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07.2012 Ideen und Know-how für Design, Werbung, Medien ≥ www.page-online.de


Gutes Design – Böses Design

GUTES_DESIGN
BÖSES_DESIGN
Funktional? Ökologisch? Sexy?

Wertschätzung
und Wertschöpfung:
Welchen Beitrag
Gestalter leisten
können, wollen
und sollen

Die eigene Cloud Stylisten als Trendsetter Transmedia-Welten


Professionelle Cloud-Lösungen für Die neuen Stars der Modefotografie und User und Konsumenten spielerisch
kleine Agenturen und Freelancer wie sie die aktuelle Bildsprache prägen in Brand Storys involvieren
Editorial PAGE 07.12 003

Sustain
quent Dieter Rams’ Maxime »Gutes
Design ist so wenig Design wie mög-
lich«. Und das nicht nur in puncto Form-
gebung, sondern auch mit der Fokus-
sierung auf Unsichtbares: auf Service
Design. Apple hat es geschafft, ein
Smartphone mit einem funktionalen,
sexy User Interface zu kreieren, und
darüber hinaus vorgemacht, wie man
Kunden mittels smarter Services wie
zum Beispiel iTunes oder iCloud in ih-
rem Tun unterstützt. Doch auch die
n »Design wird verschwinden«, be- bösen Seiten Apples – will sagen die
Foto: Kirsten Nijhof

haupten die einen – »Design steigert prekäre Situation in den Produktions-


den Umsatz«, die anderen. Ein Wider- stätten in China sowie die Kriege um
spruch? Keineswegs. Beide Aussagen Coltan zur Herstellung der Mikrokon-
treffen den Kern der aktuellen Debat- densatoren eines jeden Mobiltelefons –
te um die Verantwortung im Design, um sind uns hinlänglich bekannt. Dennoch:
Fragen wie: Was ist gutes Design? Steht Wir sind Fans.
die gute Form noch immer auch für Und das wirft gleich eine Reihe von
das moralisch Gute? Ist das Gegenteil weiteren Fragen auf: Kaufen wir Din-
von gut böse? Kann Design, das Geld ge, nur weil sie umweltfreundlich und
generiert, überhaupt schlecht sein? nachhaltig sind, oder kaufen wir sie
Doch der Reihe nach: Was die Ulmer, nicht vielmehr deswegen, weil wir sie
genauer gesagt Max Bill, mit dem Be- mögen? Kann gutes Design Verant-
griff der »guten Form« etabliert ha- wortung durch sich selbst erzeugen?
ben, war schon immer weit mehr als Und verschmilzt es geradezu zwangs-
die rein funktionalistische Durchgestal- läufig mit jedem nur denkbaren Pro-
tung der Lebenswelt. Zum Selbstver- zess oder Projekt? Löst sich die Tren-
ständnis des Kreativen gehörte die ge- nung von Entwurf und Produktion gar
sellschaftliche Verantwortung. Das Gu- ganz auf, sodass das Wort »Design«
te am Produkt sollte sich auch daran obsolet wird? Oder anders herum ge-
messen lassen, ob die Rohstoffe ohne fragt: Wenn immer mächtigere Tech-
Unterdrückung gewonnen waren. nologien die Materialität verdrängen
Und heute? Wie ist es heute um die und sich alles ins Internet verlagert,
gute Form bestellt? Schauen wir uns was bleibt uns Designern dann eigent-
Apple an. Das designgetriebene Un- lich noch zu gestalten? Worin liegt un-
ternehmen erzielt Gewinne in Milliar- sere Aufgabe? Kurzum: Was ist gutes
denhöhe. Kein Wunder, es folgt konse- Design? Antworten, siehe Seite 26 ff.

Gabriele Günder,
Chefredakteurin/Publisher
iPhone-Case: www.zazzle.com
004 page 07.12

INHALT
SZENE
006 Was die Branche bewegt
Nendos reduzierte Markeninszenierung für Lasvit;
Meiré interpretiert Aalto; Grimme Online Award;
Utøya-Gedenkbuch; »Colour Tracks«; Tattoodesign

014 Branche & Karriere


Jenz Großhans über das red dot design ranking für
Designkonzepte; Report zu Leipzigs Kreativszene

020 Ausbildung
Generatives Design; Hamburg-Infograiken

TITEL
026 n Gutes Design – Böses Design
Schön, funktional und efizient – das allein reicht nicht
mehr. Kreative denken verstärkt über die ethischen
und ökologischen Aspekte ihrer Arbeit nach

KREATION
038 n Cannes Lions 2012
Vor der tatsächlichen Entscheidung haben uns
026 Titel: Gutes Design – Böses Design
einige Juroren ihre Favoriten verraten

044 Interne Unternehmenskommunikation


Designbüros und Agenturen entwickeln zunehmend
Tools und Medien, um Mitarbeiter internationaler
Firmen in Veränderungsprozesse einzubeziehen

050 n Transmedia-Welten
Von der Kunst, über die verschiedenen Medienkanäle
hinweg User zu faszinieren und zu involvieren

056 Gloss & Glamour im Graikdesign


Statt mit viel Prunk und Pomp präsentieren sich
exklusive Marken heute mit kultivierter Eleganz

062 Retrodesign
Vintage, Nostalgie, Retro – was steckt hinter der
Obsession für Vergangenes, fragt Judith Mair

069 Papierwelt
Neues Mohawk-Corporate-Design; Recyclingpapiere

TYPO
070 Making-of: TDC-prämierte Opening Titles
Der Designer Sebastian Lange zeigt, wie der Trailer
mittels 3-D-Buchstaben und Projektionen entstand

076 Neue Typobücher


070 Making-of: Opening Titles
Von kuriosen Experimenten bis hin zu Lesetypograie
page 07.12 005

≥ PAGE Online: Ob Stellenangebote, Inspiration,


News, Magazin-Volltextsuche, publishing-Tipps,
abo-angebote oder den page-Shop – das alles inden
Sie unter www.page-online.de

082 Typowelt
Trim von Göran Söderström; Displayschrift Massif;
Buchstabenregalsystem; Fontfamilie Fou

BILD
084 n Stylisten als Trendsetter
Mit ihren Inszenierungskünsten sind sie die neuen
Stars – nicht nur der Modefotograie

092 Bildwelt
Ein Bildband zeigt, was der Tourismus mit den Alpen
macht; BVPA-Position zur Urheberrechtsdebatte

TECHNIK
094 n Ratgeber: Professionelle Cloud-Lösungen
Ob Datenaustausch oder Online-Kollaboration –
gerade für kleine Agenturen und Freelancer bietet
die Cloud interessante Möglichkeiten

098 Druckweiterverarbeitung kompakt


Als Auftakt zu unserer neuen Serie über Print-
veredelungen stellen wir das Lasercutverfahren vor

100 Proi-Tipps für Web & Print


Von App Studio für XPress 9.1 bis Photoshop

102 Tools & Technik


Origami-Objekte aus dem Drucker; Pico-Projektor
fürs iPhone; Single-Page-Web-App Salon.io

SERVICES & STANDARDS


110 Kalender: Kongresse, Ausstellungen, Awards

112 Publikationen: Buchempfehlungen


für kreative Publisher
»Das Buch der schönsten Bücher« sowie Bände zu
Urban Media Cultures und zur Ideenindung

003 Editorial
043 PAGE Mini-Abo 081 PAGE Shop 091 PAGE Abo
108 PAGE Stellenmarkt
115 Impressum/Vorschau
116 Fundstücke von Jürgen Siebert

PAGE SEMINARE
022 »Design Management« mit Christine Hesse
024 »Gutes Design entwickeln« mit Jochen Rädeker
025 »Gutes Design gut verkaufen« mit Jochen Rädeker
055 Visual Thinking Lessons mit der Good School
084 Stylisten als Trendsetter
073 PAGE Seminar »Generatives Design«
006 PAGE 07.12

SZENE

Minimalistisch werden
die eleganten Glasuni-
kate von Nendo inklusive
ihrer experimentellen
Produktionsprozesse bei
Lasvit in Szene gesetzt.
Fotos (von links): Leuchte
Inhale Lamp, Tischmodelle
Overlow und Innerblow
PAGE 07.12 007

Transparente Experimente
Nendo hat für Lasvit nicht nur die filigrane Produktlinie Still Sparkling gestaltet, sondern auch
eine Markeninszenierung, die die eigenwilligen Herstellungstechniken herausstellt

n Der tschechische Glashersteller kugelförmig aufblasen, um die untere Die Ausstellung präsentierte die Objek­
Lasvit präsentierte auf der Mailänder Hälfte durch das Einsaugen der Luft te auf schlichten weißen Sockeln, auf
Möbelmesse das Ergebnis seiner Ko­ anschließend nach innen zu stülpen. denen neben den Textinformationen
operation mit Nendo, das unter den Für die Tischmodelle Innerblow und zarte, abstrahierte Illustrationen zu
sonst eher zum Kitsch neigenden Lasvit­ Overlow goss er Glas in umgedrehte den Herstellungsprozessen zu sehen
Produkten hervorsticht. Das für redu­ Tischgestelle mit Beinen und offenen waren. Außerdem wurde das Projekt
ziertes Produktdesign bekannte japa­ Rahmen für die Platte, um so inner­ mit den wunderschönen Infograiken,
nische Studio kreierte experimentelle halb des Metallrahmens – beziehungs­ Fotos und Text in einer in Grautönen
Möbel und Leuchten aus handgeblase­ weise darüber hinausließend – organi­ gehaltenen Printbroschüre dokumen­
nem Glas, die das Potenzial des Mate­ sche Tischlächen entstehen zu lassen. tiert, die dem aktuellen Trend in der
rials poetisch zum Ausdruck bringen. Das Projekt überzeugt nicht nur mit Markenkommunikation, die internen
Bei der Herstellung der Inhale Lamp den iligranen und zudem sehr brauch­ Produktionsabläufe für den Endkun­
etwa ließ Nendo­Gründer Oki Sato das baren Produktunikaten, sondern auch den sichtbar zu machen, auf leichtfü­
Glas für den Lampenschirm zunächst durch seine visuelle Kommunikation: ßige Weise Rechnung trägt. wl
008 PAGE 07.12 SZENE

In der Endrunde
n Grimme Online Award 2012. Bei
dem vom renommierten Grimme Ins­
titut vergebenen Preis geht es nicht
vorrangig um Design, sondern um In­
halte. Die Nominierungskommission
hat wieder geschuftet und aus fast
1900 (!) Einreichungen die 25 besten
Websites und Apps ausgesucht. Wie
immer sind herausragende Projekte
der Öffentlich­Rechtlichen dabei, so
die schon beim iTunes Rewind Award
als beste Nachrichten­App 2011 preis­
gekrönte Tagesschau­App, Specials von
arte sowie MDR oder twitter.com/re­
porterZDF, wo von Brennpunkten aus
aller Welt getwittert wird. Auch »taz«,
»Spiegel«, »Süddeutsche Zeitung« und
»Frankfurter Rundschau« sind mit Pro­
jekten vertreten.
Aber nicht nur alte Mediendickschif­
fe haben eine Chance. Nominiert sind
etwa auch die Lobbypedia des Kölner
Vereins LobbyControl e. V., die von Fuß­
ballfans gestartete Spielanalyse­Web­
site Spielverlagerung, das Onlinema­
gazin www.zukunft-mobilitaet.net des
Oben: Die französische Agentur 1nterval.com verwob
23­jährigen Studenten der Verkehrs­
animierte Elemente aus den Werken des seit Jahren bei Indios
wirtschaft Martin Randelhoff aus Dres­
lebenden Malers Migel Cárdenas ins arte-Special http://
den oder das vom türkischstämmigen
amazonie.arte.tv. Unten: die gestalterisch gelungene App der
Kölner Juristen Ekrem Seno gegrün­
»Frankfurter Rundschau«, in Einzelausgaben über www.
dete »MiGAZIN« über Migration und
fr-tablet.de zu erwerben. Rechts: Erinnert an die Serie »One in
Integration. Sämtliche Links gibt es
8 Million« der »New York Times«: die wunderbaren wöchent-
unter www.grimme-online-award.de.
lichen Porträts »berlinfolgen« von 2470media und von taz.de
Das Publikumsvoting läuft bis zum
13. Juni, die Preisverleihung indet am
22. Juni statt. cg

Raus aus der Klassikecke


n Möbelkommunikation. Für den bemalen. So wirkt der vielfach ko­
Auftritt der innischen Möbelmarke pierte und über die Jahre ein bisschen
Artek beim diesjährigen Salone Inter­ langweilig gewordene Stool 60, inmit­
nazionale del Mobile hat Mike Meiré ten der insgesamt nur wenig überra­
nicht nur einen angenehm reduzier­ schenden Möbelnovitäten in Mailand,
ten Messestand entworfen, sondern mit seiner lässigen Präsenz plötzlich
einem der Stuhlklassiker im wahrsten beinah zukunftsträchtig.
Sinne des Wortes einen neuen An­ Dem Artek­Claim »Buy now, keep
strich verpasst. Inspiriert von den ak­ forever« entsprechend, zeigt sich die
tuellen zartfarbigen Haute­Couture­ zeitlose formale Qualität des Modells
Kollektionen, ließ der Kommunikati­ durch die unterschiedliche Färbung
onsdesigner mehrere Exemplare von der Stuhlbeine in neuem Licht. Und
Alvar Aaltos reduziertem Bugholzho­ Mike Meiré beweist mit seiner künstle­
cker aus dem Jahr 1933 in optimisti­ rischen Neuinterpretation, die Artek
schen Farbkonstellationen von Hand mit einem kommunikativen Pauken­
schlag aus der spröden schwarz­weiß­
naturfarbenen Klassikecke herauska­
Der Stuhl als Modeobjekt: tapultiert, einmal mehr sein unglaub­
Für seine Neuinterpretation von liches Gespür für visuelle Trends. Im
Aaltos Stool 60 hat sich Mike Übrigen kann man mit einem ästhe­
Meiré offenbar von seiner Arbeit tisch entschleunigten Making­of zum
für Lifestylemagazine und Projekt auf Vimeo in Mike Meirés Farb­
Modemarken inspirieren lassen bad eintauchen. wl
PAGE 07.12 009

Fast unsichtbar Ansichtssache


n Corporate Design. Für eine De­ Respekt vor dem Inhalt. Das Quadrat Mit Uppleva macht sich IKEA
signinstitution hat sich das Vitra De­ als ruhigste Form schlechthin gibt dem im Elektronikmarkt breit. Keine
sign Museum schon immer ungewohnt Erscheinungsbild eine unverkennbare schlechte Idee, indet PAGE­
zurückhaltend in Szene gesetzt. Nach Struktur. Auf dem Titel sämtlicher Me­ Redakteurin Antje Dohmann
dem Wechsel in der Museumsleitung dien wird jeweils ein quadratisches
Anfang 2011 hat die Agentur Boros Bild des jeweiligen Ausstellungsthe­
nun das Corporate Design aufgeräumt: mas zu sehen sein. n In früheren Zeiten konnte man in einem einzigen
Die drei Begriffe des einzeiligen Schrift­ Designmuseen bedienen sich oft Laden nahezu alles kaufen. Milch und Obst, Kopf­
zugs wurden, nach wie vor in der Fu­ ähnlicher Abbildungen populärer schmerztabletten, Putzmittel, Nähzeug, Arbeitsklei­
tura gesetzt, zu einem treppenförmi­ Designklassiker oder Gestalter- dung, Schrauben und Nägel. Daran hat sich bis heute
gen Wortblock zusammengefasst. persönlichkeiten. Besteht durch nicht viel geändert, nur dass es jetzt nicht mehr Ge­
Mit einem nahezu unsichtbaren das Zurücktreten des Absenders mischtwarenladen, sondern Amazon heißt. Ein brei­
Design führt Christian Boros seinen nicht die Gefahr, das Vitra Design tes Sortiment scheint Gewinn zu garantieren. Kein
Ansatz, Kulturschätzen bereits im Er­ Museum beliebig wirken zu lassen? Wunder also, dass nun auch IKEA die Fühler in an­
scheinungsbild eine Plattform zu ge­ Das Corporate Design steht in seiner dere Branchen ausstreckt.
ben, diesmal ins Extrem: Das prägnan­ spektakulären Unaufgeregtheit für sich. Uppleva, zu Deutsch »erleben«, heißt das neue
teste Element ist ein quadratisches, Diese Haltung spiegelt den Ansatz des Produkt in schlichtem Design, es soll 899 Euro kosten
architektonisch anmutendes Grund­ Museums und seiner Macher wider. und besteht neben der TV­Bank aus einem LCD­
raster, das dem Bildmaterial zu den je­ Natürlich kommt es darauf an, auf wel­ Fernseher, einem Blu­ray­Player, einem kabellosen
weiligen Ausstellungen viel Raum lässt. che Weise die neue Struktur nun gefüllt Soundsystem und nur einer einzigen Fernbedienung.
Die zuvor äußerst statische Website wird – aber ich glaube, selbst über den Alle Kabel, verspricht die nette Dame mit den kräfti­
macht einem magazinigen Auftritt inlationär abgehandelten Rot­Blauen gen Waden im Einführungsclip, verschwinden in
Platz, der mit Artikeln und Interviews Stuhl von Gerrit Rietveld, der in der ak­ einem Fach auf der Rückseite.
aus der kuratorischen Arbeit bestückt tuellen Ausstellung zu sehen ist, sind Manch einer mag an einen Aprilscherz oder Mar­
werden soll. Hier gibt es darüber hi­ noch nicht alle Geschichten erzählt. ketinggag denken, aber warum eigentlich? Schließ­
naus ein Online­Archiv zu »100 Mas­ Welche Rolle spielt der Möbelherstel- lich ist es doch nicht so abwegig, zu TV­Möbeln auch
terpieces«, einem Nachschlagewerk ler Vitra als Dachmarke im neuen gleich den Fernseher zu verkaufen. Die Geräte kom­
über wichtige Möbelklassiker, das das Erscheinungsbild des Museums? men von dem chinesischen Hersteller TCL Multime­
Designmuseum langfristig als digitales Das Vitra Design Museum ist kein Mar­ dia, von deren Qualität die Schweden überzeugt zu
Sammlungsarchiv ausbauen möchte. ketingtool. Seine Eigenständigkeit de­ sein scheinen. Immerhin bieten sie fünf Jahre Garan­
Wir haben mit Christian Boros über den monstriert auch die neue Gewichtung tie. Hierzulande wird es Uppleva zunächst nur in den
Relaunch gesprochen. wl im Logo: In der treppenförmig aufge­ Berliner Filialen geben, im restlichen Deutschland
bauten Wortmarke wird deutlich, wel­ soll es 2013 eingeführt werden.
Warum ein so vorsichtiger Relaunch? cher der drei aussagekräftigen Begrif­ Hätten wir nicht gerade einen neuen Fernseher
Christian Boros: Im Vordergrund fe den größten und welcher den ge­ gekauft, wäre ich vielleicht auch in Versuchung ge­
steht das umsichtige Agieren voller ringsten Raum einnimmt. kommen. Vor allem wenn ich daran denke, in wie vie­
le Handwerkerstunden wir investiert haben, bis end­
lich alle Kabel in den Wänden, hinter den Fußleisten
und unter dem Sofa verstaut waren.
Uppleva wird garantiert ein Erfolg, zumal die be­
Obwohl völlig gleitende Kampagne von Forsman & Bodenfors das
zurückgenom- System ziemlich unwiderstehlich präsentiert. Leid tun
men, kommt können einem eigentlich nur Saturn, Media Markt
das neue Erschei- und Co, die sich jetzt nicht nur gegen Amazon, son­
nungsbild des dern auch noch gegen eine schwedische Invasion be­
Vitra Design haupten müssen. Ich habe übrigens gehört, dass es
Museum präg- demnächst zum Billy­Regal auch gleich die passen­
nant und selbst- den Bücher gibt, wahlweise in den Ausführungen
bewusst durch- Mankell, Nesser oder Lagerlöf. Oder sollte das nur ein
gestaltet daher verspäteter Aprilscherz gewesen sein?
Foto: Forsman & Bodenfors

Mit Uppleva steigt IKEA ins Elektroniksegment ein und


verkauft zur TV-Bank gleich den passenden Fernseher
010 PAGE 07.12 SZENE

Mit der blauen


IKEA-Riesenplas-
tiktüte ing bei
Ida-Marie Corell
alles an. Hier
die Installation
»ID(E)A« von 2007.
Ganz rechts:
Simon Monk schuf
Bruce Wayne
alias Batman aus
Öl und Alkyd-
harz auf Holz und
steckte ihn in
ein Plastiktäsch-
chen. Darunter:
Aus Pralinen-Plas-
tik gestaltete
Luzia Vogt die
Sprüngli-Brosche.
Rechts: Aus
Polypropylen-
taschen entstand
der rosa Teppich
»Latifa« von
Anne-Cécile Rappa sie ganz unterschiedlich mit dem Ma­
terial umgehen und mit und über den
Plastiksack relektieren.
»Ob Kult oder Müll, geliebt oder
verpönt, der Plastiksack spaltet die
Geister, er polarisiert und spiegelt zu­
gleich unser Konsumverhalten«, erläu­
tert Susanna Kumschick. »Er stärkt
Status und Identität, stört die Öko­
logie, wird liebevoll oder umweltbe­
wusst gesammelt, erzählt Kulturge­
schichte und ist ein aktuelles Thema in
Kunst und Design.« Wie zum Beispiel
bei Simon Monk, der Batman in einem
Plastiktäschchen einsperrte, oder bei
Torsten Mühlbach, der aus weltweit
gesammelten Mülltüten einen Super­
man mit Totenkopf bastelte. Sehr
schön auch der rosa Teppich von
Anne­Cécile Rappa, der aus recycelten
Polypropylen­Tüten besteht und mich
irgendwie an die Badekappe meiner
Plastik statt Jute Oma erinnert. Neben den künstle­
rischen Exponaten geht es aber auch
n Ausstellung. Ganz schön mutig, Zusammen mit der Kuratorin Susanna um die Plastiktüte als Alltagsobjekt. In
jetzt, wo alle über Nachhaltigkeit und Kumschick präsentiert sie jetzt im Ge­ Reihen ausgebreitet, indet sich hier
Ökologie reden, eine Ausstellung über werbemuseum Winterthur die Ausstel­ alles: von Dutyfree­, Discounter­, Kul­
»Plastiksäcke«, wie Tüten in der Schweiz lung »Oh, Plastiksack!« (bis 7. Oktober) tur­ oder Biotüten bis hin zu Hunde­
heißen, zu machen. Ida­Marie Corell, mit mehr als dreißig internationalen scheißesäckchen und Hotelwäsche­
Künstlerin und Autorin des 2011 er­ Künstlern und Designern, deren Wer­ beziehungsweise Kultsäcken aus Pri­
schienenen Buchs »Alltagsobjekt Plas­ ke eine Art Phänomenologie der Plas­ vatsammlungen. Wer hätte gedacht,
tikTüte« (Springer, 34 Euro, isbn 978-3- tiktüte entstehen lassen. Gleichzeitig dass es die unscheinbare Plastiktüte
7091-0478-1), hat damit kein Problem. kommentieren sie unsere Welt, indem mal so weit bringt. ant
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Liebe statt Hass


n Gedenkbuch. Der Umgang der Norweger mit dem
Anschlag vom 22. Juli 2011 ist in jeder Hinsicht bewunde-
rungswürdig. Nicht mit dem Täter und dem vorbild-
lichen Prozess, sondern mit den ersten vier Tagen nach
dem Massaker befasst sich das Buch »22.07.11. Fra
hat til kjærlighet«, zu Deutsch »Von Hass zu Liebe« (rund
40 Euro, isbn 9788202370404). Das Gemeinschafts-
projekt von Journalisten, Fotografen, Privatpersonen,
dem Verlag Capellen Damm, Repro und Druckerei
vereint auf 320 Seiten Fotos, Textfragmente, SMS- und
Twitter-Nachrichten. Das Design übernahm das
Stuttgarter Studio Superultraplus des Deutschen Holger
Jungkunz und des Norwegers Anders Bergesen.
Beide studierten an der Kunstakademie Stuttgart und
arbeiteten danach fünf Jahre bei Strichpunkt. Die
Erlöse aus dem Buch gehen in den Aufbau von Utøya. cg
012 PAGE 07.12 SZENE

Klangfarben
n Musikvisualisierung. Synästhesie nennt sich das
Phänomen, wenn Menschen zum Beispiel Musik als Farbe
sehen können. Die von Korefe, der Design- und Innova-
tionsagentur von Kolle Rebbe, gestalteten »Colour Tracks«
verleihen jedem diese Gabe: Vier Schallplatten erzählen
die Geschichte der elektronischen Musik anhand von
19 Tracks, die der Produzent Benjamin Brunn eigens kompo-
niert hat. Jede Stilrichtung wird durch eine andere Farbe
visualisiert – auf der Platte ist der Farbstreifen exakt so breit,
wie der Track lang ist. Ein Genuss fürs Auge ebenso wie
fürs Ohr – und eine anschauliche Navigation durch Musik. aw

Maschinenglanz
Glamour in Alu n B2B-Kommunikation. »Ich bin es leid, Produkte zu ent­
gegossen – die wickeln, die schnell weggeworfen werden«, sagt Christian
Agentur Boros Boros. Da ist das Konzept für ein Mailing, das seine Agentur
gestaltete das für das deutsche »Interview Magazine« entwickelt hat, nur
Mailing für Andy konsequent: Hierfür wurden Metallschilder, mit Andy­War­
Warhols »Inter- hol­Zitaten versehen, an potenzielle Anzeigenkunden des
view Magazine«, Lifestylehefts verschickt. Ein Hersteller für Typenschilder für
das sich gern Maschinen produzierte die Aluplatten. Der Kontrast zwi­
äußerst spek- schen dem schweren, rohen Material und den simplen,
takulär gibt klugen Sprüchen lässt diese noch spektakulärer wirken.
»Think rich, look poor« sei sein Lieblingszitat des Pop­Art­
Künstlers, so Boros – ein Statement, das auch die Haltung
hinter dem Mailing widerspiegelt. Das Feedback der Emp­
fänger, zu denen Luxusmarken wie Hermés und Hugo Boss
gehören, sei sehr positiv gewesen. Damit konnte der Gestal­
ter und Kunstsammler, dessen Agentur jüngst zu seinem
Distanz Verlag in ein altes Berliner Abwasserpumpwerk ge­
zogen ist, wieder einmal die dramatische Wirkung demons­
trieren, die sich mit der Einbettung feinsinniger Kulturin­
halte in martialische Industrieästhetik erreichen lässt. wl

Mut tut gut


n Tattoodesign. Chinesische Drachen, mexikanische To­
tenköpfe, polynesische Ornamente: Warum, so fragt Kom­
munikationsdesignerin Miriam Frank in ihrem Buch »Nadel­
stich« (Huber Verlag, 26,90 Euro, isbn 978-3-927896-39-0),
kopieren Tattoos hierzulande so oft Motive aus fremden
Kulturen? Tatsächlich haben wir bei der Recherche zu ei­
nem großen Artikel in PAGE 03.12 wieder einmal festge­
stellt, wie erstaunlich wenig experimentierfreudig die Tat­
tooszene gestalterisch ist.
Mit viel Humor will Miriam Frank die Suche nach Moti­
ven anstoßen, die in unserer Tradition verankert sind – und
schlägt Klee, Pusteblume, deutsche Dogge, Wolpertinger,
Schwarzwälder Kirschtorte, Rollmops oder Kuckucksuhr
vor. Konterfeis von Kinski, Lagerfeld, Beethoven oder
Ludwig II. kann sie sich ebenfalls vorstellen, Letzteren
auch repräsentiert durch einen Grundriss von Neu­
schwanstein. Blutiger Ernst mit der Rückbesin­
nung auf das eigene Kulturgut lässt sich im
gemütlichen Tattoostudio Farbenpracht
von Miriam Frank und Andrik Schmidt­
Coste in München machen. cg
PAGE 07.12 013

So riecht New York


n Packagedesign. Nach
einem schönen Städtetrip
den Duft nachklingen lassen,
das geht jetzt mit The Scent
of Departure. Der Parfümeur
Gérald Ghislain und die
Designerin Magali Sénéquier
aus Paris entwickelten die
Duftserie und verpackten
sie in Flakons im Stil von Flug-
gepäckbanderolen. Nun
kann man sich natürlich fra-
gen, ob sich wirklich der
Geruch einer ganzen Stadt
in einem Duft einfangen
lässt und ob es überhaupt er-
strebenswert ist, nach Tokio
oder Abu Dhabi zu riechen.
Ich für meinen Teil würde eher
das noch nicht so verschmutz-
te isländische Kelavik bevor-
zugen. Auf jeden Fall ist
The Scent of Departure ein
witziges Geschenk, das sich
für rund 45 Dollar unter
http://usa.thescentofdepar
ture.com bestellen lässt. ant

Warum nicht mal


deutsche Ordnung
oder Beethoven auf
der Haut tragen?
014 PAGE 07.12 SZENE

BRANCHE & KARRIERE


Auf und App
n Mobile Games. Die von Omgpop aus New York entwi-
ckelte Male- und Rate-App Draw Something legte seit
ihrem Launch Ende Februar mit 50 Millionen Downloads in
50 Tagen einen fulminanten Start hin. Die Digitalagentur
Muse Amsterdam reagierte schnell und startete per YouTube-
Viral eine Recruiting-Kampagne (siehe Bilder links). Poten-
zielle Bewerber sollten unter dem Benutzernamen »Drawsome
Intern« in der App Zeichnungen zu einem vorgegebenen
Begriff anfertigen: Wie in der Werbung gehe es bei dem Spiel
darum, Ideen einfach und schnell verständlich zu visuali-
sieren, so die Muse-Kreativen. Ebenso lott reagierte Browser-
game-Hersteller Zynga aus San Francisco, der Draw Some-
thing samt Entwicklerirma für 180 Millionen Dollar aufkaufte.
Seither ging die Zahl der Nutzer des Spiels kontinuierlich
zurück und Zyngas Börsenwert auch . . . Gelassen sieht das
Sebastian Schmitt von Lotum Labs aus Bad Nauheim,
der eine deutschsprachige Variante der App lancierte: Malen
mit Freunden. Die Basisversion ist gratis, zum Standard-
vokabular kann man einzelne Wortpakete zu Themen wie
Popmusik, Urlaub oder Fashion kaufen. Wir wünschen
uns eine Version mit frei formulierbaren Begriffen, um mit
Freunden ganz individuell Spaß zu haben. cg

BDG Business Basics


Christian Büning, Präsident des Berufsverbands der Deutschen
Kommunikationsdesigner (www.bdg-designer.de), beantwortet berufs-

Foto: © André W. Sobott, www.aw-sobott.de


bezogene Fragen von Gestaltern. Hier stellt er aktuelle Fälle vor

Jannis, 38: Ich mache seit 15 Jahren Werbung – das sehr Filter, Übersetzer und Arrangeur in ei-
gerne und gerne auch unter Druck. Bei den letzten nem. Sie erstellen für einen bestimm-
Präsentationen hatte ich allerdings nicht den Erfolg, den ten gesellschaftlichen und medialen
ich sonst hatte. Ich bin etwas panisch und fürchte, Hintergrund passende Lösungen. Da-
dass ich meine Kreativität verloren haben könnte. Kann für brauchen Sie selbst einen Hinter-
ich mich irgendwo fortbilden oder etwas anderes grund. Und zwar einen möglichst brei-
tun, um meine Kreativität wieder zurückzugewinnen? ten und bunten. Wenn dieser zum Bei-
spiel durch jahrelange, ähnliche Arbeit
Lieber Jannis, schleichend kleiner wird, werden auch Verbindungen und quasi als Nebenpro-
Design ist eine ehrliche Disziplin wie die Ergebnisse kleiner. dukt gute Laune produzieren.
Musik oder Kochen. Guten Musikern Sie können Ihren Hintergrund zum Sie müssen übrigens nicht zwin-
hört man gerne zu, schlechten kann Glück aktiv erweitern. Das geht leider gend eine Auszeit vom Beruf nehmen.
man bestenfalls ausweichen. Ihre Sor- nicht am Bildschirm, sondern am bes- Manchmal reicht es schon, eine Woche
ge scheint mir unbegründet: Ihre Kre- ten möglichst weit weg davon. Machen lang jeden Tag pünktlich zu gehen und
ativität ist sicher nicht verschwunden. Sie sich wieder auf die Suche nach sich der ungewohnten freien Zeit aus-
Es klingt eher nach einer Überbean- dem, was Sie packt und interessiert, zusetzen. Gestalten Sie Ihren eigenen
spruchung und mangelnder Anregung zum Beispiel eine Gitarre, ein Berg oder Hintergrund üppig und bunt, das wird
von außen. Sie haben 15 Jahre lang aus Kulturen ohne Umlaute. Auch wenn es früher oder später auch das Lächeln in
dem Vollen geschöpft und alles gege- banal klingt – reisen Sie und mischen Ihre Präsentationen zurückbringen.
ben – jetzt braucht Ihr Gehirn neues Sie sich unter Menschen. Verbannen
Futter, um neue Verbindungen herstel- Sie die E-Mails von Ihrem Telefon, und Haben Sie Fragen, die Sie hier beant-
len zu können. Neue Verbindungen sind laden Sie sich wieder auf mit neuen wortet sehen möchten? Dann
die Grundlage für neue, kreative Ideen. Eindrücken. Ihr Gehirn wird sich gierig schreiben Sie uns (E-Mail: business
Als Kommunikationsdesigner sind Sie über sie hermachen, jede Menge neue basics@bdg-designer.de)
PAGE 07.12 015
jj

Brennpunkt
Professor Jenz Großhans, Direktor der Köln Interna-
tional School of Design und Professor für Designkon-
zepte, über den neuesten Clou des red dot instituts

Das red dot design ranking für Design- führenden Aktivitäten, die das Ergeb- +++ Neue Köpfe bei SinnerSchrader. An der Seite von
konzepte kürt die Top 15 der Unterneh- nis unterstützen. Holger Blank (Technik) führen Martin Gassner (Krea-
men, Designbüros und Universitäten Berücksichtigt man in einem inter- tion) und Blundstone Osterberger (Beratung) in
basierend auf den Einreichungen der nationalem Ranking neben den aufge- Zukunft das operative Geschäft der Hamburger Digi-
letzten fünf Jahre beim red dot award: führten gegensätzlichen Ansätzen die talagentur. Martin Gassner arbeitete zuletzt als selbst-
design concept. wl kulturellen und wirtschaftlichen Kon- ständiger Executive Creative Director an digitalen
texte eines Projekts, dann werden die Strategie-, Plattform- und Mobile-Projekten. Davor
n »Good design is good business« – Vergleichskriterien endgültig unüber- verantwortete er zehn Jahre lang die Kreation bei
mit diesem Zitat von Thomas J. Watson schaubar. Wie sollen sich diese Para- Interone. Blundstone Osterberger kommt von dem
junior, dem ehemaligen IBM-Präsiden- meter über einen Kamm scheren und internationalen Design- und Beratungsunterneh-
ten, wird auf der red-dot-Site für das seriös bewerten lassen? men Method. +++ Strichpunkt verstärkt Geschäfts­
neue Designkonzept-Ranking gewor- Eine der ersten Lektionen im De- führung. Als Geschäftsführer Beratung übernimmt
ben. Wie wahr. Auf dass sich noch signstudium sollte sein, dass es weite Philipp Brune , bislang Leiter des Bereichs Corpo-
mehr Firmen aus aller Welt am red dot Bereiche im Design gibt, die nicht klar rate Design bei Strichpunkt, die gesamte Beratung
award beteiligen, nun also noch ein messbar und auf einen Zahlenwert re- am Standort Stuttgart. Der gelernte Werbekaufmann
Ranking, das ausschließlich das – kos- duzierbar sind. Alle Rankings haben war zuvor in unterschiedlichen Positionen, unter an-
tenplichtige – Mitmachen an den eige- das Problem, dass sie die Welt nur aus derem bei Dongowski & Simon und McCann Erick-
nen Veranstaltungen bewertet. In an- einem bestimmten, notwendigerwei- son, tätig. +++ Tagung »Service Design Thinking für
derem Kontext nennt man das »Data- se beschränkten Blickwinkel betrach- KMU«. Am 13. Juli steht die Hochschule Hof/Campus
Mining«. Interessant ist auch die Aus- ten und dann kategorisieren können. Münchberg ganz im Zeichen des Service Designs als
sage »Das red dot institute iltert die Draußen in der »richtigen« Welt geht Marketinginstrument und Analysestrategie für kleine
Ergebnisse des red dot design award die Komplexität eines solchen Themas und mittelständische Unternehmen. In anschließen-
nach unterschiedlichen Kriterien und schnell verloren, und jedem Ranking den Workshops können die Teilnehmer die Inhalte
berechnet auf Anfrage den Designwert wird ein Absolutheitsanspruch zuge- vertiefen und erproben. ≥ www.design-hof.de/design
von Unternehmen, die mit dem red dot sprochen. Dies ist für die so Ausge- blick2012 +++ dctrl wird Achtgrad. Nach 12 Jahren
ausgezeichnet wurden.«. Was bedeu- zeichneten wunderbar bequem, die irmiert die Züricher dctrl Interactive Media GmbH nun
tet wohl »auf Anfrage«? KISD proitiert zum Beispiel erheblich als Achtgrad AG. Neben Andreas Lorenz begrüßt sie
Das Schlagwort »Designkonzepte« von der Tatsache, dass die »Business Ursula Stader, zuvor Mitglied der Geschäftsleitung
gehört zu den am meisten missver- Week« sie zweimal in Folge zu den von Wirz Interactive, sowie Patrik Giacobbo, zuvor
standenen Begriffen im (mit klaren De- wichtigsten Designhochschulen der Head of Design Deutschland von Namics, in der Ge-
initionen nicht eben gesegneten) ge- Welt gezählt hat. Warum dies so war schäftsleitung. Zudem erweitert sie ihre Dienstleistun-
stalterischen Prozess. Viele Studenten und für welche Bereiche es gilt, muss gen für alle digitalen Devices und Channels. ≥ http://
meinen, dass alles, was nicht konkret nicht weiter erwähnt werden (und achtgrad.ch +++ Annual Multimedia 2013. Der Krea-
auf ein Ziel hin entworfen wird – oder wurde bisher auch nie nachgefragt). tivwettbewerb hat seine bisherigen Kategorien wie
anders gesagt, was nicht bis zum Ende Kooperationsgespräche mit Unterneh- Website, Webkampagne, Banner, Interactive Ad, Mo-
durchdacht ist –, ein »Konzept« sei. men und internationalen Hochschu- bile App, Social Media, Event/Game/Installation, Shop
Kritischen Fragen kann man so bequem len werden dadurch teilweise ent- und Digitale Innovation um Digital Signage und Cross-
begegnen: »Es ist ja nur ein Konzept.« scheidend unterstützt, besonders in mediale Kampagnen erweitert. Anmeldeschluss ist
Im Wirtschaftskontext werden Marke- Asien spielen Rankings eine erhebli- der 3. August, letzter Einreichtermin der 27. August.
ting-Schnellschüsse gerne so genannt, che Rolle. Doch bedeutet dies, dass ≥ www.annual-multimedia.de +++ »Kreativität im
das adelt jeden marktschreierischen wir als Designer uns selbst etwas da- Change Management«. Die neue Ausgabe des Ma-
Entwurf. Bei näherem Betrachten sind rauf einbilden sollten? gazins »OrganisationsEntwicklung« aus dem Fachver-
viele dieser »Konzepte« nichts weiter Ich ziehe meinen Hut vor der um- lag der Verlagsgruppe Handelsblatt widmet sich dem
als eine kleine, »pifige« Idee, die gut triebigen red dot GmbH: ein weiteres Management von Kreativität in Organisationen. Ein-
inszeniert wurde. famoses Geschäftsmodell, das sicher führungsartikel und Erfahrungsberichte sollen den Le-
Seit mehr als zwanzig Jahren exis- Früchte tragen wird – es ist ein Leich- sern die Denk- und Handlungsweisen des Design
tiert an der KISD das Lehrgebiet De- tes, aus anderen Bereichen des red Thinking näherbringen. ≥ www.zoe.ch +++ Kreativ­
sign Konzepte, vertreten durch zwei dot award weitere Rankings zu gene- wirtschaftsbericht Hamburg. Der erste Bericht der
Kollegen. Designkonzepte bedeutet für rieren. Dank der red-dot-Marktmacht Hamburger Kreativ Gesellschaft ist erschienen. Er
mich ein disziplinunabhängiges, weit- wird der Begriff des Designkonzepts zeigt die standortspeziischen Chancen und Heraus-
reichendes Durchspielen von »was wä- in diesem marketingorientierten Sinne forderungen auf und gibt konkrete Handlungsemp-
re, wenn . . .«. Es beruht auf ganzheit- bald einschlägig belegt sein, das Ran- fehlungen für die hansestädtische Kreativwirtschaft.
lichem Denken und bezieht selbstver- king wird zu einem Quasi-Qualitätssie- Die 300 Seiten starke Printpublikation sowie die
ständlich soziale und ökologische Fak- gel mutieren und ohne Nachdenken dazugehörige Webseite hat Klaar Design gestaltet.
toren ein. Zu diesem Ansatz gehört zu allen möglichen Entscheidungsin- Der Bericht lässt sich auf der Site downloaden oder in
darüber hinaus die Relexion des Ge- dungen beitragen. Wieder einmal wird der Printversion per E-Mail (info@kreativgesellschaft.
staltungsprozesses selbst, also das be- ein elementarer Grundsatz des Designs org) kostenlos anfordern. ≥ www.kreativgesellschaft.
wusste Ausprobieren sämtlicher ziel- merkantilen Interessen geopfert. org/kreativwirtschaftsbericht
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nochromen Werken von Imi Knoebel


und der nichteuklidischen Geometrie.
Den Begriff »Kunstrechtsanwalt« fan-
den die Designer zu lang und zu sper-
rig, sie zerlegten ihn in die drei Be-
standteile »Kunst«, »Rechts«, »Anwalt«,
was die einzelnen Themen zugleich be-
Das von mowaii tont. Dann führten sie Begriffe und
entwickelte Form zusammen und ordneten sie im
Corporate Design Dreiklang wie Notenzeilen übereinan-
für den Anwalt derliegend und dynamisch gegenein-
Jan Weber hat ander verschoben.
so gar nichts Auch die Typo ist nicht branchen-
Juristentypisches üblich: Wohl kein Kollege von Jan We-
ber setzt Jonathan Barnbrooks Priori
Ecken und Kanten ein, die mit den Varianten Sans und
Serif und vielen Schnitten großen Ge-
n Corporate Design. Jan Weber gisch, dass auch sein Corporate Design staltungsspielraum eröffnet. Gedruckt
meint es ernst. Der Rechtsanwalt ver- diese Positionierung aufnehmen soll- wurden Geschäftspapier und Visiten-
tritt nicht nur ausschließlich Künstler, te. David Grasekamp und Helga Mols karten auf einem Recyclingpapier aus
Musiker und Kreative, er spricht auch von mowaii in Overath entwickelten der Gmund-Kollektion Act Green. Bald
ihre Sprache, trägt weder Anzug noch ein Konzept, das auf verschiedenen will mowaii das Logo auch in eine 3-D-
Krawatte, und sein Büro sieht eher aus Ideen beruht: dem systematischen An- Version transferieren – sozusagen als
wie eine Galerie als eine Kanzlei. Lo- satz des Künstlers Olaf Nicolai, den mo- bildhauerisches i-Tüpfelchen. ant

Zum Tod von Hillman Curtis


n Er war einer der bekanntesten und beliebtesten New-Media-Designer der
USA. Am 18. April ist Hillman Curtis mit nur 51 Jahren an Krebs gestorben.
Zwar war er auch technisch ein Vorreiter – als Design Director bei Macromedia
gestaltete er einige der ersten Flash-Sites überhaupt, sein Buch »Flash Web
Design« von 1999 wurde in 14 Sprachen übersetzt. Doch mehr als pure Technik
interessierten ihn Inspiration und Kreativität. Curtis, der als junger Mann
mit einem Exemplar von Jack Kerouacs »On The Road« durch Amerika trampte,
Rockmusiker wurde, über Konzertplakate beim Graikdesign und von da bei
den Neuen Medien landete, wandte sich 2007 dem Film zu. Seither schuf er Werbe-
Cover eines clips für Kunden wie IBM, preisgekrönte Kurzilme wie die »Artist Series« (zu
Buchs von sehen unter www.hillmancurtis.com ), den Konzertilm »Ride, Rise, Roar« mit David
Hillman Curtis Byrne und Brian Eno sowie zusammen mit Stefan Sagmeister »The Happy Film«.
von 2005 Eine Studie über das Glücklichwerden, die er nicht mehr fertigstellen konnte. cg

Kreativhochburg Ost
n Branchenreport. Leipzigs jahr- Grafik und Buchkunst sowie die Hoch-
hundertealte kreative Tradition ist un- schule für Technik, Wirtschaft und Kul-
gebrochen – heute arbeitet dort ein tur, aus denen herausragende Künst-
Sechstel aller Beschäftigten in der Kul- ler und Designer hervorgehen.
tur- und Kreativwirtschaft, insgesamt Einen lebendigen Überblick über
rund 44 500 Menschen. Zu nennen sind alles, was in der Stadt passiert oder
unter anderem eine bemerkenswerte noch passieren sollte, liefert das Buch
Electro-Musikszene, DOK Leipzig als ei- »Zustand und Zukunft kreativer Arbeit
nes der wichtigsten europäischen Fes- in Leipzig«, das die Designagentur Kol-
tivals für Dokumentar- und Animations- laborat mit dem Verein Kreatives Leip-
film sowie junge Verlage wie zum Bei- zig herausbrachte. Es dokumentiert
spiel Voland & Quist, Lubok oder Spec- die Veranstaltungsreihe »LE Klub Ana-
tor. Nährboden für all dies und mehr log« und vertieft deren Ergebnisse in
sind natürlich auch die Hochschule für Aufsätzen zu elf Einzelbranchen. Ein
spannendes Buch für Einheimische und
Ein höchst empfehlenswertes Nicht-Leipziger, das auch als Reisefüh-
Büchlein, das mehr Informa- rer für den nächsten Kreativstädtetrip
tionen bereithält als mancher taugt (Connewitzer Verlagsbuchhand-
Wälzer – abwechslungsreich lung, 136 Seiten, 15 Euro, isbn 978-3-
gestaltet im Studio Kollborat 937799-65-0). cg
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PAGE ONLINE
Portfolio des Monats
In jeder Ausgabe stellen wir ein Mitglied aus der PAGE Community und Highlights aus seinem Portfolio vor

Sebastian Onufszak
www.page-online.de/community/portfolios/sebastian-onufszak

n »In Graphics We Trust« sagt Sebastian Onufszak, Ich bin Artdirektor, Freelancer
deutsch-polnischer Illustrator, Motion-Artist und Ich biete Print, Motiondesign, Illustration,
Regisseur, der in Augsburg lebt. Von dort aus arbei- Konzeption, Film/Video
tet er seit 2009 für Agenturen und Kunden aus der E-Mail hello@onufszak.com
ganzen Welt und wird in internationalen Ausstel- Web www.onufszak.com
lungen und Publikationen gefeiert – für seinen Standort Augsburg
kunstvollen Balanceakt an der Grenze des Erkenn-
baren und seinen wunderbar eigensinnigen Stil.

E-Mag: KrEatiOn | tYPO | BiLD | tECHniK | SZEnE | gaLEriE

Neue CI für Konzerthaus Qalto Wörter lernen


Kreation. Das Berliner Konzerthaus hat Typo. Mit Musik hat es der ungarische Type- Bild. Wir stellen in der Rubrik »Bild« öfter
zur Saison 2012/13 einen neuen Auftritt designer Aron Jancso. Sein fetter Displayfont schon mal illustrierte Kinderbücher vor. Aber
bekommen. MetaDesign rückt darin den Dubwise war inspiriert von wummernden »tipp tapp« ist ein ganz besonderes Exem-
Chefdirigenten Iván Fischer ins Schein- Elektro-Bässen, seine jüngste Schrift Qalto plar: ein Bildwörterbuch ab vier Jahren samt
werferlicht. Mit Uli Mayer-Johanssen von hüpft und springt wie Freestyle-Jazz – und CD-ROM. Damit kann man aus den Bildern zu
MetaDesign sprechen wir über das dahin- eignet sich damit besonders gut für Musik- den Wörtern bewegte Panoramen bauen –
terstehende Gestaltungskonzept. und Modeprojekte. und nebenbei schreiben lernen.
≥ www.page-online.de/konzerthaus ≥ www.page-online.de/qalto ≥ www.page-online.de/bildwoerterbuch
PAGE 07.12 019

≥ www.page-online.de PAGEmag

Typoexperiment
»Black & White«,
bei dem Sebastian
Onufszak die
Wörter »rad«, »sad«
und »mad« als
einfache geome-
trische Formen
umgesetzt hat
»Moi & Elle« ist
der Titel dieses
Siebdruckposters
Alte Jazzcover
zitiert das Selfpro-
motion-Poster »In
Graphics We Trust«
Die Posterserie
»Three Men with
Beards« zeigt
alternde Männer
im Höllenfeuer
Keyvisual für
IBMs Grand-Slam-
Kampagne
Handgezeich-
nete Illustration
»The Fantastic
Four« – hier
als Reiter der
Apokalypse

PagE nEWSLEttEr
© Rodney Graham, Betula Pendula »Fastigiata« (2011)

Ausstellung »Atelier + Küche« Prix Ars Electronica 2012 Immer up to date


Szene. Was haben Künstler und Koch ge- Technik. Die Jury des Medienkunstcon- n Bestellen Sie jetzt den kostenlosen
meinsam? Und was Atelier und Küche? Ein tests hat die diesjährigen Gewinner be- PAGE Newsletter und bleiben Sie auf
spannendes Thema, das das Designmuseum kannt gegeben. Unter den sieben Preis- dem Laufenden rund um kreatives Me-
MARTa Herford aufgegriffen hat und dazu in- trägern, die am 31. August ihre goldenen diendesign, Publishing und Trends. So
ternationale Kunst aus vielen Jahrhunderten Nicas überreicht bekommen, sind Inter- erfahren Sie auch als Erste, wenn wir
zeigt. Unterstützt wird die Ausstellung von netrevolutionäre, Videokünstler – und ein neues PAGE Seminar veranstalten
Luxusküchenhersteller Poggenpohl. auch ein Biotechnologe. oder eine Sonderedition herausgeben.
≥ www.page-online.de/atelier_kueche ≥ www.page-online.de/prix-ars2012 ≥ www.page-online.de/newsletter
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AUSBILDUNG
Die Matrix der Natur
n Generative Gestaltung. Natur in­
spiriert. Egal, ob in Form, Farbe oder
Struktur – gutes Design basiert immer
wieder auf Elementen, die sich in Flora
und Fauna inden lassen. Auf diese Wei­
se diente die Flechtstruktur von Algen
Ronan und Erwan Bourouellec als Basis
ihres modularen Stecksystems Algue,
etwa als Raumteiler einsetzbar, eine
Artischocke lieferte die Vorlage für Poul
Henningsens gleichnamige Lampe, und
die Wabe stand Pate für »Biosphére«,
Richard Buckminster Fullers Pavillon
auf der Expo 1967 in Montreal.
Eine Pusteblume, ein Ast und ein
Baum waren die Strukturlieferanten für
Diana Lange, Designstudentin an der
Hochschule für angewandte Wissen­
schaft und Kunst Hildesheim/Holzmin­
den/Göttingen. Für ein Projekt im Mas­
terstudiengang Gestaltung untersuch­
te sie die Programmierbarkeit von Na­
tur und versuchte mit verschiedenen
Experimenten, die Formensprache von
Planzen, ihre Farbgebung und Muster
in der Programmiersprache Processing
zu erzeugen und abzuwandeln. Dabei
sind graisch sehr unterschiedliche, je­
doch ansprechende Ergebnisse heraus­
gekommen, die Lange zusammen mit
dem jeweiligen Entstehungsprozess in
ihrem Buch »Nature of Code« doku­
mentiert hat. Während erster Testläu­
fe zur Pusteblume bildeten sich Kreis­
formen, manchmal mit groben, nahe­
zu stoffartigen geometrischen Flächen,
in einigen Fällen mit feingliedrigen Li­
nienstrukturen kombiniert. Auf diese
Ergebnisse aufbauend, ließ sie Ast­
strukturen entstehen, erzeugte dann
mittels Programmiercode einen Baum
und schloss daran weitere Processing­
Versuche an, unter anderem zu Mond,
Bergen und Schlaf.
Mit »Nature of Code« hat Diana Lan­
In ihrem Projekt ge eine sehr detailierte Dokumenta­
»Nature of Code« tion ihrer Processing­Experimente vor­
beschäftigt sich gelegt, die auch Laien einen kleinen
Diana Lange mit Einblick in die Welt des Codes gibt. So
der Programmier- erklärt sie etwa Fachbegriffe und bio­
barkeit von Natur logische Prinzipien, die sie für die Ar­
beit benötigte und in die Computer­
sprache übersetzte. Wer Lust auf Ge­
nerative Gestaltung bekommen hat,
kann sich auf www.diana-lange.de ge­
nauer mit dem Thema beschäftigen.
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+++ Neuer Rektor. Professor Dr. Herbert Grüner


ist neuer Rektor der Hochschule für Künste Bremen.
Er tritt die Nachfolge von Professor Dr. Manfred
Cordes an, der die Hochschule in den letzten fünf
Jahren geleitet hat. Grüner kommt von der Weißen­
see Kunsthochschule Berlin, wo er unter anderem das
Fach Theorie und Geschichte, Grundlagen der Wirt­
schaftswissenschaften lehrte. In Berlin war er zudem
Rektor der bbw Hochschule. +++ Leitfaden für De­
signdoktoranden. Unter dem Titel »Promovieren im
Design – ein Kinderspiel« hat Dorothee Weinlich, Pro­
Hamburg in Zahlen fessorin für interdisziplinäre Designgrundlagen an
der Hochschule Hannover, mit Marina­Elena Wachs,
n Infografik. Isabell Pörtner hat sich zum Abschluss ihres Graikdesign- Professorin für Designtheorie an der Hochschule Nie­
studiums an der Hamburger Technischen Kunstschule noch einmal intensiv mit derrhein, ein Kompendium verfasst, das Gestaltern
ihrem Lebensort befasst. Dafür hat sie jede Menge kuriose Besonderheiten bei der Promotion im Fach Design helfen soll. Darin er­
gesammelt, wirtschaftliche Informationen visualisiert sowie den Alltag in der klären sie, worauf es zu achten gilt, welche Anforde­
Hansestadt in Daten und Fakten festgehalten. So erfahren wir, dass die rungen an Doktoranden gestellt werden und welche
ältesten Damen in Hamburg, das stolze Alter von 108 und 109 Jahren erreicht Forschungsrichtungen man wählen kann. Dazu gibt
haben, dass auf der Davidwache rund 124 Mitarbeiter über das Treiben auf es eine Anleitung zum Verfassen einer Masterthesis
der Reeperbahn wachen und wiederum rund 300 Prostituierte auf der Rotlicht- sowie Check­ und To­do­Listen, die bei der For­
meile arbeiten. Alle Graiken hat Isabell Pörtner sowohl in einem Buch als auch schungsarbeit helfen sollen. Das Buch (isbn 978-3-
in einer App aufbereitet. Der Entwurf ist auf www.isabellpoertner.de zu sehen. 932011-84-9) ist im Blumhardt Verlag der Hochschule
Hannover erschienen und kostet 20 Euro. ≥www.
blumhardt-verlag.de +++ Jüdisches Museum on Tour.
Jenseits der Weißwurst Die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin hat
das Jüdische Museum Berlin bei der Umsetzung ihrer
n Food-Guide. Die Stadt Nürnberg einen illustrierten gastronomischen mobilen Ausstellung »on.tour – Das Jüdische Muse­
wird vor allem von Touristen bereist, Guide für Nürnberg entworfen. um Berlin macht Schule« unterstützt und an einer Prä­
die an mittelalterlicher Kunst und Ar­ In ihrer Abschlussarbeit »Nicht im­ sentation der Museumsinhalte mit iPads, Videos und
chitektur interessiert sind oder eine ty­ mer so eilig« stellt die Gestalterin ins­ RFID­Technik gearbeitet. So sollen Schüler ab Klasse 8
pisch bayerische Stadt mit Weißwurst gesamt 26 Plätze vor, die zum Verweilen die jüdische Kultur zeitgemäß kennenlernen. ≥ www.
und Co erleben möchten. Jenseits von einladen und den Aufenthalt schmack­ jmberlin.de/tour +++ Neues von Macromedia Hoch­
Mittelalterbauten und traditioneller Kü­ haft machen sollen. Der Wohlfühlfak­ schule. Der internationale Verband der Filmhoch­
che hat die fränkische Metropole aller­ tor eines Ortes war für sie ein wichti­ schulen (CILECT) hat die Macromedia Hochschule für
dings einiges mehr zu bieten, indet ges Kriterium für die Aufnahme in ihren Medien und Kommunikation als Mitglied aufgenom­
Elisaweta Sliwinska, Bachelor­Absol­ Guide. So inden sich im Reiseführer men und damit als Filmhochschule anerkannt. Hierzu­
ventin an der Georg­Simon­Ohm­Hoch­ mondäne Weinbars, zum Beispiel die lande sind bisher die HFF München, die Filmakademie
schule Nürnberg im Fachbereich Kom­ Weinerei neben alternativen Läden wie Ludwigsburg, die DFFB Berlin, die HFF Potsdam, die ifs
munikationsdesign. Deswegen hat sie Trommelwirbel – ein hipper Waschsa­ Köln, die Kunsthochschule für Medien in Köln und die
lon im Sixties­Look – oder Intellektuel­ Hamburger Media School Mitglieder des Verbandes.
len­Treffs wie das Café Wohlleben. +++ Kunst mit Schokolade. Die Schokoladenfabrik Al­
Die Cafés, Bars und Restaurants prä­ fred Ritter feiert ihr 100­jähriges Bestehen mit einer
sentiert Elisaweta Sliwinska jeweils auf Ausstellung im Museum Ritter bei Stuttgart. Hier sind
einer Seite, erzählt kurz ihre Geschich­ rund 60 Objekte, Gemälde, Graiken, Installationen,
te und bringt den Charakter der Loka­ Fotograien und Videos aus und mit Schokolade als
lität durch einfache Illustrationen auf Sujet zu sehen sowie Werke von Studenten der Burg
den Punkt. Zwar liegt der Guide bis­ Giebichenstein Kunsthochschule Halle. +++ Werk­
lang nur als Entwurf vor, wer sich für schauen. Es ist wieder so weit: Das Semester neigt
den nächsten Aufenthalt in Nürnberg sich dem Ende zu und die Werkschauen an den Hoch­
aber schon mal vorbereiten will, kann schulen stehen an. Unter anderem präsentieren vom
unter http://sliwinska-blog.tumblr.com 22. Juni bis zum 1. Juli die Kunst­ und Designabsolven­
die Arbeit anschauen und Kontakt mit ten der Hochschule Luzern ihre Bachelor­ und Mas­
der Designerin aufnehmen. nk terarbeiten in der Messe Luzern . Und die Stuttgar­
ter Hochschule der Medien feiert am 28. Juni wieder
Verweilen lohnt sich: Elisaweta ihre MediaNight, bei der Studenten ihre Projektarbei­
Sliwinska hat einen kulinarischen ten vorstellen. Weitere Termine zu den Rundgängen
Guide für Nürnberg entworfen unter www.page-online.de/aus-den-hochschulen . nk
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TITEL

Ein kleines bisschen


Gutes Design ist längst mehr als schöne Gestaltung, und viele
Kreative machen sich heute Gedanken um die ökologischen und ethischen
Aspekte ihrer Arbeit. Aber: Wie weit geht ihre Verantwortung?
PAGE 07.12 027

n Das ideale Produkt ist hochästhetisch In den schönen, bunten Bildern


und seine Usability perfekt. Hergestellt des Illustrators Dermott
wird es aus umweltfreundlichen Material­ Flynn sieht auch ein Mineralöl­
ien in einem Vorzeigebetrieb. Die beglei­ konzern wie Total freundlich
tende Kommunikation lädt dieses Produkt und harmlos aus. Mehr zu dem
emotional so auf, dass wir gar nicht anders Projekt und dem Entschei­
können, als es zu kaufen – wie beim iPhone. dungskonlikt des verantwort­
Die zentral in den USA gemachte Werbung lichen Animationsstudios
ist sehr bemüht, nicht nur ein Smartphone wearecaptive auf Seite 28 f.
in Szene zu setzen, sondern einen Lifestyle
zu vermitteln, in dem der User Teil der Community ist. Mit Er­
folg, die iPhone­Sättigungsrate unter Kreativen liegt gefühlt bei
99 Prozent. Dabei hat das Gerät durchaus dunkle Seiten, die wir
auch alle kennen. Die Bilder der chinesischen Arbeiter beim
iPhone­Hersteller Foxconn, die ob der unmenschlichen Arbeits­
bedingungen Selbstmord begehen, hat niemand vergessen –
auf die Absatzzahlen haben sie dennoch keine Auswirkungen.
Reicht es, dass sich Agenturen und Designbüros Gedanken
um Aussehen, Usability, Service und Kampagnen machen oder
liegt es nicht auch in ihrer Verantwortung, Einluss auf Material­
wahl und Produktionsbedingungen zu nehmen? »Den Kunden

besser auch hinsichtlich der verwendeten Materialien zu beraten, ge­


hört absolut zur Aufgabe des Designers«, sagt Petra Knyrim, Mit­
gründerin von nowakteufelknyrim in Düsseldorf. »Wir weisen
immer auf die Möglichkeit hin, nachhaltig zu produzieren, müs­
sen aber auch sagen, dass es oft teurer ist.« Nicht immer stoßen
sie bei den Kunden auf offene Ohren. Einfacher ist es, wenn es
um deren Geldbeutel geht. »Etwa bei der Aulage: Die meisten
wissen es zu schätzen, wenn wir noch mal nachfragen: Braucht
ihr wirklich 5000 Briefe oder reichen nicht vielleicht auch 3000?«
Florian Haller, Hauptgeschäftsführer der Serviceplan­Grup­
pe, warnt davor, sich zu überschätzen. »Wer als Designer die
028 PAGE 07.12 TITEL Gutes Design – Böses Design

gesamte Verantwortung für den Inhalt von Produkten und wir mit 10 Mitarbeitern bewusst klein geblieben«, so Knyrim.
Kampagnen übernimmt und von sich verlangt, dass da am Ende »Wir waren auch schon mal 15, mit Freien sogar 20. Da hat man
nur Gutes herauskommt, lädt sich zu viel auf. Denn am Ende des dann Verantwortung für seine Leute und ist genötigt, Dinge an­
Tages sind wir die Dienstleister unserer Auftraggeber und von zunehmen, die man gar nicht machen will. Deshalb haben wir
diesen abhängig.« Die Verantwortung des Gestalters sei es, sei­ uns wieder verkleinert. Zu zehnt kann man auch größere Projek­
nen Kunden gut zu beraten – auch in Richtung Nachhaltigkeit. te stemmen, aber der Berg, den man jeden Monat erwirtschaf­
»Ein iPhone­Designer muss sich nicht für die Produktionsbedin­ ten muss, ist nicht ganz so hoch.«
gungen verantwortlich fühlen. Das kann er ja nicht direkt be­ Aber auch die Münchner Kommunikationsdesignagentur
einlussen. Aber er berät seinen Kunden Apple gut, wenn er ihm Kochan & Partner, die mit über 60 Mitarbeitern deutlich grö­
sagt, dass es die Menschen interessiert, wie die Geräte herge­ ßer ist, hat ihre Prinzipien: »Wir lehnen konsequent Aufträge
stellt werden. Und dass zum Thema Nachhaltigkeit auch die Pro­ von Unternehmen ab, die – durch ihre Produkte oder durch ihr
duktionsbedingungen gehören. Was Apple dann tut, liegt nicht Handeln – direkt den Frieden auf dieser Welt gefährden, die un­
in seiner Hand. Die Entscheidung fällt derjenige, der das Geld ter menschenverachtenden Bedingungen produzieren oder un­
ausgibt. Wenn man damit nun gar nicht leben kann, muss man sere Umwelt aktiv zerstören. Oft fallen alle drei Aspekte ohne­
eben die Reißleine ziehen und den Auftrag ablehnen.« hin zusammen«, ist Martina Grabovszky, Managing & Creative
Director bei Kochan & Partner, überzeugt. Generell ist es richtig,
»Design und Verantwortung« – das Thema ist aktuell wie nie dass größere Agenturen eher Kompromisse eingehen müssen.
und in allen Medien präsent. Woran liegt das? »Nachhaltigkeit »Wenn wir nur für Auftraggeber arbeiten würden, die edel, gut
ist zum Megatrend geworden«, sagt Florian Haller: »In unserer und hilfreich sind, hätte ich genau zwei Mitarbeiter und einen
schnelllebigen Zeit besinnen wir uns zurück auf Dinge, auf die Hund«, wurde Erik Spiekermann, mit edenspiekermann Chef
wir uns verlassen können. Sicherheit, Vertrauen und Partner­ von rund 100 Mitarbeitern in der »Süddeutschen Zeitung« zi­
schaftlichkeit sind Werte, die enorm gestiegen sind, während tiert. Und wie sieht es bei Serviceplan aus? Würde Florian Haller
reiner Lustgewinn und die Suche nach Abenteuern an Bedeu­ für die Atomlobby arbeiten, wenn er im Grunde seines Herzens
tung verlieren. Überträgt man das aufs Design, landet man sehr Atomkraftgegner wäre? »Grundsätzlich sollten wir nicht als Mo­
schnell beim Thema ›Design und Verantwortung‹.« ralapostel auftreten, sondern von Fall zu Fall entscheiden. Aber
Eine grundsätzliche Verantwortung von Designern sieht es gibt sicher Grenzen, wo auch ich sagen würde: Hier macht
Petra Knyrim in der Wahl des Kunden. »Stefan Nowak und ich unsere Arbeit keinen Sinn. Wenn man das Gefühl hat nichts
haben an der Fachhochschule Düsseldorf studiert, und da die Sinnvolles beitragen zu können, sollte man es auch nicht tun.«
Stadt eine Werbehochburg ist, wurden wir auch eher in diese
Richtung ausgebildet. Während des Studiums haben wir in gro­ Gewissenskonlikte sind Oliver Durant, Director of Animation
ßen Agenturen Praktika gemacht und gemerkt: Das ist es nicht. bei wearecaptive in Lissabon, nicht fremd. Vor Kurzem realisier­
Schon damals war uns klar, es gibt Kunden, für die wir nicht ar­ te das Animationsstudio den Clip »Total Energy«, der die Ak­
beiten wollen. Da verzichten wir lieber auf den Porsche vor der tivitäten und Visionen des Energieriesen mit seinen beinahe
Haustür.« Diese Haltung führt dazu, dass nowakteufelknyrim ab 100 000 Angestellten in hübschen, bunten Bildern präsentiert
und zu Aufträge ablehnt. »Um uns das leisten zu können, sind (siehe Seite 26 f.). »Es ist sehr wichtig für uns, für welche Kun­

Nachklingen lassen!
Stefan Wölwer, Interaction Designer und Professor
an der HAWK Hildesheim, plädiert für mehr
Musikalität in der Nachhaltigkeitsdiskussion

n Dass wir uns über Nachhaltigkeit kussierten Deinition herausnehmen nis von Technologie und deren kreati­
im Design überhaupt unterhalten müs­ und diesen – ganz musikalisch (aus vem Potenzial. Deshalb können Inter­
sen! Jeder Gestaltungsprozess beinhal­ dem englischen sustain) – als natürlich action Designer wesentlich zur Thema­
tet selbstverständlich auch die Berück­ nachklingenden Wert des Designs für tik Nachhaltigkeit und Verantwortung
sichtigung von Ressourcen und sollte uns alle betrachten. Design sollte einen beitragen. Sei es nun bei der Interakti­
demnach über das bloße Gestalten von fortlaufenden Nutzen für den Anwen­ on im Raum, mit Objekten oder zwi­
Formen und Flächen hinausgehen. De­ der darstellen. Das betrifft besonders schen Menschen und den Systemen,
sign muss immer auch die Umwelt ei­ die digitalen Medien, die ein fast un­ die sie bedienen.
nes entstehenden Produkts und des begrenztes Nachklingen ermöglichen. Sicher, zu Beginn habe ich darauf
späteren Nutzers bedenken. Da in der Wie aber lässt sich eine derart be­ hingewiesen, dass dies grundsätzlich
Praxis aber oft nur auf die schöne Ober­ schriebene Nachhaltigkeit gewährleis­ für das gesamte Design gilt. Aber In­
läche geachtet wird, schadet es nicht, ten? Da kommt jetzt das Interaction teraction Designer legen nun mal be­
wenn wir noch mal darüber sprechen. Design ins Spiel. Hier verstehen wir es, reits von Haus aus den Fokus auf den
Richtig spannend wird es ja, wenn Parameter zu bestimmen, Prozesse zu Ablauf der Dinge und die aktive Einbe­
wir den Begriff der Nachhaltigkeit ein­ planen und die Partitur zu schreiben. ziehung des Anwenders. Dann klingt’s
mal aus dem Diktat der ökologisch fo­ Und wir haben ein sehr gutes Verständ­ auch gut!
PAGE 07.12 029

den wir arbeiten. Vor dem Total­Projekt haben wir ohne Honorar denen es nicht nur ums Geld, Das in Deutschland produzier­
eine Animation für amnesty produziert, in der es um den inhaf­ sondern primär um Kreativität te Buch über den Künstler
tierten tibetanischen Filmemacher Dhondup Wangchen ging – geht – zum Beispiel dem Illus­ Thomas Stricker kostete in der
ein Thema, das uns sehr berührt hat. Aber nicht alle Projekte trator Dermott Flynn, der die Herstellung pro Stück 50 Euro,
können so persönlich sein. Wir müssen kommerzielle Aufträge Bilder gezeichnet hat. Wenn in China wären es 9 Euro gewe­
annehmen, um die anderen inanzieren zu können, und die po­ ein Projekt wie das für Total sen. Trotzdem hat nowak­
sitiven Effekte unserer Jobs für die good guys sorgfältig gegen solche Leute unterstützt, ist teufelknyrim noch nie ein Buch
die negativen Effekte abwägen, die die Arbeit für die bad guys das für mich eine gute Sache.« in China drucken lassen
haben kann. Das ist unsere persönliche Robin­Hood­Strategie.«
Wo auf dieser Skala zwischen good und bad guys ist jetzt Wo zieht man die Grenze? Wenn man nicht länger für Energie­
ein Mineralölkonzern wie Total angesiedelt? Die Kreativen bei konzerne arbeitet, darf man auch nicht mehr Jobs aus der Au­
wearecaptive begannen mit einer gründlichen Recherche über tomobilbranche annehmen und so weiter. Einen Auftrag der
das Unternehmen, und natürlich tauchten hinsichtlich der Um­ Rüstungsindustrie abzulehnen, mag ja eine klare Sache sein, an­
welt­ und gesellschaftlichen Auswirkungen eine Reihe fragwür­ dere Fälle dagegen weniger. Was ist zum Beispiel mit IKEA, ei­
diger Dinge auf. Sollten sie den Auftrag besser ablehnen? »Wir nem Superkunden für Kreative, der ausgefallenen Ideen immer
schlugen uns eine Weile mit dieser Frage herum. Allerdings offen gegenübersteht und sich seine Kommunikation einiges
kam es mir auch heuchlerisch vor, ein Unternehmen zu boykot­ kosten lässt? Das Unternehmen präsentiert sich nach außen
tieren, dessen Produkte wir in der Vergangenheit alle genutzt sehr sympathisch. Glaubt man der Markenkommunikation, geht
haben. Ich kenne Kreative, die davon träumen, mal für einen es in der IKEA­Familie noch gemütlicher zu als in Bullerbü.
Kunden wie Honda zu arbeiten. Aber wie umweltfreundlich Glaubt man allerdings dem Buch »Die Wahrheit über IKEA« des
auch immer sich die Marke präsentiert: Ihre Autos fahren nach ehemaligen IKEA­Managers Johan Stenebo, stehen Mitarbeiter­
wie vor mit Benzin, und so sind sie Mithelfer der Ölindustrie und bespitzelung, Urwaldrodung, Kinderarbeit und Steuerlucht auf
ein Katalysator für all die Auswirkungen, die diese auf uns hat.« der Tagesordnung. Ist es da vertretbar, eine Kampagne zu ent­
Wearecaptive nahm den Auftrag an – etwas leichteren Her­ wickeln, die das Heile­Welt­Image puscht? Von den deutschen
zens, weil es sich »nur« um einen internen Film handelte, der und schwedischen Agenturen, die für IKEA arbeiten, war nie­
bei Präsentationen innerhalb der Total­Gruppe zum Einsatz mand bereit, über dieses Thema zu sprechen. Was ja dann ir­
kommt. Ausschlaggebend war letztlich der Gedanke, dass man gendwie auch eine Aussage ist.
mehr Einluss hat, wenn man kooperiert, als wenn man Total Florian Haller plädiert für einen entmoralisierten Umgang
boykottiert und den Job anderen überlässt. »Auf diese Weise mit solchen Fragen. »Jedes Unternehmen, jede Marke hat Pro­
konnten wir ein bisschen was von unserem Ethos und ein wenig blemstellen, aber Werbung ist ja nun mal kein Dokumentarilm.
Positivität und Kreativität in das Unternehmen hineintragen«, Unsere Aufgabe ist es, die Stärken, die positiven Seiten und die
meint Oliver Durant. In der Tat war die Führungsebene von dem Chancen in den Vordergrund zu stellen. Es gibt nur wenige Mar­
fast sechsminütigen Video begeistert. »Die Tatsache, dass ein ken, die einwandfrei ethisch sind und dazu hundertprozentig
großer Konzern sich in eine kreative Animation verliebt, ist ab­ nachhaltig. Wichtig ist, dass sie authentisch sind. Man kann heu­
solut begrüßenswert«, so Durant. »Wir arbeiten mit talentier­ te kein Erscheinungsbild entwickeln, das völlig neben der Reali­
ten Menschen zusammen, die das, was sie tun, relektieren und tät einer Marke liegt. Hätte Schlecker vor einigen Jahren mit
030 PAGE 07.12 TITEL Gutes Design – Böses Design

den freundlichen Kollegen und dem tollen Umgang mitei­ selbstverständlich sein. »Ökologisches Design wird künftig als
nander geworben, wäre das binnen kürzester Zeit dekuvriert der Schlüssel zur Veränderung angesehen werden«, ist Günter
und über einen Shitstorm im Netz verbreitet worden. Da muss Horntrich überzeugt. »Denn die Gestaltung entscheidet maß­
man als Marke heute sehr aufpassen. Kommunikation und Re­ geblich über die ökologischen und sozialen Auswirkungen eines
alität dürfen nicht dramatisch voneinander abweichen.« Dem­ Produkts – und zwar über den gesamten Lebenszyklus hinweg:
entsprechend verläuft die Grenze für Haller genau dort, wo er in der Herstellungs­, Gebrauchs­, Rückführungs­ und Entsor­
das Gefühl hat, nicht mehr authentisch zu sein. »Weniger aus gungsphase. Die Möglichkeiten, ökologisches Design zu realisie­
der moralischen Perspektive heraus, die steht uns gar nicht zu. ren, sind breit gefächert. Sie reichen von der Auswahl verträg­
Ich würde dem Kunden klarmachen, dass diese Kommunikati­ licher Materialien über Konstruktion und Gebrauchsbedingun­
on für ihn keinen Sinn macht, nicht zielführend oder vielleicht gen bis hin zur späteren Weiterverwendung und ­verarbeitung
sogar kontraproduktiv ist.« sowie der umweltgerechten Entsorgung.« Ökologisches Design
könne der Kreative also als Herausforderung begreifen, die
Ecodesign statt Ökodesign: Der Anglizismus hilft Gestaltern, ihn zu Innovationen antreibe und ihm neue Arbeitsfelder und
das Thema in der Gesellschaft und beim Kunden positiv zu be­ Gestaltungsmöglichkeiten eröffne.
setzen und ökologisches Bewusstsein vom Rauschebart­ und Bei nowakteufelknyrim ist Umweltbewusstsein selbstver­
Birkenstock­Image zu befreien. »Verwendet man heute das La­ ständlich; sowohl was das Verhalten der Mitarbeiter angeht – sie
bel ›Öko‹, stellt sich zwangsläuig das Bild vom selbst gestrickten trinken Fair­Trade­Kaffee, beziehen Ökostrom, trennen den Müll
Pulli tragenden Althippie ein, der eher rück­ als fortschrittlich und fahren Fahrrad – als auch berulich. »Wir machen gerade
daherkommt«, sagt Günter Horntrich, der an der Köln Interna­ den Katalog zum Buchdesignwettbewerb der Stiftung Buch­
tional School of Design die einzige deutsche Professur für Öko­ kunst und hatten uns fest vorgenommen, dass es das erste, zu
logie und Design innehat. »Bei ›Eco‹ verhält es sich anders he­ 100 Prozent klimaneutrale Buch wird«, erzählt Petra Knyrim.
rum. Versieht man sein Produkt mit diesem Zusatz, impliziert »Leider mussten wir feststellen, dass sich das noch gar nicht
man, dass es allen aktuellen und künftigen Anforderungen an realisieren lässt. Es gibt zu viele Zwischenwege und ­lieferanten,
Umweltverträglichkeit entspricht und trotzdem keine Wünsche die wir gar nicht kontrollieren können.«
in puncto Ästhetik oder Anwendbarkeit offenlässt. ›Eco‹ ist so­ Gerade bei Büchern ist nowakteufelknyrim sehr sensibel,
was die Produktion angeht. »Wir haben noch nicht in China
drucken lassen, auch wenn die Versuchung groß ist. Der Band
›Skulpturale Fragen‹ von Thomas Stricker, den wir gerade fer­
tiggestellt haben, kostete in der Produktion 50 Euro. Bei den
Büchern, die die Agentur aus der Nachbarschaft in China hat
drucken lassen, sind es 9 Euro. Und ein Laie sieht nicht mal den
Unterschied.« Trotzdem wollen die Düsseldorfer ihren Prin­
zipien treu bleiben, wenn auch nicht sklavisch. »Für kleine
Kunden mit sehr wenig Geld haben wir auch schon bei Online­
Druckereien produzieren lassen, obwohl wir wissen, dass die
Herstellungsbedingungen dort nicht ideal sind und sie zum
Beispiel auf Gefängnisdruckereien zurückgreifen.«

Gutes Design ist verantwortunsgvolles Design. Und Designer


tragen eine Menge Verantwortung: Für die ökologischen und
gesellschaftlichen Auswirkungen ihres Handelns, für den Kun­
denauftrag, die Mitarbeiter und nicht zuletzt für sich selbst und
Bei ihrer Product­it­ mit das Anzeichen nachhaltig gestalteter Produk­ die eigene Kreativität. Sie leisten ihren Dienst an Gesellschaft
ness­80­Serie verbraucht te für den Verbraucher und das Ideal, das der Ge­ und Umwelt, indem sie Einluss darauf nehmen, dass Produkte
die japanische Marke stalter versucht zu erfüllen.« und Projekte entstehen, die nicht nur gut aussehen und gut
Muji 20 Prozent weniger Manch ökologisch produzierendes Unterneh­ funktionieren, sondern auch auf einer soliden wirtschaftlich­
Material als ver­ men hängt dies bewusst nicht an die große Glocke, en Basis stehen und ökologisch sowie sozial verträglich sind.
gleichbare Produkte um eben nicht in die Ökoecke gedrängt zu werden. Das ist oft unbequem, aber notwendig.
Eines von ihnen ist die Büttenpapierfabrik Gmund. Sich auf einen »Das geht mich alles nichts an«­Standpunkt
Was der Papierhersteller vom Tegernsee in den vergangenen zurückzuziehen, kann man sich heute weniger leisten denn je.
zwanzig Jahren in Energiesparmaßnahmen und umweltfreund­ Es sei denn, man heißt Alessandro Manzini. Der Designer von
liche Produktion investiert hat, ist vorbildlich (siehe PAGE 09.11, Landminen ist besonders stolz auf seine kleinen, farbenfro­
Seite 100). Trotzdem verkauft er seine Papiere nicht unter einem hen Schmetterlingsminen. Zu trauriger Berühmtheit brachte er
Öko­, Pardon, Eco­Label, denn das würde die internationalen es durch ein YouTube­Video, in dem er gefragt wurde, was wä­
Glitzerunternehmen wie Ferrari, das Filmfestival de Cannes re, wenn ein Kind diese bunten Dinger aufhebe. Er antwortete
oder die Veranstalter der Oscar­Verleihung, die zu seinen Kun­ darauf lediglich mit einem Achselzucken: »Ich bin nur ein De­
den gehören, eher abschrecken. »Wirklich umweltfreundliches signer, ich designe.«
Papier sollte nicht hergenommen werden, weil es umwelt­ Gut wäre es also, wenn Kreative und Kunden nachhaltiges
freundlich, sondern weil es eine Bereicherung ist«, meint Gmund­ Gestalten nicht als Last, sondern als Chance und möglichst bald
Geschäftsführer Florian Kohler. als völlig normal ansehen würden, zumal Unternehmen wie
Freitag, New Balance, Gmund oder Muji beweisen, dass Nach­
Für Kreative bedeutet das: ökologisch gestalten – ja, den Kun­ haltigkeit und Proit sich keinesfalls ausschließen müssen. Am
den auf alle Möglichkeiten hinweisen – ja, Ökologie als Verkaufs­ Ende stünde für uns alle dann gutes Design und eine nicht nur
argument nutzen – eher nein. Schließlich sollte Nachhaltigkeit schöne, sondern auch ein bisschen bessere Welt. ant
PAGE 07.12 031

»Designer haben keine


Ahnung, was Nachhaltigkeit
wirklich bedeutet«

n Michael B. Hardt studierte Graikdesign anerkannten Deinitionen für ihn. Der De­ Wegwerfgesellschaft weiter anheizen, statt
in Saarbrücken und machte sich 1977 als signer des 21. wird mit dem Pseudodesigner nützliche Visionen zu entwickeln.
Designberater selbständig. Von 1992 bis des 20. Jahrhunderts nicht mehr viel ge­ Das heißt, Kreative haben in Sachen
1994 war er Chairman des Bureau of Euro­ meinsam haben. Nachhaltigkeit noch einiges zu lernen?
pean Designers Associations und von 1995 Ist es »böses Design«, wenn man für Kunden Designer haben keine Ahnung, was Nach­
bis 1997 Icograda­Vizepräsident. 2002 ver­ arbeitet, hinter deren Produkten man nicht haltigkeit wirklich bedeutet. Um nachhaltig
lieh ihm die Nationale Akademie der Küns­ steht, um seine Mitarbeiter auch weiterhin gestalten zu können, muss man zuerst ein­
te im norwegischen Bergen eine Professur. angemessen bezahlen zu können? mal begreifen, was Nachhaltigkeit ist, wie
Derzeit lehrt er an der Universität von Lapp­ Auf jeden Fall. Allerdings muss man fragen, sie funktioniert und wie man sie künstlich
land im innischen Rovaniemi, wo er zum ob es sich dann überhaupt um Design han­ schaffen kann. Dies lernt man nicht in einem
Thema Designzukunft und Nachhaltigkeit delt. Aber nennen wir es einmal fälschli­ Wochenendseminar. Ich rate dringend da­
promoviert. Soeben erschien sein zusam­ cherweise Design. Dann leistet der Gestal­ von ab, den Begriff Nachhaltigkeit als leeres
men mit Joachim Kobuss verfasstes Buch ter Beihilfe zum Betrug und in manchen Fäl­ Marketingversprechen zu propagieren. Das
»Erfolgreich als Designer ­ Designzukunft len sogar Beihilfe zum Totschlag. Es scheint, Thema ist zu wichtig, um es zu verramschen.
denken und gestalten«. Michael B. Hardt dass die Mehrzahl der Designer des 20. Jahr­ Der entstehende Beruf des Designers ris­
lebt schon seit zehn Jahren in Skandinavien. hunderts nichts aus der Erfahrung des Drit­ kiert sonst damit seine Glaubwürdigkeit.
Vor drei Jahren verlegte er seinen Wohnsitz ten Reichs gelernt haben: Man unterstützt Erst wenn man Nachhaltigkeit gelernt hat,
in die schwedische Provinz Västernorrlands blind begeistert und entsprechend unkri­ kann man sie in die Arbeit integrieren.
län. Im Winter wohnt sein nächster Nach­ tisch ein perverses System, und im selte­ Was raten Sie Designern?
bar zwölf Kilometer entfernt, dort beindet nen Falle eines kritischen Hinterfragens be­ Keine Zwitterlösungen zu suchen. Entweder
sich auch der Briefkasten der Familie Hardt. ruft man sich auf Befehlsnotstand – wovon konsequent weiterzumachen wie bisher
soll man leben? oder konsequent neu anzufangen. Das setzt
Was verstehen Sie unter nachhaltigem Das sind schwere Vorwürfe. allerdings voraus, den Beruf neu zu lernen.
Design? Sie inden diesen Vergleich eine Zumutung? Ich habe das in den letzten drei Jahren ge­
Michael B. Hardt: Sustainable Design ist Denken Sie doch mal nach: Designer tragen macht und bin immer noch dabei. Das Um­
eine Leerformel, ein Pleonasmus. In seinem erhebliche Mitverantwortung an den gro­ denken ist nicht einfach. Der größte Markt
Buch »Sciences of the Artiicial« von 1969 ßen Problemen in dieser Welt. Es gibt eine des 21. Jahrhunderts wird der Umbau unse­
deinierte Herbert A. Simon: »Design be­ Reihe namhafter Wissenschaftler, die he­ rer Gesellschaft von einer massenkonsu­
schreibt Maßnahmen, die darauf abzielen, rausgefunden haben, dass wir 90 bis 95 Pro­ mierenden Wegwerf­ hin zu einer nachhal­
bestehende in präferierte Situationen zu zent unseres Verbrauchs sparen könnten, tig efizienten Nutzengesellschaft. Damit
verändern.« Eine nicht nachhaltige Lösung ohne auf Lebensqualität verzichten zu müs­ verbunden ist auch das Beheben der sozi­
kann niemals eine präferierte Situation her­ sen. Anstatt zur Lösung der globalgesell­ alen, ökologischen und ökonomischen Schä­
beiführen, somit ist Design per se nachhal­ schaftlichen Aufgabe beizutragen, wie die den. Der Designer des 21. Jahrhunderts wird
tig. Auch der Begriff Design ist eine Wort­ wachsende Menschheit bei abnehmenden an dieser Aufgabe entscheidend mitwirken
hülse. Was wir heute als Design bezeichnen, Ressourcen und zunehmenden Klimaschä­ und davon proitieren. Der Designer des
ist allenfalls Dekoration. Den Beruf des De­ den überleben kann, gefallen sich die Krea­ 20. Jahrhunderts hat hingegen erheblich
signers gibt es noch nicht, er ist erst im Ent­ tiven in der Rolle der Hofnarren und gestal­ zu den genannten Schäden beigetragen.
stehen begriffen. Noch fehlen die weltweit ten bunte Illusionen, die das System der Er ist ein Auslaufmodell.
032 PAGE 07.12 TITEL Gutes Design – Böses Design

Triebfeder Idealismus
n »Design war schon immer dann am Paul Estey. Im Auftrag des WWF ersan­ dere Philosophie, aber auch die Persön­
besten, wenn es der Gesellschaft dient«, nen sie den National Sweater Day: Ka­ lichkeit und die Energie der Firmengrün­
ist Vanessa Eckstein überzeugt. Auch nadier waren aufgerufen, an diesem Tag der visualisiert«, sagt Vanessa Eckstein.
deshalb arbeitet die Gründerin des De­ ihre Heizung um 3 Grad runterzudrehen Die Kreativen entschieden sich für Ne­
signstudios Blokdesign in Toronto am und ihren geschmacklosesten Pullover ongelb im Zusammenspiel mit Schwarz­
liebsten – und überwiegend – für Kun­ anzuziehen. Rund 150 000 Leute mach­ weißfotos, um so eine gewisse Dring­
den, die soziales Engagement zeigen. ten mit und stellten ihre Fotos ins Netz. lichkeit der Public­Projekte deutlich zu
»So können wir hoffentlich die Welt ein Zusammen mit Engineers Without Bor­ machen. Die fetten Statements, zum
kleines bisschen mitgestalten. Es klingt ders entwickelten sie den Eishockey­ Beispiel in den Notizbüchern, sorgen
vielleicht idealistisch, aber dieser Idea­ Puck Rubr, der in Kanada produziert für zusätzliche Aufmerksamkeit und
lismus ist die Triebfeder unserer täglich­ wird, aber ausschließlich aus Gummi kommunizieren dazu die Philosophie
en Arbeit.« Diese Haltung führt dazu, aus Liberia besteht und somit die dor­ des Unternehmens.
dass Blokdesign auch mal Aufträge ab­ tige Wirtschaft stützt.
lehnt. Um sich diesen Luxus leisten zu »Als Public uns bat, ein Corporate Schwarzweißfotos, kombiniert mit
können, ist das Studio mit drei Leuten Design für sie zu entwickeln, mussten Neongelb, machen das Corporate Design
bewusst klein geblieben. Das garantiert wir einen Ansatz inden, der die beson­ für Public besonders eindringlich
ihnen die dafür notwendige Freiheit.
»Wir würden nie für Tabakkonzerne ar­
beiten, erst recht nicht für die Rüstungs­
industrie oder Unternehmen und Ein­
zelpersonen, die unsere Werte nicht
teilen«, berichtet Eckstein.
Brauchen sie auch nicht, gibt es doch
jede Menge interessanter und ähnlich
denkender Kunden – Public beispiels­
weise. Die Firma aus Toronto konzen­
triert sich auf Projekte mit sozialer Be­
deutung, wobei ihr Ansatz ist, dass An­
liegen und Proit zusammenkommen
sollen. »Wir glauben, dass kleine gute
Taten, ausgeführt von vielen, vielen Leu­
ten, sich zu etwas Größerem addieren.
Außerdem sind uns Spaß und Fantasie
bei unseren Ideen sehr wichtig«, erklä­
ren die Public­Gründer Phillip Haid und
034 PAGE 07.12 TITEL Gutes Design – Böses Design

Raus aufs Land


n Die 1906 in Boston gegründete Fir­ ge Sneaker mit dem Label »Made in the zuladen, dass man nicht nur New­
ma New Balance vertreibt ihre Produk­ UK«. Erfahrbar werden diese Werte aber Balance­Sneaker haben will, sondern
te zwar in 120 Ländern weltweit, pro­ erst durch Kommunikation. Der kürz­ sich am liebsten gleich um eine Stelle in
duziert werden sie aber nur in den USA lich gelaunchten, von Canoe Creative Flimby bewerben möchte.
und seit 30 Jahren auch in England, und aus London gestalteten, Website www.
zwar im beschaulichen Städtchen Flim­ visitflimby.com gelingt es, mit Fotos und Design at it’s best: Die Website www.
by in Cumbria. Mit viel Liebe, Stolz und Geschichten sowohl das Unternehmen visitflimby.com kommuniziert die nach­
Handarbeit entstehen dort hochwerti­ als auch das Produkt emotional so auf­ haltige Philosophie von New Balance
036 PAGE 07.12 TITEL Gutes Design – Böses Design

Ob’s im Teich vor dem Museum


für Gestaltung dicke Fische gibt?
Daniel (links) und Markus Freitag
werden es herausinden

Fotos: Umberto Romito


war. Wir haben ja nicht gesagt: »Schaut
»Design heißt für uns, Form her, wir machen Ökotaschen!«, sondern
wir haben Nachhaltigkeit immer mit
und Funktion in Einklang zu einer gewissen Selbstverständlichkeit
praktiziert und kommuniziert. Uns ging
bringen, und das im gesamten es erstens um die Funktionalität der Ta­
schen und zweitens um die gestalteri­
sche Perspektive. Also um die Frage,
Produktzyklus, von der Idee wie zerschneide ich die Planen und set­
ze die Fragmente so zusammen, dass
bis zum Vertrieb« etwas graisch Interessantes entsteht.
Dabei etwas Nachhaltiges zu schaffen,
war für uns eigentlich eher normal und
natürlich – und so sollte es auch behan­
n Vor 19 Jahren begannen Daniel und delt werden.
Markus Freitag in Zürich damit, aus ge­ Also Gutes tun, aber nicht viel darüber
brauchten LKW­Planen, ausrangierten reden?
Autogurten und Fahrradschläuchen ro­ Heute weckt das Wort »Nachhaltigkeit«
buste Messenger Bags herzustellen. Die auf Kundenseite fast schon Überdruss.
Taschen sind längst Kult, Freitag be­ Wer es wirklich ernst meint, sollte sich
schäftigt heute 130 Mitarbeiter, und das damit nicht brüsten, sonst wird es zum
Museum für Gestaltung in Zürich wid­ reinen Verkaufsargument. Wir nehmen
met dem Unternehmen jetzt sogar eine das Thema seit fast zwanzig Jahren sehr
eigene Ausstellung (siehe PAGE 05.12, ernst, aber wir stellen es nicht in den
Seite 10 f.). Wir sprachen mit Daniel Frei­ Vordergrund. Man soll unsere Taschen ja
tag über Nachhaltigkeit, Versuchungen nicht aus Mitleid mit der Umwelt kau­
und Herausforderungen fen, sondern aus Freude am Produkt.
Man darf auch nicht vergessen, dass
Seht ihr euch als Vorreiter des Mega­ Nachhaltigkeit ein fortwährender Pro­
Der Prototyp der ersten Freitag­Tasche. Viel hat sich trends Nachhaltigkeit? zess ist. Anfangs war sie mit unserer
bis heute nicht verändert – die Marke ist sich über die Daniel Freitag: Grundsätzlich schon, Produktidee gekoppelt, aber mit dem
Jahre treu geblieben wobei es nie ein vorrangiges Argument Wachstum der Firma und ihrer Interna­
PAGE 07.12 037

tionalisierung bleibt es für uns eine kon­


stante Aufgabe, der Nachhaltigkeit auch
weiterhin gerecht zu werden.
Seid ihr nie in die Versuchung gekom­
men, die Produktion nach Südostasien
zu verlagern, um wirtschaftlich noch
erfolgreicher zu werden?
Es gehört zu unserer Firmenphilosophie,
Wider die
dass wir kommunizieren, wie wir das
Produkt herstellen. Das heißt jedoch
nicht, dass es zwingend richtig ist, alles
Reizüberflutung
in der Schweiz zu produzieren, wie wir n Schon bei kleinen Kindern die Ge­ in einem leuchtenden Orange ab. Zu­
es ja – abgesehen vom Nähen – noch schmacksbildung zu prägen und ihr Um­ sätzlich wählten die Gestalter einen
immer tun. Japan ist für uns ein wich­ feld so zu gestalten, dass sie sich wohl­ Sandton aus, der eine zweite Informa­
tiger Markt und Korea ist im Kommen. fühlen – auch das liegt in der Verant­ tionsebene ermöglicht. Und selbstver­
Macht es da wirklich Sinn, nur in Europa wortung von Designern. Vorbildlich um­ ständlich achteten sie bei der Auswahl
zu produzieren? Oder gäbe es aus der gesetzt hat das das Berliner Designbüro der Farben und der Materialien darauf,
Nachhaltigkeitsperspektive betrachtet Bildmitte, das für die Kinder im Kiez dass in diesen keine gesundheitsschäd­
vielleicht auch bessere Möglichkeiten? GmbH die Signalisation von 19 Kinder­ lichen Stoffe enthalten sind. ant
Man muss offen bleiben und dazu ver­ tagestätten entwickelte. Im Zuge der
suchen, State­of­the­Art­Lösungen zu umfassenden Sanierung einer Kita ent­
inden, die den eigenen Werten ent­ stand ein Kompendium an Piktogram­
sprechen. Darüber muss man nachden­ men, das auch in allen anderen zum Ein­
ken. Aber wir sind nie in Versuchung satz kommen soll. Dazu gehört die Sig­
gekommen, an unserem Wertesystem nalisation nach außen, die Gestaltung
zu schrauben. des Eingangsbereichs, der Treppenhäu­
Hat sich euer Designverständnis über ser und Flure sowie die Beschilderung.
die Jahre verändert? Vor dem Gebäude zeigt eine 7 Meter
Eigentlich nicht sehr. Design heißt für hohe Fahne an, um welche Einrichtung
uns, Form und Funktion in Einklang zu es sich handelt. Kommt der Besucher
bringen, und das im gesamten Produkt­ näher, sieht er die halbtransparenten
zyklus, von der Idee bis zum Vertrieb. Folien an der Fassade mit allen Icons,
Wenn die Firmeninhaber zugleich die die auch im Inneren wieder auftauchen.
Gestalter sind, sie einen Produktions­ Im Eingangsbereich transportieren eine
betrieb haben und auch den Vertrieb Hausübersicht, eine Teamtafel und un­
erledigen, kommt ein stimmiges, konsis­ terschiedliche Magnetboards die wich­
tentes Produkt und Firmenbild heraus. tigsten Informationen für Eltern und
Allerdings ist diese Art des Arbeitens Besucher. Wegeleittafeln in Treppenhäu­
selten geworden. Heute läuft alles eher sern und Fluren erleichtern die Orien­
globalisiert und dezentral. Das coole De­ tierung und auch die Kinder inden sich
signbüro in London macht den Entwurf, aufgrund der Beschilderung der Räume
produziert wird in China, die Marketing­ durch die Icons gut zurecht. Dem exis­
abteilung sitzt irgendwo außerhalb von tierenden Farbkonzept entsprechend –
Amsterdam. Das wäre dann eben nicht alle Räume sind in Pastelltönen gehal­
Freitag. In dem Bestreben, unser Pro­ ten – heben sich die Tafeln und Schilder
dukt von Anfang bis Ende zu begleiten,
sind wir uns immer treu geblieben –
egal, ob wir früher alles selbst gemacht
haben oder heute mit einem Team von
130 Mitarbeitern.
Wie schützt ihr euch gegen all die
Nachahmer?
Generell inden wir Schutz durch Inno­
vation spannender, als eine alte Idee zu
verteidigen. Wir haben größeren Spaß Dank der
daran, uns weiterzuentwickeln und im­ eingängigen
mer wieder neue Beispiele zu liefern, Icons inden
was Freitag auch sein kann, anstatt ei­ sich die Kinder
ne alte Idee gegen schlechte Plagiate gut in ihrer
zu verteidigen. Kita zurecht
Was ist für euch die größte Herausforde­
rung?
Uns treu und trotzdem nicht stehen zu
bleiben.
038 PAGE 07.12

KREATION

Ben Casey
Kreativdirektor bei The Chase,
Juror in der Kategorie Design
Auch wenn ich mich darauf freue, in
Cannes vieles zum ersten Mal zu sehen,
habe ich ein Lieblingsprojekt, nach
dem ich Ausschau halten werde. Es ist
der »Comedy Carpet«, eine riesige
typograische Outdoor-Arbeit in dem
britischen Badeort Blackpool, die
die berühmtesten Zitate von Come-
dians zeigt, die dort aufgetreten
sind. Das perfekt umgesetzte Projekt
voller Witz und Charme ist eine
Kollaboration des Künstlers Gordon
Young mit dem Londoner Graik-
designstudio why not associates.
Ich hoffe, es wurde eingereicht!
Foto: why not associates.
PAGE 07.12 039

Funny Times
Vom 17. bis zum 23. Juni steht die Côte d’Azur wieder ganz im Zeichen der Krea-
tivität. Welche Arbeiten haben die Chance auf eine Auszeichnung bei den
Cannes Lions? Wir fragten einige der diesjährigen Juroren nach ihren Favoriten
040 PAGE 07.12 KREATION Cannes Lions 2012

Eric Schoeffler
Chief Creative Officer bei
DDB Tribal Group,
Juror in der Kategorie Cyber
Das Trojaner-Shirt ist ein bedrucktes
T-Shirt, das nach dem Waschen
nicht nur die Farbe verliert, sondern
seine Aussage ändert. Wieder eine
dieser Ideen, bei denen man denkt:
»Mist, warum bin ich nicht selbst
draufgekommen?« Ich war und bin
sehr beeindruckt von dem Projekt,
denn es ist nicht nur eine verdammt
gute, kreative Idee, es ist vor allem
auch eine sehr mutige. Sich mit dem
»braunen Mob« anzulegen und
sogar dort hinzugehen, wo er sich
sicher fühlt, verdient allergrößten
Respekt. Aus dem Grund wünsche ich
den Kreativen von Grabarz & Part-
ner und dem Trojaner-Shirt nicht nur
viele Preise, sondern auch großen
Erfolg für ihre Botschaft. Chapeau!

Yoshihiro Yagi
Kreativdirektor bei Dentsu,
Juror in der Kategorie Design
Ich liebe das Musikvideo-Game »Bell«,
das die Agentur Party aus Tokio für
die japanische Band Androp umgesetzt
hat. Das Spiel visualisiert symbolisch
die Route, die eine E-Mail zurücklegt.
Der Nutzer taucht komplett in die
Welt ein, die der Künstler mit seinem
Song erschafft und versucht während-
dessen verschiedene Hindernisse
zu überwinden, damit seine Botschaft
wohlbehalten ausgeliefert wird. Die
interaktive Technik, verbunden mit
enormer Fantasie, die Emotionen aus-
löst, macht die Arbeit zu einer star-
ken Botschaft, die eine tiefgehende
Markenerfahrung ermöglicht.
PAGE 07.12 041

Sascha Hanke
Executive Creative Director bei
Kolle Rebbe, Juror in der
Kategorie Promo & Activation
Da ich bereits intensiv für die furchtbar
anstrengenden Jurytage in Cannes
trainiere, habe ich für die PAGE-Leser
exklusiv eine Vorjurierung vorge-
nommen. Die Shortlist lassen wir mal
weg. Kommen wir direkt zu den
Medaillen. Einen Bronze-Löwen vergebe
ich an das Actros-Taxi von JvM/Neckar.
Kompetitiv gedacht, visuell herausragend
umgesetzt: Taxianfragen von der MAN-
Zentrale werden direkt an das Actros-Taxi
weitergeleitet, und dieses chaufiert
die Kunden wie gewünscht ans Ziel. Eine
clevere Idee, die sich – so die Gerüchte-
küche – die Kreativen auf einer der vielen
abendlichen Taxifahrten von der Agen-
tur nach Hause haben einfallen lassen.
Silber bekommt Ogilvy & Mather aus
Paris für die Arbeit »La petite dose de
fun qui rafraichit«. Et voilà! Wieder
eine langweilige Flashmob-Idee . . . Eben
nicht! Ahnungslose Passanten werden
um eine Wegbeschreibung gebeten.
Machen sie ihren Mund auf, fallen die
Menschen um sie herum in Ohnmacht.
Besser Tic Tac lutschen. Die Hoffnung
von Ogilvy & Mather liegt nun im Heim-
vorteil. Ich empfehle, die Aktion wäh-
rend der Jurytage auf der Croisette
zu wiederholen. Der Werbermob wird
gelasht sein. Gold schließlich geht
an unsere polnischen Nachbarn von JWT
und den Kunden Nokia. »The one
battery journey« ist eine verrückte
Kooperation mit der polnischen Jules
Verne Society. Die Idee: Statt in achtzig
Tagen um die Welt reist ein Pole mit
einem Nokia-Handy und nur einer Akku-
ladung um die Welt. Hat funktioniert.
(Und, nein, die Idee ist NICHT geklaut!)
So. Und jetzt ab an den Strand.

Michael Trautmann
Gründer von kempertrautmann,
Juror in der Kategorie
Creative Effectiveness
Von den Gewinnern aus dem letzten
Jahr – und nur die dürfen ja in der
Efizienzkategorie einreichen – erschei-
nen mir die Old-Spice-Kampagne (siehe
PAGE 01.11, Seite 43) und die Gemein-
schaftsarbeit von Bing und Jay-Z (siehe
links und PAGE 09.11, Seite 40 ff.) am
aussichtsreichsten. Old Spice gelang
es, mit einer perfekten Kombination
von TV und Social Media einer verstaub-
ten Marke neues Leben einzuhauchen.
Bei Bing und Jay-Z war es der katego-
risch neue Einfall und die Kombination
aus Social Media und Out-of-Home-
Medien, die mich überzeugt haben.
042 PAGE 07.12 KREATION Cannes Lions 2012

Rei Inamoto
Creative Chief Officer bei AKQA,
Juror in der Kategorie Cyber
Es gibt zwei Arbeiten, die mir vor Kurzem beson-
ders aufgefallen sind: Die eine, da bin ich mir
sicher, wird in diesem Jahr in Cannes gewinnen –
die andere, denke ich, sollte gewinnen, wird
es aber wohl nicht. Die Arbeit, die gewinnen wird,
ist Mercedes Invisible Car. Um für ihr neues
Modell, das null Emissionen ausstößt, zu werben,
entwickelte Mercedes zusammen mit ihrer
Agentur Jung von Matt ein Auto, das im öffent-
lichen Raum unsichtbar wird. Basierend auf
der einfachen Idee, dass ein Auto ohne Schadstoffe
unsichtbar für die Umwelt ist, fand Jung von Matt
einen innovativen Weg, um das Auto aus seiner
Umgebung scheinbar verschwinden zu lassen. Das
Tolle an dieser Arbeit ist, dass sie Technologie
nutzt, die im wahrsten Sinne des Wortes transpa-
rent erscheint. Seit die Aktion vor ein paar Mona-
ten bekannt wurde, hat sie viel Aufmerksamkeit auf
sich gezogen, und das daraus entstandene Video
wurde über 9 Millionen Mal auf YouTube angeklickt.
Die Arbeit, die gewinnen sollte, es aber wohl
nicht wird, ist die iPad-App Paper. Viele unserer
analogen Werkzeuge sind in der jüngsten
Vergangenheit digitalisiert worden. Hier handelt
es sich um eine App, die das Skizzieren – eine
Tätigkeit, die wohl die meisten bisher lieber analog
als digital ausübten – in die digitale Welt holt
und sie noch besser macht. Diese Arbeit wird
wahrscheinlich nicht gewinnen, denn FiftyThree
aus den USA, die sie entwickelt hat, ist keine
Agentur und wird sie vermutlich auch nicht einrei-
chen, da sie nicht für einen Kunden entstand.
FiftyThree ist ein Produktdesignstudio von ehema-
ligen Microsoft-Design-Mitarbeitern, mit denen
wir in der Vergangenheit zusammengearbeitet
haben. Eine Firma wie etwa Moleskine, die
Skizzenbücher aus Papier herstellt, sollte sich
überlegen (oder hätte sich überlegen sollen),
selbst solch ein digitales Tool herauszubringen,
um im 21. Jahrhundert relevant zu bleiben. nik

≥ PAGE Online
Casefilme und Links zu
den vorgestellten Kam-
pagnen finden Sie unter
www.page-online.de/
cannes-favoriten12
044 PAGE 07.12 KREATION Interne Unternehmenskommunikation

Inside Out
Ob Wissensmanagement oder Change Communication – Agenturen und Designbüros entwickeln intelligente Tools
und Maßnahmen für die interne Unternehmungskommunikation, die Arbeitsstrukturen von innen heraus verändern

n Die Veränderung unserer Arbeitswelten beschäftigt reits unmittelbar nach seiner Einführung zur Verkürzung
Unternehmensberater, Psychologen und Zukunftsforscher, der Arbeitszeiten führte.
die diesen Wandel vor dem Hintergrund von Globalisie- Ein weiteres Thema im Wissensmanagement ist für Her-
rung, immer schnellerer digitaler Kommunikation und dem zer das Prinzip »Inside Out« – worunter er versteht, dass
Übergang von der Produktions- zur Dienstleistungsgesell- man interne und externe Kommunikation kaum noch trennt.
schaft diskutieren. Unmittelbar zu spüren bekommt die stei- So ist als nächste Version der Agenturwebsite zum Beispiel
gende Geschwindigkeit der Abläufe und den hohen Leis- ein Magazin über unsere digitale Zukunft geplant, das die
tungsdruck aber im Prinzip jeder. Maximale Vernetzung Erkenntnisse aus der täglichen kreativen Arbeit auf gesell-
und eigenverantwortliche Kommunikation, Flexibilität, Krea- schaftliche Themen überträgt. Neulandherzer geht es da-
tivität und Offenheit – von Arbeitnehmern wird immer rum aufzuzeigen, dass jeder Mensch Einluss auf die Ent-
mehr verlangt. Und so gewinnt auch die interne Unterneh- wicklung der vernetzten, digitalen Welt nehmen kann – das
menskommunikation verstärkt an Bedeutung, um Mitar- gilt umso mehr für große Unternehmen.
beiter intellektuell und emotional zu involvieren und die
Veränderungen in humanem Tempo umzusetzen.
In Kreativagenturen gehören Innovationsdruck und der BASF Asia Pacific Crowdsourcing
stetige Wechsel von Inhalten und Werkzeugen schon immer
zum Alltag. So verwundert es nicht, dass sie bei der Ent-
als Know-how-Katalysator
wicklung interner Kommunikationslösungen für Kunden, Basierend auf CrowdLab, einer Crowdsourcing-Software,
etwa von Social Networks fürs Task- und Wissensmanage- hat neulandherzer eine Communityplattform für BASF Asia
ment, häuig selbst Versuchskaninchen spielen. Die digital Paciic entwickelt. Bei der Simplify genannten Lösung er-
orientierte Kommunikationsagentur neulandherzer mit Bü- möglicht eine Art internes Facebook, die komplexen Arbeits-
ros in Berlin, Frankfurt und München etwa nutzt den Firmen- abläufe des Global Players zu optimieren. Betreut von einem
Microblogging-Dienst Yammer, ein agenturinternes Wiki, die Online-Community-Manager, steuern die Mitarbeiter praxis-
Projektmanagement-App Basecamp, das Task-Management- orientierte Verbesserungsideen aus sämtlichen Unterneh-
Tool Asana und die Kollaborationsplattform Podio. Nur: Wie mensbereichen wie Fertigung, Marketing oder Vertrieb bei.
lassen sich all diese Kanäle und Programme efizient bün- In der nächsten Phase diskutieren alle Interessierten die
deln, damit doppelte Arbeit vermieden wird? Neulandher- Vorschläge – unterstützt von Statistiken, Bildern und Be-
zer hat dafür eine Suchmaschine entwickelt, die sämtliche richten – in einem blogartigen Forum und stimmen über die
Dienste integriert – bislang ein Prototyp für die agentur- Relevanz ab. Die beliebtesten Ansätze werden schließlich
eigene Nutzung, der laut Geschäftsführer René Herzer be- in einem Workshop dem Management vorgestellt, das

Die Gestaltung von PAGE-Covern als Relexionstool – angewandt am Schatzsuchertag, einem internen Change-Branding-Event bei wirDesign in Berlin
PAGE 07.12 045

»Interessant war, wie sehr uns


gerade die spielerischen Tools weiter-
gebracht haben. Sie konnten uns
Stärken und Schwächen bildlich und
tiefgreifend verständlich machen«
Andreas Viedt, Mitgründer, Vorstand und Managing Brand Consultant bei
wirDesign, über Change Branding – auch in der eigenen Agentur

Change Branding spielt eine wichtige sitzes von Braunschweig nach Berlin Nach der Auswertung dieser Module
Rolle bei wirDesign. Was genau verste- zu verlegen, intern kommuniziert wer- stieg zum Schluss eine Party.
hen Sie darunter? den. Dann haben wir diese Verände- Gab es Erkenntnisse, die Sie über-
Andreas Viedt: Je nachdem, wie man rung zum Anlass genommen, unsere rascht haben?
den Begriff betont. Change Branding Identität mit dem Slogan »Im Herzen Es wurde deutlich, dass uns als Schatz-
bedeutet die Implementierung neuer sind wir Schatzsucher« zu hinterfra- suchern gelegentlich etwas mehr Mut
Markenelemente auf der technischen gen und des Weiteren in einem eintä- gut stände. Eine übereinstimmende
und mentalen Ebene. Dabei ist für den gigen Workshop unsere Strategie 2014 Einschätzung unserer Unternehmens-
operativen Part der Einsatz von Brand- anzudenken. werte war die Menschlichkeit. Nach
Management-Systemen wichtig, um ei- Wie sind Sie dabei vorgegangen? dem Event haben wir eine Arbeits-
ne konsistente Umsetzung der sichtba- Wir begannen mit informativen Vor- gruppe fürs Ideenmanagement zusam-
ren Markenelemente zu ermöglichen. trägen der Geschäftsführung über die mengestellt, die für die Umsetzung der
Beim Change Branding, das eine immer Hintergründe des Umzugs und zu Zu- erarbeiteten Ansätze sorgen soll. Ge-
größere Rolle spielt, geht es wiede- kunftsplänen. Es folgte eine Analyse nerell war es eine gute Erfahrung, die-
rum um die strategische und gestalteri- der Interviews, die eine Mitarbeiterin se Maßnahmen, die wir so häuig für
sche Begleitung der Veränderungspro- aus dem Brand Consulting im Vorfeld Kunden aufsetzen, im eigenen Haus
zesse in Unternehmen. Besonders auf mit dem kompletten wirDesign-Team durchzuführen – diese hemmungslose
der emotionalen Ebene wirkt eine star- über die Vorstellungen von der Agen- Beschäftigung mit sich selbst bleibt im
ke Marke mit starker Identität als stabi- tur, deren Stärken und Schwächen ge- Alltag ja aus. Interessant war auch, wie
lisierender Faktor im Wandel. Bei unse- führt hatte. Dann gab es Workshops, sehr uns gerade die spielerischen Tools
rer Arbeit für die Lasertechnologie-Fir- unter anderem im World-Café-Format. inhaltlich weitergebracht haben. Sie
ma FOBA zum Beispiel kommunizierte Um unsere Werte und Alleinstellungs- konnten uns Stärken und Schwächen
man die neue Ausrichtung des Unter- merkmale hervorzuheben, inszenier- sehr bildlich und tiefgreifend verständ-
nehmens mit den veränderten Besitz- ten Mitarbeiter beim Elevator Pitch ein lich machen.
verhältnissen anhand des Brandings. Rollenspiel in unserem langsamen, al- Worauf kommt es in der Kommunikation
Weshalb haben Sie den Schatzsucher- ten Bürofahrstuhl: ein iktives Treffen an, um Ängste und Unsicherheiten
tag als Change-Communication-Event mit einem früheren Studienkollegen, der Belegschaft bei Umstrukturierun-
bei wirDesign eingeführt? den sie von einem Job bei wirDesign gen zu beseitigen?
In erster Linie sollte unsere Entschei- überzeugen sollten. Zudem gestalteten Auf die Glaubwürdigkeit der eingesetz-
dung, einen Großteil unseres Stamm- sie PAGE-Cover mit wirDesign-Themen. ten Mittel, die Stimmigkeit des Tons
und die Angemessenheit der Inhalte.
Eine direkte Ansprache ist dabei wich-
tig. Welche Ressourcen kann ich für
meine Kommunikationsmaßnahmen in
Anspruch nehmen, welche Personen
kann ich einbinden? Hat ein Geschäfts-
führer überhaupt das Charisma dafür,
seine Mitarbeiter mitzureißen? 
Welche Maßnahmen sind Ihrer
Erfahrung nach beim Change Branding
besonders efizient?
Workshopformate und Gesprächsrun-
den, deren soziale und kommunikative
Aspekte Menschen sachlich und emo-
tional stark involvieren. Es ist sinnvoll,
die Intensität von Bildern einzusetzen –
aber ohne die Inhalte zu banalisieren.
Kopf und Bauch müssen sozusagen
Hemmungslose Beschäftigung mit sich selbst: Was müssen Schatzsucher leisten? gemeinsam lernen dürfen. wl
046 PAGE 07.12 KREATION Interne Unternehmenskommunikation

den Startschuss für die Umsetzung gibt. Diese liegt dann kostengünstig interne Marketing-, Trendforschungs- oder
in den Händen der Ideengeber. Innovationsplattformen etabliert. Beim Sammeln, Gliedern
Zu den Erfolgsstorys von Simplify gehört die Einführung und Weiterentwickeln des vorhandenen Know-hows lässt
von Firmenkreditkarten bei BASF Asia Paciic. Der Hinter- sich zum einen die Komplexität unübersichtlicher Struk-
grund: Die Belegschaft des internationalen Unternehmens turen reduzieren, zum anderen kann, durch aktives Net-
reist sehr viel, die Abrechnung war aber kompliziert und working, eine größere Nähe zwischen den Mitarbeitern ent-
zeitintensiv. Und so wurde die Idee, das Ganze über Kredit- stehen. Von diesen verlangen die Plattformen einen hohen,
karten laufen zu lassen, von der Community hochgevotet. kontinuierlichen Kommunikationseinsatz und die Bereit-
Die Initiatoren holten Angebote von Kreditkartenirmen schaft zum eigenständigen Lernen. Dennoch dürften auch
ein, während das Controlling das Einsparungspotenzial ver- sie – angesichts der wachsenden Wertschätzung von Wis-
öffentlichte. Auf diese Weise ließ sich das Abrechnungssys- sen in der Informationsgesellschaft – aus dieser Zusatzbil-
tem schnell und unbürokratisch vereinfachen. dung persönlich Kapital schlagen.

Voraussetzung für ein Crowdsourcing-Tool wie Simplify ist


eine Unternehmenskultur, in der eine derart transparente, Bosch Mehrstufige
unhierarchische Kommunikation von der Führungsebene
vorgelebt und begleitet wird. Außerdem ist eine dialog-
Change-Enabling-Kampagne
orientierte Einführung unabdingbar, die die User an die Pra- Was passiert, wenn grundlegende Umstrukturierungen in
xis heranführt. »Kommunikationsprojekte sind immer häui- Unternehmen stattinden? Wie lässt sich ein Haltungswech-
ger Softwareprojekte«, sagt René Herzer. Und da kann eini- sel inmitten des durchgetakteten Tagesgeschäfts durchset-
ges schielaufen. Für Frustration sorgt etwa, dass oft schon zen? Unter dem Oberbegriff »Diversity & Inclusion« versu-
Betaversionen von Anwendungen implementiert werden, chen Firmen seit einigen Jahren, den konstruktiven Um-
die mit ihren zu Anfang üblichen Bugs nicht das halten, was gang mit einer vielfältigen Belegschaft zu fördern. Denn glo-
im Voraus in der Kommunikation versprochen wurde. Um balisierte Arbeitsprozesse und gesellschaftlicher Wandel
genau das zu vermeiden, deiniert neulandherzer Key-Per- erfordern eine immer engere Zusammenarbeit von Men-
formance-Indicator-Sets, die den Fortschritt der Software schen unterschiedlicher Nationalitäten, Kulturen und Men-
markieren. »Der begleitende Werbeilm sollte erst gezeigt talitäten, unterschiedlichen Alters und Geschlechts. Natür-
werden, wenn die KPIs abgearbeitet sind«, erklärt Herzer. lich hat das Interesse an Diversity auch ökonomische und
»Sinnvoll sind vor der Einführung solcher Tools Entwickler- rechtliche Gründe: EU-Richtlinien verlangen in Ausschreibun-
blogs, in denen sich die Core-Community mit den Program- gen die Förderung von Vielfalt, und es existiert nachweis-
mierern austauschen kann. Diese aus eigenem Antrieb in- lich eine Korrelation zwischen gemischten Teams und Inno-
teressierten User sind in Firmen immer die wichtigsten Für- vationskraft in Unternehmen.
sprecher für solche Projekte.« Zu diesem Thema hat edenspiekermann für Bosch eine
Das Potenzial sozialer Netzwerke für das Wissensma- Kommunikationskampagne entwickelt. Den Anfang macht
nagement in Unternehmen ist groß, werden damit doch der Teilbereich Gender Diversity – ein Thema mit Spreng-
PAGE 07.12 047

Edenspiekermann
setzt in ihrer
Diversity-Kampa-
gne für Bosch
auf Fakten. Visu-
alisiert als abstra-
hierte Personen,
die die Outlines
realer Bosch-Mit-
arbeiter zeigen,
wurden die Info-
graiken zum
ungleichen Ver-
hältnis männ-
licher und weib-
licher Führungs-
kräfte in der
Belegschaft auf
Infoplakaten
und an Toiletten-
türen in der
Firma gezeigt

stoff. In Politik und Medien wird die Diskussion um die »Glä- 387 Top-Managern nur 8 weiblich sind (circa 2 Prozent), wur-
serne Decke« geführt, die Frauen den Weg an die Spitze er- de der 9-prozentige Frauenanteil in der gesamten weiteren
schwert. Zum Teil durch öffentlichen Druck, zum Teil aus Führungsebene dargestellt. Auch verbal ist man zurückhal-
personalpolitischer Notwendigkeit erkennen Firmen ihren tend: »Von 100 Führungskräften bei Bosch sind 9 Frauen. Bis
Nachholbedarf. Das betrifft besonders technikgetriebene 2012 steigern wir ihren Anteil auf 15 %? – ein Anfang.«
Unternehmen wie Bosch, das bislang wenige Frauen für ei- Bewusst setzt edenspiekermann in ihrer Argumentation
nen attraktiven Arbeitgeber halten. Doch kann der Kon- nicht auf Frauenförderung, sondern auf den Mehrwert ge-
zern mit 350 Standorten weltweit langfristig nicht auf gut mischter Teams, der die Entscheider durch die nüchterne
ausgebildete weibliche Arbeitskräfte verzichten. Darstellung von Sachargumenten überzeugen soll. Dass
Statt als Change Management versteht edenspieker- beim Anblick der Plakate dennoch die Emotionen der Be-
mann ihren Beitrag als Change Enabling – mit der Entwick- legschaft hochkochten, demonstriert einmal mehr, wie stark
lung von Tools, die es Bosch ermöglichen, den Wandel men- Bilder wirken – auch wenn sie dem Konzern nur mit visuali-
tal anzunehmen und praktisch einzuleiten. Die erste der sierten Zahlen den Spiegel vorhalten. Obwohl mit den Aussa-
drei Kampagnenphasen hatte das Ziel, die Mitarbeiter durch gen weder Frauenförderung noch konkrete Ziele festgelegt
eine Reihe von Online- und Ofline-Maßnahmen für die werden, machte das teilweise heftige, ablehnende Feed-
Problematik zu sensibilisieren. Die zweite Phase bindet sie back, etwa in aggressiven E-Mails oder durch Veralberungen
aktiv in die Kommunikation ein, indem der Dialog gefördert der Kampagne im Intranet, die Ängste der Männer greifbar,
und Führungskräfte in Diversity-Workshops geschult wer- in der Firma an Bedeutung oder gar den Job zu verlieren.
den. In der letzten Phase soll das Thema mithilfe aktueller
Erfolgsgeschichten innerhalb der Unternehmenskultur ver- Leichtere Kost boten die Glückskekse mit augenzwinkernd
ankert und im Rahmen des Arbeitgebermarketings nach au- esoterischen Sprüchen zum Thema Gender Diversity. Mit ih-
ßen kommuniziert werden. ren zehn nummerierten Orakeln, die nicht nur an den Nasch-,
sondern auch an den Sammeltrieb der Mitarbeiter appellier-
Da die Führungsriege bei Bosch aktuell zu über 90 Prozent ten, kam diese Aktion besonders gut an. Im Gegensatz da-
mit Männern besetzt ist, war klar, dass diese im Fokus der zu stießen die humorvollen Aufkleber auf den Toiletten
Kampagne stehen. Sie präsentiert sich entsprechend fak- (»Keine Angst, hier bleiben Sie auch in Zukunft unter sich«)
tenorientiert und schlicht, um zu verdeutlichen, dass es sich auf heftige Kritik und wurden nach einer Woche als Fall von
um ein business issue handelt. Zu den wichtigsten Modulen Überkommunikation entfernt.
der ersten Phase gehören Informationslyer, Screen-Pop- Unterschiede im Tonfall werden nuanciert wahrgenom-
ups, Aufkleber und Infotafeln auf dem Firmengelände so- men – bei der Entwicklung der Kampagne kooperierte eden-
wie Plakate, die den geringen Frauenanteil bei Bosch als spiekermann eng mit einem Bosch-Team, um dem Ton in-
Infograik thematisieren. In diesen nüchternen Visualisierun- nerhalb des Unternehmens und den lokalen Besonderhei-
gen trat das Extrem des Ist-Zustands so deutlich hervor, dass ten der Standorte weltweit gerecht zu werden. Der Humor
letztlich eine andere Datenquelle genutzt wurde, um die auf den Toiletten war für Japaner beispielsweise unverständ-
Aussage zu entschärfen: Statt der Tatsache, dass unter den lich; und da in den USA die Nennung von Quoten für Min-
048 PAGE 07.12 KREATION Interne Unternehmenskommunikation

Die Partituren der


Fuenfwerken-
Mitarbeiter, entwi-
ckelt für das
Forschungspro-
jekt »Music –
Innovation – Cor-
porate Culture«,
zeigen die Sicht
auf ihren Arbeit-
geber in Form von
modern anmu-
tenden Musikstü-
cken. Oben links:
die Partitur einer derheiten untersagt ist, musste die Kommunikation für Pappfächer zum Einstecken im iPhone-Format gestaltet,
Mitarbeiterin diese Region modiiziert werden. Vor Kurzem stieg Bosch in der die Argumente für Gender-Aspekte bei Bosch kompakt
aus dem Bereich die zweite, partizipative Kampagnenphase ein – richtig versammelt; in einem Fragenkatalog werden offen kriti-
Ofice-Manage- spannend wird es zum Jahresende, wenn der Frauenanteil sche Einwände beantwortet, um dem Management Argu-
ment und da- überprüft und Erfolge kommuniziert werden. mente an die Hand zu geben. »Um einen wirklichen Kultur-
neben die eines Schon ein halbes Jahr nach Start der Kampagne ist ein wandel einzuleiten, bleibt der persönliche Dialog die wich-
Artdirektors starker Anstieg des Frauenanteils in Führungspositionen tigste Komponente«, so Madeleine Förster.
bei Fuenfwerken bei Bosch zu verzeichnen. Dass das Ganze mehr als oberläch-
liches Arbeitgebermarketing ist, demonstrieren auch Ge-
schichten aus dem Inneren des Konzerns: Irritiert von der Forschungsprojekt Corporate
Vorstellung weiblicher Führungskräfte, berichtete ein Mit-
arbeiter aus dem Bosch-Management zu Hause von der
Culture und Innovation
Gender-Diversity-Kampagne. Erst als ihm seine Töchter die Zunehmend sind Markenspezialisten für die interne Unter-
Selbstverständlichkeit des Themas klarmachten, konnte er nehmenskommunikation verantwortlich, die Identität als
seine Perspektive wechseln und Verständnis aufbringen. eng verlochtenes Konstrukt von Image, Mitarbeiterpersön-
»Stereotypen inden sich, ebenso wie visionäre Ansichten, lichkeiten und Organisationsstrukturen verstehen. Anders
auf allen Hierarchieebenen – in der Fertigung ebenso wie als etwa PR-Agenturen oder Unternehmensberatungen en-
in der Führungsetage«, sagt Madeleine Förster, bei Bosch det ihre Dienstleistung nicht bei der Entwicklung eines
für die Diversity-Kommunikation zuständig. »Doch sobald Konzepts oder eines Textes, sondern führt zu praktischen
Männer persönlich involviert sind, werden sie oft zu den Anwendungen, die der Zielgruppe in ihrem Arbeitsalltag
engagiertesten Förderern.« Reibungsläche bieten. Einen ungewöhnlichen Ansatz ver-
Entscheidend für das Gelingen eines solchen Haltungs- folgt das Forschungsprojekt »Music – Innovation – Corpo-
wechsels innerhalb eines Unternehmens ist deshalb, so rate Culture«, getragen vom Deutschen Zentrum für Luft-
Madeleine Förster, die frühzeitige, intensive Einbindung und Raumfahrt und initiiert vom Lehrstuhl für Organisa-
des – vielfach noch von alten Rollenbildern geprägten – tionspsychologie an der Universität Duisburg Essen. Das
Managements, um die Führungskräfte in Präsentationen Ziel war es herauszuinden, inwiefern sich Betriebsstruktu-
und Workshops mit Fakten zu überzeugen. Dabei gilt es, ren in musikalische Prozesse übersetzen lassen, um diese
Ängste ernst zu nehmen, ohne ihnen zu viel Raum zu ge- gegebenenfalls für die Managementlehre zu verwenden.
ben, und ihnen mit hoher Informationsbereitschaft entge- Dabei war das Designbüro Fuenfwerken Partner und als Fir-
genzutreten. So hat edenspiekermann zum Beispiel einen ma zugleich Untersuchungsgegenstand.
PAGE 07.12 049

Fotos ( von links):


Vertonung
einer Partitur mit
Christopher Dell
(Vibraphon),
Christian Ramond
(Bass) und Felix
Astor (Drums). Da-
nach analysierte
das Team die Musik-
stücke und dei-
nierte eine Design-
sprache. Dazu
konnten Unterneh-
Unter der musikalischen Leitung des Jazzmusikers und Erkenntnisse als eine intuitiv angerissene Wegrichtung«, so menswerte auf
Architekturtheoretikers Christopher Dell gab es Workshops, Schmidhuber. Das Interessante an der Improvisation sei dem interaktiven
die die Teilnehmer in Musiktheorien, vor allem in Improvisa- die Existenz von Patterns, die sich – auch in Unternehmens- Reactable mit-
tionstechniken, einführten. Anschließend fanden klassische strukturen – zusammenfügen und verschieben lassen. tels würfelförmiger
Interviews mit den Belegschaften der Projektpartner – ne- Elemente in
ben Fuenfwerken zum Beispiel eine Stadtverwaltung – über Im Brandingprozess für die SaarLB (siehe PAGE 01.12, Sei- individuelle Sound-
ihre individuelle Position und ihre Vorstellungen von dem te 62 ff.) wurde auf diese Art eine für ein Geldinstitut unge- teppiche über-
jeweiligen Unternehmen statt. Zusätzlich sollten sie typi- wöhnliche Farbnuance für das Corporate Design gefunden: tragen werden
sche Projektabläufe in freie musikalische Partituren über- ein knalliges Goldgrün, das aus der energetischen Musik re-
tragen, die Dell mit seiner Band DRA interpretierte und in sultierte, die die Bankmitarbeiter ihrem Arbeitgeber zu-
kleinen Konzerten vortrug. Bemerkenswert: die Werke, als ordneten. »Beim Übertragen der Musik in visuelle Elemen-
eine Art intuitive Infograiken, ließen teilweise Rückschlüsse te ist man freier, sodass Unternehmensaspekte und Bilder
auf ihre Macher zu. So stammte eine von vielen kleinen zum Vorschein kommen können, die eine ausschließlich
Punkten gekennzeichnete Partitur ganz eindeutig aus der rationale Analyse kaum zugelassen hätte«, erklärt Holger
Verwaltung der Kreativagentur. In zusätzlichen ImproLab- Schmidhuber. »Einerseits wirkt Musik hochemotional, an-
Workshops konnten die Mitwirkenden ihre Werte am inter- dererseits ermöglichen die nicht immer harmonischen, irri-
aktiven Soundtisch Reactable in Klangteppiche übersetzen. tierenden Klänge eine analytische Herangehensweise. Wich-
»Als Designagentur sind wir daran interessiert, die Er- tig ist dabei ein genaues Hinhören.«
kenntnisse des Projekts – Unternehmenskulturen hörbar Aus dem Forschungsprojekt soll nun ein Kreativitätstool
zu machen – in Identitätsprozessen einzusetzen, die ›Musik‹ für Brandingprozesse entwickelt werden. Letztlich lässt es
sozusagen als Brieing mit intuitivem Zugang zu verstehen«, sich jedoch für alle Arbeitsbereiche einsetzen, in denen es
sagt Fuenfwerken-Geschäftsführer Holger Schmidhuber. um die Relexion von Unternehmenskulturen geht. »Arbeit-
Ein Mitarbeiter zum Beispiel setzte störende Elemente in nehmer hinterfragen zunehmend die gesellschaftliche Re-
seine Partitur ein – die, wie sich herausstellte, für das Inter- levanz eines Unternehmens, seine Motivation und die eigene
venieren der Chefs im kreativen Prozess standen. Daraus Rolle innerhalb dieser Strukturen«, sagt Holger Schmid-
resultierte die Frage, wie sich solche Störer efizient in De- huber. Zeitgemäße interne Kommunikation fordert und för-
signprozesse einbauen lassen. »Es gibt in der Musik kein dert das individuelle Wissen eines jeden Mitarbeiters und
Falsch und Richtig. Mit dieser Methode werden Fragen über bezieht dabei seine persönliche Haltung ein. Das dürfte
das Unternehmen oft emotionaler und ehrlicher beantwor- aber ohne ernst gemeinte Wertschätzung für die Arbeit-
tet als in Interviews. Man erhält allerdings weniger greifbare nehmer nicht funktionieren. wl
050 page 07.12 KREATION Transmedia-Welten

Abbildungen: UFA Lab

ausweitung der Spielzone


»Transmedia« ist das Modewort der Stunde. Wir stellen Projekte und Entwickler vor, die ganze
Erzähluniversen erschaffen und eine Story über viele Plattformen hinweg zusammensetzen
page 07.12 051

n Eher beiläufig hat die FMX ihren grunde, die sich über drei bis fünf Wo-
Untertitel geändert und nennt sich chen oder auch mal über ein halbes
jetzt »Conference on Animation, Ef- Jahr erstrecken kann. Hier steht eine
fects, Games and Transmedia«. Damit Geschichte im Vordergrund, bei allen
will man der wachsenden Bedeutung anderen Transmedia-Erfahrungen ist
von Transmedia-Produktionen Rech- es eine Welt – auch eine Produkt- oder
nung tragen. Transmedia scheint also Markenwelt –, die um einiges größer
mehr zu sein als nur eine neue Be- und nachhaltiger ist.
zeichnung für ein mehr oder weniger Storylines haben starke Alternate-
neues Konzept. Inga von Staden hat die Reality-Game-Züge, weil der User von
Transmedia-Reihe der FMX kuratiert einer Plattform zur anderen gezogen
und leitet den Studienschwerpunkt In- wird. Dies geschieht durch Mittel wie
teraktive Medien am Animationsinsti- Cliffhanger, Rätsel oder Rabbit Holes.
tut der Filmakademie Baden-Württem- Bei Transmedia-Welten sind es die ver-
berg, der seit diesem Jahr zum Trans- schiedenen Fenster, wie der Film, das
media/Games Director oder Producer Buch oder die Graphic Novel, die auf-
ausbildet. Sie erläutert: »Der Begriff einander verweisen. »Wenn ich durch
Transmedia kommt aus der Filmbran- diese verschiedenen Fenster geschaut
che und wurde maßgeblich von Henry habe, habe ich dieses Universum in
Jenkins mit seinem Buch ›Convergence seiner Komplexität besser erfasst, als
Culture‹ von 2006 geprägt. Es geht da- wenn ich nur durch eines schaue. Um
bei um die Konvergenz von Film, Fern- diese Welt zu verstehen, muss ich aber
sehen, Computer, Spielkonsolen und nur durch eines der Fenster schauen,
mobilen Devices sowie deren Verlech- bei Transmedia-Storylines dagegen be-
tung beim Storytelling. Im Gamesbe- dingen sie sich gegenseitig.«
reich oder in Werbung und Marketing Für Medienmacher eröffnen Trans-
gibt es diese Konvergenzbewegung be- media-Welten und -Storylines sehr vie-
reits seit Langem. Nur jeder nutzt an- le Möglichkeiten, Content neu zusam-
dere Bezeichnungen dafür und inter- menzusetzen und zu produzieren. Da-
pretiert es auch anders.« rin liegt auch die Herausforderung: Auf
Der Ansatz beim Transmedia-Story- welche Weise entwickle ich ein Univer-
telling ist, die Inhalte für unterschied- sum und dokumentiere das für unter-
liche Plattformen auch jeweils unter- schiedliche Formatteams? Wie wahre
schiedlich aufzubereiten. Der Transme- ich eine künstlerische Gesamtsicht?
dia-Entwickler erindet oder erforscht Wie schaffe ich die größtmöglichen Sy-
ein Universum und überlegt, welche nergien zwischen Preproduction, ei-
Geschichten er etwa ilmisch umsetzen gentlicher Produktion und Marketing
kann, welche Aktionen es gibt, die sich zum Aufbau von Communitys?
für Games eignen, welche Elemente
sich in Communitys hineintragen lassen In Deutschland war es im vergange-
und für welche Dienstleistungen er Ap- nen Jahr das UFA Lab, das in Kollabo-
plikationen entwickeln kann. Dabei hat ration mit dem ZDF mit »Wer rettet
er immer die gesamte Medienarchitek- Dina Foxx?« zu einer Schnitzeljagd on-
tur im Blick und achtet darauf, wie die line und in der realen Welt einlud. Das
Kanäle miteinander verwoben sind. Auf Content-Labor für Neue Medien der
diese Weise entstehen dann komplette UFA Film & TV Produktion GmbH ar-
Transmedia-Welten, wie etwa bei »Star beitet an Brand Extensions, also daran,
Wars«, »Harry Potter« oder »Matrix«. TV-Formate in andere Medien zu über-
tragen und zu erweitern. Die Berliner
Von solchen Transmedia-Universen zu setzen bereits seit 2009 Transmedia-
unterscheiden sind Transmedia-Story- Projekte in Deutschland um.
Linke Seite: Die Mindmap zu dem Transmedia-Projekt »Wer lines. »Diese inden über einen be- Ins Laufen brachte die Story der
rettet Dina Foxx?« (www.dinafoxx.zdf.de ) des UFA Lab stimmten Zeitraum auf verschiedenen Fernsehkrimi »Wer rettet Dina Foxx?«
zeigt die Verlechtungen der beteiligten Charaktere. Der Kanälen statt. Die Kunst ist dabei, die zum Thema Datenschutz. Am Ende
TV-Film (ganz oben) wurde als Internetkrimi fortgesetzt, Geschichte mit einem Hauptplot und des Films, der plötzlich abbricht, wird
den die Nutzer lösen sollten. Neben verschiedenen Online- vielen Subplots, mit den Protagonis- eine junge Frau des Mordes an ihrem
Game-Elementen, etwa Bilderrätseln oder der Analyse ten und vielen Nebendarstellern auf Exfreund beschuldigt. Beide hatten
von Überwachungskameraaufnahmen, gab es auch Alter- mehren Plattformen zu erzählen«, so bei einer Softwareirma gearbeitet,
nate Reality Games mit Geocaching oder die Möglich- Inga von Staden. Einer Storyline liegt die Schnüffelprogramme für das Inter-
keit zu Live-Chats und reale Events mit den Schauspielern eine zeitorientierte Dramaturgie zu- net entwickelt. In den drei Wochen
052 page 07.12 KREATION Transmedia-Welten

»Die Fans treiben nach der TV-Ausstrahlung bekamen


die Zuschauer Hinweise und Informa-
tionsschnipsel als eine Art Internetkri-
eine Story in mi präsentiert, die sie auf die Fährte
des wahren Mörders bringen sollten.
Richtungen voran, Als erste Live-Interaktion war die
Hauptdarstellerin in der Vor-TV-Phase
die der produzent drei Wochen lang in Berlin auf dem
Alexanderplatz unterwegs und infor-
nie für möglich mierte die Passanten zum Thema Da-
tenschutz. Eine Verquickung von On-
gehalten hätte« line und Ofline der besonderen Art
war eine Aktion mit Geocaching – da-
Henry Jenkins, Provost’s Professor of bei handelt es sich um das Hobby ei-
Communication, Journalism and Cinematic ner weltweiten Fangemeinde: Objek-
Arts an der USC Annenberg und der USC te werden in der realen Welt, etwa in
School of Cinematic Arts, hat den Begriff Parks oder Ruinen, versteckt, und die
Transmedia entscheidend geprägt und war Spieler spüren sie allein über die GPS-
einer der Sprecher auf der FMX in Stuttgart Koordinaten auf. Bei »Wer rettet Dina
Foxx?« wurden USB-Sticks in fünf deut-
Wie erklären Sie sich das starke Interesse an und Erweiterungen erlauben es dem User, sie schen Städten platziert, die jeweils ei-
Transmedia? durch die Augen der verschiedenen Figuren nen Teil eines Videos enthielten. Die
Henry Jenkins: Einer der Antriebskräfte da- zu betrachten? Wie kann man die Zeitschiene User sollten die Dateien inden, auf eine
für, dass das Transmedia-Konzept momentan erweitern, um Raum für Hintergrundwissen Seite hochladen und auf diese Weise
weltweit so angenommen wird, ist der Wunsch, zu schaffen? Jenseits davon fordert eine zusammensetzen. Das Video trug dann
die Fans und Konsumenten mehr zu involvie- Transmedia-Story die Zuschauerbeteiligung maßgeblich zur Lösung des Falles bei.
ren. Das kommt zu einer Zeit, in der sich die heraus. Deshalb sollte man auch über die kul-
Medien und Zielgruppen fragmentieren. Um turellen Anziehungskräfte nachdenken, die Das Spiel gab es in drei Ausführun-
eine Bindung zu dem Transmedia-Universum die Zuschauer zusammenbringen, sowie über gen: In der Lean-Back-Variante konn-
herzustellen, müssen die Fans sich aber auch die kulturellen Auslöser, die sie zum Handeln ten User dem Geschehen mit einer Zu-
um die Storys kümmern, die sie konsumieren. bewegen. Diese Einladung zur Partizipation sammenfassung folgen, ohne selbst
Sie müssen das Verlangen verspüren, tiefer sollte ausdrücklich sein, denn die Fan-Com- dazu beitragen zu müssen. Beim leich-
einzusteigen, die Ideen weiterzutreiben, sie munitys bilden sich oft um reichhaltige, im- ten Schwierigkeitsgrad galt es, die
gemeinschaftlich weiterzuentwickeln – und mersive Erlebnisse. Fans treiben eine Story in Wohnung von Dina Foxx mit der Web-
nächste Woche wiederzukommen. Ohne das Richtungen voran, die der Produzent nie für cam nach Indizien abzusuchen und
Involvieren der Fans verfehlen sowohl die möglich gehalten hätte – so lange, wie die Bilderrätsel zu entziffern. Die dritte Va-
Transmedia-Entwickler als auch die Werber, Rechteinhaber sie gewähren lassen. riante war ein Alternate Reality Game
die Transmedia-Kampagnen entwickeln, ihr Wie können mobile Devices das Transmedia- mit einer virtuellen Schnitzeljagd, bei
Ziel. Die User kümmert es dann recht wenig, Storytelling erweitern? der die User jeden Tag – zum Teil ge-
welche Werbung an diese Entertainment-Er- Zwei wichtige Funktionen dieser Geräte sind meinsam – Aufgaben wie das Geo-
fahrung gekoppelt ist. Wer Transmedia als ulti- zum einen, dass sie Standorte tracken, sie caching zu lösen hatten.
mative Form des Branding versteht – und es können also iktionale oder reale Informatio- »Wer rettet Dina Foxx?« kam bei
ist sicher mehr als das –, wird nur Erfolg ha- nen zu den Orten ausgeben, die wir aufsu- den Zuschauern gut an: Am Tag nach
ben, wenn er zuerst ein bedeutsames Erzäh- chen, und auf unsere Bewegungen durch die- der TV-Ausstrahlung belegte der Hash-
luniversum erschafft, das die Interessen von se Orte reagieren. Zum zweiten ermöglichen tag »#dinafoxx« Platz 3 auf der Twitter-
verschiedenen Fangruppen einbezieht. sie die Konversation zwischen geograisch Rangliste und Platz 6 bei der Google-
Welche Story ist ideal, um sie in unterschied- entfernten Usern. Beide Funktionen werden Suche in Deutschland. Insgesamt gab
lichen Kanälen weiterzuentwickeln? bisher noch nicht tiefergehend genutzt. Die es eine Million TV-Zuschauer und über
Eine Transmedia-Geschichte beginnt mit dem meisten Mobile Games machen das Smart- eine Million Page Impressions auf der
Entwurf einer fesselnden Welt, die die Hand- phone zum Game-System, das wir von überall Hauptspieleseite in den drei Wochen,
lungsstränge vieler verschiedener Charaktere spielen können. Aber es ermutigt uns nicht, in denen das Game lief. Kristian Costa-
unterstützt und die Rezipienten wie Geschich- über das Gerät hinauszugehen und die Leute Zahn, Head of Creation bei UFA Lab/
tenerzähler gleichermaßen tiefer erforschen um uns herum und die Umgebung einzubin- UFA Interactive, resümiert: »Wir sind
wollen. Diese Story kann aus einer rein erfun- den. Deshalb interessieren mich im Moment stolz darauf, dass wir mit diesem Spiel
denen (Science-)Fiction-Welt bestehen – einer AR- oder Big Urban Games, die in der realen 1,5 bis 2 Millionen User erreicht haben –
Welt, die eine Alternative zu unseren eigenen Welt handeln, große Spielteams verlangen und wenn man bedenkt, dass der Film erst
Erlebnissen in der physischen Welt darstellt. sowohl iktionale als auch Daten über unsere spätabends als ›Kleines Fernsehspiel‹
Sie könnte aber auch aus einer Rekonstruk- physische Umgebung einbeziehen. Mit die- ausgestrahlt wurde.«
tion einer historischen Periode bestehen. sen Geschichten verlässt die Fiktion den TV- Der Spieleverlauf brachte viele neue
Und dann? Bildschirm, um Storys nicht nur anzureichern, Erkenntnisse für das UFA-Lab-Team.
Hat der Transmedia-Entwickler eine solche sondern auch Bürger und Anwohner mehr zu Kristian Costa-Zahn sagt: »Wir hatten
Welt geschaffen, überlegt er, was welches involvieren. Es geht darum, die Leute von der gedacht, dass jeder Teilnehmer für sich
Medium dazu beisteuern kann: Wie lässt sich Couch zu reißen und dafür zu begeistern, was allein mit einem eigenen Account spielt
diese Welt durch audiovisuelle und interakti- um sie herum stattindet. Es geht um das Ge- und sich natürlich in einem eigenen
ve Erfahrungen kreieren? Welche Plattformen fühl der Verbundenheit und Kollektivität. vd Forum über die Rätsel austauscht. Fakt
war aber, dass die User von Anfang an
page 07.12 053

»Socks Incor-
porated« (www.
socksinc.com)
ist ein experi-
mentelles Trans-
media-Projekt
von Jim Babb,
bei dem die User
eine Socken-
puppe basteln,
mit der sie
dann eigene
Geschichten
erinden. Diese
zeichnen sie
auf und laden
sie als Bilder
oder Clips auf
ein Portal hoch
Abbildungen: Awkward Hug

Abbildungen: Ford
als Kollektiv zusammengespielt haben sagt Jim Babb. Sämtliche Spielemodu- Bei Fords »Focus Ral-
und eine Art Schwarmintelligenz ent- le entwickelten sich in Echtzeit. »Hat- ly« (http://focusrally.
wickelten. Dadurch haben sie die Auf- ten die Nutzer am Abend vorher ein com) stimmten die
gaben sehr viel schneller gelöst, als Puzzle gelöst, brachte das den Teams User online über
wir erwartet hatten, und wir mussten am nächsten Tag entscheidende Vor- die Teilnehmer des
uns ziemlich viel Live-Storytelling aus- teile«, erklärt Babb. Rennens ab. Die
denken, um das Game bis zum letzten Mit Transmedia experimentiert Jim beliebtesten beka-
Spieltag immer wieder zu erweitern.« Babb aber noch anderweitig. So be- men Bonuspunkte
treibt er nebenbei eine eigene Game- als Unterstützung.
Auf spontane Einlagen muss sich auch irma namens Awkward Hug, mit der Links: Während der
Jim Babb bei seinen Transmedia-Sto- er »Socks Incorporated« entwickelt, Rallye mussten die
rylines einstellen. Der Digital Strate- eine Kombination aus Webserie und Teilnehmer unter an-
gist bei der New Yorker Strategieagen- Alternate Reality Game. Die Spieler bas- derem einen Ballon-
tur Undercurrent berät Kunden wie teln sich hier einen eigenen Avatar – parcours bewältigen.
PepsiCo oder Lincoln, wie sie intern eine Puppensocke –, lösen Aufgaben Dabei bekamen sie
und extern Inhalte für Online sowie und spielen kleine Geschichten. Diese von den Usern über
fürs Marketing umsetzen können. Er zeichnen sie auf und laden sie als Bil- Live-Chats oder
konzipierte eine Transmedia-Kampag- der oder Clips auf die Website. Mittler- SMS Hilfestellung
ne für Ford, die Gamemechanismen weile hat die Serie um die 1000 Fans,
und Online-Interaktionen umfasst. Bei die eifrig Socken-Avatare basteln. Ex-
der »Focus Rally« heizen mehrere Teil- periment gelungen!
nehmer quer durch die USA, wobei
sich in jedem Auto eine Kamera be- Einen darf man beim Thema Transme-
fand und per Live-Streaming das Ge- dia ganz sicher nicht auslassen: Nuno
schehen übertrug. Bernardo, der mit »Soia’s Diary« die
Die »Focus Rally« lief als Web-TV- weltweit erste interaktive Online-Se-
Serie in Echtzeit auf dem Online-Sen- rie um einen Teenager entwickelt hat
der Hulu und war dessen erste gebran- (http://videos.sapo.pt/soiaafonso). Als
dete Show. Dazu gab es eine Plattform, der portugiesische Kreative 2002 das
auf der die Nutzer die Teams unterstüt- Konzept zu seinem geplanten Trans-
zen konnten. So mussten die Rallyeteil- media-Projekt herumschickte, konnte
nehmer beispielsweise etwas im Auto sich kein TV-Sender, Mobile-Provider
zusammenbauen, aber nur die User oder Online-Portal vorstellen, wieso ei-
online hatten die Anleitung dafür und ne Geschichte auf mehr als einer Platt-
sollten diese über Social-Media-Kanäle, form stattinden sollte. »Nach zwanzig
Live-Chats und SMS vermitteln. »Wenn Absagen setzte ich meine Idee schließ-
Zuschauer eine TV-Serie mögen, möch- lich auf eigenes Risiko um. Ich startete
ten sie diese auch gestalten und inter- einen Blog mit einer monatlichen Ko-
aktiv eingreifen. Deshalb machen sie lumne in einem Teenie-Magazin und
auch bei den gestellten Aufgaben mit«, implementierte einige mobile inter-
054 page 07.12 KREATION Transmedia-Welten

»350 South« doku-


mentiert, wie zwei
Radler von Alaska
nach Argentinien
fahren (http://350
south.org ). Ihre
Erlebnisse halten
sie in einem Video-
tagebuch (unten)
und auf Flickr fest
»Road to Revo-
lution« von
der Dubliner
beActive-Depen-
dance ist eine im
Februar gestar-
tete Transmedia-
Serie, bei der
drei Journalisten
die Schau-
plätze des Arabi-
schen Früh-
lings besuchen

aktive Dienste, damit die User mit ter und einem Videotagebuch gibt es
den Charakteren in Verbindung blei- die Möglichkeit, per GPS-Tracking haar-
ben konnten«, erklärt Nuno Bernardo. genau zu verfolgen, wo sich Ian und
Das Konzept war zukunftsweisend: Die sein Mitradler gerade beinden. Die
selbst inanzierte Serie wurde einer beiden sind beinahe täglich online und
der Hits des portugiesischen TV-Sen- nehmen ihrerseits über die sozialen
ders RTP2, gleichzeitig verkauften sich Netzwerke Kontakt auf. Das hatte die
eine halbe Million Bücher davon, und Konsequenz, dass User, die nicht weit
2006 wurde »Soia’s Diary« für zehn von der Route entfernt wohnen, den
Regionen weltweit lokal angepasst. beiden eine Mahlzeit oder eine Über-
Mit seiner Transmedia-Produktions- nachtung anbieten oder ein Bier in der
irma beActive geht Nuno Bernardo nächsten Kneipe.
weiterhin neue Wege – im Fall von »Indem die User mit den Abenteu-
Per GPS-Tracking weiß jeder sofort, wo die Abenteurer »350 South«, das seit 2011 läuft, durch rern physisch interagieren und alles
sich gerade beinden, und kann, wenn sie in der Nähe direkte Zuschauerbeteiligung. Der jun- mit der Kamera aufgezeichnet wird,
sind, Kontakt zu ihnen aufnehmen. Die beiden kommuni- ge Ire Ian Lacey wollte vom nördlichs- werden sie Teil des Dokumentarilms«,
zieren per Facebook und Twitter mit den Usern ten Zipfel Alaskas mit dem Fahrrad bis so Nuno Bernardo. Das geht natürlich
in den Süden von Argentinien kom- noch weiter: Zuschauer treffen sich zu
men. »Eine verrückte Idee und genau Fahrradevents, versuchen den beiden
das richtige, um ein neues Format da- zu helfen und erzählen ihre eigenen
für zu entwickeln«, erklärt Nuno Ber- Geschichten. Ein innovatives Projekt al-
nardo. Und zwar einen Dokumentar- so, bei dem überraschenderweise das
ilm, bei dem die Rezipienten selbst Genre des Dokumentarilms ganz neu
Teil der Produktion werden. »Wichtig und hautnah erweitert wird. Bernardo
ist es, den richtigen Kontext zu schaf- wird in Zukunft verstärkt die mobilen
fen, damit User mit der Doku interagie- Endgeräte der User einbinden. Wir sind
ren können.« Neben Facebook, Twit- gespannt auf sein nächstes Projekt! vd
056 PAGE 07.12 KREATION Gloss & Glamour

Das Erschei-
nungsbild der
argentinischen
Bar Galante
in London, ent-
wickelt von Luke
Woodhouse,
wird ihrem
Namen gerecht.
Typo und Orna-
mentik erinnern
an Tango und
Art déco. Die
Spiegelfolie wirkt
neben dem
rauen Textilein-
band besonders
glamourös

Den exquisiten Beerengeschmack der beiden Schwarzwald-Schokoladen-


sorten visualisiert Yu Ping Chuang mit für einer für dieses Segment ungewöhn-
lichen Bildsprache, nämlich Pierre-Joseph Redoutés Planzenillustrationen
aus dem 18. Jahrhundert. Links: Die Gestalterin aus Taiwan hat auch die Etiket-
ten der Weinmarke Luna aus Uruguay mit romantischen Ölgemälden veredelt
PAGE 07.12 057

Noblesse oblige
Statt Prunk und Überfluss ist im Grafikdesign für exklusive
Produkte kultivierte Eleganz und Storytelling angesagt

An Herren mit Pomade im Haar und verführerische Damen


mit Zigarettenspitzen lässt das Logo für den hippen
Berliner Flamingo Club denken. Das von Jo Ratcliffe gestaltete
Zeichen wirkt nicht nur retro – sondern durch die rhyth-
misch-dynamische Linienführung äußerst spannungsreich

n Wir fühlen uns von ökologischen und ökonomischen


Krisen gebeutelt. Wie lassen sich da mit den reduzierten Mit­
teln des Corporate Designs luxuriöse Lebenswelten glaub­
haft vermitteln? Dass sich unser Verständnis von Glamour
in den letzten Jahren tiefgreifend verändert hat, demons­
triert ein Blick auf die Webauftritte der Pariser Haute­Cou­
ture­Labels: New, Now etwa, Louis Vuittons Online­Maga­
zin für kreative Projekte, präsentiert ein virtuoses Spiel mit
Zeiten, Stilen und Zitaten. Da gibt es das fantasievoll illus­
trierte Filmchen zu Vuitton­Charmes, der an Jules Vernes
Abenteuer erinnert (siehe PAGE 03.12, Seite 13). Oder den
Videoclip der Illustratorin Jo Ratcliffe, der im Saul­Bass­Stil
und mit »Mad Men«­Anklängen die jüngste Gürtelkollektion Nirgends zitieren Pro-
der Marke zelebriert (siehe PAGE 06.12, Seite 10). Retro, der portionen und Formen
ganz große Trend in der High­End­Kommunikation: Die Gol­ so deutlich und subtil
den Zwanziger, Wirtschaftswunderzeiten oder Swinging Six­ Stile und Zeiten wie im
ties erscheinen in unsicheren Zeiten ziemlich glanzvoll. Typedesign. Vielfältige
Daneben hat die zeitloseste Tendenz in der Darstellung Assoziationen liefert
von Qualitätsmarken – die Beschränkung auf schlichtes der noble Font Feb13
Schwarzweiß – Konjunktur. Chanel weicht selbst für ihren von Mario Lombardo
aktuellen Webauftritt nicht vom bekannten virtuosen Spiel für die Ausstellung
mit der Farbreduktion ab. Eine weiche Kamerafahrt trägt »Visions & Fashion«
058 PAGE 07.12 KREATION Gloss & Glamour

den Betrachter ins einfarbig abgelichtete Pariser Stamm­


haus, die Kollektionen werden überwiegend in Schwarz­
weiß vorgeführt. Ins Jahr 2012 führt uns die Site durch digi­
tal anmutende Graikelemente und dynamische Tempo­
wechsel, starke Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur als
Models und mit Einblicken in Produktionsprozesse.

Bei der Darstellung von Luxus, speziell in westlichen Regi­


onen, steht nicht mehr überbordender Prunk, sondern eine
erzählerische Komponente im Vordergrund«, sagt Andreas
Steinle, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts. Der Konsu­
ment soll eintauchen in die Besonderheit einer Marke und
ihrer Produkte, in Firmengeschichten und Herstellungspro­
zesse. »Die Kommunikation von High­End­Marken wird zeit­
loser. Vor allem aber kommt sie ohne Traditionen kaum mehr
aus – eine Tendenz, die sich künftig noch verstärken wird.«
Das wird auch in anderen Bereichen deutlich, so der
Trendforscher: Das interdisziplinär arbeitende Berliner Stu­
dio Graft Architects etwa integriert alte Fundstücke wie
verwittertes Holz in seine Bauten. »Recycling ist der neue
Luxus – weil es Kultur und Geschichten in sich trägt. Dazu
gehört, wie bei einem Kunstwerk, ein gewisser Interpreta­
tionsspielraum: Was Luxus ist, liegt auch immer im individu­
ellen Ermessen«, erklärt Andreas Steinle. Die mehr oder
minder subtilen Anspielungen appellieren an Bildung, Auf­
fassungsgabe und Humor des Konsumenten. Luxus setzt Im neuen Online-Dessous-Shop True kann jede Frau dank einem eigens ent-
heute weniger auf materielle als auf eine individuelle, intel­ wickelten Algorithmus den passenden BH bestellen. Der Entwurf von Triboro
lektuelle Abgrenzung – der Rezipient entscheidet, ob er der Design aus New York visualisiert sowohl sinnlich-weibliche Formen als
Geschichte eines Objekts Wert beimisst. auch den wissenschaftlich-technischen Ansatz. Angelehnt an den Geist der
In reduzierter Form, ohne die plastisch­narrativen Mög­ Renaissance, spielt die Logoschrift mit der Suche nach den optimalen
lichkeiten der Bewegtbildmedien, zeigt sich dies auch im Proportionen. Das variable Logo, bestehend aus vier Modulen, lässt sich
Corporate Design. Dabei lohnt ein Blick in die zweite Reihe, elegant ornamenthaft verwenden – wie hier auf dem Seidenpapier
in der sich unbekanntere und kleine Marken für hochwer­
tige Produkte mit kleinen Budgets einfallsreich präsentie­
ren – mit subtilen Zitaten alter Traditionen, früherer Zeiten
und fremder Kulturen, leisen Typospielereien, mit distin­
guierter Farb­ und Formenreduktion. Das können abstra­

Filigrane Asymmetrie: Pentagram hat die


Tragetaschen des Kaschmirlabels Oyuna
überarbeitet: Mit einer irritierend ange-
winkelten Faltung und einem neuen
Gummibandverschluss erhält das Objekt
einen edlen, skulpturalen Charakter –
und lässt sich als stabile Box verwenden
PAGE 07.12 059

Das lexible Erscheinungsbild von mind design für


Villandry verbreitet französische Eleganz durch den
virtuosen Einsatz stilisierter Ornamente sowie
freundlich-gedeckte und zugleich moderne Farben
060 PAGE 07.12 KREATION Gloss & Glamour

Für das Packaging chesters ein neues, facettenreiches Bild erkennen lässt«, so
des Berner Schuh- Holger Jacobs. Dieses Prinzip liegt auch dem Corporate De­
labels Tokushuu kom- sign zugrunde, das mind design für Villandry entwickelt hat.
binierte das Design- Neben einem klassischen Schriftzug, bestehend aus einer
büro Heyday groben modiizierten Version der Fairplex Narrow Book und der Bell
Transportkarton mit Gothic BT Roman, werden fünf verschiedene, abstrahierte
modischer Typo und Ornamente im Look französischer Brasserie­Menükarten
klassischer Ornamen- variabel eingesetzt. Diese wirken, wahlweise einzeln ver­
tik. Die Kollektion wendet, als modern stilisierte Rahmen oder, in Reihen an­
St. Tropez ist wie pop- geordnet, wie barocke Ornamente.
pige Kunstwerke in-
szeniert – an knitteri- Hochwertigkeit kommt im Kommunikationsdesign beson­
gen Drahtseilen auf- ders durch ungewohnte Kontexte zum Ausdruck, wenn Au­
gehängt, wirken die ßergewöhnliches mit Alltäglichem kombiniert wird«, sagt
handgefertigten Pro- Mario Lombardo. Wie etwa in der nüchternen Architektur
dukte noch wertiger Ludwig Mies van der Rohes, der raue Materialien wie Stahl
und Beton gekonnt mit Marmor ergänzte, das gerade durch
hierte Art­déco­ oder Renaissance­Elemente sein, eine den Kontrast besonders wertig wirkt: »Ein Material muss
simple Faltung im Packaging, die durch ihren leicht schrä­ Raum haben, um zu wirken.« In seinem Magazindesign für
gen, scheinbar lapidar umgeklappten Winkel eine elegante das noble Berliner Kaufhaus des Westens etwa setzt Lom­
Linienkombination herbeiführt, oder eine klassisch anmu­ bardo eine am Rand abfallende Goldprägung ein, während
tende Prägung mit technoider Druckschrift. Luxus tritt sich die Bildsprache modern kunstafin gibt.
auch im Corporate Design weniger plakativ, sondern immer Daneben bieten die Entwürfe des Designers auch Raum
differenzierter und komplexer in Erscheinung, durch unter­ für Geschichten. So entwickelte Mario Lombardo für das Er­
schiedliche Stile beeinlusst, spielerisch oder ironisch ge­ scheinungsbild zur Ausstellung »Visions & Fashion. Bilder der
brochen und immer abhängig vom Kontext. Mode 1980–2010« in der Berliner Kunstbibliothek einen hand­
gezeichneten Font mit dem narrativen Namen Feb13. Der soll
Es gibt Klischees, die im Graikdesign zum Ausdruck von an einen erwartungsfreudigen Tag wie den vor dem Valen­
Luxus herangezogen werden: Weit spationierte Serifen­ tinstag erinnern, und tatsächlich bietet die grazil geschwun­
schriften in Versalien, Goldfolienprägung und Stanzungen, gene Schrift eine Spielwiese für die Vorstellungskraft: mit As­
zentrierter Text, feine Linien, ungewöhnliche Ligaturen«, soziationen zum Paris der 1940er Jahre, exklusiven Cham­
sagt Holger Jacobs vom Londoner Designbüro mind design. pagner­Empfängen oder parfümierten Tanzveranstaltungen.
»Doch mit zunehmender Medien­ und Bildkompetenz las­ Auch im Corporate Design sind derzeit also mehr Fanta­
sen sich Konsumenten heutzutage nicht mehr so leicht ma­ sie­ und Wissens­ als Form­ und Materialschlachten zu sehen.
nipulieren.« Für ihn liegt der Ausdruck von Luxus eher in Gefragt, was für ihn Luxus bedeute, antwortet Holger Jacobs:
der Konsequenz und der virtuosen Vielfalt, in der ein De­ »Ich bin glücklich, wenn ich mit guten Freunden in meinem
sign zum Einsatz kommt wird. Stamm­Pub sitze. Zeit dazu zu haben ist Luxus. Luxus hat al­
»Anders als bei der schlichten Wiederholung eines Logos so mit Zeitersparnis zu tun: das Taxi zum Flughafen, Einkäu­
wirkt ein sorgfältig geplantes Corporate Design hochwertig, fe per Post liefern zu lassen. Und natürlich würde ich gern
das eine Unternehmensidentität für jede Anwendung indi­ einmal mit einem sehr teuren Carbon­Rennrad die italieni­
viduell und auf immer wieder überraschende Arten aus­ sche Küste entlangfahren.« Mario Lombardos Antwort lautet:
spielt. Ähnlich einer Symphonie, in der jedes Instrument sei­ »Luxus bedeutet für mich die Zeit, mich aufs Wesentliche
ne eigene Bedeutung hat, aber im Zusammenspiel des Or­ konzentrieren zu können – und damit Frieden.« wl
062 page 07.12 KREATION Retrodesign

n Wohin man blickt: Mode, Musik, In­

Von gestern terieur, Film oder Design – viele der


populären Dinge von heute machen
den Anschein, von gestern zu sein: Der
Stummilm »The Artist« räumt fünf Os­
So viel Retro war nie. Was steckt hinter der Obsession für Vergangenes? cars ab, US­Serien wie »Mad Men« und
»Pan Am« beschwören mit aufwendi­
ger Ausstattung und detailverliebten
Kostümen das Lebensgefühl der sech­
ziger Jahre und geben uns eine vage
Ahnung, wie aufregend das Leben vor
Energiesparlampen, Mülltrennung und
Rauchverbot gewesen sein mag.
Möbelhersteller übertreffen sich in
Classic­Editions, Teenager stecken ih­
re Smartphones in Schutzhüllen, die
aussehen wie Kassetten, und laufen

Auch wenn Look und


Sound schwer an die
1970er erinnern, das
Pop-Folk-Duo First
Aid Kit ist von heute
page 07.12 063

mit überdimensionierten Kopfhörern und Versandhäuser füttern mit Vorsil­ quellen lassen. Sie mögen mit High­
und asymmetrischen Eighties­Haircuts ben wie »Retro«, »Vintage« und »Nostal­ tech­Handykameras aufgenommenen
durch die Gegend, während ihre Groß­ gie« unsere Sehnsucht nach den Din­ sein, aussehen tun sie wie die grob­
eltern in Katalogen von Manufactum gen von gestern. »Es hat noch nie eine körnigen, vergilbten Schnappschüsse
schwelgen. Auf der Musikfront wird der Gesellschaft in der menschlichen Ge­ einer mittelmäßigen Sofortbildkame­
größte Umsatz inzwischen mit dem schichte gegeben, die so besessen von ra aus den Siebzigern. Angefangen hat
Download alter Bestände verdient. den kulturellen Artefakten ihrer jüngs­ alles mit Hipstamatic, der Vintage­App,
Und selbst erfolgreiche Neuveröffent­ ten Vergangenheit war«, so der Kultur­ die von sich selbst behauptet: »Digital
lichungen klingen »wie damals«. Wie es theoretiker und Autor Simon Reynolds Photography Never Looked So Ana­
geht, zeigen die beiden entzückenden in seinem 2011 erschienenen Buch »Re­ log«. Ihre große Leistung liegt darin,
Schwestern des schwedischen Retro­ tromania«, das sich mit dem Retro­Phä­ den oft desillusionierend realitätsge­
Folk­Duos First Aid Kit, die, konsequent nomen in der Popmusik befasst. treuen Inhalt eines hochaufgelösten
in die Must­haves der Hippie­Ära ge­ Digitalfotos in eine schmeichelhafte
hüllt, gekonnt nachlässig im weichem Was für absurde Blüten der Retro­ Polaroid­Atmosphäre zu tauchen und
Gegenlicht herumlungern. Rausch bisweilen treibt, zeigt ein Blick damit das eigene Leben, mit nur ei­
Frauenzeitschriften, Marketingkon­ auf die persönlichen Fotos, die die di­ nem Klick, ein bisschen cooler und ge­
zepte, Designblogs, Auktionskataloge gitalen Archive und Pinnwände über­ heimnisvoller aussehen zu lassen.

Digitale Technik von


heute in Produkt-
hüllen der analogen
Ära: iPod-Abspiel-
stationen als Getto-
blaster und Tran-
sistorradios, Smart-
phone-Cases im
Kassettenlook, über-
dimensionierte
Kopfhörer in den Far-
ben der Saison und
Lomo-Kameras. Der
Knaller: das ’80s
Cell Phone Case von
der Größe eines
Backsteins – klein
und handlich,
das ist so 2010
064 page 07.12 KREATION Retrodesign

Spätestens als der »New York Times«­ häusern und Supermärkten zu füllen. »New York Times«­Artdirektor Steven
Journalist Damon Winter im vergan­ Marken, die dafür noch zu jung sind, Heller haben jetzt im Taschen Verlag
genen Jahr den Pulitzer Prize für seine holen sich ihre Retro­Inspiration ganz das auf zwei wuchtige Bände verteilte
mit Hipstamatic aufgenommenen Bil­ ungeniert woanders. Eines der belieb­ »Mid­Century Ads. Advertising from the
der von US­Soldaten in Afghanistan testen Style­Archive ist momentan die Mad Men Era« herausgegeben. Diese
erhielt, verstummten die Stimmen US­Erfolgsserie »Mad Men«, die zur bildgewaltige Sammlung der wichtigs­
derjenigen, die die Vintage­App zuvor kostenlosen Inspirationsquelle für nach ten amerikanischen Werbekampag­
noch als infantile Spielerei abgetan Retro­Credibility dürstende Kreativdi­ nen der 1950er und 1960er Jahre hat
hatten. Dann kam die Fotosharing­ rektoren geworden ist. Eifrig bedient das Zeug zum Standardwerk für all je­
Plattform Instagram, die mit der eben­ haben sich die GAP­Tochter Banana ne zu werden, die Anregungen in der
so schlichten wie erfolgreichen Kom­ Republic, die zusammen mit der »Mad Printwerbung aus den goldenen Ta­
bination aus digitalen Retroeffekten Men«­Kostümdesignerin Janie Bryant gen der Konsumbegeisterung suchen.
und sozialem Netzwerk mittlerweile eine vierzigteilige Kollektion auf den »Mid Century Ads« ist nicht allein, Bü­
mehr als 150 Millionen Personen zu ih­ Markt gebracht hat. Oder die Beauty­ cher wie etwa »Retrodesign.stylelab«
ren Fans zählt und im April dieses Jah­ Marke Estée Lauder, die sich gleich und »Retrofonts« (siehe PAGE 07.09,
res für eine Milliarde US­Dollar von Matthew Weiner, den kreativen Kopf Seite 113, und 01.10, Seite 64, beide im
Facebook gekauft wurde. der Serie, geschnappt hat, um ihrer li­ Verlag Hermann Schmidt Mainz) oder
mitierten »Mad Men«­Make­up­Linie »Flashback: Retro Design in Contem­
Auch traditionelle Marken stöbern den passenden Look zu verleihen. porary Graphics«, 2009 bei viction:ary
eifrig in ihrem Brand Heritage, um mit Der renommierte Graikdesignex­ herausgekommen, haben sich der Auf­
Retro­Editionen die Regale in Kauf­ perte Jim Heimann und der langjährige gabe verschrieben, die gestalteri­

Cubitos – das ist euro-


päische Schokolade
aus Australien im
Retro-Packaging von
Studio Alto aus
Melbourne. Daneben:
Mit konsequent im
Fifties-Style gehalte-
nen Anzeigen setzt
die Agentur MOMA
aus São Paulo Skype,
Twitter & Co retro-
futuristisch in Szene

Bei Ridley’s House


Novelties gibt es
Spieleklassiker und
Scherzartikel, die
aussehen, als hätte
schon Großvater
seinen Spaß damit
gehabt. Rechts:
Die süßen Speisen
und Soßen von
Freia stehen heute in
norwegischen
Supermarktregalen.
Das goldige Design
stammt von Tangram
Design aus Oslo
page 07.12 065

»Machen wir doch die Retro-Kiste zu, um sie wie-


der zu öffnen: Diesmal geht es aber nicht um
Formen, Resultate und Oberlächen, sondern um
Haltung – darum, genauer zu analysieren,
was hinter den entwürfen dieser Zeit steckt«
rem Wunsch nach Partizipation an einem behandelt werden. Doch statt der inhalt­
Trend Genüge tun und warten sehnsüchtig lichen Auseinandersetzung indet nur die
auf den Ausruf der Besucher ihrer Woh­ ästhetische Überhöhung der 1950er und
nungen: »Oh, ein Designerstuhl!« Mittels ei­ 1960er Jahre statt.
ner Form ein bestimmtes Gefühl hervorzuru­ Geht damit nicht ein Verlust an
fen, hat nichts mit Design zu tun. Das ist Innovationskraft einher?
Kitsch. Im Falle dieses Eames­Klons, der bei Für mich ist es zuallererst ein Verlust an Hal­
McDonald’s steht, ist es ein Schlag ins Ge­ tung. Wenn die Leute denn schon unbedingt
sicht von Charles und Ray Eames. Eine Ver­ Retro haben wollen, wäre mein Vorschlag,
leugnung ihrer Haltung und Schaffenskraft, zumindest das blöde Wort mit neuer Bedeu­
die in den ursprünglichen Entwurf des tung aufzuladen. Wir machen also die ganze
Stuhls gelossen sind. Dieser Eames­Nach­ Retro­Kiste zu, um sie dann wieder zu öff­
Der Architekt und Designer Clemens Tissi bau, der nur noch die äußere Erscheinung nen: Diesmal geht es allerdings nicht um
eröffnete Mitte der 1990er eine namhafte mit dem ursprünglichen Stuhl gemein hat, Formen, Resultate und Oberlächen, son­
Galerie für Design des 20. Jahrhunderts aber weder Material noch Herstellungsvor­ dern um Haltung – darum, genauer zu ana­
in Berlin. Als Vintage mehr und mehr zur gang, noch Konstruktion, ist lediglich obszö­ lysieren, was hinter den Entwürfen dieser
Mode wurde, schloss er die Galerie 2010 ner Kitsch. Nichts anderes als eine Kuckucks­ Zeit steckt. Was kommt heraus, wenn ich mit
und machte dort weiter, wo er angefangen uhr aus billigem Plastik. dieser Haltung etwas Neues schaffe? Das
hatte: mit der Gestaltung von Objekten. Wie erklären Sie sich den gegenwärtigen aber indet kaum statt. Es geht nur um die
Retro-Hype? Form. Das kann nicht funktionieren.
Selbst bei McDonald’s steht der Eames Chair. Gerade bei Vintage stand anfänglich eine Ein Beispiel?
Was halten Sie davon? durchaus wichtige Haltung dahinter. Die Nehmen wir das Autodesign. Citroën ver­
Clemens Tissi: Der Retro­Trend ist jetzt da Ersten ischten Objekte aus dem Sperrmüll, sucht seit Jahren verzweifelt an die Erfolge
angekommen, wo er hingehört: in der syn­ bewahrten sie und wiesen darauf hin: »Ach­ ihres Modells DS aus den 1950er Jahren an­
thetischen Welt mit künstlichen Geschmacks­ tung Leute, schmeißt das nicht achtlos weg! zuknüpfen. Aber statt die Haltung zu verste­
verstärkern. Ein Eames­Klon, diese Replika Es ist Kulturgut!« Die Entwicklung, die dann hen, die damals hinter der DS stand und ihr
neben einem schlechten Hamburger. Das passierte, verläuft immer ähnlich: Hinter den zu seiner revolutionären Technik und Gestal­
passt. So wie man heute damit umgeht, hat Ersten, die vorausrennen, folgen jene, die sich tung verhalf – also diese Haltung auf heute
Retro wirklich die gleiche Bedeutung wie ein fragen: »Wie können wir damit Geld verdie­ zu übertragen –, verlieren sie sich in lächer­
Hamburger von McDonald’s: Die Oberläche nen?« und versuchen, den erkannten Wert lichen formalen Spielereien. Das scheint mir
muss stimmen, das Aussehen darf sich nicht der Dinge marktfähig zu machen. So kam es ein grundsätzliches Problem zu sein.
verändern. Und billig muss es sein. So ein zu einem überschaubaren Handel: Die ers­ Was ist mit Apple-Produkten, deren Design
labberiges, leischähnliches Ding hat genau ten Käufer waren Opinionleader aus dem eindeutig von den Geräten inspiriert ist,
so wenig mit einem richtigen Hamburger zu Kunstbereich und schon hetzte eine Meute die Dieter Rams für Braun entworfen hat?
tun wie dieser Eames­Klon mit dem ursprüng­ hinterher, die glaubte, Speerspitze einer Be­ Wenn man beispielsweise den ersten iPod
lichen Entwurf aus den 1950er Jahren. Die wegung zu sein. Und da war er, der Retro­ und Rams’ Transistorradio für Braun ver­
Geschichte hinter dem Eames Chair, die Idee, Hype. So etwas läuft immer auf einen Ab­ gleicht, gibt es eine auf den ersten Blick klar
die Haltung der beiden Designer, das alles grund zu, stürzt früher oder später ab, so­ erkennbare, formale Parallele. Für mich geht
ist weggewischt. Was bleibt, ist die Form, bald die Masse der Bewegung nicht mehr es hier aber weniger um eine rein formale
aus demselben Material wie eine Klobürste. kontrollierbar ist und als Identiikationsmo­ Adaptation, sondern um eine ähnliche Hal­
Dieser Stuhl, so wie er aktuell von Vitra pro­ dell untauglich wird. tung. Um Einfachheit, Reduktion, darum,
duziert wird, ist für mich eines der ekelerre­ Warum orientieren wir uns so an der Objekte unter einem graischen Aspekt zu
gendsten Objekte, die es derzeit gibt auf visuellen Sprache der Vergangenheit? sehen. In kaum einem anderen Designob­
dem Markt. Ein wirklich fantastisches Bei­ Ich sehe darin eine Mischung aus Angst und jekt heute indet man so viel Haltungsanaly­
spiel dafür, wie es schielaufen kann. Ratlosigkeit, aus der heraus man beginnt, se wie in Apple­Produkten, obwohl Apple
Was genau läuft schief? Dinge der Vergangenheit ästhetisch zu über­ überhaupt nichts mit Retro zu tun hat. Das
Vitra und viele andere Hersteller auch ha­ höhen. Und es ist die Möglichkeit, sich in ei­ wäre es dann, das gute Retro.
ben erkannt, dass es eine starke Nachfrage ne Tradition einzuschreiben, der man viel­ »Das gute Retro« – wie geht das?
nach Klassikern gibt und haben daraufhin leicht nicht angehört. Dieser Aufwertungs­ Mein Rat an Gestalter: Ruhe bewahren, Luft
diese Möbel wieder aufgelegt oder neue im prozess entschärft die eigene, aber auch die holen und sich fragen: Wie sind die anderen
Retrostil produziert. Diese Produkte sollen gesellschaftspolitische Vergangenheit, in der rangegangen? Vergesst die Form, analysiert
cool, hip, stylish sein . . . Zuschreibungen, die ja nicht immer alles rosig war. Nehmen wir die Haltung im Kontext der damaligen Zeit!
einen allein schon schaudern lassen. Die »Mad Men«. Darin könnten ja auch Themen Und aus der Analyse der Haltung werden
Käufer, die sich diesen Schrott in ihre Woh­ wie die damalige massive Diskriminierung sich neue formale zeitgenössische Ergebnis­
nungen packen, sollen und wollen damit ih­ von Homosexuellen, Schwarzen und Frauen se ergeben. Form follows attitude.
066 page 07.12 KREATION Retrodesign

schen und ästhetischen Besonder­ Retro als Inspirations-Phlegma.


heiten vergangener Dekaden einzufan­ Retro dient als bequeme Ausrede, um
gen und aufzuarbeiten. sich nicht selbst aktiv und kreativ mit
den Anforderungen der Gegenwart
Bei dem absichtsvoll-kontrollierten und den Fragen der Zukunft ausein­
Umgang mit dem Retrothema könnte andersetzen zu müssen. Statt neue
man fast vergessen, wie naiv und kon­ Lösungen zu suchen, Risiken einzuge­
sumfern alles begonnen hat. Vintage: hen und Experimente zu wagen, ver­
Das war einmal der gegenständliche lässt man sich mit gutem Gewissen auf
Gegenentwurf zu Produktmüll, kurz­ die kulturellen Errungenschaften der
fristigen Moden und herzlosem Design. Vergangenheit und die kreativen Leis­
Eine Formel für ästhetische Liebhabe­ tungen anderer, die man allenfalls noch
rei und Kennerschaft sowie Ausdruck etwas aufpoliert oder umdekoriert.
und Sehnsucht nach einer Zeit, in der Retro als alter Bekannter. Der
alles wahrer, echter – und schöner Rückgriff auf die Produkte und Oberlä­
war. Heute entpuppt sich Vintage, auf chen der Vergangenheit ist der Versuch,
die nicht sonderlich subtile Vorsilbe Neues in den Mantel des Bekannten zu
»Retro« verkürzt, als ein vom Hype er­ hüllen. Das gilt umso mehr in einer von
hitztes Marketing­ und Verkaufstool. der Digitalisierung getriebenen Wis­
Als desillusionierendes Beispiel da­ sensgesellschaft mit hochinnovativen
für, wo der massive Ausverkauf der Feldern wie Gen­ oder Nanotechnolo­
zum Massenphänomen gewordenen gie, in der das Neue aus nicht ding­
Retro­Begeisterung enden kann, ist das lichen, abstrakten »Dingen« besteht.
Interieur der McCafé­Filialen, die nun Retro, so die These, liefert vertraute
nach den USA auch in Deutschland mit Bilder für das, worunter wir uns (noch)
dem Eames Plastic Side Chair bestückt nichts Konkretes vorstellen können.
werden. Das von Vitra wieder aufge­ Retro als Archiv. Die moderne Com­
legte, 1951 von Ray und Charles Eames putertechnologie hat die Möglichkei­
entworfene Möbel, ist für den Desig­ ten, auf die Relikte der Vergangenheit
ner Clemens Tissi ein markantes Bei­ zuzugreifen, extrem vereinfacht, be­
spiel für die Verirrungen des Retro­ schleunigt und vervielfacht. Die Sym­
booms (siehe Interview auf Seite 65). bole, Sounds und Styles vergangener
So sitzt er da, der heutige Zeitgenos­ Dekaden sind, mit detaillierten Fuß­
se – den Hintern auf dem Eames­Stuhl, noten versehen und sauber geordnet,
die Vintage­Tapeten an der Wand, die jederzeit für jedermann abrufbar. Die
Old­School­Plattensammlung im 70er­ Vergangenheit wird permanent gegen­
Jahre­String­Regal, die frischen Hipsta­ wärtig und damit zu einem elementa­
matic­Schnappschüsse im Fotoalbum –, ren Bestandteil der Gegenwart.
legt nachdenklich die Stirn unter sei­ Retro als Remix. Zugleich zeigt sich
Cover und Anzeigen: Mit freundlicher Genehmigung des Taschen Verlags

nem frisch gekämmten Preppy­Seiten­ das Durchstöbern und Wiederverwer­


scheitel mit 80er­Reminiszenz in Falten ten von kulturellen und visuellen Relik­
und fragt sich: Was ist dran an unserer ten der Vergangenheit als kreative, all­
Obsession mit der Vergangenheit? Wel­ tägliche Kulturtechnik. Besonders die
ches Motiv, welchen Wert und welchen durch die digitalen Möglichkeiten popu­
Sinn hat unsere lächendeckend ent­ lär gewordenen, eng mit der Retrowel­
brannte Retro­Liebe? le verbundenen Kreativitätstechniken
der Remix­ und Zitate­Kultur machen
Erklärungsversuche gibt es zur Genü­ klar, wie schmal und widersprüchlich
ge – hier ein kurzer Überblick über die der Grat zwischen Inspiration und Imi­
gängigsten unter ihnen: tation geworden ist.
Retro als Kuscheldecke. Retro lässt Wobei die alles entscheidende Fra­
sich als eskapistische Zukunftsverwei­ ge lautet: Wo wird aus Bequemlich­
gerung verstehen und damit als Ver­ keit, Risikoscheu und Ideenarmut auf
such, dem Unbehagen an der Gegen­ Vergangenes zurückgegriffen und wo
wart zu entkommen. Je rasanter der geht es tatsächlich darum, Früheres
Wandel, je komplexer die Zusammen­ weiterzuentwickeln und in Neues zu
Der Doppelband »Mid-Century Ads: Advertising from
hänge und je schwieriger der Alltag, überführen? Oder wie Simon Reynolds
the Mad Men Era« aus dem Taschen Verlag präsentiert auf
umso gemütlicher ist es unter der Re­ in »Retromania« fragt: »Ist die Nostal­
720 Seiten die Bestleistungen amerikanischer Print-
tro­Decke. Das Heute wird in die gelb­ gie schuld daran, dass unsere Kultur die
werbung – aus einer Zeit, in der Marken und Agenturen in
stichige Unschärfe der Vergangenheit Fähigkeit verloren hat, sich weiterzu­
ihren Kampagnen noch auf die eine Big Idea setzten.
getaucht und der schrille Ton der Ge­ entwickeln? Oder sind wir genau des­
Anzeigen von Chemstrand (1959) und Metrecal (1969)
genwart gedämpft. Trost spendet die halb nostalgisch, weil unsere Kultur
Reise in die eigene Kindheit. Sind es aufgehört hat, sich vorwärts zu bewe­
doch die Produkte, Gerüche und Mar­ gen, und wir darum zwanghaft zurück­
ken dieser Zeit, die die Wohnzimmer blicken zu bedeutsameren und dyna­
und Kleiderschränke von heute prägen. mischeren Zeiten?« Judith Mair
PAGE 07.12 069

PAPIERWELT

bar und hebt sich wohltuend von den sammlung in vier Bänden. Auf jedem
Mohawks neue Kleider oft recht behäbigen Auftritten anderer Beispiel gibt Gmund eine subjektive
Das neue Corpo- n Bunt und fröhlich ist das neue Cor­ Papierhersteller ab. Einschätzung zur Druckqualität von Li­
rate Design porate Design, das sich der amerika­ ≥ www.mohawkconnects.com nien, Schrift, Illustrationen und Fotos.
von Mohawk ist nische Papierhersteller Mohawk von Die Musterbücher lassen sich direkt
ziemlich Pentagram New York schneidern ließ. beim Unternehmen beziehen.
farbenfroh Basierend auf dem Buchstaben M, er­
Für die Umwelt ≥ www.gmund.com
innert das Logo an Papierrollen, Druck­ n Wer auf der Suche nach hochwer­
maschinen und Platinen – schließlich tigen Recyclingpapieren ist, sollte sich
eignen sich Mohawk­Papiere auch für einmal bei Lenzing Papier umschauen.
Zanders wird Reflex
den Digitaldruck. »Außerdem visuali­ Der traditionsreiche Hersteller aus Ös­ n Das Papierfabriken­Übernahme­Ka­
siert das Logo Verbindung und Kom­ terreich bietet sechs umweltfreundli­ russell dreht sich weiter. Der bisherige
munikation – zwei wesentliche Funk­ che Sorten in unterschiedlichen Wei­ Unternehmensbereich Premium Papier
tionen von Papier«, erklärt Pentagram­ ßegraden und Zusammensetzungen am Standort Düren der M­real Zanders
Partner Michael Bierut. Das Corporate an. Lenza Top Recycling beispielsweise GmbH wurde von der ortsansässigen
Design ist lexibel gehalten und er­ hat eine sehr schöne weiche Haptik Walzmühle AG gekauft und irmiert
scheint auf Visitenkarten, in Anzeigen, und einen hohen Weißegrad, obwohl jetzt als Relex Premium Papier GmbH.
auf Papierverpackungen und Muster­ es zu 100 Prozent aus Recyclingpapier Mit diesem Schritt hat der bisherige
büchern in mehr als einem Dutzend besteht. Zusätzlich bietet das Unter­ Zanders­Standort einen mittelständi­
Farbvariationen. nehmen an, gebrauchte Büropapiere schen Eigner gefunden, der zu 50 Pro­
Mit der neuen Identität ging auch zu recyceln und diese den Kunden als zent im Besitz der Hahnemühle FineArt
eine Verschlankung der Produktpalet­ neues Erzeugnis wieder zur Verfü­ GmbH aus Dassel ist. Die restlichen An­
te, eine Verkürzung des Namens von gung zu stellen. teile des Unnehmens werden von pri­
Mohawk Fine Paper auf Mohawk und ≥ www.lenzingpapier.com vaten Investoren gehalten.
Gmund testete der Launch einer neuen Website ein­ Unter Führung von Hahnemühle
ihre Papiere auf her. Egal, ob gedruckt oder im Web, das FineArt entsteht aus dem Zusammen­
vier Digital- neue Corporate Design sieht nicht nur
Papier im Digitaldruck spiel von Relex Premium Papier und
druckmaschinen modern aus, es ist auch unverwechsel­ n Um ihren Kunden mehr Sicherheit der ebenfalls im Eigentum von Hahne­
in puncto Digitaldruck zu geben, be­ mühle beindlichen Straßburger Firma
gann die Büttenpapierfabrik Gmund Lana Papiers Spéciaux ein Unterneh­
mit umfangreichen Tests: Eine ganze mensverbund, der zu einem der füh­
Reihe ihrer Papiere ließ sie auf den vier renden Premiumpapierhersteller Euro­
Digitaldruckmaschinen HP Indigo 3050, pas werden will. Das Angebot reicht
Xerox iGen4, Canon imagePress C7010 von FineArt­ über Sicherheits­ bis hin
VP und Kodak NexPress 2500 verarbei­ zu technischen Spezialpapieren. Relex
ten. Innerhalb der jeweiligen Maschine Premium Papier wird die eigenen Pro­
blieben Design und Farbeinstellungen dukte unter dem Label Zanders Pre­
bei allen Papiersorten identisch, um die mium Papiere wie bisher auch über
Vergleichbarkeit zu gewährleisten. So den Großhandel vertreiben. ant
entstand eine umfangreiche Muster­ ≥ www.zanders-premium.com
070 page 07.12

TYPO

Aus real gebauten


3-D-Buchstaben
und vorhandenen
Trailern schuf
Sebastian Lange die
Opening Titles fürs
Design Film Festival
page 07.12 071

Lichtspiel
Für das Design Film Festival in Singapur
gestaltete Sebastian Lange die Opening
Titles – und wurde dafür gerade vom
Type Directors Club New York ausgezeichnet

n In der Schulzeit zeichnete er Daumenkinos, während


seines Studiums an der Schule für Gestaltung in Basel legte
er den Schwerpunkt lieber auf Bewegtbild und Neue Medien
als auf Illustration – Dynamisches fasziniert Sebastian Lange
eindeutig mehr als Statisches. Eindrucksvoll bewiesen hat
er das mit seinem Film »Flickermood 2.0«, der auf Vimeo jede
Menge Klicks bekam und für Festivaldirektor Felix Ng der
Grund war, Sebastian Lange mit der Gestaltung der Ope-
ning Titles für das Design Film Festival zu beauftragen.
»Ich wollte bei diesem Projekt etwas analoger arbeiten,
weniger mit rein künstlich erzeugten Graiken, etwa aus
3-D-Programmen, sondern eher mit echtem Footage«, sagt
Sebastian Lange. Als sich herausstellte, dass zu jedem Film
des Festivalprogramms bereits ein Trailer produziert wor-
den war, entstand die Idee: all diese Clips via Projektion in
die Opening Titles einzubinden. Als Projektionsläche da-
Fotos: Raphael Pietsch

für sollte der Schriftzug des Festivals fungieren, perspekti-


visch und ilmisch verblüffend inszeniert und im perfekten
Zusammenspiel mit dem Sounddesign.
Mit Feuereifer stürzte sich Sebastian Lange in die Arbeit.
Seiner Kreativität stand ein straffer Zeitplan gegenüber.
Denn da das Event schon aktiv via Print, Online und Social
Media kommuniziert wurde, musste der Trailer zügig fertig-
gestellt werden, um als zusätzliches Werbemittel eingesetzt
werden zu können. Nach rund vier Wochen war er fertig –
und der sehr ilmisch wirkende, 75 Sekunden lange Clip ver-
sprüht echten Filmfestivalcharme.
Mit dem Ergebnis war nicht nur Auftraggeber Felix Ng
sehr zufrieden, sondern auch Sebastian Lange selbst, der in
solchen Projekten ein spannendes Experimentierfeld sieht,
aus dem er immer wieder neue Erfahrungen und manchmal
auch neue Kunden zieht. Seit zehn Jahren arbeitet er für
die Agentur qu-int in Freiburg, die sich mit ihren rund vierzig
Mitarbeitern auf Markenkommunikation konzentriert. Auch
hier ist der 36-Jährige für Konzeption, Bewegtbild und Neue
Medien zuständig, arbeitet für Kunden wie IBM, Lexware,
Deutsche Bank und Bahn. »Das sind auch spannende Jobs,
aber bei dem Festivaltrailer hatte ich völlig freie Hand. Das
war nicht genauso lukrativ, aber hat unheimlich viel Spaß ge-
macht.« Gut fürs Renommee war es außerdem – erst recht,
wenn am Ende noch eine TDC-Auszeichnung steht. ant
072 page 07.12 TYPO Making-of: Opening Titles

Sebastian Lange über die Trailer-produktion mit DSLR-Kamera, after effects, Soundtrack und Final Cut pro

Vorproduktion
Um die generelle Vorgehensweise zu
1 testen, experimentierte ich mit simplen
3-D-Buchstaben aus Pappmaschee und Pro-
jektionen der verschiedenen Trailer. Dabei
arbeitete ich mit einem lichtstarken Objek-
tiv in Kombination mit der Canon EOS 7D.
Der Raum war komplett abgedunkelt,
sodass der Beamer als einzige Lichtquelle
diente. Um zusätzlich spannende Szenen
zu entwickeln, verwendete ich einen Glide-
track für einfache Dolly-Shots. Bereits zu
diesem Zeitpunkt entstand in Final Cut Pro
ein kurzer Vorabschnitt einiger exemplari-
scher Szenen, damit ich meinem Kunden
die Wirkung und Anmutung der Videoauf-
nahmen präsentieren konnte.

Setaufbau und
Footage-Produktion
Im nächsten Schritt galt es, den Festi-
2 val-Schriftzug (Helvetica Neue) in
die dreidimensionale Form für die Video-
aufnahmen zu bringen. Eine Firma
stellte ihn aus dem styroporähnlichen
Material Jackodur her und lackierte
ihn in Lichtgrau. Die Buchstaben hatten
eine Höhe von circa 25 und eine Tiefe
von etwa 4 Zentimetern. Anhand der
Wortmarke vermaß ich die Abstände
der Buchstaben und Wörter zueinander
und konnte die Dimensionen so exakt
auf das reale Set übertragen. Die 3-D-
Buchstaben stellte ich für die Aufnahmen
hintereinander im Raum auf, um bei der
Bildkomposition reizvolle Überschnei-
dungen zu erhalten, zum Beispiel für das
Spiel mit geringer Tiefenschärfe und
für einen leichten Parallaxeneffekt bei
den Dolly-Shots. Damit ich später aus-
reichend Material für Schnitt und Motion-
design hatte, produzierte ich mit diesem
Set erst einmal sehr viel experimentelles
Footage. Dabei machte ich viele Durch-
läufe mit allen Festivalilmtrailern, die
mir zur Verfügung standen.
074 page 07.12 TYPO Making-of: Opening Titles

Sebastian Lange über die Trailer-produktion mit DSLR-Kamera, after effects, Soundtrack und Final Cut pro

Postproduktion
Nun sichtete ich alle Clips, importierte
3 sie in After Effects und nahm grobe
Farbkorrekturen vor. Die Dolly-Shots muss-
ten teilweise stabilisiert werden. Um eine
Dramaturgie aufzubauen, stellte ich einige
Sequenzen zu ersten Schnittvarianten
zusammen. In enger Verknüpfung dazu lie-
fen Komposition und Schnitt eines ersten
Sounddesigns. Die Tonspur integrierte ich
schon sehr früh in die After-Effects-Timeline.
So konnte ich Bild und Ton ständig kontrol-
lieren und aufeinander abstimmen. Dabei
versah ich einige Peaks der Audio-Wave-
forms in der Timeline mit Markern, die quasi
als Anker für die Keyframes der Animation
fungieren und zeitlich festgelegte Schritte
für die Typo-Einblendungen reservieren.
Dies vereinfachte die Orientierung bei der
Arbeit innerhalb des Clips stark, da sich diese Marker auch via Shortcut anspringen
lassen – bei mehr als 150 Ebenen ein willkommenes Feature. Das Footage habe ich für das
Motiondesign zum Teil stark beschleunigt oder verlangsamt und über Positions- und
Skalierungs-Keyframes zusätzlich animiert. Dabei kamen auch Wiggle Expressions zum
Einsatz und einige Easing Expressions aus der Script-Sammlung Ease and Whizz – mit
denen sich zum Beispiel Text eleganter und natürlicher animieren lässt – sowie das After-
Effects-Plug-in Twitch, das für etwas Chaos in Übergängen und Animationen sorgt.

Umsetzung des Motiondesigns


Nachdem ich die Abfolge der Sequenzen
4 im Schnitt festgelegt hatte, baute ich
ein Basis-Motiondesign für die 2-D-Typo-Ein-
blendungen auf, das ich später als graisches
Overlay für die einzelnen Filmtitel verwen-
dete und jeweils leicht modiizierte. Dabei
wollte ich einen eher schlichten, retroartigen
Look erzeugen, kombiniert mit einigen
leichten, gleitenden Animationen der Buch-
staben. Die auf die 3-D-Lettern projizier-
ten Trailer entsprechen jeweils den Festival-
ilmtiteln der Typo-Einblendungen. Um
zusätzlich Spannung zu erzeugen, setzte ich
Szenen ein, die sich mal mehr, mal weniger
eindeutig den Filmen zuordnen lassen. Dabei
entstanden durch die dreidimensionale
Verzerrung der Projektionen auf der Ober-
läche der Buchstaben oft reizvolle Verfrem-
dungen des ursprünglichen Filmmaterials.

In diesem Flowchart visualisierte Sebastian Lange alle Ebenen und Effekte


des After-Effects-Projekts im Zusammenhang
page 07.12 075

Sounddesign
Parallel zur Postproduktion entwickelte
5 ich das Sounddesign. Hierbei arbeitete
ich mit mehreren gesammelten Samples, die
ich später mit Soundtrack und Final Cut Pro
zu einem Ganzen verwob. Dabei ging es mir
vor allem darum, möglichst viele unterschied-
liche atmosphärische Geräusche und rhyth-
mische Akzente oder plötzliche musikalische
Wendungen einzubinden – zum einen in Kor-
respondenz zu den unterschiedlichen Filmen
und Festivalthemen, zum anderen als starker
Impuls für das Motiondesign. Generell wollte
ich eher eine geräuschorientierte Musik
erzeugen, die sich erst zum Schluss des Clips
zu etwas Harmonischem entwickelt. Für
das Logo-Ending wählte ich den Track »Coda«
von The Do, der durch seine spannende
und gleichzeitig lässige Interpretation sehr
gut zu dem Festival passte. Die Audiospur
diente während der Postproduktion als
Richtlinie und Grundlage für viele Animations-
elemente und Übergänge.

Finishing und Logo-Ending


Erst am Ende des Clips wollte ich Namen
6 und Schriftzug des Festivals enthüllen,
die sich hier aus den zuvor nur fragmentiert
gezeigten Lettern zusammensetzen. Dazu
bespielte ich die Buchstaben mit den unter-
schiedlichen Projektionen, nahm sie einzeln
auf und setzte sie anschließend zu Wörtern
zusammen. Beim Übergang zum Logo-Ending
übernahm ich das von Felix Ng entwickelte
Erscheinungsbild des Festivals, indem ich das
fächerartige Design der Website aufgriff und
durch einen schlichten Animationsübergang
ergänzte. Um den analogen, ilmischen Look
der Opening Titles zu verstärken, verwendete
ich zusätzlich das Lens-Blur-Plug-in Frischluft.
Dadurch bekam besonders die animierte Typo
eine etwas fotograischere Wirkung, und viele
Übergänge ließen sich ebenfalls damit aufwer-
ten. Abschließend legte ich noch etwas Film-
korn und gesampelte echte Filmkratzeraufnah-
men auf das Material – was dem Motiondesign
zusätzlich Filmfestivalcharme verpasste.
076 PAGE 07.12 TYPO Bücher

Der Wiener Illustrator und Graiker


Andreas Scheiger setzt sein Interesse
für Herkunft und Entstehung der
Buchstaben ungewöhnlich um – er
seziert sie. Oben rechts: Der Schweizer
Juri Zaech träumt von einem perso-
nalisierten Rad, mit dem er durch die
Straßen von Paris gondeln kann.
Darunter: Sérgio Alves aus Porto mixt
moderne Zeichen mit alten Bildern.
All das und noch viel mehr kuriose
Experimente inden sich in dem Buch
»Typoholic. All you need is type!«
PAGE 07.12 077

Frühlingserwachen
Ob’s an der Jahreszeit liegt? Neue Typobücher sprießen zurzeit an allen Ecken und Enden hervor.
Vier gelungene Werke stellen wir Ihnen hier vor

n Schriftenmachen heute hat mit Der Band teilt sich in zwei Abschnit- formte Animal Font von Daisy Balloon
Schriftenmachen damals nicht mehr te: Im ersten geht es um illustrative Al- (mal im App Store schauen) oder das
sehr viel zu tun. Das wissen wir alle. phabete. Hier inden sich Buchstaben aus einer alten Modelleisenbahn ge-
Trotzdem war ich beim Blättern in aus Kleidungsstücken, Letterkonstruk- bastelte Train Set von Ludvig Bruneau
»Typoholic. All you need is type!« über- tionen aus Nägeln und Gummibändern Rossow. Sehr schön auch Ruslan Kha-
rascht, auf was für interessante, wit- oder einem Stuhl, dessen Bestandtei- sanovs von Mikroorganismen inspi-
zige, skurrile und absurde Ideen De- le so abgedeckt sind, dass ein Minus- rierte Micro Type oder What are you
signer kommen, um heutzutage mit kelalphabet entsteht. Zu meinen Fa- afraid of? von Senongo Akpem. In dem
Schrift zu kommunizieren. voriten gehört der aus Luftballons ge- Alphabet des in New York lebenden
078 PAGE 07.12 TYPO Bücher

Schräg geht
es bei dem
französischen
Graikerduo
von A is a name
häuiger zu,
auch in ihrem
Corporate Design
für das Fes-
tival Musiques
Volantes

Damit die Bot-


schaften aus dem
Neuen Testa-
ment auch heute
noch verstanden
werden, verpackt
der Brite Chris
Nixon sie in ein
modernes Design

n Jeder ist ein Typograf. Zu einem


Für das Recycling-
anderen Schluss kann man nicht kom-
papier Cocoon
men, so Jan Middendorp, wenn man
des Herstellers
sieht, wie Computernutzer heutzutage
Antalis bastelte
gezwungen werden, Entscheidungen
studiowill ein
über Fonts und Layouts zu treffen. Lei-
hübsches Miniatur-
der aber seien viele ziemlich ahnungs-
wunderland
los, wenn es um die Frage gehe, wie
Schriften wirken, was ein funktionie-
rendes Layout ausmacht und wie man
mit seinen Lesern kommuniziert.
Am Ende der Lektüre von »Shaping
Text«, das ist sicher, ist diese Ahnungs-
losigkeit einem fundierten Grundwis-
sen gewichen. Denn der in Berlin le-
bende Niederländer Jan Middendorp,
der nicht nur Autor und Berater, son-
dern auch Graik-Designer und Dozent
ist, geht mit gewohnter Gründlichkeit
nigerianischen Designers ist jeder Volantes oder die personalisierten vor. Über die verschiedenen Arten zu
Buchstabe ein Stück aus einem Alp- Fahrräder – Inspirationen indet man lesen und den Abschnitt »Organising
traum, sei es das brennende A oder hier zuhauf, zumal das Typedesign sel- and planning« gelangt er zum umfang-
der ein B formende ekelige Bandwurm. ten für sich alleine steht, sondern mit reichen Kapitel »Knowing and selecting
Im zweiten Teil von »Typoholic« geht anderen Disziplinen wie zum Beispiel type« – hier gibt es Hilfestellung für alle,
es um Anwendungen. Persönliche Ex- Fotograie, Illustration, Handwerk oder die sich ständig mit der Schriftwahl ab-
perimente von Kreativen inden sich Produktdesign korrespondiert. eseln müssen. Von typograischen De-
hier genauso wie maßgeschneiderte Gut gefällt mir an »Typoholic« auch, tails, wie einem funktionierenden Wort-
Viction:ary (Ed.): typograische Lösungen für Kampag- dass es nicht so viele Überschneidun- und Zeilenabstand, feingetunten Head-
Typoholic. All you nen, Logos oder Editorial Design. Ob gen mit Arbeiten gibt, die bereits in lines und dem Einsatz verschiedener
need is type! das liebevoll gebastelte Miniaturwun- vergleichbaren Büchern wie »The 3D OpenType-Features, kommt er zu De-
2012, 288 Seiten, derland für Antalis’ Recyclingpapier Type Book« oder »Playful Type« gezeigt signstrategien und -konzepten und
39,90 Euro. isbn Cocoon, das leicht psychedelische Cor- wurden. Die knapp 40 Euro für das dann zum letzten Teil »Type and tech-
978-988-19439-9-6 porate Design für das Festival Musiques Buch sind also gut investiert. nology«, in dem es um die technolo-
PAGE 07.12 079

Jan Middendorp:
Shaping Text.
Amsterdam
(BIS Publishers)
2012, 175 Seiten.
29,90 Euro. isbn
978-90-6369-223-0

Das Veranstal-
tungsplakat für
das Direktoren-
haus in Berlin
stammt vom
Designbüro Apfel
Zet und erinnert
an alte Schriften-
kataloge. Das
kleine Plakat
rechts daneben
gestaltete xplicit

gische Entwicklung und einmal mehr Um die Bezie-


um die Frage geht, ob wir noch mehr hung zwischen
Schriften brauchen. Text und Bil-
Was »Shaping Text« für die Praktiker dern geht es
unter uns so nützlich macht, ist die He- in »Shaping
rangehensweise. Anders als viele Bü- Text« ebenso . . .
cher über Typograie, die sich dem The-
ma historisch nähern, um sich dann in
typograischen Details zu verlieren,
schaut sich Jan Middendorp graische
Produkte an – Verpackungen, Bücher,
Corporate Designs, Websites. Anhand
dieser Beispiele untersucht er den Auf-
bau und die einzelnen Elemente – Typo,
Bilder, Farben, Muster – und erklärt,
warum und wie die typograische Ge-
staltung funktioniert. Besonderes Au-
genmerk liegt dabei auf dem Zusam- . . . wie um die
menspiel zwischen dem Text selbst und Auswahl einer
der Form, in die dieser gegossen wird. passenden
Logisch, dass Jan Middendorp sich Schrift für eine
bei der Buchgestaltung nicht mit Stan- graische
dardtypo zufrieden gab. Der Mix aus Gestaltung
Jan Fromms Rooney für den Fließtext,
Edgar Waltherts Agile für Headlines
und Vortexte sowie Jeremy Tankards
Shire Types für Auszeichnungen ma-
chen »Shaping Text« auch optisch zur
Ausnahme. Und da der in Englisch
oder Niederländisch lieferbare Band
nur 29,90 Euro kostet, ist er ein Must-
have für Designer, Studenten, Autoren,
Verleger und alle Typo-Interessierten.
080 PAGE 07.12 TYPO Bücher

In ihrem Buch Buchstaben in unterschiedlicher Wei-


macht sich se beeinlussen«, schreibt Soie Beier.
Soie Beier »Ein Typedesigner muss immer gleich-
unter ande- zeitig an den individuellen Elementen
rem darüber und dem Gesamterscheinungsbild ar-
Gedanken, wie beiten.« Beim Blick auf die dann fol-
die Formen gende Tabelle mit den am häuigsten
von e und c die falsch gelesenen Buchstaben frage ich
Lesbarkeit mich einmal mehr, warum unsere Lese-
beeinlussen anfänger so oft mit der Futura gequält
werden, deren Formen zahlreiche Ver-
wechslungsmöglichkeiten bieten.
»Reading Letters« richtet sich so-
n Schriften zu entwerfen, bei denen Buchstabe oder sind es doch mehr die wohl an Type- als auch an Graik-Desig-
besonderes Augenmerk auf der Les- vollständigen Wörter? ner. Den einen will Soie Beier helfen,
barkeit liegt, ist eine undankbare Auf- Der Struktur der einzelnen Buch- sehr gut lesbare Schriften zu gestalten,
gabe. Glückt der Job, merkt niemand staben widmet Soie Beier ebenso ein den anderen, die optimale Schrift für
etwas – der Leser registriert lediglich, eigenes Kapitel wie dem historischen ein Projekt zu bestimmen. Diese kom-
wenn etwas schiefgegangen ist. Nichts- Umgang mit Strichen und Kontrast. men spätestens ab Kapitel sieben auf
destotrotz ist dieses Thema das Ste- Angefangen bei Nicholas Jenson über ihre Kosten, denn nun geht es um die
Soie Beier: ckenpferd der dänischen Designerin Claude Garamond, John Baskerville Anwendung: »Type for text sizes« und
Reading Letters. Soie Beier, die ihre Erkenntnisse mit und Giambattista Bodoni bis hin zu den »Type for distance viewing« heißen die
Designing »Reading Letters« jetzt auch in Buch- geometrisch konstruierten Schriften beiden Abschnitte, aus denen Kreati-
for Legibility. form präsentiert hat. beschreibt sie Unterschiede und Ge- ve viel Wissenswertes für ihren Alltag
Amsterdam Wer lesbare Schriften machen will, meinsamkeiten in der Strichführung ziehen können. Ebenso aus den folgen-
(BIS Publishers) der muss wissen, wie Lesen überhaupt und nennt moderne Schriften, die auf den Kapiteln, die sich um Versalien, die
2012, 181 Seiten. funktioniert. »Understanding Reading« diesen Vorbildern basieren. Frage Sans oder Serif, Italics und ver-
39 Euro. isbn heißt folgerichtig das Kapitel, das di- »Type is a beautiful group of letters, schiedene Ziffernarten drehen. Zuge-
978-90-6369-271-1 rekt auf die Präsentation der unter- not a group of beautiful letters« besagt geben, der englischsprachige Band ist
schiedlichen Lesetestmethoden folgt. ein von Designern oft zitiertes Motto. nicht immer ganz leichte, aber durch-
Spannend, dass auch nach jahrzehn- »Nicht alle Buchstaben, die für sich al- gängig interessante Kost, die durch die
telanger Forschung noch immer nicht leine lesbar erscheinen, funktionieren gelungene Gestaltung und den Satz in
endgültig geklärt ist, wie unser Gehirn ebenso gut, wenn sie Wörter bilden. Soie Beiers eigener Schrift Ovink visu-
Texte eigentlich erfasst: Buchstabe für Die benachbarten Zeichen können den ell aufgelockert wird.

n Michael Harkins ist Lehrer, das an Studenten natürlich, aber auch an achten ist, welche Kenntnisse man ha-
merkt man auf fast jeder Seite von Gestalter, die die Typoseminare ab ben und über welche Fertigkeiten man
»Using Type. Eine Gebrauchsanwei- und an geschwänzt haben. Gelegent- verfügen muss, um typograisch an-
sung für Schrift«, der deutschen Li- lich ein bisschen schulmeisterlich ver- sprechende Arbeiten zu realisieren.
zenzausgabe seines im letzten Jahr er- mittelt Harkins dem Leser was Typo- Die Sprache der Typograie und die
schienenen »Basics Typography: Using graie ist und was sie nicht ist, was Analyse von Designproblemen streift
Type«. Er wendet sich an Einsteiger – beim Gestalten mit Schrift alles zu be- Harkins dabei ebenso wie Arbeitspla-
nung, Rastersysteme, Schriftwahl, Op-
timierung von Schrift, typograische
Prinzipien oder Schrift und Software.
Dass er bei der Fülle der Themen recht
oberlächlich bleibt, ist logisch und auch
nicht weiter schlimm, schließlich ver-
steht sich das Buch als eine Art Grund-
kurs und möchte keine Speziallektü-
re ersetzen. Vier Designaufgaben sol-
len den Leser ermutigen, das Gelernte
Michael Harkins: gleich in die Tat umzusetzen.
Using Type. Eine »Using Type« ist zweifellos nützlich,
Gebrauchs- zumal man dank Glossar und gutem
anweisung für Stichwortverzeichnis auch mal schnell
Schrift. München etwas nachschlagen kann. So richtig
(Stiebner) 2012, lustvoll ist es allerdings nicht. Dazu
183 Seiten, kommt es ein bisschen zu umständlich
29,90 Euro. isbn und altmodisch daher. Vielleicht ist
978-3-8307-1409-5 auch die Übersetzung daran Schuld?
Aber von einer Gebrauchsanweisung
Ein Blick auf die Schriften, die uns im Alltag begegnen, hilft dabei, sich mit erwartet man ja schließlich auch nicht,
dem Thema Typograie vertraut zu machen dass sie spaßig ist. ant
082 page 07.12 TYPO

TYPOWELT
er von allen möglichen Buchstaben et­
was abtrennte. Dadurch bekommt die
Trim ihren ziemlich ungewöhnlichen,
eckigen Charakter.
Der Displayfont verfügt über sieben
Schnitte von Thin bis Extrabold, Ligatu­
ren und einige Alternativbuchstaben.
Darüber hinaus gibt es manuell gehin­
tete Webfonts. Einsetzen kann man die
Trim im Editorial Design ebenso wie
auf Verpackungen. Besonders freuen
würde es Göran Söderström, sie in Ani­
mationen, Filmtiteln oder Computer­
spielen zu sehen. Die Typefamilie kann
man für rund 130 Euro bei Göran Sö­
derströms Foundry Letters from Swe­
den erwerben. Ein einzelner Schnitt
kostet knapp 40 Euro.
≥ www.lettersfromsweden.se

Gebirgsmassiv
n Inspiriert von den Granitfelsen der
Sierra Nevada schuf der amerikanische
Designer Steve Matteson die Massif, die
er mit den Schnitten Light, Semi Light,
Regular, Semi Bold, Bold, Extra Bold
und den jeweils dazugehörigen Italic­
Schnitten ausstattete. Sie eignet sich
sowohl als Displayschrift wie auch für
kurze Textblöcke, da Matteson die For­
men und Proportionen in kleineren
Punktgrößen verfeinerte. Außerdem
gestaltete er Kapitälchen, Ornamente
und Ligaturen. Der erweiterte Zeichen­
satz unterstützt die meisten mittel­
und osteuropäischen Sprachen. Die
Fontfamilie ist für etwa 700 Euro bei
Linotype erhältlich, ein Einzelschnitt
für knapp 80 Euro.
≥ www.linotype.com

Heiße Diskussionen
n Ein Verzeichnis der 222 einluss­
reichstenTexte, Thesen und Manifeste
aus 111 Jahren zum Thema Schrift im
deutschsprachigen Raum ist das gera­
de im Niggli Verlag erschienene Buch
Fonts sind sehr fett, einige sehr dünn »Texte zur Typograie. Positionen zur
Abgeschnitten und einige eben lagom«, so der schwe­ Schrift« (244 Seiten, 42 Euro, isbn 978-
Die Lettern der n »Lagom« ist eines dieser schwedi­ dische Typedesigner. Inspiriert haben 3-7212-0821-4). Die Sammlung entstand,
Trim beschnitt schen Wörter, die man nicht wirklich ihn die Schriften des dänischen Archi­ als Kommunikationsdesignstudenten
Göran Söderström übersetzen kann. Es bedeutet so etwas tekten und Designers Knud V. Engel­ unter der Leitung der beiden Professo­
an verschiedens- wie »nicht zu viel und nicht zu wenig« hardt (1882–1931), der in seinen Ent­ rinnen Dr. Isabel Naegele und Dr. Petra
ten Stellen – das oder »eben gerade richtig«. So wie die würfen gerne die Diagonalen beschnitt. Eisele im Institut Designlabor Guten­
macht den Display- sieben Schnitte der Trim, der neuen Göran Söderström trieb dieses Kon­ berg der Fachhochschule Mainz nach
font so besonders Schrift von Göran Söderström. »Einige zept noch einen Schritt weiter, indem besonders inspirierenden oder gestal­
page 07.12 083

≥ Weitere interessante artikel rund um Typograie inden Sie unter www.page-online.de/emag/typo


und Links zu Typefoundries et cetera unter www.page-online.de/typo-links

Die Buchstaben b
und d sowie p
und q sind bei der
Fou nicht ein-
fach gespiegelt.
In ihren Punzen
sieht man sehr
schön, wie sich die
Proportionen
des Weißraums
verändern

terisch prägenden Texten suchten. Die­ und diverse Sonderzeichen mehr Mög­ schiedlichsten Aufbewahrungen. Die
se sollten den Diskurs über Typograie lichkeiten für Auszeichnungen bietet. Bestandteile lassen sich aneinander­
nachhaltig angeregt haben. Die Texte Die komplette Familie gibt es für rund reihen und machen so auch längere
ergänzten sie mit historischen Doku­ 150 Euro bei URW++. Wortkombinationen möglich.
menten, die zum größten Teil aus der ≥ www.urwpp.de »Manchmal sehe ich im Vorbeige­
Bibliothek des Mainzer Gutenberg­Mu­ hen Sachen, die gar nicht so sind, wie
seums stammen. ich auf den ersten Blick denke«, sagt
Während der Einführungstext einen
Regal mit Statement Sebastian Dürr. »Zum Beispiel ein Re­
Überblick über die wesentlichen De­ n Ein Buchstabenregalsystem mit Na­ gal in einem Einrichtungsladen, das ich
batten und ihren designgeschichtlich­ men Express your shelf haben Kristina augenblicklich als Buchstaben inter­
en Kontext gibt, präsentiert der folgen­ Schlagheck und Sebastian Dürr entwi­ pretiert habe. Bei meiner gedankli­
de Teil die Quellen auf Doppelseiten in ckelt. Die beiden betreiben das Büro chen Auseinandersetzung mit dem
Originalgröße. Diese Publikation gibt Union der guten Dinge in Hamburg und Thema ›Buchstaben = Kasten = Regal‹,
Interessierten die Gelegenheit, die ty­ konzipierten das Regal so, dass sich die bin ich dann sehr schnell bei dieser digi­
pograischen Positionen im 20. Jahr­ Buchstaben ganz einfach von den Sei­ talen Keilschrift gelandet, die sich wun­
hundert nachzulesen, unter anderem ten aus in ein Trägermodul schieben derbar für diese Anwendung eignet.«
zu umstrittenen Themen wie der deut­ und beliebig austauschen lassen. Den Ein Regal wie das unten abgebildete
schen Schrift oder der Kleinschreibung. Träger gibt es für jeweils drei, vier und kostet etwa 1300 Euro. ant
≥ www.niggli.ch fünf Lettern in drei Tiefen für die unter­ ≥ www.udgd.de

Verrückte Alternative
n Michael Herold entwarf die Fou als
Alternative zur Trade Gothic Conden­
sed Bold. Während er an der Gestal­
Im Regal von
tung einer normal breitlaufenden Va­
Union der
riante saß, kam er auf die Idee, ein Sys­
guten Dinge sind
tem zu entwickeln, das auf Weißräume
die Bücher von
und sich ändernde Proportionen der
Typomaniacs gut
Buchstaben reagiert. Dieses System
aufgehoben
wendete der Typedesigner auch auf
eine Variante mit Serifen an. Schließ­
lich entstand eine Schriftfamilie in den
vier Varianten Fou Condensed, Fou
Condensed Mixed, Fou und Fou Mixed,
jeweils in den Schnitten Light, Regular,
Medium und Bold plus Kursive. Man
kann Fou auch als Alternative zur DIN
oder der breitlaufenden Q­Type nut­
zen, zumal sie durch Italics, Kapitälchen
084 PAGE 07.12

BILD

Der Hamburger Ingo


Nahrwold, repräsentiert
von Bigoudi, stylt oft für
Armin Morbachs Magazin
»Tush« – wie in der Strecke
»Auslege Ware«, die
Morbach auch fotograierte
und die den Internet-Hype
Planking aufgreift
PAGE 07.12 085

Die Kunst des Arrangierens


Der kreative Anteil der Stylisten am Gelingen eines Fotos ist riesig. Aber das ist nicht der einzige Grund,
warum die Bedeutung der Styleprofis wächst und wächst

n Wer ist wichtiger, Fotograf oder Stylist? »Das Model«,


antwortet Ingo Nahrwold, und das ist nicht nur charmante
Diplomatie des bekannten Hamburger Stylisten. »Du kannst
eine Kate Moss mit Handykamera im weißen T-Shirt foto-
graieren und vermutlich wird das ein tolles Bild. Ein Foto
ist eine Gesamtkunstwerk aller Beteiligten, aber wenn das
Model nichts hergibt, wird aus dem tollsten Foto und dem
tollsten Styling nichts.«
In der Hierarchie der öffentlichen Aufmerksamkeit ste-
hen tatsächlich die Models ganz oben. Auch die Namen vie-
ler Starfotografen sind in der Allgemeinheit bekannt. Aber
Starstylisten? Kannten bislang meistens nur Insider. Dabei
ließe sich besonders in der Modefotograie häuig ketze-
risch behaupten, dass der Fotograf nur »Ablichter« der
kunstvollen Inszenierungen der Stylisten ist. Tatsächlich kön-
nen diese viel, viel mehr als ausschließlich Klamotten an
schönen Körpern drapieren.
Die Hamburger Agentur Liganord, die einige der erfolg-
reichsten deutschen Repräsentanten dieser Spezies ver-
tritt, formuliert das auf diese Weise: »Styling ist für unsere
Stylisten mehr als das, was am Set passiert: Layouts lesen.
Kampagnenideen, Marken und Medien verstehen, Kunden
beraten und überzeugen. Trends erkennen sowie Looks
und Geschichten entwickeln, Moods erarbeiten. Editorials
konzipieren, vorbereiten und stylen. Werbe- und Fashion-
shootings betreuen. Props organisieren. Sets gestalten.
086 PAGE 07.12 BILD Stylisten

Mit vielen Schuhen, aber


wenig Klamotten stylte
Tanja Rose von der Agentur
Liganord für »Business Punk«
(01.2012) eine Strecke, in der
Sneaker-Verrückte im
Renaissance Hotel in Hamburg
ihr Unwesen treiben.
Fotograf war Timmo Schreiber
von Take Agency

Still-Life- und Legewareproduktionen begleiten. Oder


Showroom-Konzepte entwickeln, Katalogproduktionen ma-
nagen und Events ausstatten.«

Die Liste ließe sich fortsetzen, denn kaum ein Berufs-


stand ist wohl so vielseitig kreativ. Das zeigt auch das neue
Buch »Stylists: New Fashion Visionaries« der britischen Mode-
journalistin Katie Baron aus dem Londoner Verlag Laurence
King (siehe Seite 90). Es stellt zwei Dutzend der wegwei-
sendsten, vor allem britischen Style-Experten vor, darunter:
• Katy England, ehemals Modechein bei »Dazed & Confused«
und Kreativdirektorin im Studio von Alexander McQueen,
jetzt bei »AnOther Magazine«,
• der gebürtige Ghanaer Edward Enninful, der mit 18 Jahren
als wohl jüngster Fashion-Director aller Zeiten bei »i-D« an-
Hair & Make-up: Sheile Michelle Rieke (www.wanted-hair.com); Models: Rosa & Kim c/o Seeds Management (www.seedsmanagement.de)

trat und 2008 bei der italienischen »Vogue« erstmals ein gan-
zes Heft ausschließlich mit schwarzen Models in Szene setzte,
• die italienische Modediva Anna dello Russo, die nicht nur
durch ihre Arbeit für »Vogue« zur Kultigur wurde, sondern
vor allem durch den Blog www.annadellorusso.com, wo sie
sich in immer wieder neuen, extravaganten Outits zeigt,
• Leith Clark, die ihr eigenes Magazin »Lula« herausgibt, Ce-
lebritys wie Kira Knightley oder Kirsten Dunst stylt, aber
auch für Chanel oder »Vogue« tätig ist,
• Nicola Formichetti, Lady Gagas Leibstylist und Kreativdi-
rektor bei Mugler,
• Katie Grand, deren Karriere bei »The Face« begann, die
dann Chefredakteurin von »Pop« wurde und mit »Love« ih-
re eigene Superhochglanzpostille gründete,
• Sophia Neophitou-Apostolou, Gründerin des Magazins
»10«, leißige Bloggerin und für den Style vieler Fashion-
shows verantwortlich, ob bei der Paris Fashion Week oder
Victoria’s Secret,
• Markus Ebner, Gründer und Chefredakteur des Berliner Ma-
gazins »Achtung« und neben »Vogue«-Chein Christiane Arp
einziger Deutscher im Buch – der heute aber in Paris lebt.
PAGE 07.12 087

Wohl kein deutsches Mode-


magazin erregt interna-
tional soviel Aufmerksamkeit
wie das schon 2003 von
Stylist Markus Ebner gegrün-
dete »Achtung«. Unten ein
Foto von Thomas Lohr, die
Moderedaktion über-
nahmen Markus Ebner und
Winnie Placzko

Äußerst experimentierfreudig
ist auch das neue Maga-
zin »Œ« aus Berlin, dessen
Fashion-Director Stylist Rainer
Metz ist. Hier aber stylte Anja
Niedermeier c/o Perfect Props.
Foto: Jette Stolte

≥ PAGE Online
Mehr tolle Bilder und Links gibt es
unter www.page-online.de/stylisten
088 PAGE 07.12 BILD Stylisten

Nachwuchstalent Nadine
Engel setzte mit Fotograin
Hannah Westermann eine
folkloristisch angehauchte
Modestrecke für das
»Missy Magazine« (01/12) in
Szene. Engel studierte in
Düsseldorf Kommunikations-
design mit Schwerpunkt
Fotograie und Mode, verlegt
sich aber zunehmend auf
Styling und Kostümbild. Mehr
unter www.nadinengel.
blogspot.de

»War Hero« hieß eine


grandiose Strecke des
Fotografen Richard Burbridge
für »Dazed & Confused«.
Die morbid entstellten Krieger
inszenierte Shootingstar
Robbie Spencer, Senior Fashion
Editor des Magazins, der auch
für viele weitere Kunden
aus der Modebranche arbeitet
PAGE 07.12 089

Der klassische Karriereweg, so wird deutlich, geht so:


Einlussreiche Stylisten werden irgendwann als Mode- oder
sogar Chefredakteure großer Modezeitschriften noch ein-
lussreicher. Dass nun eine neue Generation von Stylisten
von sich reden macht, hat mindestens drei Gründe. Zum ei-
nen der derzeit angesagte skulpturale Stil, bei dem Stylis-
ten die Models mit fantastischen Kopf- und Körperdekora-
tionen in reinste Kunstwerke verwandeln. Meister dieses
Fachs sind Robbie Spencer oder Alister Mackie, beide be-
schäftigt im Hause »Dazed & Confused«. Zum Zweiten die
neuen Möglichkeiten der Selbststilisierung durch Blogs,
wie Anna dello Russo es bis zur Perfektion betreibt. Und
zum Dritten der aktuelle Boom an Zeitschriftengründun-
gen. Gerade hier haben Stylisten gute Karten, sind sie doch
bestens vernetzt mit Fotoprois aller Art, die sich gerne mal
jenseits der großen Mainstream-Modeblätter austoben.
Allesamt Trends, die ebenfalls im deutschsprachigen
Raum zu beobachten sind, seit Berlin und auch Wien zu-
nehmend auf der internationalen Fashion-Landkarte in Er-
scheinung treten. Wobei das erfolgreichste Magazin eines
Brancheninsiders aus Hamburg kommt und bekannterma-
ßen »Tush« heißt. Sein Gründer, Armin Morbach, ist kein
Stylist, sondern Hair- und Make-up-Artist sowie schon lan-
ge auch Fotograf und mit whatmagazine.de zudem Online-
Publisher. »Tush«-Modechein ist Wiebke Bredehorst, selbst-
verständlich eine der Stylistinnen, die Morbach mit seiner
HMS-Agentur Ballsaal vertritt.

Fotograf Robert Bartholot


ist oft selbst Stylist seiner extra-
vaganten Inszenierungen. Fürs
Berliner Magazin »Œ« arbeitete
er mit Harald Erath zusammen,
der gerade sein Kostüm-
und Bühnenbildstudium in
Weißensee abschließt
und schon von Emeis Deubel
vertreten wird
090 PAGE 07.12 BILD Stylisten

Das Münchner Pendant zu Morbach und seinem Ham-


burger Style-Imperium ist Hair-Artist Oliver Szilagy mit dem
letztes Jahr gegründeten Magazin »74«. Über seine Agentur
sternenfänger vertritt Szilagy ebenfalls diverse Stylisten.
Eine weitere Münchner Neugründung ist das von Stylist und
Modeblogger Sven Barthel 2010 lancierte Magazin »Hype«,
dessen Modechef Oliver Rauh ist, einer der international
bekanntesten deutschen Stylisten.

Für die junge, nachrückende Generation steht Kira Stacho-


witch aus Wien, die mit 19 Jahren Mitgründerin des längst
auch international sehr erfolgreichen »Indie«-Magazins war
und inzwischen zudem »material girl« sowie »Monki Maga-
zine« leitet. Es tut sich also gewaltig etwas in deutschen
oder deutschsprachigen Landen, wobei trotzdem noch viel
zu tun bleibt.
An einen weiteren Faktor, der Stylisten in den letzten Jah-
ren stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken ließ, erin-
nerte uns Anke Kolberg von der Agentur Liganord: Für
weltweit erfolgreiche TV-Serien wie zum Beispiel »Sex and
the City« oder »Mad Men« kreierten Patricia Field bezie-
hungsweise Janie Bryant jeweils ganz eigene Stilgenres,
deren Einluss sich auch in zahlreichen Modefotograie-
strecken niederschlug. Da wird Deutschland wohl noch ein
Weilchen hinterherhinken, denn bis ZDF oder RTL zu Style-
Trendsettern werden, ist es noch ein langer Weg . . . cg

Katie Baron: Stylists:


New Fashion Visionaries.
London (Laurence King) 2012,
208 Seiten, 30 Pfund.
isbn 978-1-85669-829-0

Im Auftrag von Jung von Matt/Neckar setzten


Fotograf Raphael Just und Stylistin Claudia
Scholtan – vertreten von Klaus Stiegemeyer – ein
Shooting fürs Premiumkunden-Mailing von
Breuninger um. Motto: »Frühjahrsputz Deluxe«

Katie Grand ist eine der glamourösesten


britischen Stylistinnen und Magazin-
macherinnen. Für die sechste Ausgabe der von
ihr gegründeten Hochglanzpostille »Love«
inszenierte sie acht Cover mit den Starfotografen
Mert Alas & Marcus Pigott
092 page 07.12 BILD

BILDWELT

Nix Alpenidyll: Lois


Hechenblaikner
zeigt, wie die Tourismus-
industrie Natur
und Kultur plattmacht

ten und neuen Fotos aus den Alpen


Ballermann on Ice zog – nächstes Jahr soll es eine Neu-
n Innerhalb der Tourismusbranche aulage beim Steidl Verlag geben. Sein
hat er nicht viele Freunde. Fotograf jüngster Bildband heißt »Winter Won-
Lois Hechenblaikner ist eine Art Martin derland« und ist ebenfalls bei Steidl
Parr des Tirols: Ähnlich wie der be- erschienen (38 Euro, isbn 978-3-86930-
rühmte Brite dokumentiert er gnaden- 376-5). Dieser dokumentiert, wie ganze
los ironisch die Barbarei des Massen- Landschaften umgebaut werden, was
tourismus, konzentriert sich aber auf erst ohne Schnee so richtig sichtbar
seine Heimat. Da kam es schon vor, wird, oder die zur Karikatur verkom-
dass ein Tourismus-Chef Plakate für mene alpenländische Kultur in allerlei
Hechenblaikners Bildvorträge heim- Après-Ski-Lokalitäten – unterkellert
lich entfernen ließ. Und eine Ausstel- von Schlauchsystemen, durch die die
lung über die Spaß- und Müllauswüch- fröhlichen Touristenmassen oben in
se rund um einen Open-Air-Auftritt der Romantikhütte mit Jagertee oder
der Zillertaler Schürzenjäger wurde Schnaps abgefüllt werden. Sie können
kurzerhand verboten. ja einfach mal in die Publikation oder
Hechenblaikner wird trotzdem ge- auf die Website www.hechenblaikner.
hört und gesehen, auch mit genialen at schauen, bevor Sie den nächsten
Objektiv Photo vertritt fortan auch internationale Büchern wie »Hinter den Bergen«, das Skiurlaub buchen.
Top-Werbefotografen wie Paolo Franco aus Mailand 2009 groteske Vergleiche zwischen al- ≥ www.steidl.de
page 07.12 093

≥ Mehr zum Thema Fotograie und Illustration unter www.page-online.de/emag/bild

runter den durch die wöchentlichen


Objektiv-Relaunch »Stil-Bilder« aus dem »ZEITmagazin«
Ist Kreativität gratis? Nein,
n Bis jetzt war die Münchner Reprä- bekannten Fotografen Peter Langer, sagt der Interessen-
sentanz Objektiv Photographen von den nicht weniger gefragten, ebenfalls
Michael Stromeyer besonders für Fa- der Mode zugeneigten Raphael Just
verband der Bildanbieter
shionmarken und -magazine aktiv. In oder Sabrina Theissen, an der Kruse bei Eine Stellungnahme des BVPA zur
Zukünft möchte man sich noch stärker aller Schlichtheit der Bilder die hohe
Urheberrechtsdebatte
werblich betätigen – unterstützt vom Emotionalität schätzt.
neuen Geschäftspartner Jörn Boysen, Als Setbuilder kommt Ralf Büring
dessen Werbe- und PR-Agentur Götter- dazu, als Stylist und Fashion Consul- n In den letzten Wochen und Monaten ist eine Dis-
funke auch gleich fürs rundherum fri- tant Christian Stemmler. Auf die DNA kussion über das Urheberrecht entbrannt, die die
sche Erscheinungsbild sorgte. von Modemarken zugeschnittene Kon- Bildanbieter nicht unkommentiert lassen können. Der
Vor allem aber wurde die Fotogra- zepte – auch für Lookbooks und Kam- Bundesverband der Pressebild-Agenturen und Bild-
fenriege um sieben bemerkenswerte pagnen – entwickelt ebenfalls Xenia archive (BVPA) betrachtet einzelne Forderungen aus
Neuzugänge erweitert. Dazu gehören Bous. Sie wird von AK/Kruse als Con- dem Blickwinkel des Bildermarkts. Bei der Diskussion
Giacomo Biagi und Paolo Franco aus sultant ebenso wie als avantgardisti- besteht allgemein der Verdacht, dass sich einige jun-
Mailand sowie Jeffrey Vanhoutte aus sche Schmuckdesignerin vertreten. ge Netzpolitiker aller Parteien auf Kosten der Kreati-
Brüssel, die herausragende kreative ≥ www.akkruse.com ven und Kulturschaffenden bei einem neuen Wähler-
Werbeinszenierungen zu bieten haben, kreis proilieren wollen. Bevor die Interessen der Urhe-
Karan Kapoor aus London, Spezialist ber auf dem netzpolitischen Altar geopfert werden,
für optimistischen Lifestyle, oder der
Lizenzfreie Videoclips sind einige der Forderungen kritisch zu hinterfragen.
Münchner Sport- und Outdoor-Experte n Zunehmend setzen Stockbildagen-
Michael Müller. Die Multitalente Pierre turen auch auf Footage. So präsentiert • Das Urheberrecht ist nach Artikel 14 und Artikel 1, 2
Pironet aus Brüssel sowie Matias Posti die Inmagine-Tochter 123RF mit deut- GG als Grundrecht und nach Artikel 27 AEMR sogar
aus Buenos Aires fotograieren unter schem Büro im hessischen Nidderau als Menschenrecht anerkannt. Es ist wesentlicher Be-
anderem gerne Autos. über 70 000 lizenzfreie Videos – und es standteil einer funktionierenden Wissensgesellschaft.
≥ www.objektiv-photo.com sollen ständig mehr werden. Die Clips • Bildanbieter – sowohl Fotografen als auch Bildagen-
sind über Credits oder über ein 123RF- turen – müssen für ihren Zeit- und Kostenaufwand
Abo zu erwerben und liegen in drei Auf- (Investitionen etwa für Fotoausrüstung, Computer,
Neue Repräsentanz lösungen vor, bis hin zu Full HD. Beim Bildbearbeitung, Verschlagwortung, Rechteklärung,
n Als »Boutique-Agentur« versteht Kauf über Credits betragen die Preise Vermarktung und sonstige Dienstleistungen) beson-
Ann-Kathrin Kruse ihre neue Hambur- zwischen 15 und 65 Euro pro Clip, bei ders im digitalen Zeitalter angemessen honoriert
ger Repräsentanz AK/Kruse. Sie vertritt größeren Mengen gibt es Rabatt. werden.
wenige, aber besondere Kreative, da- ≥ http://de.123rf.com • Die geforderte Verkürzung der Schutzfristen von 70
Jahren nach dem Tod des Urhebers sehen wir als Ent-
eignung der Rechteinhaber an. Weil in vielen Fällen die
Angehörigen die materiellen Engpässe des Urhebers
kompensieren mussten, ist es naheliegend, dass sie an
späteren Einnahmen beteiligt werden.
• Wir erteilen der Legalisierung von Tauschbörsen eine
klare Absage. Solange das Löschen verbleibender Da-
teien nicht gewährleistet werden kann, sogar die tech-
nische Kontrolle und die rechtliche Verfolgbarkeit un-
terbunden werden soll, halten wir es für unverant-
wortlich, die Rechteinhaber einseitig dem Risiko der
beliebigen Kopierbarkeit auszusetzen.
• Die Befürworter der Kulturlatrate sind seit Jahren
nicht in der Lage gewesen, ein tragfähiges Konzept
zu skizzieren, geschweige zu entwickeln. Eine gerech-
te Verteilung der Einnahmen durch dieses Konzept
unterhalb der Rechteeinhaber ist völlig offen. Au-
ßerdem birgt ein solches Vergütungssystem vor allem
die Gefahr in sich, dass mit einer Gleichsetzung der
auszuzahlenden Erträge die individuellen Leistun-
gen der Kreativen ignoriert werden.

Ist bei AK/Kruse in der Rubrik »New Talent« zu inden: Fotograin Serena Becker, Das ausführlichere Positionspapier lässt sich unter
hier ein Bild für das Magazin »self service« www.bvpa.org downloaden.
094 page 07.12

TECHNIK

Cloud in the Box: Das auf krea-


tive Bildbearbeitungen
spezialisierte Studio Fotomaki
suchte einen unkompliziert
zu bedienenden Cloud- und
Büroserver. Die – zudem
äußerst hübsche – Antwort ist
Protonet ( http://protonet.info )
page 07.12 095

Die eigene Wolke


Die Kommunikation mit dem Kunden ist für jeden kreativen Dienstleister essenziell. Cloud-Services können dabei
vieles vereinfachen – gerade auch für Freelancer und kleine Agenturen. Wir zeigen, welche Lösungen es gibt

n Das Aufsetzen und Administrieren orangefarbene Protonet-Box enthält zugeschnittene Lösung handelt, weist
von Servern gehört für Julia Böning und in der Grundausstattung ein Mother- Protonet jedoch auf einen wichtigen
ihre Mitarbeiterinnen bei Fotomaki board mit 4 Gigabyte Speicher und ei- Trend hin: Die Ansprüche an die Tools
Retouching in Hamburg nicht unbe- nem Dual-Core-Prozessor, zwei jeweils für die Online-Kollaboration werden
dingt zum Selbstverständnis. Sie ha- 2 Terabyte große Festplatten, die zu größer. Wenn bei einem Projekt die
ben sich auf aufwendige Nachbearbei- einem RAID 1 (Mirroring) verbunden Beteiligten an verschiedenen Orten
tungen und Farbkorrekturen von Fotos sind und jede Datei doppelt speichern, sitzen, gewinnt die Cloud als zentraler
spezialisiert, bei denen sie den Bildern sowie WLAN und Ethernet-Anschluss. Punkt der Zusammenarbeit enorm an
ihren besonderen Look geben. Ihre Ar- Fotomaki setzt ihren »Knoten«, wie Bedeutung: In ihr werden Dateien über-
beiten haben es in die Kampagnen von Protonet die Server nennt, auf vielfälti- geben und Projektkalender geführt,
Daimler-Benz und BMW, IKEA und ge Weise ein: Zunächst ganz banal als wird gechattet und gemeinsam an Do-
Swarovski geschafft. Server für Arbeitsdateien im Büro und kumenten gearbeitet.
Im Alltag bedeutet das, dass immer für Back-ups. Mit an Bord ist aber auch
wieder große Dateien zwischen Foto- ein FTP-Server, über den sich Dateien Neue Technologien und Dienste so-
grafen, Fotomaki, Agenturen und Kun- für Kunden und Kollegen bereitstellen wie gesunkene Preise ermöglichen es
den verschoben werden müssen. Das lassen. Das Besondere an dem Proto- Freiberulern und kleineren Studios,
Fotomaki-Team wiederum muss auch net-Server ist der selbst entwickelte be- genauso professionell aufzutreten wie
von unterwegs auf die Daten zugrei- ziehungsweise angepasste Chat-Client. große Agenturen mit eigenem IT-Ser-
fen können. Für die Abstimmung unter So ist es möglich, für dieverse Zielgrup- vice. Grundsätzlich stehen ihnen dabei
den Beteiligten gab es ebenfalls Be- pen eigene Channels anzulegen und drei Wege offen. Sie können selbst ei-
darf an einem eigenen Tool. Die Lösung Mitglieder hinzuzufügen, die sich dann nen klassischen Server aufsetzen und
sah für Fotomaki lange Zeit so aus, über diesen Server austauschen kön- betreiben. Alternativ gibt es die Mög-
dass sie für den Datenaustausch mit nen. in die Channels lassen sich auch lichkeit, Cloud-Services in Anspruch zu
Kunden und Partnern Platz auf einem Dateien hochladen und für alle zugelas- nehmen oder – wie Fotomaki mit Pro-
FTP-Server gemietet hatten. senen User zur Verfügung stellen. Bald tonet – einen vorkonigurierten Cloud-
Durch Zufall ergab sich ein besserer soll noch ein entfernter Server in der Server zu mieten oder kaufen. Jede der
Weg: Ali Jelveh und Christopher Blum Cloud ins Spiel kommen, um Back-ups Varianten hat ihre Vor- und Nachteile.
hatten sich gerade als Entwickler von für den Fall eines Einbruchs oder sonsti- Wer sich zum Beispiel mit Linux aus-
Xing verabschiedet, um ihre eigene Fir- gen Schadens im Büro zu sichern. Auch kennt, benötigt nur etwas Hardware
ma aufzuziehen. Wegen ihres Corpo- das wird das Protonet-Team betreuen. oder einen Mietvertrag für einen beim
rate Designs suchten sie Rat bei Foto- Auch wenn es sich hier um eine spe- Provider gehosteten Server, um sich
maki – und kamen so nicht nur zu ex- ziell auf die Bedürfnisse von Fotomaki lexibel die Umgebung und Dienste
zellenten Fotos, sondern am Ende auch
Der Protonet-Ser-
zu dankbaren neuen Kundinnen. Denn
ver läuft unter
das Geschäft der beiden sind vorkon-
Linux und bietet
igurierte Server, die sie unter dem Na-
ein eigenes
men Protonet vertreiben und betreuen.
Chat-Programm,
Auch andere Kunden kamen auf unge-
über das sich
wöhnlichem Weg zu ihrem Protonet-
auch Dateien aus-
Server: Das junge Unternehmen hat
tauschen lassen
sich an einem langen Tisch im Hambur-
ger Co-Working-Space betahaus ein-
quartiert und das gemeinsame Büro
mit seinen Servern ausgestattet.

Protonet basiert auf Linux, das als Be-


triebssystem auf den Servern des Ham-
burger Start-ups läuft. Das Team bietet
ein Komplettpaket aus Hardware, Soft-
ware und Service an. Die leuchtend-
096 page 07.12 TECHNIK Cloud-Lösungen für Freelancer und agenturen

einzurichten, die er benötigt. Der


Nachteil: Server-Betriebssysteme sind
für Prois gedacht und ein paar falsche
Praktische Cloud-Services
Befehle können das gesamte System
ruinieren. Wer nicht zum nebenberuf-
lichen Systemadministrator mutieren
will, braucht am Ende doch professio-
nellen Support.
Etwas anders liegen die Dinge bei
den Online-Services. Vor wenigen Ta-
gen startete Google Drive, ihren eige-
nen Cloud-Speicher, und heizte damit OwnCloud ist
den Wettbewerb unter den Anbietern vorkoniguriert
noch einmal gehörig an. Dropbox akti- für das gemein-
vierte neue Features, Microsoft unter- same Nutzen
zog SkyDrive einer Generalüberholung, von Dateien,
und Wuala verdoppelte den Gratisspei- Kalendern und
cherplatz. Amazon stellte neue Desk- Kontaktdaten
top-Apps für Cloud Drive zur Verfügung.
Die Palette an Speicherangeboten ist ownCloud Die Open-Source-Cloud
reichhaltig. Sie bauen auf dem Free- ≥ https://owncloud.com; http://owncloud.org
mium-Modell auf, das heißt, die Grund-
funktionen sowie eine beschränkte n Die Antwort der Open-Source-Ge- Anwendung oder ein Web-Interface
Menge Speicherplatz sind kostenlos. meinde auf den Cloud-Hype nennt sich erfolgen. Es gibt zudem aber auch eine
In der Regel gibt es zudem Apps für ownCloud und bietet genau das: eine App für Android, eine iPhone-Version
Computer und Mobilgeräte, die für eine Cloud-Anwendung, die sich auf eige- ist in Arbeit.
gute Integration in die Arbeitsumge- nen Servern hosten und an das eigene Wie viele andere Open-Source-Pro-
bung sorgen. Interessant für diejeni- Erscheinungsbild anpassen lässt. Tech- jekte fährt ownCloud mehrgleisig: Ne-
gen, die nur über eine Internetverbin- nisch Interessierte können das Paket ben der frei verfügbaren Community-
dung mit langsamen Upstream verfü- selbst konigurieren und warten. Im- Anwendung existieren vorkonigurier-
gen, ist auch die Performance, denn merhin ist das deutlich einfacher, als te Lösungen von deutschen, schweizer
die Dateien müssen nur einmal hoch- eigenhändig einen Server für die je- und österreichischen Hostern, die kei-
geladen werden und stehen dann zum weilige Cloud einzurichten. nen eigenen Server erfordern, aber vol-
Download mit voller Geschwindigkeit In der Grundausstattung erlaubt es le Kontrolle über die gespeicherten
zur Verfügung. Dennoch gibt es eine ownCloud, Dateien, Kontakte, Book- Daten erlauben. Angebote dafür gibt
Reihe guter Gründe, sich nach einer an- marks und Kalender zu speichern und es schon ab 3,50 Euro pro Monat. Au-
deren Lösung umzusehen. So ist zum zu verwalten. Viele Features lassen sich ßerdem vertreibt ownCloud Inc. eine
Beispiel ein Branding bei einigen Diens- als Anwendungen hinzufügen. Die Lö- Business- und Enterprise-Edition, die
ten schwierig, bei anderen erst gegen sung hat eine aktive Entwicklergemein- sich von der Community-Version vor
deutlichen Aufpreis möglich. de, die viele Erweiterungen publiziert allem durch den garantierten Support
Wichtiger sind aber Datenschutzer- hat. Die Kernfunktion von ownCloud unterscheiden. Zielgruppe sind profes-
wägungen: So verlieh der Verein Foe ist das Austauschen und Synchronisie- sionelle Nutzer, die eigene Server ein-
BuD im April einen seiner BigBrother ren von Dateien sowie das Back-up. setzen wollen, dabei aber auf Unter-
Awards pauschal an die Cloud, da die Der Zugriff kann über eine Desktop- stützung angewiesen sind.
meist in den USA beheimateten Diens-
te den US-Behörden Zugang zu den
gespeicherten Inhalten gewähren müs- Dropbox Cloud-Speicher und sonst nichts
sen – egal, wo nun die Festplatte mit ≥ www.dropbox.com
den Daten physikalisch steht. Auch im
Umgang mit dem Kunden kann es Pro- n Dropbox Stärke sind die leistungsfä- einsetzen. Das gilt sogar für die Open-
bleme geben: Die komfortablen An- higen Synchronisationsfunktionen. Der Source-Software ownCloud, die auch
wendungen, die SkyDrive oder Google Dienst selbst bietet nur den Speicher- Dropbox-Webspace einbinden kann.
Drive ins Betriebssystem integrieren, platz, doch dank dokumentierter Schnitt- Für die Kommunikation mit dem Kun-
sind in vielen Unternehmen nicht er- stellen ist ein Biotop an Anwendungen den reicht Dropbox allein jedoch kaum
laubt und wenn sie es doch sind, wird, von Drittanbietern gewachsen, darunter aus. Dazu lässt sich die Oberläche nicht
wie zum Beispiel bei Dropbox, das Vo- GoodReader oder die Ofice-Suite Quick- ans eigene Corporate Design anpassen.
lumen des freigegebenen Ordners ofice. Bei Verwendung dieser Tools lässt Der Preis für 50 Gigabyte zusätzlich
auch dem Kunden auf seinen Speicher- sich Dropbox als universeller Speicher liegt bei rund 10 Euro pro Monat.
platz angerechnet.
Neben den Cloud-Services, die wir Die Stärke
hier vorstellen, lohnt es, sich auch un- von Drop-
ter den Lösungen umzusehen, die ähn- box ist die
lich wie Pronet keine vertieften IT- Daten-
Kenntnisse erfordern und alle wichti- synchro-
gen Features für einen professionellen nisation
Cloud-Auftritt mitbringen. dsc
page 07.12 097

Google Drive
Günstiges Angebot vom Cloud-Riesen
≥ https://drive.google.com

n Der Internetkonzern ist außerordentlich aktiv im Cloud-


Geschäft und bietet eine breite Palette von Tools an: Mail,
Kalender, eine Ofice-Suite und seit Kurzem auch eine klas-
Box bietet sehr sische Cloud-Speicherlösung. Viele von Googles Cloud-Diens-
professionelle ten lassen sich zudem über Stand-alone-Anwendungen in
Features, wird die Desktop-Umgebung von Mac- und Windows-Rechnern
aber wie die sowie in mobile Plattformen integrieren. Wer sich nicht
meisten anderen scheut, sich an Google zu binden, bekommt hier ein un-
Angebote in den spektakuläres, preiswertes Angebot für die Cloud-Kommu-
USA gehostet nikation mit seinen Kunden. Für knapp 2 Euro im Monat gibt
es 25 Gigabyte Speicherplatz extra. Besonders personali-
Box Cloud-Angebot mit vielen Erweiterungen sieren lässt sich Google Drive allerdings nicht.
≥ www.box.com

n Der Dienst von Box Inc. hat einige starke Pluspunkte, die
ihn interessant machen: zum einen eine breite Palette an
Anwendungen, Schnittstellen und Plug-ins, mit denen Box
mit vielen anderen Cloud- und Desktop-Angebote interagie-
ren kann. Kaum ein Aufgabenfeld ist ausgelassen – das gilt
insbesondere für den Business-Bereich, etwa mit hilfrei-
chen Tools für die Nutzer- und Dateiverwaltung. Zudem gibt
es Clients für viele Desktop- oder Mobilgeräte. Dem stehen
allerdings einige Nachteile entgegen: Selbst in den teuers- Ergänzend zur Speicherlösung Google Drive bietet
ten Varianten ist die Dateigröße beim Upload begrenzt, Google für viele Aufgaben Cloud-Ofice-Apps an
und die Arbeitsoberläche lässt sich erst ab der teuren
Enterprise-Variante individualisieren. Die Business-Version
kostet monatlich ab 15 Euro pro Nutzer. Huddle
Zusammenarbeit mit Team und Kunden
≥ www.huddle.com
Microsoft SkyDrive
Die Cloud für die Windows- und Office-Welt n Huddle ist eine weniger bekannte Cloud-Plattform, de-
≥ https://skydrive.live.com ren Schwerpunkt auf der Zusammenarbeit größerer Teams
liegt. Bei zehn oder mehr Usern kostet Huddle monatlich
n Auch Microsoft kann eine Möglichkeit sein, mit Kunden circa 12 Euro pro Person. Dazu gibt es gemeinsame Kalender,
über die Cloud zusammenzuarbeiten. Speicherplatz, Kalen- Whiteboards, Aufgabenverwaltung et cetera. Auch Web-
der, E-Mail, Ofice-Anwendungen, Chat und mehr stehen space zum Speichern von Dokumenten gehört dazu sowie
zur Verfügung. Nachteilig bei SkyDrive, so der Name des Clients für Mobilgeräte und Schnittstellen zu Diensten wie
Speicherangebots, sind zum einen die beschränkten Mög- LinkedIn. Zu den Referenzkunden im kreativen Bereich ge-
lichkeiten, das Interface im eigenen Corporate Design zu hört die Agentur AKQA, die Huddle für den Datenaustausch
gestalten – es hat einen entschiedenen Microsoft-Look –, mit Kunden einsetzt. Hilfreich dabei ist, dass sich Huddle
zum anderen lassen sich keine Anwendungen von Drittan- dem eigenen Corporate Design anpassen lässt.
bietern einbinden. Positiv sind hingegen der günstige Preis
ab 20 Euro im Jahr für 25 Gigabyte zusätzlichen Speicher-
platz und die Integration in die Microsoft-Welt.

SkyDrive verfügt über nützliche Werkzeuge, sieht aber uninspiriert aus Huddle unterstützt die Kollaboration via Cloud
098 PAGE 07.12 TECHNIK Druckweiterverarbeitung

Printveredelungen auf einen Blick


Teil 1: Lasercut

n Anfang der 1990er Jahre gelangte lien und Laminierungen sowie alles,
die noch junge Lasertechnologie auch was sich bei starker Hitze unkontrol-
in die Druckweiterverarbeitung und liert verformt, sind grundsätzlich un-
bewährte sich vor allem beim Stan- geeignet für dieses Verfahren.
zen. Während die Fertigungsbetriebe
zuvor ein dünnes, in eine Holzschablo- Tipps zur Planung
ne eingelassenes Metallband einset- Die Eigenschaften des Papiers sind ent-
zen mussten, machte es nun der Laser scheidend für den Erfolg eines Laser-
möglich, sehr viel feinere Strukturen cuts: An ungeeignetem Material blei-
auszustanzen. Diese Technik hat Krea- ben hässliche Schmauchspuren zurück,
tiven ganz neue Gestaltungsmöglich- die unter Umständen entfernt oder
keiten erschlossen. überdruckt werden müssen. Zudem
kann bei großlächigen Ausschnitten
Bezeichnung die Stabilität der Seite leiden. Es lohnt
Der verbreitetste Begriff ist Lasercut. sich daher, sich schon im Vorfeld beim
Daneben ist allerdings auch Filigran- Dienstleister kundig zu machen, wel-
laser, Laserschnitt oder Laserfeinstan- ches Papier sich am besten eignet.
zen gebräuchlich. Beim Entwerfen des Ausschnitts soll-
te man außerdem darauf achten, dass
Varianten keine langen, losen Papierstreifen ent-
Lasercut gibt es sowohl als digitales stehen, die bei der weiteren Verarbei-
wie auch als analoges Verfahren (mehr tung leicht umknicken könnten.
dazu unter dem Stichpunkt »Tech- Für Ziffern und Buchstaben, die ei-
nik«). Außerdem lässt sich das Schnei- nen Leerraum aufweisen, zum Bei-
den im selben Durchgang mit dem spiel 0 oder A, ist es notwendig, kleine
Gravieren verbinden. Stege vorzusehen, die den Innenraum
mit dem Rest der Seite verbinden. Sie
Stärken sollten bei leichterem Papier und Kar-
Lasercut erlaubt es, sehr feine Struk- ton mindestens 0,3 Millimeter breit
turen aus Papier oder Karton auszu- sein. Vermeiden sollte der Gestalter,
schneiden. Die Ergebnisse ähneln dem die Bereiche mit dem Laserausschnitt
Stanzen, sind aber noch einmal deut- in einem Falz zu positionieren.
lich feiner als bei dieser Technik.
Grenzwerte
Technik Je nach eingesetzter Maschine schwan-
1 Beim analogen oder Permanentla- ken die Maße der Substrate, die sich
serverfahren stellt der Fertigungsbe- mit hochwertigem Ergebnis verarbei-
trieb zunächst anhand des Entwurfs, ten lassen. Druckbogen bis zum For-
der als PDF-Datei angeliefert wird, ei- mat 50 mal 70 Zentimeter sind mög-
ne Schablone her, indem er Löcher lich. Das Papier sollte zwischen 40 und
in eine dünne Kupferplatte ätzt. Die 1200 Gramm schwer sein.
Schablone wird dann auf dem Papier
ixiert und beides unter den Perma- Dienstleister (Auswahl)
nentlaser geschoben, der präzise alle • Druckerei Schroeder, 41469 Neuss
nicht bedeckten Flächen ausbrennt. ≥ www.filigran-laser.de
Dabei entstehen Temperaturen von • Kremo Laser-Papierfeinstanzungen,
bis zu 1600 Grad. 65439 Flörsheim
2 Beim digitalen Verfahren ist das An- ≥ www.laser-stanzungen.de/
fertigen einer Schablone nicht not- • Rausgebrannt, 1060 Wien,
wendig: Die Vektoren in der Vorlagen- Österreich
datei legen fest, welchen Weg der La- ≥ www.rausgebrannt.at
ser abfährt, entlang welcher Linien er • Indivisuell Design- und Produktions-
dabei das Papier schneidet und mit agentur, 4410 Liestal, Schweiz
welcher Intensität. ≥ www.filigranlaser.ch/
Beim Lasercutverfahren brennt der Laser
Einsetzbare Materialien Preis Punkt für Punkt in den Werkstoff (ganz oben)
Im Hinblick auf die Materialien zeigt Abhängig vom Aufwand sind 50 Cent und arbeitet dabei mit einer sehr hohen
sich Lasercut äußerst lexibel, selbst bis 1 Euro pro Visitenkarte zu veran- Geschwindigkeit (unten). Mitte: Der Größen-
Leder oder Metallbleche lassen sich schlagen beziehungsweise 50 bis 100 vergleich mit der 2-Euro-Münze zeigt, wie
verarbeiten. Aber Achtung: Plastikfo- Euro pro Maschinenstunde. fein sich Papier per Lasercut schneiden lässt
PAGE 07.12 099

Die Visitenkarte für


Ritornell entstand
nach dem Entwurf
von Katharina Hölzl
bei den Wiener
Lasergravur-Spezia-
listen Rausgebrannt.
Die allein per
Lasertechnik herge-
stellten Karten
lassen sich einzeln
abreißen und in der
Spieluhr abspielen

Klangkarten
Im ersten Teil unserer neuen Serie zur Druckweiterverarbeitung zeigen wir am Beispiel der
Visitenkarte für das Künstlerduo Ritornell, welche Möglichkeiten Lasercut bietet

n Der Komponist und Sounddesigner Richard Eigner ar- geschnitten.« Die Grenze für eine wirtschaftliche Produktion
beitet unter dem Namen Ritornell mit dem Pianisten Roman mit Lasercut liegt daher bei etwa 500 bis 1000 Stück, danach
Gerold zusammen. Ein wichtiges Element ihrer Live-Perfor- ist es meist günstiger, eine oder mehrere Stanzformen an-
mances sind Spieluhren, die die Besucher zu den Konzer- zufertigen – die jedoch weniger iligrane Details erlauben. Im nächsten Teil
ten mitbringen. Ein ganz besonderer Klang entsteht, wenn Für Ritornell war das Verfahren allerdings die beste Lösung, unserer Serie
alle Anwesenden die Pappstreifen mit den eingestanzten hätte man doch sonst auf eine Kombination aus Stanzen, geht es um Folien-
Melodien im Takt durch ihre Spieluhren kurbeln. Genau dies Prägen und Drucken zurückgreifen müssen. dsc prägungen
griff die Wiener Designerin Katharina Hölzl auf, als sie für
Ritornell Visitenkarten entwerfen sollte. Ihre Idee war, dass
diese abspielbar sein sollten.
Seither hat das Duo neunmal perforierte, gefaltete Papp-
streifen in der Tasche. In neun der zehn Segmente ist je-
weils eine eigens komponierte Sequenz gestanzt. Auf der
Vorderseite beindet sich einer der neun Buchstaben des
Wortes »Ritornell«, während auf der Rückseite die Kontakt-
daten eingraviert sind. Möchte einer der beiden Künstler
seine Visitenkarte überreichen, reißt er einen der perfo-
rierten Abschnitte ab, spielt ihn in der Spieluhr ab und
übergibt ihn dem Interessenten.
Für die Realisierung ihrer Idee wandte sich Katharina
Hölzl an Rausgebrannt aus Wien. Bernhard Rameder und
Wolfram Kühmayer fertigten die Visitenkarten ausschließ-
lich per Laser, denn sowohl das Stanzen der Löcher für die
Spieluhr als auch die Perforation an den Trennstellen und
das Gravieren der Texte ließ sich auf diese Weise in einem
Durchgang erledigen. Nicht ganz einfach war es, einen ge-
eigneten Karton zu inden. Er musste stark genug sein, um
das Abspielen zu überstehen, aber auch eine gewisse Qua-
lität aufweisen. »Verunreinigungen und Rückstände im Pa-
pier können zu Verfärbungen und ungenauen Schnitten
führen«, sagt Bernhard Rameder. Am Ende entschied man
sich für einen Karton von Fedrigoni.
Zum präzisen Schneiden braucht der Laser die Linien als
Vektordaten, seine Intensität steuerte Rausgebrannt über
verschiedene Farben: Je tiefer der Farbton, desto mehr Ener-
gie gibt der Laser an das Papier ab. Bei hoher Energie wird ein
Loch ins Papier gebrannt, bei geringer verfärbt sich das Pa-
pier nur. Lasercut ist ein aufwendiges Verfahren. Für höchste
Qualität muss jeder Papierbogen einzeln bearbeitet werden.
Zwar lassen sich, wie Bernhard Rameder erklärt, auch, »bis
zu zehn Blatt übereinandergelegt schneiden, doch dann ist
das oberste verkohlt und das unterste meist nicht richtig
100 page 07.12 TECHNIK

TIPPS & TRICKS


InDesign ab CS1 – Der neue
PDF/X-4-Leit-
Werte markieren faden von
In InDesign, aber auch in ei­ PDFX-ready
nigen anderen Adobe­Pro­ hilft beim
grammen wie beispielsweise Umgang mit
M W Photoshop können Sie die dem neuen
Eingaben in einem Feld vollständig Standard
auswählen, indem Sie einfach vor das
betreffende Feld auf das jeweilige
Symbol klicken. Lutz Träger

Ein Klick auf das Symbol vor dem Feld


wählt den Inhalt vollständig aus

PDF/X-4 Workflow
InDesign ab CS1 – Werte Normgerechte PDF­Dateien PDFX­ready Worklow V2 vorgelegt.
sind für die Printmedienpro­ Ein 56­seitiger Leitfaden, der auf www.
rechnerisch verändern duktion heutzutage wichti­ pdfx-ready.ch zum kostenlosen Down­
In InDesign ebenso wie in M W ger als je zuvor. Die PDF/X­ load bereitsteht, beschreibt die Erstel­
Adobe Illustrator können die Standards beschreiben, welche Krite­ lung, Verarbeitung und Ausgabe von
Werte für Maße oder Positi­ rien ein Druck­PDF­Dokument erfüllen PDF/X­4­Dateien im Detail. Dazu gibt
M W onen auch das Ergebnis ein­ muss. Das neue PDF/X­4 ragt dabei es, ebenfalls kostenlos, verschiedene
facher Berechnungen sein. Erlaubt sind Werte können in heraus, denn es unterstützt native Werkzeuge wie Farbeinstellungen für
dabei die Grundrechenarten mit den InDesign und Transparenzen, medienneutrale PDF­ Photoshop, Illustrator und InDesign
Operatoren +, –, * und /. Das ist zum anderen Adobe- Worklows und eine durchgängige PDF­ (diese lassen sich über die Adobe Brid­
Beispiel praktisch beim Anpassen von Programmen Verarbeitung ohne PostScript. ge für die gesamte Creative Suite syn­
Positionierungen, aber auch bei Schrift­ auch das Ergeb- Organisationen wie beispielsweise chronisieren), PDF­Exporteinstellungen
größen, Zeichenabständen, Einzügen nis von Rechen- der Verein PDFX­ready transferieren für InDesign ab CS4 und Quark XPress
und Ähnlichem. Lutz Träger operationen sein diese Standards in praxisgerechte Leit­ ab Version 4 für den Export von PDF/
linien und Programmeinstellungen. X­4­Dateien sowie PDF­Prüfproile für
Gerade haben die Schweizer den Acrobat zum Prüfen der fertigen Druck­
komplett auf PDF/X­4 aufsetzenden PDF­Dokumente. Georg Obermayr

Photoshop ab CS3 – Mit der Maus zoomen


Die meisten Computermäu­ Voreinstellungen leicht ändern. Wenn
se haben heute ein Scrollrad. Sie die Option »Mit Bildlaufrad zoo­
Normalerweise passiert in men« aktivieren, lässt sich fortan der
M W Photoshop nichts, wenn man Darstellungsmaßstab von Bildern per
daran dreht. Doch das lässt sich in den Maus ändern. Sibylle Mühlke

Lesertipps in PAGE:
Mitmachen lohnt sich!
n Haben Sie gerade einen praktischen Kniff ent­
deckt? Möchten Sie einen kleinen Gestaltungstipp Mit vielen
in einem Ihrer Arbeitsprogramme an andere Le­ Optionen lässt
ser weitergeben? Kennen Sie ein Workaround für sich der Work-
ein aktuelles Softwareproblem? Dann schicken Sie low entschei-
Ihren Lesertipp – mit Angabe der Softwarever­ dend verbessern,
sion und einem oder mehreren Screenshots – an zum Beispiel
info@page­online.de . Bei Veröffentlichung erhal­ durch Aktivieren
ten Sie eine silberfarbene Uhr Avialic 1903. der Maus fürs
Scrollen
page 07.12 101

App Studio für XPress 9.1 – HTML5-Animationen einbinden


Animationen gehören in di­
gitalen Magazinen zu einer
beliebten Form der Anrei­
M W cherung. Für ihre Aufberei­
tung ist HTML5 die Technologie der
Wahl – im Gegensatz zu Flash wird es
auch von iOS­Geräten unterstützt. Für
die Erstellung von Animationen gibt
es Authoring­Tools wie Hype, Adobe
Edge oder MotionComposer von Aqua­
fadas, die auch ohne Programmier­
kenntnisse bedienbar sind. Um sie als
Ofline­Inhalte in eine mit App Studio
erstellte Publikation einzubinden, ge­
hen Sie folgendermaßen vor:
Ziehen Sie in Ihrem E­Mag einen
1 neuen Bildrahmen auf, oder wäh­
len Sie einen bestehenden aus. Öffnen
Sie unter »Fenster« die App­Studio­
Palette, und selektieren Sie in der Lis­
te der verfügbaren Anreicherungen
»HTML­Seite«.
Im erscheinenden Fenster neh­
2 men Sie die Einstellungen für Ihre
Animation vor. Entfernen Sie den Ha­
ken bei »Online«, um Ofline­Inhalte
einzubinden. Nun haben Sie die Mög­
lichkeit, mit dem Button »Ordner aus­
wählen« den Ordner mit der gewün­
schten HTML­Seite zu wählen. Diesen
bettet App Studio dann in das expor­
tierte Magazin ein. Achten Sie also da­
rauf, dass alle nötigen Ressourcen zum Index« anpassen. Über die beiden spiel sicher, dass eine selbstlaufende
Ausführen der HTML­Seite wie Scripts, Checkboxen »Scrollable« und »Inter­ Animation nicht durch den Anwender
CSS­Dateien und Bilder in diesem Ord­ aktion« geben Sie an, ob der HMTL­In­ beiseitegeschoben wird. Unter »Alter­
ner liegen. Falls die Index­Seite im aus­ halt auf dem iPad scrollbar sein und natives Bild« geben Sie das Motiv an,
gewählten Ordner nicht »index.html« auf Benutzerinteraktion reagieren soll. das in der Seitenvoransicht verwendet
heißt, können Sie das im Feld »HTML­ Auf diese Weise stellen Sie zum Bei­ werden soll. Georg Obermayr

XPress ab 9 – Nächsten Stil anwenden


Schon länger bieten Absatz­ XPress 9 schließt diese Lücke und Sie im Menü der Stilvorlagen­Palette
Stilvorlagen in Quark XPress erlaubt, beim nachträglichen Forma­ auf »Unter Verwendung des nächsten
die Option, einen »Nächsten tieren von Text »Nächster Stil«­Regeln Stils anwenden«. Schon wird der Text
M W Stil« zu deinieren. Durch das zu berücksichtigen. Wählen Sie dazu automatisch mittels »Nächster Stil«
Drücken der Returntaste schaltet die den betreffenden Text aus, und klicken durchformatiert. Georg Obermayr
Software automatisch auf eine andere,
vorher festgelegte Formatierung um.
Das ist zum Beispiel praktisch bei fest­
stehenden Sequenzen, die aus Über­
schrift und Fließtext bestehen. Bisher
hat sich diese Option jedoch nur auf Seit XPress 9 ist
Text, der direkt in XPress eingegeben der automati-
wird, ausgewirkt, aus Word oder ande­ sche Wechsel zu
ren Programmen übernommener Text einer anderen Stil-
blieb außen vor. vorlage einfacher
102 page 07.12 TECHNIK

TOOLS & TECHNIK


Software
+++ Microsoft Windows 8. Ein Microsoft-Manager
machte in einem Blogbeitrag überraschend bekannt,
dass das kommende Betriebssystem Windows 8 nicht
mehr über die Fähigkeit verfügen wird, DVDs und
Blu-Ray-Discs abzuspielen. Damit möchte der Herstel-
ler Lizenzgebühren für die notwendigen Codecs spa-
ren. Diese können Windows-8-Anwender aber nach-
träglich kaufen. ≥ http://is.gd/atMJ3X +++ Gimp 2.8.
Zum ersten Mal seit dreieinhalb Jahren hat das Gimp-
Team ein neues, größeres Release der freien Bildbe-
arbeitungssoftware vorgestellt. Gimp 2.8 bietet neben
dem standardmäßigen Mehrfenster- auch ein Einfens-
terlayout, das alle Paletten und Fenster zusammen-
führt. Dateien werden zukünftig nur noch im Gimp-
eigenen XCF-Format gespeichert, für andere Datei-
formate gibt es aber eine Exportfunktion. Texte be-
arbeitet die Software nun nicht mehr in einem sepa-
raten Fenster, sondern direkt auf der Arbeitsläche.
≥ www.gimp.org +++ Blender 2.63. Die Blender
Foundation launchte Ende April eine neue Version Die Hydro-Fold-Technik
ihrer freien 3-D-Graiksoftware. Wichtigste Neuheit ist erzeugt selbstfal-
Blenders Mesh-System BMesh, das Polygone mit ei- tende Objekte aus dem
ner beliebigen Anzahl von Seiten erlaubt – statt wie Tintenstrahldrucker
zuvor nur Dreiecke und Quadrate. Außerdem bringt es
eine Reihe neuer (Dissolve, Inset, Bridge, Vertex Slide,
Vertex Connect, Bevel) und überarbeiteter Werkzeu-
ge (Knife, Subdivide, Rip) mit. ≥ http://is.gd/dngRh5
+++ Adobe ColdFusion 10. Adobe hat ColdFusion 10
veröffentlicht. Die serverseitige Technologie ermög-
licht Entwicklern die Erstellung von dynamischen, in-
teraktiven Webanwendungen für Unternehmen auf
Basis der Java-EE-Plattform. ColdFusion 10 unterstützt
ab sofort HTML5. Neben einer kostenlosen Entwickler-
version gibt es ColdFusion in einer Standard- (rund Fotos: écal
1650 Euro) und in einer Enterprise-Variante (ungefähr
7300 Euro). ≥ www.adobe.com/de +++ X-Rite Color
iQC. Auf der drupa 2012 stellte X-Rite eine neue Soft- Origami aus dem Drucker
ware für die Farbqualitätskontrolle vor. Color iQC soll
die Überprüfung der Farbverbindlichkeit vereinfa- n Selbstfaltende Objekte aus dem Ink-
chen. Color iQC, das auch den neuen Cloud-Dienst jetprinter schuf Christophe Guberan für
Pantone LIVE unterstützt, gibt es in den drei Stufen ein Kunstprojekt an der Ecole Canto-
Basic, Standard und Professional. ≥ www.xrite.com nale d’art de Lausanne. Dazu entwickel-
+++ SketchSynth. Nur ein Blatt Papier mit einigen te er die Hydro-Fold-Technik, bei der
darauf gezeichneten Symbolen benötigt Billy Keyes, Papier mit stark verdünnter Tinte be-
Student im Fach Informatik an der Carnegie Mellon druckt wird. Diese trocknet langsam
University in Pittsburgh, um Musik abzumischen. Eine und sorgt für die Verformung des Ma-
präzise ausgerichtete Kamera ilmt die Symbole ab terials. Unterschiedlichste Tintenmus-
und ein an ihr befestiger Pico-Projektor projiziert ter erzeugen die Faltungen, die äußerst
den aktuellen Stand der Regler auf das Papier, wäh- komplexe Objekte entstehen lassen.
rend die von Keyes geschriebene Software Sketch Laut Golem.de ähnelt das Verfahren
Synth die Bewegungen der Hände über den aufge- dem, das Forscher der North Carolina
malten und projizierten Schaltern, Schiebern und State University entwickelt haben, um
Knöpfen analysiert. Die auf openFrameworks und aus 2-D-Mustern 3-D-Objekte zu kreie-
ofxCv beruhende Applikation können sich Interessier- Die aufgebrachten Tintenmuster ren. Sie arbeiten allerdings mit einem
te bei Github herunterladen. ≥ http://is.gd/VkSZI9; sorgen durch ihre Form und Anord- Spezialkunstoff sowie Wärmelampen.
http://is.gd/hxctD9. dsc nung für die Faltungen ≥ www.ecal.ch
page 07.12 103

Hardware
+++ Samsung Galaxy S3. Das Galaxy S2 ist eines
der meistverkauften Android-Geräte weltweit. Nun
hat Samsung den Nachfolger vorgestellt. Das Galaxy
S3 verfügt über einen Vierkernprozessor und ein
4,8-Zoll-Display mit 720 mal 1280 Bildpunkten. In
iPhone-Projektor Form und Größe ähnelt es eher dem Nexus als dem
S2. Ähnlich Apples Siri für das iPhone lässt es sich
n Der PoP-Video-Adapter ist ein Miniaufsatz, der jedes iPhone und jeden dank Samsungs S Voice auch mit Sprachbefehlen steu-
iPod in einen mobilen Projektor verwandelt. Angeschlossen wird er ern. Als Betriebssystem kommt Android 4.0 alias Ice
über Micro-USB, um Games, Videos oder Präsentationen mit einer Größe von Cream Sandwich zum Einsatz. ≥ www.samsung.com/
960 mal 540 Pixeln an die Wand zu projizieren. Den Content wählt der uk/gs3 +++ Canon EOS 5D Mark III. Einen Start mit
User dabei über eine eigene App aus. Der Pico-Projektor hat Saft für bis zu zwei Hindernissen legte die Canon EOS 5D Mark III hin.
Stunden Projektionszeit. PoP Video ist für rund 100 Dollar erhältlich. vd Das Nachfolgemodell der außerordentlich erfolgrei-
≥ www.thepopvideo.com chen 5D Mark II hatte einen kleinen, aber unschönen
Konstruktionsfehler: Leuchtet in einer dunklen Um-
gebung die LCD-Anzeige oben rechts auf der Kamera
Intelligente Mini-Roboter auf, kann die Lichtabstrahlung den vom internen
Messsystem ermittelten Belichtungswert verfälschen.
n Seit 15 Jahren basteln die Entwickler sozialen Netzen erhält. Dann beginnt Die Kameras mussten eingeschickt werden. Canons
von reaDIYmate in Paris an der Verqui- der Minibot sich zu bewegen oder Lösung war dann allerdings denkbar einfach: Ein licht-
ckung von Online- und physischer Welt. spielt einen Musiktrack ab. dichter Klebestreifen verhinderte nun die Lichtab-
Ihr neuester Streich sind Mikrocompu- »Wir wollten etwas für User entwi- strahlung. ≥ www.canon.de +++ Neuartige SSD-Serie
ter mit dem Namen reaDIYmates, eine ckeln, die schön designte, interaktive von RunCore. Der chinesische Festplattenanbieter
Mischung aus Papierspielzeug und ki- Objekte mögen, aber sich nicht unbe- RunCore hat eine ungewöhnliche neue SSD-Serie na-
netischer Skulptur. Von außen sehen dingt ein reines Spielzeug kaufen wol- mens InVincible vorgestellt. Sie verfügt über zwei
sie aus wie unscheinbare Pappkartons, len. Es sollte sich in zehn Minuten zu- Knöpfe: Mit dem einen lässt sich auf einen Druck die
im Innern beinden sich eine 2-Giga- sammenbauen und auch personalisie- gesamte Platte löschen. Der andere löst einen Strom-
byte-Festplatte, ein MP3-Decoder und ren lassen. Papier ist dafür ein gutes Ma- stoß aus, der stark genug ist, alle Speicherbausteine
ein WLAN-Modul. Ein reaDIYmate kann terial, weil es sich so einfach schneiden zu zerstören und mit diesen die enthaltenen Daten.
man nicht nur an einen Arduino-Mikro- lässt«, sagt Marc Chareyron von reaDIY- Die Festplatten gibt es in verschiedenen Größen und
controller anschließen, sondern – in- mate. »Die Idee stammt von der Origa- mit unterschiedlichen Schnittstellen. Zielgruppe sind
teressanter noch – über einen Rech- mi-Papierfaltkunst.« Die reaDIYmates sicherheitskritische User. ≥ www.runcore.com/en/
ner oder ein Smartphone so konigurie- gibt es ab rund 85 Euro in Designs von +++ Microsoft-Projekt Soundwave. Microsoft ar-
ren, dass er reagiert, wenn der User Roboter- bis Monsterverkleidung. vd beitet weiter an der Gestensteuerung und stellt mit
zum Beispiel Nachrichten aus seinen ≥ http://readiymate.com dem Projekt Soundwave einen neuen Ansatz vor. Die
vier Microsoft-Entwickler Sidhant Gupta, Dan Morris,
Shwetak Patel und Desney Tan nutzten Ultraschall,
um Hände und ihre Bewegungen im Raum zu erfas-
sen. Ein Lautsprecher gibt dabei den Ton ab, dessen
Frequenz sich ändert, wenn er in einem Raum auf ei-
nen sich bewegenden Gegenstand oder Körper trifft.
Aus dem relektierten Schall kann dann ein Algorith-
mus die Bewegung der Hand rekonstruieren. Das
Projekt beindet sich momentan noch in der Ent-
wicklung. ≥ http://is.gd/s3GMQ8 +++ Samsung-
Monitore mit Mobile-Schnittstelle. Samsung hat
zwei neue SyncMaster-5-Modelle vorgestellt. Jedes
gibt es als 23-Zoll oder als 27-Zoll-Ausführung. Die Aus-
Die niedlich ange- führungen T23B550EW und T27B550EW unterschei-
malten Minibots den sich von den Modellen S23B550V und S27B550V
mit WLAN, Festplatte durch den eingebauten HDTV-Tuner. Alle von diesen
und MP3-Decoder vier Geräte besitzen eine Mobile-High-Deinition-
lassen sich selbst Link(MHL)-Schnittstelle, die eine direkte Bildüber-
zusammenbasteln tragung von einem Mobilgerät mit Micro-USB-Port
und zum Inter- ermöglicht. Dieses kann dabei gleichzeitig aufgela-
agieren bringen den werden. ≥ www.samsung.com dsc
104 page 07.12 TECHNIK Tools & Technik
n n
»Reinder Express-Webdesign mit Salon.io
richtet sich an n Bilder vom Desktop in den Browser
User, die ihre ziehen, sie dort bewegen und dazu
Textfelder editieren: Schneller und le-
Daten im Web xibler als mit Salon.io können Designer,
verwalten und Fotografen und Illustratoren sich im
Netz nicht präsentieren. Das Konzept
verschiedene entstand bei einer Interactive-Design-
Vertretungsprofessur von Stefan Land-
anwendungen rock und Sebastian Deutsch an der
parallel nutzen« Hochschule für Gestaltung Offenbach,
Jan Monschke hatte dann die Idee, da-
n Das Start-up Reinder aus Wien will mit seinem raus eine Single-Page-Web-App zu ma-
gleichnamigen Tool die Teamarbeit erleichtern, indem chen. Basis des Tools sind Ruby on
es die genutzten Cloud-Services zentral zusammen- Rails und die Open-Source-Datenbank
bringt (http://getreinder.com). Auf der NEXT Berlin MongoDB. Diverse damit entstandene
sprachen wir mit Reinder-Gründer Dr. Leo Sauermann Sites sind in der »Gallery« unter www.
salon.io zu sehen. Auch die Besucher
Wie funktioniert Reinder? dieser Seiten können Bilder verschie-
Leo Sauermann: Wenn ich mich bei Reinder regis- ben – was nicht gespeichert wird, aber
triert habe, kann ich meine Cloud-Dienste verknüp- spannende Interaktionen erlaubt wie
fen, typischerweise Dropbox, GoogleDocs, Delicious, unorthodoxe Puzzles ( www.salon.io/
Twitter, und RSS-Feeds. Es richtet sich also an Nutzer, Orontea/pzzld ) oder den »Setzkasten«
die ihre Daten bereits im Web verwalten und ver- auf der Website von Illustratorin Laris-
schiedene Anwendungen parallel nutzen. Ihnen bie- sa Mantel.
ten wir einen riesigen Vorteil: Sie müssen bei der Pro- Um Salon.io auszuprobieren, benö-
jektarbeit nicht mehr alle Anwendungen einzeln im tigt man noch eine Einladung – PAGE-
Auge behalten, sondern haben alles, inklusive aller Leser können sich mit dem Codewort
Kommentare, zentral an einem Fleck. »PAGE-Salon« in die Betaversion ein-
Wie arbeitet ein Team über Reinder zusammen? loggen. Mit ihrer Agentur Deutsch-
Meist schlägt eine Person aus dem Team vor, Rein- landrock arbeiten Sebastian Deutsch
der zu nutzen und richtet einen Account ein. Er oder und Stefan Landrock weiter am gro-
sie lädt dann die anderen User zu einer Collection ßen Ziel, »smartere Tools und Interfa-
ein. Das ist ein Ordner, in dem die Daten aus den ver- ces fürs Content- und Asset-Manage-
schiedenen Webanwendungen gesammelt werden. ment« zu entwickeln. cg
Noch haben wir Reinder nicht für die mobile Nutzung ≥ www.salon.io
optimiert, es läuft also über den Desktop-Browser.
Die Sicherheit von Cloud-Lösungen ist umstritten. Wie
sorgen Sie dafür, dass die Daten geschützt sind?
Wir hosten alle Daten in der Europäischen Union und
legen großen Wert auf deren Datenschutzbestim-
mungen. Die Daten werden selbstverständlich we-
der von uns eingesehen noch weitergegeben. Es ist
zudem möglich, dass Nutzer ihre Daten exportieren,
um sie zusätzlich extern zu sichern.
Wie viel kostet die Nutzung von Reinder?
Für uns würde es sich rechnen, wenn jeder Nutzer
pro Monat 19 Euro bezahlt. Es wird jedoch immer ei-
ne abgespeckte Gratisversion geben. Wir freuen uns
schon darauf zu sehen, welche Kunden das volle An- Webdesign per Drag-and-Drop: mit
gebot zahlen und nutzen werden. aw Salon.io gebaute Portfolios

Reinder unterstützt User bei der Online-Kollaboration


110 page 07.12

KALENDER
Messen • Kongresse • Seminare Messen • Kongresse • Seminare
Stuttgart Five Lectures on Illustration Mainz cxi_12
5. Juni, In der Vorlesungsreihe des Fachbereichs Visuelle 20. Juni Corporate-Identity-Konferenz
19:30 Uhr Kommunikation spricht Jörn Schwarz von der Aula der Fachhochschule Mainz
Berliner Agentur für Illustration 2agenten. An den ≥ www.cxi-konferenz.org
folgenden Terminen sind Andrea Ventura (12. Juni),
Tina Berning (19. Juni) und Larissa Bertonasco Köln C’n’B – Creativity & Business Convention
(26. Juni) zu Gast Aula der Merz Akademie 20. bis 22. Juni Plattform für die internationale Kreativwirtschaft
≥ www.merz-akademie.de Industrie- und Handelskammer zu Köln
≥ www.c-o-pop.de
Berlin ADC Management Dialog – Green Marketing
11. bis 12. Juni Das Seminar zu strategischer Nachhaltigkeitskom- Frankfurt/Main TYPO Day
munikation wendet sich an Verantwortliche für die 22. Juni FontShop setzt ihre Reihe von Business Typography
Markenführung aus Unternehmen und Agenturen Talks fort. Zu den Sprechern gehören Andrea Tinnes,
Media Consulta Ivo Gabrowitsch, Ralf Mehnert und Erik Spiekermann
≥ www.adc.de Museum für Moderne Kunst
≥ http://typotalks.com/day
Hamburg Stilvorlagen #7
12. Juni, In der Vortragsreihe zu Design und Gesellschaft, Stuttgart An den Rändern von Film, Netz und Archiv
19 Uhr veranstaltet vom Department Design der Hambur- 22. bis 23. Juni Das Symposium präsentiert die Ergebnisse des
ger Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Forschungsprojekts Remediate Merz Akademie
unterhält sich der HFBK-Professor und Werkplaats- ≥ www.merz-akademie.de/remediate
Typograie-Mitbegründer Wigger Bierma mit dem
Künstler und Typografen Walter Nikkels Hamburg Hands-on-Training Generatives Design
Aula, Armgartstraße 24 29. Juni PAGE-Seminar zu Processing (siehe Seite 73)
≥ http://stilvorlagen.de Gastwerk Hotel Hamburg
≥ www.page-online.de/seminar
Hamburg Animation Jam
13. Juni Messe und Vorträge für die Animations- und Hamburg Visual Thinking Lessons
Visual-Effects-Branche (siehe PAGE 06.12, Seite 16) 27. August Workshop von PAGE & Good School (siehe Seite 55)
Handelskammer Hamburg Good School
≥ www.animation-jam.com ≥ www.page-online.de/seminar

Berlin ADC Management Dialog – Mobile Hamburg Design Management mit Christine Hesse
13. bis 14. Juni Das Managementseminar zeigt die Innovations- 10. September PAGE-Seminar zu Design Thinking, Strategien, Fall-
chancen des Mobile Marketing als individualisierter beispielen (siehe Seite 22 f.) Gastwerk Hotel Hamburg
Massenkommunikation auf Scholz & Friends ≥ www.page-online.de/seminar
≥ www.adc.de
Hamburg Leitmedium Design 1: Gutes Design entwickeln
Stuttgart ADC Young Masters Seminar – 5. Oktober PAGE-Seminar mit Jochen Rädeker (siehe Seite 24)
14. bis 15. Juni Kommunikation im Raum Gastwerk Hotel Hamburg
Um die Erfolgskomponenten gelungener Kommuni- ≥ www.page-online.de/seminar
kation-im-Raum-Projekte geht es in dem Workshop
ebenso wie um den Umgang mit Kundenbrieings Hamburg Leitmedium Design 2: Gutes Design gut verkaufen
und praktische How-to-Anleitungen Atelier Brückner 6. Oktober PAGE-Seminar mit Jochen Rädeker (siehe Seite 25)
≥ www.adc.de Gastwerk Hotel Hamburg
≥ www.page-online.de/seminar
Brighton Ampersand 2012
15. Juni Konferenz zu Webtypograie Festivals • ausstellungen
Brighton Dome Corn Exchange
≥ http://2012.ampersandconf.com Berlin DMY International Design Festival Berlin 2012
6. bis 10. Juni Plattform für zeitgenössisches Design – diesmal wer-
Cannes Cannes Lions International Festival of Creativity den auch die beim Designpreis der Bundesrepublik
17. bis 23. Juni Festival der internationalen Kreativbranche Deutschland prämierten Arbeiten zu sehen sein
(siehe auch Seite 38 ff.) Palais des Festivals FlughafenTempelhof
≥ www.canneslions.com ≥ http://dmy-berlin.com

London LeWeb London 2012 Erlangen Internationaler Comic-Salon Erlangen 2012


19. bis 20. Juni Konferenz zur Zukunft des Internets 7. bis 10. Juni Das Festival für graische Literatur im deutsch-
Central Hall Westminster sprachigen Raum
≥ www.leweb.net ≥ www.comic-salon.de
page 07.12 111

≥ Weitere Termine unter www.page-online.de/events. Dort können Sie uns auch Ihre Veranstaltungstermine mitteilen

Festivals • ausstellungen Wettbewerbe


Annecy Annecy 2012 Ab 12. Juni Content Award 2012
Bis 9. Juni Internationales Animationsilmfestival Mit dem Wettbewerb will die Stadt Wien die lokale
≥ www.annecy.org Kreativszene sowie junge Medienschaffende
fördern. Es gibt die Kategorien Games, Apps, Shorts,
Acryl auf Leinwand, 96 mal 96" © David Hockney, Collection: Tate Gallery, London, 2011; Trevor Paglen: They Watch the Moon, 2010, C-Print 91,4 mal 121,9 cm © Trevor Paglen, Courtesy Galerie Thomas Zander,

Kassel documenta (13) Visuals und Open


Von unten: Pipilotti Rist, Selbstlos im Lavabad, 1994, Audio-Video-Installation (Videostill), Courtesy Pipilotti Rist, Hauser & Wirth and Luhring Augustine, New York; David Hockney: A Bigger Splash, 1967,

Ab 9. Juni 100 Tage lang präsentieren mehr als 150 Künstler ≥ www.contentaward.at
aus aller Welt Arbeiten aus allen Feldern der
zeitgenössischen Kunst Bis 15. Juni London International Awards 2012
≥ http://d13.documenta.de Wettbewerb für herausragende Werbung – die
Kategorien reichen von Design und Digital
München Bild-Gegen-Bild über Integrated Campaign bis hin zu The NEW
Ab 10. Juni Um das Phänomen visueller Rüstungsspiralen geht ≥ www.liaawards.com
es in dieser Ausstellung, die sich mit der Darstellung
von gewalttätigen Konlikten in den Medien befasst. Bis 30. Juni ADAM 2012
Dazu zeigt sie eine spannende Auswahl von Der Contest zeichnet herausragende Messe- und
Arbeiten internationaler Künstler Haus der Kunst Markenauftritte aus
≥ www.hausderkunst.de ≥ www.famab.de/adam
Chaumont 23rd International Poster and Graphic Design Bis 30. Juni EVA 2012
Bis 10. Juni Festival of Chaumont Wettbewerb für Marketing-Events und Maßnahmen
Das Festival wird sich unter anderem auch der der Live-Kommunikation
neuen Liebe zur Buchproduktion widmen ≥ www.famab.de/eva
≥ www.cig-chaumont.com
Bis 6. Juli Videonale.14 – Call for Entries
Berlin Paciic Standard Time. Wer nächstes Jahr bei dem Festival für zeitgenös-
Bis 10. Juni Kunst in Los Angeles 1950–1980 sische Videokunst vertreten sein möchte, kann
In der öffentlichen Wahrnehmung stand die West- jetzt seine Arbeiten einreichen. Es gibt keinerlei
Coast-Kunstszene lange im Schatten New Yorks. In thematische Einschränkung
Berlin sind jetzt zentrale Teile einer Megaschau aus ≥ www.videonale.org
L. A. zu sehen – neben Arbeiten von Künstlern wie
Ed Ruscha oder Bruce Nauman auch die Architektur- Bis 19. Juli Lucky Strike Junior Designer Award 2012
fotos von Julius Shulman Martin Gropius Bau An dem mit 12 000 Euro dotierten Wettbewerb
≥ www.gropiusbau.de können Hochschulabsolventen aller Designbereiche
mit ihrer Abschlussarbeit teilnehmen
Basel Art Basel ≥ www.raymondloewyfoundation.com/de
14. bis 17. Juni Internationale Kunstmesse
≥ www.artbasel.com Bis 23. Juli DMMA OnlineStar 2012
Contest für kreative Online-Werbung aus
Mannheim Pipilotti Rist: Augapfelmassage Deutschland, Österreich und der Schweiz
Bis 24. Juni In ihren farbintensiven Videoarbeiten erzählt die ≥ www.dmma-onlinestar.de
Schweizer Künstlerin »von der unzivilisierten
Schönheit, der Hingabe an das Leben« (Pipilotti Bis 25. Juli kurzundschön 2012
Rist). Zu der Ausstellung ist bei Prestl ein Band mit Internationaler Nachwuchswettbewerb für kurze
Beiträgen von Konrad Bitterli und Elisabeth Bronfen ilmische Erzählungen, künstlerisch-experimentelle
erschienen (39,95 Euro, isbn 978-3-7913-5183-4) Filme/Videos, Werbeilme & Social-Spots, Motion
Kunsthalle Mannheim Art, Ideen für vernetzte Welten und – in diesem Jahr –
≥ www.kunsthalle-mannheim.eu Drehbücher für einen Kurzkrimi (10 Minuten)
≥ www.kus.khm.de
Köln und Altman Siegel Gallery, San Francisco

Berlin 7. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst


Bis 1. Juli Anspruch der Programmmacher ist es, »Ungese- Bis 30. Juli gute aussichten 2012/2013
henes und Unbekanntes« zu präsentieren Bei dem Nachwuchsfotograiewettbewerb können
≥ www.berlinbiennale.de Hochschulabschlussarbeiten eingereicht werden,
die im laufenden Sommersemester oder im vorange-
Bremen Viva la Kommunikation gangenen Wintersemester entstanden sind
Bis 15. Juli Um Kommunikationslösungen, die Kreative unter- ≥ www.guteaussichten.org
schiedlichster Disziplinen als Antwort auf konkrete
wirtschaftliche Fragestellungen entwickelt haben, Bis 3. August Annual Multimedia 2013
geht es in dieser Ausstellung des Kommunikations- Die Kategorien des Kreativwettbewerbs reichen von
verbands Nordwest Wilhelm Wagenfeld Haus Website bis hin zu Digital Signage (siehe Seite 15)
≥ www.wwh-bremen.de ≥ www.annual-multimedia.de
112 PAGE 07.12 Publikationen

PUBLIKATIONEN
n »Das Buch der schönsten Bücher«.
Was an dieser opulenten Publikation
zunächst einmal beeindruckt, ist zu
sehen, wie schnell nach Erindung des
Buchdrucks schon höchste gestalteri­
sche Perfektion erreicht wurde – sei es
in Mikrotypograie oder Doppelseiten­
layout. Da können jahrhundertealte
Entwürfe durchaus zu heutigen, avant­
gardistischen Designs anregen. Und
die großen Abbildungen in dem 32 mal
23 Zentimeter messenden Band lassen
die bibliophilen Schätze wunderbar
zur Geltung kommen, die allesamt aus
den Sondersammlungen der Universi­
tät Amsterdam stammen.
So nehmen uns Herausgeber Ma­
thieu Lommen und Gestalter Cees de
Jong mit auf eine Reise durch die Jahr­
hunderte, die bis in die Gegenwart
reicht. Ein Standardwerk für alle Lieb­
haber des schönen Buchs, zumal es in
den kenntnisreichen Texten selbst über
Klassiker der Buchgestaltung noch Ei­
niges zu lernen gibt. Und über Typo­
graie, denn bei jedem Werk indet
man detaillierte Angaben zu der ver­
wendeten Schrift.
Wir zeigen die italienische Überset­
zung eines antiken Texts des römi­
schen Architekten und Architekturthe­
oretikers Vitruv, erschienen 1521. Der
Originaltext wurde etwas größer ge­
setzt, umgeben von zeitgenössischen
Kommentaren und Holzschnitten. Da­
runter ein Buch von Geoffroy Tory, der
1529 die lateinischen Buchstaben in
Zusammenhang mit den Proportionen
des menschlichen Körpers setzte. Der
im Jahre 1929 zum 25­jährigen Jubi­
läum der Wiener Werkstätte erschie­
nene Prachtband wartet mit Farblä­
chen und Versalbuchstabenbändern
auf, die bis an Seiten­ beziehungswei­
se Bildränder stoßen.
> Mathieu Lommen, Cees W. de Jong
(Hrsg.): Das Buch der schönsten Bücher.
Köln (DuMont) 2012, 458 Seiten.
49,95 Euro. isbn 978-3-8321-9378-2

Vitruvs »Zehn Bücher über Architek-


tur« aus dem ersten Jahrhundert vor
Christus in einer Ausgabe von 1521;
Typotheorie von Geoffroy Tory von
1529; luxuriöse Jubiläumspublikation
der Wiener Werkstätte, deren
Innenteil Mathilde Flögl gestaltete
PAGE 07.12 113

n »100 Ideen verändern: Graikde-


sign«. Der Londoner Verlag Laurence
King hat eine neue Buchreihe gestar­
tet, in der es jeweils um hundert Ideen
geht, die für ein Kreativgenre bestim­
mend waren und sind – ob Architektur,
Film, Mode oder jetzt eben Graikde­
sign. Véronique Vienne und der be­
rühmte Steven Heller, der Bücher pub­
liziert wie am Fließband, sind Autoren Schwebende Köpfe auf einem Wahlplakat von 1932 und einem Theaterposter
des Bands und beweisen aufs Neue, von Paula Scher von 1994
dass das »100 Ideas«­Konzept trägt. Es
entsteht nämlich ein ausgesprochen riert auch, Ideen aus dem konzeptu­ > Steven Heller und Véronique
abwechslungsreicher Mix von hundert ellen Grundinventar des Graikdesigns Vienne: 100 Ideen verändern:
Texten, in die man immer wieder hi­ wieder frisch weiterzuentwickeln. Hier­ Graikdesign. Köln (DuMont) 2012,
neinlesen kann. Das bildet nicht nur zulande erscheint die »100 Ideen«­Rei­ 216 Seiten. 24,95 Euro.
designhistorisch weiter, sondern inspi­ he bei DuMont. isbn 978-3-8321-9421-5

n »Urban Media Cultures«. Zu Hau­


se und im Ofice lässt sich die Allgegen­
wart elektronischer Medien wohl kaum
noch steigern, aber auch die Mediatisie­
rung des öffentlichen Raums schreitet
unaufhaltsam voran. Doch wie weit
soll das Flimmern allerorten eigentlich
gehen? Können Riesendisplays und
Medienfassaden überhaupt umwelt­
verträglich sein? Und werden urbane
Medien statt sozialer oder künstle­
Für die vom rischer Kommunikation nicht bloß der
Architektur- Werbung dienen, weil da nun einmal
büro Christ & das meiste Geld ließt?
Gantenbein Seit bald zehn Jahren befasst sich
entworfene Susa Pop an dem von ihr mitgegrün­
Erweiterung des deten Public Art Lab in Berlin mit sol­
Kunstmuseums chen Fragen und gab nun mit Exper­ einen interdisziplinären Aufsatzband > Susa Pop, Ursula Stalder, Gernot
Basel bereitet ten wie Gernot Tscherteu vom Media heraus. Ein ausgesprochen wichtiges Tscherteu, Mirjam Struppek:
iart inter- Architecture Institute in Wien und Buch, denn nur, wenn wir die Medien Urban Media Cultures. Ludwigsburg
active ag einen der Schweizerin Ursula Stalder (siehe mitgestalten, werden wir auch die In­ (avedition) 2012, 436 Seiten.
LED-Fries vor http://blog.hslu.ch/outofhomedisplays ) halte mitbestimmen können. 39,90 Euro. isbn 978-3-89986-169-3

n »Ideation«. Im Englischen ist »Ide­ Mario Prickens Klassiker »Kribbeln im


ation« durchaus ein geläuiger Begriff Kopf«, der inzwischen in der elften Auf­
fürs Finden beziehungsweise Entste­ lage erscheint. Mehr Know­how und
hen von Ideen. Vielleicht wird er das Inspiration für professionelle Ideatio­
auch im Deutschen, dank der Überset­ ner (das Wort habe wir mal schnell er­
zung dieser britischen Publikation aus funden) gibt es Anfang Juli in der Titel­
der AVA­Reihe »Marketing Basics«, die geschichte von PAGE 08.12. cg
sich speziell mit Werbeideen befasst. > Nik Mahon: Ideation. Kreative
Autor Nik Mahon stellt Kreativtech­ Werbeideen entwickeln und umsetzen.
niken vor, lässt prominente Werber aus München (Stiebner) 2012, 184 Seiten.
dem Nähkästchen plaudern und erläu­ 29,90 Euro. isbn 978-3-8307-1408-8
tert Prinzipien wie etwa Reizworttech­
nik, Reframing, Metapher oder Annah­ Reframing: Für eine Umwelt-
meumkehrung. Auf diese Weise ent­ schutzkampagne als »Catch of the
steht ein Grundlagenbuch ähnlich wie Day« verpackter Strandmüll
114 PAGE 07.12 Publikationen

Neuerscheinungen – kurz vorgestellt


Andrew Shea: Designing For So- bolschewistische Periode, sozialis-
cial Change. Strategies for Communi- tischer Realismus und Stalin-Ära. Es-
ty-Based Graphic Design. New York sen (Mehring Verlag) 2012, 144 Seiten.
(Princeton Architectural Press) 2012, 29,90 Euro. 978-3-88634-098-9. Nicht
160 Seiten. 24,95 Dollar. 9781616890476. das erste Buch über sowjetische Plakat­
Von spannenden Designinitiativen aus kunst, aber dieses besticht vor allem
den USA im Dienst sozialer Projekte be­ durch eine differenzierte Schilderung
richtet dieses Buch – mehr unter www. der Entwicklung von den Anfängen der
designingforsocialchange.com. Florian Revolution bis zum Stalinismus und
Franke, Johannes Ippen: Apps mit durch die enorme Vielfalt der Motive,
HTML5 und CSS3 für iPad, iPhone und die auch Kino­ und Kulturplakate um­
Android. Bonn (Galileo) 2012, 550 Sei- fassen. Ben Harvell: iPad für Foto-
ten. 34,90 Euro mit DVD. 978-3-8362- grafen. Bilder verwalten, bearbeiten
1848-1. Die Designer Florian Franke und präsentieren mit Ihrem iPad und
(www.lakercompendium.com) und Jo­ den wichtigsten Foto-Apps. Heidel-
hannes Ippen (http://asidemag.com) berg (mitp) 2012, 144 Seiten. 19,95 Eu-
haben sich schon einiges Innovatives ro. 978-3-8266-9189-8. Von den schlich­
zum Publizieren für iOS ausgedacht. testen Basics bis hin zum Tethered
Ihr erstes Buch befasst sich darum auch Shooting steht hier fast alles drin, was
mit der Entwicklung digitaler Publika­ für iPad­verliebte Fotografen wichtig
tionen sowie Themen wie Geodaten, ist. Bernard Robben, Heidi Schel-
Videos, Sound, Bewegungssensoren howe (Hrsg.): Be-greifbare Interakti-
et cetera. Deutsches Institut für Ani- onen. Der allgegenwärtige Compu-
mationsilm (Hrsg.): Kurt Weiler. Die ter. Touchscreens, Wearables, Tan-
Kunst des Puppenanimationsilms. gibles und Ubiquitous Computing.
Berlin (absolut medien) 2012. 24,90 Eu- Bielefeld (transcript) 2012, 398 Seiten.
ro. 978-3-89848-390-2. Die Aufarbeitung 33,80 Euro. 978-3-8376-2005-4. Akade­
der Geschichte des deutschen Anima­ mische Aufsatzsammlung über die
tionsilms geht mit einer Doppel­DVD Mensch­Computer­Interaktion, ob bei
über DDR­Filmemacher Kurt Weiler Arbeit, Lernen oder Freizeitgestal­
weiter – mit ausführlichem Booklet. tung. Françoise Mouly: Blown Covers.
Enno Stahl: Winkler, Werber. Berlin New Yorker Covers You Were Never
(Verbrecher Verlag) 2012, 320 Seiten. Meant to See. New York (Abrams) 2012,
22 Euro. 978-3-943167-09-2. Wie realitäts­ 128 Seiten. 24,95 Euro. 9781419702099.
nah der Roman um den zynischen Wer­ Die Autorin erlaubt einen Blick hinter
ber Jo Winkler und dessen Verstrickun­ die Kulissen des berühmten Magazins,
gen in Identitäts­ und Wirtschaftskrisen dessen Art Editor sie seit 1993 ist, und
ist, muss jeder selbst entscheiden . . . präsentiert Coverentwürfe, die niemals
Mehr über den Autor unter www.enno Realität wurden – bekanntlich häuig
stahl.de. David King: Russische re- nicht die schlechtesten . . . Siehe auch
volutionäre Plakate. Bürgerkrieg und unter www.blowncovers.com. cg

Hut verwechselte«. Eines seiner aktuellen Bücher beschäftigt sich


Was lesen Sie? mit der Wahrnehmung von Musik, die ähnlich wie Gerüche nicht
übers Großhirn verarbeitet wird, sondern über das Unterbewusst­
Mate Steinforth, Sehsucht, Berlin, sein. Und ein spannender junger Autor ist der Amerikaner Jonah
www.sehsucht.de Lehrer – von ihm habe ich »Proust was a neuroscientist« gelesen.
Auf Deutsch umbenannt in »Prousts Madeleine.
Hirnforschung für Kreative«.
Der englische Titel ist besser. In Prousts Roman »Auf der Suche
Wir sind gespannt, was Sie als einer der bekanntesten deutschen nach der verlorenen Zeit« gibt es ja die berühmte Szene, wo der
Motiondesigner lesen. Icherzähler an einer frisch gebackenen Madeleine riecht und in
Mate Steinforth: Ich lese viel, allerdings primär als Mensch und einem Stream of Consciousness zurück in die Kindheit reist. Solche
erst an zweiter oder dritter Stelle als Motiondesigner (lacht). Vor Beispiele aus Kunst und Kultur untersucht Lehrer auf neurowis­
allem gern zu wissenschaftlichen Themen wie Wahrnehmung und senschaftlicher Basis.
Gehirnforschung. Das hört sich alles nach etwas anstrengender Lektüre an.
Was man durchaus mit Ihrem Beruf in Verbindung bringen könnte. Erstaunlicherweise nicht. Für all diese Bücher gilt, dass sie einfach
Viele sehr spannende Bücher dazu hat Manfred Spitzer verfasst, gut geschrieben sind, oft sehr anekdotisch. Gerade amerikanische
aber auch TV­Sendungen gemacht, die man bei BR­alpha ansehen Autoren beherrschen das Storytelling. Natürlich kann man sich
kann. Noch ein interessanter Vielschreiber ist der Neurologe Oliver fragen, ob das dem Thema gerecht wird oder zu sehr vereinfacht.
Sacks, Autor des legendären »Der Mann, der seine Frau mit einem Aber man will schließlich auch unterhalten werden.
page 07.12 115

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Dipl.-Des. Gabriele Günder, V.i.S.d.P. Festnetz der Deutschen Telekom,
Mobilfunk maximal 0,42 Euro/Minute.
Textchein
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E-Mail: abo.page@guell.de Wie kommt das Neue in die Welt?
Das PAGE-Jahresabo kostet 95,30 Euro
Redaktion (CH: 181,80 Franken, A: 108,50 Euro). Wo kommen die guten Ideen her? Gestaltungsgrundlagen aus dem
Das PAGE-Plus-Abo, also 12 Ausgaben und
Nina Kirst (nik), Nantjen Küsel (nk),
die PAGE-Jahrgangs-CD, kostet 106,40 Euro
Bauhaus, Kreativitätstechniken oder Innovationslabore – wir
Anna Weilberg (aw, Redaktion Online)
Freie Mitarbeit: Antje Dohmann (ant), (CH: 201 Franken, A: 119,60 Euro). Das Abo zeigen, welche Rolle Kreativität in Agenturen heute spielt, an welchen
Dr. Claudia Gerdes (cg), Wiebke Lang (wl), kann immer 6 Wochen vor Ablauf des Orten Innovation entsteht und mit welchen Tools, Prozessen
Daniel Schilling (dsc); Bezugsjahres schriftlich gekündigt werden.
Schüler und Studenten erhalten gegen Vor-
und Techniken sich wirkliche Neuerungen generieren lassen
Rebecca von Hoff (Graik),
Christine Krawinkel (Artdirektion); lage eines gültigen Ausweises oder einer
Maiken Richter (Text-/Schlussredaktion), gültigen Immatrikulationsbescheinigung
Jan Roidner (Text-/Schlussredaktion); 20 Prozent Rabatt. Mitglieder der Allianz
Sabine Danek (sd, Redaktion Online) deutscher Designer (AGD), des Bundes
Deutscher Graik-Designer (BDG) und des
Autoren dieser Ausgabe designerinnen forum e. V. erhalten ebenso
Christian Büning, Verena Dauerer, 20 Prozent Rabatt.
Jenz Großhans, Judith Mair,
Sibylle Mühlke, Georg Obermayr,
Jürgen Siebert, Lutz Träger, PAGE Mediaberatung
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Anzeigenleiter: Alexander Herz
E-Mail: alexander.herz@page-online.de
Digitale Druckvorlagenherstellung
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Verlag Telefon: +49 731 1520-176, Fax: -961
Ebner Verlag GmbH & Co. KG PAGE Markt: Andrea Dyck
Karlstraße 41, 89073 Ulm E-Mail: andrea.dyck@page-online.de
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Gerrit Klein, Florian Ebner, Eberhard Ebner PAGE Stellenmarkt: Sabine Vockrodt
E-Mail: stellenangebote@wuv.de
Produktionsleitung Telefon: +49 89 2183-7049, Fax: -7864 Schrift auf Schildern
Michael Kessler PAGE erscheint monatlich. Es gilt Anzeigen-
Vertriebsleitung preisliste Nr. 26, gültig ab 1. 1. 2012. Wie sieht es mit der Lesbarkeit von Fonts auf Leit- und Orientierungs-
Rainer Herbrecht/Sema Torun Anzeigendisposition und -marketing: systemen aus? Wir stellen die von Ralf Herrmann speziell auf diese
Sabine Cordes
Einzelheft-Bestellung E-Mail: sabine.cordes@page-online.de, Bedürfnisse zugeschnittene Wayinding Sans Pro vor und werfen einen
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präsentieren Entwicklerstudios, die nicht nur coden, sondern
≥ www.page-online.de ≥ www.twitter.com/pagemag Kreative, Designer und Agenturen bei der Umsetzung ihrer Kunden-
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116 PAGE 07.12 Fundstücke von Jürgen Siebert

Das Wissen von vielen


Kühne Kommentare von Jürgen Siebert zu Trends, Ereignissen und
dem ganz normalen Alltagswahnsinn eines Kreativen

n Bekanntlich gehöre ich nicht zu tion«, auch aus Hamburg, entpuppte nicht automatisch für redaktionelle
der Sorte Mensch, die glaubt, alles wer­ sich als Verfechter der Schirrmacher’ Qualität bürgt. Doch seine Devise lau­
de schlechter. Erst recht nicht, wenn es schen Payback­Theorie: Alles wird im­ tet: »Weil vielen alles erlaubt ist, wird
ums Internet geht. Denn dieses hat mir mer mehr und immer schneller, wir das System fruchtbar.« Er stellte als
zum Beispiel den Weg zu einer aktuel­ Menschen sind überfordert, und unser Beispiel die im Februar 2008 gestar­
len, kostenlosen Enzyklopädie geeb­ Denken verändert sich. Ich dagegen: tete Plattform http://eol.org vor, die
net, die in gedruckter Form einen teu­ Unser Gehirn ist unersättlich und be­ Encyclopedia of Life, mit Texten und
ren Regalmeter für sich beanspruchen grüßt alle Kanäle, die es auf Trab hal­ Bildern aller Tier­ und Planzenarten.
würde. Meine Briefmarken drucke ich ten. Wenn dazu noch eine Belohnung An dem Projekt sind derzeit fünf be­
Diese und weitere selbst aus dem Netz, alte CDs und in Form von Aufmerksamkeit oder So­ deutende Institute beteiligt, darunter
Fundstücke von Unterhaltungselektronik verkaufe ich cial­Media­Bienchen winkt, ist dies der die Harvard University, das Field Mu­
Jürgen Siebert in- nicht auf Flohmärkten, sondern über gesündeste Stress, den ein Mensch er­ seum in Chicago und der Missouri Bo­
den Sie unter Amazon oder eBay, neue Musik landet leben kann. Kam nicht so gut an bei tanical Garden. Aber auch die von Laien
www.page-online. auf Festplatten und wurde nie zuvor meinem Gegenüber . . . betreuten Wissensportale wie http://
de/fundstuecke besser gefunden. Alles einfacher, bil­ Zum Glück stand mir noch die NEXT­ stackoverflow.com oder https://github.
liger, schneller, nachhaltiger. Abschlussrede bevor. Der US­amerika­ com hält der Internetexperte für frucht­
Mitte Mai führte ich auf der NEXT­ nische Publizist und Philosoph David bare Entwicklungen. Von den Initiato­
Konferenz in Berlin kurz hintereinander Weinberger, Mitautor des bekannten ren solcher Plattformen könnten wir
zwei Gespräche mit Online­Unterneh­ Cluetrain­Manifests, sprach über sein uns vier positive Trends abschauen:
mern, die meine optimistische Grund­ aktuelles Lieblingsthema: die Neuor­ Bescheidenheit, Großzügigkeit, Annä­
einstellung ins Wanken bringen woll­ ganisation des Wissens durch das In­ herung sowie die Bedeutung des öf­
ten. Der Erste, ein bis heute unverges­ ternet. Sein Buch dazu heißt »Too Big fentlichen Lernens. Überhaupt: »Bil­
sener Dotcom­Glücksritter aus Ham­ to Know« mit dem rekordverdächti­ dung sollte in der Öffentlichkeit statt­
burg, malte den Teufel in Form von gen Untertitel: »Rethinking Knowledge, inden«, so Weinbergers Wunsch für
Facebook an die Wand. Er glaubt, dass Now That the Facts Aren’t the Facts, die kommenden Jahre. Ich glaube ja,
das Internet längst im Besitz von Mark Experts Are Everywhere, and the Smar­ es ist mehr als ein Wunsch – es ist un­
Zuckerberg sei und dieser es mehrere test Person in the Room Is the Room«. sere Zukunft.
Jahrzehnte beherrschen werde. Mein Zu Deutsch etwa: Das Wissen überden­ Auch die öffentlich vergebenen Tags
Einwand, dass die Erfahrungen eines ken, jetzt, wo die Fakten nicht mehr auf Flickr sieht David Weinberger als
reifen Unternehmers gegen diese stei­ die Fakten sind, überall Experten lau­ Bereicherung. Zum Beweis warf er,
le These sprächen und ich die zurück­ ern und der Cleverste im Raum der gemeinsam mit dem Publikum, einen
liegenden Industrie­ und Technologie­ Raum selbst ist. Blick auf die rund 60 Schlagwörter ei­
jahre vielmehr als Sinuskurven wahr­ Weinberger feiert den Hyperlink als nes Fotos, das die Library of Congress
genommen hätte, ließ er nicht gelten: die im wahrsten Sinne des Wortes weg­ seit Januar 2008 über Flickr der Allge­
»Das Internet tickt anders.« weisende Schaltstelle des Wissens. Da­ meinheit zur Verfügung gestellt hat.
Der Zweite, langjähriger »Entrepre­ bei ist er sich durchaus bewusst, dass Es zeigt eine Arbeiterin 1942 in einer
neur with passion for mobile innova­ Verlinkung nur eine Technik ist und Flugzeugfabrik in Burbank, Kalifornien.
Unter den Tags sind Hinweise zur Fri­
Jeder kann diesem
sur der Abgebildeten (coiff), zur Indus­
Foto aus der US-
triekulturikone Rosie the Riveter oder
Kongressbibliothek
zum Kleid der Arbeiterin (loral dress).
auf Flickr ( www.
»Viele Begriffe erscheinen im ersten
lickr.com/photos/
Moment weit hergeholt, aber sie sind
library_of_con
sinnvoll, weil viele Menschen unter­
gress/2179930812/ )
schiedliche Assoziationen beitragen
Schlagwörter hin-
und die Verschlagwortung am Ende
zufügen – mit dem
breiter sein wird als die aus einer Hand
Ergebnis, dass
oder von einem Bildredakteur.« Man
mehr Mitwirkende
indet diese Fotos heute viel schneller
mehr Details
als früher in den aufwendig verschlag­
beisteuern und so
worteten Schubladen der Bibliothek.
den dokumen-
Allen Menschen, die sich von der
tarischen Wert des
Unübersichtlichkeit des Netzes über­
Bildes steigern 
fordert fühlen, lege ich Weinbergers
Schlusswort ans Herz: »Messiness sca­
les meaning«, was sich frei vielleicht
mit »Unordnung transportiert Bedeu­
tung« übersetzen lässt.