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Im Luftbild ist das Projekt

schon realisiert, in Wirk­


lichkeit wird derzeit das Erd­
geschoss der Passage be­
toniert. Unten das Torhaus
der Tacheles-Ruine an
der Oranienburger Straße.
Fotos und Rendering (un-
verbindliche Visualisierung):
bloomimages

nung beauftragten Architekturbüros Herzog &


de Meuron, Brandlhuber + Muck Petzet, Grün­
tuch & Ernst sowie Kahlfeldt für die Sanierung
der Altbauten war wenig Konkretes an die Öf­
fentlichkeit gedrungen.
Im September wurden die Planungen nun end­
lich publik, da wurde schon Grundsteinlegung
gefeiert. Die Überraschung war groß – es gibt
nämlich keine. Das neue Quartier am Tacheles
führt so wortgetreu die in den neunziger Jahren
für die Stadtreparatur verschriebenen Rezepte
weiter, als hinge an den Wänden noch der Kalen­
der von 1999. Das ist grundsätzlich eine gute
Neuigkeit, denn wer betrachtet, was danach in
Berlin neu entwickelt wurde – Media Spree, Ost­
hafen, Heidestraße –, kann sich durchaus in die
Neunziger zurückwünschen, als es zwar auch
darum ging, möglichst viel vermiet- oder verkauf­
bare Nutzflächen in die Stadt zu pressen, dabei
aber immerhin auch über Architekturqualitäten
gestritten wurde; angesichts der heutigen, weit­
gehend klaglos hingenommenen Gestalttris­
tesse selbst an prominentesten Orten ein vor al­
Um Anno August Jagdfeld und seine Fundus- geräumt – eine gespenstische, irgendwie im Jahr lem für jüngere Menschen kaum mehr vorstell­

In bewährter Manier
Gruppe ist es ruhig geworden, zumindest in Ber­ 1995 eingefrorene Stille legte sich über das Ge­ barer Paradieszustand. So sehr damals auch po­
lin (über die jüngsten Nachrichten zur Halbinsel lände, das von Jahr zu Jahr mehr aus der Stadt ge­ lemisiert wurde – ein Vierteljahrhundert später
Wustrow bei Rerik soll an dieser Stelle kein Wort fallen schien, welche sich ringsum rasant verän­ sind die Neubauten in der Friedrichstraße ganz
verloren sein). Der Neualtbau des Hotel Adlon derte. gut eingewachsen, ist eine weitgehend selbst­
am Pariser Platz war Mitte der neunziger Jahre Dass dieser Zustand nicht von Dauer sein verständliche Wahrnehmung und Benutzung der
ein Wegweiser hin zur retrospektiven Architek­- konnte, war klar – zu golden schimmert die Lage, Straßen zwischen Spree und Leipziger Straße
tur und rekonstruktiven Stadtentwicklung unse­ selbst, wenn der Himmel über Berlin mal wieder erreicht, die nach Norden fortzusetzen ebenso
Nach dreißig Jahren wird die Tacheles-Brache nun bebaut. Zur An- rer Tage, und das kurz darauf von der Immobili­ endlos Grau scheint. 2014 wechselte das Gelän­ logisch wie vielversprechend erscheint. Zu groß

wendung kommt das Rezept der neunziger Jahre: Stararchitek­-


engruppe entwickelte Projekt für das Tacheles- de den Eigentümer; für 150 Millionen Euro, wie war diese Lücke, um nicht geschlossen zu wer­
Areal zwischen Friedrichstraße und Oranienbur­ berichtet wurde, erwarben der „europaweit agie­ den, und das Projekt „Am Tacheles“ könnte in

ten entwerfen eine gemäßigt kleinteilige Nutzungsvielfalt im Hoch- ger Straße hätte dazu sehr gut gepasst. Doch
aus der am US-amerikanischen „New Urbanism“
rende Investment Manager Aermont Capital“
(Pressemitteilung) und der New Yorker pwr Pe­
zehn, zwanzig Jahren ein ebenso selbstverständ­
licher Teil einer Stadt sein, wie sie Ephraim Go­
preissegment. Keine Nachricht, eigentlich. Oder doch? orientierten Planung (Bauwelt 8.2003) wurde rella Weinberg Real Estate Fund II die gut 25.000 the, Stadrat für Stadtentwicklung im Bezirk Mit­
nichts; die Tacheles-Brache döste Jahr um Jahr Quadratmeter große Liegenschaft, zu der außer te, auf der Pressekonferenz skizzierte: einer
weiter in Sonne, Schnee und Regen. Vor dem für der Passagen-Ruine auch zwei Altbauten an Stadt, die nicht aufhört, für den Fußgänger inter­
Text Ulrich Brinkmann die ersten Nachwendejahre ikonischen „Kunst­ der Friedrichstraße gehören. Im Frühjahr 2016 be­ essant zu sein.
haus Tacheles“, dem Überbleibsel des 1987 ge­ gann die Tiefenenttrümmerung, und als nach
sprengten Passagen-Baus, schossen Touristen und nach schon die Untergeschosse für die Tief­ SCAPE, ORO, SCALE, FRAME, VERT...
erst Fotos, später Selfies, drinnen gab es mäßig garage betoniert wurden, begann sich so man­
gute Kunst zu sehen. 2008 wurde eine Zwangs­ cher zu fragen, was dort drüber denn eigentlich Herzog & de Meuron, die den Masterplan erar­
verwaltung eingesetzt, 2012 schließlich die Ruine entstehen soll: Außer den Namen der mit der Pla­ beitet haben und auch den Großteil der insge­

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Ein öffentlicher Hofraum
soll die Passage mit der
östlichen Oranienburger
Straße kurzschließen.
Renderings (unverbindli-
che Visualisierungen):
bloomimages

Architekten
Herzog & de Meuron, Basel;
Brandlhuber + Muck Pet­-
zet, Berlin; Grüntuch Ernst,
Berlin; mit Aukett + Heese,
Berlin, und RKW, Düsseldorf

Landschaftsarchitektur
Vogt, Berlin

Projektentwicklung
pwr development, Berlin

Bauherr
Aermont Capital, London

Überraschend uninspiriert
wirkt das Passagengebäu­-
de von Herzog & de Meuron
zur Friedrichstraße.
samt 85.000 Quadratmeter Gesamtnutzfläche
Entworfen wirkt bislang Fassaden-Katalog der „neuen berlinischen Ar­ Typologisch interessant zu werden verspricht
betreuen, wollen die alte, ökonomisch recht er­ chitektur“, herauskopiert worden sein. Haus „LAIKA“ von Brandlhuber + Muck Petzet.
folglose Passage zwischen Oranienburger und vor allem das Wohnge- Entworfen wirkt bislang vor allem das Wohnge­ Die Bebauung entlang einer langen Brandwand
Friedrichstraße wiedererstehen lassen, der gro­- bäude „ORO“, das an der bäude „ORO“, das an der Oranienburger Stra­ße basiert geometrisch auf Dreiecksformen, soll
ße Torbogen des „Tacheles“ bleibt der Hauptein­
gang von Norden, an der Friedrichstraße mar­
Oranienburger Straße als eine Art Kopfbau in die Hofinnenwelt leitet –
hier greift die Planung das New-Urbanism-Pro­
aus Beton, Holz und Flüssigkunststoff entstehen
und Mikroapartments für ein neues Existenz­
kieren zwei kleine, die heilige Traufhöhe zaghaft in die Hofinnenwelt leitet – jekt der frühen Nullerjahre am sichtbarsten auf, minimum enthalten, welche um eine schräg ste­
übersteigende Turmhäuser den Eingang. In der hier greift die Planung zumindest städtebaulich. Architektonisch hinge­ hende, verspiegelte Möbelwand aus Metall or­
Mitte, etwa da, wo einst der kuppelüberwölbte
Zentralraum der Passage lag, wird ein oktogo­
das New-Urbanism-Pro­- gen scheinen die Basler ihren Kollegen vom Büro
Chipperfield einen Gruß hinüber zur Tucholsky­
ganisiert sind, die in den beengten Raumverhält­
nissen ein Gefühl von Weite erzeugen will. Über
naler Platz angelegt, der sich für die Außenbe­ jekt der frühen Nuller- straße zu schicken, wo diese vor sechs Jahren die Planungen der anderen Gebäude ist noch
stuhlung von Passagen-Gastronomie anbietet. jahre am sichtbarsten auf den Rundbogen mit Ziegelsichtmauerwerk kom­ nichts zu sagen, dazu geben die veröffentlichten
Anders als die alte Passage soll die neue aller­ binierten und so die Retro-Architektur auch für Visualisierungen zu wenig preis.
dings himmeloffen bleiben und als öffentlicher Brandwände. Über die zur Grundsteinlegung ver­ Freunde der Moderne zum „gangbaren Konser­ Anfang 2020 soll die Vermarktung des Gesamt­
Raum rund um die Uhr offen stehen. Zum ehema­ öffentlichte Architektur der Passage lässt sich vatismus“ ummodelten (Bauwelt 37.2014). Im projekts starten, das eine Investition im hohen
ligen „Kunsthaus Tacheles“, das auch künftig nicht viel sagen; die streng gerasterten Fassa­ Block­­inneren benachbart soll mit dem „FRAME“ dreistelligen Millionen-Bereich darstellt, kündig­
kulturell genutzt werden soll – die Berliner Lokal­ den der „SCAPE“ genannten Anlage wirken eher ein Loftwohnhaus entstehen, dahinter, zur Jo­ te Sebastian Klatt, Geschäftsführer von pwr,
presse kolportierte bereits das Interesse der wie Platzhalter für eine noch zu entwerfende Ge­ hannisstraße hin, die Wohnanlage „VERT“, als ein bei der Pressekonferenz an. Einen Beitrag zur
schwedischen Galerie „fotografiska“ –, hält das staltung dieser Flächen. Sollten sie so kommen „Hybrid aus kompakten Stadthäusern mit da­ Wohnungsnot wird es nicht liefern: Das Modell
neue Passagengebäude respektvoll Abstand, wie gezeigt, könnten sie jedenfalls auch direkt rüberliegenden Stadtwohnungen“, wie es in der der kooperativen Baulandentwicklung konnte
sodass hier eine recht typische Berliner Hof­ aus „Downtown Berlin-Mitte“, dem 1995 von Pressemitteilung dazu heißt. Wie bei den ande­ hier leider noch nicht greifen, wie Stadtrat Go­
situation entsteht; es fehlen eigentlich nur die Hans Stimmann und Annegret Burg vorgelegten ren Fassaden sollen Ziegel zum Einsatz kommen. the feststellte.

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