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IMAGO
Warum die Pubertät die beste
Zeit ist – für die Eltern Was die Schweiz
Seite 18
Roger Federer
Die heilende Wirkung des Waldes: bedeutet
Mehr als eine schöne Theorie? Seite 43
Seite 53

21. Oktober 2018 | Nr. 42 | NZZaS.ch | Fr. 6.00 | € 6.00

Tod im Konsulat: Nur


Amour fou Sind wir in Liebesdingen zu vernünftig
Trump stützt die Saudi
Die Weltgemeinschaft
reagiert empört auf das
saudische Geständnis im Fall
haben. Man werde niemals zu-
lassen, dass das «scheussliche,
grauenerregende, unmensch-
liche» Verbrechen vertuscht
trägt, hat handfeste politische
und wirtschaftliche Gründe. Für
die USA ist Riad neben Israel der
wichtigste Verbündete im Nahen
geworden? Man sagt es. Zeit für etwas Khashoggi. Nur die USA geben werde, erklärt der Vizechef der Osten. Zudem kaufen die Saudi
sich schon fast zufrieden.
mehr Verrücktheit. In der neuen Serie Inga Rogg, Stefan Bühler
Regierungspartei AKP.
Viele Länder reagieren empört
den Amerikanern Waffen für
110 Milliarden Dollar ab.
«Grenzenlose Liebe» erzählen wir sechs Nach mehr als zwei Wochen hat
auf das saudische Teilgeständnis,
unter ihnen Frankreich, England
Während die USA ihre Waffen-
exporte nicht aufs Spiel setzen
besonders wilde Geschichten nach. das saudische Königshaus einge-
räumt, dass der Journalist Jamal
und die Niederlande. Bundes-
kanzlerin Angela Merkel ver-
wollen, wird genau dies in der
Schweiz zum Thema: «Die
Zum Auftakt die «Amour fou» von Khashoggi im Konsulat in der urteilte die Tat in «aller Schärfe». Schweiz muss unverzüglich jeg-

Romy Schneider und Alain Delon. Türkei getötet wurde: Er sei wäh-
rend eines Handgemenges ge-
Uno-Generalsekretär António
Guterres fordert eine gründliche
lichen Export von Rüstungs-
gütern ins saudische Königreich
storben. Später hiess es aus dem Untersuchung. Das Aussendepar- stoppen», sagt SP-Präsident
Gesellschaft Umfeld des Hofs, er sei strangu- tement in Bern will den Vertreter Christian Levrat. Weiter fordert er
liert worden. Als Reaktion ent- Saudiarabiens aufbieten und ihn die Suspendierung sämtlicher
liess König Salman fünf hoch- «auf die Notwendigkeit einer Verhandlungen mit Riad, etwa
rangige Beamte und ordnete eine sofortigen Untersuchung der über den automatischen Informa-
Reorganisation des Geheimdiens- Todesumstände hinweisen». tionsaustausch im Steuerbereich.
tes an. 18 Verdächtige wurden Zurückhaltend äusserte sich Das Finanzdepartement von Ueli
verhaftet. Derweil bezweifeln der amerikanische Präsident Maurer bestätigt einen Bericht
Kenner der Monarchie, dass die Donald Trump: Er halte die saudi- der «Aargauer Zeitung», dass eine
Tat ohne Billigung von Kronprinz sche Erklärung für glaubwürdig, Reise nach Riad, die er für nächs-
Mohammed bin Salman geschah. sie sei aber nur ein erster Schritt. tes Jahr als Bundespräsident
Die Türkei will sich mit der Die Tötung von Khashoggi sei plante, «im Lichte der jüngsten
saudischen Erklärung nicht zu- inakzeptabel, es gebe weitere Entwicklung überprüft wird».
friedengeben. Sie wirft den Saudi Fragen. Er wolle deshalb mit dem
vor, Khashoggi brutal ermordet Kronprinzen sprechen. Dass Seite 3
und seine Leiche zerstückelt zu Trump die Erklärung Riads mit- Kommentar Seite 17

Nach einem Rekordjahr


Das Urteil ist bei Zeckenbissen empfiehlt
ein Aufruf an all der Bund mehr Impfungen
jene, die immer
Hilfspolizist wenige Menschen gegen FSME.
Die Zahl der Infektionen nach
sein wollten. Zeckenbissen ist auf einen Die Impfrate sei zu tief, heisst es
Sie sollen filmen neuen Höchstwert gestiegen.
beim Bundesamt für Gesundheit.
GAMMA / GETTY IMAGES

und fotografieren, Nun verschärft der Bund


Und dies, obschon die Kranken-
kasse für den Impfschutz bezahlt.
sooft es geht. seine Impfempfehlung. Nun reagieren Bund, Kantone
Daniel Friedli und die Experten der Eidgenös-
sischen Impfkommission. Sie
Bereits 344 Menschen sind dieses haben vereinbart, die geltenden
Jahr betroffen, so viele wie noch Impfempfehlungen auszuweiten.
nie zuvor. Sie wurden von einer Der Rat zur Impfung soll nicht
Die Juso drängt in der SP an die Macht Zecke gebissen und haben sich
dabei mit einer viralen Hirnhaut-
mehr nur auf einzelne Risiko-
gebiete beschränkt sein, die auf
entzündung infiziert. Denn viele einer kleinteiligen Gefahrenkarte
Vor elf Jahren fasste eine Gruppe der SVP: Niemand lehnte die SVP tion weiter stärken. Der kompro- der kleinen Tierchen tragen das eingetragen sind. Vielmehr soll
von Jungsozialisten einen Plan: so stark ab – und niemand lernte misslose Oppositionskurs rettet FSME-Virus in sich, den Erreger die Empfehlung für ganze Kan-
die damals von schweren Nieder- so viel von ihr wie sie. vielleicht die Sozialdemokratie. der berüchtigten Frühsommer- tone oder gar die ganze Schweiz
lagen gezeichnete SP fundamen- Nun stehen sie vor dem Ziel. Doch eine zweite Oppositionspar- Meningoenzephalitis. gelten. Bis im Winter sollen die
tal zu verwandeln. Aus der Partei Die Jusos von damals besetzen tei neben der SVP würde die Po- Die Behörden sind ob dieser Details dazu vorliegen. «Wir wol-
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sollte eine Bewegung werden – mittlerweile wichtige Stellen: litik in der Schweiz blockieren. Zunahme alarmiert; eine Anste- len verhindern, dass wir nächstes
mit allem, was dazugehört: Volks- Sie sitzen im Nationalrat, leiten Pragmatische Sozialdemokraten ckung mit dem Virus kann gefähr- Jahr wieder so viele Fälle von
9 771660 085003

initiativen, Mobilisierung an der schweizweit Kampagnen, präsi- wie der Zürcher Ständerat Daniel lich werden. Rund 80 Prozent der FSME-Ansteckungen haben»,
Basis, kompromisslose Politik. dieren Kantonalparteien und ver- Jositsch sind besorgt über die Daniel Meier, Redaktor Hinter- gemeldeten Fälle müssen zur Be- sagt Mark Witschi, Sektionsleiter
Die junge Generation unter der zeichnen erste inhaltliche Erfol- Entwicklung seiner Partei. (sta.) grund, kritisiert den Entscheid, handlung ins Spital, vereinzelt im Bundesamt für Gesundheit.
Leitung von Cédric Wermuth ist ge. Die eidgenössischen Wahlen private Videoaufnahmen als Beweis endet die Entzündung gar töd-
doppelt geprägt von den Erfolgen in einem Jahr dürften ihre Posi- Seite 20 vor Gericht zuzulassen. Seite 15 lich. Trotzdem impfen sich nur Seite 13
Aktuell
NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018

Flüchtlingskarawane blockiert

JAWAD JALALI / EPA


Unter dem Druck der USA stoppt Mexiko Tausende Migranten
Sandra Weiss, Puebla kürzen, wenn sie die Auswande- auf dem Weg in die USA durch- Seit Freitag lässt Mexiko die
rung nicht unterbinden. Mexikos querten, deutlich. US-Aussen- Migranten tröpfchenweise ein-
An der Südgrenze Mexikos droht scheidender Aussenminister Luis minister Mike Pompeo fuhr den- reisen. Sie müssen einen Asyl-
eine humanitäre Krise durch Videgaray entgegnete, Mexiko ge- noch schweres rhetorisches Ge- antrag stellen, der eine mehr-
einen Massenansturm von stalte seine Migrationspolitik schütz auf: Bei einem Besuch in wöchige Bearbeitungszeit hat.
Migranten aus Mittelamerika. souverän und im Einklang mit Mexiko am Freitag bezeichnete er Die ersten 250 sind bereits regis-
Bürger studieren den Wahlzettel. «Am Wochenende haben Tau- dem humanitären Völkerrecht. die Migration als «Sicherheitskri- triert und auf mexikanischer
sende am Grenzübergang über- Der plötzliche Ansturm steht se» für sein Land und machte sie Seite in Flüchtlingsheimen unter-
Gewalt und Chaos bei nachtet», sagte María García Her-
nández von der Hilfsorganisation
quer zum Trend. Zuletzt sank die
Zahl der Migranten, die Mexiko
auch für den steigenden Opium-
konsum der USA verantwortlich.
gebracht. Laut der guatemalteki-
schen Polizei haben 62 von ihrem
Wahl in Afghanistan Aztlán der «NZZ am Sonntag». Die
Lage sei prekär. Es gebe weder ge-
Auswanderungsplan Abstand ge-
nommen und bereitgestellte
nügend Unterkünfte noch Essen. Autobusse zur Rückkehr genom-

JOHN MOORE / GETTY


Anschläge haben am hatten zuvor zum Boykott Die Migranten hatten sich am men. Andere jedoch stürzten sich
Samstag die Parlaments- der Wahl aufgefordert 12. Oktober in Honduras als Kara- von Guatemala aus verzweifelt in
wahl in Afghanistan über- und mit Gewalt gedroht. wane zu Fuss auf den Weg in die die Fluten des Grenzflusses Su-
schattet. Fast 170 Bürger In mehreren Provinzen USA gemacht. Gut 100 Personen chiate, um schwimmend auf die
wurden nach amtlichen kam es zu Bombenexplo- waren gestartet, doch unterwegs andere Seite zu gelangen, wurden
Angaben getötet oder sionen. Auch die Organisa- schlossen sich Tausende an. Sie dort aber von mexikanischen Be-
verletzt. In der Haupt- tion versagte: Viele Lokale sind jetzt an der guatemaltekisch- amten in Empfang genommen
stadt Kabul sprengte sich öffneten verspätet oder mexikanischen Grenze blockiert. und umgehend abgeschoben.
ein Selbstmordattentäter gar nicht. Sie blieben teils Denn die meisten haben das Die meisten hatten offenbar
in einem Stimmlokal in die länger geöffnet als nötige Visum nicht. gehofft, im Schutz der Karawane
Luft. Er riss mindestens 15 geplant, teils sollen sie In der guatemaltekischen ohne Papiere Mexiko durch-
Personen mit in den Tod. heute Sonntag noch Grenzstadt Tecún Umán schliefen queren zu können. So war das bei
Die islamistischen Taliban einmal öffnen. (sda/maz.) die Menschen in kirchlichen früheren Karawanen der Fall, die
Unterkünften und lebten von oft von kirchlichen Organisatio-
Spenden, berichtete der Fotograf nen oder Menschenrechtlern ge-
Der jüngste Milliardär Hans-Max Musielik. Er schätzt
die Zahl der Flüchtlinge auf rund
leitet wurden. Doch diesmal war
der Anlass ein Facebook-Posting,
Afrikas ist wieder frei 2000; andere gehen von bis zu
4000 aus. «Polizei und Marine-
hinter dem ein ehemaliger Abge-
ordneter der linken hondurani-
soldaten sichern den Grenzüber- schen Oppositionspartei Libre
Der vor mehr als einer gang und das Flussufer», schil- steckte. Die Regierung des Lan-
KEYSTONE

Woche entführte reichste derte er. Nach einem Ansturm der des erklärte deshalb, die Kara-
Mann Tansanias, Moham- Migranten auf den Grenzzaun am wane sei politisch motiviert und
med Dewji, ist wieder frei. Freitag, der mit Tränengas ge- habe zum Ziel, dem Ansehen des
Dies sagte am Samstag ein stoppt wurde, habe sich die Lage Landes zu schaden.
Sprecher seiner Familie. am Samstag aber entspannt. Honduras, Guatemala und El
Der Unternehmer und US-Präsident Donald Trump Salvador gehören zu den ärmsten
ehemalige Parlaments- macht Druck auf Mexiko, die Ländern Lateinamerikas und zu
abgeordnete war vor Migranten aufzuhalten, und den gewalttätigsten der Welt.
einem Hotel in Dar es droht, sonst die Südgrenze der Hunderttausende flüchten jedes
Salaam entführt worden. Mohammed Dewji USA zu schliessen und damit den Jahr in die USA. Für das Transit-
Dewjis Vermögen wird bilateralen Handel lahmzulegen. land Mexiko wird die Migration
vom Magazin «Forbes» auf Afrikas. Laut der Polizei Zudem will er den mittelamerika- unter dem Druck Trumps darum
umgerechnet 1,5 Milliar- wurde kein Lösegeld nischen Staaten die Hilfsgelder Ansturm an der Südgrenze von Mexiko. (Tecún Umán, 19. 10. 2018) zunehmend zum Problem.
den Franken geschätzt. gezahlt. Die Entführer
Der 43-Jährige ist damit hätten schlicht kalte Füsse
der jüngste Milliardär bekommen. (dpa)
Grossdemonstration in London
Zugunglück in Indien Die meistgelesenen
verlangt zweites Brexit-Referendum
fordert über 60 Tote Artikel der Woche
Die Brexit-Verhandlungen tiker aller Parteien und Promi- seither unter Beschuss von Par-
Nach dem Zugunglück den Schienen, um ein Dyson steigt ins Elektroauto- sind festgefahren. Über eine nente hielten Reden, allen voran teikollegen, weil sie laut über eine
in Indien ist die Zahl der Feuerwerk zu sehen. Geschäft ein nzz.as/top1 der Bürgermeister Londons, der Verlängerung der Übergangszeit
halbe Million Briten wollen
Todesopfer laut den Wegen der lauten Feuer- Labour-Politiker Sadiq Khan. nachgedacht hatte. Namentlich
Der Brexit hat Grossbritannien in nun ein zweites Referendum..
Behörden auf mindestens werkskörper konnten sie Sollten die Schätzungen zutref- schottische Tories äusserten
zwei Teile zerrissen Martin Alioth, Dublin
61 gestiegen. Weitere 90 den herannahenden Zug fen, hätte es sich um die grösste Empörung über eine Fortschrei-
nzz.as/top2
Personen wurden bei dem nicht hören. Die Bahn- Kundgebung seit den Protesten bung der EU-Fischereipolitik.
Unglück am Freitag im gesellschaft wies die Iouri Podladtchikov: «Ich muss Laut den Schätzungen der Veran- gegen den Irak-Krieg im Jahre Selbst wenn es einen Kompro-
nördlichen Staat Punjab Verantwortung von sich. den Stempel loswerden, dass ich stalter haben am Samstag knapp 2003 gehandelt. miss mit der EU geben sollte –
verletzt. Zu dem Unglück Bis zu 700 gläubige tot sei» nzz.as/top3 700 000 Britinnen und Briten im Am Donnerstag war erneut ein eine Mehrheit dafür im Unter-
war es gekommen, als ein Hindus hatten das Fest Londoner Stadtzentrum für eine EU-Gipfel ohne eine Einigung haus erscheint immer unwahr-
Zug in Amritsar in eine Dussehra gefeiert. Dabei Verlierer und Gewinner von zweite Volksabstimmung über über den Scheidungsvertrag mit scheinlicher. In dieser Lage böte
Gruppe von Teilnehmern werden Bildnisse des Trumps Politik nzz.as/top4 den Austritt aus der Europäi- den Briten verstrichen. Die nächs- ein zweites Referendum die wohl
eines Hindu-Festes raste. Dämonenkönigs Ravana Zu Besuch beim Vordenker schen Union demonstriert. Sie te Chance kommt wohl erst im einzige Alternative zum abrupten
Die Menschen standen auf verbrannt. (dpa) der AfD nzz.as/top5 kamen in Bussen und Zügen aus Dezember. Die britische Premier- Absturz in den vertragslosen Zu-
allen Teilen des Königreichs. Poli- ministerin, Theresa May, kam stand am 29. März 2019.

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NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018
International Der Fall Khashoggi 3

Alle Augen

JONATHAN ERNST / REUTERS


auf «MBS»
Kronprinz Mohammed bin
Salman schweigt zum Tod des
Journalisten Khashoggi. Wenig
deutet darauf hin, dass ihn
der König entmachten will.
Von Inga Rogg, Istanbul
Das saudische Königshaus räumte nicht nur
den Tod von Jamal Khashoggi ein, es machte
dafür zwei der engsten Vertrauten von Kron-
prinz Mohammed bin Salman verantwortlich:
den stellvertretenden Geheimdienstchef
Ahmed bin Hassan bin Mohammed Assiri und
Saud bin Abdullah al-Kahtani, Berater des
Hofs. Sie wurden gefeuert.
Assiri gilt als einer der Architekten des
Kriegs in Jemen, der massgeblich auf das
Konto des Kronprinzen geht. Bis zum vergan-
genen Jahr diente Assiri als Sprecher des von
den Saudi angeführten Militärbündnisses,
dann machte ihn MBS, wie der Kronprinz in
Saudiarabien genannt wird, zum Vizechef des
mächtigen Geheimdienstes. In dieser Funk-
tion spielte er eine zentrale Rolle bei der Fest-
nahme von Prinzen und Geschäftsleuten im
vergangenen Jahr sowie der Verhaftung von
namhaften Kritikern des Kurses von MBS. Der
andere, Kahtani, leitete die Presseabteilung
des Kronprinzen. Sein Einfluss und seine Tira-
den gegen die leiseste Kritik haben ihm den
Ruf eines saudischen Steve Bannon einge-
bracht. Zudem mussten drei hochrangige Mit-
glieder des Geheimdienstes den Hut nehmen.
Haben zusammen viel vor im Nahen Osten: Mohammed bin Salman, US-Präsident Donald Trump und Schwiegersohn Jared Kushner. (Riad, 20. Mai 2017) Während König Salman sein Bedauern über
den Tod von Khashoggi ausdrückte und eine

Weshalb die Amerikaner den


lückenlose Aufklärung versprach, hüllte sich
MBS am Samstag in Schweigen. Der Kronprinz
habe von der Operation im Konsulat nichts
gewusst, sagte ein Regierungsvertreter der

Saudi alles durchlassen


Nachrichtenagentur Reuters. Es habe keinen
Befehl gegeben, ihn zu ermorden oder zu ent-
führen. Das würde zur Darstellung aus Krei-
sen des Hofs und der US-Regierung in dieser
Woche passen, dass die Tötung auf das Konto
von «ruchlosen Mördern» gehe. Kahtani hatte

Der Tod von Jamal Khashoggi trübt die Beziehung zwischen Riad und Washington. freilich einmal erklärt, dass er nie ohne An-
weisung von oben handeln würde. «Ich bin
ein Angestellter und loyaler Vollstrecker der
Doch die USA brauchen die Saudi mehr denn je. Von Andreas Mink, New York Befehle des Königs und seiner Hoheit, dem
Kronprinzen», schrieb er auf Twitter.

N
Auch Kenner der Monarchie bezweifeln,
un haben die Saudi doch gestanden Seine bis heute regierenden Söhne sandten verschoben – und zwar in Richtung Riad. War dass die Geheimoperation ohne ausdrück-
KEYSTONE

– zumindest teilweise: Der Journa- ihre mit modernsten Waffen aus den USA ge- Saudiarabien bis in die 1970er Jahre abhängig liche Billigung des Kronprinzen hätte statt-
list Jamal Khashoggi ist tot, umge- rüsteten Streitkräfte zwar niemals gegen von US-Know-how und -Schutz, so wurde das finden können. Die saudische Erklärung wür-
kommen im saudischen Konsulat in Israel. Die Saudi unterstützten die Palästinen- Königshaus seit der Verstaatlichung der Öl- de bedeuten, dass Riad seinen aussenpoliti-
Istanbul. Laut der Freitagnacht publizierten ser jedoch finanziell. MBS scheint nun aber vorkommen 1976 ein gleichberechtigter Part- schen Apparat nicht unter Kontrolle habe,
saudischen Erklärung geriet er in einen Faust- willig, die Palästinenser fallenzulassen. Riad ner. Das Öl gab dem mittlerweile Tausende twitterte Michael Stephens von der britischen
kampf mit Angestellten. Wochenlang hatten empörte sich nicht, als die amerikanische Bot- Mitglieder zählenden Clan der al-Saud Mittel, Denkfabrik Royal United Services Institute
die Saudi andere Versionen über das Ver- schaft nach Jerusalem verlegt wurde oder als interne und externe Kontrahenten zu besänf- for Defence and Security Studies. «Es ist ja
schwinden des kritischen Journalisten ver- die Amerikaner mit der Streichung der Hilfs- tigen und die eigene Macht zu erhalten. nicht so, als hätte MBS vor fünf Minuten die
breitet. Zunächst behauptete Riad, Khashoggi gelder Palästinenser unter Druck setzten. MBS Macht ergriffen.»
habe das Konsulat wieder verlassen. Dann: wird dem israelfreundlichen Friedensplan Blind für saudischen Extremismus Der Journalist Ob dies am Ende Konsequenzen für den
«ruchlose Mörder» hätten ihn getötet. Auch nicht im Weg stehen, an dem Kushner mit Amerika, aber auch der übrige Westen, be- Jamal Khashoggi. Kronprinzen haben wird, ist unklar. Der König
die neuste Verlautbarung wirkt fadenschei- Hochdruck arbeitet. Und nicht nur das: Der trachten das Königshaus als unentbehrlichen beauftragte ihn am Samstag mit der Reorgani-
nig. Vieles spricht dafür, dass Khashoggi im Kronprinz spannt nun auch mit Israel zusam- Stabilitätsfaktor. Nach dem Sturz des Schahs sation des Geheimdienstapparats. Damit hält
Konsulat auf brutalste Weise hingerichtet men, um gemeinsam mit den USA gegen den und der Gründung der Islamischen Republik er zunächst einmal an ihm fest. Allerdings
REUTERS

wurde. US-Präsident Donald Trump scheint Erzfeind Iran vorzugehen. Mit Waffen, Muni- in Iran wurde Riad neben Israel der wichtigste stellte er ihm ein Ministerialkomitee zur Seite,
allerdings ganz zufrieden mit der saudischen tion und Logistik ermöglichen die USA den Verbündete der Amerikaner in der Region. dem der Innen- und der Aussenminister sowie
Erklärung. Sie sei ein «positiver, erster Schritt brutalen Feldzug der Saudi gegen die von Dass die Saudi immense Summen in den andere einflussreiche Mitglieder der Königs-
zu einer Aufklärung von Khashoggis Tod». Teheran unterstützten Stämme in Jemen. Export ihrer rückwärtsgewandten fundamen- familie angehören. Das könnte ein Hinweis
Was auch immer herauskommt, für Trump ist Würde Washington die Beziehung zu Riad talistischen Religion des Wahhabismus in alle darauf sein, dass der Monarch die Befugnisse
schon heute klar, dass die Waffenverkäufe an nach dem Fall Khashoggi einfrieren, stünde Welt steckten, nahmen die Amerikaner stets seines Lieblingssohnes einschränken könnte.
den Golfstaat in der Höhe von 110 Milliarden die gesamte Nahostpolitik auf dem Spiel. stillschweigend hin. Selbst die Anschläge vom Manche Beobachter sind freilich skeptisch,
Dollar nicht angetastet werden. Die Saudi sind aber nicht erst seit Trump 11. September 2001 konnten das Verhältnis dass dies angesichts der Macht, die MBS seit
Der US-Präsident trägt die offenkundige und Kushner ein wichtiger Partner Amerikas. der Saudi zu den Amerikanern nicht erschüt- seiner Ernennung zum Thronnachfolger im
Farce der Saudi zumindest vorerst mit. Dies Die Beziehung währt seit Jahrzehnten. Der tern. Dabei waren 15 der 19 Attentäter saudi- König Salman bin vergangenen Jahr angehäuft hat, überhaupt
offenbart eine grosse Abhängigkeit der USA Hauptgrund ist das Öl. 1933 erwarben ameri- sche Staatsbürger, und auch Konservative in Abdelaziz Al Saud. noch möglich ist.
von Saudiarabien. Erdölgeschäfte, Waffenver- kanische Ölkonzerne in Saudiarabien erste Washington unterstellen dem Königshaus zu-
käufe, saudische Investitionen und die Politik Bohrlizenzen. Die gigantischen Vorkommen mindest eine Mitwisserschaft.
des gesamten Nahen Ostens schweissen die unter dem Sand des Wüstenreiches bezeich- Grund sind auch kluge saudische Investi- ANZEIGE
Länder seit Jahrzehnten zusammen. neten amerikanische Strategen nach dem tionen. Das Königshaus finanzierte mit seinen
Zweiten Weltkrieg als «grössten Schatz in der Öleinnahmen in den USA ein breites Netz-
«MBS» ist Teil der US-Nahostpolitik Geschichte der Menschheit». Preisgünstig zu werk, das von Lobbyisten und Politik-Institu-
Trump und sein Schwiegersohn Jared Kush- fördern und qualitativ hochwertig, ermög- ten über die Wall Street und die Rüstungs-
Privatklinik am Zürichsee
ner wollen im Nahen Osten den «Deal des lichte saudisches Öl den Wiederaufbau West- industrie bis ins Silicon Valley reicht. Trump
Jahrhunderts» erzielen: einen Friedensplan europas. Diesen Schatz vor dem Zugriff der selbst profitierte von Immobilienkäufen der
zwischen den Palästinensern und Israel. Sowjets zu sichern, wurde ein zentrales Ziel Saudi. Noch näher mit dem Königshaus ver-
Gleichzeitig wollen sie den Erzfeind Iran in der Amerikaner im Kalten Krieg. So kamen zu bandelt ist die Familie Bush. Aber auch grosse
Schach halten. Schlüsselfigur für all dies ist den Bohrtürmen und Raffinerien der Arabian- Museen in den USA wie das Guggenheim neh-
Thronfolger Kronprinz Mohammed bin Sal- American Oil Company (Aramco) bald auch men gerne saudisches Geld an.
man, «MBS», wie er ebenfalls genannt wird. US-Luftwaffenstützpunkte. Seither sind die So wichtig der Kronprinz für Trump ist, so
Wie Bob Woodward in seinem Bestseller Beziehungen nicht nur enger und vielschich- rabiat übt er seine Macht aus. In Jemen führt
«Fear» enthüllt, hat das Weisse Haus den Auf- tiger geworden. Die Gewichte haben sich auch er einen blutigen Krieg, er schreckte nicht zu-
stieg von MBS tatkräftig gefördert: Kushner rück, den libanesischen Premierminister zu
sah in ihm einen Reformer, der die rückwärts- entführen, und er verhängte eine Blockade
Nur überfordert oder
gewandte, fundamentalistische Monarchie Würde Washington die gegen Katar, seinen grossen Konkurrenten in
schon ausgebrannt?
mit einer modernen Fassade schmücken wür-
de. Vor allem aber schien MBS willig, ein
Beziehung zu Riad nach der Region. Bin Salman erinnert an den iraki-
schen Machthaber Saddam Hussein. Lange
Grundprinzip der saudischen Aussenpolitik dem Fall Khashoggi hatte Washington mit Saddam gegen Iran www.hohenegg.ch/
aufzugeben: den Kampf gegen einen jüdi- einfrieren, stünde die kooperiert. Damit war erst Schluss, als der ira- burnout
schen Staat in Palästina. Schon der Staats- kische Diktator 1990 den Bogen überspannte
gründer Abdelaziz ibn Saud (1876–1953) hatte gesamte Nahostpolitik und in Kuwait einmarschierte. Wann MBS das
einen jüdischen Staat vehement abgelehnt. auf dem Spiel. Fuder überlädt, wird sich zeigen.
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NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018
International 5

Macron lässt nicht locker


Die Gunst des Volkes hat er verloren – dennoch bleibt der französische Staatschef auf seinem Reformkurs
Axel Veiel, Paris gung um. Mehr Gleichheit, mehr

GONZALO FUENTES / REUTERS


Gerechtigkeit ist das Ziel. Ein
Als Jupiter sah sich Emmanuel Punktesystem will der Staatschef
Macron am politischen Firma­ einführen, das dafür bürgt, dass
ment. Dort schallte dem französi­ jeder eingezahlte Euro künftig die
schen Staatschef der Vorwurf des dieselben Pensionsansprüche be­
Hochmuts und der Volksferne gründet, und zwar ganz gleich, ob
entgegen. Die Kritik kam selbst der Beschäftigte im öffentlichen
von langjährigen Getreuen wie Dienst oder in der Privatwirt­
Gérard Collomb, dem Anfang schaft tätig ist. Auch soll die Al­
Oktober zurückgetretenen In­ tersversorgung langfristig finan­
nenminister, oder auch Gilles zierbar sein. Wie bei der Reform
Le Gendre, Fraktionsvorsitzen­ der staatlichen Bahngesellschaft
dem der Regierungspartei La SNCF, die im Frühsommer drei­
République En Marche (LREM). monatige Streiks ausgelöst hatte,
Sie verwiesen auf Macrons prü­ würde Macron damit allenfalls
gelnden Leibwächter, den der historisch zu erklärende Privile­
Dienstherr erst entlassen wollte, gien abschaffen. Mehr als 40 Ren­
als die Affäre ruchbar wurde. Sie tenkassen gibt es zurzeit, die ihre
erinnerten an wenig einfühlsame Mitglieder mit allerlei Vorrechten
Worte des Präsidenten, der einem beglücken. Die zum Verzicht An­
arbeitslosen Gärtner gesagt hatte, gehaltenen dürften es den Eisen­
er müsse nur über die Strasse bahnern nachtun, ihrerseits auf
gehen, dann werde er schon die Barrikaden gehen.
einen Job finden.
Doch Emmanuel Macron kann Auf verlorenem Posten
eben auch anders. Er kann hinab­ Und als wäre das Reformvor­
steigen, Volksnähe praktizieren, haben nicht schon kühn genug,
in Demut ein mea culpa anstim­ weist Macrons Agenda gut ein
men. Im dezenten Halbdunkel Dutzend weitere aus. Viele sind
seines Arbeitszimmers hat der kaum minder heikel. Das gilt zu­
Staatschef Mitte der Woche vor mal für die geplante Neuordnung
laufender Fernsehkamera ein­ des Islams im laizistischen Frank­
geräumt, seine Art, Klartext zu reich und den geplanten Perso­
reden, könne verletzen. Der 40­ nalabbau im öffentlichen Dienst.
Jährige bekundete Verständnis Er weiss, dass er erleichterungen Luft verschafft hutsam äussernde Politikwissen­ durchblicken lassen, dass sich die Bis 2022 sollen 120 000 Beam­
dafür, dass seine Landsleute zu­ manchmal verletzend ist: hat, die neuen Möglichkeiten sind schafter und Essayist, kritisierte Reformerfolge womöglich nicht tenstellen gestrichen werden.
nehmend ungeduldig würden. Er der französische Präsident. bisher bei weitem nicht ausge­ die Haltung der Bevölkerung bis­ schnell genug einstellen würden, Aber auch wenn der Reformer
selbst sei es auch, sagte Macron. (Paris, 17. Oktober 2018) schöpft. Experten rechnen frü­ sig: «Die Franzosen entscheiden die Franzosen ihm nicht ausrei­ zunehmend alleine dasteht, auf
hestens ab dem Jahr 2020 mit sich an der Wahlurne für ein Pro­ chend Zeit zugestehen könnten, verlorenem Posten steht er nicht.
Erschreckend allein Reformrenditen. Und frühestens jekt und weisen es anschliessend um das Land von Grund auf zu er­ Die Verfassung der Fünften Repu­
Dass eigene wie fremde Ungeduld dann wird auch eintreten, was fünf Jahre lang zurück.» neuern. Aber auch wenn das Be­ blik stattet ihn mit der Machtvoll­
den bisher kaum greifbaren Erfol­ sich die Franzosen von dem Er­ Doch nicht nur das Volk scheint fürchtete eingetreten ist, der Prä­ kommenheit eines Monarchen
gen seiner Wirtschaftsreformen neuerer ganz besonders erhofft Macron zu verlassen. Erschre­ sident lässt sich davon nicht be­ aus. Seine LREM stellt in der
gilt, sagte der Präsident nicht. hatten: dass sich der Fortschritt ckend allein steht der Staatspräsi­ irren. Er mag dem französischen Nationalversammlung die abso­
Es verstand sich von selbst. Die nämlich spürbar in ihrem Porte­ dent mittlerweile auch politisch Patienten seine Reformen künftig lute Mehrheit. Beides bleibt ihm
Arbeitslosigkeit liegt unverändert monnaie niederschlägt. da. Zwei Wochen lang mussten er einfühlsamer verabreichen. Ab­ bis zu den 2022 anstehenden Prä­
bei neun Prozent, ohne Aussicht Und was für Macron besonders und sein Premier Edouard Phi­ setzen wird er das aus Überzeu­ sidentschafts­ und Parlaments­
auf Besserung. Der wirtschaft­ bitter ist: Seine Landsleute verlie­ lippe suchen, bis sie in LREM­ gung Verordnete nicht. «Ich halte wahlen erhalten. Von der Oppo­
liche Horizont trübt sich ein. Die ren nicht nur die Geduld. Sie ver­ Chef Christophe Castaner einen Kurs», lautet Macrons Botschaft. sition ist zurzeit nicht viel zu
Organisation für wirtschaftliche lieren auch den Glauben an ihn. Nachfolger für Collomb gefunden In der Fernsehansprache hat er befürchten. Zur Rechten wie zur
Zusammenarbeit und Entwick­
lung hat die Wachstumsprognose
Macron befürchtet Laut einer am Mittwoch veröf­
fentlichten Erhebung des Insti­
hatten und eine neue Regierungs­
mannschaft präsentieren konn­
sie erneuert.
Die nächste heikle Reform ist
Linken ist sie heillos zersplittert,
bietet ein desolates Bild.
sogar nach unten korrigiert. schon lange, er tuts Ifop bringt es der Staatschef ten. Jede Menge Absagen hatten bereits in Arbeit. Nachdem der Es bleibt zu hoffen, dass die
So freudig Frankreichs Unter­ werde für die nur noch auf 29 Prozent Zustim­ sich die zwei zuvor eingehandelt. sozialliberale Erneuerer dem Franzosen noch vor Ende von
nehmer auch registriert haben, mung. Anfang des Jahres waren Macron scheint befürchtet zu Arbeitsmarkt und der Staatsbahn Macrons Amtszeit erkennen, dass
dass der Präsident ihnen mit Reformen nicht es 50 Prozent gewesen. Alain Du­ haben, dass es so kommen wür­ SNCF neue Strukturen verpasst ihr Land profitiert, wenn ihr
Arbeitsmarktreform und Steuer­ genug Zeit haben. hamel, der sich gewöhnlich be­ de. Bereits im Wahlkampf hatte er hat, krempelt er die Altersversor­ Präsident Erfolg hat.

Er hämmert Politik im Technotakt ein


Matthias Strolz, einst Chef torik trainierte. Einer seiner unter die Nase und spielte den den Beats seine Botschaften ins anderen Mitteln. «Ich sehe das als
TZOE/FUHRICH

der österreichischen Schüler war der heutige Kanzler Song: «Das ist nicht okay.» Der Publikum. «Wo sind die, die Bil­ Chance, meine Anliegen in neue
Sebastian Kurz. Doch die Bürger­ Liberale erkannte die Wirkungs­ dung für wichtig halten? Wo sind Zielgruppen zu tragen», sagt
Liberalen, bringt nun als
lichen waren ihm zu sehr Teil macht der Musik: Razellis Musik die Europäer?» Eine Ansage an Strolz. Binnen weniger Tage
Technomusiker seine eines starren Systems, zu ideolo­ schlug die Brücke vom Parlament Sebastian Kurz, dessen Mitte­ waren die Karten für das Konzert
Botschaften unter das Volk. gisch verbohrt. Strolz wandte sich zur jungen Generation, die mit Rechts­Regierung Gelder für ausverkauft.
Wolfgang Rössler, Wien von der ÖVP ab und zog sich zum Politik nicht viel am Hut hat. «Ein Schulen kürzt und sich an Brüssel In den kommenden Wochen
Meditieren in den Wienerwald Lied bewirkt mehr als zehn Parla­ reibt. In der ersten Reihe halten werden neue Songs veröffent­
Das «Flex» am Wiener Donau­ zurück. Bald darauf gründete er mentsreden», sagt er. Als ihm Ra­ junge Männer mit nacktem Ober­ licht. Dann will der Ex­Politiker
kanal gehört zu den wilderen Mu­ mit Gleichgesinnten Neos. Strolz zelli vorschlug, ein Album zu pro­ körper eine Europafahne in die entscheiden, ob er mit der Musik
sikclubs der Stadt. Gäste über 30 war populär, auch weil er keine duzieren, sagte Strolz sofort zu. Höhe. «Make some noise. Yeah!», weitermacht. Doch zuvor will er
sind hier die Ausnahme, Bürger­ Scheu hatte, sein Innerstes nach Die Stimmung im «Flex» ist am ruft Strolz. Das Musikprojekt ist sich eine Auszeit in Indien gön­
liche ohnehin. Doch an diesem aussen zu tragen. Einmal ver­ Kochen. Strolz ruft zu hämmern­ für den Liberalen Politik mit nen – zum Meditieren.
Samstagabend Mitte Oktober öffentlichte er ein selbstverfass­
mischen sich viele Ältere unter tes Gedicht über Kastanien: «Ge­
das Publikum: Anzugträger mit borgen in Stacheln kamst du zur ANZEIGE
grauen Schläfen, elegante Reife. Du hast dich geöffnet, um
Damen. Verlegen blicken sie auf Lebendigkeit zu geben.»
die Bühne, wo ein DJ mit Arnold­ «Es wird laut»: Matthias Strolz. Geradezu Kultstatus erlangte
Schwarzenegger­Maske Techno­
beats auflegt. Dann werden
er mit zwei Sätzen, gerichtet an
die Gesundheitsministerin, die Sonnmatt
tut gut.
Sprechchöre laut: «Matthias! Mat­ Nationalisten das Sagen haben. ein bereits beschlossenes Rauch­
thias!» Auftritt Matthias Strolz, Neos schaffte es auf Anhieb in verbot in Cafés kippte: «Frau
ein schlanker Mann Mitte 40, bis den Nationalrat. Das lag auch an Minister, was ist mit Ihnen? Das
vor kurzem Parteichef der Neos. Strolz, der mit frechen Sprüchen ist nicht okay.» Bald darauf
Strolz greift sich ein Mikrofon: Missstände anprangerte: Par­ tauchte im Internet ein Remix der
«Es wird heiss, und es wird laut», teienfilz, Steuergeldverschwen­ Rede auf, vertont vom Techno­
ruft er in den vollen Saal. dung, schlampiger Umgang mit musiker Kurt Razelli, einem mys­
Als Strolz im September seine dem Rechtsstaat. Doch dann kün­ teriösen DJ, dessen wahre Identi­
Abschiedsrede im Parlament digte er unerwartet seinen Rück­ tät niemand kennt. «Das ist nicht
hielt, erntete er stehenden Ap­ zug an. Ausschlaggebend war okay», traf einen Nerv und wurde
plaus. Der Unternehmensberater kein Skandal, keine Kritik. Er ein Youtube­Hit. «Freunde haben
zählte zu den beliebtesten Poli­ wollte mehr Zeit für seine Familie mir den Link zugeschickt, und ich
tikern des Landes. Vor sieben haben und sich nicht vom Politik­ fand es sympathisch», sagt Strolz. Gesund werden, gesund
Jahren hatte er Neos gegründet, betrieb kaputtmachen lassen. Fortan begleiteten ihn Razellis bleiben, gelassen altern.
eine wirtschaftsliberale Partei mit Der Sohn einer Bergbauern­ Remixes. Einmal erzählte ihm
vielen grünen Anliegen, und das familie begann seine Karriere bei eine Mutter von einem Streit mit
in einem Land, in dem bis dahin der Österreichischen Volkspartei ihrem pubertierenden Sohn. Die­ www.sonnmatt.ch
nur Konservative, Linke und (ÖVP), wo er Funktionäre in Rhe­ ser hielt ihr wortlos sein Handy
6 International NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018

Nicht nur Genua kollabiert


Wegen der Brückenkatastrophe drohen in ganz Italien wirtschaftliche Probleme
Patricia Arnold, Genua schaftszentrum Mailand wie Rot­

LUCA ZENNARO / EPA


terdam, rund 1000 Kilometer.
Der Lebensmittelhändler Said ist Doch die Verbindungen nach Rot­
schlecht gelaunt. Vielleicht alle terdam sind deutlich schneller,
sechs Stunden schaue mal ein trotz Alpen dazwischen, und der
Kunde herein, klagt der Tunesier, moderne Hafen im Norden ist
der schon ewig in Genua lebt. Bis auch noch günstiger als der sanie­
zum Brückeneinsturz vor zwei rungsbedürftige im Süden.
Monaten lief sein Laden an der
wichtigen Verbindungsstrasse Via Chaotische Politik
Fillak ganz gut. Aber jetzt steht er Doch in Italien verhindern leere
wie viele andere Unternehmer Kassen und politischer Streit den
der ligurischen Metropole vor Bau neuer Transportwege. Dabei
dem wirtschaftlichen Aus. war die Katastrophe von Genua,
Die Via Fillak liegt in unmit­ bei der 43 Personen ums Lebens
telbarer Nähe der zusammen­ kamen, nicht der erste Brücken­
gebrochenen Morandi­Brücke. Es einsturz im Land. Allein seit 2013
herrscht gespenstische Ruhe, wo brachen zehn Viadukte auf Auto­
einst weit oben der Autobahn­ bahnen und Schnellstrassen ein.
verkehr brummte. Ausser einigen Immer wieder gab es Tote und
Anwohnern kommt niemand Verletzte. Schon längst sollte eine
mehr vorbei. Der Strassenab­ neue Autobahn – die sogenannte
schnitt mit den alten Alleebäu­ Gronda – den Ponte Morandi in
men liegt mitten in der «Zona Genua entlasten. Schliesslich galt
rossa», der höchsten Gefahren­ die Brücke seit Jahren als gefähr­
zone. Hier kommt man nicht lich. Das geplante Strassenprojekt
mehr durch. Die Ingenieure verhinderten vor allem Regional­
fürchten, dass Pfeiler nachgeben politiker der Fünf­Sterne­Bewe­
oder Betonplatten vom gigan­ gung, die zusammen mit der
tischen Morandi­Skelett herab­ rechtsnationalen Lega in Rom
fallen könnten. 300 Sensoren regiert. Italiens parteiloser Wirt­
sollen vorzeitig Alarm schlagen. schaftsminister Giovanni Tria
Soldaten sorgen dafür, dass kein hofft jetzt auf eine Finanzspritze
Unbefugter das Gebiet betritt. Die Umgebung rund um die Brücke ist auch heute noch höchste Gefahrenzone. (Genua, 18.Oktober2018) der EU, damit dringend notwen­
Die Tankstelle direkt an der dige Strassenprojekte umgesetzt
Absperrung wurde schon vor werden können.
Wochen geschlossen. Der Betrei­ «Wir befürchten, Arbeitnehmern benötigen jetzt 15 Prozent hätte Genua im letz­ fürchten, dass sich Rotterdam Vom Krisenmanagement der
ber nahm sich keine Zeit aufzu­ täglich Stunden für Wege, die sie ten Jahr beinahe die nationale oder Hamburg unsere Geschäfte Regierung in Rom halten die
räumen. Die Zähler an den beiden
dass Rotterdam früher in Minuten zurücklegten. Konkurrenz in Triest überholt. an Land ziehen», sagt Hafen­ Genueser nicht viel. «Die sind
Zapfsäulen zeigen an, dass hier oder Hamburg Viele der 600 000 Einwohner Für dieses Jahr wurde weiteres manager Paolo Emilio Signorini. einfach nur chaotisch», seufzt
zuletzt für zehn und fünf Euro
getankt wurde. Auch die Betrei­
unsere Geschäfte wirken erschöpft. Kein Wunder,
ist die Lust aufs Shoppen vielen
Wachstum erwartet. Mit dem
Brückeneinsturz fand der Op­
Der Niedergang des Hafens von
Genua könnte sich auf das Jah­
der Tabakhändler Claudio in der
Via Fillak. Wie andere Gewerbler
ber des Computerladens, der Piz­ an Land ziehen.» vergangen, zumal auch die An­ timismus ein jähes Ende. Der resende hin sogar verschärfen, hofft er auf finanzielle Entschädi­
zeria, des Wäschegeschäfts und fahrt zu Ikea und anderen Ein­ Warenumschlag von zuletzt 70 warnt Wirtschaftsprofessor Gina gung nach dem drastischen Um­
vieler anderer kleiner Gewerbe­ kaufszentren zur Odyssee gewor­ Millionen Tonnen jährlich sank Enzo Duci. «Für das Weihnachts­ satzeinbruch. Wann sie kommt
und Handwerksbetriebe in der den ist. Die Folge: Nach 60 Tagen seither um fast 30 Prozent. geschäft müssen die Waren recht­ und wie hoch sie ausfallen wird,
Via Fillak haben aufgegeben. Verkehrsnotstand sind 13 000 Etwa 4000 Lastwagen kom­ zeitig in den Regalen stehen», er­ ist völlig ungewiss. So auch alles
Unternehmen in Genua und Um­ men täglich im Hafen an – bezie­ klärt er. Die Lieferanten werden andere. Innerhalb von acht Mona­
Kleine Berliner Mauer gebung direkt oder indirekt be­ hungsweise nächtlich, denn seit daher auf bessere Verkehrswege ten sollte die Brücke wieder ste­
Es sind nicht nur die Geschäfte in troffen. Den Schaden beziffern der Katastrophe schaffen es die zu Häfen jenseits der Alpen aus­ hen, hatte Rom nach dem Ein­
der Umgebung der Unglücks­ sie auf 400 Millionen Euro. Hinzu Fahrzeuge oft nur noch nachts weichen, meint auch Duci. Er sturz versprochen. Daran glaubt
stelle, die leiden. Die ganze Stadt kommen die Einbussen für die durch die Stadt, dazu kommen geht davon aus, dass sich der in Genua heute niemand mehr.
ächzt unter den wirtschaftlichen Transportunternehmer. Camions, stundenlange Staus. Damit wird Warenumschlag in Genua bis zum Im Moment steht noch nicht ein­
Folgen dieser einen eingestürzten die Genua durchqueren wollen, die regionale Katastrophe zur Jahresende noch einmal um 20 mal fest, wann die Brückenreste
Brücke – und möglicherweise müssen bis zu 120 Kilometer Um­ nationalen. Vor allem die italieni­ Prozent reduzieren wird. abgerissen werden. Und im Fluss­
bald auch ganz Italien. weg in Kauf nehmen. Das kostete schen Wirtschaftszentren wie die Andere Häfen im Land können bett des Polcevera liegen immer
Die Genueser nennen die Zona die Branche bisher schätzungs­ Lombardei und das Piemont, aber kaum die Lücke füllen. Denn Ita­ noch Trümmer des Morandi. Der
rossa bereits die «kleine Berliner weise 116 Millionen Euro. auch die Schweiz wickeln ihren liens Infrastruktur ist zu marode. Tabakhändler Claudio befürchtet,
Mauer». Denn die Sperrzone Wer am meisten unter dem Handel mit nichteuropäischen Da wäre etwa der Hafen von Gioia es werde mindestens fünf Jahre
durchtrennt rigoros die Stadt. Verkehrschaos leidet, ist der Ländern über die Docks in Genua Tauro in Kalabrien. Er ist Luftlinie dauern, bis Genua wieder zur
Tausende von Schulkindern und Hafen. Mit einem Zuwachs von ab. «Jetzt aber müssen wir be­ genauso weit entfernt vom Wirt­ Normalität zurückkehre.

Ein Kinofilm leert


JANEK SKARZYNSKI / AFP / GETTY IMAGES

Polens Kirchenbänke
Ein neuer Film kritisiert den den. Dazwischen werden die drei Kirche eingeschleust worden, er­
Klerus und trifft damit einen Lebensläufe zu einem explosiven klärte ein rechtskatholisches Ra­
Strang aus Geldgier, Intrigen und dio seinen Zuhörern. In Ostroleka
Nerv im erzkatholischen
Scheinheiligkeit geflochten. Da in Masuren wurden kurzerhand
Land. Die Kirche spricht ist der findige Bischofsassistent sämtliche Filmvorführungen vom
von Teufelswerk. mit seinem Geldkoffer, der von Bürgermeister verboten. Und am
Paul Flückiger, Warschau einer Karriere im Vatikan träumt. Filmfestival von Gdynia musste
Ferner der gottesfürchtige Reli­ das Staatsradio die erwartete Ver­
«Wo sind denn bloss alle?», fragt gionslehrer mit pädophilen Nei­ leihung des Zuschauerpreises an
der Pfarrer in einem polnischen gungen und schliesslich der ein­ Smarzowski absagen.
Cartoon verdutzt, als er die leeren same Landpfarrer, der seine Sor­ Seinem Film habe dies nur ge­
Kirchenbänke sieht, während er gen im Wodka ertränkt und seine holfen, behauptet der Regisseur.
den Messwein segnet. «Im Kino!», Geliebte schwängert. Dass er mit der Thematisierung
antwortet der Ministrant. Die Gedreht werden musste dieser der Pädophilie in ein Wespennest
Zeichnung auf der Titelseite des Film in Tschechien. Kein polni­ sticht, war ihm natürlich be­
Wochenmagazins «Angora» hat scher Bischof gab dem bekannten wusst. Erst zum Jahresbeginn
ebenso Furore gemacht wie der Regisseur die Erlaubnis, solches hatte eine vom Justizministerium
Film, auf den sie anspielt. Es han­ in einer polnischen Kirche darzu­ veröffentlichte Pädophilenliste Skandalfilm: mehr als 3,5 Millionen Kinobesucher in drei Wochen. (Warschau, 29.September 2018)
delt sich um den neusten Spiel­ stellen. «Klerus» sei ein Werk des für grosses Aufsehen gesorgt. Be­
film von Wojciech Smarzowski Teufels, um noch mehr Polen von sonders merkwürdig war, dass
mit dem bezeichnenden Titel der Kirche zu entfremden, heisst sich darauf kein einziger Priester brüder aus der Eingangsszene, wachsen. Die Religiosität der über Sonntag» begrüsst Nowakowski
«Kler» (Klerus). Drei Wochen es in rechtskatholischen Kreisen. befand. Das Ministerium lieferte mit seinem eignen Missbrauch 90 Prozent Katholiken in Polen darum den Streifen. «Smarzow­
nach der Premiere haben mehr als Auch die Regierung und ihr nahe­ fadenscheinige Ausflüchte, wäh­ noch zu kommunistischer Zeit er­ jedoch nimmt rapide ab, vor skis Film wird zu einer Katharsis
3,5 Millionen Zuschauer den Film stehende Medien verdammten rend eine Opferhilfestiftung von klärt. Die katholische Kirche galt allem bei den Jungen: Nur noch führen», sagt der inzwischen zur
gesehen. Das ist jeder achte Er­ den Film. Es handle sich um Dutzenden von rechtskräftig damals als Hort der Freiheit. Der 26 Prozent der 18­ bis 24­jährigen lutherischen Kirche konvertierte
wachsene in dem katholischen einen «Aufruf zur Rebellion ge­ wegen Pädophilie verurteilten Einsatz für Menschenrechte und nehmen am Sonntagsgottes­ Geistliche. Smarzowskis Film sei
osteuropäischen Land. gen die Priester», kritisierte die Priestern sprach. Kurz nach der die antikommunistische Gewerk­ dienst teil. so erfolgreich, weil Polens Katho­
«Klerus» handelt von drei rechtsnationale «Gazeta Polska». Filmpremiere hat die Stiftung schaft Solidarnosc hat ihr erst zu Angesichts dieser Tendenz liken die Nase voll hätten von der
befreundeten Priestern. Der Film Der Film erinnere an Nazi­Propa­ nun eine Pädophilen­Landkarte jener Macht verholfen, derer sie sieht der dissidente frühere Arroganz und Vertuschungstaktik
beginnt rasant mit einem Besäuf­ ganda, monierte das regierungs­ der Geistlichen veröffentlicht. sich heute erfreut. Seit dem Wahl­ katholische Priester Pawel Nowa­ der Kirche. «Ich rechne nun mit
nis zu Bibelzitaten und endet nahe Onlineportal wpolityce.pl. In Smarzowskis Film wird die sieg der Kaczynski­Partei Recht kowski die Zeit gekommen, unter einer Flut von Anzeigen und auch
mit einer verstörend langsamen Die Pädophilen seien alle von den pädophile Neigung von Pater und Gerechtigkeit (PiS) im Jahr Polens Katholiken aufzuräumen. Schmerzensgeldklagen der Op­
Selbstverbrennung eines der Hel­ Kommunisten in die polnische Andrzej, einem der drei Fest­ 2015 ist diese noch mehr ge­ Im Gespräch mit der «NZZ am fer», sagt Nowakowski.
NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018
International 7

Gewinnt der Westen den

CHRIS RATCLIFFE / BLOOMBERG


Kampf gegen den Terror?
Die Zahl islamistischer Anschläge in Europa
ist stark rückläufig. Dabei war das Gegenteil
erwartet worden. Von Felix E. Müller

D
en nom de guerre, den er laufenden Jahr eine deutliche Ab- natürlichen Wirkstoff. Die deut-
vom Islamischen Staat nahme von Terroranschlägen zu sche Polizei geht davon aus, dass
(IS) in Syrien erhalten verzeichnen – zumindest im Wes- sie ganz knapp dem ersten Ter-
hatte, war: Abdullah al- ten. Das Extremismuszentrum roranschlag mit einer biologi-
Swissri, Abdullah der Schweizer. der George Washington Univer- schen Waffe zuvorgekommen ist.
Dahinter steckte tatsächlich Tho- sity in Washington D. C., das eine Die Folgen wären unabsehbar,
mas C., ein Aargauer, der zum globale Statistik über Terror- denn gegen Rizin gibt es kein Mit-
Islam konvertierte, mit seiner anschläge führt, rechnet vor: In tel. Das Center for the Analysis of
deutschen Ehefrau Marcia Ende Europa und den USA kam es 2015 Terrorism in Paris geht davon aus,
2015 nach Syrien in den Krieg zog zu 14 Attentaten des IS, 2016 zu dass die Anzahl von Attentatsver-
und dort – wie vor wenigen Tagen 22 und 2017 zu 27. Im laufenden suchen gleich hoch ist wie in den
bekannt wurde – den Auftrag er- Jahr aber seien erst 4 Attacken zu Jahren zuvor. Etwas differenzier-
hielt, Terroranschläge in Deutsch- verzeichnen. «Es ist ein wirklich ter urteilt Thomas Renard, Terro-
land zu planen. Zu diesem Zweck dramatischer Rückgang», kom- rismus-Experte beim Egmont-
kontaktierte Marcia ihr bekannte mentiert Lorenzo Vidino, der Institut in Brüssel. «In Belgien ist
Frauen und versuchte diesen, Direktor des Zentrums, diese Ent- ein gewisser Rückgang von Versu-
eine Heirat mit IS-Kämpfern wicklung. Im Rest der Welt aller- chen zu verzeichnen, während in
schmackhaft zu machen, um dings verharren die Zahlen auf Frankreich, Grossbritannien oder
diese leichter nach Deutschland einem hohen Niveau. Insbeson- den Niederlanden diese Zahl un- Nach Terrorattacken auf der verhindert. Es sei offensichtlich, sammenarbeiten würden, auf
einschleusen zu können. Doch dere im Irak und in Afghanistan verändert hoch ist», sagt er. Indi- London Bridge wurde die sagt Thomas Renard, dass die nationaler wie internationaler
bei einer der potenziellen Terror- kommt es weiterhin regelmässig zien scheinen diese Aussage zu Polizeipräsenz vergrössert. Sicherheitskräfte grosse Fort- Ebene. Die EU habe, sagt Wouter
bräute, mit denen sie sich aus- zu blutigen Attacken. bestätigen. So gelang es etwa der (5.6.2017) schritte gemacht hätten. Gehol- van Ballegooij, «für eine bessere
tauschte, handelte es sich um In Europa waren die letzten niederländischen Polizei Ende fen habe ihnen dabei die Politik, Kooperation zwischen Polizei
eine Agentin des deutschen Ver- Opfer im März und im Mai in September, in Rotterdam einen die unter dem Druck der öffent- und Nachrichtendiensten enorm
fassungsschutzes. Über Monate Frankreich zu beklagen – insge- Terroranschlag zu vereiteln: Sie- lichen Meinung einerseits die Ge- grosse Anstrengungen» unter-
liess sich so ein Netzwerk von samt fünf Tote – sowie deren vier ben Personen wurden festgenom- setze zur Bekämpfung des Terro- nommen. Sie führte zentrale
Extremisten analysieren, in dem Ende Mai in Belgien. Diese Zahlen men, die einen Grossanschlag rismus verschärft, andererseits Register von Flugpassagierdaten
Pläne von ausgefeilter Raffinesse zeigen zudem, dass die Zahl der mittels Autobombe und Maschi- aber auch grosse zusätzliche ein oder ein verbessertes Infor-
geschmiedet wurden. So hätten Opfer pro Anschlag ebenfalls nengewehren auf eine Grossver- Geldmittel gesprochen hat. So mationssystem für Ein- und Aus-
die Rückkehrer etwa mit Spezial- sinkt. Beim Massaker im Pariser anstaltung geplant hätten. sagt Wouter van Ballegooij, der reisen von Nicht-EU-Bürgern für
nahrung an Gewicht zulegen und Bataclan-Theater in 2015 starben für den Think-Tank des Europäi- den Schengenraum. Robuster
sich Haartransplantationen sowie 90 Konzertbesucher; als ein Isla- Bessere Kooperation schen Parlaments einen Report greifen die Behörden heute auch
Nasenoperationen unterziehen mist im Juli 2016 in Nizza mit An der Radikalität der IS-Anhän- über Terrorismus verfasst hat, bei zu, um Verdächtige aus dem Ver-
sollen, um ihr Aussehen zu verän- dem Lastwagen in eine Men- ger scheint sich also nichts ge- den Ausgaben für die innere kehr zu ziehen. In Grossbritan-
dern. Die Überwachungsaktion schenmenge fuhr, musste man 86 ändert zu haben. Aber es gelingt Sicherheit gebe es im EU-Budget nien nahm diese Zahl innert Jah-
führte schliesslich zur Ent- Tote zählen. Jetzt sind jeweils in Europa offensichtlich immer einen klaren Trend nach oben, resfrist um 17 Prozent zu; fast 500
tarnung von drei Terrorzellen. Al- noch einige wenige. Aus der mör- besser, ihnen auf die Schliche zu der sich fortsetzen werde und Personen sitzen dort heute hinter
Swissri kam vermutlich im Herbst derischen Logik von Terroristen kommen. Premierministerin The- bald die Höhe von 2,5 Milliarden Schloss und Riegel, weil man sie
2017 in Syrien ums Leben. muss man von abnehmender Effi- resa May sagte vor kurzem, Gross- Euro erreiche. Auch die meisten terroristischer Aktivitäten be-
zienz sprechen. Je mehr Opfer bei britannien habe seit dem März nationalen Budgets weisen stei- schuldigt.
«Ineffizienter» IS einem Anschlag sterben, desto des letzten Jahres drei Anschläge gende Summen aus. Die Schweiz «Vielleicht verfolgen wir im
Erfolgsmeldungen im Kampf grösser die propagandistische stellt keine Ausnahme dar: Nach Moment eine Trendwende im
gegen den Terrorismus haben Wirkung. Wenn nun für vier tote dem Attentat auf die Redaktion Kampf gegen den islamistischen
sich in letzter Zeit in Europa ge- Zivilisten ein fanatischer Islamist von «Charlie Hebdo» beschloss Terror in Europa», sagt Renard.
WISSM AL-OKILI / REUTERS

häuft. Dabei waren die Experten geopfert werden muss, ist das der Bundesrat Ende 2017, 86 zu- Die Gefahr sei zwar fast unverän-
vom Gegenteil ausgegangen. Die eine ineffiziente Verwendung der sätzliche Stellen zur Terrorismus- dert hoch, aber die vielen Mass-
Terrorgefahr werde 2018 stark zu- Ressource Selbstmordattentäter. bekämpfung zu schaffen und für nahmen scheinen sich nun posi-
nehmen, prognostizierte etwa Denn vier Tote in einem Super- den gleichen Zweck den kantona- tiv auszuwirken. Das zeigt sich
der Londoner Think-Tank Jane’s markt in Frankreich schaffen es len Polizeikorps zwei Millionen unter anderem auch an der Tat-
Ende des letzten Jahres. Grund selbst im Nachbarland Schweiz Franken zur Verfügung zu stellen. sache, dass die Zahl der Opfer pro
dafür sei, dass mit dem Kollaps kaum mehr auf die Frontseiten Diese Summe wurde nach dem Anschlag sinkt – ein Zeichen, dass
des IS in Syrien eine grosse Zahl der Zeitungen. Massaker im Bataclan verdoppelt. grosse Attentate, die eine lange
europäischer Jihadisten in ihre Für die Drahtzieher des IS-Ter- Damit lassen sich unter anderem Vorbereitungszeit erfordern,
Herkunftsländer zurückkehren rorismus ist die jüngste Entwick- Teams von Spezialisten für isla- offensichtlich immer schwieriger
würde. Der Britische «Telegraph» lung im Operationsgebiet Europa mistischen Extremismus auf- zu planen sind.
warnte dabei vor einer neuen Ge- folglich unerfreulich. Denn sie bauen. Deren Arbeit wird durch Ist der Kampf gegen die radika-
fahr: Attacken mittels Drohnen. versuchen nach wie vor mit gros- neue gesetzliche Möglichkeiten len Islamisten wenigstens in
Diese Neuerung auf den Schlacht- ser krimineller Energie, auch hier wie Abhörmassnahmen, Obser- Europa damit gewonnen? Nein,
feldern im Nahen Osten würde zu ihre Ziele zu erreichen. In Köln vationen, die Überwachung überhaupt nicht. Aber die Sicher-
einer tödlichen Gefahr für die etwa beschlagnahmten Sicher- sozialer Netzwerke, Gesetze heitskräfte scheinen aus der De-
Grossstädte Europas werden. heitskräfte im Juni in der Woh- gegen IS-Rückkehrer unterstützt. fensive herausgekommen zu sein
Doch auch Experten können nung eines Tunesiers 84 Milli- Ganz wichtig war, dass die Sicher- und die Oberhand zu gewinnen.
sich irren. Denn tatsächlich ist im gramm Rizin, einen hochgiftigen Im Irak verüben Extremisten öfter Anschläge. (Bagdad, 14.8.2018) heitskräfte heute viel besser zu- Das ist eine gute Nachricht.

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NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018
Schweiz 9

EU-politische Allianz liegt in Trümmern


Das Bündnis für die Bilateralen ist zerstritten. Derweil ergreift Roger Köppel bei den EU-Gegnern das Ruder
Stefan Bühler zeigt sich jetzt, dass Berset in den

HANDOUT EU / KEYSTONE
letzten Wochen entsprechende
Christoph Blocher rechnet nicht Gespräche geführt hat.
mehr mit einem baldigen Ab- Das bestätigen Gewerkschafter
schluss der Verhandlungen mit Adrian Wüthrich, Präsident von
Brüssel über ein Rahmenabkom- Travail Suisse, und Arbeitgeber-
men. Zuerst habe er gedacht, das präsident Valentin Vogt. Das Er-
komme 2017, sagte er am Freitag gebnis ist freilich das gleiche wie
in seiner Sendung «Teleblocher». zuvor. «An unserer Position hat
Doch nun sei es weder in diesem sich nichts geändert», sagt Wüth-
noch im nächsten Jahr so weit: rich und verweist auf die Arbeit-
«Das zieht sich hin bis in die 20er geber: Von dort sei bis heute kein
Jahre», ist der Altbundesrat und Vorschlag gekommen, wie ein
Vordenker der SVP überzeugt. Kompromiss beim Lohnschutz
Vor diesem Hintergrund gab mit der EU mit neuen flankieren-
Blocher am Freitag bekannt, dass den Massnahmen im Inland kom-
er das Präsidium des «EU-No»- pensiert werden könnte, sagt er.
Komitees «gegen den schleichen-
den EU-Beitritt» auf Ende Jahr FDP-Magistraten hoffen
abgibt – er werde bald 80, erklärte Tatsächlich ist das für Vogt kein
er dazu. Neu soll SVP-Nationalrat Thema. Hingegen sei er bereit, zu
und «Weltwoche»-Chef Roger prüfen, ob der Lohnschutz auf
Köppel die Kampftruppe gegen heutigem Niveau bewahrt wer-
das von ihr als «Kolonialvertrag» den könne, jedoch mit anderen
bezeichnete Abkommen anfüh- Massnahmen, die allenfalls EU-
ren. Die Organisation zählt laut kompatibel sind. Man solle nun
eigenen Angaben 7500 Mitglieder einmal sehen, welche Lösungen
und 133 Organisationen. die Unterhändler präsentieren,
Der Zeitpunkt für die Stabüber- dann könne man entscheiden.
gabe bei den EU-Kritikern ist «Wir sehen das pragmatisch, die
günstig. Denn der Gegner ist Gewerkschaften hingegen ideolo-
angeschlagen: Die Allianz jener gisch», sagt Vogt. Allerdings wol-
Kräfte, die den bilateralen Weg in Nur schnell eine Foto: Donald Tusk (l.) und Jean-Claude Juncker (r.) begrüssen Alain Berset am Asien-Europa-Gipfel. (Brüssel, 18. 10. 2018) len auch die Arbeitgeber beim
den letzten 25 Jahren entwickelt Lohnschutz das EU-Recht nicht
und verteidigt haben, ist tief ge- integral übernehmen.
spalten. Der Streit entzweit Ar- FDP-Aussenminister Ignazio Cas- sonst sei ein erfolgreicher Ab- Protest jegliche Diskussion – was Das entspricht weitgehend der
beitgeber und Gewerkschaften, «Wir sehen das sis die Schuld am Scherbenhau- schluss beim Rahmenvertrag wiederum die FDP seither als Strategie der FDP-Bundesräte
FDP und SP – und er macht selbst fen zuzuschieben: Cassis habe im nicht möglich. Damit stellte er unschweizerisch anprangert. und von CVP-Bundesrätin Doris
vor dem Bundesrat nicht halt:
pragmatisch, die Sommer mit öffentlichen Äus- das Verhandlungsmandat des Dass in dieser Situation nun Leuthard. Sie arbeiten weiterhin
Zwischen den Vertretern von SP Gewerkschaften serungen über mögliche Anpas- Bundesrats infrage, gemäss ausgerechnet Bundespräsident auf einen baldigen Abschluss der
und FDP ist Feuer im Dach. hingegen sungen bei den flankierenden
Massnahmen zum Schutz der
diesem die Massnahmen gegen
Lohndumping unantastbar sind.
Berset den Karren aus dem Dreck
ziehen soll, empfand man in den
Verhandlungen hin. Nach wie vor
sind Stimmen zu vernehmen, die
Kritik an passivem Berset ideologisch.» Schweizer Arbeitnehmer gegen Als dann kurz nach den Som- SP-Departementen als Affront. sagen, dies sei durchaus möglich.
So kann es dieser Tage in Bern Lohndumping die Verhandlungs- merferien Wirtschaftsminister Umso mehr, als man dort ein Von ihren Parteien tönt es freilich
vorkommen, dass man als Jour- position des Bunds geschwächt Schneider-Ammann die Sozial- Rahmenabkommen, bei dem der anders. So erklärte FDP-Präsiden-
nalist in der Stadt einem Beamten und die innenpolitische Blockade partner zu Gesprächen einlud Lohnschutz dem EU-Recht unter- tin Petra Gössi diese Woche in der
eines freisinnigen Departements erst verursacht. und mit der Einladung bereits stellt wird, als chancenlos be- NZZ zum Rahmenabkommen:
begegnet und dieser bald einmal In der Tat erklärte Cassis vor Vorschläge zur Anpassung der urteilt: Gegen SVP und zugleich «Die Schweiz ist dafür noch nicht
über Bundespräsident Alain Ber- den Sommerferien im Radio, es Flankierenden machte, war die gegen die Gewerkschaften wäre bereit.» Fürwahr – bis die Allianz
set zu schimpfen beginnt: Das brauche Anpassungen bei den Blockade perfekt: SP und Ge- eine Abstimmung nie zu gewin- für die Bilateralen wieder zusam-
Engagement des SP-Magistraten flankierenden Massnahmen, werkschaften verweigerten unter nen, heisst es hier. Trotzdem menfindet, dürfte es dauern.
sei ungenügend; offenbar seien
weder Berset noch SP-Bundes-
rätin Simonetta Sommaruga an
einem Abschluss der Verhand-
Verhandlungspoker
lungen über den Rahmenvertrag
noch in diesem Jahr interessiert.
In Köppels «Weltwoche» wurde Jean-Claude Juncker lässt den Bundesrat schmoren
diese Kritik bereits in einem Arti-
kel ausgerollt. Und im Bundesrat
selbst hat derweil ausgerechnet Es reichte Bundespräsident liegt der Ball jetzt bei der auch da wird die Frage der Ent- bekämpft würde, chancenlos kussionen einsteigen. Zwar sei
SVP-Vertreter Ueli Maurer in Alain Berset zwar für einen Schweiz: Der Bundesrat müsse sendearbeiter eine Rolle spie- sei und dem bilateralen Weg nur die Übernahme des EU-Rechts
einem Mitbericht Berset zu mehr Handschlag mit EU-Kommis- entscheiden, ob er bereit sei, len. Der Vertrag mit der Schweiz schade. Man brauche mehr Zeit, im Grundsatz zwingend, doch
Engagement aufgefordert. Die sions-Präsident Jean-Claude über die flankierenden Mass- könnte diesbezüglich Modell- sei aber nach wie vor an einem sei man bereit für grosszügige
SVP, so scheint es, ist nicht abge- Juncker und EU-Rats-Präsident nahmen zum Lohnschutz zu charakter haben. Rahmenabkommen interes- Übergangsfristen und die aus-
neigt, den Streit in der EU-politi- Donald Tusk (Bild oben). Für ein verhandeln und – so lautet Bern hingegen sträubt sich siert, lautete die Botschaft des drückliche Berücksichtigung
schen Allianz etwas anzuheizen. eingehendes Gespräch über die bisher die Forderung aus Brüs- gegen diese Eile. Anders als die Bundespräsidenten gegenüber der Schweizer Spezialitäten,
Diese ist allerdings weiterhin Verhandlungen zum Rahmen- sel – das EU-Recht im Bereich EU-Kommission sieht man hier den Medien. heisst es: dass also das hohe
vor allem mit sich selbst beschäf- vertrag fand Juncker am Rande der Entsendearbeiter künftig noch Verhandlungsbedarf auf Das Unverständnis auf der Lohnniveau und die grosse Zahl
tigt. Denn auf der linken Seite des Asem-Gipfels in Brüssel mit zu übernehmen. Und dies rasch. technischer Ebene. Und Berset Seite der EU könnte auch damit von Entsendearbeitern beson-
wird die Kritik an Berset mit nicht Vertretern Asiens und Europas Denn offenbar ist man bei der hätte Juncker diese Woche zusammenhängen, dass man deren Schutz bedürfe. Dabei
minder scharfen Attacken gegen jedoch keine Zeit. Das erstaunt EU nach wie vor erpicht darauf, gerne nochmals erläutert, dass dort offenbar schon gewisse käme sogar eine Voranmelde-
die FDP-Bundesräte gekontert. nach den Verlautbarungen eine Lösung mit der Schweiz zu ein Vertrag, der sowohl von der Zugeständnisse auch im Bereich frist für EU-Dienstleister sowie
So lässt SP-Präsident Christian Brüssels der letzten Zeit nicht. vereinbaren, bevor die Brexit- SVP als auch von den Gewerk- des Lohnschutzes in Aussicht Kautionszahlungen in bestimm-
Levrat keine Gelegenheit aus, Denn für die EU-Kommission Verhandlungen beginnen. Denn schaften in einer Abstimmung gestellt hat, sollte Bern auf Dis- ten Branchen infrage. (sbü.)

Classe politique Hornkuh Edelweiss stellt sich zur Verfügung


Hans Wicki, Anwärter, lud die die Sprachregionen und die Landesteile. Das glotzt, steht sie sinnbildlich für die bewaff-
KEYSTONE

KEYSTONE

nationale Presse am Mittwoch- weiss jedes Kind. nete Neutralität der Schweiz. Und als zuver-
morgen nach Stans. Dort gab Was das Kind nicht weiss: Es gibt jede lässige Milch- und Fleischlieferantin befrie-
der Nidwaldner Ständerat seine Menge anderer Kriterien, die just unsere digt sie zudem den typisch schweizerischen
Bundesratskandidatur bekannt. Edelweiss für eine Bundesratskandidatur Wunsch nach Versorgungssicherheit und
Einige Journalisten, die aus qualifizieren. Das Wichtigste zuerst: Noch nie Ernährungssouveränität, sogar postum.
Zürich anreisen wollten, verpass- in der Geschichte der schweizerischen Eid- Damit nicht genug: Unsere Edelweiss ist
ten den historischen Moment Hans Wicki Reto Nause genossenschaft hat eine Hornkuh dem Bun- konsequente Veganerin. Sie entspricht also
allerdings. Andreas Meyers Pan- desrat angehört. Wer nach den Rücktritten geradezu idealtypisch dem Lebensentwurf
nen-Bahn war um 40 Minuten Gastrecht zu gewähren. Nächs- von Doris Leuthard und Johann Schneider- trendbewusster Städterinnen, die ihr vor
verspätet, so dass die Journa- tes Jahr werden die Elektro- Showdown Ammann eine Vertretung aus Uri, Schaffhau- diesem Hintergrund sogar den übermässigen
listen in Luzern strandeten.
Trotzdem werden die SBB nun
boliden mit übersetztem Tempo
um den Bärengraben rasen. Und Stefan Bühler sen oder Nidwalden fordert, Kantone, die
bisher ohne Bundesrat geblieben sind, der
Ausstoss klimaschädigender Verdauungs-
gase nachsehen. Es kann niemand den Stadt-
feststellen, dass laut zwanzig- jetzt kämpft der CVP-Mann sollte auch die Hornkühe nicht vergessen. Land-Graben leichter zuschütten als Edel-

S
jähriger Verspätungsstatistik bereits um die Velo-WM im Jahr Namentlich Edelweiss: Als Raufutter ver- weiss, die rurale Traditionalistin mit urbaner
alles in bester Ordnung sei. 2024. Kein Zweifel, der ehema- oll Edelweiss für den Bundesrat kan- zehrende Grossvieheinheit ist sie in unserer Lebensart! Und als geduldige Wiederkäuerin
lige Aargauer, der heute breites didieren? Auf den ersten Blick scheint Agrarpolitik fest verankert, sie lässt sich den dürfte ihr dereinst im Amt sogar der Umgang
Reto Nause, Beschleuniger, Berndeutsch spricht, bringt die Frage absurd, denn in der Zauber- Sömmerungsbeitrag nicht als Verkäsungs- mit den Medien keinerlei Mühe bereiten.
hat als einziger Bürgerlicher Tempo in die gemütliche Bun- formel sind Hornkühe nicht vorge- zulage verkaufen; damit ist ihr die Unterstüt- Darum – und weil sie dem Land für die
seine Kollegen in der Stadtregie- desstadt – wenn das den sehen: Die Landesregierung setzt sich aus je zung der Bauernlobby gewiss. Darüber vielen Direktzahlungen gerne etwas zurück-
rung gerade erst davon über- rot-grünen Bernern nur nicht zwei Vertretern der grössten drei Parteien hinaus punktet sie bei den Konservativen: geben möchte – stellt sich die Hornkuh Edel-
zeugt, der Formel E in Bern zu schnell geht. und einem Vertreter der viertgrössten Partei Als beidseitig behorntes Fleckvieh, das mit weiss für eine Kandidatur zur Verfügung.
zusammen. Zu berücksichtigen sind weiter seinen Kuhaugen apathisch in die Umgebung «Nach reiflicher Überlegung», wie sie sagt.
10 Schweiz Bundesrat NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018

Antreten zum Gleichstellungstest


Frauenlobby will alle Bundesratskandidaten an eigenem Hearing in die Mangel nehmen. Von Daniel Friedli

D
er Weg in den Bundesrat 28. November. Im Publikum Platz Hans Wicki die grösste Hürde dar.

ANTHONY ANEX / KEYSTONE


ist lang und voller Hür- nehmen dürfen alle Frauen im Er ist gegen Frauenquoten und
den. Zuerst müssen es Parlament sowie die Präsidentin- sprach sich im Ständerat sowohl
die Kandidaten auf das nen der Mitgliedsverbände der gegen Lohnkontrollen wie auch
Ticket ihrer Fraktion schaffen, Alliance F. Ein Aufgebot zur Aus- gegen neue Kredite für Kita-
danach an Hearings den politi- sprache erhalten alle offiziellen Plätze aus. Anders der Schaffhau-
schen Gegnern Rede und Antwort Bundesratskandidaten, ob Mann ser Regierungsrat Christian Ams-
stehen. Dieses Jahr kommt nun oder Frau. Und diese sollten ge- ler: Bis auf die Frauenquote teilt
noch eine Hürde hinzu: Man fasst sein auf Fragen wie: Was tun er alle genannten Anliegen. Und
sollte auch die Frauen von sich Sie, um die Lohngleichheit zwi- er kann für sich in Anspruch neh-
überzeugen. Denn erstmals lädt schen Mann und Frau zu verwirk- men, in Schaffhausen auch in der
auch der Frauendachverband lichen? Wie bringt man mehr Praxis etwas zur Vereinbarkeit
Alliance F zu einem eigenen Hea- Frauen in die Chefsessel der Fir- von Beruf und Familie getan zu
ring ein. «Wir wollen hören, wie men? Wie stark soll sich der Bund haben. Amsler brachte eine Vor-
sich die künftigen Bundesräte zu in der Kinderbetreuung engagie- lage durch, die den Aufbau von
Frauenfragen stellen und was sie ren, und wie stehen Sie zu einem Tagesstrukturen auf freiwilliger
im Amt für die Gleichstellung tun bezahlten Vaterschaftsurlaub? Basis, aber mit Kostenbeteiligung
würden», sagt Kathrin Bertschy, des Kantons vorsieht.
grünliberale Nationalrätin und Vorteil Amherd/Z’graggen Unter dem Strich steht Amsler
Co-Präsidentin der Alliance F. Ge- Bei diesen Fragen dürfte aus dem damit näher an den Forderungen
stützt auf die Antworten wollen Kreis der schon erklärten oder von Alliance F als Kronfavoritin
die Frauen dann auch eine Wahl- noch erwarteten Anwärter vor Karin Keller-Sutter. Diese ist zwar
empfehlung äussern. allem Nationalrätin Viola Amherd selber Mitglied beim Teilverband
Terminiert ist dieses Hearing, (cvp.) punkten. Die Walliserin be- der «Business and Professional
das neben den Fraktionen nur die jaht sowohl Lohngleichheitsana- Women», lehnt aber gemäss
Bauern so veranstalten, für den lysen wie auch Frauenrichtwerte Stricken an einer Anhörung: Parlamentarierinnen bei einer Aktion im Bundeshaus. (8. März 2017) Wahlumfrage von 2015 Frauen-
quoten ebenso ab wie einen be-
zahlten Vaterschaftsurlaub. Zu-
ANZEIGE Nun kommt noch dem findet sie, die Kinderbetreu-
ung sei keine Bundesaufgabe.
eine Hürde hinzu:
Man sollte auch Männer mit Startnachteil
die Frauen von sich Dennoch hat Keller-Sutter aus
Sicht von Alliance F einen ent-
überzeugen. scheidenden Vorteil: Sie ist eine
Frau. Und darauf kommt es dem

Jetzt aktuell:
Frauenverband bei allen inhalt-
in grossen Firmen. Und zur besse- lichen Debatten zuallererst an.
ren Vereinbarkeit von Beruf und «Es ist höchste Zeit, dass die
Familie befürwortet sie Bundes- weibliche Mehrheit der Bevölke-

Cordon bleu-Festival
gelder für Kinderkrippen und rung auch im Bundesrat ange-
einen bezahlten Vaterschafts- messen vertreten ist», sagt Co-
urlaub. Dasselbe gilt indes auch Präsidentin Bertschy. Daher ge-
für die Urner Regierungsrätin hörten nun zwei neue Frauen in
Heidi Z’graggen. Sie sagt etwa, die Regierung. Welche politische

an Ihrer Fleischtheke. eine weiche Frauenquote, deren


Verfehlen die Firmen begründen
müssten, sei berechtigt.
Hierbei unterscheiden sich
Haltung diese vertreten, sei na-
türlich auch wichtig, komme aber
erst an zweiter Stelle.
Nur: Wieso sollten sich die
Amherd und Z’graggen von der männlichen Kandidaten unter
dritten CVP-Frau im Rennen, Eli- diesen Vorzeichen überhaupt
sabeth Schneider-Schneiter. Die dem Hearing stellen? Dazu sagt
Baselbieter Wirtschaftsfrau hat Bertschy, die Frauen wollten
sich in dieser Frage im National- auch deren Argumente hören. Zu-
rat jüngst der Stimme enthalten. dem seien auch die Parlamen-
Ein Gegner von Frauenquoten ist tarierinnen ungeachtet allfälliger
sodann der Zuger Ständerat Peter Empfehlungen in ihrer Wahl frei,
Hegglin, der überdies auch ge- was je nach Konstellation am
genüber dem Vaterschaftsurlaub Wahltag auch die männlichen
skeptisch eingestellt ist. Kandidaten zu bedenken hätten.
Bei der FDP stellt ein Frauen- Ob diese das auch so sehen, wird
hearing wohl für den Nidwaldner sich Ende November zeigen.

Absagen von Anwärtern

Es lebe die Familie!


Erleben wir da gerade eine Betonung des Familiären umge-
gesellschaftspolitische Wende? kehrt proportional zur eigenen
Es ist Bundesratswahl – und Wahlchance verhält. Sodann
reihum ziehen sich männliche zeichnet sich für das Problem
Zeit: Anwärter mit Verweis auf Frau der Arbeitsbelastung bereits
r kurze
Nur fü bleu und Familie zurück. Er könne ein Ausweg ab: Jobsharing. In
Cordon
e u e rwehr- äse nicht gleichzeitig seinen zwei der Stadt Bern haben eben alle
Das F axx»-K
e r s c harfe M v on
Kleinen ein guter Vater und dem Parteien ausser der SVP dafür
mit «D kreiert Land ein guter Bundesrat sein, gestimmt. Und wieso soll es der-
K n ob lauch – ré .
und n And entschuldigte sich etwa FDP- einst nicht 14 halbe statt 7 ganze
e rem Kunde
un s Ständerat Andrea Caroni. Und Bundesräte geben? Man stelle
CVP-Mann Pirmin Bischof kam sich nur vor, Viola Amherd und
zum Schluss, dass seine «Auf- Peter Hegglin träten als Team an:
gabe als (hoffentlich) guter Vater Frau und Mann, Wallis und Zug,
von zwei kleinen Töchtern» halblinks und halbrechts, Migros
keine Kandidatur verträgt. Auch und Landi – kein Anspruch ginge
Migros Fleischtheke die Väter Candinas, Fässler und unter, kein Mangel überwöge,
Hier berät Sie Ihr Chefmetzger zu unserem Engler stellten die Familie über minus mal minus gibt plus.
Cordon bleu-Angebot: das höchste Amt im Land. Und Dass es je so weit kommt, ist
der Luzerner Konrad Graber indes fraglich, und zwar just
musste seiner Frau versprechen, wegen der Frauen. Schon Isa-
• Vielfältige Fleischauswahl dass er nie Bundesrat wird – und belle Moret (fdp.) empfahl sich
• Grösse nach Wahl hält sich nun trotz besten Wahl- letztes Jahr explizit als Mutter
• Füllung nach Wunsch chancen tatsächlich daran. zweier Kinder für die Regierung.
Haben also die familienpoliti- Und diese Woche bewarb sich
schen Bekenntnisse der Parteien nun auch Elisabeth Schneider-
vielleicht stärker gefruchtet, Schneiter (cvp.) bewusst und
als dies ihre Erfinder je gedacht selbstbewusst als Familienfrau.
hätten? Und ist gar zu befürch- «Das verlangt sehr viel Einsatz,
ten, dass sich nur noch Kinder- aber er ist es mir wert.»
lose in höchste Chargen vor- Doch, die Zeiten ändern sich.
wagen? Gemach. Zunächst sind Einfacher wird die Sache mit
migros-metzgerei.ch nicht alle Abgemeldeten ganz Beruf und Familie aber irgend-
frei vom Verdacht, dass sich ihre wie doch nicht. Daniel Friedli
NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018
Schweiz Bundesrat 11

«Soll ich mich in Luft

PAOLO DUTTO / 13 PHOTO


auflösen?»
Viele in der CVP wünschen sich, dass Parteipräsident
Pfister Bundesrat wird. Pfister winkt ab – und könnte
doch nominiert werden. Interview: Francesco Benini
NZZ am Sonntag: In verschiede- setzbar, aber für die Kontinuität Jedem unserer Kandidaten
nen Parteien herrscht eine gewisse der Parteiarbeit wäre das schlecht. bieten wir Unterstützung an. Die
Ernüchterung über die Kandidaten FDP macht es vielleicht zentra-
der CVP, die im Rennen um einen Sie stehen für den Bundesrat listischer, das mag sein.
Sitz im Bundesrat verbleiben. nicht zur Verfügung?
Gerhard Pfister: Wir haben Ich habe das schon hundert- Der Bundesrat macht seit einiger
gute bis sehr gute Kandidaten. mal erklärt, aber offenbar will Zeit keine besonders gute Figur.
Dass Kritik an den Anwärtern man es mir nicht glauben. Parlamentarier beklagen sich
geäussert wird, meistens zum Beispiel über die Qualität
anonym, gehört zur frühen In Shakespeares «Hamlet» heisst der Vorlagen, welche die Landes-
Phase einer Bundesratswahl. es: «Die Dame, wie mich dünkt, regierung präsentiert.
gelobt zu viel.» Der Bundesrat ist in den letz-
Die Ständeräte Konrad Graber Soll ich mich für zwei Monate ten Jahren dazu übergegangen,
und Erich Ettlin haben abgesagt. in Luft auflösen? Die Medien Kollegen in einem Klima der
Beide hätten zur Profilierung des zwingen mich ja dazu, «zu viel zu gegenseitigen Schonung im Par-
CVP-Tickets beitragen können. geloben», ohne es dann zu glau- lament auflaufen zu lassen. Das
Dass sich Anwärter zurück- ben. Und sie tun es nur bei mir. passiert, weil man die Vorlagen
ziehen, ist legitim. Bundesrats- Ich stehe nicht zur Verfügung. der Kollegen nicht rechtzeitig
wahlen sind Konstellationswah- kritisiert und nicht darauf hin-
len. Es müssen verschiedene Es steigt die Gefahr wilder weist, dass die eigene Partei
Faktoren stimmen, politisch, Kandidaturen, wenn viele nicht hinter einem solchen Vor-
aber auch im Privatleben. Man- Parlamentarier finden, dass das schlag steht. Und ich vermisse
ches ist nicht steuerbar. Eine Ticket der CVP dünn ist. einen Führungswillen des Bun-
Ausnahme ist Ständerätin Keller- Wir werden ein überzeugendes desrats als Behörde. Er bringt
Sutter von der FDP. Für mich ist Ticket präsentieren. Und die Zei- Vorlagen ins Parlament und sagt
seit acht Jahren klar, dass sie es ten wilder Kandidaturen sind in gleichzeitig, dass diese über-
noch einmal versucht. Bei ihr der Bundesversammlung vorbei. arbeitet werden müssen. Die
stimmen verschiedene Faktoren Umsetzung der Masseneinwan-
wie Eignung, Erfahrung, richtige Wenn Sie nicht mitmachen, wird derungsinitiative war dafür ein
Region, und sie ist eine Frau. man auf die Idee kommen, krasses Beispiel. Es gab früher
Bundeskanzler Walter Thurnherr mehr Charakterköpfe, mehr
In der CVP zeichnete sich der noch einmal zu fragen. Alphatiere in der Regierung.
Rücktritt von Doris Leuthard Bei aller Wertschätzung für
ab. Die Partei scheint aber nicht Herrn Thurnherr schliesse ich Mit dem neuen CVP-Bundesrat
gut darauf vorbereitet. aus, dass eine Kandidatur für ihn wird sich das nicht ändern.
Das bestreite ich. Das Dreh- eine Option ist. Es wäre für die Schon wieder! Ich teile Ihre
buch für die Nachfolge Leut- CVP auch nicht gut, wenn wir Einschätzung nicht. Unsere Kan-
hards haben wir Anfang Jahr zu das Amt des Bundeskanzlers didaten sind in der Lage, gute
schreiben angefangen. preisgäben. Bundesräte zu werden.
«Die Leute haben genug von der Polarisierung»: Gerhard Pfister im Bundeshaus. (Bern, 9. Mai 2018)
Umso schlimmer. Bei der Bekanntgabe der FDP- Die Schweiz steht vor Problemen
Was soll das heissen? Die Kan- Kandidaturen ist die nationale im Verhältnis zur EU, das AHV-
didaten der CVP, die ihre Ambi- Partei direkt involviert, die Steuer-Paket wackelt. Man sollte die sich aus der stärkeren Stel- gabe: In einer polarisierten poli-
tionen angemeldet haben, sind CVP-Kandidaten sind hingegen in einer solchen Situation nicht lung des Islams in der Schweiz tischen Landschaft nimmt sie
bundesratstauglich. auf sich allein gestellt. Leute aus der zweiten Reihe in die ergeben. die Zentrumsfunktion wahr. Wir
So stimmt das nicht. Wir sind Regierung wählen. müssen aus einer Milieupartei
Sie meinen Regierungsräte, die eine föderalistische Partei. Das werden wir auch nicht tun. Die CVP hat ihren Abwärtstrend zur Themenpartei werden. Wir
man noch nie zur Kenntnis Ich habe das noch nicht stoppen können. präsentieren zum Beispiel als
genommen hat? Auf welche Themen setzt die CVP schon hundertmal In den vier letzten kantonalen Einzige eine Lösung für die stark
Sie verwechseln Bekanntheit
mit Qualität. Das ist ein Fehler.
Gerhard Pfister im Wahlkampf 2019?
Es gibt eine übergeordnete
erklärt, aber Wahlen hat sich eine Stabilisie-
rung abgezeichnet. Das ist
steigenden Krankenkassen-
prämien – die grösste Sorge der
Geben Sie auch Frau Heidi Linie: Die Schweizerinnen und offenbar will ermutigend. Wir sind jetzt klar Schweizer.
Z’graggen die Chance, dass sie Parteipräsident mit Schweizer wollen verstärkt eine man es mir nicht besser aufgestellt für die Wahlen
sich der Bundesversammlung
und der Öffentlichkeit vorstellt.
klassischer Bildung lösungsorientierte Politik. Das ist
das Kerngeschäft der CVP. Die
glauben. als vor vier Jahren. Es ist der 5. Dezember. Sie erzie-
len im ersten Wahlgang 70 Stim-
Gerhard Pfister, 56, ist seit Leute haben genug von der Pola- Der vormalige Appenzeller men. Was machen Sie dann?
In der CVP, der FDP und der 2016 Präsident der CVP. Der risierung; sie merken, dass die Ständerat Carlo Schmid sagte, die Es ist viel verlangt, eine völlig
SVP finden manche, dass Sie als Zuger wurde 2003 in den Schweiz politisch auseinander- CVP habe ihre Funktion, die im hypothetische Ausgangslage zu
Kandidat viel geeigneter wären. Nationalrat gewählt. Er führte zufallen droht. Wir setzen der Bürgerkrieg unterlegenen Katho- kommentieren. Man kann davon
Das ist Teil des Spiels, das nun von 1994 bis 2012 eine Privat- Polarisierung als Einzige etwas lisch-Konservativen mit dem ausgehen, dass ich dann erklären
abläuft. Ich habe immer gesagt, schule in Oberägeri. Pfister entgegen. Wir sind bereit zu liberal geprägten Bundesstaat zu würde, ich sei nicht Kandidat
dass ich eine Kandidatur aus- absolvierte die Matura Typus A vernünftigen Kompromissen. versöhnen, erfüllt. Warum und man solle die offiziellen
schliesse. Erstens bin ich sehr – neben Latein lernte er auch braucht es die CVP noch? Kandidaten wählen.
gerne Präsident der CVP, zwei- Altgriechisch. Pfister studierte Die Wertedebatte, die Sie als Kon- Ich bin mit Carlo Schmid wie
tens wäre es für die Partei ein Germanistik und Philosophie servativer angeregt haben, wird immer einig, würde es aber «Man kann davon ausgehen» ist
Jahr vor den Wahlen nicht gut, und promovierte 1998 an der hingegen still und leise beerdigt. anders formulieren: Die CVP hat nicht besonders hart formuliert.
wenn sie einen neuen Präsiden- Universität Basel zum Dr. phil. Im Gegenteil. Auf Podien eine historische Funktion erfüllt Auch eine härtere Formulierung
ten bekäme. Ich bin nicht uner- werden mir viele Fragen gestellt, und braucht nun eine neue Auf- würden Sie mir nicht glauben.

Kandidatenkür der CVP

Das Gespenst eines späten Manövers geht um


In der FDP hat sich die Ausgangs- den Christlichdemokraten tarier fest, dass die Auswahl an Bundesparlament inzwischen würde nach einer Frau Ausschau
ALESSANDRO DELLA VALLE / KEYSTONE

lage geklärt: Konkurrent von bedauern viele, dass der Luzer- Kandidaten nicht überzeugt. verpönt, den Politiker einer halten, da die Fraktion von
Karin Keller-Sutter wird wohl ner Ständerat Konrad Graber und Sie rufen den Parteipräsidenten anderen Partei in die Regierung einem Mann, Filippo Lombardi,
der Nidwaldner Ständerat Hans der Obwaldner Ständerat Erich Gerhard Pfister dazu auf, für zu wählen, den die Partei gar geführt wird – und im Bundesrat
Wicki. Er dürfte es neben ihr Ettlin nicht kandidieren. Der den Bundesrat zu kandidieren. nicht will. Pfister müsste aufs Gerhard Pfister sässe.
aufs FDP-Ticket für die Bundes- Auswahl, wie sie sich nun prä- Sofort werden Stimmen aus der offizielle Ticket – möglichst mit Macht er mit beim Manöver,
rats-Ersatzwahl schaffen. Regie- sentiert, mangle es an Profil und SVP und der FDP laut, die Pfister Amherd. Sie steht für den sozial- darf es nicht misslingen. Ein
rungsrat Christian Amsler aus an Führungskraft, kritisieren sie. ebenfalls zu einer Kandidatur liberalen Flügel der CVP, wäh- Parteipräsident, der monatelang
Schaffhausen muss sich hin- Einige finden, man müsse ermuntern. Der CVP-Präsident rend Pfister als Konservativer erklärt, er kandidiere nicht
gegen wahrscheinlich mit ein es hinnehmen, dass nach der würde zögern, hat er doch darauf hoffen könnte, mit der für den Bundesrat, dann doch
wenig Publizität begnügen. Wartet noch: Die Walliser CVP- allseits respektierten Doris Leut- unzählige Male beteuert, dass er überwiegenden Unterstützung antritt und nicht gewählt wird,
Bei der CVP ist das Bild weni- Nationalrätin Viola Amherd. hard fortan eine blassere Figur für eine Kandidatur nicht zur aus SVP, FDP sowie der eigenen wäre erledigt. Der Schaden für
ger klar. Die Situation erinnert für die CVP im Bundesrat sitze. Verfügung stehe (s. Interview Partei das Rennen zu machen. Pfister und die CVP wäre gross.
an eine Pralinéschachtel, aus lin und die Baselbieter National- Andere sind hingegen daran, ein oben). Schliesslich würde er sich Gelingt die Operation, müss- Die Risiken sind beträchtlich.
der die besten Stücke bereits rätin Elisabeth Schneider- Manöver auszuhecken. doch opfern, zum Wohle der ten die Christlichdemokraten Bald zeigt sich, ob es genug
entfernt worden sind. Die Urner Schneiter treten an, dazukom- So sieht es aus: Nach dem Partei und des ganzen Landes. sofort einen neuen Parteipräsi- Christlichdemokraten gibt, die
Regierungsrätin Heidi Z’graggen, men dürfte die Walliser Natio- Ende der Meldefrist am 25. Okto- Von einer wilden Kandidatur denten finden; im Oktober 2019 sich davon nicht abschrecken
der Zuger Ständerat Peter Hegg- nalrätin Viola Amherd. Unter ber stellen einige CVP-Parlamen- spricht kaum jemand – es ist im sind nationale Wahlen. Die Partei lassen. Francesco Benini
12 Schweiz NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018

Lösung
für Asyl- BRANKO DE LANG / KEYSTONE

Seelsorger
Die muslimischen Seelsorger
im Bundesasylzentrum
können bleiben. Nach dem
Ausstieg des Bundes trägt
eine Stiftung die Kosten.
Andreas Schmid

Zwei Jahre hat das Staatssekreta­


riat für Migration (SEM) im Bun­
desasylzentrum Juch in Zürich
eine muslimische Seelsorgerin
und einen muslimischen Seelsor­
ger bezahlt. Sie betreuten im Rah­
men eines Pilotprojekts musli­
mische Asylbewerber. Ende letz­
ten Juni beendete der Bund sein
Engagement, obwohl er den wis­
senschaftlich begleiteten Versuch
äusserst positiv beurteilte. Für
eine längerfristige Kostenüber­
nahme fehle dem Bund die ge­
setzliche Grundlage, sagt SEM­
Sprecher Lukas Rieder.
Trotzdem sind die Seelsorger
weiter tätig. Die Stiftung Nicolas Müssen Ausfuhren überhaupt gefördert werden? Containerterminal im Basler Rheinhafen. (17. Dezember 2015)
Puech sprach 40 000 Franken für
eine Zwischenfinanzierung der
beiden Teilpensen – gesamthaft
70 Stellenprozent – bis Ende Jahr.
Dass das Angebot aufrechterhal­
Exportförderung in der Kritik
ten werde, sei dem Kanton Zürich
zu verdanken, sagt Rieder. Deniz
Yüksel von der kantonalen Fach­
Unbehagen in Politik und Wirtschaft über die staatlich unterstützte Institution
stelle für Integrationsfragen hält
fest, die Direktion des Inneren Laurina Waltersperger ten Branchen der Schweiz. Swit­ Die Privaten sollten eigentlich Eigentlich dürfte durch den Staat. Die Anzahl Bera­
und der Justiz habe sich dafür zerland Global Enterprise (S-GE) zum Zug kommen. Denn mit der tungen sage nichts darüber aus,
stark gemacht, die Seelsorger Der Schweizer Exportförderer müsse Branchen­Netzwerke für staatlichen Aufgabe der Aussen­
die Exporthilfe ob und wie diese zum Erfolg einer
weiter zu beschäftigen. Der Kan­ Switzerland Global Enterprise er­ Firmen zugänglich machen und handelsförderung ist S-GE ge­ nur dort tätig sein, exportierenden Firma beitragen,
ton betraute damit eine Träger­
schaft, der auch die Vereinigung
hält vom Bund jährlich über 30
Millionen Franken an direkten
mit den einzelnen Branchen­
experten zusammenarbeiten.
mäss Leistungsauftrag vorwie­
gend für die kostenfreie Erstbera­
wo es keinen Markt sind sich Kritiker einig. «Es liegt
am Bund, genau aufzuzeigen, wie
der islamischen Organisationen oder indirekten Geldern. Damit «Wir vermissen bei S-GE die not­ tung von Firmen zuständig, die dafür gibt. die Leistung von S-GE im Detail
in Zürich angehört. soll die Organisation Schweizer wendige Kooperationskultur.» ins Ausland wollen. Vergangenes aussieht», sagt Franz Grüter, SVP­
Wie es nach Ende 2018 wei­ Firmen bei ihren Exportvorhaben Die Förderorganisation be­ Jahr hat die Organisation etwa Nationalrat und Mitglied der
tergehen soll, klärt der Kanton im Ausland unterstützen. Diese treibt 21 Aussenstellen. Diese 2900 Firmen beraten. Davon rechnungen einzelner Dienstleis­ Finanzkommission. Das Staats­
derzeit ab. «Wir prüfen, wie die Mittel seien teilweise ungerecht­ befinden sich in den Schweizer waren 800 Mandate firmenspezi­ tungen. Man arbeite nicht ge­ sekretariat für Wirtschaft (Seco)
Tätigkeit künftig finanziert und fertigt, finden Unternehmer und Botschaften. Die Exportvertreter fische und kostenpflichtige Bera­ winnorientiert. vergibt den Leistungsauftrag an
sinnvoll in die übrigen Aufgaben Politiker. Ihr Einwand kommt zur sind vom Eidgenössische Depar­ tungen. Bei sechs Prozent davon Switzerland Global Enterprise.
der Trägerschaft eingebunden rechten Zeit: In wenigen Wochen tement für auswärtige Ange­ kostete die Beratung mehr als Ruf nach Transparenz Das Amt müsse transparenter
werden kann», sagt Yüksel. Das berät das Parlament über das legenheiten angestellt. 10 000 Franken. Erst letztes Jahr antwortete Küng über den Leistungsauftrag und
SEM hielt in seiner Bilanz zum neue Subventionsbudget. «Die Organisation macht nicht auf eine Anfrage aus dem Parla­ dessen Beurteilung informieren.
Pilotprojekt fest, die muslimi­ «Ich stelle eine gewisse Schwer­ Warten auf ein Mandat nur Service public. Sie setzt ment, dass die firmenspezifi­ Die Bundesstelle hat im Früh­
schen Seelsorger bewährten sich fälligkeit bei der Organisation Ähnlich klingt es bei Firmen, die Steuergelder für Dienstleistungen schen und kostenpflichtigen jahr 2018 «aus Bedarfsgründen»
als Brückenbauer zwischen den fest», sagt Hans­Ulrich Bigler. Der Beratung oder operative Tätigkei­ ein, die private Anbieter kon­ Mandate «in der Regel an Dritte einen Evaluationsbericht zur
Herkunftsländern der Asylsu­ Direktor des Schweizerischen Ge­ ten wie etwa Rechtsabklärungen kurrenzieren», sagt Daniel Isler, gehen», da S-GE sich als Vermitt­ Tätigkeit von S-GE in Auftrag ge­
chenden und der Schweiz. Trotz werbeverbands ist Vizepräsident für Schweizer Unternehmen im der Geschäftsführer des Export­ lungsplattform sehe. Der Förde­ geben. Die künftige Leistungsver­
diesem positiven Fazit fehlt aus­ der nationalrätlichen Finanzkom­ Ausland anbieten. Einer von dienstleisters Fargate. Damit rer arbeitete 2017 aber nur bei einbarung werde das Prinzip der
ser in Zürich in den Bundesasyl­ mission, die nächstes Jahr über ihnen ist Alex Bickel. Der Zürcher missachte sie das vorgeschrie­ zwei Drittel aller Beratungen mit Wettbewerbsneutralität präzisie­
zentren das Angebot. Einerseits das Budget entscheidet. Eine Aus­ ist in Kalifornien tätig. Seine bene Subsidiaritätsprinzip. Die­ externen Partnern zusammen, ren und erkennbar sicherstellen,
mangelt es am Geld, andererseits dehnung der Subventionen Firma hilft Schweizer KMU, sich ses sieht vor, dass die subventio­ zeigt eine Nachfrage. Geht es um teilt das Seco mit. Bei Switzerland
besteht laut den Verantwort­ komme sicher nicht in Frage – in den USA anzusiedeln. Switzer­ nierte Organisation dort Export­ den Mitteleinsatz der staatlichen Global Enterprise sieht Geschäfts­
lichen bei der Aus­ und Weiter­ über allfällige Kürzungen werde land Global Enterprise sei in ers­ dienstleistungen erbringen darf, Förderorganisation, flossen 2017 führer Küng das Kernproblem in
bildung muslimischer Seelsorger die Kommission im November ter Linie eine vermittelnde Netz­ wo es keinen ausreichenden etwa 15 Prozent der Bundesgelder der mangelnden Kenntnis diver­
noch Handlungsbedarf. diskutieren. Ein Hauptkritikpunkt werkorganisation mit einer Ex­ Markt gibt. in subsidiäre Beratungen. ser Akteure über die Aufgaben
In den Bundesasylzentren sind sei die mangelhafte Zusammen­ pertendatenbank, zu der auch «Zwei Drittel aller kosten­ S-GE verletze das Subsidiari­ und Funktionsweise seiner Orga­
Organisationen der Landes­ arbeit mit den Branchenverbän­ Bickel zählt. «Die Ressourcen­ pflichtigen Beratungen betrugen tätsprinzip, um die quantitativen nisation. Man wolle die Transpa­
kirchen für die seelsorgerische den, sagt Peter Biedermann, der Allokation ist ungenügend», sagt 2017 weniger als 4000 Franken», Vorgaben des Bundes zu erfüllen, renz erhöhen und die Zusammen­
Tätigkeit zuständig. Das SEM hat Präsident des Schweizer Medizin­ er. In zwanzig Jahren in den USA sagt S-GE-Geschäftsführer Daniel sagt Exportberater Isler. Es arbeit verstärken. Ein umfassen­
dafür einen Rahmenvertrag mit technikverbands. Die Medizin­ habe er kein einziges Mandat vom Küng. Bei den Gebühren handle mangle an qualitativen Vorgaben der Massnahmenkatalog werde
ihnen geschlossen. technik ist einer der exportstärks­ Exportförderer bekommen. es sich um kostendeckende Ver­ und an Leistungsbewertungen ausgearbeitet.

Marco Liuzzi Die Initiative


Maler, BE
Christine Herbert
Treuhänderin, BS • schadet dem Ruf der
Schweiz als verlässliche
Vertragspartnerin.

• führt zu Rechtsunsicherheit
und aussenpolitischer
Instabilität.
nein zur sbi.ch

• verspielt die Vorteile


der Exportnation Schweiz.
NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018
Schweiz 13

Zecken beissen immer öfter zu In Kürze


Noch nie haben sich so viele Leute mit einer viralen Hirnhautentzündung angesteckt. Containerschiffe
können nicht fahren
Nun reagiert der Bund und weitet seine Impfempfehlung aus
Auf dem Rhein bei Basel fahren
seit Freitag keine Container-
Daniel Friedli schnell und vielfach unwissent­ schiffe mehr; wegen der Tro-

WESTEND61 / GETTY IMAGES


lich zwischen Risikogebieten hin ckenheit ist der Wasserpegel
So klein die Tierchen sind, so und her. zu tief gesunken, berichtet
gross ist der Schaden, den sie an­ Die Behörden von Bund und Radio SRF. Rund zehn Prozent
richten können. In vielen Schwei­ Kantonen arbeiten daher an einer der Güter werden via Rhein in
zer Wäldern und Wiesen leben neuen Impfempfehlung, wobei die Schweiz importiert. Nun
Zecken, die den Erreger einer zwei Optionen im Vordergrund müssen diese Importe auf der
viralen Hirnhautentzündung in stehen: Entweder man empfiehlt Schiene oder der Strasse erfol-
sich tragen. Und immer mehr die Impfung fortan jeweils für gen. Laut André Auderset,
Schweizer infizieren sich derzeit ganze Kantone, wovon dann Geschäftsführer der Schweizer
mit diesem Virus und erkranken eine stattliche Anzahl betroffen Vereinigung für Schifffahrt
danach an einer sogenannten wäre. Oder man rät grundsätzlich und Hafenwirtschaft, ist die
Frühsommer­Meningoenzephali­ gleich in der ganzen Schweiz Strasse jedoch die teurere
tis, kurz FSME: Allein in diesem dazu, wobei dann die wenigen Variante. Zudem gebe es dort
Jahr wurden bis jetzt 344 Fälle ge­ sicheren Gebiete wie etwa das wenig Kapazitäten. (sda)
meldet, 30 Prozent mehr als im Tessin oder Genf wieder ausge­
ganzen Jahr 2017 und so viele wie nommen würden. Keller-Sutter
noch nie seit Beginn der Auf­
zeichnungen. Krankenkasse bezahlt offiziell nominiert
Dieser Höchststand ist insofern Parallel dazu wird, wenn auch Über 300 Freisinnige haben
beunruhigend, als eine solche weniger dringlich, die Alters­ Ständerätin Karin Keller-Sutter
Ansteckung durchaus ernste Fol­ limite nochmals angeschaut. in Wil im Kanton St.Gallen offi-
gen haben kann. Gut 80 Prozent Kommissionspräsident Berger ziell als Bundesratskandidatin
der gemeldeten Personen müssen etwa plädiert dafür, dass ver­ nominiert. Sie machten klar,
vorübergehend hospitalisiert mehrt auch Kinder im Vorschul­ dass es wieder eine Ostschwei-
werden; die Symptome reichen alter zum Beispiel für ihre Wald­ zer Vertretung in der Landes-
dabei von Fieber über heftige spaziergänge oder Kindergeburts­ regierung brauche. Neben den
Kopf­ und Gliederschmerzen bis tage im Freien geimpft werden Delegierten der St.Galler Kan-
hin zu Bewusstseinstrübungen sollten. Unverändert bleibt dem­ tonalpartei nahmen auch die
und Lähmungen. In seltenen Fäl­ gegenüber, dass der Impfschutz FDP-Präsidenten aus den Kan-
len verläuft die Entzündung sogar von der Krankenkasse bezahlt tonen Thurgau und Appenzell-
tödlich; zuletzt starb im Juni ein wird. Für einen vollen Impf­ Ausserrhoden sowie Regie-
73­jähriger Jäger aus Gränichen Soll auch wegen Zecken künftig häufiger vorkommen: Eine Frau lässt sich impfen. schutz sind drei Injektionen nö­ rungs- und Nationalräte aus
im Kanton Aargau nach einem tig, von denen jede rund 50 Fran­ allen drei Kantonen teil. (sda)
Zeckenbiss. ken kostet. Alle zehn Jahre ist
empfehlungen im Bundesamt für Empfehlung für Erwachsene und eine Auffrischung nötig. Frau schiesst vor
DPA / KEYSTONE

Impfrate zu tief Gesundheit, sagt. Kinder ab 6 Jahren, die sich regel­ Bis im Winter will das Bundes­
Das müsste nicht sein, denn Darum reagieren die Behörden mässig oder zeitweise in einem amt für Gesundheit die neuen
ihrem Haus um sich
gegen die Infektion gibt es eine nun auf die in ihren Augen «be­ Gebiet aufhalten, in dem Zecken Empfehlungen vorlegen, so dass In Amlikon im Kanton Thurgau
wirksame Impfung. Allein: «Die sorgniserregende» Situation. Sie mit dem FSME-Virus vorkom­ diese noch kommuniziert werden hat eine Frau am Freitagabend
Impfrate ist zu tief, zu wenige wollen die Impfempfehlung aus­ men. Diese Gebiete wiederum können, bevor im Frühling die Schüsse abgegeben und sich
Menschen sind vor einer An­ weiten und so deutlich mehr werden auf einer Risikokarte dar­ nächste Zeckensaison startet. danach in ihrem Haus ver-
steckung geschützt», wie Mark Schweizern zu einer Schutz­ gestellt, gegenwärtig fallen dar­ «Wir wollen verhindern, dass wir schanzt. Nach mehreren Stun-
Witschi, Leiter der Sektion Impf­ impfung raten. Heute gilt diese unter zum Beispiel weite Teile der nächstes Jahr wieder so viele Fälle den stellte sie sich der Polizei.
Ostschweiz, der Kantone Zürich von FSME-Ansteckungen haben», Was zur Tat führte, ist unklar;
und Aargau oder die Region um sagt Sektionsleiter Mark Witschi. die Frau leidet laut Polizei-
Achtung, Zecken den Thunersee (siehe Karte). Heimtückische Virenträger: Dass sich die Zahl der Anste­ angaben an psychischen Pro-
Doch dieses System hat sich Eine Zecke krabbelt über den ckungen just dieses Jahr so stark blemen. Sie wurde zu einem
Für diese Gebiete empfiehlt der Bund derzeit eine Schutzimpfung. in der Praxis nicht bewährt, wie Arm eines Kindes. erhöht hat, führen die Experten Arzt gebracht. Verletzt wurde
Bald werden es mehr sein auch andere Experten bemän­ übrigens auf zwei Faktoren zu­ niemand. (sda)
geln. «Es ist nicht mehr sinnvoll, rück: Zum einen haben der milde
Schaffhausen
die Impfung für einzelne Ge­ Winter und der feuchtwarme Zwei Verletzte bei
meindegebiete zu empfehlen, für Frühling die Verbreitung der
Baden Frauenfeld
andere desselben Kantons oder kleinen Tierchen gefördert. Zum
Brand in Gefängnis
St. Gallen
Zürich für Nachbargemeinden aus ande­ anderen hat der lange und schöne Im Untersuchungsgefängnis
Solothurn Zofingen
Zug
ren Kantonen aber nicht. Das Sommer die Menschen wohl häu­ beim Basler Hauptbahnhof ist
Luzern
schafft nur Verwirrung», sagt figer ins Freie gelockt. Allerdings in einer Zelle am Freitagabend
Murten Rudolf Hauri, Zuger Kantonsarzt zeigt der Trend der Erkrankungen ein Brand ausgebrochen. Die
Altdorf Chur und Präsident des Verbands der ganz generell nach oben. Noch Häftlinge mussten in einen
Yverdon Thun Kantonsärzte. Und auch der Prä­ vor zehn Jahren infizierten sich Innenhof gebracht werden;
Vallorbe
Frutigen sident der Eidgenössischen Impf­ nur 1,6 von 100 000 Menschen zwei Insassen wurden mit Ver-
kommission, der Zürcher Infek­ mit dem FSME-Virus. Mittler­ dacht auf Rauchgasvergiftung
Siders
tiologe Christoph Berger, erachtet weile liegt diese Quote nun schon in eine Notfallstation eingewie-
die derzeitige Impfempfehlung bei 5,1. Auch darum sagt Mark sen. Die Feuerwehr konnte die
als zu kleinkariert und daher we­ Witschi: «Wir müssen die Men­ Flammen rasch löschen. Die
nig praktikabel. Nur schon wer schen besser für die Gefahr sen­ Brandursache ist unklar und
etwa gerne jogge oder eine Velo­ sibilisieren und wollen die Impf­ soll nun ermittelt werden. (sda)
tour unternehme, bewege sich rate deutlich steigern.»

Für die Matur ins Ausland


Ausländische Abschlüsse amts, weiss von zwei Privatschu­ Abitur oder das französische Bac­ Schweiz. Aufgenommen werden öffentlichen Konstanzer Gymna­
TODAY.IT

sind im Trend: Tessiner reisen len, die auf diese Weise operie­ calauréat werden hierzulande in nur Schüler, die in unmittelbarer sien werden Kinder aufgenom­
ren. Rund 50 Schüler machten der Regel akzeptiert, wenn auch Nähe wohnen, meist in Kreuzlin­ men, die die Hürde in der Schweiz
für die Matur nach Neapel.
jährlich so die Reifeprüfung. mit Einschränkungen und Auf­ gen. Und die meisten hätten min­ nicht geschafft haben.
Zürcher wollen ihre Kinder «Natürlich finden wir das nicht lagen. So hat an der USI jeder destens einen deutschen Eltern­ Oft sind es in der Schweiz Zu­
nach Konstanz schicken. gut», sagt er. Doch der Staat habe vierte Student aus der Schweiz teil. Den Zürcher Eltern sagt Kaz gewanderte mit guter Bildung,
René Donzé keine Aufsichtsmöglichkeit über statt der Matura ein ausländi­ ab – selbst wenn diese sogar be­ die für ihre Kinder den Weg übers
nicht anerkannte Privatschulen. sches Reifezeugnis. An der Uni­ reit wären, pro forma Wohnsitz Ausland wählen. Sie weichen aus,
Der Fall sorgt im Tessin für Auf­ Die Tessiner Universität USI versität Genf liegt der Anteil in Grenznähe zu nehmen. weil die Gymnasialquote in der
sehen: Eine private Schule in kennt die Vorwürfe gegen das tiefer, ist aber innert zehn Jahren Eine Zunahme gibt es in priva­ Schweiz viel tiefer liegt als in um­
Lugano lässt ihre Schüler in Institut in Neapel ebenfalls. Doch von 3 auf 5 Prozent gestiegen. ten Institutionen. So hat sich die liegenden Ländern. Das ist zwar
Neapel die italienische Maturità man könne den Absolventen die­ Die Universität Basel verzeichnet Zahl der Schweizer Schüler im umständlich und meist teuer,
absolvieren. Die Prüfung dauert ser Schule die Aufnahme nicht pro Jahr rund 30 Eintritte von Internat des Kollegs St.Blasien im aber tendenziell einfacher. Beim
einen Tag, kostet 7500 Franken. verweigern, solange das Diplom Schweizern mit ausländischer Schwarzwald innert sechs Jahren Abitur etwa gibt es nur fünf
Ticinonline berichtete, dass den in Italien anerkannt sei, sagt ein Matur. Die Universität Zürich auf gut 50 verdoppelt und macht Noten, bei der Matura sind es
Schülern bei den Tests geholfen Sprecher. Man sei an internatio­ führt keine Statistik dazu. inzwischen einen Viertel aus. Die mindestens 13. Und die Prüfun­
werde und dass sie praktisch alle nale Konventionen gebunden, Eine steigende Nachfrage aus Schule wirbt auf der Website gen sind eher leichter, wie Franz
bestehen. Zwar habe der italie­ welche die gegenseitige Anerken­ der Schweiz verzeichnen unter explizit mit dem Abitur als aner­ Eberle, Professor für Gymnasial­
nische Staat inzwischen bei der nung von Abschlüssen regelten. anderem grenznahe private und Auch für Schweizer eine kannte Alternative zur Maturität. pädagogik an der Universität
Schule in Neapel interveniert und Der Tessiner Fall ist ein extre­ öffentliche Gymnasien. «Ich stel­ Alternative: Schülerinnen absol- «Das Kolleg ist auch ein alternati­ Zürich, sagt. «In Deutschland,
Sanktionen verhängt, doch sei mes Beispiel dafür, was gewisse le eine Zunahme von Interessen­ vieren die Maturità in Italien. ver Weg für Schüler, die die Auf­ Italien und Frankreich ist es in
der Fall noch hängig. Eltern unternehmen, damit ihre ten aus dem Grossraum Zürich nahme ans Gymnasium nicht ge­ der Regel einfacher, zu einem
Auch die Tessiner Politik be­ Kinder zu einem Reifezeugnis fest», sagt Jürgen Kaz, Geschäfts­ schafft haben. Allerdings ist dies Abschluss zu kommen, als in der
schäftigte sich aufgrund eines gelangen, das ihnen den Weg an führender Schulleiter der öffent­ nicht die Mehrheit», sagt Direktor Schweiz.» Doch so weit muss man
Vorstosses im Kantonsparlament eine Schweizer Universität öffnet. lichen Gymnasien in Konstanz. Klaus Mertes. Viele wählten die nicht gehen: Es gibt auch Schwei­
mit dem Fall. Daniele Sartori, Denn sowohl die italienische Etwa jedes zehnte Abiturzeugnis Jesuitenschule aus weltanschau­ zer Privatschulen, die ausländi­
Chef des Tessiner Mittelschul­ Maturità als auch das deutsche geht dort an ein Kind in der lichen Gründen. Auch an den sche Reifezeugnisse anbieten.
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NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018
15

Ode an die Pubertät Revolution von links


Die Adoleszenz wird zu Unrecht Eine junge Generation
verteufelt. Für Eltern ist es in von Sozialdemokraten will
Wahrheit die schönste Zeit 18 die Macht in der SP 20

Das Auge des Gesetzes ist keine


Handykamera

B
ei einem Streit zwischen zwei zwar ohne dass darüber eine Debatte statt- damit das Datenschutzgesetz verletzen. Sie
Autofahrern hat das Zürcher gefunden hätte. Das funktioniert nur, weil filmen im öffentlichen Raum ohne einen
Obergericht erstmals Bilder aus der Staat weder die neuen Kameras selbst Anlass, ohne das Wissen der Gefilmten. Auch
einer sogenannten Dashcam als montiert noch einen Überwachungsauftrag das Obergericht hielt fest, die Jeep-Fahrerin
Beweismittel zugelassen. Diese erteilt hat. Es sind die Bürger, die sich frei- sei rechtswidrig aufgenommen worden.
kleinen, an der Innenseite der willig gegenseitig ausspähen und anzeigen. Vielleicht Man befand jedoch, das Delikt wiege schwer
Frontscheibe installierten Kameras nehmen Hier liegt die Gefahr des Urteils von lohnt es sich, genug, um über die Verletzung der Persön-
das Geschehen vor dem Auto fortlaufend Bülach. Lässt man Dashcams zu, stellt sich die Bilder lichkeitsrechte hinwegzusehen. Eine bemer-
auf. Auf dem Videofilm vom März 2017 ist zu bald die Frage, warum sich Hobbyermittler kenswerte Gewichtung angesichts der
der letzten
Wenn Gerichte private Videos sehen, wie ein schwarzer Jeep auf der Auto- auf die Strasse beschränken sollten. Wer von
Mountainbike-
Tatsache, dass weder jemand verletzt wurde,
bahn bei Bülach (ZH) rechts überholt und seinem Küchenfenster aus einen guten Blick noch Sachschaden entstanden ist.
als Beweis zulassen, fördern sie danach brüsk die Spur wechselt. Der über- auf den Dorfplatz hat, kann eine Kamera Tour nochmals Natürlich sind all die Handyfotos, all die
das Denunziantentum. Die holte Automobilist erstattete Anzeige, als installieren und diese ständig laufen lassen. durchzusehen. Drohnen-Videos verlockend. Dieser Schatz
Beweis legte er die Bilder seiner Dashcam Oder man setzt sich auf eine Parkbank und Darauf könnte könnte genutzt werden, um die Welt besser
Überwachung des öffentlichen vor. Daraufhin wurde die Jeep-Fahrerin schaltet die Handykamera ein. Mit Glück zu machen. Trotzdem ist es richtig, dem zu
wegen grober Verkehrsregelverletzungen läuft einem ein Delinquent vor die Linse. ein Wanderer widerstehen. Gerade im Wissen, dass die
Raums nimmt zu – nicht durch gebüsst. Diese heikle Entscheidung ist nun Vielleicht lohnt es sich auch, die GoPro- erkennbar technische Entwicklung immer weitergeht,
den Staat, sondern durch vom Obergericht gestützt worden, wie der Videos von der letzten Mountainbike-Tour sein, der ein sollten wir nicht alles zulassen, was möglich
selbsternannte Hilfspolizisten, «Tages-Anzeiger» am Mittwoch berichtete. nochmals durchzusehen. Im Hintergrund geschütztes ist. Irgendwann lässt sich jeder Ort der Erde
Das Gericht habe festgehalten, mit dem könnte ein Wanderer erkennbar sein, der rund um die Uhr überwachen. Darum
schreibt Daniel Meier Urteil solle «kein Anreiz für Selbstjustiz und gerade ein geschütztes Edelweiss pflückt.
Edelweiss müssen wir die Grenze vorher festlegen.
Denunziantentum» geschaffen werden. Selbstverständlich darf jedes Handy dazu pflückt. Zum Beispiel bei der Gesichtserkennung?
Genau das wird geschehen. Ohne die Tat genutzt werden, eine Straftat zu dokumen- Niemand käme heute auf die Idee, dem Staat
der Frau verharmlosen zu wollen: Hier wird tieren. Wer einen Einbrecher oder Mörder zu erlauben, diese Technologie einzusetzen.
ein völlig falsches Signal gesetzt. Sollte diese sieht, soll ihn fotografieren oder filmen. Wir leben nicht in China, wo inzwischen Pas-
Linie durch das Bundesgericht, das den Fall Entscheidend ist, dass man zuerst etwas santen, die bei Rot über die Strasse gehen,
jetzt beurteilen muss, bestätigt werden, wäre Verdächtiges beobachtet und erst dann die mittels vollautomatischer Video-Identifizie-
dies indirekt ein Aufruf an all jene, die immer Kamera einschaltet. Das klingt nach juristi- rung überführt werden. Allerdings könnten
Hilfspolizist sein wollten. Fortan sollen sie scher Spitzfindigkeit, doch genau hier zeigt in Zukunft auch hier Hilfspolizisten einsprin-
fotografieren und filmen, sooft es geht. sich der Unterschied zwischen einem Augen- gen, dann nämlich, wenn eine Firma, sagen
In jeder Sekunde wird irgendwo etwas zeugen und einem Überwacher. wir Google, einen kostenlosen Dienst zur
Verbotenes getan. Die meisten Verstösse Daran muss sich selbst die Polizei halten: Online-Gesichtserkennung starten sollte.
bleiben ungeahndet, weil niemand sie sieht. Im Streifenwagen darf die Kamera zur Fortan könnte man kiffende Jugendliche im
Das müssen wir akzeptieren. Wenig verstört Beweissicherung nur aktiviert werden, Park fotografieren, ihre Gesichter mit Face-
so sehr wie der Gedanke an einen Staat, dem wenn sich ein Automobilist auffällig verhält. book-Profilen oder Ähnlichem abgleichen
nichts entgeht. Letztlich gilt es, genügend Und auch die Jeep-Fahrerin in Bülach hätte und bei jedem Treffer Anzeige erstatten. Ein
Polizisten oder auch Kameras auf öffent- gesetzeskonform überführt werden können, düsteres Szenario, aber im Internet finden
lichen Plätzen einzusetzen, damit die Bürger sofern der überholte Fahrer das verbotene sich Dienste, die nicht weit davon entfernt
sich sicher fühlen. Wo das richtige Mass liegt, Manöver frühzeitig erkannt und seine Bord- sind. Danach müsste wieder ein Gericht ent-
muss die Gesellschaft stets neu aushandeln. kamera erst danach eingeschaltet hätte. So scheiden: als Beweis zulassen oder nicht?
Falls nun aber durch Private gesammeltes war es aber nicht, sie lief von Anfang an. Im Strassenverkehr benötigt man übrigens
Material als Beweis gültig sein soll, sieht das Dashcams werden geduldet, obwohl die keine Gesichtserkennung. Die Autonummer
Auge des Gesetzes plötzlich viel mehr. Und meisten permanent eingeschaltet sind und genügt. Die Jeep-Fahrerin weiss das.

Alle lieben
B
ittet man Armin Capaul um ein zu ihm sprach: «Armin, mach was für die «Im Nationalrat kursiert schon die Vorfreude
Interview, stellt er zuerst eine Kühe.» Und Armin stieg vom Berg hinab, um auf eine Weltsensation.»
Gegenfrage: «Und Angelika, ist in Bern für die Kühe aufzustehen. Da kann Bundesrat Schneider-Ammann

Armin die nicht da?» Das ist eine Kolle-


gin von der NZZ-Tagesausgabe,
die über seine Hornkuh-Initia- Capaul will den
Der hollywoodreife Plot ist bereits in
einem Dokumentarfilm des Kultursenders
Arte und in zwei Büchern verewigt. Eines
noch lange sagen, das Ausbrennen der Horn-
ansätze würde den Kälbern nicht weh tun.
Alle lieben Armin. Und Armin weiss auch
tive geschrieben hat. Zuletzt ziemlich kri- Schweizern davon, «Kuhhorn», liegt vor ihm auf dem warum. «Die Initiative ist eine Herzensange-
tisch. «Weisch», sagt Capaul, der alle duzt, eine Landwirt- Tisch. «Den ersten Satz kannst du gleich legenheit», sagt er. Sie berühre die Men-
Armin Capaul, Bergbauer, «wenn Angelika noch mal so einen Seich
schaft zurück- aufschreiben» sagt Armin, der seine schen. Er sei nur die Stimme der Kühe, der
schreibt, rede ich nicht mehr mit ihr.» Geschichte vom Bündner Bergbauernsohn Wurzelsepp, der Alpöhi, versichert Armin.
wurde für seine Hornkuh- Es gibt nicht viele Bergbauern, die Journa- geben, die sie zum National-Rebellen gerne mitchoreogra- «Wenn man nichts ist, kann man alles sein.»
Initiative lange belächelt. Jetzt listen quasi als Teil ihrer Herde sehen. Armin bloss noch aus fiert und vorschlägt, über die Hopi-Indianer Alles ist auch der Archetyp des Berglers,
Capaul hingegen hat auf seinem Hof im der Werbung zu schreiben, die seine naturverbundene der in diesem Heidiland für das Gute steht.
ist er auf dem besten Weg, zum Berner Jura eine Initiative erfunden, die weit kennen. Lebensphilosophie ebenso inspirierten wie Damit verkörpert Armin auch eine mythisch
über die Landesgrenzen hinaus bewegt. seine Lieder auf der CD «High-Two». Und überhöhte Folklore, mit der heute alles
Nationalhelden zu werden. Unzählige Medienleute sind schon zu ihm eben, diesen Satz aus «Kuhhorn», der lautet: Mögliche verkauft wird. Sicher will er den
Von Carole Koch hochgerumpelt, vom Dorf Perrefitte durch Schweizern ein bisschen von der Landwirt-
den Wald, auf fast 1000 Meter. Und Armin schaft zurückgeben, die sie bloss noch aus
selbst, der sogenannte Hornkuh-Rebell, ist der Werbung kennen. Dafür investiert Armin
auf dem besten Weg, vom belächelten Spin- sogar 55 000 Franken aus eigener Tasche
ner zum Nationalhelden zu werden. und riskiert damit einen Krach mit seiner
Dabei will er bloss, dass Kühe wieder Frau Claudia, die nun mit am Tisch sitzt.
Hörner tragen und «ihre Würde zurückbe- «Wenn Armin nichts zu kämpfen hat, ist er
kommen», wie Armin es auf seiner Terrasse unerträglich», seufzt sie, während er ein
formuliert, wo einem Katzen um die Beine Unschuldsgesicht macht. «So ein Spektakel
streichen. Auf der Weide grasen Kühe mit war nie meine Absicht», sagt er. «Ich habe
bimmelnden Glocken. Es ist die Musik einer zuerst einen Brief geschrieben und gedacht,
heilen Welt, die tief in der Seele des Landes das muss denen in Bern doch einleuchten.»
nachklingt und Sätze wie diese weh tun Eine Initiative und rund 4000 Presseartikel
lässt: «Kühe geben uns Nahrung. Und wir?», später hat er als PR-Profi in eigener Sache
fragt Armin und antwortet gleich selbst: «Wir eine Bestimmung gefunden. «Man muss den
verstümmeln sie. Das ist doch jenseits!» Medien immer etwas zu fressen geben», sagt
Stimmt, finden 58 Prozent der Stimm- er unter dem Dach seines Hauses, wo die
berechtigten, die gemäss der neusten Wände mit Sprüchen wie «Der Weg zur
Umfrage am 25. November für die Hornkuh- Quelle führt gegen den Strom» oder Visiten-
Initiative stimmen, für Subventionen für karten von Journalisten tapeziert sind. Ihnen
horntragende Tiere und – für Armin, 67, gebe er gerne «Gratis-Tipps». Dass «10 vor
Bart, Zipfelmütze, einen, der genau weiss, 10» kürzlich über eine Studie berichtete, die
wie er Leute erreicht. Bei «Aeschbacher» hat ein Schmerzempfinden der Kälber nach dem
er anhand eines echten Kuhschädels erklärt, Enthornen bestätigt, bezeichnet Armin als
dass so ein Horn durchblutet sei und zum «Tüpfli auf dem i». Schwer zu glauben, aber
Kommunizieren gebraucht werde. Auch der eine Werbekarriere wie etwa die Muotathaler
«Spiegel» oder die «FAZ» folgten ihm in den Wetterschmöcker will er nicht einschlagen.
BRUNO MUFF

Kuhstall, wo der Alt-Hippie zu Jimi Hendrix «Mit der Abstimmung habe ich meine Auf-
tanzt oder erzählt, wie die Leitkuh Marianne gabe erfüllt», sagt Armin.
16 Meinungen NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018

Gastkolumne Medienkritik

Entscheiden Sie

ILLUSTRATION: GABI KOPP


Lies mir
etwas vor,
selbst, wer in alte Tante
einem Kinofilm
mitspielen soll
Ronnie Grob

L
esen ist furchtbar anstrengend.
Künstliche Intelligenz hat ein Vor allem heutige Teenager, von
denen einige die Aufmerksam-

riesiges Potenzial in der Kunst und keitsspanne von Dorie aus «Findet
Nemo» haben, leiden an langen Texten;

Kultur. Höchste Zeit, dass wir in also an solchen, die über fünf Sätze hin-
ausgehen. Wie schön dagegen ist es doch,
wenn einem etwas vorgelesen wird! Die
diesen Bereich investieren «alte Tante von der Falkenstrasse» – so
wird das Haus NZZ informell genannt –
nimmt dieses Bedürfnis ernst und bietet
ments in einer Aufnahme ermöglicht, damit genz nutzt, um einen bereits verstorbenen ihre Texte nicht mehr nur zum Lesen,
man das Stück dann mit seinem eigenen Schauspieler in einem Film «mitspielen» zu sondern auch zum Hören an.
Instrument begleiten kann. lassen. Die Idee, dass Zuschauer einen Film Hat man die (gut versteckte) Funktion
Weiter sind die Bemühungen zur Erhal- mit ihren Lieblingsschauspielern ausstatten gefunden und aktiviert, kann man sich
tung grosser archäologischer Stätten bei- können, selbst wenn diese nicht mehr leben, jeden neuen Artikel von einer synthetisch
spielhaft dafür, welchen Einfluss die Techno- Unser Land hat ist nicht mehr unrealistisch! erzeugten Stimme vorlesen lassen. Noch
logie im kulturellen Bereich hat. Das franzö- herausragende Diese Beispiele zeigen den wichtigen Bei- ist die Funktion in der Testphase, und es
Patrick Aebischer sische Startup Iconem hat in Zusammen- Schulen für trag der Technik, insbesondere der künst- stört vor allem der nicht restlos ange-
arbeit mit dem Videospiel-Entwickler lichen Intelligenz zur Kunst und Kultur. nehme Klang der Stimme. Unterhaltsam
Kunst und

U
Ubisoft und der Universität Lausanne die Allerdings müsste man den Humanwissen- sind dagegen die Aussprachefehler bei
nlängst war ich mit meinen zwei Ergebnisse der detaillierten Kartierung der Design. Deren schaften in den Lehrplänen der Technischen Namen, die nicht im Wörterbuch zu
Enkelinnen im Zirkus Knie, wo berühmten archäologischen Stätte Palmyra Abgänger sind Hochschulen auch mehr Platz einzuräumen. finden sind. Bundesratskandidat Hans
die traditionelle Elefantennummer in Syrien präsentiert. Sie wurden mithilfe perfekt ausge- Denn die grosse Herausforderung des Wicki wird zu «Hans Witzki», Journalist
durch ein zauberhaftes, an die von Drohnen ein paar Tage nach dem Abzug bildet für eine 21. Jahrhunderts besteht darin, Inhalte für Marcel Gyr zu «Marcel Gür» und das «Tau-
Dressur der Dickhäuter erinnerndes Droh- des IS durchgeführt. Diese Kartierung die Technologie zu entwickeln. sendseelendorf Trüllikon» zum «Tau-
nenspektakel ersetzt worden ist. In der ermöglicht nicht nur die Ausmasse der Schä- Zusammen- Genauso wichtig ist es, die Humanwissen- sends-Elend-Dorf Trüllikon».
Woche darauf besuchte ich die zweite Aus- den einzuschätzen, sondern auch die Stätte arbeit mit den schaften auf der Oberstufe gegenüber den Die Killerfunktion für Leute mit wenig
gabe des ArtTech-Forums an der Hochschule virtuell zu rekonstruieren. Die Ubisoft-Soft- Ingenieuren Naturwissenschaften, Ingenieurwissen- Zeit, die rasch viele Informationen auf-
für Kunst und Design HEAD in Genf. Das ware für virtuelle Realität schafft ein der Schweizer schaften, der Technik und Mathematik nicht nehmen wollen, ist eingebaut: Man
Forum war der Erforschung der neuen immersives Erlebnis. zu benachteiligen. Denn all diese unter- kann sich den Text nämlich in doppelter
Schnittstellen zwischen Kunst, Kultur und Diese Errungenschaften zeigen, wie wich-
Hochschulen. schiedlichen Disziplinen müssen sich gegen- Geschwindigkeit vorlesen lassen. Was
der Technik gewidmet. Ganz besonders tig es wäre, die Daten aller grossen kulturel- seitig nähren können. definitiv noch fehlt, ist die Möglichkeit,
beeindruckte mich das Referat über das len Stätten zu sammeln, im Wissen darum, Es ist unerlässlich, dass die Schweiz eine Playlist verschiedener Artikel zusam-
Potenzial der Robotik und der künstlichen dass sie nicht nur durch den natürlichen dafür sorgt, dass sich die Beschleuniger für menzustellen, um sie sich nacheinander
Intelligenz für «Live-Events» von ETHZ-Pro- Zerfall bedroht sind, sondern auch durch den die Kultur- und Kreativwirtschaft entfalten vorlesen zu lassen. Steht man nämlich
fessor Raffaello D’Andrea, dem Gründer von menschlichen Wahnsinn. können. Unser Land verfügt mit der HEAD, erst am Bügelbrett oder an der Spüle, will
Verity Studios. Das Zürcher Startup hat eben Die Digitalisierung ermöglicht auch die der ECAL oder der SKDZ über herausragende man nicht nach jedem abgespielten Arti-
dieses Drohnenspektakel bei Zirkus Knie Erhaltung anderer Formen unseres immate- Schulen für Kunst und Design. Deren Ab- kel einen neuen suchen.
auf die Beine gestellt hat! Wie klein die Welt riellen Kulturerbes. Der Archivbestand des gänger sind perfekt ausgebildet für eine In einigen Jahren wird die Umwand-
doch ist! Montreux Jazz Festival, der mit Unterstüt- Zusammenarbeit mit den Ingenieuren der lung von Text zu Audio und von Audio zu
Dieses Beispiel zeigt auf, wie viel Potenzial zung der ETH Lausanne digitalisiert worden Schweizer Hochschulen. Das würde eine Text alltäglich sein, inklusive der Über-
die Technologie und insbesondere die künst- war, ist einzigartig für die Erforschung der Entwicklung dieses neuen Wirtschafts- setzung aus einer oder in eine Fremdspra-
liche Intelligenz im Bereich der Kunst und Ton- und Bilderkennung. Dank Nina, einem sektors ermöglichen. Es bleibt also nur noch che. Die Zeitung wird so zum Radio und
Kultur hat. Die Präsentation diverser Start- Smart-Auto mit einem Panorama-Bild- die Förderung neuer Investitionsfonds für das Radio zur Zeitung. Weitere Fusionen
ups stellte unter Beweis, dass die künstliche schirm, kann man das Festival nochmals den ArtTech-Bereich. Denn der wirtschaft- und Verschränkungen von Mediengattun-
Intelligenz auch in der Musik genutzt wird. erleben und gleichzeitig erahnen, wie Unter- liche Erfolg von Spotify beweist, dass die gen werden folgen. Die alte Tante sollte
So beim Startup Muzeek, das mithilfe von haltung in den selbstfahrenden Autos von Kultur- und Kreativwirtschaft eine schöne sich schon jetzt darauf vorbereiten.
künstlicher Intelligenz Musik für Videos morgen eingesetzt werden könnte. Zukunft vor sich hat.
komponiert. Oder bei NoMadMusic, einem Ein weiteres packendes Beispiel liefert das Ronnie Grob ist Redaktor beim «Schweizer
weiteren Startup, dessen Technologie die Zürcher Disney Lab, das die Bildverarbei- Patrick Aebischer war Präsident der ETH in Monat». (ronniegrob@gmail.com)
Löschung eines bestimmten Musikinstru- tungstechnologie und die künstliche Intelli- Lausanne. Übersetzung: Cristina Jensen.

51 Prozent

Wer ist das grössere Opfer?


Im Gegenteil: Wie viele andere Frauen, die es Mann» Alarm geschlagen, der jederzeit vulgären Nachrichten von ihm stammten.
wagen, öffentlich eine Meinung zu äussern, denunziert werden könne. Und das Argu- Ian Burumas musste auf Druck als Chef-
habe ich mich längst daran gewöhnt, immer ment, dass man sich nicht mehr getraue, redaktor der «New York Review of Books»
mal wieder auf meine Tauglichkeit bezie- allein mit einer Frau Lift zu fahren, ist zum zurücktreten. Er hat sich nichts zuschulden
hungsweise Untauglichkeit als Sexobjekt Allgemeinplatz geworden, der in jeder Sexis- kommen lassen, ausser dass er einen Erfah-
reduziert zu werden. Es gibt auch genügend mus-Diskussion fällt. Es ist ein veritabler Die Angst rungsbericht eines Moderators veröffentlicht
Studien, die diese individuelle Erfahrung mit Wettbewerb lanciert worden: Wer ist das der Männer, hat, der, zahlreicher Übergriffe bezichtigt,
Nicole Althaus anonymen Vergewaltigungsphantasien sta- grössere Opfer? Die Frau oder der Mann? vor Gericht vom Gericht freigesprochen worden ist.
tistisch belegen. Trotzdem habe ich bisher Dieser Wettbewerb bringt uns allerdings Die Beispiele zeigen: Die Angst der
unschuldig

S
nicht darüber geschrieben, weil ich nicht keinen Schritt weiter. Es braucht in der Männer, vor Gericht unschuldig verurteilt
chlampen wie dich muss man einfach auch noch als «ewiges Opfer» beschimpft ganzen Opferdebatte nämlich keine Sieger, verurteilt zu zu werden, lässt sich nicht erhärten. Die
mal so richtig durchf...!» Der Verfas- werden wollte. Dieser Vorwurf nämlich sondern Fakten. Halten wir also fest: Brett werden, Gefahr jedoch, dass jemand, der keine gefäl-
ser diese Nachricht, die mich nach der kommt ebenfalls regelmässig, wenn Frauen Kavanaugh ist trotz Vorwürfen des sexuellen lässt sich nicht lige Meinung hat, mit anonymen Gewalt-
Leitkolumne über ein Jahr #MeToo über Alltagserfahrungen schreiben. Missbrauchs auf Lebzeiten oberster Richter erhärten. drohungen oder hassgesteuerten Rücktritts-
erreicht hat, schriebt das F-Wort selbstver- Doch nun hat der Opferdiskurs Support Amerikas geworden. Christine Blasey Ford, forderungen zum Schweigen gebracht wird,
ständlich aus. Er bemühte sich weder um von ganz oben bekommen: Donald Trump die gegen Kavanaugh ausgesagt hatte, ist real. Das gilt für Frauen und Männer
Anstand noch um eine gepflegte Sprache, hat anlässlich der Wahl von Brett Kavanaugh braucht für sich und ihre Familie Personen- gleichermassen. Und es ist Aufgabe beider
wie wir das in dieser Zeitung tun. Und es ging an den Obersten Gerichtshof Amerikas schutz, weil sie so viele Gewalt- und Mord- Geschlechter, einen Weg aus der gefährlichen
ihm offensichtlich auch nicht um einen Mei- geklagt, dass junge Männer heute in einer drohungen bekommt. Sigi Maurer, die ehe- Frontenbildung zu finden und unreflektierte
nungsaustausch, sondern lediglich darum, «sehr gefährlichen Zeit» lebten. Sie könnten malige Grünen-Politikerin Österreichs, ist Verallgemeinerungen zu unterlassen. Es gibt
eine Frau auf ihren Platz zu verweisen: «jederzeit von Frauen beschuldigt werden, wegen übler Nachrede verurteilt worden, zwar Trolle, aber diese stellen nur eine kleine
«Frustriert» sei ich, «verfaltet» und sicher auch wenn sie sich stets perfekt verhalten» weil sie obszöne Nachrichten inklusive Minderheit der Männer. Und sexuelle Gewalt
auch «fett». Die anderen Vorschläge, was hätten. Trump bekräftigte damit eine unter- Namen des möglichen Verfassers publik ist für die meisten Frauen eine reale Bedro-
man mit mir anstellen sollte, sind zu unappe- schwellig brodelnde männliche Angst, gemacht hat. Der Richter sagte bei der hung, keine Waffe.
titlich, um sie hier zu zitieren. welche die #MeToo-Debatte von Beginn weg Urteilsbegründung, er sei zwar überzeugt,
Es ist für mich keine neue Erfahrung, begleitet hat. Die «Zeit» hat bereits im ver- dass der Kläger lüge, doch Maurer sei es Nicole Althaus ist Chefredaktorin Magazine
derart beleidigt und angegriffen zu werden. gangenen Frühjahr für den «bedrohten nicht gelungen, zu beweisen, dass sämtliche bei der «NZZ am Sonntag».
NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018
Meinungen 17

Chappatte

Saudiarabien
Erdogan kommt das Verbrechen
an Khashoggi gerade recht
Der Fall Khashoggi kommt nicht aus den Schlagzeilen.
Immer mehr Anzeichen deuten darauf hin, dass Riad
Lügen verbreitet und der Kronprinz Mohammed bin
Salman als Auftraggeber oder zumindest als Mitwisser
hinter dem Verbrechen am Journalisten in der saudi­
schen Botschaft in Istanbul steckt. Das Image von bin
Salman als Reformer ist ruiniert, und die westliche Welt
gerät in Erklärungsnot, weshalb sie so einem skrupel­
losen Machthaber Waffen verkauft. Die Hände reibt sich
derweil der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan.
Er steht nun plötzlich als Saubermann da, der den ruch­
losen Mord am Journalisten aufdecken will. Dessen
Geheimdienst scheint Beweise für die brutale Ermor­
dung Khashoggis zu besitzen. Er lässt häppchenweise
grauenhafte Details der Ermordung veröffentlichen,
ohne die ganze Geschichte ans Licht zu bringen. Erdo­
gan geht es wohl vor allem darum, von den Amerika­
nern und den Saudi Zugeständnisse zu erhalten. Die
Türkei ist verschuldet und steckt in einer schweren
Wirtschaftskrise. Ausserdem mischt Erdogan im Krieg
in Syrien mit. Seine Truppen stehen im Norden ameri­
kanischen gegenüber, die mit den Kurden kooperieren.
Das ist Erdogan ein Dorn im Auge. Der türkische Auto­
krat wird seine Informationen teuer verkaufen wollen. Der externe Standpunkt
Denn um Khashoggi ging es ihm nie. Gordana Mijuk

Strommarkt Der Nutzen von Latein ist viel grösser,


Warum die Schweiz von der
Liberalisierung profitiert als man denkt
Nach jahrelanger Verzögerung möchte der Bund endlich
den Strommarkt vollständig öffnen. Feiern will des­ Der Lateinunterricht verliert an Rückhalt. Das ist schlecht, denn er
wegen niemand. Die SP warnt vor Liberalisierungsaben­
teuern, der Verband der Strombranche hat nicht einmal
schult nicht nur das logische Denken, sondern lindert auch Trennungs-
eine einhellige Meinung, und vielen Konsumenten schmerz und steigert die Sozialkompetenz, meint Esther Girsberger
scheint das Ganze egal zu sein. Dabei wird uns die Libe­

D
ralisierung viel bringen. Sie bricht die Monopole der 630
amit man mich nicht der blinden verstanden. Vieles in dem Text ging auf das sogar sehr zu schätzen. Zum ersten Mal ver­
Verteilnetzbetreiber auf. Zu Anfang werden die Kunden Voreingenommenheit bezichtigen Lateinische zurück. Und da die lateinische standen sie nämlich den Aufbau einer Spra­
zwar kaum wechseln. Doch wenn die ersten günstigeren kann: Ich war im Fach Latein Grammatik sehr regelgeleitet ist, ist der che und konnten diese auch analysieren. Sie
Anbieter kommen oder wenn der lokale Versorger die nie besonders gut. Ich wurde von Einfluss auf formales und logisches Denken folgen nicht nur dem Lateinunterricht mit
meinem Lateinlehrer zwar immer sehr naheliegend und auch feststellbar. Dieses Interesse, sondern auch jenem in Französisch.
Preise erhöhen will, wird es losgehen. Im liberalisierten gelobt, weil meine Übersetzungen kreativ, logische Denken wirkt sich positiv auf Wenn das Lateinobligatorium trotzdem
australischen Markt kaufen heute bis zu 90 Prozent stringent und amüsant waren. Nur ent­ andere komplexe Inhalte aus. Auch oder immer mehr an Rückhalt verliert, so hat dies
der Kunden den Strom nicht mehr beim ursprünglichen sprachen sie nicht dem Inhalt des zu über­ gerade im mathematisch­naturwissenschaft­ nicht zuletzt mit einem utilitaristischen
setzenden Textes. lichen Bereich. Denken zu tun. Es ist richtig, Latein braucht
Versorger. In Europas Strommärkten gilt zudem: Je Meine Überzeugung, dass das Latein in Grundsätzlich hilft das Latein beim Er­ es nicht für eine berufliche Karriere – genau­
liberalisierter, desto grüner. Staaten, welche die Markt­ den Langzeitgymnasien beibehalten werden lernen von Fremdsprachen. Unsere Söhne – so wenig wie Sport oder Musik. Kein Perso­
öffnung vorantreiben, haben einen höheren Anteil an sollte, geht darum auch nicht auf das Lob sie sind diesbezüglich wahrscheinlich keine nalverantwortlicher wird bei einer Stellen­
meines Lateinlehrers zurück, sondern auf Ausnahme – waren beim Übertritt in die bewerbung besonders darauf achten, ob die
ökologisch produziertem Strom als Staaten, die zögern.
seine Person und seine Lehrmethode. Klaus Oberstufe alles andere als Fans der französi­ Kandidatin sechs Jahre lang Latein gelernt
In Ländern mit offenen Märkten sind eben auch deut­ Bartels, der den NZZ-Leserinnen und ­Lesern schen Sprache. Wir Eltern waren überzeugt, hat. Auch wenn der Präsident der ETH Zürich
lich innovativere Energieversorger am Werk. Darum durch seine Rubrik «Stichwort» bekannt sein dass sie mit dem bisschen Französisch, das betont, dass Studierende aus den altsprach­
müssen wir jetzt nur auf etwas achten: dass Struktur­ dürfte, half uns Schülerinnen des Gymna­ sie in der Mittelstufe gelernt hatten, in der lichen Gymnasien an der ETH überdurch­
siums Hohe Promenade in Zürich aus manch Probezeit kläglich scheitern würden. Ohne schnittlich oft sehr gut abschliessen und die
bewahrer, Marktfeinde und andere Bedenkenträger vermeintlichen Lebenskrisen heraus. Wenn den sicherlich fähigen Gymi­Lehrpersonen, Marktfähigkeit solcher Absolventen deshalb
die Liberalisierung im bevorstehenden Gesetzgebungs­ beispielsweise wieder einmal eine Mädchen­ die Französisch lehren, auf die Füsse zu erst recht intakt ist.
prozess nicht völlig verwässern. Jürg Meier freundschaft auseinanderbrach, zitierte er treten: Dank des Lateins verbesserten sich Der hohe Wert des Lateins hat mit dem
beiläufig Seneca (Briefe an Lucilius): «Du die Französischkenntnisse unserer Söhne Blick über den Tellerrand zu tun. Mit der
fragst, welchen Fortschritt ich gemacht habe. nicht nur rasant, sie begannen die Sprache Einsicht nämlich, dass man sich nicht immer
Ich habe angefangen, mir ein Freund zu nur mit einer auf dem Teller servierten Über­
Snowfarming sein.» Diese ersten philosophischen Betrach­
tungen stiessen bei uns auf offene Ohren,
setzung zufriedengibt, sondern sich auch
einmal auf ursprüngliche Quellen bezieht.
Esther Girsberger
Ist das wirklich auch noch nötig? lernten wir dadurch doch, dass wir von nun
an nie mehr allein sein würden.
Es hat mit dem Bewusstsein zu tun, dass es
nicht das Fachwissen ist, das den inneren
Das war einmal? Mitnichten. Unsere Zusammenhalt dieser Welt erklärt, sondern
Die Bilder gleichen sich, sei es aus Kitzbühel, Livigno beiden Söhne, beide im gleichen Gymnasium ein vertiefter Blick zurück in die Geschichte,
wie damals die Mutter, profitieren ebenfalls bis in die römische und griechische Antike.
oder nun auch Adelboden: grün­braune Wiesen in
von sehr guten Lateinlehrpersonen. Gerade Das lässt sich nicht mit dem Geschichts­
herbstlicher Wanderkulisse, darin ein weisser Streifen – weil das Fach so bedroht ist, unterrichten die unterricht allein kompensieren.
eine Ski­ oder Langlaufpiste, gebaut mit Schnee vom Lehrkräfte mit einer Leidenschaft und einer Bleibt das letzte zu entkräftende Argu­
Vorjahr, der unter Folien oder Holzspänen über den Kreativität, die ihresgleichen sucht. Viel­ ment: Die Digitalisierung erfordert neue
leicht nicht mehr mit philosophischen Rat­ Kompetenzen, überladen kann man den
Sommer konserviert und nun neu verteilt wurde. Das schlägen an pubertierende Youngsters, dafür Stundenplan hingegen nicht, und teuer ist
Konzept heisst Snowfarming und gilt vielerorts als mit klugen Tatbeweisen, warum Latein bei­ der Lateinunterricht auch. Erst recht, wenn
mögliche Rettung für den Schneesport. A priori ist spielsweise auch in den Naturwissenschaf­ Esther Girsberger, geboren 1961, ist promo- mitunter nur sechs Schülerinnen und Schü­
ten von Nutzen ist. vierte Juristin. Sie war Inlandredaktorin ler unterrichtet werden. Zugegeben, diese
dagegen nichts einzuwenden, der Griff zum Schnee von So brachte der Lateinlehrer unseres Älte­ bei der NZZ und beim «Bund» und später Argumente sind nicht ohne weiteres aus der
gestern ist allemal besser als das Kanonieren mit neuem ren einen englischen Text mit, der an der Chefredaktorin des «Tages-Anzeigers». Welt zu schaffen. Ausser, man denkt etwas
Kunstschnee. Dass damit nun aber schon Mitte Oktober ETH verteilt und zu lesen verordnet worden Seit 2014 ist Girsberger Inhaberin und langfristiger. Kennt man die Wurzeln unserer
war. Mit dem Resultat, dass die Schülerinnen Geschäftsführerin der Veranstaltungsagen- Kultur, beurteilt man die Gegenwart mit
Pisten geöffnet werden, ist erstens Unsinn und sendet
und Schüler des Gymnasiums den Inhalt, tur speakers.ch AG. Daneben publiziert und anderen Augen. Was der vielgerühmten
zweitens ein bedenkliches Signal aus: Dieser Skizirkus obwohl auf hohem naturwissenschaftlichem moderiert sie regelmässig. Sozialkompetenz in unserer Arbeitswelt
ist wirklich langsam eine verrückte Sache. Daniel Friedli Niveau und auf Englisch, dem Sinn nach sicher nicht abträglich ist.
SerieSogelingtErziehung
NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018

Teil 5 Vor der Pubertät wird in Ratgebern gewarnt wie vor


der Pest. Wieso eigentlich?

Dieschönste Zeit m
D
urchs Kellerfenster erhaschte Amerika. Was für ein Privileg, Zeuge einer
ich ein Auge voller Glied- Metamorphose zu sein, mitzuerleben, wie das
massen, die sich zu Beyon- Kind, dem man gestern noch Zöpfe geflochten
cés «Run the World (Girls)» hat, quasi über Nacht eine Taille bekommt.
schüttelten. Sie gehörten Was gibt es Bewegenderes, als einem jungen
uniform gekleideten und Menschen zuzuschauen, wie er sich eine Mei-
in die Höhe geschossenen nung, einen Platz erkämpft? Wie er sein Welt-
Teenagern, welche die Fremdheit im eigenen bild verteidigt, mit einer Unbedingtheit, die
Körper mit antrainierter Lässigkeit überspiel- noch nicht abgeschliffen ist von der Realität.
ten. Auf dem Tisch standen leere Colaflaschen Hauptsache, man fasst sich ein Herz und wirft
und Plastikteller mit Chips. An den Wänden es dorthin, wo man Aufbruch vermutet.
hingen Poster, und in der Luft tanzten die
Hormone. Ich erinnerte mich gerade an meine Ist ein braver Teenager normal?
erste Party, damals nannte man das Fez, ein Ich habe nun schon einige Jahre Pubertät er-
Klassiker der Pubertät, als meine Tochter lebt, meine ältere Tochter ist bereits volljäh-
mich entdeckte. Sofort gab sie mir mit einem rig, die jüngere steckt mitten drin in dieser
Handzeichen zu verstehen, mich doch gefäl- Zeit des Sturm und Drangs. Ich bin stunden-
ligst zu verdrücken. Also kehrte ich zum Auto lang wach gelegen, weil eines der Kinder nicht
zurück, das ich wohlweislich ein paar Häuser erreichbar war, und kenne das Gefühl, an eine
vom Partykeller entfernt parkiert hatte. Nichts Wand zu reden. Die stinkenden Höhlen der
ist schliesslich peinlicher, als wenn die Eltern Verpuppung namens Kinderzimmer, in denen
wie ein Taxi vorfahren. Sie werden zwar noch Essensreste und Wäsche vor sich hingam-
gebraucht, die Alten, aber das soll bitteschön meln, finde auch ich unappetitlich. Doch wie
keiner mitbekommen. bei einem frühkindlichen Trotzanfall weiss
Da sein, aber im Hintergrund bleiben. Das ich: Irgendwann geht auch das vorbei. Natür-
wird Eltern von Kindern in der Pubertät per- lich gab es viele Gefechte, aber der grosse
manent abverlangt. Psychologen und Erzie- Kampf ist ausgeblieben. Und sämtliche Stu-
hungsberater nennen diese Aufgabe auch dien bestätigen, dass ich nicht einfach Glück
«Gehen lassen, ohne loszulassen». Das tönt hatte, sondern zur ganz grossen Mehrheit ge-
schön, fast feierlich, fühlt sich aber zuweilen höre: Nur ein Bruchteil der Teenager leiden
an, als sei man Dienstleistungszentrum und nämlich unter dramatischen Umbrüchen.
emotionales Endlager gleichzeitig. Vorbei ist Woher bloss kommt der schlechte Ruf der
die Zeit, in der Mutter und Vater unhinterfrag- Adoleszenz?
ter Mittelpunkt des kindlichen Universums Das fragt sich Stefan von Wartburg zuwei-
waren. Zum Stützbalken ist man degradiert len auch. Der studierte Theologe ist Berater
worden, den der Teenager entweder übersieht bei der Elternberatung der Pro Juventute und
oder gegen den er mit voller Wucht anrennt. bei Beratung und Hilfe 147. Er sitzt im Sit-
Das ist anstrengend, mitunter auch undank- zungszimmer des vierten Stocks eines herr-
bar und bringt einen an den Rand von all dem, schaftlichen Berner Stadthauses und sagt: «Es
worüber man als erwachsener Mensch ver- kommt vor, dass Eltern, die keine grossen
fügen möchte: Geduld, Verständnis, Toleranz. Probleme mit ihren pubertierenden Kindern
Trotzdem ist die Pubertät mit Abstand die haben, nicht erleichtert sind, sondern verun-
spannendste Zeit in meinem Mutterleben. So sichert. Sie wollen dann wissen, ob sie etwas
packend wie ein gutes Buch, bei dem man falsch gemacht hätten und ob ihr Teenager
stets versucht ist, das Ende vorwegzuneh- noch normal sei.» Im Zimmer gegenüber klin-
men, weil man unbedingt wissen will, was aus gelt das Telefon, der Notruf ist rund um die
den Protagonisten wird. Doch von diesem Uhr besetzt, am Fenster steht ein Bett. Von
Entwicklungsroman, den man als Eltern live Wartburg schliesst die Tür, um die Privat-
miterleben darf, ist in Gesprächsrunden, in sphäre der Hilfesuchenden zu schützen. «Auf
Talkshows, in Zeitungen nie die Rede. Statt- die Adoleszenz wird so viel Negatives proji-
dessen betrachtet die Gesellschaft die Adoles- ziert, dass Eltern fast schon auf den Zoff war-
zenz als eine Art Naturkatastrophe, die über ten und jede Reiberei im Alltag zum Problem
die Eltern hereinbricht wie ein Tsunami. stilisiert wird, statt sie als das zu betrachten,
was sie ist: Teil eines ganz normalen Befrei-
Dämonisierung der Pubertät ungsschlags.» Diese Absetzbewegung müsse
Shakespeare wünschte sich in «The Winter’s von den Eltern ausgehalten werden, sagt von Und plötzlich wollen
Tale», dass es kein Alter zwischen 10 und 21 Wartburg, sie fordere Haltung und Auseinan- sie nicht mehr ku- Grossbaustelle Teenage-Gehirn
gäbe oder die Jugend diese Jahre zumindest dersetzung. Auch mit sich selbst. Doch da scheln und finden
alles doof.
verschlafen würde, weil die Zeit nichts als
Kämpfe bringe. Dieser Klagemodus hat bis
fehlten die Vorbilder. Frühere Generationen
von Teenagereltern hätten einfach stoisch
Denn sie wissen schon, was sie tun
heute überdauert. Die Buchhandlungen sind weitergearbeitet, vielleicht eine Midlife-Krise
voll von Selbsthilfebüchern, die den Eltern geschoben und sich eine Harley zugelegt, und Bis kurz vor der Jahrhundert- erklärt, warum man Teenager
von Pubertierenden ein «Überlebenstraining» dann seien sie Grosseltern geworden. wende ging man davon aus, dass abends nicht ins Bett kriegt und
anpreisen, und von Titeln, die sich über Teen- Im Vergleich zu früher hat sich die Zeit- die Entwicklung des Gehirns sie morgens nicht aufstehen wol-
ager lustig machen: «Ich bin dagegen und das spanne der Adoleszenz aber verändert: Regel- nach der frühen Kindheit weit- len. Müssen sie früh zur Schule,
aus Prinzip». Wären mit dem Zitat Senioren blutung und Stimmbruch setzen früher ein, gehend abgeschlossen sei. Doch holt der sogenannte «soziale
gemeint, der Vorwurf der Altersdiskriminie- die Ausbildungen dauern länger, und die in den letzten Jahren haben Jetlag» sie Ende Woche ein, was
rung käme postwendend. Nur über Teenager Eltern bekommen ihre Kinder später. Markiert Hirnforscher, darunter die erklärt, warum sie spielend das
darf man sich in unserer politisch korrekten die erste Periode, die heute im Schnitt mit 12½ preisgekrönte Britin Sarah-Jayne halbe Wochenende verschlafen.
Gesellschaft ungestraft mokieren. Jahren einsetzt, den biologischen Beginn der Blakemore, immer mehr Hin- Blakemore konnte auch zei-
Als ich kürzlich bei einem Abendessen zu Pubertät von Mädchen und setzt man das En- weise gefunden, dass das Gehirn gen, dass das Belohnungs-
einer Ehrenrettung der Adoleszenz ansetzte, de bei der finanziellen Selbständigkeit an, so von Teenagern sich im Umbau system für risikoreiches Verhal-
erntete ich so verständnislose Blick wie einst dauert die Zeitspanne der Adoleszenz heute befindet. In ihrem kürzlich ten im adoleszenten Hirn stärker
im Spital, als ich zugab, das eigene Baby nicht mindestens ein Jahrzehnt. Noch zur Zeit unse- erschienenen Buch über «das anschlägt als bei Erwachsenen.
das schönste zu finden. Die Dämonisierung rer Grosseltern waren die Kinder bei Einset- geheime Leben des Teenage- Vorab konnte sie mit verhaltens-
der Pubertät ist ein unhinterfragter Mythos zen der Menopause ihrer Mütter längst aus Hirns» beschreibt die Neuro- psychologischen Tests am Com-
wie die Glorifizierung der Babyzeit. login, wie die Schaltstellen zwi- puter wissenschaftlich bewei-
Natürlich ist es herzerwärmend, wenn die schen Nervenzellen abgebaut sen, dass Teenager Gefahren
Kleinsten das erste Mal lächeln, wankend die Pubertät heisst auch und neu verdrahtet werden. anders einschätzen, wenn
Das Wissen darum kann das Freunde mit von der Partie sind.
ersten Schritte tun. Natürlich ist es anstren-
gend, der Fels in der Brandung zu sein, gegen
zuzuschauen, wie die Verständnis für Pubertierende
den die Wellen der Ablehnung unablässig an- eigenen Kinder fördern: So etwa verschiebt sich Sarah-Jayne Blakemore: Inventing
rollen. Trotzdem hat mich bisher nichts mit aufblühen und die Welt der biologische Rhythmus zu Ourselves. The Secret Life of the
Teenage Brain, Penguin Random
mehr Stolz erfüllt als die erste Diskussion, in Beginn der Pubertät um meh-
der mich der Teenager zu Hause wirklich her- erobern, während man rere Stunden nach hinten. Das
House, London
ausgefordert hat. Es ging um die Wahlen in daneben selber verwelkt.
19

meines Lebens
Gerade waren sie noch so klein und lieb. Jetzt bekommen sie Pickel, wollen nichts mehr sagen und noch
weniger hören und werden zuweilen unausstehlich. Die Pubertät hat zwar einen miserablen Ruf, aber in
Wahrheit sind es Jahre voller Glück für uns Eltern, schreibt Nicole Althaus

Historisch gesehen richtet worden. Sie hat sich auf den Bereich brutal auch noch den kleinsten Makel ins
DORIS RUDD DESIGNS / GETTY IMAGES

Kinder und Jugendliche spezialisiert und Licht wie Teenager, die gerade ihre Mama
gibt’s eine Phase der präzisiert: «Historisch gesehen, gibt es die entidealisieren.
Adoleszenz erst seit der Lebensphase der Adoleszenz eigentlich erst Doch gerade das ist nötig oder gar gesund.
Industrialisierung. seit der Industrialisierung. Vorher wurde das
Kind direkt zum Arbeiter. Die Lebensläufe von
Schliesslich hat man es sich mehr als ein Jahr­
zehnt in einem gut geölten Familienleben be­
Vorher wurde das Kind Jung und Alt unterschieden sich nur in Nuan­ quem gemacht. Nicht nur der Pubertierende
direkt zur Arbeitskraft. cen.» Heute aber gebe es für Jugendliche wie muss sich neu erfinden, auch Mütter und
Eltern weder moralische noch biografische Väter müssen sich neu orientieren. Was ma­
Leitplanken mehr. Mit anderen Worten: Vor­ che ich abends allein zu Hause? Was wird aus
dem Haus, heute fallen Pubertät und Wech­ bei sind die Zeiten, in denen die jungen Män­ dem Zimmer, aus dem die Tochter auszieht?
seljahre oft zusammen. ner in die Fussstapfen des Vaters getreten sind Was passiert mit uns als Paar, wenn wir uns
Ich kann bestätigen, dass vier Wände und und die jungen Frauen sich auf ein Leben als nicht mehr hinter der Elternrolle verstecken
drei Menschen im Hormonsturm beileibe Hausfrau und Mutter eingestellt haben. können?
nicht immer eine familienklimatische Schön­ Die positiven, weil befreienden Aspekte der
wetterlage bedeuten. Schuld daran sind aber Eltern im Jugendwahn Pubertät, das bestätigen sowohl Elternberater
nicht die Teenager allein. Denn Pubertät «Die Adoleszenz», sagt die Wissenschafterin, von Wartburg als auch Psychologin Breiten­
heisst auch, zuzuschauen, wie die eigenen «ist nicht nur für die Jugendlichen, sondern stein, werden viel zu oft ignoriert. Vielleicht
Kinder aufblühen und die Welt erobern, wäh­ auch für die Eltern eine umwälzende Erfah­ zum ersten Mal seit der Geburt der Kinder hat
rend man daneben selber verwelkt. Beobach­ rung.» Diese nämlich würden in ihrer Rolle als man wieder Zeit und buchstäblich auch den
ten, wie das Universum der Jungmannschaft Mütter und Väter entmachtet und rückten als Raum, um eigenen Interessen nachzugehen.
von Tag zu Tag grösser wird, das eigene aber Personen in die nächste Generationenfolge. In Auch ich kenne nostalgische Momente, wenn
immer klarer begrenzt. Spätestens wenn die Zeiten des Jugendwahns und in einer Gesell­ mir Babyfotos meines Teenagers in die Hände
eigenen Kinder sich mit weit offenen Armen schaft, in der Kinder nicht mehr eine biografi­ geraten, damals ein einziges fünf Kilo schwe­
ins Leben stürzen, muss man sich von Lebens­ sche Selbstverständlichkeit, sondern ein Pro­ res kugelrundes Lächeln. Auch ich würde
entwürfen, in denen man sich auch noch ge­ jekt zur Vermehrung des persönlichen Glücks manchmal gern die Unbeschwertheit des
fallen hätte, verabschieden. Dann lässt sich seien, könne das einem veritablen «Imagever­ Mädchens festhalten so wie die müden Bäu­
die eigene Endlichkeit nicht mehr verdrängen. lust» gleichkommen. Je nach persönlicher me das leuchtende Gold des Herbstes. Aber im
Es ist kein Zufall, dass die elterliche Glücks­ Einstellung der Eltern. Studien allerdings, die grossen Ganzen freue ich mich über die neu
kurve kurz nach der Geburt am tiefsten ist, darüber Auskunft geben, wie diese damit um­ gewonnene Selbständigkeit der Kinder, die
dann kontinuierlich ansteigt und erst in der gehen, fehlen. auch meine ist. Egoistisch? Ja klar. Aber nicht
Pubertät wieder absackt. Familienzuwachs Es gibt nicht einmal Untersuchungen über nur: Am Ende des tragikomischen Epos
und Ablösung der Kinder fordern Müttern und die häufigsten Probleme von Eltern mit Teen­ namens Pubertät begegnet man dem Baby,
Vätern die grössten Anpassungsleistungen ab. agern. Nicht repräsentativ, aber interessant das man einst auf die Welt gebracht hat, auf
Doch während die biologischen und sozialen sind die Beratungserfahrungen von Pro­ Augenhöhe. Und das ist noch überwältigen­
Entwicklungsschritte der Teenager minuziös Juventute­Mitarbeiter Stefan von Wartburg. der als das erste Wort des Kindes.
dokumentiert sind und man heute sogar Am meisten Mühe, sagt er, bekundeten die
deren Hirn bis in die letzten Windungen er­ Eltern mit dem Gefühl, die Jugendlichen lies­
forscht (siehe Kasten Seite 18), sind die Eltern sen sie nicht mehr an sich heran.
eine Blackbox geblieben. Auch ich empfinde die Pubertät als einen
Nächste Woche – Teil 6
Vielleicht sind weniger die Teenager als Prozess der Entfremdung. Ich muss zusehen,
vielmehr ihre Eltern der Grund für die mise­
rable Reputation der Adoleszenz?
wie die Kinder die gemeinsame Sphäre verlas­
sen, sich mit Menschen treffen, die ich nicht
Was wir von unseren
Christina Breitenstein lacht und begegnet kenne. Ich weiss nicht, ob das, was die Toch­ Kindern lernen
dieser Frage mit einer wissenschaftlich ausge­ ter tut, ihr guttut. Manchmal ahne ich gar,
wogenen Antwort: «Je weiter die Lebensent­ dass sie eine falsche Entscheidung trifft. Den­ Vom Runterladen ihren Kindern lernen
würfe von Jugendlichen und Eltern auseinan­ noch muss ich sie machen lassen. Erfahrun­ der neusten App bis können.
dergehen, desto grösser das Konfliktpoten­ gen kann man dem Kind nicht abnehmen wie zum Ratschlag Der Autor Harald
zial.» Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am einen schweren Rucksack. Zwangsläufig ist unserer Teenager, Martenstein
Psychologischen Institut der Universität der Abschied von der Kindheit auch ein Ab­ einfach mal zu chil- schreibt über
Zürich sitzt auf einem blauen Sessel in einem schied von der Rolle, die man bisher gelebt len, gibt es so man- Lernprozesse der
kleinen Gemeinschaftsraum, der aussieht, als hat. Denn, glauben Sie mir, nicht einmal die ches, was Eltern von umgekehrten Art.
sei er für Gesprächstherapie­Sessionen einge­ Garderobenspiegel in Billigläden rücken so

Datum
NZZ ZUKUNFTSDEBATTE Mittwoch, 28. November 2018

Wie gelingt Erziehung?


19.00 Uhr bis 20.30 Uhr
mit anschliessendem Apéro

Ort
Viele Eltern haben Angst, bei der Erziehung ihrer Kinder etwas falsch zu machen. Was NZZ-Foyer, Falkenstrasse 11, 8008 Zürich
beeinflusst unsere Kinder wirklich? Wie wichtig sind Belohnung oder Bestrafu
f ng? Kont-
rolle oder Freiraum? Unverblümte Antw t orten auf heikle Fragen: Zum Abschluss der Serie Eintritt
über Erziehung präsentiert die «NZZ am Sonntag» ein Gespräch ohne Tabus. Abonnentenpreis Fr. 30.–, Normalpreis Fr. 40.–

Podiumsteilnehmer Anmeldung
– Philipp Ramming, Experte für Erziehungsfragen und Präsident der Schweizerischen Vereinigung für nzz.ch/live
Kinder- und Jugendpsychologie
044 258 13 83
– Peter Schneider, Psychoanalytiker, Kolumnist und Satiriker

Moderation
Nicole Althaus, «NZZ am Sonntag»-Kolumnistin zu Erziehungsthemen, Gründerin «Mamablog»
und Chefredaktorin NZZ-Magazine

Eine Veranstaltung von


20 Hintergrund Schweiz NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018

AndieMacht
Vor elf Jahren fasste eine Generation von Jungsozialisten den Plan, die SP zu erobern. Mit einer neuen
kompromisslosen Politik. Jetzt stehen sie vor dem Ziel. Damit retten sie vielleicht die Sozialdemokratie,
aber die Schweiz wäre politisch blockiert. Von Samuel Tanner

E
s fällt vielleicht nicht leicht, Es könnte ein Modell sein in der Krise der stellte. Am Tag dominierte Blocher mit radika- liegt. Von hier ist die Aussicht bestens: auf die

KEYSTONE
aber stellen Sie sich vor, Sie europäischen Sozialdemokratie. Am vergan- len Aussagen die Schlagzeilen – und die Partei Alpen und ganz generell. Wermuth muss
wären Cédric Wermuth. Es ist genen Wochenende halbierte sie sich in Bay- gewann Profil. Am Abend fuhr Ueli Maurer gleich zu einer Kommissionssitzung, aber er
das Jahr 2007, Sie sind 21 Jahre ern, weil sie in Deutschland mitregiert und in durch das Land und gründete neue SVP-Sek- sagt: «Die Realität ist nicht das, was im Bun-
alt, studieren noch, wissen der Umarmung von Angela Merkel ihr eigenes tionen – und die Partei gewann Mitglieder. Sie deshaus passiert. Wir müssen noch viel fun-
aber schon sehr genau, dass Sie Gesicht verloren hat. Mit jedem Kompromiss verschob den Fokus vom Parlament (in dem damentalere Fragen stellen. Und die ganze
die ganze Welt nach links ver- sinken die Umfragewerte. Wofür soll die sie sowieso unterlegen war) auf die Strasse. Basis der Partei mitnehmen auf diesen Weg!
schieben wollen. Doch die Schweiz, in der Sie Sozialdemokratie ganz generell stehen? Als Die SVP lancierte Initiativen, gewann zwar Dreissig Jahre an neoliberaler Propaganda
leben, ist auf Höllenfahrt. Seit Sie denken kön- Mann der Zukunft gilt jetzt der Präsident der lange keine einzige, dafür weiter an Profil. haben unseren Glauben an uns selbst zer-
nen, sehen Sie in das Gesicht von Christoph deutschen Jungsozialisten. Er verkörpert den Die Juso wurde doppelt geprägt von der stört.» Wermuth lässt den Satz kurz wirken,
Blocher, aus dem Ihnen all die Siege der SVP radikalen Sound der Opposition. SVP: Sie lehnte sie so fundamental ab – und sie er war schon immer grosszügig mit grossen
entgegenlachen. Es ist Oktober und heute lernte so viel von ihr wie niemand zuvor. Ihr Begriffen.
waren die eidgenössischen Wahlen. Die Wie alles begann neuer Präsident Cédric Wermuth prägte die Der Intellektuelle: Er ist der Intellektuelle in dieser Genera-
Sozialdemokratie, Ihre politische Zukunft, ist Das Neue entsteht immer in der Krise, auch in Titelseite von «20 Minuten» lange fast so sehr Ex-Jusopräsident tion, manchmal wirkt er, als habe er mehr
abgestürzt. Als Ihr Präsident Hans-Jürg Fehr der Schweiz des Jahres 2007. Jon Pult, von wie der Chefredaktor. Gleichzeitig lancierten Cédric Wermuth, 32. Freude am Problem als an der Lösung. Die
im Fernsehen die Niederlage erklären muss, Anfang an wichtig für den Aufbau der neuen die Jungsozialisten die 1:12-Initiative, die vor starke Ablehnung des Bildes, das die SVP von
gefriert ihm das graue Gesicht. Er wird bald Juso, sagt heute: «Die Sozialdemokratie war allem eine grosse Mobilisierungsinitiative des der Schweiz hat, führte ihn zum ersten Erfolg.
zurücktreten. In der Partei trauern die Mit- orientierungslos. Sie lebte von Einzelmasken. gesamten linken Spektrums war. Marco Kist- Aber jetzt studiert er schon seit Jahren an
glieder. Sie aber denken: Die Gelegenheit ist Sie war, wie die ganze internationale Linke, ler, der Kopf hinter der Initiative, sagt heute: einem eigenen Bild für die Schweiz herum. Er
so gut wie noch nie. Ich muss Präsident der durch die 90er Jahre geschlingert. Es gab «Wir wussten, eine 1:30-Initiative hätte an der ist noch nicht so weit. Aktuell sei man erst ein-
Jungsozialisten werden. Blairs dritten Weg, es gab Schröder, es gab Urne vielleicht mehr Stimmen gemacht. Aber mal daran, die Linke zu repolitisieren, wie er
Cédric Wermuth würde den Nullpunkt sei- Kompromisse – eine generelle Öffnung auch wer geht dafür auf die Strasse? Viele finden es nennt – und der Sieg an der Urne gegen die
nes politischen Lebens nie so beschreiben, er in der SP. Aber wohin?» bereits 1:12 unverständlich.» Kurzum: Es ging Unternehmenssteuerreform III habe endlich
denkt nicht in Momenten, sondern in grossen Pult gehörte wie Wermuth zu der Gruppe nicht um eine Mehrheit, sondern darum, gezeigt, dass sich Widerstand lohne.
Linien. So wurde er, was er heute ist: die von jungen linken Studenten, die sich damals die Leute für eine Idee zu begeistern. In den Wer Einfluss haben will in der Politik, der
Leuchtreklame des Schweizer Sozialismus. regelmässig in Zürich trafen. Sie diskutierten, ersten vier Jahren des neuen Juso-Projekts muss zwei Dinge sein: engagiert und organi-
Wermuth sagt: «Das Vakuum war gross, wir wohin sich die Linke entwickeln sollte und verdoppelte sich die Zahl der Mitglieder. siert. Es ist in jedem Schweizer Verein das Glei-
konnten uns ausbreiten – nicht zum Selbst- speziell: die Juso. Sie beschlossen, einen Prä- An internen Veranstaltungen vernetzten che: Wer immer da ist, hat Macht. Die kom-
zweck, natürlich. Die Juso zu verändern, war sidenten zu wählen – sie mussten dem Gesicht sich die Jungsozialisten. Eine nationale Gene- menden Leute der Sozialdemokratie sind fast
aber der einfachere Teil unserer Projekts.» des Feindes ein eigenes gegenüberstellen. Im ration wuchs zusammen. In der ersten Juso- Der Praktiker: durchgehend Profipolitiker. Sie haben Ämter
Inzwischen läuft der schwierigere Teil: Die Sommer 2008 kam Wermuth ins Amt. Geschäftsleitung sass neben Wermuth auch Ex-Jusopräsident und ein Teilzeitpensum bei einer Gewerk-
Generation Wermuth breitet sich nicht mehr Bald darauf formulierte die Gruppe ihre Marco Kistler. Kistler ist heute der Partner der David Roth, 33. schaft, bei der Partei oder deren zugewandten
in der Juso aus, sondern in der SP. Sie sitzt politische Grundhaltung: die starke Ableh- SP-Nationalrätin Mattea Meyer, die früher in Orten. Sie gehören zu den jungen Leuten, die
im Nationalrat, kandidiert für den Ständerat, nung der alles dominierenden Partei im Land, der Juso aktiv und die persönliche Mitarbeite- nicht mehr in Jobs, sondern in Projekten den-
präsidiert Kantonalparteien, besetzt wichtige der SVP. Jahre später schrieben sie dazu: «Ge- rin von Cédric Wermuth war. Und Kistler leitet ken. Der grosse Trendberuf in der SP ist der
Kaderstellen in Gewerkschaft und Partei, ver- nau zu wissen, was wir nicht wollen, ist be- zudem für die SP Schweiz die Kampagne, mit des Campaigners. Alle heissen plötzlich so.
ändert die Arbeit an der Basis, lanciert Initia- reits ein grosser Teil einer linken Antwort.» der die Partei die Basis wieder mobilisieren Am Ende geht es Campaignern immer dar-
tiven und schreibt das Programm um. Die Wer in den 80er Jahren oder später geboren will. Der Pilotversuch dieser Kampagne fand um, möglichst viele Leute zu mobilisieren.
Wahlen in einem Jahr werden die Gewichte wurde, kennt die Schweiz nur mit der SVP von in Luzern statt, wo die kantonale SP von David Mit Kommentaren in sozialen Netzwerken,
weiter in ihre Richtung verschieben. Ob sie die Christoph Blocher. Sie stieg in den 90er Jah- Roth geleitet wird, dem Nachfolger von Wer- mit Online-Spendensammlungen. Sie stellen
Partei zum Guten oder zum Schlechten verän- ren zur grössten Partei auf, weil sie sich mit muth als Juso-Präsident. So geht das immer vorgeschriebene Briefe ins Internet, die dann
dert, darüber ist man sich intern nicht einig – ihren Positionen alleine gegen alle anderen weiter. Bei den Wahlen im nächsten Jahr tritt tausendfach in den Dörfern verteilt werden.
aber sie verändert sie. Es geht in der SP gegen- Roth in Luzern für den Ständerat an, Wermuth Damit die Leute mitmachen, muss das Ziel
wärtig nicht um einen Flügelkampf, es geht im Aargau. In Graubünden kandidiert Jon Pult ein grosses sein. In Abstimmungen geht es
um mehr: das Verständnis, was linke Politik Sie wollen im Prinzip mit guten Chancen für den Nationalrat, in deshalb zunehmend um alles.
überhaupt soll. Die jungen Sozialdemokraten Baselland rückt Samira Marti nach – alles ehe- Ihre grösste gemeinsame Kampagne ist
wollen im Prinzip keine Partei mehr sein, son-
keine Partei mehr malige Jusos. Sie wären dann zu fünft. aber der Umbau der eigenen Partei – es ist eine
dern eine Bewegung. Deshalb brauchen sie sein, sondern eine laufende Operation, ausgehend von sechs
In der Theorie
nicht Wähler, sondern Fans. Und deshalb wer-
den sie sich im Zweifel immer gegen den Kom-
Bewegung. Deshalb Wenn es nach Cédric Wermuth geht, wird es
Punkten.
• Die jungen Sozialdemokraten sind in
promiss entscheiden. Weil ein Kompromiss brauchen sie nicht nicht dabei bleiben. Er sitzt im Restaurant der SP seit langem die erste Generation, die
niemanden bewegt. Wähler, sondern Fans. Grosse Schanze, das über dem Bahnhof Bern wieder als solche wahrgenommen wird.
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21

• Sie haben alle einen politischen


Urknall-Moment: die Juso-Zeit.
• Sie haben die Juso so aufgebaut,
dass sie bis heute schlagkräftig ist.
• Sie haben einen grossen Feind, der
sie vereint: die SVP.
• Sie betonen die Arbeit auf der Strasse,
nicht die im Parlament.
• Sie sind überzeugt von der Kraft der Oppo-
sition, weil viele von ihnen nicht wie ihre
Vorgänger über die Ochsentour in die Politik
kamen. Bisher war das Parlament das Ende
der Karriere. Einmal da angelangt, war man
schon lange eingemittet und müde von all
den Kämpfen (und zudem national noch
kaum vernetzt). Die neue Generation startet
in der nationalen Juso, kommt jung ins Parla-
ment – und geht dann mit den Utopien zu-
rück in die Kantone.
Cédric Wermuth, 32, war zuletzt selber vier Das Mastermind:
Jahre lang Co-Präsident der SP Aargau und Ex-Juso-GL-Mitglied
verhalf der Kantonalpartei bei den letzten Marco Kistler, 33.
Wahlen zu einem grossen Erfolg. Er sagt: «Wir
wollten beweisen, dass wir bleiben – und hel-
fen, die Partei wieder aufzubauen. Dass wir
auch die Knochenarbeit erledigen. Vor Ort
kann man am meisten verändern.»

In der Praxis
Was Wermuth in Bern erzählt, übersetzt David
Roth in Luzern jeden Tag in die reale Arbeit.
Roth war Wermuths Nachfolger als Juso-Prä-
sident, er wirkte immer leicht verträumt – und
spuckte dann plötzlich Gift. Als Margaret
Thatcher starb, schrieb er: «Ich glaube, es ist
nicht zynisch, heute ein Bier auf Maggies
besten Tag zu trinken.» Inzwischen ist Roth 33 Die Nationalrätin:
Jahre alt und angekommen in einer neuen Ex-Jusovize
Rolle. Er beginnt jetzt jeden Satz mit: «Bei uns Mattea Meyer, 30.
in Luzern...».
David Roth ist einer der Juso, die die gros-
sen Pläne im Kleinen umsetzt. «Früher gingen
einfach die Kandidaten an einen Stand», sagt
ILLUSTRATION: BRUNO MUFF

Roth, «jetzt haben wir ein Netz aufgebaut, in


dem jeder mithelfen kann, unsere Post zu ver-
teilen. Wir machen grosse Telefonaktionen,
sprechen mit den Menschen an der Haustüre.
Es gibt für jeden etwas zu tun.» Die Zahl der
Mitglieder in der SP Luzern stieg unter seinem
Präsidium um vierzig Prozent. Dreihundert
Leute hätten rund um die letzten Wahlen für
die Partei gearbeitet – nicht nur junge, sagt
Roth, auch ältere Mitglieder hätten neues von rechts bekämpft worden. Im neuen Kom- tiative. «Wir müssen sofort wieder in die Of- SP-Ständerat Daniel
Feuer gefangen. promiss sollte für alle etwas dabei sein. Es fensive gehen», sagt sie. Wermuth und Molina
Die Techniken sind alt, aber sie erleben hätte fast geklappt, wie früher. unterstützen sie. Die Rückmeldungen seien
Jositsch sagt: «Jetzt
gerade eine Renaissance. In Zeiten, in denen Aber heute funktioniert Politik anders. Die bis jetzt sehr gut. spürt man von links
jeder alle erreichen kann, wird es wieder
wichtiger, jeden persönlich zu erreichen.
SVP ging in die Opposition, für sie hatte der
Kompromiss keinen Wert. Und die SP? Sie Wie alles enden könnte die Tendenz, die Partei
Marco Kistler, der die Basiskampagne für hatte ein linkes Zentralanliegen in den Deal Als Antwort auf die voranschreitende Jusofi- auf Linie zu bringen.
die SP Schweiz leitet, sagt: «Früher gingen die gebracht: mehr Geld für die AHV. Gleichzeitig zierung der Partei gründete Daniel Jositsch Das ist beunruhigend.»
Leute aus Tradition in eine Partei. Das ist vor- musste sie neue Steuerprivilegien akzeptie- innerhalb der SP die sogenannte reformorien-
bei. Heute wollen sie vor allem etwas Sinn- ren. Von den jungen SP-Nationalräten kam tierte Plattform. Jositsch galt einmal als kom-
volles tun. Das müssen wir erfüllen.» Kistler Widerstand gegen die eigene Parteileitung, mender Mann der Sozialdemokratie – geblie- wiesen, dass sich die grossen Parteien in der
war schon in der Juso das Mastermind im die an dem Deal mitgearbeitet hatte. Cédric ben sind ihm das Amt als Zürcher Ständerat Schweiz noch nie so uneinig waren wie heute.
Hintergrund. Er ist es geblieben. Wermuth, Fabian Molina und Mattea Meyer und die Rolle des Chefpragmatikers. Er sagt: Für einen Kompromiss braucht es in der
Luzern ist ein Labor für die neue linke Poli- zerrissen in der «WoZ» den Kompromiss. Dann «Früher gab es in der SP zwei Flügel, die sich Schweiz drei der vier Bundesratsparteien,
tik, hier sind die Verhältnisse besonders gut. gab es einen ausserordentlichen Parteitag, in Ruhe liessen. Jetzt spürt man von links die sonst ist ein Geschäft blockiert. Weil die SVP
An der Macht ist eine bürgerliche Regierung, an dem sich die pragmatische SP aber noch Tendenz, die Partei auf Linie zu bringen. Das in vielen wichtigen Fragen opponiert, geriet
die so stark spart, dass der Kanton im vergan- einmal durchsetzte. ist beunruhigend.» die SP zuletzt oft in eine paradoxe Situation:
genen Jahr ohne Budget blieb. Familien muss- Mattea Meyer hält das bis heute für falsch. Jositsch müsste mit seiner Plattform da- Sie suchte mit CVP und FDP eine Lösung und
ten Prämienverbilligungen zurückzahlen, die Sie sagt: «Wir dürfen nicht in Kompromissen gegen kämpfen, aber er steht auf verlorenem konnte ihre Anliegen einbringen. Gleichzeitig
sie bereits erhalten hatten. «Das Scheitern der denken, wir müssen langfristig überlegen: Posten. Seine engsten Verbündeten verab- verlor sie deshalb an Profil. Und wer Profil ver-
bürgerlichen Finanzpolitik ist augenfällig, das Welche Geschichte erzählen wir? Wie ver- schieden sich: Pascale Bruderer tritt nicht liert, der verliert gerade alles in der Politik.
Ausmass schockierend», sagt David Roth. Die schieben wir die Stimmung nach links? Und mehr an, Chantal Galladé hat sich in die Lokal- Cédric Wermuth sagt: «Kompromisse kön-
SP verlor in den letzten kantonalen Wahlen da ist primär nicht das Parlament wichtig, politik verlegt, Tim Guldimann nach Berlin. nen Sinn machen, aber man muss Konflikte
zwar ihren Sitz in der Regierung, gewann aber sondern die Basis. Bewegungen wie #MeToo Im Alter startet man keine Bewegung mehr. auch aushalten können. Aktuell sind wir doch
Wähleranteile. Es ist eine schweizweite Ten- entstehen von unten. Das Denken verändert Jositsch wirkt ein bisschen desillusioniert. sehr brav unterwegs als Partei.»
denz. Zuletzt gesehen bei den Wahlen in Zug. man nicht mit dem Ja-Knopf im Nationalrat.» Er sagt: «Wenn ich durch das Bundeshaus In ihrer wichtigsten Frage, dem Verhältnis
Symptome des Oppositionskurses. Auch Meyer nennt als Vorbild die SVP: Sie ha- gehe, sehe ich überall rote Linien. Alle reden zu Europa, ist die Schweizer Politik blockiert.
Im wichtigsten politischen Geschäft dieses be lange ohne Mehrheit politisiert, aber den- ständig davon, was sie nicht machen. Alle Es ist nicht die einzige. Nach der SVP hat auch
Jahres sieht man, wie weit der Einfluss der noch die Themen gesetzt und den Rahmen wichtigen Geschäfte dieser Legislatur wurden die SP eine rote Linie gezogen. Eine Lösung
Generation Wermuth in der SP geht. Der soge- des Denkbaren verschoben. blockiert. Die Parteien haben gemerkt, dass ist gerade nicht absehbar.
nannte AHV-Steuerdeal fasst die gescheiterte Meyer und andere bereiteten nach der Nie- sie einen Pflock einschlagen können, wenn sie Der SP scheint das nicht zu schaden. Vor
Unternehmenssteuerreform III und die ge- derlage am Parteitag sofort eine Volksinitia- Nein sagen. Aber so geht das Wir verloren.» einigen Wochen publizierte das Institut GfS
scheiterte AHV-Revision zusammen – das eine tive vor, die die Steuerpolitik der SP in das Ge- Der Politologe Claude Longchamp hat neu- Bern die neusten politischen Umfragen: Die
Geschäft war von links, das andere vor allem setz schreiben will. Eine Profilschärfungsini- lich im Onlinemagazin «Republik» nachge- Sozialdemokratie liegt im Plus.
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GELESEN
«Endlich in der Mehrheit!»

GELESEN
«Wahlbetrug auf Video»

Zwei Beiträge aus dem Tages-Anzeiger.


Gedruckt, online, als App und in unserer Vielfalt an Blogs.
NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018
Hintergrund 23

Nachruf

Autorität im Apothekerkittel Harald Schmied, 50

A
us der tiefen Überzeugung heraus,
dass jeder Mensch seine Würde und

Attilio Nisoli, Fussballer, Apotheker und Initiant des Toxikologischen einen Platz in der Gesellschaft
habe, setzte der Österreicher
Harald Schmied sich für Menschen am Rand
Informationszentrums, ist 97-jährig gestorben. Von Urs Tremp der Gesellschaft ein. Er war Mitarbeiter der
Caritas und Chefredaktor der österreichi-

A
schen Strassenzeitung «Megaphon». Auf der
ls Attilio Nisoli in den vierziger Im Militär bleibt Nisoli dem Tessin aller- Redaktion der Zeitung wurde die Idee
Jahren nach Zürich kam, gab es hier dings treu. Zuletzt kommandiert er als geboren, eine Fussball-Weltmeisterschaft
neben dem edlen Grasshopper- Oberst das Tessiner Infanterieregiment 63. der Obdachlosen auszutragen. In Mel Young,
Club und dem proletarischen FC Zur schweizweit bekannten Figur wird dem Gründer der schottischen Obdachlosen-
Zürich eine dritte Mannschaft, die gleichfalls Nisoli in den sechziger Jahren, als auf seine Zeitung «The Big Issue», fand Schmied einen
– und über Jahre – in der obersten Schweizer Initiative das Schweizerische Toxikologische Mitstreiter. 2003 wurde in Graz erstmals ein
Fussballliga mitspielte: die Young Fellows. Informationszentrum gegründet wird. Nisoli Homeless World Cup ausgetragen. Seither
Weil weder der Grasshopper-Club noch der ist zu dieser Zeit Präsident des Schweizeri- wird die Weltmeisterschaft jährlich vom
FCZ für den jungen Studenten infrage schen Apothekervereins. Im eigenen International Network of Street Papers (Netz-
kamen, landete er bei den Rot-Schwarzen auf Geschäft in Winterthur ist er immer wieder werk der Strassenzeitungen) organisiert und
dem Förrlibuck. Kein piekfeiner Verein. Aber konfrontiert mit Vergiftungsfragen – manch- von der Uno und der Uefa unterstützt. 2016
damals immerhin so stolz, dass ihm als Ver- mal wird er zu später Nachtstunde angeru- erhielt Schmied die Diagnose, an amyotro-
einslokal das Zunfthaus zur Saffran diente. fen: von Müttern, deren Kinder aus einer pher Lateralsklerose (ALS) erkrankt zu sein.
Erfahrung als Fussballer brachte Nisoli mit: Putzmittelflasche getrunken haben, von Dieser Krankheit ist er nun erlegen. (utr.)
Er hatte als Jugendlicher ein Jahr in England Leuten mit Magenkrämpfen nach einem Pilz-
verbracht und dort in der dritten Profiliga
mitgespielt. In Trogen, wo er das Gymna-
essen, aber auch von verzweifelten Angehö-
rigen, deren Söhne oder Töchter in suizidaler
Lisbet Palme, 87

S
sium besucht hatte, war er Gründer eines Absicht einen Cocktail aus Medikamenten
Fussballklubs gewesen. geschluckt hatten. ie war weit mehr als nur die Gattin des
Aus Attilio Nisoli, aufgewachsen zusam- Es müsste doch auch in der Schweiz eine ermordeten schwedischen Minister-
men mit mehreren Geschwistern in einem Stelle geben, die in solchen Fällen rund um präsidenten Olof Palme. Sie war eine
Dorf in der Leventina, hätte ein Fussballer die Uhr Auskunft und rasch Handlungs- bekannte Kinderpsychologin, war
mit Aufstiegschancen werden können. Doch anweisungen geben kann, sagte er sich. Vorsitzende des Kinderhilfswerks Unicef und
der junge Mann hatte neben dem Sport – er Nisoli beschäftigt sich gründlich mit Giften, Mitglied einer Kommission zur Aufarbeitung
war auch ein guter Leichtathlet – weitere wie man Vergiftungen vorbeugt und wie man des Genozids in Ruanda. Und doch hat dieser
Ambitionen. Er war begeisterter Militär und sie therapiert. Er weiss vor allem, dass es bei eine Tag im Februar 1986 sie «mehr geprägt
verbrachte eine grossen Teil der Kriegsjahre Vergiftungen schnell gehen muss. Wusste alles über kunftsstelle «Tox Info suisse», hat eine Kurz- als alle anderen», wie sie später einmal sagte.
bei den Gebirgsinfanteristen; als Soldat Er gründet eine Stiftung, holt das Gericht- Gifte: Attilio Nisoli. nummer (145) und die Informationsbeschaf- Lisbet Palme war damals mit dabei, als ihr
zuerst, dann als Offizier. Dass er militärische lich-Medizinische Institut der Universität fung funktioniert elektronisch. Attilio Nisoli Mann nach einem gemeinsamen Kinobesuch
Sportwettkämpfe bestritt, war Ehrensache. Zürich mit an Bord, später auch die Schwei- ist zu Beginn Präsident der Stiftung. Später auf dem Heimweg mit zwei gezielten Schüs-
Nisoli studierte Pharmazie an der ETH und zerische Gesellschaft für Chemische Indus- wird er Ehrenpräsident. Die Universität Lau- sen getötet wurde. Das Paar war ohne Perso-
wurde Apotheker, so richtig geplant hatte er trie. Die Auskunftsstelle mit 24-Stunden-Be- sanne verleiht ihm für sein Engagement die nenschützer unterwegs gewesen. Der
das nicht. «Es hätte auch etwas anderes sein trieb nimmt Ende März 1966 den Betrieb auf. Ehrendoktorwürde. Mörder konnte fliehen, die Tatwaffe wurde
können. Sprachen haben mich interessiert», Noch gibt es keine Kurznummern. Aber die Bis Anfang der neunziger Jahre steht nie gefunden. Der Tod Palmes, des Sozial-
sagte er später einmal. Doch Nisoli wurde ein Telefonnummer 051 32 66 66 gehört fortan Nisoli in seiner Winterthurer Apotheke, als demokraten, der in Schweden die Basis für
ebenso begeisterter Apotheker, wie er ein auf jedes Telefonbuch und ist in Industrie- «Offizin» bezeichnet er selbst die Salben- die Gleichstellung der Geschlechter schuf,
begeisterter Sportler und Militär war. betrieben, in Schulen und Privathaushalten und Pillenwerkstatt. Die Schaufenster hinterliess das Land im Schock. Die Ermitt-
Viele Jahre führt Attilio Nisoli ab 1952 in unmittelbar neben dem Telefon notiert. Am versteht er nicht einfach als Werbebühne. lungen dauern bis heute an, die Akten füllen
Winterthur Wülflingen zusammen mit seiner Anfang sind es knapp zehn Anrufe täglich, Er gestaltet darin Ausstellungen zu unter- 250 Regalmeter.
Frau eine eigene Apotheke. Auch wenn er doch die Zahl steigt schnell. Bald sind es schiedlichen, nicht nur pharmazeutischen Lisbet Palme, die Augenzeugin, hatte fast
in späten Tagen sagte, er sei lebenslang ein 10 000, dann 20 000 und heute gegen Themen. drei Jahre nach der Tat den drogenabhängi-
Tessiner geblieben, so wird er doch zum 40 000 Anrufe im Jahr. Als Informations- Im vergangenen Jahr ist Nisolis Frau gen Kleinkriminellen Christer Pettersson als
Winterthurer. In den fünfziger Jahren ist er und Dokumentationsbasis für die Auskunfts- gestorben. Mit ihr war er fast siebzig Jahre Täter identifiziert. Er wurde im Juli 1989
nicht nur Winterthurer Apotheker, sondern tätigkeit dienen den Ärzten, Pharmazeuten verheiratet, sie hatten zwei Töchter und zwar verurteilt, wenige Monate später aber
auch Spielertrainer des Winterthurer Vor- und Chemikern anfangs eine Handkartei, einen Sohn. Jetzt ist er in einem Winterthu- aus Mangel an Beweisen freigesprochen.
ortsklubs SC Veltheim. Eine Sportverletzung eine Bibliothek, eine Sammlung der handels- rer Pflegeheim gestorben, nachdem ihn die Experten behaupten heute, sie habe sich bei
beendet 1957 seine Aktivkarriere als Fussbal- üblichen Medikamente und ein einfaches körperlichen und geistigen Kräfte nach und Pettersson wahrscheinlich geirrt. Lisbet
ler endgültig. Lochkartensystem. Heute heisst die Aus- nach verlassen hatten. Palme verstarb nach einer Krankheit. (bat.)

Das historische Bild New York, 28. Juli 1925


Einen guten Fotografen zeichnet aus, stets
zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.
Das dachte man auch von Harry Warnecke
von der Zeitung «Daily News», als er mit
seinem grandiosen Schnappschuss aus
der Centre Street in Manhattan in die
Redaktion zurückkam. Das Bild zeigt den
Polizisten James Cudmore, wie er den Ver­
kehr stoppt, damit eine Katze ihr Junges
gefahrlos über die Strasse tragen kann.
Doch Fotograf Warnecke war gar nicht vor
Ort, als die Katze «Blackie» übers Pflaster
schritt. Er erhielt zwar einen Tipp per
Telefon, traf aber zu spät ein. Die Sache
war bereits gelaufen.
Für Warnecke war das kein Grund, auf das
Bild zu verzichten. Er fand heraus, wem das
Tier gehörte, und überredete den Besitzer
sowie Polizist Cudmore, die Szene nachzu­
stellen. Beim ersten Versuch machte
«Blackie» nicht wie gewünscht mit. Irritiert
von den ungeduldig hupenden Autofahrern
überquerte sie die Strasse diagonal. War­
necke bestand auf einer Wiederholung. Die
Zuschauermenge und die Schlange der
Automobile wurde grösser, Cudmores Ner­
vosität auch. Er sei in diesem Moment über­
zeugt gewesen, so erzählte er später, seinen
Job zu verlieren. Nach drei Durchgängen
war das Bild im Kasten, erschien wenig
später in der «Daily News» und ein paar Tage
darauf sogar in der «New York Times».
Und Cudmore? Er erhielt vom Polizeichef
ein Anerkennungsschreiben für seine tier­
freundliche Tat. (fur.)
HARRY WARNECKE / NY DAILY NEWS / GETTY IMAGES
Leserbriefe
NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018

«Innovationen 10 000 multinationale Firmen mit der Kanalisierung künstlich So schreiben Sie uns

PATRICK B. KRAEMER / KEYSTONE


und 49 internationale Organisa­ Minderheiten zu erzeugen, muss
sind gefragt» tionen seien in der Schweiz stattdessen die Lärmverteilung Leserbriefe müssen bis
«Die Schweiz fliegt planlos in die angesiedelt, schreibt Birgit Voigt mit Respekt vor den Menschen Donnerstagmittag eintreffen
Zukunft» im Artikel. Erfreulich. Wozu fair sein. Mit den heutigen tech­ und mit der vollständigen
NZZ am Sonntag vom 14. Oktober sollten nun noch mehr Flug­ nischen Möglichkeiten kann Postadresse des Absenders
Unser Wohlstand stehe auf bewegungen für die Wirtschaft es kein Problem mehr sein, eine versehen sein. Sie sollten sich
dem Spiel, heisst es im Artikel. erforderlich sein, und will man solche Verteilung zu steuern. auf die letzte Ausgabe bezie-
Man könnte meinen, die gesamte bei quasi null Prozent Arbeits­ Manfred Ludwig, hen. Publiziert werden auch
Volkswirtschaft sei abhängig losigkeit weiterhin grenzenlos Oberrohrdorf (AG) Reaktionen, die auf nzz.ch/
vom stetig wachsenden Luftver­ Firmen in die Schweiz locken nzzas , Facebook und
kehr. Als ob die erwähnten und das Land zubauen? Die Es gibt eine einfache Lösung, Twitter erschienen sind.
20 000 Studierenden täglich mit Firmen kamen auch, weil das um das Problem der Kapazität Bearbeitungen sind vor-
dem Flugzeug zur ETH gelang­ Leben in der Schweiz mit den des Flughafens Zürich langfristig behalten.
ten oder unsere Exportleistun­ bestehenden Umweltbedingun­ zu sichern: die Parallelpisten!
gen nur per Flugzeug ihre Desti­ gen lebenswert ist. Welchen Sinn Man muss nur dazu den Mut
nationen erreichten. Gerade an sollte es machen, mit mehr Tou­ aufbringen, der erbarmungs­
der Uni und der ETH beschäftigt ristenflügen mehr Geld in die losen Zensur der «politischen
man sich intensiv mit Nach­ Welt zu schicken? Korrektheit» zu trotzen.
haltigkeit und sieht in der Ansturm von Fluggästen zum Ferienbeginn. (Kloten, 2018) Es ist eine wahnwitzige Idee, Corneliu Constantinescu,
Vermeidung von Flügen einen einen Flughafen in unmittelba­ Benglen (ZH)
wichtigen Bereich. rer Stadtnähe und in einer dicht­
Nach den Terroranschlägen Umwelt nicht Schaden leidet. Bevölkerung sehr früh morgens besiedelten Region rücksichtslos Schreiben Sie an:
von 9/11 im Jahre 2001 brach Innovationen sind gefragt und zu wecken und abends nicht zu einem übergrossen Hub aus­ «Was denken NZZ am Sonntag,
Leserbriefe,
weltweit die Luftverkehrsindus­
trie zusammen, und es dauerte
nicht zusätzliche Anreize für
umweltschädigendes Verhalten.
einschlafen zu lassen. Von einer
siebenstündigen Nachtruhe ist
bauen zu wollen. Dabei wird
immer wieder das Argument der
Lehrerinnen?» Postfach,
Jahre, bis sie das Niveau von Umweltsünder sollen die wahren im Süden des Flughafens Zürich Kanalisierung des Fluglärms «Gesucht: Lehrer, männlich» CH-8021 Zürich.
vorher wieder erreicht hatte. Kosten ihres Verhaltens über­ seit 2003, sprich seit 15 Jahren missbraucht. Das ist beliebt bei NZZ am Sonntag vom 14. Oktober leserbrief.sonntag@nzz.ch
In dieser Zeit verzeichnete die nehmen. Fast 20 Prozent des keine Rede mehr. Frau Voigt Politik, Bazl und Flughafen. Mit Ich verfolge die Erziehungs­
Schweizer Wirtschaft kaum Schweizer CO2­Ausstosses ist sieht den Wohlstand in Gefahr der Frage an die Bevölkerung, serie mit grossem Interesse.
einen Rückgang. Auch das dem Luftverkehr zuzuordnen. und stuft hierbei die Wirtschaft ob die Routen kanalisiert werden Danke für eure Gedanken. Im
Grounding der Swissair hinter­ Im Grossraum Zürich leiden höher ein als die Bedürfnisse der sollen, lässt sich leicht eine vierten Teil werden drei Fach­
liess in den Statistiken der täglich über eine viertel Million Bevölkerung auf Ruhe und eine Zustimmung von 80 oder 90 männer vorgestellt. Das ist okay,
Arbeitsplätze und des Wirt­
schaftswachstums nicht die
Menschen an Lärmimmissionen
durch Flugzeuge ab sechs Uhr
intakte Umwelt. Sie ist damit
mit dem Bundesamt für Zivil­
Prozent erreichen. Diese Frage­
stellung ist jedoch unlauter. Sie
aber: Wo ist die Meinung meiner
Kolleginnen, mit denen ich mehr
Unser Newsletter
geringsten negativen Spuren. morgens bis kurz vor Mitter­ luftfahrt in guter Gesellschaft. müsste viel eher heissen: Sind als 40 Jahre an der Primarschule Stimmt Sie schon am Freitag aufs
Die wahre Herausforderung nacht. Dass neue Flugzeuge Edi Rosenstein, Präsident Sie für eine Kanalisierung der unterrichtet habe? Wie denken Wochenende ein. Jetzt anmelden!
unserer Wirtschaft ist es, die leiser sind als alte, mag stimmen, Verein Flugschneise Süd – Nein, Routen, wenn diese direkt über Lehrerinnen über das Thema? nzz.as/newsletter
Zukunft so zu gestalten, dass die sie sind aber laut genug, um die Fällanden (ZH) Ihre Wohnung führen? Anstatt Hanspeter Masina, Appenzell

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NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018
25

Zeitversetztes Fernsehen Umkämpfte Erfolgsprämie


Werbeeinnahmen in Gefahr: Novartis und Helsana streiten
TV-Sender wehren sich gegen um erfolgsabhängige Preise für
die Replay-Funktion 27 teure Therapien 31

Für die Swatch Group

CHRISTIAN BEUTLER / KEYSTONE


ist die Börsenäquivalenz
irrelevant. Auch Bâloise
und Geberit erwarten
keinen Einfluss auf
die Handelsliquidität.

Grossbritannien gehandelt werden. Heinz


Zimmermann, Professor für Finanzmarkt-
theorie an der Universität Basel, ist der An-
sicht, dass es für Blue Chips und kleinere
Unternehmen kein Problem wäre, falls der
Handel aus dem Ausland eingestellt würde.
«Bei den grosskapitalisierten Konzernen hat
es genügend Liquidität, für kleine börsen-
kotierte Firmen ist die Nachfrage im Ausland
gering. Einzig für die mittelgrossen Unterneh-
men könnte es schwieriger werden.» Zimmer-
mann weist darauf hin, dass die Aktien von
mittelgrossen Firmen in den vergangenen
Jahren besser abschnitten als jene der Gross-
unternehmen – und vermehrt auch auf die
Aufmerksamkeit von ausländischen Investo-
ren gestossen sind. Falls Ausländer diese Titel
nicht mehr in der Schweiz kaufen dürften,
könnte die Liquidität darunter leiden.
Für die Swatch Group ist die Frage der
Börsenäquivalenz irrelevant. Ein Entzug der
Anerkennung des Schweizer Börsenplatzes
würde die EU selber treffen, teilt das Bieler
Unternehmen mit. «Die Investoren wären da-
von überhaupt nicht tangiert», sagt der Spre-
cher. Auch bei der Bâloise-Versicherungs-
gruppe ist die Börsenäquivalenz ohne Bedeu-
tung. Die Bâloise ist nur an der Schweizer
Börse kotiert. Ähnlich tönt es bei Geberit.

Der ominöse Plan B


Um zu verhindern, dass Händler aus dem EU-
Raum Schweizer Aktien künftig nur auf Bör-
senplätzen und Plattformen innerhalb der EU
handeln dürfen, lancierte der Bundesrat den
Plan B: Er will de facto Gleiches mit Gleichem
vergelten. Die Eventualmassnahme des Bun-
desrates sieht vor, dass für ausländische Han-
delsplätze eine zusätzliche Anerkennungs-
pflicht im Schweizer Finanzmarktrecht nötig
wird. Nur auf Handelsplätzen, die durch die
Der Börsenhandel macht bei der Schweizer Börse SIX rund 20% des erwirtschafteten Umsatzes aus. (Zürich, 10. Januar 2018) Schweiz anerkannt sind, darf dann mit
Schweizer Aktien gehandelt werden. Den EU-

Die Schweiz überlebt auch ohne


Handelsplätzen würde diese Anerkennung bei
einem Auslaufen der Börsenäquivalenz – auf-
grund der systematischen Diskriminierung
der Schweizer Börse – verwehrt.

die Anerkennung aus Brüssel


Nach EU-Recht müssen bei «ungenügender
Liquidität» Händler dort Aktien kaufen, wo
die «beste Ausführung» garantiert wird. Das
ist der Heimmarkt. Das heisst, EU-Händler
müssten Schweizer Aktien wieder über die
SIX handeln – auch wenn die Europäische

Die EU droht, die Schweizer Börse vom europäischen Handel Union die Schweizer Börse als nicht äquiva-
lent anerkennt.
Aus Schweizer Sicht stellt sich zudem die
auszuschliessen. Warum das kein Weltuntergang wäre. Von Pierre Weill Frage, wie sie ihren Plan B durchsetzen kann,
wenn sich Börsenplätze oder Individuen im

D
Ausland nicht an das Handelsverbot halten.
ie wirtschaftliche und finanzielle Zu- Kauf- und Verkaufspreisen ausgeführt. Über also frühestens ab April 2019, wie gewohnt Experten sind überzeugt, dass allein eine dro-
kunft der Schweiz hängt davon ab, die Hälfte des Handelsumsatzes mit Schwei- Aktien in der Schweiz kaufen und verkaufen. hende Strafklage mit allfälligem Strafrechts-
ob die EU die Schweizer Börse als zer Blue Chips stammt von Aktienhändlern Das heisst, ohne Börsenäquivalenz würden eintrag eine abschreckende Wirkung hätte.
gleichwertig anerkennt oder nicht. aus der EU, sagt Julian Chan von SIX, der Be- höchstwahrscheinlich nur Händler aus der EU Die Schweizerische Bankiervereinigung geht
Wer in den vergangenen Wochen und Mona- treiberin der Schweizer Börse. Von diesem ohne Grossbritannien betroffen. davon aus, dass die Eventualmassnahme des
ten die Diskussion um die Verhandlungen der Teil stammt wiederum die Mehrheit aus Im Jahr 2017 stammten rund 20% des Han- Bundesrates greifen würde. Der Zugang zur
Schweiz mit der EU über ein Rahmenabkom- Grossbritannien. delsumsatzes an der SIX mit Schweizer Blue Schweizer Börse bliebe so auch für internatio-
men verfolgt hat, könnte zumindest leicht zu Falls London sich nach dem Brexit nicht der Chips aus der EU ohne Grossbritannien. Dies nale Marktteilnehmer weiter offen. Dadurch
diesem Schluss kommen. Die Realität sieht Finanzmarktaufsicht der EU unterstellt, dürf- ist ein bedeutender Teil, aber für den Finanz- hätten auch EU-Investoren weiterhin einen
anders aus. Falls die EU der Schweiz die ten Händler in London nach dem EU-Austritt, dienstleister keinesfalls existenzbedrohend. direkten Zugang zum Liquiditätspool an der
Börsenäquivalenz nicht gewährt, würde da- SIX verdient nämlich auch Geld mit Zahlungs- Professor Heinz Schweizer Börse.
durch die Existenz der Schweizer Börse kei- verkehr (Bancomat, Abwicklung usw.), Zimmermann zeigt Professor Zimmermann ist skeptisch und
nesfalls bedroht. Schweiz spielt bei den Grossen mit Finanzdatenvermittlung und Debitkarten. sich skeptisch. fragt sich, ob der Begriff der «ungenügenden
Anerkennt die EU die Schweizer Börsen- Deshalb macht der gesamte Börsenhandel Liquidität» klar definiert sei. Er sieht juristi-
richtlinien nicht definitiv, dürfen Aktienhänd- Handelsvolumen der grössten weniger als 20% des erwirtschafteten Umsat- sche Risiken. Falls es zu einem Gerichtsfall
ler und Investoren aus dem EU-Raum ab dem Börsen in Europa (Stand Februar 2018) zes der SIX-Gruppe aus, entsprechend weni- kommt, könnte dies länger Unsicherheit
nächsten Jahr keine Wertschriften auf Platt- ger der erwirtschaftete Umsatz mit dem Han- schaffen. Zudem hätten die alternativen Han-
formen in der Schweiz mehr kaufen. Zwar be- 476 del von Schweizer Aktien aus dem Ausland. delsplattformen ihren Sitz vorwiegend in Lon-
stätigte die zuständige EU-Behörde die tech- Mrd. $ Im Handel mit den Blue Chips weist SIX don, würden also bei einem Brexit von
nische Gleichwertigkeit der Schweizer Bör- 401 einen Marktanteil von 70% auf, der Rest wird Schweizer «Bann» gar nicht betroffen.
senregulierung, doch will die EU aus politi- über Multilaterale Trading Facilities (MTF) ge- Noch hat die EU nicht entschieden, ob sie
343
schen Gründen diese auf Ende Jahr begrenzte tätigt. Diese von Banken und anderen Finanz- der Schweiz die Börsenäquivalenz ab dem
Anerkennung nicht weiter gewähren, falls die dienstleistern betriebenen Handelsplattform nächsten Jahr entziehen will. Der Bundesrat
Verhandlungen zum Rahmenabkommen sta- ermöglichen beispielsweise auch Wertpapier- wird bei einem negativen EU-Entscheid seine
gnieren oder gar scheitern. käufe und -verkäufe von Kunden intern abzu- Schutzmassnahme für den Finanzplatz
187
wickeln, was effizienter ist, als über eine kon- Schweiz beschliessen und auf den 1. Dezem-
Liquider Heimmarkt ventionelle Börsenplattform zu handeln. ber in Kraft setzen. Wie immer bei protektio-
Der Handel mit Schweizer Aktien an der Die privaten, elektronischen Handelsplatt- nistischen Schritten werden die Folgen sub-
Schweizer Börse ist für Aktienhändler aus formen haben ihren Sitz oft im Ausland. Der optimal sein. Irgendwann werden diese Ein-
dem Ausland beliebt, weil bei diesen Titeln LSE Group Euronext Deutsche SIX Swiss wachsende Marktanteil dieser Wettbewerber schränkungen wieder aufgehoben und der
der Heimmarkt am liquidesten ist. Deshalb Börse AG Exchange führt dazu, dass bereits rund ein Drittel aller freie Markt wird den Marktteilnehmern güns-
wird ein Auftrag normalerweise zu den besten Quelle: Statista 2018 Blue Chips der grossen EU-Handelsplätze in tigere Lösungen ermöglichen.
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NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018
Wirtschaft 27

Neuer Angriff auf das zeitversetzte Fernsehen


TV-Sender wollen im Nationalrat Einschränkungen erreichen – der Konsumentenschutz wehrt sich
Jürg Meier Zustimmung der Fernsehstatio- zieht ebenfalls deutlich Stellung.

ALAMY
nen verlangte. Doch nach einer «Wir lehnen eine solche Ände-
Das zeitversetzte Fernsehen ist Protestwelle kippte die Kommis- rung des Urheberrechtsgesetzes
ein Segen für Schweizer Konsu- sion den Passus wieder. Doch die ab», sagt der stellvertretende
menten: Sie müssen Sendungen TV-Sender gaben nicht auf und Direktor Henrique Schneider. Die
bei TV-Anbietern wie Swisscom betrieben weiter «intensives Lob- TV-Sender würden für die Bereit-
oder UPC (der früheren Cable- bying», wie ein Parlamentarier stellung des Signals entschädigt.
com) nicht live sehen. Sie können hinter vorgehaltener Hand sagt. «Es kann nicht sein, dass sie auch
diese mehrere Tage später in Ru- noch bestimmen, wie dieses
he anschauen – egal, ob es sich Auch bei KMU beliebt Signal genutzt werden darf.»
um die Lieblingsserie auf RTL Die Konsumentenschützerin Sara Laut Schneider ist das zeit-
oder einen Federer-Match auf Stalder ist überrascht vom erneu- versetzte Fernsehen auch bei vie-
SRF handelt. ten Angriff. «Die TV-Sender sind len kleinen und mittelgrossen
Die Replay-Funktion ermög- sich offenbar nicht bewusst, wie Firmen beliebt. «Hotels, Gastro-
licht aber nicht nur das zeitver- stark sie mit ihrem Vorgehen betriebe oder Zahnarztpraxen
setzte Fernsehen. Sondern auch gegen das Replay-TV die Zu- können so attraktive Fernsehpro-
das Vorwärtsspulen. Und damit schauer verärgern», sagt sie. Und gramme laufen lassen.» Anstatt
das Überspringen der Fernseh- sie kündet an: «Sollten die Sender morgendliche Dauerwerbesen-
werbung. Für die Fernsehkanäle mit diesem Antrag durchkom- dungen gibt es attraktive Serien
ist das ein grosses Ärgernis. men, werden wir alle Hebel in Be- vom Vorabend zu sehen.
Die Sender haben nun einen wegung setzen, das zeitversetzte Diese Möglichkeit würde ihnen
erneuten Angriff auf die Funktion Fernsehen zu bewahren.» laut Schneider mit der Gesetzes-
gestartet. Der Kampf tobt diesmal Dabei kann der Konsumenten- änderung genommen. Der Ge-
in der Rechtskommission des schutz mit Unterstützung aus der werbeverband wird den Kommis-
Nationalrats. Sie berät derzeit die Wirtschaft rechnen. Der Schwei- sionsmitgliedern seine Haltung in
Revision des Urheberrechts. An Die Lieblingssendung dann schauen, wenn man möchte: Kinder vor dem Fernseher. zerische Gewerbeverband be- einem Brief klarmachen.
der Sitzung nächste Woche steht
offenbar ein Antrag auf der Trak-
tandenliste, der weitreichende bezahlen bereits heute viel Geld ANZEIGE
Folgen haben würde. für ihr TV-Angebot.»
Gemäss dem Antrag dürften Laut einem von der IRF ver-
Telekomanbieter wie Swisscom fassten Papier führt die Spulmög-
oder UPC zwar noch zeitversetz- lichkeit aber zu hohen Verlusten
tes Fernsehen anbieten. Dies je- im rund 800 Mio. Fr. schweren
doch «nur noch mit der Zustim- TV-Werbemarkt. 2017 betrugen
mung und unter den Bedingun- diese offenbar 110 Mio. Fr. Die
gen der TV-Sender». Der Inhalt
des Antrags ist einem Schreiben
zu entnehmen, das die Stiftung
Existenz der werbefinanzierten
Sender sei in den nächsten Jahren
bedroht, heisst es weiter – und
Hilft die Hausapotheke oder
der Hausarzt? myGuide
für Konsumentenschutz an die damit die Medienvielfalt.
Kommission gerichtet hat und Laut Konsumentenschützerin
der «NZZ am Sonntag» vorliegt. Sara Stalder wäre es «natürlich

hilft bei der Entscheidung.


nicht im Interesse der Zuschauer,
Der zweite Anlauf wenn aufgrund der Replay-Funk-
«Die TV-Sender könnten so die tion die Qualität und Vielfalt des
Art und Weise definieren, wie das TV-Programms leiden würde».
zeitversetzte Fernsehen genutzt Nur: «Es gibt keine Zahlen, die
wird», warnt Konsumentenschüt- einen solchen Effekt belegen.»
zerin Sara Stalder. Die Folge Die Werbeeinnahmen im TV-Be-
wären deutliche Einschränkun- reich sind seit mehreren Jahren
gen. So dürften es die TV-Sender stabil (siehe Grafik).
laut Stalder wohl verbieten, die Die TV-Sender ärgern sich
Werbeblöcke zu überspulen. Und allerdings noch über etwas ande-
sie dürften höhere Abgeltungen res. Sie finden, dass sie einen zu
verlangen. Viele kleinere Anbie- kleinen Teil des Kuchens erhal-
ter, etwa Online-TV-Dienste wie ten. Firmen wie die Swisscom,
Zattoo, könnten es sich laut Stal- Zattoo und andere Streaming-
der nicht mehr leisten, zeitver- Dienste kassierten 2017 von ihren
setztes Fernsehen anzubieten. TV-Abonnenten 51,9 Mio. Fr. für
Wer den Service weiter anbie- die Möglichkeit, Werbung zu
tet, würde wohl die Tarife er- überspringen. Die TV-Sender
höhen. «Konsumenten müssten aber, die die Sendungen bereit
mehr bezahlen», sagt Stalder. stellen, bekämen davon «nur
Die TV-Stationen wiegeln ab. minimale Beträge».
Ihr Standpunkt wird von der In- Der Schweizerische Verband
teressengemeinschaft Radio und der Streaming-Anbieter wider-
Fernsehen (IRF) vertreten, zu der spricht dieser Einschätzung aller-
Sender wie ARD, ZDF, ORF, RTL, dings. Geschäftsführer Alexander
ProSieben, Sat 1 und die SRG ge- Schmid bezeichnet die Zahlen
hören. Die IRF will die laufenden der TV-Stationen als «nicht nach-
politischen Beratungen in der vollziehbar».
Rechtskommission des National- Die Fernsehsender greifen das
rats nicht kommentieren. Sie be- zeitversetzte Fernsehen in die-
streitet aber, dass sie das Replay sem Jahr bereits zum zweiten Mal
einschränken oder gar verbieten an. Einen ersten Versuch starte-
will. Die Sender hätten «ein gros- ten sie im Sommer. Damals
ses Interesse» an dieser Funktion. stimmte die Fernmeldekommis-
Zudem hält ein Sprecher fest, sion des Nationalrates über-
dass sie die Konsumenten nicht raschend einer Regelung zu,
stärker belasten möchte. «Diese welche für Replay-Angebote eine

TV-Werbung mit konstantem Umsatz


Schweizer Werbeumsätze nach Mediengattungen

2 Mrd. Fr. Online2

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1 Daten 2016 nicht mit 2015 vergleichbar 2 Daten 2017 nicht mit 2016 vergleichbar
Quelle: Stiftung Werbestatistik/persoenlich.com
28 Wirtschaft NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018

Pensionskassen

TOM SAATER / BLOOMBERG


sollen grüner
anlegen
Die Klima-Allianz Schweiz
verlangt von den Vorsorgewerken
den Ausstieg aus fossilen
Energieträgern. Doch diesen
ist das zu radikal

Ueli Kneubühler Allianz in Auftrag gegebenen Die Öl-Raffinerie dern. Mehr als 30% der Gelder nicht in neue Auflagen münden. ab – ohne Firmen, die im Öl­, Gas­
Rechtsgutachten bei der Zürcher von Dangote Indus- der Schweizer Pensionskassen Eine Pensionskasse sei einzig und und Kohlesegment tätig sind. In
Fast 900 Mrd. Fr. verwalten die Kanzlei Niederer Kraft Frey gilt tries in der Nähe von sind aktuell in Aktien investiert. alleine den Versicherten Rechen­ den letzten sieben Jahren hat er
rund 1700 Pensionskassen in der die treuhänderische Sorgfalts­ Lagos soll eine der Die Forderungen stammen schaft schuldig, so Fuchs. Ähn­ durchschnittlich 10,85% zugelegt
Schweiz. Das entspricht weit pflicht auch für Klimarisiken. Das grössten der Welt nicht aus der Seide­Wolle­Bast­ lich tönt es beim Pensionskassen­ und den Mutter­Index um jähr­
mehr als der jährlichen Wirt­ heisst übersetzt: Pensionskassen werden. (Nigeria, Ecke. Frankreich zum Beispiel verband Asip. Es sei falsch, den lich knapp 1% outperformt.
schaftsleistung des Landes. Die­ müssen sich abzeichnende Ver­ Lagos, 5. Juli 2018) hat in einer Gesetzesänderung Kassen vorzuschreiben, nur noch Eindrücklicher ist der Blick auf
ses Vorsorgekapital müssen die luste auf den Anlagen in Unter­ institutionelle Anleger verpflich­ in Titel zu investieren, die als einzelne Titel. Der US-Leitindex
Kassen sicher und mit anstän­ nehmen der fossilen Energien tet, Klimathemen obligatorisch klimaverträglich qualifiziert wer­ Dow Jones distanzierte über die
diger Rendite anlegen. aufspüren und vermeiden. offenzulegen. Im Schweizer Par­ den, so Asip­Direktor Hanspeter letzten zehn Jahre die im Dow
Die Anlagestrategien der Vor­ lament ist ein Strauss entspre­ Konrad. gelisteten Öl­Titel Chevron und
sorgeeinrichtungen stehen unter 30 Prozent in Aktien chender Vorstösse pendent. Exxon Mobil um ein Vielfaches
Öl-Aktien abgehängt Bessere Performance
besonderer Beobachtung. Das Laut Klima­Allianz geschieht dies Zuerst folge jetzt aber die EU, (siehe Grafik).
Volksvermögen soll moralisch noch zu wenig. Pensionskassen Dow Jones und die Aktien von sagt Sandro Leuenberger, Pro­ Doch ist der öffentliche Druck Dürften Pensionskassen nicht
und ethisch bedenkenlos ange­ müssten jetzt handeln, den Exxon Mobil und Chevron in jektleiter Klima­Allianz Schweiz. zur Berücksichtigung von Klima­ mehr in Öl­ oder Kohlefirmen
legt werden. Aktien von Waffen­, Klimawandel in ihre Anlagestra­ den letzten zehn Jahren «Die Richtlinien sind in Ausarbei­ risiken bei Pensionskassen gross. investieren, wären ihnen aber
Rüstungs­ oder Tabakherstellern tegie integrieren und sich ernst­ tung. Schweizer Pensionskassen So investieren zum Beispiel Pu­ Produkte verwehrt, die Indizes
sind verpönt. Und auch den CO2­ haft mit der Umschichtung ihrer 300 Indexpunkte (15. 10. 2008 = 100) werden sich dem Prozess nicht blica und BVK, die beiden gröss­ wie den Dow Jones abbilden.
Abdruck sollen die Kassen mög­ Wertschriften befassen, sagt entziehen können.» ten Pensionskassen des Landes, Denn oft sind darin Aktien aus
lichst klein halten. Anlagen in Öl, Christian Lüthi, Geschäftsleiter Dow Jones In der Branche stossen die For­ sowie die Genfer Pensionskasse der Ölbranche gelistet. Für grosse
250
Kohle oder Gas sollen sie daher der Klima­Allianz. «Nur so kön­ derungen auf Wohlwollen. «Dass nicht mehr in Kohleproduzenten. Pensionskassen seien Anbieter
vermeiden. Das fordert die Klima­ nen Rentenverluste aufgrund von 200 Klimarisiken berücksichtigt wer­ «Wenn die Rendite damit höher bereit, passende Pakete zu kreie­
Allianz Schweiz, der 75 Organisa­ Fehlinvestitionen in veraltete fos­ den, ist mehr als ein Trend und sein sollte, dann ist das natürlich ren, in denen keine Aktien von
Chevron
tionen angehören, darunter der sile Technologien verhindert wer­ 150 soll richtigerweise aufgenommen begrüssenswert», so Fuchs vom Unternehmen vorhanden sind,
VCS, WWF, Pro Natura oder die den». Die Vereinigung beruft sich werden», sagt Markus Fuchs, Ge­ Fondsverband. Indizes ohne ent­ die mit fossilen Energiequellen
jungen Grünliberalen. auf eine Studie des Bundesamts 100 schäftsführer des Fondsverbands sprechende Aktien fossiler Ener­ geschäften, sagt Leuenberger von
Ende 2016 hat die Vereinigung für Umwelt. Sie besagt, dass die Exxon Mobil SFAMA. Bei der Art und Weise der gieträger schneiden tatsächlich der Klima­Allianz Schweiz. Für
ihre Kampagne «Pensionskassen: durchschnittlichen Renten um 50
Umsetzung klaffen die Meinun­ oft besser ab. kleine Pensionskassen ist die
Schluss mit fossilen Investitio­ 2 bis 4% tiefer ausfallen werden, 2008 10 12 14 16 2018 gen allerdings auseinander. Die Der MSCI ACWI ex Fossil Fuel Auswahl allerdings noch be­
nen» lanciert. Nun doppelt sie wenn die Pensionskassen an ihrer Massnahmen sollten nicht als bildet die Kurse grosser und mit­ schränkt, weil sie in der Regel
nach. Laut einem von der Klima­ Aktienanlagestrategie nichts än­ Quelle: Swissquote Zwang verordnet werden und telgrosser Aktien in 47 Ländern fertige Fonds kaufen.

Klimawandel gefährdet deutsche Küsten


Steigt der Meerwasserspiegel wärmung höher ausfällt, steigt delns», so Kemfert. Allerdings hat das möglichst lange Aufrecht­
MICHAEL PROBST / AP / KEYSTONE

weiter an, sind deutsche das Meer nach dem Bericht um die Bundesregierung wieder ein­ erhalten alter Geschäftsmodelle,
bis zu 1,31 Meter. mal die Interessen der Automo­ kritisiert Klimaexpertin Kemfert.
Städte wie Hamburg bedroht.
Nicht nur Südseeinseln wie die bilindustrie vorangestellt. Laut Erst im letzten Jahr verschlech­
Die Politik scheut strengere Malediven würden dann unter hatte diese, an vorderster Front terte sich die Bilanz des Verkehrs­
Auflagen für den Klimaschutz. den Wassermassen verschwin­ Dieselsünder Volkswagen, mit sektors erneut durch eine stei­
Susanne Ziegert, Berlin den, auch an der Nord­ und Ost­ dem Abbau von 100 000 Arbeits­ gende Zahl von Autos auf den
see sind ganze Landstriche, die plätzen bei einer strengeren Rege­ Strassen und mehr Lastwagen­
Mit eindringlichen Worten hatte fünf Meter unter dem Meer­ lung gedroht. Dabei hat gerade fahrten durch die florierende
der Weltklimarat vor den Folgen wasseranstieg liegen, nicht mehr der Verkehrssektor Verspätung Konjunktur. Auch in der Industrie
einer ungebremsten Erderwär­ sicher. Sturmfluten und Über­ im Klimafahrplan. führte die höhere Produktion zu
mung gewarnt. Ein entschiede­ schwemmungen würden die Küs­ Die Bundesrepublik wird des­ steigenden Abgaswerten.
nes Handeln sei notwendig, um ten unbewohnbar machen, eben­ halb das selbst gesetzte Ziel ver­ Dagegen liegt die Abfallwirt­
den Temperaturanstieg bis Ende so wie zahlreiche Inseln. Bis 2010 fehlen, die Treibhausgasemissio­ schaft auf der Zielgeraden, der
des Jahrhunderts auf 1,5 Grad zu könnten laut dem Bericht rund nen bis 2020 im Vergleich zu Energiesektor schnitt durch einen
limitieren. Nur so liesse sich die 3,2 Millionen Menschen in Nord­ 1990 um 40% zu senken. Nach höheren Anteil erneuerbarer
Zunahme von Naturkatastrophen deutschland ihr Zuhause verlie­ den jüngsten Prognosen wird Energien besser ab. In der Ener­
und Extremwetterlagen ein­ ren. Städte wie Hamburg oder stattdessen nur eine Absenkung giebranche ist das Einsparpoten­
schränken, die ganze Landstriche Cuxhaven sind von den Wasser­ um 32% erreicht. Damit gibt zial auch künftig hoch, denn noch
entvölkern würden. massen bedroht. Extreme Gewit­ Hafen von Hamburg: Der Wasserspiegel ist bereits angestiegen. Deutschland zugunsten lautstar­ immer sorgt sie für ein Viertel der
Auch in Deutschland drohen ter, Stürme und Dürre mit gigan­ ker Lobbygruppen seine Vorrei­ Treibhausgase. Nur mit einem
dramatische Auswirkungen im tischen Waldbränden wie in die­ terrolle im Umweltschutz auf. zügigen Ausstieg aus der Verstro­
Fall einer stärkeren Erwärmung. sem Sommer drohen in den süd­ der Treibhausemissionen bis «Überdies sollte eine Elektro­ 1990 hatte das Land als weltweit mung von Kohle wäre es laut dem
Nach einem unveröffentlichten licheren Landesteilen. 2030 um 40%, die viele Länder auto­Quote von 25% aller neu erstes die Förderung erneuer­ Institut für Wirtschaftsforschung
Bericht des Deutschen Bundes­ Politische Konsequenzen aus gefordert hatten. Am Ende liess zugelassenen Fahrzeuge ab 2025 barer Energien durch eine Ein­ möglich, das langfristige Klima­
tages könnte an der Nord­ und dieser Erkenntnis hat die Bundes­ sich der einstige Umweltpionier sowie 50% ab 2030 eingeführt speisevergütung eingeführt und ziel für 2030 zu erreichen. Eine
Ostsee ein ganzer Küsten­ regierung allerdings bisher nicht nur auf Druck der Verhandlungs­ werden», fordert Kemfert. Die setzte seine Energiewende um, Regierungskommission berät nun
abschnitt unbewohnbar werden. gezogen. Gerade betätigte sich partner auf eine Absenkung um Folgen des Klimawandels werden doch der Elan hat nachgelassen. über das Ende des Kohleabbaus.
Seit 1990 ist der Meerwasser­ die deutsche Umweltministerin 35% ein. «Um das 1,5-Grad­Ziel zu sich für Deutschland bis Mitte des «Die Energiewende ist erfolg­ Doch die IG Bergbau Chemie,
spiegel demnach bereits um 20 Svenja Schulze (SPD) gegen ihre erreichen, hätte man eine weitere Jahrhunderts laut ihren Schät­ reich gestartet, die Investitions­ eine der mächtigsten deutschen
Zentimeter geklettert, selbst bei eigenen Überzeugungen in Brüs­ Reduktion der Grenzwerte um zungen auf 1 bis 5% des Brutto­ kosten erneuerbarer Energien Gewerkschaften, stellt sich da­
einem weiteren Temperatur­ sel als Bremserin bei dem Ent­ 50% beschliessen müssen», kom­ sozialprodukts belaufen. «Die sinken», erklärt Kemfert. «Doch gegen. Auch der Chef des Ener­
anstieg unter zwei Grad schwel­ scheid über die künftigen CO2­ mentiert die Klimaexpertin Clau­ Kosten des Handelns, also des nun schlägt das fossile Imperium giekonzerns RWE drohte mit
len die Ozeane um bis zu einem Werte für Autos. Deutschland dia Kemfert vom Deutschen Insti­ Klimaschutzes, sind deutlich tie­ zurück.» Es gehe um die Konser­ einer Klage. Schlechte Aussichten
halben Meter an. Wenn die Er­ stellte sich gegen eine Absenkung tut für Wirtschaftsforschung. fer als die Kosten des Nichthan­ vierung der Vergangenheit, um für die Küstenbewohner.
NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018
Wirtschaft 29

Versicherer entdecken Gesundheitsmarkt


Axa und Helvetia konkurrenzieren die Krankenkassen. Das könnte zu tieferen Prämien führen
Ueli Kneubühler sundheitsvorsorge bei der Axa. Zusatzverkäufe. Zum anderen

ENNIO LEANZA / KEYSTONE


«Per Ende Jahr wollen wir 35 000 müssen künftig sinkende Prä­
In der informellen Hierarchie der Policen abgeschlossen haben. Bis mieneinnahmen in tragenden
Assekuranzbranche waren die 2020 peilen wir 100000 Kunden Bereichen wie etwa bei der
Krankenversicherungen bisher an.» Im Gegensatz zu Smile Motorfahrzeugversicherung sub­
eher das hässliche Entlein denn Health von Helvetia kreiert Axa stituiert werden. In der Gesund­
der begehrte Schwan. Doch der ihre Produkte selbst, ohne Ko­ heitsbranche sind Wachstum und
Wind beginnt zu drehen – zumin­ operation mit einer Kranken­ Zahlungsbereitschaft ungebro­
dest ein wenig. Eine Handvoll versicherung. Der Vertrieb erfolgt chen, auch wenn die Kranken­
klassischer Versicherer ist in über das eigene Netz. kassenprämien gemäss Gesund­
jüngster Zeit in den Kranken­ Für Axa ist es eine Rückkehr heitsminister Alain Berset im
versicherungsmarkt eingetreten auf bekanntes Terrain. Über Win­ nächsten Jahr bloss um 1,2%
oder hat dies noch vor. care hat die Versicherung bis zu steigen werden. Der langjährige
Letzte Woche war die Reihe an deren Verkauf an Sanitas vor gut Schnitt liegt bei gut 4%.
der Helvetia. Über ihren Online­ 12 Jahren Krankenversicherun­
Kanal Smile (Smile Health) ver­ gen angeboten. Viele bestehende Kunden
kauft sie neu Krankenzusatzver­ «Die Zahlungsbereitschaft für zu­
sicherungen. Die Produkte liefert Wann kommt die Zurich? sätzliche Gesundheitsleistungen
die Krankenkasse Sanitas, mit der Und auch die Zurich­Versiche­ ist gross», sagt Krankenkassen­
bereits eine Vertriebskooperation rung hat den Gesundheitsbereich experte Schneuwly. Das Volumen
besteht. «Wir sehen Potenzial bei im Visier. «Die Menschen leben sei mit 24 Mrd. Fr. fast auf dem
spezifischen Kundengruppen wie heute länger und haben ein Inter­ Niveau der Grundversicherungs­
jungen Neukunden im Alter zwi­ esse daran, dieses längere Leben prämien und steige auch etwa
schen 19 bis 25 Jahren», sagt Pier­ gesund und aktiv zu gestalten», gleich stark.
angelo Campopiano, Chef der sagt Zurich­Schweiz­Chef Juan Die Zusatzversicherungen de­
Smile­Direct­Versicherungen. Hel­ Beer. Hier könne die Zurich eine cken laut einer Studie von Ge­
vetia hat die Digital Natives im aktive Rolle einnehmen. Über das Helvetia forciert mit ihrem Online-Kanal Smile Health das Engagement im Gesundheitsmarkt. sundheitsökonom Pius Gyger im
Visier und dürfte das Angebot engmaschige Agenturnetz könne Auftrag von Comparis aber bloss
nicht eben aus Zufall gerade jetzt man die Kunden mit eigenen Pro­ 22% dieser zusätzlichen Leistun­
lanciert haben. Bis Ende Novem­ dukten oder mittels Kooperatio­ Krankenkassenexperte Felix sondern eher als Innovations­ lichen zwei Gründe verantwort­ gen ab. Es ist also grosses Poten­
ber können die Versicherten die nen mit anderen Anbietern bera­ Schneuwly vom Vergleichsdienst führer. Die Kombination einer lich. Bei einer Sach­ oder Lebens­ zial vorhanden für die neuen
Krankenkasse wechseln. ten und begleiten, sagt Beer in Comparis begrüsst die Bewegung Zusatzversicherung mit einem versicherung beschränkt sich der Player aus der klassischen Ver­
Für Aufsehen hatte im Som­ bestem Marketing­Deutsch. am Markt. «Es ist aus wettbe­ kostenlosen und unabhängigen Kontakt mit den Kunden auf den sicherungswelt.
mer 2017 die Axa gesorgt. Über­ Es würde also nicht erstaunen, werblicher Sicht positiv, dass Wechselservice in der Grund­ Vertragsabschluss, den potenziel­ Es dürfte allerdings heraus­
raschend kündigte das Unterneh­ wenn in absehbarer Zeit auch die andere Versicherer ins Feld der versicherung gebe es so noch len Schadenfall oder die Auszah­ fordernd sein, neue Kunden zu
men an, dass es als erste klassi­ Zurich im Krankenversicherungs­ Krankenversicherer vordringen», nicht, sagt Wolfensberger. Wer lung. Im Krankenversicherungs­ finden. Einerseits fehlt die Tradi­
sche Versicherung nun Kranken­ markt auftauchen würde – wie sagt Schneuwly. «Über kurz oder die Grundversicherung wechseln bereich ist die Interaktion mit den tion, andererseits ist der Wechsel­
zusatzversicherungen verkaufen die anderen aber wohl nur bei lang könnte das zu tieferen Prä­ will, kann die Formalitäten der Kunden viel intensiver. Nicht nur wille nicht sonderlich hoch. Bei
wolle. Mittlerweile habe man den Zusatzversicherungen. Denn mien und neuen Produkten füh­ Axa übertragen. im Krankheitsfall, sondern auch der Axa entfallen 8 von 10 Ab­
27 000 Kunden gewonnen, sagt für die Grundversicherung gelten ren.» Axa beispielsweise sieht Für die Avancen in den Ge­ bei der Prävention. Mehr Kon­ schlüssen für die Zusatzversiche­
Philipp Wolfensberger, Leiter Ge­ strengere Auflagen. sich aber nicht als Preisbrecher, sundheitsmarkt sind im Wesent­ takte erhöhen die Chancen auf rungen auf bestehende Kunden.

DIE POST IST DA.


FÜR ALLE.
Auch wenn’s mal mehr Pakete sind.
Patrick Hug hat ein fotografisches Gedächtnis.
Diese Gabe hilft dem Paketzusteller beim effizienten
Ausliefern der Pakete auf seiner Tour in St. Gallen.

post.ch/patrick
30 NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018

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Quelle: Swiss Fund Data AG E-Mail: helpdesk@swissfunddata.ch


Reihenfolge Fondsinformationen: Fondsname, Rechnungswährung, Konditionen Ausgabe / Rücknahme, Kursbesonderheiten, Inventarwert, Ausgabepreis
oder Börsenschlusskurs (Werte vom Freitag, 19.10.2018, Abweichungen siehe Besonderheiten), Performance 2018 in %, Jahreshöchstwert und Datum

Banque Cantonale
de Genève
Tel. 058 211 21 11
bcge.ch/funds
BLACKROCK ASSET MANAGEMENT SCHWEIZ AG CARMIGNAC SUISSE SA FRANKFURTER BANKGESELLSCHAFT (SCHWEIZ) AG FRANKLIN TEMPLETON SWITZERLAND LTD
Tel. +41 800 08 80 20 Tel. 041 560 66 00, www.carmignac.ch Tel. 044 265 44 44 Tel +41 44 217 81 81
BANQUE CANTONALE DE GENÈVE www.blackrock.com/ch Vertreter in der Schweiz: www.frankfurter-bankgesellschaft.ch www.franklintempleton.ch
Tel. +41 58 211 21 11 – bcge.ch/funds CACEIS (Schweiz) SA

Obligationenfonds Obligationenfonds Geldmarktfonds Strategiefonds Obligationenfonds


Synchrony Swiss Government Bonds CHF 4/3 e 106.13 -2.3 108.88 08.01. BGF AsTigBd A2 USD USD 2/1 el 39.03 -3.9 40.78 16.01. Carmignac Capital Plus A EUR Acc EUR 1/1 e 1149.40 -2.2 1184.86 24.01. FBG CHF Managed CHF 1/1 e 69.61 -3.2 72.54 22.01. Franklin European TR W (Acc) EUR 1/1 b 11.05 -1.6 11.27 08.01.
Aktienfonds BGF FixedIncGlbOpps A2 USD USD 3/1 el 13.91 -0.6 14.20 29.01. Carmignac Sécurité A EUR Acc EUR 1/1 e 1723.68 -1.6 1767.69 24.04. FBG Global Bal. Strategy EUR 1/1 e 48.34 -2.7 50.49 24.01. Franklin GCC Bond W (Mdis) USD 1/1 e 9.69 -4.0 10.13 08.01.
Synchrony All Caps CH A CHF 1/1 e 184.29 -2.9 195.71 03.10. Aktienfonds Obligationenfonds FBG Global Managed CHF 1/1 e 74.88 -1.9 77.54 09.01. Templeton Glb Bond W (Acc) USD 1/1 e 12.01 2.0 12.10 06.08.
Synchrony Emerging Equity A USD 4/3 f 101.51 -14.1 127.76 26.01. BGF Asian Dragon A USD USD 2/1 el 37.06 -19.1 50.23 26.01. Carmignac Unconstr.Glbl Bd A EUR AccEUR 1/1 e 1357.46 -3.2 1429.54 07.02. FBG Global Return Strategy 1 EUR 1/1 e 44.09 -3.4 45.99 09.01. Templeton Glb Bond W (Acc) CHF-H1 CHF 1/1 e 9.88 -0.2 10.08 21.01.
Synchrony Europe Equity A EUR 4/3 f 165.09 -6.2 182.87 22.05. BGF Asian Grwth Lead Fd A2 USD 1/1 e 16.59 -21.4 22.91 26.01. Aktienfonds Templeton Global TR W (Acc) USD 1/1 e 12.42 -0.2 12.75 05.04.
Synchrony High Div. Swiss Stocks A CHF 1/1 e 103.32 -1.3 107.01 09.01. BGF China A2 USD USD 1/1 e 16.48 -20.2 23.78 26.01. Carmignac Comm. A EUR Acc EUR 1/1 e 306.80 -0.6 345.56 17.05. Templeton Global TR W (Acc) CHF-H1 CHF 1/1 e 9.79 -2.4 10.22 21.01.
Synchrony Small & Mid Caps CH A CHF 1/1 e 207.04 -8.5 237.33 19.01. BGF Glbl MA Income Fd A2 USD 1/1 e 13.06 -1.8 13.52 24.01. Carmignac Emerg.Disc. A EUR Acc EUR 1/1 e 1363.52 -11.0 1596.15 26.01. Aktienfonds
Synchrony Swiss Equity CHF 4/3 e 152.76 -0.9 161.79 03.10. BSF EM Eq Strat A2 USD 1/1 e 163.74 -0.0 185.27 25.01. Carmignac Emergents A EUR Acc EUR 1/1 e 756.47 -20.4 981.74 09.01. Franklin India W (Acc) USD 1/1 e 16.94 -23.8 23.12 23.01.
Synchrony US Equity A USD 4/3 e 207.51 4.5 220.14 03.10. BSF EM Flexi Dynamic A2 USD 1/1 e 106.31 -11.0 121.62 01.02. Carmignac Euro-Entrepr A EUR Acc EUR 1/1 e 350.75 -6.0 388.57 23.01. Franklin Lib Q GE SRI UCITS ETF USD 1/1 e 26.23 -3.6 28.83 28.01.
Immobilienfonds BSF Glbl Event Dr A2 USD 1/1 a 110.92 2.8 111.53 03.10. Carmignac Grande Eur. A EUR Acc EUR 1/1 e 193.29 -2.5 210.83 27.07. Franklin Technology W (Acc) USD 1/1 e 21.91 9.3 24.57 29.08.
Synchrony Swiss Real Est FoF A CHF 1/1 a 105.56 -6.4 113.12 04.01. BSF MMAS A2 USD 1/1 e 99.87 -2.5 103.71 02.02. Carmignac Invest. A EUR Acc EUR 1/1 e 1142.39 -5.3 1286.20 25.07. Templeton EM Smaller Co W (Acc) USD 1/1 e 12.76 -16.6 16.11 28.01.
BSF Style Adv A2 USD 1/1 e 101.62 -7.2 112.04 16.04. Strategiefonds Andere Fonds
Strategiefonds Carmignac Emerg.Pat. A EUR Acc EUR 1/1 e 103.88 -13.7 123.94 26.01. Franklin Global Convert Sec W (Acc) USD 1/1 e 11.04 8.9 11.58 14.09.
BGF GlobAll A USD USD 2/1 e 54.87 -4.0 59.60 24.01. Carmignac LS Europ. Eq. A EUR Acc EUR 1/1 e 370.38 3.6 374.29 25.07. Franklin K2 Alternative Strat W (Acc) USD 1/1 e 11.01 0.5 11.23 27.09.
Carmignac Patrimoine A CHF Acc Hdg CHF 1/1 e 104.33 -7.8 117.04 26.01.
Carmignac Patrimoine A EUR Acc EUR 1/1 e 602.40 -7.3 672.65 26.01.

JPMorgan Asset Management (CH) GmbH LLB SWISS INVESTMENT AG PIMCO (SCHWEIZ) GMBH
Tel. +41 44 206 86 00 Tel. +41 58 523 96 70 Tel. +41 44 512 49 10
Weitere Fonds unter: investment@llbswiss.ch www.europe.pimco-funds.com PvB Pernet von Ballmoos AG RESPONSABILITY INVESTMENTS AG
www.jpmam.ch Tel. +41 44 205 51 51 -- www.pvbswiss.com www.responsAbility.com

Obligationenfonds Aktienfonds Obligationenfonds Aktienfonds Andere Fonds


JPM EM Corp Bond A acc USD USD 2/2 e 146.92 -4.5 155.02 12.01. Swiss Opportunity Fund - P CHF 1/1 e 238.24 -7.4 268.64 23.01. Capital Securities Fd Inst acc CHF 2/2 e 14.64 -5.1 15.71 26.01. Nerrick Swiss Equity Fd A CHF 4/4 e 104.58 -4.6 112.12 09.01. rA Fair Agriculture B1 CHF 2/2 b 95.71 -1.8 97.52 28.02.
JPM Flexible Credit Fd A Acc USD USD 4/4 e 15.42 -0.6 15.60 29.01. Diversified Income Inst Hdg CHF 1/1 e 12.93 -3.6 13.43 16.01. PvB Swiss Equity Futures Fund A CHF 1/1 b 102.73 -14.0 118.16 31.01. rA Fair Agriculture B2 EUR 2/2 b 98.36 -1.5 99.95 28.02.
JPM Income Opp A(Perf)acc CHF (h) CHF 3/1 e 97.39 -0.9 98.52 29.01. Emerging Local Bond Inst Unhdg CHF 1/1 e 8.83 -7.4 9.96 19.04. Immobilienfonds rA Micro and SME FF B USD 4/1 b 159.43 3.1 159.43 28.09.
Aktienfonds Euro Bond Inst Hdg CHF 1/1 e 33.50 -0.5 33.93 04.04. Synchrony Swiss Real Est FoF A CHF 1/1 a 105.56 -6.4 113.12 04.01. rA Micro and SME FF H CHF CHF 4/1 b 124.90 0.7 124.90 28.09.
JPM Asia Growth A acc-USD USD 2/2 el 27.20 -14.7 34.48 26.01. Global Bond Inst Hdg CHF 1/1 e 32.07 -2.2 32.81 08.01. Synchrony Swiss Real Est FoF I CHF 1/1 a 96.32 -5.1 102.62 03.05. rA Micro and SME FF H EUR EUR 4/1 b 140.25 1.0 140.25 28.09.
JPM EM Opportunities A acc USD USD 4/4 el 265.94 -13.3 335.20 26.01. Global Inv Grade Credit Inst Hdg CHF 1/1 e 16.37 -3.8 17.02 08.01. Alternative Investments
JPM Euroland Dyn A(Perf)acc EUR EUR 4/4 e 223.59 -8.4 259.79 22.01. Income Fund Inst (Hdg) acc CHF 2/1 e 11.04 -2.8 11.38 08.01. PvB Andante - Emg Mkts K (CHF) CHF 2/1 bf 11126.95 -9.1 12757.40 31.01.
JPM Europe Dynamic A acc-EUR EUR 2/2 el 22.15 -7.6 25.13 29.01. Mortgage Opportunities Inst Hdg CHF 4/4 e 10.06 -1.6 10.11 08.06. PvB Andante - Emg Mkts K (USD) USD 2/1 bf 14525.80 -7.5 16330.95 31.01.
JPM Europe Eq A acc-EUR EUR 2/2 el 17.54 -6.0 19.41 24.01. Total Return Bd Inst Hdg CHF 1/1 e 10.72 -4.7 11.24 03.01. PvB Andante - Global K (CHF) CHF 2/1 bf 10879.70 -0.1 11146.75 31.01.
JPM Europe Eq Plus A(Perf)acc EUR EUR 2/2 el 16.11 -6.0 17.86 22.05. Aktienfonds PvB Andante - Global K (USD) USD 2/1 bf 13853.90 1.8 13928.65 31.01.
JPM Europe Tec A acc-EUR EUR 2/2 el 41.72 1.7 46.67 14.06. MLP & Energy Infrastructure Inst acc USD 2/1 e 8.51 6.6 9.14 10.08. Andere Fonds
Strategiefonds PIMCO RAE Fdtl PLUS EM Inst acc USD 4/4 e 12.25 -12.4 15.62 26.01. PvB Asset-Backed Securities Fund A USD 2/3 b 3712.95 1.6 3712.95 28.09.
JPM Global Income A div CHF (h) CHF 3/1 el 113.18 -3.8 119.25 24.01. PIMCO RAE Fdtl PLUS Gbl Dev Inst accUSD 4/4 e 15.06 -2.0 16.49 26.01. PvB Asset-Backed Securities Fund I CHF 2/3 b 1520.75 -0.7 1541.26 31.01.
JPM Global Macro Op A Acc CHF CHF 4/4 el 111.77 -4.1 123.46 19.01. PIMCO RAE Fdtl PLUS US Inst acc USD 4/4 e 17.38 3.2 18.32 21.09. PvB Asset-Backed Securities Fund I USD 2/3 b 1695.09 2.2 1695.09 28.09.
Strategiefonds PvB Asset-Backed Securities Fund S USD 2/3 b 242.30 1.6 242.30 28.09.
Global Multi-Asset Inst acc USD 1/1 e 16.76 -1.8 17.84 26.01.

Erklärung Indizes
Konditionen bei der Ausgabe und Rücknahme von Anteilen:
Die erste Ziffer verweist auf die Konditionen bei der Ausgabe von Anteilen:
1. keine Ausgabekommission und/oder Gebühren zugunsten des Fonds (Ausgabe erfolgt zum Inventarwert)
2. Ausgabekommission zugunsten der Fondsleitung und/oder des Vertriebsträgers
SCHRODER INVESTMENT MANAGEMENT
(kann bei gleichem Fonds je nach Vertriebskanal unterschiedlich sein)
(SWITZERLAND) AG, LUX-SICAV 3. Transaktionsgebühr zugunsten des Fonds (Beitrag zur Deckung der Spesen bei der Anlage neu zufliessender Mittel)
www.schroders.ch, Tel. 0800 8 4444 8 WYDLER ASSET MANAGEMENT AG 4. Kombination von 2) und 3)
contact@schroders.ch www.wydlerinvest.ch 5. Besondere Bedingungen bei der Ausgabe von Anteilen
Die zweite, kursiv gedruckte Ziffer verweist auf die Konditionen bei der Rücknahme von Anteilen:
Obligationenfonds Obligationenfonds 1. keine Rücknahmekommission und/oder Gebühren zugunsten des Fonds (Rücknahme erfolgt zum Inventarwert)
Em Mkts Dbt Ab Return A Acc USD 2/2 e 26.89 -4.7 29.32 25.01. Wydler Global Bond Fund CHF 1/1 e 122.31 -3.7 129.25 23.01. ANLAGEFONDS – 2. Rücknahmekommission zugunsten der Fondsleitung und/oder des Vertriebsträgers
(kann bei gleichem Fonds je nach Vertriebskanal unterschiedlich sein)
EURO Corporate Bond A Acc EUR 2/2 e 22.08 -1.4 22.49 23.01. Aktienfonds
3. Transaktionsgebühr zugunsten des Fonds (Beitrag zur Deckung der Spesen beim Verkauf von Anlagen)
Gl Cred.Dur.Hgd A Acc EUR 2/2 e 111.43 -1.8 114.47 05.02. Wydler Global Equity Fund CHF 3/3 a 226.42 -2.4 247.34 08.05. TRANSPARENTE UND 4. Kombination von 2) und 3)
Global Corporate Bond A Acc USD 2/2 e 10.98 -2.3 11.25 08.01. 5. Besondere Bedingungen bei der Rücknahme von Anteilen
Strategic Bond A Acc USD 2/2 e 145.44 0.4 149.09 06.03. BEWÄHRTE FINANZ-
Besonderheiten:
Aktienfonds a) wöchentliche Bewertung
Emerging Markets A Acc USD 2/2 e 14.30 -14.3 18.23 29.01.
PRODUKTE. MEHR UNTER: b) monatliche Bewertung
c) quartalsweise Bewertung
European Large Cap A Acc 248.05 -5.0 275.31 23.01.
European Value A Acc
EUR 2/2 e

EUR 2/2 e 62.84 -5.8 70.21 24.01.


WWW.SWISSFUNDDATA.CH d) keine regelmässige Ausgabe und Rücknahme von Anteilen
e) Vortagespreis
Gl Climate Change Eq A Acc USD 2/2 e 14.04 -5.7 15.80 25.01. f) frühere Bewertung
Global Energy A Acc USD 2/2 e 17.42 6.2 19.16 22.05. g) Ausgabe von Anteilen vorübergehend eingestellt
h) Ausg. und Rückn. von Anteilen vorübergehend eingestellt
Global Equity A Acc USD 2/2 e 25.37 -0.1 27.37 29.01.
i) Preisindikation
Middle East A Acc USD 1/1 e 11.38 -5.5 12.90 25.01. l) in Liquidation
Swiss Equity Opp. A Acc CHF 2/2 e 182.49 -9.8 208.67 24.01. x) nach Ertrags- und/oder Kursgewinnausschüttung
Swiss S&M Cap Equity A Acc CHF 2/2 e 45.14 -5.8 50.41 24.01. Wertangaben ohne Gewähr
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Erscheinungsdatum
18. November
Titel
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NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018
Wirtschaft Hochpreis-Medizin 31

Geld soll es nur bei Heilung geben Fokus auf


innovative
Novartis propagiert, die Bezahlung teurer Therapien an ihren Erfolg zu knüpfen. Medizin
Krankenkassen sind interessiert – aber zu ihren Bedingungen. Von Birgit Voigt
Der Pharmakonzern Novartis

T
erneuert sich mittels gezielter
eenager Emily Whitehead

SEAN SIMMERS / THE WASHINGTON POST / GETTY IMAGES


Zukäufe und sieht sich nahe
feiert gerade Geburtstag
für ihr zweites Leben. Im an seiner «definitiven» Form.
Oktober 2011 erhielt das
damals an einer relativ seltenen, Novartis legte letzte Woche gute
aggressiven Leukämie erkrankte 9-Monats-Zahlen vor mit einem
Kind nach erfolglosen Chemo- 5%igen Umsatzwachstum und
therapien eine letzte Chance. 7% mehr Betriebsgewinn. Die
Ärzte entnahmen ihr T-Zellen, Kosten für eine teure Rückruf-
veränderten sie gentechnisch aktion von Alcon hat Novartis
und spritzten sie zurück in Emilys dafür allerdings herausgerechnet.
Körper. Die aufgerüsteten Killer- Dazu präsentierten die Basler
Zellen machten mit dem Blut- einen weiteren Firmenkauf. Für
krebs kurzen Prozess. Die inzwi- 2,1 Mrd. $ übernimmt der Kon-
schen 13-jährige Emily ist bis heu- zern die Firma Endocyte. Novar-
te gesund geblieben. tis-Chef Vas Narasimhan sagte
Die futuristisch anmutende dazu, Endocyte solle mit einer
Methode wird inzwischen gegen weiteren, Anfang 2018 gekauften
zwei Formen von Blutkrebs ein- Firma namens Advanced Accele-
gesetzt und kommt nach den USA rator Application (AAA) zusam-
und der EU nun in die Schweiz. mengelegt werden. Beide haben
Swissmedic hat einen Antrag auf sich auf die Bekämpfung von
Zulassung von Novartis erhalten. Krebs mittels Präzisions-Strah-
So bahnbrechend diese indivi- lentherapien spezialisiert.
duell für jeden Patienten angefer- Strahlentherapien sind uralte
tigte Behandlung ist, so proble- Methoden, die früher auch viel
matisch sind die Kosten, die da- gesundes Gewebe zerstörten.
mit einhergehen. In den USA for- «Die neuen Ansätze wirken ganz
dert Novartis je nach Indikation gezielt», versichert Narasimhan.
umgerechnet zwischen 370 000 Novartis will dank dem erwor-
und 475 000 Fr., auch in Deutsch- benen Wissen ein Schwerpunkt-
land und UK liegt der Preis unge- gebiet aufbauen. Eine erste soge-
fähr gleich bei 370 000 Fr. Für die nannte Radioliganden-Therapie
Schweiz dürfte der Konzern ähn- hat der Pharmakonzern lanciert.
liche Vorstellungen haben. Dazu Und innert weniger Jahre soll eine
kommen noch happige Spital- weitere gegen Prostatakrebs zum
kosten, weil die Patienten inten- Einsatz kommen. Narasimhan
siv betreut werden müssen. Die Vorzeigepatientin: Emily Wie die Therapie namens Kym- lung schon fällig wurde, wenn über den Preis einen gewissen zitiert Schätzungen, wonach Be-
Novartis rechtfertigt den Preis Whitehead wurde 2011 als riah in der Schweiz vergütet wer- das Mittel nach kurzer Zeit an- Hebel. In Grossbritannien hat der handlungen gegen Prostatakrebs
mit den hohen Investitionen so- erstes Kind mit der neuartigen den soll, ist Gegenstand von schlug. So eine erste positive staatliche Gesundheitsdienst die 2024 global Umsätze von 11 Mrd. $
wie der Chance auf völlige Hei- Therapie gerettet. Heute kann nichtöffentlichen Diskussionen Reaktion bedeute aber nicht, dass Schweizer gerade gegen die Ame- erreichen sollen. Ein Stück von
lung bei einmaliger Anwendung. der Teenager im Familiengarten zwischen Behörden und Novar- die Leukämie dauerhaft besiegt rikaner ausgespielt. Nur deren diesem Kuchen will Novartis.
Und der Konzern bietet an, im Glühwürmchen fangen. (Philips- tis. Alle halten sich bedeckt. sei. «Wir wollen erst bezahlen, Produkt wird, nachdem sie einen Die Anleger reagieren positiv
Falle eines Fehlschlages auf seine burg, Pennsylvania, Juli 2017) Wahrscheinlich ist, dass No- wenn der Patient längere Zeit Rabatt in unbekannter Höhe ge- auf die hervorgestrichene Fokus-
Forderungen zu verzichten. vartis die Therapie auf die kas- ohne Rückfall überstanden hat währt haben, in der grösseren sierung der Sparte «Innovative
senpflichtige Spezialitätenliste und man von einer permanenten Blutkrebsindikation Non-Hodg- Medizin»: Zell- und Gentherapien
Dehnbare Definition setzen lassen möchte. Dafür muss Heilung sprechen kann», legt kin-Lymphom vergütet. Novartis sowie Strahlentherapien sollen
«Outcome-based pricing» – zu der Konzern Preis, Rabatte und Weiss die Messlatte hoch. erhielt lediglich in der kleineren Bahnbrechendes gegen seltene
Deutsch «Zahlung nur bei Erfolg» allfällige Rückvergütungen mit Indikation mit sehr wenigen Erkrankungen und Krebs bringen.
soll der öffentlichen Empörung dem Bundesamt für Gesundheit Konkurrenz im Nacken Patienten ein grünes Licht. Die fast komplett erneuerte Füh-
über die Preise die Spitze neh- verhandeln. Eine an den Thera- Novartis hat im Fall von Kymriah Für beide Firmen ist der Kampf rungscrew vermittelt Aufbruch-
men. In den USA konnte Novartis pie-Erfolg geknüpfte Bezahlung ein starkes Interesse, bald ein um Patienten und Vergütung von stimmung. Doch bei aller Begeis-
nach eigenen Angaben 2017 eine wäre Neuland. Erst in zwei Fällen akzeptiertes Preismodell zu eta- enormer Bedeutung. Gilead hat terung für den neuen CEO: Den
Reihe von Versicherungen von hat das Amt erreicht, dass blieren, denn zwei Konkurrenten über 10 Mrd. $ ausgegeben, um gegenwärtigen Wachstumsschub
dem Modell überzeugen. Pharmafirmen Kosten zurück- sitzen der Firma im Nacken. Zum sich die neue Technologie einzu- verdankt Novartis noch etablier-
Inzwischen scheint allerdings erstatten müssen, wenn Patien- einen ist es theoretisch offenbar verleiben. Investoren fragen, ob ten Produkten. Was die neuen
Ernüchterung bezüglich dieser ten eine Therapie abbrechen. für ein Spitzenspital möglich, die sich die Investitionen auszahlen Ideen bringen, wird sich erst nach
Abmachungen eingetreten zu Bis die Vergütungsfrage defini- Therapie inhouse aufzubereiten, werden. Thilo Schröder von Nex- und nach zeigen. Birgit Voigt
sein. Das amerikanische Online- tiv geklärt ist, bestimmen Kran- ohne die Dienste der Pharmakon- techInvest, einer Risikokapital-
magazin «Politico» berichtete im kenversicherungen und Pharma- zerne zu beanspruchen. «Tech- firma mit Fokus auf Krebsthera-
Juli, die staatlichen US-Versiche- firma in jedem Einzelfall die nisch ist es nicht sehr anspruchs- pien, erläutert die Sachzwänge: Neuer Schwung
rungen Medicare und Medicaid Modalitäten. Bei der Helsana voll, solche Zellen herzustellen», «Wenn sich die Methodik nicht
hätten sich nach erster Begeiste- steht Martina Weiss als Leiterin sagt Professor Markus Manz, auch bei der Behandlung von soli- Novartis-Kursentwicklung
rung von der Idee distanziert. Verhandlung und Vergütung Chefarzt für Hämatologie am Uni- den Tumoren einsetzen und/oder seit einem Jahr
Novartis habe den Begriff «Erfolg» Medikamente dem Pharmakon- spital Zürich. «Die Hürde besteht die Herstellung vereinfachen
zu sehr zum eigenen Vorteil defi- zern gegenüber. Auch Weiss will darin, die Manipulation mit der lässt, können die Pharmafirmen 88 Franken
niert. Verwaltungsratspräsident zu allfällig laufenden Verhand- gewünschten Sicherheit und daraus langfristig kein rentables 86
Jörg Reinhardt bestätigte in der lungen konkret nichts sagen. Qualität durchzuführen. Die zu- Betriebsmodell machen – obwohl 84
«Frankfurter Allgemeinen Zei- Generell hält sie aber fest: «Ange- gelassenen Therapeutika bieten die einzelne Therapie teuer ist.» 82
tung», dass der Ansatz tatsächlich sichts des hohen Preises halten dafür die entsprechenden Garan- Angesichts einer Phalanx von
80
bei der Umsetzung auf Probleme wir ein Modell für richtig, bei dem tien.» Neben diesen potenziellen extrem teuren Therapien, die die
78
stosse: «Das ist harziger, als wir
dachten.» Gleichzeitig hält der
«Wir wollen erst wir nur im Erfolgsfall bezahlen
müssen.» Und fügt dann an: «Die
Wettbewerbern liefert sich Novar-
tis mit der US-Firma Gilead ein
Branche in Arbeit hat, stellt sich
die dringende Frage, wie die Kos- 76
Konzern offiziell fest: «Wir sind bezahlen, wenn der Diskussion wird sich darum dre- Kopf-an-Kopf-Rennen. Die Ame- ten bezahlt werden sollen. Mit er- 74
grundsätzlich offen, über neu- Patient längere Zeit hen, was Erfolg heisst.» rikaner haben eine praktisch folgsabhängigen Komponenten 72
artige Vergütungsmodelle – bei- Novartis habe in den USA teil- identische Therapie im Angebot. lässt sich die Finanzierung nicht
spielsweise outcome-based pri- ohne Rückfall weise Vereinbarungen treffen Diese Konkurrenz bietet den sicherstellen, wenn solche Medi-
2017 2018

cing – zu diskutieren.» überstanden hat.» können, bei welchen die Bezah- Bezahlern bei Verhandlungen kamente zur Norm werden. Quelle: Swissquote
KMU-HSG.CH

Durch das Intensivstudium KMU konnte ich


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und professionalisieren.
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Persönlichkeiten aus KMU Raphael Erl
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www.kmu.unisg.ch/wb
32 NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018

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Institut für Regenerative Medizin
Wagistrasse 14
CH-8952 Schlieren

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Für unsere Studie suchen wir ältere Menschen ab 50 Jahren, die
Einbussen im Gedächtnis feststellen oder mit einer leichten
kognitiven Störung oder einer Demenzerkrankung diagnostiziert
wurden. Rette
Unsere Arbeitsgruppe sucht nach Faktoren, die mit gesundem die Arktis
Altern und kognitiver Leistungsfähigkeit im Alter in Beziehung
stehen. Wir wollen mögliche Ursachen für Gedächtnisstörungen Fordere
im Alter erforschen und zur Entwicklung neuer Therapiestrategien gemeinsam mit
beitragen. Greenpeace ein
internationales
Die Studie gliedert sich in mehrere Untersuchungen (inkl. Neuro- Schutzgebiet:
psychologie, Blutdiagnostik, EKG, PET und MRT), die im Verlauf
von bis zu fünf Jahren durchgeführt werden.
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Für ein unverbindliches Informationsgespräch stehen zur SCHUTZ» an 488 *
Verfügung von Montag bis Freitag von 10:00 bis 12:15 sowie
von 14:00 bis 16:00 Uhr:
Derya Cetinkaya (Neuropsychologin) Tel: 044 634 91 42
Esmeralda Gruber (Studienpflegeleitung) Tel: 044 556 32 88 * Die Kosten der SMS entsprechen deinem Mobilfunk-
anbieter-Vertrag. Mit dem Senden der SMS forderst du ein
Alle Daten werden vertraulich behandelt. Bitte nehmen Sie zur internationales Schutzgebiet für die Arktis und stimmst
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NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018
Wirtschaft 33

Das deutsche Übersetzungswunder Neue Online-


Hypobörse
vor dem Start
Die Software von DeepL ist Google überlegen – und verändert die Arbeit der Übersetzer
Noch schneller als bisher sollen
Susanne Ziegert, Berlin version für Firmen und Fach- ten wie Marketing-Texten oder künftig Hypothekarkunden an
leute, die im Abonnement erhält- technischen Übersetzungen. ihren Immobilienkredit kommen.
Den Namen kennt kaum jemand, lich ist, folgte in diesem Jahr. «Oft klingt die Übersetzung Mit einer digitalen Hypotheken-
dabei ist DeepL eines der erfolg- Die Übersetzung kürzerer im ersten Moment gut, aber es börse namens «Swiss Credit
reichsten deutschen Startup-Un- Texte ist gratis – und erfolgt in schleichen sich grobe Fehler ein», Exchange», die am kommenden
ternehmen. Die beiden Gründer Windeseile. Im Gegensatz zu erklärt ein Profi, der den Dienst Donnerstag von einer losen Grup-
Gereon Frahling (der zuvor für Resultaten der Google-Überset- verwendet und die Maschinen- pe aus Versicherern, Banken und
Google Research arbeitete) und zungsmaschine sind sie absolut übersetzung gründlich lektoriert. Beratern lanciert wird, soll der
Leo Fink brachten 2009 ihre lesbar, nur mitunter etwas um- Zwischen den Zeilen lesen oder Vergabeprozess bei Hypotheken
Suchmaschine für Übersetzungen ständlich formuliert. «Wir haben literarische Texte bleiben auch in erheblich beschleunigt werden.
auf den Markt. Dieser Dienst, der einige bedeutende Verbesserun- Zukunft eine Domäne des Men- Das versprechen die Initianten
damals noch Linguee hiess, war gen an der Architektur der neuro- schen. Einfachere Standardtexte der Auktionsplattform, zu denen
gefragt: Über 10 Mrd. Anfragen nalen Netze vorgenommen», er- könnte aber häufiger der Compu- Vaudoise, Mobiliar, die Clientis
von etwa 1 Mrd. Benutzern gingen läutert Firmengründer Frahling. ter übersetzen. Die Profis werden Regionalbank, Ernst & Young und
seither ein. Aus Linguee entstand «Durch eine neue Anordnung sich vermehrt mit dem Lektorat die Swisscom gehören. Hinter-
auch das neueste Produkt, die der Neuronen und ihrer Verbin- der Maschinentexte beschäftigen grundanalysen liefern zudem die
Übersetzungs-Software DeepL, dungen haben wir es unseren – und in der gleichen Zeit viel Immobilienberater von Wüest
deren neuronales Netzwerk an- Netzen ermöglicht, natürliche grössere Volumen erledigen. Partner, Iazi und PriceHubble.
hand von über 1 Mrd. Überset- Sprache besser abzubilden als Die Plattform sei offen für wei-
zungen gelernt hat. Dadurch jedes bisherige neuronale Über- Dolmetschen zu schwierig tere interessierte Finanzinstitute,
konnte die Software immer bes- setzungsnetz», so Frahling. Die Anders liegt der Fall beim münd- heisst es im Umfeld des Projekts.
ser Sprachmuster erkennen – und künstliche Intelligenz läuft über lichen Übertragen, dem Dolmet- Andere Banken seien noch skep-
treffsicher übersetzen. In mehre- einen in Island betriebenen Su- schen. Zunächst bilden Hom- tisch, weil sie befürchten, ihre
ren Tests schnitt DeepL deutlich percomputer, der 1 Mio. Wörter in onyme eine Hürde für die Sinn- bestehenden Vertriebskanäle zu
besser ab als alle anderen maschi- weniger als einer Sekunde über- Wörterbücher wird man künftig weniger brauchen. erfassung: Ob der Redner gerade kannibalisieren.
nellen Übersetzungsdienste. setzen kann. von «L’éthique» oder «les tics» Das Angebot soll Hypoanbieter
Der DeepL-Übersetzer unter- spricht («Ethik» oder «nervöses mit der Nachfrage in Echtzeit ver-
Bereits profitabel stützt derzeit 42 Sprachkom- terbüchern, Sprachlern-Anwen- tragstexten inzwischen gerne von Zucken»), kann die Maschine knüpfen. Die Technik dafür lie-
Das Unternehmen, das sogar den binationen zwischen Deutsch, dungen und professionellen DeepL unterstützen. kaum unterscheiden. fert die Glarner Kantonalbank,
Giganten Google auf dem Gebiet Englisch, Französisch, Spanisch, Übersetzungsprogrammen einge- In einer Kurzumfrage in einer Mit Rednern, die nuscheln, die mit ihrem «Hypomat» bereits
der Übersetzungen abhängt, steht Italienisch, Polnisch und Nieder- setzt werden. Künftige Anwen- Facebook-Gruppe für Übersetzer starke Akzente sprechen, die ein ähnliches Tool für Endkunden
auch wirtschaftlich gut da. Mit ländisch – weitere sollen folgen. dungen wären auch mündliche und Dolmetscher sind sich die Sprachen mischen oder ihre Sätze betreibt. Geleitet wird die Credit
lediglich zwei Dutzend Mitarbei- Die neuronalen Netze trainieren Echtzeit-Übertragungen mittels Profis einig: Die Software von nicht beenden, dürfte die Soft- Exchange von Hanspeter Acker-
tern erzielte es bereits 2016 einen bereits, um künftig weitere Spra- eines Kopfhörers oder der Einsatz DeepL schneidet deutlich besser ware ebenso Probleme haben. Bei mann, der im Juni 2017 bei der
Jahresgewinn von 1,3 Mio. €. Seit chen wie Mandarin, Japanisch in Anwendungen der virtuellen ab als die Konkurrenz von Google niesenden oder tuschelnden Teil- Bank Cler (ehemals Bank Coop)
2013 wirtschaftet das Kölner und Russisch zu beherrschen. Realität. Laut Firmenangaben Translate. Vor allem die Über- nehmern, die gerade den Kaffee abrupt den Chefsessel räumen
Startup dank den Werbeeinnah- DeepL hat zudem eine Pro- verwenden derzeit Tausende tragungen zwischen Englisch/ umrühren, hilft dem Dolmet- musste. Ackermann und die CEO
men von Linguee profitabel. grammierschnittstelle zur Ver- Unternehmen und Fachleute die Deutsch/Spanisch und Franzö- scher oft nur noch, das Gesagte der fünf Gründungspartner wer-
2017 kam das Übersetzungs- fügung gestellt. So kann die Tech- Software. Sogar Zürcher Anwalts- sisch bei Standardtexten gelingen von den Lippen zu lesen. Doch den das Projekt nächste Woche
Tool DeepL (steht für «deep lear- nik auch in anderen Produkten kanzleien lassen sich zur Aus- dem Kollegen Computer. Schwie- das wird den neuronalen Netzen im Rahmen des Schweizer Digi-
ning») auf den Markt; eine Profi- wie digitalen Assistenten, Wör- arbeitung von ausländischen Ver- riger wird es bei kreativen Inhal- vorläufig verwehrt bleiben. taltages vorstellen. David Strohm

In dieser Fahrzeugklasse ein


echtes Privileg: Gänsehaut.
Der neue Panamera GTS.
Typisch Porsche: Im neuen Panamera GTS ist Nervenkitzel inbegriffen.
Dafür sorgen 4,0-Liter-V8-Biturbomotor mit 338 kW (460 PS), Sport-
abgasanlage, tiefergelegtes Sportfahrwerk mit adaptiver Luftfederung
und Porsche Active Suspension Management (PASM). Ausserdem
erstmals im Panamera: das Head-up-Display. Mehr Gänsehaut unter
www.porsche.ch
NZZ GLOBAL KONFERENZ

Chinas Aufstieg – eine Annäherung


an das Reich der Mitte
Chinas Wirtschaft boomt. Die Chinesen sind weltweit wirtschaftlich
auf dem Vormarsch und werden wohl in absehbarer Zeit die USA als
führende Weltmacht ablösen. Welche Erfolgsfaktoren und welcher
Masterplan stecken hinter Chinas wirtschaftlichem Aufstieg? Welche
Werte zählen im modernen China und sind die Kulturunterschiede
zur westlichen Welt wirklich so gross, wie sie oft dargestellt werden?
Gemeinsam mit China-Kennern, Unternehmern und NZZ-Experten
laden wir Sie zu einer Annäherung an das Reich der Mitte der
Gegenwart und Zukunft ein.

Mittwoch, 7. November 2018


15.00 bis 19.00 Uhr
NZZ-Foyer, Zürich

NZZ GESCHICHTSDEBATTE
Europa im Umbruch – zwischen
Dominanz und Niedergang
Der weltberühmte britische Historiker Sir Richard J. Evans erzählt,
wie sich Europa im 19. Jahrhundert politisch, kulturell und tech-
nisch dramatisch verändert hat – Veränderungen, die wir bis heute
spüren. Welche Gemeinsamkeiten und welche Gegensätze finden
sich in der damaligen Zeit und unserer Gegenwart?

Dienstag, 6. November 2018


18.30 bis 20.00 Uhr
NZZ INVESTMENT LIVE Bernhard Theater Zürich

Investment Ausblick 2019: Chancen und


Risiken im Umfeld steigender Zinsen
Die amerikanische Notenbank hat die Zinsen bereits acht Mal
erhöht, die Europäische Zentralbank wird nächstes Jahr voraussichtlich
den ersten Schritt wagen. Doch wie sollen sich Anleger im Umfeld stei-
gender Zinsen positionieren? Wir diskutieren mit ausgewiesenen Wirt-
schaftsexperten und profilierten Unternehmerinnen und Unterneh-
mern über die sich abzeichnenden Entwicklungen im nächsten Jahr.

Mittwoch, 28. November 2018


19.00 bis 20.45 Uhr
Widder Hotel, Zürich

Mehr erleben mit der NZZ


Hintergründe ausleuchten, den Horizont erweitern, Inhalte neu entdecken:
NZZ-Veranstaltungen laden zum Denken und Diskutieren ein.

Anmeldung und weitere Informationen


nzz.ch/live
044 258 13 83
NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018
Wirtschaft 35

Mein Standpunkt Beat Kappeler


Personenund
Wir haben dem Kapitalismus den Markt Unternehmen
ausgetrieben. Darum braucht es jetzt Reformen Italien. Die Ratingagentur Moody’s hat

V
das Land heruntergestuft. Sie bewertet
die Schulden Italiens nur noch mit der
ermisst wird... der Kapitalis- Effekt haben stimmrechtslose Aktien oder Heute scheint die Bequemlichkeit vielen Note Baa3 – eine Stufe über dem Ramsch-
mus. Er ist bereits seit Jahren der verbreitete Rückkauf von Aktien auf wichtiger. Kunden füttern Grossverteiler status. Ein Grund ist das von der neuen
nicht mehr auffindbar. Sein Betreiben des Managements. oder Internetriesen wie Amazon bedenken- Regierung geplante höhere Haushalts-
wichtigstes Kennzeichen ist Derweil trägt der grösste Markt, den es los, ja würdelos. Die Gegenseite der Mächti- defizit. (mju.)
der Markt. Warum? Weil der eigentlich gäbe, keine Preisschilder mehr gen im Markt verzichtet auf ihre Macht.
Markt die Macht atomisiert. – mit dramatischen Folgen. Die Notenbanken Die Noten­ Und dann gibt es breite Bereiche der Präzisierung. Die «NZZ am Sonntag» hat
Wer viel besitzt, muss es über willige Tausch- haben die Zinsen seit zehn Jahren gegen null banken haben Wirtschaft, die längst staatlich dominiert in der Ausgabe vom 14. Oktober 2018
partner verkaufen. Er hat keinen garantier- manipuliert. Damit stützen sie die eigentlich die Zinsen sind: das Gesundheits- und Sozialwesen, die geschrieben, die UBS sei wegen angeb-
ten Abnehmer, er muss immer die Markt- bankrotten westlichen Staaten, auch die Bildung, die Energieversorgung. Die Staats- licher Manipulationen bei Hypothekar-
gegenseite fragen. USA. Und sie verbilligen ertragsschwachen
gegen null diener dieser Bereiche sind des Marktes ent- verbriefungen in den USA angeklagt. Die
Doch das war einmal. Heute ärgert sich die Firmen die Kredite. Das lässt diese als manipuliert. hoben. Doch nicht nur sie. Auch unzählige UBS legt Wert auf die Feststellung, dass
Bevölkerung über die enormen Boni vieler wirtschaftliche Zombies ewig weiterleben. Damit stützen Ausführende und Zulieferer profitieren von sie mit den Behörden in den USA bezüg-
Firmenbosse. Die Ursache ist nicht die feh- Die Europäische Zentralbank hat einen sie die eigent­ den verfügten Tarifen. lich dieser Angelegenheit in Kontakt stehe
lende Moral. Sondern der fehlende Markt. riesigen Teil der Staatsschulden Südeuropas lich bankrotten Der Arbeitsmarkt ist in Europa streng und von der New Yorker Staatsanwalt-
Warum veranstaltet man unter den besten aufgekauft. Alle finanzieren sich im Kreis geregelt. Die Marktautonomie sowohl der schaft eine Vorladung erhalten habe, aber
Kandidaten für die Chefposten nicht eine herum, wie Professor Kjell Nyborg von der westlichen Firmen wie auch der Arbeitenden ist dras- nicht angeklagt sei. Zudem betont die
Abgebotsrunde? «Wer von Ihnen macht den Universität Zürich analysiert hat. Die Wert- Staaten, auch tisch eingeschränkt. Der Wunsch und das UBS, dass Lukas Gähwiler auf eigenen
Job für 800 000 Fr., wer für 700 000 Fr.?» papierbesitzer der ganzen Welt wurden mit die USA. Und Bedürfnis nach eigenständigem Arbeiten Wunsch aus der Geschäftsleitung zurück-
Doch dazu kommt es nicht. Denn in der der Aufwertung aller Papiere viel reicher. sie verbilligen – beim Fahrdienst Uber oder zu Hause für ein getreten sei. (zzs.)
Schweiz und anderswo ist der grösste Teil Auch das ist nicht moralisch zu werten, wie digitales Unternehmen – reibt sich an einem
der Unternehmen im Besitz von Fonds oder Linke aller Art es tun. Sondern es rührt aus
ertragsschwa­ Arbeitsrecht, das aus den 1970er Jahren Mirjam Staub-Bisang. Der weltgrösste
von anderen Firmen. Bei Novartis sind es der Abschaffung des Marktes bei den Wert- chen Firmen stammt. Dieses Recht mag einst sinnvoll Vermögensverwalter Blackrock setzt ab
86% der Aktien. Banken amtieren als Treu- papieren her. die Kredite. gewesen sein für Grosskonzerne. Es wirkte November auf Frauenpower für das
händer. Novartis besitzt auch 33,3% der Da überrascht es nicht, dass ein weiterer aber schon damals für den grossen Rest der Schweizer Geschäft. Die unter anderem
Stimmrechte bei Roche. Deshalb stimmen Teil des Kapitalismus nicht mehr auffindbar Firmen weltfremd. auf nachhaltige Anlagen spezialisierte
die Boni-Empfänger der Novartis nie gegen ist – die Vermögensbildung von breiten Wird der Markt in einem Bereich ausge- Mirjam Staub-Bisang wird Länderchefin.
den grössten Boni-Empfänger Europas, den Teilen der Bevölkerung. Sparer und Pen- hebelt, lässt sich das nicht mehr rückgängig Staub-Bisang führte
Chef von Roche. Die Boni werden nicht über sionskassen bekommen keinen Zins mehr. machen. Zu viele Interessen stehen auf dem als Co-Chefin über
den Markt bestimmt, sondern entspringen Das System in der Schweiz hat sich besser Spiel. Niemand merkt, dass sich die Welt einige Jahre die mit-
der Kooperation zwischen den Bossen der gehalten als jenes in Nordeuropa – oder gar weiterdreht. Seit 1945 haben wir unseren gegründete, kleine
Investorenfonds und der Firmen, in die sie jenes in den angelsächsischen Ländern. Dort Kapitalismus überreguliert – bei den Renten, Investmentfirma
anlegen. hat der kreditfinanzierte Konsumismus eine bei der Arbeit, bei Bahn, Post, Schulen und Independent Capital
Das Aktienrecht hat den Markt geradezu breite, vermögenslose Schicht verfestigt. Medizin. Dieser Zustand dauert schon länger Group. Dazu präsi-
verstossen. Eigentlich sollen sich viele Ein- Diese Menschen sind keine Teilhaber am als die längst überlebte Sowjetunion. diert sie seit Mitte
zelne zusammentun, um eine Firma zu Kapital mehr. Sondern nur noch am Markt. Wollen wir einen ähnlichen Zusammen- 2017 den Stiftungsrat
gründen und zu führen. Doch dieses Prinzip Und noch ein Bestandteil des Kapitalis- bruch verhindern, müssen wir den Kapitalis- von Profond, einer
wurde längst ausgehöhlt. Über unendliche mus ist verloren gegangen. Wer in den 50er mus wiederfinden. Und das können wir, Sammelvorsorge-
Verschachtelungen von Aktienmänteln lässt oder 60er Jahren aufwuchs, lernte es, wenn wir die Kraft finden zu freiheitsstiften- einrichtung. (vob.)
sich die Macht konzentrieren. Den gleichen Geschäfte zu boykottieren, die missfielen. den, marktnahen Reformen.

Wir suchen immer


den maximalen Gewinn:
Ihre Zufriedenheit.

Entrepreneurial thinking.
Private banking. efginternational.com
Invest
NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018

Immobilien

ALAMY STOCK PHOTO


Prop-Tech-Szene

Im Gründungsfieber
Rund 100 Firmen, die technologische
Entwicklungen in die Immobilienbranche
bringen, gibt es hierzulande mittlerweile.
Die sogenannten Prop-Techs bieten neue
und optimierte Produkte, Prozesse oder
Geschäftsideen, die mit moderner Informa-
tions- und Kommunikationstechnologie
betrieben werden. Und es kommen laufend
neue dazu. Die grosse Mehrheit der Start-
ups ist in den Bereichen (Inserate-)Platt-
formen, Dienste für Verkauf und Miete,
Bewirtschaftung, Visualisierung/Virtual
Reality und Software/Datenverarbeitung
sowie in der Finanzierung tätig. (dst.)

dung nutzt. Einen festen Verkaufspreis gibt es


nicht. Interessenten müssen Offerten einrei-
chen, die beste kommt zum Zug. Abgewickelt
wird auch hier der Grossteil der Formalitäten
online, der Kunde übernimmt also einen
Teil des unvermeidlichen Papierkrams. Den
Anbietern stehen damit die wichtigsten An-
gaben schon elektronisch zur Verfügung, den
Rest erledigen Formulare und Algorithmen
automatisch.
Ob mit solchen Werkzeugen aber die grosse
Masse an potenziellen Kunden erreicht wer-

Konkurrenz für Immobilienmakler


den kann, bleibt offen. Mario Facchinetti, Lei-
ter der Vereinigung Swiss Prop Tech, sieht für
die neuen Anwendungen grosses Potenzial,
weiss aber auch von den Mühen, in das Ge-
schäft der etablierten Makler vorzudringen.
«Wir stehen erst ganz am Anfang einer Ent-
wicklung», sagt er. Die ersten Anbieter hätten
Startup-Firmen drängen mit virtuellen Werkzeugen und günstigen Festpreisen es nirgends leicht, der Widerstand der eta-
blierten Anbieter sei gross. Hinzu kommen die
in den Maklermarkt. Noch ist unklar, was sie taugen. Von David Strohm geringe Digitalaffinität und das verhältnis-
mässig hohe Alter der Verkäufer, die mehr-

K
heitlich zur Alterskategorie Ü50 gehören. «Die
eine drei Wochen hat es gedauert, bis (SMK) ist der zunehmende Wildwuchs an aber eben einzeln. Die Verkaufsbetreuung Wer vermittelt nächste Generation von Hauseigentümern
das Objekt einen neuen Eigentümer Quereinsteigern ein Dorn im Auge.«Schlechte kostet pro Monat 490 Fr., eine Schätzung des beim Traum wird aufgeschlossener gegenüber der Techno-
gefunden hat. Ein kurzes Dossier und Erfahrungen mit Amateur-Beratern und un- Marktwerts der Liegenschaft 450 Fr. und ein vom Eigenheim? logie sein», sagt Facchinetti überzeugt.
ein Inserat hatten genügt, die Inter- seriösen Online-Plattformen schaden dem Ruf Exposé 390 Fr., virtuelle Besichtigungen je Szene aus dem
essenten standen Schlange. Doch kaum ist die der ganzen Immobilienbranche», sagt SMK- nach Grösse 90 bis 150 Fr. pro Zimmer. Film «Nur meiner Herausforderung für die Branche
Handänderung über die Bühne, trübt sich die Präsident Herbert Stoop, der als Geschäfts- Die maximale Zahlungsbereitschaft von Frau zuliebe» Doch auch die traditionell arbeitenden Ver-
Freude über den erzielten Preis ein wenig. Der führer von Seitzmeir Immobilien in Zürich tä- Käufern auszureizen, das versucht das Start- mit Cary Grant (l.), mittlern sind sich des bevorstehenden Wan-
Makler hat für seine Dienste die Rechnung tig ist. Um dem entgegenzuwirken, nehme der up Venbona mit einer Art Auktionsplattform. Myrna Loy und dels bewusst. Am kommenden Dienstag tref-
aufgemacht: Die üblichen 3% des Kaufpreises Berufsverband nur Firmen in seinen Kreis auf, Zunächst wird aus einem Partnernetzwerk ein Melvyn Douglas. fen sie sich zum ersten Schweizer Maklertag
waren als Courtage vereinbart, das macht bei welche sich «durch langjährige Professionali- passender Makler gesucht, der die Anwen- in Zürich. Neben dem demografischen Wan-
der runden Million, die der Erwerber für die tät und Seriosität» auszeichneten. del sei die Digitalisierung eine der grössten
stadtnahe Eigentumswohnung gezahlt hat, Das Kriterium langjährig können vor allem Herausforderungen für die Branche, stellt
exakt 30 000 Fr. Viel Geld für eine Dienstleis- die neu gegründeten Digital-Makler nicht er- Mit neuen Technologien punkten Kammerpräsident Stoop fest. «Welche Funk-
tung, die in diesem zugegeben einfachen Fall füllen. Viele der jungen Startups bieten ihre tionen Makler künftig haben», ist eines der
überschaubar geblieben ist. Dienste zu deutlich tieferen Ansätzen oder so- Wichtigster Wettbewerbsvorteil Schwerpunktthemen an dem Kongress.
Zwischen 40000 und 50000 Einfamilien- gar zu Festpreisen an und wollen so der eta- im Eigenurteil der Immobilien-Startups Dass die Vermarktung und die Bewirtschaf-
häuser und Wohneinheiten im Stockwerk- blierten Konkurrenz Kunden abjagen. Der aus tung von Immobilien für die Prop-Tech-Fir-
anderer Vorteil neue Technologie /
eigentum wechseln laut Schätzungen in der der Westschweiz stammende Anbieter Neho 2% neue Produkte men besonders lukrative Felder sind, hat auch
Schweiz jährlich von Privat zu Privat den Besit- etwa verrechnet für Liegenschaftsverkäufe günstigere 28% Facchinetti bemerkt. «Hier tut sich besonders
Angebote
zer. Selbst wenn davon nur jedes zweite mithil- unabhängig vom Erlös eine fixe Summe von 13% viel», sagt er und erwähnt neue Anwendun-
fe eines Vermittlers veräussert wird, käme bei 7500 Fr. Davon sind 3000 Fr. schon bei der neue/
gen wie virtuelle Begehungen, Roboterein-
einem Durchschnittspreis von 960000 Fr. pro Auftragserteilung fällig, unabhängig davon, disruptive satz, Sensoren und Drohnen sowie die Kom-
Objekt eine stattliche Summe zusammen. ob eine Transaktion zustande kommt. Besich- Geschäfts- munikation mittels Chat-Bots.
modelle
tigungen mit Kaufinteressenten kosten dann 16% Was davon sich durchsetzt, wird die Spiel-
Entbündelung von Leistungen doch extra. Das Unternehmen versucht der- verbesserter regeln der Vermittlung verändern. Vorerst
Einsatz
Kein Wunder, streben immer wieder neue An- zeit, in der Deutschschweiz Fuss zu fassen. effizientere von Daten/ aber betonen Makler die bekannten Vorteile
bieter in den Markt. Die Hürden dafür sind Die Entbündelung der Dienstleistungen ist Prozesse Informationen ihrer Dienste: Erfahrung, Ausbildung, Kennt-
19% 22%
tief, die Berufsbezeichnung ist nicht ge- das Geschäftsmodell von Simplehouse, das nisse der lokalen Gegebenheiten und das per-
schützt. Der Schweizerischen Maklerkammer ebenfalls die ganze Maklerpalette anbietet, Quelle: Credit Suisse Real Estate Economics sönliche Engagement für die Auftraggeber.

Die schlechteste Woche hatte ...


Warum aktive Fonds wieder einen Blick wert sind
Aktien eines bestimmten Aktienindexes. Da Phasen mit durchschnittlich höheren und Wan Ling Martello, Nestlé
es dafür kein kluges Management mit teuren dann wieder tieferen Renditen als die Ver-
Analysten braucht, sind die Kosten tief. Es gleichsanlagen zeigen und dass diese Peri-
gibt keine Diskussion um verpasste Chancen: oden von «Überrenditen» in zyklischen gestartet. Durch ihre Kompe-
GAËTAN BALLY / KEYSTONE

Der ETF ist stets etwa so gut wie der Index. Wellen auftreten. Mit anderen Worten: Wenn tenz und zupackende Art,
Aufwind erhielten diese passiv organisier- auch im Durchschnitt über eine lange Zeit welche die bestens vernetzte
ten Fonds auch, weil die aktiv gemanagten nicht besser, so können aktive Fonds die Top-Managerin an den Tag
Varianten gemäss verschiedenen wissen- passiven in bestimmten Zeiten doch immer legte, stieg sie zur Kronfavori-
schaftlichen Studien über einen längeren wieder übertreffen. tin auf die Nachfolge von Kon-
Zeitraum gesehen nicht besser als der jewei- Als Nächstes ging es um die Frage, wann zernchef Paul Bulcke auf. Doch
Geldspiegel lige Index abschnitten. es jeweils Zeit ist, auf aktiv gemanagte Fonds dann machte vor zwei Jahren

Birgit Voigt Mit dem zunehmenden Auf und noch


häufigeren Ab an den Aktienmärkten stellt
umzusteigen. Die von Thorsten Hens, Pro-
fessor für Finanzökonomie an der Universi- Nun zieht Wan Ling Martello
der deutsche Pharmamanager
Mark Schneider das Rennen.
sich allerdings inzwischen die Frage, ob tät Zürich, angestossene und betreute Arbeit doch noch einen Schlussstrich Eine schlechte Woche ist der

I
diese Strategie des Mitschwimmens im kommt zu einem Fazit, das die meisten bei Nestlé. Sie, die hochgelobte Abgang aber eigentlich nicht
n den letzten zehn Jahren war das Inves- Strom noch taugt. Könnte ein bewusstes Investoren intuitiv ablehnen werden. «Ver- US-Amerikanerin mit chine- für die 60-Jährige, sondern
tieren in Aktien auch für Laien nicht so Aussuchen von Titeln in diesen unsicheren einfacht gesagt, sollte man aktiv verwaltete sisch-philippinischen Wurzeln, eher für Nestlé. Mit ihr gehen
schwierig. Wer sich ein paar passiv Zeiten eventuell doch Vorteile bieten? Fonds kaufen, nachdem sie über ein paar verlässt den Nahrungsmittel- Know-how und ein globales
geführte Fonds, sogenannte ETF, mit Darauf weist zumindest eine Unter- Jahre sehr schlechte Ergebnisse abgeliefert riesen Ende Jahr. Zuletzt war Netzwerk verloren. Als einziges
einer gewissen geografischen Streuung suchung hin, die ein Ökonomiestudent in haben», führt Hens aus. Um die richtigen Martello Chefin der Regionen Geschäftsleitungsmitglied hat
zulegte, konnte zumindest bis letztes Jahr Zürich im Rahmen seiner Bachelorarbeit Vehikel auszusuchen, lohne sich ein Blick Asien, Ozeanien und Afrika. sie renommierte Verwaltungs-
ganz ordentlich mit den Märkten mitwach- erstellt hat. Er analysierte einen 50 Jahre darauf, wer vor der letzten Boomphase gut Unter ihrem Regime ent- ratsmandate bei globalen
sen. Die Möglichkeit, kostengünstig ein umspannenden Datensatz mit über 3000 abschnitt. «Value-Fonds zum Beispiel waren wickelte sich die zuvor schwä- Konzernen wie Alibaba oder
diversifiziertes Portfolio aufzubauen, hat Fonds. Elias Bräm fand zunächst heraus, über eine lange Periode sehr gut, konnten chelnde Region zur profitabels- Uber inne. Womöglich setzt sie
den Exchange-Traded Funds zu einem Sie- dass bei der Betrachtung über längere Zeit- über die letzten 10 Jahre ihren Index aber ten des Konzerns. 2011 war sie nun anderswo zum grossen
geszug verholfen. In der ursprünglichen räume hinweg aktiv gemanagte Fonds im nicht schlagen. Die Flut hob alle Boote. Doch als Finanzchefin bei Nestlé Sprung an. (knu.)
Reinform hielten diese Fonds jeweils alle Vergleich zu passiven Anlagegefässen klare jetzt steht ein Gezeitenwechsel an.»
37

Unternehmen der Woche Fünf Fragen


an Miyuki Kashima
Der Zementriese Lafarge-Holcim findet
nicht aus dem Börsentief
Miyuki Kashima
leitet die Abtei-
lung für japanische
Aktien von BNY
Mellon Investment

D
Management
ie Aktie des Zementriesen Lafarge- in Tokio.

PATRICK B. KRAEMER / KEYSTONE


Holcim macht Anlegern weiterhin
keine Freude. Am Donnerstag kam Ministerpräsident Abe ist seit bald sechs
das Papier an der Börse enorm Jahren im Amt. Was hat er erreicht?

1
unter Druck. Grund war eine deutliche Er wurde soeben als Präsident der LDP
Gewinnwarnung des Konkurrenten Heidel- wiedergewählt und wird weitere Jahre
berg Cement aus Deutschland. Dieser musste für Stabilität in der Politik sorgen. Vor
vermelden, dass er im laufenden Geschäfts- ihm hat das Amt des Ministerpräsidenten
jahr deutlich weniger einnehmen wird als fast im Jahrestakt gewechselt. Abes aggres-
prognostiziert. sive Wirtschaftspolitik hat in Japan die
Für die Aktionäre von Lafarge-Holcim war Deflation besiegt und für ein langanhalten-
beunruhigend, wie der Konkurrent diese des Wachstum gesorgt. Er macht weniger
schlechte Nachricht begründete. Die Umsatz- Schlagzeilen als andere Politiker und ver-
zahlen von Heidelberg Cement lagen näm- ändert Japan leise, aber dramatisch.
lich im Rahmen der Erwartungen. Doch die
Gewinne wurden unter anderem von den Trotzdem scheuen internationale Investo-
steigenden Energiekosten weggefressen. ren Japan immer noch. Warum?

2
Diese konnte der Konzern nur teilweise In der Vergangenheit kritisierten An-
durch höhere Preise ausgleichen. Dazu leger vor allem die Corporate Gover-
kommt, dass im wichtigen Markt USA nance. Diesbezüglich haben japani-
offenbar schwierige Wetterbedingungen sche Firmen, auch auf Druck der Regie-
herrschen. rung, erhebliche Fortschritte gemacht. Die
Die Aktionäre von Heidelberg Cement Zahl unabhängiger Verwaltungsräte ist
reagierten verärgert, zeitweise verlor der deutlich gestiegen, die Kommunikation
Titel 7%. Und die Aktionäre von Lafarge- mit Anlegern hat sich verbessert.
Holcim dachten sich offenbar, dass ihrem
Konzern das Gleiche drohen könnte: Am Japan gilt als Exportnation. Zu Recht?

3
Donnerstagabend resultierte beim Titel ein Der Anteil der Exporte am Brutto-
Minus von fast 4%. inlandprodukt beträgt weniger als
Die Aktie von Lafarge-Holcim ist damit 20% und liegt damit viel tiefer als
eine der grossen Enttäuschungen des laufen- etwa in Spanien oder Frankreich. Wir set-
den Börsenjahres. Seit Jahresanfang verlor zen momentan stark auf Firmen, die von
sie mehr als 21% (siehe Grafik). Am kommen- der wirtschaftlichen Erholung im Inland
den Freitag wird sich zeigen, ob die negati- profitieren. Das nominelle Wachstum auf
ven Erwartungen gerechtfertigt sind. Dann Jahresbasis war in den letzten 21 Quartalen
wird der aus der schweizerischen Holcim jedes Mal positiv, die Arbeitslosenquote
und der französischen Lafarge hervorgegan- Der Marktführer Trotzdem ist eine negative Überraschung tungsausweis beim Unternehmen ist beein- liegt bei 2,5%. Diese Entwicklung ist in den
gene Weltmarktführer seine Zahlen für das enttäuscht die nicht ausgeschlossen. Denn die Gewinnziele, druckend. 2012 nahm er auf dem Chefsessel Aktienkursen noch nicht reflektiert.
dritte Quartal präsentieren. Anleger: Blick die sich der Konzern gesetzt hat, gelten ins- Platz. Bis 2017 stieg der Umsatz um einen
Manche Experten sind nicht so pessimis- auf das neue gesamt als ambitioniert. Viertel, der Gewinn um über das Doppelte, Wo findet man die Firmen, die von diesem
tisch wie viele Aktionäre. So ist Lafarge-Hol- Logo am Zürcher der Aktienkurs um mehr als das Dreifache. Trend profitieren?

4
cim in anderen Weltengegenden aktiver als Hauptquartier. Viel Druck für den neuen Chef Doch nicht nur das. Jenisch schmiedete bei Vor allem bei den Small-Caps, weil die
die deutsche Konkurrentin. Zudem gibt es (15. Juli 2015) Der nächste Freitag wird damit nicht nur für Sika auch eine Widerstandsstrategie, mit grössten kotierten Firmen tatsächlich
einzelne positive Zeichen: Die US-Bank die Aktionäre des Zementkonzerns zu einem der sich die Ertragsperle erfolgreich der einen grossen Exportanteil aufwei-
Morgan Stanley weist etwa auf das gut lau- Meilenstein werden. Sondern auch für den Machtübernahme durch die französische sen. Man hat bei den Small-Caps eine
fende Geschäft des 26-Milliarden-Konzerns neuen Chef. Jan Jenisch steht dem Konzern Saint-Gobain widersetzte. Jenisch verliess enorm grosse Auswahl. Viele dieser Firmen
in Afrika hin. seit September 2017 vor – und er hat kaum Sika zwar vor dem Ende des Übernahme- werden wenig von Analysten abgedeckt,
einen Stein auf dem anderen gelassen. Das kampfes, war aber dennoch einer der man kann also noch Perlen finden.
Wirtschaftsmagazin «Bilanz» bezeichnete Gründe für den Erfolg.
Kurve zeigt nach unten den Top-Manager kürzlich als «Bulldozer». Grossfirmen wie Sony oder Toyota kennt
Die Auswirkungen lassen sich im Organi- Ein ganz anderes Geschäft die ganze Welt. Welche Art von Unterneh-
Aktienkursentwicklung von Lafarge-Holcim gramm des Konzerns ablesen. Von den neun Doch diese Zeiten sind vorbei. Vor allem men findet man bei den kleinen?

5
seit Jahresanfang Mitgliedern der Konzernleitung wurden aber: Zement ist nicht gleich Zement. Sika Dienstleister sind beispielsweise gut
unter Jenisch bereits sechs ausgewechselt, arbeitete in einer Nische und eroberte sich vertreten. In unserem konzentrierten
60 Franken
darunter der Finanzchef. Jenisch schnitt alte dort dank steten Innovationen eine immer Portfolio halten wir beispielsweise
58 Zöpfe ab und schloss etwa den zweiten stärkere Marktposition. Bei Lafarge-Holcim eine Public-Relations-Firma, die moderne
56 Hauptsitz des Konzerns in Paris. Dass es geht es um etwas ganz anderes. Hier muss Werbeformen einsetzt und stärker als der
54 einen solchen überhaupt gab, war ohnehin mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Markt wächst. Elektronik ist auch ein
52 eine Absonderlichkeit: Das doppelte Haupt- Volumen gebolzt werden. Die Zementriesen Thema. Wir haben in einen Hersteller von
50 quartier war ein Resultat der Fusionsver- sind zwar global aufgestellt, doch ihr Testgeräten investiert, der von der Ein-
48 handlungen zwischen den französischen Geschäft ist stark lokal verankert: Zement ist führung von 5G, dem neuen Telekom-Stan-
46 und den Schweizer Partnern. so schwer, dass sich lange Transporte nicht dard, profitieren wird. Wir sind auch bei
44 Jenisch hat aber nicht nur ambitionierte lohnen. In der Branche gilt es bereits als einem Hersteller von High-End-PC enga-
42 Ziele, die er erreichen muss. Sondern auch Innovation, wenn man einen klugen Weg giert, eine interessante Nische innerhalb
J F M A M J J A S O einen Ruf, den er zu verteidigen hat. Bevor er findet, um Zementsäcke zu entsorgen. Nun des insgesamt schwächelnden PC-Marktes.
zum Zementriesen kam, war er lange Jahre muss sich zeigen, ob Jan Jenisch auch in Interview: Eugen Stamm
Quelle: SIX Chef des Bauchemiekonzerns Sika. Sein Leis- diesem Umfeld Wunder wirken kann. (mju.)

Wall Street

Gruselige Gedankenspiele
Media-Kanäle der Welt ihre Lieblinge prä- Die derzeitige Berichtssaison nimmt in den mit den Quartalsberichten überzeugen. Net-
sentieren wollen. Es lässt sich debattieren, ob kommenden Tagen richtig Fahrt auf. Am flix verbuchte einen deutlich besser als erwar-
das Tierquälerei auf hohem Niveau oder ein Dienstag öffnen Harley-Davidson, Caterpil- teten Zuwachs der Abonnenten. Procter &
niedlicher Akt ist. Zumindest gibt sich die lar oder McDonald’s die Bücher. Harley war Gamble profitierte von der Kosmetiksparte.
Generation sehr mitteilsam. jüngst beim US-Präsidenten in Ungnade gefal- American Express legte einen Rekordumsatz
Das lässt sich von Corporate America nicht len, weil der Motorradhersteller wegen höhe- Spekulationen vor. Zu den weniger guten Ergebnissen ge-
unbedingt sagen. Dabei hat US-Präsident rer Zölle Teile der Produktion ins Ausland ver- über höhere hörte IBM. Sechs Jahre in Folge hatte Big Blue
Jens Korte, New York Donald Trump eine alte Debatte wiederbe- lagern will. Am Mittwoch werden die Quar- Zinsschritte fallende Absätze gemeldet. Dann folgten drei
lebt. Es sei doch ausreichend, wenn die Unter- talszahlen von Unternehmen wie Boeing, aufeinanderfolgende Quartale mit Umsatz-
und der stär-

A
nehmen nur alle sechs Monate und nicht jedes Ford und Microsoft erwartet. Die Aktie von wachstum, das jetzt allerdings wieder in die
merika scheint es richtig gut zu Quartal ihre Geschäftszahlen auf den Tisch Ford war jüngst erstmals seit neun Jahren kere Dollar Minuszone zurückglitt.
gehen. So gut, dass die Amerikaner legen müssen. Für diesen Vorschlag spricht, wieder unter die 9-$-Marke gerutscht. Der gehören zu den In der Marktbreite bleibt die Stimmung
dieses Jahr fast 500 Mio. $ für Tier- dass die Firmen Zeit und Geld sparen würden. Handelsstreit mit China sowie höhere Mate- Unsicherheits- unruhig. Spekulationen über höhere Zins-
kostüme zu Halloween ausgeben. Ob sie dann auch tatsächlich langfristiger pla- rialkosten wegen Zöllen auf Stahl und Alumi- faktoren. schritte, der stärkere Dollar, Schwächesignale
2010 waren es noch 220 Mio. $, das meldet nen und sich nicht vom kurzfristigen Erfolg nium könnten das Ergebnis belastet haben. aus Übersee wie aus Italien oder China und die
der US-Detailhandelsverband. In zehn Tagen treiben lassen, ist umstritten. Der Transpa- Am Donnerstag folgt der Tag der Wahrheit Frage, ob die Unternehmen das grundsätzlich
ist es wieder so weit, dann wird das gruselige renz wäre so ein Schritt sicherlich nicht för- für die Tech-Aktien, wenn die Bilanzen von starke Gewinnwachstum noch lange fort-
Spektakel gefeiert. Zu den populärsten Kostü- derlich. Der Chef der Börsenaufsicht SEC Alphabet (Muttergesellschaft von Google), setzen können, gehören zu den Unsicher-
men für Hund oder Katze gehören Kürbisse, scheint von der Idee wenig zu halten. Laut Jay Amazon und Intel veröffentlicht werden. Bei heitsfaktoren.
Hotdogs oder Hummeln. Laut dem Verband Clayton wird sich auf absehbare Zeit nichts den jüngsten Marktturbulenzen gehörten die In dieser Woche konnte der Dow Jones
werden über 30 Mio. Amerikaner ihre Tiere ändern. Es seien doch eher auf kurzfristige Aktien der Technologiekonzerne zu den gros- eine dreiwöchige Verluststrähne beenden.
kostümieren, und es seien vor allem Millen- Kursgewinne ausgerichtete Investoren, die sen Treibern nach unten. In dieser Woche Der technologielastige Nasdaq Composite
nials, die via Instagram oder andere Social- den Unternehmen Druck machen würden. konnten die US-Unternehmen überwiegend stand jedoch erneut unter Druck.
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NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018
39

STEFANO RELLANDINI / REUTERS


Selbstfindung Comeback
Wie Lara Gut vom Turnerin Simone Biles
Teenie-Star zur reifen zwischen Missbrauch
Athletin wurde 40 und Erfolg 42
KOSTAS MAROS

«Ich hatte nie das Gefühl, die Schweiz schultern zu müssen»: Roger Federer im Interview.

«Letztlichbinichnurein
Tennisspieler»
Roger Federer tritt in der kommenden Woche an seinem Heimturnier
in Basel an. Im Interview spricht er darüber, was es heisst, die Schweiz
als Botschafter zu repräsentieren. Seite 43
40 Sport NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018

Liebenist
wichtiger
alssiegen
Als Teenager wurde Lara Gut zum Star. Die zehn Jahre im Weltcup
erzählen eine aussergewöhnliche Sport-Geschichte – und eine
schwierige Selbstfindung im Rampenlicht. Von Remo Geisser

D
ieses Piepsen im Starthaus. Will man Lara Gut gereicht wie ein Pokal. Ein Fotoshooting hier,
Wenn die Athleten es in ein TV-Interview dort und überall Menschen,
Sölden hören, symbolisiert
vergleichen, muss man die ihr auf die Schultern klopften. Über die
es den Countdown zu einer Fahrerinnen aus einer zwei WM-Silbermedaillen, die sie 2009 mit
Ochsentour. Fünf Monate
unterwegs von Piste zu Piste,
anderen Zeit beiziehen: 17 Jahren gewann, sagte sie später: «Es kam
mir vor, als würden die Medaillen gar nicht
Monate der Fokussierung auf Vreni Schneider, Erika mir gehören. Jeder nahm sie in die Hand,
Winzigkeiten, Monate, in denen Hundertstel- Hess, Michela Figini. jeder wollte sie berühren.»
sekunden zählen. Alle haben monatelang trai- Ein paar Monate nach diesem ersten
niert, nun soll sich zeigen, wo sie stehen. Lara Höhenflug kam der grosse Fall. Lara Gut
Gut erlebte 2016 vor dem ersten Rennen des Super-G wurde. Ein Teenager, den niemand crashte im Training, zog sich eine Hüftluxa-
Winters eine Art Erweckung. Sie hatte in der kannte und der die Armada von Swiss Ski de- tion zu und fiel für einen ganzen Winter aus.
Saison zuvor den Gesamtweltcup gewonnen klassierte. Sie schuf sich an jenem Tag keine Als sie auf dem Weg zurück war, sagte ihr
und meinte, nun beweisen zu müssen, dass Freundinnen. Vater Pauli, der Sturz habe sie verändert.
sie tatsächlich die beste Skifahrerin der Welt Aber sie errang Aufmerksamkeit, und weil «Lara ist reifer geworden.» Das zeigte sich vor
ist. Dann schoss ihr dieser Gedanke durch den sie immer höher stieg am Firmament des Er- allem darin, dass sie versuchte, sich vor den
Kopf: «Es ist nur Skifahren!» Sie stiess sich mit folgs, liess die Aufmerksamkeit nie nach. Was Zugriffen von aussen zu schützen. Sie redete
den Stöcken ab und zog so bestechend über immer Lara Gut macht, generiert Schlagzeilen. weniger, gab sich Journalisten gegenüber oft
den Hang, dass die österreichische TV-Exper- Und so verfolgt die Öffentlichkeit auch seit kurz angebunden. Es entstand das typische
tin Alexandra Meissnitzer sagte: «Nie ist eine Monaten, wie die Skifahrerin ihre grosse Liebe Bild von ihr in der sogenannten Mixed-Zone,
Frau hier so gut gefahren.» erlebt. Lara Gut und Valon Behrami, das ist ein wo die Medien nach den Rennen mit den
In einer Woche wird Lara Gut das Piepsen Glamourpaar des Schweizer Sports, wie ge- Athleten reden können: Lara Gut mit einer
wieder hören. Was wird sie dann denken? schaffen für den Boulevard. Doch dieser hat für riesigen Skibrille quasi vermummt, wie sie ein
Dass ihre Welt ganz anders ist, als sie es 2016 einmal keinen Zugriff, es sind die beiden Ver- paar Allgemeinplätze herunterleiert. Doch
noch war? Nur eines ist in dieser Zeit konstant liebten selbst, die über die sozialen Netzwerke nicht immer kann sie sich verstecken. An den
geblieben: Wann immer sie sich aus dem ihr Glück inszenieren. Selbst die Regenbogen- Ski-WM 2011 bittet Swiss Ski vor den ersten
Starthaus katapultiert, erwartet die Öffent- presse kann nur nacherzählen und die bereits Rennen zu einer Pressekonferenz, die damals
lichkeit ein Spitzenresultat. auf Instagram geposteten Fotos nachdrucken. 19-Jährige sitzt hinter einem Tisch, vor dem
Das kommt nicht von ungefähr. Gut ist ein Das ist eine bewusste Strategie und zeigt Dutzende Medienleute um die besten Plätze Der Rucksack Die Flucht in die sozialen Netzwerke hängt
Ausnahmetalent, sie stand mit 17 Jahren im deutlich: Lara Gut versucht, die Deutungs- kämpfen. Der Tisch rutscht, die Fahrerin ist prall gefüllt: wohl auch mit den schlechten Erfahrungen
Weltcup erstmals auf dem Podest, kurz darauf hoheit über sich und ihr Leben zurückzu- weicht immer weiter zurück. Lara Gut, in die Lara Gut an zusammen, die Lara Gut in den ersten Jahren
gewann sie zwei WM-Medaillen; inzwischen gewinnen. Denn lange Zeit war das nicht der Ecke gedrängt. Man kann sich unschwer vor- einem Fototermin mit Journalisten machte. Zum Ski-Schätzchen
ist sie 27, hat 24 Rennen gewonnen und 2016 Fall. Als sie als Teenager ins Rampenlicht stellen, wie schlecht sie sich fühlt. für Sponsoren. hochstilisiert und vereinnahmt, dann wieder
den Gesamtweltcup. Will man sie in der raste, verfügte die Öffentlichkeit quasi nach Spätestens seit jenem Winter ist die journa- (Willisau, als Zicke verunglimpft – die Sportlerin hatte
Schweiz vergleichen, muss man Fahrerinnen Belieben über sie. Lara Gut war das blonde listische Berichterstattung über Lara Gut zu 24. September 2018) keine Chance, selbst das Bild zu bestimmen,
aus einer anderen Zeit herbeiziehen: Vreni Ski-Schätzchen, das sonnige Gemüt aus der einem Ringen geworden. Einem Ringen der das sich die Öffentlichkeit von ihr macht.
Schneider, Erika Hess, Michela Figini. Das Ski- Sonnenstube der Schweiz, sie wurde herum- Medienleute mit ihr, wenn sie sich wieder ein- Doch das geht anderen nicht anders. Wer zur
publikum gehört mehrheitlich zur Generation mal mundfaul gibt. Und zu einem Ringen der öffentlichen Figur wird, ist immer ein Stück
Ü 50, es ist mit diesen Athletinnen aufge- Athletin um das Recht, selbst zu entscheiden, weit ein Kunstprodukt. Lara Gut aber tat sich
wachsen. Sie stehen für die gute alte Zeit, als wann sie redet und was sie von sich preisgibt. derart schwer damit, dass sie einmal sagte:
DOMINIC EBENBICHLER / REUTERS

es hiess: Alles fährt Ski – und die Schweizer Wie ihr Verhältnis zu den Berichterstattern ist, «Wenn ich zurückschaue, ist die Zeit, bis ich
räumen ab. Lara Gut war deshalb von Anfang drückte sie an den Ski-WM 2013 aus, als ihr ein etwa 22 war, ein schwarzes Loch.»
an mehr als bloss ein weiteres Talent am Berg. Radioreporter das Mikrofon hinhielt und sie
Mit ihr verband sich immer die Hoffnung auf heftig hustete. Ob sie krank sei, fragte der Lara, der Mensch
eine Rückkehr der Skigrossmacht Schweiz. Mann. «Nein», antwortete Lara Gut, «das ist Das hat auch damit zu tun, dass die Tessinerin
nur meine Journalistenallergie.» sich eben nie in ein System einfügte, sondern
Mehr als das blonde Ski-Schätzchen Wenn sie einen Allergieschub hat, kann sie immer ihren eigenen Weg ging. Im System der
Aber genau dafür steht sie eben nicht. Lara unausstehlich sein. Kurz angebunden, Eis in Familie Gut standen stets die Ski fahrenden
Gut ist kein Produkt des millionenschweren den Augen. Aber es gibt auch die andere Seite. Kinder Lara und Ian im Zentrum; Sponsoren,
Verbandes, sondern quasi eine familiäre Wenn sich Lara Gut auf ein Interview einlässt, Ausrüster, Medien und selbst der Verband
Eigenkreation. Die Eltern gaben ihr die Pas- öffnet sie ein Fenster zu ihrem Kosmos, waren bloss Mittel zum Zweck. Den ersten
sion für das Skifahren mit und förderten sie erzählt von ihren Gefühlen und Gedanken. grossen Vertrag schloss sie mit Raiffeisen ab,
von klein auf individuell. Ihr Vater hängte ihr Dann ist sie eloquent und intelligent, differen- die Bank bezahlte ein jährliches Fixum von
einen Zettel mit einem Spruch ins Zimmer, der ziert und reflektiert. Allerdings geizt sie zu- 200 000 Franken dafür, dass die Rennfahre-
sie ihr ganzes Leben prägen sollte: «Bleib stets sehends mit solchen Momenten. Lara Gut ist rin ihren Schriftzug auf dem Kopf trug. Als
du selbst.» Als Kind verbrachte sie im Sommer der Ansicht, dass es die traditionellen Medien Lara Gut einmal an einer Raiffeisen-Veranstal-
viel Zeit auf dem Griesgletscher, sie hauste mit immer weniger braucht, wenn es doch Social tung vom damaligen CEO Pierin Vincenz ge-
dem Papa in einer Holzhütte, und brauste un- Media gibt. Denn in Letzteren bestimmt sie fragt wurde, was es ihr bedeute, für sein
ermüdlich den Hang hinunter. Mit 15 Jahren selbst, was das Publikum erfährt, es gibt keine Unternehmen zu fahren, soll sie gesagt haben:
trainierte sie im Sommer bereits in Südame- unbequemen Fragen, keine lästigen Termin- «Mir ist egal, was auf meinem Helm steht. Ich
rika mit der spanischen Weltklassefahrerin absprachen. Die Fahrerin postet, was und will einfach nur Ski fahren.»
María José Rienda Contreras. Deren Anzug wann sie Lust hat. Und die Fans sagen mit Es war letztlich auch Gut, die ihr Privat-
trug sie, als sie 2007 Schweizer Meisterin im Attacke: Lara Gut auf der Abfahrtspiste. Likes und Emojis, wie gut sie das finden. team gegen Widerstände durchsetzte. Sie fuhr
41

URS LINDT / FRESHFOCUS

ALLE BILDER: INSTAGRAM


Aus dem Instagram-Account von Lara Gut: Hochzeitsfoto und Hausregeln des Ehepaars...

. . . Strandfreuden mit dem Bruder Ian und eine von vielen Autofahrten mit Vater Pauli . . .

Grosse Erfolge

24
So viele Rennen hat
Lara Gut im Weltcup
gewonnen. Die
Siege verteilen sich
auf vier Disziplinen:
Super-G (12),
Abfahrt (7), Riesen-
slalom (4) und
Kombination (1).

3
So viele Kristall-
kugeln hat sie zu
. . . mit Ehemann Valon Behrami an der Fussball-WM und während einer Bootsfahrt. Hause: eine grosse
für den Gesamt-
weltcup und zwei
bereits in jungen Jahren das Geld ein, das es «Ich will mich nicht vom die Sportlerin und begleitete sie nach dem Klatschspalten. Aber die Athletin selbst publi- kleine für die
brauchte, um den rund 500 000 Franken teu- Gesamtweltcupsieg 2016 während anderthalb ziert im Internet Bilder, die ihre Liebe doku- Disziplin Super-G.
Sport fressen lassen.

6
ren Alleingang zu finanzieren. Sie begehrte Jahren. Er sagt, er habe sie als müden und ge- mentieren. Eines davon zeigt das sich küs-
auf und wurde 2010 von Swiss Ski für zwei Was bringt es, wenn ich stressten Menschen erlebt. Er bekam das Ge- sende Paar vor einer Türe, auf die jemand die
Rennen gesperrt. Danach drohte sie, vor dem
Sportschiedsgericht dafür zu klagen, dass Ski-
am Ende der Karriere fühl, dass Lara nicht mehr liebte, was sie tat.
Sein Film zeige: «Wer etwas Grosses gewinnt,
Hausregeln der Jungverheirateten geschrie-
ben hat. Ganz oben steht: «Liebt euch.»
rennfahrer ihre eigenen Kleider mit eigenen 26 Siege habe, verliert auch ein bisschen seine Identität.» Wie viel diese Liebe verändert hat, zeigt
Sponsoren-Logos tragen dürfen. Der Zwist aber ich stehe allein da?» Es ist auffallend, wie Lara Gut seither jene sich, wenn Lara Gut über den Film von Niccolò So viele Medaillen
wurde in einer Aussprache beigelegt. Seit Menschen ins Zentrum rückt, die ihr nahe- Castelli redet. Er war im vergangenen Früh- hat sie an Titel-
2014 wird ihr Vater vom Verband auf Man- stehen. Immer wieder betont sie, wie wichtig ling am Fernsehen zu sehen, doch der Filme- kämpfen errungen:
datsbasis bezahlt. Damals sagte sie: «Ich habe die Beziehung zum Vater sei. Immer wieder macher hat noch eine Kinofassung produziert, 5 an WM, 1 an Olym-
mit 17 Jahren mit meinem Privatteam ange- bezieht sie ihren Bruder Ian mit ein, der Teil die am 28.Oktober Premiere feiert. Die Sport- pischen Spielen.
fangen, und ich musste 23 werden, bis wir ihres Privatteams ist und nach Anlaufschwie- lerin sagt, es sei für sie schwierig, sich die
eine befriedigende Lösung hatten.» rigkeiten vom schweizerischen in den liech- Bilder anzusehen. «Denn ich bin nicht mehr
Die Kämpfe waren damit nicht ausgestan- tensteinischen Verband gewechselt hat. Sie die Frau, die der Film zeigt.» Sie habe sich als
den. Lara Gut wurde immer wieder vorge- betonte in einem offenen Brief auf Facebook, Menschen etwas verloren gehabt, und Castelli
betet, dass ihr Vater als Trainer nicht genüge ihre Mutter habe sich stets gevierteilt, um die habe es geschafft, das zu zeigen. «Aber jetzt
für eine Frau mit ihren Ambitionen. Es wurde Familie zusammenzuhalten. Und habe jahre- bin ich mit Valon. Ich vermisse ihn im Film,
immer wieder kolportiert, dass sie die eigent- lang Post mit üblen Anfeindungen vor der weil er mir guttut.»
liche Chefin im Privatteam sei und zudem völ- Tochter versteckt. Seit sie mit Behrami zusammen sei, wisse
lig beratungsresistent. Das könne auf lange sie, was es bedeute, getrennt zu sein, sagt Lara
Sicht nicht funktionieren. Doch Lara Gut «Ich vermisse ihn, er tut mir gut» Gut. Denn im Alltag trainiert sie irgendwo auf
gewann 2016 mit ihrem Vater als Trainer den Aufgrund ihrer Interviews und den Posts in Schnee, er spielt in Udine Fussball. Was das
Gesamtweltcup. 2017 zog sie sich einen den sozialen Netzwerken lässt sich ein Prozess bedeutet, dokumentiert sie in den sozialen
Kreuzbandriss zu, und als sie zurückkehrte, des Bewusstwerdens und des Reifens nach- Netzwerken: die Sehnsucht nach dem Gelieb-
sagte sie, dass ihr die Zeit der Rehabilitation zeichnen. Es ist wohl kein Zufall, dass Lara Gut ten, die Verrücktheit der Liebenden, die mit
geholfen habe, mit vielem ins Reine zu kom- nach all dem endlich offen war für die grosse dem Flugzeug um die halbe Welt fliegt, um ein
men. Sie habe zu lange mit der Herausforde- Liebe. Im Frühling wurde ihre Beziehung zum paar Stunden in den Armen ihres Mannes zu
rung gelebt, mit guten Leistungen ihr System Fussballer Valon Behrami öffentlich, im Som- verbringen. Lara Gut sagt: «Ich will mich nicht
und auch ihren Vater verteidigen zu müssen. mer wurde geheiratet. Und es scheint, als habe mehr vom Sport fressen lassen.» Klar wolle sie
Lara Gut sagte damals auch: «Ich dachte zu sich mit dieser Bindung ein völlig neues Kapi- siegen, wenn sie sich den Berg hinunterwerfe.
sehr an Lara, die Athletin, und zu wenig an tel im Leben von Lara Gut aufgetan. Zwar Aber: «Was bringt es, wenn ich am Ende mei-
Lara, den Menschen.» Darunter litten wohl weist ihre Pressebetreuerin die Journalisten ner Karriere vielleicht 26 Siege habe, aber ich
zwischenmenschliche Beziehungen. Der Tes- darauf hin, dass in Interviews Fragen zum stehe allein da?» All das ist Teil von ihr, wenn
siner Niccolò Castelli drehte einen Film über Sport zu stellen seien, nicht zu Themen für die sie in einer Woche in Sölden am Start steht.
42 Sport NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018

TIM BRADBURY / GETTY IMAGES

Simone Biles war der


weibliche Superstar
der Olympischen
Spiele 2016. Die
Sportwelt wusste
nicht, dass sie sexuell
missbraucht worden
war. Jetzt ist Biles
zurück, als Mensch
versehrt, als Turnerin
stärker denn je.
Von Philipp Bärtsch Das Türkis ihres Tenues ist auch die Farbe der Opfer sexuellen Missbrauchs: Simone Biles turnt wieder.

ComebackeinesOpfers
A
m vergangenen 19. August men, haben sich sieben als Missbrauchsopfer Doktor Nassar war damals bereits aufgeflo- Biles ist längst wieder vereinnahmt vom
wird Simone Biles in Boston zu erkennen gegeben. #MeToo – im amerika- gen und seiner Funktion im US-Turnverband Turnen. Nach den Spielen hatte sie ein Jahr
US-Meisterin im Mehrkampf nischen Turnsport wie in Hollywood. enthoben, doch die Öffentlichkeit wusste lang pausiert. Vordergründig, um sich von den
und an allen vier Geräten, Von den acht ist im Moment nur Biles auf noch nichts von seinen Schandtaten. Am Tag unvermeidlichen Strapazen ihres Sports zu er-
die beste Turnerin der Ge- höchstem Niveau aktiv. Biles, die erfolg- vor der Eröffnungsfeier der Spiele hatte die holen; und um den Erfolg zu kapitalisieren.
schichte turnt schwieriger reichste, populärste und beste Turnerin – nicht Zeitung «The Indianapolis Star» enthüllt, wie Wo früher Sie tanzte im TV-Format «Dancing with the
denn je. Vier Tage zuvor sit- nur der USA, sondern der Welt, eine Celebrity, fahrlässig der Verband mit Hinweisen auf Anerkennung Stars», sie posierte als Bikinimodel für «Sports
zen Kyla Ross, Team-Olympiasiegerin 2012, die den Sprung von der Turnhalle auf die roten sexuellen Missbrauch umgehe. Das Recher- und Bewunde- Illustrated», es gab ein Buch und einen Film
und Madison Kocian, Team-Olympiasiegerin Teppiche geschafft hat. An den Weltmeister- chestück sollte sich als eine Art Prolog zum rung für das über sie. Und Biles fand ihre erste Liebe.
2016, in der Morgenshow des Senders CBS. Sie schaften in Doha turnt die 21-Jährige am Fall Nassar erweisen, den die gleiche Zeitung erfolgreichste Parallel zu diesem postolympischen Stan-
outen sich als Missbrauchsopfer des Arztes nächsten Samstag erstmals seit Rio 2016 wie- drei Wochen nach der Schlussfeier im Mara- Fördersystem dardprogramm für eine US-Turnkönigin hatte
Larry Nassar, der sich an mehreren hundert der international, und niemand wäre erstaunt, canã-Stadion publik machte. sie zu verarbeiten, was Nassar ihr angetan
jungen Turnerinnen vergangen hat. wenn sie eine Woche später 13, 14 oder 15 WM- Seit man weiss, dass auch Biles zu den
der Welt waren, hatte. «Simone war traumatisiert», sagte ihr
Immer wieder prallen sie auf verstörende Titel im Palmarès hätte statt 10 wie bis jetzt. Opfern zählt, erscheint auch ihre Karriere in sind nun Miss- neuer Heimtrainer, der Franzose Laurent
Art zusammen, die Gegenwart und die Ver- Die Erzählung dieser Karriere hat einen einem anderen Licht. Biles hat der Öffentlich- billigung und Landi. Biles nahm Hilfe von einer Psychologin
gangenheit, das Staunen im Angesicht sport- ganz anderen Dreh als noch vor zwei Jahren keit die Details des Verbrechens an ihr erspart, Pauschalkritik. in Anspruch. Seit einem Jahr trainiert sie wie-
licher Höchstleistungen und das Schaudern in Brasilien, wo Biles sportweltbekannt wurde doch die Frage, wie dieser junge Mensch mit der voll, im Juli gab sie das Wettkampf-Come-
wegen neuer Schlagzeilen im wohl grössten als das Turnwunder, das es aus schwierigen diesem Schmerz in der Seele zu solchen Leis- back, an den US-Meisterschaften Mitte August
Missbrauchsskandal, der in der Sportwelt je Verhältnissen nach oben geschafft hatte. Biles tungen fähig sein konnte, hat sie ein Stück dominierte sie nach Belieben. Den Mehr-
publik wurde. Die dunklen Schatten werden war zweijährig, als sie und ihre drei Geschwis- weit beantwortet. In einem Interview mit dem kampf gewann sie mit dem Riesenvorsprung
den Turnsport in den USA, wo Frauenkunst- ter der drogensüchtigen und alkoholkranken Portal «The Daily Beast» sagte Biles: «Uns ist von 6,55 Punkten, nicht vor irgendwem, son-
turnen eine der populärsten olympischen Mutter weggenommen wurden. Simone und früh beigebracht worden, unsere Gefühle zu dern vor Morgan Hurd, die 2017 in ihrer Ab-
Sportarten ist, noch jahrelang verfolgen. die jüngere Schwester Adria kamen in die Ob- unterdrücken, denn wenn du zu emotional wesenheit Weltmeisterin geworden war.
Simone Biles ist der Star, der die Gegenwart hut ihres leiblichen Grossvaters Ron und von bist, ist deine Leistung weniger gut.» Es gibt Menschen, die Simone Biles zur
und die Vergangenheit verbindet. Sie war die dessen zweiter Frau Nellie; später, nach einem Sonst meidet Biles das Thema, die Rolle der Retterin des gebeutelten US-Turnsports hoch-
weibliche Hauptfigur der Olympischen Spiele gescheiterten Versuch, die Familie wieder zu Wortführerin unter all den misshandelten stilisieren. Wo früher Anerkennung und Be-
2016 in Rio de Janeiro, wo sie viermal Gold vereinen, wurden sie vom Ehepaar adoptiert. Turnerinnen überlässt sie Alexandra Rais- wunderung für das erfolgreichste Förder-
und einmal Bronze gewann. Im Januar dieses Nach Rio de Janeiro reiste Biles als die erste man, dem Captain der Gold-Teams von 2012 system der Welt waren, sind nun Missbilli-
Jahres, während Nassar der Prozess gemacht Turnerin, die dreimal in Folge Weltmeisterin und 2016. Als im vergangenen Frühsommer gung und Pauschalkritik. Doch wie kann man
wurde, gab Biles bekannt, dass auch sie sexu- im Mehrkampf geworden war, als die kleine eine Journalistin von «L’Equipe Magazine» jemanden wie Biles in diese Rolle drängen? Je-
ell missbraucht worden sei vom langjährigen Sprungfeder mit den Riesenkräften, vom Biles im Training besuchen durfte, stellte die manden, der das Vertrauen in dieses System
Teamarzt. Von den acht US-Turnerinnen, die Schicksal auserkoren, die athletischen Gren- Mutter und Managerin Nellie Biles klar: schon lange verloren hat? Und es vielleicht nie
2012 und 2016 an den Sommerspielen teilnah- zen ihres Sports zu verschieben. «Keine Fragen zu Nassar!» mehr wiederfinden wird?

Der Missbrauchsskandal ist längst nicht ausgestanden

Grosses
Steve Penny war in den Ferien, Nassar verurteilt wurde, sum- Nachfolgerin von Steve Penny dals eine Handvoll grosse Spon-
REUTERS

als er am Mittwoch verhaftet mieren sich auf bis zu 235 Jahre. nach einer Serie von Fehltritten soren verloren. Derzeit verfügt
wurde, seine Frau und die drei Steve Penny war im März 2017 und auf Druck des nationalen der Verband nicht einmal über

Chaos im
Kinder mussten mit ansehen, unter grossem Druck zurück- olympischen Komitees abdan- einen offiziellen Ausrüster. Nike
wie der langjährige Präsident getreten. USA Gymnastics hatte ken. Mary Bono, die interimisti- hatte Interesse gezeigt.
und CEO des amerikanischen die Vorwürfe gegen Nassar sche Nachfolgerin der Nachfol- Nach dem Prozess gegen Larry

Verband
Turnverbandes USA Gymnastics zuerst fünf Wochen lang intern gerin, trat am Dienstag zurück – Nassar sah sich auch der 21-köp-
von den Beamten abgeführt untersucht, ehe das FBI einge- nur fünf Tage nach ihrer umstrit- fige Verbandsvorstand zum
wurde. Penny steht unter schaltet wurde. Statt die Turne- tenen Ernennung. Bono, eine Rücktritt gezwungen. Und Valeri
Anklage, ihm wird vorgeworfen, rinnen schützte Penny den Ver- frühere Kongressabgeordnete Liukin gab den Job als Koordina-
er habe bewusst Unterlagen zer- band. Um den Imageschaden zu der Republikanischen Partei, tor des Nationalteams auf. Der
stört oder zurückgehalten, die begrenzen, investierte er sogar hatte im September auf Twitter Reck-Olympiasieger von 1988
der Justiz als Beweismaterial kriminelle Energie, wie es ihre Abneigung gegen eine und Vater der Mehrkampf-Olym-
hätten dienen können – als scheint. Für Penny gilt die Werbekampagne des Sportarti- piasiegerin von 2008 (Nastia
Beweismaterial im Fall Larry Unschuldsvermutung. kelgiganten Nike zum Ausdruck Liukin) hatte nach den Olympi-
Nassar. Der frühere Verbandsarzt Der Verband ist im Chaos ver- gebracht. Nike ist ein Sponsor schen Spielen 2016 Marta Karo-
hatte über Jahre systematisch sunken; er sieht sich mit Dutzen- von Simone Biles, der Turnstar lyi abgelöst. Liukin wurde von
Turnerinnen sexuell miss- den Klagen konfrontiert und kritisierte Bono auf ironisch-sar- vielen gelobt, im Nasser-Prozess
braucht. Die Opferzahl ist drei- kommt auch personell nicht zur kastische Art. USA Gymnastics aber auch von einem Opfer für
stellig, die Haftstrafen, zu denen Abgeführt: Steve Penny. Ruhe. Im September musste die hat wegen des Missbrauchsskan- seinen Umgang kritisiert. (phb.)
NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018
Sport 43

«Wirlernenvielvon
denKindern»
20 Jahre auf der Tennis-Tour haben Roger Federer zum Nomaden gemacht. Heimat
sei für ihn dort, wo seine Familie ist. Trotzdem ist seine Verbindung zur Schweiz
und zu Basel stets eng geblieben. Interview Daniel Germann
NZZ am Sonntag: Was empfinden Sie jeweils,

KOSTAS MAROS
wenn Sie nach Basel zurückkehren?
Federers Swiss Indoors
Roger Federer: Es ist immer wieder eine Lieblingsorte
Freude. Wenn ich wie heute (am Freitag) in
Start gegen Krajinovic
die Region, in die Stadt zurückkehre, dann
steigen Erinnerungen aus meiner Jugend in
mir hoch. Ich habe hier so viel erlebt, nicht
nur auf dem Tennisplatz, sondern in der
1.
«Basel, weil hier
Roger Federer tritt
bei seiner 18. Teil-
Frühjahr in Indian
Wells in zwei Sätzen
ganzen Stadt. Kindheitserinnerungen prägen meine Jugend- nahme an den Swiss geschlagen hat.
das Leben. Und bei mir haben die meisten freunde und meine Indoors als Titel- Stan Wawrinka trifft
mit Basel zu tun. Familie sind.» anwärter Nummer 1 in der ersten Runde
an. Der 37-jährige auf Adrian Manna-
An den Swiss Indoors pflegt Sie der Platzspea-
ker Christoph Schwegler mit den Worten «wel-
come home, Roger» auf dem Platz zu begrüs-
sen. Doch nach 20 Jahren auf der Tennistour
2.
«Valbella, weil ich die
Baselbieter beginnt
das Turnier am
Dienstagabend
gegen den Serben
rino (FRA), Henri
Laaksonen auf
Marco Cecchinato
(ITA). Federer ist in
sind Sie fast überall auf der Welt zu Hause. Region und die Berge Filip Krajinovic (ATP Basel Titelverteidi-
Was ist für Sie Heimat? liebe und meine 34), den er in der ger. Er hat das Tur-
Am Ende ist man dort zu Hause, wo die Kinder sich dort zu bisher einzigen nier bisher achtmal
Familie ist. Solange ich mit meiner Frau Hause fühlen.» Begegnung im gewonnen. (gen.)
Mirka, mit meinen vier Kindern zusammen
bin, ist die Welt für mich in Ordnung. Aber
natürlich: Es gibt auch für mich Orte, die mir
mehr bedeuten als andere, und Basel steht
da ganz weit oben. Nun ist die Heimat für
3.
«Das Appenzellerland,
Es ist hochinteressant. Ich spreche nun in
erster Linie von den Mädchen; die Jungs sind
mich dort, wo sich die Kinder am wohlsten weil mein Vater dort noch zu klein. Wir waren eben zum ersten
fühlen. Und das ist in den Bergen oder in aufgewachsen ist und Mal gemeinsam in Tokio und Schanghai. Sie
Wollerau. Ich selber kann mich gut anpassen. wir in meiner Jugend waren völlig fasziniert. Man muss aufpassen,
Ich habe schon an vielen Orten gelebt – in dort immer wieder dass all diese Eindrücke für sie nicht plötz-
Ecublens, in Biel. In Dubai besitze ich seit 15 Wanderungen ge- lich zur Normalität werden und sie glauben:
Jahren eine Wohnung, auch wenn ich das macht haben, die ich Das ist das Leben. Ich habe erst kürzlich
jetzt nicht als Heimat bezeichnen würde. bis heute nicht länger mit ihnen darüber gesprochen. Ich
Dubai ist vor allem eine Trainingsbasis für vergessen habe.» möchte, dass sie wissen, dass all die Reisen
die Übergangszeit, wenn es in der Schweiz speziell sind. Normal ist das, was ich heute
kalt ist. Doch ich fühle mich auch dort wohl. morgen mit den beiden Jungs gemacht habe:
Wir waren im Wald und haben dort ein Feuer
Sie sind pro Jahr gegen neun Monate unter- gemacht. Dann sind wir nach Hause zurück-
wegs. Was fehlt Ihnen in dieser Zeit? gekehrt und haben gemeinsam zu Mittag
In den letzten drei Monaten war ich fünf gegessen. Auch die Jungs bekommen inzwi-
Tage zu Hause. Je mehr man unterwegs ist, schen langsam mit, dass ich bekannter als
desto mehr schätzt man, was man zu Hause andere Väter bin, dass ich häufiger fotogra-
hat. Ich realisiere immer mehr, wie schön die fiert werde.
Schweiz ist, wie gerne ich hier bin. Für mich
war schon in jungen Jahren klar, dass ich Sie sind in Ihrer Jugend auch viel gereist.
auch während der Karriere immer wieder in Nicht in diesem Rahmen. Meine Kindheit
die Schweiz zurückkehren werde. Das habe war wunderschön. Und ich wünsche mir,
ich zum Glück geschafft. Ich habe meinen dass meine Kinder Ähnliches erleben.
Freundeskreis hier immer gepflegt. Für mich Gleichzeitig ertappe ich mich immer wieder
ist die Schweiz das beste Land auf der Welt. dabei, dass ich denke: «Oh Gott, das hätte ich
in ihrem Alter auch gerne erlebt.» Das war
Hat sich Ihr Verhältnis zur Schweiz durch die aber nicht möglich. Mein Vater arbeitete. Die
vielen Reisen verändert? Kinder lernen viel von uns, wir aber auch
Ich geniesse heute viel bewusster, was wir von ihnen. Und Mirka und mir macht es vor
hier haben. Es ist alles sauber, alles sicher, allem Freude, dass sie offensichtlich grossen
alles überschaubar, alles nicht so verrückt Spass an all den Reisen haben.
wie in New York, Chicago, Tokio oder
Schanghai, wo ich zuletzt gerade gewesen Allzu fern ist das Ende Ihrer Karriere nicht
bin. Aber mein Blick auf die Schweiz hat sich mehr. Sie waren in den letzten 20 Jahren stän-
vor allem auch deshalb verändert, weil ich dig unterwegs. Können Sie überhaupt noch
durch meine Erfolge in die Rolle eines Bot- sesshaft werden?
schafters hineingewachsen bin. Wo immer Es ist sogar ein grosses Bedürfnis von mir,
ich antrete, werde ich mit dem Attribut etwas zur Ruhe zu kommen. Im Moment bin
«from Switzerland» begrüsst. Da beginnt Als Last habe ich es nie empfunden. Ich Mutter und meine Schwester halfen an den «Es ist ein grosses ich maximal drei, höchstes vier Wochen am
man automatisch, das Land zu repräsentie- hatte nie das Gefühl, die Schweiz, ihr Image Swiss Indoors. Ich fuhr mit dem Fahrrad zur Bedürfnis von mir, Stück am selben Ort. Ich freue mich darauf,
ren. Ich habe das immer genossen. Gleich- schultern zu müssen. Wir haben viele her- Halle, bis es mir geklaut wurde. Dann kam etwas zur Ruhe zu irgendwann wieder länger zu Hause zu sein.
zeitig wurde es mir in dieser Rolle manchmal ausragende Persönlichkeiten, in der For- ich mit den Rollerblades. Ich schaue hier in kommen»: Roger Ich habe während meiner Verletzungspause
auch fast ein wenig unwohl. Letztlich bin ich schung oder in anderen Bereichen, die ihre Basel ins Publikum und sehe überall Federer. (19.10.2018) vor zwei Jahren einen kleinen Vorgeschmack
nur ein Tennisspieler. Das Tennis hat mir Arbeit ohne die öffentliche Anteilnahme bekannte Gesichter. Das muss sich anders darauf bekommen, wie das werden könnte.
viele Türen aufgestossen, hat mich mit erledigen, die ich geniesse. Tennis ist eine anfühlen, als wenn ich in Melbourne, Es war wunderbar. Ich konnte plötzlich drei
vielen interessanten Persönlichkeiten in der Weltsportarten. Es ermöglicht mir bei- London oder New York spiele. Wochen voraus ein Mittagessen mit jeman-
Berührung gebracht. spielsweise, in Wimbledon zu spielen, wo die dem abmachen. Das war während Jahren
ganze Welt hinblickt. Wir Tennisspieler Und doch ist der Support für Sie im Ausland nicht möglich.
Wird diese Aufgabe, ein ganzes Land zu reprä- stehen vom Januar bis in den November im unglaublich.
sentieren, zuweilen auch zur Last? Fokus. Deshalb war es mir immer ein Anlie- Das stimmt. Im Fussball würde ich in Und doch: Der Reiz der Reisen wird Sie nach so
gen, nicht nur ein Vorbild für Kinder und fremden Stadien wahrscheinlich ausgepfif- langer Zeit kaum loslassen.
Jugendliche, sondern auch ein guter Reprä- fen, weil man Angst hätte, ich könnte ein Tor Das ist klar. Ich werde mich nach meiner
sentant der Schweiz zu sein. schiessen. Das ist im Tennis anders. Die Karriere bestimmt nicht einfach auf das Sofa
Atmosphäre ist entspannter. Davon profi- setzen, die Arme verschränken und dort
Ob in Melbourne, London oder New York: Die tiere aber nicht nur ich, sondern auch Rafael sitzenbleiben. Ich habe mir kürzlich einen
Menschen empfangen Sie, als wären Sie einer Nadal und die anderen Topspieler. Dazu alten Bus aus dem Jahr 1960 gekauft. Ich
Ich möchte all die Städte von ihnen. Sie werden von einer grossen Sym- müssen wir Sorge tragen. Aber trotzdem: freue mich darauf, mit diesem auf Reisen zu
und Länder noch einmal pathie getragen. Fühlt es sich trotzdem anders
an, wenn Sie in der Schweiz antreten?
Basel ist für mich ein spezieller Ort, um
Tennis zu spielen. Da kann höchstens noch
gehen. Europa ist klein, alles ist leicht
erreichbar. Das Reisen ist heute einfacher als
bereisen, in denen ich Auf jeden Fall. Es ist schwer zu erklären. Wimbledon wegen seiner Aura und seiner je zuvor. Ich möchte all die Städte und
als Tennisspieler bereits Es ist vor allem ein subjektives Empfinden. Geschichte einigermassen mithalten. Länder noch einmal bereisen, in denen ich
Ich laufe hier in Basel auf den Platz, sehe als Tennisspieler bereits war – ganz ent-
war – ganz entspannt einen Balljungen oder ein Ballmädchen und Ihre vier Kinder wachsen rund um die Welt spannt und ohne den Druck, den der Sport
und ohne Druck. denke: «Dort stand auch ich einmal.» Meine auf. Wo ist für sie die Heimat? mit sich bringt.
44 Sport NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018

DieTückenbeimStadion-Bau
Ein neues Fussball- ALESSANDRO DELLA VALLE / KEYSTONE

stadion schürt
immer auch grosse
Erwartungen. Viele
können jedoch nicht
erfüllt werden. Was
Zürich im Hinblick auf
die Abstimmung Ende
November von andern
Klubs lernen könnte.
Von Peter B. Birrer

W
enn YB in der Cham- Der Meistertitel dass das Konstrukt unter dem Stadiondach etwas für Frauen, für Kinder, für Familien, Es ist sicherlich gut,
pions League am und Investoren einfach wird. In der Luzerner Arena existieren aber ihr verliert Nostalgie, Tradition, Kultur,
Dienstag Valencia be- halfen: Stade de vier Aktiengesellschaften und drei Stiftungen. Nähe, ihr werdet weniger greifbar. In der Sta-
dass auf dem Hardturm
grüsst und ein Sta- Suisse in Bern. Niemand hat den Durchblick, was das Kom- dion-Planung geht weder der geldbringende kein pompöses, viel
dion-Architekt hoch
oben in einer Loge ins
(23. September 2018) petenzgerangel und die verdeckte Einfluss-
nahme fördert. Basel ist auch hier der Sonder-
VIP-Besucher noch der Sicherheitsaspekt ver-
gessen. Dafür aber manchmal paradoxerweise
zu grosses Fünfeck-
ausverkaufte und vor fall, weil der Fussball seit je Gewicht hat. Wo der Fussballfan, der im und auch neben dem Station steht, wie
seinen Füssen liegende Stade de Suisse blickt, Diskussionen im 2001 in Betrieb genomme- Stadion keinen Treffpunkt mehr hat. es einst geplant war.
denkt er genüsslich: «Wow.» Ohne die Arena nen St.-Jakob-Park endlos zu werden drohten,
wären die Young Boys nicht dort, wo sie sind. setzte die Finanzkraft der Roche-Miterbin Gigi Auch der Unterhalt kostet
Alles ist gut. Jetzt, 2018. Satte 13 Jahre und Oeri einen Punkt. Als Oeri später nicht mehr Das führt zur vierten Lehre: Ausser in Basel lisch auf, weil Beton Beton ist und später nicht
Dutzende eingeschossene Millionen Franken da war, hatte der sportliche Erfolg Kraft. Der gab es überall früher oder später Probleme, wie Lego neu zusammengesetzt werden kann.
hatten die Berner jedoch im neuen Heim be- FC Basel konnte sich vor ein paar Jahren das weil die zu stemmende Stadion-Kiste grösser Die Euro 2008 hat als Motor in Basel und Bern
nötigt, ehe sie diese Flughöhe erreichten. Risiko leisten, die Vermarktung des St.-Jakob- und facettenreicher ist als gemeinhin ange- zweifellos Gutes, aber in Zürich mit dem zu
2005 war die Taufe des Stade de Suisse, das Parks in den Klub zu integrieren. nommen. «Die organisatorische Dimension schnell durchgepaukten Letzigrund aus fuss-
sich vereinfacht gesagt nur deshalb finanzie- Mit einem neuen Stadion werden übertrie- explodiert», sagt eine Person, die in Bern nahe ballerischer Sicht Unbefriedigendes und in
ren liess, weil sich unter dem Kunstrasen ein bene Erwartungen geschürt. Das gehört zum dabei war. Zwar erweitert sich schlagartig die Genf sogar einen Krisenfall zurückgelassen.
Einkaufszentrum breitmacht. Der Schweizer Spiel, wenn jemand ein solches Projekt durch- ökonomische Ausbeute, aber eine neue Arena Natürlich haben der Franzose Marc Roger, der
Fussball braucht Fremdkapital für neue bringen will. Das Stadion als Heilmittel, hat hohe Unterhaltskosten zur Folge. Das darf Iraner Majid Pishyar und der Kanadier Hugh
Stadien, das ist überall so, von St.Gallen über Lebensretter. Alles wird gut. In der Tat steigen nicht vergessen werden, wenn das Geld für Quennec als Servette-Chefs ihren Teil zum
Zürich bis Genf. Die Querfinanzierung ist ein im neuen Stadion die Zuschauerzahlen. Das den Stadionbau zur Debatte steht. Nach der Elend des Genfer Fussballs beigetragen, aber
Segen, aber eben auch ein Fluch, weil die Ver- ist die zweite Lehre, auch wenn es die sonder- Inbetriebnahme steht das teure Leben nicht der grosse Klotz am Bein bleibt das Stade de
flechtungen alles verkomplizieren. Wer Geld bare Antithese Luzern gibt. Dort stieg der still. Es geht weiter, Jahr für Jahr. Genève, das zusätzlich zu Phantastereien ver-
gibt, redet mit. Wer kein Geld hat, hält den Schnitt von vorher 7000 bis 8000 Zuschauern Das erfuhr zum Beispiel der FC St.Gallen im führte. Es ist mit seinen 30 000 Plätzen viel zu
Mund. Der Klub ist weder Bauherr noch Inves- pro Match in der Anfangseuphorie auf 14 000, eigentlich massgeschneiderten und 2008 ein- gross, allein wegen fehlender Eingänge nicht
tor. Er ist Nutzer, Hauptmieter und trotzdem sank danach aber kontinuierlich auf 10 000. geweihten Stadion. Schon 2010 musste der tauglich für Konzerte und schlecht an den
Bittsteller. Er ist über jeden Bau-Rappen froh. Natürlich ist der GC-Finanzchef traurig, wenn Klub notfallmässig saniert werden – nicht öffentlichen Verkehr angeschlossen. Da fehlte
«Du bist am Tisch, aber trotzdem nicht dabei», er im weitgehend leeren Letzigrund bei gewis- wegen Fehltransfers, nicht wegen Trainerent- in der Planung fatalerweise die eine oder
sagt ein Sportfunktionär über die Entstehung sen Heimspielen 3000 bis 4000 Personen er- lassungen und nicht wegen einer zu teuren andere Denkpause.
des Thuner Stadions. späht. Aber er soll nicht dem Irrglauben ver- Mannschaft, sondern wegen der viel zu stark Eines muss man dem neusten Zürcher Sta-
fallen, dass sich diese Zahl am allenfalls neuen auf Pump belasteten Arena. dionprojekt lassen. Hier wurden offensicht-
Im Kompetenzgerangel und auf den Fussball zugeschnittenen Spiel- Da ist die fünfte Lehre nicht weit: Überlegt lich Lehren gezogen. Es ist sicherlich gut, dass
Die auf die Multifunktionalität zurückzufüh- ort einfach so verdreifacht. euch gut, was ihr macht. Gönnt euch eine auf dem Hardturm-Gelände kein pompöses,
rende Abhängigkeit führt zur ersten Lehre aus Die dritte Lehre besagt: Ihr gewinnt Mode- Denkpause. Nehmt euch Zeit, obschon just viel zu grosses Fünfeck-Stadion steht, wie es
dem Schweizer Stadionbau: Denkt ja nicht, fans und macht am moderneren Ort auch die in Bauprojekten häufig fehlt. Passt höl- vor über einem Jahrzehnt geplant war.

Krisen in neuen Schweizer Arenen

Nur
ALLE FOTOS : KEYSTONE

Basel
blieb
immer
St.-Jakob-Park in Basel. Stade de Genève in Genf. Stade de Suisse in Bern. Maladière in Neuenburg. Kybunpark in St.Gallen.

Die Basis des Steigerungslaufs in Das 2003 eröffnete Stade de Im Unterschied zu Basel wurden Die neue Maladière erwies sich In St.Gallen begannen die Pro-

auf Kurs
Basel stützten drei Pfeiler. Die Genève ist der Sündenfall die Geldgeber nicht durch den 2007 zunächst als Segen für bleme, als der Klub 2008 die
Anschubfinanzierung der Roche- schlechthin der Schweizer Sta- Fussball, sondern durch das Neuenburg und für Xamax, weil Arena bezog, nachdem er in die
Miterbin Gigi Oeri, der sportliche dionlandschaft. Mit Blick auf die Stadion nach Bern gelockt. Mit der Stadionbau den Bauunter- Challenge League abgestiegen
Erfolg ab 2002 mit dem Double Euro 2008 wurde es zu gross YB ging es nach der Stadion- nehmer Sylvio Bernasconi an war. Wegen des finanziell belas-
und der Champions League und konzipiert und hängt seit Jahren ouvertüre 2005 bis 2010 nach Bord holte. Doch die Erwar- teten Neubaus war 2010 eine
der 2001 eröffnete St.-Jakob- am Tropf der öffentlichen Hand. oben, doch Missmanagement tungshaltung war zu unrealis- aufsehenerregende Sanierung
Park. Auch dessen im Hinblick Es ist schön, aber gleichzeitig ein warf den Klub zurück und hatte tisch und die Klubführung unter fällig. Banken verzichteten auf
auf die Euro 2008 erweiterte schwarzes Loch, in dem Millio- hohe Kostenfolgen. Erst jetzt Bernasconi zu ungeduldig. Ber- 5Millionen Franken Darlehen,
Kapazität auf 40 000 Plätze nen verschwinden. Eine Lösung läuft der Laden – dank dem Titel nasconi übergab den Laden bei Private schossen über 10 Millio-
erwies sich als Glücksfall. Wie des teuren Problems ist nicht in 2018, Transfererlösen und der erstbester Gelegenheit an den nen ein. St.Gallen zeigt, wie
fast in jeder Domäne ist Basel Sicht, zumal der Mieter in der Champions League. Das Stade de Tschetschenen Bulat Tschaga- schwer es ist, im Schweizer Fuss-
auch in der Infrastruktur Trend- Challenge League spielt. Nur ein Suisse ist eine Spur zu gross, jew, der Xamax 2012 in die Wand ball rentabel zu arbeiten. Trotz
setter im Schweizer Fussball. epochaler Aufschwung des Ser- sonst aber ideal für YB. Wegen fuhr. Die Stadt musste die Mala- viel Publikum, trotz regionaler
Andernorts liess man sich vette FC kann aus dem Sünden- mangelhafter Trainingsinfra- dière stützen und Xamax ganz Identifikation, trotz nicht über-
dadurch blenden. einen Glücksfall machen. struktur liegt ein Kunstrasen. unten neu beginnen. dimensioniertem Stadion. (bir.)
ImFokus 45

Der dreifache Radquer-Weltmeister Wout van Aert ist heute Sonntag der Star am Weltcup in Bern. Er trägt
einen Streit mit seinem Team aus, der für den Radsport richtungsweisend sein kann. Von Sebastian Bräuer

Kämpfenundleiden
V
or kurzem führte Wout van Watt treten. Wer vor der ersten Kurve zu weit

DAVID STOCKMAN / BELGA / IMAGO


Aert ein telefonisches Inter- zurückliegt, hat das Rennen schon verloren.
Wout van Aert
view mit der Zeitung «Het Wenige agieren in der brutalen Anfangs-
Laatste Niews». Der belgi- phase so souverän wie van Aert. Er befindet Der 24-jährige Bel-
sche Radprofi bekannte im sich 30 Sekunden nach dem Startschuss gier dominiert den
Gespräch mit dem Reporter fast immer auf einem der vordersten Plätze. Radquersport seit
seines Heimatblatts, dass Ab dann dominiert er das Rennen von der Jahren. 2016, 2017
die letzten Wochen nicht einfach gewesen Spitze her, mögen die Hindernisse noch so und 2018 wurde
seien. In jenem Moment griff sich seine Ehe- schwer sein, die Hügel noch so steil und der er Weltmeister. Im
frau Sarah das Handy. «Nicht einfach?», wie- Schlamm noch so tief. So möchte van Aert Frühjahr 2018 ge-
derholte sie aufgebracht. «Er ist ein Wrack. auch den Weltcup in Bern bestreiten: Vollgas lang ihm zudem auf
Sie haben ihn mental gebrochen. Aber Wout vom ersten bis zum letzten Meter. «Das Ziel der Strasse eine
ist zu hart, das zuzugeben.» Es war ein ist der Sieg», sagt sein Manager Jef Van den erfolgreiche Clas-
Moment, der selten geworden ist in der Bosch. «Dafür hat er sehr hart gearbeitet.» siques-Saison. Wout
zunehmend durchinszenierten Welt des Der Belgier könnte womöglich zehnfacher van Aert wurde
Spitzensports. Ein Moment, in dem der Crossweltmeister werden. Er ist mit seinen unter anderem Drit-
Druck, unter dem Athleten stehen, authen- 24 Lebensjahren immer noch sehr jung. ter am Eintages-
tisch zu spüren war. Anlass war ein Streit um Aber es passt zu van Aert, dass ihm das nicht rennen Strade Bian-
die Neuausrichtung seines Teams. genügt. In diesem Frühjahr wagte er sich an che. Er möchte in
Der Mann, der immer noch in seinem flä- einige der grössten Strassenrennen der Welt. den kommenden
mischen Heimatdorf lebt, sehnt sich nach Es gab immer wieder Radquer-Spezialis- Jahren weiter in bei-
einem stabilen Umfeld. Das war zuletzt nicht ten, die das Metier wechselten, aber bei wohl den Disziplinen an-
mehr gegeben. Van Aerts Equipe Veranda’s niemandem verlief das Wagnis so spektaku- treten. Van Aert ist
Willems-Crelan will mit einer anderen Mann- lär. Zur spezifischen Vorbereitung fehlte van seit diesem Sommer
schaft fusionieren und soll einigen Fahrern Aert die Zeit. Am 3. März, nur einen Monat verheiratet und
und Betreuern signalisiert haben, dass für sie nach der Radquer-WM, trat er an der italieni- wohnt in seinem Ge-
in der neuen Konstellation kein Platz mehr schen Classique Strade Bianche an. Van Aert burtsort Herentals
sei. Van Aert erzürnte der Umgang mit seinen fuhr so, wie er Radquer-Rennen bestreitet. in Flandern.
Mitstreitern so sehr, dass er seinen bis Ende Er attackierte früh. Im Zielort Siena war der
2019 laufenden Vertrag fristlos kündigte. Er Belgier derart erschöpft, dass er mit Krämp-
tritt an diesem Sonntag am Weltcup in Bern fen vom Rad fiel. Van Aert rappelte sich
mit einem Weltmeistertrikot an, auf das er wieder auf, stolperte fast in die Fotografen
seine privaten Sponsoren gedruckt hat. Das am Strassenrand, rettete sich aber als Dritter
Team akzeptiert die Kündigung nicht und ins Ziel, vor dem spanischen Star Alejandro
will vors Arbeitsgericht ziehen. Die Ausein- Valverde. Dort legte er sich sofort auf den
andersetzung kann für den Radsport rich- Rücken, die Arme weit von sich gestreckt.
tungsweisend sein: Es geht darum, ob der Beide Disziplinen zu verbinden, ist eigent-
wichtigste Fahrer einer Mannschaft nur ein lich verrückt. Die Strassenprofis verabschie-
gewöhnlicher Angestellter ist – oder ob er den sich im Herbst in einen längeren Urlaub.
einfordern darf, an strategischen Entschei- Van Aert dagegen fährt einfach weiter, denn
den beteiligt zu werden. Viele Profis verfol- die Radquer-Saison dauert von September bis
gen das Tauziehen in Belgien aufmerksam. Februar. Laut seinem Manager Van den Bosch
Van Aert ist, rein sportlich betrachtet, der will er das die nächsten Jahre so durchziehen.
Peter Sagan des Radquersports. Der Slowake Vielleicht werde er die Zahl der Radquer-
triumphierte dreimal in Folge an der Stras- Rennen etwas reduzieren, ausserdem sei er
senrad-WM. Dem Belgier gelang von 2016 bis dieses Jahr zwischen dem 8. April und dem
2018 das Gleiche in seiner Disziplin, der Fahrt 17. Juni keine Rennen gefahren, das sei auch
durchs Gelände. Aber damit erschöpfen sich eine Art Saisonpause. «Es ist ein Experi-
die Parallelen. Sagan mimt den Sonnyboy ment», sagt der Manager. «Bis jetzt funktio-
und verzichtet nie auf Faxen. Nicht einmal in niert es gut.» Allerdings müssen er und sein
jener Woche im Sommer, in der das Ende Schützling in den nächsten Wochen ein
seiner Ehe bekannt wurde. Van Aert und sein neues Team finden. Der Bruch mit Veranda’s
Umfeld dagegen verheimlichen nie, wie sehr Willems-Crelan scheint nicht mehr zu kitten
dem 24-Jährigen die Begleitumstände seines zu sein. Van den Bosch sagt: «Wout ist ziem-
Sports zusetzen. Sie betonen es sogar. «Die lich gestresst von der Situation.» In Bern will
Leute sehen nur die wunderbare Seite des er das ausblenden und Vollgas geben.
Radsports, sie sehen nicht, wenn Wout wei-
nend im Camper sitzt, nachdem er verloren
hat», sagte einmal sein Trainer Niels Albert. «Die Leute sehen nur die
«Und am nächsten Tag ist wieder Training, wunderbare Seite des
und es regnet, und es ist kalt.»
Sie wollen, dass van Aert nicht als Sportler Sports, sie sehen nicht,
gilt, dem alles zufliegt. Die Zuschauer sollen wenn Wout weinend im
wissen, wie sehr er kämpft und leidet.
Radquer-Rennen beginnen mit Sprints, in
Camper sitzt, nachdem
denen die Fahrer teilweise mehr als 1000 er verloren hat.» Vollgas vom ersten bis zum letzen Meter: Wout Van Aert. (Lokeren, 13. Oktober 2018)

Die Sportwoche Von Benjamin Steffen

Reber, Ryf, Löw – Weinen gibt’s nicht, Aufgeben geht nicht


«Die Schmerzen waren derart gross», sagte «Wenn das alles ist, wenn nicht Kinder zugeschaut hätten – doch Was hält GC Zürich für prekärer? Die Spit-
CHRISTOPHE PETIT TESSON / EPA

die Triathletin Daniela Ryf nach dem Iron- halte ich es aus»: Löw, einst Bub, heute Mann, fuhr im Cabrio zenplatzierung bei der Fan-Gewalt oder die
man-Sieg in Hawaii am letzten Wochenende, Deutschlands Bun- durch Freiburg und «grübelte» in einem Café Abstiegsgefahr in der Super League?
«doch ich dachte: Ich bin der Champion, ich destrainer Joachim über die Zukunft («Bild» berichtete). Löw sagte nach dem 1:2: «Ich habe zur
darf nicht aufgeben, Kinder schauen zu.» Löw gibt den Mann Was herauskommt, wenn Löw grübelt? Mannschaft gesagt: ‹Die Guten sind die, die
«Buebe tüe nid briegge, nei, das ghört sech mit der dicken Haut. Am Dienstag folgte ein 1:2 gegen Frankreich. den Schalter relativ schnell umlegen.›»
nid», singt Peter Reber. Mädchen auch nicht! Der Torhüter Manuel Neuer sagte, Löw habe Die Champions sind die, die den Schalter
«Noch so eine donnernde Niederlage», einen «klaren Plan» gehabt, «und im Prinzip relativ schnell umlegen und daran denken,
schrieb die «Süddeutsche Zeitung» nach dem ist der Plan auch aufgegangen». dass Kinder zuschauen.
0:3 der deutschen Fussballer gegen die Nie- Auch der klare Plan von Alec von Graffen- Die Grasshoppers sind die, die dank einem
derlande am vorletzten Samstag, «und die ried scheint aufzugehen. Der Berner Stadt- klaren Plan den Schalter relativ schnell
Lage könnte prekär für Löw werden.» Ja, die präsident findet, die Fussballer des Berner umlegen und nach fünf (Carlos Bernegger)
Entlassung aus einem laufenden Vertrag Sport-Clubs Young Boys sollten ihre Heimat- oder acht Monaten (Murat Yakin) den Trai-
wäre sehr prekär für den Bundestrainer Joa- stadt etwas bekannter machen (die «Sport- ner entlassen. Noch eine donnernde Nieder-
chim Löw, nach über zehn Jahren mit nettem woche» berichtete). Nach Löwschem Grü- lage heute gegen den FC Sion, und die Lage
und immer netterem Lohn. Fussballgott sei beln kam von Graffenried auf die Idee, YB könnte prekär werden für den GC-Trainer
Dank meldete Löw zum Thema Druck und möge doch vielleicht besser YB Bern heissen. Thorsten Fink (seit fünf Monaten im Amt).
Kritik: «Wenn das alles war, halte ich es aus.» Die «Sonntags-Zeitung» hat dieses Begehren Aber er ist ein Guter und hält es aus.
«Manne tüe nid briegge, wüus Buebe nie im Prinzip registriert. In einer Tabelle zu Gäbe es weniger Gewalt, wenn Buben und
hei ta.» Frauen auch nicht! Fussballspielen mit «besonders schwerer» Mädchen lernten, dass Aufgeben erlaubt ist?
Schon nach dem WM-Out war Löws Lage Fan-Gewalt (Rang 1: GC Zürich) erschien am Wünsche Ihnen einen schönen Sonntag.
prekär gewesen. Das Land hätte aufgegeben, letzten Sonntag an achter Stelle: «YB Bern». Hoffentlich haben Sie keinen Plan.
46 Sport NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018

Gelbe Karte Abgebrannt


Usain Bolt hat’s schwer. In Sprinter wurde doch tatsächlich Ein Bierstand, der nicht mehr ist weiter ausbreitete. Weiter

FM1 TODAY
Australien versucht er, als zur Kontrolle gebeten – und Eine leider leicht aus der Mode musste sie einige Gasflaschen,
Fussballspieler einen Profi- enervierte sich danach. «Wieso gekommene Fussballerfloskel die vom Feuer erhitzt worden
vertrag zu ergattern. Und werde ich getestet, obwohl ich lautete: «Wir legten los wie die waren, abkühlen und abtrans-
jetzt nerven ihn auch noch die noch bei keinem Verein unter- Feuerwehr.» Am Freitagabend portieren. Der Imbissstand
Dopingjäger. Der frühere schrieben habe?», wollte er von legte die Feuerwehr in Winter- brannte vollkommen aus,
der Kontrolleurin wissen. Nun, thur los, bevor es die Fussballer Verletzte gab es aber keine.
Mr. Bolt, die Sache ist einfach: tun konnten. Kurz nach 19 Uhr Mit einer Verspätung von
Sie wollen in die australische rückten die Einsatzkräfte auf einer Stunde begann dann um
Liga, also müssen Sie als Sport- die Schützenwiese aus, weil ein 21 Uhr das Spiel. Winterthur
ler glaubwürdig sein. Und dazu Imbissstand in Flammen gera- legte los wie die Feuerwehr –
gehört ein sauberer Leumund ten war. Die Feuerwehr konnte und führte gegen Vaduz nach
in Sachen Doping. (reg.) den Brand löschen, bevor er sich 34 Minuten mit 2:0. (sta.)

Formel 1 GP USA

Lewis Hamilton, der Alleinherrscher


Der beste Fahrer der Formel 1, Rennen in bisher drei Titel, 50

MIKE SEGAR / REUTERS


der sich schon heute Sonntag im Siege und 54 Pole-Positionen.
Grossen Preis der USA (Qualifika- Hamilton rückt, bei noch mindes-
tion erst nach Redaktionsschluss) tens zwei Jahren Vertrag, stetig
vorzeitig zum Champion küren an Michael Schumachers Rekorde
kann, hat nicht bloss im Silber- heran, dessen sieben Titel und 91
pfeil-Cockpit Spass. Vor dem Ren- Siege. Mit dem fünften WM-Ge-
nen, in dem er acht Punkte mehr winn würde er schon in die Liga
als sein Widersacher Sebastian der Motorsportlegende Juan Ma-
Vettel holen muss, um zum fünf- nuel Fangio aufsteigen. Auf den
ten Mal Weltmeister zu werden, Rücken hat er sich sein Lebens-
machte Hamilton Station in New motto tätowieren lassen: «Still I
York. In einem Videoclip, den er rise» – ich kann mich immer noch
in den sozialen Netzwerken ver- steigern. Wenn es auf der Renn-
öffentlicht hat, steht er mitten auf strecke nicht weitergeht, dann
dem Times Square und jubelt wie eben auf dem Laufsteg. Für
ein kleiner Junge: «Mama, ich ha- Tommy Hilfiger hat Hamilton ge-
be es geschafft!» Dann schwenkt rade eine globale Kollektion ent-
er das Telefon nach oben, und auf worfen und reist von Modeschau
der berühmten Videowand sieht zu Modeschau.
man das Konterfei des Sportlers Parallel entwickelte er sich
überlebensgross. Lewis Hamil- vom Egoisten zum Teamplayer,
ton, im Zentrum des Universums, perfektionierte eisern seine Fit-
das ist ein Statement. ness, stellte auf vegane Ernäh-
Mit 33 Jahren ist er zum Allein- rung um, lernte das taktische
herrscher der Königsklasse ge- Fahren und kombiniert es mit sei-
worden. Das liegt nicht nur an der nem Instinkt. Als sein ehemaliger
Aufholjagd, mit der er das lau- Rivale Fernando Alonso, der es
fende Titelrennen innerhalb von nur auf zwei Titel gebracht hat
sieben Rennen zu seinen Gunsten und am Saisonende aussteigt, in
umgedreht hat. Lewis Hamilton einer Podiumsrunde in Austin ge-
ist der einzige der 20 Fahrer, der Stippvisite in New York: Lewis Hamilton (rechts ) mit Mercedes-Teamchef Toto Wolff. beten wird, aus seiner Sicht die
ausserhalb des Rennzirkels eine fünf besten Champions aufzu-
internationale Bekanntheit er- zählen, fragt Hamilton frech da-
reicht hat. Denn auch der Besuch ner Sportart, es ist auch ein Stück das Pop-Sternchen Nicole Scher- Leben und den nach Erfolg zu- Auf den Rücken hat zwischen: «Du selbst?» Der Spa-
in New York war kein touristi- weit die Lebenseinstellung der zinger, seine jahrelange On-Off- gleich ausleben. nier bleibt sachlich: «Ich? Nicht
scher. Vielmehr waren Hamilton Nummer 1. Das hat sich über Beziehung. Er wurde zu gross, Und der dreifache Weltmeister
sich Hamilton sein wirklich. Vermutlich Michael
und sein Teamchef Toto Wolff zu die zwölf Grand-Prix-Jahre ent- vor allem zu frech für seinen Aus- hatte dem damals noch einfachen Lebensmotto Schumacher, Juan-Manuel Fan-
Gast an einem Symposium der
elektronischen Börse Nasdaq, um
wickelt. Als schüchterner Rookie
wäre er 2007 fast schon Welt-
bildungsbetrieb – und seine Leis-
tungen immer unberechenbarer.
Weltmeister nicht zu viel verspro-
chen. Die Silberpfeile brauchten
tätowieren lassen: gio, Ayrton Senna, Alain Prost –
und eben Lewis. Wenn das einem
mit 40 US-Wirtschaftsführern meister geworden, in seiner zwei- Bis ihn Niki Lauda, auch ein sehr einen Reisser, Hamilton suchte «Still I rise.» aus unserer Generation gebührt,
über das Thema Hochleistungs- ten Saison schaffte er es dann als eigener Mensch im Getriebe des die Freiheit. Bei Mercedes muss dann ihm. Denn er hat auch ge-
kultur zu sprechen. erster Farbiger. Den Hang zur Motorsports, zu Mercedes lockte er nicht mehr darum kämpfen. siegt, wenn sein Rennwagen mal
Alles auf die Spitze zu treiben, modischen Extravaganz und die – mit dem Versprechen, dort Das Geschäft auf Gegenseitigkeit nicht gut genug war.»
das ist nicht nur das Prinzip sei- Liebe zur Musik entdeckte er über könne er seinen Hunger nach mündete nach gemeinsamen 115 Elmar Brümmer, Austin

Sport im TV Tennis Luxemburg Eishockey Schweizer Cup


Motorrad
Bencic bleibt im Final gegen Zug als erstes Team im Viertelfinal
Görges chancenlos
5.15 SRF 2: Strassen-WM, GP Japan in
Motegi, Moto2.
6.30 SRF 2: GP Japan, MotoGP.

3 Lugano
DAVID AGOSTA / KEYSTONE

Rad 2. Walker. 10. Reuille. 45. Sannitz.


Görges (GER) 67 spiel ab. Auch im Final spielte

4
13.05 SRF 2: Quer, Weltcup in Bern, Bencic gut – nur agierte die Geg-
Rennen der Frauen. Bencic (SUI) 45 Zug
nerin noch etwas besser. Bencic: 1. (00:53) Senteler. 20. (19:43) Simion.
14.40 SRF 2: Quer-Weltcup, Männer.
«Julia zeigte, dass sie eine Top-10- 41. Klingberg. 56. Simion.

Fussball Das Turnier von Luxemburg Spielerin ist. Sie spielte zu gut für
endete für Belinda Bencic mit mich und schlug zu gut auf. Ich Der EV Zug hat im Eishockey-Cup
15.50 SRF 2: Super League, Basel - Neu- Tränen und einer kleinen Enttäu- denke, mein Team und ich haben als erstes Team die Viertelfinals
châtel Xamax.
18.00 SRF 2: Super League – Goool.
schung. Der totale Erfolg blieb hier sehr, sehr viel erreicht.» erreicht. Die Zuger setzten sich in
18.00 TC Sport Zoom: Super League, aus. Im Final blieb die 21-Jährige Bencics Team präsentiert sich der Resega mit 4:3 gegen Lugano
alle Spiele, alle Tore. gegen Julia Görges, die Num- neu. Vor anderthalb Wochen durch. Alle übrigen Achtelfinals
mer 9 der Welt, in 88 Minuten trennte sich Bencic von Coach werden am Sonntag gespielt.
Eishockey chancenlos. Bencic gab zum 2:3 Vladimir Platenik. Vater Ivan Ben- Zug, Halbfinalist im Schweizer
13.10 TC Sport Zoom: Schweizer Cup, im ersten Satz und zum 5:6 im cic übernahm nach fast zwei Jah- Cup vor zwei Jahren (2:3-Nieder-
Kloten - Biel. zweiten Satz Aufschlagspiele ab. ren wieder. Mit 197 gewonnenen lage in Genf gegen Servette), star-
16.55 Sport 1: DEL, Krefeld - Mannheim. Selber vermochte sie sich keine Weltranglistenpunkten zahlte tet mit einem Blitztor in die Par-
Chancen zu erspielen. sich die Rückkehr zum einst Be- tie. Bereits nach 53 Sekunden traf
Automobil Aber schon kurz nach der Nie- währten aus. Bencic rückt im Senteler für die Gäste. Diese
19.30 SRF 2: Formel, GP USA in Austin. derlage erfreute sich Bencic an Ranking nächsten Montag von schafften die Viertelfinalqualifi-
ihren Leistungen im Luxemburgi- Position 47 auf Platz 38 vor. «Die- kation aber letztlich mit einer
Leichtathletik schen. Nach sechs Niederlagen ses Turnier ist für mich aus meh- Portion Glück. Lugano erspielte
hintereinander hatte sie sich reren Gründen sehr speziell. In sich mehr Chancen. Zwei Zuger
9.30 Eurosport 2: Amsterdam-
Marathon.
letzte Woche kurzfristig entschie- Luxemburg bestritt ich mit 14 Führungen konnten die Luganesi
den, die Qualifikation zu bestrei- mein erstes grosses Turnier. Ein noch schnell kontern. Auf das 4:3
Allgemeines ten. Es folgten sieben Siege in Fol- Jahr später stand ich bei diesem durch Dario Simion in der 56. Mi-
ge. Im Hauptturnier gab Bencic Turnier erstmals in einem Haupt- nute fanden die Tessiner keine
18.30 SRF 2: Sportpanorama. bis zum zweiten Satz des Halb- feld. Und jetzt erreichte ich als Antwort mehr – trotz einer Power-
finals kein einziges Aufschlag- Qualifikantin den Final.» (sda) play-Chance im Finish. (sda) Dichtestress vor Lugano-Goalie Müller: Wellinger und Senteler (r.).
NZZ am Sonntag 21. Oktober 2018
Sport Alle Ergebnisse
im Internet unter
nzz.ch/sport
47

Gewinner Zitiert Entdeckt


DEAN TREML Judith Wyder, Himmelstürmerin
Bis vor kurzem war sie die
Dominatorin des Orientierungs-
«Das war Jurassic Golfpark
Vater und Sohn verabredeten
sich zum Golf in Buffalo Creek,
Das Tier blieb ruhig. Die Lehre
daraus: Auf Golfplätzen ist
nicht nur mit dem Tiger zu
laufs – jetzt hat Judith Wyder
eine neue Sportart gefunden.
Zusammen mit 600 anderen lief
die beste Pleite