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Arbeitsbereich Wasserwirtschaft und Wasserversorgung

Arbeitsbereich Wasserwirtschaft und Wasserversorgung

Skriptum zu den Vorlesungen

VERFAHRENSTECHNIK DER WASSER - UND ABWASSERBEHANDLUNG

UMWELTSCHUTZTECHNIK II

Wasseraufbereitung zu Trinkwasser

von

Priv.-Doz. Dr.-Ing. habil. K. Johannsen

Prof. Dr.-Ing. K. Wichmann

Arbeitsbereich Wasserwirtschaft und Wasserversorgung

INHALTSVERZEICHNIS

VERFAHRENSTECHNIK DER WASSER- UND ABWASSERBEHANDLUNG

1 Siebung

2

2 Sedimentation und Flotation

4

3 Filtration

10

4 Enteisenung und Entmanganung

24

5 Flockung

32

6 Membranverfahren

43

7 Adsorption

52

8 Gasaustausch

59

9 Entsäuerung

66

10 Enthärtung

68

11 Ionenaustausch

74

12 Desinfektion und Oxidation

79

Literatur

86

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SIEBUNG

2

1 Siebung

Unter Sieben versteht man die Trennung einer festen Phase von einer flüssigen Phase durch ein im wesentlichen zweidimensionales Netzwerk. Partikel der festen Phase, deren kleinstes Ausdehnungsmaß größer als die Maschenweite des Netzwerkes ist, werden zurückgehalten und müssen meist vom Netzwerk wieder abgetragen werden. Je nach Maschenweite werden ganz unterschiedliche Einrichtungen zur Aufnahme des Netzwerkes und zur Entfernung der zurückgehaltenen Feststoffe eingesetzt /1/.

Die Abbildung 1.1 zeigt einen Rechen, der zur Gewinnung von Oberflächenwasser eingesetzt wird. Sowohl Schwimmstoffe als auch Sohlengerölle werden zurückgehalten. Der Rechen wird regelmäßig mit der eingebauten Reinigungsmaschine abgestreift und das Rechengut in einem Auffangkanal gesammelt.

Die Abbildung 1.2 zeigt eine Siebmaschine, die mit Metallnetzen von Maschenweiten unter 0,1 mm ausgerüstet werden kann. Sie kann Schwimmstoffe zurückhalten, die knapp unter der Sichtbarkeitsgrenze liegen. Die Siebe werden regelmäßig, meist kontinuierlich, mit Druckwasser gereinigt. In der Tabelle 1.1 sind einige wichtige Daten von Rechen und Sieben zusammengefaßt.

Tabelle 1.1: Kenndaten von Rechen und Sieben

Typ

Maschenwerkstoff

Maschenweite

Flächenbelastung

mm

m 3 m -2 h -1

Grobrechen

Stahl Stahl, evtl. rostfrei Stahl, meist rostfrei Stahl (Gewebe)

200 - 500 20 - 200 1 - 20 0,01 - 1

100 - 3000

Feinrechen

50

- 300

Lochbleche

20

- 200

Trommelsiebe

10

- 100

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SIEBUNG

3

Wasserwirtschaft und Wasserversorgung SIEBUNG 3 Abbildung 1.1: Rechen mit Rechenreinigungsmaschine /1/

Abbildung 1.1: Rechen mit Rechenreinigungsmaschine /1/

SIEBUNG 3 Abbildung 1.1: Rechen mit Rechenreinigungsmaschine /1/ Abbildung 1.2: Siebmaschine Abspritzvorrichtung /1/ 3

Abbildung 1.2: Siebmaschine Abspritzvorrichtung /1/

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SEDIMENTATION UND FLOTATION

4

2 Sedimentation und Flotation 2.1 Sedimentation

2.1.1 Sedimentation einzelner Partikel

Ein wichtiges Verfahren zur Abtrennung von suspendierten Stoffen ist die Sedimentation. Dieses Verfahren beruht darauf, daß in einem Zweiphasengemisch der dispergierte Stoff auf Grund seiner höheren Dichte absinkt und so abgeschieden werden kann. Eine praktische Begrenzung der Sedimentation ergibt sich aus den sehr geringen Absetzgeschwindigkeiten kleiner Teilchen. Wie die Abbildung 2.1 zeigt, ist die Sedimentation für das Abscheiden von Stoffen mit einem Durchmesser von kleiner als ca. 1 - 10 µm nicht geeignet.

Durchmesser von kleiner als ca. 1 - 10 µm nicht geeignet. Abbildung 2.1: Einteilung der Wasserinhaltsstoffe

Abbildung 2.1: Einteilung der Wasserinhaltsstoffe nach ihrer Größe /2/

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SEDIMENTATION UND FLOTATION

5

Der Einsatz der Sedimentation als Trennverfahren richtet sich nach dem Trennziel

und kann im wesentlichen durch die folgenden Aufgabenbereiche charakterisiert

werden:

„Klärung“ zur Abscheidung von Suspendierten Feststoffen

„Eindickung“ von Feststoffen (Schlämmen)

„Klassieren“ zur Erzeugung verschiedener Partikelfraktionen

„Sortieren“ zur Trennung auf Grund von Dichteunterschieden

In den Bereichen der Trinkwasseraufbereitung und der Abwasserbehandlung stehen

die Ziele „Klärung“ und „Eindickung“ im Vordergrund.

Die grundlegende Formel für den Absetzvorgang wurde von Stokes aufgestellt.

Danach wird die Sinkgeschwindigkeit v S einer kugelförmigen Partikel über ein

Kräftegleichgewicht zwischen Massenkraft, Auftriebskraft und Widerstandskraft

ermittelt.

v

S

=

4 d g Ê r - r ˆ p p W Á ˜ 3 c
4
d
g Ê r
-
r
ˆ
p
p
W
Á
˜
3 c
Ë
r
¯
W
W
mit c
= (Re)
f
W

Re = v

S

d

p

n

(2.1)

In der Gleichung 2.1 ist d p der Partikeldurchmesser, g die Erdbeschleunigung, n die

kinematische Viskosität des Wassers, r W die Dichte des Wassers und r p die Dichte

des Feststoffs. c W ist der Widerstandsbeiwert, der von der Reynoldszahl abhängt.

Damit ergeben sich folgende Sinkgeschwindigkeiten:

a) Re < 1

c W =

b) 1 < Re < 10 3

c W =

c) 10 3 < Re < 10 4

Stokes´scher Bereich

24

Re

Übergangsbereich

24 4 + + 0 4 , Re Re turbulenter Bereich
24
4
+
+ 0 4
,
Re
Re
turbulenter Bereich

v

S

=

d

2

p

g

Ê r

Á

Ë

p

-

r

W

18

n

r

W

v S aus Iteration

ˆ

˜

(2.2)

¯

(2.3)

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SEDIMENTATION UND FLOTATION

6

c W = 0,4

v

S

=

r - r ˆ p W 3,3 d g Á Ê ˜ p Ë r
r
-
r
ˆ
p
W
3,3
d
g
Á Ê
˜
p
Ë
r
¯
W

2.1.2 Sedimentation von Suspensionen

(2.4)

In Suspensionen mit geringer Partikelkonzentration kann die Sinkgeschwindigkeit

von Einzelteilchen angenommen werden, da sich die Strömungsfelder in der

Partikelumgebung nicht gegenseitig beeinflussen. Bei höheren

Partikelkonzentrationen müssen derartige Wechselwirkungen berücksichtigt werden,

welche zu einer Verminderung der effektiven Sinkgeschwindigkeit führt. Eine

zuverlässige Beschreibung der konzentrationsabhängigen Sinkgeschwindigkeit ist

nur noch mit experimentellen Untersuchungen möglich.

2.1.3 Dimensionierung

Mit der bekannten Sinkgeschwindigkeit v S kann die Zeit t errechnet werden, die ein

Teilchen benötigt, um den Boden des horizontaldurchströmten Beckens zu

erreichen. Wenn diese Zeit gleich der Aufenthaltszeit des Wassers im Becken ist,

werden die Teilchen mit der Sinkgeschwindigkeit v S gerade abgeschieden. Die

erforderliche Beckenoberfläche A (wirksame Absetzfläche) ergibt sich aus dem

Volumenstrom Q und der Sinkgeschwindigkeit v S .

A =

Q

v S

(2.5)

Die Größe Q/A wird Oberflächenbelastung genannt. Typische Werte hierfür sind 0,5

- 2 m/h. Die Abbildung 2.2 zeigt ein Beispiel für ein einfaches Absetzbecken.

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SEDIMENTATION UND FLOTATION

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und Wasserversorgung SEDIMENTATION UND FLOTATION 7 A Q v s Abbildung 2.2: Einfaches statisches Absetzbecken
und Wasserversorgung SEDIMENTATION UND FLOTATION 7 A Q v s Abbildung 2.2: Einfaches statisches Absetzbecken
A Q v s
A
Q
v s

Abbildung 2.2: Einfaches statisches Absetzbecken mit Schlammräumer /1/

Zur Vergrößerung der wirksamen Absetzfläche kann in ein Absetzbecken ein System von schrägliegenden Platten eingebaut werden (Lamellenseparatoren). In diesem Fall wird die wirksame Absetzfläche A eff aus der Anzahl der Lamellen n, dem Neigungswinkel a und der Fläche der Platten A Pl ermittelt. Die Abbildung 2.3 zeigt ein Beispiel für einen Schrägklärer mit Platten.

A

eff

=

n

A

Pl

cos a

(2.6)

a
a

Abbildung 2.3: Schrägklärer mit Platten /1/

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SEDIMENTATION UND FLOTATION

8

2.2 Flotation

Unter Flotation versteht man die Trennung der festen von der flüssigen Phase durch

Ausnutzung des Auftriebes, der auf die spezifisch leichteren Partikel (mittlere Dichte

geringer als diejenige des Wassers) wirkt. Es gelten sinngemäß die gleichen

Gesetzmäßigkeiten wie bei der Sedimentation wobei aber die Geschwindigkeit v B

nach oben gerichtet ist. 4 d g Ê r - r ˆ p W p
nach oben gerichtet ist.
4
d
g Ê r
-
r
ˆ
p
W
p
v
=
Á
˜
B
3 c
Ë
r
¯
W
W

(2.7)

Zur Herabsetzung der Dichte der festen Phase wird ein sogenanntes Flotationsmittel

eingesetzt, welches sich an die Partikel anlagert. In der Wasseraufbereitung dienen

hierzu kleine Luftbläschen von ca. 5 bis 20 10 -3 mm Durchmesser. Die mittlere

Dichte der gasbeladenen Partikel wird dann so gering, daß Steiggeschwindigkeiten

zwischen 10 -2 und 10 -1 m/s erreicht werden. Um Mikroblasen genügender Feinheit im

Wasser zu erzeugen, wird luftübersättigtes Wasser entspannt, wobei eine „milchige“

Luft-Wasser-Emulsion entsteht.

Für die Bemessung der Flotations-Anlagen ist in erster Linie von der erzielbaren

Feinblasigkeit und nicht von der Größe der Feststoffpartikel auszugehen. Die

Steiggeschwindigkeit der beladenen Festkörper ist durch die Blasengröße gegeben.

Die Steiggeschwindigkeit ist um so kleiner, je kleiner die Blasen sind. Andererseits ist

die Flotationswirkung auf den Feststoffgehalt um so größer, je geringer die

Blasengröße ist und je mehr Blasen sich an den Feststoffpartikeln anlagern können.

Bei der normalen Mikroblasen-Flotation kann die Bemessung mit der

Steiggeschwindigkeit wie beim Absetzbecken erfolgen. Die erforderliche

Beckenoberfläche A ergibt sich aus der Steiggeschwindigkeit v B und dem

Volumenstrom.

A =

Q

v B

(2.8)

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SEDIMENTATION UND FLOTATION

9

In der Abbildung 2.4 ist das Prinzipschema einer Flotationsanlage dargestellt.

ist das Prinzipschema einer Flotationsanlage dargestellt. Abbildung 2.4: Prinzipschema einer Flotationsanlage mit

Abbildung 2.4: Prinzipschema einer Flotationsanlage mit Belüftungsbecken, Flotationsbecken und Schwimmstoffabzug (Entspannungsflotation) /1/

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FILTRATION

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3 Filtration

Mit Filtration bezeichnet man die Trennung der festen von der flüssigen Phase einer Suspension. In der Wasseraufbereitung laufen jedoch in prinzipiell gleich gestalteten Anlagen sowohl die Trennung von fester und flüssiger Phase als auch Wechselwirkungen zwischen Wasserinhaltsstoffen und körnigem Filtermaterial ab, die zu Konzentrationsänderungen führen. Hier sind z. B. die Enteisenung und die Entmanganung sowie die Filtration über Calciumcarbonat zur Entsäuerung zu nennen. Hierauf wird in den Abschnitten 4 und 9 eingegangen. In diesem Abschnitt wird ausschließlich die Filtration zur Trennung von Suspensionen (Suspensa- Filtration) behandelt.

Filter können in Oberflächen- oder Kuchenfilter und Tiefenfilter unterteilt werden. Bei der kuchenbildenden Filtration wird ein Filtermaterial mit feinen Poren verwendet, so daß die abzuscheidenden Teilchen das Filter nicht passieren können. Zur Tiefenfiltration hingegen wird ein körniges Filtermaterial eingesetzt und die suspendierten Feststoffe scheiden sich im Porenvolumen ab. Diese Unterschiede werden in der Abbildung 3.1 dargestellt.

Diese Unterschiede werden in der Abbildung 3.1 dargestellt. Abbildung 3.1: Qualitative Tiefenfiltration /3/ Darstellung

Abbildung 3.1: Qualitative Tiefenfiltration /3/

Darstellung

der

kuchenbildenden

Filtration

und

der

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FILTRATION

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Eine weitere Einteilung der Tiefenfilter kann in Langsam- und Schnellfilter vorgenommen werden. Die wesentlichen Unterscheidungsmerkmale sind in der Tabelle 3.1 zusammengestellt.

Tabelle 3.1: Gegenüberstellung von Langsam- und Schnellfiltern

 

Langsamfilter

Schnellfilter

Fläche

100 - 10.000 m 2

3

- 100 m 2

Tiefe

1,5 m

1 - 3 m

Filterbett

ca. 1 m

0,5 - 2,5 m

Korndurchmesser

0,1 - 0,5 mm

0,5 - 5 mm

Gleichförmigkeit des Korns

nicht so wichtig

 

wichtig

Überstau/Vordruck

0,3 - 1,0 m WS

bis 5 m WS

Filtergeschwindigkeit

0,05 - 0,5 m/h

3

- 20 m/h

Laufzeit

1 - 12 Monate

10 - 150 Stunden

Reinigung

3 bis 5 cm werden abge- schält und evtl. extern gewaschen

Rückspülen

Wirkung

- Mikroorganismen werden gut zurückgehalten

 

- Abscheiden auch feinster Trübstoffe

- Abscheiden von Trüb- stoffen

- biologische/chemische Prozesse (NH 4 , Fe, Mn, DOC)

- biologische/chemische Prozesse (NH 4 , Fe, Mn, DOC)

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FILTRATION

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3.1 Grundlagen der Tiefenfiltration

In der Abbildung 3.2 sind die Vorgänge in einem Tiefenfilter schematisch dargestellt. Danach sind die Konzentration c, der Druck p und die Beladung s sowohl von der Zeit t als auch von der Filterhöhe z abhängig.

von der Zeit t als auch von der Filterhöhe z abhängig. Abbildung 3.2: Schematische Darstellung eines

Abbildung 3.2: Schematische Darstellung eines Tiefenfilters /3/

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FILTRATION

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Nach dem Gesetz von Iwasaki erfolgt die Partikelabscheidung in einem unbeladenen

Filterbett nach einem Gesetz erster Ordnung.

dc

dz = -l

0

c

(3.1)

In dieser Gleichung ist c die Konzentration der filtrierbaren Stoffe (mg/l), z die

Filtertiefenkoordinate (m) und l 0 der Anfangs-Filterparameter (1/m), in dem eine

Vielzahl von Parametern (Filtermaterial, Wasserinhaltsstoffe und Betriebsgrößen)

vereinigt ist. Da die Beladung des Filters die Abscheidung beeinflußt, hängt der

Filterparameter l hängt auch von der Beladung s (g/kg) ab. Der schematische

Verlauf der auf den Sättigungswert bezogenen Beladung y = s/s S ist in der

Abbildung 3.3 dargestellt. Der schematische Verlauf der bezogenen Konzentration

x = c/c 0 ist der Abbildung 3.4 dargestellt.

x = c/c 0 ist der Abbildung 3.4 dargestellt. Abbildung 3.3: Schematische Darstellungen des

Abbildung 3.3: Schematische Darstellungen des Beladungsverlaufs /4/

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FILTRATION

14

Wasserwirtschaft und Wasserversorgung FILTRATION 14 Abbildung 3.4: Schematische Darstellungen des

Abbildung 3.4: Schematische Darstellungen des Konzentrationsverlaufs /4/

Die Ablagerung der suspendierten Teilchen im Filter führt zu einer Verminderung des freien Porenraums. Damit steigen die tatsächliche Filtergeschwindigkeit und der Widerstand an. Die zu Beginn des Filterlaufs abgelagerten Teilchen verbessern oft die anfängliche Filtratqualität. Dies wird in der Abbildung 3.5 deutlich, in der schematisch die Abhängigkeit des Filterparameters von der Beladung mit und ohne Einarbeitungsverhalten dargestellt ist.

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FILTRATION

15

Wasserwirtschaft und Wasserversorgung FILTRATION 15 Abbildung 3.5: Schematische Darstellung der Änderung des

Abbildung 3.5: Schematische Darstellung der Änderung des bezogenen Filterparameters (L/L 0 =ld/l 0 d ) in Abhängigkeit von y Konzentrationsverlaufs /4/

Bei einer mikroskopischen Betrachtung muß der Vorgang der Filtration in zwei verschiedene Schritte unterteilt werden. Zunächst muß das Teilchen im Filter zur Oberfläche des Filtermaterials transportiert werden, bis es zum Kontakt kommt. Dies wird an Hand der Abbildung 3.6 deutlich. Der häufig geschwindigkeitsbestimmende Transport zur Kornoberfläche erfolgt im wesentlichen durch Sedimentation, Brown´sche Molekularbewegung und Interzeption. Bei sehr kleinen Teilchen (< 1 µm) dominiert die Brown´sche Molekularbewegung, bei großen Teilchen dominiert die Sedimentation. Wie die Abbildung 3.7, in der an einem Beispiel die Filterwirksamkeit für unterschiedliche Teilchengrößen dargestellt ist, belegt, werden in der Regel Teilchen im Bereich zwischen 0,1 und 10 µm relativ schlecht zurückgehalten. Wie die Abbildung 3.8 zeigt, hängt die Filterwirksamkeit außer von der Größe der zu entfernenden Partikel auch noch wesentlich von der Filtergeschwindigkeit ab. Die Abbildung 3.9 zeigt den Verlauf der Trübstoff- konzentration in Abhängigkeit von der Filterlaufzeit.

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FILTRATION

16

Wasserwirtschaft und Wasserversorgung FILTRATION 16 Abbildung 3.6: Schematische Darstellung der klassischen

Abbildung 3.6: Schematische Darstellung der klassischen Partikelabscheide- mechanismen bei der Tiefenfiltration /3/

Partikelabscheide- mechanismen bei der Tiefenfiltration /3/ Abbildung 3.7: Filterwirksamkeit bei verschiedenen

Abbildung 3.7: Filterwirksamkeit bei verschiedenen Teilchengrößen /5/

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FILTRATION

17

Wasserwirtschaft und Wasserversorgung FILTRATION 17 Abbildung 3.8: Filterwirksamkeit geschwindigkeiten /5/ bei

Abbildung 3.8: Filterwirksamkeit geschwindigkeiten /5/

bei

verschiedenen

Teilchengrößen

und

Filter-

/5/ bei verschiedenen Teilchengrößen und Filter- Abbildung 3.9: Filterwirksamkeit in Abhängigkeit von der

Abbildung 3.9: Filterwirksamkeit in Abhängigkeit von der Filterlaufzeit /6/

3.2 Filterauslegung

Neben der Änderung der Beladung und der Konzentration ändert sich auch der Druckverlust im Filter. Im zunächst unbeladenen Filter scheiden sich Partikel ab, wodurch der frei durchströmbare Querschnitt abnimmt und der Druckverlust zunimmt. Nach einer Einlaufphase des Filters, in der nicht haftende Trübstoffteilchen (aus der vorhergehenden Rückspülung) ausgespült werden, bleibt die Filtratqualität

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FILTRATION

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über längere Zeit konstant (Abb. 3.9) und verschlechtert sich allmählich. Gleichzeitig steigt auch der Druckverlust im Filter. Bei einer idealen Auslegung werden die maximal zulässige Ablaufkonzentration (häufig Trübung) und der zulässige Druckverlust zum selben Zeitpunkt erreicht. In der Praxis wird häufig der Druckverlust als Steuergröße für den Zeitpunkt zum Regenerieren des Filters verwendet, weil dieser einfacher meßbar ist. Für die Filterauslegung ist der Druckverlustverlauf innerhalb des Filters ebenfalls von großer Bedeutung, der in der Abbildung 3.10 dargestellt ist. Der Druckverlust hängt in komplizierter Weise vom Beladungsverlauf ab. Unter gewissen Vereinfachungen bei der Berechnung ergibt sich der Druckverlust mit der Zeit nach

Dp

=

Dp

0

+

C

v

F

c

0

t

(3.1)

mit der Zeit nach D p = D p 0 + C v F c 0

Abbildung 3.10: Druckverlust im Tiefenfilter dargestellt im Micheau-Diagramm /4/

Nach einer bestimmten Laufzeit des Filters, kann ein lokaler Unterdruck im Filterbett entstehen, und es kommt zur Ausgasung. An den Stellen, an denen sich Gasblasen im Filter festsetzen, kann kein Wasser fließen und der Druckverlust steigt sprunghaft an.

Durch die Wahl verschieden gekörnter Filtermaterialien (Zweischicht- oder Dreischichtfilter) kann der oft hohen Feststoffanreicherung in der ersten Filterschicht

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FILTRATION

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entgegengewirkt werden. In einem grob gekörnten Material in der oberen Schicht scheiden sich bevorzugt die größeren Partikel ab. Die zweite Schicht mit fein gekörntem Material hält die restlichen, kleineren Partikel zurück. Bei der Wahl der Filtermaterialien für Mehrschichtfilter ist darauf zu achten, daß die einzelnen Schüttungen auch nach dem Rückspülen der Filter voneinander getrennt sind. Da größere Teilchen bei gleicher Dichte schneller sinken muß das gröbere Filtermaterial eine deutlich geringere Dichte aufweisen.

Zur Charakterisierung von Filtersanden werden Siebanalysen durchgeführt. Der Ungleichförmigkeitsgrad U ist als das Verhältnis der Korngrößen bei 60 % und 10 % Siebdurchgang definiert. Er ist wichtig für die Beurteilung der Gleichförmigkeit des Kornspektrums, der Lagerungsdichte und der Durchlässigkeit (Porenvolumen) eines Filtermaterials. Die Abbildung 3.11 zeigt zwei verschiedene Sieblinien. Danach sollte U kleiner als 1,5 sein.

U

=

d

60

d

10

Danach sollte U kleiner als 1,5 sein. U = d 60 d 10 (3.2) Abbildung 3.11:

(3.2)

Abbildung 3.11: Sieblinien verschiedener Filtersande /4/

Mit wirksame Korngröße wird diejenige Korngröße eines Gemisches bezeichnet, die - als Einkomponentenschüttung unter gleichen Bedingungen eingesetzt - dem Korngrößengemisch hinsichtlich der hydraulischen Eigenschaften gleichwertig ist. Die wirksame Korngröße kann unter der Voraussetzung U < 2,0 aus der Sieblinie des Gemisches berechnet werden.

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FILTRATION

20

100

d

w

= Â

p

i

d

i

(3.3)

In der Gleichung (3.3) ist p i der Gewichtsanteil der Fraktion mit der Korngröße d i .

In der Tabelle 3.2 ist der typische Aufbau von Zweischicht- und Dreischichtfiltern dargestellt.

Tabelle 3.2: Typischer Aufbau von Zweischicht- und Dreischichtfiltern

Material

Schütthöhe

Schüttgewicht

Korngröße

m

kg/m 3

mm

Filterkoks, Bims Sand

0,5 - 1,2 0,6 - 1,5

500

- 700

1,7 - 2,5

1000

0,8

Aktivkohle

0,3 - 0,6 0,6 - 1,2 0,5 - 0,8

250

- 350

3,0 - 5,0

Filterkoks

500

- 750

1,5 - 2,5

Sand

1000

0,6 - 0,8

Eine wichtige verfahrenstechnische Variante ist die Trockenfiltration, bei der Rohwasser und Luft gemeinsam das Filtermedium durchströmen. Das Filter wird hierbei nicht vom Wasser überstaut, der Wasserspiegel wird unterhalb des Filterbodens gehalten. Hierdurch wird sowohl der weitere Gasaustausch (CO 2 , H 2 S, CH 4 ) als auch die chemische und/oder die mikrobiologische Oxidation organischer Substanzen gefördert.

3.3 Rückspülung

Bei der Rückspülung, die entgegen der Filtrationsrichtung mit Wasser und/oder Luft durchgeführt wird, werden die in den Porenräumen abgelagerten Trübstoffe aus dem Filter entfernt. Die Luftspülung soll eine größere Turbulenz im Filter mit entsprechend intensiverer Reinigung des Filterkorn bewirken. Reine Luftspülung wird nur als Teil- bzw. Anfangsschritt bei der Filtereinigung angewandt. Sie soll die durch abgelagerte Substanzen besonders verdichtete Zone an der Filteroberfläche oder an der Grenze

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FILTRATION

21

zweier Filtermaterialschichten bei Mehrschichtfiltern aufbrechen und die eingelagerten Schmutzteilchen durch den nachfolgenden Wasserspülstrom abschwemmbar machen. Nach der Luft- oder kombinierten Luft-/Wasser-Spülung wird stets mit Wasser nachgespült, um restliche Schmutzmengen und auch Gasblasen aus dem Filter zu entfernen. Dabei soll sich das Filterbett um 10 - 50 % ausdehnen. In der Abbildung 3.12 ist die Abhängigkeit des Spülwiderstandes von der Spülgeschwindigkeit an einem Beispiel dargestellt.

von der Spülgeschwindigkeit an einem Beispiel dargestellt. Abbildung 3.12: Abhängigkeit des Spülwiderstandes von der

Abbildung 3.12: Abhängigkeit des Spülwiderstandes von der Spülgeschwindigkeit /5/

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FILTRATION

22

3.4 Anlagenbeispiele

und Wasserversorgung FILTRATION 22 3.4 Anlagenbeispiele Abbildung 3.13: Schematische Darstellung eines geschlossenen

Abbildung 3.13: Schematische Darstellung eines geschlossenen Filters, der mit Druck betrieben wird /5/

geschlossenen Filters, der mit Druck betrieben wird /5/ Abbildung 3.14: Schematische Darstellung eines offenen

Abbildung 3.14: Schematische Darstellung eines offenen Filters /5/

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FILTRATION

23

Arbeitsbereich Wasserwirtschaft und Wasserversorgung FILTRATION 23 Abbildung 3.15: Filterdüse /5/ 23

Abbildung 3.15: Filterdüse /5/

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ENTEISENUNG UND ENTMANGANUNG

24

4 Enteisenung und Entmanganung

4.1 Einleitung

Eisen und Mangan kommen als 2-wertige Ionen (Fe 2+ und Mn 2+ ) häufig in natürlichen

Wässern, insbesondere in sauerstoffarmen Grundwässern größerer Tiefe gelöst vor.

In dieser Form stören sie nicht, werden jedoch bei Sauerstoffzutritt oxidiert und fallen

als Eisenoxidhydrat (braun) bzw. als Manganoxidhydrat (schwarz) als schwerlösliche

Niederschläge aus. Die dadurch hervorgerufenen Störungen sind z.B.:

Inkrustationen im Rohrnetz, Verfärbungen des Wassers und Bodensätze in Becken

und Gefäßen.

4.2 Redox-Reaktionen

Das Redoxpotential ist kein Maß für einen Wasserinhaltsstoff, da freie Elektronen in

flüssigen Systemen nicht vorkommen. Die Redoxspannung ermöglicht, ähnlich wie

der pH-Wert, eine grundsätzliche Zustandsbeschreibung eines Wassers. Bei Redox-

Reaktionen werden Elektronen übertragen (Säure-Base-Reaktionen: Übertragung

von Protonen). Für eine Redox-Reaktion gilt allgemein:

Ox + ne

-

´

Re

d

(4.1)

In dieser Gleichung steht Ox für den oxidierten Stoff, Red für den reduzierten Stoff

und n für die Zahl der übertragenen Elektronen.

Taucht man eine hinsichtlich des Redoxsystems indifferente Elektrode (Platin-

Meßelektrode) in eine Lösung, welche ein Redoxsystem enthält (z.B. Fe 2+ /Fe 3+ ), so

nimmt diese ein durch die NERNST-Gleichung beschreibbares Potential an.

E

=

E

0

+

R

T

ln

{

Ox

} }

 
 

n

F

{Re d

E

E 0

 

R

T

n

= Redoxpotential, V

= Normalpotential, V

= universelle Gaskonstante 8,31 J/(K mol)

= absolute Temperatur

= Anzahl der übertragenen Elektronen

(4.2)

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ENTEISENUNG UND ENTMANGANUNG

25

F

{Ox}

{Red}

= FARADAY-Konstante 96 000 J/(V mol)

= Massenwirkungsprodukt der Reaktionsteilnehmer auf der

Oxidationsseite

= Massenwirkungsprodukt der Reaktionsteilnehmer auf der

Reduktionsseite

Für 25 0 C und unter Berücksichtigung des Faktors zur Umwandlung des natürlichen

(ln) in den dekadischen (lg) Logarithmus ergibt sich

E

=

E

0

Beispiel:

+

0,059 lg {

n

Ox

}

{Re

d

}

[

V

]

Gegeben ist folgende Redoxgleichung:

Fe

2 +

+

3

OH

-

´

Fe OH

(

)

3

+

e

-

E 0 = -1,313 V

(4.3)

Wie groß ist das Redoxpotential einer Lösung mit c(Fe 2+ ) = 10 -4 mol/l und

einem pH-Wert von 7 (T=25 o C) ?

E = - 1313

,

E = - 1313

,

0 059

a Fe ( OH

(

)

3

)

+

,

V +

lg

1

a ( Fe

lg

2

+

)

a ( OH

1

-

)

3

0 059

,

1

10

-

4

(

10

-

7

)

3

E = + 0,16 V

In der Abbildung 4.1 sind für einige Redoxsysteme, welche in wäßrigen Systemen

eine Rolle spielen, Gleichgewichtszustände unter bestimmten Voraussetzungen

dargestellt. Dabei ist zu beachten, daß diese Darstellung nur für die angegebenen

Bedingungen (Temperatur und Konzentrationen) gültig ist. Weiterhin wird in dieser

Darstellung der Einfluß zusätzlicher Reaktionen (z.B. Löslichkeitsprodukte) nicht

berücksichtigt. Der Abbildung 4.1 können aber prinzipielle Aussagen entnommen

werden, da in natürlichen Gewässern übliche Konzentrationsbereiche zu Grunde

liegen. Im Neutralbereich um pH=7 gilt, daß alle reduzierten Phasen mit gelöstem

Arbeitsbereich Wasserwirtschaft und Wasserversorgung

ENTEISENUNG UND ENTMANGANUNG

26

Sauerstoff oxidierbar sind. Dabei findet zunächst die Oxidation von Sulfid zu Sulfat statt. Danach folgen die Methanoxidation, die Eisenoxidation, die Oxidation von Ammonium und schließlich die Manganoxidation. Dies bedeutet, daß die Manganoxidation erst dann erfolgt, wenn alle reduzierten Phasen mit niedrigerem Potential aufoxidiert sind. Die Eisenoxidation wird durch die Anwesenheit von Ammonium und Nitrit nicht gehemmt.

durch die Anwesenheit von Ammonium und Nitrit nicht gehemmt. Abbildung 4.1: Eh-pH-Diagramm; aquatische Systeme; C T

Abbildung 4.1: Eh-pH-Diagramm; aquatische Systeme;

C T , N T , S T = variable Konzentrationen; pO 2 = 0,21 bar (abs.)

Fe T = 10 -4 mol/l; Mn T = 10 -5 mol/l, T = 298,15 K

/7/

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ENTEISENUNG UND ENTMANGANUNG

27

und Wasserversorgung ENTEISENUNG UND ENTMANGANUNG 27 Abbildung 4.2: Eh-pH-Diagramm; System Fe-H 2 O-CO 2

Abbildung 4.2: Eh-pH-Diagramm; System Fe-H 2 O-CO 2 -H 2 S; Fe T =10 -3 bis 10 -7 mol/l; C T = 10 -3 bis 10 -4 mol/l; S T = 10 -4 mol/l;

pO 2 = 0,21 bar (abs.); T = 298,15 K

/7/

Die Abbildungen 4.2 und 4.3 zeigen die Eh-pH-Diagramme für die Systeme Fe-H 2 O- CO 2 -H 2 S und Mn-H 2 O-CO 2 -H 2 S, wobei die wichtigsten Reaktionsmöglichkeiten berücksichtigt wurden. Auch hierbei ist auf die Konzentrationsabhängigkeit der Reaktionen hinzuweisen.

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ENTEISENUNG UND ENTMANGANUNG

28

und Wasserversorgung ENTEISENUNG UND ENTMANGANUNG 28 Abbildung 4.3: Eh-pH-Diagramm; System Mn-H 2 O-CO 2

Abbildung 4.3: Eh-pH-Diagramm; System Mn-H 2 O-CO 2 -H 2 S; Me T =10 -4 bis 10 -7 mol/l; C T = 10 -3 bis 10 -4 mol/l; S T = 10 -4 bis 10 -6 mol/l;

pO 2 = 0,21 bar (abs.); T = 298,15 K

/7/

In den Abbildungen 4.4 und 4.5 ist die starke pH-Wert Abhängigkeit der Oxidationsgeschwindigkeit von Fe 2+ und Mn 2+ mit Luftsauerstoff dargestellt. Danach würden sich erhebliche Kontaktzeiten bei der Aufbereitung ergeben. Wie die gestrichelte Linie in der Abbildung 4.5 zeigt, wird die Geschwindigkeit durch die Entstehung von Oxidationsprodukten während der Reaktion gesteigert. Für Eisen gelten die gleichen Zusammenhänge. Dadurch werden Kontaktzeiten um 10 Minuten realisierbar.

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ENTEISENUNG UND ENTMANGANUNG

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und Wasserversorgung ENTEISENUNG UND ENTMANGANUNG 29 Abbildung 4.4: Fe 2 + -Oxidation durch gelösten

Abbildung 4.4: Fe 2+ -Oxidation durch gelösten Sauerstoff als Funktion der Zeit bei verschiedenen pH-Werten /7/ c(Fe 2+ ) 0 =25 mg/l; pO 2 =0,21 (abs.); c(HCO 3 - ) = 100 mg/l; T = 25 0 C

=0,21 (abs.); c(HCO 3 - ) = 100 mg/l; T = 25 0 C Abbildung 4.5:

Abbildung 4.5: Mn 2+ -Oxidation durch gelösten Sauerstoff als Funktion der Zeit bei verschiedenen pH-Werten /7/ wäßrige Lösung im Becherglas

------- Filtration über katalytisch aktiven Filtersand c(Mn 2+ ) 0 =2,25 mg/l; pO 2 =0,21 (abs.); c(HCO 3 - ) = 100 mg/l; T = 25 0 C

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ENTEISENUNG UND ENTMANGANUNG

30

4.3 Praktische Enteisenung und Entmanganung

4.3.1 Enteisenung

Die Reaktionsgleichungen der vollständigen Oxidation mit Sauerstoff können aufgrund der sehr ähnlichen Reaktionsmechanismen bei Eisen und Mangan gleichartig formuliert werden.

2

Fe

2 +

+

1

2

O

2

+

4

OH

-

+

zH O

2

´

Fe O

2

3

zH O

2

+

2

H O

2

Hierbei laufen folgende Teilvorgänge ab

1. Belüftung zum Eintragen von Sauerstoff

2. Oxidation Fe 2+ zu Fe 3+

3. Hydrolyse des Fe 3+ -Ions zu Fe 3+ -Oxidhydrat

4.Bildung von filtrierbaren oder absetzbaren Fe 3+ -Oxidhydratflocken

5.Filtration

Die in der Praxis eingesetzten Enteisenungsverfahren sind von den jeweils vorliegenden Bedingungen abhängig, wobei hauptsächlich Rohwassereisengehalt, die Rohwassermenge sowie der pH-Wert und der Gehalt an sonstigen Stoffen (H 2 S, Methan, CO 2 , Mn, Huminstoffe) eine Rolle spielen. Bei Eisengehalten unter etwa 10 - 15 mg/l folgt der Belüftung unmittelbar eine Schnellfiltration. Dabei katalysiert bereits ausgeschiedenes Eisenoxidhydrat den Filtrationsvorgang. Praktisch bedeutet dies, daß ein Filter mit frischem Sand schlechter enteisent als ein eingearbeitetes. Bei Eisengehalten über 5 - 10 mg/l werden in der Praxis Flockungs- und Sedimentationsbehälter den Schnellfiltern vorgeschaltet.

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ENTEISENUNG UND ENTMANGANUNG

31

4.3.2 Entmanganung

Die Entmanganung wird, da sie im Prinzip der Enteisenung ähnelt, oft mit dieser gemeinsam im gleichen Filter durchgeführt. Häufig bereitet sie aber größere Schwierigkeiten und verläuft nicht so glatt wie die Enteisenung. Die schematische Reaktionsgleichung lautet

Mn

2 +

+

1

2

O

2

+

2

OH

-

+

zH O

2

´

MnO

2

zH O

2

+

H O

2

Das entstehende Produkt kann durch Filtration entfernt werden. Es ist nicht stöchiometrisch zusammengesetzt (MnO 1,3 - MnO 1,9 ). Die Oxidationsgeschwindigkeit kann durch Erhöhung des pH-Wertes, durch starke Oxidationsmittel und katalytische und autokatalytische Einflüsse erhöht werden.

Verfahren

1. Belüftung und Sandfiltration hoher pH-Wert ( möglichst über 8) eingearbeitetes Filter c(Mn) < 0,15 c(Fe)

2. Biologische Filter ähnlich wie 1, jedoch Mitwirkung von Manganbakterien

3. Oxidation mit Ozon Oxidation zu MnO 4 - dann Reduktion zu MnO 2 bei der Filtration über Aktivkohle

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FLOCKUNG

32

5 Flockung

5.1 Einleitung

Unter Flockung versteht man die Agglomeration von suspendierten und kolloidalen Teilchen zu größeren Partikelverbänden. In der Wasseraufbereitung erfolgt die Flockung mit dem Ziel, unerwünschte Wasserinhaltsstoffe, wie z.B. kolloidale und suspendierte Stoffe (Trübstoffe) oder gelöste organische Stoffe (DOC), die stabil im Wasser verteilt sind, durch den Einsatz von Chemikalien, zu entfernen. Dabei werden auch die an den Schwebstoffen haftenden Verunreinigungen (organische Stoffe, Spurenmetalle) entfernt. Allgemein handelt es sich um ein Verfahren zur Vorbehandlung des Wassers vor einer mechanischen Partikelabscheidung durch Sedimentation, Filtration oder Flotation.

5.2 Begriffe und Definitionen

Flockung sind Vorgänge, bei denen sichtbare Flocken auftreten, ohne Aussagen zum Mechanismus der Flockung. Koagulation ist ein Flockungsmechanismus, bei dem elektrische Abstoßungskräfte zwischen Teilchen aufgehoben werden und die Zusammenlagerung stattfinden kann. Im technische Sinne die Anfangsphase der Flockung nach der Einmischung und vor dem Einsatz von Flockungshilfmitteln. Flocculation ist ein Flockunsmechanismus, der auf der Verknüpfung von Teilchen durch langkettige Moleküle (Polymere) beruht. Im technische Bereich die Phase der Bildung großer Flocken mittels Flockungshilfsmitteln. Aggregation oder Agglomeration sind Begriffe im Sinne der Flockung, wie oben definiert Entstabilisierung ist ein Vorgang, der feinverteilte Feststoffe erst flockungsfähig macht (z.B. Anlagerung von Flockungsmittel). Das Ausgangssystem ist stabil dispergiert. Transportvorgänge bringen die Teilchen in gegenseitigen Kontakt, der zur Haftung führen kann und damit in der Folge zur Flockenbildung. Man unterscheidet den

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FLOCKUNG

33

„perikinetischen“ (Brown´sche Molekularbewegung) und den „orthokinetischen“ (Strömung) Teilchentransport. Flockungsmittel sind primär für die Entstabilisierung verantwortlich. In der Wasseraufbereitung sind dies überwiegend die Al- und Eisen-III-salzen. Flockungshilfsmittel dienen der verbesserten Flockenbildung und sind meistens hochmolekulare organische Stoffe (Polymere, Polyelektrolyte). Fällung ist die Ausscheidung unlöslicher Stoffe aus einer Lösung. Mitfällung ist ein Flockungsmechanismus, bei dem voluminöse Oxidhydrate des Aluminium- und Eisen-III-ions entstehen, die die dispersen Feststoffe anlagern und einschließen. Fällungs- und Flockungsoptimum fallen dabei zusammen.

5.3 Inhaltsstoffe der Rohwässer

Für die Flockungsvorgänge sind Teilchen der Größenordnung von 0,1 µm bis 10 mm von Bedeutung. Dies ist in der Abbildung 5.1 dargestellt. Der Begriff „Dispersion“ ist der Überbegriff der Bereiche „Kolloid“ und „Suspension“. Im unteren Teil der Abbildung sind für zwei Feststoffdichten die Sedimentationszeiten für den Weg von 1 m angegeben. Danach lassen sich Teilchen mit Durchmessern unter ca. 10 µm - 30 µm nicht innerhalb technisch sinnvoller Aufenthaltszeiten absetzen. Allen dispergierten Stoffen gemeinsam ist die negative elektrische Ladung der Oberfläche, die meistens dadurch entsteht, daß Kationen aus den anorganischen oder organischen Stoffen in die umgebende Lösung dissoziierten. Die negative Teilchenladung verhindert eine ausreichende Annäherung, die zu einer Haftung führen würde. Ein solches System ist kolloidal stabil, da die elektrischen Abstoßungskräfte die Anziehung durch van-der-Waals-Kräfte überwiegen. Dies ist in der Abbildung 5.2 schematisch dargestellt. Die Aufgabe der Flockung ist es, durch geeignete Chemikalien die Einflüsse der abstoßenden Kräfte soweit herabzusetzen, daß die Anziehung wirksam wird und zu abtrennbaren Aggregaten führt.

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FLOCKUNG

34

Wasserwirtschaft und Wasserversorgung FLOCKUNG 34 Abbildung 5.1: Größenverhältnisse von Wasserinhaltsstoffe

Abbildung 5.1: Größenverhältnisse von Wasserinhaltsstoffe und Sedimentations- zeiten für verschiedene Teilchendichten /2/

Sedimentations- zeiten für verschiedene Teilchendichten /2/ Bild 5.2: Schematische Darstellung von anziehenden und

Bild 5.2: Schematische Darstellung von anziehenden und abstoßenden Oberflächenkräften zwischen gleichgeladenen Teilchen /2/

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FLOCKUNG

35

5.4 Flockungschemikalien

Die wichtigsten Flockungsmittel der Trinkwasseraufbereitung sind die Salze des dreiwertigen Eisen- und Aluminiumions, die in verschiedenen Formen erhältlich sind. Löst man diese Salze in Wasser, dissoziieren sie in Metallkationen und die Anionen. Die Metallkationen lagern dabei wegen ihrer hohen Ladung sechs Wassermoleküle an (Hexaquo-Komplexe). Mit steigendem pH-Wert geben diese Komplexe Protonen ab. Die entsprechenden Reaktionen sind in der Tabelle 5.1 zusammengestellt. Bei höherem pH-Wert (ab pH 6 für Al, ab pH 5 für Fe) fallen die unlöslichen Neutralverbindungen Me(OH) 3 als voluminöse Niederschläge in Flockenform aus. In der Abbildung 5.3 sind die Stabilitätsdiagramme für beide Metallionen dargestellt.

Tabelle 5.1: Hydrolysereaktionen der als Flockungsmittel verwendeten Aluminium- und Eisen-III-Salze /2/

verwendeten Aluminium- und Eisen-III-Salze /2/ Bei den organischen Flockungshilfmitteln handelt es sich

Bei den organischen Flockungshilfmitteln handelt es sich um gradkettige wasserlösliche Polymere mit Molmassen im Bereich von ca. 10 3 bis 10 7 g/mol. Dabei unterscheidet man zwischen neutralen, anionischen und kationischen Polymeren. Die wichtigste Produktklasse sind die neutralen Polyacrylamide. Übliche Dosiermengen sind ca. 0,5 mg/l.

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FLOCKUNG

36

Wasserwirtschaft und Wasserversorgung FLOCKUNG 36 Abbildung 5.3: Gleichgewichtsdiagramme für Aluminium- und

Abbildung 5.3: Gleichgewichtsdiagramme für Aluminium- und Eisen-III-ionen als Funktion des pH-Wertes /2/

5.5 Vorgänge bei der Flockung

5.5.1 Entstabilisierungsvorgänge

In der Entstabilisierungsphase wird durch Zugabe von Flockungsmitteln das stabile kolloidale System in einen instabilen aggregationsfähigen Zustand überführt. Anschließend können in der Aggregationsphase durch Transportprozesse die Teilchen in so engen Kontakt gebracht werden, daß Flockenbildung eintritt. Die Entstabilisierung kann aufgrund von vier Mechanismen erfolgen:

a.) Kationen können mit steigender Konzentration die elektrischen Abstoßungskräfte zwischen Teichen abschirmen („Kompression der elektrischen Doppelschicht“). Dabei ist die Wertigkeit von entscheidender Bedeutung. Je höher die Ionenladung der Flockungsmittel, desto niedriger die zur Aggregation erforderliche Konzentration. b.) Kationisch geladene, niedermolekulare Stoffe (wie die polymerisierten Al- und Fe- III-Hydroxokomplexe oder kationische Polymere) können spezifisch gut an der Oberfläche adsorbieren. Bei einer bestimmten Dosis wird die negative Ladung der Grenzfläche neutralisiert und das System ist entstabilisiert („Adsorptions- Ladungsneutralisations-Mechanismus“)

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FLOCKUNG

37

c.) Bei der Fällung von Al- und Fe-III-hydroxid werden die dispersen Teilchen in die voluminösen Niederschläge eingeschlossen und mitentfernt. Der „Mitfällungsmechanismus“ ist in der Regel der wichtigste Flockungsvorgang in der Wassertechnologie und zeichnet sich dadurch aus, daß das Fällungsoptimum mit dem besten Flockungserfolg zusammenfällt. Die Trübstoffarten und Konzentrationen spielen kaum eine Rolle. d.) Sehr hochmolekulare organische Flockungshilfsmittel adsorbieren an zwei Teilchen gleichzeitig, wodurch Brücken gebildet werden. Der „Adsorptions- Brückenbildungsmechanismus“ wird weniger von der Ladungscharakteristik beeinflußt und erfordert eine optimale Dosierung, weil eine völlige Bedeckung der Partikel die Brückenbildung verhindert.

5.5.2 Aggregationsvorgänge (Teilchentransport)

Die Transportvorgänge, die zu Kollisionen der Teilchen führen, sind in der Regel langsamer als die Entstabilisierungsprozesse und damit geschwindigkeitsbestimmend. Art und Ausmaß der Entstabilisierung bestimmen dabei, wie viele Teilchenkontakte zur Aggregation führen. Es kommen dabei im wesentlichen die drei folgenden Transportprozesse in Betracht. a.) Bei der Teilchendiffusion kollidieren die Teilchen aufgrund der Brown´schen Molekularbewegung („perikinetische Flockung“). Bei der Wasseraufbereitung spielt dies kaum eine Rolle. b.) Bei Teilchendurchmessern über ca. 0,1 µm dominiert der Transport durch Strömungsgradienten (Schergefälle), die zur „orthokinetischen Aggregation“ führen. Die erreichbare Flockengröße wird dabei mit steigendem Schergefälle (Energieeintrag) abnehmen. Für große und gut sedimentierende Aggregate ist in der Endphase der Flockenbildung daher ein geringes Schergefälle zu empfehlen. c.) Aufgrund unterschiedlicher Flockengrößen können bei der Sedimentation erhebliche Unterschiede in der Absetzgeschwindigkeit auftreten, die zu zusätzlichen Kollisionen und Flockenwachstum führen.

5.6 Verfahrenstechnik der Flockung und Flockenabtrennung

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FLOCKUNG

38

In der Tabelle 5.2 sind die verschiedenen Stufen des Flockungsprozesses vor der Feststoffabtrennung zusammengestellt.

Tabelle 5.2: Die verfahrenstechnischen Stufen des Flockungsprozesses /2/

Die verfahrenstechnischen Stufen des Flockungsprozesses /2/ 5.6.1 Mischung und Entstabilisierung Im ersten Schritt wird

5.6.1 Mischung und Entstabilisierung

Im ersten Schritt wird der relativ geringe Volumenstrom der Dosierlösung im Rohwasserstrom verteilt. Durch Turbulenzen an der Dosierstelle vollzieht sich die Grobmischung, gefolgt von einem diffusiven Transport in die Feinwirbel. Je größer das Volumenstromverhältnis Rohwässer/Dosierlösung ist, desto schwieriger ist die Mischung. Eine gute und schnelle Einmischung ist von wesentlicher Bedeutung für den gesamten Flockungserfolg. In der Tabelle 5.3 sind einige typische Misch- und Entstabilisierungseinrichtungen für die Flockung zusammengefaßt.

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FLOCKUNG

39

Tabelle 5.3: Misch- und Entstabilisierungseinrichtungen für die Flockung /2/

und Entstabilisierungseinrichtungen für die Flockung /2/ 5.6.2 Flockenbildung Nach der Entstabilisierung beginnt die

5.6.2 Flockenbildung

Nach der Entstabilisierung beginnt die Teilchenaggregation, die in der Anfangsphase bei kleinen Partikeln durch Diffusion mitbestimmt wird. Wachsen die Teilchendurchmesser an, dominiert die Aggregation aufgrund von Strömungsgradienten. Je höher das dabei auftretende Schergefälle ist, desto schneller verläuft die Flockung, jedoch nimmt die erreichbare Flockengröße ab. Diesem gegenläufigen Effekt der Turbulenz wird in der Verfahrenstechnik dadurch Rechnung getragen, daß bei höheren Schwergefällen zunächst innerhalb relativ kurzer Zeiten die sogenannten Mikroflocken gebildet werden. Das weitere Wachstum wird dann in folgenden Reaktoren bei sinkendem Schergefälle ermöglicht, wodurch abtrennbare Makroflocken entstehen. Hier kann ein polymeres Flockungshilfsmittel die Flockengröße weiter erhöhen und damit die Sedimentationsrate verbessern. Die wichtigsten Reaktortypen zur Flockenbildung werden in der Tabelle 5.4 kurz beschrieben.

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FLOCKUNG

40

Tabelle 5.4: Reaktortypen zur Flockenbildung /2/

40 Tabelle 5.4: Reaktortypen zur Flockenbildung /2/ 5.7 Anlagen Beispiele Abbildung 5.4: Klassische

5.7 Anlagen Beispiele

Reaktortypen zur Flockenbildung /2/ 5.7 Anlagen Beispiele Abbildung 5.4: Klassische Dimensionierungsdaten /2/

Abbildung 5.4: Klassische Dimensionierungsdaten /2/

Flockung-

und

Sedimentationsanlage

mit

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FLOCKUNG

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Wasserwirtschaft und Wasserversorgung FLOCKUNG 41 Abbildung 5.5: Beispiel eines runden Absetzbeckens mit

Abbildung 5.5: Beispiel eines runden Absetzbeckens mit zentraler Flockungskammer

/2/

eines runden Absetzbeckens mit zentraler Flockungskammer /2/ Abbildung 5.6: Integrierte Flockungs-Sedimentationsanlage

Abbildung 5.6: Integrierte Flockungs-Sedimentationsanlage mit innerer Schlammrückführung und Schlammschwebeschicht /2/

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FLOCKUNG

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Wasserwirtschaft und Wasserversorgung FLOCKUNG 42 Abbildung 5.7: Flockungsanlage mit verschiedenen

Abbildung 5.7: Flockungsanlage mit verschiedenen Rührkammern, Schlammrückführung, Parallelplattenabscheider und integriertem Eindicker /2/

Parallelplattenabscheider und integriertem Eindicker /2/ Abbildung 5.8: Das Verfahren der Stadtwerke Essen zur

Abbildung 5.8: Das Verfahren der Stadtwerke Essen zur Wasseraufbereitung mit Vorozonung, Flockung und Dreischichtfiltration /2/

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MEMBRANVERFAHREN

43

6 Membranverfahren

6.1 Einleitung

Das klassische Anwendungsgebiet der Membranverfahren in der Trinkwasser- aufbereitung ist die Entsalzung von Brack- und Meerwasser. Neben der hierfür eingesetzten Umkehrosmose (Hyperfiltration) findet für die Brackwasserentsalzung auch die Elektrodialyse Anwendung. Eine neue Technologie stellt die Nanofiltration dar, welche zur Aufbereitung von huminstoffhaltigen Wässern sowie zur PBSM- Rückhaltung eingesetzt werden kann. Die Ultrafiltration kann zur Entfernung von Trübstoffen und hochmolekularen Substanzen eingesetzt werden. Die Mikrofiltration spielt bei der Rückhaltung von Mikroorganismen eine Rolle.

6.2 Grundlagen

Das Trennprinzip der Membranverfahren beruht darauf , daß zwischen den beiden Seiten der Membran ein Potentialunterschied besteht, so daß Stoffströme durch die Membran auftreten. Diese Potentialunterschiede können speziell auf eine Komponente (z.B. Ionen bei der Elektrodialyse) wirken oder aber die Membranen setzen diesen Stoffströmen unterschiedliche hohe Durchtrittswiderstände entgegen, wodurch eine Stofftrennung erfolgt. Die Tabelle 6.1 zeigt, daß die Potentialdifferenz durch verschiedene sogenannte “Triebkräfte” hervorgerufen werden kann. Die Abbildung 6.1 stellt die Abgrenzung der verschiedenen Membranverfahren hinsichtlich der Teilchengröße dar.

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MEMBRANVERFAHREN

44

Tabelle 6.1: Membrantransportphänomene und Membranverfahren /8/

6.1: Membrantransportphänomene und Membranverfahren /8/ Abbildung 6.1: Abgrenzung Teilchengröße /9/ der
6.1: Membrantransportphänomene und Membranverfahren /8/ Abbildung 6.1: Abgrenzung Teilchengröße /9/ der

Abbildung 6.1: Abgrenzung Teilchengröße /9/

der

verschiedenen

Membranen

hinsichtlich

der

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MEMBRANVERFAHREN

45

6.3 Membranfiltrationsverfahren

In der Abbildung 6.2 sind die Membranstrukturen der verschiedenen Filtrationsverfahren schematisch dargestellt. Umkehrosmosemembranen, die als dichte Membran bezeichnet werden, halten fast alle Wasserinhaltsstoffe sehr gut zurück. Die Nanofiltrationsmembran kann als feinporöse Membran (“Poren”durchmesser um 1nm) mit Oberflächenladungen charakterisiert werden. Aufgrund der in der Regel negativen Oberflächenladung der Membran werden insbesondere mehrwertige Anionen sehr gut zurückgehalten. Bei der Ultra- und auch bei der Mikrofiltration handelt es sich um reine Porenmembranen, so daß die Rückhaltung zumindest näherungsweise durch den Siebeffekt erklärt werden kann. Das Prinzip einer Membranfiltrationsanlage ist in Abbildung 6.3 dargestellt. Umkehrosmose- und Nanofiltrationsanlagen werden ohne Rezirkulation, dafür aber in konzentratseitiger Hintereinanderschaltung der Membranelemente betrieben. Die Ultrafiltration kann sowohl mit Rezirkulation im Cross-flow (V2 geschlossen) als auch bei guter Zulaufqualität im Dead-end Modus (V1 geschlossen) gefahren werden.

im Dead-end Modus (V1 geschlossen) gefahren werden. Abbildung 6.2: Schematischer Aufbau der

Abbildung 6.2: Schematischer Aufbau der Membranfiltrationsmembran /8/

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MEMBRANVERFAHREN

46

und Wasserversorgung MEMBRANVERFAHREN 46 Abbildung 6.3: Prinzip der Membranfiltration /8/ Wichtige

Abbildung 6.3: Prinzip der Membranfiltration /8/

Wichtige Kenngrößen zur Charakterisierung eines Membranprozesses sind die

Rückhaltung R

R = 1-

c Permeat

c Zulauf

und die Ausbeute F

F = Q

Permeat

Q Zulauf

(6.1)

(6.2)

Aufgrund der Rückhaltung der Wasserinhaltsstoffe findet eine Aufkonzentrierung

über der Lauflänge der Membran und an der Membranoberfläche statt. Dadurch

können bei sehr hohen Ausbeuten Deckschichten entstehen, welche bei der Ultra-

und Mikrofiltration durch regelmäßige Rückspülungen weitgehend entfernt werden.

Bei der Umkehrosmose und der Nanofiltration können Löslichkeitsgleichgewichte der

Salze überschritten werden, so daß sich sehr dichte und schlecht entfernbare

Deckschichten bilden können (Scaling).

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MEMBRANVERFAHREN

47

6.3.1 Umkehrosmose und Nanofiltration

Das Prinzip der Osmose ist in der Abbildung 6.4 dargestellt. Trennt man reines Lösungsmittel und eine Lösung (z.B. Wasser und Salz) durch eine ideal semipermeable Membran (nur durchlässig für das Lösungsmittel), so fließt das reine Lösungsmittel durch die Membran und verdünnt die Lösung bis die chemischen Potentiale auf beiden Seiten der Membran gleich groß sind. Die Druckdifferenz zwischen den beiden Seiten, die sich im Gleichgewicht einstellt, ist der osmotische Druck p . Prägt man der Lösung einen Druck auf, so fließt reines Lösungsmittel von der Lösung durch die Membran zur Lösungsmittelseite. Ist der aufgeprägte Druck größer als der osmotische Druck, konzentriert sich die Ausgangslösung auf und man gewinnt reines Lösungsmittel. Für verdünnte Lösungen kann der osmotische Druck mit der Van´t-Hoffschen Gleichung berechnet werden.

p

= c

S

R T

c S = Konzentration des gelösten Stoffes

R

= allgemeine Gaskonstante

T

= absolute Temperatur

(6.3)

Als Beispiel für eine technische Ausführung einer Membran ist in der Abbildung 6.5 ein Wickelelement dargestellt.

ist in der Abbildung 6.5 ein Wickelelement dargestellt. Abbildung 6.4: Prinzip der Osmose und der umgekehrten

Abbildung 6.4: Prinzip der Osmose und der umgekehrten Osmose /8/

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48

und Wasserversorgung MEMBRANVERFAHREN 48 Abbildung 6.5: Schematische Darstellung eines

Abbildung 6.5: Schematische Darstellung eines Wickelelementes /8/

6.4 Dialyse und Elektrodialyse

Bei der Dialyse liegen in der konzentrierten Lösung mehrere Stoffe vor, die unterschiedlich gut durch die Membran treten können. Treibende Kraft der reinen Dialyse sind transmembrane Konzentrationsdifferenzen, die durch die Zuleitung von reinem Lösungsmittel erzeugt werden. Der Druck auf beiden Seiten ist praktisch gleich. Das Prinzip der Dialyse ist in der Abbildung 6.6 dargestellt. Die Dialyse ist ein schonendes Membranverfahren und wird in der Medizin (künstliche Niere), in der pharmazeutischen und chemischen Industrie sowie im Lebensmittelbereich eingesetzt. In der Wasseraufbereitung hat sie nur geringe Bedeutung. Das Prinzip der Elektrodialyse, welches in der Abbildung 6.7 dargestellt ist, beruht auf der Wanderung von Ionen in einem elektrischen Feld. Deshalb ist dieser Prozeß auch nur geeignet, gelöste ionogen vorliegende Stoffe abzutrennen. Die Elektrodialyse hat für die Entsalzung von Wässern eine Bedeutung.

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und Wasserversorgung MEMBRANVERFAHREN 49 Abbildung 6.6: Prinzip der Dialyse /9/ Abbildung 6.7:

Abbildung 6.6: Prinzip der Dialyse /9/

MEMBRANVERFAHREN 49 Abbildung 6.6: Prinzip der Dialyse /9/ Abbildung 6.7: Prinzip der Elektrodialyse /9/ 49

Abbildung 6.7: Prinzip der Elektrodialyse /9/

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MEMBRANVERFAHREN

50

6.5 Einsatzmöglichkeiten in der Trinkwasseraufbereitung

Entsprechend dem Rückhaltevermögen der verschiedenen Membranen und dem

jeweiligen Aufbereitungsziel werden Membranverfahren in den in Tabelle 6.2

aufgeführten Bereichen eingesetzt.

Tabelle 6.2: Einsatzmöglichkeiten in der Trinkwasseraufbereitung

Verfahren

 

Rohwässer

 

Entfernbare

 

Wasserinhaltsstoffe

Mikrofiltration

nach Voraufbereitung:

Partikuläre Stoffe

MF

l

Oberflächenwässer (Talsperren, Seen, Flüsse)

l

Algen / Phytoplankton

(Crossflow-Filtration)

l

Bakterien / Zooplankton

l

Schwebstoffe / Trübung

 

l

Filterspülwässer

 

Ultrafiltration

nach Voraufbereitung:

l

Trübstoffe

UF

l

Oberflächenwässer (Talsperren, Seen, Flüsse)

l

Plankton (Algen, Bakterien)

l

Viren, Zysten (Giardia, Cryptosporidium

l

Quellwässer

l

hochmolekulare Stoffe

Nanofiltration

nach Voraufbereitung:

l

Huminstoffe

NF

l

Quellwässer

l

Pestizide

l

Grundwässer

l

Härtebildner (Calcium, Magnesium)

Hyperfiltration

nach Voraufbereitung:

l

Salze

HF

l

Oberflächenwässer

(Chloride, Sulfate, Nitrate)

Auch: Umkehrosmose UO Reverse Osmosis RO

l

Grundwässer

 

Neuere Versuchsergebnisse zeigen, dass mit der Crossflow-Mikrofiltration die

partikulären Stoffe aus Filterspülwässern nach Sedimentation soweit entfernt werden

können, dass Filtrate in Trinkwasserqualität gewonnen werden.

Die Ultrafiltration ist in Frankreich, den Niederlanden und England sowie im

außereuropäischen Ausland schon mehrere Jahre im Einsatz, wobei

Membranstandzeiten bis zu zehn Jahren erreicht werden /16/. Unter anderem im

neuen Wasserwerk Heemskerk wird die Ultrafiltration von vorbehandeltem

Arbeitsbereich Wasserwirtschaft und Wasserversorgung

MEMBRANVERFAHREN

51

Oberflächenwasser zu Voraufbereitung für eine Hyperfiltrationsanlage (RO) eingesetzt. Bei diesem zweistufigen Membraneinsatz wird sowohl die Ultrafiltration als auch die Hyperfiltration als Desinfektionsstufen angesehen.

In Deutschland sind erste UF-Anlagen zur Aufbereitung von Talsperren- bzw. Karstquellwässer vor ein bis zwei Jahren in Betrieb gegangen. Wegen der zum Teil strengeren Grenzwerte für Desinfektionsnebenprodukte in Deutschland wird eine weitgehende Vermeidung von chlorhaltigen Desinfektionsmitteln angestrebt, um hohe THM-Gehalte im Filtrat bzw. erhöhte AOX- und THM-Gehalte im Spülwasser zu vermeiden. Neben den Fragen der Betriebssicherheit und Überwachung im Hinblick auf den Rückhalt von mikrobiologischen Verunreinigungen stehen die Fragen des Einsatzes von Betriebschemikalien zur Vermeidung von Scaling and Biofouling sowie ihre Auswirkungen auf Filtratqualität und Entsorgung der Spülwässer im Mittelpunkt der Diskussion.

Der Einsatz der Hyperfiltration (RO) ist in Deutschland nur auf Ausnahmefälle, wie z.B. der Nordseeinsel Helgoland beschränkt. Weltweit gibt es insbesondere in niederschlagsarmen Insel- und Küstengebieten vielfache Einsatzmöglichkeiten. In der letzten Zeit ist besonders die Entwicklung von Wasserentsalzungsanlagen in Kombination mit regenerativem Energieeinsatz (Solar-, Windenergie) vorangetrieben worden, deren Einsatz zu Kosten von 1,0 bis 1,5 US$/m³ möglich sein soll.

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ADSORPTION

52

7 Adsorption

7.1 Einleitung

Adsorptionsverfahren werden eingesetzt um gelöste organische Substanzen, wie z.B.

Pestizide oder CKW, aus dem Wasser zu entfernen. Weiterhin können mit

Adsorptionsverfahren natürliche organische Wasserinhaltsstoffe entfernt werden,

welche Desinfektionsnebenprodukte bilden können. Der adsorbierende Stoff

(„Sorbens“) sollte eine möglichst hohe spezifische Oberfläche mit guter Zugänglichkeit

aufweisen. Der zu adsorbierende Stoff („Sorptiv“) sollte eine ausreichende Affinität

zum Sorbens haben. In der Trinkwasseraufbereitung ist Aktivkohle das am häufigsten

eingesetzte Sorbens und wird pulverförmig (Pulverkohle, PAC) dosiert oder als

körniges Material (Kornkohle, GAC) in Filtern eingesetzt.

7.2 Eigenschaften von Aktivkohle

Als Rohmaterial zur Herstellung von Aktivkohle dienen C-haltige Naturstoffe wie z.B.

Holz, Holzkohle, Späne, Holzmehl, Torf, Stein- und Braunkohle, Kokosnußschalen,

Zellstoffablauge und organischer Abfall. Die Aktivierung erfolgt in der Regel thermisch

(1. Verkokung; 2. teilweiser Abbrand bei 750 - 800 0 C mit H 2 O-Dampf oder CO 2 ).

Typische Eigenschaften sind in der Tabelle 7.1 zusammengestellt.

Tabelle 7.1: Typische Eigenschaften von Aktivkohle /10/

Durchmesser, d F

Kornkohle: 0,5 bis 4 mm; Pulverkohle: 0,01 bis 0,1 mm

Materialdichte, r M

1800 - 2000 kg/m 3

Partikeldichte, r P

500 - 850 kg/m 3

Schüttdichte, r F

Kornkohle: 300 - 500 kg/m 3 ; Pulverkohle: 400 - 700 kg/m 3

Porengrößen

Makroporen: r p > 25 nm Zuleitungsporen: 1 nm < r p < 25 nm Mikroporen: r p < 1 nm (95 % d. Oberfläche)

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ADSORPTION

53

7.3 Adsorptionsgleichgewicht

Gleichgewichte werden in Form von Adsorptionsisothermen angegeben. Eine

Adsorptionsisotherme gibt den Zusammenhang zwischen der Konzentration c des

Sorptivs in der Lösung (mg Sorptiv / l Lösung) und der hierzu im Gleichgewicht

stehenden Beladung q (adsorbierte Menge des Sorptivs; mg Sorptiv / g Sorbens) an.

Zur experimentellen Ermittlung von Adsorptionsisothermen werden üblicherweise in

Bechergläsern zu einer Lösung mit der Anfangskonzentration c 0 unterschiedliche

Mengen m an Aktivkohle gegeben. Das Gleichgewicht ist erreicht, wenn sich die

Restkonzentration in der Lösung nicht mehr ändert. Dabei ist zu beachten, daß die

hierzu erforderliche Zeit von der Größe der Aktivkohle-Partikel abhängt. Daher werden

Isothermen mit gemahlener Kohle aufgenommen, wobei Kontaktzeiten von 2 bis 5 d

zur Gleichgewichtseinstellung ausreichen. Die Beladung der Kohle errechnet sich aus

einer Massenbilanz (aus der Lösung entfernte Menge = adsorbierte Menge).

L(c

q =

0 -

c)

(

L c

0

-

=

qm

c

)

m

(7.1)

(7.2)

Die so erhaltenen Isothermen können in der Regel hinreichend genau mit dem

empirischen Ansatz von FREUNDLICH beschrieben werden.

q

=

K

F

c

n

(7.3)

In dieser Gleichung ist K F die Freundlich-Konstante und n der Freundlich-Exponent.

Diese Parameter können durch eine lineare Regression der Werte lg c und lg q

ermittelt werden. Dabei entspricht K F dem Achsenabschnitt und n der Steigung.

7.4 Konkurrierende Adsorption

In der Praxis kommen immer Gemische von Sorptiven mit unterschiedlichen

Eigenschaften vor, welche gleichzeitig adsorbieren. Dadurch wird die

Adsorptionskapazität für das einzelne Sorptiv verringert. Gut adsorbierbare Stoffe

Arbeitsbereich Wasserwirtschaft und Wasserversorgung

ADSORPTION

54

werden dabei weniger stark beeinflußt als schlecht adsorbierbare. Wichtig ist, daß durch derartige Effekte die Lage der Isotherme von der Anfangskonzentration abhängt. Bei der Trinkwasseraufbereitung spielt der Einfluß der natürlichen organischen Wasserinhaltsstoffe die wichtigste Rolle, da die Konzentration dieser Stoffe sehr viel größer ist (mg/l) als die der zu entfernen Spurenstoffe (µg/l). Dies wird deutlich in der Abbildung 7.1, welche Isothermen für das Herbizid Metazachlor bei verschiedenen Hintergrundbelastungen (DOC, dissolved organic carbon) zeigt. Es ist zu beachten, daß das Ausmaß dieser Effekte von der Art des Spurenstoffs und von den Eigenschaften der Hintergrundbelastung abhängt. Zur Beschreibung dieser Effekte und zur Beschreibung des Adsorptionsverhaltens der natürlichen organischen Wasserinhaltsstoffen gibt es eine Vielzahl von Literatur, auf die hier nicht eingegangen wird.

Vielzahl von Literatur, auf die hier nicht eingegangen wird. Abbildung 7.1: Einfluß der Anfangskonzentration und der

Abbildung 7.1: Einfluß der Anfangskonzentration und der Hintergrund DOC- Konzentration auf die Adsorption von Metazachlor /10/

7.5 Adsorptionskinetik

Während die Adsorption auf der Aktivkohleoberfläche sehr schnell abläuft, ist der Transport der Sorptivmoleküle aus der Lösung zur Aktivkohle geschwindigkeits- bestimmend. Dies spielt bei der Filtration über Kornkohle eine Rolle, da hiervon die

Arbeitsbereich Wasserwirtschaft und Wasserversorgung

ADSORPTION

55

Form der Durchbruchskurve wesentlich abhängt. In der Abbildung 7.2 sind typische Durchbruchskurven dargestellt, wobei die Ablaufkonzentration c e über der Filterlaufzeit aufgetragen ist.

c e über der Filterlaufzeit aufgetragen ist. Abbildung 7.2: Vergleich unterschiedlicher Durchbruchskurven

Abbildung 7.2: Vergleich unterschiedlicher Durchbruchskurven /10/

a)

Ideale Durchbruchskurve b) Einzelstoff c) Einzelstoff in einer Mischung

d)

Natürliche organische Wasserinhaltsstoffe (NOM)

Die Kurve a stellt eine sogenannte ideale Durchbruchskurve ohne den Einfluß der Kinetik dar. Die stöchiometrische Durchbruchszeit ergibt sich aus einer Massenbilanz.

c

0

t

stöch

Q

=

q

0

m

(7.4)

In dieser Gleichung ist c 0 Zulaufkonzentration, q 0 die Beladung die mit c 0 im Gleichgewicht steht, Q der Volumenstrom und m die Masse der Aktivkohle im Filter.

Die Kurve b stellt die Durchbruchskurve eines Einzelstoffes unter Einfluß der Kinetik dar. Die gesamte adsorbierte Menge entspricht der bei einer idealen Durchbruchskurve. Die Massenbilanz ergibt

Q

Ú

0

( c

0

- c

e

(t)) dt = q

0

m

(7.5)

Wenn in der Lösung noch weitere adsorbierbare Stoffe vorhanden sind, wird die Gesamtkapazität für einen Zielstoff herabgesetzt. Dies wird an der Durchbruchskurve c

Arbeitsbereich Wasserwirtschaft und Wasserversorgung

ADSORPTION

56

deutlich. Wobei es auch durch Verdrängungseffekte zu einer Konzentrations-

überhöhung im Ablauf kommen kann, wenn besser adsorbierbare Stoffe vorliegen.

Die Kurve d schließlich ist eine typische Durchbruchskurve für natürliche organische

Wasserinhaltsstoffe mit dem DOC als Summenparameter. Ein Teil der Stoffe, welche

sehr schlecht adsorbierbar sind, bricht sofort durch.

Da in den meisten Wässern biologisch abbaubare Substanzen vorhanden sind, laufen

in fast allen Aktivkohlefiltern auch biologische Prozesse ab.

7.6 Auslegung von Aktivkohlefiltern

In

der

Tabelle 7.2

 

sind

einige

typische

Parameter

praktischer

Aktivkohlefilter

zusammengestellt.

 

Tabelle 7.2: Typische Parameter von Aktivkohlefiltern /10/

 

Bettvolumen, V F

   

10 - 50 m 3

 

Querschnittsfläche, A F

 

5 - 30 m 2

Länge, l

 

1,8 - 4 m

Filtergeschwindigkeit, v F

 

5

- 15 m/h

Empty bed contact time, EBCT

 

5

- 30 min

Filterlaufzeit, t F

 

100 - 600 d

 

Spezifischer Kohlebedarf, CUR

 

5 - 50 g/m 3

 

v

F

= A Q

F

(7.6)

EBCT = V

F l

 

=

 

(7.7)

 

Q

v

F

BV = V

L

t

F

=

V F

EBCT

(7.8)

V L = Volumen des gesamten durchgesetzten Wassers

CUR = m

V

L

r

F

= BV

(7.9)

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ADSORPTION

57

Wasserwirtschaft und Wasserversorgung ADSORPTION 57 Abbildung 7.3: Zusammenhang zwischen dem Korrekturfaktor und

Abbildung 7.3: Zusammenhang zwischen dem Korrekturfaktor und dem theoretischen Kohlebedarf /10/

In der Praxis wird die Wirksamkeit der Aktivkohlefiltration und damit der spezifische Kohlebedarf wesentlich von der Hintergrundbelastung bestimmt. In der Abbildung 7.3 ist für eine Vielzahl von Stoffen der beobachtete Kohlebedarf mit dem für ein Einzelstoffsystem berechneten Kohlebedarf verglichen worden. Der auf der Ordinate aufgetragene „Natural Water Correction Factor“ ist der beobachtete Kohlebedarf bezogen auf den errechneten Kohlebedarf. Es ist zu erkennen, daß tendentiell der Faktor für Stoffe mit hohem Kohlebedarf, also schlecht adsorbierbare Substanzen, kleiner ist als für Stoffe mit geringem Kohlebedarf. Der Einfluß durch die Hintergrundbelastung ist also relativ geringer. Der Einfluß der natürlichen organischen Inhaltsstoffe auf die Kapazität von Spurenstoffen in Aktivkohlefiltern wird „Aktivkohle- Fouling“ genannt.

Arbeitsbereich Wasserwirtschaft und Wasserversorgung

ADSORPTION

58

7.7 Reaktivierung der Kornkohle

Beladene Kornkohle kann reaktiviert werden. Bei der thermischen Reaktivierung werden die adsorbierten Substanzen desorbiert und/oder thermische zersetzt. Bei der Reaktivierung kann die Adsorptionskapazität der Kohle wieder zu 100 % hergestellt werden. Nach jeder Reaktivierung müssen 5 - 15 % der Aktivkohle ersetzt werden.

7.8 Pulverkohleanlagen

Der wichtigste Nachteil der Pulverkohle ist, daß sie nicht reaktiviert werden kann. Pulverkohle muß nach der Dosierung z.B. durch Flockung und Filtration wieder entfernt werden. Pulverkohle kann man im Gegensatz zur Kornkohle bei Bedarf dosieren. Häufig wird Pulverkohle für einen Notfall in Wasserwerken vorgehalten und kann vor der Filtration dosiert werden. Typische Dosiermengen sind im Bereich von 5 - 50 g/m 3 .

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GASAUSTAUSCH

59

8 Gasaustausch

8.1 Einleitung

Unter Gasaustausch versteht man in der Wasserreinigung die Absorption von

gasförmigen Stoffen in Wasser und die Desorption aus der Lösung in die Gasphase.

Typische Anwendungen sind der Eintrag (Absorption) von Sauerstoff durch Belüftung,

der Eintrag von Ozon (O 3 ) und Chlorgas (Cl 2 ). Beispiele für die Desorption aus dem

Wasser sind das Ausgasen von Kohlenstoffdioxid (CO 2 ) zur Entsäuerung sowie der

Austrag von Methan (CH 4 ), Schwefelwasserstoff (H 2 S) sowie der Austrag flüchtiger

organischer Stoffe (z.B. chlorierte C 1 - und C 2 - Kohlenstoffe).

8.2 Gleichgewicht

Ein flüchtiger Stoff verteilt sich zwischen Gasphase und Lösung nach dem HENRY-

DALTON-Gesetz. Danach ist die Konzentration eines Stoffes i in der flüssigen Phase

c(i) proportional dem Partialdruck des Stoffes i in der Gasphase p(i). Die

Proportionalitätskonstante K H, i wird als HENRY-Konstante bezeichnet.

c

(i)

=

K

H , i

p

(i)

(8.1)

In der Tabelle 8.1 sind für einige in der Wasseraufbereitung wichtige Stoffe die Henry-

Konstanten zusammengestellt. nach /11/

Tabelle 8.1: Henry-Konstanten ausgewählter Stoffe

Stoff

p(i) in Luft

K H, i (12 o C)

K H, i (20 o C)

p ges = 1 bar

mol m -3 bar -1

mol m -3 bar -1

N

2

0,78

0,797

0,691

O

2

 

0,21

1,615

1,366

CO 2

0,0003

49,42

38,66

O

3

-

16,99

-

C

2

HCl 3

-

148,9

-

C

2

Cl 4

-

86,39

-

Die HENRY-Konstante ist im wesentlichen abhängig von der Art des Stoffes und der

Temperatur. Je höher die Konstante, desto besser löslich ist der betrachtete Stoff. Die

Löslichkeit von Gasen im Wasser nimmt mit steigender Temperatur ab.

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GASAUSTAUSCH

60

Beispiel: Wie groß ist die maximale Sauerstoffkonzentration eines Wassers bei 12 o C,

welches mit Luft im Gleichgewicht steht ?

Lösung:

c O

(

2

)

=

K

2

p O

(

2

)

= 1615

,

mol m

-

3

bar

-

1

0 21

,

bar

= 0 34

,

mol m

-

3

,

H O

ß(O )

2

=

c(O )M(O )

2

2

= 0 34

,

mol m

-

3

32

gmol

-

1

= 10 9

,

gm

-

3

= 10 9

,

mgl

-

1

Aufgrund des relativ hohen Partialdruckes des Sauerstoffes in der Luft, ist es leicht

möglich ein Wasser durch den Kontakt mit geringen Luftmengen mit O 2 zu sättigen.

Umgekehrt sind höhere Luftmengen erforderlich, um CO 2 in gleichem Maße aus dem

Wasser zu entfernen. Für die Ausgasung von leichtflüchtigen Chlorkohlen-

wasserstoffen sind, wegen deren guten Löslichkeit, noch entsprechend höhere

Luftmengen aufzuwenden.

8.3 Kinetik des Gasaustauschs

Die Abbildung 8.1 zeigt schematisch die Vorgänge bei der Absorption. Im

allgemeinen Fall liegt sowohl auf der Gasseite als auch auf der Seite der Flüssigkeit

eine Grenzschicht und damit ein Transportwiderstand vor, welche den Stofftransport

beeinflussen.

vor, welche den Stofftransport beeinflussen. Abbildung 8.1: Schematischer Konzentrationsverlauf bei der

Abbildung 8.1: Schematischer Konzentrationsverlauf bei der Absorption nach der

Zweifilmtheorie /12/

Wenn man den Transportwiderstand auf der Gasseite vernachlässigt und lediglich die

flüssige Phase betrachtet, ist die Treibende Kraft für den Stofftransport die Differenz

zwischen der Sättigungskonzentration an der Phasengrenze c S und der Konzentration

c(t) in der Lösung. In Verbindung mit einem kinetischen Ansatz 1. Ordnung ergibt sich

die zeitliche Änderung der Konzentration zu

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61

c

S

-

c ( t )

c

S

-

c

0

=

exp{

- k

L

a

T

t

}

(8.2)

In dieser Gleichung ist das Produkt k L a T der volumetrische Stoffübergangskoeffizient

(„Belüfterkonstante“) und c 0 die Konzentration zum Zeitpunkt t=0. k L ist der

Stoffübergangskoeffizient (m/s) und a T die spezifische Stoffaustauschfläche (m 2 /m 3 ). In

der Abbildung 8.2 ist der Verlauf der Konzentration für die beiden Fälle Absorption und

Desorption schematisch dargestellt.

Absorption Desorption c - c t ( ) c t ( ) - c S
Absorption
Desorption
c
- c t
(
)
c t
( ) -
c
S
S
= exp{
- k a t
}
= exp{
- k a t
}
L
T
L
T
c
- c
c
- c
S
0
0
S

Abbildung 8.2: Verlauf von c(t) bei der Absorption und der Desorption /6/

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GASAUSTAUSCH

62

8.4 Anlagenbeispiele

In den Abbildungen 8.3 bis 8.8 sind die wichtigsten Anlagentypen, welche in der Wasseraufbereitung eingesetzt werden, zusammengestellt.

Unterscheidungsmerkmale:

Verteilung der Phasen Wasser in Luft (Tropfen)/Luft in Wasser (Blasen)/Rieselfilm

Strömungsführung

Gleichstrom/Gegenstrom/Kreuzstrom Strömungsrichtung des Wassers Aufwärts/Abwärts/Horizontal Luftzuführung Selbstansaugend/Zwangsbelüftung Stufenzahl Einstufig/Mehrstufig Druck im Apparat Atmosphärendruck/Ungleich Atmosphärendruck

Stufenzahl Einstufig/Mehrstufig Druck im Apparat Atmosphärendruck/Ungleich Atmosphärendruck
Stufenzahl Einstufig/Mehrstufig Druck im Apparat Atmosphärendruck/Ungleich Atmosphärendruck
Stufenzahl Einstufig/Mehrstufig Druck im Apparat Atmosphärendruck/Ungleich Atmosphärendruck

Apparatekenngrößen:

Flächenbelastung:

15 - 400 m 3 Wasser/m 2 h

Energiebedarf:

20 - 30 Wh/m 3 Wasser

Luft-/Wasserverhältnis: 1 - 100 Nm 3 /m 3 Wasser

Kolonnenhöhe:

1 bis 5 m

Wirkungsgrad:

30 - 90 %

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63

Wasserwirtschaft und Wasserversorgung GASAUSTAUSCH 63 Abbildung 8.3: Turmverdüsung /11/ Abbildung 8.4:

Abbildung 8.3: Turmverdüsung /11/

GASAUSTAUSCH 63 Abbildung 8.3: Turmverdüsung /11/ Abbildung 8.4: Kreiselbelüfter /11/ Abbildung 8.5:

Abbildung 8.4: Kreiselbelüfter /11/

63 Abbildung 8.3: Turmverdüsung /11/ Abbildung 8.4: Kreiselbelüfter /11/ Abbildung 8.5: Inka-Verfahren /11/ 63

Abbildung 8.5: Inka-Verfahren /11/

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64

Wasserwirtschaft und Wasserversorgung GASAUSTAUSCH 64 Abbildung 8.6: Offene Kaskade /11/ Abbildung 8.7:

Abbildung 8.6: Offene Kaskade /11/

und Wasserversorgung GASAUSTAUSCH 64 Abbildung 8.6: Offene Kaskade /11/ Abbildung 8.7: Wellbahnkolonne /11/ 64

Abbildung 8.7: Wellbahnkolonne /11/

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Arbeitsbereich Wasserwirtschaft und Wasserversorgung GASAUSTAUSCH 65 Abbildung 8.8: Füllkörperkolonne /11/ 65

Abbildung 8.8: Füllkörperkolonne /11/

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ENTSÄUERUNG

66

9 Entsäuerung

9.1 Einleitung

Die Trinkwasserverordnung stellt an den pH-Wert von Trinkwasser strenge Anforderungen. Danach muß der pH-Wert generell im pH-Bereich zwischen 6,5 und 9,5 liegen. Die berechnete Calcitlösekapazität am Ausgang des Wasserwerkes darf 5 mg/L CaCO 3 nicht überschreiten; diese Forderung gilt als erfüllt, wenn der pH-Wert am Wasserwerksausgang 7,7 ist. Bei der Mischung von Wasser aus zwei oder mehr Wasserwerken darf die Calcitlösekapazität im Verteilungsnetz den Wert von 10 mg/L nicht überschreiten.

Diese Einschränkung des zulässigen pH-Wertes ist in erster Linie durch Korrosionsvorgänge begründet. Das Korrosionsverhalten von metallischen Werkstoffen wird neben der Pufferungsintensität, dem Neutralsalzgehalt und dem Gehalt an Korrosionsinhibitoren (z.B. Phosphate, Silikate, Huminstoffe) vor allem vom pH-Wert bestimmt. Die daraus folgende wünschenswerte Anhebung des pH- Wertes ist durch den Sättigungs-pH-Wert eingeschränkt, da es bei dessen Überschreitung zum Ausfallen von Calciumcarbonat kommen kann.

Das Lösungsvermögen eines Wassers gegenüber Calciumcarbonat hat dagegen keinen direkten Einfluß auf das Korrosionsverhalten metallischer Werkstoffe. Calcitlösende Wässer können die Festigkeit von zementgebundenen Werkstoffen durch die Auflösung der Calciumcarbonatanteile beeinträchtigen. Die damit verbundenen Vorgänge sind um so intensiver, je höher die Calcit-Lösekapazität und je geringer die Verdichtung des Werkstoffs ist.

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ENTSÄUERUNG

67

9.2 Kalk-Kohlensäure-Gleichgewicht

Um die Anforderungen der TVO zu erfüllen muß sich ein Wasser im Kalk-

Kohlensäure-Gleichgewicht befinden. Eine Übersättigung mit Calciumkarbonat ist

ebenfalls zulässig, aber technisch nur bis SI = 0,2 tolerierbar. Um dies zu beurteilen

wird der Sättigungsindex (SI) mit Hilfe des Löslichkeitsproduktes von

Calciumkarbonat (K C ) definiert.

SI = lg

a Ca

(

2 +

)a(

CO

2

3

-

)

K C

(9.1)

Formal kann der Sättigungsindex auch als pH-Differenz dargestellt werden. Dabei ist

pH der tatsächliche pH-Wert des Wassers und pH L ist der pH-Wert der sich nach im

Gleichgewicht nach dem Austrag CO 2 (pH-Anhebung) einstellt. Dies ist der maximal

mögliche pH-Wert des Wassers im Gleichgewicht mit Calciumkarbonat.

SI

=

pH

-

pH

L

(9.2)

Ein negativer Sättigungsindex bedeutet, daß der pH-Wert unter dem pH-Wert der

Calcitsättigung liegt. Ein solches Wasser muß entsäuert werden. Eine Übersättigung

mit Calciumkarbonat ist zulässig, aber technisch nur bis zu einem Sättigungsindex

von + 0,2 sinnvoll.

9.3 Verfahren der Entsäuerung

9.3.1 Physikalische Entsäuerung

Gasaustausch mit Ausblasen von CO 2 (c(CO 2 ) > 0,2 mol/m 3 )

9.3.2 Chemische Entsäuerung

Dosierung alkalischer Stoffe (NaOH, Ca(OH) 2 )

Filtration über gekörntes alkalisches Material

- „Marmorfiltration“: CO 2 +H 2 O+CaCO 3 ¤ Ca 2+ +2HCO 3

- Dolomit: 2CO 2 +2H 2 O+CaCO 3 MgCO 3 ¤ Ca 2+ +Mg 2+ +4HCO 3

- halbgebr. Dolomit: CO 2 +2H 2 O+CaCO 3 MgO ¤ Ca 2+ +Mg 2+ +4HCO 3

-

-

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ENTHÄRTUNG

68

10 Enthärtung

10.1 Einleitung

Unter dem Begriff „Härte“ versteht man den Gehalt eines Wassers an den Erdalkali- ionen Calcium, Magnesium. Gelöstes Calciumhydrogencarbonat reagiert unter Verminderung der CO 2 -Konzentration im Wasser (z.B. durch pH-Erhöhung oder Erhitzung) unter Ausfällung von CaCO 3 (Kesselstein).

Ca 2+ + 2 HCO 3 - ´ CaCO 3 + CO 2 + H 2 O

(10.1)

Als Gesamthärte (GH) eines Wassers wird die Summe der Konzentrationen aller Erdalkali-Ionen bezeichnet Berücksichtigt man nur die Calcium- und die Magnesium- Ionen, so gilt

GH = c(Ca 2+ ) + c(Mg 2+ )

(10.2)

Da die Härtebildner sowohl als Hydrogencarbonat als auch als Sulfat, Chlorid oder Nitrat vorliegen können, unterscheidet man zwischen einer Carbonathärte (KH), welche die Hydrogencarbonat- und Carbonat-Ionen des Calciums und Magnesiums umfaßt, und der Nichtcarbonathärte (NKH) für den Anteil der mineralsauren Salze der Härtebildner.

In

eingebürgert.

der

Praxis

hat

sich

hierbei

die

1 °dH @ 10 mg/l CaO

1 °dH @ 0,1783 mmol/l CaO

Bezeichnung

„Deutscher

Härtegrad“

(°dH)

In der Tabelle 10.1 sind für die Beurteilung der Härte die entsprechenden Bereiche angegeben.

Arbeitsbereich Wasserwirtschaft und Wasserversorgung

ENTHÄRTUNG

69

Tabelle 10.1: Beurteilung der Gesamthärte eines Wassers

Härte Bereich

°dH

c(Ca 2+ )+c(Mg 2+ ) mmol/l

1

<

7

< 1,2 1,2 - 2,5 2,5 - 3,7 > 3,7

2

7 - 14

3

14 - 21

4

> 21

10.2 Enthärtungsverfahren

10.2.1 Physikalische Entcarbonisierung

Unter Enthärtung versteht man die Entfernung von Ca 2+ und Mg 2+ .

Entcarbonisierung ist die Entfernung von Hydrogencarbonat. Wird Ca 2+ als

Calciumcarbonat entfernt spricht man ebenfalls von Entcarbonisierung.

Bei der physikalischen Entcarbonisierung wird dem Wasser durch physikalische

Entsäuerung Kohlensäure entzogen. Das zu entcarbonisierende Wasser wird mit

Luft „gestrippt“ und durch den Austrag von CO 2 mit der Luft wird das Kalk-

Kohlensäure-Gleichgewicht nach folgender Reaktionsgleichung überschritten.

Ca 2+ + 2 HCO 3 -

Æ CaCO 3 Ø +

H 2 O

+

CO 2

(10.3)

In der Abbildung 10.1 ist eine physikalische Entcarbonisierung schematisch

dargestellt. Dabei wird Luft am Düsenboden des horizontal durchströmten Beckens

zugeführt. Eine Beschleunigung der Ausfällung wird dadurch erzielt, daß feiner

Calciumcarbonatschlamm zurückgeführt wird.

Arbeitsbereich Wasserwirtschaft und Wasserversorgung

ENTHÄRTUNG

70

Wasserwirtschaft und Wasserversorgung ENTHÄRTUNG 70 Abbildung 10.1: Physikalische Entcarbonisierung /13/ 10.2.2

Abbildung 10.1: Physikalische Entcarbonisierung /13/

10.2.2 Chemische Entcarbonisierung

In der Aufbereitungspraxis wird die chemische Entcarbonisierung am häufigsten eingesetzt. Dabei wird das Calcium durch die Zugabe von Calciumhydroxid nach folgender Reaktionsgleichung als Calciumcarbonat gefällt.

Ca 2+ + 2 HCO 3 - + Ca(OH) 2 Æ CaCO 3 Ø + 2 H 2 O

(10.4)

Calciumhydroxid wird in Form von Kalkmilch (8-20 Gew. % Ca(OH) 2 ) oder Kalkwasser (mit 0,15 Gew.% Ca(OH) 2 ) zu dosiert. Kalkmilch ist eine Suspension von Ca(OH) 2 während Kalkwasser eine gesättigte Lösung von Ca(OH) 2 darstellt. Wegen der geringen Löslichkeit wird häufig Kalkmilch eingesetzt, da das zu dosierende Volumen annähernd um den Faktor 100 geringer ist als bei Kalkwasser. Die Herstellung von gesättigtem Kalkwasser erfordert zudem größere Anlagenteile. Auf der anderen Seite wird die Geschwindigkeit der Ausfällung durch die notwendige Auflösung der Ca(OH) 2 -Partikel verzögert

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ENTHÄRTUNG

71

10.2.2.1 Langsamentcarbonisierung

Bei der Langsamentcarbonisierung erfolgt die eigentliche Fällung nach der Zugabe von Calciumhydroxid ("Kalk") in einem Reaktionsbecken während weniger Minuten. Das Calciumcarbonat fällt jedoch in Form sehr kleiner, wasserreicher Kristalle an, die sich nur schwer vom Wasser trennen lassen. Das Wasser fließt daher in ein großes Absetzbecken mit einer Durchlaufzeit von mehreren Stunden. Im Hinblick auf die beschränkte Wirkung der Absetzanlage muß das Wasser anschließend filtriert werden. Das feinkristallisierte Calciumcarbonat setzt sich nur langsam ab und muß darum noch entwässert werden. In der Abbildung 10.2 ist das Schema einer Langsamentcarbonisierung dargestellt.

ist das Schema einer Langsamentcarbonisierung dargestellt. Abbildung 10.2: Schema einer Langsamentcarbonisierung /1/ 71

Abbildung 10.2: Schema einer Langsamentcarbonisierung /1/

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ENTHÄRTUNG

72

11.2.2.2 Schnellentcarbonisierung

Bei der Schnellentcarbonisierung wird in speziell konstruierten Reaktoren, die von unten beaufschlagt werden, eine intensive Mischung von Wasser und Kalkhydratlösung vorgenommen. Am oberen Teil des Reaktors bilden sich spontan Calciumcarbonatkristalle, die sehr schnell zu millimetergroßen Kügelchen ("Pellets") anwachsen, dann entgegen dem aufströmenden Wasser absinken und unten abgezogen werden. Zum Einfahren des Reaktors wird in der Regel Feinsand ("Silbersand") zugesetzt, der Kristallisationskeime liefert. Da ein geringer Anteil des Calciumcarbonats als Schlamm ausfällt, ist eine anschließende Filtration notwendig. Die Schnellentcarbonisierung ist nicht anwendbar, wenn der Trübstoffanteil im Rohwasser zu hoch ist.

Bei der Schnellentcarbonisierung laufen die gleichen Reaktionen wie bei der Langsamentcarbonisierung ab. Es können Aufgrund der sehr viel kürzeren Reaktionszeiten jedoch keine Magnesiumhydroxide ausgefällt werden. In der folgenden Abbildung ist das Verfahrensschema einer Schnellentcarbonisierung dargestellt.

Verfahrensschema einer Schnellentcarbonisierung dargestellt. Abbildung 10.3: Schema einer Schnellentcarbonisierung /1/ 72

Abbildung 10.3: Schema einer Schnellentcarbonisierung /1/

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ENTHÄRTUNG

73

Das zu entcarbonisierende Wasser wird im unteren Teil des konischen Reaktors mit der Kalkmilch intensiv durchmischt. Im darüber liegenden Teil des Reaktors befinden sich Calciumcarbonatkugeln unterschiedlicher Größe in Schwebe. Das ausgefällte Calciumcarbonat lagert sich an diese Kontaktmasse an und läßt die einzelnen Kugeln bis auf eine Größe von einigen Millimetern wachsen. Zu großen Kugeln sinken im Reaktor nach unten und werden dort abgezogen. Wasserdurchsatzänderungen haben einen großen Einfluß auf die Korngrößenverteilung über die Reaktorhöhe und somit auch auf die zur Verfügung stehenden Kontaktfläche. Trotz der im oberen Reaktorteil zur Verfügung stehenden Klärzone ist eine nachgeschaltete Filtration erforderlich, die die Resttrübung entfernt.

Arbeitsbereich Wasserwirtschaft und Wasserversorgung

IONENAUSTAUSCH

74

11 Ionenaustausch

11.1 Einleitung

Ionenaustauscher sind feste Stoffe, die in der Lage sind, aus einer Elektrolytlösung Kationen oder Anoinen aufzunehmen und durch die äquivalente Menge anderer Ionen gleichen Ladungsvorzeichens zu ersetzen. Die Fähigkeit zum Ionenaustausch liegt in der Struktur der Stoffe begründet, deren anorganisches oder organisches Gerüst eine positive oder negative Überschußladung besitzt. Diese muß zur Erhaltung der Elektroneutralität durch eine entsprechende Anzahl von Ionen entgegengesetzten Ladungsvorzeichens kompensiert werden. In der Abbildung 11.1 ist schematisch je ein Anionen- und ein Kationenaustauscher dargestellt. In der Wasseraufbereitung werden fast nur synthetisch hergestellte Kunstharzionenaustauscher eingesetzt. In der Tabelle 11.1 sind die wichtigsten funktionellen Gruppen zusammengestellt. Ionenaustauscher sind nur dann zum Austausch befähigt, wenn sie in dissozierter Form vorliegen. Daher sind stark sauere und stark basische Austauscher im gesamten pH-Bereich einsetzbar. Schwach saure und schwach basische Austauscher sind nur in leicht saurem bis alkalischem Milieu einsetzbar (pH ª pK).

saurem bis alkalischem Milieu einsetzbar (pH ª pK). Abbildung 11.1: Schematische austauschers /14/ Darstellung

Abbildung 11.1: Schematische austauschers /14/

Darstellung

eines

Anionen-

und

eines

Kationen

Arbeitsbereich Wasserwirtschaft und Wasserversorgung

IONENAUSTAUSCH

75

Tabelle 11.1: Funktionelle Gruppen von Kunstharzionenaustauschern /14/

Funktionelle Gruppe

Austauschertyp

Einsatzbereich

-COOH -SO 3

-

schwach sauer

pH 4 - 6

stark sauer schwach basisch stark basisch

0

£ pH £ 14

- N R 2 H 2 O

pH £ 4 - 8

- N + (CH 3 ) 3 , -N + (CH 3 ) 2 C 2 H 4 OH

0

£ pH £ 14

11.2 Selektivität

Die Ionenaustauscher weisen aufgrund der chemischen Struktur eine Selektivität gegenüber verschiedenen Ionen auf. In der Regel werden bei unterschiedlichen Ladungen die Ionen mit der höheren Ladung bevorzugt. Es gelten folgende Selektivitätsreihen:

stark saure Austauscher:

schwach saure Austauscher:

stark basische Austauscher:

schwach basische Austauscher:

Ca 2+ > Mg 2+ > Na + >H + H + >> Ca 2+ > Mg 2+ > Na + SO 4 2- > NO 3 - > Cl - > HCO 3 - > OH - OH - >> SO 4 2- > NO 3 - > Cl -

11.3 Austauscherkapazität und Regeneration

ist die wichtigste verfahrenstechnische Kenngröße eines

Ionenaustauschers, da sie ein Maß für das Aufnahmevermögen von Ionen darstellt.

Die Kapazität ist definiert als Menge an austauschbaren Gegenionen pro volumen- oder Masseneinheit des Austauschers (mol/ l Bett oder mol/ kg Trockenharz). Typische Werte liegen im Bereich von 2 - 6 mol/l. Wegen des Einflusses von z.B. Betriebsparametern und Regenerationsgrad beträgt die nutzbare Kapazität in der Regel 50 - 70 % der Totalkapazität.

Die Austauschkapazität

Die Regeneration der Ionenaustauscher erfolgt in der Regel mit einwertigen Gegenionen, die aufgrund der schlechteren Selektivität in hohen Konzentrationen

Arbeitsbereich Wasserwirtschaft und Wasserversorgung

IONENAUSTAUSCH

76

(110 - 300 % des stöchiometrischen Bedarfs) zugeführt werden. Dies gilt insbesondere wenn das Harz mit höherwertigen Ionen beladen ist.

11.4 Einsatzbereiche des Ionenaustausches

a) Enthärtung durch Neutralaustausch

2

R - SO

-

3

+

- stark saurer Austauscher

- Regeneration mit NaCl (150 - 250 % der stöchiometrischen Menge)

- Trinkwasserbereich wegen der Na + - Aufstockung nicht empfohlen

- häufiger Einsatz bei Haushalts-Enthärtungsanlagen

Na

+

+ Ca

2

+

¤

(

R - SO

-

3

)

2

Ca

2

+

2

Na

+

(11.1)

b) Nitrat und Sulfatentfernung durch Neutralaustausch

R - NR

+

3

Cl

-

+ NO

-

3

¤ R - NR

+

3

NO

-

3

+ Cl

-

- stark basischer Austauscher

- Regeneration mit NaCl

- Einsatz in HCO 3 - -Form möglich

- bei Nitratentfernung starke Konkurrenz durch SO 4

2-

c.) Entkarbonisierung

2

R - COO

-

H

+

+ Ca

2

+

+

2

HCO

-

3

¤