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modul
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Planen und Bauen mit Raummodulen


und vorgefertigten Elementen
Erfahrungen aus der Praxis für die Praxis

∂ corporate
WOHNUNGSBAU / P L A T E N S I E D L U N G F R A N K F U R T

Aufstockung einer Wohnsiedlung mit Holzmodulen

Thomas Jakob

Das größte Nachverdichtungsprojekt in Deutschland ent- aus Brettsperrholz, ist ein Alleinstellungsmerkmal des Unter-
steht derzeit in Frankfurt am Main. Dort baut die städtische nehmens. Die Montagelinie lässt sich entsprechend der
Wohnungsbaugesellschaft ABG Frankfurt Holding nach Plä- Bauaufgabe anpassen. Bis zu sechs Module pro Tag können
nen des Frankfurter Büros Stefan Forster Architekten knapp auf einer einzigen Fertigungsstraße produziert werden. Die
700 neue Wohnungen in der Platensiedlung, einem in die Feldfabrik lässt sich ohne Beeinträchtigung auf jedem Unter-
Jahre gekommenen Quartier, das einst für die Angehörigen grund aufstellen. Für das Bewegen von schweren Lasten
der US-amerikanischen Streitkräfte errichtet worden ist. In wird ein speziell für die Feldfabrik konzipierter Hallenkran
nur 15 Monaten entstehen durch das Aufstocken der 19 Rie- eingesetzt. Die vorgefertigten Bauteile werden in die Halle
gelbauten um je zwei Geschosse in Holzmodulbauweise 380 angeliefert und auf einem Schienensystem zum Modul kom-
Ein- bis Dreizimmerwohnungen. Realisiert wird die Aufsto- plettiert. Täglich beliefern im Schnitt drei Lkws die Feld-
ckung durch die Firma LiWooD. Ausschlaggebend für die fabrik, fünf bis sechs Lkws verlassen sie wieder, beladen mit
Wahl des Baustoffes Holz waren unter anderem dessen stati- Modulen. Angeliefert werden unter anderem Boden- und
sche Eigenschaften bei zugleich geringem Gewicht. Die Wandelemente aus Brettsperrholz, Fassadenelemente und
­gesamten Aufstockungsarbeiten werden im Frühjahr 2020 Badmodule. Die Bodenelemente enthalten bereits alle not-
beendet sein. Anschließend wird die Siedlung zusätzlich wendigen Installationen für Heizung, Wasser, Elektro etc.
mit Kopfbauten in Form von End-, Brückenbauten sowie Tor- und kommen komplett mit vorgefertigtem Estrich in die
häusern in konventioneller Bauweise ergänzt. Feldfabrik. Lärmintensive Geräte werden in aller Regel nicht
Vor der Aufstockung der dreistöckigen Zeilenbebauung eingesetzt, da die zu montierenden Bauteile passgenau ge-
wird das Fundament statisch ertüchtigt. „Durch das spezifische liefert werden. Die Holzmodule weisen einen Vorfertigungs-
Gewicht des Holzes und seine statischen Eigenschaften kön- grad von etwa 80 % auf, wenn sie auf das Gebäude gesetzt
nen auf Bestandsbauten statt einem Geschoss in der Regel werden.
zwei Geschosse aufgebaut werden,“ sagt Christian A. Czerny, Der hohe Vorfertigungsgrad und die Produktion in der Feld-
Vorstand der LiWooD AG. Der Grund: Das Gewicht einer Auf- fabrik ermöglicht es den Bewohnern, während der gesamten
stockung in Holzbauweise ist um über 50 % geringer als eine Bauphase in ihren Wohnungen zu bleiben; ein Aspekt, der für
Realisierung in konventioneller Bauweise. Nach dem Abbau die Wohnungsbaugesellschaft sehr wichtig ist. Lärm und
des Bestandsdaches wird die oberste Geschossdecke abge- Schmutz sind dank der modularen Bauweise aber ohnehin auf
dichtet und ein Ringanker aus Betonfertigteilen aufgebracht, ein Minimum beschränkt. Zudem erhalten die Bestandswoh-
auf den die Holzmodule aufgesetzt werden. „Auch das Trep- nungen neue Fenster. Durch die kurzen Bauzeiten wird inner-
penhaus haben wir in Holzmassivbau realisiert, um die Auflast halb von 20 Wochen ein Riegelbau mit 20 neuen Wohnungen
auf den Bestand zu verringern und unseren Beitrag zum Klima- aufgestockt und über 1000 m² Wohnraum geschaffen.
schutz, möglichst alle Bauteile in Holz zu bauen, zu erhöhen.“ Das Just-in-time-Prinzip erfordert eine präzise Vorpla-
Die Grundrisse der fünf unterschiedlichen Wohnungen set- nung des gesamten Projekts, da alle vorgefertigten Bauteile
zen sich aus 20 Modultypen zusammen. Das Projekt erfordert wie Böden, Wände, Decken, Fassaden und Bäder in exakter
daher eine wesentlich komplexere Planung und Logistik als es Reihenfolge in der Montagehalle eintreffen müssen; so lässt
im klassischen Modulbau der Fall ist. Dieser Mehraufwand rela- sich der Bauzeitenplan einhalten und Lagerhaltung vermei-
tiviert sich aber, da die 19 Häuser aus lediglich drei verschiede- den. Zudem werden etwa 1100 Transporte von Modulen als
nen Typen bestehen und sich die Grundrisse so wiederholen. Hohlkörper quer durch Deutschland vermieden.
Die Module werden analog dem LiWooD-Konzept in der In Frankfurt wird an mehreren Gebäuden parallel gear-
LiWooD-eigenen Feldfabrik zehn Minuten von der Baustelle beitet. In einem Haus werden die Module innen ausgebaut
entfernt gefertigt. Diese Feldfabrik, eine elementierte Halle und außen die Fassade angebracht, im nächsten Haus die

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WOHNUNGSBAU

1 In der Frankfurter Platensiedlung werden


19 Gebäudezeilen mit Holzmodulen um zwei
Geschosse aufgestockt. Die rund 14 000 m3
Holz speichern dauerhaft 10 500 t CO2.
Foto: Jean-Luc Valentin, Skycamera

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WOHNUNGSBAU / P L A T E N S I E D L U N G F R A N K F U R T

Fotos: Franziska Vogl, LiWooD

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WOHNUNGSBAU

2, 3 In der sogenannten Feldfabrik werden die


einzelnen Brettsperrholzelemente zu Raum-
zellen zusammengebaut. Die voll ausgestatte-
ten Fertigbäder werden als Modul im Modul
montiert.

4 Anschließend werden die Module zu ihrem


Bestimmungsort transportiert und mit einem
Autokran aufeinandergestapelt.

Module gesetzt, während in einem dritten das Dach für die Den unterschiedlichen Wohntypen entsprechend werden in
Aufstockung abgetragen wird. Durch diese Vorgehensweise der Platensiedlung drei verschiedene Badtypen verbaut. Die
verkürzt sich die Projektzeit drastisch: Die gesamte Baupha- 5,7 m² großen Bäder in den Zwei- und Drei-Zimmerwohnungen
se der 19 Häuser in der Platensiedlung beträgt gerade ein- sind mit Toilette, Waschbecken und Dusche ausgestattet.
mal 15 Monate. Auch ein Anschluss für die Waschmaschine ist vorgesehen.
Alle tragenden Innen- und Außenwände sowie die Böden Bei den 4,5 m² großen Bädern der Wohnungen für die Studie-
bestehen aus massivem Brettsperrholz. Die Module werden renden, ebenfalls mit WC, Waschbecken und Dusche, ist der
mit Leerrohren, Heizung, Estrich, Aussparungen für das Bad Anschluss der Waschmaschine auf der Rückseite des Bad-
und Konsolen für die Fertigteilplatten der Erschließungsgänge modules angelegt. Dort kann die Waschmaschine in die Ein-
als Fertigteile konzipiert. Auch die Fertigbäder wurden von bauküche integriert werden. In den Technikwänden befinden
LiWooD selbst produziert. Diese kommen mit allen Installatio- sich die Anschlüsse für Einbauküchen, die an das Bad angren-
nen und komplett fertiggestellter Innenausstattung in die zen; durch gemeinsame Nutzung der Steigschächte entste-
Feldfabrik und werden dort als „Modul im Modul“ montiert. Auf hen Synergien.
dem Hochbau werden sie anschließend innerhalb weniger In der Regel können durch das geringe Eigengewicht von
Minuten angeschlossen. Das LiWooD-Bad ist als technische Holz viele 3-geschossige Bebauungen um zwei Stockwerke
Gesamteinheit konzipiert und dient als Technikzentrale jeder nach oben erweitert werden. Die Gebäudetypen sind in vielen
Wohn- beziehungsweise Nutzungseinheit. Die Wohnungssta- Quartieren aus den 1950er, 1960er und 1970er Jahren zu fin-
tion liefert das Warmwasser für Bad und Küche sowie die Ener- den. Deshalb lässt sich dort mit der Holzmodulbauweise
gie für das Beheizen der Wohnung. Die Anschlüsse der Küche schnell hochwertiger Wohnraum schaffen, ohne dass Grün-
sind bereits in der Rückwand des Bades enthalten. Jedes Bad flächen versiegelt werden müssen. Weitere Vorteile: Die neuen
ist zudem mit der Elektrounterverteilung ausgestattet. Die Bä- Mieter können die bestehende Infrastruktur nutzen, zudem
der werden im Gebäude übereinander positioniert, um eine fallen keine Kosten für den Grundstückskauf und die Erschlie-
durchgängige Installation für alle Medien zu erhalten. ßung an. Dies wiederum ermöglicht günstigere Mieten.

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WOHNUNGSBAU / P L A T E N S I E D L U N G F R A N K F U R T

AUFSTOCKUNG PLATENSIEDLUNG, FRANKFURT

P ROJ E K T: Aufstockung Platensiedlung, F


­ rankfurt am Main
A RC H I T E K T: Stefan Forster GmbH, Frankfurt am Main
BAU H E R R: ABG Frankfurt Holding, Frankfurt am Main
W E R K P L A N U N G U N D AU S F Ü H RU N G : LiWooD Management AG, München

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Fotos: Irina Kaiser (5), Jean-Luc Valentin Skycamera (6, 7), Cornelia Sailer (8)

5 Grundriss Aufstockung, M 1:750

6, 7 Innenaufnahme einer Wohnung und


des Flurs in der Aufstockung

8 Auf der linken Seite die verputzte Fassade


nach der Aufstockung, rechts die Zeilen-
bebauung vor der Aufstockung

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