparansulfatfragmente.
phile und hydrophobe Aminosäuren beinhalten, können in
einer zylindrischen Anordnung mit den hydrophoben Sei-
ten in die Lipiddoppelschicht integriert werden. Auf diese 6.1.3 Prinzipien des Membrantransports
Weise sind aus einem korbähnlichen β-Faltblattgeflecht β-
barrel-Proteine aufgebaut (. Abb. 6.3b). β-barrel-Proteine, Die Plasmamembran und die Membranen der intrazel-
die als Porine bezeichnet werden, kommen in Bakterien lulären Organellen sind relativ durchlässig für hydrophobe
und der mitochondrialen Außenmembran vor. Ihre Vertre- Substanzen und kleine amphiphile Moleküle wie Ethanol.
ter sind am Transport verschiedener Moleküle beteiligt. Bisher wurde angenommen, dass sie auch für gelöste Gase
6.1 · Zelluläre Kompartimente, Membranen und Transport
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Häufigkeit, mit der dies geschieht, wird je nach Kanal-


typ spannungs- oder ligandenabhängig gesteuert
4 Proteine, die einen Carrier-vermittelten Transport
katalysieren, sind mit spezifischen Bindungsstellen aus-
gestattet. Die Bindung ihres Liganden löst eine Konfor-
mationsänderung aus, die für die Translokation durch
die Membran verantwortlich ist

Alle Kanalproteine sowie eine große Zahl der Carrier-


Proteine katalysieren nur den Transport entlang eines
Konzentrationsgefälles. Man spricht in diesem Fall von
passivem Transport oder erleichterter Diffusion. Erfolgt
. Abb. 6.4. Uniport, Symport und Antiport. Der Nettoeinstrom
der Transport gegen ein Konzentrationsgefälle, spricht man
eines Nährstoffs (rot) kann dadurch begünstigt werden, dass seine
intrazelluläre Konzentration niedrig gehalten wird. So können resor-
von aktivem Transport. Dieser wird ausschließlich durch
bierende Epithelien Glucose oder Aminosäuren an der basolateralen Carrier-Proteine katalysiert.
Seite durch Uniport abgeben, wenn die intrazelluläre Konzentration
die auf der basalen Seite herrschende extrazelluläre übersteigt.
! Bei der kinetischen Analyse von Transportvorgängen
Durch Symport oder Antiport kann eine fast vollständige Aufnahme werden die transportierten Moleküle als Substrate/
des Nährstoffs auf Kosten des Gradienten eines in der gleichen bzw. Produkte einer Reaktion betrachtet.
entgegengesetzten Richtung transportierten Teilchens (grün) erfolgen
Prinzipiell gelten für Transportvorgänge die gleichen Ge-
setze der Thermodynamik wie für chemische Reaktionen.
wie O2, CO2, NO und NH3 sehr gut permeabel sind. Neue Die Konzentrationsabhängigkeit der freien Enthalpie einer
Untersuchungen zeigen jedoch, dass der Transport von Reaktion wurde in 7 Kapitel 4.1.1 abgeleitet:
CO2 physiologischerweise von einem Transportprotein
(Aquaporin-1) katalysiert wird. Membranen sind undurch-
lässig für geladene hydrophile Moleküle wie die nur intra-
zellulär vorkommenden Stoffwechselzwischenprodukte R = Gaskonstante (8,315 J×mol–1); T = absolute Temperatur
sowie für Makromoleküle (Proteine, Polysaccharide und in Grad Kelvin.
Nucleinsäuren). Die selektive Aufnahme von Nährstoffen Da bei Transportvorgängen im Gegensatz zu Reakti-
bzw. Cofaktoren und die Abgabe von Produkten oder ge- onen keine chemischen Umsetzungen stattfinden, ändert
fährlichen Stoffen sowie der Elektrolyt- und Wasserhaus- sich die Standardenthalpie ΔG0 nicht. Infolge dessen gilt für
halt werden durch unterschiedliche Transportsysteme den Transport ungeladener Moleküle:
reguliert. Vernachlässigt man zunächst die Frage der Ener-
gieabhängigkeit, so lassen sich konzeptionell drei Transport-
typen unterscheiden (. Abb. 6.4):
4 Uniport, bei dem lediglich ein Teilchen in eine Rich- Analog zu enzymkatalysierten Reaktionen werden die
tung transportiert wird transportierten Moleküle als Substrate/Produkte einer Re-
4 Antiport, bei dem für den Transport eines Teilchens ein aktion betrachtet. Bei negativem 'G erfolgt der Transport
anderes in der Gegenrichtung ausgetauscht wird in der betrachteten Richtung spontan und wird als er-
4 Symport, bei dem von einem Transportsystem min- leichterte Diffusion bezeichnet. Diese Transportform ka-
destens zwei verschiedene Teilchen gleichzeitig in der talysierende Transportproteine verhalten sich wie Enzyme
gleichen Richtung transportiert werden und zeigen eine Sättigungskinetik (. Abb. 6.5). Sie dient
daher als Kriterium erleichterter Diffusion. Die Geschwin-
! Für Stofftransport durch Membranen sind Kanal- oder
digkeit des Transports hängt von der Zahl der Transporter
Carrier-Proteine verantwortlich.
und der Substratkonzentration ab. Sie wird durch die
Die drei oben genannten Transporttypen werden jeweils Maximalgeschwindigkeit und einen Halbsättigungswert
durch spezifische Transportproteine in den zellulären (KM, 7 Kap. 4.4.1) charakterisiert. Dagegen ist der Transport
Membranen katalysiert. Im Prinzip unterscheidet man in der betrachteten Richtung bei positivem 'G nur dann
dabei zwei verschiedene Mechanismen: möglich, wenn der Transportprozess an eine exergone
4 Beim Transport durch Kanäle bilden die Transport- Reaktion, beispielsweise die Hydrolyse von ATP (sog. Pum-
proteine Poren, durch welche die zu transportierenden pen) oder den Transport eines anderen Teilchens entlang
Verbindungen reihenweise strömen. So sind beispiels- dessen Konzentrationsgradienten gekoppelt ist. Durch eine
weise Wasserkanäle dauerhaft geöffnet. Im Gegensatz solche Kopplung kann theoretisch mit der verfügbaren
dazu wechseln die gesteuerten Ionenkanäle zwischen Energie, beispielsweise der ATP-Hydrolyse ('G0’ATP #
zwei Konformationen, von denen eine geöffnet ist. Die –30 kJ/mol), eine über hunderttausendfache Konzentrie-
180 Kapitel 6 · Zelluläre Organellen, Strukturen und Transportvorgänge

. Tabelle 6.2. Übersicht über Membrantransportsysteme


Typ Sättigungs- Transportprotein Gekoppelter Beispiele
kinetik Transport
gap junction keine Connexine nein Kopplung von Cardiomyozyten bzw. Gliazellen
Membrankanal keine Kanalproteine nein Acetylcholinrezeptoren und andere Ionenkanäle
Erleichterte Diffusion ja Carrier nein GLUT-Transporter in allen Zellen; Aquaporine
Primär aktiver Transport ja Carrier ja Na+/K+-ATPase; ABC-Transporter
Sekundär aktiver Transport ja Carrier ja Na+-abhängige Resorption von Zuckern und
Aminosäuren

transportiert werden. Z.B. werden co- und posttranslational


ungefaltete Proteine in das raue endoplasmatische Retiku-
lum und in Mitochondrien bzw. in Peroxisomen importiert
6 (7 Kap. 9.2.2, 9.2.3). Der Export gefalteter, cytosolisch
synthetisierter Proteine, beispielsweise des Angiogeneseak-
tivators FGF-2 (fibroblast growth factor-2) mittels eines pos-
tulierten Plasmamembrantransporters wird als unkonven-
tionelle Sekretion bezeichnet.

6.1.4 Transport durch gap junctions,


Porine und Kanalproteine

! Gap junctions sind wenig selektive Verbindungen zwi-


schen Zellen, die für Moleküle bis zu einer Molekular-
masse von etwa 1,5 kDa passierbar sind.

An den Zellen der meisten tierischen Organe kann man bei


. Abb. 6.5. Kinetik erleichterter Diffusion am Beispiel des Gluco-
elektronenmikroskopischer Untersuchung feststellen, dass
setransports in isolierte Fett- oder Muskelzellen. Die Kinetik ist wie sich der Abstand zwischen zwei Zellmembranen in sehr
bei einer klassischen Enzymkinetik hyperbolisch. Die Sättigung ist ein genau definierten Arealen so weit verkleinert, dass nur
wichtiger Hinweis darauf, dass die Diffusion mit einer limitierenden noch eine winzige Lücke von 2–4 nm übrig bleibt (. Abb.
Zahl von Transportproteinen erfolgt. Der KM-Wert deutet an, welcher 6.6b). Diese Areale werden wegen der Lücke (gap) als gap
der bekannten Transporter überwiegt. Durch eine Stimulierung der
Zellen mit Insulin wird die Zahl der Transporter an der Zelloberfläche
junctions bezeichnet. Funktionell zeichnen sie sich dadurch
und somit die Maximalgeschwindigkeit erhöht, während die Halbsät- aus, dass sie den Austausch nicht nur von Wasser, sondern
tigungskonzentration unverändert bleibt wenig selektiv auch von niedermolekularen Verbindungen
bis zu einer Molekülmasse von etwa 1,5 kDa erlauben. Die
rung ungeladener Teilchen erreicht werden, wie sich leicht hierfür notwendigen Membran-Poren, die gelegentlich
aus obiger Gleichung errechnen lässt. auch als Kanäle bezeichnet werden, dürfen nicht mit den
Für den Transport geladener Moleküle muss zusätzlich hoch selektiven und regulierbaren Membrankanälen (7 u.)
deren Ladung und elektrisches Potential berücksichtigt verwechselt werden. Gap junctions bieten Zellen u.a. die
werden: Möglichkeit der elektrischen Kopplung. So können sich
Potentialveränderungen sehr schnell von Zelle zu Zelle aus-
breiten. Dementsprechend finden sich gap junctions auch
besonders häufig im Myokard (. Abb. 6.6) und im Nerven-
F = Faraday-Konstante (96 500 J×V–1×mol–1); Z = Ionen- system (elektrische Synapse, 7 Kap. 31.2.2). Eine Erhöhung
ladung; '< = Potentialdifferenz. neuronaler Aktivität regt Gliazellen an. Die Endfüße der
Da das elektrische Potential über der Zellmembran Glia sind durch gap junctions miteinander verbunden und
Werte zwischen –50 und –100 mV liegt, trägt der zweite können mittels Pericyten (glatte Muskelzellen) die in der
Term der Gleichung erheblich zum 'G Wert bei. Basallamina größerer Gefäße liegen, die Durchblutung
. Tabelle 6.2 liefert einen Überblick über unterschied- regulieren.
liche Transportsysteme für kleine Moleküle. Durch Mem- Gap junctions werden durch spezifische Proteine, so ge-
branen verschiedener Organellen können auch Proteine nannte Connexine, gebildet. Diese gehören zu einer Pro-
6.1 · Zelluläre Kompartimente, Membranen und Transport
181 6

gj

gj
b DE Z c

d e f g

h i j

Kaliumionen-Kanal Calciumionen-Kanal
k
. Abb. 6.6a–k. Architektur nicht-selektiver und selektiver Kanäle. Die Farbgebung ist willkürlich. h Projektion einer 3D-Darstellung eines
a–c Lokalisierung und Struktur von gap junctions. In dieser Immun- gedockten Connexonpaares. i Transmembranhelices eines von der
fluoreszenzdarstellung von Vinculin, das sich in Subplasmalemma- cytosolischen Seite betrachteten Halbkanals (berechnet aus kristallo-
räumen von Herzmuskelzellen befindet, werden die Glanzstreifen graphischen Daten der Transmembrandomänen eines herzspezifi-
hervorgehoben (weiße Pfeilspitzen). In deren Nähe ist das Vinculin an schen Cx43 Connexons). Der Pfeil weist auf das extrazellulär gerichtete
der Verankerung von Aktin-Filamenten beteiligt (a). Transmissionse- Ende eines äußeren Transmembransegments. j Modell der doppelten
lektronenmikroskopische Aufnahme eines Querschnitts durch eine E–barrel-Architektur des interzellulären Kanals. Jeweils zwei in der
gap junction (gj) in der Plasmamembran. Weiterhin sichtbar sind die Membran eingebettete D-Helices werden durch E-Faltblattschleifen
Z-Linien (Z) und ein Desmosom (DE), in dessen Bereich der Spalt zwi- überbrückt, die in dem Interzellulärraum abwechselnd (blau und rot)
schen den Membranen benachbarter Zellen mehrfach größer ist als mit denen des gepaarten Connexons in Zylindern angeordnet sind.
in dem der gap junction (b). Freeze-fracture elektronenmikroskopische Der im Modell sichtbare Zylinder besteht aus je 6 Schleifen der beiden
Aufnahme eines gap junction Areals (c). d–g Rasterkraftmikroskopi- Connexone, ein zweiter kleidet die nicht gezeigte Innenseite der Pore
sche Aufnahmen von Connexonen. Extracytoplasmatische Oberfläche aus. Die Schleifen der (rot und blau) dargestellten Connexone sind
hexagonal angeordneter geschlossener Connexone (in Anwesenheit miteinander verzahnt. Der Pfeil weist auf den Übergang einer außen-
von Calciumionen) (d). Topographie der extrazellulären Oberfläche liegenden Transmembranhelix zum extrazellulären E-Faltblatt. Die
eines geschlossenen (e) und eines geöffneten Connexons (f) sowie Farbtöne der Proteinketten entsprechen denen der im Paneel h ge-
der intrazellulären Oberfläche eines Connexons (g). Auf der unteren zeigten Connexone. k Molekülmodelle eines KcsA Kalium- und eines
Seite der Paneele e und f werden die Signale gezeigt, die beim Ab- sog. ClC Chlorid-Ionenkanals basierend auf kristallographischen
tasten quer über die Mitte eines Connexons gesammelt wurden. Strukturdaten. (Aufnahmen von Nicholas J. Severs (a–c), Gina E.
Bei diesen Messungen werden rasterförmig atomare Erhebungen an Sosinsky und Bruce J. Nicholson (d–j), Eric Gouaux (k).)
Oberflächen registriert und als ein dreidimensionales Bild gespeichert.
182 Kapitel 6 · Zelluläre Organellen, Strukturen und Transportvorgänge

teinfamilie mit Molekularmassen zwischen 30 und 40 kDa. Teilchen wie Na+- und K+-Ionen zu unterscheiden und
In menschlichen Zellen werden Connexine von 20 Genen gleichzeitig enorm schnell zu arbeiten. In ihrer Spezifizität
codiert, die einzeln oder in unterschiedlichen Kombina- stehen sie den Pumpenproteinen in nichts nach, doch kön-
tionen exprimiert werden und die Bildung einer Vielzahl nen bis zu 106-mal schneller arbeiten. An der Eintrittseite
von unterschiedlich zusammengesetzten Poren ermögli- des Kanals befindet sich ein Vestibül, dessen Oberflächen-
chen. Elektronenmikroskopische Untersuchungen ergaben, potential einen Vorfiltereffekt ausüben und andersartig
dass die Poren in dicht gepackten hexagonalen Anord- geladene Teilchen abstoßen kann. An der engsten Stelle
nungen vorkommen (. Abb. 6.6c,d). Grundstruktur sind des Kanals befindet sich eine Serie präziser Bindungs- oder
die Connexone (. Abb. 6.6e–j). Diese werden durch Asso- Abtaststellen, durch die mehrere Teilchen der gleichen Art
ziation von jeweils sechs Connexinmolekülen gebildet. Je- nacheinander synchron migrieren können. Präzise kris-
des Connexin besteht aus vier D-helicalen Transmembran- tallographische Strukturdaten des bakteriellen KcsA K+-
segmenten. An der Zelloberfläche befinden sich zwei E- Ionenkanals (. Abb. 6.6k) zeigen, dass in seinem Selektivi-
Faltblattschleifen, die das äußere und das innere Helixpaar tätsfilter-Teil vier dehydratisierte K+-Ionen (Radius 1,33 Å)
überbrücken. In Anwesenheit von Calcium-Ionen liegen gleichzeitig gebunden werden. Die vier Ionen sind von je-
die in zwei Zirkeln angeordneten Schleifen einander an, weils acht Sauerstoffatomen umgeben. Beim Eintreten eines
6 sodass die Connexone zunächst verschlossen bleiben. Die neuen K+-Ions wandern die gebundenen Ionen um eine
Kanäle entstehen durch gegenseitiges Andocken von Con- Stelle und das vorderste verlässt den Kanal. Die Bindung ist
nexonen benachbarter Zellen. Dabei bilden die extrazellu- reversibel, da die Dehydratisierungs- der Bindungsenergie
lären Schleifen ein intercaliertes Geflecht, das einen Kanal in etwa gleicht. Diese Anordnung ist für die ein wenig
dicht umschließt. An der Cytosolseite und an der engsten kleineren Na+-Ionen (Radius 0,95 Å) ungünstig. In ähnlich
Stelle ist der Kanal ca. 40 respektive 10 bis 15 Å breit. spezifischen Na+-Ionenkanälen werden die entsprechend
kleineren Bindungskammern des Selektivitätsfilters von
Porine. Die typische Struktur dieser Proteine wurde bereits jeweils 5–6 Sauerstoffatomen gestaltet. Der zweite in . Ab-
erläutert (. Abb. 6.3). Einige Mitglieder der Porinfamilie bildung 6.6j gezeigte Sanduhr-ähnliche Transporter ist ein
eignen sich zum Transport von großen, andere wie das Vertreter der Chlorid-Ionen-spezifischen ClC-Familie.
VDAC (voltage dependent anion-selective channel) der mito- Auch im Selektivitätsfilter dieser Chlorid-Ionenkanäle
chondrialen Außenmembran zu dem von kleinen Teilchen. sowie ähnlich aufgebauter Cl–/H+-Antiporter werden Ionen
Die Passage wird von den Schleifen kontrolliert, die die in dehydratisierter Form gebunden. An der Bindung sind
membranständigen E-Faltblattsegmente miteinander ver- Serin- und Tyrosin-Hydroxylgruppen sowie Wasserstoff-
binden und den Kanal von der Außenseite her abdecken atome der Hauptketten-Amidgruppen beteiligt.
können. Porine sind u.a. am mitochondrialen Proteinim- Eine weitere Gruppe hochspezifischer Kanalproteine
port beteiligt. (7 Kap. 9.2.3). stellen (in Säugetierzellen zehn) Aquaporine dar, die für
den Transport von Wasser und in speziellen Fällen auch von
! Im Gegensatz zu Porinen und den gap junctions ermög-
CO2, Glycerin bzw. Harnstoff zuständig sind. Der Selektivi-
lichen die »klassischen« Membrankanäle einen außer-
tätsfilter der Aquaporine arbeitet nach mehreren Kriterien.
ordentlich spezifischen Transport wichtiger Moleküle,
An der engsten Stelle, 2,8 Å, können keine kleineren Ionen
speziell von Anionen, Kationen und Wasser.
passieren, weil hier elektrostatische Barrieren eingebaut
Kanalproteine. Diese Transporter verfügen über mehrere sind. Eine Abfolge von Dipolen entlang des Kanals erzwingt
D-helicale Transmembransegmente (7 Kap. 3.3.2), die eine auf kleinstem Raum präzise Umschwenkungen, die nur
zentrale wenige Å breite Pore bilden, die die Diffusion der die ausgewählten Moleküle leisten können. Der Filter lässt
genannten Moleküle entlang eines Konzentrationsgradien- keine protonierten Wassermoleküle (die engste Stelle wird
ten ermöglicht. Im Gegensatz zu gap junctions sind Mem- von einer protonierten Argininseitenkette »bewacht«) und
brankanäle substratspezifisch und durch eine Reihe unter- auch keine hydratisierten Ione (das hydratisierte Na+-Ion
schiedlicher Mechanismen regulierbar. So gibt es einerseits hat einen Durchmesser von 7,16 Å) durch. Die Aquaporine
spannungsabhängige und andererseits ligandengesteuerte arbeiten nicht nur spezifisch, sondern auch schnell. Durch
Kanäle. Ein besonders gut untersuchter durch einen Neuro- den Kanal bewegen sich gleichzeitig etwa sieben Wasser-
transmitter gesteuerter Membrankanal ist der nikotinische moleküle. Sie können den Kanal in Abständen von <1 ns
Acetylcholinrezeptor, dessen Aufbau, Funktion und verlassen. Zur Struktur und Dynamik des molekularen
Regulation im 7 Kap. 31.3.3 beschrieben werden. Wassertransports empfiehlt sich das Video unter der URL:
Kanalproteine enthalten in der Regel mehrere D-helicale www.lehrbuch-medizin.de.
Transmembransegmente, die sich zu einer Sanduhr-ähn- In distalen Nephronabschnitten kommt Aquaporin-2
lichen Transmembrandomäne zusammenschließen (. Abb. vor, das fakultativ in intrazellulären Vesikeln bzw. in der
6.6k). Erwartungsgemäß entscheidet die engste Stelle des Plasmamembran vorliegen kann. Die cytosolische Domäne
Kanals über die Spezifität. Erstaunlicherweise sind die Ka- des Aquaporin-2 enthält ein Sequenzmotiv, das im Laufe
näle in der Lage, sowohl sehr präzise zwischen ähnlichen einer Adiuretin-abhängigen Signaltransduktion phospho-
6.1 · Zelluläre Kompartimente, Membranen und Transport
183 6

ryliert wird. Nach der Phosphorylierung werden die Aqua- ATPasen, die chemomechanische Reaktionen ermöglichen,
porin-2-Vesikel in die Plasmamembran eingebaut, wodurch z.B. die Myosin-ATPase (7 Kap. 30.3.1) sowie die so genann-
die Antidiurese gefördert wird (vgl. 7 Kap. 6.1.6). ten AAA-ATPasen (mit zellulären Aktivitäten assoziierte
ATPasen), z.B. die ATPase des 26 S-Proteasoms (7 Kap.
9.3.4). Nach ihrem Mechanismus können die für den pri-
6.1.5 Carrier-vermittelter Transport mär aktiven Ionentransport verantwortlichen ATPasen in
vier Gruppen eingeteilt werden (. Tabelle 6.3).
Carrier- oder Transportproteine kommen in großer Zahl 4 F-ATPasen kommen in den inneren Membranen der
auf allen Zellen vor. Sie transportieren die unterschied- Mitochondrien, den Thylakoidmembranen der Chloro-
lichsten geladenen oder nicht geladenen Verbindungen. plasten und den Cytoplasmamembranen vieler Bak-
Nach dem Transportmechanismus unterscheidet man: terien vor. Einige dieser ATPasen können in vitro auf
4 Erleichterte Diffusion Kosten von ATP Protonen transportieren. Ihre eigent-
4 primär aktiven Transport liche Aufgabe ist jedoch die ATP-Synthese. In Mito-
4 sekundär aktiven Transport chondrien wird die »Umkehr« der ATPase-Reaktion
durch eine Kopplung mit dem durch die Atmungskette
! Carrier-Proteine ermöglichen einen sättigbaren mole-
katalysierten elektrogenen Protonentransport durch
kularen Transport mittels spezifischer Bindungsstellen
die Membranen ermöglicht. Diese als ATP-Synthasen
und Kanälchen.
bezeichneten Proteinkomplexe verfügen über einen in
Erleichterte Diffusion. Ein Synonym für erleichterte Diffu- der Membran eingebetteten rotierenden Teil, dessen
sion ist passive, Carrier-vermittelte Diffusion. Beispiele Drehung mit dem Transport von Protonen durch den
derartiger Carrier-Proteine sind die Glucosetransporter der statischen Teil des Komplexes sowie der Synthese von
GLUT-Familie (7 Kap. 11.4.1). Diese kommen in unter- ATP aus ADP und Phosphat gekoppelt ist (7 Kap. 15.1.3).
schiedlichen Isoformen in praktisch allen Organen vor. Die Rotoren dieser »Nanoturbinen« rotieren rechts-
Ihre jeweiligen kinetischen Eigenschaften entsprechen den drehend mit einer von der Verfügbarkeit der Substrate
Bedürfnissen der Organe, in denen sie gebildet werden. Der (ADP und Pi) abhängigen Geschwindigkeit von bis zu
GLUT4-Transporter (7 Kap. 11.4.1), der durch Insulin re- mehreren Tausend Upm. Von einer Gruppe bakterieller
guliert wird, besitzt in seiner cytosolischen Domäne Se- F-ATPasen werden Na+-Ionen transportiert, jedoch
quenzmotive, die seine Lokalisation der physiologischen unter Verbrauch von ATP
Situation entsprechend entweder in der Plasmamembran 4 V-ATPasen (vakuoläre ATPasen) erinnern strukturell
oder in intrazellulären Vesikeln ermöglichen. ebenfalls an Nanoturbinen. Anders als die F-ATPasen
sind diese jedoch nicht zur ATP-Synthese befähigt, son-
! Die am aktiven Transport beteiligten Carrier-Proteine
dern benutzen ihren rotierenden Membranteil zusam-
können als Transport-ATPasen bezeichnet werden.
men mit einem zweiteiligen stationären Protonenkanal
Primär aktiver Transport. Unter aktivem Transport versteht für einen ATP-abhängigen Protonentransport aus dem
man immer den Transport gegen ein Konzentrationsgefälle. Cytosol in das Lumen von Lysosomen, Endosomen und
Nach den oben abgeleiteten Gesetzmäßigkeiten muss für ähnlichen Organellen. Sie bewirken eine luminale An-
diesen Transport Energie aufgebracht werden. Ist die Spal- säuerung, die für die Aktivierung der meist hydro-
tung von ATP direkt mit dem Transportprozess gekoppelt, lytisch wirkenden Enzyme dieser Organellen benötigt
so spricht man von primär aktivem Transport. Er ist v.a. wird. Osteoklasten enthalten eine V-ATPase in subplas-
für den Ionentransport verantwortlich. malemmalen Vesikeln, die bei der Aktivierung dieser
Generell sind ATPasen Enzyme, die aus der Spaltung Zellen durch Exozytose der Vesikel in die apikale
von ATP freiwerdende Energie für energieabhängige Vor- Membran eingebaut wird. Defekte der in Osteoklasten
gänge nutzen. Neben den Transport-ATPasen kennt man exprimierten V-ATPase verursachen eine Form der

. Tabelle 6.3. Übersicht über transportierende ATPasen


ATPase Typ Typ des Transportes Beispiel Funktion
F- H+-Uniport F1/Fo-ATPase ATP-Synthase der inneren Mitochondrienmembran
+ +
Na -Uniport Na -ATPase Transport von Na+ in den Extrazellulärraum (Bakterien)
P- Na+/K+-Antiport Na+/K+-ATPase Erzeugung des Membranpotentials
2+
Ca -Uniport Ca2+ -ATPase Senkung des cytosolischen Ca2+ Spiegels
H+/K+-Antiport H+/K+-ATPase Säuresekretion der Belegzellen des Magens
+
V- H -Uniport H+-ATPase Ansäuern des Inhalts von Lysosomen und Endosomen
ABC- Uniport oder Floppase MDR bzw. ABCA1 Xenobiotika-Stoffwechsel bzw. Lipidtransport
184 Kapitel 6 · Zelluläre Organellen, Strukturen und Transportvorgänge

6
. Abb. 6.7. Struktur und Aktivierungszyklus der Ca2+-ATPase des änderungen der cytosolischen Domänen (Pfeile) ein aktives Zentrum
sarkoplasmatischen Retikulums. Dieses Enzym ist der strukturell bilden, in dem ein Aspartatrest (D351) phosphoryliert wird. Die rela-
bestuntersuchte Vertreter der P-ATPasen. Es besteht aus einer ein- tive Verschiebung bzw. Verdrehung der Domänen P bzw. A führt bei
zigen Proteinkette, die hier in Regenbogenfarben vom N-Terminus der Reaktion zu Veränderungen in der Stellung der mit ihnen verbun-
(N, blaue Kette) bis zum C-Terminus (C, rote Kette) dargestellt ist. In denen Transmembranhelices (gelb bzw. blau) und zum Verschließen
Anwesenheit von verschiedenen Liganden z.B. ADP und AlF4 (einem der Halbpore auf der cytosolischen Seite. Bei der Freisetzung von
Analogen stabiler Phosphatreste) wurde die Struktur in mehreren ADP verstellt sich die A-Domäne und die Pore abermals (E1P→E2P
Transportstadien (7 das eingerahmte Schema) bestimmt. Auf der cyto- Übergang), wobei ihre luminale Seite geöffnet wird. Die nur noch
solischen Seite besitzt das Protein drei Domänen (N, P und A), die mit- schwach gebundenen Ca2+-Ionen werden selbst bei der hohen lumi-
einander substratabhängig kooperieren und gleichzeitig die Lage nalen Calciumkonzentration freigesetzt. Schließlich hydrolysiert das
der Transmembranhelices, die teils (gelb-rot) an die phosphorylierbare gemischte Säureanhydrid am D351 und die luminale Seite der Pore
P-Domäne und teils an die drehbare A-Domäne (blau) angeschlossen wird geschlossen. Nach Freisetzung des Phosphats wird die cyto-
sind, verändern. Nach der Bindung von zwei Ca2+-Ionen (umschlossen solische Seite der Halbpore geöffnet und so die Ausgangssituation
von Kreisen in magenta) an die deprotonierte Form (E1), etwa in der wieder hergestellt. (Aufnahme: Chikashi Toyoshima, 7 Video:
Mitte einer zweiteiligen zwischen den Transmembranhelices liegen- http://www.lehrbuch-medizin.de)
den Pore, kann das Protein durch Mg2+˜ATP-abhängige sterische Ver-

Osteopetrose (Marmorknochenkrankheit). Eine wei- Bakterienzelle. Als gemeinsames Strukturelement ver-


tere V-ATPase bewirkt die Ansäuerung der Vakuolen in fügen diese ATPasen über eine ATP-bindende Kassette
Zellen der Zitrone, deren pH-Wert bei ca. 2 liegt. Dies (ATP-binding-cassette, daher die Bezeichnung ABC).
entspricht einer 105-fachen (!) Erhöhung der Protonen- Das humane Genom enthält eine Familie von wenig-
konzentration im Lumen dieser Vakuolen im Vergleich stens 50 ABC-Transporter-Genen. Besondere medizi-
zum neutralen pH nische Bedeutung haben ABC-Transporter erlangt, die
4 P-ATPasen, zu denen beispielsweise die Na+/K+- Fremdstoffe und Medikamente oder zelleigene lipid-
ATPase der Basalmembranen, die H+/K+-ATPase der artige Moleküle (7 Kap. 32.2.2) transportieren. Ein häu-
Belegzellen des Magens und die Ca2+-ATPase des sar- fig von Tumorzellen gebildeter Vertreter der ABC-Trans-
koplasmatischen Retikulums (SERCA) in Muskelzellen porter-Familie, ist als MDR-Protein (multi drug resis-
gehören, werden während des Katalysezyklus durch tance) bzw. P-Glycoprotein bekannt (7 Kap. 35.11). Es
ATP phosphoryliert. Diese Phosphorylierung erfolgt kann Cytostatika unterschiedlicher chemischer Natur
an einer Aspartat-Seitenkette des Enzyms unter Bil- aus der Zelle hinaus transportieren. Ein besonderes
dung einer energiereichen Carbonsäure-Phosphor- medizinisches Problem stellt die zunehmende Resistenz
säure-Anhydridbindung. Die dabei übertragene Ener- des Malariaerregers Plasmodium falciparum gegenüber
gie ermöglicht die für den aktiven Transport benötigte einer Vielzahl von Chemotherapeutika dar. Die Resis-
Konformationsänderung des Proteins. Der Mechanis- tenz dieser Organismen wird dadurch erzeugt, dass
mus der SERCA-ATPase ist ein exzellentes Beispiel der sich unter dem Selektionsdruck diejenigen Organismen
Arbeitsweise einer molekularen Maschine (. Abb. 6.7) bevorzugt vermehren, die infolge eines entsprechend
4 ABC-Transporter. Ursprünglich wurden diese Trans- optimierten MDR-Proteins unempfindlich gegenüber
port-ATPasen in Bakterien entdeckt. Die Energie der den Arzneimitteln geworden sind. Ein weiteres Beispiel
ATP-Hydrolyse dient dem aktiven Transport von sind die sog. TAP-Transporter, die den Transport von
Zucker, Aminosäuren oder kleinen Peptiden in die Peptidfragmenten aus dem Cytosol zu HLA-I Kom-
6.1 · Zelluläre Kompartimente, Membranen und Transport
185 6

(nicht aber die ATP-Synthasen) beteiligt. Fast alle Zellen


enthalten die zur Familie der P-ATPasen gehörenden Na+/
K+-ATPasen, die die Hydrolyse von ATP mit dem gegen-
läufigen Transport von 3 Na+- und 2 K+-Ionen nach außen
bzw. innen koppeln und somit der Ausbildung eines Mem-
branpotentials dienen. Dieser Gradient liefert die Energie
für viele sekundär aktiven Transportvorgänge.
Zu diesen gehört u.a. der für den konzentrierenden
Symport von Glucose und Na+-Ionen in die Enterozyten
des Dünndarms oder die renalen Tubulusepithelien be-
nötigte Na+-Ionen-abhängige Glucosetransporter SGLT
(sodium dependent glucose transporter 7 Kap. 28.1.5; 32.2
sowie . Abb. 6.8). Die Transmembrandomäne dieser
Transporter enthält 14 helicale Segmente. Die Segmente
10–13 können in mehreren Konformationen vorliegen
(. Abb. 6.8b). Im geschlossenen Zustand kann die Domäne
auf der luminalen Seite zwei Na+-Ionen binden. Dies ist
mit einer Strukturveränderung verbunden, die durch eine
Exposition reaktiver Cysteinreste belegt wird. Es wird eine
starke Bindung von Glucose ermöglicht. Danach können
die Segmente ihre Lage erneut wechseln. Eine zum Cytosol
hin geöffnete Konformation wird durch die Möglichkeit
die Na+-Ionen abzugeben begünstigt. Die Abgabe senkt die
Affinität zur Glucose. Der Transporter erlangt nach der
Freisetzung des Zuckers die ursprüngliche Konformation
. Abb. 6.8a,b. Glucosetransport durch intestinale Epithelzellen. und kann in den nächsten Transportzyklus übergehen. Die
a Kopplung des transepithelialen Transports von Glucose und Na+- Kopplung mit dem Na+-Ionen-Import ermöglicht eine
Ionen. Der auf der luminalen Seite vorkommende Glucosetransporter nahezu vollständige Resorption von Glucose und Galactose,
SGLT-1 arbeitet als ein Symporter. Das Konzentrationsgefälle zwischen sowie der Na+-Ionen aus dem Lumen. Passiv werden diese
den luminalen und intrazellulären Konzentrationen der Na+-Ionen
liefert die freie Energie für die relative Konzentrierung der Zucker im
Zucker auf der basolateralen Seite mittels der GLUT2 Trans-
Cytoplasma. Dieses Gefälle wird durch die Na+/K+-ATPase an der porter abgegeben. Die Adenosinnucleotidtranslokase ist
basalen Seite der Zelle aufrechterhalten. An dieser Seite wird Glucose ein Sonderfall unter den sekundär aktiven Transportsyste-
und Galactose durch Transporter der GLUT-Familie aus der Zelle trans- men. Sie katalysiert einen Antiport von ATP und ADP, der
portiert. b Modell des SGLT-1 Transporters. Seine Transmembran- zusätzlich zur Energie des Konzentrationsunterschieds von
segmente Nr. 10–13 bilden zunächst eine nach außen und – nach
der Bindung aller drei Liganden – nach innen gerichtete halbe Pore.
ADP die des über die innere mitochondriale Membran be-
Einzelheiten werden im Text erklärt. Eine Konformationsänderung stehenden Potentialunterschieds nutzt.
nach der Bindung der Na+-Ionen wird dadurch manifest, dass drei
Cysteinseitenketten (symbolisiert durch gelbe Sterne) für covalente
Modifizierungen zugänglich werden 6.1.6 Pathobiochemie

Penetration und Permeabilisation zellulärer Membranen.


plexen im ER ermöglichen (7 Kap. 9.3.5, 34.2.2). Zur Verschiedene Bakterien sind mit Membranfortsätzen aus-
Familie der ABC-Transporter gehören weiterhin der gestattet, mit denen sie Zellmembranen penetrieren und
CFTR (cystic fibrosis transmembrane regulator)-Chlo- Toxine injizieren können. Das Haupttoxin von Streptococ-
rid-Ionenkanal (7 Kap. 9.2.5; 32.2.4) und verschiedene cus pneumoniae, Pneumolysin, perforiert cholesterinhal-
Cholesterin/Phospholipid-Transporter (7 Kap. 32.1). tige Membranen. Dieses sezernierte Protein bildet auf der
Diese werden für die Bildung der Galle sowie den Oberfläche von Wirtszellen ringförmige Oligomere mit
Export von Cholesterin aus Mukosazellen und aus Ma- einem Durchmesser von fast 30 nm aus. In Anwesenheit
krophagen benötigt von Cholesterin (typisch für die Plasmamembran tierischer
Zellen) kommt es zu einer kooperativen Umstrukturierung,
Sekundär aktiver Transport. Mit dem Begriff der primären bei der die Untereinheiten der Innenseite des Rings in die
chemischen Gradienten werden diejenigen Potential- Membran eindringen, den Ring erweitern und ein Mem-
unterschiede bezeichnet, die direkt auf Kosten von ATP branareal von nun 40 nm ausstanzen. Eine membran-per-
über Membranen aufgebaut werden. An diesem Aufbau forierende Aktivität besitzt auch das Amöbaporin, das
sind die V-, P- und ABC-ATPasen sowie einige F-ATPasen vom Darmparasiten Entamoeba histolytica gebildet wird.
186 Kapitel 6 · Zelluläre Organellen, Strukturen und Transportvorgänge

Leukozyten synthetisieren Defensine, meist basische am- Glucose/Galactose-Malabsorption. Defekte des Zucker-
phiphile Peptide, die bakterielle Membranen angreifen und transports sind bekannt als Glucose/Galactose-Malabsorp-
somit bakterizid wirken. Membranpenetrierende Peptide, tion. Dies ist eine lebensgefährliche vererbte Stoffwechsel-
darunter die TAT (twin arginine translocation)-Sequenz störung, die in den ersten beiden Lebenstagen durch eine
eines HIV Proteins können größere Moleküle in oder massive Diarrhöe manifest wird. Nicht resorbierte Glucose
aus Zellen ein- bzw. ausschleusen. Das basische TAT-Peptid und Galactose verursachen einen transepithelialen Wasser-
ist einerseits an der HIV-Infektion beteiligt, andererseits und Salzverlust sowie eine Wucherung der intestinalen
besitzt es ein hohes therapeutisches Potential, da es zur Mikroflora. Auf diese beiden Zucker und natürlich auch auf
Transduktion von Proteinen und anderen Wirkstoffen in Lactose muss infolgedessen in der Ernährung konsequent
Zielzellen eingesetzt werden kann. verzichtet werden.

Connexin- und gap junction-Defekte. Nach Herzinfarkten Defekte des zerebralen Glucose-Carriers. Defekte des an
kommt es i.d.R. zu Konduktivitätsstörungen und Arrhyt- der ZNS-Versorgung beteiligten Glucosetransporters
mie, die mit einer Reduktion von gap junctions in ischä- GLUT1 verursachen Hypoglycorrhachie (verminderten
mischem Gewebe zusammenhängen. Im Hörapparat wer- Glucosespiegel in der cerebrospinalen Flüssigkeit) mit einer
6 den mindestens vier verschiedene Connexine exprimiert. frühzeitig manifesten epileptischen Enzephalopathie.
Sie sind an einer Rezirkulation von Kalium-Ionen zwischen Diese lässt sich mit einer ketogenen Diät vermeiden!
Haar- und Epithelzellen sowie der Endolymphe beteiligt.
Mutationen dieser Gene verursachen etwa die Hälfte der Defekte von ABC-Transportern. Defekte des ABCA1 Trans-
conatalen Taubheit. Eine in Südeuropa auftretende Mutati- porters gehen mit einem HDL Mangel sowie massiver
on (GBJ2) des Connexin-26-Gens mit einer Trägerinzidenz Schaumzellbildung einher und verursachen die für die
von ca. 2% verursacht eine häufige Form der sensorineuro- Tangier Erkrankung typische Arteriosklerose. Defekte
nalen Taubheit. Mutationen von Connexin-32 verursachen der ABCG5- und ABCG8-Transporter vermindern die
eine Form hereditärer Demyelisierungsneuropathie, der Ausscheidung pflanzlicher Sterine aus den Mukosa-Zellen
Charcot-Marie-Tooth Erkrankung CMT1X. in das Darmlumen. Dadurch steigt der Spiegel der kör-
perfremden Steroide und es kommt zur Sitosterolämie.
Defekte von Wasserkanälen. Patienten mit rezessiv ver- Bei den Betroffenen steigt auch der Serumcholesterinspie-
erbter Form des nephrogenen Diabetes insipidus tragen gel an, es werden subcutane Ablagerungen (Xanthome)
Mutationen, die die Porenstruktur von Aquaporin-2 und gebildet und die steroidabhängigen physiologischen Vor-
diejenigen mit dominant und X-chromosomal vererbten gänge können erheblich gestört werden. Die als Choles-
Formen solche, die die cytosolischen Domänen dieser terinsenker verwendeten Ezetimibe senken auch die Re-
Wasserkanäle bzw. den Adiuretinrezeptor und damit die sorption und dadurch die Plasmakonzentration pflanz-
Verlagerung der Wasserkanäle in die Plasmamembran der licher Sterine.
Epithelzellen im distalen Nephron beeinträchtigen.

In Kürze
Zellen bestehen aus verschiedenen subzellulären Kom- den von der Atmungskette erzeugten elektrochemischen
partimenten, die nach außen und untereinander über Protonengradienten zur Synthese von ATP, die meisten
Membranen kommunizieren. Diese haben eine kompar- ATPasen und Transporter jedoch verwenden für ihre Trans-
timentspezifische Lipid- und Proteinzusammensetzung, portzwecke die Energie der ATP-Spaltung bzw. der ATP-
die einen kontrollierten Stoff- und Signalaustausch er- abhängigen Gradienten. Die zahlreichen Transportenzyme
möglicht. Zahlreiche Transportproteine erleichtern den werden zur Energiekonservierung, Bildung des Membran-
Konzentrationsausgleich, andere katalysieren eine ener- potentials und Aufnahme oder Abgabe von Nährstoffen
gieabhängige vektorielle Anreicherung in einem der bzw. Abfall- und Gefahrstoffen benötigt.
Kompartimente. Eine Enzymklasse (F-ATPasen) nutzt
6.2 · Organellen und Partikel
187 6
6.2 Organellen und Partikel liegt das kondensierte Chromatin der Kernhülle dicht an
(. Abb. 6.1d).
6.2.1 Zellkern Der Kern ist von einem Labyrinth durchzogen, das
seine Innenbereiche mit den Kernporen verbindet. Vom
! Der Zellkern oder Nucleus ist die auffälligste Struktur Heterochromatin ragen Schleifen transkriptional aktiver
innerhalb einer Zelle und bildet deren Informations- DNA in das Labyrinth. Diese ist mit verschiedenen Histon-
und Organisationszentrale. Seine wichtigsten Bestand- und Nichthistonproteinen verbunden. Die Schleifen ent-
teile sind die Kernhülle mit zahlreichen Poren, eine sprechen dem Euchromatin. Hier werden die Präkursor-
darunter liegende Lamina und das aus DNA und Pro- formen der tRNAs und mRNAs transkribiert und an-
tein bestehende Chromatin mit unterschiedlich dichten schließend modifiziert. Mit Hilfe von kleinen nucleären
Arealen. Ribonucleoproteinen (snRNPs, Spleißosomen) werden
aus den mRNA-Vorläufern (der heterogenen nucleären
Chromatin. Im Zellkern befindet sich die Erbsubstanz, RNA – hnRNA) die Introns (7 Kap. 8.3.3) entfernt. Die be-
Kern-DNA, die beim Menschen aus 22 Paaren autosomaler teiligten Ribonucleoproteine können durch Transmissions-
Chromosomen und zwei Geschlechtschromosomen bzw. elektronenmikroskopie in EDTA-gefärbten Ultradünn-
Heterosomen XY oder XX, besteht. In der intermitotischen schnitten als Perichromatingranula sichtbar gemacht wer-
Phase liegt die DNA als Chromatin vor, dessen Organisa- den (. Abb. 6.1d). Ein Kontrollmechanismus sorgt dafür,
tion von der transkriptionalen Aktivität (Transkription, dass nur vollständig gereifte intronfreie mRNAs aus dem
7 Kap. 8) der DNA abhängig ist. Die genarmen sowie die Zellkern exportiert werden. Es wird vermutet, dass die Bil-
transkriptional inaktiven Chromosomenbereiche, die vor dung und Aufrechterhaltung des nucleären Kompartiments
allem die repetitive pericentromere sowie einige telomere in eukaryoten Zellen räumlich die Transkription von der
(endständige) DNA enthalten bilden das dicht gepackte Proteinsynthese trennt, um die Reifung von RNA vor der
verdrillte Heterochromatin, die transkriptional aktiven das Initiation der Translation (7 Kap. 9.1) zu ermöglichen. In
lockere Euchromatin. Mittels konfokaler Mikroskopie dem in . Abb. 6.1c gezeigten EDTA-gefärbten Ultradünn-
können durch ein scanning-Verfahren Areale einzelner schnitt eines Kerns können außerhalb der in diesem Fall
Chromosomen mit chromosomenspezifischer Fluoreszen- hell erscheinenden Heterochromatinarealen zahlreiche
markierung lokalisiert werden. Es zeigt sich, dass sie inner- kleine Partikel erkannt werden. Es handelt sich um Ribo-
halb des Kerns charakteristische Territorien ausfüllen. Die nucleoproteine, die an der Biosynthese der tRNAs und
genreichen bzw. die genarmen Chromosomen finden sich mRNAs beteiligt sind und neben dem Euchromatin einen
bevorzugt in zentralen respektive peripheren Bereichen des beträchtlichen Teil des zwischen den Heterochromatin-
Kerns (. Abb. 6.9a). Beide Chromatinbereiche enthalten arealen liegenden Labyrinthraumes einnehmen. Die Aus-
Histonproteine (7 Kap. 5.3.3), die jedoch z.T. unterschied- breitung des Heterochromatins über die aktive DNA wird
lich modifiziert sind (. Abb. 6.9b). Bei der klassischen Fär- von speziellen als Isolatoren und Barrieren bezeichneten
bung nach Feulgen erscheint das Heterochromatin dunkel, DNA Elementen blockiert. Das sog. fakultative Hetero-
bei EDTA-Färbung (. Abb. 6.1d) hell. Aktuell wird der chromatin beinhaltet stillgelegte Gene. Während der Alte-
dichte Teil auch als kondensiertes Chromatin bezeichnet. rung des Organismus nimmt der Anteil des Heterochroma-
Dieses schließt im Kerninneren einen oder mehrere Nucle- tins an der gesamten DNA zu. Durch epigenetische Verän-
oli (. Abb. 6.1c und 6.9c) ein. Mit Ausnahme der Kernporen derungen kann es zu Euchromatin aktiviert werden. Die

a b c

. Abb. 6.9a–c. Charakterisierung von Territorien im Zellkern humanen Fibroblasten wurden die Chromatin-reichen Areale mit
mittels konfokaler Fluoreszenzmikroskopie. a Im Zellkern einer DNA-Sonden markiert (rot). c Territorialisierung des Chromatins. Diese
HeLa Zelle wurden das Chromatin (grün) und die spleißosomalen konfokale Aufnahme zeigt einen »Schnitt« durch den länglichen Kern
(7 Kap. 8) Ribonucleoproteinkomplexe (rot) dargestellt. Die Spleiß- eines humanen Fibroblasten, in dem die Chromosom 1 p- und q-Arme
osomen befinden sich in Perichromatinarealen, die im Bild »ange- mittels FISH (fluroreszente in situ Hybridisierung) – Technik sichtbar
schnittenen« Nucleoli erscheinen chromatinfrei (schwarz). b Vertei- (rot bzw. grün) gemacht wurden. (Aufnahmen: Marion und Thomas
lung des am Lysin-3 dreifach methylierten Histon 3 (tri-H3K4, grün) Cremer (a,c), Roman Zinner (b).)
in Perichromatinarealen. In diesem »Schnitt« des Zellkerns eines
188 Kapitel 6 · Zelluläre Organellen, Strukturen und Transportvorgänge

. Abb. 6.10. Beziehungen zwischen Zellkernmatrix und Cytosol. cRNP = cytosolische Ribonucleoproteine; dNTP = Desoxyribonucleo-
Im Kern werden verschiedene Transkripte produziert und modifiziert sidtriphosphat; mRNA = messenger-RNA; NMN = Nikotinatmononu-
und aus RNAs und Proteinen verschiedene Ribonucleoproteine ge- cleotid; NTP = Ribonucleosidtriphosphat; RP = ribosomale Proteine
bildet. Fertige snRNPs und reife mRNAs werden durch in der Kern- und Proteinpräkursoren der Ribonucleoproteine; rRNA = ribosomale
hülle befindliche Poren in das Cytosol und nach einem Einbau wei- RNA; snoRNP = kleine nucleäre Ribonucleoproteine; snRNA = kleine
terer Proteine u.U. wieder zurück transloziert (gestrichelt). Ribosomale nucleäre RNA, UE = Untereinheit
sowie DNA-bindenden Proteine werden in den Kern transloziert.

Synthese der RNAs und der Ribonucleoproteine ist mit sory bodies beschriebenen intranucleären Teilchen. In ih-
zahlreichen Reifungs- und nucleo-cytoplasmatischen Trans- nen werden Ribonucleoproteine gebildet, die an der Trans-
portvorgängen verbunden, die schematisch in . Abb. 6.10 kription (sog. Transkriptosome) sowie an der Reifung der
dargestellt sind. RNAs beteiligt sind. Ein Marker der Cajal bodies ist das
funktionell noch nicht aufgeklärte Protein Coilin.
Nucleolus. Im Nucleoplasma sind außer Chromatin wei-
tere Strukturen zu erkennen, von denen der Nucleolus Kernhülle. Der Zellkern ist von einer Doppelmembran
(. Abb. 6.1c und 6.9c) am auffälligsten ist. Im Nucleolus be- umhüllt, die sich in inneres und äußeres Blatt teilt. Ubiqui-
finden sich die Telomere der Chromosomen, in denen die tär und in geringem Abstand finden sich in dieser Hülle
Gene ribosomaler RNAs lokalisiert sind. Ein Kern kann sog. Kernporen (. Abb. 6.1d,e). An mehreren Stellen steht
mehrere Nucleoli enthalten. Das fibrilläre Zentrum des die Zellkernmembran mit ihrem äußeren Blatt in direkter
Nucleolus ist transkriptional aktiv. In ihm werden Präkur- Verbindung mit dem rauen ER. An der Nahtstelle zwischen
soren der rRNA (ribosomaler RNA) durch die RNA-Poly- Heterochromatin und der Kernhülle befinden sich cha-
merase I synthetisiert. An der Reifung der rRNA-Präkursor rakteristische Proteine, die als Lamine bezeichnet werden.
sind snoRNPs, small nucleolar ribonucleoproteins, beteiligt. Zur Anbindung an das innere Blatt der Kernhülle werden
Die ribosomalen Untereinheiten werden im nucleolären die Lamine vorübergehend mit Prenylresten modifiziert
Kortex assembliert. Im Nucleolus erfolgt auch die NAD- (7 Kap. 9.2.4).
Synthese. Hierzu muss Nicotinatmononucleotid (NMN) Während der Mitose kommt es zur Auflösung der
aus dem Cytosol in den Nucleolus diffundieren. Kernhülle, zu einer Kondensation des Chromatins und,
zur Bildung der aus zwei Chromatiden bestehenden
! Nucleoli sind die Produktionsstätten der ribosomalen
mitotischen Chromosomen sowie des Spindelapparats
Untereinheiten.
(7 Kap. 6.3.1, . Abb. 6.23d).
Cajal bodies. Kleiner als Nucleoli sind die 1903 von dem
spanischen Neurobiologen Ramon y Cajal als nuclear acces-
6.2 · Organellen und Partikel
189 6

. Abb. 6.11. Struktur von Kernporen-Komplexen und nucleo- dige Direktionalität wird durch eine Interaktion mit Ran·GTP, das nur
cytoplasmatischer Transport. a Kryoelektronenmikroskopischer im Kern gebildet wird, erzielt. Ran·GTP verdrängt die Fracht, beispiels-
Schnitt durch eine Kernpore. Die Pore besteht aus einem dreifachen weise einen Transkriptionsfaktor von Caryopherin und eskortiert
Ring, dem zentralen Speichenring (ZSR) und den cytoplasmatischen Letzteres ins Cytosol. Das Ran·GTP sorgt für den Export frachtfreier
und nucleären Kernporenringen (CPR bzw. NPR) sowie einer zentralen Importine sowie denjenigen mit einer Fracht komplexierter Exportine
Spindel (Abb. 6.1d,e). Um die Innenseite sichtbar zu machen, wird (nicht gezeigt). Nach diesem ebenfalls reversiblen Durchgang wird
auf die Darstellung der Spindel verzichtet. In der Pore befinden sich das gebundene GTP unter Einwirkung eines cytosolischen Ran-GT-
cytoplasmatische und nucleäre Porenfilamente (CPF bzw. NPF). Pase-aktivierenden Faktors (Ran-GAP) hydrolysiert. Das Importin
Zusätzliche zentrale Porenfilamente werden nicht gezeigt. Im Nuc- wird frei und kann an einer weiteren Transportrunde teilnehmen.
leoplasma verbinden sich die Filamente zu einem »Körbchen« Das Ran-GDP diffundiert alleine oder mit anderen Proteinen zusam-
(. Abb. 6.1e), dessen Boden der sog. distale Ring (DR) bildet. b Trans- men in den Kern und wird dort durch einen Guanosinnucleotidaus-
port durch Kernporen. Im Cytosol werden von einem Importin, bei- tausch-Faktor (Ran-GEF) und GTP aktiviert. Die grünen Rechtecke
spielsweise dem Caryopherin-E, Moleküle (Fracht) mit Importsigna- mit T und D symbolisieren die Ran·GTP- bzw. Ran·GDP-Komplexe.
len gebunden. Wie andere Transportine bindet es reversibel an Poren- (Aufnahme: Martin Beck und Wolfgang Baumeister)
filamente (CPF, NPF) und diffundiert durch die Poren. Die notwen-

Nucleocytoplasmatischer Transport. Zwischen Nucleo- ten Austauschfaktor (GEF) durch GTP ersetzt wird. Die
und dem Cytoplasma erfolgt ein kontinuierlicher Stoffaus- export- und importkompetenten Formen Ran·GTP
tausch über Kernporen. Sie bestehen aus einem in der Zell- bzw. Ran·GDP werden im Kern respektive im Cytosol
kernhülle verankerten Komplex (125 MDa) aus ca. 30 Pro- bereitgestellt
teinen, dem nucleären Porenkomplex (NPC, nuclear pore
! Die Caryopheine binden reversibel an die FG
-repeats
complex, . Abb. 6.1d,e). Ihre Masse übertrifft die der Ribo-
und können so die Poren in beiden Richtungen pas-
somen um mehr als eine Größenordnung. Um einen zen-
sieren.
tralen Transporter sind acht Kanäle symmetrisch verteilt,
die von Proteinringen umfasst und speichenartig ange- . Abb. 6.11b zeigt in stark vereinfachter Form den Import
ordneten nucleären Porenfilamenten, den Nucleoporinen, eines Proteins oder Partikels, das als »Fracht« (cargo) be-
ausgekleidet sind (. Abb. 6.11a). Charakteristisch für die zeichnet wird. Typischerweise werden Proteine, die ein
Porenfilamente sind repetitive Phenylalanyl-Glycyl-Sequen- NLS-Signal tragen wie z.B. Transkriptionsfaktoren vom
zen (FG-repeats). Die Poren sind frei durchlässig für Stoff- Importin Caryopherin-E gebunden, in den Kern trans-
wechselintermediate, z.B. Nucleotide und kleinere Mole- portiert und dort durch Ran·GTP verdrängt. Freies Caryo-
küle und Ionen. Für den Transport von Proteinen und Ri- pherin-E sowie Proteine mit Exportsignal (nicht gezeigt)
bonucleoproteinen sind weitere Strukturen erforderlich: werden unter Beteiligung von Ran·GTP respektive Ran·GTP
4 Import- und Exportsignalsequenzen (NLS, nuclear in Verbindung mit Exportinen ins Cytosol transportiert.
localization signal bzw. NES, nuclear export signal)
! Spezifische Signale auf Proteinen und Ribonucleopro-
innerhalb der zu transportierenden Proteine sowie die
teinen und G-Protein abhängige GTP-Hydrolyse ermög-
Bindung dieser Signalsequenzen an spezialisierte Trans-
lichen Transport in oder aus dem Zellkern.
portproteine (Transportine, Caryopherine), die Ex-
portine bzw. Importine. Typischerweise besteht das Import in den Zellkern wird durch verschiedene Mechanis-
NLS aus etwa zehn überwiegend basischen Amino- men getriggert: Bei Hunger wird z.B. die Glucokinase der
säuren Hepatozyten von einem Glucokinase-Regulatorprotein
4 kleine G-Proteine aus der Ran-Familie, die am Export gebunden, gehemmt und im Kern sequestriert. Bei einem
in GTP- und am Import in GDP-gebundener Form teil- Anstieg der Glucosekonzentration dissoziiert der Komplex
nehmen. Im Anschluss an den Export wird GTP hydro- und freie Glucokinase, die ein Leucin-reiches NES besitzt,
lysiert während nach dem Import von Ran·GDP in wird aus dem Kern exportiert, um den Glucosestoffwechsel
diesem Komplex GDP durch einen im Kern lokalisier- zu beschleunigen (7 Kap. 11.6). Membrangebundene Trans-
190 Kapitel 6 · Zelluläre Organellen, Strukturen und Transportvorgänge

kriptionsfaktoren werden bei Bedarf durch regulierte Pro- Polyprenole und des Cholesterins, sowie die Bildung von
teinolyse von ihren membranintegralen Domänen abge- Lipoproteinen und ein Teil der Cytochrom P450-abhän-
spalten, woraufhin ihr NLS wirksam werden kann. Ausge- gigen Biotransformationsreaktionen (7 Kap. 15.2.1). Mögli-
löst durch einen Cholesterinmangel wird durch spezifische, cherweise sind Teile des ER auf die Synthese von Phos-
im Golgi-Apparat lokalisierte Proteinasen eine mit NLS phatidylethanolamin aus Phosphatidylserin sowie der In-
versehene Transkriptionsfaktordomäne eines membran- termediate der Glycolipidanker luminaler Proteine aus
ständigen Vorläufers des Steroid-responsive Elemente bin- Phosphatidylinositol (PI, 7 Kap. 2.2.3, 9.2.3, 26.1.7, 27.7.3)
denden Proteins SREBP (7 Kap. 18.3.3) für den Zell- spezialisiert. Das SER ist der wichtigste Speicherort von
kernimport freigegeben. Diese Domäne wird von Caryo- Calciumionen (7 Kap. 25.6.3). In Skelettmuskelzellen findet
pherin-E gebunden und in den Kern translociert. Ver- sich als Calciumspeicher eine spezialisierte Form des SER,
schiedene virale Proteine enthalten zellähnliche NLS, das sarcoplasmatische Retikulum (7 Kap. 6.1.5, 30.3.2).
durch die sie im Zellkern in die Genexpression eingreifen
können. Ein Beispiel ist das TAT-Protein des HIV-1 Virus
(7 Kap. 6.1.6). 6.2.3 Golgi-Apparat und trans-Golgi
Netzwerk
6
6.2.2 Endoplasmatisches Retikulum Der Golgi-Apparat wurde erstmalig vom italienischen
und ERGIC Neuropathologen Camillo Golgi beschrieben (. Abb. 6.1b)
und ist für verschiedene posttranslationale Modifikationen
Das endoplasmatische Retikulum (ER) besteht aus einem und die Sortierung von Proteinen zuständig. Er befindet
einzelnen verzweigten System schmaler Schläuche und sich in der Nähe des Zellkerns (. Abb. 6.12a) und besteht
flacher Zisternen, die z.T. in direktem Kontakt mit der Zell- aus einem Stapel abgeflachter konzentrischer Zisternen
kernhülle stehen und in der tubulären Form bis in die Peri- (. Abb. 6.12b,c). Durch Verbindungen mit dem Cytoskelett
pherie der Zelle reichen. Für die tubuläre Morphologie des wird in der Interphase seine perinucleäre Lage stabilisiert.
perinuklearen ER werden sog. Retikulon-Proteine verant- Während der Mitose erfährt der Golgi-Apparat eine vo-
wortlich gemacht, die mit jeweils zwei Helix-loop-helix rübergehende Vesikularisierung. Hierdurch wird wahr-
Motiven in das äußere Blatt der ER-Membran integriert scheinlich die Verteilung des Golgi-Kompartiments an die
sind. Man unterscheidet zwischen glattem ER (smooth ER, beiden Tochterzellen begünstigt.
SER) und rauen ER, RER. Letztere erhalten ihre charak-
! Eine der Hauptaufgaben des Golgi-Apparats ist die
teristische raue Erscheinungsform durch Ribosomen bzw.
Synthese von Glycokonjugaten.
Polysomen an ihrer Oberfläche. Die integralen Membran-
proteine des Golgi-Apparates, der sekretorischen Vesikel, Im Golgi-Apparat wird der im ER begonnene Aufbau der
der Plasmamembran sowie der Membranen des endoso- Oligosaccharidteile der Glycosphingolipide und der Gly-
mal/lysosomalen Systems als auch die löslichen sekreto- coproteine vervollständigt. Hier werden auch die langen
rischen und lysosomalen Proteine werden im RER syn- Glycosaminoglykanketten der Proteoglykane synthetisiert
thetisiert. Hier erfolgen auch die Proteinfaltung und die und das Prokollagen für die extrazelluläre Fibrillenbildung
initialen posttranslationalen Modifikationen. vorbereitet. Daher sind in der Membran der Golgi-Zister-
nen verschiedene Glycotransferasen sowie Transport-
! Im RER erfolgt die Synthese ca. eines Drittels aller Pro-
systeme für Zuckernucleotide, die als aktivierte Bausteine
teine.
fungieren, lokalisiert. Von zahlreichen anderen Funktionen
Von sog. Übergangselementen (transitional elements) des des Kompartiments soll die Beteiligung an der Biosynthese
RER knospen Vesikel, deren Inhalt zur proximalen Golgi- der Lipoproteine (7 Kap. 18.5.1) und der Regulation des
Zisterne transportiert wird. Diese Vesikel verschmelzen Cholesterinhaushalts (7 Kap. 6.2.2) erwähnt werden.
miteinander und bilden ein intermediäres Kompartiment, Man geht davon aus, dass die Zisternen mit ihrem
das ERGIC (ER – Golgi intermediary compartment). Es ist kompletten Inhalt den Stapel anterograd von der RER-
noch nicht klar, ob die transportierten Proteine im ERGIC nahen cis-Seite zum distalen trans-Golgi durchwandern.
in neue Vesikel verpackt werden, um zu der proximalen Um die Enzyme und Transportproteine des Apparats reuti-
Golgi-Zisterne zu gelangen. Der Transport von einem pro- lisieren zu können, werden die Bestandteile der Zisternen
ximalen zu einem distalen Kompartiment wird als antero- in Vesikel verpackt und retrograd zu den neu gebildeten
grad bezeichnet. Vom ERGIC sowie vom Golgi-Apparat Zisternen transportiert. Ein charakteristisches Merkmal
werden Vesikel und eventuell Tubuli gebildet, mit denen dieser Vesikel ist ihre Oberflächenstruktur (. Abb. 6.12b,c,
Proteine und Lipide retrograd zum RER transportiert 7 Kap. 6.2.4).
werden. Der Transport der im RER synthetisierten Proteine in
Im SER sind vor allem der Stoffwechsel der Lipide und das am distalen Ende des Golgi-Apparats liegende trans-
Fremdstoffe lokalisiert, so die Synthese der Phospholipide, Golgi-Netzwerk (TGN) dauert ca. 40 Minuten. Das TGN
6.2 · Organellen und Partikel
191 6
6.2.4 Vesikulärer und tubulärer Transport

Transportwege zwischen membranumschlossenen Kom-


partimenten. Cholesterin und andere Lipide können
K wegen ihrer geringen Wasserlöslichkeit nur indirekt in
K
Komplexen mit spezifischen Lipidtransferproteinen
(7 Kap. 18.2.3) oder als Membranbestandteil mittels kurz-
lebiger Kompartimente, die sich als Vesikel oder Tubuli von
einem Kompartiment (Donator) abtrennen und mit einem
anderen (Ziel, target) fusionieren, transportiert werden.
Biochemische und cytologische Analysen lieferten zunächst
a nur Hinweise auf die Existenz vesikulärer Transportkom-
partimenten. Untersuchungen lebender Zellen zeigten,
dass von den Donatorkompartimenten nicht nur Vesikel,
sondern häufig auch lange tubuläre Kompartimente ge-
bildet werden. Über die Unterschiede bzw. Anteile am
Transport kann zu Zeit nicht abschließend berichtet
G werden. Zur Vereinfachung wird nachfolgend zwischen
den Alternativen nicht differenziert und die Transport-
kompartimente werden in toto als Vesikel bezeichnet.
Zusammen mit Proteinen werden Lipide etappenweise
b in definierter Reihenfolge von einem zum nächsten Kom-
partiment in Membran-umschlossenen »Containern«
transportiert, in einigen Zwischenstationen modifiziert
und schließlich an ihrem Bestimmungsort abgegeben. Eine
G
schematische Übersicht der Transportwege gibt . Abb. 6.13.
Die wichtigsten hier gezeigten Organellen werden in den
V nachfolgenden Kapiteln erklärt.
c Eine verzweigte vesikuläre Transportbahn führt vom
RER, in dem die transportierten Proteine synthetisiert
. Abb. 6.12a–c. Golgi Apparat. a Der Golgi-Apparat (G) und das
Cytoskelett von BC-C-1 Zellen wurden mittels Immunfluoreszenz mit
werden, über den Golgi-Apparat zur Plasmamembran. Die
anti-Giantin bzw. anti-Tubulin Antikörpern dargestellt. Der Zellkern (K) Zweige entsprechen dem konstitutiven und dem in spe-
wurde mit Hoechst 33342 blau angefärbt. Aus einer der beiden Zellen zialisierten Zellen vorliegenden regulierten sekretorischen
wurde der Kern entfernt; die Erhaltung der Golgi Struktur weist auf Weg (Nr. ① bzw. ③ in . Abb. 6.13). Reguliert wird bei-
Kontakte des Organells zum Cytoskelett hin. b Querschnitt im Bereich
spielsweise die Sekretion von Insulin. In den Vesikeln der
eines Golgi-Apparats. Dies ist eine kryoelektronenmikroskopische
Darstellung des Organells einer menschlichen Hepatomzelle. c 3D Re-
regulierten Sekretion werden die gespeicherten Produkte
konstruktion des Golgi Apparats mit benachbarten 40 nm COPI Vesi- modifiziert und konzentriert. Die Pfeile entlang des Wegs
keln (magenta). Die Farbgebung, die die Strukturen verdeutlicht, ② weisen auf den schon erwähnten Rücktransport der
ist willkürlich. G = Golgi-Apparat, V = COPI-beschichtete Vesikel. verschiedenen im ER und den Golgi-Zisternen benötigten
(Aufnahmen: Laurence Pelletier (a), Judith Klumpermann und Hans J.
Proteine, die mit dem anterograden Transport ihren Wir-
Geuze (b,c).)
kort verlassen haben. Abzweigungen von der sekretorischen
Bahn führen aus dem TGN zu den sog. frühen und späten
Endosomen sowie zu Autophagosomen (Nr. ④). Der Be-
ist ein tubulovesikuläres knospendes Kompartiment, in zeichnung dieser Organellen entsprechend führt der Trans-
dem Sulfatierungen und eine Sortierung der importierten port von den frühen zu den späten Endosomen (Nr. ⑥) und
Produkte der Protein-, Proteoglykan- und Lipidsynthese von diesen sowie von Autophagosomen zu Lysosomen
stattfinden. Für die Sulfatierung der Glycosaminoglykane (Nr. ⑦). In Lysosomen endet auch der in Endosomen ein-
sowie Tyrosinreste einiger Proteine wird aktiviertes Sulfat, mündende Endozytoseweg von Clathrin-beschichteten
PAPS, in die Zisternen des TGN transportiert. Die Sor- Arealen (coated pits, 7 Kap. 6.2.5) der Plasmamembran
tierung für den Export in distale Kompartimente wie (Nr. ⑩, ⑥, ⑦). Von den Endosomen kehren Rezeptoren
Plasmamembran und Lysosomen erfolgt durch Wechsel- und einige begleitende Proteine zum Teil zum Golgi-Appa-
wirkungen mit Rezeptormolekülen und einer Ansammlung rat und zum Teil über sog. recycling Endosomen zur
dieser in vesikelbildenden Arealen des TGN. Plasmamembran (⑤) zurück. Ein weiterer Endozytoseweg
(Nr. ⑪) führt von flaschenförmigen Einstülpungen der Plas-
mamembran, den Caveolae, zum Golgi und ER. Schließ-
192 Kapitel 6 · Zelluläre Organellen, Strukturen und Transportvorgänge

. Abb. 6.13. Vesikuläre Transportwege. Die Wege ① bis ⑭ sind küle dar, die reguliert sezerniert werden. kV = kondensierende Vakuo-
im Text beschrieben. Die gestrichelte schwarze Linie symbolisiert die le, TE = Übergangselemente des RER (transitional elements); ERGIC,
Bildung einer Clathrin-Beschichtung. Die grünen Punkte stellen Mole- MVB und TGN werden im Text erklärt

lich kann ein Stofftransport durch polarisierte Zellen, bei- bestehen aus Modulen, die verschiedene Strukturmotive
spielsweise von IgA, mittels Transzytose von der basolate- anderer Proteine oder Lipide erkennen und binden. Die
ralen zur apikalen Plasmamembran und bei anderen Stoffen Bindung ist in der Regel relativ schwach, sodass eine tem-
wiederum in entgegengesetzter Richtung stattfinden (⑫). poräre gerüstartige Vernetzung der beteiligten Proteine für
Die Membran und der Inhalt von Lysosomen können durch den gesamten Vorgang entscheidend ist. Sie erzeugt eine
Exozytose in die Plasmamembran eingebaut bzw. ins Me- Beschichtung, die beispielsweise an der Plasmamembran
dium abgegeben werden (⑬). Es gibt Hinweise, dass vesi- und im TGN beobachtet werden kann (. Abb. 6.13).
kuläre Vorläuferformen von Peroxisomen durch Abschnü-
! G-Proteine der Sar- und Arf-Familien sind am Aufbau
rung vom glatten ER gebildet werden (⑭).
der Membranbeschichtung beteiligt und werden nach
Die anterograd durch den Golgi-Apparat transpor-
der Formierung der Vesikel zusammen mit den lös-
tierten Biosyntheseprodukte werden im TGN sortiert, d.h.
lichen Beschichtungsproteinen von der Membran
zum Teil an spezifische Proteine gebunden, auf verschie-
abgelöst.
dene Vesikel verteilt und entweder direkt (konstitutiv,
default, Nr. ①) oder wie bei Insulin reguliert über einen Monomere G-Proteine. Bei dem vesikulären Transport
»Speicher« abgegeben (Nr. ③). Für die spezifische Bindung wird eine wichtige Rolle von G-Proteinen gespielt. Es han-
werden Sortierungssignale benötigt, die beispielsweise delt sich um monomere G-Proteine der Ras-Superfamilie.
verschiedene Hydrolasen über Endosomen zu Lysosomen Der Komplexität des Transports zwischen zahlreichen
leiten. Die Sortierung von Molekülen ist eng mit der Vesikel- Kompartimenten entsprechend sind zahlreiche G-Proteine
bildung verknüpft. An diesen und anschließenden antero- beteiligt. Sie lassen sich in sog. Sar-, Arf- und Rab-Proteine
und retrograden Transportvorgängen zwischen benach- einteilen und wirken als molekulare Schalter, die von
barten Kompartimenten sind zahlreiche Proteine und GEF- (guanosinnucleotide exchange factor) und GAP- (GT-
Lipide beteiligt. Viele dieser Proteine sind polyvalent und Pase aktivierenden Proteine) Faktoren gesteuert werden.
6.2 · Organellen und Partikel
193 6

Durch GEF-Proteine werden sie aktiviert, wobei sie GTP


anstelle von GDP erhalten und ihre Konformation ändern.
In Anwesenheit von Brefeldin A, einem natürlichen Hemm-
stoff der GEF-Proteine, wird der vesikuläre Transport
blockiert. Arf- und Rab-Proteine enthalten hydrophobe
Myristoyl- bzw. Geranylgeranylreste (7 Kap. 9.2.3), die bei
dem Aktivierungs-/Deaktivierungszyklus eine wichtige
Rolle spielen und als fakultative Membrananker wirken.
Nach der Synthese werden diese G-Proteine von sog.
Eskort-Proteinen (Eskortinen) gebunden. Innerhalb des
Komplexes werden die hydrophoben Anker angeheftet.
Nach einer GEF-abhängigen Aktivierung werden sie von
den Eskortinen in die Membran des Donatorkomparti-
ments integriert. Ihre Aufgaben bei der Vesikelbildung wer-
den weiter unten beschrieben. Anschließend wird durch
GAP-Proteine ihre GTPase-Aktivität stimuliert, worauf hin
sie in die inaktive GDP-Form umgesetzt werden. Dem
folgen die Ablösung von der Membran, Bindung an Eskort-
proteine und der cytosolische Transport (recycling) zu den
Donatorkompartimenten. Der G-Protein-abhängige vesi-
kuläre Transport lässt sich in fünf Etappen aufteilen, die in
. Abb. 6.14 schematisch gezeigt werden:

Membranbeschichtung aus Adaptinen und coat-Pro-


teinen und Knospenbildung. In den meisten Donatorkom-
partimenten kommt es zu einer lokalisierten Aktivierung
und Anheftung von zuständigen G-Proteinen. In der akti-
vierten GTP-Form initiieren diese die Bildung von protein-
beschichteten in das Cytosol gerichteten Knospen. An
die aktivierten G-Proteine werden Adaptorproteine, AP
(Adaptine) und an diese wiederum zahlreiche Transmem-
branproteine gebunden, die sich in zwei Gruppen einteilen
lassen: Membranproteine und rezyklierende Rezeptoren,
die mit ihren luminalen Domänen lösliche Moleküle in die
. Abb. 6.14. Schematische Darstellung des vesikulären Trans-
Knospen aufnehmen und in diesen konzentrieren. Die ports. Am Donatorkompartiment wird eine beschichtete Knospe
Membran- und Rezeptorproteine verfügen in ihren cyto- gebildet. In dieser werden integrale Membranproteine sowie Rezep-
solischen Domänen über Lokalisierungssignale bzw. tor-gebundene Moleküle konzentriert, die aus dem Kompartiment
Aminosäurensequenz-Erkennungsmotive (nicht selten exportiert werden (Fracht) (①). Von den knospenden Membranare-
alen werden beschichtete Vesikel abgeschnürt (② a), deren Beschich-
mehrere), die in unterschiedlichen Kompartimenten von
tungsproteine abgelöst (② b) und der Wiederverwendung zugeführt
verschiedenen Adaptinen gebunden werden. Adaptine (recycling). An der Oberfläche der Vesikel befinden sich Rab-Proteine,
sind die zentralen Elemente einer Membranbeschichtung. die einen Transport zum sowie ein Andocken an das Zielkompar-
In der Regel bestehen sie aus vier Bindungsmodulen. Sie timent (③) und letztendlich die Fusion einleiten (④). Die transportier-
binden einander und sorgen dafür, dass in die Beschichtung ten Proteine werden vom Zielkompartiment aufgenommen, während
die Rezeptoren und andere aus dem Donatorkompartiment stam-
der Knospen membranständige vSNARE (vesicle-associa-
menden Moleküle, z.B. vSNARE, in retrograde tubulovesikuläre Kom-
ted soluble N-ethylmaleimid sensitive factor attachment partimente sortiert (⑤ a) und mit diesen recykliert werden (⑤ b).
protein receptor)-Proteine eingebaut werden, die für die Die hier illustrierten Schritte entsprechen den 5 Etappen, die im Text
Fusion der Vesikel mit dem Zielkompartiment benötigt erläutert werden. Die hier nicht gezeigten vSNAREs folgen einem
werden (s.u.). Je nach Kompartiment können Adaptine ähnlichen Weg wie die Rezeptoren
mittels weiterer Proteine spezielle lokal modifizierte Lipide
sowie ubiquitinylierte Membranproteine binden. Als GGA- Kompartimenten wirken. Eine wichtige Funktion beider
Proteine (Golgi-lokalisierte, gamma-ear-enthaltende ADP- Adaptingruppen besteht darin, die Membran und alle
Ribosylierungsfaktor-bindende Proteine, sprich: gigas) Bindungspartner mit Beschichtungsproteinen der äußer-
wird eine Gruppe von Adaptinen bezeichnet, die zwischen sten, ein Gewölbe bildenden Proteinschicht zu verbinden.
TGN und Endosomen zirkulieren. Eine andere Gruppe Die Membran wird mittels polyvalenter Kontakte verformt
besteht aus Adaptinen AP1–AP4, die in verschiedenen und verändert somit ihr Profil.
194 Kapitel 6 · Zelluläre Organellen, Strukturen und Transportvorgänge

In einigen Donatorkompartimenten wird die Funk- transportiert. Die Transportroute hängt von von der se-
tion der initial aktivierten G-Proteine durch lokal synthe- lektiven Interaktion begleitender Rab-Proteine mit be-
tisierte Phosphatidylinositolphosphate (PIPs) unterstützt stimmten Motorproteinen ab. Die Rab-Proteine vermitteln
und eventuell ersetzt. In der Plasmamembran werden in auch den Kontakt zu den Zielorganellen, in dem sie von
den coated pits und Phagocytosearealen PI(4,5)P2 bzw. sog. tethering-Proteinen der Zielmembranen gebunden
PI(3,4,5)P3, erzeugt, in Endosomen das PI(3)P und im werden. Diese Erkennung ermöglicht das Andocken und
TGN das PI(4)P. Mittels PIP-bindender Module, bei- führt über ein spezifisches GAP-Protein zur Aktivierung
spielsweise der sog. PH (Pleckstrinhomologie)-Domänen der GTPase Aktivität des Rab-Proteins. In der inaktivier-
(7 Kap. 25.7.1), werden die entsprechenden Membranareale ten GDP-Form wird das Rab-Protein durch ein Eskortin
mit Adaptinen verbunden. von der Vesikelmembran abgelöst und dem Donorkom-
Aktuell wird zwischen drei gut charakterisierten äu- partiment für einen erneuten Transportvorgang zur Ver-
ßeren Beschichtungen unterschieden. Beim antero- und fügung gestellt.
retrograden Transport zwischen RER und Golgi-Apparat
werden aus coat proteins COPII bzw. COPI (sog. coatomer) Fusion mit dem Zielkompartiment. Dem Andocken folgt
bestehende Vesikel gebildet. Die Rekrutierung dieser Be- eine Verschmelzung der Membranen. Für die Fusion der
6 schichtungen wird durch die G-Proteine Sar1 bzw. Arf1 Kompartimente ist eine Komplexbildung zwischen den
vermittelt. In den Übergangselementen des RER ist das membranständigen v- und tSNARE-Proteinen der Vesikel
GEF- des Sar1-Proteins (Sec12) lokalisiert, das die Aktivie- bzw. des Zielkompartiments essentiell. Die Interaktion der
rung und Membranassoziierung von Sar1 katalysiert. An SNAREs entscheidet definitiv über diese Verbindung. Am
diesem anterograden Transport von RER zum ERGIC sind besten untersucht ist die Exozytose synaptischer Vesikel.
in humanen Zellen mindestens zwei Isoformen des Sar1- Die v- und tSNARE Proteine verbinden sich miteinander
Proteins beteiligt. Sar1a scheint an der Bildung der meisten und mit dem Plasmamembranassoziierten SNAP25-Pro-
Vesikel beteiligt zu sein, Sar1b speziell an der der Chylo- tein., Dabei bilden die langen D-helicalen Domänen der
mikronen. Die Bildung von Vesikeln bzw. Tubuli und die drei Proteine (v- und tSNARE sowie SNAP) eine vierfache
Beteiligung besonderer Beschichtungsproteine werden coiled-coil Superhelix aus. Man nimmt an, dass die beiden
offenbar durch den potentiellen Inhalt bzw. ihre Größe Membranen durch die Bildung der Superhelix einander an-
und Form bestimmt, wenn Lipoproteinteilchen oder Kol- genähert werden. Bei der anschließenden Verschmelzung
lagenmoleküle verpackt werden. Zur Morphologie der im der Lipiddoppelschicht kommt es wahrscheinlich zum
Golgi-Apparat durch das Arf1-Protein rekrutierten cha- flip/flop-Transfer oder zur Modifikation von Lipiden, die
rakteristischen COPI-Beschichtung siehe . Abb. 6.12b,c. die Veränderungen der Membrankrümmung ermöglichen.
Die dritte Form der Beschichtung, der Clathrinmantel In aktivierten Blutplättchen sind komplementäre SNARE-
(clathrin coat), wird an der Plasmamembran und im TGN Proteine an der Exozytose verschiedener Granula, im endo-
gebildet. Die Bildung der Clathrinvesikel an der Plasma- krinen Pankreas an der Sekretion von Insulin und Glu-
membran wird im Zusammenhang mit der Endozytose im kagon, in Fett- und Muskelzellen am Einbau der GLUT4-
7 Kap. 6.2.5 beschrieben. Glucosetransporter, in Belegzellen dem der H+/K+-ATPase,
im corticalen Sammelrohr dem der Vasopressin-abhän-
Trennung der Vesikel vom Donatorkompartiment und gigen Aquaporin-2-Wasserkanäle beteiligt.
Freisetzung der Beschichtung. An der Abtrennung sind
! Das recycling der vSNAREs sowie der Proteine, die ihren
cytosolische G-Proteine der Dynamin-Familie beteiligt. Sie
eigentlichen Wirkort verlassen haben wird durch Vesi-
können die eingeengte Verbindungsmembran umringen
kel vermittelt, die vom Zielkompartiment knospen und
und scheinen diese »abzuschnüren« (7 Kap. 6.2.5). Nach
mit dem Ausgangskompartiment fusionieren.
der Abtrennung werden die an der Beschichtung mitwir-
kenden G-Proteine inaktiviert. Einige Beschichtungspro- Sortierung und recycling. In einer von der AAA-ATPase
teine werden von den Vesikeln unter ATP-Verbrauch, an- NSF (N-Ethylmaleimid sensitivem factor) katalysierten
dere spontan abgelöst. Anschließend werden sie wieder- Reaktion kommt es zur Auflösung der gemeinsamen Super-
verwendet. helix und zur Abtrennung der SNARE-Proteine voneinan-
der sowie von dem SNAP-Protein. Die AAA-ATPase wirkt
! Aktivierte G-Proteine der Rab-Familie ermöglichen
bei dem Entflechten der Superhelix als ein Chaperonin
einen schnellen Transport der Vesikel sowie die Ando-
(7 Kap. 9.2.1). Die im Donatorkompartiment benötigten
ckung an ihre Zielkompartimente und werden in der
Proteine wie das vSNARE, verschiedene Rezeptorproteine
inaktiven Form durch Eskortine zu den Donorkomparti-
und Lipide sowie »irrtümlich« exportierte Proteine werden
menten zurückgeführt.
in tubulären oder vesikulären Membranarealen gesammelt
Transport und Andocken. Die abgeschnürten und von und retrograd zum Ausgangskompartiment transportiert.
ihrer Beschichtung befreiten Vesikel werden von Motor- Der Transport durch den Golgi-Apparat und zum ER er-
proteinen entlang des Cytoskeletts zu den Zielorganellen folgt mittels COPI beschichteter Vesikel.
6.2 · Organellen und Partikel
195 6

Der Verbleib von Membranproteinen in ihren Zielkom- sieren. Dabei entstehen sog. Triskelions (. Abb. 6.15a–c),
partimenten sowie ihr recycling nach einem Export werden die an einen Dreifußhocker erinnern. Im Zentrum lagern
durch die Struktur der Transmembrandomänen und kurze sich drei kleine Ketten an die C-terminalen Domänen der
cytosolische Retentions- bzw. retrieval-Signale bestimmt. großen Ketten. Die spinnenbeinartigen großen Ketten
können sich mit ihren abgeknickten N-terminalen Domä-
nen an der Membran abstützen. Durch seitliche Kontakte
6.2.5 Plasmamembran dieser Domänen untereinander entsteht ein hexagonales
molekulares Netz, das durch eine partielle Umstrukturie-
! Die Plasmamembran (Plasmalemma) ist mit der Innen- rung zur pentagonalen Anordnung nach innen eingewölbt
architektur der Zelle und der umliegenden Matrix so- wird. Die Triskelia sind etwa 20 nm hoch und die Abstände
wie den Nachbarzellen verbunden und vermittelt den zwischen den Kontaktstellen mit der Membran liegen bei
Stoff- und Informationsfluss sowie mechanische Ver- 30–40 nm.
bindungen nach innen und außen. An der Bildung der Clathrin-Vesikel an der Plasma-
membran ist das Arf6-G-Protein (adenosyl ribosylation fac-
Besondere Funktionen der Plasmamembran sind: tor, vgl. 7 Kap. 6.2.12) und sein GEF-Protein beteiligt. Dieses
4 Transport einer großen Zahl kleiner Moleküle (7 Kap. verfügt über die weiter oben erwähnte Pleckstrin Homo-
6.1.3) logie-Domäne. Mittels der PH-Domäne wird es an das an
4 vesikuläre Sekretion (. Abb. 6.13) von Makromole- der Endozytosestelle lokal erzeugte PI(4,5)P2 gebunden und
külen, Teilchen (Lipoproteinen) und kleinen Vesikeln, aktiviert hier das Arf6. Nun können Rezeptorproteine mit
sog. Exosomen, durch Exozytose Frachtmolekülen, das AP2-Adaptin sowie Clathrin rekru-
4 vesikuläre Aufnahme (Endozytose) oder Durchschleu- tiert werden. Am Abschnüren der Clathrin-Vesikel sind
sen (Transzytose) verschiedener Moleküle und Par- Dynamin und GTP beteiligt (. Abb. 6.15g). Die Depolyme-
tikel risierung der Clathrin-Triskelions wird von einer durch die
4 Signaltransduktion durch membranständige Rezep- PI(4,5)P2–5c-Phosphatase (Synaptojanin-1) ausgelösten Hy-
toren und drolyse des PI(4,5)P2 gesteuert und ist ATP-abhängig. Der
4 Adhäsion, bzw. Kontakt zwischen benachbarten Zellen Durchmesser der »nackten« Vesikel liegt bei 60–100 nm.
und zur umliegenden Matrix Unter Beteiligung von Rab5, unmittelbar nach der Auf-
lösung der Clathrin- und Adaptin-Beschichtung, ver-
Endozytose. Die Aufnahme extrazellulärer Stoffe wird je schmelzen die Endozytosevesikel untereinander sowie mit
nach Größe und eventueller Sortierung als Endozytose den frühen Endosomen. Die Abtrennung der importierten
(ein Allgemeinbegriff für Stoffaufnahme), Phagocytose Moleküle von den Rezeptoren vollzieht sich unter Mit-
(Aufnahme großer Teilchen), Flüssigkeitspinocytose wirkung der endosomalen V-ATPase, die einen schwach
(Aufnahme der extrazellulären Flüssigkeit in unveränderter sauren luminalen pH (ca. 6,0) aufrechterhält. Auf diese
Zusammensetzung in Endozytosevesikeln) und adsorptive Weise wird die Abtrennung von Liganden und Rezeptoren
Pinocytose (rezeptorvermittelte Aufnahme in Endozytose- bzw. von Fe3+-Ionen von rezeptorgebundenem Transferrin
vesikeln mit einer Anreicherung der an spezifischen Rezep- ermöglicht. Der tubulovesikuläre Rücktransport des Trans-
toren gebundenen Moleküle bzw. Liganden) bezeichnet. ferrinrezeptor-gebundenen Transferrins und der LDL-
Die Liganden werden durch Adsorption an der Oberfläche sowie anderer Rezeptoren erfolgt über die recycling Endo-
der Zelle konzentriert, in beschichteten Grübchen, coated somen (. Abb. 6.13).
pits, gesammelt und in Clathrin-beschichteten Vesikeln
aufgenommen. Mittels der Clathrin-Vesikel erfolgt bei- Down-Regulation von Membranproteinen. Clathrin-Vesi-
spielsweise die Aufnahme des rezeptorgebundenen Fe3+- kel sind an der sog. down-Regulation einiger Plasmamem-
Transferrins, verschiedener Proteohormone, LDL-Partikel branproteine beteiligt. Es handelt sich dabei um eine
(. Abb. 6.15) und anderer Liganden. Ein Merkmal rezep- aktivierungsabhängige Abnahme der Oberflächenkonzen-
torvermittelter Endozytose ist die Sättigungskinetik. Ent- tration von Rezeptoren. Beispielsweise werden G-Protein-
sprechend können die Systeme durch KM- und Vmax-Werte gekoppelte adrenerge ß2-Rezeptoren nach einer Aktivie-
charakterisiert werden. rung phosphoryliert und im Anschluss daran von sog.
Clathrin-beschichtete Vesikel werden auch im TGN ge- Arrestinen gebunden und gehemmt (Desensitisierung).
bildet (7 Kap. 6.2.6), wo sie an der Sortierung lysosomaler Die Arrestine besitzen Clathrin- und AP2-bindende Do-
Proteine beteiligt sind (. Abb. 6.13). Die Bildung von mänen. Sie rekrutieren die ß2-Rezeptoren in die coated pits.
Clathrinvesikeln in den zwei Lokalisationen wird durch Durch Endozytose erscheinen die Rezeptoren innerhalb
unterschiedliche Signale ausgelöst und von unterschied- weniger Minuten in den frühen und in einem regulierten
lichen Adaptinen vermittelt. Umfang in den späten Endosomen, die als MVBs (multi-
Clathrin besteht aus kleinen und großen (25 bzw. vesicular bodies, . Abb. 6.13) bezeichnet werden. Sie werden
190 kDa) Polypeptidketten, die in Lösung spontan trimeri- nach einer selektiven Aufnahme in die internen Vesikeln
196 Kapitel 6 · Zelluläre Organellen, Strukturen und Transportvorgänge

. Abb. 6.15. Beteiligung von Clathrin und PI(4,5)P2 an der Endo- In flachen (e) und tiefer werdenden pits (f) werden die Partikel vor der
zytose. a Modell eines Triskelions aus leichten und schweren Clathrin- Endozytose konzentriert. g Modell der Bildung von Clathrin-Vesikeln.
ketten. b Seitliche Betrachtung eines Triskelionmodells. c Clathrin- In Membranbereichen mit verstärkter Bildung von PI(4,5)P2 kommt
triskelia assoziieren zu einer hexagonalen Struktur. d Intrazelluläre es zu einer Ansammlung von endozytierbaren Rezeptoren und einer
Seite der Plasmamembran (Gefrierätzung) mit verschiedenen Stadien Anlagerung von Clathrin und Adaptorproteinen, z.B. AP2 an die Plas-
der Vesikelbildung. In den Arealen mit wabenartiger Beschichtung mamembran. Das Clathrin unterstützt die Einstülpung der Membran,
sind neben Hexa- auch Pentagone zu erkennen, die eine knospen- das Dynamin die Abschnürung des Vesikels, nach der die Beschich-
artige Vorwölbung ermöglichen. e,f Elektronenmikroskopische Auf- tung abgelöst wird. (Aufnahmen: John E. Heuser und Richard G.W.
nahmen der Zelloberfläche mit Rezeptor-gebundenen LDL-Partikeln. Anderson (d–f).)

der MVBs durch Proteinolyse abgebaut. In Hinblick auf die lierung membranständiger Proteine sind verschiedene
vasodilatatorische Funktion der E2-Rezeptoren kann die Ubiquitinyl-Transferasen verantwortlich. Substrate der
Stimulation ihrer Endozytose zu einem Blutdruckanstieg sog. Nedd4 Ubiquitinyl-Transferase sind Membranprotei-
führen. Eine vorübergehende down-Regulation besteht in ne, die in Ihren cytosolischen Domänen ein PY-Motiv ent-
einer Endozytose und einem Rücktransport über die recyc- halten, in dem sich Prolin (P)- und Tyrosin (Y)-Reste be-
ling Endosomen (. Abb. 6.13). finden. Nach mehrfacher Modifizierung mit Ubiquitin
Die Endozytose verschiedener Membranproteine wird werden diese Proteine mittels Clathrin-beschichteter Vesi-
durch Ubiquitinylierung reguliert. Diese Funktion des kel endozytiert. Anschließend werden sie in die MVBs
Ubiquitin ist von derjenigen beim proteasomalen Protein- weitertransportiert, wo sie in die kleinen luminalen Vesikel
abbau (7 Kap. 9.3.5) zu unterscheiden. Für die Ubiquitiny- sortiert und abgebaut werden. Das PY-Motiv kommt u.a.
6.2 · Organellen und Partikel
197 6

in den cytosolischen Domänen der Untereinheiten des


Na+-Ionen-Transporters ENaC (epithelial Na+ channel) in
den distalen Nierentubuli vor.

Clathrin-unabhängige Endozytose. Dieser Prozess geht


von den Caveolae aus (7 Kap. 2.2.6, . Abb. 6.16). Ihre Mem-
bran enthält relativ viel Cholesterin und Sphingolipide.
Charakteristisch sind die Caveoline, wobei das in der Mem-
bran integrierte Caveolin-1 für die Bildung der Caveolae
essentiell ist. Da ihre Membran an der extrazellulären Seite
Rezeptoren für Folsäure enthält und unterschiedliche
Moleküle leicht mit dem Vitamin derivatisiert werden kön-
nen, dienen Caveolae als potentielle Eintrittspforten für
Medikamente. In Caveolae kommen außer Rezeptoren
Onkogene und andere Proteine vor, die an der Endozytose
verschiedener Liganden und/oder der Signalverarbeitung
beteiligt sind. Im Endothel spielen die Caveolae eine wich-
tige Rolle bei der Transzytose von Blutplasmabestandteilen;
in vielen anderen Zellen darüber hinaus bei der Protein-
sortierung bzw. dem Transport vom TGN zur apikalen
Membran und in den regulierten Sekretionsweg.

6.2.6 Adhäsionsmoleküle

In der Plasmamembran existieren mehrere, oft zelltyp-


spezifische integrale Membranproteine mit charakteris-
tischen Bindungseigenschaften, die intra- und extrazellu-
läre Strukturen miteinander verbinden und als Adhäsions-
. Abb. 6.16a–d. Transmissionselektronenmikroskopische Cha- proteine bezeichnet werden (. Tabelle 6.4). Diese bestehen
rakterisierung der Caveolae und rafts in humanen Synoviozyten. aus einer oder mehreren Untereinheiten mit jeweils einem
a In der Plasmamembran kommen unbeschichtete becherartige Transmembransegment. Verbindungen ihrer meist kurzen
Einstülpungen vor, die als Caveolae (CA) bezeichnet werden. b Zur
cytosolischen Domänen zu intrazellulären Strukturen wer-
Oberfläche der Zelle parallel geschnittene Caveolae lassen häufig
eine Rosetten-ähnliche Anordnung erkennen. c Ein Fehlen von Caveo- den durch Adaptorproteine vermittelt. Die extrazellulären
lae wird nach Entzug von Cholesterin beobachtet. Die verbleibenden Teile der Adhäsionsproteine zeichnen sich durch einen
coated pits (CP) unterscheiden sich von den Caveolae durch ihre Be- modularen Aufbau aus und können größere Abstände
schichtung. d Einige Caveolae-assoziierte Proteine, so die hier mit überbrücken. Sie binden in der Matrix oder an benach-
Immunogoldtechnik dargestellte CD13 Zn-Aminopeptidase N (schwar-
barten Zellen homo- oder heterotypisch, d.h. Moleküle
ze Punkte) kommen zusätzlich in flachen Lipid-Mikrodomänen vor.
(Aufnahmen: Dagmar Riemann und E. Michael Danielsen.) derselben bzw. einer anderen Art. Sie können als homo-
bzw. heterophil bezeichnet werden.

. Tabelle 6.4. Übersicht über Zell-Adhäsionsmoleküle (Auswahl)


Interaktion Membranproteintyp Calcium Bindungspartner
zwischen
außen innen*
zwei Zellen Cadherine
E-, N-, P-Cadherin abhängig homotypisch Aktin
Desmoglein, Desmocollin abhängig homotypisch intermediäre Filamente
Nektine unabhängig homotypisch Aktin
NCAM, PeCAM unabhängig homotypisch Aktin, Tubulin
Selektine abhängig PSGL-1 Aktin (von beiden)
Integrine** abhängig ICAM, VCAM** Aktin (vom Integrin)
Zelle-Matrix Integrine abhängig . Abb. 6.18 Aktin, Vimentin
*
Verbindungen zum Cytoskelett werden von Adaptorproteinen vermittelt
**
Verbindung zwischen Integrinen der Leukozyten und CAMs der Endothelzellen
198 Kapitel 6 · Zelluläre Organellen, Strukturen und Transportvorgänge

. Abb. 6.17a,b. Verbindungsstrukturen zwischen Epithelzellen zwischen Adhäsions- und cytosolischen bzw. Cytoskelettmolekülen
und ihrem Cytoskelett. a Elektronenmikroskopische Aufnahmen benachbarter Epithelzellen. D-Catenin bildet Homodimere und alter-
einer aus drei Zonen bestehenden interzellulären Verbindung im nativ Heterooligomere mit mehreren gezeigten Proteinen. E-Catenin
Dickdarmepithel. Z (ZO) = Zonula occludens bzw. tight junction, ZA = ist im Cytosol an Verbindungen zum Cytoskelett und im Kern an einer
Zonula adhaerens, DE = Desmosom. b Schema der Verbindungen Regulation der Transkription beteiligt. (Aufnahme: Luiz C. Junqueira)

Zonula occludens. Diese Struktur umzäunt die apikale len (E-Cadherine), auf Nerven- und Muskelzellen (N-Cad-
Membran der Epithelzellen. Hier ist der Interzellulärraum herine), in der Plazenta und der Epidermis (P-Cadherine)
durch sog. tight junctions mit einer netzartigen Anordnung vorkommen. Cadherinmoleküle bestehen aus jeweils einem
von Kon taktstellen (terminal web) gegenüberliegender kurzen cytosolischen Segment, einer Transmembranhelix
Transmembranproteine stark verengt und die Passage und mehreren extrazellulären Immunglobulin-ähnlichen
zwischen den Zellen für größere Teilchen verschlossen. An Domänen. In Anwesenheit von Calcium-Ionen richten sich
der Bildung der Kontaktstellen sind homotypisch dimeri- die Domänen stäbchenförmig aus. Sie verbinden sich mit
sierende Proteinen (Claudine und Occludine) beteiligt. Im benachbarten Molekülen zunächst der gleichen (eine cis-
Cytosol liegen der Zonula occludens die Adaptorproteine Dimerisierung) und dann der gegenüberliegenden Zelle
ZO1–ZO3 an. Die tight junctions kontrollieren als eine Art und bilden trans-Homooligomere (. Tabelle 6.4). Im Cyto-
parazelluläre Kanäle die Diffusion von Ionen und Wasser plasma ergibt sich die Verbindung zum Aktin-Cytoskelett
durch den interzellulären Spalt. Sie umzäunen die Lipide aus einem Zusammenspiel der Cadherine mit ß-Catenin
und Transportsysteme der apikalen Membran (. Abb. 6.17) und weiteren Proteinen. Von großem Interesse ist der
und verhindern somit ihre Vermischung mit denen der Transport des E-Catenin in den Kern. Komplexe Interak-
basolateralen Membran. Tight junctions finden sich bevor- tionen in der Zonula adhaerens regulieren die Assemblie-
zugt an Orten, an denen eine strenge physikalische Tren- rung des Cytoskeletts, die Genaktivität, das Wachstum,
nung zwischen zwei Räumen notwendig ist. So dichten sie die Stabilität des Epithels und die Motilität der Zellen
im Leberparenchym die Ränder der Gallenkanälchen ab. (. Abb. 6.17b).
Im Endothel kommt es bei einer Extravasation von Leuko- Ein langes, aus 27 Cadherindomänen bestehendes Cad-
zyten zur vorübergehenden Aufhebung der Kontakte. herin (Cdh23) ist an Spitzen der Haarzellstereocilien ver-
ankert. Das Cdh23-Molekül verbindet die Spitzen mit un-
Zonula adhaerens. Diese als Gürteldesmosom bezeich- spezifischen Kationen-Kanälen in der Membran benach-
nete Verbindung benachbarter Epithelzellen liegt weiter barter Cilien und wirkt als Mechanotransduktor. Bei einer
basal als die Zonula occludens und ist weniger dicht. schallbedingten Vibration der Cilien in der Endolymphe
Hier kommen Nectine und Cadherine vor, die mit einem des Innenohrs wirkt das Cdh23 als ein Seilzug und öffnet
an diese Struktur angelegten Gürtel aus Aktinfilamenten den Kanal. Infolge dessen werden von den Haarzellen die
durch Adaptorproteine, Afadin bzw. α- und β-Catenine Neurone des Hörnervs aktiviert.
(. Abb. 6.17) verbunden werden können.
Desmosomen und Hemidesmosomen. Diese scheiben-
Cadherine. Diese bilden eine ca. 40 Mitglieder zählende ähnlichen Strukturen dienen einer mechanisch stabilen
Familie langer Adhäsionsmoleküle, die auf epithelialen Zel- Verknüpfung cytoskelettärer Intermediärfilamente zweier
6.2 · Organellen und Partikel
199 6

. Abb. 6.18. Heterotypische Selektin- und Integrin-abhängige fatierung seiner N-terminalen Tyrosinreste sowie von Ca2+-Ionen ab,
Zell-Zell- bzw. Zell-Matrix-Kontakte und Signalvermittlung durch die an die Lektindomäne binden. b Beispiele von Integrinen, die
Integrine. Die hier gezeigten Proteinketten enthalten jeweils eine Matrixbestandteile (schwarz) bzw. CAM-Moleküle (blau) anderer
Transmembranhelix. a Eine starke Bindung des Liganden PSGL-1 Zellen binden
(platelet selectin glycosylated ligand) an Selektine hängt von der Sul-

Zellen bzw. zwischen Zellen, Basalmembran und der an- jedoch rasch erfolgende heterologe Kontakte mit den eben-
grenzenden Matrix. Die Zellen werden durch «nichtklas- falls weit in den Raum hinausragenden Mucinen werden
sische« Cadherine Desmocollin und Desmoglein zusam- bei der Infiltration in entzündetes oder – beim »homing« –
mengehalten. Die Adaptorproteine Plakoglobin und Des- in lymphatisches Gewebe (7 Kap. 34.3.5) Abwehrzellen ans
moplakin verbinden die desmosomalen Membranproteine Endothel gebunden. PSGL-1 (P-Selektin Glycoprotein-
mit den intermediären Filamenten (7 Kap. 6.3.2). ligand 1) ist der typische, an das endotheliale Selektin ge-
bundene Oberflächenligand neutrophiler Granulozyten
CAMs. Diese Zelladhäsionsmoleküle (cell adhesion mole- und Monozyten. Ähnliche Fähigkeiten besitzen metastasie-
cules) verfügen über lange extrazelluläre, aus immunglobu- rende Tumorzellen.
linähnlichen (im Extremfall mehr als 50) Domänen beste-
hende Ketten. Die vaskulären CAMs (VCAM) gehen mit Integrine. Eine außerordentlich komplexe Familie von
Integrinen auf aktivierten Leukozyten heterotypische Oberflächenmolekülen stellen die Integrine dar. Es sind
Wechselwirkungen, die auf benachbarten Nervenzellen heterodimere Transmembranproteine, die aus einer D- und
vorliegenden NCAMs dagegen mit ihren Partnern meist einer β-Kette bestehen (. Abb. 6.18b). Integrine der E1-
homotypische Wechselwirkungen ein. Die NCAMs können Familie binden extrazelluläre Matrixproteine wie Kollagen,
zusätzlich Heparansulfat und anionische Polysaccharide Fibronectin, Laminin usw. (7 Kap. 24.5). Integrine der E2-
oder Glycoproteine binden und von diesen blockiert wer- Subfamilie werden ausschließlich in Leukozyten expri-
den. miert. Sie können die CAMs an der luminalen Oberfläche
des Endothels binden. Aktivierte Integrine sind sowohl mit
Selektine. Man unterscheidet zwischen E-, P- und L-Selek- der Matrix im Interzellulärraum als auch über Adaptor-
tinen, die an der Oberfläche der Endothelzellen, Blutplätt- proteine mit dem Cytoskelett eigener Zellen (mit Ausnah-
chen bzw. Leukozyten vorkommen. Diese Lektin-artigen me des hemidesmosomalen D6E4 grundsätzlich mit Aktin)
Membranproteine (. Abb. 6.18a) sind wie die CAMs mit verbunden. Sie wechseln zwischen zwei Konformationen,
einer Transmembranhelix ausgestattet. Mit dem Hauptteil wobei die extra- und intrazellulären Domänen gleichzeitig
ragen sie in den perizellulären Raum, in dem sie Glycolipide umstrukturiert werden, während die Transmembranseg-
und Glycoproteine binden. In entzündeten Geweben wird mente der D- und β-Ketten alternative Stellungen einneh-
das Endothel angeregt E-Selektin an der Oberfläche zu men (. Abb. 6.18b). Dadurch können Signale in beide
exponieren. Gebunden werden Oligosaccharide aus der Richtungen über die Membran übertragen werden. Hemi-
Gruppe der Lewis-Substanzen. Durch relativ schwache, desmosomen und Matrix sind über eine Kette aus einem
200 Kapitel 6 · Zelluläre Organellen, Strukturen und Transportvorgänge

Integrin, Laminin-5 und Kollagen-VII miteinander ver- wenig strukturierter Matrix, in der unvollständig verdautes
bunden (7 Kap. 24). Nach Bindung an Kollagen im Sub- Material enthalten ist, saurem pH und zahlreichen sauren
endothel wird das Aktin-Cytoskelett aktivierter Thrombo- Hydrolasen (. Tabelle 6.5). Markerprotein ist die saure
zyten, umgebaut. In ihrem Inneren wird DIIbE3-Integrin Phosphatase. Eine Untergruppe bilden die sauren Pro-
aktiviert und seine extrazellulären Domänen können an- teinasen, die als Kathepsine bezeichnet werden. Die Mem-
schließend Fibrinogen binden. Fibrinogen ist ein langes bran enthält eine »Protonenpumpe«, die vakuoläre V-AT-
dimeres Protein und ermöglicht eine rasche Aggregation Pase und andere Transportsysteme, die die Ansäuerung der
aktivierter Thrombozyten. Matrix bzw. Abgabe der Hydrolyseprodukte in das Cytosol
ermöglichen. Die Abbaureaktionen sind eine wichtige
Voraussetzung für Erneuerung und z.T. Versorgung der
6.2.7 Lysosomen, Endosomen Zellen mit wichtigen Stoffen wie Cholesterin und Vitamin
und verwandte Organellen B12, die in komplexierten Formen endozytiert werden.
Lysosomen enthalten besondere Aktivatorproteine (Sapo-
! Lysosomen sind lytische Organellen, die am turnover sine, GM2-Aktivatorprotein), die komplexe Lipide aus
intra- und extrazellulärer Makromoleküle sowie an Membranen lösen können und an ihrem Abbau beteiligt
6 Abwehrmechanismen beteiligt sind. sind. Zusammen mit frühen und späten Endosomen, sowie
den Autophagosomen und verschiedenen lysosomen-
Aufgaben der lysosomalen Organellen sind: ähnlichen Kompartimenten differenzierter Zellen bilden
4 Abbau von cytosolischen Molekülen und Organellen, sie eine Gruppe von Organellen mit ähnlicher Biogenese.
die durch Autophagocytose aufgenommen werden Die späten Endosomen sind mit multivesikulären Körper-
4 Abbau von Membranproteinen und -lipiden chen (MVB) identisch (7 o.).
4 Abbau von extrazellulären Molekülen und Partikeln,
die durch Endozytose aufgenommen werden Biogenese. Für die Segregation lysosomaler Proteine von
4 Beteiligung an Schutz- und Abwehrmechanismen anderen Produkten der Biosynthese aus dem RER sind im
4 Bereitstellung wichtiger Nährstoffe trans-Golgi-Apparat spezifische Adressierungsmechanis-
men notwendig. Der bekannteste von diesen beruht darauf,
Klassische Lysosomen (dense bodies) sind Organellen mit dass die Vorläuferformen der lysosomalen Hydrolasen im
einem Durchmesser von etwa 0,5 μm, einfacher Membran, Golgi-Apparat mit Mannose-6-phosphat (M6P)-Resten

. Tabelle 6.5. Lysosomale Hydrolasen und Transporter bzw. Defekte (Auswahl)


Substrat Enzym bzw. Transporter Defekt
Nucleinsäuren DNase und RNase
Phosphodiesterase
Proteine Cathepsin K Pyknodysostose
Cathepsin C Papillon-Lefevre Syndrom
Cathepsin D Neuronale Ceroidlipofuscinose
Peptidasen, Cathepsine
Lipide Phospholipase
Esterase
Lipase Wollman’sche Erkrankung
Kohlenhydrate D-Glucosidase Glycogenose II (M. Pompe)
und/ E-Glucuronidase Mucopolysaccharidose VII (MPS VII)
oder Acetyltransferase Sanfilippo C (MPS IIIC)
Glycolipide E-Glucosidase* Morbus Gaucher
sowie E-Hexosaminidasen* Tay-Sachs und Morbus Sandhoff
Glycoproteine D- Mannosidase Mannosidose
Sulfatester GalNAc-4-Sulfatase Maroteaux-Lamy-Erkrankung (MPS VI)
bzw. Arylsulfatase A* Metachromatische Leukodystrophie
Sulfatasen-Gruppe Multiple Sulfatase-Defizienz
Sulfamid Sulfamidase Sanfilippo A (MPS IIIA)
Sialinsäure Sialinsäuretransport M. Salla
Cystin Cystintransport Cystinose
Chlorid Chloridkanal (ClC-7) Maligne infantile Osteopetrose
Protonen/ATP V-ATPase (a3-Kette) Maligne infantile Osteopetrose
* Typische Substrate dieser Enzyme bzw. Speichersubstanzen sind Glycolipide
6.2 · Organellen und Partikel
201 6

. Abb. 6.19. Modifizierung, Sortierung und Transport von lysoso- die Lysosomen, in denen die proteinolytische Reifung der Vorläuferfor-
malen Proteinen in die Lysosomen. Zur Vereinfachung wird in diesem men komplettiert und ⑥ je nach Gewebe ein großer oder kleiner Teil
Schema auf die Darstellung der Clathrin-Beschichtungen im TGN sowie der M6P-Reste dephosphoryliert wird. In Antigen-präsentierenden
an der Plasmamembran und auf eine Unterscheidung zwischen den Zellen ist zusätzlich ein Rücktransport von Antigenfragmenten in die
frühen und den späten Endosomen verzichtet. Die wichtigsten Etappen Endosomen möglich. ⑦ Im TGN werden weiterhin sekretorische Vesikel
im Transport lysosomaler Proteine sind: ① Im cis-Golgi Apparat werden gebildet, die zur Plasmamembran transportiert werden. ⑧ In den
an C-6 Hydroxylgruppen von ein bis zwei Mannose-Resten der Vorläu- Clathrin-beschichteten Grübchen (coated pits) der Plasmamembran
ferformen verschiedener löslicher lysosomaler Glycoproteine (weiße werden M6P-Rezeptoren konzentriert, die eine Aufnahme der bei der
Rechtecke) N-Acetylglucosaminyl-Phosphatreste übertragen. Die ge- Sortierung im TGN eventuell nicht gebundenen und daher sezernierten
bildeten Phosphodiesterreste (weiß-rote Rechtecke) werden als covered phosphorylierten lysosomalen Enzyme aus dem extrazellulären Raum
M6P bezeichnet. ② Die Proteine werden ins TGN transportiert, wo die (recapture) zu den Lysosomen ermöglichen. Es entstehen Clathrin-
N-Acetylglucosaminreste abhydrolysiert werden. Es entstehen sog. beschichtete Vesikel, die nach einer Entfernung der Beschichtung mit
uncovered (Monoester) M6P-Reste (rote Rechtecke), die als eine lysoso- den frühen Endosomen verschmelzen. ⑨ Einige lysosomale Membran-
male Adresse wirken. Sie werden von M6P-Rezeptoren gebunden. Diese proteine (LAMPs) werden AP3-abhängig zu den späten Endosomen
Rezeptoren sowie die einiger membranständigen lysosomalen Proteine transportiert. (Zur Vereinfachung wird der Transport von Membran-
werden von GGA- und AP1-Adaptinen sowie Clathrin gebunden. ③ Im proteinen zu den frühen Endosomen nicht gezeigt.) ⑩ Die am recycling
TGN und eventuell an unreifen sekretorischen Vesikeln werden AP1- beteiligten Rezeptoren und Lipide werden in tubulären Teilen der
abhängig Clathrin-beschichtete Vesikel gebildet, die zu den frühen Endosomen und den recycling Endosomen konzentriert und zum TGN
Endosomen transportiert werden. ④ Die frühen Endosomen fusionie- bzw. zur Plasmamembran transportiert. Als ein Beispiel wird der Rück-
ren untereinander und entwickeln sich zu den späten. ⑤ Aus den transport der M6P-Rezeptoren aus den späten Endosomen (MVBs)
späten Endosomen gelangen die lysosomalen Proteine letztendlich in mittels TIP47-Adaptins gezeigt ⑪
202 Kapitel 6 · Zelluläre Organellen, Strukturen und Transportvorgänge

versehen werden, die ihre Bindung an spezifische Rezeptor-


proteine, den Kationen-abhängigen und den Kationen- Tc -Lymphozyten
unabhängigen M6P-Rezeptor, ermöglichen. Die Synthese *
erfolgt in zwei Stufen. Im cis-Golgi-Apparat wird inter-
mediär ein Phosphodiester gebildet, der im TGN zu ter-
minalen M6P-Resten hydrolysiert wird (. Abb. 6.19). Die
M6P-Reste-tragenden Hydrolasen werden in Clathrin- *
beschichteten Arealen des TGN von den membranstän-
digen Rezeptoren gebunden und in Transportvesikel ver-
packt. Diese werden zu den frühen Endosomen transpor-
*
tiert. Durch eine V-ATPase-abhängige Ansäuerung auf a
einen pH-Wert von ca. 6 wird die Dissoziation der trans-
portierten Liganden von ihren Rezeptoren bewirkt. Unter
Beteiligung des Rab5-G-Proteins fusionieren die frühen
Endosomen untereinander. Hieraus gehen die MVBs her-
6 vor, in denen der pH-Wert weiter auf 5 bis 5,5 sinkt. In den
MVBs werden interne Vesikel gebildet, in denen Mem-
branproteine und -lipide abgebaut werden. Zum Schutz der
* *
lysosomalen Membran vor den sauren Hydrolasen wird auf
der luminalen Seite der äußeren Membran eine Glycocalix
aufgebaut, die aus stark glycosylierten lysosomal assoziier-
Zielzelle
ten Membranproteinen (LAMPs) besteht. Unter Beteili-
gung spezialisierter Adaptine (AP3) wird ein Teil dieser
Proteine aus dem TGN direkt zu den späten Endosomen b
transportiert (. Abb. 6.19). Bestimmte Membranproteine
werden auf einem dritten Weg, über die Plasmamembran,
zu den Lysosomen transportiert. Die Endozytose von lös-
lichen M6P-haltigen Proteinen, die der Sortierung im TGN
manchmal entgehen, als secretion-recapture bezeichnet.
Der Abbau von M6P-Rezeptoren in Lysosomen wird
*
reguliert und in der Regel durch recycling vermieden. Das *
recycling der M6P-Rezeptoren erfolgt aus den späten Endo-
somen unter Mitwirkung eines spezifischen Adaptins,
TIP47. Dieses unterscheidet sich von den mit TGN assozi-
ierten. Es wird lokal in der MVB-Membran aktiviert (vgl.
. Abb. 6.19). Die M6P-Rezeptoren werden in tubulären
Apoptose
oder vesikulären Organellen zum Golgi-Apparat jedoch c
z.T. auch zur Plasmamembran transportiert. Die dynami-
. Abb. 6.20a–c. Sekretorische Lysosomen in cytotoxischen
sche Verteilung der M6P-Rezeptoren auf verschiedene
T-Lymphozyten. a Die durch Immunfluoreszenznachweis von Ka-
Kompartimente hängt von zusammengesetzten targeting- thepsin D (grün) markierten Lysosomen sind normalerweise entlang
Signalen ihrer cytosolischen Domänen ab. Sie können von der Mikrotubuli (rot) im Cytosol verteilt. b Bei Erkennung und Bindung
verschiedenen Adaptinen gebunden werden. Der Transport einer fremdartigen Zelle wird das Centrosom (rotes Aggregat) zur
des Inhalts der MVBs zu den Lysosomen wird durch eine Kontaktstelle verlagert. c Die lokalisierte Exozytose der sekretorischen
Lysosomen, die zur Abtötung der Zielzelle führt, erfolgt an der im-
temporäre Fusion (kiss and run) mit begrenztem Membran-
munologischen Synapse nach einer Migration der Lysosomen zu dem
austausch vermittelt. verlagerten Centrosom. (Aufnahmen und Modell: Jane C. Stinch-
combe und Gillian M. Griffiths.)
Lysosomen-ähnliche bzw. -verwandte Organellen. In ver-
schiedenen Zellen und in Thrombozyten kommen spezia-
lisierte Lysosomen und lysosomenähnliche (lysosome rela- bzw. Melanosomen mit Tyrosinase und Melanin gebildet.
ted) Organellen vor. In Leukozyten und Thrombozyten Die spezialisierten Organellen kommen parallel zu nor-
werden diese als Granula bezeichnet. In Tc Lymphozyten malen Lysosomen vor und enthalten die Zell-spezifischen
sind es sekretorische Lysosomen, die cytotoxische und sowie typisch lysosomalen Proteine. Die intrazelluläre
lytische Proteine, z.B. Perforin und Granzym-B, enthalten. Lokalisation und die Sekretion der Granula werden durch
Ähnlich werden in Typ II Pneumozyten und Melanozyten Transport entlang verschiedener Elemente des Cytoskeletts
Lamellarkörper mit dem Phospholipidkomplex surfactant und durch regulierte Fusion mit der Plasmamembran
6.2 · Organellen und Partikel
203 6

bestimmt. Nach einer spezifischen Erkennung von target- 6.2.9 Mitochondrien


Zellen bilden aktivierte Tc-Lymphozyten eine immuno-
logische Synapse, in derer Nähe unter Beteiligung des ! Mitochondrien sind von einer Doppelmembran um-
Rab27A-G-Proteins die sekretorischen Lysosomen an die schlossene Organellen, in denen die meisten Reak-
Plasmamembran angedockt werden (. Abb. 6.20). Nach- tionen des katabolen Stoffwechsels lokalisiert sind,
folgend kann es zu einer Exozytose kommen, derer ziel- das meiste ATP gebildet wird, jedoch auch gefährliche
sichere Ausrichtung für die Wirksamkeit des Angriffs un- Nebenprodukte des oxidativen Stoffwechsels.
verzichtbar ist. Dendritische Zellen und B-Lymphozyten
sind in der Lage den Inhalt der MVBs durch Exozytose frei- Mitochondrien produzieren den größten Teil des durch
zusetzen (7 Kap. 6.2.7). Ein weiteres Beispiel lysosomaler katabolen Stoffwechsel gewonnenen ATP. Sie kommen in
Exozytose findet sich bei aktivierten Osteoklasten (7 Kap. unterschiedlicher Zahl in allen sauerstoffverbrauchenden
24.7.1). Hier ermöglicht sie die Bildung von Salzsäure in den Geweben vor. Organe mit besonders hohem Substratdurch-
Resorptionsgrübchen. satz und Sauerstoffverbrauch verfügen über besonders viele
Während der Alterung kann in den Lysosomen nicht Mitochondrien. Beispiele hierfür sind die roten Muskel-
abbaubares Material, das aus modifiziertem Lipid und Pro- fasern, die Cardiomyozyten, Nervenzellen und einige Epi-
tein besteht und als Lipofuscin bezeichnet wird, akkumu- thelzellen. Mitochondrien enthalten in ihrer Innenmem-
lieren. Diese Akkumulation wird durch Nebenprodukte des bran (s.u.) die Enzymkomplexe der Atmungskette und
oxidativen Stoffwechsels, sog. ROS (reactive oxygen species, die mitochondriale ATP-Synthase, die den durch die At-
7 Kap. 6.2.8), beschleunigt. mungskette erzeugten elektrochemischen Gradienten über
Durch intralysosomale Hydrolyse entstehen verschie- der inneren Mitochondrienmembran zur ATP-Synthese
dene Stoffwechselintermediate, Aminosäuren, Monosac- nutzt (7 Kap. 15.1.3). In Mitochondrien werden sog. Eisen-
charide, Glycerin, Cholesterin und Fettsäuren sowie Sulfat- Schwefel-Komplexe hergestellt, die für den Bau der Aconi-
und Phosphat-Anionen. Um diese Hydrolyseprodukte dem tase sowie einiger Atmungskettenkomplexe und für die
Stoffwechsel wieder zuführen zu können, besitzen Lyso- Assemblierung von Ribosomen benötigt werden. Folgende
somen entsprechende Transportsysteme. Durch Fusion mit Aspekte der Mitochondrienstruktur verdienen besondere
späten Endosomen erhalten die lysosomalen Membranen Beachtung:
die V-ATPase, die für die Ansäuerung des Lumens benötigt 4 Bei elektronenmikroskopischer Betrachtung ultradün-
wird. Der intralysosomale pH-Wert von 4,5–5 entspricht ner Schnitte erscheinen Mitochondrien als runde oder
dem pH-Optimum der meisten lysosomalen Enzyme. ovale Organellen mit einer relativ konstanten Dicke von
Durch Verschmelzung und Abschnüren unter- und von- ca. 1 Pm und variabler Länge. Durch spezielle Intra-
einander wird die Zahl und Größe der lysosomalen Kom- vitalfärbungen können Mitochondrien auch in leben-
partimente reguliert und eine funktionelle Verteilung sowie den Zellen beobachtet werden (. Abb. 6.21a–b). Dabei
der Austausch von Enzymen gewährleistet. zeigt sich, dass sie eher langen Schläuchen als Ovalen
ähneln. Ihre Anordnung innerhalb der Zelle deutet auf
eine Verbindung mit den Mikrotubuli hin (7 Kap. 6.3.1).
6.2.8 Exosomen Innerhalb von Mitochondrien lassen sich folgende
Membranen bzw. Räume (. Abb. 6.22a,b) unterschei-
Durch Fusion von MVBs mit der Plasmamembran können den: Die mitochondriale Außenmembran ist relativ
die internen Vesikel dieser Organellen in den extrazellu- durchlässig für verschiedene Stoffwechselintermediate,
lären Raum abgegeben werden (. Abb. 6.13). Die frei- jedoch undurchlässig für gefaltete Proteine. Sie enthält
gesetzten Vesikel werden als Exosomen bezeichnet. Dies einen als TOM (transport complex of the outer mem-
geschieht besonders häufig in B-Lymphozyten sowie in brane) bezeichneten Proteinkomplex, der für den Im-
dendritischen Zellen. In die Membran der etwa 50–100 nm port nicht gefalteter Vorläufer der meisten mitochond-
großen Vesikel werden antigen-präsentierende MHC- rialen Proteine zuständig ist (7 Kap. 9.2.3)
Moleküle beider Klassen eingebaut. Ihre Aufgabe ist es, die 4 Zwischen der Außen- und der Innenmembran befindet
Proliferation antigenspezifischer T-Zellen zu stimulieren. sich der so genannte Intermembran- oder Zwischen-
Im Tierversuch wurde gezeigt, dass Exosomen dendriti- membranraum. In dem Intermembranraum sowie
scher Zellen die Eradikation von Tumoren auslösen kön- teils mit der Innenmembran assoziiert findet sich das
nen. Das HIV-1 und einige andere Viren knospen in den Hämprotein Cytochrom c. Bei Schädigungen der Au-
Innenraum von Endosomen und nutzen den vesikulären ßenmembran wird dieses in das Cytosol freigesetzt und
Transportweg der Exosomen zum Verlassen von Zellen, in löst die terminale Caspasen-abhängige Kaskade der
denen sie sich vermehrt haben. Apoptose (7 Kap. 7.1.5; 35.1) aus
4 Die mitochondriale Innenmembran ist ein stark ge-
faltetes Gebilde, dessen Einstülpungen als Cristae
bezeichnet werden. Diese Form bewirkt eine enorme
204 Kapitel 6 · Zelluläre Organellen, Strukturen und Transportvorgänge

a (7 Kap. 2.2.3) vor, das die optimale Funktion der Atmungs-


kettenkomplexe unterstützt. Sie enthält wahrscheinlich
kein Cholesterin. Die Phosphoglyceride Phosphatidylcho-
lin, Phosphatidylethanolamin und Cardiolipin kommen
in einem molekularen Verhältnis von 4:3:2 vor und stellen
ca. 90% der Membranlipide. Als Nebenprodukte des oxi-
dativen Stoffwechsels der mitochondrialen Membran ent-
stehen Radikale und ROS, reactive oxygen species, die an der
Pathogenese von Diabetes mellitus, Gefäßerkrankungen,
b Krebs und verschiedenen neurologischen Erkrankungen
sowie an der Alterung beteiligt sind. Entwicklungen zur
Prävention dieser Erkrankungen erfordern eine intensive
Erforschung der Bildung von ROS und ihrer Hemmung.

Evolution und Vererbung. Mitochondrien stammen von


6 prokaryoten Zellen ab, die in kernhaltige Zellen aufgenom-
men worden sind und später ihre Autonomie größtenteils
verloren haben. Diese sog. Endosymbiontenhypothese
. Abb. 6.21a,b. Mitochondrien in lebenden Zellen. Vitalfärbung
wurde auf Grund einer Reihe besonderer Merkmale der
mit dem Farbstoff Mitotracker™, der die »energisierte« innere Mem-
bran der Organellen sichtbar macht. a Normaler humaner Fibroblast. Mitochondrien und vergleichbarer Organellen entwickelt.
Fibroblasten enthalten, wie zahlreiche andere Zellen, lange Mitochon- Es sind die Vorkommen doppelter Membranen, ringför-
drien. b Teil eines Hautfibroblasten eines Myopathie-Patienten mit miger DNA (mDNA) sowie von Ribosomen, die denen der
unbekannter Ätiologie. In diesen Zellen kommen abnormale Mito- Prokaryonten ähneln. Mit der vollständigen Bestimmung
chondrien mit scheinbar gestörter Teilung vor. N = Nucleus. (Aufnah-
der Nucleotidsequenz der mitochondrialen DNA verschie-
men: Lorena Griparcic.)
dener Organismen und der Chromosomen einfacher Lebe-
wesen wurde die Hypothese stark unterstützt.
Flächenvergrößerung. Die Oberfläche der Innenmem- Die menschliche mDNA ist zirkulär und enthält 16.569
bran aus 1 g Leber beträgt mehr als 3 m2. Die Lipide und Basenpaare. Diese codieren für zwei Präkursoren-rRNAs
Proteine dieser Membran werden weiter unten näher mitochondrialer Ribosomen sowie für 22 zur mitochond-
beschrieben. Das in der Innenmembran am Proteinim- rialen Proteinbiosynthese benötigte tRNAs. Daneben
port beteiligte System wird als TIM (transport complex enthält die mDNA 13 Gene von Membranproteinen. Sie
of the inner membrane) bezeichnet codiert die schon erwähnten hydrophoben Untereinheiten
4 Die innere Membran schließt den Matrixraum ein. Hier der Enzymkomplexe I und III–V. Bei Säugern wird die
findet die Faltung und proteinolytische Reifung der mDNA in der Regel maternal vererbt. Somatische Zellen
importierten Proteine statt. In die Matrix werden die können hunderte, Eizellen tausende mDNAs enthalten.
Enzyme und Systeme des Abbaus von Keto-, Fett- und Dies wird als Polyplasmie bezeichnet. Normalerweise glei-
Aminosäuren, eines Teils der Hämbiosynthese und der chen sich die mDNAs; es liegt eine Homoplasmie vor. Zel-
Ammoniakentgiftung importiert. Außer dem katabolen len, in denen eine Mutation in der mDNA auftritt, werden
Stoffwechsel findet in der Matrix die Replikation, Trans- als heteroplasmisch bezeichnet (7 Kap. 6.2.12).
kription und die mitochondriale Proteinbiosynthese
statt. Diese ist für die Herstellung 13 stark hydrophober
Polypeptidbestandteile der Enzymkomplexe I und III–V 6.2.10 Peroxisomen
der mitochondrialen Innenmembran zuständig
4 Wenig strukturiert und von einer einfachen Membran
Die mitochondriale Innenmembran enthält die Kom- umschlossen sind die Peroxisomen (microbodies). Sie
plexe I–IV der Atmungskette und den Komplex V der oxi- haben typischerweise einen Durchmesser von etwa
dativen Phosphorylierung, den Redoxüberträger Ubi- 0,5 μm und kommen in den meisten Zellen vor. Die
chinon (7 Kap. 15.1.2), die Adeninnucleotidtranslokase und Membran stammt zumindest teilweise von der des
eine Reihe anderer Transportsysteme. Die mitochondriale ER ab, die meisten Proteine werden posttranslational
Innenmembran zeichnet sich durch ungewöhnliche Eigen- eingebaut bzw. importiert (7 Kap. 9.2.3). Diese Organel-
schaften aus. Sie ist selbst für die kleinsten Teilchen wie len sind für mehrere charakteristische peroxisomale
Hydroniumionen undurchlässig, verfügt über einen für Stoffwechselwege verantwortlich. Sie verfügen über
eine Membran außerordentlich hohen Proteinanteil von ca. die peroxisomale ß-Oxidation der Fettsäuren, die im
70% und weist eine charakteristische Lipidzusammen- Wesentlichen der Verkürzung besonders langkettiger
setzung auf. In der Innenmembran kommt Cardiolipin Fettsäure dient
6.2 · Organellen und Partikel
205 6

4 können das Oligoprenol Phytol durch eine initiale 4 P-bodies und Stress-Granula, perinucleär lokalisierte
D-Oxidation abbaufähig machen Partikel, in denen Speicherung, und Abbau von mRNA
4 sind an der Biosynthese der Ätherlipide, der Polypre- stattfinden
nole und der Gallensäuren beteiligt 4 vaults (engl. Bögen, Gewölbe), die größten bekannten
Ribonucleoproteinpartikel mit einer Masse von 13 MDa.
Peroxisomen katalysieren sauerstoffabhängige Substrat- Sie wurden erst 1986 entdeckt. Annahmen über ihre
oxidationen, z.B. die E-Oxidation langer Fettsäuren durch Funktion haben den Bereich des Spekulativen noch
die peroxisomale Acyl-CoA-Dehydrogenase (7 Kap. 12.2.1), nicht verlassen. Auffällig ist die Konservierung ihrer
in deren Verlauf in größeren Mengen Wasserstoffperoxid Struktur und ihre vermehrte Bildung in Tumorzellen
(H2O2) gebildet werden. Dieses wird durch eine ebenfalls in
Peroxisomen enthaltene Katalase abgebaut:
6.2.12 Pathobiochemie

Defekte der Kernlamina. Mutationen im Lamin-A-Gen


verändern die Morphologie der Zellkerne und verursachen
6.2.11 Intrazelluläre Partikel schwere Erkrankungen. Defekte des Lamin-A und seiner
posttranslationalen Modifikationen (Prenylierung und
Nicht-fibrilläre und membranfreie intrazelluläre Teilchen Abspaltung der C-terminalen Domäne) führen zur
werden als Partikel bezeichnet. Zu diesen makromoleku- Hutchinson-Gilford Progerie mit vorzeitiger Alterung
laren Komplexen zählen (Progerie). In der Regel erleiden die Kinder bereits in der
4 Centrosomen (7 Kap. 6.3.1) Pubertät einen Herzinfarkt oder Schlaganfall.
4 mehrere Arten von hohlen Proteinpartikeln, die an
der Faltung neu synthetisierter Proteine (Chaperonine, Chylomikronenretention und Anderson’sche Krankheit.
7 Kap. 9.2.1) und am Abbau modifizierter Proteine Bei Gesunden werden Vorläuferformen von Chylomikro-
(Proteasomen, 7 Kap. 9.3.5) beteiligt sind nen im RER aus Phospholipiden, dem ApoB48 und anderen
4 Apoptosomen, heptamere propellerförmige Komplexe, Apolipoproteinen gebildet. Im SER werden weitere Lipide
die mit ihrem Nabenteil Dimere von Procaspase-9 eingebaut bis ausgereifte Chylomikronen in COPII Vesikel
binden und durch Cytochrom c aktiviert werden verpackt und zum Golgi-Apparat transportiert werden
4 Exosomen, kleine ringförmige Partikel mit 3c-Exoribo- können. Die Verpackung wird von Sec12- und Sar1b-
nucleaseaktivität, die sich im Kern und im Cytosol be- Proteinen initiiert. Verschiedene Defekte des Letzteren
finden (und nicht mit den gleichnamigen, im 7 Kap. 6.2.7 stören die Absorption von Lipiden und fettlöslichen Vi-
beschriebenen extrazellulären Vesikeln zu verwechseln taminen und führen zu einer Chylomikronenretention in
sind), und funktionsuntüchtige oder nicht mehr be- den Enterozyten und somit intestinaler Verfettung mit
nötigte mRNA-Moleküle abbauen niedrigem Blutcholesterinspiegel.
4 Inflammasomen, die beispielsweise in Makrophagen
in Anwesenheit von Harnsäurekristallen bei Gicht ak- Defekte der down-Regulation von Rezeptoren und Hor-
tiviert werden. Es, handelt sich um Proteinkomplexe, monen. Mutationen in den Prolin-Tyrosin-Motiven des
die die Caspase-1 und proinflammatorische Cytokine epithelial Na+-channel ENaC wurden als eine Ursache des
aktivieren, sowie Liddle Syndroms erkannt. Die Mutationen verhindern
4 Glycogen (7 Kap. 11) Ubiquitinylierung, Endozytose sowie den Abbau und damit
die physiologische down-Regulation des Transporters in
Von besonderer Bedeutung sind Ribonucleoproteinpar- distalen Nephronabschnitten. Zu den Symptomen dieser
tikel wie schweren, monogenen autosomal-dominant vererbten Er-
4 Polysomen und ribosomale Untereinheiten (7 Kap. 9.1.4f) krankung zählen Hypertonie und Kaliumverlust. Der
4 SRP, das signal recognition particle, das an der Bio- ENaC-Transporter kann durch Amilorid gehemmt werden,
synthese von membranständigen und sekretorischen das in der Therapie des Syndroms Anwendung findet.
Proteinen im RER beteiligt ist (7 Kap. 9.2.2)
4 SnRNP’s und snoRNP’s, small nuclear bzw. small Intrazelluläre Wirkung bakterieller Toxine. Zahlreiche
nucleolar RNP’s, (7 Kap. 6.2.1), die für das Spleißen der Toxine pathogener Bakterien, z.B. das Pertussistoxin, bin-
hnRNA (heterogenene nucleäre RNA) bzw. die Modi- den mit einer Untereinheit (B) an die Plasmamembran,
fikation der rRNAs benötigt werden (7 Kap. 5.5, 8.3.4) wonach die wirksame Komponente (Untereinheit A) in das
4 mRNA-Granula, die den Transport spezifischer Cytosol transloziert und dort aktiv wird. Bei mehreren
mRNA’s zum Ort der Proteinsynthese in bestimmten Toxinen kommt es nach einer spezifischen Bindung zu-
Zellarealen z.B. in dendritischen Synapsen mittels Kine- nächst zur Endozytose der Oligomere. Die Toxine nutzen
sinen ermöglichen die vesikuläre Transportmaschinerie der Zellen aus. Sie er-
206 Kapitel 6 · Zelluläre Organellen, Strukturen und Transportvorgänge

reichen Endozytosekompartimente und eventuell dringen Defekte lysosomaler Kompartimente. Defekte der intra-
sie retrograd bis ins ER ein. Die aktiven Untereinheiten des zellulären Lokalisierung lysosomaler Organellen kommen
Diphtherie- und des Anthraxtoxins werden aus den frühen bei Chediak-Higashi und Griscelli Syndromen aufgrund
bzw. späten Endosomen, die von Shiga- und Choleratoxin von Mutationen des Transportregulatorproteins LYST bzw.
aus dem ER in das Cytosol transloziert. Die Bindung des des Rab27A-G-Proteins vor. Sie beeinträchtigen die Bil-
Choleratoxins an sein Substrat, die D-Untereinheit des Gs- dung und Funktion lysosomenähnlicher Organellen in
Proteins (7 Kap. 23.3.4, 25.6.2), ist von GTP-Formen einiger spezialisierten Zellen, beispielsweise Leukozyten und Me-
Arf-G-Proteine (7 Kap. 6.2.4) abhängig. Die am vesiku- lanozyten. Folgen sind Störungen des Immunsystems und
lären Transport beteiligten Arf-Proteine, die von den Pa- der Pigmentation. Die Bedeutung des AP3-Adaptins für
thogenen für ihre Zwecke gebraucht werden, verdanken den Transport einiger lysosomaler Membranproteine (aus
ihren Namen der Aufklärung der Wirkungsweise der TGN zu späten Endosomen) wird durch Mutationen dieses
Toxine. Die clostridialen Neurotoxine Tetanus- und Botu- Adaptins verdeutlicht, die zu den Ursachen des Hermansky-
linumtoxin bestehen aus sog. schweren und leichten Ket- Pudlak Syndroms (thrombozytäre hämorrhagische Dia-
ten. Die schweren sind für Bindung, Endozytose und these und Albinismus) gehören. Eine Folge der Defekte der
Membranpennetration, die leichten für die eigentliche genannten Proteine ist eine Immundefizienz aufgrund
6 toxische Wirkung verantwortlich. Diese Neurotoxine sind von Störungen der Wanderung sekretorischer Lysosomen
Zn2+-Metalloproteinasen, die das v-SNARE-Protein Synap- zur immunologischen Synapse (AP3-Defekte) und ihrer
tobrevin (7 Kap. 31.2.3) spalten und in Folge dessen die Anheftung an die Plasmamembran oder ihrer Exozytose
Exozytose synaptischer Vesikel blockieren. (Rab27A- bzw. LYST-Protein-Defekte).
Bis heute wurden etwa 40 sog. lysosomale Speicher-
Extrazelluläre Wirkung bakterieller Toxine. Staphylococcus krankheiten beschrieben, die mit einer kumulativen Häu-
aureus bildet ein exfoliatives Toxin, das großflächige Blasen figkeit von etwa 1:7000 Geburten vorkommen. Infolge des
in der Haut verursacht (Pemphigus vulgaris). Es handelt Fehlens jeweils eines spezifischen lysosomalen Enzyms,
sich um eine Proteinase, die eine Peptidbindung innerhalb Aktivatorproteins oder Transportproteins (. Tabelle 6.5)
der calciumbindenden Domäne des Desmoglein-1 spaltet kommt es zur Störung des Abbaus in Lysosomen bzw. des
und so Desmosomen und die Integrität der Epidermis Transports von Abbauprodukten in das Cytosol. So füh-
schädigt. ren die Lipidspeicherkrankheiten zur Ablagerung nicht
mehr weiter abbaubarer Sphingolipide v.a. im Zentralner-
Die erworbenen Formen der epithelialen und epithelial- vensystem, der Leber und den peripheren Makrophagen.
mesenchymalen Blasenbildung. Verschiedene Viren (Her- Beim Morbus Gaucher ist die Aktivität der sauren E-Glu-
pes, Varicella, Coxsackie), Medikamente oder Autoantikör- cosidase (Glucocerebrosidase) stark vermindert. Diese
per können in Epithelien an unterschiedlichen Stellen durch Erkrankung kann durch eine Substitutionstherapie (en-
eine Lockerung von Verbindungen zwischen benachbarten zyme replacement therapy, ERT) mit dem fehlenden Enzym
Zellen oder zum Bindegewebe eine Blasenbildung verur- behandelt werden. Um eine gezielte Endozytose in Makro-
sachen. Betroffen sein können verschiedene cutane, muko- phagen, die Mannoserezeptoren stark exprimieren, zu för-
cutane und muköse Areale und letztendlich fast alle an dern muss es mit Oligomannosid-Seitenketten versehen
Adhäsion und Matrixaufbau beteiligten Moleküle. Viele werden. Aufgrund des natürlichen Abbaus des endozy-
Beispiele finden sich beim bullösen Pemphigoid (BP). Die tierten Enzyms muss die Substitution regelmäßig fortge-
Patienten bilden Autoantikörper gegen hemidesmosomale setzt werden.
Proteine z.B. das BP180 (identisch mit Kollagen-XVII) oder Cholesterin ist in den Lysosomen nicht abbaubar und
Integrin-D6ß4. Die Blasenbildung ist hier zwischen dem wird nichtvesikulär zum ER und zur Plasmamembran
Epithel und der Basalmembran lokalisiert. Die hereditären transportiert. Für diesen Transport werden auf der lumi-
Formen epidermolytischer Krankheiten, Epidermolysis nalen Seite und in der Membran der MVBs und der Lyso-
bullosa simplex, werden im 7 Kap. 24.8.5 behandelt. somen die NPC1- und NPC2-Proteine benötigt. Defekte
dieser Proteine führen zur Niemann-Pick’schen Erkran-
Defekte nichtepithelialer Integrine. Bei Glanzmann’scher kung Typ C (NPC1 bzw. NPC2). Dabei kommt es zu einer
Thrombasthenie ist die Fähigkeit aktivierter Plättchen Speicherung von Cholesterin (. Abb. 6.1i–k) und Sphingo-
Fibrinogen zu binden gestört und die Blutungszeit stark lipiden in lysosomalen Kompartimenten. Betroffen ist ins-
verlängert. Dies ist eine Folge von Defekten des Fibrino- besondere das ZNS, in dem normalerweise etwa 20% des
genrezeptors DIIbE3-Integrin. Defekte der E2-Integrine gesamten Cholesterins vorkommen. Gestört ist auch die
beeinträchtigen die Extravasation von Leukozyten in in- Synthese von Neurosteroiden und es kommt zu schwerwie-
fizierte Gewebe und verursachen die Typ I Leukozyten- genden, progredrienten neurologischen Defekten.
adhäsionsdefizienz (LAD I), die klinisch durch häufige Eine andere Ätiologie haben die bei einigen Mukopoly-
und kaum beherrschbare bakterielle Infektionen charak- saccharidosen auftretenden neuronalen Defekte. Mukopo-
terisiert ist. lysaccharidosen führen zur Speicherung von Glycosamino-
6.3 · Cytoskelett
207 6

glykanen. In der Regel werden sie durch einen Mangel der Mitochondriale Defekte. Die Heteroplasmie der mDNA,
entsprechenden Hydrolasen verursacht. Das klinische Bild ob vererbt oder neu aufgetreten, hat zunächst keinen Ein-
ist häufig von schweren Skelettdeformitäten und Defiziten fluss auf die Leistungsfähigkeit der Zellen. Mit zuneh-
der Sinnesorgan- und/oder der Gehirnfunktionen geprägt. mendem Alter des Trägerorganismus, d.h. in Folge zahl-
Verhaltungsstörungen, progrediente corticale Neurode- reicher Replikationsrunden der mDNA, kann es zu einer
generation und Demenz sind für die Sanfilippo Erkran- progredienten Erhöhung des Anteils mutierter mDNAs
kungen typisch, bei denen der Abbau von Heparansulfat kommen. Dies führt letztlich zu Funktionsstörungen von
(. Tabelle 6.5) gestört ist. Eine weitere, schwere lysosomale Geweben, die auf einen ATP-Mangel besonders empfind-
Speicherkrankheit ist die zu den Mukolipidosen zählende lich reagieren, z.B. dem Nervus opticus. Bei der Leber’schen
»I-cell disease«. Zugrunde liegt eine Störung der Bildung hereditären optischen Neuropathie, LHON, bei der eine
von M6P-Resten in lysosomalen Hydrolasen. In den mesen- Mutation im Gen eines Polypeptids des Komplexes I
chymalen Geweben der Patienten fehlen nahezu alle lyso- vorliegt, kommt es zur Erblindung im mittleren Alter.
somalen Hydrolasen. Diese finden sich in erhöhter Kon- Für die Teilung der Mitochondrien wird ein kerncodiertes,
zentration im Blutplasma der Patienten. Die Bezeichnung mit Dynamin (7 Kap. 6.2.6) verwandtes Protein benötigt.
der Krankheiten leitet sich vom Erscheinungsbild der Seine Defekte verursachen ebenfalls eine Schwächung des
Zellen ab, die zahlreiche mit unverdautem Material gefüllte, N. opticus und schließlich die Erblindung der Betroffenen.
als Inklusionen bezeichnete, Lysosomen enthalten. Cha- Neurodegenerative Prozesse mit mitochondrialer Patho-
rakteristische Symptome sind Bindegewebsdefekte mit genese, z.B. in Folge von andauerndem oxidativen Stress
groben Gesichtszügen, Gingivahyperplasie, Corneatrü- oder chronischer Pflanzenschutzmittel-Exposition (die
bung, Skelettdeformitäten, Kardiomegalie, motorische aktive Komponente Rotenon ist ein Hemmstoff des
Störungen und mentale Retardierung. Die Erkrankung Komplex I) werden als eine Ursache des erworbenen
ist progredient und führt zum Tod der Patienten vor dem M. Parkinson diskutiert. Weitere mitochondriale Defekte
8. Lebensjahr. in 7 Kapitel 15.4.

In Kürze
Zellen enthalten zahlreiche Organellen und Partikel. Au- bolen Kompartimenten bilden, die untereinander und
ßer der Plasmamembran, über die Kontakte und ein Aus- mit dem extrazellulären Raum über ein vielstufiges,
tausch von Signalen und Stoffen mit der Umgebung statt- aus Vesikeln und Tubuli bestehendes System Lipide,
finden, besitzen sie Proteine und komplexe Makromoleküle austauschen
4 den Zellkern, in dem die Erbmasse lokalisiert ist und und dadurch an der Erneuerung, am Wachstum und
die regulierte Transkription der Gene und die Syn- der Produktion der extrazellulären Matrix sowie der
these ribosomaler Untereinheiten erfolgt Kommunikation mit der Umgebung teilnehmen und
4 das endoplasmatische Retikulum, den Golgi-Apparat 4 Mitochondrien und Peroxisomen, in denen der größte
und Lysosomen, die ein System von ana- und kata- Teil des oxidativen Stoffwechsels stattfindet

6.3 Cytoskelett 4 intermediäre Filamente (10 nm), die aus verschiede-


nen zelltypspezifischen Intermediärfilament-Pro-
Schon im vorletzten Jahrhundert wurde heftig diskutiert, teinen bestehen
ob Zellen über ein Cytoskelett und damit über ein struktu-
riertes Cytoplasma verfügen. Lange hielt man die gelegent- Die dicken und dünnen Filamente werden als Mikrotubuli
lich in mikroskopischen Schnitten beobachteten faser- bzw. F-Aktin, die intermediären Filamente speziell in
artigen Strukturen für Fixierungsartefakte. Seit mehreren Keratinozyten als Tonofilamente bezeichnet.
Jahrzehnten weiß man v.a. aufgrund immunhistochemi-
scher Untersuchungen (. Abb. 6.23), dass alle eukaryoten
Zellen über ein sehr genau strukturiertes und dynamisch 6.3.1 Mikrotubuli
organisiertes Cytoskelett verfügen. Es ist an wichtigen zell-
biologischen Phänomenen, wie der Zellteilung, der Form- ! Mikrotubuli bestimmen die Form der Zellen und sind
erhaltung von Zellen, der Zellmotilität und der Zellpolarität zusammen mit Motorproteinen für die Zellteilung, die
beteiligt. Verteilung von Organellen zwischen dem Zentrum und
Grundelemente des Cytoskeletts (. Tabelle 6.6) sind der Peripherie sowie die Bewegung ganzer Zellen oder
4 dicke Filamente (24 nm), die aus Tubulin der umgebenden Flüssigkeit unverzichtbar.
4 dünne Filamente (7–9 nm), die aus Aktin und
208 Kapitel 6 · Zelluläre Organellen, Strukturen und Transportvorgänge

6
. Abb. 6.22a,b. Ein Querschnittbild und ein Modell der Kom- Falten der inneren Membran entstehen oder mit dieser durch tubuläre
partimentierung von Mitochondrien. a Transmissionselektronen- Gebilde verbunden sind. AM = Außenmenbran; IM = Innenmembran;
mikroskopische Aufnahme eines Schnitts aus einem fixierten Herz- IMR = Intermembranraum; C = Cristae; G = elektronendichte Granula,
muskelpräparat. Charakteristisch für die Herzmuskelmitochondrien wahrscheinlich Calciumspeicher; ICR = Intercristaeraum; MR = Matrix-
ist die hohe Dichte der Cristae. Vergrößerung 26.000:1. b Schema- raum. Die roten bzw. grünen Symbole markieren die Lokalisierung
tische Darstellung und Ausschnittsvergrößerung des Aufbaus eines von Cytochrom c bzw. F1-ATP-Synthase (7 Kap. 15.1) (Aufnahme:
Mitochondriums. Unklar ist, ob die Cristae, wie hier dargestellt, durch Elmar Siess (a).)

Als Mikrotubuli bezeichnet man die in allen eukaryoten körper) oder konstant bleiben. In diesem Fall sind beide
Zellen vorkommenden röhrenförmigen dynamischen Ele- Reaktionen gleich schnell und die in den Mikrotubuli in-
mente von 24 nm Durchmesser. Ihre Länge ist sehr varia- tegrierten Dß-Dimere entfernen sich vom Minus- Richtung
bel. Wie aus . Abb. 6.24b hervorgeht, bestehen sie aus zwei Plus-Ende. Dieses Gleichgewicht wird als treadmilling
globulären Proteinen, dem D-Tubulin und dem ß-Tubulin bezeichnet. In abgelösten Dß-Dimeren wird das GDP der
(MW jeweils ca. 50 kDa), die durch eine GTP-abhängige ß-Untereinheit rasch gegen GTP ausgetauscht. Die Dimere
Di- und Oligomerisierung αβ-Dimere und längere Proto- können dann wieder in Mikrotubuli eingebaut werden
filamente ausbilden. Je 13 bis 15 Protofilamente fügen sich (. Abb. 6.24c).
durch laterale Kontakte zu einem Zylinder, dem Mikro- Sinkt die Temperatur auf 4°C ab, zerfallen die Mikro-
tubulus, zusammen (. Abb. 6.24a). Aufgrund der Kopf- tubuli in ihre Untereinheiten. In Anwesenheit von GTP
Schwanz-Anordnung der Untereinheiten in den Protofila- können nach Erwärmung neue Mikrotubuli gebildet wer-
menten weisen die Mikrotubuli eine Polarität auf. Am Plus- den. Die Halbwertszeit eines Mikrotubulus in vitalen Zellen
Ende kann durch Anlagern von Dß-Dimeren ein Wachstum liegt bei etwa 10 Minuten, während die des Tubulins mehr
stattfinden, während am Minus-Ende ein Abbau statt- als 20 Stunden beträgt. Die räumliche Organisation wird
findet. Am Plus-Ende enthalten beide Untereinheiten je ein durch Mikrotubuli-assoziierte Proteine (MAP’s) gewähr-
GTP-Molekül, am Minus Ende liegt in der ß-Untereinheit leistet. So sichern das MAP2 und die W-Proteine eine breite
das GDP vor. In den meisten Zellen ist das Minus-Ende bzw. enge Bündelung der Mikrotubuli, die für die Aus-
dadurch stabilisiert, dass es mit einem als Centrosom (7 u.) bildung und Funktion von Axonen und Dendriten von
bezeichneten Cytoskelett-Organisationszentrum assoziiert. Bedeutung ist. Diese Organisation stabilisiert die Mikro-
Es liegt im Allgemeinen im Zentrum der Zelle in der Nähe tubuli und begünstigt den Transport synaptischer Vesikel.
des Zellkerns. Im Organisationszentrum befindet sich auch
J-Tubulin, das sowohl an der Stabilisierung der Minus- Centriolen und Organisation der Mikrotubuli. Centriolen
Enden sowie am Aufbau neuer Mikrotubuli beteiligt ist. bestehen aus neun zirkulär angeordneten dreifachen Mikro-
Eine rasche (catastrophic) Depolymerisierung der Mikro- tubulusbündeln (9×3-Muster) und wirken als Zentren des
tubuli am Plus-Ende findet statt, wenn es zur Hydrolyse Aufbaus der Mikrotubuli. In den Bündeln finden sich etwa
von GTP am endständigen ß-Tubulin kommt. Mikrotubuli 0,5 μm lange Mikrotubuli, die entlang ihrer Längsseiten
sind sehr dynamisch. Ihre Gesamtlänge kann sich ändern fusioniert sind. In d.R. befinden sich zwei zueinander senk-
(beispielsweise kommt es in wachsenden Axonen zu einer recht angeordnete Centriolen in einem als Centrosom
Verlängerung indem die Polymerisation am Plus-Ende der bezeichneten Zentrum (MTOC, Microtubule organisation
Axone schneller erfolgt als die Depolymerisation im Zell- center). In dessen Matrix, einem scheinbar wenig struktu-
6.3 · Cytoskelett
209 6

. Abb. 6.23a–d. Darstellung wichtiger Elemente des Cytoskeletts Das wabige Flechtwerk der Filamentbündel erstreckt sich über das
durch Immunfluoreszenz-Mikroskopie. a Darstellung von Mikro- Cytoplasma bis zu Desmosomen, in denen die Filamente verankert
tubuli in einer kultivierten Rinderlinsen-Epithelzelle mit Tubulin- sind. Gesamtvergrößerung 500:1. c Darstellung von Aktinfilamenten
Antikörpern. Die flexiblen Mikrotubuli erstrecken sich meist radiär in kultivierten glatten Muskelzellen mit Aktin-Antikörpern. Die an-
vom Kern zur Peripherie. Gesamtvergrößerung 540:1. b Darstellung gespannten Aktinfilamentbündel entsprechen den Stressfilamenten.
von Intermediärfilamenten des für Epithelzellen charakteristischen Gesamtvergrößerung 350:1. d Spindelapparat von Caenorhabditis
Cytokeratin-Typs in einer vierzelligen Kolonie kultivierter mensch- elegans während der Anaphase. (Aufnahmen: Werner Franke (a–c)
licher Leberkarzinomzellen (Linie PLC) mit Cytokeratin-Antikörpern. und Tony Hyman (d).)

rierten perizentriolären Material, nehmen die Mikrotubuli werden die Paare getrennt und die in den Kinetochoren
mit den Minus-Enden ihren Ausgang. Strahlenartig an- verankerten Mikrotubuli an beiden (!) Enden verkürzt.
geordnet verbinden sie das Zentrum mit der Peripherie Weitere Mikrotubuli sowie Motorproteine (7 u.) sind für
(. Abb. 6.12 und 6.23a). Die Plus-Enden der Mikrotubuli das Auseinanderdriften der Pole zuständig. An der Re-
befinden sich beispielsweise an den Enden der Axone neu- organisation der Mikrotubuli beim Aufbau des Spindel-
ronaler Zellen. In tierischen Zellen wird zu Beginn einer apparats sind Ran-G-Proteine beteiligt, die während der
Zellteilung (Mitose) das Centriolenpaar verdoppelt. An- Interphase den Transport durch die Zellkernporen steuern
schließend wandern die Paare zur Zellperipherie und bil- (7 Kap. 6.2.1).
den den Spindelapparat bzw. seine Pole. Der Apparat ent-
steht durch einen umfangreichen Umbau der Mikrotubuli. Motorproteine. Mikrotubuli spielen eine wichtige Rolle
Er wird benötigt um die Chromosomenpaare (Chroma- bei der räumlichen Verteilung von Organellen sowie
tiden) nach ihrer Replikation aufzuteilen und die Chromo- dem Organellentransport (. Abb. 6.25). Eine besondere
somen an die Pole zu verteilen. Die zentralen Einschnü- Bedeutung haben die dicken (Mikrotubuli) und dünnen
rungen der Chromosomen, die Centromeren, sind mit den (F-Aktin-)Filamente (s.u.) beim intrazellulären Vesikel-
Plus-Enden der Mikrotubuli über sog. Kinetochoren ver- transport, z.B. bei der Endo- und Exozytose sowie dem
bunden. Sind alle Chromatiden mit den Polen verbunden, axo- und dendroplasmatischen Transport. Für die Bewe-
210 Kapitel 6 · Zelluläre Organellen, Strukturen und Transportvorgänge

. Abb. 6.24a–c. Struktur von Mikrotubuli und Mechanismus nen diese Bausteine am Plus-Ende in den Mikrotubulus eingebaut
6 ihrer polaren Verlängerung bzw. Verkürzung. a Kryoelektronen- werden. Mittels einer dem E-Tubulin eigenen GTPase Aktivität wird
mikroskopische Darstellung eines Segments eines aus 15 Protofila- GTP zu GDP (orange) langsam gespalten. Die GDP-haltigen Dimere
menten bestehenden Mikrotubulus. Rot umrahmt ist ein aus D- und tendieren dazu, die Filamente nach außen zu krümmen, können dies
E-Untereinheiten bestehender Grundbaustein. b Kristallographische jedoch nur am Minus-Ende bewirken. Von den auseinander driftenden
Modelle von D- (grün) und E-Tubulin (blau) mit gebundenem GTP Filamentenden lösen sich die Dimere ab. Durch raschen Austausch
(magenta) bzw. GDP (rot), die in das im Paneel a gezeigte Tubulinmo- von GDP gegen das cytosolische GTP stehen die meisten Dimere für
dell eingepasst worden sind. Das hellblaue Netzwerk stellt die Elektro- die Verlängerung des Plus-Endes zur Verfügung. Die Gesamtlänge der
nendichte des Mikrotubulus dar. c Modell der Depolymerisierung und Mikrotubuli ändert sich nur dann, wenn die Polymerisierung am Plus-
Polymerisierung. D-Tubulin bindet GTP und bildet stabile Hetero- Ende schneller oder langsamer erfolgt als die Depolymerisierung am
dimere mit E-Tubulin aus. Durch Bindung von GTP (magenta) an das Minus-Ende. Die im Tubulus eingebauten Dimere entfernen sich vom
E-Tubulin wird die Konformation der Dimere geändert. Danach kön- Plus- und nähern dem Minus-Ende

gung entlang der dicken Filamente sind chemomechanische


ATPasen der Proteinfamilien der Kinesine (45 Mitglieder)
und Dyneine (je ein Vertreter dieser Familie ist im Cytosol
bzw. in Cilien am cargo-Transport, viele an der ciliären
Bewegung beteiligt) und entlang dünnen Filamente ver-
schiedene Myosine (s.u.) zuständig. Direkt oder mit Hilfe
von Adaptorproteinen können diese Motorproteine mit
Organellen oder Partikeln beladen werden und zielgerich-
tet an den Filamenten entlang wandern. Die Kinesine be-
wegen sich in 8 nm-Schritten, jeweils das nächste E-Tubu-
lin bindend, Richtung Plus-Ende der Mikrotubuli. Sie ar-
beiten prozessiv, d.h. die Bindung an E-Tubulin wird nicht
gelöst, bevor die zweite Motordomäne gebunden wurde.
Für diese komplexen Aufgaben stehen diverse Transport- . Abb. 6.25a,b. Kinesin und intrazellulärer Vesikeltransport.
systeme zur Verfügung. In Neuronen katalysieren Kinesine a Domänenstruktur des Motorproteins Kinesin. Es besteht aus jeweils
den vesikulären Transport aus dem TGN zu peripheren zwei leichten und zwei schweren Polypeptidketten. Die schweren
enthalten eine Myosin-ähnliche Domäne, die ATP und Tubulin binden
Loci in Axonen und Dendriten, Dyneine dagegen den kann, sowie lang gestreckte D–helicale Sequenzen. Untereinander
retrograden Transport in Axonen. Unverzichtbar für Neu- bilden diese eine doppelhelicale coiled-coil-Domäne, deren Enden
rone ist der Transport von Mitochondrien in bzw. aus zusammen mit den leichten Ketten zwei weitere Domänen ausbilden,
Nervenendigungen. An ihm sind mehrere Kinesine sowie die für die Bindung der Fracht zuständig sind. b Die Motorproteine
(retrograd) das Dynein beteiligt. Kinesine transportieren Kinesin und Dynein binden Organellen mittels Adaptorproteinen und
transportieren die Fracht zum Plus- bzw. zum Minus-Ende (7 Kinesin-
auch verschiedene mRNA-Granula sowie AMPA-Glutamat- Modell-Video: auf www.lehrbuch-medizin.de). LK = leichte Kette;
rezeptorvesikel in Dendriten und Vesikel in Axone. Die SK = schwere Kette der Kinesinmoleküle
Spezifität des Eintritts in verschiedene Fortsätze der Neu-
rone wird intensiv untersucht.
Der axonale Kinesin-vermittelte Transport (. Abb. 6.25)
erfolgt mit einer Geschwindigkeit von bis 2 μm/s. Das ent-
spricht 0,2 m/Tag bzw. pro Sekunde dem 30-fachen des
6.3 · Cytoskelett
211 6

Cilien/cm2. Flimmerepithel kommt in den Atemwegen und


im Eileiter vor und dient der Bewegung von Schleim und
Partikeln bzw. Eizellen. In den dreißiger Jahren des 19. Jahr-
hunderts beobachteten Jan Evangelista Purkinje und
Gabriel Gustav Valentin Cilien an Froschembryonen sowie
Epithelien höherer Tiere. Zum Erstaunen der Zeitgenossen
berichteten der Breslauer Physiologie- und Pathologieor-
dinarius und sein Schüler, dass die Bewegung der Cilien
auch nach dem Tod des Organismus weiterläuft. Der asyn-
chrone Tod der Zellen eines Organismus ist ein Fundament
der Transplantationsmedizin geworden.
Geißeln sind lange Cilien, die einzeln auf der Zellober-
fläche vorkommen und der Bewegung der Zelle (Spermium,
einzellige Organismen) dienen. Bei menschlichen Sper-
mien sind sie etwa 60 μm lang. Als Flagellen werden die
Bewegungsapparate von Bakterien bezeichnet. Im Unter-
schied zu Geiseln, bzw. Cilien, ragen die Flagellen als be-
sondere Strukturen durch die Plasmamembran und die
Zellwand. Sie wirken als Propeller und werden durch einen
Motorkomplex in Bewegung gesetzt, der in der Plasma-
. Abb. 6.26a,b. Aufbau und Funktion einer Flimmerepithelcilie. membran verankert ist.
a Querschnitt durch eine Cilie. Man erkennt ein 9×2+2-Muster aus
9 äußeren Mikrotubulusdoubletten sowie zwei innere Mikrotubuli.
Diese sind durch Speichenproteine flexibel miteinander verknüpft.
6.3.2 Aktinfilamente
Zwischen den äußeren Mikrotubulusdoubletten (A–B) wird durch
Dyneinarme und Nexin eine Verbindung hergestellt. b Die in Cilien
vorkommende dreiköpfige Dyneinform ist mit dem A-Tubulus einer ! Aktine sind zusammen mit den Mikrotubuli und ande-
Doublette fest verbunden. Die Interaktion mit dem B-Tubulus der ren Proteinen für die Form und Bewegung der Zellen
benachbarten Doublette ist ATP-abhängig. Eine koordinierte Aktivie-
sowie subzellulärer Organellen zuständig.
rung des Dyneins entlang der Cilie führt zu einer sich wellenartig
fortpflanzenden Zugkraft bzw. zu einer vorübergehenden Verbie-
gung. Wichtig ist die Fixierung an der Basis der Cilie Die »dünnen« Filamente (F-Aktin, . Abb. 6.27) sind am
Aufbau der kontraktilen Elemente verschiedener Muskel-
zellen, an der Motilität (der Bewegung von Zellen) sowie
Durchmessers des transportierten Vesikels. Dynein enthält am Transport von Organellen und Partikeln beteiligt. Für
sechs sog. AAA-Module, von denen vier ATP binden kön- Transportzwecke stellen sie unabhängig von den Mikro-
nen. Nur eines dieser Module wirkt als chemomechanischer tubuli ein zweites »Schienennetz« zur Verfügung. Aktin
Transduktor. Die anderen drei spalten das ATP nicht, son- kommt in sehr hohen Konzentrationen sowohl in musku-
dern steuern die Leistung in Abhängigkeit von der Belas- lären als auch in nicht-muskulären Zellen vor. So bestehen
tung durch die Fracht. Bei geringer Belastung können bis zu etwa 10% des Gesamtproteins von Fibroblasten aus Aktin.
32 nm lange Schritte geleistet werden. Als wäre das Dynein Im humanen Genom existieren 6 Aktin-Gene. Ihre Struk-
mit einem automatischen Getriebe ausgestattet, kann es bei tur weist auf eine starke Konservierung hin, da sich ihre
hoher Last seine Schritte bis auf 8 nm verkürzen. Aminosäuresequenzen in nur 1% voneinander unter-
Cilien sind bis 10 μm lange haarähnliche Gebilde, die scheiden. Vier der Gene (α1–α4) werden in verschiedenen
auf der Oberfläche spezialisierter Epithelzellen vorkom- Muskeln, die anderen zwei, β und J, in den übrigen Ge-
men. In der Peripherie finden sich im Querschnitt 9 Dop- weben exprimiert. In nicht-muskulären Zellen besteht ein
peltubuli, im Zentrum 2 einfache Mikrotubuli (. Abb. 6.26a). dynamisches Gleichgewicht zwischen monomerem und
Die Basis enthält in der Peripherie Dreifachtubuli und im polymerem Aktin.
Zentrum keine, d.h. die Struktur der Cilienbasis entspricht F-Aktin-Filamente bestehen aus zwei verdrillten Ketten
der von Centriolen. Sie ist in sog. Basalkörpern verankert. globulärer G-Aktin-Untereinheiten. Der Aufbau der Aktin-
Die Bahnen der Cilienspitzen sind planar oder kreisförmig. filamente im Cytoskelett entspricht dem im kontraktilen
Ihre Bewegung kommt durch lokale zwischen den Tubu- Apparat der quer gestreiften Muskelzellen (7 Kap. 30.2.2).
lusdubletten ausgeübte Zugkräfte zustande. Diese werden Die Polymerisierung der Untereinheiten erfolgt in Abhän-
von einer mit drei Greifarmen ausgestatteten Form der gigkeit von ATP sowie Mg2+- und K+-Ionen und wird von
ATPase Dynein erzeugt (. Abb. 6.26b). Besonders ein- vielen Proteinen, u.a. von Profilin und Thymosin (. Tab. 6.6),
drucksvoll ist die koordinierte Bewegung der Cilien (Kino- gesteuert. Profilin bindet das mit ATP komplexierte mono-
cilien) des sog. Flimmerepithels mit einer Dichte von 109 mere Aktin und ermöglicht seine Anlagerung an das Plus-
212 Kapitel 6 · Zelluläre Organellen, Strukturen und Transportvorgänge

Ende von F-Aktin. Hier erfolgt die Verlängerung schneller


als die Dissoziation. Das Plus-Ende wird durch das gebun-
dene ATP sowie durch capping-Proteine stabilisiert. Wäh-
rend das Filament wächst, entfernen sich die eingebauten
Aktinmoleküle immer weiter vom Minus-Ende. Aufgrund
des fehlenden cappings wird hier das gebundene ATP lang-
sam gespalten. Es kommt zur Freisetzung von Aktinmole-
külen bis schließlich das Minus-Ende erreicht wird.
Der Aktin-Depolymerisierungsfaktor ADF/Cofilin
steuert die Depolymerisierung sowie eine Fragmentierung
und unterstützt dadurch die Verlängerung anderer und
neuer Aktinfilamente. Bei Zell-Bewegungen wird G-Aktin
für die Verlängerung von Lamellipodien bzw. Filopodien
benötigt. Es handelt sich um breite bzw. schmale aus fächer-
bzw. balkenartig angeordneten Filamenten aufgebaute
6 Strukturen, die ununterbrochen die Umgebung »explorie-
ren« und verlängert oder verkürzt werden. Die Fächerform
der Lamellipodien entsteht durch Verzweigungen in einem
Winkel von 70° mittels eines Arp2/3-Komplexes, in dem
die »neuen« Minus-Enden verankert sind. Filopodien hin-
gegen beinhalten parallel angeordnete Filamente, die durch
Fimbrin eng vernetzt werden. Stressfilamenten bestehen
aus antiparallel angeordnetem F-Aktin, das durch D-Actinin
verbunden ist. Sie sind in sog. fokalen Kontakten der
Zellen zum Substrat verankert und können durch Myosin-
II (7 u.) kontrahiert werden. Der Substratkontakt wird
über Integrine vermittelt. Die Zellwanderung erfolgt durch
das Zusammenspiel der Filo- und Lamellipodien an den
Vorderseiten der Zellen sowie der überwiegend rückwärts
gerichteten Stress-Filamente.
Der Aufbau und Umbau des Aktin-Cytoskeletts bei-
spielsweise bei der Zellwanderung oder beim Wachstum
von Axonen wird durch zahlreiche membrangebundene
und lösliche Proteinkinasen und Phosphoprotein-Phos-
phatasen sowie Mitglieder der Cdc42-, Rac- und Rho-
G-Proteine reguliert. Erstere setzen mittels einer Stimulie-
rung der Lamelli- und Filopodienbildung und Letzteres
durch Aktindepolymerisierung Attraktions- bzw. Repul-
sionssignale in ein zielgerichtetes Wachstum um. Bei der
. Abb. 6.27a–c. Elektronenmikroskopische Aufnahmen von Entwicklung des Nervensystems müssen Axone ihre Ziele-
Mikrovilli und schematische Darstellung des Aufbaus von Mikro- gewebe erreichen. Als extrazelluläre Anziehungs- bzw. Ab-
filamenten. a Struktur der Mikrovilli in einer Epithelzelle des Dünn- stoßungssignale wirken dabei verschiedene Proteine der
darms (Gefrierätzung). Mehrere Dutzend dünne Filamente werden
Netrin- bzw. Semaphorinfamilien.
durch kleine Proteine, u.a. Fimbrin, dicht gebündelt und von der
Plasmamembran umhüllt. Die cytoplasmatischen Wurzeln der Mikro-
In glatter Muskulatur, in der D-Aktin vorkommt, wird
villi werden in dem sog. terminalen Netzwerk aus Aktin- und Spectrin- das Rho-GEF-Protein durch Phosphorylierung stimuliert.
filamenten verankert. b Filamentbasis des intestinalen Bürstensaums Das nachfolgend aktivierte Rho fördert die Phosphorylie-
(Gefrierätzung). Aktinfilamente wurden mit Myosinköpfen dekoriert. rung leichter Myosinketten und somit die Kontraktion.
Die Form der Dekorierung weist die Spitze der Mikrovilli dem Plus-
Ende zu. Die sichtbaren Cytokeratinfilamente sind frei von Myosin.
c Modell des G- und F-Aktins. Aus kristallographischen Untersuchun-
Aktin-basierte Motorproteine. Entlang der Aktin-Fila-
gen von Michael Lorenz et al. ging hervor, dass das G-Aktin ein ab- mente können sich zusammen mit Frachtmolekülen oder
geflachtes globulläres Protein ist, das mitten zwischen vier Domänen Partikeln verschiedene Myosine bewegen. Sie bilden eine
(1–4) eine Bindungsstelle für ATP besitzt. Die flachen Moleküle bilden aus etwa zehn Typen und mehreren Isoformen bestehende
Filamente aus, indem sie versetzt und spiralartig aneinandergelagert
ATPase-Familie, deren bekanntestes Mitglied das in den
werden. Aufnahmen von Nobutaka Hirokawa (a,b) und das sog. VMD-
Modell von G- und F-Aktin von Willi Wriggers (c). Weitere Modelle
dicken Filamenten der Muskelzellen (7 Kap. 30.3) vorkom-
7 http://www.lehrbuch-medizin.de mende Myosin-II ist. Die aus leichten und schweren Ketten
6.3 · Cytoskelett
213 6

. Tabelle 6.6. Dicke, intermediäre und dünne Filamente des Cytoskeletts


Typ Monomere Assoziierte Proteine Vorkommen und Funktion (Auswahl)
Dicke Filamente D-Tubulin Dynein, Kinesin Bewegung und Transport von Organellen
Durchmesser 24 nm E-Tubulin Nexin Bildung von Mitosespindeln
MAP’s Bewegung von Cilien und Flagellen
Tau-Proteine
Intermediäre Filamente Vimentin Mesenchym, z. B. Endothel- und Fettzellen
Durchmesser 10 nm Desmin Muskelzellen (Z-Scheiben)
Neurofilamentproteine Axone zentraler und peripherer Nerven
NFl , NFm , NFh
Nestin Stammzellen in ZNS
Fibrilläres saures Gliaprotein Gliazellen
Saure, basische Cytokeratine Epitheliale Zellen
Lamine Zellkerne
Dünne Filamente E- und J-Aktin* versch. Myosine Motilität, Transport; Membrananker (Myosin I)
Durchmesser 7–9 nm ADF/Cofilin Depolymerisierung und Fragmentierung
Gelsolin Fragmentierung und Blockierung
D-Aktinin Vernetzung in Stressfilamenten
Fimbrin Vernetzung in Filopodien und Mikrovilli
Villin Vernetzung in Mikrovilli
Filamin Vernetzung in Lamellipodien und Bindung
an Integrine
Vinculin Komplexe mit Aktin und Filamin
Arp2/3 Verzweigungen (bindet Minus-Enden)
Thymosin Stabilisierung von G-Aktin
Profilin Heterodimerisierung mit ATP-Form von Aktin
und Verlängerung von Plus-Enden
 D-Aktin liegt in glatter und quergestreifter Muskulatur vor; es interagiert mit Myosin-II

in den meisten Fällen dimer aufgebauten Myosine besitzen Myosin-V, das beispielsweise die Melanosomen transpor-
zwei zur Bindung an Aktinfilamente befähigten ATPase- tiert, bewegen. Sie sind 36 nm lang und entsprechen somit
Domänen. Diese sind über unterschiedlich lange, mit ihren der halben Ganghöhe des spiralförmigen Aktinfilaments.
leichten Ketten scheinbar versteifte Arme und einen ge-
lenkigen Teil mit einem länglichen (coiled-coil) Rumpfteil Übersicht der Funktionen von Aktin. Unter dem Einfluss
verbunden. Der Mechanismus der Bewegung der Myosin- zahlreicher Proteine (. Tabelle 6.6) ist dieses universale
moleküle wird im 7 Kap. 30.3 erklärt. Mit Ausnahme von Protein in seinen verschiedenen Formen an der Bildung
Myosin-VI erfolgt die Bewegung dieser Motorproteine zum zahlreicher Strukturen des Cytoskeletts und an mehreren
Plus-Ende der Aktinfilamente. Sie kann eine Geschwindig- Formen der Bewegung beteiligt:
keit von bis zu 60 μm s–1 erreichen. Am Ende des Rumpf- 4 Myosin-II-abhängige Zellteilung durch sog. kontrak-
teils befinden sich Haftstellen für die zu bewegenden oder tile Ringe
transportierenden Moleküle oder Teilchen. Das monomere 4 Kontraktion von Stress-Filamenten durch Myosin-II
Myosin-I wird hierüber in der Plasmamembran oder an 4 Myosin-V vermittelter Vesikeltransport
anderen Aktinfilamenten verankert. Die Bewegung des nur 4 Bildung fokaler Kontakte zur Matrix, wobei Vinculin
zeitweise am F-Aktin gebundenen Armes wird zu einem und Talin an den Enden der Stress-Filamente Verbin-
gegenseitigen Vorschub der Cytoskelettelemente an der dungen zu den E-Ketten von Integrinen herstellen
vorwärts gerichteten Seite der Zelle benutzt. Typischerweise (7 Kap. 24.5)
arbeiten die Myosine in Gruppen (arrays). Ein individuelles 4 Streckung schmaler Filopodien, Vorrücken von breiten
Molekül bleibt jeweils nur ein Bruchteil des Arbeitszyklus Lamellipodien und Schwenkung breiter vom Substrat
gebunden und behindert somit nicht die durch andere abhebender ruffles (ruffling = kräuseln)
(am gleichen Frachtteilchen haftende) Myosinmoleküle er- 4 Zellwanderung, die durch zielgerichtete Polymerisie-
zeugte Bewegung. Während der kurzen Bindung zu F-Ak- rung des G-Aktins entgegen der Zellfront und Locke-
tin verstellen sie ihren Bindungswinkel und schieben da- rung von Stressfilamenten und fokalen Kontakten z.B.
durch den Rumpfteil mit der Fracht vorwärts. In der län- bei Wundheilung und Metastasierung stattfindet.
geren kontaktfreien Phase erfolgt die sequentielle Bindung Wird die Bewegungsrichtung durch diffundierende
weiterer Myosinmoleküle. Die Bewegungsform ähnelt der Signale im Interzellulärraum gesteuert, so spricht man
der Kinesine. Mit den längsten Schritten kann sich das von Chemotaxis
214 Kapitel 6 · Zelluläre Organellen, Strukturen und Transportvorgänge

4 Axonales Wachstum, das durch ein dynamisches Zu- erfolgt eine differenzierungsabhängige sequentielle Syn-
sammenspiel von Lamellipodien und anderen Aktin- these verschiedener Cytokeratine.
Elementen mit den Plus-Enden der Mikrotubuli im
Wachstumskegel charakterisiert wird (s. Video http//
www.lehrbuch-medizin.de). Die Lamellipodien explo- 6.3.4 Pathobiochemie
rieren die Umgebung. Ihrem Gerüst folgen die Mikro-
tubuli mit zahlreichen (»catastrophic«) Rückbildungen, Störungen der Tubulindynamik. Tubulin-depolymerisie-
die eine präzise Ausrichtung entlang externer Signale rende Wirkstoffe verursachen einen Kollaps des ER und
ermöglichen eine Fragmentierung des Golgi-Apparats. Ein Alkaloid der
4 Stabilisierung membranassoziierter Strukturen wie des Herbstzeitlosen, das Colchicin, bindet an Tubulindimere
polygonalen Spectrinnetzes in Erythrozyten und ex- und verhindert auf diese Weise die Polymerisierung. Ähn-
trazellulär verankerter Dystrophin-Komplexe in Mus- lich wirken Vinca-Alkaloide (Vinblastin, Vincristin) und
kelzellen Taxol, die als Cytostatika verwendet werden, da sie die Bil-
4 Formveränderungen aktivierter Thrombozyten mit dung des Spindelapparats und dadurch die Mitose hem-
einer über Ca2+- und PIP2-vermittelten temporärer men. Die Spezifität des Taxols beruht darauf, dass es andere
6 Aktivierung von Gelsolin (. Tabelle 6.6) und einer voll- Funktionen der Mikrotubuli nicht beeinträchtigt. Bei Ischä-
ständigen Reorganisation der Aktinfilamente mie und akutem Nierenversagen werden die Mikrotubuli
4 Stabilisierung der Zonula adhaerens in Epithelzellen an der Plasmamembran der Epithelzellen depolymerisiert
(. Abb. 6.17) und es kommt zum Verlust des Bürstensaums.
4 Verbindung eng-paralleler Aktinbündel der Mikrovilli
im Bürstensaum des Darmepithels (. Abb. 6.27) mit Defekte von Cilien und Geißeln. Die primärere ciliärere
der Plasmamembran über Myosin-I Dyskinesie ist durch eine erhöhte Anfälligkeit für chro-
4 Aufbau von Stereocilien in Haarzellen des Innen- nische sinopulmonäre Infektionen, männliche Subfertilität
ohrs (riesige Mikrovilli, die mit Cilien nichts gemein- (Azoospermie) und häufig einen Situs inversus (Siewert-
sam haben), deren Vibrationen in der Endolymphe Kartagener Syndrom) geprägt.
die Öffnung eines mechanosensitiven Ionenkanals
auslösen Defekte von Motorproteinen. Eine Form der angeborenen,
kombinierten Taub- und Blindheit, das Usher Syndrom IB
wird durch Defekte im Myosin-VIIA-Gen verursacht. In
6.3.3 Intermediäre Filamente den Haarzellen der Cochlea ist dieses Myosin an der Veran-
kerung des Cadherin-23 an den Spitzen der Stereocilien
! Intermediäre Filamente verleihen Zellen und Geweben beteiligt.
mechanische Stabilität.
Tau-Pathien. So werden neurodegenerative Erkrankungen
Die intermediären Filamente verleihen Zellen und Gewe- einschließlich des M. Alzheimer bezeichnet, bei denen
ben mechanische Stabilität. Sie bestehen aus Unterein- intrazelluläre Ablagerungen (NFT, neurofibrillary tangles)
heiten, die jeweils für einen gegebenen Zelltyp spezifisch in Neuronen zu den typischen pathologischen Befunden
sind (. Tabelle 6.6). Im Gegensatz zu Aktinfilamenten und zählen. Hauptbestandteile der NFT sind sog. Tau (W)-Pro-
Tubulin sind die monomeren Bausteine der Intermediär- teine. Sie bilden verdrillte Fibrillen, die als paired helical
filamente nicht globulär, sondern lange, D-helicale Mole- filaments PHF bezeichnet werden. Ihr Bezug zur Patho-
küle. Diese bilden Dimere, die weiter zu Filamenten poly- genese der Erkrankungen ist noch ungeklärt.
merisieren und die ganze Zelle netzartig durchziehen. In
der Peripherie werden sie in den Plaques der Desmosomen Cytokeratin-Defekte. Defekte in der Struktur von Cytoke-
und Hemidesmosomen integriert. So bilden sie Zell-Zell- ratinen oder Desmosomen und den verbindenden Matrix-
und Zelle-Matrix-Verbindungen aus, die für die mecha- molekülen verursachen hereditäre Blasen-bildende Hauter-
nische Festigkeit von Organen und Geweben unentbehrlich krankungen, u.a. verschiedene Formen der Epidermolysis
sind. Zu den Intermediärfilamenten gehören auch die bullosa simplex, die im 7 Kap. 24.8.5 beschrieben werden
Lamine der Kernlamina. Sie verbinden Schleifen des He- (vgl. 7 Kap. 6.2.12).
terochromatins (7 Kap. 6.2.1) mit Lamin-Rezeptoren an der
Innenseite der Zellkernhülle. Am vorübergehenden Zerfall Intrazelluläre Bakterien, Aktin und Aktingifte. Bakterien
der Zellkernhülle während der Zellteilung ist ein Phospho- der Gattung Shigella und Listeria missbrauchen die Zell-
rylierungs-Dephosphorylierungszyklus der Lamine betei- bewegungsmaschinerie. In infizierten Zellen können sie
ligt. Das humane Genom enthält etwa 20 Cytokeratin-Gene. sich auf Kosten von ATP der Wirtszellen vergleichsweise
Die in sauer und basisch gruppierten Cytokeratine werden schnell bewegen, indem sie sich mit dem Plus-Ende wach-
in verschiedenen Epithelien synthetisiert. In der Epidermis sender Aktinfilamente verbinden. Durch diese Bewegung
Literatur
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erreichen die Bakterien die Plasmamembran, können diese vor, die entweder die Polymerisierung von G-Aktin blockie-
durchdringen und so in benachbarte Zelle gelangen (Video- ren (z.B. die Pilzmetabolite Cytochalasine, die das Plus-
aufnahme: http://www.lehrbuch-medizin.de). Während Ende besetzen) oder eine Depolymerisierung von F-Aktin
einer Schwangerschaft kann so Listeria monocytogenes auf verhindern (z.B. das Ammanita phalloides Gift Phal-
den Föten übertragen werden. In der Natur kommen Gifte loidin).

In Kürze
Das Cytoskelett bestimmt die Gesamtform eukaryoter mediären Filamenten, deren Bausteine Aktin, Tubulin
Zellen und ist an der Bewegung der Zellen sowie dem und zahlreiche gewebespezifische Proteine sind. Über
Transport und der Verteilung von Organellen und Par- (Hemi-)Desmosomen bilden die intermediären Filamente
tikeln innerhalb der Zellen beteiligt. Es besteht aus ein Netzwerk aus, das die Zellen mit der Matrix bzw. unter-
drei Elementen, den dünnen, den dicken und den inter- einander verbindet und vor mechanischem Stress schützt.

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