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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 24.8.2006 22. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤
www.antifaschistische-nachrichten.de

„Das Problem ist unsere Justiz. Die NPD müsste


verboten sein. Da stimmt doch etwas nicht.“
So der Kommentar eines Rent- den Haushalt finanzieren, erklärte Ober- Die stellvertretende Bürgermeisterin
ners zu dem geplanten Erwerb bürgermeister Carsten Schwettmann Christel Zießler (SPD) warnte unterdessen
eines Hotels in Delmenhorst (CDU). Er gehe davon aus, dass der Rat vor dem verborgenen Potenzial der
durch Jürgen Rieger und dessen Plä- einen solchen Beschluss einstimmig fas- Rechtsradikalen. Besonders in einigen
ne, es zu einem Tagungszentrum für sen werde. Dörfern gebe es noch immer Nazi-Sympa-
die NPD und andere Neonazis zu ma- Darüber würde sich auch Luigi Miccoli thisanten: „Ganz losgelassen hat uns das
chen. Die Aktionen und die Spenden- freuen. Sein Restaurant „Il Salento“ befin- nie.“ Gegen solche Tendenzen müssten
sammlung gegen den geplanten Er- det sich innerhalb des Hotels. „Kommt es alle Demokraten gemeinsam kämpfen.
werb werden – wie in den AN 16-06 zu dem Verkauf, muss ich meine Koffer Unterschrieben hat auch der bald 74-jähri-
berichtet – in der Bevölkerung breit packen. Willkommen fühle ich mich dann ge Ehrenratsherr Adolf Meyer (SPD).
unterstützt. nicht mehr.“ Aber er ist zuversichtlich. Trotz des gescheiterten ersten Anlaufs for-
„Die Stadt versucht ja, den Verkauf zu ver- derte er ein Verbot der NPD: „Weil sonst
Mit vielen Aktionen bringen die Einwoh- jede Kommune einzeln gegen die Ex-
nerinnen und Einwohner von Delmenhorst tremisten ankämpfen muss.“ Ähnlich
ihren Widerstand gegen Nazis zum Aus- äußerte sich auch Ratsherr Werner
druck. So sammelten 100 Mitarbeiterin- Fleischer (CDU): „Wir dürfen nicht
nen/Mitarbeiter der Stadtverwaltung am länger nur über Symptome reden, das
14.8.06 in der Mittagspause Geld für das Übel muss an den Wurzeln gepackt
Spendenkonto. Der Verwaltungschef der werden.“
Stadtverwaltung unterstützte diese Aktion, Diese Auffassung wird auch in der
um gegen jede Art von Rechtsextremis- Forum: konservativen „Hannoverschen Allge-
mus Flagge zu zeigen. „Alle Ideen, die www.keine-nazischule-in-delmenhorst.de meinen Zeitung“ vom 17.8. vertreten.
sich gegen Nazis richten, sind gut“ so eine In einem Kommentar wird ange-
Spenderin bei der Aktion. Eine Fleischerei merkt, dass ein Sonderbeauftragter,
verkaufte Bratwürste gegen rechts und eingesetzt von Innenminister Schüne-
spendete einen Teil der Einnahmen. „Wir mann, Gesetze und Verordnungen
müssen jetzt aufstehen“, sagt Gretel Rahn. prüfe, um Rieger Steine in den Weg
„Sonst ist es zu spät. Wegkriegen ist viel hindern“, sagt er. Das sorgt auch in der jü- zu legen. „Ein guter Plan gegen den Ver-
schwieriger.“ Seit fast sechs Jahren arbei- dischen Gemeinde für Beruhigung. „Die breitungsdrang von Neonazis in Nieder-
tet sie in dem Kiosk, der schräg gegenüber Stadt hat sich klar geäußert, dass sie alles sachsen sieht anders aus“ kommentiert das
dem marode aussehen- versuchen wird, Blatt diesen „Bürowiderstand“.
den Hotel am Delmen- den Hotelverkauf Ministerpräsident Wulff und Innenmi-
horster Stadtpark liegt. an Rieger zu ver- nister Schünemann haben sich erst in den
Am 7.8. wird das hindern“, sagt de- letzten Tagen öffentlich geäußert und aus-
Hotel mit anderen Ge- ren Vorsitzender gerechnet an das bürgerschaftliche Enga-
bäuden in der Innen- Pedro Becerra. gement, das auch ohne ihre Aufforderung
stadt zum Sanierungs- Auch in den um- vorhanden ist, appelliert. Weder Schüne-
gebiet erklärt, um ein liegenden Gemein- mann noch Wulff haben sich bisher in Del-
Vorkaufsrecht geltend den finden Aktio- menhorst „blicken“ lassen. Es ist nicht so,
zu machen. Am 15.8. nen gegen die Ab- dass der Ministerpräsident dazu keine Zeit
bringt der Hotelbesit- sichten der NPD hätte. Während das bürgerschaftliche En-
zer eine mögliche statt. Mehrere hun- gagement auf „Hochtouren“ läuft, tourte
Schenkung an Rieger ins Spiel dert Ganderkeseer haben am Sonnabend er auf einer dreitägigen Sommerreise
Auf dem Treuhandspendenkonto sind ihre Solidarität mit Delmenhorst im durch Niedersachsen und ließ sich unbe-
bis zum 16.8. 741.000 Euro eingegangen. Kampf gegen die Hotelkaufpläne des Neo- schwert lächelnd, eingerahmt von zwei
Mit dem Geld will die Initiative der Stadt nazi-Anwalts Jürgen Rieger bekundet. An Bedienungen und Bierkrügen, bei der Ein-
ermöglichen, das Hotel selbst zu kaufen. der Unterschriftenaktion vor den Inkoop- weihung eines Lokals im Harz ablichten.
Sollte nicht die ganze Summe von 3,4 Mil- Filialen in Ganderkesee und Bookholz- bee ■
lionen Euro zusammenkommen, werde berg sowie bei Boekhoff in Schierbrok Quellen: Delmenhorster Kreisblatt,
die Stadt den Rest wahrscheinlich über waren Vertreter sämtlicher Ratsparteien Hannoversche Allgemeine Zeitung
und der Wählergemeinschaft UWG betei- Die Initiative www.fuer-delmenhorst
Aus dem Inhalt: ligt. Die Resonanz war überwiegend posi- sammelt weiter Spenden. Treuhand-
Hunderte Anzeigen gegen tiv. In Ganderkesee wurden 218 und in konto: 1392224 bei der LzO,
Kriegsverbrecher unbearbeitet . . . . . 8 Bookholzberg rund 300 Unterschriften ge- BLZ 28050100, Stichwort: „Aktion
sammelt. Hotel am Stadtpark“.
: meldungen, aktionen
ber auch von Imageschaden und Verbild-
lichung der tiefen Verwurzelung rechtsex-
tremer Strukturen in der Saale-Stadt.
Nazi-Kunst als Wanderaus- sich um ein „zulässiges Werturteil“, das 2006 fand kein faschistisches „Fest der
stellung durch das Recht auf freie Meinungsäuße- Völker“ in Jena statt. Entgegen einiger
München. Das Interesse an Nazi-Kunst rung geschützt sei und sich auf ein „be- Unklarheiten wird dies auch am 9.9.2006
boomt. Noch vor der Eröffnung der Bre- stimmtes Tatsachensubstrat stützen“ nicht passieren. Dies geht aus interner
ker-Ausstellung in Schwerin wurde in könne, so das Landgericht. Gegen das Kommunikation führender Nazikader
den Räumen der extrem rechten „Bur- Urteil hatte der Verlagsgeschäftsführer hervor. Die neonazistische Großveranstal-
schenschaft Danubia“ im Münchner Vil- Wolfgang Dvorak-Stocker Berufung ein- tung, welche ursprünglich am 10. Juni un-
lenviertel Bogenhausen eine „1. Kleine gelegt. Diese wurde nun vom Grazer ter dem Motto „Europa wird leben oder
Deutsche Kunstausstellung“ unter dem Oberlandesgericht abgewiesen. Damit mit uns untergehen“ auf dem Seidelplatz
Titel „Holzschnittmeister des 20. Jahr- sei der Versuch des „Stocker-Verlages“, stattfinden sollte, wurde mit Begründung
hunderts” gezeigt. Aus der „Privatsamm- „die öffentliche Diskussion um seine des polizeilichen Notstands unter Beru-
lung“ von „drei jungen Kunstliebhabern“ Verstrickung in die rechtsextreme Szene fung auf die Fussball-Weltmeisterschaft
wurden Holzschnitte der NS-Künstler durch gerichtliche Klagen zu beenden, verboten. Als ausschlaggebend hierfür
Georg Slyuterman van Langeweyde für’s erste gescheitert“, so die Grazer können auch bürgerliche und antifaschis-
(1903-1978), Ernst von Dombrowski Gruppe „MayDay2000“ in einer Presse- tische Bestrebungen, welche zumindest
(1896-1985) und Rudolf Warnecke mitteilung (http://mayday.widerstand. massive Behinderungen des Nazifestivals
(1905-1994) ausgestellt. org). hma ■ hervorgerufen hätten, angesehen werden.
Werke der drei Künstler wurden wäh- Trotz des enormen finanziellen Scha-
rend des Nazi-Regimes auch in der all- Mordmotiv Rassismus? den und Imageverlust Jenaer Nazikader in
jährlich im „Haus der deutschen Kunst“ der deutschen Szene planen die Rechtsex-
durchgeführten „Großen Deutschen Nürnberg. Die Ermittler der Sonder- tremisten unter Leitung der NPD (dies-
Kunstausstellung“ gezeigt. Schirmherr kommission „Bosporus“, die einem Tä- mal wirklich!) ein zweites „Fest der Völ-
des Hauses war Adolf Hitler. Alleine von ter auf der Spur sind, der seit September ker“ am 2.6.2007.
Ernst von Dombrowski wurden dort 26 2000 neun Kleinunternehmer mit Migra- „So unangenehm Nazigroßveranstal-
Werke ausgestellt. tionshintergrund – offenbar willkürlich – tungen sind, so machen sie doch die Prä-
Nach 1945 fand man die NS-Künstler ermordet hat, haben einen neuen Ansatz. senz neonazistischer Aktivität und die
im Umfeld des neofaschistischen „Deut- Die neun Männer aus Nürnberg, Mün- Notwendigkeit antifaschistischer Gegen-
schen Kulturwerk Europäischen Geistes“ chen, Rostock, Dortmund, Kassel und arbeit deutlich! Abseits des öffentlichen
(DKEG) wieder. Van Langeweyde, noch Hamburg seien vermutlich deshalb er- Interesses und weitgehend ungestört
1999 Ehrenbürger in Bendestorf bei mordet worden, weil der Täter ein nega- agieren Rechtsextreme zur Durchsetzung
Hamburg, und von Dombrowski waren tives Erlebnis mit einem Ausländer ge- ihrer menschenfeindlichen Ziele kontinu-
DKEG-Ehrenmitglieder, Warnecke Trä- habt habe und sich nun mit den Taten rä- ierlich. Jenas Naziszene zählt zu den etab-
ger des „Ehrenringes“ der neofaschisti- che, vermutet der Chef der operativen liertesten und aktivsten im Bundesgebiet.
schen Kulturwerks. Dombrowski trat Fallanalyse im Münchner Polizeipräsidi- Eine Kameradschaft, ein NPD-Ortsver-
auch als Referent beim „DKEG“ auf. um. Da die Mordserie in Nürnberg be- band inklusive Jugendorganisation, Musi-
Seine über 2000 Holzschnitte vererbte er gann und mit drei Morden dort ihren ker wie die Rechtsrock-Band „Blutstahl“
zwei Stiftungen, der Stadt Graz und dem Schwerpunkt hat, könnte es sein, das der und der Liedermacher Max Lemke haben
Heimatmuseum in Traunstein. Nun soll Täter in Nürnberg wohnt oder dort eine sich im Schatten des ,Braunen Hauses‘ in
aus der Münchner Ausstellung eine Wan- Arbeitsstelle hat, so die Fahnder. Die der Jenaischen Str. 25 entwickelt. Hinzu
derausstellung werden. Ein Ausstel- Morde, die Hinrichtungen gleichen, wur- kommt der Szene-Laden „Madley“, wel-
lungskatalog wurde erstellt und wird von den überwiegend mit einer Ceska-Pisto- cher zuletzt bei einer Durchsuchung im
dem Münchner Ernst Tobisa vertrieben. le, Typ 83, Kaliber 7,65 Millimeter mit Februar 2005 unter dem Verdacht des
Die Ausstellungsmacher planen nun verlängertem Lauf und Schalldämpfer Handels mit verfassungsfeindlichen Sym-
eine Fortsetzung ihrer Arbeit und wollen durchgeführt. Der Täter könne den Um- bolen der Nazimarke „Thor Steinar“ in
Werke der Malerei, der Bildhauerei und gang mit der Waffe beruflich oder in der die Schlagzeilen kam.“, kommentiert
aus der Jugendbewegung zusammentra- Freizeit trainiert haben, so ein Ermittler. Franka Hessler (JAPS Jena) die Situation.
gen und Dichterlesungen durchführen. In zwei Fällen wurde eine weitere Waffe Die Thüringer Szene ist maßgeblich an
Beworben wird die Wanderausstellung verwendet, so dass die Ermittler nicht der bundesweiten „antikapitalistischen
und der Katalog auch in einem Artikel ausschließen, dass es einen weiteren Tä- und antiglobalistischen Kampagne“ betei-
von Tobias Faethe im „Ostpreußenblatt“. ter gibt. ligt, welche mit der Forderung einer neu-
Faethe war zuletzt Sprecher der „Bur- Zeitweise war sogar ein Mitarbeiter en deutschen „Volksgemeinschaft“ um
schenschaft Danubia“. hma ■ des hessischen „Landesamtes für Verfas- Anschluss in der Bevölkerung bemüht ist.
sungsschutz“ ins Visier der Fahnder ge- Insofern kann es nicht verwundern,
„Stocker-Verlag“ verliert raten. Der Mann hatte sich am Tag des wenn die „Kameraden“ um Ralf Wohlle-
Verbrechens in dem Internet-Cafe aufge- ben und Andre Kapke das „Pressefest“
Prozesse halten, in dem einer der Morde geschah der NPD- Parteizeitung „Deutsche Stim-
Graz. Der österreichische „Stocker-Ver- und will von der Suche nach Zeugen me“, welches am 5.8.06 mit geschätzten
lag“ hat sämtliche Gerichtsverfahren ge- nichts erfahren haben. hma ■ 5000 Rechtsextremisten in Dresden statt-
gen seine KritikerInnen – soweit er sich fand, tatkräftig unterstützten.
nicht schon vorher daraus zurückgezo- „Fest der Völker“ auf 2007 Auch der Herbst wird an Brisanz nichts
gen hatte – verloren. Bereits im Januar missen lassen: Im September oder Okto-
hatte das „Landgericht für Zivilrechtssa- verschoben ber ist mit dem vierten paramilitärischen
chen“ mehrere Klagen des Verlages, der Jenas Bürger können aufatmen: Für die- „Herbstfest des Nationalen Widerstands
zuletzt den „Ares-Verlag“ gegründet hat- ses Jahr wurde ihre Stadt sauber gehalten Jena“ in den Wäldern der Umgebung zu
te, abgewiesen. Bei der Einschätzung des – sauber von brachialen Tönen rechtsex- rechnen.
Verlages als „rassistisch“, „antisemi- tremistischer „Blood & Honour“ Musik JAPS Jena, 10.08.2006
tisch“ und „rechtsextrem“ handele es und ihrem unangenehmen Publikum. Sau- japs@japs-jena.de ■

2 : antifaschistische nachrichten 17/2006


Kein Bock auf Pro Köln Zuzug vieler Nicht-deutscher aus dem strategie zu bieten. Die Herausgeber/in-
Köln. Die Kampagne „Kein Bock auf ehemaligen AsylbewerberInnenheim. nen werben für einen Schulterschluss al-
„pro Köln“ will in Zukunft der rassisti- Die Neonazis beschwerten sich über die ler demokratischen Parteien im Umgang
schen „Bürgerbewegung pro Köln“ und zu gute Behandlung der Zugezogenen mit rechtsextremen Parteien und Organi-
ihren Ablegern (Pro Deutschland, Ju- und die vermeintliche Integrationsunwil- sationen.
gendarbeitskreis pro Köln...) das Leben ligkeit und Kriminalität, die von den Ergänzend dazu bietet die Broschüre
etwas schwerer machen. Ein Anfang Nichtdeutschen ausgehe. Nicht erwähnt einen Überblick über die zentralen de-
dazu ist die neu eingerichtete Homepage wurden zahlreiche rassistische Übergrif- mokratiefeindlichen und menschenver-
(welche in Zukunft zu einem Infoportal fe und Anfeindungen der rassistischen achtenden Positionen in Programm und
über die rechtsextreme Partei ausgebaut BewohnerInnen des Stadtteils. Ideologie der NPD. Nur wenn aktiv für
wird): Als am 5. Mai 2006 zwei Neonazi- demokratische Werte und Menschen-
http://www.keinbockaufprokoeln.tk ■ schläger während einer Auseinanderset- rechte gestritten wird, kann dem Rechts-
zung mit Unbekannten schwer verletzt extremismus erfolgreich entgegengetre-
Nazifest in Suhl-Nord am wurden, nahm die NPD den Vorfall zum ten und ihm der Nährboden entzogen
Anlass ihre rassistische Kampagne im werden.
2. September Stadtteil Suhl-Nord um eine weitere Handlungsunsicherheit, so die Auto-
Am 2. September veranstaltet die NPD Kundgebung zu „bereichern“. rInnen, entsteht häufig aus einem unkla-
in Suhl-Nord ein „Familienfest“ unter Am 13. Mai veranstalteten die Neofa- ren Demokratieverständnis, zum Bei-
dem Motto „Deutschland gestern und schistInnen zwei Kundgebungen gegen spiel hinsichtlich der Frage, ob die freie
morgen“. Diese Veranstaltung im Pro- „Multi-Kulti“ im Zentrum Suhls und im
blemstadtteil Suhl-Nord ist Teil einer seit Problemstadtteil am „Tatort“. Nicht
längerem laufenden rassistischen Kam- zuletzt der spontane Protest einiger
pagne gegen die dort lebenden Migran- AntifaschistInnen verhinderte im
tInnen. Suhler Zentrum der NPD den Zulauf.
Suhl-Nord ist ein typisches ostdeut- Auch dieses Mal bleibt das Verhin-
sches Plattenbauviertel mit großen sozia- dern des Aufmarsches illusorisch.
len Problemen und viel Wohnungsleer- Nichtsdestotrotz gilt es gegen die Na-
stand, weil alle, die es sich leisten kön- zikundgebung aktiv zu werden. Seid
nen, von hier flüchten. Als Anfang des kreativ! agst@systemli.org ■
Jahres 2005 das AsylbewerberInnenheim
in Suhl geschlossen wurde, wurde der Zum Umgang mit rechts-
Großteil der ehemaligen BewohnerInnen
zu menschenunwürdigen Bedingungen extremen Organisationen
in einige wenige Blocks in diesem Stadt- im Wahlkampf
viertel verfrachtet. Da die Präsenz von Berlin. Am 1. August ist eine ge-
Neonazis und RassistInnen schon vorher meinsame Publikation der Mobilen
in Suhl-Nord sehr hoch war, kam es hier Beratung gegen Rechtsextremismus
oft zu Auseinandersetzungen zwischen in Berlin (MBR), der Netzwerkstellen
den MigrantInnen und den Rechtsextre- [moskito] und Licht-Blicke sowie
men. dem Antifaschistischen Pressearchiv
Was folgte, war eine ausgedehnte ras- und Bildungszentrum in Berlin – apa-
sistische Kampagne der NPD „Gegen die biz e.V. erschienen.
Verausländerung“ des Stadtteils, die von Immer häufiger besuchen Rechts-
Flugblattaktionen über Kundgebungen extreme öffentliche Veranstaltungen
reichte und nun in einem Nazifest, zu gesellschaftlich relevanten The-
scheinheilig als „Familienfest“ bewor- men, Wahlkampfveranstaltungen der
ben, einen neuen Höhepunkt findet. Das demokratischen Parteien oder werden
Motto deutet unterschwellig an, um was im Vorfeld von Wahlen sogar eingeladen Meinungsäußerung nicht auch für
es erneut gehen wird. „Deutschland ges- zu Podiumsgesprächen und Politiker/in- Rechtsextreme gelten müsse.
tern und morgen“, damit will die NPD nenrunden. Die Jungen Nationaldemo- Rechtsextremes Gedankengut steht je-
nichts anderes andeuten, als dass kraten (JN) boten sich offensiv für Podi- doch außerhalb des demokratischen
Deutschland „morgen“ durch die ihrer umsdiskussionen an Schulen an und for- Grundkonsenses und damit auch außer-
Meinung nach zunehmende „Verauslän- derten Schüler/innen auf, sie als Diskus- halb des Toleranzbereichs. Die Handrei-
derung“ nicht mehr dasselbe sein wird. sionspartner/innen einzuladen, damit chung wirbt deshalb für eine Ächtung
Angst hat die NPD dabei vor dem von ihr nicht über sie, sondern mit ihnen disku- rechtsextremer Positionen und empfiehlt,
verpönten „Multi-Kulti-Wahn“. Dabei tiert werde. stattdessen explizit die Vermittlung de-
fordert sie nichts anderes als die Auswei- Die Publikation will die demokrati- mokratischer Werte zu befördern.
sung asylsuchender Menschen aus Suhl- schen Parteien und Akteure unterstützen, Die Publikation ist ab sofort direkt bei
Nord und ganz Deutschland. die den Rechtsextremen keinerlei Platt- den Projekten zu beziehen und steht da-
Dieser offen propagierte Rassismus form für ihre demokratiefeindliche, men- rüber hinaus als Kopiervorlage zum
fand bisher in 2 Kundgebungen Aus- schenverachtende Ideologie bieten wol- Download zur Verfügung:
druck. Am 20. Mai 2005 versammelten len: Mit Argumenten für den Ausschluss http://www.mbr-berlin.de/Materia-
sich ca. 100 Neonazis und rassistische von NPD-Funktionären und anderen lien/Mobile_Beratung/94.html
BürgerInnen auf einem Parkplatz in Rechtsextremen von Wahlkampf- und
Suhl-Nord, um gegen die so genannte anderen öffentlichen Veranstaltungen.
„Verausländerung“ zu demonstrieren. In der Broschüre steht, was im Vorfeld
„Eine Welt ohne Nazis ...“
Abseits der Kundgebung zeigten Nazis und Verlauf von Wahlkampf- und Saal- ... feierten am Samstag, dem 12.8.2006
offen den Hitlergruß und skandierten un- veranstaltungen getan werden kann, um mehrere hundert Bürger auf dem Bahn-
gehindert Parolen, wie „Sieg Heil“. Rechtsextremen kein Podium und keine hofsvorplatz in Weimar. Das „Bündnis
Hauptgrund für die Kundgebung war der Möglichkeit für ihre Wortergreifungs- der Bürgerinnen und Bürger gegen

: antifaschistische nachrichten 17/2006 3


Rechtsextremismus“ sowie das „Bündnis Pennewitzer PolitikerInnen toleriert
der freien Träger der Jugendarbeit“ rie- bzw. begrüßt. Bürgermeister Ulrich
fen dazu auf: „Weimar wach(t) gegen Schubert bezeichnete die Organisato-
Nazis“. Bereits im Vorfeld hat die breite rInnen gar als „feine Kerle“ und
Mobilisierung der beiden Bündnisse und dachte nicht einmal daran, den
ihrer PartnerInnen die Rechtsextremen Rechtsextremen den Platz zu verweh-
dazu bewogen, ihre Demonstrationsan- ren. Im Gegenteil. Die Schankgeneh-
meldungen zurückzuziehen. Das bedeu- migung wurde vom Ordnungsamt,
tet für die Zukunft, dass nicht Ignorieren trotz des Wissens wes Geistes Kind
sondern umfangreiche kreative Mobili- die OrganisatorInnen sind, ohne
sierung gegen rechtsextreme Tätigkeit/ Wenn und Aber erteilt.
Aufmärsche erfolgreich sind. Das Problem stellen für Bürger-
Aus diesem Grund fand trotzdem ein meister Schubert und die seinen nicht
politisches Fest für Demokratie und To- Nachdem die Presse das Thema öf- etwa die geistigen Enkel der alten Nazis
leranz statt, an dem sich viele Künstle- fentlich thematisierte, äußerten sich nun dar, vielmehr sind es die Linksradikalen,
rinnen und Künstler wie der Zirkus Tasi- auch diverse PolitikerInnen zu den un- die das Ansehen von Pennewitz durch
fan, die Sängerin Anne Steinhardt, der haltbaren Zuständen im 500 Einwohne- das Thematisieren des Turniers in den
Sänger Günther von Dreyfuss, der Rap- rInnen-Dorf Pennewitz. Dreck ziehen könnten. Die „Gemeinde-
per Izak (leider zu spät ), die DJs Corleo- Ca. 200-250 Neonazis waren gekom- oberen“ scheinen mit Neonazis kein Pro-
ne, Derbystar und Tight, die Moderatorin men, um an der Seite ihrer KameradIn- blem zu haben, was leider für viele länd-
Kathrin Schuchardt mit politischen Bei- nen zu kommunizieren, sich zu vernet- liche Regionen in Südthüringen charak-
trägen beteiligten. zen, Propaganda auszutauschen oder ein- teristisch ist.
Außerdem gab es eine Stadtratssit- fach Fußball zu spielen und das schlech- Zwar fällt es den Verantwortungsträ-
zung zum Thema Rechtsextremismus te Wetter zu genießen. Dass sich das gerInnen immer leicht, sich von jegli-
und Redebeiträge vom Oberbürgermeis- Wetter als Antifaschistin entpuppte, chen Formen des Neonazismus auch öf-
ter Stefan Wolf, von Matthias Müller passte den Rechtsextremen um Anmel- fentlich zu distanzieren, ihre Realpolitik
(Mobit) und verschiedenen Rednern u.a. der Kevin Hartung aus Pennewitz gar sieht dagegen ganz anders aus. Neonazis
des Antifacamps. Es beteiligten sich zu- nicht. Nichtsdestotrotz die Veranstaltung und ihr gefährliches Gedankengut wer-
dem an der Organisation für die Bühne wurde durchgezogen, schon einen Tag den in Jugendclubs, Feuerwehren und
die Firma „adapoe“, fürs Frühstück die zuvor bauten die Neonazis 2 Pavillons auf Sportplätzen toleriert und gefördert.
„Heberer Bäckerei“ sowie die „Thürin- auf und bereiteten den Platz für den kom- Jugendarbeit ist für Neonazis hier gar
ger Fleisch- und Wurstwaren“, für die menden Tag vor. Abgesichert wurde das nicht mehr nötig. Pennewitz spielt dabei
Ballons war das Atrium und deren Part- Spektakel von der Thüringer Polizei eine besonders finstere Rolle.
ner zuständig, Spedition TLS für den (BePo und BFE), die im Gegensatz zu Sollte es nächstes Jahr zum 6. Fußball-
Truck (der dann nicht benötigt wurde, den Vorjahren in wesentlich höherer Prä- turnier der Rechtsextremen in Pennewitz
trotzdem vielen Dank!) ... aber natürlich senz vor Ort war. kommen, werden wir wieder für massi-
auch die Gerberstraße, das Antifacamp, Am Widerstand kann es jedenfalls ven Widerstand sorgen.
FC Inter, colour violence, die „Regenbo- nicht gelegen haben, dass die BeamtIn- www.agst.antifa.net
genfarben“, das mon ami, Salve TV, Ra- nen in erhöhter Alarmbereitschaft waren. agst@systemli.org
dio Lotte, der DGB, tlz, ta, alle demokra- Das neonazistische Turnier wurde von Antifaschistische Gruppe Südthüringen ■
tischen Parteien und die vielen einzelnen
Aktivisten ... (falls ich eine/n vergessen
oder falsch geschrieben habe: sorry!)
Das zeugt von dem breiten Bündnis ge- Wider die Tolerierung faschistischer Umtriebe
gen Rechtsextremismus in Weimar. Konferenz am 9.9.2006 in Berlin
Die nächste Sitzung des „Bündnisses Die Konferenz beschäftigt sich mit dem Verhältnis von deutschem Staat und Neo-
der Bürgerinnen und Bürger gegen faschismus. Kompetente Referentinnen und Referenten setzen sich kritisch mit
Rechtsextremismus“ findet am Dienstag, ausgewählten Aspekten staatlichen Handelns und der zugrundeliegenden politi-
den 12.9.2006 um 19.00 Uhr im mon ami schen Haltung auseinander.
statt, hier wird es u.a. um die Auswer-
tung der Demonstration gehen. Es sprechen:
Netzwerkstelle gegen Rechtsextremis- ● Dr. Ralf Feldmann (Richter am Bochumer Amtsgericht, angefragt): „Aktuelle ju-
mus bei Radio „Lotte in Weimar“ ristische Probleme der Auseinandersetzung mit Neofaschismus“
E-Mail: weimar-gegen- ● Dr. Rolf Gössner (Präsident der Internationalen Liga für Menschenrechte): „Das
rechts@web.de Dilemma der ,wehrhaften Demokratie‘ am Beispiel Verfassungsschutz und NPD-
www.weimar-zeigt-sich.de ■ Verbotsverfahren“
● Brigitte Pothmer (MdB Bündnis 90/Die Grünen): „Parlamentarische Initiativen
gegen Rechts“
Das letzte Nazifußballtur- ● Dr. Ulrich Schneider (Bundessprecher VVN-BdA): „Die staatliche Variante des
nier in Pennewitz?! Geschichtsrevisionismus“
Thüringen. 5 Jahre lang konnten Neo- ● Frank Brendle (wissenschaftlicher Mitarbeiter von Ulla Jelpke, MdB DIE LIN-
nazis weitgehend ungestört ein sommer- KE): „Traditions- und politisches Selbstverständnis der Bundeswehr“
liches Fußballturnier in Pennewitz orga- ● Bernhard Müller (Redakteur der Zeitschrift „Sozialismus“): „Der Staatsumbau
nisieren. Dem Entfachen einer öffentli- und seine ideologischen Folgen“
chen Debatte, nicht zuletzt durch antifa- 9. September 2006, 13.00 bis 18.00 Uhr, ND-Gebäude, Franz-Mehring-Platz 1,
schistisches Engagement, ist es nun zu 10243 Berlin, Eintritt: 5,00 Euro; ermäßigt 3,00 Euro.
verdanken, dass es sich Bürgermeister
Schubert drei Mal überlegen wird, ob er Veranstalter: VVN-BdA zusammen mit DRAFD, KFSR und Lagergemeinschaften
den Nazis nächstes Jahr sprichwörtlich unterstützt von der Rosa-Luxemburg- Stiftung
wieder das Feld überlässt.

4 : antifaschistische nachrichten 17/2006


Das Bundesverfassungsgericht
hat mit Entscheidung vom
25.6. das diesjährige Verbot
Heß-Kundgebung in
der Versammlung unter dem Thema
„Gedenken an Rudolf Heß“ im baye- Wunsiedel blieb verboten
rischen Wunsiedel bestätigt. Für den Ersatzveranstaltungen in München, Jena und Berlin
19. August 2006 hatten wie in den
Vorjahren alte und neue Nazis zum
Gedenken an den Hitlerstellvertreter
aufgerufen. Das Landratsamt hatte
die Versammlung wegen Verstoßes
gegen § 130 Abs. 4 Strafgesetzbuch
(Volksverhetzung) verboten.

Damit gewannen die Anmeldungen di-


verser Ersatzveranstaltungen an Bedeu-
tung. So hatte der NPD-Landesverband
Thüringen eine Demonstration in Jena
angemeldet. Das Motto „Für Meinungs- Berlin Jena
freiheit – Entweder ganz oder gar nicht“
bezog sich eindeutig auf den genannten
Paragrafen und damit auf das verbotene
Heß-Gedenken. Die Stadt Jena erließ
deshalb ebenfalls ein Verbot, das vom
Verwaltungsgericht Gera aber wieder
aufgehoben wurde. Auch Ersatzveran-
staltungen in München und Berlin konn-
ten stattfinden. Angemeldete Kundge-
bungen in Fulda und Altenburg sagten
die Neofaschisten selbst kurzfristig ab. München Wunsiedel
In allen Städten wurden die Aufmärsche
von starkem Protest begleitet, konnten bung 1800 Protestler. Auch der neue Polizei vier Stunden lang der Weg frei
jedoch nicht verhindert werden. Oberbürgermeister Jenas begleitete die gemacht wurde. Entlang der Demoroute
Jena Demonstration, wie von ihm angekün- protestierten über 1000 AntifaschistIn-
digt, in der ersten Reihe. nen. Immer wieder konnte der Zug der
Überraschend stark fiel das Interesse und Während des Demozuges, dessen Neonazis durch Sitzblockaden vorüber-
die Ablehnung der Jenaer Bürger und Route spontan weiter in den Stadtkern gehend gestoppt werden. Bei rabiaten
Bürgerinnen an der Nazidemo aus. Bin- verlängert wurde, sprachen u.a. Vertrete- Polizeieinsätzen wurden etliche Antifa-
nen weniger Tage wurde, nach der Auf- rInnen der bundesweiten Kampagne schisten von der Straße geprügelt und es
hebung des Verbotes der Stadt Jena „NS-Verherrlichung stoppen“, antifa- kam zu einigen Festnahmen.
durch das Verwaltungsgericht Gera, die schistische Gruppen aus Südthüringen In Wunsiedel selbst blieb es ruhig.
Gegendemonstration initiiert. Dem anti- und Apolda, sowie das Thüringer Ple- Wie im vergangenen Jahr gab es eine
faschistischen Bündnis gegen den Hess- num gegen den G8-Gipfel 2007 in Heili- „Meile der Demokratie“, einen Demo-
Marsch schlossen sich buchstäblich in gendamm. zug durch die Stadt, und auch der Motor-
letzter Minute bürgerliche Initiativen und Demgegenüber blieb die erwartete radclub Kuhle Wampe war wieder ge-
Vertreter der Stadt an. Statt der angemel- Großveranstaltung auf brauner Seite in kommen.
deten 300 Demonstranten zählte die Po- Jena aus. Obwohl nahezu die gesamte Die bundesweite Kampagne „NS-Ver-
lizeiführung bei einer Zwischenkundge- Thüringer Führungsriege anwesend war herrlichung stoppen!“ hatte ihre zentrale
und die Heß-Veranstaltungen in Alten- Mobilisierung für dieses Jahr abgesagt,
burg und Fulda abgesagt wurden, konn- da auch kein zentraler Hess-Marsch
Rechtsextreme Straftaten ten nur 400 TeilnehmerInnen mobilisiert stattfand.
nehmen weiter zu werden. Die Kampagne wertet es jedoch als
München Erfolg der kontinuierlichen antifaschist-
Berlin. Im Juni wurden bundesweit schen Arbeit, dass die Neonazis es weder
1235 rechtsextreme Straftaten regis- In München marschierten etwa hundert in diesem noch im letzten Jahr geschafft
triert, darunter 67 Gewalttaten, das Neonazis aus NPD und „Freien Kame- haben, einen zentralen Hess-Marsch auf
geht aus der Antwort des Bundesminis- radschaften“ unter dem Motto „Nur ein die Beine zu stellen. „Die einigende Wir-
teriums des Inneren auf die monatliche Esel glaubt noch an den Sozialstaat BRD kung, die dieser Aufmarsch auf alle
Anfrage der Abgeordneten Petra Pau – Rückführung statt Integration“ durch Spektren der rechten Szene hat, ist ver-
hervor. Galt der Mai 2006 bisher als die Innenstadt. Absperrgitter und mehre- pufft“, heißt es in ihrer Erklärung.
„Rekord“-Monat, so liegen die Zahlen re Hunderschaften Polizei verhinderten, Insgesamt waren an diesem Samstag
für Juni nochmals darüber. Sie bedeu- dass die rund 1000 GegendemonstrantIn- „nur“ rund 1 000 Nazis auf den Heß-De-
ten: Im Bundesdurchschnitt werden nen den Neonazis zu nahe kamen. Wie in monstrationen unterwegs. Zumindest das
stündlich nahezu zwei Straftaten mit Jena blieb die Mobilisierung auf Seiten haben die Verbote im Vorfeld bewirkt,
rechtsextremistischen Motiven regis- der Neonazis unter den Erwartungen. auch wenn sie nicht überall vor Gericht
triert, wobei bei weitem nicht alles er- Berlin standhielten.
fasst wird. Die realen Zahlen liegen Nach Berichten auf
deutlich höher. „Meinungsfreiheit für nationale Sozialis- http://germany..indymedia.org,
PM Petra Pau, www.petrapau.de ■ ten“ forderten die in Berlin aufmar- junge Welt vom 21.8.06,
schierten Neofaschisten, denen von viel Fotos: indymedia ■

: antifaschistische nachrichten 17/2006 5


Mecklenburg-Vorpommern.
Außerordentliche Anstrengungen NPD rechnet sich Chancen in
unternimmt die NPD gegenwärtig,
um am 17. September in den Landtag zu Mecklenburg-Vorpommern aus
gelangen. Neben der Landesliste hat sie in
allen 36 Direktwahlkreisen Kandidaten „Start einer umfassenden Informationsof- das rechtsextreme Potential angewach-
aufgestellt. Mit einer breiten Kampagne fensive“, die in den nächsten Wochen alle sen ist. Hochburgen militanter Neonazis
gelang es ihr zunächst, 4200 bestätigte Wähler im Bundesland erreichen soll. Er befinden sich im südlichen und südöstli-
Unterstützungsunterschriften bei den bekräftigte den Anspruch der NPD, am chen Niedersachsen, im Bremer Umland,
Kreiswahlleitern einzureichen. In diesem 17.9. mit „7 Prozent plus X“ in den in den Kreisen Verden und Stade, in der
Vorwahlkampf agitierte sie an fast 100 In- Schweriner Landtag einzuziehen. Bun- Lüneburger Heide und im Wendland.
formationsständen, davon jeweils mehr desweit wirbt er im Internet um „großzü- Hinsichtlich der Zahl rechtsextremer
als 20 in Schwerin und in der Region Ros- gige Kampfspenden“. Straf- und Gewalttaten rangiert Nieder-
tock sowie in vielen Gesprächen an Woh- In der Außenwerbung hat die NPD ih- sachsen bundesweit mit an der Spitze.
nungstüren und vor Einkaufszentren. rem Landesverband im Norden beim Dass die neonazistischen Aktivitäten
Zudem setzt die NPD eine beträchtli- Pressefest der „Deutschen Summe“ in nicht zu unterschätzen sind, zeigen auch
che Menge schriftlichen Materials ein. Dresden entsprechenden Raum einge- die neuesten Absichten von Rieger, jetzt
Seit Mitte Juni erhielt fast jeder Haushalt räumt (Informationsstand, Werbemittel) in Delmenhorst ein 100-Betten- Hotel zu
ihre erste Wahlkampfzeitung. Bis zum und eine spezielle Pressekonferenz anbe- erwerben, um es zu einem Schulungs-
Wahltag sollen mindestens noch drei The- raumt mit dem Spitzenkandidaten Udo zentrum der Naziszene auszubauen. (sie-
menflugblätter und eine weitere Wahlzei- Pasteurs, mit Wahlkampfleiter Apfel und he Bericht S. 5)
tung folgen. Einen zusätzlichen Schritt tat mit dem Landesvorsitzenden Stefan Kös- Newsletter der AG Rechtsextremis-
die NPD mit der Einrichtung eines NPD ters. mus / Antifaschismus der Linkspartei.
Wahlportals im Internet. Von dieser Seite Die Sorgen der demokratischen Kräfte PDS Antifa — aktuell 7/2006 ■
können seit dem 1. August die eingesetz- in Mecklenburg-Vorpommern bestehen Berlin
ten Werbemittel der Partei heruntergela- vor allem darin, dass eine geringe Wahl-
den werden, die Profile der ersten zehn beteiligung den hochmotivierten Anhän- Zur Wahl zum Abgeordnetenhaus Berlin,
Landtagskandidaten eingesehen werden gern der NPD am Wahltag in die Hände ebenfalls am 17.9., kandidiert der NPD-
und es besteht die Möglichkeit, den Kan- spielen könnte. Neben der inhaltlichen Vorsitzende Udo Voigt auf Platz 1, ge-
didaten Fragen zu stellen. Auseinandersetzung mit der NPD kämp- folgt von Manuela Tönhardt (DVU). Auf
Holger Apfel, Wahlkampfleiter der fen sie deshalb vor allem auch um eine den weiteren Listenplätzen finden sich:
NPD in „Mecklenburg und Pommern“, hohe Wahlbeteiligung. Eckart Bräuniger, Jörg Hähnel, Frank
wie er sich titulieren lässt (der Fraktions- Niedersachsen Schwerdt, Torsten Meyer, Thomas Vierk,
chef im sächsischen Landtag ließ sich vo- André Markau, Hans-Joachim Henry,
rübergehend von einigen Funktionen in Für den niedersächsischen Kommunal- Karl-Heinz Burkhardt, Igor Moder, An-
Dresden beurlauben), bezeichnete die wahlkampf ist bedeutsam, dass auch in dreas Storr, Susanne Schweigert und
Freischaltung des Wahlportals als den diesem Bundesland in der letzten Zeit Matthias Wichmann. ■

Bürger e.V.i.G.“, der Heinersdorfer Pfar- sie herkommt“ sind nahezu deckungs-
rer und Neonazis, allem voran die NPD, gleich mit NPD-Parolen wie „Jeder ist
mobilisieren seitdem gegen das Projekt. Ausländer, nur da nicht wo er hinge-
Heinersdorf ist allerdings kein Lokalpro- hört“. Die Ahmadiyya ist eine erzkonser-
blem. Der Anti-Moschee-Protest zieht vative, aber nicht militante Gemeinde.
konservatives und neonazistisches Publi- Ihre Mitglieder lehnen den Bewaffneten
kum aus dem gesamten Stadtgebiet an. Jihad ab und viele von ihnen werden in
Seit April kamen bis zu 2500 Teilnehme- ihren Herkunftsländern verfolgt. Aktuell
rInnen zu den rassistischen Aufmärschen wurde in Indonesien gegen sie eine Fat-
in Heinersdorf. Der Protest wird außer- wa verhängt. An derlei feinsinnigen Un-
dem vom CDU-Bürgermeisterkandida- terscheidungen scheint die Heinersdorfer
ten Friedbert Pflüger unterstützt und Mehrheit allerdings nicht interessiert zu
trifft in weiten Teilen der CDU-Basis auf sein.
klammheimliche Sympathie, bis hin zu Die Moschee wäre die erste in Ost-
offener Unterstützung. Die NPD-Pankow Berlin und gleichzeitig ist sie die erste,
rekrutiert über den Anti-Moschee-Protest die mit einem derart großen, rassisti-
eifrig Jungnazis und erfreut sich dabei schen Widerstand konfrontiert wird.
einer aktiven Unterstützung des NPD- Während des Wahlkampfes wird die Mo-
Landesverbandes, der zur Zeit einen schee eines der brenzligsten Themen im
Großteil seiner Ressourcen in die Kam- Bezirk und in Berlin darstellen. Wir wol-
pagne steckt. Egal, wie sehr sich die Bür- len diejenigen in Heinersdorf stärken, die
gerInnen von Rechtsextremisten distan- Rassismus ablehnen, aber innerhalb des
S eitdem im März diesen Jahres be-
kannt wurde, dass die muslimische
Ahmadiyya-Gemeinde im nordostberli-
zieren, die Anschlussfähigkeit für Nazis
ist stets gegeben. Nur wenig unterschei-
rassistischen Mainstreams isoliert sind.
Darum wollen wir am 27. August auf die
ner Stadtteil Heinersdorf eine Moschee den sich ihre Argumente von denen der Straße gehen und gerade während der
errichten möchte, vergeht kaum eine Wo- Rechten. Die Probleme, wie z.B. Krimi- Wahlzeit mit antirassistischen Inhalten
che, in der das Thema in Politik und Me- nalität in sozialen Brennpunkten wie intervenieren.
dien kein Aufsehen erregt oder rassisti- Neukölln werden mit MigrantInnen/ Kurzaufruf des Bündnisses ■
sche Hetze gegen die Moschee auftaucht. Muslimen/a de facto gleichgesetzt. Aus- Antirassistische Demonstration
Die lokale Bürgerinitiative „Interessen- sagen wie „Die passen hier nicht rein“ 27. August 2006 / 15 Uhr / Berlin /
gemeinschaft Pankow-Heinersdorfer und „Jede Kirche gehört in das Land, wo S. & U.-Bahnhof Pankow

6 : antifaschistische nachrichten 17/2006


Schwerin. Über 120 Künstler
haben einen offenen Brief ge-
gen die Schweriner Arno-Bre-
Kritik an Breker-
ker-Ausstellung unterschrieben. Mit
dem schriftlichen Protest wenden sie
sich gegen die Unterstützung der
Ausstellung geht weiter
Arno-Breker-Ausstellung im kommu- Breker im kommunalen Schleswig-Hol- ren, revidiert und bewusst über Bord ge-
nalen Schleswig-Holstein-Haus in stein-Haus in Schwerin sollen „angeb- worfen werden.“ Breker habe in der bild-
Schwerin durch öffentliche Mittel. lich die verschiedenen Facetten bei Bre- haften Propaganda von Hitlers Rassen-
ker zur Diskussion gestellt werden“, wahn die erste Rolle gespielt, habe sich
Der Brief ist unter anderem von dem Prä- heißt es in dem am Dienstag in Berlin willfährig von dem verbrecherischen
sidenten der Berliner Akademie der veröffentlichten Schreiben. „In Wirklich- NS-Regime einspannen lassen.
Künste, Klaus Staeck, dem Präsidenten keit wird, naiv oder mutwillig, dieses in „Solch ein Werk durch eine öffentliche
der Schriftstellervereinigung PEN-Zen- gigantischen Ausmaßen die Gewalt ver- Einzelausstellung zu rehabilitieren, seine
trum Deutschland, Johano Strasser, und herrlichende Werk, verklärt, verharmlost, menschenverachtenden Inhalte zu mini-
der Künstlerin Rosemarie Trockel unter- sogar rein gewaschen“, kritisieren die mieren, wie es hier geschieht, halten wir
schrieben. Künstler, Autoren, Kunsthistoriker und für verantwortungslos.“ Dieser „Damm-
Unterzeichnet haben außerdem die Museumsdirektoren aus dem In- und bruch ethischer Grundprinzipien“ dürfe
bildenden Künstler Günther Uecker, HA Ausland. nicht Schule machen.
Schult und Jochen Gerz sowie Dreh- „Wir wenden uns schärfstens dage- Die Ausstellung wurde finanziell un-
buchautor Fred Breinersdorfer und der gen, dass hier im Schleswig-Holstein- terstützt vom Land Mecklenburg-Vor-
Schriftsteller Peter Rühmkorf. Haus künstlerische und moralische pommern und der Stadt Schwerin, die
In der seit 1945 ersten öffentlichen Maßstäbe, wie sie bisher in den öffentli- Träger des Kunsthauses ist.
Einzelausstellung des Werkes von Arno chen Institutionen selbstverständlich wa- Quelle: Focus-online ■

Neue Hausordnung in
der Wewelsburg
Paderborn. Die Wewelsburg bei Büren im
Kreis Paderborn war in den letzten Jahren ein
beliebter Besuchsort rechtsextremer und okkul-
ter Kreise. In der Nazizeit von Heinrich Himm-
ler als Kultstätte auserkoren und zum ideologi-
schen Zentrum der SS ausgebaut, waren auch in
der jüngsten Vergangenheit SS-Totenehrenhalle
und SS-Obergruppenführersaal Anziehungs-
punkt und Pilgerstätte für Rechtsextreme. Nun
wurde solchem Treiben ein weiterer Riegel vor-
geschoben. Neben wissenschaftlicher Doku-
mentation und Einbeziehung der Gedenkstätte
des daneben liegenden ehemaligen KZ Nieder-
hagen sorgt auch eine neue Hausordnung dafür,
dass ungebetene Gäste fern gehalten werden
können. Nicht nur das Tragen rechtsextremer
Kennzeichen, sondern auch „rechtsextreme,
rassistische, antisemitische und sexistische Äu- Die zeitgeschichtliche Dokumentation „We-
ßerungen in Wort, Schrift oder Gesten“ sind im welsburg 1933 - 1945. Kult- und Terror-
Museum untersagt. Rechtsextreme Gruppen aus stätte der SS“ wurde 1982 gegründet und
Stuttgart und Wismar wurden schon nach Hause informiert über die SS-Herrschaft in We-
geschickt. welsburg. Gleichzeitig ist sie Gedenkstätte
Newsletter der AG Rechtsextremismus / für die Opfer des KZ Niederhagen/Wewels-
Antifaschismus der Linkspartei. ■ burg. Im Rahmen eines Rundgangs können
die erhaltenen, früheren SS-Kulträu-
me im Nordturm der Wewelsburg be-
sichtigt werden. Nach Voranmeldung
können die Bibliothek, die archivali-
sche Sammlung und die Videothek
zum Thema Nationalsozialismus ge-
nutzt werden.
Die Besichtigung der „Kultstätten
der Wewelsburg“ und der Besuch
der Dokumentation „Wewelsburg
1933 - 1945 im ehemaligen Wachhaus der Burg führt einem durch die
lebensnahe Dokumentation ihrer SS-Geschichte lebendig vor Augen, zu
welchen absurden und unmenschlichen Perversionen eine in westlicher
und christlicher Tradition stehende Gesellschaft in der Lage ist. Der
Besuch hilft auf der Suche nach Ursachen und Widerstandsmöglichkeiten
und vermittelt eine Ahnung, welcher riesige kulturelle Schritt nötig ist,
um uns davon völlig zu entfernen. pb ■

: antifaschistische nachrichten 17/2006 7


Hunderte Anzeigen gegen Kriegs-
verbrecher seit drei Jahren unbearbeitet
Antifaschistische Historiker wünschen mehr Eifer der Staatsanwälte
von Ulrich Sander

Unterlagen von Ermittlungs- lonia beteiligt. Der Münchner Staatsan- 2005 zehn ehemalige SS-Angehörige in
verfahren gegen Hunderte walt Konstantin Kuchenbauer sagt, das Abwesenheit wegen vorsätzlichem Mord
ehemaliger Wehrmachtssolda- Verfahren gegen einen ehemaligen Leut- zu lebenslanger Haft. Sie gehörten zur
ten aus Gebirgsjägereinheiten liegen nant und einen ehemaligen Feldwebel 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichs-
noch immer unbearbeitet im Archiv des Gebirgsjägerregiments 98 wegen der führer SS“ und sind verantwortlich für
der Zentralen Stelle für NS-Verbre- Erschießungen auf Kephallonia sei nahe das Massaker in dem toskanischen Dor-
chen in Ludwigsburg. Antifaschisti- an einer Anklage. Der Leutnant gab den fes Sant’Anna di Stazzema, wo am 12.
sche Rechercheure hatten diese Ver- Hinrichtungsbefehl, der Feldwebel voll- August 1944 560 Menschen ermordet
fahren ausgelöst, so die VVN-BdA streckte ihn. wurden. Die Überlebenden von Sant’An-
und die Gruppe Angreifbare Traditi- Letztes Jahr übergaben der Arbeits- na wollen erreichen, dass die verantwort-
onspflege. Sprecher dieser Organisa- kreis Angreifbare Traditionspflege und lichen Massenmörder, endlich auch in
tionen erklärten nun: „Leider haben die Vereinigung der Verfolgten des Nazi- Deutschland verurteilt werden. Sie haben
wir seit drei Jahren nichts mehr aus Regimes VVN-BdA dem Polizeichef in eine anwaltliche Vertretung in Deutsch-
Ludwigsburg und von anderen ange- Garmisch-Partenkirchen eine Strafanzei- land, die eine der Nebenklage durchfüh-
schriebenen Staatsanwaltschaften ge gegen Angehörige des SS-Polizei-Ge- ren will. Um das deutsche Schweigen
gehört.“ birgsjägerregiments 18 wegen Beihilfe über diese Kriegsverbrecher zu beenden,
zum Massenmord, unter anderem wegen fanden im Mai dieses Jahres in neun
Recherchiert wurde wegen nationalsozi deren Beteiligung an der Deportation der deutschen Städten zwei Wochen lang in
alistischer Gewalt- und Kriegsverbre- Athener Jüdinnen und Juden nach unmittelbarer Nähe der Wohnungen der
chen in Italien, Frankreich, Jugoslawien, Auschwitz. Auf zusätzlichen Druck des Beschuldigten Kundgebungen von Anti-
Polen, Albanien, Griechenland und der Simon Wiesenthal Institutes nahm die faschisten statt. Es handelt sich um Wer-
UdSSR. Obwohl allein von Angehörigen Zentrale Stelle der Staatsanwaltschaften ner Bruß (Hamburg), Alfred Mathias
der Wehrmachts-Gebirgsjäger Massaker in Ludwigsburg Ende 2005 deswegen Concina (Freiberg), Ludwig Göring
in 58 Orten nachweisbar sind, wurde bis- Ermittlungen auf. Der Traditionsverein (Karlsbad, BaWü), Karl Gropler (Wollin,
her kein einziger Gebirgsjäger vor ein des SS-Polizei-Gebirgsjägerregiments Brandenburg), Georg Rauch (Rümmin-
deutsches Gericht gestellt. 18 gehörte bis Juni 2005 als Untergliede- gen, BaWü), Horst Richter (Krefeld),
Einzelne Ermittlungsverfahren wur- rung zum Kameradenkreis der Gebirgs- Heinrich Schendel (Ortenberg, Hessen),
den von Ludwigsburg an regionale truppe und wurde letztes Jahr auf Grund Alfred Schöneberg (Düsseldorf) und
Staatsanwaltschaften abgegeben. Doch – von Protesten und Recherchen aus dem Gerhard Sommer (Hamburg).
so wird von den Rechercheuren vermu- Kameradenkreis ausgeschlossen. Anfang Februar 2006 wurde vor dem
tet - die zuständigen Staatsanwaltschaf- Die Historikerin Regina Mentner von Militärgericht La Spezia die Eröffnung
ten verschleppen die Verfahren, bis die „Angreifbare Traditionspflege“: „Wenn eines weiteren Mordverfahrens bean-
Kriegsverbrecher verhandlungsunfähig der Kameradenkreis sich tatsächlich mit tragt. Es richtet sich ebenfalls gegen ehe-
oder gestorben sind. den NS-Verbrechen deutscher Gebirgs- malige Angehörige der 16. SS-Panzer-
Wegen folgender Mord- und Gräuelta- truppen innerhalb der nationalsozialisti- grenadierdivision „Reichsführer SS“.
ten einzelner Gebirgsjägerregimenter schen Wehrmacht auseinandersetzen Die in Deutschland lebenden Angeklag-
wird zur Zeit staatsanwaltschaftlich er- wollte, würde er jedoch nicht nur eine ten stehen unter Verdacht, im Herbst
mittelt: einzelne Kameradschaft ausschließen, 1944 im italienischen Marzabotto und
Am 16. August 1943 überfiel die 12. sondern auch deren Angehörige, die als den umliegenden Ortschaften mehr als
Kompanie des Gebirgsjägerregiments 98 Einzelpersonen nach wie vor Mitglied 900 Zivilisten massakriert und ermordet
den griechischen Ort Kommeno und er- des Kameradenkreises sind – wie der in zu haben.
mordete 317 Kinder, Frauen und Män- Garmisch-Partenkirchen lebende ehema- Gegen einen 84-jährigen ehemaligen
ner. Vorermittlungen gegen Angehörige lige Offizier des SS-Polizei-Gebirgsjä- Soldaten der Fallschirm-Panzer-Division
des Gebirgsjägerregiments wegen dieses gerregimentes 18 Karl Staudacher.“ „Hermann Göring“, der im Raum Tübin-
Massakers sind zwar 2003 auch auf Eine Liste mit 196 Namen ehemaliger gen lebt, hat die Staatsanwaltschaft Stutt-
Grundvon Protesten bei Traditionstreffen Gebirgsjäger, deren Einheiten für Massa- gart Ende Januar 2006 Anklage erhoben.
der Gebirgsjäger von der Staatsanwalt- ker und Geiselerschießungen in ver- Ihm wird vorgeworfen, am 19. Juni 1944
schaft München aufgenommen worden, schiedenen europäischen Ländern ver- an der Ermordung von etwa 20 Men-
Entscheidungen lassen aber auf sich war- antwortlich sind, wird seit 2003 bei der schen des Ortes Civitella beteiligt gewe-
ten. Bisher wird lediglich Material ge- Staatsanwaltschaft München immer sen zu sein. Die 5. Große Strafkammer
sammelt, es wird geprüft, welche mögli- noch geprüft und geprüft. des Landgerichts Tübingen muss nun
chen Täter noch leben und es muss ent- Ermittlungsverfahren wegen NS- entscheiden, ob ein Verfahren eröffnet
schieden werden, welche örtliche Staats- Kriegsverbrechen während der deut- wird.
anwaltschaft zuständig ist. schen Besatzungszeit machen derzeit je- Gegen den ehemaligen Wehrmachts-
Auch die Staatsanwaltschaft der Zen- doch in Italien Fortschritte. offizier des 274. Infanterieregiments
tralstelle für die Bearbeitung von NS- Mitte der 90er Jahre wurde bei der Mi- Klaus Konrad ist seit 2004 ein Ermitt-
Massenverbrechen in Dortmund ermittelt litärstaatsanwaltschaft in Rom ein Be- lungsverfahren in Italien wegen eines
seit 2002 nach noch lebenden Tätern des stand alter Vorermittlungsakten von Massakers in San Polo bei Arezzo in der
Gebirgsjägerregiments 98. Sie waren im deutschen Kriegsverbrechen in Italien im Toskana anhängig. Der 92-Jährige aus
September 1943 an der Massenerschie- sogenannten „Schrank der Schande“ ent- Schleswig-Holstein, der von 1969 bis
ßung von circa 5.000 italienischen Sol- deckt. Auf Grund dieser Akten verurteil- 1980 für die SPD im Bundestag saß,
daten auf der griechischen Insel Kephal- te das Militärgericht in La Spezia im Juni leugnet bis heute Schuld und Verantwor-

8 : antifaschistische nachrichten 17/2006


Gunter Demnig wird alternativer
Ehrenbürger von Köln
Antifaschistische Stolpersteine werden gewürdigt
Über 500 Menschen versammel- In ihrer Laudatio sagte Elke Heiden- noch um ein Vielfaches verstärkt durch
ten sich am 20. August vor dem reich: „Du hast eine Art Erinnerung ge- die Datenbank, die seit kurzem im Inter-
Kölner Rathaus, um zum zweiten schaffen, die jedes andere teure Denkmal net verfügbar ist. Auch dafür an Sie, Frau
Mal eine alternative Ehrenbürgerschaft – ins Abseits stellt. Die Steine liegen und Richert und das NS-Dokumentationszen-
diesmal an Gunter Demnig – zu verge- glänzen – und sie provozieren.“ trum unseren herzlichen Dank.“
ben. Aber – „Was heißt schon alterna- Die Kölner VVN/BdA gratulierte Gunter Demnig betonte: „Ohne die
tiv?“ erklärte der Kabarettist Heinrich Demnig und schrieb ihm: „Diese Wir- vielen örtlichen Initiativen wäre meine
Pachl: „Alternativ ist nicht der Gegen- kung Ihrer Arbeit ist unseres Erachtens Arbeit nicht möglich gewesen.“
satz zum Offiziellen, sondern bedeutet nicht hoch genug zu schätzen. Sie wird jöd ■
sinnvoll und da, wo es notwendig ist, zu
handeln, einzugreifen, aktiv zu werden.“
Und das tut der Künstler Demnig seit
vielen Jahren.
Gunter Demnig ist bundesweit durch
seine Stolpersteine bekannt. In 174 Städ-
ten der Bundesrepublik liegen die klei-
nen, durch ihre Messingplatten golden
glänzenden Steine, die an die Opfer des
Faschismus gedenken.

tung an der Ermordung von 48 italieni-


schen Männern.
Die bei der Dortmunder Staatsanwalt- Fotos: www.arbeiterfotografie.com
schaft befindliche Zentralstelle NRW für
die Bearbeitung von NS-Massenverbre-
chen ermittelt gegen Heinrich Nordhorn
aus Greven im Münsterland, während
des Zweiten Weltkrieges Angehöriger
der Schweren Heeres-Panzerjägerabtei-
lung 525. Vor der Militärstaatsanwalt-
schaft La Spezia läuft das Verfahren seit
dem 19. April 2006 in Abwesenheit des
Angeklagten. Nordhorn wird vorgewor-
fen, im September 1944 an der Erhän-
gung von zehn Zivilisten, die im Gefäng-
nis Forli einsaßen, beteiligt gewesen zu
sein.
Die recherchierenden Gruppen sind
der Meinung: Die Anstrengungen, die
von der deutschen Justiz gegen überle-
bende mutmaßliche deutsche Kriegsver-
brecher unternommen werden, entspre-
chen weder in Tempo noch Intensität den
Notwendigkeiten angesichts der vorge-
schrittenen Zeit und der Bedeutung für
die Bearbeitung der deutschen Vergan-
genheit. ■

: antifaschistische nachrichten 17/2006 9


Der Bundesausschuss Friedens- Pressemitteilung des Bundesausschusses Friedensrat-
ratschlag lehnt einen Bundes-
wehreinsatz im Nahen Osten schlag, 16. August 2006
kategorisch ab. Deutschland sei nicht
neutral in diesem Konflikt. Nötig sei
Aufbauhilfe statt Militäreinsatz. Die
Keine Bundeswehr in
Resolution 1701 verlange eine umfas-
sende Nahost-Lösung. Es sei eine
Neuorientierung der deutschen Nah-
den Nahen Osten!
ostpolitik nötig. Wir dokumentieren darf Menschen unterschiedlicher Haut- blick, da sich die gegenüber stehenden
die Erklärung. farbe, Herkunft, Religion usw. nie wie- Parteien (hier: Israel und Libanon bzw.
der als mehr oder weniger „minderwer- Hisbollah, dort Israel und die Palästinen-
Kassel, 16. August 2006 – Zu den Aus- tig“ klassifizieren. Deutschland muss das serbehörde bzw. Hamas, dort Israel und
einandersetzungen um eine deutsche Be- Lebensrecht aller Menschen gleich hoch Syrien) nicht mehr an den Waffenstill-
teiligung an einer UN-Militärmission im bewerten. Die Menschenrechte, wie sie stand halten und nicht bereit sind, in
Libanon und zu den weiteren Aktionen in der Allgemeinen Menschenrechtser- ernsthafte Verhandlungen miteinander
der Friedensbewegung gab der Sprecher klärung 1948 und in den beiden Men- einzutreten, hilft auch die UN-Truppe
des Bundesausschusses Friedensrat- schenrechtskonventionen („Sozialpakt“ nicht. Hier gälte es vielmehr, politisch
schlag folgende Erklärung ab: und „Zivilpakt“, 1967) verankert wur- auf die Parteien einzuwirken, in einen
Der Bundesausschuss Friedensrat- den, haben universelle Gültigkeit. umfassenden Friedensprozess einzutre-
schlag lehnt einen Bundeswehreinsatz ◗ Drittens wird in Berlin so getan, als ten.
im Nahen Osten kategorisch ab. Die Dis- könne man dem zerstörten Libanon (al- Genau dies verlangt im Grunde ge-
kussion, die in der Regierungskoalition lein die materiellen Kriegsschäden gehen nommen auch die Resolution 1701. In
und zwischen den Oppositionsparteien in die Milliarden) nun vor allem mit Ziffer 18 heißt es unmissverständ-
FDP und Grünen geführt wird, geht haar- deutschen Soldaten helfen. lich, dass der Waffenstill-
scharf an den wirklichen Problemen vor- Nein, die Mittel, die von stand genutzt werden
bei. einer evtl. Bundeswehr- solle, um einen „um-
Die UN-Mission verlangt Soldaten. mission in Anspruch fassenden, gerech-
Polizeikräfte (etwa die Bundespolizei), genommen würden, ten und anhalten-
die Berlin ins Gespräch brachte, sind in sind viel besser in den Frieden im
der aufzustellenden Blauhelmtruppe konkreter ziviler Nahen Osten“
nicht vorgesehen. Alles andere, nur keine Aufbauhilfe aufge- auf der Grundla-
Soldaten in den Nahen Osten zu schi- hoben. Gerade weil ge aller „relevan-
cken, bedeutet dabei sein zu wollen, die deutsche Bun- ten UN-Resolu-
ohne wirklich dabei zu sein. Deutschland desregierung nichts, tionen“ herbeizu-
als omnipräsente Weltmacht!? Das häu- aber auch gar nichts führen. Aufgeführt wer-
fig vorgebrachte Argument (gegen einen unternommen hat, um den namentlich die Resolutionen
Bundeswehreinsatz), deutsche Soldaten Israel vom Libanonfeldzug 242 (1967) und 338 (1973), in denen der
dürften unter keinen Umständen in eine abzuhalten, ist sie moralisch und Rückzug Israels aus den besetzten Ge-
Lage gebracht werden, dass sie evtl. auf politisch in der Pflicht, wenigstens jetzt bieten auf die Grenzen von 1967 verlangt
israelische Soldaten schießen müssten, dem zerstörten Land zu helfen. und ein Rückkehrrecht der Flüchtlinge
ist aus mehreren Gründen aufschluss- Die Umsetzung der UN-Resolution anerkannt wird.
reich: 1701 (2006) verlangt von den teilneh- Und genau hierin liegt auch der
◗ Erstens ist es ein unfreiwilliges Ein- menden Blauhelmtruppen zur Sicherung Schlüssel für die Lösung so mancher
geständnis der mangelnden Neutralität der israelisch-libanesischen Grenze (der Probleme im Nahen Osten.
Deutschlands im Nahostkonflikt. Solan- sog. „Blauen Linie“) strikte Neutralität. Die Diskussion um eine Beteiligung
ge Berlin einseitig die Position Israels Die libanesische Armee, die nun in den deutscher Truppen im Libanon führt in
und damit auch der USA einnimmt, kann Südlibanon einzieht, wird zum Teil aus die Irre. Zu diskutieren wäre vielmehr
es weder Vermittler, „Makler“ oder neu- eingegliederten Kräften der Hisbollah über einen politischen Beitrag zu einer
traler Akteur in einer multinationalen bestehen (anders wird es keine funktio- umfassenden Lösung des israelisch-pa-
Blauhelmtruppe an einem so neuralgi- nierende libanesische Armee geben). Mit lästinensischen Konflikts.
schen Punkt sein. Niemand käme z.B. ihr gilt es zusammenzuarbeiten; das wie- Wem es wirklich ernst ist um die Si-
auf die Idee, US-Truppen für einen sol- derum setzt Neutralität voraus. Eine sol- cherheit Israels, muss endlich auch die
chen Job anzufordern. che Neutralität ist im Fall der Bundes- Sicherheitsinteressen der anderen Sei-
◗ Zweitens versteckt sich hinter dem wehr nicht gegeben. Außenminister te(n) anerkennen. Dies erfordert von der
Argument ein latenter Rassismus. Im Steinmeier hat soeben mit der Absage Bundesregierung eine vollkommene
Umkehrschluss heißt es doch nicht an- seines Syrienbesuchs deutlich gemacht, Neuorientierung ihrer Nahost-Politik.
ders als: Auf alles andere, auf islamische dass Deutschland im Nahostkonflikt ein-
Hisbollah-Kämpfer, auf libanesische deutig auf der Seite Israels und der USA Für den Bundesausschuss Friedens-
Soldaten, auf Hamas-„Terroristen“, auf steht. ratschlag: Peter Strutynski (Sprecher)
irgendwelche anderen „Araber“ kann Nun wird man davon ausgehen kön- E-Mail: peter.strutynski@gmx.de
sehr wohl geschossen werden, nur Israe- nen, dass andere Nationen, die sich an www.uni-kassel.de/fb5/frieden/ ■
lis sind „Tabu“. Das ist eine nur sehr un- der Blauhelmtruppe beteiligen wollen
vollständige Konsequenz aus der deut- (Italien, Frankreich), auch nicht neutral Zum Antikriegstag am 1. September
schen Geschichte. Aus der unheilvollen sind. Es stellt sich ohnehin die Frage, ob finden in vielen Städten Kundgebun-
deutschen Geschichte der millionenfa- eine UN-Truppe, auch wenn sie – wie die gen und Demonstrationen statt. Das
chen Judenvernichtung und der Behand- seit 1978 stationierte UNIFIL – von seit- Netzwerk Friedenskooperative hat
lung anderer, insbesondere slawischer her 2.000 auf 15.000 Mann aufgestockt auf seiner Website etliche Termine zu-
Völker als „Untermenschen“ gibt es als wird, im Friedensprozess des Nahen Os- sammengestellt:
wichtigste Lehre zu ziehen: Deutschland tens hilfreich sein kann. In dem Augen- www.friedenskooperative.de

10 : antifaschistische nachrichten 17/2006


: ausländer- und asylpolitik
im Sitzungsraum 102 eine mündliche
Anhörung zu seinem Asylverfahren statt.
Der Abschiebetermin wurde bereits
festgesetzt und der Flug gebucht für den
Serif Akbulut: 2. und 3. Ab- Schubert im Auftrag der Ausländerbe- 7. September 2006.
schiebeversuch gescheitert hörde in Gelnhausen, entspricht nicht im Zum Hintergrund: Wegen Folterung
Frankfurt. Offensichtlich als Überra- Mindesten den Richtlinien der Hessi- und illegaler Festnahme in seiner Heimat
schungscoup der Behörden geplant, wur- schen Landesärztekammer“, formuliert Togo beantragte Attikpasso Latevi
de am 8. August abends zum zweiten Dr. Girth, Menschenrechtsbeauftragter Lawsson im Herbst 1998 Asyl in
Mal versucht, Serif Akbulut, der mittler- der Landesärztekammer, seine Kritik Deutschland. Mehrere psychologische
weile seit über einem Monat in Wiesba- sehr eindeutig. Vor diesem Hintergrund Gutachten bestätigten eine direkt aus der
den in Abschiebehaft sitzt, in die Türkei fordert das Bündnis für Bleiberecht Folter in Togo stammende posttraumati-
abzuschieben. Weder Anwalt noch Fami- nochmals eine zweite Untersuchung, die sche Belastungsstörung. In Deutschland
lienangehörige waren informiert, doch diesen Namen dann auch wirklich ver- setzte sich der aktive Künstler in seinen
im Flugzeug gelang es Serif Akbulut in dient. Werken weiterhin mit politischen The-
letzter Minute erneut, den Piloten zu Abschiebedrama geht weiter, men auseinander. Zuletzt stellte er im Er-
überzeugen, ihn nicht gegen seinen Wil- Behörden zeigen sich gnadenlos. furter Rathaus auf der Oberbürgermeis-
len zu transportieren. Zwei private Si- teretage eine Reihe seiner neuesten Ar-
cherheitsbegleiter und ein Arzt waren Am 11. August erfolgte der dritte Ab- beiten vor.
von den Behörden zur Abschiebedurch- schiebeversuch. Behörden und Bundes- Das Verwaltungsgericht Gera lehnte
setzung mit an Bord geschickt worden, polizei wollen Serif Akbulut offensicht- im Herbst 2005 sein Asylgesuch trotz der
und nach dem Abbruch wurden ihm von lich um jeden Preis abschieben. Erneut Gutachten von Fachärzten ab. Auch der
den Begleitbeamten sogleich weitere Ab- aber hat der Pilot, diesmal von der Luft- Befund des durch das Gericht beauftrag-
schiebeversuche für die nächsten Tage hansa, die Abschiebung abgebrochen. ten Gutachters wurde nicht zur Begrün-
angekündigt. In der Zwischenzeit haben Pfarrerin- dung eines humanitären Bleiberechtes
nen und Pfarrer aus dem Main-Kinzig- genutzt. Attikpasso konnte nicht die drin-
Kreis und Kreis Fulda in einem Offenen gend notwendige traumaspezifische The-
Brief dringlich an das Hessische Innen- rapie antreten. Insbesondere nach der
ministerium appelliert, der Ankündigung Ablehnung des Asylgesuches spitzte sich
einer Bleiberechtsregelung auch endlich seine Angst dramatisch zu. Er verfasste
Taten folgen zu lassen und insbesondere im März 2006 einen Brief mit psychoti-
Serif Akbulut sofort freizulassen. schem, bedrohlichem Inhalt an das Ver-
„Serif Akbulut pendelt zwischen Ab- waltungsgericht in Gotha.
schiebehaft und Flugzeug, ständig in Der aufgrund dieses Briefes eingelei-
Angst und Ungewissheit, was mit ihm in tete Maßregelvollzug wurde mit der Ein-
den nächsten Stunden passiert. Die Ver- schätzung der Ungefährlichkeit beendet.
Der junge Mann, der seit über 8 Jahren antwortlichen haben offensichtlich über- Attikpasso Latevi Lawson befindet sich
in Deutschland lebt, der hier bestens in- haupt keinen Begriff davon, was sie hier derzeit in Vorbereitungshaft im Abschie-
tegriert ist und sich nicht von seinen einem jungen Menschen und seiner Fa- behaftteil der JVA Goldlauter!
kranken Eltern trennen lassen will, be- milie antun,“ kommentiert Hagen Kopp Aufgrund der anhaltenden Menschen-
steht jedoch auf seinem Bleiberecht. vom Bündnis für Bleiberecht den neuer- rechtsverletzungen in Togo fordert der
„Zwar reden immer mehr Politiker lichen Abschiebeversuch. UNHCR seit längerem einen Abschiebe-
über die Notwendigkeit, integrierte junge Serif sitzt jetzt wieder in der JVA- stopp nach Togo:
Menschen im Duldungsstatus endlich ein Preungesheim und wartet dort auf die Mit Blick auf die Situation abgelehn-
Bleiberecht zu geben. Doch im Fall von Abschiebehaftprüfung am 16. August. ter Asylsuchender aus Togo begrüßte der
Serif Akbulut soll ein voll integrierter Die Unterstützung für die Familie Ak- UNHCR-Vertreter die Entscheidung
junger Mann nun um jeden Preis wegge- bulut wird täglich breiter, das Unver- Mecklenburg-Vorpommerns, Abschie-
schafft werden,“ kritisiert Hagen Kopp ständnis gegenüber dem gnadenlosen bungen für sechs Monate auszusetzen.
vom Bündnis für Bleiberecht die neue Verhalten der Behörden immer größer. „Wir haben die anderen Bundesländer
Zuspitzung. „Wir appellieren an das Re- Gemeinsam u.a. mit den PfarrerInnen, gebeten, diesem Schritt zu folgen“, sagte
gierungspräsidium und das Innenminis- dem Fußballverein in Salmünster, der der UNHCR-Vertreter Köfner.
terium, endlich ein Einsehen zu haben, unlängst im Hessenfernsehen seine Soli- Flüchtlingsrat Thüringen,
Serif Akbulut freizulassen und damit die- darität mit ihrem Mitspieler Serif Akbu- info@fluechtlingsrat-thr.de ■
sem unmenschlichen Abschiebedrama lut ausgedrückt hat, sowie mit Verwand-
ein Ende zu bereiten“. ten und Freunden wird sich das Bleibe- Härtefallverordnung eine
Am Mittwoch nächster Woche läuft rechtsbündnis unvermindert für die Frei-
die vom Gericht verfügte Abschiebehaft heit von Serif einsetzen. „Enttäuschung“
aus. Das Bündnis für Bleiberecht hofft, nach Pressemitteilungen des Bündnis Hannover. Die am 23.7.06 im nieder-
dass Serif Akbulut dann wieder freige- für Bleiberecht Hanau/Main-Kinzig sächsischen Kabinett beschlossene Här-
lassen wird und erneut die Betreung sei- www.freiheit-fuer-serif.tk/ ■ tefallverordnung haben die Landtagsgrü-
ner schwer kranken Mutter übernehmen nen „als Enttäuschung“ bezeichnet.
kann. Aufruf zur Unterstützung „Dem Ansinnen der Opposition, der
Die amtsärztliche Untersuchung be- Kirchen und der Flüchtlingsverbände,
züglich der Mutter, in dem Ende Juli bei Verhandlung von eine humanitäre Regelung für Flüchtlin-
ohne weitere Prüfung der vorliegenden Attikpasso Lawson ge zu erreichen, ist in keinster Weise
fachärztlichen Gutachten eine „Flug- Gera. Attikpasso Lawson befindet sich Rechnung getragen worden“, sagte die
tauglichkeit“ attestiert worden war, gerät noch immer in Abschiebehaft und seine Abgeordnete Filiz Polat, die die Grünen
nun auch von Seiten der Landesärzte- Situation ist dramatisch. Am Verwal- im Petitionsausschuss vertritt.
kammer in die Kritik. „Diese Untersu- tungsgericht Gera (Hainstr. 21, Gera) Als absurd bezeichnete die Grünen-
chung, durchgeführt vom Amtsarzt Dr. findet am 30. August 2006 um 13.30 Uhr Politikerin die Tatsache, dass in der

: antifaschistische nachrichten 17/2006 11


Kommission kein Mitglied aus dem Be- renden Sitzung der Kommission nicht 4.00 vom 1. April bis 30. September,
reich der Migrations- und Flüchtlingsbe- abgeschoben zu werden.“ 21.00 Uhr bis 6.00 Uhr vom 1. Oktober
ratung vertreten ist. „Nicht ohne Grund Quelle: Pressemitteilung der Grünen bis 31. März) unzulässig, es sei denn,
hat im bisherigen Härtefallgremium der im Landtag Niedersachsen ■ eine Person wird auf frischer Tat ver-
Niedersächsische Flüchtlingsrat mitgear- folgt, es besteht Gefahr im Verzug oder
beitet, der neben den Kirchen über sehr Durchsuchung von Wohnun- die Durchsuchung dient der Wiederer-
umfangreiche Erfahrungen in der Flücht- greifung eines entwichenen Gefangenen
lingsarbeit verfügt.“ gen zur Nachtzeit unzulässig (§ 104 Abs. 1 StPO <http://bundesrecht
Auch der besonderen Situation der Hildesheim. Um dem Widerstand von .juris.de/bundesrecht/stpo/_104.html>).
Flüchtlingsfrauen werde mit der jetzt be- betroffenen und Unterstützerinnen/Un- Diese Tatbestände sind bei Flüchtlingen,
schlossenen Zusammensetzung der terstützern gegen Abschiebungen zu bre- die abgeschoben werden sollen, in der
Kommission nicht Rechnung getragen, chen, versuchen die „Abschiebungsbe- Regel nicht erfüllt.
kritisierte Polat. „Es wäre wichtig gewe- hörden“ Abschiebungen zu „nachtschla- Das niedersächsische Innenministeri-
sen, ein Mitglied zu berufen, das die Si- fenden“ Zeiten durchzuführen, oft ohne um macht sich in seiner Antwort auf eine
tuation allein stehender Frauen, die oft- die Betroffenen darüber zu informieren, Anfrage der Abgeordneten Georgia
mals auch traumatisiert sind, kompetent die sozusagen aus dem Bett geholt, das Langhans (GRÜNE) mit der Behauptung
beurteilen kann.“ Entsprechende Vor- heißt, regelrecht mit der Abschiebungs- lächerlich, dass eine Verletzung des Be-
schläge seien in der Stellungnahme ihrer maßnahme überfallen werden. Gegen tretensverbots zur Nachtzeit nicht vorlie-
Fraktion gemacht worden. Polat befürch- diese unrechtmäßige Praxis teilt der ge, wenn „die Wohnungstür zur Nacht-
tet, dass zahlreiche Familien während Flüchtlingsrat Niedersachsen mit: zeit von den Wohnungsinhabern freiwil-
der Sommerpause abgeschoben werden, „Aus aktuellem Anlass sei noch ein- lig geöffnet wird und die Abzuschieben-
weil deren Duldungen nicht verlängert mal darauf hingewiesen, dass gemäß § den den angekündigten Maßnahmen frei-
werden und die Härtefallkommission 104 Abs. 3 Strafprozessordnung eine willig folgen“. Folgt der Kampagne des
ihre Arbeit frühestens im September auf- Wohnung zur Nachtzeit von der Polizei MI für „freiwillige Rückkehr“ nun als
nimmt. „Viele dieser Familien werden grundsätzlich nicht zwangsweise betre- Ergänzung der Appell zur „freiwilligen
jetzt sicher um Kirchenasyl bitten. Das ten werden darf. Die Durchsuchung von Abschiebung“
ist ihre letzte Chance, bis zur konstituie- Wohnungen ist zur Nachtzeit (21.00 bis Quelle: Nds. Flüchtlingsrat ■

Das Plansoll wurde nicht erfüllt,


die Kennziffern der unterge-
ordneten Behörden sind nicht
Sarkozy moniert:
gut. Also setzte es eine gesalzene
Standpauke. Ansonsten Befürworter
einer wirtschaftsliberalen und tenden-
Plansoll ist nicht erfüllt
ziell marktradikalen Politik, kann Ni- hin in den letzten Juli- und ersten August- hüllungszeitung Canard enchaîné minuti-
colas Sarkozy sich auch von seiner tagen bereits über 100 Personen in drei ös dokumentiert hat, lieferte Sarkozy auch
ebenso staats- wie zahlenversessenen Sonderflügen abgeschoben worden sind. eine Begründung für das Drängen mit:
Seite zeigen. Am vergangenen Donnerstag war ein wei- „Wenn wir unsere Ziele nicht erreichen,
terer Sonderflug nach Bukarest angesetzt, dann besteht ein echtes Demokratierisi-
25.000 Abschiebungen aus Frankreich bis am 29. August soll ein weiterer nach Sofia ko“ erklärte er. Und meinte damit, dass es
zum Jahresende habe er verlangt, hielt In- folgen. In Toulouse, Saint-Etienne und ihm eventuell nicht gelingen werde, die
nenminister Nicolas Sarkozy den versam- der Pariser Vorstadt Bagnolet hat die Poli- bisherigen Unterstützer der extremen
melten Präfekten – diese hohen Beamten zei Niederlassungen von Roma, die vor Rechten dazu zu bewegen, beim nächsten
vertreten den französischen Zentralstaat flagranten Diskriminierungen und äußerst Mal – also bei der Präsidentschaftswahl
in den Départements, leiten dort die Poli- elenden Lebensbedingungen in Südosteu- im kommenden April – lieber Sarkozy zu
zei und die Ausländerbehörden – Ende ropa geflohen waren, demoliert. Zum Teil wählen.
Juli vor. Aber im ersten Halbjahr wurden erfolgte dies allerdings auch schon vor Noch am 30. Juni vergangenen Jahres
„nur“ circa 10.000 „Rückführungen zur Sarkozys Rüffel für die Präfekten. hatte er sich gebrüstet: „Ich bemühe mich
Grenze“, wie der französische Fachbegriff Theoretisch sind Kollektivabschiebun- nicht um die Wähler des Front National,
dafür lautet, durchgeführt. gen – etwa mittels Sonderflügen – seit ei- ich habe sie bereits.“ Damals ging es vor
„Wir sind weit entfernt von der Ziel- nem Urteil des Europäischen Gerichts- allem um die Polizei- und Sicherheitspoli-
marke“, tönte Sarkozy vor seinen Unter- hofs, der eine Familienabschiebung aus tik. Doch im Moment scheint der Minister
gebenen im großen Feiersaal des Innen- Belgien in die Slowakei von 1999 sanktio- sich seiner Sache nicht mehr so sicher zu
ministeriums. „10 Prozent von Ihnen ha- niert hat, verboten. So sieht es auch der sein.
ben nicht das Niveau von Rückführungen Artikel 4 eines Zusatzprotokolls zur Euro- Tatsächlich hat die rechtsextreme Par-
an die Grenze erreicht, das ich Ihnen vor- päischen Menschenrechtskonvention vor. tei, obwohl diese in jüngerer Zeit kaum
gegeben hatte. Ich lade Sie eilig dazu ein, Denn die Gefahr ist zu hoch, dass die mit eigenen Aktivitäten in der Öffentlich-
dies zu erreichen. Wenn das nicht der Fall Rechtsgarantien der einzelnen Betroffe- keit präsent ist, höhere Umfragewerte für
ist, so wird es Folgen haben.“ nen massiv verletzt oder übergangen wer- ihren Kandidaten Jean-Marie Le Pen als
Die Präfekten, so ein Augenzeuge in den. Aber bisher ist das Papier geduldig, zuvor verzeichnet. Der Abhörskandal
der Wochenzeitung Le Canard enchaîné, und Sarkozy geht es vor allem um den rund um die so genannte Clearstream-Af-
hätten daraufhin „ihre Schuhe angeguckt“ kurzfristigen politischen Effekt mittels färe, der die regierenden Konservativen
oder „in die Hosen gemacht“. markiger Ankündigungen – auch wenn im April und Mai dieses Jahres erschütter-
Anscheinend hatte das Herumpoltern bestimmte Praktiken im Anschluss durch te, hat ihm einige Wähler der Bürgerli-
auch Folgen, denn die Abschiebemaschi- die Gerichte verhindert oder verurteilt chen zugetrieben. Insgesamt liegt der 78-
nerie hat sich bereits verstärkt in Gang ge- werden sollten. Jährige, der sich aus Altersgründen auf
setzt. Besonders im Visier sind derzeit Anlässlich seines Auftritts vor den Prä- seine definitiv letzte Präsidentschaftskan-
Roma aus Rumänien und Bulgarien, wo- fekten, den die beliebte Satire- und Ent- didatur vorbereitet, derzeit zwischen 10

12 : antifaschistische nachrichten 17/2006


und 15 Prozent der Wahlab- jährigen Sohn namens
sichten. Kein außergewöhn- Vladislav haben, der in
liches Niveau, gemessen an Frankreich geboren
dem der letzten anderthalb und im Kindergarten
Jahrzehnte. eingeschult war. Die
Doch bei der Wahl 2002 Dienstanweisung Sar-
war Le Pen im Vorfeld durch kozys an die Präfekten
die Umfrageinstitute unter- sah ausdrücklich auch
schätzt worden. Deshalb be- eine Einschulung im
haupten manche Meinungs- Kindergarten als mög-
forscher und manche Politi- liche Grundlage für
ker, man müsse seinen Um- eine Aufenthaltserlaub-
fragewerten 7 bis 8 Punkte nis der Familie vor, so-
hinzufügen, um die tatsächli- fern die anderen Krite-
chen Ergebnisse zu kalkulie- rien erfüllt waren. Die
ren. Andere widersprechen Präfektur berief sich je-
dieser tatsächlich höchst doch darauf, dass eine
fragwürdigen Methode, denn Einschulung im Kin-
bisher wird durch nichts be- dergarten grundsätzlich
legt, dass im Moment tat- nicht zähle.
sächlich ein solcher Abstand Die Familie, die sich
zwischen den tatsächlichen und den er- hatten die betroffenen Familien Zeit, ihre zu ihrem Vorladungstermin begab, wurde
klärten Stimmabsichten besteht. Aber mit Dossiers bei den Präfekturen zu hinterle- vor dem Schalter in Abschiebehaft ge-
Voraussagen lässt sich prima Politik ma- gen. nommen. Sie weigerte sich zunächst ve-
chen. Bereits im Juli hatte Sarkozy erklärt, er hement, ins Flugzeug zu steigen: Olek-
Aber Sarkozy wäre nicht Sarkozy, wür- rechne damit, dass 20.000 Anträge ge- sandr Kostyuba war vor vier Jahren aus
de er nicht gleichzeitig auf mehreren stellt würden und dass am Ende 6.000 der Ukraine geflohen, weil er massive
Hochzeiten tanzen, um sich als „über den Aufenthaltserlaubnisse erteilt würden. Probleme mit den Regierenden – die in-
politischen Fronten stehend“ zu präsentie- Nun hat sich herausgestellt, dass es unge- zwischen wieder dieselben sind – hatte.
ren. Wie so oft versucht er sich in einer fähr ein Drittel mehr „Legalisierungs“an- Aber die junge Familie wurde damit be-
politischen Gleichgewichtsübung, die be- träge geworden sind. Doch Sarkozy bleibt droht, dass ihnen das Kleinkind wegge-
weisen soll, dass nur er die widerstreiten- trotzdem bei seinen Zahlen, was die Ertei- nommen und in ein Heim gebracht wür-
den Lager vereinen und sich mit seinem lung von Aufenthaltstiteln betrifft. Auch de. So wurde sie mürbe gemacht und stieg
persönlichen Voluntarismus durchsetzen nach dem Ende der Antragsfrist sprach er am vorletzten Sonntag doch widerstands-
kann. Abschiebungen von „Illegalen“, so von 5 bis 6.000 zu erwartenden Aufent- los ins Flugzeug nach Kiew.
meint jedenfalls Sarkozy, sind in der haltsgenehmigungen. Dies klingt bereits Solidaritätsvereinigungen und die radi-
Wählerschaft populär – aber nicht unbe- wie eine erneut, in Sollzahlen gefasste kale Linke sprachen umgehend in Presse-
dingt, wenn sie schulpflichtige Kinder Anordnung an die ihm unterstehenden mitteilungen von einer „Falle“ und einem
und Jugendliche betreffen, die mit den ei- Präfekten. Skandal. Das Innenministerium berief
genen Sprösslingen des potenziellen Jene, die eine Ablehnung erhalten, wer- sich darauf, der Vater des Kindes spreche
Wählers zusammen die Schulbank drü- den damit zunächst in die „Illegalität“ zu- aber gar kein Französisch, woraufhin eine
cken und möglicherweise noch mit ihnen rückkehren. Sarkozy beließ es zunächst AFP-Journalistin erklärte, er habe ihr ge-
befreundet sind. Das sorgt für Unruhe und bei der Feststellung, die Betroffenen wür- genüber ihre Fragen aber auf Französisch
Abwehrreaktionen im Publikum. den in der Zukunft „freiwillig oder er- beantwortet. Beide Eltern galten nicht nur
Im Frühsommer hatte sich gezeigt, dass zwungen ausreisen“. Allgemein mochte als gesellschaftlich sehr integriert, son-
die Ankündigung, der im vorigen Herbst man sich aber zunächst nicht dern hatten für den Fall ihrer „Legalisie-
durch Sarkozy – infolge von Protesten ge- vorstellen, dass die abgegebenen Dossiers rung“ auch Versprechen auf eine Festein-
gen Abschiebungen von Minderjährigen dazu benutzt würden, um gezielt Jagd auf stellung. Der Rechtsanwalt Arno Klars-
mit ihren Familien – bis zum Ende des die betreffenden Familien zu machen. feld, der von dem mit ihm befreundeten
laufenden Schuljahres gewährte Abschie- Dies würde gar zu sehr nach einer ihnen Sarkozy als „Vermittler“ eingesetzt wor-
beschutz werde auslaufen, in breiten Krei- gestellten „Falle“ aussehen und in den für den war und sich verbal für die „in Frank-
sen Emotionen auslöste. Auch in bürgerli- diese Frage sensibilisierten Teilen der Öf- reich integrierten Familien“ stark gemacht
chen Milieus wurden humanistisch oder fentlichkeit nicht gut ankommen. Ferner hatte, griff daraufhin in der Öffentlichkeit
christlich begründete Einwände laut, und wiesen Beobachter darauf hin, dass in den die Solidaritätsvereinigungen an. Diese
Teile der Linken mobilisierten gegen dro- Abschiebegefängnissen die Zahl der Plät- betrieben „Demagogie“, und die Familie
hende Abschiebungen in den Ferien. ze, die auch Kinder und Jugendliche auf- hätte wissen müssen, dass ihre Vorladung
Während andere am Strand liegen, müs- nehmen können, relativ gering sei: Wer zur Präfektur mit einer Ablehnung ihres
sen einige versteckt leben: Diese Vorstel- quantitativ messbare „Erfolge“ in Sachen Antrags verbunden war, da sie eine
lung erschien vielen unerträglich. Abschiebung erzielen will, sollte eher die schriftliche Mitteilung bekommen habe.
Im Juni hatte Sarkozy daher angeboten, Jagd auf Volljährige und möglichst Kin- Seinen Status als „Vermittler“ hat er da-
einen Teil der betroffenen Familien mit derlose eröffnen. durch aber unterminiert, da die Solidari-
schulpflichtigen Kindern oder Jugendli- Aber zumindest in einem Falle wurde tätsvereinigungen wie die kirchliche Ci-
chen zu „legalisieren“, ihnen also eine Er- die Vorladung zur Präfektur den Betroffe- made und das Netzwerk „Bildung ohne
laubnis zum legalen Aufenthalt zu ver- nen zum Verhängnis. Am vorletzten Frei- Grenzen“ ihn nun nicht mehr als halb-
schaffen, auf der Grundlage mehrerer Kri- tag begaben sich Oleksandr und Inna wegs neutralen Ansprechpartner betrach-
terien. Dazu gehörte das dehn- und aus- Kostyuba (27 und 24) voller Hoffnung in ten. „Arno Klarsfeld, der Clown, der die
legbare Merkmal der „guten Integration in die Präfektur der Pariser Vorstadt Corbeil- Kinder nicht zum Lachen bringt“ zeichne-
die französische Gesellschaft“ sowie das Essonnes. Sie waren im Glauben, nun- te die Satirezeitung Charlie Hebdo in ei-
Kriterium der französischen Sprachkennt- mehr ihren Aufenthalt in Frankreich „le- ner Karikatur.
nisse. Bis zum vorletzten Wochenende galisieren“ zu können, da sie einen drei- Bernhard Schmid, Paris ■

: antifaschistische nachrichten 17/2006 13


Kern eines künftigen „Zentrums
der Vertreibungen“
Berlin. Die am 10. August in endet mit der Wannseekonferenz. Die Re- Aufbereitung keine Zusammenhänge auf-
Berlin eröffnete Ausstellung über lativierung schlägt aber eine neue Rich- gezeigt. Dem Grundkonzept der Ausstel-
die Umsiedlung der Deutschen tung ein: Die so genannten Vertreibungs- lung folgend, ist das aber auch nicht mög-
gilt als Kern eines künftigen „Zentrum ge- schicksale werden unterschiedslos neben- lich. Denn dann müsste man die Motive
gen Vertreibungen“. Die von Organisatio- einander gestellt. Bereits das Intro auf der der Vertreibungen und Deportationen zum
nen der deutschen „Vertriebenen“ initiier- homepage der Stiftung Zentrum gegen Ausgangspunkt nehmen. Man müsste sa-
te Ausstellung mit dem Titel „Erzwunge- Vertreibungen fängt mit der Aussage an: gen, dass die Vertreibung der Polen Teil
ne Wege“ behandelt verschiedene Ereig- Zwischen 80 und 100 Millionen Men- eines Rassevernichtungskriegs gegen die
nisse des 20. Jahrhunderts, darunter den schen im 20. Jahrhundert sind vertrieben, Bevölkerung Osteuropas war. Man müss-
Genozid an der armenischsprachigen Be- deportiert oder ermordet worden. So, als te sagen, dass die Umsiedlung der Deut-
völkerung des Osmanischen Reichs, die sei der Bevölkerungsaustausch zwischen schen auf den Erfahrungen der Nachbar-
Verfolgung von Juden durch NS-Deutsch- den Balkan-Staaten am Ende des Ersten länder mit ihren deutschen Minderheiten
land und die Umsiedlung der Deutschen Weltkriegs das gleiche wie der Genozid zwischen den Weltkriegen und im Zwei-
aus Osteuropa gemäß den Bestimmungen an den Armeniern das gleiche wie „ein ten Weltkrieg beruhte. Eine angemessene
des Potsdamer Abkommens. Einer der Baustein des Holocaust“ das gleiche wie Wertung der völkischen Wühlarbeit der
Ausstellungs-Kuratoren, Wilfried Ro- die Vertreibungen in Ex-Jugoslawien in deutschen Minderheiten unterbleibt. Ter-
gasch, hat bereits zu Jahresbeginn über den 90er Jahren. Und das alles das gleiche rorbanden wie das „Sudetendeutsche
die merkwürdige Zusammenstellung wie die Umsiedlung der Deutschen 1945- Freicorps“, das in über 300 Anschlägen
gänzlich verschiedener Geschehnisse be- 48. vor 1938 über 100 Menschen tötete, blei-
hauptet, es sei „aus der Perspektive des Die Relativierung wird dabei über eine ben unerwähnt. Dafür wird auf der Textta-
Opfers (...) vollkommen gleichgültig (...), subjektiv-emotionale Argumentation be- fel über die Vertreibung der Sudetendeut-
ob eine ostpreußische Frau 1944/45 ver- sorgt. So zitiert der Spiegel vom 31. Janu- schen behauptet, dass die Henlein-Partei
gewaltigt und dann ermordet wurde oder ar Helga Hirsch, Mitglied des wissen- die Deutschen diskreditiert habe. Das ca.
ob eine jüdische Frau von Deutschen in schaftlichen Beirats: „Uns wird vorge- 90% der Deutschen in Tschechien dieser
das KZ nach Auschwitz gebracht wurde worfen, die deutschen Kriegsverbrechen Partei ihre Stimme gegeben haben, bleibt
und dann ermordet wurde“. (www.ger- zu relativieren. Aber es darf keine Kon- unerwähnt. Dass diese Deutschen dem
man-foreign-policy.com, 11.8. 2006) Am kurrenz zwischen den Opfern geben.“ Die Einmarsch der Wehrmacht zugejubelt ha-
12. August 2006 fand in Berlin eine Anerkennung des deutschen Leids sei ben, ebenso.
Kundgebung gegen die Ausstellungen aber die Voraussetzung für die Empathie Eine tschechische Zeitung schreibt in
„Flucht. Vertreibung. Integration“ im mit dem Leid anderer. Mit anderen Wor- ihrer gestrigen Ausgabe ganz richtig: „Die
Deutschen Historischen Museum und ten: so lange das Leid der deutschen Ver- Ausstellung erfüllt die Erwartungen. Sie
„Erzwungene Wege“ im Kronprinzenpa- triebenen nicht anerkannt wird, so lange ist nicht objektiv, sie verschweigt, sie ist
lais statt. Auf der Kundgebung sprach ist auch von uns kein Mitleid zu erwarten. tendenziös. Sie ist die Erinnerung von Op-
auch Ulla Jelpke (MdB). Ihre Rede griff Die Ausstellung geht noch einen ande- fern, die sich weder an die eigene Schuld,
die Beschwichtigungen der Veranstalter ren Weg der Relativierung: den der Be- noch an die Schuld von Nazi-Deutschland
und des „Bundes der Vertriebenen“ auf griffe. So heißt es, in der Phase der „wil- erinnern.“ („Lidove noviny“)
und widerlegte sie anhand der Ausstel- den Vertreibungen“ unmittelbar nach dem Keinerlei Erwähnung findet der Rasse-
lung selbst. Wir dokumentieren die Rückzug der Wehrmacht habe es „Vertrei- Vernichtungskrieg, den die Wehrmacht
Rede: bung in Zügen“ gegeben. Die Assoziation führte und der in der Ausstellung „Verbre-
zu Menschen, die in Züge gesteckt wer- chen der Wehrmacht“ umfassend doku-
Liebe Freundinnen und Freunde, den, dürfte den Kuratoren der Ausstellung mentiert wurde. Der Generalplan Ost wird
nach jahrelanger Auseinandersetzung um klar sein; sie ist also gewollt. erwähnt; dass er die Vertreibung von 50
ein „Zentrum gegen Vertreibung“ startet Ein anderes Beispiel subtiler Relativie- Millionen Osteuropäern vorsah; dass man
die Stiftung des Bundes der Vertriebenen rung: 1940, als die Donauschwaben in der Reichsführung nur noch diskutierte,
mit dieser Ausstellung einen ersten Test- „Heim ins Reich“ geholt wurden, seien ob nun 20 oder 30 Millionen dabei ver-
ballon für die Akzeptanz ihres Anliegens. Schiffe die Donau mit jüdischen Flücht- nichtet werden müssten, erfährt der Besu-
Von den Machern der Ausstellung wurden lingen herunter- und mit deutschen Um- cher nicht. Der Begriff Germanisierung
im Vorfeld Mythen in die Welt gesetzt, um siedlern heraufgefahren. wird in Zusammenhang mit der Beset-
die Öffentlichkeit zu beruhigen und über Einen besonders perfiden Propaganda- zung Polens 1939 erwähnt, und auch, dass
den geschichtsrevisionistischen Charakter griff haben sich die Aussteller für den er genau jene Vertreibung meinte, dass er
der Ausstellung hinwegzutäuschen. Nach letzten Teil der Ausstellung über das The- die Vernichtung der gesellschaftlichen
einem ersten Gang durch diese Ausstel- ma „Lager“ aufgehoben. Besonders perfi- Eliten meinte, die Versklavung der restli-
lung können diese Mythen leicht ausei- de sei es gewesen, dass am Ende des Krie- chen Bevölkerung. Aber dass sich das
nander genommen werden. ges die deutschen Vertriebenen in ehema- eben nicht nur auf die 1939 besetzten Tei-
1. Mythos: „Die Ausstellung will nicht lige Konzentrations- bzw. Kriegsgefange- le Polens, sondern Gebiete weit darüber
die Geschichte des Holocaust relati- nenlager gekommen seien. hinaus bezog, erfährt der Besucher eben-
vieren“ 2. Mythos: „Die Vertreibung der Deut- falls nicht.
schen wird in einen europäischen 3. Mythos: „Polen wurde in der Aus-
Die Vertreibung der Juden taucht in der bzw. historischen Kontext gestellt“ stellung besonders berücksichtigt, zu
Ausstellung als ein Baustein des Holo- einigen polnischen Bürgern gibt es
caust auf, der auch so benannt wird. Die Dazu ist zu sagen: neun Beispiele von gute Beziehungen“
Vernichtung der Juden wird nach den Vertreibungen in einer Ausstellung zu zei- Um diese These zu untermauern, weist
Worten der Aussteller nicht gezeigt, um gen, stellt noch keinen Kontext her. Erst zum Beispiel ein Sven Felix Kellerhoff in
sie nicht zu relativieren. Die Darstellung recht werden so ohne die entsprechende der „Welt“ vom 10. August darauf hin,

14 : antifaschistische nachrichten 12-2005


dass jedes zehnte der gezeigten Exponate puläres Element im Prozess der kommu- ausgesetzt hatte, um die Kollision mit ei-
aus Polen stammt. Doch die Vertreibung nistischen Machtergreifung gewesen.“ nem entgegenkommenden Minenleger
der polnischen Bevölkerung durch das der Wehrmacht zu verhindern, und da-
Deutsche Reich wird nur in der Phase bis durch leicht auszumachen war; dass die
1941 gezeigt. Die Angaben dazu sind wi- Gustloff militärischen Geleitschutz hatte,
dersprüchlich: mal ist die Rede von weil sich an Bord 918 Soldaten der 2. U-
135.000 Vertriebenen, dann wird auf ein- Boot-Lehrdivision befanden, die von Kiel
mal die Zahl von 925.000 Vertriebenen aus wieder in den Kriegseinsatz geschickt
genannt. Das fällt vielen Besuchern auch werden sollten – warum mit solchen De-
auf. tails aufhalten? Diese Schiffsglocke ist
Aber was dann geschah, ist nicht Ge- also eine einzige Anklage, sie steht für
genstand der Ausstellung. Wie die polni- den Anspruch: wir, die Deutschen, sind
sche Bevölkerung unter der nach 1941 die Opfer.
weiter vorrückenden Wehrmacht zu lei- Ginge es um Frieden und Völkerver-
den hatte, welche Kriegsverbrechen un- ständigung, dann stünde am Ende der
glaublichen Ausmaßes von ihr verübt Ausstellung vielleicht der 2+4-Vertrag,
wurden, kommt nicht vor. Von dem Kon- der deutsch-polnische Grenzvertrag, die
zept der „verbrannten Erde“, der Verwüs- Ost-Verträge Willy Brandts als wichtiger
tung ganzer Landstriche durch die auf Schritt der Versöhnung, mit denen erst-
dem Rückweg befindliche Wehrmacht mals die Oder-Neiße-Grenze als deutsche
kein Wort. Ostgrenze akzeptiert wurde.
Dafür rückt nun ein anderer Akteur in Stattdessen wird als Beispiel für „Dia-
den Mittelpunkt: die Sowjetunion. Aus- log“ wie der letzte Teil der Ausstellung
führlich widmet man sich den Vertreibun- übertitelt ist, die Charta der Heimatver-
gen und Umsiedlungen von Polen, Balten, Auch auf dem Titel des aktuellen Ostdienst: triebenen angeführt. Dort heißt es, und
Ukrainern und Finnen in den von der Die Schiffsglocke der „Gustloff“ das wird zitiert: „Wir Heimatvertrieben
Sowjetunion besetzten Gebieten. verzichten auf Rache und Vergeltung“.
Und zu guter Letzt steht die Sowjetuni- Damit ist das zweite Grundübel des 20. Dieser Satz ist ein einziger Zynismus. Die
on als Verantwortliche der Umsiedlung Jahrhunderts neben der Vertreibung ei- übergroße Mehrheit der Unterzeichner
der Volksdeutschen aus Osteuropa am gentlich auch schon benannt: der Kom- der „Charta“ waren ehemalige ranghohe
Ende des Krieges da. Die Frankfurter All- munismus bzw. die Sowjetunion. Die Funktionäre von NSDAP, SS, SA und des
gemeine Zeitung hat den Wink verstanden Ausstellung kämpft noch mal den Kalten nationalsozialistischen Regimes. Vom SS-
und schreibt in ihrer Ausgabe von Mitt- Krieg. Obersturmbannführer bis zum Gauleiter
woch: „Sie [die Vertreibung] ist zugleich 4. Mythos: „Die Ausstellung dient dem war alles dabei.
Instrument und Vehikel totalitärer Ambi- Frieden und der Völkerverständi- Trotz dieser historisch sehr zweifelhaf-
tionen. In Ostmittel- und Südosteuropa gung“ ten Darstellung des Themas Vertreibung
ging sie nicht nur zeitlich, sondern auch steht diese Ausstellung kaum in der Kri-
logisch der Sowjetisierung voraus.“ In Wenn Frieden und Völkerverständigung tik. Medienvertreter und Politiker erzäh-
den Texttafeln der Ausstellung heißt es, eines der Ziele der Ausstellung sein sol- len die Mythen der Ausstellungsmacher
ich zitiere: „Hauptursache für die Vertrei- len, wundert man sich über den Glanz- nach. Erika Steinbach, unermüdliche
bungen in den deutschen Ostgebieten war punkt der Ausstellung, auf den die Kura- Kämpferin für die Sache der Vertriebenen,
die durch Stalin betriebene und von den toren besonders stolz sind und von dem fühlte sich also ermutigt nachzulegen. In
Westalliierten und der polnischen Regie- sie gerne erzählen, weil es sich um eine dem zukünftigen Ausstellungskern des
rung akzeptierte Westverschiebung Po- polnische Leihgabe handelt: die Schiffs- „Zentrums gegen Vertreibungen“ für die
lens bis an die Oder-Neiße-Grenze.“ Und glocke der von sowjetischen U-Booten deutschen Vertriebenen sollen die Aus-
weiter: „Mit Kriegsbeginn begannen die versenkten „Wilhelm Gustloff“, die mit stellung „Erzwungene Wege“ mit der
Kriegsgegner Deutschlands mit Planun- ca. 8.000 Zivilisten und 2.000 Marinean- Ausstellung „Flucht. Vertreibung. Integra-
gen für die Nachkriegszeit, zu denen auch gehörigen an Bord versenkt wurde. Nur tion“ zusammengelegt werden, aber nicht
Umsiedlungen gehören.“ Und schließlich ca. 2.100 von ihnen konnten gerettet wer- nur das: ergänzend soll noch eine Ausstel-
seien die „Vertreibungen ein politisch po- den. Dass die Gustloff Positionslichter lung über die Siedlungsgeschichte der
Deutschen hinzukommen. So stellt man
sich also das Zentrum gegen Vertreibun-
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Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie Bun-
tenbach (Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsgemeinschaf-
Euro zu Buche schlägt, muss beendet
ten); Martin Dietzsch; Regina Girod (VVN - Bund der Antifaschisten); Dr. Christel Hartinger (Friedenszentrum e.V., Leip- werden. Was wir brauchen, ist ein deutli-
zig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke (MdB); Jochen Koeniger (Arbeits- ches Zeichen mitten in Berlin gegen die
gruppe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen (Mitglieder des Vorstandes
der Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschistische Nachrichten); Kreisverei-
Relativierung deutscher Verbrechen und
nigung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di gegen deutsch-völkische Gefühlsduselei!
Thüringen); Kai Metzner (minuskel screen partner); Bernhard Strasdeit; Volkmar Wölk. ■

: antifaschistische nachrichten 17/2006 15


: aus der faschistischen Presse
Deutschland-Pakt bestätigt
„NPD stellt Pakt mit der DVU in Frage“
Verherrlichung der Ein weiterer Artikel mit der Über- schrieb die „Berliner Zeitung“ vom
Waffen-SS schrift: „Die Geächteten“, zeigt, worum 9.8.2006. Inzwischen dementieren dies
Junge Freiheit 34/06, 18.8.2006 es ihnen wirklich geht. Der Duden um- sowohl die NPD als auch die DVU.
Dass sich die rechtsextreme Junge Frei- schreibt den Begriff wie folgt: ausge- Der stellv. NPD-Parteivorsitzende Peter
heit mit dem Bekenntnis von Günter schlossen, ausgestoßen, entrechtet, ge- Marx, auf dessen Äußerungen am Rande
Grass, mit 17 Jahren in der Waffen-SS ge- bannt, rechtlos, verstoßen. Die Waffen-SS des Pressefestes sich die Berliner Zeitung
wesen zu sein, befassen würde, war ja ist aber eine verbrecherische Organisation bezog, stellt in einer Pressemitteilung
klar, ist es doch die Chance, Schmutz zu und keine unschuldig verurteilte Armee, klar, „Gesprächsfetzen“ seien „aus dem
schmeißen und zu versuchen, die Ge- das hat das Nürnberger Tribunal entschie- Zusammenhang gerissen und nicht kor-
schichte umzudeuten. Grass ist für das den und daran sollte man nicht deuteln. rekt sowie unautorisiert wiedergegeben“
Kampfblatt nur ein Mittel, linke Intelektu- Das tut aber die Junge Freiheit und deren worden. „Der Deutschland-Pakt wird
elle zu diffamieren: „Inzwischen waren Autor Günter Deschner: „Aber erst der auch am 17. September Garant für weitere
hier die ,unruhigen Jungen‘ im Aufwind, Krieg gegen das bolschewistische Ruß- nationale Abgeordnete in Mecklenburg-
verwüsteten die Universitäten, demütig- land brachte das Klima, in dem die Elite- Vorpommern und Berlin sein“, wird der
ten und verprügelten ihre Lehrer, machten truppe weiter anschwellen konnte. 1943 NPD-Parteivorsitzende Udo Voigt zitiert.
,Kulturrevolution‘. Sie brauchten Ideolo- zählte sie 540.000 Mann und Ende 1944 Die „Nationalzeitung“ Nr. 33 vom 11. Au-
gen, die ihnen ein gutes Gewissen ver- schließlich fast eine Million.“ Klar für die gust berichtet in ihrem Artikel „Mit Freu-
schafften, ältere Semester, die schon Er- JF: Schuld war das bolschewistische Ruß- de bei der nationalen Sache“ vom Presse-
fahrung mit Jugendbewegtheit und Kul- land, das Deutschland überfiel. Weiter im fest der „Deutschen Stimme“, auf der
turrevolution hatten, ehemalige Hitlerju- Text: auch der stellv. Bundesvorsitzende der
gendführer wie Jürgen Habermas, gläubi- „Freilich strömten in diese Mammut- DVU Siegfried Tittmann gesprochen
ge BDM-Mädel wie Luise Rinser, ehema- armee auch dubiose Elemente ein, so habe. Der Deutschland-Pakt „erfuhr beim
lige Jugendparteigenossen wie Walter zweifelhafte Verbände wie beispielsweise Pressefest eine Bekräftigung, auf die die
Jens, Walter Höllerer, Peter Wapnewski, die aus Wilddieben, Wehrstraffälligen und Teilnehmer mit Ovationen und Applaus
Leute wie Grass.“ Kriminellen zusammengesetzte Sturmbri- reagierten“, heißt es weiter.
Und dann hetzt das Blatt gegen die so- gade des Oskar Dirlewanger. Zusammen Wieweit man dazu stehen wird, wenn
genannten „Vergangenheitsbewältiger“: mit Einheiten, die als KZ-Wachmann- die Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern
„Die Spannung zischen wüsten öffentli- schaften gebildet waren, waren sie die und Berlin, wo von seiten der DVU je-
chen Schuldanklagen anderer und dem Steine des Anstoßes, von denen dunkle weils nur wenige Leute auf NPD-Listen
Verschweigen der eigenen Verstrickung Schatten auf das Nachkriegsbild der SS kandidieren, nicht die erhofften Mandate
ist keineswegs eine Spezialität von Grass, fielen. bringen, bleibt abzuwarten. u.b. ■
im Gegenteil, sie machen’s alle. Die Heu- Das Eindringen und das Vorhandensein
chelei und das Verschweigen und die poli- jener Elemente und die Radikalisierung „Objektiv“ Nr. 1 sorgt für
tische Vorteilsnahme sind feste Bestand- der Kriegsführung machten einzelne
teile der sogenannten Vergangenheitsbe- Truppenteile auch für Kriegsverbrechen Wirbel
wältigung.“ anfällig. Das traf vor allem auf den Parti- Die neue Schülerzeitung des „Arbeits-
Auf den Innenseiten des Blattes kommt sanenkrieg und auf das gnadenlose Ge- kreises Jugend“ der rechtsextremen Bür-
die vorgetäuschte „Vergangenheitsbewäl- metzel in Stalins Sowjetunion zu ... gerbewegung „Pro Köln“ hat für Aufse-
tigung“ des Blattes, die nichts anderes Doch mit dem eigentlichen ,Geist‘ der hen gesorgt, das nicht ganz im Sinne der
darstellt als eine Vergangenheits-Relati- Truppe hatten diese Ausschreitungen Macher der Zeitung war. Die nach Ei-
vierung und -Beschönigung zum Vor- nicht immer etwas zu tun. Nach 1945 genaussagen rein anzeigenfinanzierte
schein. In einem Artikel zitieren sie den führten diese Kriegsverbrechen und die Zeitung hatte den Anzeigenkunden nicht
rechten Historiker Joachim C. Fest zum Aura der Nähe zur allgemeinen SS der gesagt, um welche Sorte Schülerzeitung
Ansehen von Günter Grass: „Ich würde Konzentrationslager dazu, daß die dunkle es da ging und diese distanzierten sich
nicht mal mehr einen Gebrauchtwagen Seite dieser Armee die historische Rezep- umgehend von den Inhalten des rechts-
von diesem Mann kaufen.“ Da werden tion immer stärker dominieren sollte.“ extremen Blattes. Diesen „vor dummen
Hass und Rachegelüste deutlich. jöd ■ Klischees strotzenden Blödsinn“ finde er
„einfach nur widerlich“ wird der Inhaber
einer Fahrschule im Kölner Stadtanzei-
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
ger vom 15.8. zitiert. Manfred Rouhs,
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: der für „Pro Köln“ im Stadtrat sitzt, hätte
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro 14-täglich es eigentlich wissen müssen: Schon 1990
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
gab es Auseinandersetzungen mit der
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
Provinzialversicherung, die mit einer
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
Anzeige in seiner „Europa Vorn“ warb,
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 30,- Euro). ohne überhaupt davon zu wissen. Wenn
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten
die Getäuschten dann protestieren, ist der
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) seriöse Anschein schnell dahin.
Leider ist „Pro Köln“ auf das Anzei-
Name: Adresse: gengeschäft finanziell nicht angewiesen,
stellte Bürgermeisterin Elfi Scho-Ant-
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts werpes gegenüber der taz vom 18.8. rich-
tig fest. Das heißt, viel politische Aufklä-
Unterschrift rungsarbeit an den Schulen wird notwen-
dig sein, um zu verhindern, dass mit die-
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 – 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507
sem Blatt rechtsextremer Nachwuchs re-
krutiert werden kann. u.b. ■

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