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Das Gebäude steht etwas

zurückgesetzt neben dem


Futurium
Haus der Zukunft? Kann man unsere ungewisse Zukunft in die Gegen-
Bundesministerium für
Bildung und Forschung von wart holen und in ein Gebäude packen? Sicher nicht. Das Futurium
Heinle, Wischer und Part-
ner. Vorplatz mit Punkt-
muster und bepflanzten
von Richter Musikowski bietet aber Überraschungen und ist ein klei-
Rundbänken. ner Lichtblick am Berliner Spreebogen.
Text Sebastian Redecke Fotos Schnepp Renou

Mit dem „Futurium“, eine sonderbare Wortschöp- Wie soll die Architektur zum Thema Zukunft aus-
fung, hat man sich zum Ziel gesetzt, „eine Aus- sehen? Diese Frage stellten sich die Teilnehmer
stellung mit lebendigen Szenarien, ein Mitmach- des 2011 ausgelobten Wettbewerbs. Gewonnen
labor zum Ausprobieren und ein interdisziplinä- hatte damals das junge Büro Richter Musikows-
res Veranstaltungsforum als Ort des Dialogs“ zu ki. Bei der Betrachtung des nun fertigen und zur-
schaffen. Wie dies alles aussehen soll, ist noch zeit wunderbar leeren Gebäudes sollte man sich
nicht definiert. Eine Firma für Innenraum-Inszenie- von der Zukunft einfach lösen, denn zum Glück
rungen ist zwar beauftragt, die Eröffnung der wurde von den Architekten erst gar nicht ver-
Ausstellung plant man aber erst für 2019. Finan- sucht, Innovation oder zukunftsweisende Ideen
ziert wird das Haus der Zukunft vom Ministe- baulich zu interpretieren, Ideen, die dann schnell
rium für Bildung und Forschung gleich nebenan, altern und nicht mehr ernst genommen werden.
dazu von Wissenschaftssorganisationen wie Das Gebäude ist in sich stimmig und hat vor al-
die Helmholtz-Gemeinschaft oder Deutsche Aka- lem innenräumlich Qualtäten als Ausstellungs- und
demie der Technikwissenschaften – und von Veranstaltungsort. Die Feinheiten liegen in der
Konzernen wie Bayer oder Siemens. Konzeption vieler baulicher Details.

Der Spreebogen mit dem


Futurium auf dem letzten
freien Grundstück. Im Vor-
dergrund die Charité,
rechts der Hauptbahnhof.
Zur Spree wie zur Stadt-
bahn im Norden kragt das
Gebäude über den Eingän-
gen weit aus.
Lageplan im Maßstab
1 :25.000

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Gebäudeecke zur Spree mit
Blick von Süden über die den Kassettenelemen -
Spree mit Neubau und ten, die entsprechend des
Vorplatz. Links das Büro- Lichts changieren.
gebäude „Humboldt- Foto: George Messaritakis
HafenEins“ von KSP Jür-
gen Engel.

Im Foyer hebt sich die of-


fene Treppe zur Ausstel-
lungshalle im 1. OG hervor.
Infotresen und Garderobe
zeigen sich in mattem Grün.
Rechts unten: Veranstal-
tungsbereich, der sich durch
mobile Trennwände unter-
teilen lässt.

Der dritte Teil des Gebäudes ist ein weiterer Aus-


Das Futurium liegt zentral am Regierungsviertel
Leider handelt es sich bei
zwischen Spree und Stadtbahn. Die Architek- stellungsbereich. Er liegt im Untergeschoss und
ten gliedern ihr Haus in drei Teile. Die Erdgeschoss- dem Neubau nicht um ein nennt sich Futurium Lab mit einem anderen Am-
ebene ist als Foyer und offene Passage zu „Zukunftsmuseum“, in dem biente: eine Blackbox als „Labor“ mit dunkel
sehen. Dazu gehört die einladende Geste auf der eingefärbtem und nachbearbeiteten Sichtbeton,
Süd- wie Nordseite mit den zwei großzügigen
frühere Zukunftsvorstel- schwarzem Gussasphalt und einem eindrucks-
Eingangsbereichen, die mit bis zu 18 Meter aus- lungen zusammengefasst vollen Deckenraster aus 126 Leuchtschirmen.
kragenden Vorbauten überspannt werden. gezeigt werden – ein si- Die Gebäudeform mit geneigtem Dach führte
Nach dem Eintritt liegt auf der Ostseite des fünf- dazu, dass auf dem Dach die Idee eines Sky-
eckigen Gebäudes der fünfeckige Veranstal-
cher spannendes Thema. walks entstand. Zunächst war dort nur ein War-
tungsaal, der in kleine Säle mit ungewöhnlichen tern. Beim Wettbewerb waren diese großen tungsgang vorgesehen. Mit diesem Weg be-
Zuschnitten unterteilbar ist. Die Mitte des Fu- Schaufenster zusätzlich als Projektionsflächen kommt der Futurium-Rundgang, nach dem Auf-
turiums bilden das offene Treppenhaus mit Ober- gedacht gewesen. Die geneigte Decke, mit stieg über eine separate Treppe, einen unerwar-
licht und der Aufzugsblock. Damit wird den Leuchtbändern versehen, ergibt sich aus der teten Abschluss. Die Besucher auf dem Dach er-
Besuchern signalisiert, dass das Obergeschoss leicht skulpturalen Form des Gebäudes. Die leben hautnah die solaren Energiekollektoren,
den eigentlichen Ausstellungsbereich beher- Architekten sprechen von einer „schmetterlings- die als „solares Meer“ eine gewisse Ästhetik aus-
bergt – eine durchgehende, rund 3000 Quadrat- förmigen Auffaltung“, eine Entwurfsidee, die strahlen, aber weder spektakulär noch zukunfts-
meter einnehmende Halle mit geneigter Decke. das Haus nach Norden und Süden anhebt. In die weisend sind. Immerhin sorgt die Anlage für die
Während unten viel Licht und helle Farben vor- Ausstellungshalle sind zwei gläserne „Kommu- Energieversorgung des Hauses. Interessanter
herrschen, ist das Obergeschoss dunkel aus- nikationsbrücken“ eingeschoben. Die vordere für die Besucher ist der weite Blick.
gestaltet, und der Besucher orientiert sich unmit- Brücke wird auch über eine Wendeltreppe er- Gelungen sind viele Details der Ausgestaltung.
telbar zu den zwei gewaltigen Panoramafens- reicht. Vor allem die Unterdecken, gepaart mit ausge-

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9 15

15

15

1. Zwischengeschoss Dachaufsicht

15

1 Eingang Süd
2 Eingang Nord
3 Informationstresen 2 6

4 Shop
5 Garderobe
6 Anlieferung 12
7 Caféteria 5
8 Veranstaltungssaal 8
9 Verwaltung 3
9
10 Futurium Lab
4
11 Ausstellungssaal
1 2 Gläserne Brücke 12

13 Lager
14 Technik
1 7
15 Skywalk

Erdgeschoss 2. Zwischengeschoss

14 11

Der Aussellungsbereich im
Obergeschoss ist dunkel
gehalten. Man konzentriert
sich auf die großen Schau-
fenster im Süden und Nor- 14 9
den. Die Wendeltreppe
führt zu einer der gläsernen 13
Brücken.

Das Obergeschoss ist dunkel ausgestaltet, 10


Untergeschoss Obergeschoss

und der Besucher orientiert sich


unmittelbar zu den zwei Panoramafenstern. 14
11

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Die Schnittperspektive ver-
deutlicht das Volumen
der Ausstellungsbereiche im
Obergeschoss mit den
zwei eingeschobenen glä-
sernen Brücken und zeigt
den gebäudehohen Energie-
speicher.
Rechts: Blick in die teilweise
gläserne Aufzugskabine
mit Punktraster.

feilter Lichtinszenierung. Im Vortragssaal ist es


eine leicht wie aus Papier gefertigt wirkende
„Wolken“-Decke, die die Architekten mit kleiner
Lochstruktur gestalteten. Die Akustikpaneele
wurden mit Muster versehen. Die Raster-Fenster
der Fassade mit kaum sichtbar eingefügten
Fluchttüren haben eine eigene Ästhetik und sor-
gen für schöne Schattenbildungen.
Hinter den kleinen runden Glasflächen am zen-
tralen Aufzugsblock, der auch als gebäudeho-
her Energiespeicher fungiert, ist beleuchtetes Pa-
raffin sichtbar, das zur Kühlung des Gebäudes
eingesetzt wird. Eine schöne Idee, die aber nicht
den Eindruck erweckt, dass hier Wegweisendes
entwickelt wurde. Jan Musikowski nennt es ein
Oben: Im seitlichen Büro-
trakt mit gläserner Raster-
fassade. Das linke Trep-
penhaus führt zum Skywalk.
Rechts: Das Futurium Lab
im Untergeschoss mit einer
Fläche von 600 m2. Die
Wände bestehen aus ein-
gefärbtem Sichtbeton.
Das Deckenraster bilden
126 Leuchtschirme.

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Architekten Bauwelt Interview
Die Westfassade. Im m mitt
m tt- mit Christoph Richter und Jan Musikowski
Richter Musikowski, Berlin;
leren Teil heben sich die
Christoph Richter, Jan
Fenster der Bürotrakte in
Musikowski Das Gefäß ist da und spannt einen erzählerischen
den Zwischengeschossen
hervor. Rahmen auf. Und bestenfalls schreibt die Aus-
Projektteam
Sebastian Haufe, Elke Spar-
stellung diese Erzählung fort.
mann, Martina Huber, Nele
Gessner, Daniel Eckert, Do- Wie kam es zum Skywalk?
menico Foti, Yvo Coseriu,
CR Die Entscheidung, das Dach als solare Ertrags-
Christine Dorn, Elisabetta
Vito, Johann Schulz-Greve, fläche und Regenauffangbecken zu nutzen, fiel
Phillip Rohé schon sehr früh im Wettbewerb. Aus der Forde-
rung der Haustechniker nach einem Revisions-
Tragwerksplanung
gang für diese Dachflächen haben wir dann die
Schüßler-Plan Ingenieurs-
gesellschaft, Berlin Skywalk-Idee entwickelt. Das Technikdach mu-
tierte zu einem begehbaren Sonnensegel mit fan-
Fassadenberatung Richter und Musikowski im Hof des Kreuzberger Büros tastischem Ausblick. Dem Bauherrn hat diese
ARUP Deutschland, Berlin Idee sehr gefallen.
Haustechnik
Wie entstand die Idee eines Futuriums als
GM Planen + Beraten, Gries-
Ausstellungs- und Veranstaltungsgebäude im Wo haben Sie studiert bzw. Ihre beruflichen
heim; IBS-Net Ingenieure, Regierungsviertel? Erfahrungen gesammelt, und wie ergab sich die
Köln; Ingenieursgesellschaft Jan Musikowski Soweit wir die Spur zurückver- Bürogründung?
Grabe, Hannover
folgen konnten, wurde die Idee von einem „Haus JM Ich habe an der Bauhaus-Universität in Wei-
Freianlagen der Zukunft“ erstmals 2009 im Koalitionsvertrag mar Architektur studiert und war zwischen-
JUCA architektur + land- der Regierungsparteien öffentlich gemacht. durch ein Jahr lang in den USA. Das war eine sehr
schaftsarchitektur, Berlin; Vielleicht war es eine logische Reaktion auf das befreiende und gleichzeitig prägende Zeit. Da-
Judith Brücker, Carolin
„Haus der Geschichte“ in Bonn. Aber genaue nach gab es die Mitarbeit in verschiedenen Archi-
Fickinger
Details dazu haben wir bis heute nicht erfahren. tekturbüros, die wichtige persönliche und ar-
Lichtplanung Zum Richtfest vor zwei Jahren wurde das Haus chitektonische Spuren hinterlassen haben. Nach
Realities United, Berlin der Zukunft in Futurium umbenannt. zehn Berufsjahren gab es die Sehnsucht nach
einem Kurswechsel. Deshalb habe ich eine Lehr-
Bauherr
Wie gelangen konstruktiv die zwei 28 Meter stelle an der TU Dresden angenommen.
Bundesanstalt für Immobi-
breiten Öffnungen der Panoramafenster? CR Während des Studiums an der TU Dresden
lienaufgaben, Berlin; Part-
ner: Bundesministerium für Christoph Richter Normalerweise stehen Glas- hat mich das Entwerfen schon immer magisch
Bildung und Forschung, fassaden von dieser Größe auf dem Boden angezogen. Nach dem Studium arbeitete ich dann
Berlin, mit dem Nutzer Futu-
und werden aufgrund der Windbeanspruchung phasenweise als freier Mitarbeiter für Büros in
rium gGmbH, Berlin
durch entsprechende Pfosten verstärkt. Wir Dresden und Spanien und nahm an freien Wett-
Hersteller wollten sie jedoch entwurfsbedingt über den Vor- bewerben teil. Kennengelernt haben wir uns
Fassade Schüco Jansen, bauten „schweben“ lassen. Die Lösung des über die gemeinsame Arbeit am Wohnungsbau-
„kleines pädagogisches Ding“. Außen prägen ne- Metallbau Windeck Problems führte uns dann zu der heute gebau- Lehrstuhl der TU Dresden. Der offene Realisie-
K.4 K.3 K.3 K.3 W.2.G W.3.G W.3.G

1 Aufzüge Tepper
ben den Panoramafenstern die Kassettenele- K.4 K.3.AU K.3.AU K.3.AU K.3.AR W.3.F W.4.F

Terrazzoboden GTF Freese ten „hängenden“ Fassadenkonstruktion. Ober- rungswettbewerb für das Futurium war unser ers-
mente der einheitlichen Hülle das Gebäude. Die halb der Öffnungen spannt jeweils ein zwei Me- ter gemeinsamer Wettbewerb. Nach der Beauf-
K.3.AR W.3.G W.3.G K.3.AL W.2.G W.4.Ö W.4.F

Mobiltrennwände Parthos
K.3 W.3.G W.3.F W.2.G K.3.AR W.4.F W.4.F

Elemente bestehen entweder aus unterschied- K.3.AR W.3.F W.2.F K.3.AL W.3.G W.3.G W.3.G
2 Fliesen Mosa ter hoher Kastenträger aus Stahl, der auf den tragung haben wir das Büro gegründet.
Schalter Jung
lich gefalteten Edelstahlreflektoren oder aus be- K.3 W.3.G W.3.F W.3.G K.3.AR W.3.G W.3.G

Armaturen Grohe
auskragenden Betonwänden aufliegt. An diesem
K.3.AR W.2.G W.2.G K.3.AL W.3.G W.3.G W.4.G

drucktem Gussglas, die das Licht je nach Tages- K.3 K.2.AO K.3.AO K.3.AO K.3.AR W.3.F W.3.F 3 Träger sind schlanke Stahllamellen befestigt, Welche Leitbilder sind Ihnen wichtig?
und Jahreszeit unterschiedlich reflektieren. Die K.2.AU K.3.AU K.3.AU K.3.AU W.4.G W.4.Ö W.4.F
welche die komplette Glasfassade und anteilig JM Ich glaube, die Architektur muss zu den Be-
K.3 W.3.G W.3.G W.3.G K.4.AR W.4.F W.4.F

zwei 28 Meter breiten Öffnungen der Panorama- K.3.AR W.3.F W.3.F K.4.AL W.4.G W.3.G W.3.G
auch den auskragenden Vorbau tragen. Durch trachtern ebenso wie ein Bild sprechen können.
4
fenster zum Kanzleramt und zur Charité waren K.3 W.3.G W.3.F W.3.G K.4.AR W.3.G W.3.G
die Schwerkraft zieht sich die Konstruktion im Leitbilder sind für mich Objekte, die sich mit der
K.3.AR W.4.F W.4.F K.4.AL W.3.G W.3.G W.3.G

konstruktiv schwierig zu bewerkstelligen. K.3 W.4.G W.4.G W.4.G K.4.AR W.3.F W.4.F
Prinzip selbst straff und kann trotz ihrer filigra- Architektur des Hauses gedanklich verweben
5
Das Obergeschoss soll in drei Denkräume ge- K.4.AO K.4.AO K.4.AO K.4.AO W.3.G W.4.Ö W.4.F nen Erscheinung hohe Windlasten aufnehmen. lassen. Ob die Betrachter diese Bilder wiederfin-
gliedert werden, die sich mit „zentralen Zukunfts- den, ist eigentlich irrelevant. Wichtig ist eher, das
dimensionen“ befassen: Unserem künftigen Ver- Hatten Sie Einfluss auf die nun folgenden sie das Architekturerlebnis am Ende berührt und
hältnis zur Technik, zur Natur und zu uns selbst. Ausstellungseinbauten? eigene Bilder in den Köpfen erzeugt.
Es bleibt zu hoffen, dass man sich von dieser Zu- JM Nein. Mit der Konzeption der Ausstellung wur-
kunfts-Dauerausstellung wieder trennt und der Details der 8000 Kassetten- de erst in der Bauphase begonnen. Wir wissen Zukunftsneugier: Wie stellen Sie sich das
elemente der Fassaden.
Raum mit seinen Panoramafenstern weiter so zu nicht, ob wir darüber eher froh oder betrübt sein Jahr 2100 vor?
Jede Kassette ist 1 x 1 m groß
erleben ist, ohne interaktive Inszenierungen. Dafür und besteht aus unter- sollen. Am Ende ist die Zukunft wahrscheinlich CR Irgendwie heiß und fiebrig. Alle in Aluminium-
sollte das Futurium Lab ausreichen. Das Ober- schiedlich gefalteten Metall- schwerer zu bändigen als ein Dinosaurierskelett. anzügen ...
Reflektoren bzw. keramisch
geschoss könnte dann temporäre Ausstellungen
bedrucktem Gussglas.
zum Thema aufnehmen. Mehr braucht es nicht, Zeichnungen und Fotos:
Christoph Richter und Jan Musikowski
geboren 1982 und 1974, seit 2012 Büropartnerschaft in Berlin
um an die Zukunft zu glauben. Richter Musikowski

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