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II.

Was macht einen


Raum zum
Bildungsraum?
1. Merkmale von Bildungs- Systematik entwickelt, die veranschau- wie „Soziale Erfahrungen: Ich und die
räumen licht, in wie vielen Bereichen Merkma- Gruppe“ (siehe Grafik). Weisen Räu-
le guter Raumqualität sichtbar werden me für die genannten Merkmale ent-
Mithilfe einer umfassenden Literatur- können. Die 13 Bildungsraummerk- sprechende Qualitätskriterien auf, ge- Hier steht eine Bildunterschrift
recherche (Bensel et al. 2012) und ei- male verteilen sich auf die vier Groß- hen auch vonseiten des Raums als Er-
ner aktuellen Befragung deutscher bereiche „Körper und Gesundheit“, zieher wichtige förderliche Impulse
Raumexperten (Bensel, Martinet & „Wahrnehmen, Entdecken und For- auf die kindliche Entwicklung aus (sie- (Bildungs-)Räume und deren Ausstat- pieren können (aktiv teilnehmen ● sie sollen zum Prozess des nie en-
Haug-Schnabel 2015) haben wir eine schen“, „Kognition und Sprache“ so- he dazu auch Kapitel III). tung – innen und außen – entschei- und aktiv teilhaben), denden Planens und Umplanens
den darüber, ● ob Kinder durch freien Zugang zu auffordern;
Bildungsmerkmale für Innen- und Außenräume – in vier Großbereiche eingeteilt ● was Kinder wahrnehmen können, Räumen und Materialien Denk- und ● sie sollen positiven Einfluss auf die
vor welchen Fragen sie täglich ste- Handlungsspielraum erleben, Gestaltung von Schlüsselsituationen
Körper und Gesundheit Wahrnehmen, Entdecken und Forschen hen und wodurch sie sich ange- ● ob Kinder ihre Absicht benennen, (Ankommen, Essen, Pflege, Schlafen,
●  Körperliche Herausforderungen, grobmotorische ● Körperliches und psychisches Wohlbefinden sprochen fühlen, Arbeitsabläufe planen und organi- Tagesablauf) nehmen;
Bewegungsanreize ● Sinneserfahrungen, Wahrnehmungen ● ob ein Stück „außerfamiliäre Welt“ sieren, über Geschehenes nachden- ● sie sollen Erfahrungsräume sein, die
●  Feinmotorische Bewegungsanreize, ● Konstruktion erobert werden kann, was nach ken und für sich den Hergang reka- jeweils nach individuellen oder
Kunsterfahrungen ● Experimentelle Natur(wissenschaftliche)-, Abgleich mit dem Zuhause zu ei- pitulieren können, gruppeninternen Interessen und
●  Körperliches und psychisches Wohlbefinden Technik- und Materialerfahrungen nem Perspektivenwechsel führt, ● ob die Einrichtung und somit die Bedürfnissen genutzt werden kön-
● ob neue Raumdimensionen erlebt Kinder eine Geschichte haben, die nen.
werden und zunehmend Selbst- für sie nachvollziehbar ihre Entwick-
Kognition und Sprache Soziale Erfahrungen: Ich und die Gruppe wirksamkeit erfahren wird, lung und ihre Präsenz vor Ort wi-
●  Kognitive Anregungen ● Selbsterfahrung, Selbstwirksamkeit ● ob eigenständige Raumaneignung derspiegelt. 2. Die Rolle der Fachkräfte
●  Sprachliche Anregungen, musikalische Anregungen, ● Rückzugsmöglichkeiten, Alleinsein, Ruheerfahrung, gefördert, beflügelt oder verhindert
Literacy Konzentration wird, (Bildungs-)Räume haben Aufträge: Erst das aktive professionelle Handeln
● Orte der Begegnung, Gemeinsamkeit ● ob Differenzierungsmöglichkeiten in ● Sie sollen allein durch ihre Gestal- der pädagogischen Fachkräfte lässt
● Partizipation und Autonomie pädagogischen Settings möglich tung zu Aktivität oder Ruhe heraus- den Raum zu einem Bildungsort und
● Diversitätserfahrungen, Inklusionserleben sind, fordern; damit zu einem wirklich kompetenten
● ob Kinder an Orten der Begegnung, ● sie sollen in ihrer Funktion und ih- „Erzieher“ werden. Wie ein Raum von
Quelle: Bensel, Martinet & Haug-Schnabel 2015
an ihren Arbeitsplätzen und Denk- ren Differenzierungsmöglichkeiten den Kindern genutzt wird, was in ihm
orten in ihrer Selbstregulation ge- erkennbar sein; zur Verfügung gestellt und dadurch
stärkt werden, möglich gemacht wird, hängt von der
● inwieweit Kinder an der räumlichen pädagogischen Haltung der Fachkräfte
Gestaltung der Einrichtung partizi- ab (siehe auch Kapitel III.1).

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oftmals mehr Chancen, eigenen Ideen
zu folgen, als Gruppen- oder klar defi-
nierte Funktionsräume. In Fluren und
Übergängen zwischen Innen- und Au-
ßenräumen kann ein „Strömungsbild“
durch Aufzeichnung jeder Fortbewe-
gung von Kindern, Fachkräften und El-
tern eine aussagekräftige Bilanz der
Raumnutzung über den Tag abgeben,
sodass nach dessen Auswertung eine
erweiterte Nutzung ins Auge gefasst
werden kann. Die Betrachtung der
Laufwege ist wesentlich, weil Flure
und Treppenhäuser keinesfalls immer
der Zugangsfunktion vorbehalten blei-
ben müssen (vgl. Lensing-Conrady
2013, S. 99). In Verbindung mit einem
Zeitplan kann auch der Flur zu einem
„Bewegungsraum“ werden (vgl. Weiß
& Strotkötter 2011, S. 10). Flure kön-
nen Rennstrecken bieten oder Plätze,
an denen man mit beweglichen Kar- Hier steht eine Bildunterschrift
ton- oder Schaumstoffelementen sei-
nen eigenen Bewegungsparcours kre-
Hier steht eine Bildunterschrift ieren kann. In jedem Fall haben sie für S. 99). Unsere Beobachtungen zeigen,
die Kinder einen ganz eigenen Reiz. dass in Waschräumen überwiegend Teamimpuls
Warum sonst würden sie ihr Zeug eine positive Atmosphäre herrscht, in Nehmen Sie Zwischenräume in
eines leeren, unmöblierten Raums: nicht in erster Linie eine Hinterfra- gibt, so sollte sie in unterschiedlicher zum Spielen aus den „offiziellen“ der Kommunikation, Spaß, Unfug ma- den Blick:
„Man kann neu denken. Alles ist mög- gung des Stuhls selbst, sondern eine Sitzhöhe angefertigt sein. Durch Um- Funktions- und Gruppenräumen in chen und Geselligkeit dominieren. ● Gibt es in Ihrer Einrichtung
lich. Der Fantasie sind kaum Grenzen Aufforderung, Alternativen zu einseiti- legen des Stuhls auf die Vorderseite diese Zone zwischen Drinnen und Treppenhäuser können Orte der Be- Flurbereiche, Treppenhäuser
gesetzt. Ein aufregendes Gefühl, gen Sitzpositionen oder zum Sitzen entsteht ein Tisch oder ein Turmho- Draußen tragen und sich dort ein- gegnung sein, wenn sich Kinder und oder andere Zwischenräume,
oder?“ (ebd., S. 13). Die Kinder füllten als solchem anzubieten. So können cker. Mehrere Stühle ergeben ein Po- richten? Erzieherinnen zum Gespräch auf die von den Kindern beson-
diesen leeren Raum immer wieder Hocker oder Bretter zu aktivem Sit- dest oder eine Bewegungsbaustelle. Waschräume können mehr als hygie- Treppenstufen niederlassen („Schwatz ders gerne für eigene Spiel­
aufs Neue mit ihren kreativen Ideen. zen auffordern oder ein Malteppich Hier ist wirklich Fantasie gefragt (vgl. nische Funktionen erfüllen. Sie können im Treppenhaus“), ein Erprobungsort ideen und Aktivitäten genutzt
Manchmal holten sie Decken und Kis- oder eine Malschaukel zu Kreativität Lensing-Conrady 2013). naturwissenschaftliche Erfahrungsräu- motorischer Fähigkeiten – gerade für werden? Können Sie das zu-
sen, um in Ruhe miteinander zu plau- in Bauchlage einladen. Es kommt im- me darstellen oder Orte der Sinnes- die Unterdreijährigen –, eine Über- lassen oder sogar durch Ma-
dern, manchmal tobten und tanzten mer darauf an, vielfältige Möglichkei- Zwischenräume freude. Wenn alle Wasserhähne und gangszone zwischen den Etagen, wo terialinput noch weiter stimu-
sie darin, manchmal genoss ein Kind ten anzubieten und dann auch das Wie groß das kindliche Interesse an Mischbatterien unterschiedlich funkti- sich Krippenkinder, wenn sie Mut ge- lieren?
dort ganz allein für sich die Ruhe, Wahlverhalten der Kinder zu beob- nur wenig vordefiniertem Raum ist, onieren, bieten sie bei jedem Einsatz fasst haben, auf den Weg zum Stock- ● Gibt es in der Kita bislang un-
manchmal wurden sogar Erwachsene achten. Das Sitzen ist für Kinder oh- zeigt auch die Beobachtung soge- für Wahrnehmung und Bedienmotorik werk der Großen machen. Gerade in genutzte Winkel und Ecken,
eingeladen. Die Tür zu diesem Raum nehin keine besonders attraktive Kör- nannter Zwischenräume (vgl. Lill neue Anreize. Die Montage der Be- Einrichtungen, die nach offenem Kon- die Sie den Kindern für deren
war jedoch immer geschlossen. perhaltung, da sie viele Dinge lieber in 2013, Möllers 2013). Zwischenräume cken in verschiedener Höhe oder zept arbeiten, wird die ganze Kita zur Gestaltungslust freigeben
Der leere Raum wird auch als be- Bauchlage machen oder eben in Be- sind mehr als Verkehrsflächen, sie sind Wasserrinnen mit Gefälle werden Lebenswelt und Bildungsumgebung, könnten?
wusster Gegenpol zur Überausstat- wegung. Wenn es eine Stuhllandschaft Erfahrungsspielräume. Flure, Treppen- den unterschiedlichen und sich verän- wenn Zwischenräume und Zwischen-
tung mit Möbeln, besonders Sitzmö- häuser, Garderoben, Waschräume, dernden Körpermaßen der Kinder ge- zeiten geöffnet werden, um phasen-
beln, gesehen. Die Forderung „Schafft Eingangsbereiche oder Keller bieten recht (vgl. Lensing-Conrady 2013, weise Neues zu erproben. Dies for-
die Stühle ab!“ (Zimmer 1995) ist dert Aushandeln auf allen Seiten –
aber der Aufwand lohnt sich (vgl.
Möllers 2013).

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