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Da gibt es kein Chichi,

das ist einfach kreuz-


­ehr­liche, gute Architektur
HG Merz und Stefan Motz im Gespräch mit
Florian Thein und Beatrix Flagner

Stefan Motz (links) und HG


Merz (rechts) im Berliner
Büro.
Fotos: Anna-Lisa Lignow

Nach fünf Jahren Sanierung konnte Ausstellungskonzeption und -gestaltung sowie


denkmalgerechte Sanierung: HG Merz Archi-

der Umlauftank 2 in Berlin wieder in tekten sind vornehmlich damit bekannt gewor-
den. Beide Fälle setzen eine intensive Aus­

Betrieb genommen werden. HG Merz einandersetzung mit dem Werk eines Anderen
voraus. Wie muss man sich diese Arbeit im

und Projektleiter Stefan Motz spre­ Detail vorstellen?


HG Merz In beiden Fällen steht das Exponat im

chen über die Wertschätzung von Mittelpunkt. Also Dinge die man ausstellt oder
Dinge, die man herrichtet. Man muss sich mit

Gebäuden und deren Geschichte so­ dem Werk eines Anderen auseinandersetzen
und es akzeptieren, egal ob es ein Ding aus dem

wie über den denkmalpflegerischen 19. Jahrhundert ist oder aus den 1950er oder
1960er Jahren. Natürlich arbeiten wir auch an

Umgang mit der Moderne. Gebäuden, die keine besonderen architekto­


nischen Qualitäten aufweisen, die aber ein wich­
tiges Stück Zeitgeschichte darstellen und des­
HG Merz gründete 1981 sein gleichnamiges Architekturbüro, heute mit Sitz in Stuttgart und Berlin. Er hatte Professuren halb schützenswert sind, auch wenn sie nicht
in Pforzheim und Darmstadt und war zuletzt Vorsitzender des Universitätsrates der Bauhaus Universität Weimar. immer der eigenen Architekturauffassung ent­
Stefan Motz diplomierte 2001 an der TU Berlin. Er arbeitete für Ortner & Ortner sowie Nalbach + Nalbach und ist seit 2010 sprechen. Es geht um das Gebäude selbst und
Mitarbeiter und Projektleiter bei HG Merz und mm+.
natürlich auch um die Darstellung von Geschichte.

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Das Innere der Laborhalle
blieb bis auf die restaura­
torischen Arbeiten an Boden
und Absturzsicherung
unberührt.
Foto: Markus Ebener

Stefan Motz Die Gedenkstätte Hohenschönhau­


sen zum Beispiel ist keine großartige Architektur.
Es ging darum, das Haus und die Geschichte
ernst- und sich selbst zurückzunehmen.
HG Merz Manchmal kommt der Respekt, das Ge­
fallen auch erst, wenn man das Gebäude richtig
kennengelernt hat und sich bestimmte Werte
in den Vordergrund gestellt haben. In der Ausein­
andersetzung gewinnt man ein Gebäude sukzes­
siv lieb und fängt an, es mehr zu schätzen.
Stefan Motz Es gibt nicht den einen richtigen
Weg, es ist tatsächlich bei jedem Gebäude an­
ders. Man muss ein Gefühl für das Haus bekom­
men. Empathie, wenn man so will. Das ist wie
in einer Partnerschaft. Man entwickelt sich nicht
allein, sondern gemeinsam.

Für viele Architekten ist die Selbstverwirkli-


chung ein wichtiger Teil ihres Schaffens. Sie
scheinen eher in einer Nische zu arbeiten.
Steckt das Eigene im Detail?
HG Merz Ich muss bestimmten Dingen nichts
hinzufügen und sie damit verunklären. Eine de­
mütige Haltung zu haben bedeutet für mich
nicht, feige zu sein, sondern zeigt, dass man den
Wert dessen akzeptiert, was da ist. Dieser Wert
kann auch ideell sein. Es interessiert mich über­
haupt nicht, ob ich das dritte oder das vierte
Altenheim baue und ich möchte auch keine Ein­
familienhäuser planen. Mich hat schon immer tank 2 ist aus der Nachkriegsmoderne. Gibt es Denkmalen moderner Architektur zu finden.
die Auseinandersetzung mit Geschichte und einen Unterschied bei der Herangehensweise?
das Lernen daran interessiert. Auch wenn man HG Merz Ja natürlich. Jetzt kommen die 1960er Wie unterscheidet sich denn der Entwurfs­
sich zurücknehmen muss, hat man immer noch und 1970er Jahre so langsam in das Alter, in dem prozess bei so einem funktionalistischen Bau
genügend Einfluss etwas zu tun, etwas zu hin­ sie geschützt werden und wir müssen aufpas­ wie dem Umlauftank, einer Maschine, von
terlassen. Man legt einen Layer darüber und den sen, dass nicht zu viele von ihnen abgerissen wer­ anderen Gebäuden?
darf man auch sehen. Bauen im Bestand erfor­ den. All diese Gebäude können technisch sehr Stefan Motz Hier muss man die Begrifflichkeit
dert ein hohes Maß an Kreativität. schwierig sein. Sie haben meist keinen Wärme­ differenzieren. Bis auf eine Teeküche haben wir
Stefan Motz Am Ende muss das Werk gut sein. schutz und auch der Brandschutz ist heute ein ja nichts entworfen. Es ist tatsächlich eher eine
Das ist immer der Grundgedanke. Das ist beim anderer. Die Konstruktion ist so reduziert, dass Reparatur welche sensibler Hände bedarf. Die
Neubau dasselbe wie bei der Sanierung. Manch­ es nicht einfach ist, daran zu arbeiten, ohne Frage nach dem Umgang mit dem Gebäude war
mal geht es dabei tatsächlich mehr um das das Gebäude komplett zu verändern. Gleichzei­ in der Diskussion mit dem Bauherrn, der Wüs­
Detail, wenn wir zum Beispiel eine neue Technik tig muss das Original so weit wie möglich erhal­ tenrot Stiftung, immer in einen intellektuellen
in ein altes Gebäude integrieren müssen. Das ten bleiben. Es stellt sich die Frage: Geht man Kontext gebettet. Diese Zusammenarbeit war
hat oft etwas Demütiges, aber man freut sich damit genauso um, wie mit einem Haus aus dem sehr intensiv und es dauerte auch seine Zeit, bis
auch eine Lösung gefunden zu haben, die man 19. Jahrhundert und fängt an zu vieren? Im Falle man eine gemeinsame Haltung entwickelt hat.
eben nicht sofort sieht. des Umlauftanks haben wir das bei den Fassa­ Dann ging es unsererseits darum, Lösungen an­
denblechen versucht und beim Schaum der zubieten.
Im Bereich der denkmalgerechten Sanierung Röhre umgesetzt. Es kann darüber diskutiert HG Merz Der Umlauftank ist insofern schon et­
behandelten Sie bisher größtenteils Gebäude werden, ob das der richtige Weg ist. Man muss was Besonderes, da er nach wie vor dieselbe
aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Der Umlauf- auf jeden Fall versuchen einen Umgang mit Nutzung hat. Das ist bei der Staatsoper und bei

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der Staatsbibliothek, die wir bearbeitet haben, trumente sind sowieso mobil, die werden einfach Wäre das die klassische denkmalpflegerische
zwar auch der Fall, aber beim Umlauftank gab es in den Strom gehalten. Herangehensweise gewesen, bei der Alt und
keine Defizite bei den Funktionen, die wir behe­ Neu deutlich voneinander zu unterscheiden ge-
ben mussten. Die konsequente Weiternutzung entspricht wesen wäre?
vielleicht auch dem Geiste Leos. HG Merz Das war eine sehr intensive Diskussion.
Was verbinden Sie persönlich mit dem Umlauf- HG Merz Der Umlauftank gehört definitiv nicht Das Problem war hierbei die stark verblichene
tank 2 und Ludwig Leo? zu den Gebäuden moderner Architektur, von de­ Farbe. Hätte man die Blechfassade mit den Re­
HG Merz Als ich das erste Mal nach Westberlin nen Venturi gesagt hat, dass sie alle schlecht paraturblechen geflickt, wäre es, wie man bei
kam, ist mir der Umlauftank gleich aufgefallen. sind, weil man nicht einmal einen Zigarettenau­ der Schadenskartierung sehen kann, ganz sche­
Wo und wie er steht, schräg zu dieser dominan­ tomaten daran schrauben könne. An ein Glas­ ckig dahergekommen – ein helles Paneel, da­
ten Achse der Straße des 17.Juni, dem durch die gebäude vom Potsdamer Platz können Sie das neben ein dunkles. Gibt man dann den neuen
Nazis versetzten Tor und dem großen Stern mit nicht, das wäre eine Katastrophe. Aber ein Leo Paneelen auch den verblichenen Farbton der al­
der Goldelse. Dort steht einfach so ein rotziges würde das vertragen. ten? Trimmt man das wie das Filmstudio Babels­
Teil, eine Maschine in Pink und Blau – ein großar­ berg auf alt? Damit hatte ich immer ein Problem.
tiger Auftritt! Erstaunlicherweise hat es sich auch Die 40 Jahre lange Nutzung des Umlauftanks 2 Wenn etwas Neues eingebaut wird, dann ist
über die ganze Zeit gut gehalten, weil es eigen­ hat Schäden hinterlassen. Was waren die größ- es auch neu. Dann hat es die Originalfarbe und
ständig ist und nicht modisch. Leo ist für mich ten Probleme? nicht eine nachgemacht gräulich-blaue.
einer der größten Berliner Architekten der Nach­ HG Merz Die Fassade. Stefan Motz Die erste Diskussion war: Wie geht
kriegszeit. Er hat wenig gebaut, aber alles was Stefan Motz Es war ein sehr heterogenes Bild. man mit dem Schaden um? Die zweite: Wie zeigt
er gebaut hat, war gut und strahlt eine Haltung Der Innenraum war wie eine Zeitkapsel, in einem man das? Streicht man alles wieder komplett
aus. Er ist niemand, der sich in den Vordergrund recht guten Zustand, wenn auch sehr zugestellt. blau? Die Veränderung wäre dann anhand der
gespielt hat, sondern einfach das gemacht hat, Man sah, hier wurde 40 Jahre gearbeitet. Ein Topografie der Fassade deutlich geworden,
was er machen wollte und es so gemacht hat, wie ganzer Maschinenpark wurde hineingetragen da die aufgeklebten Bleche etwas nach vorne
er es wollte – das spürt man. Der Umlauftank aber nichts wieder hinaus. Außen dagegen war aufgebaut hätten.
ist ja primär ein Ingenieurbauwerk und kein Archi­ nicht nur die Farbe verblasst, sondern auch
tekturbauwerk, dieses dann aber so hinzube­ einzelne Bleche verrostet. Am Ende war es dann wahrscheinlich eine Frage
kommen, ist schon eine große Leistung. Da gibt Der erste Ansatz war, schadhafte, rostige des Verhältnisses?
es kein Chichi, das ist einfach kreuzehrliche, Teile auszuschneiden um anschließend ein Re­ HG Merz Es waren tatsächlich relativ viele Bleche
gute Architektur. paraturblech über das gesamte Paneel zu kleben. defekt. Die eine Seite war von oben bis unten
Stefan Motz Unglaublich konsequent von Anfang Die Planung hierzu hatte man schon sehr weit ganz kaputt.
bis Ende. getrieben, inklusive 1:1 Mustern und Klebeversu­ Stefan Motz Zunächst gab es ja nur eine Sicht­
HG Merz Auch die DLRG Station von Leo ist groß­ chen. Die Reparaturbleche wurden auf -40°C untersuchung. Erst nachdem das Gerüst stand,
artig, sie hat nur den Nachteil, dass sie zwar heruntergekühlt und anschließend auf 60°C er­ hat man festgestellt, dass sich die äußeren Ble­
wiederhergerichtet wurde, die Nutzung aber weg­ hitzt, um die Haltbarkeit der Verklebung für die che der Sandwichpaneele vom PU-Kern gelöst
gefallen ist. Das ist das Besondere am Umlauf­ zu erwartenden thermischen Belastungen zu hatten. Im Fertigungsprozess werden Außen-
tank. Die TU Berlin nutzt ihn nach wie vor als die testen. Man war eigentlich soweit, dass man sa­ und Innenblech eigentlich unlösbar mit dem PU-
pragmatische Maschine, die er ist. Die Messins­ gen konnte: „ja, das funktioniert.“ Kern verklebt. Der Hersteller hatte bis dahin

Es gab diese
Grundsatzdiskussion:
Was ist original?
Und wie weit ist es
schützenswert?
HG Merz

Links: Wasser und PU-


Schaum bieten einen guten
Nährboden. Die Untersu­
chung der Fassade mittels
einem Wirbelstromverfah­
ren hatte ergeben, dass die
Bleche ausgetauscht wer­
den müssen. Eine mehr­
farbige Fassade wurde da­
durch ausgeschlossen.
Fotos: Stefan Motz

42 Thema Bauwelt 2.2018


Bevor die Röhre wieder in
ihrem Rosa erstrahlen konn-
te, musste der Schaum
an den schadhaften Stellen
herunter geschliffen wer­
den, um sie dann wieder neu
zu beschichten.
noch keinen Fall gesehen, wo sich das gelöst hat. ern. Zudem schwang noch etwas Anderes immer Fotos: Florian Thein (links),
Es sah zudem so aus, dass die Bleche von innen mit. Der ursprüngliche Hersteller Hoesch stellt Markus Ebener (rechts)
nach außen rosten. Daher wurde beschlossen, noch heute eine fast identische Fassade her.
ein sogenanntes Wirbelstromverfahren zu beauf­ Wieso muss ich dann das Alte behalten? Es gab
tragen, das eigentlich in der Flugzeugindustrie diese Grundsatzdiskussion: Was ist original?
eingesetzt wird um Schweißnähte zu überprüfen. Und wie weit ist es schützenswert? Im Grunde
Hierbei werden Veränderungen am Blech detek­ kann man das Original immer noch kaufen.
tiert. Daraufhin wurde mit einem Zwei mal Zwei Selbst die originale Farbe gibt es nach wie vor –
es ist eine Standardfarbe bei Hoesch. Das teuerste an der Sa-
Zentimeter großen Gerät die gesamte Fassade
nierung: Das freitragende
abgefahren und überall, wo die Anzeige aus­ Stefan Motz Es handelt sich um die erste Ge­ne­ Gerüst.
schlug, mit Edding die Stelle markiert. Am Ende ration dieser Thermowandelemente, für die Foto: Stefan Motz
waren wahnsinnig viele Marker auf der Fassade, damals eine Halbwertszeit von etwa 15 bis 20
ohne dass wir wussten, was diese genau be­ Jahren angenommen wurde. Man ist wohl da­-
deuten. Daraufhin folgten Probebohrungen, die von ausgegangen, dass die Elemente dann
ergaben, dass die Ausschläge nicht eindeutig wieder ausgetauscht werden. Wir hatten des­
waren. Es gab Abweichungen in beide Richtungen. halb relativ früh die Haltung angenommen: Es
Auf der einen Seite waren Veränderungen de­ ist ein Indus­t rieprodukt, kein handwerklich ge­
tektiert, diese Stellen aber optisch vollkommen fertig-tes Element. Man kann es kaufen, da­-
in Ordnung. Auf der anderen Seite waren Stellen mals schon und heute noch. Die Essenz des Ge­
ohne Markierung innen vollständig verrostet. Die bäudes war, zumindest für uns, an dieser Stelle
Aussage war also überhaupt nicht belastbar. die Farbe.
Daraufhin hat man ungefähr 30 keksgroße Pro­
ben aus der ganzen Fassade herausgeschnitten Eine neue Fassade heißt vermutlich auch,
und zur Bundesanstalt für Materialprüfung ge­ dass die Alterungsbeständigkeit verbessert
schickt. Diese kamen dann zu dem Ergebnis, dass wurde?
alle Bleche über kurz oder lang in den nächsten Stefan Motz Die Schäume haben sich in der Zu­
Jahren durchrosten werden. Die Fassade korro­ sammensetzung geändert und die Beschichtung
dierte also von innen. der Oberfläche ist eine andere, die farbechter
und stabiler ist. Trotzdem bleibt die grundsätz­
Ein Austausch der Fassade war demnach un­ liche Problematik, dass es kein Material für die
umgänglich? Ewigkeit ist.
HG Merz Es ging nicht anders. Der Zustand der HG Merz Wir gehen davon aus, dass die Fassade
Fassade hat uns dazu gezwungen sie zu erneu­ die nächsten 40 Jahre halten wird.

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Alles was nach unse- Wie konnte bei dem fortgeschrittenen Verwit-
terungszustand der Fassade der ursprüngliche
zu erneuern, hätte man konsequenterweise
auch die komplette Röhre abstrahlen und Korro­
rem Gefühl ein wenig Farbton verlässlich ermittelt werden?
Stefan Motz Man hat es einerseits an den unbe­
sionsschutz aufbringen müssen und erst dann
den neuen Schaum. Da dies aber funktional
spezieller war, wurde witterten Flächen gesehen, beispielsweise an nicht zwingend notwendig war, hat man sich für

von Restauratoren der Innenseite vom Treppenhaus, wo über die


Jahre nur wenig Licht hingekommen ist, und vor
eine sanftere Methode entschlossen.
HG Merz Ich habe damit nach wie vor Probleme.

bearbeitet. Stefan Motz allem unter den Verschraubungen. Hier war


noch richtig schön das knallig leuchtende Blau
Man nimmt aus der Hülle, die im Ganzen ge­
schäumt wurde, etwas heraus und flickt diesen
zu sehen. Über die klassische Farbbefunderhe­ Schaumstoff. Das ergibt natürlich eine andere
bung konnte man einen NCS-Ton herausfinden. Oberfläche. Das heißt, was geviert wird, muss
Wir fragten uns aber, ob Leo und Hoesch damals dem Alten wieder angepasst werden und dann
tatsächlich einen NCS-Ton verwendet haben. wird nachher darübergestrichen. Es ist nicht aus
Farbbefunderhebung bedeutet ja am Ende nichts einem Guss. Es ist etwas Anderes als bei einem
anderes, als dass jemand mit einem Farbfächer Stein, weil es tatsächlich durch das Aufbringen
davorsteht und entscheidet, dass es jene Farbe passiert. Wenn man genau hinguckt, sieht man,
ist. Es gibt dabei immer eine gewisse Varianz. wo geviert wurde. Das darf man auch sehen.
Wenn ich natürlich sehe, dass die Farbe sehr, sehr Aber pragmatisch wäre gewesen, es einfach
nahe an einem RAL-Ton ist, den der Hersteller ganz neu zu machen. Das Argument, dass es
heute noch als Standardfarbe anbietet und der Handwerk ist, halte ich für windig – den Schaum
zudem auch noch Ultramarinblau heißt, dann kriege ich heute noch genauso drauf.
Nicht nur das äußere Er­
kann ich das interpretieren und habe auch keine Stefan Motz Ein Punkt ist natürlich auch der Auf­
scheinungsbild ist knallig.
Ganz unten: Die Antriebs­ Scheu zu sagen: „Ich glaube, dass Leo das so wand der dabei betrieben wurde. Wir haben ge­
technik für das Wasser in genommen hat.“ sagt, wir schleifen an rissigen Stellen bis auf den
der Röhre. Rissgrund, um es dann wieder neu aufzubauen
Fotos: Wüstenrot Stiftung/
Philipp Lohöfener, Markus Bei der rosa Röhre gab es keine Verschraubun- und zu beschichten. Der Umlauftank war vollstän­
Ebener (unten) gen, wie wurde hier die Farbe bestimmt? dig eingehaust und die Handwerker haben bei
HG Merz Auch da gab es Stellen, die immer über­ 50°C und jeder Menge Staub das Material herun­
deckt waren und den Originalfarbton hatten. tergeschliffen um auf den Rissgrund zu kom­
Stefan Motz Es gab auch mikroskopische Unter­ men. Das hat einfach wahnsinnig lange gedauert.
suchungen, mit denen man einzelne Farbpartikel Am Ende hätte es dem Gebäude nicht weh­
nachweisen konnte. Die wichtigere Frage hier getan den Schaum komplett zu erneuern. PU ist
war aber: Funktioniert die Röhre noch mit dem auch kein Material, das für die Ewigkeit be­
vorhandenen, alten Schaum? Aus diesem Grund stimmt ist.
wurden an vielen Stellen Schichtdickenmes­ HG Merz Es blieb immer dieselbe Diskussion:
sungen an der darunterliegenden Stahlröhre ge­ Was ist Original und welche Art von Original muss
macht, um zu prüfen, ob eine Abrostung statt­ ich schützen? Ich kann ein WC, das über 40 Jahre
findet – was tatsächlich nicht der Fall war. Auch Urinstein angesetzt hat, natürlich mit dem Skal­
die Dämmfunktion war ausreichend, auch wenn pell saubermachen, ich kann aber auch genau
der Schaum teilweise mit Wasser vollgesogen das gleiche beim Baumarkt kaufen und einstellen.
war. Es gab also funktional erst einmal keinen Man hätte das sicher pragmatischer lösen kön­
Grund etwas zu tun. Dass die Substanz der Röh­ nen. Auf der anderen Seite können solche Ent­
re nicht besser wird, wenn Birken darin wach­ scheidungen und Kontroversen auch als Beitrag
sen, war natürlich klar, aber der Grund, Maßnah­ zur Debatte um den Schutz moderner Denkmale
men zu ergreifen, war in erster Linie ein optischer gesehen werden.
und konservatorischer.
Kann der Umlauftank hier in gewisser Weise
Die Lösung von damals hat sich also prinzipiell als Prototyp für den denkmalpflegerischen Um-
bewährt? gang mit der Moderne gelten?
Stefan Motz Das Konzept, was damals gewählt Stefan Motz Der Ansatz der Wüstenrot Stiftung
wurde, würde man heute wahrscheinlich so war, das Projekt als Pilot- und Forschungspro­
nicht mehr machen. Die Idee war, dass man der jekt zu betrachten. Wie kann man mit modernen
Röhre gar keinen Korrosionsschutz gibt, son­ Materialien umgehen, wie kann man sie sanie­
dern den Schaum direkt auf die rostige Röhre ren? Manchmal ist das Ergebnis nach zwei Jahren
sprüht. Das heißt, der Schaum übernimmt ne­ Forschungsarbeit eben, dass so eine Fassade
ben der Dämmung auch den Korrosionsschutz. nicht sanierbar ist. Das Schöne am jetzt sanier­
Deswegen haben wir aber jetzt das Problem, ten Umlauftank ist ja, dass man sich vor das Ge­
dass rostiges Wasser herausläuft. Dies ist nicht bäude hinstellen und beide Varianten bewerten
schlimm, macht aber Flecken. Wenn man sich kann, einerseits der vollständige Fassadenaus­
dazu entschlossen hätte, den Schaum komplett tausch und andererseits die partielle Reparatur.

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Blass war mal: Der Umlauf­
tank 2 vor seiner Sanierung
2012 und heute.
Fotos: Wüstenrot Stiftung/
Philipp Lohöfener (linkes
Bild), Markus Ebener (rech-
tes Bild)

Der eher akademische, denkmalpflegerisch nach unserem Gefühl ein wenig spezieller war, Stefan Motz Das Problem ist, dass das Gebäude
„richtige“ Ansatz steht im Umlauftank unmittel­ wurde von Restauratoren bearbeitet. Manchmal auf einem kleinen Grundstück steht und der
bar einem pragmatischeren Ansatz gegenüber. macht man leider die Erfahrung, dass ein Hand­ obere Teil auskragt. Das bedeutet, dass das
Es gibt hier kein richtig und kein falsch. Rückwir­ werker, der es natürlich nur richtig machen will, ganze Gerüst selbststehend und freitragend her­
kend betrachtet war unsere Rolle das Abwägen eine alte Tapete herunterreißt, da er diese als umgewickelt werden musste. Dazu kommt,
und Ausloten der Positionen. nicht erhaltenswert erachtet. Man muss die be­ dass man es nicht im Haus verankern konnte.
teiligten Leute sensibilisieren. Zum Teil ist es Normalerweise wird ein Gerüst im Mauerwerk
Galt das auch für den Innenraum? dann eben besser einen Restaurator zu haben, oder Beton verankert. Hier musste das Gerüst
Stefan Motz Innen haben wir tatsächlich wenig der weiß, auf was es ankommt. durch die Fenster an der primären Stahlkon­­-
gemacht, wir haben hauptsächlich gereinigt. s­truktion abgespreizt werden. Zudem musste
Über die Jahre entstandene Einbauten, Einzel­ Das hört sich nach extremer Detailarbeit an, die Stahlkonstruktion komplett abgestrahlt wer­
büros und kleinere Kabuffs. Das haben wir her­ wie kommuniziert man da die einzelnen Arbeits- den, um einen neuen Korrosionsschutz auf­
ausgerissen. Wir haben die Gipskartonwände schritte? zubringen. Das dabei anfallende Wasser durfte
neu gestrichen, aber alle anderen Oberflächen Stefan Motz Zunächst wurde ein Bestandsauf­ nicht in den angrenzenden Landwehrkanal flie­
nur gereinigt. Die gespannten Stoffe an den Brüs­ maß gemacht. Als Planer sitzt man auch erst mal ßen. Daher musste darunter zusätzlich eine dich­
tungen hatten Risse, die geflickt wurden. Der vor den Bestandsplänen und überlegt, was soll te Wanne gebaut werden. Das war schon rela­-
Originalboden wurde nur tiefengereinigt und neu ich jetzt einzeichnen? Wir haben entschieden, tiv aufwendig.
eingepflegt. Innen ist es jetzt wieder sauber, dass wir eher einen einfachen Maßnahmenplan
aber trotzdem weitestgehend im originalen Zu­ daraus machen – wie ein Handbuch – und gerade Wie wichtig ist das Projekt Umlauftank 2 für
stand. das hat sich bewährt. Wir haben Symbole ent­ das eigene Werk?
wickelt, wie mit einzelnen Bauteilen umgegangen Stefan Motz Das Interesse und die Resonanz
Wer führt denn diese Arbeiten aus? Ist das ein werden muss. Insgesamt war es eher eine Maß­ der Kollegen ist schon sehr groß. Jeder kennt es
Maler und Lackierer oder ein Restaurator? nahmenbeschreibung, als ein Plan. Und natürlich und wir bekommen viele Anrufe wegen Besich­
Stefan Motz Die Bodenreinigung, aber auch die wird sehr viel vor Ort entschieden. tigungen.
ganzen Innenflächen, hat ein gelernter Kirchen­ HG Merz Was die eigene Arbeit angeht ist es
maler durchgeführt, also ein Restaurator. Er hatte Das klingt nach sehr viel Aufwand. Haben die nach Außen hin eines unserer Leisesten. Leo hat,
ein Händchen für ein Bauwerk dieser Art und ursprünglich von der Wüstenrot Stiftung ver- glaub ich, in seinem Leben sechs Gebäude ge­
hat in mühseliger Kleinarbeit sämtliche Flächen anschlagten Kosten von 3,5 Millionen Euro aus- baut und drei davon stehen unter Denkmalschutz
gereinigt. Auch die Stoffe wurden von einer Stoff­ gereicht? – das noch zu Lebzeiten! Das sagt eigentlich
restaurateurin bearbeitet. Man überlegt im Vor­ HG Merz Es hat gereicht. Die teuerste Maßnahme alles über die Qualität seiner Gebäude aus. Ich
feld schon, was gebe ich wem und was gebe ich war wirklich das Gerüst. finde es toll, dass wir an sowas arbeiten durften.
einem klassischen Handwerker? Für Sanitär- Auch wenn man im Fahrwasser eines anderen
oder Malerarbeiten ist es richtig, aber alles, was Warum war das so eine besondere Maßnahme? mitfährt.

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